Agamemnon — Donner (1854), OCR review edition Aeschylus Johann Jakob Christian Donner OCR reconciliation, digital structure and passage alignment; unfinished proofreading Editorial processing with Codex

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Aeschylos. Deutsch in den Versmaßen der Urschrift. J. J. C. Donner Stuttgart Hoffmann 1854 I, Agamemnon: text 1–62; explanations 63–68; readings 69–75; metres 76–86 Harvard scan, both volumes aeschylus-donner-hvd-hn62cq-1788873992.txt aeschylus-donner-nyp-33433082192794-1788873945.txt

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Scene. Königlicher Palast in Argos. Flügelgebäude zu beiden Seiten, rechts die Wohnung für das Gesinde, links die Gastwohnungen. Vor dem Palaste stehen Bildsäulen und Altäre des Zeus, des Apollon, des Hermes. Auf dem flachen Dache der Gesindewohnung, das die Aussicht auf Gebirge, Meer und Land bietet, und das als Warte dient, sieht man den Wächter sich von seinem Lager aufrichten. Der Wächter. O schafft Erlösung, Götter, mir von diesen Müh'n, Der jahrelangen Wache, da gelagert ich Hoch auf der Atreussöhne Dach, dem Hunde gleich, Wahrnahm der Nachtgestirne ringsversammelt Heer, Und, die den Frost uns bringen und des Sommers Glut, Die lichten Herrscher, deren Glanz am Himmel flammt, Der Sterne Niedersinken und ihr Aufersteh'n! Auch heute späh' ich nach des Flammenzeichens Schein, Dem Feuerstrahle, der Bericht aus Troja bringt, Die Kunde seines Falles: so gebot es mir Der Herrin mannhaftkühnes, hoffnungvolles Herz. Und wenn ich, unstät ruhelos, von Thau durchnäßt, Mein nächtlich Lager hüte, das kein Traum besucht, Denn Furcht, anstatt des Schlummers, wohnt zur Seite mir, Daß nie zu festem Schlafe sich mein Auge schließt, - Und wenn ich dann wohl singen oder pfeifen will, Das Zaubermittel, das des Schlafes Geister bannt: Da wein' ich seufzend über dieses Hauses Loos, Das nicht wie vormals ohne Fehl verwaltet wird. O nahte heut der Mühen heitres Ziel heran, Und tauchte heilverkündend auf der Strahl der Nacht! Willkommen, Leuchte düstrer Nacht, die hellen Tags Lichtglanz verkündigt und in Argos weit umher Festreigen ausweckt, diesem Glück zu frohem Dank! Triumph! Triumph! Agamemnons Gattin eil' ich laut es kundzuthun: Vom Lager flugs sich hebend, soll im Hause sie Des Dankes hellsten Jubellaut der Leuchte dort Entgegenjauchzen, da die Troerburg in Staub Gesunken, wie's der Flammenbote strahlend ruft! Und ich Entzückter tanze selbst die Reigen vor. Denn meiner Herrschaft bring' ich jetzt ein glücklich Loos, Ein Dreimalsechs, das meine Spähe mir gewann. O möcht' ich denn des Heimgekehrten liebe Hand, Des Hausgebieters, fassen hier mit dieser Hand! Vom Andern schweig' ich; mir verschließt ein goldnes Band Den Mund. Das Haus hier spräche selbst am lautesten, Wär' ihm ein Laut verliehen. Gerne red' ich wohl Mit Kundigen; vor Unkundigen bin ich lieber stumm. (Pause. Am fernen Himmel leuchtet eine Flamme auf.) (Mit diesem Rufe verläßt er die Warte, und eilt in die Bühne hinab.) (Geht ab.) (Aus der Stadt kommt der Chor der Greise in die Orchestra herein- gezogen und umwandelt die Thymele.) Der Chorführer. Zehn Sommer entfloh'n, seit Priamos' Feind,Metrisches Schema im Originaldruck, S. 76.
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Recht fordernd mit Macht, Menelaos der Fürst, Agamemnon mit ihm, Das gewaltige Paar der Atriden, von Zeus Durch Scepter und Thron zwiefältig geehrt, Mit den tausend Masten Achäa's Heer, Die Genossen des Kampfs, Von den heimischen Fluren entführten. Laut schnoben sie Mord aus zorniger Brust, Wie der Weihen Geschlecht, Die, der Jungen beraubt, in unendlichem Schmerz Hoch über dem Horst hin kreisend und her, Mit der Fittige Schlag durchrudern die Luft, Die verlorenen Müh'n Um der Kindlein Pflege betrauernd. Doch ein Gott in den Höh'n, ob Apollon, ob Pan, Ob Zeus, er vernimmt der Beraubten Geschrei, Das mit klagendem Ruf die Gebirge durchhallt, Und die Frevler ereilt Der vergeltende Fluch der Erinnys. So sandte des Atreus Söhne der Gott, Der des Gastrechts wahrt, der gewaltige Zeus, Auf Paris heran für der Buhlerin Raub, Vielfältige Müh'n, abmattenden Kampf, Da gestemmt in den Staub arbeitet das Knie, Da die Lanze zerschellt in den vordersten Reih'n, Dem achäischen Volke zu wecken, Und den Troern zugleich. Nun geht es einmal, Wie's geht; es erfüllt sich der Spruch des Geschicks; Nicht Weinen und nicht Trankspende versöhnt, Kein Jammern den unauslöschbaren Groll Um die fehlende Flamme des Opfers. Uns Greisen indeß, die das Alter gebeugt, Uns ward kein Theil an der Ehre des Zugs; Wir blieben zurück, Gleich Kindern am Stab aufstüßend die Kraft. Denn das jüngere Mark, das jugendlichſtolz Im Busen sich hebt, Flieht, schwach wie der Greis, vor dem Kampfe zurück: Der Gealterte schleicht, wann herbstlich bereits Sich entlaubte der Stamm, dreifüßig dahin; Unmächtig, dem Kind gleich, wankt er einher, Ein Traumbild, irrend am Tage.
(Während dieser Worte ist aus den Pforten des königlichen Palastes ein Zug von Dienerinnen mit Schalen und Krügen um die Altäre getreten, um zu opfern; zu gleicher Zeit erscheint Klytämnestra mit Gefolge, und läßt das Opfer beginnen.)
Der Chorführer. Auf, Tyndaros' Kind, O Königin, sprich, Klytämnestra: was ist's? Was Neues geschah? Was vernahm dein Ohr? Auf welches Gerücht Dich stützend, erregst du die Opfer umher?θυοσκινεῖς — d. i. θύματα κινεῖς, du erregst, erweckst die Opfer. Denn den Göttern gesammt, den Behütern der Stadt Und der Tiefen und Höh'n Und des Markts und Olymps, flammt jeder Altar Von duftenden Opfergeschenken. Und von hier und von dort, zu dem Himmel empor, Wallt leuchtende Glut, Balsamisch getränkt mit des heiligen Oels Süßathmendem, lauterem, labendem Born, Mit der Spende vom Königeshause. So sage mir denn, was du kundthun darfst Und zu melden vermagst, Und wehre der Angst und banne die Qual, Die jetzt das Gemüth uns feindlich befällt; Doch strahlt auch ein freudiges Hoffen mir auf Von den Opfern und stillt das unendliche Leid, Die verzehrende Trauer im Busen. Chor Gesang des Chores. Strophe. Singend verherrlichen darf ich der Könige Fahrt mit der ZeichenMetrisches Schema im Originaldruck, S. 76.
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Glücklichem Stern, (noch haucht ja Vertrau'n von den Göttern Mir den Gesang ein, Kraft noch gönnt mir das Alter,)Nach der Lesart der Handschriften ἀλκὰν σύμφυτος αἰών, welche Worte mit ἔτι καταπνείει zu verbinden sind. Wie Hellas' stolzthronendes Paar, der achäischen Jugend Fürsten in Eintracht, Sandten die stürmischen Adler mit rächenden Armen und Lanzen in's Troergefilde, Da die Beherrscher der Luft den Beherrschern des Meers, Der eine mit schwarzem Gefieder, Der andre weiß, nah dem Palaste, zur Rechten erschienen; Auf weitglänzendem Horste Saßen sie, gierig verschlingend das Fleisch der befruchteten Häsin, Die matt im letzten Laufe sank. Hebe den klagenden Ruf! Doch siegreich walte das Gute!
Gegenstrophe. Aber der Seher des Heers, der erfahrene, sah der AtridenMetrisches Schema im Originaldruck, S. 76.
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Zwiefachen Sinn, und erkennt in den Mördern des Hasen Argos' Feldherrn; Und so deutend begann er: „Wohl bricht dereinst stürmend in Priamos' Veste der Zug hier; Alle die reichen Schätze der Burg, die das Volk ihr steuerte,κτήνη πρόςθετα δημιοπληθῆ — Der Sinn ist: Fatum vi diripiet omnes turrium opes abunde ex tributis civium collatas. δημιοπληθῆ ist δήμια oder δημόσια πολλά, was von Seiten des Volkes in Menge da ist. Wird mit Gewalt einst rauben das Schicksal. Daß nur göttlicher Neid nicht breche die Kraft Dem gewaltigen Zaume des Heeres, Das Troja stürzt! Artemis grollt ja dem Hause des Atreus, Weil Zeus' fliegende Diener Vor der Geburt mit der Frucht die geängstigte Mutter geopfert: Sie haßt der Adler grauses Mahl." Hebe den klagenden Ruf! Doch siegreich walte das Gute!
Schlußgesang. „Die Holde, die so liebevollMetrisches Schema im Originaldruck, S. 76.
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Fortsetzung des Schlußgesangs auf S. 77.
Dem grimmen Leu'n hütet die zarten Sprossen,ἀέπτοις, δ. ἱ. τοῖς μὴ δυναμένοις ἔπεσθαι τοῖς γονεῦσιν. Die sich der milchverlangenden Jungen Freut der schweifenden Thiere des Waldes,θηρῶν ὀβρικάλοις ἔπι τερπνά. ἔπι steht in der Anastrophe, und ist abhängig von τερπνά, das in passiver Bedeutung (læta) zu fassen ist, und als Prädikat zu & καλά (V. 133) gehört. Wünscht doch, daß sich das Zeichen erfülle, Das Heilvolles verhieß, und zugleich uns schreckte mit Unheil. Zu Phöbos ruf' ich, dem Gott des Heiles, Daß sie dem Danaervolk durch Hemmungen feindlicher Winde Nicht aufhalte die Fahrt, Heischend ein anderes Mahl, ein verrucht unseliges Opfer Welches gebäre den Streit, scheulos zu vertilgen den Gatten.ἐ δεισήνορα φωτός. – μίμνει wird zum folgenden Verse gezogen, der dann ein unvollständiger daktylischer Tetrameter *) ist.Im Deutschen ist es ein vollständiger. Fürchterlich harrt ja des einst heimkehrenden, Tückisch im Haus ingeheim um das Kind fortglühend, die Rachsucht." Solches verkündete Kalchas zugleich mit unendlichem Glücke, Was von den Vögeln des Weges dem Königeshause verhängt ward. Diesem entsprechend Hebe den klagenden Ruf! Doch siegreich walte das Gute!
Chor Wechselgesang des Chores. Erste Strophe. Zeus, wer Zeus auch immer sei, mit dem Namen ruf' ich jetzt ihn an, Hört er so sich gern genannt. Wäg' ich Alles sinnend ab, Keinen weiß ich auszuspäh'n, Keinen, als Zeus, auf den ich die nichtige Bürde der Sorgeεἰ τὸ μάταν. Werfen mag mit Zuversicht. Erste Gegenstrophe. Denn der ehedem gewaltig war, Alles stürmte trozigfrech, Seiner wird nicht mehr gedacht.& λελέξεται πρὶν ὢν, von ihm wird nicht gesagt werden, daß er früher gewesen sei. Der nach ihm erstand, auch er Fand den Sieger und erlag. Doch wer fromm im Gesange des Siegs den Kroniden verherrlicht, Pflückt des Geistes schönsten Kranz. Zweite Strophe. Denn zur Weisheit leitet uns Zeus und heiligt als Gesetz, Daß in Leiden Lehre wohnt. Auch in Träumen wallt ja vor das Herz Schuldbewußt Seelenangst, und es keimt Wider Willen weiser Sinn. Huld der Gottheit ist es, die gewaltig Hoch am Weltenruder thront. Zweite Gegenstrophe. Das erwog der ält're Fürst, Der Achäa's Heereszug Führte, schalt den Seher nicht, Nein, trug still die ringsentbrannte Noth, Als in thatloser Rast Hungerqual Schwer bedrängt' Achäa's Volk, Das in Aulis' wildumwogtem Porte Chalkis gegenüber lag. Dritte Strophe. Vom Strymon her wehend, tobt der Sturmwind, Bringt Zögern, bringt Hunger, wehrt die Landung, Und führt die Menschen irre, Schont Kiele nicht noch Taue, Und dehnt endlos die lange Säumniß, Daß Argos' Volksblüthe matt dahinwelkt."Αργες f. ᾿Αργείων, und im entsprechenden Verse der Gegenstrophe: πέλας πατρώες χέρας ῥεέθροις. Und als den Fürsten nun Kalchas ein anderes Mittel, Schmerzlicher, als des bittern Sturmes Verzug, Artemis' Zorn meldend, enthüllt, daß sie den Stab Wild in den Grund stießen und laut weinten, die Söhne des Atreus: Dritte Gegenstrophe. Da sprach er also, der ält're Heerfürst: „Ein hartes Loos ist es, nicht zu folgen, Ein hartes, soll ich schlachten Mein Kind, des Hauses Kleinod, Und bei'm Altar die Vaterhand hier Nuchlos in's Herzblut der Tochter tauchen!S. zu V. 185. Was bleibt da frei von Leid? Ueb' ich Verrath am Heere? Täusch' ich die Kampfgenossen? Daß sie das windstillende Sühnopfer, das jungfräuliche Blut, Fordern in zornglühender Gier, recht ist's: führ' es zum Heile!" Vierte Strophe. Jetzt, als er aufnahm das Joch des Zwanges, Und Sinneswandlung im Busen hauchte, Gottlose, schnöd unheilige, Ergriff er tollkühn das kecke Wagniß. Denn dreist in Unthat verlockt die Menschen Unsel'ger Wahnsinn, des Fluches Quelle. So trug er's denn, sein Kind schlachten zu seh'n, Dem frauenraubrächenden Krieg zum Schuße, Als Voropfer des Seezugs: Vierte Gegenstrophe. Ihr Fleh'n, ihr Angstruf zum Vater rührt nicht, Nicht ihre jungfräulich holde Blüthe, Der Richter kampfentbrannten Muth. Er hieß den Priestern, als ihr Gebet schwieg, Sie, gleich der Ziege, hoch über'm Altar Vorwärts gebeugt, tiefverhüllt in Schleier, Mit Armeskraft emporheben, gebot Der Tochter schönrosigen Mund zu fesseln, Daß sie dem Haus nicht fluche, Fünfte Strophe. Mit Zwang und lautlosen Zaums starrer Macht. Ihr Safrankleid floß zur Erde nieder, Des Auges Blick traf mit Mitleids Geschossen ihrer Opf'rer jeden, Und reizend schön, einem Bild gleich, wollte sie Wie sonst ihn anreden, da Ihr Lied im mahlreichen Vätersaale Erklungen. Oft sang sie da liebevoll, kindlichfromm,ἔμελψεν· ἁγνᾷ δ᾽ ἀταύρωτος αὐδᾷ πατρὸς φίλε τριτόσπονδον εὐπότμαν αἰῶνα φίλως ἐτίμα. Die Heldenjungfrau, das heitre Glück Das selige Loos des Vaters. Fünfte Gegenstrophe. Was dann geschah, sah ich nicht, sag' ich nicht: Doch Kalchas' Wort bleibt nicht unvollendet. Denn Dike wägt allem Leide Belehrung zu für späte Zukunft. Vorauszuschau'n, was die Zeit bringt, wünsch' ich nicht;τὸ προκλύειν δ᾽ ἤλυσιν προχαιρέτω. Voraus trauern wäre das. Denn klar enthüllt's einst der Sonne Frühstrahl. So möge Heil uns hinfort blühen, wie Sie es wünscht, Die dort heranwandelt und allein Des apischen Landes Hort ist. (Klytämnestra verläßt die Altäre, und kommt näher.) Der Chorführer. Wir nah'n in Ehrfurcht deiner Macht, Gebieterin. Denn billig zollt man Ehre wohl des Königes Gemahlin, wenn verlassen steht des Mannes Thron. Ob gute Botschaft oder nicht an dich gelangt, Daß, froher Höffnung lebend, du dein Opfer bringst, Vernähm' ich gerne; schweigst du, zürn' ich nicht darum. Klytämnestra. Zu froher Botschaft steige, nach dem alten Spruch, Der helle Morgen aus dem Mutterschooß der Nacht! Du sollst ein Glück erfahren, über Hoffen groß: Erstürmt von Argos' Volke, sank die Troerburg. Der Chorführer. Was ist's? Das Wort entging mir, weil's unglaublich ist. Klytämnestra. In Argos' Hand ist Troja: red' ich also klar? Der Chorführer. Die Wonne faßt mich und entlockt die Thräne mir. Klytämnestra. Dein Auge, Greis, bezeugt mir, daß du's redlich meinst. Der Chorführer. Wie? Bürgen sichre Zeichen dir gewiß dafür? Klytämnestra. Gewiß-warum nicht? - wenn ein Gott mich nicht betrog. Der Chorführer. Vertraust du nicht leichtgläubig einem Traumgesicht? Klytämnestra. Ich achte nicht auf schlafgebundnen Sinnes Wahn. Der Chorführer. So regte wohl ein flatternd Volksgerücht dich auf? Klytämnestra. Als hätt' ich junger Mädchen Sinn, so schiltst du mich. Der Chorfühter. In welcher Zeit denn wurde Troja's Burg erstürmt? Klytämnestra. In jüngster Nacht, die dieses Morgens Licht gebar. Der Chorführer. Doch welcher Bote mochte wohl so schnell sich nah'n? Klytämnestra. Hephästos, der vom Ida hellen Glanz gesandt. Brand flog auf Brand, in stetem Flammenlaufe sich Fortwindend, hierher. Ida strahlt' auf Hermes' Fels In Lemnos' Eiland, und von hier den großen Strahl Empfingen drittens Athos' Höh'n, dem Zeus geweiht. Hochhin des Meeres Rücken überleuchtete Des Wanderlichtes mächtige Glut; froh loderte Die Fackel, die goldstrahlend, einer Sonne gleich, Makistos' Hüter ihren Glanz verkündigte. Und dieser, nimmer säumig, noch achtlosen Sinns Vom Schlaf bewältigt, wahrte treu sein Botenamt. Fern eilt die Flammenleuchte nach Euripos' Flut, Den Wächtern Kunde bringend auf Messapios. Den Glanz erwiedernd sandten sie die Kunde fort, Und brannten dürres Heidekraut in Haufen an. Die Leuchte, rüstig, ungeschwächt im vollsten Glanz, Hinüberzuckend durch Asopos' Ebene, Wie helles Mondlicht, traf Kithärons hohen Fels, Und rief in andrer Folge wach die Feuerpost. Der Wächter dort entflammte fernhinströmenden Lichtglanz, der heller leuchtet als die früheren. Gorgopis' See hinüber schlug der Flamme Licht; Und als ihr Strahl auf Aegiplanktos' Höhen traf, Trieb's, nicht zu fehlen ihrer Pflicht, die Wache dort. Die Lohe schürend, sandten sie die mächtige Glutsäule prasselnd weiter, daß saronischen Meerbusens weitsichtbaren Strand ihr Glanz sogar Fern überstrahlte; leuchtend schoß sie fort und kam Zur Arachnäoswarte nächst an dieser Stadt. Und dann zum Königshause hier gelangt der Strahl, Des Idafeuers lekter ächtgeborner Sohn. So war der Fackelboten Dienst von uns bestellt, Der rasch in steter Folge sich vollendete. Doch siegt der leste Läufer wie der erste hier. Und solche Zeichen nenn' ich euch und Zeugnisse, Die fern von Troja mein Gemahl mir zugesandt. Der Chorführer. Den Göttern zoll' ich meinen Dank hernach, o Frau; Doch solches Wort anhören voll Bewunderung, Das möcht' ich unablässig. Sag's noch Einmal denn! Klytämnestra. In Argos' Hand ist Ilion an diesem Tag. Mir dünkt, Geschrei zwieträchtig hallt die Stadt hindurch. Wer Del und Essig mischend gießt in Ein Gefäß, Wird stets gesondert beide, nie vereinigt seh'n, Wie nun von Unterjochten und von Siegern dort Zwiefacher Nuf, zwiefachen Looses Zeuge, schallt. Die Troer, hingesunken über Leichnamen Erschlagner Gatten, Brüder, - zarte Kinder hier Bei Leichen grauer Väter, sie bejammern nicht Aus freier Brust mehr dieses Loos der Theuersten. Die Andern treibt des Kampfes nachtumschauertes Gewühl zum Morgenmahle, wie's die Stadt gewährt, Zerstreut in regellosem Schwarm, die Hungernden. Und sowie blindlings jeder zog des Glückes Loos, So sind sie jekt in speererstürmten Wohnungen Troja's gelagert, unter Daches Hut geschirmt Vor Frost und Himmelsthaue; fortan schlummern sie Die ganze Nacht durch unbewacht, den Göttern gleich. Und wenn sie fromm im eingenommnen Lande nun Der Städte Götter ehren und der Götter Sik, So wird den Siegern nimmerdar der Sieg geraubt. Daß nur nach Unerlaubtem allzufrühe nicht Das Heer gelüste, durch Gewinnes Reiz bethört! Denn wenn der Heimkehr süßes Glück ihm lächeln soll, Muß erst der Rennbahn zweiter Lauf vollendet sein. Doch wenn vor Göttern schuldbewußt heimzieht das Heer, So mag der Abgeschiednen Blut zur Nache wohl Erwachen, wenn auch neues Leid sich nicht erhebt. Von mir, von einem Weibe, habt ihr das gehört. Das Gute siege, zweifellos für jeden Blick! Vor vielem Glücke wünsch' ich mir nur den Genuß. Der Chorführer. Mit Männerweisheit sprichst du wohlgesinnt, o Frau. Ich rüste mich, dankvoll die Götter anzufleh'n, Nachdem ich sichre Kunden hier von dir vernahm. Denn Lohn mit hoher Ehre ward der Mühen Preis. (Klytämnestra geht ab.) Allherrschender Zeus und o freundliche Nacht, Du Spenderin herrlichen Glanzes, Die Priamos' Burg ihr schlingendes Garn Umwarf, daß Niemand, ob er ein Greis, Ob Jüngling er war, dem gewaltigen Nez Sich der Knechtschaft entwand Und dem allesbezwingenden Unheil! Drum ehren wir dich, o gastlicher Zeus, Der solches gethan und auf Paris vorlängst Mit dem Bogen gezielt, daß weder zu früh Noch über den Raum der Gestirne hinaus Fruchtlos das Geschoß ihm entschwirrte. Der Chor. Erste Strophe. Wie Zeus traf, wissen sie zu sagen: Klar liegt's enthüllt vor Aller Augen. Wie er's beschloß, vollführt er's. Einer sprach wohl : „Der Götter Stolz achtet's nicht, wenn ein Mensch Das Heil'ge frech niedertritt!" Er sprach ein unfrommes Wort. Der Ahnherrn Enkel sah's, Die wild tollkühnen Kampf Geschnaubt, stolz aller Zügel spottend, Da voll anschwoll das Haus im Unmaß Hoffärt'gen Glücks. Frei von Harm lob' ich mir Mein Geschick, so daß es still G'nüge dem weisen Sinne. Denn nie bietet der Reichthum Schuß vor Tod und Vernichtung Ihm, der frevelnden Fußes nach Dika's hohem Altar stieß. Erste Gegenstrophe. Gewaltsam treibt zu grauser Unthat Der Ate Kind, die schnöde Peitho. Vergeblich alle Hülse! Nicht verhüllt bleibt, Ein helles Licht, grausenvoll, strahlt die Schuld. Wie falsches Erz, durch Gebrauch In langer Zeit abgenügt, Sich schwarzt, so steht er da, Entlarvt: denn kindisch folgt Der Thor blindlings dem raschen Vogel, Und thürmt endloses Leid der Stadt auf. Auf seines Flehns Jammerruf hört kein Gott: Der das Weh verschuldet, ihn Stürzt er in Staub, den Frevler. So vermaß sich auch Paris, Der im Hause des Atreus Frech den gastlichen Tisch entweiht, Schnöd entführt die Gemahlin. Zweite Strophe. Sie ließ Mykens Volke kampfrüstiges Gewühl, Schildesklang, Speergeklirr, Schiffervolk in Rüstung, Bringt statt der Mitgift Ilion den Untergang; So schritt sie flugs die Pforten durch, Verwegnes wagend. Und es klagten laut Des Hauses Wahrsager, also rufend : O Haus, o Haus, wehe dir, weh, Fürsten, euch! bräutlich Bett! Spuren alter Liebe, weh! Da steht er stumm, der Entehrte, doch er schmäht sie nicht, Und trauert, daß die Falsche floh. Wohl scheint's, ersehnt, herrscht als Geist Noch im Haus, die das Meer entführte. Denn liebreizender Bilder Anmuth ist ihm zuwider: Nun ihr Blick ihm entschwunden, floh Alle Lust Aphrodita's. Zweite Gegenstrophe. In Traumgestalt schmeicheln Wahnbilder ihm, Sein sehnsüchtig Leid weckend, voll nichtig süßen Truges. Denn wenn du schlummernd Holdes wähnst zu schau'n, entschlüpft Das eitle Traumgesicht und schwingt Sich flüchtig unter deiner Hand hinweg Auf Flügeln, die des Schlafes Bahnen folgen. So lagert sich rings um Haus und Herd das Leid, Und andres droht, bittrer, ungeheurer noch. Wo Männer aus Achäa mit hinausgeschifft, Da tönt in jedes Hause, herz- zerschneidend, endloses Leid. Vieles rührt bang an's tiefste Leben: Denn wen Einer gesendet, Weiß er; doch an des Mannes Statt kehrt heim in jegliches Haus Nur die Wehr mit der Asche. Dritte Strophe. Der Schlachtengott, der um Gold Leichen tauscht, Der des Siegs Wage trägt im Lanzenkampf, Er sendet aus Ilion Den thränenreich bittern Rest Heißen Staubs an Mannes Statt Heim den Freunden, füllt mit ihm Schöngeschmückter Urnen Schooß. Und jammernd rühmt das Volk die Todten, Den als kampferfahrenen, Den, daß er ruhmvoll auf der Wahlstatt Für des Andern Weib gefallen. Dies erweckt ein leises Murren, Und im Finstern schleicht der Schmerz, Grollt den Atridenfürsten. Aber dort um die Mauern Nuh'n in troischen Gräbern Andre jugendlichschön, und fern Deckt sie feindliche Erde. - Dritte Gegenstrophe. Der Bürger zornathmend Wort lastet schwer, Zahlt die Schuld alten Völkerfluchs zurück, In banger Angst harr' ich stets, Zu hören, was Nacht verhüllt. Denn der Götter Aug' entflieht Nimmerdar, wer Blut vergof. Wer durch Frevel glücklich ward, Den stürzt zuleht der Eumeniden Schwarze Schaar in Nacht hinab, Sein Glück zertrümmernd; ohne Macht Wohnt er im Dunkel - bei den Todten. In des Ruhmes Uebermaß droht Die Gefahr: das Auge trifft, Schmetternd von Zeus, der Blisstrahl. Neidlos lob' ich das Glück mir. Weder Städte zertrümmern Möcht' ich, noch gefangen mich selbst Schau'n im Joche der Knechtschaft. Schlußgesang. Des lichten Strahls froher Ruf Durcheilt die Stadt raschen Laufs: Ob er Wahrheit meldet auch, Wer weiß es? Ob's nicht etwa Trug von Göttern ist? Wer ist so kindisch oder wahnbethörten Sinns, Daß durch des Strahls neue Kunde sich sein Herz Flammend hebt, und wechselnd dann Andre Kund' es niederbeugt? Wo Frauenmacht waltet, muß man Glückes Gunst Preisen, eh das Glück erscheint. Gar leicht beschwabend breitet sich der Frauen Wort In raschem Flug aus; doch in raschem Tod Stirbt auch die Sag', ausposaunt von Frauenmund. Der Chorführer. Bald wird sich's kundthun, ob die nachtdurchstrahlenden Leuchtwarten, ob der Flammensäule wechselnd Licht Wahrheit verkündet, oder ob der frohe Strahl, Nach Traumesart erscheinend, uns den Sinn berückt. Schon naht ein Herold vom Gestade dort heran, Delzweig' um Stirn und Schläfe; wirbelnd auch bezeugt Des Kothes Zwillingsbruder mir, der durst'ge Staub, Nicht als ein stummer Bote, nicht auf Bergen Glut Entflammend bring' er Kunde nur durch Feuerrauch. Nein, mehr enthüllend, mehrt er uns die Freude noch Das Gegentheil zu sagen, bebt mein Mund zurück. Zum Heile, das erschienen, komme neues Heil! Wer andre Loose dieser Stadt zu wünschen wagt, Der ärnte selbst die Früchte seines Frevelsinns! (Ein Herold eilt herbei.) Der Herold. O trauter Heimat Boden im Argeierland! In dieses zehnten Jahres Licht begrüß' ich dich, An mancher Hoffnung ärmer, nur der Einen froh! Denn nimmer glaubt' ich, daß in Argos' Lande mir Dereinst des liebsten Grabes Theil beschieden sei. Nun sei gegrüßt, Land, sei gegrüßt, o Sonnenlicht, Und du, des Landes Höchster, Zeus, du, Pytho's Fürst, Der seine Pfeile fürder nicht abschnellt auf uns! Genug erschienst du feindlich am Skamandros einst. Nun sei der Retter wieder, sei der Kampfeshort, O Fürst Apollon! Alle Kampfgottheiten auch Und Hermes ruf' ich, meinen Ehrenspender, dich, Den theuren Herold, aller Herold' höchsten Preis, Und euch, Heroen, die das Heer geleiteten, Empfangt es huldreich wieder, das dem Speer entrann! Heil euch, o Königshallen, vielgeliebte Burg, Ihr hehren Throne, Götter ihr am Sonnenstrahl, Empfangt mit heitrem Auge, wenn jemals zuvor, Auch nun den Herrscher, wie's geziemt, nach langer Frist! Denn euch und diesen Allen Licht in düstrer Nacht Zu bringen, kehrt Agamemnon, unser König, heim. Wohlan, begrüßt ihn freundlich; also ziemt es ihm, Der Troja's Veste mit Kronions rächendem Grabscheit zerstörte, das zermalmend zwang die Flur. Altäre, Göttersize sind in Staub gestürzt, Und alles Landes Same ward hinweggetilgt. Und nun um Troja's Nacken er ein solches Joch Geworfen, Atreus' ältrer Sohn, nun kehrt er heim Beglückt, der höchsten Ehre werth vor Allen, die Jezt leben. Weder Paris ja noch seine Stadt Mag rühmen, daß die Buße nicht gleichkam der Schuld. Denn er, des Raubes schuldig und zugleich des Trugs, Verfehlte seiner Beute Preis und schmetterte In Staub vernichtend Ahnenhaus und Ahnenland. So büßte Priams hoher Stamm zwiefach die Schuld. Der Chorführer. Herold von Argos' Heere, Heil und Freude dir! Der Herold. Ja, Freude! Will's der Himmel, sterb' ich gerne nun. Der Chorführer. Sehnsucht nach deinem Vaterland wohl quälte dich? Der Herold. So daß vor Freude dieses Aug' in Thränen schwimmt. Der Chorführer. So süßen Wehes Schauer denn ergriff auch euch? Der Herold. Wie so? Belehrt erst, fass ich deiner Rede Sinn. Der Chorführer. Nach uns, die hier euch liebten, zog ein Sehnen euch? Der Herold. Zum Heer, das heimverlangte, wohl verlangte dich's? Der Chorführer. Aus düstrer Herzenstiefe seufzt' ich oft empor. Der Herold. Woher umwölkte deinen Geist der finstre Gram? Der Chorführer. Längst war das Schweigen alles Harms Heilmittel mir. Der Herold. Bangt' euch vor Fremden, weil der Herrscher ferne war? Der Chorführer. Daß uns wie dir nun Sterben hohe Wonne scheint. Der Herold. Ja, schön vollbracht ist Alles! Zwar in langer Zeit Mag Einer Manches nennen, was ihm wohlgeftel, Und Manches, was ihn kränkte. Wen, als Götter nur, Umlacht ein klarer Himmel all sein Lebenlang? Denn zählt' ich unsre Mühen auf in offner See, Die seltne Landung und die Nast auf harter Streu, - Wo ging ein Tag uns ohne Leid und Seufzen hin? Was uns zu Land heimsuchte, war noch gräßlicher. Denn unsre Zelte lagen dicht am Feindeswall. Hochher vom Himmel und vom Wiesengrund empor Durchnäßte Thau uns, der in unsre Kleider sich Verderbend einsog, unser Haar verwilderte. Wer dann vom Winter spräche, wie des Ida Schnee Ihn sandte, jenem starren, vögelmordenden, Von Sommersgluten, wann die wellenlose See Auf stillem Mittagslager hingesunken schlief - - Wozu die Klage hier? Vorüber schwand die Noth, Vorüber schwand sie denen, die gefallen sind, Daß ihrer fortan keiner wünscht die Wiederkehr. Wozu die Todten zählen, - ich, der Lebende, Was soll ich jammern um des Mißgeschickes Groll? Nein, Fahrewohl sei jedem bösen Tag gesagt! Uns, die von Argos' Heere nachgeblieben sind, Blüht der Gewinn doch, welchem nicht gleichwiegt das Leid: Wir, heimgeflogen über Land und Meeresflut, Wir dürfen laut uns rühmen vor der Sonne Licht: „Die Troerburg hat endlich Argos' Volk erstürmt, Und seines Hellas Göttern hier den Siegesraub In ihren Tempeln aufgehängt zum ew'gen Schmuck." Wer solches hörte, feire laut des Volkes Glück Und seine Feldherrn; und gepriesen sei die Huld Des Zeus, die das vollendet! Alles weißt du jekt. Der Chorführer. Besiegt von deiner Rede, zweifl' ich länger nicht. Genau zu forschen, treibt es ja die Greise stets. Das Haus und Klytämnestra muß dein Wort indeß Am meisten kümmern, doch zugleich auch mich erfreu'n. (Klytämnestra kommt zurück.) Klytämnestra. Schon lange jauchzt' ich freudig auf in heller Lust, Als nächtlich uns der erste Flammenbote kam, Troja's Verheerung meldend und Eroberung. Wohl sagte Mancher spottend: „Was? Dem Fackellicht Vertrauend wähnst du, Troja lieg' in Asche nun? Recht Weiberart ist's, allzuleicht sich aufzubläh'n!" Nach solchen Neden stand ich wohl als Thörin da. Doch ließ ich Opfer bringen, auf der Frau Gebot Erhob sich hier vom Einen, dort vom Anderen Ein heilig Jauchzen durch die Stadt, und dust'ge Glut, Weihrauchverzehrend, stieg empor vom Götterherd. Und nun was brauchst du Weit'res noch mir kundzuthun? Bald hör' ich Alles aus des Herrschers eignem Mund. Ich eile, will auf's Beste meinen würdigen Gemahl empfangen, wenn er heute wiederkehrt. Was kann die Gattin Süß'res schau'n, als, wenn ein Gott Aus fernem Kriege rettend heimgeführt den Mann, Das Thor ihm aufzuschließen? Melde meinem Herrn, Er möge schleunig kommen, heißersehnt der Stadt: Zu Hause find' er sein Gemahl, so treu, wie einst Er sie verlassen, als des Hauses Wächterin Dem Gatten holdergeben, Bösgesinnten feind, Und sonst sich gleich in Allem, wie sie nimmer auch Ein Siegel ihm erbrochen in der langen Zeit. Verkehr mit andern Männern und befleckter Ruf Sind mir so fremd, als Wunden, die das Schwert mir schlug. Der Herold. Ein solcher Selbstruhm, lautrer Wahrheit Born entströmt, Geziemt sich wohl aus eines edeln Weibes Mund. (Klytämnestra geht ab.) Der Chorführer. Sie hat's geziemend dargelegt, du hörtest es Durch offen klare Deuter, durch ihr eignes Wort. Doch sprich, o Herold, melde von Menelaos mir, Ob er sich heimgewendet, ob er glücklich auch Mit euch zurückkehrt, dieses Landes lieber Fürst. Der Herold. Unmöglich ist mir's, schöne Lügen kundzuthun, Daß sich die Freunde lange freu'n an ihrer Frucht. Der Chorführer. O daß du träfst das Wahre, wenn du Frohes sagst! Denn Beides, abgesondert, bleibt nicht leicht verhüllt. Der Herold. Verschwunden ist er aus Achäa's Heer, der Mann, Er sammt dem Schiffe. Keine Lüge sag' ich dir. Der Chorführer. Und fuhr er, Allen sichtbar, ab von Ilion? Niß ihn ein Sturm vom Heere, der euch alle traf? Der Herold. Du zieltest recht, dem wackern Bogenschüßen gleich, Und sprachst ein langes Leiden aus in kurzem Wort. Der Chorführer. Kam nicht von andern Schiffern euch vielleicht Bericht Von seinem Leben oder ob er unterging? Der Herold. Nein, keiner weiß es, daß er's klar verkündigte, Als der des Erdreichs Leben nährt, der Sonnengott. Der Chorführer. Und wie begann denn, welches Ende nahm der Sturm, Den Argos' Schiffervolke Götterzorn erregt? Der Herold. Man soll mit Trauerkunde nicht den frohen Tag Entweihen: Fluch von Göttern ist der Lohn dafür. Denn wenn ein Bote grauses Leid heimbringt der Stadt, Mit düsterm Antlig meldend vom gefall'nen Heer, Von Einer Wunde, welche traf das ganze Volk, Und vielen Wunden, da der Männer manche dort Aus manchem Haus des Ares Zwillingsgeißel trieb, Zweischneidig Unheil, blutbeladnes Mörderpaar, - Ja wenn mit solchen Leides Last ein Bote kommt, Dem ziemt es, anzustimmen Eumenidensang. Doch wer, ein Freudenbote segensreicher That, Zur Stadt zurückkehrt, die sich hohen Glückes freut - Wie meng' ich Trüb und Heitres, wenn ich schildern soll Den Sturm, den Argos' Volke Götterzorn gesandt? Denn sie, die grimmsten Feinde sonst, verschwuren sich, Meerflut und Feuer, und bewährten ihren Bund, Graunvoll vertilgend Argos' unglückselig Heer. Bei Nacht in Sturm aufwogend drang die Noth heran. Denn Bark' an Barke schleudert' allzermalmender Orkan aus Thrake; sie, von Sturmes Wuth gepeitscht, Von wilder Wetter Ungestüm und Regensturz, Verschwanden spurlos in der treibenden Winde Tanz. Doch als der Sonne helles Licht ausstrahlt' im Glanz, Da seh'n wir ringsum Hellas' Meer von Leichen blüh'n Achäischer Männer und zerschellter Schiffe Wrack. Uns aber sammt des Schiffes unversehrtem Kiel Entriß dem Abgrund offen oder ingeheim Ein Gott, das Ruder fassend, nicht ein Sterblicher. Als Retterin saß Tyche gnadenreich am Bord, Daß uns im Port der Wogen wildentbrannte Wuth Nicht hemmte, noch an's Felsenuser strandend warf. Nachdem wir so der Wellen Todesnacht entfloh'n, Vertrau'n wir auch am hellen Tag dem Glücke nicht, Im Herzen tief bewegend all das neue Leid Des schwerbedrängten, jammervoll zerstäubten Heers. Und wenn von ihnen Einer noch im Lichte lebt, So nennt er uns als Todte: könnt' es anders sein? Wir aber wähnen, ihnen sei's also gescheh'n. O wend' es sich zum Besten! Doch Menelaos kommt, Vertraue fest, zuvörderst und vor Allen heim. Denn wenn ein Strahl der Sonne niederblickt auf ihn, Ihn leben sieht und walten, nach Kronions Rath, Der auszutilgen sein Geschlecht noch immer säumt, So bleibt ja Hoffnung, daß er wiederkehrt dereinst. Dies hörend wisse, daß du Wahrheit nur gehört. (Geht ab.) Chor Wechselgesang des Chores. Erste Strophe. Wer erfand den Namen Ihr, Der so ganz sich wahr erwies? (War es Einer, den wir nicht sah'n, und der, Ahnend künftiger Zeiten Loos, Recht gelenkt der Zunge Laut?) Ihr, der umrungenen Speeresbraut, Helena? Ja, sie ward der Schiffe Und der Männer und Städte Vertilgerin, Als Zephyros' Hauch sie, Des gewaltigen, aus dem Prunke Des Gemachs im Schiff davontrug! Und den Schild schwingend verfolgt ein Jägerschwarm Muthig die Spur des entschwundnen Schiffes, Das zu Simois' Felsenstrand Lenkte, dem laubumgrünten, Daß er kämpfe den Blutkampf. Erste Gegenstrophe. Ehe, Wehe, sandte da, Rachesinnend, Götterzorn Ueber Ilion, vergalt spät hernach Schwer des gastlichen Tisches Schmach Und des Herdbeschirmers Zeus Allen, die dort am Vermählungsfest, Feiernd die Braut, zu laut gejubelt, Und den Brüdern, die das Geschick erkor, Zu singen das Brautlied. Sie verlernte bald den Festsang, Die ergraute Troerveste; Und in laut jammernden Gramestönen ruft Sie den zum Fluche vermählten Paris, Lange bevor sie das volle Graun Sehen muß um die Bürger, Die hinsanken im Blute. Zweite Strophe. So nährt Einer im Haus wohl Den Löwen, fern von der Mutter, Den milchdürstenden Unhold. Zahm im Beginne des Lebens, Liebend geliebt von den Kindern, Gernegeseh'n von den Alten, Ruht er oft in ihrem Arm, Gleich dem zarten Kind, und blickt Freundlich wedelnd zur Hand hinauf, Die dem Hungernden spendet. Zweite Gegenstrophe. Erstarkt endlich, enthüllt er Den Erbsinn seines Geschlechtes. Denn die Pflege vergeltend, Schafft er ein Mahl ungeheißen Sich von gemordeten Lämmern, Röthet mit Blut die Gemächer. Alle seh'n in tiefem Schmerz, Wie der Mörder rast und würgt. Also nährte dem Haus ein Gott Einen Priester des Unheils. Dritte Strophe. So kam auch sie, sag' ich, einst zur Troerstadt, Ein Bild holden Sinnes, gleich stillem Glanz des Meeres, Des Reichthums zaubervolles Kleinod, Trunkener Augen süßer Pfeil, Herzverwundende Liebesblume! Doch den Sinn wandelnd, erschuf sie Der Vermählung bittres Ende, Und befiel Priamos' Haus, scheuchte hinweg Frieden und Freude, Gesandt vom gastlichen Zeus, Fluch und Jammer den Bräuten. Dritte Gegenstrophe. Ein greiser Spruch aus der Väter Zeiten sagt: „Des Glücks volle reiche Frucht, stets gebiert sie neue, Sie stirbt nicht, kinderlos verwelkend; Und in des Glückes blüh'ndem Schooß Wuchert auf unersättlich Unheil." Ich indeß lobe den Spruch nicht. Denn des Gottverächters Unthat, Sie gebiert mehrere nach, zeugt ein Geschlecht, ähnlich der Mutter. Doch, übt die Tugend ein Haus, Erbt auf Enkel das Heil fort. Vierte Strophe. Denn gerne zeugt Uebermuth ewigfort Uebermuth, Der im Leid des Lebens fröhlich grünt, Heut' oder morgen Licht in Nacht umwandelnd, wann die Stunde kommt, Zeugt den unbezwingbar unheil'gen Gott, den Frevelmuth, Ihn, der mit Leid finster das Haus umlagert In der Gestalt des Vaters. Vierte Gegenstrophe. Doch Dike weilt strahlend auch unter rauchschwarzem Dach, Ist gerechtem Lebenswandel hold. Sie flieht des Saales goldnen Prunk, den frevler Hände Schmutz befleckt, Abgewandt den Blick, und lenkt heil'gen Götterschwellen zu, Nicht ehrend falschgleißende Macht des Reichthums: Alles lenkt sie zum Ende. (Agamemnon erscheint auf hohem Siegeswagen, neben ihm sitzend Kassandra: hinter ihnen Wagen mit gefangenen Troerinnen. Außerdem ein Gefolge von Herolden, Lanzenknechten u. s. f.) Der Chorführer. Auf, König und Herr, der Troja zerstört, Du des Atreus Sohn! Wie red' ich dich an? Wie ehr' ich dich recht, Nicht über Gebühr, nicht unter dem Maß, Das der Freude geziemt? Viel Sterbliche sind, die trügend den Schein Vorzieh'n, abirrend vom Rechte. Mit den Leidenden laut zu beklagen ihr Weh, Ist Jeder bereit; doch der Stachel des Grams Dringt nicht in das innerste Leben. So freuen sie auch mit den Fröhlichen sich, Und zwingen zu lächeln den finsteren Blick. Doch ein wackerer Hirt, der die Heerde geprüft, Wird nicht von des Gleißners Auge getäuscht, Das scheinbar aus frei wohlwollender Brust Liebkost in erheuchelter Freundschaft. Wohl schalt ich dich einst, da für Helena du Auszogst in den Kampf, ich verhehl' es dir nicht, Du schienst mir ein wahnsinntrunkener Thor, Der das Ruder des Sinns unweise gelenkt, Nichtwilligen Muth Den in Tod Hincilenden weckend. Nun aber erfreut im tiefsten Gemüth Als ein freundlicher Stern die bestandene Noth. Du erkennst mit der Zeit, wenn du prüfend geforscht, Wer löblich daheim von den Bürgern und wer Unredlich die Stadt dir gehütet. (Nachdem die Züge sich geordnet haben, spricht Agamemnon vom Siegeswagen herab.) Agamemnon. Vor Allem ziemt es, Argos und die heimischen Gottheiten anzurufen, die mir Wiederkehr Bereitet, die mein Strafgericht an Troja mir Vollenden halfen. Denn die Götter hörten nicht Auf Red' und Gegenrede; männermordende Verderbensloose warfen sie in blutige Stimmurne, wollten ungetheilt der Troer Sturz; Doch nach dem andern Stimmgefäß, das Sieg verhieß, Erhob die Hoffnung ihre Hand und fand es leer. Am Rauch erkennt man heute Troja's Trümmer noch. Des Todes Opfer glimmen fort, mitsterbend haucht Des alten Reichthums fetten Qualm die Asch' empor. Dafür gebührt den Göttern tiefgefühlter Dank; Denn unsre Hand hat zornentbrannter Schlingen List Gewoben, und um eines Weibes willen hat Die Stadt in Staub getreten Argos' Ungethüm, Des Rosses Brut, das schildbewehrte Kriegesvolk, Das um der Maja Niedergang anlief im Sturm; Kühn überflog es ihren Wall und leckte sich In ihrer Herrscher Blute satt, ein grimmer Leu. Den Göttern bot ich diesen ersten frommen Gruß. Was aber du gesprochen, (ich vergaß es nicht,) Dasselbe sag' ich, bin mit dir ganz Eines Sinns. Nur wenig Menschen eigen ist die Sinnesart, Neidlos den Freund zu ehren, der im Glücke wohnt. Denn wo der Abgunst feindlich Gift am Herzen sist, Da schafft es zwiefach herbe Qual dem Krankenden: Er fühlt vom eignen Ungemach sich schwer gedrückt, Und jammert, daß er sehen muß das fremde Glück. Aus eigner Kunde red' ich, denn ich kenne wohl Der Menschenfreundschaft Spiegel: bloß des Schattens Bild War alle Neigung, die mir höchste Liebe schien. Und nur Odysseus, ging er auch ungern zu Schiff, Zog stets am gleichen Joche treuverbündet mir: So sag' ich, sei er lebend oder todt bereits. Das Andre, was die Götter und die Stadt betrifft, Das soll im allgemeinen Rath vereint von uns Erwogen werden. Was sich als gesund erprobt, Für dessen Dauer sorgen wir mit treuem Rath : Doch wo's der Heilkraft edler Arzenei'n bedarf, Da laßt mit Feuer oder Schnitt uns wohlbedacht Versuchen, wie wir solches Weh bewältigen. Nun geh' ich ein zum Hause, grüß' am Vaterherd Zuerst mit aufgehobner Hand die Himmlischen, Die fern hinaus mich sandten, die mich heimgeführt. Wie Nike nun mir folgte, sei sie ewig mein! (Klytämnestra tritt, von vielen Dienerinnen gefolgt, aus der könig. lichen Pforte.) Klytämnestra. Ihr Bürger Argos', graue Häupter dieser Stadt, Vor euch enthüll' ich ohne Scheu, wie dieses Herz Treu liebt den Gatten; denn im Zeitenlauf erlischt Die blöde Scham im Menschen. Nicht aus Andrer Mund, Aus eigner Kunde meld' ich, was ich Schweres trug, So lange dieser ferne war vor Ilion. Schon daß die Frau von ihrem Gatten ferngetrennt Einsam daheimsikt, ist ein unaussprechlich Leid : So manch Gerücht vernimmt sie, das ihr Schmerzen weckt, Wie dieser ankommt, jener dann zum schlimmen Leid Noch schlimm'res meldet; wehe! ruft's im Haus umher. Und wenn so viele Wunden mein Gemahl empfing, Als uns des Nufes Stimme hier verkündigte: Er wäre mehr durchlöchert, als ein Fischernes. Wär' er so oft gestorben, als die Sage ging, Er hätt', ein andrer dreigestalter Geryon, Gar oft im Leben (denn vom Tode red' ich nicht) Dreifacher Erdenhülle sich mit Recht gerühmt, Einmal vom Tode weggerafft in jedem Leib. Um solcher Kunden willen, die mich ängstigten, Wand ich um meinen Nacken oft die Todesschnur, Die Andre lösten von der Widerstrebenden. Deßwegen steht der Knabe nicht zur Seite mir, Orestes, mein und deiner Liebe theures Pfand, Wie's wohl geziemte: wundre dich darüber nicht. Denn ihn erzieht ein treuer Gastfreund, Strophios Im Phokerlande, welcher mir bedenkliche Gefahren zeigte, deine Noth vor Ilion, Und wieder, wenn im herrscherlosen Volk daheim Den Rath ein Aufruhr stürze, wie ja Menschenart Es sei, Gefall'ne tiefer noch in Staub zu zieh'n. Und solcher Vorwand, glaube mir, birgt keinen Trug. Mir aber ging der Thränen ewigrinnender Brunnquell versiegen, daß darin kein Tropfe blieb. Mein spätentschlummernd Auge schmerzt erloschen halb Von Weinen, weil du meine Feuerwachen stets Vergeblich harren ließest. Lag ich träumend dann, So weckte mich der Mücke leiser Flügelschlag, Die summend schwirrte, wann ich mehr Gefahr um dich Sah, als die Zeit umfaßte, da ich schlummerte. Nun, weil ich dieses Alles trug, nun darf ich wohl Mit frohem Sinn dich grüßen als des Hauses Hort, Des Schiffes rettend Ankertau, der hohen Burg Grundfesten Pfeiler, greisen Vaters einzig Kind, Dem Wandersmann, der dürstet, frische Quellenflut, Des stillen Tages Heitre nach Gewittersturm, Ein Land, den Schiffern wider Hoffen aufgetaucht! Süß ist es, allem Ungemach entfloh'n zu sein. Drum acht' ich solcher Grüße dich, o König, werth. Sei nur die Mißgunst ferne! Noth ja trugen wir Zuvor genug schon.(Sie steigt einige Stufen der Bühnentreppe hinab.) Steige nun, geliebtes Haupt, Herab vom Wagen, doch zur Erde setze nicht Den Fuß, o König, der die Troerburg zertrat! Was säumt ihr, Jungfrau'n, denen aufgegeben ward, Die Decken auszubreiten auf des Pfades Grund? Schnell glänze rings von Purpur überdeckt die Bahn, Daß Dike wider Hoffen ihn einführt in's Haus! Das Andre fügt mein Eifer, den kein Schlaf bezwingt, Gerecht mit Götterhülfe, wie's ihr Rath verhängt. (Die Dienerinnen breiten Purpurteppiche über die Bühne bis an den Palast.) Agamemnon. O Tochter Leda's, meines Hauses Hüterin, Weil ich so spät heimkehrte, sprachst du ziemend wohl, Du spannest lange Reden; doch das ächte Lob, Aus fremdem Munde komme nur ein solcher Lohn! Auch halte mich im Andern nicht nach Frauenart Zu weichlich; nimmer gelle, wie Barbaren thun, In Staub gesunken deinen Gruß herauf zu mir, Und wecke meinem Wege nicht der Götter Neid Mit deinem Purpur: Göttern nur ziemt solcher Preis! Auf buntem Prachtgewebe wag' ich nimmermehr Einherzuschreiten ohne Furcht, ein Sterblicher. Als Menschen, sag' ich, ehre mich, nicht Göttern gleich! Auch ohne Purpurdecken und getünchte Pracht Schallt laut der Nachruhm, und ein arglos weiser Sinn Ist höchste Gottesgabe. Selig preist den Mann, Der still in wonnereichem Glück sein Leben schloß! Wenn Alles so mir glückte, wär' ich wohlgemuth. Klytämnestra. Nicht also sprich mir wider meines Herzens Wunsch. Agamemnon. Mein Herz bewahr' ich allezeit vor Wankelmuth. Klytämnestra. Hast du vielleicht den Göttern dies aus Furcht gelobt? Agamemnon. Wie Keiner, überlegt' ich's und beschloß es so. Klytämnestra. Was, meinst du, thäte Priamos nach solchem Sieg? Agamemnon. Auf buntem Purpur, mein' ich, trät' er stolz daher. Klytämnestra. So hege denn vor Menschentadel keine Scheu. Agamemnon. Doch wiegt des Volkes stimmenvoll Gerede schwer. Klytämnestra. Wer unbeneidet wandelt, ist nicht neidenswerth. Agamemnon. Nach Streit verlangen, ziemt dem Weibe nimmermehr. Klytämnestra. Doch sich besiegen lassen, ziemt dem Glücklichen. Agamemnon. Nach solchem Sieg im Kampfe steht auch dir der Sinn? Klytämnestra. Gib nach, und laß freiwillig mir die Oberhand! Agamemnon. So löse, wenn du's also willst, ein Sklave schnell Die Sohle mir, des Fußes treue Dienerin! Daß nur der Neid aus eines Gottes Auge nicht Fernher mich treffe, wandl' ich auf dem Purpur hier! Ich fürchte sehr, daß meines Hauses Glück erbleicht, Tritt solch' Gewebe reicher Pracht mein Fuß in Staub. Genug-davon!(auf Kassandra deutend) Die fremde Jungfrau führe mir Liebreich in's Haus ein! Auf den milden Herrscher sieht Ein Gott aus fernen Himmelshöh'n huldreich herab. Freiwillig fügt sich Keiner ja dem Sklavenjoch. Die schönste Blum' aus reichen Schäßen ausgewählt, Des Heeres Gabe, folgte sie nach Argos mir. Nun weil ich folgsam deinem Wort mich beugen will, Schreit' ich zum Königshause hin den Purpurpfad. Klytämnestra. Ein weites Meer ist, (wer erschöpft des Meeres Raum?) Das reichen Purpurs goldnen ewigneuen Schay, Der Prachtgewande Farbenschmuck, im Schooße nährt. Und dessen hat, o König, durch der Götter Huld Dein Haus die Fülle; darben hat es nicht gelernt. Zahlreiche Purpurdecken hätt' ich gern gelobt, Vermocht' ich meines Gatten Haupt um solchen Preis Zu retten, wenn's ein Seherausspruch mir gebot. Denn lebt die Wurzel, rankt Gebüsch am Haus empor, Weithin die Schatten breitend vor der Sonne Glut. Und du, zum heimatlichen Herd zurückgekehrt, Verkündest Frühlingswärme mir im Winterfrost; Und wann aus herb unreifer Traube Zeus den Wein Bereitet, weht ein kühler Morgenduft im Haus, Da kühnvolendend heimgekehrt des Hauses Herr. Zeus, Zeus, Vollender, mein Gebet vollende du, Und was du willst vollenden, sei dir heimgestellt! (Ab in den Palast mit Agamemnon.) Chor Wechſelgesang des Chores. Erste Strophe. Ach warum ist's, daß so bang Jenes Schreckbild unverrückt Meinen ahnungsvollen Geist umflattert, Daß ein Gesang ungelohnt, ungeboten mir weissſagt? O warum scheucht kein Vertrau'n Ihn wie dunkle Träume fort, Kühnen Muthes, und seht sich Auf meines Herzens Thron? Wie lange, daß mit ausgeworfnem Steuertau Hellas' Flotte die Barken an- knüpfte längs dem Sandgestade, Da sie zog vor Ilion! Erste Gegenstrophe. Hell mit Augen sah ich nun, Zeuge selbst, die Wiederkehr. Dennoch klagend, ohne Klang der Lyra, Singt aus der innersten Brust den Gesang der Erinnys Meine Seele, nicht bewehrt Mit der Hoffnung frohem Muth. Und nicht graut mir umsonst hier: Von Furcht der nahenden Vollendung wild umhergewirbelt pocht das Herz. Mög' es anders, o Götter, als Wir's geahnt, als eitle Lüge All' in eitles Nichts vergeh'n! Bweite Strophe. Traun, der Gesundheit vollblühende Kraft zerstört Unersättlich sich selbst; denn die Krankheit wohnt Ihr allzeit lauernd zur Seite. Segelnd im Glücke, zerschellt Menschengeschick an verborgner Klippe. Wirft die Furcht vom reichen Schay Einen Theil dann über Bord, Schleudernd klug mit weisem Maaß, Dann versinkt nicht ganz das Haus, Stöhnt es auch, von Jammer schwer, Noch begräbt die Flut den Kahn. Reichlich strömende Gabe von Zeus, die jährlich entkeimt den gesegneten Furchen, Bannt des Hungers schwere Noth. Zweite Gegenstrophe. Aber das dunkle Blut, das mit dem Tod einmal Vor die Füße des Mann's in den Staub hin rann, Wer zaubert es wieder in's Leben? Traf doch den Meister der Kunst, Todte zu wecken, der Strahl Kronions. Hemmte mich nicht mein Geschick, Das die Gottheit mir bestimmt, Mehr zu sagen; eilte, traun, Meinem Geist die Zunge vor, Strömte leichthin Alles aus. Tief im Dunkel murrt es jetzt Unmuthvoll und verzagend, den Knäul der Geschicke zur passenden Stunde zu lösen, Weil in Furcht die Seele glüht. Klytämnestra (tritt eilig aus dem Palaste). Tritt du hinein auch: dich, Kassandra, red' ich an. Zeus sandte dich dem Hause, daß du sonder Groll Theilnehm'st am heiligen Weihebad, im weiten Kreis Der Diener stehend an des Gottes Opferherd. Auf, steig' herab vom Wagen, laß den Uebermuth! Denn auch der Sohn Alkmene's hat, erzählt man, einst, Verkauft in Knechtschaft, sich des Zwanges Joch gefügt. Doch, trifft so bittern Looses Schlag einmal das Haupt, Verdient ein altbegütert Haus den besten Dank. Denn die des Reichthums unverhoffte Saat gemäht, Sind ihren Sklaven immer hart zur Ungebühr. In unserm Haus empfängst du, was der Brauch verlangt. (Kassandra bleibt unbeweglich.) Der Chorführer. Sie hat zu dir ein klarverständlich Wort gesagt. Verstrickt im Schicksalsnese nun, gehorche, wenn Du willst gehorchen; doch vielleicht gehorchst du nicht. Klytämnestra. Nun, ist sie nicht, gleich Schwalben, unverständlicher Barbarenlaute kundig nur, so mag ich wohl In's tiefste Herz ihr sprechen, daß sie willig folgt. Der Chorführer. Gib nach: sie räth das Beste, was der Augenblick Gebeut. O folg' ihr, steig' herab vom Wagensiz. Klytämnestra. Nicht länger hab' ich Muße, vor der Thüre hier Zu weilen; denn in Hauses Mitte steh'n am Herd Die Lämmer schon zum Feueropfer uns bereit, Nachdem wir solches Festes Lust nicht mehr gehofft. Willst du nach meinem Willen thun, so säume nicht. Doch wenn du, fremd hier, meine Worte nicht verstehst, So rede statt der Zunge die Barbarenhand. (Sie gibt ihr Zeichen mit der Hand; Kassandra verharrt schweigend und unbeweglich.) Der Chorführer. Ein klarer Wortausleger scheint der Fremden noth: Sie thut so schüchtern, wie ein neugefangnes Wild. Klytämneftra. Sie raset wohl, hört argen Troyes Stimme nur, Sie, welche flüchtig aus der neuzerstörten Stadt Herkommt; den Zügel tragen lernt die Stolze nicht, Bevor sich blutend ausgeschäumt ihr Uebermuth. Kein Wort verlier' ich fürder mehr zu meiner Schmach. Der Chorführer. (Geht ab.) Ich werde dir nicht zürnen; denn mich jammert dein. Auf, Arme, steig' aus deinem Wagensiz herab; Der Noth gehorchend, weih' es ein, das neue Joch! (Pause.) Kassandra. (Erblickt vor dem Palaste das Bild des Apollon.) O Jammer! O Erde! Apollon! Apollon! Der Chorführer. Was hebst du solchen Jammerruf zu Loxias? Er ist der Gott nicht, welchem Klageruf gebührt. Kassandra. O Jammer! O Erde! Apollon! Apollon! Der Chorführer. Sie ruft mit Unheilstönen abermals den Gott, Dem's nie geziemt, in Trauer helfend nah zu sein. Kassandra. Apollon! Apollon! O Pfadführer, Todbringer mir! Du gabst zum zweitenmale mich dem Tode hin. Der Chorführer. Weissagen will fie, scheint es, wohl ihr eignes Leid. Im Sklavensinne waltet noch der Gottesgeist. Kassandra. Apollon! Apollon! O Pfadführer, Todbringer mir! Wohin entführtest du mich, ach? Zu welchem Haus? Der Chorführer. Zum Haus der Atreussöhne. Wenn du's nicht gewußt, Vernimm's von mir, und keiner Lüge zeihst du mich. Kassandra. Götterverhaftes Haus, von viel heimischem Mord zeugend und von der Todesschnur! Schlachtbank des Mannes! Blutgetränkter Erde Grund! Der Chorführer. Scharfspürend scheint die Fremde, gleich dem Jägerhund; Sie späht im Hause, wessen Blut sie finden wird. Kaffandra. Ha, ha! Wohl ja den Zeugen hier darf ich, den Kindern, trau'n: Sie weinen, daß man sie gemordet, Zum Mahl gebraten und dem Vater vorgesept! Der Chorführer. Längst ward von deinem Seherruhm uns Vieles kund; Doch nach Propheten sehnen wir uns nimmermehr. Kassandra. Götter, weh! Was ersinnt sie nun? Welch' ein neues großes Leid Ersinnt sie dort im Hause, welch gewaltig Weh, Dem Freund grauenvoll, nimmermehr heilbar? Ferne, Ferne die Rettung noch! Der Chorführer. Was sie geweissagt eben, ich versteh' es nicht; Das Erste kenn' ich; denn die ganze Stadt erzählt's. Kassandra. Unselig Weib! Das vollendest du, Wenn du deinen Gatten erst Mit lindem Bad erquicktest? Ach, wie sprech' ich's aus? Denn bald wird's erfüllt sein, und Hand schon um Hand streckt Sie mordlüstern aus! Der Chorführer. Noch nicht versteh' ich. Wenn sie vorhin Näthsel sprach, So spricht sie jekt noch dunkler: wie begriff' ich sie? Kassandra. Weh, weh! O Graun, o Graun! Was erscheint mir dort? Ist's eine Todesschlinge? Das Nez, es ist die Gattin, die vollbringen hilft Den Mord. Der Haß, der unersättliche, Dieses Geschlechtes, jauchze laut dem Blutopfer zu! Der Chorführer. Welch' einen Nachgeist heißest du dem Hause laut Entgegenjubeln? Heiter stimmt das Wort mich nicht. Und in das Herz zurück drängt er sich purpurroth, Des Bluts Tropfe, schwindet, wie in Todes Kampf, Wenn in die Nacht hinab taucht des Lebens Strahl. Denn Ate's Fluch schreitet schnell. Kassandra. Ach, ach! O schau, o schau! Halte die Färse doch Vom Stiere fern! Sie hüllt ihn In Schleier, stößt mit schwarzgehörnter Wehr nach ihm, Und trifft: er sinkt in des Gefässes Flut! Ha, von der Mörderwanne grausem Trug red' ich euch! Der Chorführer. Nicht hoher Weisheit rühm' ich mich als kundiger Orakeldeuter; doch wie Unheil tönt mir das. Welches erwünschte Wort tönte den Menschen je Aus der Orakel Mund? Denn der Propheten Kunst, Die wortreiche, weckt, weil sie Böses nur Verkündet, nur Schrecken auf. Kassandra. Weh, wehe, mein, der Armen, schmerzliches Jammerloos! Denn mein eignes Leid mischest du klagend ein. Warum denn hierher führt' er mich Unselige? Doch nur um mitzusterben hier! Wozu denn sonst? Der Chor. Trunken von Gottheit, schwärmst du wahntrunken, stimmst Um dich Wehgesang In Wehlauten an, gleich der Nachtigall, Die, nie satt des Nuf's, ach! tief aus beklomm'ner Brust Itys, o Itys! klagt, und um ihr Leben seufzt, Welches der Gram umblüht. Kassandra. Ach, ach! O selig Loos der singenden Nachtigall! In den beschwingten Leib kleideten Götter sie, Und gaben ihr ein Leben, süß und thränenlos. Doch meiner harrt von doppeltscharfer Axt der Tod. Der Chor. Woher kam des Wahns Grauen, von Gott gesandt, Auf dich dahergestürmt, Daß du das Grause mit wildem Schmerzenston Jammernd beklagst und lauthallenden Gesang erhebst? Und o woher der Schwung göttlicher Weisen dir, Des Unheiles Lied? Kassandra. Du, Paris' Ehebund, der du den Meinen Tod gebracht! O du Skamandros, meiner Ahnen Trank! Einst in der Jugendzeit wuchs ich um deinen Strand Fröhlich gepflegt empor: Nun, scheint es, sing' ich Arme bald um Acherons Felsbord, am Strom Kokytos mein weissagend. Lied. Der Chor. Was du so klaren Worts ében vor uns enthüllt, Verstände leicht auch Kindessinn. Mich traf's tief im Herzen, gleich blut'gem Stich, Wie leidvoll du jammerst in der schweren Noth, Schaurig zu hören mir. Kassandra. Otraurig, traurig Loos meiner in Schutt geſunknen Stadt! O Lämmerschaar von grasiger Weide, die Zahllos für Troja's Heil Priamos opferte! Aber es war umsonst! Die Stadt, sie mußte leiden, was ihr nun geschah! Ich stürze bald im heißen Todeskampf dahin! Der Chor. Wieder in klarem Wort sprachest du, wie zuvor. Wohl brach ein feindlich böser Gott Auf dich überschwer herein, stürmt dich auf, Zu wehklagen düster wie in Todesnacht! Was wird das Ende sein? Kassandra. Wohlan, mein Spruch soll fürder nicht aus Schleiern mehr Verhüllt hervorschau'n, gleich der neuvermählten Braut; Nein, hell der Sonne Morgengruß entgegen soll Er stürmend schreiten, daß er größres Wehe noch, Als mein's, der Meereswelle gleich an's Tageslicht Aufwogt! Ich warne fürder nicht in Räthseln mehr. Und ihr, bezeugt mir; daß ich Schritt um Schritt die Spur Der alten Gräuelthaten auszuwittern weiß. Nie räumt das Haus der Reigen, der, in schaurigen Mißlauten nur einstimmig, niemals Frohes singt. Und trank er Blut der Menschen, immer frecher noch Zu werden, schwelgt der Eumeniden Schwesterchor, Nicht mehr hinauszubannen, wild im Hause fort. Am Herd gelagert, stimmen sie den Hymnos an Vom ersten Frevel; wechselnd auch verfluchen sie Des Bruders Ehbett, das dem Schänder ward ein Fluch. Nun? Fehlt' ich oder traf ich, wie der Schüße trifft? Bin Lugprophetin, bettelhafte Schwägerin? Bezeuge mir und schwöre, daß ich wohlgewußt Des Hauses alte Frevel, wie's mein Wort bewährt. Der Chorführer. O könnte doch des Schwures heilig bindend Wort Uns Heil gewähren! Aber staunen muß ich wohl, Wie du, geboren über'm Meer, von fremder Stadt, Als hättest du's gesehen, uns die Kunde gibst. Kassandra. Der Seher Phöbos weihte mich zu diesem Amt. Der Chorführer. Von Liebessehnen übermannt, obwohl ein Gott? Kassandra. Dies auszusprechen wehrte mir bisher die Scham. Der Chorführer. Zu zartgewöhnt ist Jeder, der im Glücke wohnt. Kassandra. Er, ganz entbrannt von Liebe, rang um meine Gunst. Der Chorführer. Genoßt ihr auch der Liebe, wie's die Sitte will? Kassandra. Verheißen hatt' ich's und betrog den Loxias. Der Chorführer. Da schon der gotterfüllte Geist dein Herz besaß? Kassandra. Schon that ich Troja's Bürgern all' ihr Leiden kund. Der Chorführer. Wie? Lief dich Phöbos ungestraft in seinem Zorn? Kassandra. Mir schenkte Niemand Glauben, weil ich so gefehlt. Der Chorführer. Uns, traun, erscheint glaubwürdig, was dein Mund enthüllt. Kassandra. O Grau'n, o Grau'n! Ach, ach, o Schmerz! Wie treibt mich wieder grause Wuth des Seherflugs Umher in jähem Wirbel unheilvollen Lauts! Ha, seht ihr jene Kleinen dort am Königshaus Gelagert, eitler Träume Nachtgestalten gleich? Es scheinen Knaben, die des Freundes Arm erschlug: Das Mahl vom eignen Fleische füllt die kleine Hand; Sie tragen selbst (o grause, jammervolle Last!) Ihr Herz und Eingeweide, das der Vater af. Darüber sinnt auf Rache, so verkünd' ich euch, Ein feiger Löwe, welcher frech im Bett sich wälzt, Im Hause lauernd auf den Heimgekehrten, ach! Auf meinen Herrn: denn tragen muß ich Sklavenjoch! Der Schiffe König, Ilions Eroberer, Nicht ahnt er, welches Schicksal ihm das Zungenspiel Der allverhaften Hündin, die voll Gleißnerei Ausspann die langen Neden, bald zu bösem Gruß, Der schlauverborgnen Ate gleich, vollenden wird. Und solchen Frevel wagt ein Weib, wird Mörderin Des Mann's! O welches Ungethümes Name ziemt Der Argen? Nenn' ich Natter, nenn' ich Skylla fie, Die tief in Felsenschlünden haust, der Schiffer Fluch, Wuthvolle Todesmutter, die sühnlosen Mord Zuschnaubt den Freunden? Wie sie hell aufjubelte, Die Allverwegne, wie im Siegesruf der Schlacht! Sie heuchelt Freude, daß er glücklich heimgekehrt! Und ob man hier auch Glauben mir versage, - sei's! Sie naht, die Zukunft. Zeuge wirst du selbst sofort, Und nennst mich jammernd allzuwahre Seherin. Der Chorführer. Was du verkündet von Thyestes' grausem Mahl, Versteh' ich und mich schaudert und mich faßt ein Schreck, Zu schau'n der Wahrheit treffend nachgeschaffnes Bild. Das Andre hörend stürz' ich fort auf irre Bahn. Kassandra. Agamemnon, sag' ich, wirst du heute sterben seh'n. Der Chorführer. Gebiete deinem Frevelmund, Unselige! Kassandra. Doch wendet kein Erretter, was mein Wort enthüllt. Der Chorführer. Ja, wenn's zur That wird; aber nie geschehe das! Kassandra. Du flehst um Abwehr; jene sorgen für den Mord. Der Chorführer. Von welchem Mann wird solche Gräuelthat vollbracht? Kassandra. Schon wieder hast du meinen Spruch ganz falsch gefaßt. Der Chorführer. Wie er die That vollendet, bleibt mir dunkel nur. Kassandra. Und doch bin ich mit Hellas' Rede wohlvertraut. Der Chorführer. Auch Phöbos kennt sie; dennoch spricht er räthselhaft. Kassandra. O Grauen, welche Glut! Sie flammt an mich heran! O Leid! Lykeier Phöbos! Weh, o wehe mir! Die da, die Menschenlöwin, die dem Wolfe sich Gesellt, indeß er ferne war, der edle Leu, Sie wird mich Arme morden; ja, wie Zaubergift Bereitend, prahlt sie ihrem Groll auch meinen Lohn Zu mischen, wekt für ihren Herrn das Todeserz, Mit Mord an ihm zu rächen, daß ich kam mit ihm. Was trag' ich länger diesen Schmuck, mir selbst zum Spott, Den Stab, die Seherkränze hier um meinen Hals? Fort! Dich zerbrech' ich, ehe mich mein Loos ereilt! Euch wers' ich hin; verderbet! So vergelt' ich euch: Schenkt einer Andern euren Fluch an meiner Statt! O schaut! Apollon selber zieht das Seherkleid Mir aus. Mit eignen Augen hat er's ja geseh'n, Wie selbst in diesem Schmucke Freund und Feind zumal, Von Wahn geblendet, offen mich verspotteten! Ich Arme mußt', als landdurchschweifend Zauberweib, Mich hungerleidend, Bettlerin gescholten seh'n. Und jeho trieb der Seher, der zur Seherin Mich umgeschaffen, solchem Todesloos mich zu. Anstatt des Vaterherdes wartet mein der Block, Wo blutig heißer Opfertod mich fällen wird. Doch meines Todes Nächer sind die Götter einst. Denn wieder kommt ein andrer Rächer uns, der Sohn, Ein Muttermörder, der des Vaters Tod vergilt. Ein irrer Flüchtling kehrt er heim aus fremdem Land, Den Götterfluch zu krönen, der dies Haus verfolgt. Mit hohem Eide schwuren ja die Himmlischen, Daß ihn des Vaters Todessturz heimführt dereinst. Was seufz' ich fremde Sklavin so zum Himmel auf? Nachdem ich einmal Ilions erhabne Stadt Sah stürzen, wie sie stürzte, sah die Bürger dort Also dahingeschwunden nach der Götter Spruch; Will ich zum Tode stürzen, dulde muthig aus! Des Schattenlandes Pforten hier, euch grüß' ich noch. Ich flehe: tödtlich treffe mich der Todesstreich, Daß, wenn des Blutes Bäche sanfthinsterbend mir Entströmen, ohne Zucken sich mein Auge schließt! (Sie hat Seherstab und Kränze weggeworfen, und entkleidet sich nun auch des priesterlichen Gewandes.) (Sie verläßt den Wagen, und schreitet langsam dem Palaste zu.) Der Chorführer. O du so tief elendes als tiefweises Weib, Du spinnst die Reden lange. Doch was schreitest du, Wofern du wahrhaft dein Geschick erkennst, so kühn, Der gottgetriebnen Färse gleich, zum Opferherd? Kassandra. Freund, keine Rettung gibt es, auch kein Zögern hilft. Der Chorführer. Doch wer der Leyte zögernd bleibt, gewinnt den Preis. Kassandra. Sie kam, die Stunde: wenig hülfe mir die Flucht. Der Chorführer. In Jammer stürzt dich, glaube mir, so kühner Muth. Kassandra. Doch ruhmgekrönt zu sterben ist dem Menschen süß. Der Chorführer. Niemals vernimmt man solches Wort von Glücklichen. Kassandra. (Naht sich dem Palaste.) Weh, Vater, dir, und deinen edeln Kindern weh! Der Chorführer. (Da Kassandra entsetzt sich abwendet.) Was hast du? Welch' Entsegen schreckt dich scheu zurück? Kassandra. Weh, weh! Der Chorführer. Was soll der Wehruf? Grauen wohl erfaßte dich. Kassandra. Mord hauchen diese Mauern, blutumtrieften Mord. Der Chorführer. Wie so? Vom Opferherde weht ein solcher Duft. Kassandra. Es steigen Moderdünste wie von Gräbern auf. Der Chorführer. Kein Syrerkleinod, was du da vom Hause rühmst. Kassandra. Ich gehe, will im Hause noch um mein Geschick Und Agamemnons jammern. Sei's genug gelebt! Weh, Freunde, weh! Nicht, wie der Vogel um's Gebüsch, wehklag' ich bang Mit eitlem Rufe. Zeuget mir's, der Todten, einst, Wenn mir, dem Weib, zur Nache todt hinsinkt das Weib, Und für des schnöden Weibes Mann der Mann erliegt. Mit diesem Gastgruß tret' ich ein als Sterbende. Der Chorführer. Dein Loos, enthüllt vom Gotte, wie beklag' ich es! Kassandra. Ein einzig Wort noch fei're, nicht im Klageton, Mein Todesschicksal! Helios, dich fleh' ich an Bei'm lekten Lichtstrahl, meine Nächer ruf' ich auf: Gebt meinen Mördern gleichen Tod, wie mich, die Magd, Ihr Arm gemordet, leichterrungnen Sieges froh! Ach, Menschenleben! Lächelt ihm des Glückes Strahl, So mag's ein Schatte stürzen; grollt das Ungemach, Löscht eines Schwammes feuchter Hauch das düstre Bild. Weit mehr beklag' ich solches Loos, als mein Geschick. (Ab in den Palast.) Der Chorführer. Kein Sterblicher fühlt an des Glückes Genuß Sich jemals satt: von dem reichen Palast, Dem gepriesenen, weist Niemand es zurück, „Tritt nicht mehr ein!" ihm gebietend. Dem Atriden verlieh der Unsterblichen Huld, Daß er Troja bezwang, Und zur Heimat kam, von den Göttern geehrt. Doch wenn er jego der Ahnherrn Blut Abbüßt, und mit Tod der Gemordeten Tod Austilgt, um die Todten zu sühnen : Wer rühmte sich noch, wenn er solches vernahm, Zu harmlosem Glücke geboren? Agamemnon. (Im Palaste.) Weh! Tief in's Herz des Lebens traf mich Mörderhand! Der Chorführer. Stille! Wer, in's Herz getroffen, hebt so lauten Weheruf? Agamemnon. (Im Palaste.) Weh! Zum zweitenmale traf mich, ach! der Todesstreich. Erster Halbchorführer. Mir bezeugt des Königs Angstruf, daß die That vollendet ist. Zweiter Halbchorführer. Laßt gemeinsam uns berathen, was zu thun das Beste sei. Erster Greis des Chores. Ich thue denn euch meine Meinung kund: hieher Zum Königshause rufen wir sogleich das Volk. Zweiter. Und mir bedünkt: wir stürzen unverweilt hinein, Den Thätern nachzuforschen, kühn das Schwert gezückt. Dritter. Auch ich, zu gleichem Rathe mich vereinigend, Will, daß gehandelt werde: nicht zu säumen gilt's. Vierter. Das sieht man leicht: wer Herrscherwillkür üben will, Mit solchem Vorspiel kündigt er dem Land sich an. Fünfter. Wir säumen freilich. Aber die des Zögerns Ruhm Zu Boden treten, schlummern nicht mit träger Hand. Sechster. Ich schwanke zweifelnd, welchen Nath ich geben soll. Wer handelt, muß auch wetterhin zu Rathe geh'n. Siebenter. Ich bin desselben Sinnes; denn ich sehe nicht, Wie Menschenwort die Todten wieder wecken mag. Achter. Das Leben uns zu fristen, wollten wir so feig Des Hauses Schändern weichen als den Oberherrn? Neunter. Das trüg' ich nimmer, wählte lieber mir den Tod; Denn Sterben ist ein milder Loos als Herrschgewalt. Zehnter. Doch dürfen wir aus jenen Weherufen auch Sogleich vermuthend schließen auf des Mannes Tod? Eilfter. Erst wenn wir's klar erkannten, ziemt Berathen uns. Klar wissen und vermuthen ist ja zweierlei. Zwölfter. Dem Worte beizustimmen drängt mich's überall: Wir müssen klar sein, wie's mit Atreus' Sohne steht. (Aus den Pforten des Palastes tritt Klytämnestra mit dem Beile über der Schulter. Die Leichen Agamemnon's und Kassandra's werden unter rothen Decken ihr nachgetragen. Großes Gefolge.) Klytämnestra. Kühn, ohn' Erröthen, sag' ich nun das Gegentheil Von Vielem, was ich früher sprach der Zeit gemäß. Wie könnte sonst dem Feinde, der als Freund erscheint, Der Feind mit Haß entgegnen, wie des Jammers Nez Ihm stellen, das unüberspringbar hoch sich schlingt? Mir kam er endlich, lange schon vorausbedacht, Der Kampf des alten Grolles, ob mit Zögern auch. Da steh' ich jekt am Ziele, wo mein Opfer fiel. Und so vollzog ich's und verläugn' es nimmermehr, Daß weder Flucht ihm übrig war noch Widerstand. Ein endlos lang Gewebe, gleich dem Fischerney, Schlang ich um ihn, ein reiches Prunkgewand des Leids. Ich traf ihn zweimal; zweimal stöhnt er auf und läßt Sofort die Glieder sinken: als er niederlag, Verses' ich ihm den dritten Schlag, willkommnen Dank Dem Todtenretter Hades dort im Schattenland. Und also haucht er sinkend aus des Lebens Geist; Und wie des Blutes jäher Strahl aussprudelte, Besprigt er mich mit dunkeln Tropfen rothen Thau's, Die mich erfreuten, wie Kronions feuchter Süd Die Saaten, wenn's im Mutterschooß der Knospen schwillt. Ob solchen Glück's, ihr grauen Häupter dieser Stadt, Freut euch, wofern ihr Freude fühlt; ich juble laut! Ja, ziemte sich's, Trankopfer über Leichname Zu sprengen, wär' es hier gerecht, ja vollgerecht. Er, der so vielen Wehes fluchbeladnen Kelch Im Hause füllte, leert ihn nun heimkehrend selbst. Der Chorführer. Wir staunen deiner Rede, wie du zungenfrech Noch über deinen Gatten prahlst mit solchem Wort. Klytämnestra. O schmäht mich immer als ein sinnverblendet Weib! Ich sag' es unerschrocken, was ihr alle selbst Hier seht: und ob ihr's loben, ob ihr's tadeln wollt, Gleichviel! Da liegt er, Agamemnon, mein Gemahl, Ms Leiche, hier von meiner rechten Hand entseelt, Ein Werk der edeln Meisterin! So steht es hier! Erster Halbchor. Was für ein Gift, o Frau, Das dir die Erde zu kosten bot, Oder das Meer zum Trank spendete, schlangst du hinab, Daß dich so grause Wuth faßt' und des Volkes Fluch? Schänderin, Mörderin! Fleuch, aus der Stadt verbannt, Fleuch, den Bürgern ein Abscheu! Klytämnestra. Nun sprichst du mir mein Urthel, Flucht aus Argos' Stadt, Rufst über mich des Volkes Haß und Fluch herab, Und wälzest keine, keine Schuld auf diesen Mann, Der unbedenklich mordend, gleich als wär's ein Lamm, Wie wollenreicher Heerden Zucht ihm viele bot, Das eigne Kind geopfert, ach mein liebstes Kind, Die wilden Stürme Thrakia's zu bändigen! Und mußtest du nicht diesen aus dem Lande hier Zum Lohn des Gräuls verbannen? Nur von meiner That Vernehmend, übst du strenges Recht. Ich sage dir : Du magst mir immer also droh'n, ich bin bereit, Mich dir zu beugen, wenn mich deine Hand besiegt, Wie meine diesen! Wenn es anders fügt ein Gott, So wirst du Weisheit lernen, doch zu spät belehrt. Zweiter Halbchor. Wie du so kühn dich hebst, Wie du mit trokigem Muthe rühmst, - Während du wild nach bluttriefendem Morde verlangst, - Daß dir des Blutes Mal über dem Auge noch Glänz'ungerächt! Doch einst mußt du, von Freunden baar, Wunde büfen mit Wunde! Klytämnestra. Wohlan, vernimm auch meines Schwures heilig Pfand! Bei Dike's Macht, die meines Kindes Blut gerächt, Erinnys auch und Ate, der ich diesen hier Geopfert: nie besorg' ich, daß bei mir die Furcht Einkehrt, solang Aegisthos, wie bisher mir hold, Auf meines Hauses Herde noch die Flamme schürt; Ein starker Schild des Muthes steht er neben uns. Da liegt der Eheschänder, der mein Recht verhöhnt, Der Chrysestöchter Augenlust vor Ilion; Da liegt die kampferrungne Zeichenschauerin, Genossin seiner Nächte, zukunstdeutende Getreue Buhlin, die des Schiffes Steuerbord Mit ihm getheilt hat! Ihren Lohn empfingen sie. Ihm wurde dieser: jene, die, dem Schwane gleich, Zum legtenmal anstimmte Todesklageton, Ruht ihm gesellt, sein Liebchen, und gewährte so Mir noch ein süßes Beigericht zu meiner Lust! Der Chor. O daß in Eile doch, ohne zu großen Schmerz, Nicht uns fesselnd an's Lager, Der Tod sich uns nahte, ew'gen Schlafes Ruhe zu bringen! Vermählt dem Staube, Liegt er todt, der milde Hort, Der vieles Leid unter Frau'ntücke litt, Der durch Frau'ntücke nun den Geist verhaucht. Weh, Helena, dir! Wahnsinnige, weh! Du Eine, du hast so viel, so viel Um Ilion Leben gemordet! Und nun dem gewaltigen, lebend im Ruhm, Brachst du die Blüthe für alte Blutschuld. Ha, wie glomm im Hause da Zwietracht, dem Mann Fluch und Tod bereitend! Klytämnestra. O flehe doch nicht, durch Solches gebeugt, Den Tod dir herbei, Noch wende den Groll auf Helena's Haupt, Daß die Eine so viel von der Danaer Volk, Die Vertilgerin, einst zu den Schatten entrafft, Und unnennbaren Jammer bereitet! Der Chor. Feindlicher Dämon, der wider des Tantalos Haus und Zwillingsgeschlecht stürmt, Du zeigst, in gleich wilden Weibern rasend, Deine Gewalt, und empörst das Herz mir! Auf die Leiche tritt sie kühn, Die Mörd'rin, stimmt, Raben gleich, zornentbrannt, Siegsgesang grausenvoll frohlockend an! Klytämnestra. Nun sprach dein Mund wahrhafteren Spruch, Da du riefest den Gott, Den gewaltigen Nachgeist dieses Geschlechts. Denn trunken von ihm, nährt ewig sein Schooß Blutlechzende Gier. Da die Wunde noch brennt, Hat der Mord sich erneut, und das Blut strömt. Der Chor. Traun, den gewaltigen, schwer Zürnenden Dämon des Hauses rühmst du! Ach, trauriger Ruhm des grausen, Niemals endenden Unheils! O Graun, o Graun! So lenkt es Zeus, Der Alles fügt, der Alles schafft! Denn was geschieht den Menschen ohne dich, Zeus? Ist nicht Alles der Götter Schickung? Wie wein' ich, (s Schmerz!) mein König und Herr, Wie wein' ich um dich? Was sag' ich aus liebender Seele? Da liegst du verstrickt in der Spinne Geweb, Von frevelnden Händen gemordet! Weh, weh! So schmachvoll sankst du dahin in den Staub: Von des -Truges Mord entseelt, Sankst du, getroffen von scharfem Beile! Klytämnestra. Mein, rufet ihr laut, mein sei dies Werk. O sagt nicht mehr, Daß ich Agamemnons Gemahlin sei! Nein, ähnlich dem Weib des Erschlagenen hier, Hat, sinnend auf Fluch, der entsegliche Geist, Der Atreus trieb zu dem blutigen Mahl, Ihm Buße verhängt, Und den Mann für die Knaben geopfert. Der Chor. Daß du den blutigen Mord Nimmer verschuldetest, wer bezeugt das? Wer? Aber der Ahnen Fluchgeist Stand wohl helfend zur Seite. In Strömen stammverwandten Bluts Rast ewig fort der dunkle Mord, Und negt sich neu, wohin er auch sich wälze, Im Thau blutigen Kindermordes. Wie wein' ich, (o Schmerz!) mein König und Herr, Wie wein' ich um dich? Was sag' ich aus liebender Seele? Da liegst du verstrickt in der Spinne Geweb, Von frevelnden Händen gemordet! Weh, weh! So schmachvoll sankst du dahin in den Staub: Von des Truges Mord entſeelt, Sankst du, getroffen von scharfem Beile! Klytämnestra. Kein schmachvoll Todesgeschick war, traun, Agamemnons Loos. Spann er nicht blutige Tücke zuerst In dem Hause mir an? Der das Kind mir erschlug, das von ihm ich empfing, Das ich ewig bewein', Iphigenien, ach! Nahm würdigen Lohn für würdige That: Er brüste sich nicht in des Hades Haus, Da der mordende Stahl Das Verschuldete nur ihm vergolten! Der Chor. Ich sinn' umher, alles Rathes ledig, Wo ich der Sorge Steuer Hinwenden soll, nun das Haus dahinstürzt. Mich schreckt des Plakregens hauserschütternder Blutvoller Sturm; schon ja träuselt's nicht mehr. Zu neuen Unheilsthaten wekt sein Nacheschwert Das Schicksal schon auf neuem Wepstein. O Erdreichs Nacht! O nahmst du mich auf, Ch' ihn ich erblickt in den silbernen Sarg, In die tödtende Wanne gebettet! Wer gräbt ihm ein Grab? Wer jammert um ihn? Wirst du, die selbst Ihn erschlug, den Gemahl, dies wagen zu thun, Ihm Klagen zu weih'n, und für Thaten des Nuhms Ihn durch schnödes Gepräng Unliebender Liebe zu feiern? Wer wird den Grabesgesang um den Göttergleichen Anstimmen unter Thränen, Von lauterm Herzensdrang getrieben? Klytämnestra. Dir steht's nicht an, dich um Solches zu müh'n: Durch unseren Arm Sank, starb er dahin, wir graben sein Grab, Kein Jammern ertönt aus dem Königspalast. Iphigenia nur, mit freundlichem Sinn, Wie der Tochter geziemt, Tritt gegen ihn her an des klagenden Stroms Wildrauschender Furth, Und umschlingt ihn mit liebenden Armen. Der Chor. Schmachwort erhebt sich hier gegen Schmachwort. Dunkel umhüllt den Ausgang. Wer fällte, fällt; wieder büßt der Mörder. So lange Zeus waltet, waltet dies Gesek: Wie Jeder that, also muß er leiden. Wer stößt ein Kind vom Hause, mag's dem Fluche weih'n? Unlösbar haftet Zweig am Stamme. Klytämneftra. Wohl sprachst du mit Wahrheit, was du mir jekt Kundthatst. Ich schwör' es dem rächenden Geist In Pleisthenes' Haus, Gern beug' ich dem Fluch, wie schwer er auf mir Auch laste, das Haupt, wenn fortan nur Den Palast er verläßt, und ein andres Geschlecht Austilgt durch stets fortzeugenden Mord. Und wäre mir auch nur mäßiges Gut: Mir Alles genug, wenn ich wechselnden Mords Wahnsinn von der Schwelle verscheuchte! (Aegisthos, von Lanzenknechten gefolgt, tritt aus der Gastwohnung mit den Zeichen der königlichen Würde.) Aegifthos. O holdes Licht des Tages, der mir Rache bringt! Nun sag' ich laut, daß, richtend über Sterbliche, Die Götter hochher auf der Erde Gräuel schau'n: Denn hier in Schleier, die gewebt Erinnyen, Seh' ich den Todten eingehüllt, zur Wonne mir, Der Frevel büßt, die seines Vaters Hand verübt! Sein Vater Atreus, dieses Landes König, hat Thyestes, meinen Vater, daß ihr's klar vernehmt, Den eignen Bruder, hadernd um des Reichs Gewalt, Hinausgestoßen, weggebannt von Stadt und Haus. Und wiederkehrend suchte Schuß am Hausaltar Mein armer Vater und erlangte Sicherheit, Daß nicht gemordet er mit seinem Blut den Grund Der Väter färbte. Doch ein grauses Gastgeschenk Bot sein verruchter Vater nun dem meinen dar, Atreus Thyesten, eifrig mehr als liebevoll. Scheinbar zur Tagesfeier froh ein Festgelag Bereitend, tischt er seiner Söhne Fleisch ihm auf. Der Füße Spigen und der Hände Fingerkamm Verbarg er abwärts, daß die Tischgenossen nichts Erkannten. Er, nicht wissend, was er nehme, nahm Und aß vom Mahl, des Stammes Fluchmahl, wie du siehst. Und als er endlich inne ward die Gräuelthat, Wehklagt er, sinkt er nieder, würgt das Fleisch heraus, Nuft auf die Pelopiden grauses Leid herab, Häuft auf das schnödentweihte Mahl gerechten Fluch, So möge Tantals ganzes Haus zu Grunde geh'n. Nach solchem Fluche kannst du den dort liegen seh'n: Ich bin der Meister, der des Mordes Fäden spann. Denn mich, den dritten, nach den zwei Unglücklichen, Verbannt er sammt dem Vater, klein in Windeln noch. Erwachsen, führte Dike mich zur Nache heim. Ich hatt' in fremdem Lande schon ihm nachgestellt, Und alle Listen schlimmen Trugs um ihn gewebt. So wäre selbst zu sterben süße Wonne mir, Nun Dike's Nez vor meinen Augen ihn umschlang. Der Chorführer. Aegisthos, Hohn bei Frevelthaten lob' ich nicht. Du sagst, mit Absicht gabest du dem Mann den Tod, Entwarfst allein des jammervollen Mordes Plan? Wohl wird, vernimm es, im Gericht dein Haupt, umdröhnt Vom Fluch des Volkes, nicht entgeh'n der Steinigung. Aegisthos. Das drohest du, der auf der letzten Ruderbank Des Schiffes sitzt, dem Herrscher, der das Steuer lenkt? Als Greis erkenne, daß in solchen Jahren noch Weisheit zu lernen schwierig sei nach altem Spruch. Doch auch das Alter können Band und Fesseln ja Und Hungerqualen bessern, auserlesene Lehrzauberinnen. Sehend stehst du dieses nicht? Nicht nach dem Stachel löcke; Schmerzen bringt es dir! Der Chorführer. Weib, das dem Helden, welcher jüngst heimkam vom Streit, Das Haus gehütet und entweiht des Mannes Bett, Du hast dem Feldherrn ausgedacht dies Todesloos? Aegifthos. Auch diese Worte werden Quell der Thränen dir. Du hast von Orpheus' Zunge ganz das Widerspiel. Er riß bezaubernd durch Gesang einst Alles fort: Du regst mit kühnem Schmähen auch die Milden auf, Und wirst dahingerissen, bis die Zucht dich zähmt! Der Chorführer. Und also du willst Herrscher mir in Argos sein, Der, ihm den Tod ersinnend, doch mit eigner Hand Die That hinauszuführen nicht den Muth besaß? Aegisthos. Ihn überlisten ziemte ja dem Weibe nur: Ich schien verdächtig als des Mannes alter Feind. Doch nun mit seinem reichen Schas versuch' ich es Das Bürgervolk zu knechten! Wer mir nicht gehorcht, Den will ich zäumen, daß das überkecke Noß Der Hafer nicht mehr steche; düstrer Kerkernacht Unholder Gast, der Hunger, soll bald zahm ihn seh'n! Der Chorführer. Warum so feigen Sinnes hast du diesen Mann Nicht selbst erschlagen? Morden mußt' ihn dir ein Weib, Des Landes Scheusal und der Landesgötter Schmach! Schaut nicht Orestes irgendwo die Sonne noch, Auf daß er, heimwärts kehrend auf des Glückes Pfad, Mit starkem Arme Mörder sei der beiden hier? Aegifthos. Da dir so gefällt zu reden und zu thun, bald sollst du seh'n - Auf denn, theure Wehrgenossen, nicht entfernt mehr droht der Kampf! Der Chorführer. Auf! Die Hand am Griff des Schwertes, halte Jeder sich bereit! Aegisthos. Wohl! Auch ich, die Hand am Schwerte, weigre mich des Todes nicht. Der Chorführer. Was du sagst vom Tod', es gelte! Richte zwischen uns(Eilt herbei.) das Glück! Klytämnestra. Nimmermehr laß neues Leid uns sä'n, Geliebter, nimmermehr! Schon zuvor ja sprossen üppig reiche Trauersaaten hier: Ja, des Jammers ward genug schon! Nimmer, nimmer fließe Blut! Gehe du, geht ihr, o Greise, nach dem euch beschiednen Herd, Eh' ihr Unrecht übend leidet! Was wir litten, g'nügte wohl. Hätten wir noch nicht genug an dieser Mühsal, tragen wir's, Wenn des Gottes schwerer Ingrimm uns mit hartem Schlage trifft. Also lautet meine Meinung, hört ihr auf des Weibes Wort. Aegisthos. Aber daß mit eitler Zunge diese so straflos sich bläh'n, Daß sie solchen Hohn mir bieten, pochend auf des Glückes Gunst, Aller Zucht und alles Maaßes ledig, so den Herrscher schmäh'n Der Chorführer. Einem Bösewicht zu schmeicheln, ziemt für Argos' Söhne nicht. Aegiſthos. Noch dereinst in späten Tagen trifft dich meiner Rache Strahl. Der Chorführer. Nie, wofern ein Gott Oresten wieder heim nach Argos führt ! Aegiſthos. Ja, ich weiß, Vertriebne weiden sich an eiteln Hoffnungen. Der Chorführer. Schalte, prasse keck, besudle Fug und Recht: noch darfst du ja! Aegiſthos. Glaube mir, für diese Thorheit büßest du mir bitter noch! Der Chorführer. Prahle trotzig, gleich dem Haushahn, wenn er bei der Henne steht! Klytämnestra. Achte weiter nicht des eiteln Schwakens; ich und du vereint Werden Alles wohl bestellen als die Herrn in diesem Haus! (Aegisthos und Klytämnestra ab in den Palast; der Chor begibt sich in die Stadt.)