Philoctetes — Donner (1875), OCR review edition Sophocles Johann Jakob Christian Donner OCR cleanup, verse reconstruction, source collation and reference-card alignment; further proofreading required Editorial processing with Codex

Perseus Multitext, 2026. Review edition.

Sophokles. Deutsch in den Versmaßen der Urschrift von J. J. C. Donner. Achte Auflage. Leipzig und Heidelberg: C. F. Winter, 1875.Independent 1875 scan 1875 eighth edition, Cornell OCR; copy text. 1889 eleventh edition, University of California OCR; corroborating later witness, not assumed identical. 1850 third newly revised edition, Illinois OCR in two volumes; earlier edition, kept separately.

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Volume 1, printed page 344; PDF page 355. Original PDF Volume 1, printed page 345; PDF page 356. Original PDF Volume 1, printed page 346; PDF page 357. Original PDF Volume 1, printed page 347; PDF page 358. Original PDF
Odysseus. Neoptolemos. Ein Diener. Odysseus. Das ist der Strand von Lemnos' ringsumfloss'nen Gau'n,[OCR transcription; compare the scan.] Lemnos, eine der größeren Inseln Griechenlands, die dem Feuergott Hephästos heilig war, weil sich auf ihr der Vulkan Mosychlos befand, der älteste, den die Griechen kannten. Printed p. 348OCR review edition. D. numbers are Donner’s own citations; u suffixes mark unresolved verse division. Correspondence is to containing Storr passages. Source comparisons, repairs, numbering review and unattributed notes Stets unbetreten, unbewohnt von Sterblichen. Hier, Sohn Achillens, edler Sproß des tapfersten Hellenen, o Neoptolemos, hier hab' ich einst Den Sohn des Pöas ausgesezt, den Melier,[OCR transcription; compare the scan.] Der Sohn des Pöas ist Philoktetes. Er heißt Melier (oder nach dorischer Mundart Malier) von Melis, einer Landschaft Thessaliens in der Nähe von Trachin am melischen (malischen) Meerbusen, wo sein Vater regierte. Printed p. 348 Wie durch des Heeres Fürsten mir geboten ward, Weil ihm von eklem Eiter troff der wunde Fuß, Da ruhig weder Räucherwerk noch Spenden wir[OCR transcription; compare the scan.] Bei der Opferfeier mußte Stille herrschen, wenn das Opfer den Göttern wohlgefällig sein sollte. - Brandopfer (Räucherwerk) und Trankopfer (Spenden) werden auch sonst verbunden. Jl. 9, 497: Selbst Götter ja sind zu erbitten, Die doch erhab'ner sogar an Tugend und Ehr' und Gewalt sind. Traun, auch diese vermag durch demuthvolle Gelübde Leicht zu versöhnen der Mensch, durch Weihrauch, Spenden und Fettdampf, Bittet er sie, nachdem er gesündiget oder gefrevelt. Printed p. 348 Anrühren konnten: also füllt er ohne Rast Mit grauser Töne wildem Ruf das Lager an, Und heulte, stöhnte. Doch wozu dies Alles noch Erwähnen? Lang zu reden ist hier keine Zeit; Er könnte mich bemerken und mein ganzer Plan Zerrinnen, der, ich hoffe, bald ihn fahen soll. Sezt ist es deine Sache, mir hülfreich zu sein, Und auszuspähen, wo der doppelmündige Fels ist, in welchem Winters für die Sonne sich Zwiefach die Einkehr öffnet, und im Sommer Schlaf Die kühlen Lüfte durch die offne Grotte weh'n. Ein wenig tiefer, links hinab, erblickst du wohl Den Born zum Trinken, wenn er nicht versiegen ging. Tritt leise näher und bedeute mir sofort, Ob dort die Grotte wirklich ist, ob anderwärts, Daß du vernehmest, was ich sonst anordne noch, Und ich's dir sage; denn gemeinsam sei das Werk! Neoptolemos. O Fürst Odysseus, was du suchst, ist nahe dir: Die Höhle glaub' ich schon zu seh'n, von der du sprachst. Odysseus. Wie? Oben oder unten? Ich verstehe nicht Neoptolemos. Hier oben: und von Tritten hör' ich kein Geräusch. Odysseus. Sieh, ob er nicht zum Schlafe sich gelagert hat. Neoptolemos. Nur eine Wohnung seh' ich, öd' und menschenleer. Odysseus. Ist innen kein Geräthe, das dem Hause dient? Neoptolemos. Laubstreu, gepolstert zum bequemen Ruhebett. Odysseus. Sonst Alles öde? Nichts verbirgt der Höhle Raum? Neoptolemos. Ein Trinkgeschirr, von kunstlos roher Hand aus Holz Gefertigt, hier auch noch Geräth zur Feuerung. Odysseus. Sein ist der Hausrath, den du da bezeichnet hast. Neoptolemos. Weh, weh! Noch Andres seh' ich: Lumpen, angefüllt Mit schwerem Eiter, trocknen dort am Sonnenstrahl. Odysseus. Er wohnt in diesen Räumen, das ist offenbar, Und weilt gewiß nicht ferne; wie kann Einer auch Weit gehen, den ein altes Uebel quält am Fuß? Nein, wohl auf Nahrung ging er aus, wohl sucht er sich Ein schmerzenstillend Pflänzchen, das er irgend weiß. So sende diesen Diener hier als Späher aus; Er überfällt mich heimlich sonst, und lieber ja, Als alles Volk aus Argos, fing' er mich allein. (Der Diener entfernt sich auf einen Wink des Neoptolemos.) Neoptolemos. Schon geht der Diener, und der Pfad wird wohl bewacht. Nun rede weiter, wenn du sonst noch Wünsche hast. Odysseus. Du. mußt, o Sohn Achillens, was dich hergeführt, Mannhaft betreiben, nicht allein mit deinem Arm, Mußt, wenn du Neues, was du früher nicht gehört, Vernimmst, mir helfen; denn du bist als Helfer hier. Und was begehrst du? Strebe Philoktetes' Geist Mir schlau zu hintergehen durch der Rede Kunst. Sobald er anfragt, wer du seist, aus welchem Land, So sprich: „Achilleus' Sohn"; in diesem rede wahr: Du schiffest heimwärts, habest dort der Danaer Schiffsheer verlassen, dem du zürnst in schwerem Zorn, Das aus der Heimat dich gelockt durch langes Fleh'n, Weil, Ilion zu stürzen, so nur möglich sei, Und doch dich nicht gewürdigt, dir des Vaters Wehr Zu geben, die du kommend als dein Recht begehrt, Nein, ich, Odysseus, habe sie: und sage dann Von mir das Aergste, Schmach um Schmach, so viel du willst. Mich kränkst du damit nimmermehr; doch, thust du's nicht, So bringst du Sammer über Argos' ganzes Heer. Denn wird des Mannes Bogen nicht entwandt von uns, So kannst du Troja's Veste nicht bewältigen. Warum ich selbst nicht, sondern du allein dich ihm Getrost und sicher nähern kannst, das höre nun. Du schifftest, Keinem zugethan durch Eidesschwur,[OCR transcription; compare the scan.] Neoptolemos war durch keinen Eid gebunden, weil er nicht unter den Freiern der Helena gewesen, die sich gegen Tyndaros eidlich verpflichtet hatten, der Helena beizustehen, wenn ihr eine Unbill widerführe. Printed p. 348 Nach Troja, nicht gezwungen, nicht im ersten Zug;[OCR transcription; compare the scan.] Odysseus war gezwungen nach Troja mitgegangen. Um dem Schwure (V. 72), durch den er als Freier Helena's gebunden war, und dem Feldzuge sich zu entziehen, stellte er sich wahnsinnig. Palamedes aber vereitelte den Betrug, indem er that, als wollte er den Telemachos, den Sohn des Odysseus, tödten, wodurch der Leztere genöthigt ward, die Maske abzuwerfen und mitzuziehen. Neoptolemos schiffte nicht im ersten Zuge mit, d. i. er war nicht unter denen, die zuerst nach Ilion gezogen waren. Auf jenem ersten Zuge war Philoktetes ausgesezt worden. Printed p. 348 Mir steht von allem diesem Nichts zu läugnen an. Drum wenn er, seines Bogens Herr, mich hier gewahrt, Bin ich verloren und verderbe dich mit mir. Hier also gilt es eine List, wir müssen spähn, Wie du der unbesiegten Wehr den Mann beraubst. Wohl hat, ich weiß es, die Natur dich nicht gemacht Zu solchen Reden, noch zu Trug und Hinterlist; Doch reizend ist es, einzufah'n des Sieges Glück; So wag' es; künftig handeln wir dann wieder gut. Sezt gib dich nur für eines Tages kurze Frist Mir hin zu dreister Lüge; für die Folge dann Laß dich den Frömmsten nennen, der auf Erden ist! Neoptolemos. Was immer ich nicht ohne Grauen hören kann, Sohn Laertens, dieses hass' ich auch zu thun. Denn nicht geschaffen bin ich, traun, für Hinterlist, So wenig, als es (sagen sie) mein Vater war.[OCR transcription; compare the scan.] Achilleus erklärt bei Homer Jl. 9, 312: Denn der ist mir verhaßt, wie des Aïdes düstere Pforten, Welcher ein Andres im Herzen verbirgt und ein Anderes ausspricht. Printed p. 349 Ich bin bereit, ihn wegzuführen mit Gewalt, Doch nie mit Arglist; denn mit Einem Fuße wird Er uns, so Viele, nimmerdar bewältigen. Zwar dir ein Helfer zog ich aus und möchte nicht Verräther heißen; aber lieber wünsch' ich mir Der edlen That Mißlingen, als unedlen Sieg. Odysseus. Mir, Sohn des edlen Vaters, war als Jüngling auch Die Zunge langsam und die Hand zu Thaten schnell. Jezt durch Erfahrung reifer, seh' ich wohl: es ist Der Menschen Zunge, nicht die That, die Alles lenkt. Neoptolemos. Was trägst du mir nun Andres, Herr, als Lügen auf? Odysseus. Mit List, verlang' ich, sollst du Philoktetes fahn. Neoptolemos. Warum mit List ihn fangen, wenn's die Rede kann? Odysseus. Nie folgt er Reden; auch Gewalt bezwingt ihn nicht. Neoptolemos. So zuversichtlich trozt der Mann auf seine Kraft? Odysseus. Der unentfliehbar'n Pfeile morderfüllte Wehr - Neoptolemos. Nicht ungefährlich wär' es denn, ihm nur zu nah'n? Odysseus. Nicht, außer wenn du, wie gesagt, mit List ihn fängst. Neoptolemos. Und eine Schande dünkte dir die Lüge nicht? Odysseus. Nicht, wenn die Lüge Rettung mir zum Lohne bringt. Neoptolemos. Mit welcher Stirn erkühnt man solcher Rede sich? Odysseus. Bringt eine Handlung dir Gewinn, so zage nicht. Neoptolemos. Was bringt's Gewinn mir, wenn der Mann vor Troja kommt? Odysseus. Die Pfeile nur erobern Troja, sie allein. Neoptolemos. Ich also nehme nicht die Stadt, wie ihr's verspracht? Odysseus. Du ohne sie nicht, und auch sie nicht ohne dich. Neoptolemos. Sie muß ich denn erjagen, wenn es also steht. Odysseus. Zwiefachen Lohn gewinnst du, wenn du solches thust. Neoptolemos. Und welchen? Weiß ich diesen, weigr' ich nicht die That. Odysseus. Nun, klug und tapfer würdest du zugleich genannt. Neoptolemos. Wohlan denn, ledig aller Scham, vollführ' ich es! Odysseus. Gedenkst du nun auch dessen, was ich dir gebot? Neoptolemos. Vertraue mir, nachdem ich's einmal dir gelobt. Odysseus. So bleibe hier und harre, bis der Mann erscheint; Ich aber gehe, daß er mich nicht hier erspürt, Und sende wieder an das Schiff den Späher hin. Und später will ich, wenn ihr allzulange mir Zu säumen scheinet, wiederum denselben Mann Hieher dir senden, trügerisch in falsche Tracht Gehüllt als Schiffsherr, daß er nicht erkennbar sei. Wenn dieser dann verschmizte Neden führt, o Sohn, So greife davon immer auf, was taugen mag. Ich, nun zum Schiffe gehend, stell' es dir auheim. Führ' uns, o schlauer Hermes und Athene du,[OCR transcription; compare the scan.] Hermes, der Gott der List, hat sie hieher geleitet und soll sie fürder geleiten. Athene, die Kriegsgöttin, ist auch Siegsgöttin (Nike) und Beschüzerin der Städte (Polias), besonders Athens. Printed p. 349 Siegsgöttin, Hort der Städte, die mich stets beschirmt! (Odysseus geht ab. Der Chor der Schiffsleute, der Gefährten des Neoptolemos, tritt auf.) Neoptolemos. Der Chor. Erste Strophe. Der Chor. Was soll ich, Herr, was soll ich, fremd im fremden Land,Donner’s metrical appendix: all 4 page facsimiles Dem Argwöhnenden bergen oder kundthun? Sage mir's: denn hoch ragt vor anderer Kunst hervor Eines Königes Kunst, Der, klug waltend, Zeus' göttliches Scepter lenkt.[OCR transcription; compare the scan.] Das Scepter des Zeus, weil von Zeus alle königliche Würde verliehen wird, und viele Könige selbst von ihm abstammen. Printed p. 349 Auf dich, Sohn, erbte der ältesten[OCR transcription; compare the scan.] Die Herrscherwürde war von Peleus und Achilleus auf Neoptolemos vererbt. Printed p. 349 Ahnen gesamte Gewalt; so verkünde mir: Wie soll ich nun dir dienen? Neoptolemos. Jezt, weil du vielleicht zu schauen verlangst Den entlegenen Ort, der jenen verbirgt, Blick' hin furchtlos: doch wann er erscheint, Der Entsezliche, der in der Kluft hier wohnt,[OCR transcription; compare the scan.] Entsezlich" heißt der Bewohner der Höhle als der durch den Bogen des Herakles furchtbare Mann. Printed p. 349 Komni immer sogleich an die Hand mir heran, Zu jeglichem Dienste gerüstet. Erste Gegenstrophe. Der Chor. Du mahnst, o Herr, an Sorgen, die mich längst erfüllt, Waches Auges zu sein für deinen Vortheil. Aber sage mir nun, welches Haus er einsam bewohnt, Welcher Ort ihn verbirgt. Denn wohl thut es noth, daß ich erkundige, (Sonst fällt er unvermerkt mich an,) Wo er verweilt und verkehrt und sich lagerte, Ob innen oder draußen. Neoptolemos. Hier siehst du sein Haus, dies Felsengemach Mit doppelter Thür. Wo weilt denn der Unglückselige selbst? Ich glaube gewiß, er schleppte sich fort, Auf Nahrung aus, in die Nähe wohin. Denn diese Gewohnheit pflegt er stets, So sagt man: mühvoll müht er sich ab, Mit beschwingtem Geschoß zu erlegen das Wild, Und nirgend erscheint[OCR transcription; compare the scan.] Ich lese αὐτῷ, und nehme ἐπινωμᾶν in intransitiver Bedeutung. Printed p. 349 Ihm aus der Bedrängniß ein Retter. Zweite Strophe. Der Chor. Innig jammert des Mannes mich, Den kein menschliches Auge, das Seiner hütet und wacht, erquickt, Wie er, ewig allein, ach ! Am wildwühlenden Schmerze krankt Und Noth leidet an Allem, was Heischt des Lebens Bedarf. Wie nur, o wie trägt es der Arme nur? Furchtbare Götterhand![OCR transcription; compare the scan.] Σ. ὦ παλάμαι θεῶν. Printed p. 349 Weh, unseliges Staubgeschlecht, Maßlos duldend im Leben! Zweite Gegenstrophe. Er, der sicherlich keinem Sohn Altberühmter Geschlechter weicht, Er liegt, alles Bedarfs entblößt, Einsam, ohne Genossen, Wo nur buntes und zottiges Wild haust, liegt, sich verzehrend in Schmerz und Hunger, von unheilbaren Grams Sorgen ge= Von dem geschwäzigen, Fernhindröhnenden Widerhall quält, und rings Bittern Jammers umlagert. Neoptolemos. Mir scheint hier Nichts der Verwunderung werth: Denn ward mir einige Weisheit auch, Ist dieses Geschick von den Göttern verhängt, Brach über ihn ein durch Chryse's Zorn;[OCR transcription; compare the scan.] Chryse, eine Gottheit, von der gleichnamigen, unfern Lemnos gelegenen, später vom Meere verschlungenen Insel also genannt, deren Altar Philoktetes aufsuchte und von der Schlange verwundet ward. Printed p. 349 Auch was er, freundlicher Pflege beraubt, Jezt duldet, geschieht nach der Ewigen Rath, Daß nicht auf Ilions Veste zu früh Er spanne des Gott's unbezwinglich Geschoß,[OCR transcription; compare the scan.] Der Gott ist Apollon, der Bogen und Bogenkunde dem Herakles verliehen hatte. Printed p. 349 Eh nahte die Zeit, da sie diesem erliegt, Wie's ihr nach der Sage verhängt ist. Dritte Strophe. Der Chor. Schweige still, mein Sohn! Neoptolemos. Was ist's? Der Chor. Hell scholl ein Laut, Der schmerzvollem Gestöhn menschlicher Brust glich, War's von dorther oder von da. Mir tönt deutlich an's Ohr Geräusch Eines Mannes, der sich daher Mühsam schleppt, ich erkenne klar Eine tiefe Stimme der Dual; Fernhin hallt laut und vernehmlich Wehklagen. Denke, Sohn Dritte Gegenstrophe. Neoptolemos. Sag' an, worauf? Der Chor. Auf neuen Rath: Denn nicht ferne, bereits ist er am Ort hier; Doch er bläst nicht auf der Schalmei, Wie, durchweidend das Feld, ein Hirt; Nein, er hebt weithallenden Ruf, Weil er anstieß, oder vielleicht, Weil er unser Schiff in der un= gastlichen Bucht schaute; gewaltig, ha! schreit er. Philoktetes. Die Vorigen. Weh, Fremdlinge! Philoktetes. Wer seid ihr, die mit Rudern an dies Land gelenkt, Das wüste, hafenlose, menschenleere Land? Wie nenn' ich euch, nach welcher Heimat, welchem Stamm, Mit rechtem Namen? Wohl umschließt Hellenentracht, Die mir vor Allem theuer ist, die Glieder euch. Doch eure Stimme hört' ich gern: o wendet euch Nicht weg mit Abscheu, fürchtend mich Verwilderten; Nein, habt Erbarmen mit dem unglückseligen, Verlass'nen, freundelosen, hart gequälten Mann, Und redet, wenn ihr wohlgesinnt als Freunde kamt. Vergönnt mir Antwort: billig wird ja solche Gunst Mir nicht von euch verweigert, und euch nicht von mir. Neoptolemos. Wohlan, o Fremdling, wisse denn vor Allem dies: Wir sind Hellenen; denn nach diesem fragst du ja. Philoktetes. theure Laute! Wonne! Hör' ich endlich doch Ein Wort aus solchem Munde nach so langer Zeit! Was hat dich, Sohn, getrieben, was hieher geführt? Welch Sehnen, welch Verlangen, welcher holde Wind? Dies Alles sage, daß ich wisse, wer du bist. Neoptolemos. Die meerumfloss'ne Skyros ist mein Vaterland;[OCR transcription; compare the scan.] Skyros, ein Eiland des ägäischen Meeres, wo Lykomedes König war. Thetis wußte, daß ihr Sohn Achilleus vor Jlion sterben würde; sie sandte ihn deßwegen, als der troische Zug im Werke war, zu Lykomedes, unter dessen Töchtern er im Mädchenkleide verborgen gehalten ward. Hier gebar ihm eine derselben, Deidameia, den Neoptolemos. Printed p. 349 Ich schiffe heim und heiße Neoptolemos, Der Sohn Achillens. Alles hast du nun gehört. Philoktetes. O Sohn des theuren Vaters, Sohn des theuren Lands! O Pflegekind des greisen Lykomedes! Wie, Auf welcher Fahrt, von wannen kamst du hier an's Land? Neoptolemos. Von Ilion geht eben meine Fahrt zurück. Philoktetes. Wie sagst du? Nimmer warst du doch, mit uns vereint, Zu Schiff im Anfang, bei der Fahrt nach Ilion. Neoptolemos. So nahmst auch du an dieses Zuges Mühen Theil? Philoktetes. Mein Lieber, also weißt du nicht, mit wem du sprichst? Neoptolemos. Wie sollt' ich Einen kennen, den ich nie geseh'n? Auch meinen Namen, auch den Ruf von meiner Noth, Die mich vernichtend niederbeugt, vernahmst du nie? Von Allem, was du fragtest, ward kein Wort mir kund. Philoktetes. Weh mir, dem vielgequälten, gottverhaßten Mann, Von dessen Leide nicht ein Ruf nach Hause, noch Sonst irgend hin gedrungen im Hellenenland! Und jene, die mich frevelnd ausgeworfen hier, Hohulachen mein im Stillen: doch in voller Kraft Blüht meine Krankheit, und gewinnt an Stärke ſtets. Kind, Achillens, eines edlen Vaters, Sohn! Ich, wisse, bin derselbe, den dir wohl der Ruf Als den genannt hat, der Herakles' Wehr empfing, Bin Philoktetes, Pöas' Sohn, den jene zwei Heerfürsten und der Kephallenenkönig einst[OCR transcription; compare the scan.] Kephallenen heißen bei Homer alle Bewohner der südlichen jonischen Inseln und der nächsten Küsten, und sie werden von Odysseus vor Troja angeführt. Der Name ging später auf eine der größeren Inseln, Same, über, die noch Kefalonia heißt. Diese Menschen waren thätige Handelsleute, und gelegentlich auch Seeräuber, daher die Benennung des Odysseus nach ihnen, wiewohl ganz homerisch, hier etwas Bitteres hat. Thudichum. B. 319. Mykenä ist Agamemnons, Sparta des Menelaos Stadt. Diesen glänzenden Königsstädten tritt das kleine Skyros gegenüber. Printed p. 349 Printed p. 350 Schmachvoll in diese Wüste warfen, weil an ihm Die grimme Krankheit zehrte, seit der wilde Biß Der mordbewehrten Natter ihn verwundete. Mit ihr, o Jüngling, haben sie mich ausgesezt, Mich einsam hier gelassen, als der Schiffe Zug Von Chryse's Meereilande sich hieher gewandt. Da froh gewahrend, wie ich matt vom Meergetos Am Strande schlief im wohlgewölbten Felsenhaus, Entfloh'n sie treulos, ließen wenig Lumpen mir, Wie einem Bettler, und der Kost armseligen Bedarf zurück: o werde Gleiches ihnen auch! Doch welch Erwachen dünkt es dir, zu welchem ich Nach ihrem Abzug aus dem Schlaf erstand, o Kind? Wie bitter weint' ich? Wie beklagt' ich meine Noth? Ich sah die Schiffe, welche mich hieher geführt, All' abgezogen, keinen Mann am Orte mehr, Nicht Einen, der mir hülse, der mich Leidenden In meiner Qual erquickte: ringsum späht' ich nach; Doch nichts entdeckt' ich überall, als Sammer nur; Und dessen fand ich eine große Fülle, Kind. Die Tage floh'n mir, einer nach dem andern, hin; Ich mußt' allein hier unter diesem engen Dach Mich selbst bedienen. Für den Hunger schaffte zwar, Was nöthig war, der Bogen, der die flüchtigen Waldtauben mir erlegte; doch, traf mein Geschoß, Der Sehn' entrauscht, die Beute, mußt' ich Armer selbst Nachkriechen meinem Fange, selbst mühvoll den Fuß Hinschleppen. Braucht' ich einen Trunk, war etwa Holz Zu fällen, wann der Boden, wie zur Winterzeit, Vom Eise starrte, kroch ich Armer fort, es selbst In's Werk zu richten. Daun gebrach's an Feuer mir, Und Stein an Steine rieb ich, und entlockte kaum Den dort verschloss'nen Funken, der mich stets erhält. Denn wohnlich durch das Fener, schafft die Hütte nun Mir alle Nothdurft; nur Gesundheit schafft sie nicht. Wohlan, o Sohu, jezt höre von der Insel auch. Freiwillig mag kein Schiffer ihrem Strande nah'n; Sie beut zur Landung keinen Ort, kein gastlich Haus, Noch Pläze, wo der Handel ihm Gewinn verheißt. Nie wendet hieher seine Fahrt ein kluger Mann. Sie landen unfreiwillig wohl; denn solcher Art Begiebt sich Manches auf des Lebens langer Bahu. Und diese, wann sie kommen, Sohu, bedanern mid) Zwar wohl mit Worten, reichen auch wohl Speise mir Ein wenig oder ein Gewand erbarmenvoll: Doch das, erwähn' ich's etwa, will mir Keiner thun, Heimwärts mich retten; nein, in Noth und Hunger, ach! Verkümmr' ich hier in dieses zehnte Jahr bereits, Und unersättlich zehrt an mir die Wunde fort. Dies thaten Atreus' Söhne mir, o Jüngling, an, Dies that Odysseus: mögen einst Olympos' Herrn Vergeltend ihnen lohnen, was sie mir gethan! Der Chor. Auch ich beklage billig, Sohn des Pöas, dich Gleich jenen Fremden, welche hier gelandet sind. Neoptolemos. Und deine Worte muß auch ich bestätigen. Wahr sind sie, wahr, das weiß ich, weil ich selbst erfuhr, Wie frech Odysseus, srech des Atreus Söhne sind. Philoktetes. So hätten Atreus' Söhne denn auch wider dich Gefrevelt, daß du diesen Allverderbern zürnst? Neoptolemos. könnt' ich sättigen meinen Groll mit dieser Hand, Daß noch Mykenä, Sparta noch erkennte, wie Auch Skyros tapf're Männer großgezogen hat! Philoktetes. Recht, lieber Sohn: doch was verbrachen jene denn, Das, deinen Zorn entflammend, dich von Troja trieb? Neoptolemos. O Sohn des Pöas, sag' ich's denn, - doch kann ich's kaum Was die mich höhnten, als ich kam vor Ilion. Nachdem Achillen dort ereilt des Todes Loos Philoktetes. Weh mir! O rede weiter nicht, bevor ich erst Vernommen: Peleus' Sprößling, ist er wirklich todt? Neoptolemos. Ja, todt, von keinem Menschen, nein, von Götterhand Erlegt, getroffen, sagen sie, durch Phöbos' Pfeil.[OCR transcription; compare the scan.] Paris hatte den Pfeil abgeschossen, und Apollon, in dessen Tempel die That geschah, sollte ihn gelenkt haben. Printed p. 350 Philoktetes. Ein Edler war denn Sieger und Gefallener! Doch schwank' ich zweifelnd, ob ich deine Schmach, o Sohu, Zuerst erkunden, oder ihn beklagen soll. Neoptolemos. Ich dächte, dein Leid, Armer, wäre dir genug, Daß nicht um fremde Leiden du zu klagen brauchst. Philoktetes. Du redest Wahrheit. Sage denn noch Einmal mir Von deinem Leide, wie dich höhnt' ihr Uebermuth. Neoptolemos. Um mich zu holen, kam Laertes' edler Sohn Und meines Vaters Pfleger an auf buntem Schiff; Sie sagten, ob wahrhaftig oder ohne Grund, Unmöglich sei es, daß ein Andrer Pergamos,[OCR transcription; compare the scan.] Pergamos, die Burg Troja's, wie sie schon bei Homer heißt. Printed p. 350 Als ich, erob're, nun dahin mein Vater sei. Und also redend, stimmten sie mich bald dahin, O Fremdling, daß ich ungesäumt zu Schiffe ging, Sehnsüchtig wünschend, ihn zu seh'n, den Todten, eh Man ihn begrübe; denn ich hatt' ihn nie geseh'n: Daun trieb mich auch des Ruhmes stolzes Wort hinaus, Wenn ich die Zinnen Ilions erobere. Die zweite Sonne glänzte schon auf meiner Fahrt, Und an Sigeions Trauerport trieb heller Wind[OCR transcription; compare the scan.] Das Vorgebirg Sigeion bei Troja heißt traurig, weil dort Achilleus jezt todt lag. Dort wurde er begraben, und ihm der berühmte Hügel aufgeschüttet, wie dem Ajas am Nhoiteion. Thudichum. Printed p. 350 Mein Segel; schnell umringte mich das ganze Heer, Sobald ich ausstieg, grüßte, schwur, des Thetis Sohn, Der Todte, stehe neubelebt vor ihrem Blick. Der lag noch unbestattet dort; ich Armer ging, Nachdem ich ihn betrauert, schnell den Freunden zu, Den Söhnen Atreus', und erbat, wie's billig war, Mir meines Vaters Waffen und sein andres Gut. Doch jene, weh mir! sagten dies verweg'ne Wort: „O Sohn Achillens, alles Andre magst du dir Von deinem Vater nehmen; doch das Wehrgeräth Nennt schon ein andrer Krieger sein, Laertes' Sohu." Und ich, in Thränen schwimmend, sprang alsbald empor In schwerem Unmuth, und erwiedre schmerzerfüllt : „Ihr wagtet, Freche, meine Wehr an meiner Statt Iemanden auszuliefern, eh ihr mich gefragt?" Da rief Odysseus, denn er stand nicht fern von uns: „Sa, Knabe, mir, mir gaben sie mit Recht die Wehr; Denn ich entriß die Waffen und ihn selbst dem Feind."[OCR transcription; compare the scan.] Den Leichnam und die Wehr des gefallenen Achilleus nahm Odysseus den Troern wieder ab. S. Ovid's Verwandlungen 13, 281 ff. Printed p. 350 Und ich, erzürnt, rief alle nur erdenkbaren Schmachworte, jeden Nachefluch auf sie herab, Wenn jener mir entreiße meinen Waffeuschmuck. Er, sonst zum Zorne langsam, fand durch solches Wort Sich schwer getroffen, daß er stolz entgegnete: „Du standest, wo wir standen, nicht, bliebst seig daheim; Und weil du so voll Trozes sprichst, erklär' ich dir: Mit diesen Waffen sollst du nie gen Skyros zieh'n!" Nach solcher Antwort, so geschmäht auf's Bitterste, Segl' ich nach Hause, meines Eigenthums beraubt Vom schlimmsten Kinde schlimmer Art, Laertes' Sohn.[OCR transcription; compare the scan.] Odysseus war, nach einer seine Mutter schmähenden Sage, ein Sohn des Sisyphos. S. zu V. 407. Printed p. 350 Doch diesen klag' ich minder als die Herrscher an. Denn Stadt und Heer, sie folgen beide ganz und gar Den Worten ihrer Führer; wer das Schlechte liebt, Wird durch des Meisters Lehre nur ein Bösewicht. Nun sagt' ich Alles. Wer des Atreus Söhne haßt, Der sei so lieb den Göttern, wie er mir es ist! Strophe. Der Chor. Bergmutter, Erd', Alnährerin, welcher Zeus selbst entsproß,[OCR transcription; compare the scan.] Die Erde, mit ihrer Tochter Rheia, der Mutter des Zeus, deren Name auch Erde bedeutet, identificirt, und wieder mit der kleinasiatischen Kybele verwechselt, wurde als Mutter Natur in den phrygischen oder mysischen Bergen (dort hatte sie die Kränkung des Neoptolemos gesehen), auf dem lydischen Berge Tmolos, von welchem der in ältesten Zeiten goldführende Paktolos herunterkommt, auch in Lemnos selber verehrt. Also schon damals dort, und jezt hier ruft sie der Chor an. Der Paktolos ist kein großer Fluß, heißt demnach hier nur uneigentlich und zur Erhöhung so. Die Göttin wurde auf einem mit Löwen bespannten Wagen sizend vorgestellt. Thudichum. Printed p. 350 Die waltet bei Paktolos' großem, goldnem Strom! Schon dort, hehre Mutter, dort rief ich zu dir, Da schmachvollen Hohn ihm des Atreus Geschlecht bot, Da sie des Vaters Wehr ihm an Laertes' Sohn Hingaben, als des Ruhms höchsten Preis, du Sel'ge, die auf Berglöwen hoch, Den Stierwürgern, thront! Philoktetes. Ich sehe wohl, o Freunde, mit dem deutlichen Merkmal des Schmerzes kommt ihr hergeschifft zu mir; Zu meinem Lied stimmt eures; so erkenn' ich klar: Das ist Odysseus' und der Atreussöhne Werk. Der leiht ja seine Zunge, wie ich's wohl erfuhr, Zu jedem Trug, zu jeder argen Tücke, daß Er Nichts am Ende schaffen mag, was edel ist. Doch wundert das mich minder, als daß Ajas auch, Der größ're, solches ruhig anzuseh'n ertrug.[OCR transcription; compare the scan.] Ajas, der Sohn des Telamon, heißt der größere zum Unterschiede von dem kleineren Ajas, dem Sohne des Dileus. Printed p. 350 Neoptolemos. Er lebte nicht mehr; freilich, wenn der lebte, Freund, Dann hätte man mich meiner Waffen nie beraubt. Philoktetes. Wie sagst du? Ging denn dieser auch des Todes Weg? Neoptolemos. Ja, wisse, nicht mehr athmet er im Sonnenlicht. Philoktetes. O Jammer, weh mir! Aber Tydeus' Sohn und er,[OCR transcription; compare the scan.] Diomedes war der Sohn des Tydeus, dessen Vater Deneus war. Printed p. 350 Den sich Laertes einst erkauft von Sisyphos,[OCR transcription; compare the scan.] Die von Homer nicht gekannte oder doch nicht berührte Sage lautet: Antikleia, schwanger von Sisyphos, dem Könige der Korinther, vermählte sich mit Laertes, der seine Braut mit vielen Schäzen lösen mußte. Printed p. 350 Die sollten nicht mehr leben, und sie starben nicht! Neoptolemos. Nein, wahrlich, dessen sei gewiß, sie blüh'n sogar In hohem Anseh'n eben jezt in Argos' Heer. Philoktetes. Wie aber? Lebt der alte, biedre Pyler noch, Mein theurer Nestor? Hat doch er die schädlichen Anschläge jener oft gehemmt durch weisen Rath. Neoptolemos. Er lebt, gebeugt von Trauer; sein Antilochos Schied hin im Tode, der des Vaters Stüze war.[OCR transcription; compare the scan.] Ε. ὃς παρῆν γονεῖ. Printed p. 351 Philoktetes. Weh mir! Du nanntest Zweie da, von deren Tod[OCR transcription; compare the scan.] Unter den Zweien meint Philoktetes den Telamonier Ajas (V. 400) und den Antilochos. Printed p. 351 Zu hören, mehr als alles Andre mich betrübt. Wohin die Blicke wenden, hah! wenn die der Tod Hinrafft, Odysseus aber lebt, wo, traun, der Ruf Von seinem Tode melden sollt' an ihrer Statt? Neoptolemos. Das ist ein schlauer Ringer; doch nicht selten auch, Philoktetes, wird verstrict ein schlauer Sinn. Philoktetes. Bei allen Göttern, sage doch, wo war dir da Patroklos, deines Vaters heißgeliebter Freund? Neoptolemos. Auch dieser war gestorben. Nimm die Lehre dir In kurzem Worte: nimmer raubt des Krieges Wuth Die Schlechten gerne, sondern stets die Besten nur. Philoktetes. Wohl hast du Recht; und ebendarum will ich noch Nach einem Manne, fragen, der unwürdig war, Doch klug und kühner Zunge, wie's mit diesem ist. Neoptolemos. Wer, als Odysseus, wäre der, nach dem du fragst? Philoktetes. Nicht diesen meint' ich; nein, Thersites hieß ein Mann,[OCR transcription; compare the scan.] Den Thersites schildert Homer Jl. 1, 211 : Still schon waren die Andern, umher in den Reihen gelagert; Nur Thersites erhob maßlos sein freches Geschrei noch, Weil er im Herzen verbarg endlos unziemlichen Wortschwall, Planlos, wider Gebühr mit Achäa's Fürsten zu hadern, Wenn's ihm schien, er errege damit das Gelächter des Volkes. Häßlicher war kein Andrer in Ilio's Ebne gekommen: Schielend war er und lahm an dem anderen Fuße; die Schultern, Höderig, drängten sich vor und engten die Brust, und darüber Saß sein spiziger Kopf, mit spärlicher Wolle bewachsen. Printed p. 351 Dem's nie genug war, Einmal nur zu sagen, was Ungern gehört ward: weißt du nicht, ob dieser lebt? Neoptolemos. Ich sah ihn selbst nicht; wie ich hörte, lebt er noch. Philoktetes. Wohl muß er leben, weil ja noch nichts Böses starb. Mit zarter Sorgfalt hegen das die Himmlischen; Sie lieben, Tückevolles und Verschlagenes[OCR transcription; compare the scan.] Wieder eine Anspielung auf Sisyphos. Der Scholiast bemerkt zu V. 617: Sisyphos hatte sterbend seiner Gemahlin befohlen, ihn unbeerdigt zu lassen. Als er in die Unterwelt kam, beschwerte er sich gegen Pluton, daß seine Leiche unbestattet liege, und bat auf die Erde zurückkehren zu dürfen, um sein Weib zu bestrafen. Die Erlaubniß ward ihm gewährt; aber nun wollte er nicht mehr in den Hades zurückkehren, bis er mit Gewalt dazu gezwungen ward. Printed p. 351 Zurückzuführen aus des Hades Nacht, und stets Hinabzusenden, was gerecht und edel ist. Wie nenn' ich's? Soll ich's loben, wenn ich, Götterthun Bereit zu loben, Götter selbst als schlecht erfand? Neoptolemos. O Sohn des Vaters, der an Deta's Höh'n gebeut! Ich will hinfort mich hüten, auch von ferne nicht Die Stadt der Troer und des Atreus Söhne seh'n. Denn wo der Schlechte höher als der Tapfre gilt, Das Edle schmachvoll untergeht, der Feige siegt, Nein, solchen Männern werd' ich nie befreundet sein. An Skyros Felseilande will ich fürder mir Genügen lassen und der Heimat mich erfreu'n. Ich gehe nun zum Schiffe. Lebe, lebe wohl, O Sohn des Pöas! Mögen dich die Himmlischen Von deiner Qual erlösen, wie dein Herz es wünscht! Wir eilen weiter; denn sobald uns guten Wind Ein Gott gewährte, wollen wir von dannen zieh'n. Ihr rüstet schon zur Reise, Kind? Die Stunde mahut, Auf Wind im Schiff zu harren, nicht vom User fern. Philoktetes. Bei deinem Vater, bei der Mutter, liebes Kind, Und allem Andern, was daheim dir theuer ist, Beschwör' ich dich und flehe, laß nicht so allein, Hülflos in meinem Leide mich, das, wie du siehst, Und wie du hörtest, grauenvoll mich hier umringt: Als Nebenlast nur nimm mich! Zwar, ich weiß es wohl, Vielfach beschwerlich wird dir solche Bürde sein; Doch wag' es muthvoll! Hochgesinnte finden nur Das Edle rühmlich, hassenswerth das Schändliche. Dir, Jüngling, bringt es keinen Nuhm, versagst du mir's; Und thust du's, ist der höchste Lohn der Ehre dein, Wenn lebend heim ich kehre nach dem Detaland. Auf! Keines vollen Tages Frist währt solche Noth: So wag' es, nimm und wirf mich hin, wo dir's gefällt, In den Bauch des Schiffes, hinten oder vorne, wo Ich euch, die Fahrtgenossen, nicht belästige. Bei Zeus, dem Gott der Fleh'nden, Sohn, gewähre mir's, Erhöre mich! An deine Kniee sink' ich hier, Ich Armer, wenn auch schwach und lahm; o laß mich nicht In solcher Dede, die der Menschen Tritte flieh'n! Zu deiner Heimat rette mich, ach, oder hin In's reiche Land Euböa, wo Chalkodon herrscht.[OCR transcription; compare the scan.] Die Erwähnung des Chalkodon, Königs in Euböa, dessen Sohn Elephenor die Abanten vor Troja führte Jl. 2, 536, ist einmal bei Philoktetes natürlich, da Chalkodon dem Herakles gegen die Eleer beigestanden hatte (Pausan. 8, 15, 6), sodann den Athenern angenehm, da die attische Landessage Chalkodon und Elephenor in die Mythen von Theseus verflocht, der seine Söhne nach Euböa zu Elephenor gebracht haben sollte, bevor er sich nach Skyros zurückzog (Pausan. 1, 17, 6). Philoktetes denkt sich den Chalkodon noch lebend, wie Pöas, Peleus, Telamon. Printed p. 351 Von dort zum Deta führte mich kein weiter Weg, Zu Trachis' Hügeln und dem stolzhinrollenden[OCR transcription; compare the scan.] Trachis oder Trachin lag am Fuße des Berges Deta. Der Spercheios entsprang auf dem Gebirge Pelion in Thessalien und ergoß sich nördlich von Trachis in den malischen Meerbusen. Printed p. 351 Printed p. 352 Spercheios: wieder bringe mich dem Vater dort, Um den die Sorge lange schon mich quält, er sei Dahingegangen. Alle, die hier landeten, Hab' ich mit heißen Bitten oft an ihn gesandt, Selbst herzusegeln und mich heim zu retten: doch Er ist gestorben, oder meine Boten sind, So muß ich leider glauben, weil sie meine Noth Für klein geachtet, ihrer Heimat zugeschifft. Nun fleh' ich, sei du Bote, sei du Führer mir, Erbarm dich meiner, rette mich; du siehest ja, Wie drohend Alles, voll Gefahr, der Menschen Pfad Umlagert, hier das Ungemach und dort das Glück. Wer frei von Leid ist, blicke fürchtend auf das Leid, Und wer das Glück hat, schaue frei mit wachem Blick In's Leben, daß nicht ungeahnt der Fluch ihn trifft. Gegenstrophe. Der Chor. Erbarmen, Herr! Vielfachen Kampf, herbe Noth klagt er uns, Wie keinen unsrer Freunde je sie treffen soll! Hassest du, Herr, Atreus' feindlich Geschlecht so sehr, So würd' ich das Unheil, das Werk ihres Frevels, Wandeln in Heil ihm, führt' in schnellsegelndem, Geschmücktem Schiff zu dem ersehnten Port Der Heimat ihn hin, flöhe den Nachefluch, Der von den Göttern droht. Neoptolemos. Sieh, daß du jezt nicht allzuleicht dich willig zeigst, Und, wann der Krankheit Nähe dich mit Ekel füllt, Nicht als derselbe mehr erscheinst, der dieses sprach. Der Chor. Mit nichten: niemals soll der Tag erscheinen, wo Du solchen Vorwurf wider mich mit Grund erhebſt. Neoptolemos. Traun, Schande wär' es, fände man mich säumiger, Als euch, dem Fremdling beizusteh'n zur guten Zeit. Drum wenn's gefällt, so geh'n wir; schnell bereit' er sich; Auch wird das Schiff ihn tragen ohne Weigerung. Daß nur die Götter rettend uns aus diesem Land Dorthin an unsrer Wünsche Ziel geleiteten! Philoktetes. meiner Tage schönster, du mein bester Mann, Ihr theuren Schiffer, könnt' ich euch doch durch die That Darthun, wie eure Liebe mich verpflichtet hat! Wir geh'n, o Jüngling, wenn wir mein unwohnliches Wohnhaus zuvor begrüßten, daß dir Kunde wird, Wovon ich lebte, wie beherzt mein Leben trug. Ein Andrer, glaub' ich, außer mir, ertrüg' es nicht, Auch nur mit Augen dieses Elend anzuseh'n: Der Noth mich fügen, lehrte mich die strenge Noth. Der Chor. Verweilt, wir wollen hören: denn zwei Männer nah'n, Ein Schiffer deines Schiffes und der Andre fremd; Die mögt ihr hören, eh' ihr euch hinein verfügt. Der Späher, als Schiffsherr verkleidet. Ein Schiffer. Die Vorigen. Der Schiffsherr. O Sohn Achillens, diesem Fahrtgenossen hier, Der deines Schiffes Wächter mit zwei andern war, Gebot ich, mir zu sagen, wo du selbst verweilst, Nachdem ich euch begegnet, nicht mit Willen zwar, Nein, wohl vom Zufall hergelenkt zum gleichen Strand. Ich bin ein Schiffsherr, segle, nicht mit großem Zug, Von Troja heim zu Peparethos' Nebenland;[OCR transcription; compare the scan.] Die kleine Insel Peparethos, südwestlich von Lemnos, nördlich von Skyros, war wegen ihres Reichthums an Del, Getreide und Wein, der mit dem Pramnier, Chier und Thasier wetteiferte, weithin berühmt. Printed p. 352 Und weil ich hörte, daß die Schiffer allzumal Dir angehören, welche hier gelandet sind, Schien mir's, ich dürfe schweigend, eh' ich sprach mit dir, Nicht weiter segeln, müss' empfah'n des Boten Lohn. Wohl hast du nicht erfahren, was dich nah berührt, Welch neuen Anschlag über dich die Danaer Ersonnen haben, aber nicht Anschläge bloß, Vielmehr bereits vollbrachte, nicht verschob'ne That. Neoptolemos. Für diese Sorgfalt wartet dein liebreicher Dank, O Freund, so wahr ich edel bin von edler Art. Doch sage, was du meintest; denn ich wüßte gern, Welch neuen Anschlag über mich das Heer gefaßt. Der Schiffsherr. Der greise Phönix und des Theseus Söhne sind[OCR transcription; compare the scan.] Phönix. S. zu V. 338. Die Söhne des Theseus sind Akamas und Demophon. Printed p. 352 Mit Schiffen ausgezogen, dich verfolgend, Herr. Neoptolemos. Durch Bitten oder mit Gewalt mich fortzuzieh'n? Der Schiffsherr. Weiß nicht; ich komm' und melde, was ich selbst gehört. Neoptolemos. Und sollte Phönix und die Schiffsgefährten dies Mit solchem Eifer für des Atreus Söhne thun? Der Schiffsherr. Schon wird's gethan von ihnen, soll nicht erst gescheh'n. Neoptolemos. So war Odysseus nicht bereit, selbst auszugeh'n Auf diese Sendung? Oder hielt ihn Furcht zurück? Der Schiffsherr. Er ging mit Deneus' Enkel einen andern Mann Zu suchen, als ich auf die Fahrt von dannen zog. Neoptolemos. Nach welchem Manne fuhr Odysseus selbst hinaus? Es war (halblaut) Der Schiffsherr. vor Allem sage mir, wer dieser Mann Hier ist, und sprich nur leise, was du sagen willst. (laut) Das ist des Pöas hochgepries'ner Sohn, o Freund. So frage mich nicht weiter, nein, in Eile dich Zusammenraffend, segle fort aus diesem Land. Philoktetes. Was sagt er, Jüngling? Was verkauft im Dunkel mich Mit seinen Neden hier an dich der Handelsherr? Neoptolemos. Noch nicht versteh' ich, was er meint; doch muß er selbst An's Licht es sagen, dir und mir und diesen da. Der Schiffsherr. O Sohn Achillens, klage nicht im Heer mich an, Sag' ich Verbot'nes. Manches Gute thun sie mir Und thu' ich ihnen wieder, wie's ein Armer kann. Neoptolemos. Ich bin des Atreus Söhnen feind, und dieser ist Der liebste Freund mir, weil er Atreus' Söhne haßt. So darfst du, wenn du kamest als mein Freund, vor uns Kein Wort von dem verhehlen, was dein Ohr vernahm. Der Schiffsherr. Sieh, was du thust, Kind! Neoptolemos. Ich erwog es lange schon. Der Schiffsherr. Die Schuld von Allem bleibe dein! Neoptolemos. Sei's: rede nur! Der Schiffsherr. Nun gut! Nach dem zieh'n Beide, die ich dir genannt, Der Sohn des Tydeus und Odysseus' Kraft, hinaus; Sie schwuren, ihn zu bringen, sei's mit klugem Wort Ihn überredend, oder durch der Stärke Macht. Und deutlich hörten aus Odysseus' Munde dies Die Wehrgenossen alle; denn er hatte mehr Vertrau'n, die That zu wagen, als der Andere. Neoptolemos. Was ist es, daß auf diesen nach so langer Zeit Die zween Atriden wiederum den Sinn gelenkt, Nachdem er längst von ihnen ausgestoßen ward? Was trieb sie? Welch Verlangen? War's der Götter Macht Und Strafe, die der Missethat des Frevlers wehrt? Der Schiffsherr. Das will ich (denn vernruthlich hast du's nicht gehört) Dir alles kundthun. Ein erlauchter Seher war, Der Priamide Helenos, so hieß der Mann: Ihn fing Odysseus, dieser schmachbedeckte Schalk, Der Mann des Hohnes, als er einst auf nächtlichem, Einsamem Pfade streifte, schlug in Fesseln ihn, Und stellt ihn Argos' Volke dar als schönen Fang. Da deutet' ihnen Allerlei der Seher aus, Und sagte dann auch, daß sie Troja's Veste nie Zerstörten, wenn sie diesen Mann durch kluges Wort Nicht aus dem Eiland lockten, das er jezt bewohnt. Und als Laertes' Sprößling aus des Sehers Mund Den Spruch vernommen, da verhieß er, ungesäumt Den Mann zu stellen vor das Angesicht des Heers; Er hoffe sicher ihn zu fah'n mit gutem Wort, Und widersteh' er, mit Gewalt; mißling' es ihm, Wer wolle, mög' ihm dann das Haupt von Rumpfe hau'n. Mein Sohn, du hörtest Alles: Eile rath' ich nun Dir selbst und Jedem, dessen Wohl dir Sorge macht. Philoktetes. Weh, weh mir! Also schwur der Allverderbliche, Beredend mich zu locken in's Achäerheer? So wenig folg' ich, als ich todt aus Hades' Haus Zum Lichte wiederkehre, wie sein Vater einst![OCR transcription; compare the scan.] Sein Vater, d. i. der angebliche Vater des Odysseus, Sisyphos. S. zu V. 438. Printed p. 352 Der Schiffsherr. Da siehe du zu; doch ich eile nun zum Schiff; Und euch gewähre, was am besten frommt, ein Gott! Philoktetes. Neoptolemos. Der Chor. Philoktetes. Ist das, o Kind, nicht schrecklich, daß Laertes' Sohn In's Schiff mit glatten Worten mich zu locken hofft, Mich dort zur Schau zu stellen vor dem ganzen Heer? Nein! Wahrlich eher hört' ich auf das feindliche Scheusal, die Natter, die des Fußes mich beraubt. Doch Alles sagen darf der Mann, darf Alles sich Erdreisten: jezt auch weiß ich, daß er kommen wird. So laß, o Sohn, uns eilen, daß wir weit hinweg Von seinem Schiffe durch das Meer geschieden sind. Auf denn von hinnen! Eilen wir bei guter Zeit, Wird nach der Arbeit Schlummer uns und süße Rast. (ab.) Neoptolemos. Sobald der Wind ruht, welcher vorn' am Buge bläst, Geh'n wir zu Schiffe; jezo wehrt er uns die Fahrt. Philoktetes. Stets ist der Wind gut, wenn du vor dem Uebel fliehst. Neoptolemos. Gewiß; indeß auch jene sind durch ihn gehemmt. Philoktetes. Nie hält ein widerwärt'ger Wind die Räuber auf,[OCR transcription; compare the scan.] Für Räuber gibt es keinen widrigen Wind, weil ihre Raubgier jede Gefahr verachtet. Printed p. 352 Wenn ihnen Diebstahl, wenn Gewaltraub ihnen winkt. Neoptolemos. Nun, wenn's gefällt, so geh'n wir; doch nimm drinnen erst, Wozu Bedürfniß oder Wunsch zuerst dich treibt. Philoktetes. Wohl brauch' ich Etwas, das ich wähl' aus Wenigem. Neoptolemos. Was wär' es, das dir unser Schiff nicht geben kann? Philoktetes. Ein Kraut besiz' ich, welches stets am ehsten mir Der Wunde Schmerz einschläfert, daß er ganz verstummt. Neoptolemos. So hole dir's: doch was begehrst du weiter noch? Philoktetes. Ob mir von diesem Bogen aus Versehen nicht Ein Stück entfallen, daß es mir kein Andrer nimmt. Neoptolemos. Das ist der edle Bogen denn, in deiner Hand? Philoktetes. Der ist es, ja; denn keinen andern trag' ich sonst. Neoptolemos. Und ist es mir gestattet, darf ich näher ihn Betrachten, fassen, küssen, gleich als wär's ein Gott? Philoktetes. Dir, Trauter, will ich gerne dies und was mir sonst Gehört, gewähren, wenn es dich erfreuen kann. Neoptolemos. Ich wünsch' es freilich, aber so nur wünsch' ich es: Darf ich, so möcht' ich's; darf ich nicht, versage mir's. Philoktetes. Du redest fromm, o Jüngling, und du darfst es wohl, Du, der allein die Strahlen dieser Sonne mich, Der mich das Land am Deta, der die Freunde mich, Den greisen Vater schauen läßt, der hoch empor Mich schon gestürzten über meine Feinde hob! Getrost: du darfst ihn fassen, darfst dem Gebenden Ihn geben, darfst dich rühmen, daß auf Erden du Zum Lohne deiner Tugend ihn allein berührt. (reicht ihm den Bogen hin) Durch Liebesdienste hab' ich selbst ihn mir verdient.[OCR transcription; compare the scan.] Philoktetes hatte dem Herakles den Scheiterhausen angezündet, und zum Lohne dafür den Bogen empfangen. Printed p. 352 Neoptolemos. Wohl, wohl mir, daß ich dich geseh'n, zum Freund gewann! Denn wer für Wohlthat wohlzuthun versteht wie du, Weit über alle Schäze geht ein solcher Freund. So geh hinein. (ergreift seinen Arm) Philoktetes. Und du geleite mich, o Kind, Da meine Krankheit deinen Arm als Stüze sucht. (Beide gehen in die Höhle. Der Chor bleibt allein zurück.) Erste Strophe. Der Chor. Ich hörte wohl von jenem, doch nie sah ich ihn, Welcher genaht Zeus' Bette, den frevelnden Ixion, den an das kreisende Rad gebunden hält[OCR transcription; compare the scan.] Ixion vermählte sich mit Dia, der Tochter des Deïoneus. Als dieser darauf ihn wegen der Brautgaben bedrängte, lud er ihn zum Gastmal, und stürzte den nichts ahnenden in eine verdeckte, mit glühenden Kohlen angefüllte Grube. Zeus reinigte ihn von diesem Morde, führte ihn in den Himmel und machte ihn zu seinem Tischgenossen. Ixion aber vergaß dieser Wohlthat des Zeus, versuchte, von Liebe gegen Here entzündet, ihr beizuwohnen, und umarmte eine Wolke. Jezt liegt er in der Unterwelt, mit ehernen Banden auf das stets umrollende feurige Rad geflochten. Printed p. 352 Der starke Sohn des Kronos. Doch nie hab' ich gehört durch das Gerücht, oder geseh'n jemals, Daß ein Sterblicher Leid empfand, wie dieser, Der doch nie Raub verübte noch Gewalt, Edlen gesellt, ein edler Mann, Also schuldlos unterging. Mich ergreift Staunen darob, Wie er es, wie, allein die Flut, die ihn umbraust, vernehmend hier, Wie er ein solches Thränenloos tapfer besteht, so einsam. Erste Gegenstrophe. Hier wohnt er einzeln, ihm gebricht des Fußes Kraft, Mangelt ein Nachbar, welchem in Thränen er Den herben Schmerz an der fressenden, blutumströmten Wunde, Rings vernehmbar, klage, Der ihm stille das heißquellende Blut, welches die Wund' ausströmt Am giftschwellenden Fuß, sobald der Schmerz ihn Befiel, durch linde Kräuter, die er vom Nährenden Schooß der Erde las. Dort und hier ja schleppt er sich Mit dem Fuß kriechend umher, (Wie von der Amme fern ein Kind,) wo sich der Pfad bequem für ihn Ebnete, wenn das Uebel wich, welches ihm nagt am Herzen. Zweite Strophe. Nimmer stärkt ihn die Frucht heiliger Erd' oder Was der Sterblichen sinnreiches Geschlecht sonst nährt, Wenn nicht etwa mit schnelltreffender Pfeilschwinge Ihm sein Flügelgeschoß errang die Nahrung. Wehe dir, Unglückssohn, Der am lieblichen Wein nicht sich gelabt schon in das zehnte Jahr, Nein, immer, wo er sumpsendes Wasser sah, Sehnsüchtig hinankroch! Zweite Gegenstrophe. Doch nun, weil er den Sohn rühmlicher Ahnherrn fand, Wird er glücklich und groß aus dem Geschick ersteh'n: Auf meerwandelndem Boot führt ihn der Retter heim, Nach viel Monden, zum vaterländ'schen Wohnsiz Melischer Meerjungfrau'n, An Spercheios' Gestad, wo sich der Held, prangend in eh'rnem Schild,[OCR transcription; compare the scan.] Der Held, prangend in ehernem Schild“, (bei den Späteren mit Keule und Löwenhaut bewaffnet,) ist Herakles, der, rasend geworden, auf dem Deta sich verbrannte, und aus der Flamme zur olympischen Götterwohnung aufstieg. Printed p. 352 Zum Göttersiz aus göttlicher Glut empor Hob über dem Deta. (Neoptolemos und Philoktetes treten aus der Höhle.) Neoptolemos. Philoktetes. Der Chor. Neoptolemos. Komm, wenn du willst. Warum verstummst du plözlich so Was hält dich also starr und stumm? Ohn' allen Grund? Ah, ah, ah, ah! Was hast du? Philoktetes. Gar nichts Arges: geh nur weiter, Sohn! Neoptolemos. Wohl fühlst du Schmerzen, da die Krankheit nahe dringt? Philoktetes. Nein, wahrlich! Eben, mein' ich, wird mir's leichter schon. Ihr Götter, o! Was russt du so die Götter tiefausseufzend an? Sie sollen hülfreich lindernd uns als Retter nah'n. Ah, ah, ah, ah! Neoptolemos. Was widerfuhr dir? Sagst du's nicht? Verharrst du ganz In Schweigen? Denn ein Leiden quält dich offenbar. Ich bin verloren! Philoktetes. Nimmer kann ich, Sohn, die Qual Vor euch verhehlen. Götter, ha! Durch dringt sie, durch, Durch dringt sie: weh, ich Armer, Unglückseliger! Ach Kind, o weh! Ich bin verloren! Wie es zehrt! Ach wehe, weh! Weh, weh, o weh! Ach wehe, weh! Bei allen Göttern, wenn du hier in der Nähe, Sohn, Zur Hand ein Schwert hast, triff des Fußes Spize; flugs, Flugs hau' ihn ab, und schone meines Lebens nicht! O thu's, Kind! Neoptolemos. Welch neues Grauen faßte dich so plözlich, daß Du solch Gewinsel und Gestöhn um dich erhebst? Du weißt, o Kind Was? Nichts weiß ich. Philoktetes. Sohn, du weißt - Was red' ich noch? Wie? Du weißt es nicht? Ach wehe, weh! Neoptolemos. Schwer drückt der Krankheit Bürde dich, Unglücklicher! Philoktetes. Schwer wahrlich, graunvoll, namenlos: erbarm dich mein! Was kann ich thun? Erschrocken, laß nicht ab von mir: In gleichem Irrlauf kommt der Schmerz nach langer Frist, Sobald er sich gesättigt. Neoptolemos. Ach, Unseliger, Durch all die Leiden offenbar Unseliger! Verlangst du, daß ich fassen dich und halten soll? Philoktetes. Nicht dies verlang' ich; aber nimm den Bogen hier, Wie du mich eben batest, und bis diese Pein Des Leidens nachläßt, dessen Wuth mich jezt befiel, Bewahre mir und hüt' ihn. Denn mich faßt der Schlaf, Sobald die Qual ihr vorbestimmtes Ziel erreicht; Und früher ist kein Ende. Doch dann lasse man Mich ruhig schlummern. Aber wenn in dieser Zeit Die Männer kommen, dann, bei Zeus, gebiet' ich dir: Nicht willig, noch gezwungen, noch durch List verlockt, Laß ihnen diesen, daß du nicht zugleich dich selbst Und mich ermordest, deinen Schuzbefohlenen. Neoptolemos. Auf meine Vorsicht darfst du bau'n; nur ich und du Empfangen ihn; mit gutem Glücke reich' ihn her! Philoktetes. Hier, nimm ihn; doch versöhne, Kind, der Götter Neid,[OCR transcription; compare the scan.] Der Besiz des göttlichen Bogens könnte den Neid der Götter herausfordern, wie hohes Glück überhaupt den Neid der Götter erregt, wie auch das Leben des ersten Besizers, des Herakles, durch stete Kämpfe ausgefüllt war, und Philoktetes lange Jahre auf Lemnos hatte leiden müssen. # e 762 Der Kephallener ist Odysseus. S. zu V. 258. 770 Da der Todesgott zaudert, so soll Neoptolemos ihn in „das lemnische Feuer" (den feuerspeienden Berg Mosychlos) werfen, das er schon oft angerufen, wenn er sich den Tod wünschte, wie er selbst einst dem Herakles (dem Sohn Kronions) behülflich gewesen, als er auf dem Deta sich verbrannte. Printed p. 353 Daß dir die Wehr nicht Schmerzen, nicht Verderben bringt, Wie mir und jenem, welcher sie vor mir besaß. Neoptolemos. Götter, dies verleihet uns; verleihet ihr Uns frohe Fahrt mit gutem Wind, wohin ein Gott Uns will geleiten und der Zug bereitet wird! Philoktetes. Ich fürchte, Jüngling, dein Gebet wird eitel sein: Denn wieder quillt aus tiefer Wunde mir das Blut In dunkeln Tropfen, und mir ahnt ein neuer Sturm. weh! Ach! Weh, wehe, Fuß! Ha, welche Marter schaffst du mir! Es schleicht her, Es dringt heran stets näher; weh mir Armen, weh! Da seht ihr Alles; aber, ach, flieht nicht von mir! Ah, ah, ah! Kephallener, möchte doch an deiner Brust Durchbohrend hasten dieser Schmerz! Ach wehe, weh! Ja, wehe nochmals! Und des Heers Anführer ihr, Agamemnon und Menelaos, daß an meiner Statt Ihr diese Krankheit nährtet, und gleich lange Zeit! Weh, weh mir! O Tod, o Tod! Du, den ich also jeden Tag Ohn' Unterlaß anrufe, was erscheinst du nie? Mein Trauter du, mein Edler, komm und fasse mich, Verbrenne mich in Lemnos' Flammengluten dort, Den oft von mir geruf'nen! Hab' ich selber doch Dem Sohn Kronions ehemals für diese Wehr, Die jezo du bewahrest, gleichen Dienst erzeigt. sprich, Sohn! sprich! Du schweigst? Wo waren deine Sinne, Kind? Neoptolemos. Schon lange leid' ich und bejammre dein Geschick. Philoktetes. Doch sei getrost auch, theures Kind; denn diese Qual Ist immer heftig, wenn sie kommt, und scheidet schnell. Nur Eines bitt' ich, laß allein mich nicht zurück. Getrost! Ich bleibe. Bleibst du? Neoptolemos. Traue meinem Wort. Philoktetes. Durch einen Eidschwur will ich dich nicht binden, Sohn. Neoptolemos. Ist, ohne dich zu kommen, mir doch nicht erlaubt. Philoktetes. Gib mir die Hand zum Pfande. (ihm die Hand reichend) Neoptolemos. Nimm! Ich bleibe hier. (seine Hand haltend, und nach der höher liegenden Felsenhöhle deutend) Philoktetes. Dorthin ja dorthin Neoptolemos. Wie? Wohin? Philoktetes. Nach oben dort Neoptolemos. Wie sprichst du sinnlos, schaust die Sonne droben an? Philoktetes. laß mich, laß mich - Neoptolemos. Und wohin? Philoktetes. laß mich doch! Neoptolemos. Ich muß dich halten. Philoktetes. Dein Berühren tödtet mich. (läßt seine Hand los) Neoptolemos. Nun, bist du deiner mehr bewußt, so lass' ich dich. Philoktetes. nimm mich, Erde, wie ich bin, den Sterbenden! Denn nimmer aufrecht stehen läßt mich diese Qual. (er sinkt zurück und entschlummert.) Neoptolemos. In kurzer Zeit, so scheint es, wird der Schlaf den Mann Befallen: auf den Nacken sinkt sein Haupt zurück; Herab in Tropfen quillt der Schweiß am ganzen Leib, Und unterhalb am Fuße brach die Ader auf, Das schwarze Blut ausströmend. Laßt, o Freunde, denn Ihn ruhig liegen, daß er sinkt in süßen Schlaf. Strophe. Der Chor. Schlummer, des Grams und der Sorge vergessender Gott, sanft anhauchend erschein' uns, Du Labsal unserem Dasein, komm! Halte vom Aug' ihm fern Dies Licht, das über der Erde wallt! Erschein' uns, Heilbringer! (zu Neoptolemos) Du Jüngling, sich zu, wo du Stehst, wohin du gehst, und was uns weiter Zu thun sei! Schon weißt du's: Was säumst du noch länger? Die gelegene Zeit, Rath schaffend in Allem, Gewinnt, rasch ergriffen, glorreichen Sieg. Neoptolemos. Wohl, er vernimmt nichts mehr. Doch glaube mir, daß wir des Bogens Beute vergeblich errungen, entschiffen wir ohne den Mann hier. Denn sein wartet der Kranz, ihn hieß uns bringen die Gottheit. Unvollendeter That mit Lug sich zu rühmen, wie schmachvoll! Gegenstrophe. Der Chor. Solches, o Jüngling, ordnen die Ewigen: Doch, gibst du mir Antwort wieder, Ganz leise nur, leise nur (hörst du, Kind?) Sende zu mir dein Wort. Denn schlaflos ist ja der Kranken Schlaf, Und lauscht, und sieht Alles. Doch suche, wähl' aufs Beste, Spähe still und heimlich, sorgsam spähe Mir, was du thun willst, aus. Von wem ich hier rede, Das weißt du ja: stimmt dein Wille zu seinem, Entwirrt selbst ein Kluger solch Wirrsal kaum. Schlußgesang. Fahrwind athmet ja, Fahrwind, Sohn! Hülflos liegt er und augenlos, Der Mann hier, nächtlich im Schlafe gestreckt, (Willkommener Schlaf uns!) Weder der Hand noch dem Fuße gebeut er, Nein, als läg' er im Schooße des Aïdes, So blickt er. Sprich, was an der Zeit ist! Dies eine nur, o Sohn, wurde mir klar: Wagst du furchtlos, glückt die That wohl. Neoptolemos. Nun schweiget, sag' ich, seid gefaßt und unverzagt! Der Mann bewegt die Augen und erhebt das Haupt. (erwachend) Philoktetes. Licht, dem Schlummer folgend, und o treuer Schuz Von diesen Fremden, über all Erwarten treu! Denn nimmermehr, o Jüngling, hätt' ich das gedacht, Daß du zurück hier bliebest und, ein Helfer mir, So voll Erbarmen meine Noth abwartetest. Das haben Atreus' Söhne ja, die trefflichen Heerfürsten, auszudulden nicht den Muth gehabt. Doch dein Gemüth ist edel, du bist edlen Stamms; Deßhalb, o Kind, ertrugst du dieses Alles leicht, Umringt von eklem Moderdust und Wehgeschrei. Und jezo, weil mir süße Rast, ein linderndes Vergessen dieser Schmerzen, Kind, zu kommen scheint, Erhebe du mich, richte du mich auf, o Kind, Daß wir, sobald mich endlich läßt die Mattigkeit, Zum Schiffe gehen und sofort von dannen zieh'n. Neoptolemos. Wie freut mich's, athmend über mein Verhoffen dich Und offnes Auges noch zu seh'n und sonder Schmerz, Da bei dem Anfall, welcher dich gebunden hielt, Uns alle Zeichen deinen Tod verkündeten! Nun stehe selbst auf, oder, wenn dir's lieber ist, Laß dich von diesen tragen; denn sie scheuen nicht Die Mühe, wenn es also dir und mir gefällt. Philoktetes. Ich danke, Jüngling: hebe mich, wie dir's beliebt; Doch diese laß nur, daß sie nicht der ekle Duft, Bevor es sein muß, quäle; denn im Schiffe selbst Bringt ihnen meine Gegenwart noch Qual genug. (den Arm bietend) Neoptolemos. So sei es: doch nun stehe selbst und halte dich. (sich aufrichtend) Philoktetes. Sei ruhig; langgeübter Brauch hat mich's gelehrt. Neoptolemos. Götter! Was beginnen, was nun weiter thun? Philoktetes. Was hast du? Wo gerathen deine Sinne hin? Neoptolemos. Das Wort versagt mir, und ich weiß nun keinen Rath. Philoktetes. Wo bist du rathlos? Rede mir nicht also, Kind. Neoptolemos. Doch mitten sind' ich mich bereits in solcher Noth. Dich hat doch meines Uebels Last nicht umgestimmt, Daß, mich an Bord zu nehmen, dich gereuen will? Freund, Alles ist uns lästig, wenn wir, unsrer Art Untreu geworden, üben, was uns nicht geziemt. Philoktetes. Doch nichts von deines Vaters Art Abweichendes Thust oder sprichst du, wenn du hilfst dem edlen Mann. Neoptolemos. Schlecht werd' ich dastehn: dieses drückt mich lange schon. Philoktetes. In deinem Thun nicht, doch mir bangt, in deinem Wort. Neoptolemos. Zeus, was beginn' ich? Zeig' ich abermals mich schlecht, Das Wahre bergend, schnöden Trug verkündigend? Philoktetes. Der Mann, berückt mich anders nicht ein falscher Wahn, Zieht seines Weges und verläßt mich treulos hier. Neoptolemos. Mit nichten; aber daß du nicht zu deinem Leid Mein Schiff besteigest, dieses drückt mich lange schon. Philoktetes. Wie meinst du das, o Jüngling? Ich verstehe nicht Neoptolemos. Nichts will ich bergen: Freund, du mußt nach Ilion Zum Heer Achäa's und des Atreus Söhnen zieh'n. Philoktetes. Was sagst du? Weh mir! Neoptolemos. Samm're nicht, bevor du hörst - Was soll ich hören? Was gedenkst du mir zu thun? Ich will zuerst von deinem Uebel dich befrei'n, Und dann mit dir die Troerveste stürzen geh'n. Philoktetes. Du denkst im Ernste das zu thun? Neoptolemos. Die strenge Noth Gebeut mir also: zürne nicht, vernimmst du dies. Philoktetes. Ich bin verloren, bin verkauft! Was hast du mir Gethan, o Fremdling? Mein Geschoß gib gleich zurück! Neoptolemos. Das ist unmöglich; denn die Pflicht und eignes Wohl Heißt mich gehorsam achten auf der Herrscher Wort. Philoktetes. Du Feuerbrand, du Grauen, du feindseliges Gewebe falscher Trügerei, wie thust du mir, Wie hast du mich betrogen, und erröthest nicht, Mich Schuzbefohl'nen, Fleh'nden anzuseh'n, o Schalk? Den Bogen raubend, raubtest du mein Leben mir. Ach gib, ich flehe, gib mir ihn zurück, o Kind; Bei deiner Ahnen Göttern, nimm mein Leben nicht! Weh, wehe! Nicht mit einem Laut entgegnet er: Nein, wie ihn nie zu lassen, blickt der Arge weg. Ihr Buchten dort, ihr schroffen Felsabhänge, du Bergwild, Genosse meines Grams, ihr Klippen hier, Euch klag' ich keinem Andern ja vermag ich es, Ihr seid zugegen, hört mich stets in meinem Leid Euch klag' ich, euch, was mir Achilleus' Sohn gethan: Führt mich nach Troja, der mich heimzuführen schwur, Gibt mir die Hand zum Pfande, raubt das heilige Geschoß, Herakles' Bogen, mir, des Sohns von Zeus, Und will zur Schau mich stellen vor Achäa's Heer! Wie einen Starken führt er mit Gewalt mich fort, Nicht ahnend, daß er Luftgebild' und Leiche schlägt, Des Rauches Schatten. Hätt' ich Kraft, er sing mich nie; Denn auch den Kraftberaubten fing er nur mit List. Nun - so betrogen, was beginn' ich Armer nun? Gib mir zurück ihn, werde wieder, der du warst! Was ist's? Du schweigst. Ich bin vernichtet, wehe mir! Du Fels mit deinem Doppelthor, ich schleiche nun Nackt, ohne Nahrung, wiederum zu dir zurück; Einsam verschmachten werd' ich hier in dieser Kluft, Und kein beschwingter Vogel noch des Berges Wild Erliegt von diesen Pfeilen mehr; selbst werd' ich todt Ein Mahl für jene, deren Fleisch mich sättigte, Und, die zuvor ich jagte, jagen nun mich selbst. Mit meinem Tode büß' ich Armer ihren Tod Durch diesen, der kein Böses mir zu kennen schien. Noch lebe, stirb nicht, eh' ich weiß, ob etwa noch Dein Sinn sich wendet; anders stirb des Bösen Tod! Der Chor. Was thun wir? Nun steht's, Herr, bei dir, mit uns an Bord Zu gehen oder seinem Wunsch gerecht zu sein. Neoptolemos. Mich hat ein bittres Schmerzgefühl um diesen Mann Ergriffen, nicht erst eben jezt, nein, lange schon. Philoktetes. Erbarmen, Sohn! Bei'm Himmel, biete nicht dich selbst Der Welt zum Hohne, daß du mich betrogen hast. Neoptolemos. Weh, was beginn' ich? Hätt' ich doch mein Skyros nie Verlassen! Also schmerzt mich, was ich leiden muß. Philoktetes. Kein Böser bist du; Böse nur verlockten dich Zum Argen, scheint es; aber laß den Schlechten nun Das Schlechte, mir gib meine Wehr und segle fort. Neoptolemos. Was thun wir, Männer? Odysseus (tritt schnell hervor.) Die Vorigen. Odysseus. Bösewicht, was willst du thun? Tritt gleich zurück, und gib mir diesen Bogen her. Philoktetes. Wer ist der Mann? War das Odysseus' Stimme nicht? Odysseus. Gewiß, Odysseus' Stimme; mich erblickst du hier. Philoktetes. Verkauft, verloren bin ich, ach! Der also war's, Der mich gefangen, der die Pfeile mir entwandt! Odysseus. Gewiß, ich selbst, kein Andrer; frei bekenn' ich es. Philoktetes. Sohn, gib den Bogen, laß mir ihn! Odysseus. Das wird er nie, Auch wenn er wollte; nein, du selbst auch mußt mit ihm Von hinnen, oder schleppen sie mit Zwang dich fort. Philoktetes. Mich? Du, der Schlimmen Schlimmster und Verwegenster, Die mich gewaltsam? Odysseus. Wenn du nicht freiwillig gehst. Philoktetes. O Infelland von Lemnos, allgewaltige Glut aus Hephästos' Esse, das denn duldet ihr, Daß dieser mich gewaltsam euren Höh'n entführt? Odysseus. Zeus, wisse das, Zeus ist es, dieses Landes Herr, Zeus, der es so geboten, und ich führ' es aus. Philoktetes. Ruchloser, welche Reden sinnst du kecklich aus? Vorwendend Götter, machst du Götter lügenhaft.[OCR transcription; compare the scan.] Du machst die Götter zu Lügnern; denn ich werde auf keinen Fall mit euch nach Troja gehen." Printed p. 353 Odysseus. Nein, sondern wahrhaft. Wandeln mußt du diesen Pfad! Ich sage: nein! Und ich gebiet' es, du gehorchst! Philoktetes. Weh, weh mir Armen! Also hat mich offenbar Zum Knecht gezeugt mein Vater, nicht zum freien Mann! Odysseus. Nein, als den besten Männern gleich, mit welchen du Die Zinnen Troja's stürmen und zerstören sollst. Philoktetes. Niemals, und müßt' ich jedes Leid erdulden auch, So lange mir die jähe Felsenstufe bleibt! Was willst du thun? Odysseus. Vom Felsen stürz' ich mich sofort, Zerschmettre blutig dieses Haupt am Felsen hier. Ergreift ihn: nimmer stehe das in seiner Macht! (Philoktetes wird von den Knechten ergriffen und an den Händen festgehalten.) Philoktetes. Hände, was erduldet ihr, die nun, beraubt Der trauten Sehne, dieser Mann gebunden hält! Du, welcher nie das Reine, nie das Edle denkt, Wie hast du mich beschlichen, wie gefangen und Den Knaben vorgeschoben, der mir unbekannt, Unwürdig deiner, aber mein wohl würdig war, Der Nichts gewußt hat, als zu thun, was du befahlst, Der aber jezt schon offenbar mit Schmerzen fühlt, Was er verschuldet, und das Leid, das ich erfuhr. Dein böser Sinn nur, welcher stets im Winkel lauscht, Hat ihn, den arglos Blöden, Widerstrebenden Wohl unterwiesen, klug zu sein in arger List. Nun denkst du mich gebunden weg von diesem Strand Zu führen, Frevler, wo du mich einst ausgesezt Freundlos, verlassen, fern von Haus, im Leben todt! Weh! Tod dir! Ich flehte dieses oft auf dich herab; Doch nichts Erwünschtes theilen mir die Götter zu; Du lebst in Freuden, aber ich empfinde Schmerz Darüber, daß ich lebe, leb' in schwerer Dual, Von dir verspottet und den zwei Heerfürsten dort, Den Söhnen Atreus', welchen du dies Werk bestellst. Du wurdest gleichwohl mitzuzieh'n durch Zwang und List[OCR transcription; compare the scan.] Durch die List des Palamedes, durch die der verstellte Wahnsinn des Odysseus entlarvt und er gezwungen ward, nach Ilion mitzuziehen: s. zu V. 73. Sophokles v. Donner. I. 8. Aufl. Printed p. 353 Genöthigt; mich Verlor'nen, der freiwillig zog Mit sieben Masten, warfen sie mit Schmach hinaus,[OCR transcription; compare the scan.] Mit sieben Schiffen zog Philoktetes gegen Troja nach Jl. 2, 716 ff. Printed p. 354 Wie du behauptest; jene geben dir die Schuld. Und nun wozu, was bindet, was entführt ihr mich, Mich, der ein Nichts ist und für euch schon lange todt? Was hältst du, Gottverhaßter, nun mich nicht für lahm, Für übelriechend? Wie, von mir begleitet, könnt Ihr noch den Göttern opfern, wie noch Spenden weih'n? Mich auszustoßen, hast du dies ja vorgewandt. Tod euch! ja, Tod wird treffen euch, die so verrucht An mir gefrevelt, wenn das Recht vor Göttern gilt. Ich weiß, es gilt vor ihnen; niemals wärt ihr ja Den Weg gezogen nach dem Unglückseligen, Wenn nicht ein Götterstachel euch hertrieb zu mir. O Vatererde, Götter, ihr allsehenden, So strafet endlich, endlich doch, o strafet sie, Sie alle, wenn ihr meiner euch erbarmen wollt! Wohl leb' ich elend; aber säh' ich diese nur Vernichtet, glaubt' ich meiner Qual entfloh'n zu sein. Der Chor. In schwerem Zorne sprach der Mann ein schweres Wort Zu dir, Odysseus, das der Noth sich nicht gebeugt. Odysseus. Ich könnte Viel entgegnen auf des Mannes Wort, Wär's mir verstattet; nun vermag ich Eines nur. Wo mir's die Pflicht gebietet, thu' ich wie ich that; Doch wo's gerechte, tugendhafte Männer gilt, Da wirst du keinen frömmern Mann, als mich, erseh'n. Wohl drängt zum Sieg ein angeborner Trieb mich stets, Nur über dich nicht; gerne weich' ich jezt vor dir. So laßt den Mann denn, und berührt nicht weiter ihn; Er möge bleiben! Wir bedürfen deiner nicht; Denn deine Waffen haben wir, und Teukros ist In unserm Heere, wohlbewährt in dieser Kunst, Auch ich, der, traun, nicht ungeschickter dies Geschoß, Als du, zu führen und an's Ziel zu treffen meint. Was braucht es deiner? Lebe wohl auf Lemnos' Höh'n! Wir aber gehen! Mir erringt dein Ehrenlohn Den Ruhm vielleicht noch, welcher dir beschieden war. Philoktetes. Was soll ich thun, ich Armer? Weh! Du willst geschmückt Mit meinen Waffen prangen im Achäerheer? Odysseus. Erwiedre mir Nichts weiter; denn ich gehe schon. Philoktetes. Sohn Achillens, werd' ich keines Wortes mehr, Auch nicht von dir, gewürdigt? Gehst du so von mir? (zu Neoptolemos) Odysseus. Du geh und blicke nicht nach ihm aus Mitgefühl, Auf daß du nicht, großmüthig, unser Glück zerstörst. (zu dem Chore) Philoktetes. Auch ihr, o Freunde, wollt allein im öden Land Zurück mich lassen, und erbarmt euch meiner nicht? Der Chor. Der Jüngling hier ist unser Schiffsgebieter, und Was er zu dir sagt, eben dies auch sagen wir. Neoptolemos. Wohl wird Odysseus, daß ich voll Erbarmen sei, Mich tadeln; dennoch bleibet, wenn es dieser wünscht, So lange Zeit noch, bis die Schiffer Alles dort Zur Fahrt bestellt und wir die Götter angefleht. Und er besinnt sich unterdeß auf Bess'res wohl Für unsern Vortheil. Doch wir beide brechen auf, Und ihr, sobald wir rufen, kommt in Eile nach. (Odysseus und Neoptolemos ab.) Philoktetes. Der Chor. Erste Strophe. Philoktetes. tiefhöhliges Felsgemach, Warmes, kühles Gewölbe du, Also werd' ich Gequälter dich Nie mehr lassen, du wirst dereinst Auch im Tode mir beisteh'n! weh, weh mir! Unglückselige Grotte du, Meiner bittersten Klagen voll! Was soll fürder mich nähren? Wo vermag ich zu hoffen, daß Einer mit Speisen erquicke mich Darbenden? daß hoch empor Vögel mit sausendem Schwung in die Lüfte mich Entrafften! Nicht mehr wehr' ich's. Zweite Strophe. Der Chor. Du selbst, du selbst erkorst dir dieses, Unseliger; ja, kein Andrer sonst, Kein Größerer band dich an dieses Geschick. Dein war die Wahl des Bessern; Aber das Heil hast du verschmäht, und dir erwählt das Schlimm're. Erste Gegenstrophe. Weh, weh über mich Elenden, Abgemüht von des Leidens Hohn! Der verlassen hinfort, und nie Einem Sterblichen mehr gesellt, Hier dem Tode zum Raub wird, (weh, wehe!) Der nicht Speise nach Hause mehr Schafft, nicht durch die beschwingte Wehr Sie mit kräftigen Armen Hascht; denn nimmer geahnt beschlich Mich das betrügliche Wort des Verschlagenen! Ha, wohl möcht' ich ihn, Der es ersonnen, an gleiche Bekümmerniß Gleich lange Zeit gebannt seh'n! Zweite Gegenstrophe. Die Götter thaten dir's, die Götter; Kein täuschender Trug von meiner Hand Umfing dich: o wirf den verwünschenden Fluch Des Mißgeschicks auf Andre! Bangt es mir doch, daß du den wohlwollenden Sinn verscherzest. Dritte Strophe. Philoktetes. Weh mir, weh! An der grauen See Strande sizt er und spottet wohl Mein und schwingt in den Händen Meine lebenerhaltende Wehr, die noch kein Sterblicher trug. Trauter Bogen, der trauten Hand Durch schamlose Gewalt entrückt! Wurde Gefühl dir verlichen, so siehest du Mitleidig auf mich armen Diener des Herakles, Welcher hinfort dich nimmer bedienen wird! Den Herrn wechselnd, wirst du jezt Von dem listigen Frevler gehandhabt; Du siehst den schmachvollen Betrug, Siehst ihn, den haßwürdigen Feind, Der zu dem Leid, das er zuvor schon mir ersann, zahllose Schmach hinzufügt. Vierte Strophe. Der Chor. Männern ziemt es, das Gute recht zu nennen; Thust du dies, dann stoße den Groll Nicht in Worten des Hasses aus. Er bringt, Einer von Vielen Ausgesandt, auf ihren Befehl Seinen Freunden die langersehnte Hülse. Dritte Gegenstrophe. Philoktetes. Ihr hochschwebenden Vögel, ihr Thiergeschlechter mit wildem Blick, Weidend hier in den Bergen, Niemals naht ihr aus Höhlen mir Mehr, um wieder zu flieh'n; dem Arm Fehlt des alten Geschosses Kraft: Weh mir! Iammer umringt mich nun! Kommet (ihr dürft euch nicht vor dem Lahmen mehr, Der hier zurückbleibt, fürchten,) Kommet herbei, nach Lust Euch mit dem Morde der Rache zu sättigen Am bleich abgezehrten Fleisch; Bald werd' ich ja scheiden vom Leben: Denn wo gelangt Speise zu mir? Wen kann die Luft sättigen, wenn Aller Genuß stets ihm gebricht, welchen der Erd' heiliger Schooß heraufschickt? Vierte Gegenstrophe. Der Chor. Bei Zeus, wenn du den Fremdling ehrst, o nah' ihm, Der dir naht, mit gütigem Sinn, Wiss' es wohl, zum Heile dir selbst, Dieser Dual zu entrinyen! Graunvoll schwelgt sie; wen sie befiel, Nimmer lernt er die Pein ohn' Ende tragen. Philoktetes. Schon wieder, wieder rufst du mein altes Leid mir zurück, Du Bester, der mir je genaht! Was quälst du, was verderbst du mich? Der Chor. Wie meinst du dieses? Philoktetes. Weil du mich in's troische Land Willst, in das mir feindselige, führen. Dies acht' ich für das Beste. So verlaßt mich ohne Säumen! Der Chor. Gern hör' ich, was du mich thun heißest, und folge dir willig. Wir gehen, wir gehen, Nehmen im Schiff unsern Plaz ein! (will gehen.) Philoktetes. Bleibet, o bleibt, fleh' ich, bei Zeus, welcher den Fluch schrecklich erfüllt! Mäßige dich! Fremdlinge, weh! Fliehet mich nicht! Der Chor. Welches Geschrei? Philoktetes. Ach, ach, ach, ach! Geschick, o Geschick! Ich vergeh' in der Qual! Fuß, o Fuß, was soll ich hinfort Noch mit dir in dem Leben thun? Kommet, o Fremdlinge, wendet zurück euch! Der Chor. Was zu thun? Um wieder zu geh'n, Wie du früher mir schon bedeutet? Philoktetes. Nicht scheltet den Mann, der Trauernd irrt in stürmischer Qual, Sprach er wider Vernunft ein Wort! Der Chor. Geh, wir gebieten es dir, Unseliger! Nie, sei dessen gewiß, nie folg' ich dir, Nie, und käme der Donnerer flammend, Sengte mich hin mit den Gluten des Donners! Nieder mit Ilion, nieder mit Allen Dort, die frech das Gelenke des Fußes mir Stießen in's Elend! Aber, o Fremdlinge, Eins, nur Eines gewährt dem Verlangenden! Welches Begehr? Sprich! Philoktetes. Habt ihr ein Beil wo, Oder ein Schwert, ein Geschoß, o bringt es mir! Der Chor. Was zu beginnen damit, Unglücklicher? Philoktetes. Abhau'n will ich das Haupt und die Glieder mir: Nach Mord, Mord steht mir der Sinn jezt. Der Chor. Warum? Philoktetes. Den Vater such' ich. Der Chor. Und wo? Philoktetes. Im Hades; Denn er lebt nicht mehr im Licht. Theures, geliebtes Vatergebiet, Könnt' ich doch dich wiederseh'n, ich armer Mann, Welcher deinen heiligen Strom Verließ, mit den Verhaßten zog Als Helfer, und jezt ein Nichts ist! (er geht in die Höhle.) Der Chor. Von hinnen eilend würden wir jezt lange schon In unfres Schiffes Nähe sein, erblickten wir Nicht hier Odysseus, dort Achilleus' edlen Sohn, Die gegen uns die raschen Schritte zugewandt. Odysseus. Neoptolemos. Der Chor. Odysseus. Du mußt mir sagen, was du diesen Weg so schnell, Mit solchem Eifer wiederum zurückgekehrt. Neoptolemos. Den Fehl zu sühnen, welchen ich zuvor beging. Odysseus. Ein schweres Wort, ich staune: was war dein Vergeh'n? Neoptolemos. Daß dir ich folgend und Achäa's ganzem Heer Odysseus. Welch eine That begingst du, die dir nicht geziemt? Neoptolemos. Mit schnöden Listen, mit Betrug den Mann umstrickt. Odysseus. Wen? Weh mir! Doch nichts Unbedachtes sinnst du da? Neoptolemos. Nichts Unbedachtes! Pöas' Sohne wollt' ich nur Odysseus. Was willst du thun? Der Schrecken übermannte mich - Neoptolemos. Den ihm geraubten Bogen hier jezt wiederum Odysseus. Was hör' ich! Zeus! Ihn wiedergeben, willst du das? Neoptolemos. Ich habe schmählich, ohne Recht, ihn mir geraubt. Odysseus. Bei allen Göttern! Mich zu kränken, sagst du dies? Neoptolemos. Wenn dir, die Wahrheit sagen, eine Kränkung ist. Odysseus. Wie, Sohn Achillens? Welches Wort vernahm ich da? Neoptolemos. Zweimal und dreimal soll ich Eins wohl wiederkäu'n? Odysseus. Ich wollte, daß ich's nicht gehört das eine Mal. Neoptolemos. So sei versichert: Alles hast du klar gehört. Odysseus. Er lebt, er lebt noch, der es dir zu thun verwehrt. Neoptolemos. Was sagst du? Wer ist, der mir das verwehren will? Odysseus. Das ganze Heer von Argos, und in diesem ich. Neoptolemos. So klugen Sinnes, sprichst du da kein kluges Wort. Odysseus. Du bist in Worten weder klug, noch klug im Thun. Neoptolemos. Wohl, wenn gerecht nur: besser dies, als kluge List. Odysseus. Und kann's gerecht sein, was dir erst mein Rath erwarb, Nun wieder hinzugeben? Neoptolemos. Ich versuche mur Das gutzumachen, was ich schnöd vorhin gefehlt. Odysseus. Das Heer Achäa's scheust du nicht bei solcher That? Neoptolemos. Hab' ich das Recht zur Seite, schreckt dein Droh'n mich nicht, Und mein Entschluß wankt nimmer, brauchst du auch Gewalt. Odysseus. Nicht also Troja's Söhne, dich bekämpfen wir. Neoptolemos. Es komme, was da wolle! Odysseus. Siehst du meine Hand Neoptolemos. Auch mich sollst du gleich Den Griff des Schwertes fassen? Dasselbe hier thun sehen, und ich zögre nicht. Odysseus. Doch nein, ich will dich lassen und dem ganzen Heer Die Sache kundthun: dieses wird dich züchtigen. (geht ab.) Neoptolemos. Da denkst du weise: wenn du so auch fürder denkst, So hältst du sicher deinen Fuß vor Leid bewahrt. Du Sohn des Pöas, Philoktetes, höre mich, Verlasse dieses Felsendach und komm heraus! Philoktetes tritt aus der Höhle. Neoptolemos. Philoktetes. Was tönt an meiner Höhle hier ein neuer Lärm? Wozu mich rufen? Was begehrt ihr, Fremdlinge? (erblickt den Neoptolemos.) Ach, etwas Uebles ist es! Seid ihr wieder da, Und bringt zum alten Leide mir ein großes Leid? Neoptolemos. Getrost! Vernimm erst, was ich kam dir kundzuthun. Philoktetes. Mir bangt. Zuvor ja kam ich schon in tiefes Leid Durch schöne Worte, weil ich deinem Wort vertraut. Neoptolemos. Unmöglich also wäre Sinnesänderung? Philoktetes. So warst du deinen Worten nach auch redlich und Voll Tück im Herzen, als du mir den Bogen stahlst. Neoptolemos. Doch nun gewiß nicht. Aber laß mich hören, ob Du hier zu bleiben unverrückt entschlossen bist, Ob mitzuschiffen. Philoktetes. Schweige, sprich nicht weiter mehr! Denn was du sagst auch, Alles ist umsonst gesagt. Du bleibst darauf? Und fester, als ich's sagen kanu. Neoptolemos. Wohl möcht' ich lieber, daß du meinen Worten, Freund, Dich fügtest: aber wenn ich ungelegen dir Geredet, schweig' ich. Philoktetes. Jedes Wort wär' auch umsonst. Wohlwollend stimmst du meinen Sinn niemals für dich, Du, der mit arger Tücke mir den Unterhalt So schnöd' entwandt hat, und darauf mit Mahnungen Mir kommt, des besten Vaters ungerath'ner Sohn! Tod euch, des Atreus Söhnen, euch vor Allen, dann Dir und Laertes' Sohne! Neoptolemos. Nicht mehr fluche mir! Nimm hier von meinen Händen dein Geschoß zurück. Philoktetes. Wie sagst du? Werd' ich abermals durch List berückt? Neoptolemos. Ich schwöre bei der heil'gen Macht des höchsten Zeus Philoktetes. theure, liebe Laute, wenn du's redlich meinst! Neoptolemos. Gleich wird's die That bewähren: strecke nur getrost Die Hand daher, und werde deiner Waffen Herr! Odysseus (plözlich zurückkommend.) Die Vorigen. Und ich verbiet' es Odysseus. Zeugen sind die Götter mir! Im Namen der Atriden und des ganzen Heers. Philoktetes. Kind, wessen Worte waren dies? Vernahm ich nicht Die Stimm' Odysseus'? Odysseus. Allerdings, und siehst ihn hier, Der dich zu Troja's Eb'nen mit Gewalt entführt, Der Sohn Achillens woll' es, oder woll' es nicht. (den Bogen spannend) Philoktetes. Doch nicht zu deinem Heile, wenn mein Bogen trifft! Neoptolemos. Ha, nimmer! Bei den Göttern! Laß die Pfeile ruh'u! Philoktetes. Frei laß die Hand mir, bei den Göttern, liebes Kind! (Odysseus entfernt sich eilig.) Neoptolemos. Das werd' ich nimmer! Philoktetes. Wehe! Was verwehrst du mir, Mit meinem Pfeil zu tödten solch verhaßten Feind? Neoptolemos. Das wäre wahrlich weder mir noch dir ein Ruhm. Philoktetes. So wisse dieses Eine, daß die Fürsten dort, Die Lügenboten im Achäerheere, feig[OCR transcription; compare the scan.] Lügenboten heißen die Fürsten des Heeres als diejenigen, die lügnerische Beschlüsse verkündigen und die wahren Beweggründe derselben verläugnen. Printed p. 354 Im Lanzenkampfe, muthig nur in Worten sind! Neoptolemos. Es sei! Du hast den Bogen, und es bleibt dir Nichts, Weßhalb du zürnen oder mich anklagen kannst. Philoktetes. Ich stimme bei. Schön hast du deinen Stamm bewährt, Aus dem du sprossest, Jüngling: nicht von Sisyphos, Vom Sohn des Peleus stammst du, der im Leben einst Der beste Held hieß, nun der Todten größter heißt. Neoptolemos. Mit Freuden hör' ich, wie du meinen Vater lobst Und mich: vernimm nun, was du mir gewähren sollst. Wohl muß der Mensch die Loose, die der Götter Rath Auflegt, ergeben tragen als Nothwendigkeit; Doch wer in selbsterwähltem Leid gefangen ist, Wie du, verdient es nimmer, daß nachsichtig ihm Verziehen werde, daß man ihm Erbarmen schenkt. Du bist erbittert, weisest ab des Freundes Rath, Und wenn dich Einer wohlgesinnt verweisend warnt, Dem zürnst du wie dem Gegner, siehst als Feind ihn an. Und dennoch sag' ich's, rufe Zeus, des Eides Gott, Und du bedenk' es, schreib' es tief in deine Brust: Dies Leiden ward von Göttern über dich verhängt, Weil du der Schlange nahtest, Chryse's Hüterin,[OCR transcription; compare the scan.] Ms Nymphe hat Chryse kein Heiligthum, wie die Götter, wohl aber einen geweihten eingehegten Raum unter freiem Himmel. Diesen bewacht eine Schlange, wie Schlangen auch sonst als Wächter von geweihten Orten gedacht wurden. Printed p. 354 Die dort den obdachlosen Herd geheim bewacht. Und wisse: niemals findest du des Leides Ziel, Der schweren Krankheit, nie, solang die Sonne hier Aufsteigt und wieder dort hinab zum Meere sinkt, Bevor in Troja's Ebne du freiwillig ziehst, Und auf Asklepios' Söhne triffst in unserm Heer,[OCR transcription; compare the scan.] Asklepios, ein Sohn Apollons, Gott der Heilkunde in der Zeit nach Homer. Seine Söhne waren Podaleirios und Machaon, berühmte Aerzte, welche die Völker aus Ithome, Trikka und Dechalia in dreißig Schiffen vor Flion führten. Jl. 2, 729: Denen von Trikka sodann und den felsigen Höhen Ithome's, Auch von Dechalia rings, des Dechaliers Eurytos Veste, Denen geboten im Kampf Asklepios' Söhne, Machaon Und Podaleirios, beide der Heilkunst würdige Meister. Diese geleitet ein Zug von dreißig geräumigen Schiffen. Printed p. 354 Die deine Qual dir lindern, und die stolze Burg Mit diesem Bogen, im Verein mit mir, zerstörst. Und wie ich solches sicher weiß, erklär' ich dir. Ein Mann vom Troervolke fiel in unsre Hand, Der Seher erster, Helenos, der klar bezeugt, Es müsse so sich fügen, und noch dies dazu: Das Schicksal wolle, daß in diesem Sommer noch Die ganze Troja falle; gerne will er sich Dem Tode bieten, täuscht er uns in diesem Spruch. Nun, da du dies vernommen, gib uns willig nach. Ein schöner Lohn ja wär' es, als der Edelste Des Heers erkoren, erst die Hand, die heilende, Zu finden, dann der Troer vielbeweinte Burg Zu stürzen, hochgefeiert in des Ruhmes Glanz. Philoktetes. Verhaßtes Leben, was erhältst du mich im Licht Noch oben, sendest in die Gruft mich nicht hinab? Weh, was beginn' ich? Kann ich dieses Mannes Wort Mißtrauen, der so wohlgesinnt mir Rath ertheilt? So folg' ich also? Doch wie soll ich Armer dann An's Licht der Sonne treten? Wen, wen red' ich an? Ihr Augen, die ihr Alles saht, was mir geschah, Wie könntet ihr es tragen, daß ich wieder mich Gesellt des Atreus Söhnen, die mich mordeten, Gesellt dem Alverderber dort, Laertes' Sohn? Denn Schmerz um's überstandne Leid nagt nicht an mir; Doch was ich noch von diesen dulden muß, ich kann Es wohl voraussehn. Denn ein Sinn, der Einmal nur Gebar den Frevel, mehr gebiert er Frevel noch. Und voll Verwund'rung seh' ich, was auch du beginnst. Denn weder selber solltest du nach Troja zieh'n, Noch uns an jene fesseln, die dich höhnten, dir Des Vaters Kleinod raubten. Dennoch willst du geh'n, Für sie zu kämpfen, ja du drängst auch mich dazu? Nicht also, Jüngling; sondern wie du mir's beschworst, Geleite mich nach Hause, bleib' in Skyros selbst, Und laß die Bösen untergeh'n in böser Noth. So nimmst du zwiefach einen Dank von mir zum Lohn, Zwiefach vom Vater, und erscheinst, indem du dich Entziehst dem Bösen, nimmerdar den Bösen gleich. Neoptolemos. Du sprichst geziemend; aber doch verlangt es mich, Daß du der Götter hohem Spruch und meinem Wort Vertrautest und von dannen zögst mit deinem Freund. Philoktetes. Du meinst in Troja's Ebne, zum verhaßten Feind, Dem Sohn des Atreus, mit dem schwergetroff'nen Fuß?[OCR transcription; compare the scan.] Der Sohn des Atreus, Agamemnon, wird hier statt der Atriden allein genannt. Printed p. 354 Neoptolemos. Zu jenen, welche deinen Fuß, von Eiter schwer, Dir lindernd heilen, dich befrei'n von deiner Dual. Philoktetes. schnöder, unheilvoller Rath! Was denkst du doch? Neoptolemos. Was dir und mir zum Besten endlich dienen wird. Philoktetes. Und so zu reden, schämst du dich vor Göttern nicht? Neoptolemos. Wie sollte denn sich schämen, wer Gewinn erlangt? Philoktetes. Du meinst für Atreus' Söhne nur, nicht auch für mich? Neoptolemos. Dir wohlbefreundet, red' ich auch als Freund zu dir. Philoktetes. Du, der mich meinen Feinden auszuliefern sinnt? Neoptolemos. Lieber, lern' im Ungemach nicht trozig sein. Philoktetes. Dein Wort, verderben will es mich ich kenne dich! Neoptolemos. Nein, wahrlich; du nur, sag' ich, willst es nicht verstehn. Philoktetes. Doch weiß ich: Atreus' Söhne, die verstießen mich. Neoptolemos. Die dich verstießen, siehe nun, sie retten dich. Philoktetes. Wohl: doch mit freiem Willen seh' ich Troja nie. Neoptolemos. Was soll ich noch beginnen, wenn kein Wort von mir, Wenn keine meiner Bitten dich bestimmen kann? Am besten, ich enthalte mich des Worts, und du Lebst, wie du jezt lebst, ohne Trost und Hülfe fort. Philoktetes. Ja, laß mich Alles dulden, was ich dulden muß. Doch was du mir bei meiner Rechten angelobt, Mich heimzuführen, das gewähre mir, o Kind, Und ohne Säumen; sprich mir nicht von Troja mehr; Denn schon zu viel klang dieser Name meinem Ohr. Neoptolemos. Wenn es dir gefällt, so geh'n wir. Philoktetes. Sohn, du sprachst ein edles Wort. Neoptolemos. Stüze nun beherzt den Fuß auf. Wie es meine Kraft vermag. Aber wie entflieh'n dem Vorwurf unsers Heers? Wenn sie nun mein Land verheeren? Philoktetes. Da sorge nicht. Dann bin ich zur Seite dir Neoptolemos. Welchen Schuz wirst du mir bieten? Philoktetes. Mit Herakles' Pfeilen hier - Neoptolemos. Thust du was? Philoktetes. Halt' ich sie ferne! Neoptolemos. Küsse noch das Land und geh!, (Herakles erscheint auf einer Wolke schwebend.) Herakles. Die Vorigen. Herakles. Nicht ehe, bevor aus unserem Mund Du die Worte gehört, o Pöas' Sohn! Denn wisse, dir tönt in die Ohren der Laut Von Herakles' Stimme, du siehst sein Bild. Ich komm' aus Liebe zu dir und verließ Der Unsterblichen Siz, Zu verkündigen dir die Beschlüsse des Zeus Und zu wehren den Weg, zu dem du dich schickst: So vernimm denn meine Gebote! Vor Allem ruf' ich dir zurück mein eignes Loos, Die Mühen alle, deren Bahn durchkämpfend ich Errang unsterblich Wesen, wie du schauen kannst.[OCR transcription; compare the scan.] Wie du schauen kannst" an meiner von göttlichem Glanz umflossenen Gestalt. Printed p. 354 Auch dir, vernimm es, ist bestimmt dasselbe Ziel, Aus solchen Mühen ruhmgekrönt hervorzugehn. Du ziehst mit diesem Manne vor die Troerstadt, Und wirst zuerst von deiner bittern Qual erlöst; Dann, als der Helden erster auserseh'n im Heer, Vertilgst du Paris, dieses Leids Urheber einst, Mit meinem Bogen aus der Zahl der Lebenden, Und stürzest Troja, wählst des Raubes besten Preis Dir aus vom Heere, sendest ihn dem Vater heim, Dem Pöas, in des Deta heimatliche Flur. Doch andre Beute, welche du vom Heer gewinnst, Die trage hin, als meines Bogens Ehrenmal, Zu meinem Scheiterhausen. Dich auch mahn' ich nun, O Sohn Achillens. Denn du kannst nicht ohne Den Die Troerveste stürzen, er nicht ohne dich: Ein treugeselltes Löwenpaar, behütet euch, Er dich, du ihn! Doch um zu stillen deine Qual, Send' ich zu Troja's Veste dir Asklepios. Zum zweitenmale muß die Stadt durch mein Geschoß[OCR transcription; compare the scan.] Troja war unter der Herrschaft des Laomedon zuerst von Herakles im Verein mit den Söhnen des Aeakos, Peleus und Telamon, erobert worden. Printed p. 354 Gewonnen werden. Wenn ihr dann das Land verheert, Bedenket fromm zu scheuen, was der Götter ist.[OCR transcription; compare the scan.] Nach dem Scholiasten spielt Herakles, außer dem Frevel des kleineren Ajas gegen Kassandra, auf Neoptolemos an, der nach der Einnahme Troja's den greisen Priamos am Altar des Zeus Herkeios erwürgte, und diese Gewaltthat durch seinen Tod zu Delphi büßte. Printed p. 354 Zeus achtet alles Andre ja für niedriger; Die Götterfurcht stirbt mit den Menschen nicht dahin;[OCR transcription; compare the scan.] Der Sinn ist nach Thudichum: Gottesfurcht stirbt nicht mit, wenn die Menschen sterben; in der untergehenden Troja seid ihr derselben nicht überhoben; das Heilige müßt ihr auch dort ehren. Printed p. 354 Printed p. 355 Sie leben oder sterben, sie blüht unverwelkt. Philoktetes. Du, der willkommenen Ruf mir gesandt Und endlich erscheint, Wie freudig gehorch' ich deinem Gebot! Neoptolemos. Mein Will' auch stimmt zu dem gleichen Entschluß. Herakles. Auf, eilt nun ohne Verzug an das Werk: Schon drängt ja die Zeit, Und Fahrwind weht um das Steuer. (er verschwindet.) Philoktetes. Neoptolemos. Der Chor. Philoktetes. Wohlan denn! Scheidend begrüß' ich das Land. Leb wohl, mein Felsdach, das mich geschirmt, Ihr Nymphen der Bäche, der Au'n, lebt wohl, Und o mächtig am Vorberg brandende See, Wo die Fluten, erregt von den Stößen des Süds, Oft nezten mein Haupt in dem Winkel der Kluft, - Wo den klagenden Laut, wann wild auf mich Einstürmte der Schmerz, der hermäische Berg[OCR transcription; compare the scan.] Der hermäische Berg, ein Berg auf Lemnos, dem Hermes heilig, und nach ihm Hermäon genannt. Printed p. 355 Im Rückhall oft mir herübergesandt! Ihr Brunnen umher und Apollons Quell,[OCR transcription; compare the scan.] Zwei Quellen, von dem lykischen Apollon für Philoktetes geschaffen, sollen der Sage nach auf der Insel Lemnos gewesen sein, von welchen die eine Honig, die andere Wein sprudelte. Printed p. 355 Ich verlass' euch nun, ich scheide von euch, Der nie so Kühnes zu hoffen gewagt. Mein Lemnos, umflutetes Land, leb' wohl, Und in glücklicher Fahrt send' harmlos uns Hin, wo das gewaltige Schicksal führt Und der Freunde Geheiß und des Gottes Gewalt,[OCR transcription; compare the scan.] Die Freunde sind Herakles und Neoptolemos nebst den Genossen des Lezteren; der Gott ist Zeus. Printed p. 355 Der dies allmächtig verhängte! Der Chor. Nun laßt uns alle vereint hinzieh'n, Nachdem wir gefleht zu den Nymphen des Meers, Als Hüter die Fahrt zu geleiten!