Aeschylus, Agamemnon: German translation Aeschylus Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff University of Leipzig Gregory Crane German translation by Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff Perseus Digital Library Tufts University Available under a Creative Commons Attribution-ShareAlike 4.0 International License urn:cts:greekLit:tlg0085.tlg005.wilam1919-ger1 2026 Aeschylus Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff Griechische Tragoedien 8. Aufl. Berlin Weidmannsche Buchhandlung 1919–1923 HathiTrust catalog record

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Einleitung.

Die Geschichte von Agamemnons Tod, wie sie Aischylos teils voraussetzt, teils darstellt, verläuft folgendermaßen. In Argos, nicht in Mykene oder Sparta, herrschte einst Atreus aus dem Hause der Pleistheniden. Seine Herrschaft war von seinem Bruder Thyestes bestritten, und als dieser ihm noch seine Gattin verführt hatte, trieb ihn Atreus in die Verbannung. Es kam zu einer scheinbaren Versöhnung. Thyestes ließ sich verleiten mit seinen Söhnen heimzukehren, obwohl ihm nur für seine Person sicheres Geleit gewährt war, und so gelang dem Atreus die Hinterlist, daß er alle seine NeffenBei Aischylos sind es zwölf, später zwei oder drei ; der jüngste wird hier gerettet, später erst nach dem Tode der Brüder erzeugt. An den Verschiedenheiten darf man sich nicht stoßen. Die Geschichte, einst in hochberühmten Dramen behandelt, ist uns im Detail fast unbekannt. Die Zahlen 12 und 13 kommen auch in anderen Sagen ähnlich vor . außer dem jüngsten, der noch ein Säugling war, töten und sogar ihr Fleisch dem Vater vorsetzen konnte. Thyestes verfluchte das Geschlecht des Pleisthenes und ging wieder in die Fremde. Auf Atreus folgte Agamemnon, neben dem in Argos sein Bruder Menelaos in Eintracht wohnte. Die Brüder waren an Kraft und Mut verschieden, der ältere ein gewaltiger Held, der jüngere weicher an Kraft und Mut. Beide heirateten zwei

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Schwestern, Tyndareos' Töchter, gleich ausgezeichnet an Schönheit und Willenskraft, aber beide auch behaftet mit dem Hang zu böser Lust und ruchloser ThatEs war in einem hesiodischen Gedichte erzählt, daß Aphrodite, von Tyndareos beleidigt, seinen Töchtern den Trieb zur Treulosigkeit eingepflanzt hätte. Aischylos bildet das so um, daß in beiden derselbe Dämon walte ; wir sagen, in beiden Schwestern steckt dieselbe dämonische Natur und Leidenschaft .. Helene ließ sich von Paris entführen. Agamemnon nahm mit dem Bruder die Rüstung des Rachezuges in die Hand, sie sammelten die Flotte der tausend Schiffe in Aulis, und als Artemis, die Herrin von Aulis, die Schlachtung der Iphigeneia als Preis für die Gewährung der Ausfahrt zu fordern schienDer Grund der Forderung wird verschwiegen. Was der Dichter im Sinn hat, ist die Forderung des Schönsten, was in einem bestimmten Jahre geboren war und der Beschützerin der Neugeborenen zustand. Der Seher deutete das auf Iphigeneia. Warum die Göttin der Ausfahrt widerstrebte, wird nicht gesagt, da ihr Mißfallen an dem Zerreißen der trächtigen Häsin durch die Adler die Atreiden nichts angeht. Der Dichter führt dies Bild ein, weil er andeuten will, daß die Beschützerin der Hasen unmöglich das Blut der Jungfrau fordern kann ., entschloß sich der Vater Agamemnon auch zu diesem Opfer. Daß Artemis die Jungfrau nach dem Tode zu einer Göttin erhöht habe, deutet der Dichter an ; es ist den Personen des Dramas aber unbekannt. Während des zehnjährigen Kampfes hat sich Klytaimestra, die von ihrem Gatten neben einem Rate — dem Chore des Dramas — zur Regentin eingesetzt war, von Aigisthos, dem Sohne des Thyestes, verführen lassen und bereitet dem Gatten für den Tag der Heimkehr den Tod. Troia fällt, und die Nachricht wird durch einen Feuertelegraphen in derselben Nacht gemeldet. Sturm auf der Rückfahrt, der die Flotte und namentlich auch das Schiff des Menelaos von dem des Agamemnon trennt, erleichtert so die Ausführung des Anschlages, den Klytaimestra längst dadurch vorbereitet hatte, daß sie den

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Sohn und Erben Orestes in ein fernes befreundetes Haus ausgethan, die einzige lebende Tochter Elektra (die in diesem Drama gar nicht erwähnt wird) im Frauengemache eingesperrt hat. Aigisthos mit einer Schar Söldner, die er sich geworben hat, bleibt im Hintergrund. Die Gattin lockt den Agamemnon in das Badezimmer, wirft ihm ein großes Gewand über, in das er sich wie in ein Netz verstrickt, so daß sie ihn ohne Widerstand mit Beilhieben erschlagen kann. Mit ihm fällt Kassandra, seine Sklavin aus der troischen Beute, in der Klytaimestra sein Kebsweib zu sehen berechtigt war. Den Widerstand des Volkes, das dem Agamemnon treugesinnt war, bezwingt minder der Tyrann Aigisthos mit seiner Wache als die Thatkraft der Regentin. Der Streich ist völlig gelungen — nur in der Ferne droht der Bluträcher Orestes. Daß wir trotzdem das Strafgericht an den Mördern so gut wie vollzogen glauben, ist lediglich dadurch erzeugt, daß der Dichter von Anfang an den Glauben erweckt hat, jede Schuld finde unverbrüchlich ihre Sühne: so ersetzt er den seinen Hörern im übrigen bekannten Fortgang der Geschichte, den er hier noch nicht darstellen kann.

Stellen wir vorab einiges fest, was der Dichter unter die Voraussetzungen seiner Handlung nicht aufgenommen hat. Wir hören die Goethesche Iphigenie mit dem Worte „ich bin aus Tantalos' Geschlecht" den ganzen Erbfluch, den sie überwinden wird, bezeichnen; gleich darauf giebt sie einen Bericht über die Reihe von Greueln, die mit dem Ahnherrn beginnen. Goethe hat das von Sophokles und Euripides genommen, und es unterliegt keinem Zweifel, daß Aischylos die Geschichten kannte; aber mag er auch einmal das Geschlecht nach Tantalos oder Pelops nennen, so hat das keine Bedeutung für die ererbte Schuld, die erst mit Atreus beginnt. Das Parzenlied Goethes klingt uns vielleicht bei manchem der Chöre hier in den Ohren; wir müssen es ganz fern halten, wenn wir den Agamemnon

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verstehen wollen. Ferner denken wir uns Menelaos und Helene von Homer her in Sparta; Aischylos lag das noch viel näher, denn die poetische Vorlage, die er im nächsten Drama bearbeitete, verlegte ebendahin den Sitz Agamemnons, also auch dessen Tod und den Kassandras. Mit Mühe also und Überlegung hat der Dichter Sparta ebenso ausgeschaltet wie das homerische Mykene, und aus eigener Machtvollkommenheit wider alle Tradition Argos eingesetzt. Was er damit bezweckte, wird hinter dem letzten Drama erläutert werden. Für den Agamemnon hat der Schauplatz keine große Bedeutung, wohl aber, daß auch Menelaos und Helena hier erwartet werden.

Was wir geschehen sehen ist im wesentlichen nur, was als geschichtliche Thatsache allgemein anerkannt war. Nur eins ist von Bedeutung, dementsprechend von um so höherer. Der Mörder Agamemnons ist bei Homer nur Aigisthos, die Verführung Klytaimestras ist für ihn nur ein Mittel zur Erreichung dieses Zweckes. So richtet sich die Rache des Orestes, die Götter und Menschen bewundern, nur gegen ihn. Ganz ebenso mußte es in jeder Darstellung sein, in welcher Agamemnon die Schuld des Atreus büßte, denn nur den Aigisthos, nicht die Tochter des Tyndareos, gingen Thyestes und seine Söhne etwas an. Hier dagegen ist dieser nichts als ein hohler Fant, wie ihn sich ein Mannweib gern zum Geliebten nimmt, ohne die Herrschaft anders als dem Namen nach mit ihm zu teilen, die sie in Wahrheit auch über ihn ausübt. Demgemäß ist er bei dem Morde nicht einmal gegenwärtig; wie die Ausführung, so geht die Verantwortung und die Buße des Verbrechens Klytaimestra allein an ; er folgt ihr wie ein Schatten, auch in das Grab. Im letzten Drama wird er gar nicht mehr erwähnt. Durch diese seine Änderung hat der Dichter einmal erreicht, daß das Problem, das er weiter behandelt, Blutrache und Muttermord, scharf hervortrat ; aber auch hier

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weist diese Änderung dem Verständnis sicher den Weg. Klytaimestra ist die einzig Handelnde und die einzig Schuldige. Über sie, ihr Wollen und ihr Thun, müssen wir Klarheit gewinnen.

Wenn das Verbrechen, das wir hier sehen, Gattenmord ist, so hat der Erbfluch der Pleistheniden nichts mit ihm zu schaffen. Gleichwohl will sich Klytaimestra damit verantworten, daß sie nur das Werkzeug des Geschlechtsfluches gewesen sei, und die Vision der Seherin zeigt uns in dem Hause die blutdürstigen Geister, die zur Sühne des alten das neue Verbrechen fordern. Andererseits wird gleich am Anfang die Schlachtung Iphigeneias als Anlafs der Rachethat Klytaimestras bezeichnet ; die Kränkung ihrer Gattenehre sehen wir in Kassandra vor Augen. Auch auf diese Motive beruft sich die Mörderin. Das ergiebt eine ganz andere Reihe von Schuld und Sühne. Welches ist die richtige? Es erheben sich aber auch Schwierigkeiten, wenn wir die allgemeinen Urteile des Dichters zusammenhalten, der hier einen so unverhältnismäßig breiten Raum der Betrachtung über göttliche und menschliche Dinge gewidmet hat, daß man sieht, er hat die Geschichte als Exempel für seine Lehre hierüber dramatisiert. Die Schlachtung Iphigeneias wird objektiv als Sünde bezeichnet, und doch gilt sie als Forderung der Artemis. Der Chor verabscheut die That Klytaimestras und bezeichnet sie doch als von Zeus bewirkt.

Wollen wir zum wirklichen Verständnis gelangen, so ist der sichere wissenschaftliche Weg, daß wir die Gedanken und Gefühle durchmustern, die der Dichter als das Erbe früherer Geschlechter und die widerspruchsvolle Vorstellung seiner Zeit überkam, damit sich davon abhebe, was ihm eigentümlich ist, ganz wie wir, wenn die Schwierigkeiten im Stoffe liegen, von dem ausgehen, was ihm überliefert war. Dabei ist festzuhalten einmal, daß ein jeder unbewußt einen Teil der Widersprüche, die not-

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wendig in den überlieferten Gedanken liegen, übernimmt oder doch zu übernehmen scheint, ferner, daß ein Dichter kein philosophisches System und kein theologisches Dogma hat ; was er lehrt, hat er nicht durch logisches Denken gewonnen, und er wendet sich nicht an den Verstand. Offenbarend, nicht docierend läßt er den Zuschauer, den er zu seinem Glauben erwecken will, die Wahrheit schauen. Auch die allgemeinen Sätze, mögen sie in Sprüchen oder Gedankenreihen vorgetragen werden, sind nichts Abstraktes, sondern tragen immer etwas Individuelles und Momentanes an sich, vollends beim Tragiker, wo immer noch eine andere Person zwischentritt Das erhöht die Schwierigkeit, und darum zumal führe ich meine Leser den weiteren Weg, der mich sicherer dünkt.

Aber ich weiß wohl, daß es im Grunde genügt, sich dem Dichter willig zu ergeben. Ehrfurcht vor ihm und seiner Frömmigkeit und Ehrfurcht vor der Wahrheit, darauf kommt es an. Wer nach flüchtigen Eindrücken obenhin urteilt, der mag sich auch an den greulichen Halbwahrheiten genügen lassen, die er voraussichtlich mitbringt, weil sie überall in betreff der griechischen Religion und der griechischen Tragödie feilgeboten werden. Wer sich aber liebevoll in die Frömmigkeit des herben Propheten versenken will, wem ein echter Glaube als solcher heilig ist, einerlei, wie weit er ihn teile, dem möchte ich gerne seine Mühe erleichtern — grade weil ich weiß, daß ich ihm nicht genügen werde. Denn jeder Versuch der Analyse eines lebendigen Glaubens ist nicht nur unzulänglich, sondern im Grunde eine Profanierung, und das Verständnis von allem wahrhaft Großen wird nicht erlernt, sondern erlebt.

Die Menschen Homers, unbeschadet dessen, daß sie bereits auf den Schultern ungezählter Generationen stehen, erscheinen uns doch wie die Kinder, die Prometheus eben geformt hat, ein Geschlecht zu leiden, zu weinen, zu ge-

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nießen und zu freuen sich und der ewigen Fragen nach gut und böse, nach Schuld und Schicksal nicht zu achten, wie es ihre seligen Geschwister, die Götter Homers, auch halten. Sie wissen von keiner Theodicee und verlangen sie nicht. Sie wissen also auch von keinem Geschlechtsfluch.

Freilich lehrt sie das Leben die Gebrechlichkeit und Vergänglichkeit des Irdischen ; es ist nicht leicht für sie wie für die Götter. Wenn sie auch kein Staat und keine geordnete Gesellschaft einschränkt, so wird ihr Wille doch von allen Seiten eingeengt und oft genug überwältigt von einem andern Etwas, das sie als den Willen eines Mächtigeren kennen oder in dem sie einen Willen und eine Person voraussetzen, weil es mächtiger ist. Und alles mächtigere ist ihnen Gott, und insoweit es wirkt, wird es Person, einerlei ob wir es Ding oder Person, Abstraktum oder Konkretum nennen. Jede göttliche Person aber denken sie sich nach ihrem eigenen Bilde, nur in der Macht zu helfen und zu schaden dem Sterblichen überlegen, aber handelnd nach Liebe und Haß, wie ein Mensch. Sie werden alle Mittel anwenden, sich die Liebe der Mächtigen zu verschaffen, Mittel, wie sie auch Menschen gegenüber gelten ; aber selbst wenn sie dem Hasse oder Neide eines Gottes zu erliegen glauben, so werden sie darum die Macht und daher die Göttlichkeit dieser Person nur um so entschiedener anerkennen.

Das Sittliche, das Gute und Gerechte, selbst so weit es bereits empfunden ist, bildet kein Kennzeichen der Göttlichkeit. Auch im Menschenschicksal fordert man Gerechtigkeit mit nichten. Helene strahlt in Ilios und nach ihrer Heimkehr in Sparta in dem ungetrübten Glanze und wird in den Saal ihres göttlichen Vaters eingehen, schön, geehrt, glücklich. Niemand nimmt daran Anstoß, daß es der Ehebrecherin so ergeht. Wohl hat die homerische Poesie etwas Großes für die Vorstellung von den Göttern erreicht, fortwirkend auf alle Zeit. Sie

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hat den Göttern die menschliche Gestalt und demgemäß wenigstens menschliches Fühlen gegeben, während in den tieferen Schichten des ionischen Volkes und im ganzen Mutterlande von Hellas die Ungestalt und Tiergestalt sich noch lange behauptete, der auch im Wesen der göttlichen Personen ein Ungestaltes und Barbarisches entsprach. Das letzte Drama der Orestie wird uns solche Scheusale zeigen, und auch in diesem empfindet Klytaimestra den Schlag des Dämons als den Tritt eines Hufes. Daß die hellenische bildende Kunst später die leibliche Schönheit als Kennzeichen der Göttlichkeit sinnfällig darstellen kann, so daß noch heute selbst die Bildung barbarischer Götter, wie der nordischen, nicht anders göttlich erscheinen kann, als wenn sie hellenisiert wird, ist ein Erfolg der poetischen Kraft und des ästhetischen Feingefühles jener ionischen adeligen Gesellschaft und des homerischen Sängerstandes.

Aber eben diese unvergleichliche Gestaltungskraft Homers hat einer Anzahl göttlicher Personen für immer einen bestimmten Charakter aufgedrückt, unvergessliche Geschichten von ihnen erzählt und damit der Weiterentwickelung der hellenischen Religion präjudiziert. Denn mögen auch einzelne Homeriden Tieferes ahnen, Höheres anstreben, im ganzen sind diese Götter wie die homerische Welt nur deshalb nicht unsittlich, weil das Sittliche gar kein anerkannter Maßstab ist. Die Dichter hatten wie mit den Geschichten, so mit den Gestalten vielfach gespielt, denn die Muse weiß manchen Lug mit dem Scheine der Wahrheit zu erzählen: die Nachwelt, die sich zu Sittlichkeit und Religion anders stellte, konnte den Göttern ihre homerische Natur nicht mehr nehmen, dazu war die Macht der Poesie zu groß ; sie hat vergeblich versucht die Geschichten oder den Homer zu verwerfen, um die Reinheit der Götter zu retten. So hat sie die Götter selbst verwerfen müssen: muor Giove e l'inno del poeta resta.

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Es kam eine andere Zeit; ihre geistigen Kämpfe spielten sich im Mutterlande ab, wo eine rohe aber starke Religion unverfälscht zu Grunde lag, aber die Gedichte Homers mit ihren Göttern und Helden und das homerische Epos als einzige so zu sagen litterarische Form herübergenommen waren. Damals sind, wie gleichzeitig auch in Israel, Propheten erstanden, und auch hier ist der Hauptruf Gerechtigkeit. Erhoben wird er, weil in der argen Welt das erwachende sittliche Bewußtsein, das nicht findet, was sein Glaube fordert, es eben daher als real setzt, sei es auf Erden oder im Himmel oder in der Hölle. Auch diesesmal hat der Glaube die Welt überwunden und der Gerechtigkeit den Weg bereitet, indem er die Menschenherzen zwang, seine Forderungen anzuerkennen, allmählich auch sie zu erfüllen. Hesiodos von Askra hat an sich selbst die Ungerechtigkeit erfahren; die Könige dieser Welt haben, statt ihm zu helfen, sich an Dike, dem Rechte vergriffen. Er hat keine Macht, muß in seiner Ohnmacht das Unrecht hinnehmen und ist ein fahrender Dichter geblieben. Aber um so glühender ist sein Glaube an die Allmacht Gottes, des Zeus, der bereits ein Weltgott ist. Also beginnt er sein Gedicht, das von seiner eigenen Vergewaltigung erzählt.

Ihr Musen vom Olympos, auf zu des Vaters Preis. Ihr wißt zu singen und sagen, von Zeus beginnt das Lied. Er wirkt dem Menschen Schande, er wirkt dem Menschen Ruhm. Und wenn ihn die Nachwelt segnet, und wenn ihm die Nachwelt flucht, So hat es dem Menschen gewirket der Wille des großen Zeus. Ihm ist's ein Kleines zu geben, ein Kleines zu nehmen den Ruhm, Ein Kleines, den Hohen zu stürzen, den Niedren zu erhöh'n. Griech. Tragödien. II. 2 18 Er schrumpft den Schönen, den Krüppel macht grad' er mit leichter Müh', Der Herr in den Höh'n des Himmels, der Donnerer droben, Zeus.

Dieser allmächtige Gott ist ein gerechter Gott; sein Weltenregiment ist die Wahrung der Gerechtigkeit. Er hat überall auf Erden unsichtbare Geister, die auf alle Werke der Menschen Acht geben; Dike selbst ist seines Geschlechtes, und sie geht dem Vater klagen, wenn ihr einer der Mächtigen zu nah thut. Dann büßt das Volk die Vergehen seiner Führer. Mit Farben, die ihm unzählige Male nachgebraucht sind, wird der Segen der gerechten, das Elend der ungerechten Stadt gemalt. Nicht um seiner dichterischen Schönheit willen, sondern als ein Buch zur Erziehung, zur Stärkung des sittlichen Gefühles hat sich das Gedicht des Hesiodos die Stellung neben Homer verdient, und wenn den Philologen in der Zeit, wo nur ästhetische Maßstäbe angelegt wurden, diese Schätzung des Altertums unverständlich war, so wird die Wissenschaft das gut machen, seit sie auch die religiöse und sociale Entwickelung geschichtlich zu verfolgen gelernt hat.

Es war die Zeit des Geschlechterstaates, wo der Einzelne nicht auf sich stand, sondern immer ein Glied seiner Sippe blieb, oder seines Staates; denn die Bürgerschaft war immer oder betrachtete sich doch als einen weiteren Kreis von Blutsverwandten. Individuelles Eigentum bestand wenigstens an Grund und Boden dem Rechte nach kaum; das 'Landlos', d. i. das dem Einzelnen zugefallene Stück des Gemeinbesitzes, vererbte sich nach dem strengen Intestaterbrecht, nach dem schließlich subsidiär die 'Bruderschaft'So heißt in Athen die nicht mehr blutsverwandte, quasigentilicische Korporation, die zwischen der Samtgemeinde und dem einzelnen Hause überall stand; die Namen wechseln. eintrat.

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So hatte das Geschlecht und weiter Bruderschaft und Staat konsequenterweise auch an den Lasten des Erbes mitzutragen, zu denen Blutschuld in erster Linie gehörte, und der Gerechtigkeit schien voll genügt, wenn für oder mit dem Schuldigen seine Zugehörigen zahlten, die um ihn oder die nach ihm. Der Glaube an die Vererbung der Schuld auf Kind und Kindeskind, so geeignet plötzlich hereinbrechendes unverschuldetes Unglück zu rechtfertigen, hat nach Hesiodos noch zugenommen, und kein geringerer als der weise Solon, der doch das freie Eigentum auch an Grund und Boden und die Testirfreiheit gesetzlich festgelegt hatDie Sitte hielt freilich die Form der Adoption des gewählten Erben fest, also den Schein des Geschlechterrechtes., hat diesem Glauben Ausdruck geliehen.

Was Frevel dem Menschen erwarben, das hat ja keinen Bestand. Über dem Ausgang von allem Gottes Auge wacht. Es reißt die Wolken in Stücke jagend der Frühlingssturm, des wüsten Meeres Wogen wühlt er wirbelnd vom Grund, fährt über die Äcker der Erde, knickend der Halme Stolz, auf zum Sitze der Götter, dem hohen Himmelsdom. So wirket er es, daß wieder heitere Helle erscheint: Über die fetten Felder leuchtet der Sonne Pracht herrlich; am Himmel sieht man nirgend ein Wölkchen mehr. So hält plötzlich erscheinend Gott gewaltig Gericht. Nicht gleich straft er um jedes, wie des Sterblichen Zorn, doch auf die Dauer entgeht ihm keiner, der sündigen Sinn heget. Es kommt am Ende alles einmal an den Tag. Einer sofort, der andre später die Buße zahlt, und wer selbst dem verwirkten Gottesurteil entging, einmal kommt es dennoch. Büßen werden für ihn seine schuldlosen Kinder oder der Enkel Geschlecht.

Ein so maßvoller, seiner selbst so sicherer Mann wie Solon mochte von dem Felsen dieses schlichten Gottvertrauens sicher auf die Stürme schauen, die ihn umgaben.

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Aber auf ungezählten Seelen lastete die Angst, daß auch die eigene Unsträflichkeit nicht vor der Strafe des Himmels sicherte, daß niemand ahnen konnte, welchen Fluch er ererbt hätte, und daß die Ansteckung fremder Sünde das Geschlecht und die ganze Stadt in den Untergang ziehen konnte. Übermächtig brach diese Stimmung durch, wenn wirklich über die Stadt ein Unheil plötzlich hereinbrach, Mißwachs, Krankheit, Niederlagen. Dann verlangte man Sühne; Sühne verlangte man am liebsten vorher, das unbekannte Drohende zu beschwören. Helfen konnten nur die Götter; ihren Willen verlangte man zu wissen. So erstanden neben den Propheten, die hier und da sich erhoben hatten und im Namen Gottes redeten, mächtige Heiligtümer, wo ein Gott durch seiner Priester Mund seinen Rat den Befragenden spendete, allen überlegen der Apollon von Delphi, der reine, mächtig gleichermaßen Unheil zu senden und zu bannen. Wir finden ziemlich in allen Staaten und auch in dem Kulte des einzelnen Hauses Sühnfeste, bestimmt dem Unheil zu wehren, gedacht als errichtet um irgend eine Schuld zu sühnen, oft in Zeiten wirklicher Not auf göttliche Weisung hin gestiftet. Unzählige Male hat Apollon sich über solche Fälle vernehmen lassen, und ganz Hellas unterwarf sich ihm als dem rechten Arzte der geängsteten Seelen. Was er als Grund des Elends angab, pflegte die Versöhnung irgend eines grollenden Gottes oder einer unversöhnten Seele zu sein; was er vorschrieb, Ceremonien, wie sie im Kultus herkömmlich waren. Es fehlt von Alters her nicht an grausen Zügen in den Sühnfesten; Menschenblut ward nicht selten vergossen; doch hielt sich der Gott in der Zeit, die wir genauer kennen, davon fern. Denn neben der gemeinen Priesterpraxis hatte er doch von den Propheten auch Forderungen an die Sittlichkeit übernommen und erzwang ihre Erfüllung. Dazu gehört

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vor allem die Blutrache, über die das nächste Drama unterrichtet. Diesen Standpunkt, von dem aus der Mensch keine volle individuelle Freiheit und Verantwortung besitzt, wo er in seiner Hilflosigkeit und Abhängigkeit innerhalb der vielen Kreise, denen er durch die Geburt angehört, immer verbleibt, wo ihn unzählbare mächtige Götter und Seelen dräuend umgeben, gegen die wieder nur überirdische Hilfe sichert, wo aber der Rat des zukunftssicheren reinen Gottes dem Gläubigen gewiß ist, hat die offizielle Religion nie verlassen. Gewiß auch die Übung der Sittlichkeit gemäß den Forderungen der allgemeinen Moral, die mit den Zeiten sich verschieben, aber vornehmlich die Übung der rituellen Pflichten des Kultus sicherte dem Sterblichen das Glück, Glück in diesem Leben — soweit es ihm die gnädigen und gerechten Götter gönnten, mit deren unerforschlichen Ratschlüssen sich der Fromme zufriedengeben muß, auch wenn sie ihn mit Leid und Tod heimsuchen. Auch in diesem Glauben haben gute Menschen ihren Frieden gefunden, wie SophoklesVgl. die Vorbemerkungen zum Oedipus; wer sie nicht versteht, möge auch Hermes, Band 33 nachlesen.; im wesentlichen auch Pindaros.

Jedes Kind kennt den Ring des Polykrates, die Novelle, die Herodotos erzählt, der Freund des Sophokles. Sie illustriert die Vorstellung, daß ein ganz ungetrübtes Glück unweigerlich in ebenso großes Elend umschlägt. Es ist das nur eine Äußerung eines überaus weit reichenden Gefühles. Allem Vollkommenen, Schönen, Reichen, Glänzenden droht besondere Gefahr, weil es den Neid herausfordert, den Neid der Menschen und der Götter. Vollends wenn so etwas zur Schau getragen, durch eigenes oder fremdes Lob ausgeschrieen wird, ist die Gefahr neidischer Zerstörung dringend. Denn der Neid bedarf keiner schädigenden Berührung: sein böser Blick reicht

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hin zu behexen und zu bezaubern. Mensch und Gott kann so das Böse anwünschen. Darum hütet sich der Vorsichtige, durch Verheimlichung oder durch den Schein der Selbsterniedrigung, oder aber er wendet Mittel an den Blick des Neides abzuwenden oder abzustumpfen. Das Ekelhafte und Schmutzige spielt bei allem eine besondere Rolle. Man kann den Geltungsbereich dieser Vorstellungen nicht leicht überschätzen; die ganze Sitte des Lebens und demgemäß die ganze Sprache ist von ihnen durchzogen. Nun ist es gewiß ein schönes und berechtigtes Gefühl, daß die menschliche Schwachheit ihrer selbst eingedenk sein soll, und jeden Vorzug mit Bescheidenheit und Demut hinnehmen; wohl mag sie schaudern, wo immer ihr etwas allzu wohl gelingt. Die Mahnung sich zu bescheiden und Maß zu halten in allem ist auch echt hellenisch. Aber das liegt hier nur zum kleinsten Teile zu Grunde. Es ist vielmehr das gemeinste der Menschennatur, was sich hier breit macht, Neid, der die Schädigung durch seinesgleichen fürchtet, weil er gern selber schaden möchte, und unwürdige Furcht, die aus Feigheit die Gottheit zu ihrer gemeinen Denkart herabzieht. Es dauert darin die rohe Vorstellung der alten Zeit, wo der Gott oder Dämon nach Belieben auch schadete, schaden durfte, weil er noch kein sittliches Wesen war. Man scheut sich auch, demjenigen was man schädlich wähnt den Namen einer bestimmten Gottheit zu geben: aber zu sagen, daß die Gottheit neidisch wäre und geneigt ein blühendes Glück zu trüben und zu zerstören, hat sich Herodotos nicht gescheut. Der Aberglaube ist für ihn charakteristisch, der so oft rationalistische Anwandlungen hat. Denn hier vor allem trifft der Name Aberglaube zu; die Griechen sagen 'die Angst vor dem Dämon', Deisidämonie. Selbst die Bekenner dieser Furcht wissen wohl, daß sie etwas Unwürdiges ist. Weil dieser Glaube an göttlichen Neid so weit galt,

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hat Platon eine der nachdrücklichsten Formulierungen für die Verkündigung des guten Gottes mit dem Satze gegeben: Neid kommt nicht in den Verein der Götter. Aischylos teilt seinen Glauben. Er polemisiert ausdrücklich gegen die Ansicht, daß aus Glück von selbst Unglück hervorgehen sollte, und das Walten der Gottheit ist ihm immer und überall gerecht. Aber den Glauben an die Macht des Blickes hat er geteilt und dann auch auf die Augen der Götter übertragen und nicht nur auf die Götter, die in epischen Geschichten auftreten. Mit solchen Augen schaut Artemis auf das blutige Mahl der hasenfressenden Adler, und das Strafgericht, das Zeus an dem Glücke des Ungerechten vollzieht, wird gar als ein Blitz aus seinem Auge bezeichnet. Es beruht die Großartigkeit einer ganzen Scene auf diesem Glauben, und ihr Mißverständnis könnte sehr üble Folgen nach sich ziehen. Klytaimestra zwingt den Gatten, seinen Einzug auf kostbaren Purpurteppichen zu halten. Dieser sträubt sich, eben weil er damit seinen Triumph beschreien und den bösen Blick von Göttern und Menschen herausfordern würde, und als er dem Drängen der Verräterin nachgiebt, deren Hohn ihn so ihrer Rache zuführt, wendet er keinen der Beschwichtigungszauber an, sondern betet in Demut. Was er im Chore weckt, ist freilich eine dumpfe Furcht. Bilder drängen sich diesem vor die Seele von allzu voller Gesundheit'Zu strotzendes körperliches Wohlbefinden ist bedenklich' ist ein hippokratischer Aphorismus., von allzu gerader Fahrt, von dem frevelhaften Versuche des Arztes den Tod zu bezwingenWie in unserm Märchen von Gevatter Tod; gemeint ist Asklepios, der für Aischylos noch kein Gott war. Erst Sophokles hat den fremden Kult in Athen eingeführt.; aber er geht nicht den Weg, aus dem Glücke oder seinem Glanze das Unheil zu folgern: er fährt fort, 'aber nichts ist unwiederbringlich

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außer ein vergossenes Blut' - wenn nur nicht gleich der Mord geschieht, will er noch hoffen. Aischylos ist durchdrungen von der Angst vor übertriebenem Glücke, weil es wider die Menschennatur ist; der Mensch soll sich sagen, nun ist's genug, und dem Übermaße auch des Glückes die Thür weisen; es kann auch nicht anders sein, als daß die Volksvorstellung, deren er sich bedient, seine Worte beeinflußt: aber innerlich ist er vollkommen frei von dem eklen Aberglauben, der Gott zu einem hämischen Kobold macht. Tausende und abertausende, Getaufte und Beschnittene, die heute noch unter den Tisch klopfen, Amulette tragen, ein Kreuz oder eine Fica machen und sich verfärben, wenn dreizehn zu Tisch sitzen, fühlen sich als Christen, Juden, Moslim dem 'Heiden' überlegen.

Noch immer war keine individuelle Freiheit und keine individuelle Verantwortlichkeit erreicht. Erst als die Demokratie die Geschlechterherrschaft stürzte und die Bevölkerungen der kleinen Städte und Kantone sich mehr mischten, da stand der Mensch im Leben auf sich, schuf sich sein Schicksal selbst, und wenn er so mit dem Glauben an angeborenen Adel auch den Glauben verlor, daß er eine ererbte Schuld in das Leben mitbekäme, so wuchs dafür das Bewusstsein, daß er für sich selbst einzustehen hätte. Das Gewissen redete lauter, und die rituellen Sühnungen wollten es nicht mehr beruhigen. Wohl noch mehr die eigenen inneren Erlebnisse als die Beobachtungen an der Welt umher führten zu dem Aufdämmern der Furcht, daß der Tod das Gewissen nicht zerstören werde, weil ja die Seele fortlebte. Da fand das Gerechtigkeitsbewußtsein eine Möglichkeit ganz nach Wunsch die Ausgleichung herbeizuführen, durch ein Gericht im Jenseits. So sind die Bilder einer ganz neuen Welt entstanden, ein Zeus im Hades, der alle Sünden im Leben bucht, der selbst oder durch untrügliche Richter jeder Seele das Urteil spricht, und die ganze Hölle mit

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ihren Henkern (meist alten Dämonen, die man nicht mehr als Götter ertrug) und der Fülle der Strafen, unter denen die Rückkehr in den Strudel des Werdens nicht die geringste ist. Ungeheure Bedeutung haben diese Vorstellungen gewonnen, zumal Platon sich ihrer in freier Dichtung als Mythen bedient hat; aber der eigentlichen hellenischen Religion, auch dem delphischen Apollon, sind sie immer fremd geblieben, und erst verquickt mit analogen orientalischen und ägyptischen VorstellungenDaß diese auf die Bildung dieser Vorstellung im siebenten und sechsten Jahrhundert eingewirkt haben, ist noch nicht erweislich, aber sehr wohl möglich. und von dem polytheistisch gewordenen Christentum aufgenommen ist ihre Kenntnis und ihre Macht universal geworden. Sie haben gewiß dazu beigetragen dumpfe und unfreie Barbarenseelen zu erziehen; aber es liegt doch an ihnen, daß selbst Dante und Orcagna etwas barbarisches an sich tragen, so daß uns wie Goethen vor ihnen unfrei und unfroh zu Mute wird.

Tyche und Moira, Zufall und Schicksal, sind seit der hellenistischen Zeit Mächte, die einen sehr breiten Raum in der Volksvorstellung einnehmen, und für die praktische Lebensauffassung macht es gar keinen so großen Unterschied, ob man mit der Stoa die Prädestination in aller Strenge bekennt, oder ob man mit Epikuros, bis zu einem gewissen Grade auch mit den Aristotelikern, dem Zufall die Herrschaft über die 'Umstände' (περιστάσεις) des Lebens läßt. Die Hauptsache war, daß der Mensch sich machtlos gegenüber dem Strome des Lebens fühlte, der ihn trieb, und daß dieser Strom von einer Abstraktion getrieben ward. Daß es zu dieser müden Stimmung gekommen war, dazu hatte vieles zusammengewirkt. Das philosophische Denken hatte sich auf allen Wegen versucht und fand keine neuen Fragstellungen mehr. Die

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Naturerkenntnis hatte die Einheit und Gesetzmäßigkeit des Lebens im Prinzip festgestellt, aber sie war nicht imstande die Einzelerscheinungen der Natur, geschweige die des geistigen Lebens und der Völkergeschicke als gesetzmäßig zu erklären. Staat und Gesellschaft waren trotz allen Versuchen zu der erwarteten Neubildung nicht gelangt; freien oder dumpfen Sinnes waren die Menschen bei der Resignation angelangt, für die jene blassen weltregierenden Mächte paßten. Von alledem ist in der frischen hellenischen Zeit keine Rede. Wenn damals einer behauptete, die Götter hätten keine Macht oder keinen Willen in die Menschengeschicke einzugreifen, so sprach aus ihm die Bitterkeit des getäuschten Vertrauens oder gar der Wunsch einer sündigen Seele. Von dem unentrinnbaren Schicksal redete nur die Verzweiflung oder die Feigheit, die die eigenen Hände in den Schoß legte: so reden nur die alten Weiber, sagt Platon. Tyche ist damals viel mehr das glückliche Gelingen als der blinde Zufall: Pindaros betet zu ihr als der Tochter Zeus' des Erretters. Moira ist freilich eine gewaltige Macht, aber selbst dem Herakleitos, dem ersten Verkünder eines unverbrüchlichen Gesetzes für alles Geschehen, sind „die Spinnerinnen die Trabanten der Gerechtigkeit". Selbst Ananke ist viel mehr der Zwang, der in konkreten Verhältnissen auf dem Menschen liegt, als die vorherbestimmte starre Notwendigkeit. Dichterworte, die solche Abstraktionen über die lebendigen göttlichen Personen stellen, sind rasch aufgewogen durch andere, die den Zeus oder die Götter überhaupt oder einen bestimmten Gott Schicksal oder Glück geben lassen; das erstere ist meist auf einen Widerspruch zurückzuführen, in den die homerischen Götter durch die psychologische Motivierung der alten Geschichten geraten. Es bedarf nicht vieler Worte. Wer den Oedipus und den Agamemnon verstanden hat, der ist all das Gerede von dem blinden oder erhabenen Schicksal

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der Griechen und ihrer Tragödie los. Daß dieser Wahn so weithin Geltung hat, ist nur ein Beweis, wie fern der gräcisierende Klassizismus vor hundert Jahren dem Verständnis des echt Hellenischen gestanden hat, vornehmlich weil er der Sohn des Rationalismus der Aufklärung war. Deren Losung hieß Raison und HumanitätDies ist die Übersetzung von φιλανθρωπία (ein Wort, das von Menschen gesagt, der klassischen Zeit fremd ist): was hätte wohl Aischylos mit ihr anfangen sollen? Es ist das rechte Wort für die Moral einer Gesellschaft, in der corrumpere et corrumpi saeculum vocatur; bezeichnender Weise bedeutet τὰ φιλάνθρωπα, die Bezeugung der Humanität, sehr bald den Bakschisch., und sie meinte beides bei den Griechen zu finden — von denen es allerdings stammt, aber aus ihrer Verfallzeit. Aus der Verfallzeit stammen auch die künstlerischen Ideale des Klassizismus, der Laokoon an der Spitze. Wenn selbst Goethe die Juno Ludovisi als das höchste von Griechenschönheit anstaunt, zu der sie sich kaum anders verhält als Thorwaldsen, wenn er an dem Hirtenroman des Longus und den Bildern Philostrats Gefallen finden konnte, die das äußerste an gezierter Verfratzung und falscher Imitation leisten, wie soll man sich wundern, daß die wenigen, die das Wesentliche sahen (keiner so wie Fr. G. Welcker), kaum Gehör fanden. Da war es denn in der Ordnung, daß man auch den Fatalismus jener vermorschten Spätzeit ein halbes Jahrtausend hinaufdatierte.

Die Zeit des Aischylos liegt mitten zwischen derjenigen, die an Herakles glaubte, den Heros, der durch Thaten bewiesen hat, daß Menschenwürde nicht der Götterhöhe weichtVgl. die Einleitung zu dem Herakles des Euripides. Wer jene Gedanken schätzen kann, der weiß, was der echten Griechenzeit Schicksal war., und andererseits Sokrates, der handelnd und leidend beweist, daß der Mensch kann was er

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will, will was er als recht begriffen hat: beide erringen das Ziel alles Strebens, daß der Dämon in ihnen glücklich wird. Jenem kredenzt Hebe den Becher der Göttlichkeit; diesem gilt es gleich, ob es der Becher der Lust an Agathons Tische oder der Schierlingsbecher ist. Zwischen diesen beiden hat kein feiger Sklave des Fatums Platz. Grade in der Zwischenzeit hat der Mensch sich selbst entdeckt, hat sich befreiend auch uns befreit, indem er den freien Staat und die freie Wissenschaft schuf, die im Orient auch kein Prophet geahnt hat. Auch in dem schrankenlosesten Subjektivismus der Sophistik, auch in der verbrecherischen Selbstsucht eines Alkibiades ist dieser Glaube an die eigene freie Macht in einer Stärke lebendig, wie sie kaum die Renaissance wiedergesehen hat. Der letzte Gott, an dem jene starken Menschen irre werden, ist der Dämon in der eigenen Brust und seine MachtWenn Caesar oder Napoleon an ihr Glück (Tyche, sagte Caesar auf gut griechisch) oder ihr Schicksal oder ihre Mission glauben, so nennt man das Fatalismus. Das ist schief. An sich, an den Gott in ihnen, an die Kraft der eigenen Seele, die sie der Welt überlegen wissen, glauben sie. Darum handeln sie nach selbstgegebenen Gesetzen und fühlen sich berechtigt, die Moral der Masse wie andere Vorurteile der Niedrigkeit zu verletzen.. Weil die Menschen sich nicht mehr als Gattungswesen fühlen, gebunden an eine Moral des Standes, mitleidend, mitgenießend als Glieder eines Körpers, darum stellt sich das Leben als ein Kampf von Individuen dar, ein jedes ein beseelter Körper für sich. Um den Kampf dieses Lebens darzustellen bedurfte die Poesie einer neuen Form, die dem Individuum Raum gäbe sich selbst darzustellen. So ward das Drama; das zeigt uns handelnde Menschen, den Zusammenstoß der Individuen, den Kampf des freien Lebens, Freiheit auch im Untergang durch das Schicksal — diese Freiheit

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heit wenigstens hat Schillers Theorie des Tragischen nicht verkannt.

Um Gerechtigkeit hatte Hesiodos gerufen; Maß zu halten, sich der menschlichen Gebrechlichkeit bewußt zu bleiben, sich zu bescheiden, hatte der Gott von Delphi seine Ritter schon in der herakleischen Zeit gemahnt, und Pindaros, sein Prophet, fuhr fort so zu mahnen. Wie viel dringender war die Gefahr seit der Entfesselung der Individualität. Wo war die Macht, welche Frieden in diesem Kampfe brächte, wo das Gesetz, dem die Selbstsucht des Selbstbewußtseins sich beugte, wo die Vergeltung? Gerechtigkeit, das hieß nun die Pflichten gegen den Nächsten und die Gesellschaft abwägen, und da Schuld und Schicksal individuell geworden waren, so war die Theodicee nicht eher gerettet, als bis auch der strafende Dämon in die Seele des Menschen verlegt werden konnte.

Es entspricht durchaus der notwendigen Entwickelung und zugleich dem unlösbaren Zusammenhang dieser Probleme, daß Platons Hauptwerk nach der Gerechtigkeit fragt und die Antwort nicht eher findet, als bis eine neue Gesellschaftsordnung und eine neue Psychologie gewonnen sind; dabei hat er doch noch in einem Anhange des mythischen Bildes der Höllenstrafen nicht entraten mögen. Bis zu ihm war von Aischylos noch ein weiter Weg. Dieser hat die geistige Revolution, die wir Sophistik nennen, nicht erlebt; er hat auch die ionische Naturphilosophie, hat Herakleitos und Xenophanes nicht gekannt. Da er ein Knabe war, versammelte Hipparchos in Athen einen üppigen Hof, an dem weise Dichter und Orakelmänner und Sühnpriesterverkehrten. Wenn Aischylos das Spiel des Dionysos zur Tragödie umschuf, so hat er vor allem selbst die Ekstase des Gottes gefühlt, und es ist unvergessen geblieben, daß nicht Überlegung und Verstand, sondern der begeisternde Gott ihm den Mut gab. Wenn er die Heldensage seines Volkes zum Inhalt des

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ernsten Spieles machte, so hat er mit echter Pietät zu Homer emporgesehen, den Herakleitos und Xenophanes bereits verwarfen. Dann kam ihm die entscheidende Lebenserfahrung, der Freiheitskrieg, den er immer als den Sieg der göttlichen Gerechtigkeit aufgefaßt hat, die den Mut der freien Männer mit dem verdienten Siege belohnte wider alle profane Wahrscheinlichkeit. Später hat er in Syrakus wieder einen Tyrannenhof kennen gelernt, und das hat seine Welt- und Menschenkenntnis mächtig beeinflußt. Er hat dort auch die orphischen Offenbarungen kennen lernen könnenSchon Herodotos hat eine theologische Seltsamkeit aus ihm angemerkt, die er auf ägyptischen Einfluß deutet; sie beweist die Kenntnis der mystischen Theologie. Obgleich er aus Eleusis stammte, haben die heimischen Mysterien ihn nicht beeinflußt. Eine gute Überlieferung sagt, er hätte sich gar nicht weihen lassen., doch hat er auch in Thrakien auf seinen Feldzügen ein Auge für eine fremde Religion gehabt, die von den Hellenen mit an diesen Namen geknüpft wardHöchst merkwürdig ist es, daß er nicht gar lange vor der Orestie eine Trilogie dichtete, in welcher die Dionysos-religion in Thrakien ihren Einzug hielt. Im Gegensatz zu ihren Orgien standen die der thrakischen Göttin Kotys, die an der Spitze des wilden Heeres zieht, stand aber auch die Religion des Orpheus, der nur die Sonne anbetete, die er Apollon nannte, dies wirklich ein Satz orphischer Mystik, der später und so heute von vielen verkehrterweise gebilligt wird. Dionysos ließ den Orpheus durch seine Mänaden zerreißen. Der Sinn der aischyleischen Dichtung ist uns verschlossen; man erwäge daran, was uns alles verloren ist.. Jetzt stand er auf der Höhe seiner Weisheit und Kraft, die durch den Kampf mit neuen Talenten, namentlich dem jungen Sophokles, nur gesteigert war. Die Summe von dem, was die Bücher der Geschichte, die Beobachtung des Lebens und die Erfahrung des eigenen Herzens ihn über menschliche Schuld und göttliche Gerechtigkeit gelehrt hatten, zog er in seinem Agamemnon. Richten wir hierauf den Blick,

indem wir das Drama rasch vor unserer Phantasie vorüberziehen lassen.

Wir erfahren nach wenig Versen, daß Ilios gefallen ist; die Handlung schreitet in der ganzen ersten Hälfte des Dramas kaum vorwärts; es giebt eigentlich keine Verwickelung. Das was sich ereignen wird, Agamemnons Ermordung, wissen wir voraus, nirgend stellt sich ihr ein Hindernis entgegen; selbst die Raserei Kassandras wirkt für die Handlung nur retardierend. Lebhafte Aktion bahnt sich nur einen Augenblick in der letzten Scene an, und auch da werden wir nicht leicht glauben, daß es zur That kommen könnte. Der Dichter, der in dem folgenden Drama mit so schauerlicher Kürze die furchtbarsten Konflikte darstellen kann, der in dem letzten vor den stärksten sinnlichen Wirkungen nicht zurückgeschreckt ist, hat hier anderes gewollt.

Stimmung hat er erwecken wollen. Darum ist es Nacht während der ersten Scene, und wird später auch der Sonnenaufgang angegeben: obwohl die Bühne es ihm sinnlich darzustellen verwehrte, hat er doch mit Licht und Finsternis gerechnet. Dem entspricht das Hereinbrechen der Nacht in dem nächsten Stücke. Der Wächter bereits führt uns die männliche Herrschernatur Klytaimestras vor; wir sehen sie dann in dem Schweigen, das der Gottesdienst fordert, die Flammen der Altäre entzünden. Lieder ertönen dazu, die von altvertrauten Choralweisen ausgingen - zufällig wissen wir diese Einzelheit: was entbehren wir nicht mit der Musik.

Die Nachricht, die das ferne Licht gebracht hat, würde reine Freude wecken, wenn nicht eine dunkele Andeutung auf ein verborgenes Grauen uns zugleich mit ihr würde. Der Chor ist noch ununterrichtet: so nehmen wir doch noch an der Stimmung der Harrenden teil. Aber er beginnt mit der unbedingten Zuversicht, daß Gott Recht schaffen wird, ein Gott, der selbst das Ausnehmen eines Geier-

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nestes als eine Störung seines Friedens bestraft. Die Gewißheit, daß Ilios zur Strafe für den Frevel des Paris fallen wird, entnimmt der Chor auch aus der Erinnerung an das Vogelzeichen des Auszuges und die Prophezeiung des Kalchas. Der Triumph des Guten ist gewiß; aber wiederholter Weheruf begleitet das Gebet darum. Kalchas hat auch die Opferung Iphigeneias gefordert, die Artemis begehre. Agamemnon hat ihm gehorcht. Das war ein Verbrechen; das sagt der Chor. Wenn er die Fürsorge der Artemis für alles junge Getier hervorhebt, so kann er ihr nicht die Gier nach dem Blute einer reinen Jungfrau zutrauen. Er sagt nicht, Kalchas log, oder die Geschichte ist nicht wahr; wie es damit steht, ist dem Chore wie dem Dichter ungewiß: aber gewiß ist das Verbrechen, und gewiß ist, daß ihm Strafe folgen wird welche, das hat schon Kalchas angedeutet. Der Chor sagt nichts weiter, denn Klytaimestra schreitet auf ihn nach vollbrachtem Opfer zu. Im Mittelpunkte seines Liedes hat eine Anrufung des Zeus gestanden, in dem allein das Denken Frieden finde, der den Menschen den Weg der Erkenntnis gewiesen hat — der geht durch Leiden. Und was geschah, auch was in Aulis geschah, hat Zeus gefügt.

Die Königin teilt dem Chore die Eroberung von Ilios mit; sie hatte die Berichterstattung so vorbereitet, daß sie heute weiß, was gestern in Asien geschahEs ist schon etwas sehr naive Technik, daß sie dem Chor dadurch den Glauben stärkt, daß sie von dem, was jetzt in Troia geschieht, ein Bild in typischen Farben giebt. Ihre Mahnung, die Sieger möchten sich nicht an den Gotteshäusern vergreifen, fällt gradezu aus der Rolle. Sie haben das bekanntlich gethan und dadurch den Sturm auf der Rückfahrt hervorgerufen, der später erzählt wird. Diese Motivierung war dem Dichter so wertvoll, daß er ihre Erwähnung durch eine Unschicklichkeit erkaufte.; unterrichtet über alles, sicher ihrer Sache, ein rechter Herrscher steht sie dem Chore, dem Regentschaftsrate von

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Argos, gegenüber. Nur schwer gewöhnen sich die Greise der Siegesbotschaft zu glauben; dann aber ist ihr erstes Gefühl: das ist das Gottesgericht über Paris, über die sündige, üppige Asiatenstadt; der Schlag kam verdient. Aber der zweite Gedanke ist: war Helene, die Ehebrecherin, nicht gleich schuldig? Verdiente die sentimentale Verliebtheit des Menelaos, daß um ihretwillen das Elend des Krieges über ganz Hellas kam? Das steigert sich zu dem dritten Gedanken: dieser Zug um ein buhlerisches Weib ist eine Sünde, und wenn er jetzt zu stolzem Triumphe geführt hat, so ist das Reich der Atreiden so üppig und sündig geworden wie Troia, und dem muß der Ausgang entsprechenWas von dem Groll des Volkes über den verlustreichen Krieg in der Ferne und wider Angriffskriege überhaupt gesagt wird, hat für Argos keine Bedeutung, denn Klytaimestra stützt sich auf keine dem Agamemnon feindliche Partei, und was sie von der Möglichkeit einer Revolution sagt, 881, ist eine Finte. Aischylos zielt auf seine eigene Zeit; vgl. hinter dem dritten Stück.. Und das Lied, das begann, um für den Sieg zu danken, schließt mit dem Zweifel: kann denn die Nachricht von diesem unverdienten Siege wahr sein?

Der Umschlag der Stimmung ist in dem Gedankenfortschritt hinreichend begründet, aber er dient allerdings auch dem dramaturgischen Zwecke, daß er uns über die Wartezeit hinweghilft, die der Verstand zwischen dem Morgen nach der Eroberung Troias und der Ankunft Agamemnons verlangt, und über die der Dichter, der Bühnensitte seiner Zeit gemäß, durch den Aktschluß hinwegspringt, aber nicht ohne den Chor zu der Stimmung überzuleiten, die durch erneutes Warten an die Stelle der ersten Freude treten mußte.

Den Zweifel nimmt der Herold, der Agamemnons Ankunft ankündigt. Es mischen sich manche bittere

Griech. Tragödien. 3 34

Tropfen in seine SiegesfreudeDer zweite Teil der Scene, die Schilderung des Sturmes, hat eigentlich nur für das Satyrspiel Wert, vgl. hinter dem letzten Stück. Die Begründung des Sturmes durch die Gottlosigkeiten, deren sich die Achäer in Ilios schuldig gemacht haben, wird nicht gegeben, obwohl man grade das nach Klytaimestras Rede, 329, erwartet. Für die Einheitlichkeit des Dramas möchte man dies wie jenes missen.; in dem Chore ist sie ganz verraucht. Klytaimestra ergreift die Gelegenheit, den Chor ihre Überlegenheit fühlen zu lassen und den Einzug Agamemnons zu beschleunigen. Das folgende Lied des Chores sagt von ihr kein Wort; aber von ihrer Schwester Helene redet es, deren dämonischer Liebreiz alle bezwungen hat. Wie haben ihr die Troer zugejubelt — jubeln ihr die Achäer minder zu? und sie hat ihnen den Untergang gebracht — den Achäern doch auch. Das war kein Umschlag, wie es schien, das war nur die Entfaltung ihrer eingeborenen Art. So ist es kein Umschlag, wenn das blühendste Glück plötzlich zertrümmert wird: auch da wächst nur was gesät war, auch da führt Dike alles zu seinem Ende. Und hier, fragen wir, hier, wo der König heimkehrt, der für dieses Weib auszog und ihm sein Kind hingab, hier, wo Helenes Schwester gleichermaßen alles beherrscht: welches Ende wird Dike bereiten?

Der König kommt; wirklich ein König. Er fühlt sich ganz als Vollstrecker der göttlichen Gerechtigkeit, ohne jede Überhebung. Er jubelt nicht; er gedenkt sogleich seiner ferneren Fürstenpflichten und täuscht sich nicht darüber, daß selbst der treue Chor ihm trotz scheinbarer Offenherzigkeit zum Munde redet — wohin jener mit seinen halben Andeutungen gezielt hat, kann er freilich nicht ahnen. Er wird sich auch nicht darüber täuschen, daß sein Weib heuchelt, wenn sie ihm mit dem Ausbruche überschwänglicher Liebe naht. Sie widert ihn an; kein

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Wort der Freundlichkeit hat er für sie; das hat er nur für die Kebse auf seinem Wagen. Aber ihre Gewalt bezwingt ihn doch. Widerwillig bequemt er sich ihrer Forderung und zieht mit dem Pompe ein, den er selbst als eine Herausforderung des Götterneides empfindet. Es ist nur ein Symbol, aber auch als solches weckt es die finsterste Ahnung des Chores. Auch des Zuschauers Seele erliegt fast unter diesem AlpdruckDiese Scene hat Zola benutzt. Als Saccard auf der Höhe seines Erfolges, unmittelbar vor dem Sturze, nach Hause gefahren kommt, un valet étalait un tapis, qui des marches du vestibule se déroulait sur le trottoir . . . et Saccard daignait quitte: la voiture et il faisait son entrée en souverain (Argent ch. 9 Ende) Ich meine den französischen Dichter zu ehren, indem ich darauf hinweise..

Klytaimestra hat einen Triumphschrei ausgestoßen, als Agamemnon die Schwelle überschritt; mit harter Lieblosigkeit kommt sie Kassandra zu holen. Diese verharrt teilnahmlos, so lange die vor ihr steht, in der sie ihre Mörderin kennt. Als dann endlich, zuerst in unartikuliertem Aufschrei, dann in Liedern und in Reden die Seherin mit jedem Anfalle deutlicher offenbart, was drinnen geschehen wird, als sie das vergangene und das künftige Unheil dieses Hauses offen ausspricht, da verweilt sie zugleich bei ihrem eigenen jämmerlichen SchicksalDie Rolle erfordert nicht nur durch das jähe Umspringen aus einer Stimmung in die andere eine ganz seltene Schauspielkunst, die Skala der Gefühle steigt auch tiefer und höher als bei irgend einer andern Person des antiken Dramas. Das Erhabene drängt sich von selbst auf; aber das Weiche, das Schmelzende des Schmerzes übersieht man leicht, weil man es dem Dichter oder 'der Antike' nicht zutraut. Man sehe, wie durch die Vergleichung mit der Nachtigall an den Tag kommt, daß sie weint (1148), und wie wieder eine Vergleichung mit einem Vogel ihre Todesangst malt (1316). Das ist wie bei Leopardi: Tu solingo augellin, venuto a sera del viver, che daranno a te le stelle, , unsere Teilnahme fast auf sich abziehend. Endlich

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geht sie zu enden. Der Todesruf Agamemnons kommt uns fast als eine Erlösung aus der peinvollsten Spannung. Aber wenn nun die Greise einzeln hin- und herreden, was zu tun sei, so wissen wir, sie werden sich der Gewalt fügen, auch als sie in das Haus stürmenSo ist die Handlung gemeint. Dargestellt wird es so, daß das Zimmer mit den Leichen und der Mörderin herausgerollt wird. Das war und blieb übliche Bühnentechnik.. Sie erwarten den verhaßten und verachteten Aigisthos zu treffen: da tritt ihnen die Königin gegenüber, der sie zu gehorchen gewohnt sindAuch das Publikum hat bei der ersten Aufführung erwartet den Aigisthos zu sehen, denn die alleinige Schuld Klytaimestras war ja Neuerung des Aischylos.. Die schwankt nicht: triumphierend steht sie da, ihre Tat schreit sie jubelnd aus, und der Blutstropfen an ihrer Stirn ist ihr ein Ehrenmal. Wohl will sie der Chor erst zur Verantwortung ziehen, aber sie kämpft ihn nieder. Ermattend zieht er nun die Vergleichung zwischen ihr und Helene und sieht in beiden Werkzeuge desselben Dämons: was ist dieser anders als die dämonische Gewalt, dort der Schönheit, hier des Willens? Aber Klytaimestra will das anders verstehen; sie will die Verantwortung ihrer Tat abwälzen auf den Geschlechtsfluch der Atreiden oder auf die unversöhnte Seele Iphigeneias. Das läßt der Chor nicht gelten. Mit unerbittlicher Logik mahnt er sie an die eigene Verantwortung, mahnt er sie daran, daß auch der Blutstropfen an ihrer Stirn Vorbote künftigen Gewitters sein muß.

certo del tuo costume non ti dorrai, che di natura e frutto ogni vostra vaghezza. A me... ahi pentirommi, e spesso, ma sconsolato, volgerommi indietro.

Den Dichter des Weltschmerzes mögen die nachlesen, die Kassandras Charakter so wenig verstehen, daß sie ihre Schlußworte (1327-30) dem optimistischen Chore zuschreiben.

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Und ihr Gewissen erwacht. Sie sinkt innerlich von ihrer stolzen Höhe herab; abkaufen möchte sie die verwirkte Strafe des Dämons, sie will die grollende Seele Agamemnons zu versöhnen versuchen — wir wissen und sie selbst weiß, es wird vergebens sein. Und wenn nun der Buhle kommt und in seiner Gotteslästerung sich durch diesen Mord zum Glauben an Gottes Gerechtigkeit bekehrt bekennt, so durchschauen wir seine Feigheit und Heuchelei. Freilich, auch ihm wird der Chor nur ohnmächtigen Widerstand entgegensetzen. Die Herrschaft der Tyrannen ist gesichert. Klytaimestra, wenn auch innerlich gebrochen und wider ihre Natur beschwichtigend, beweist sich immer noch als die Übergewaltige, der alle sich beugen, — nur das Gewissen in ihrer Brust ist ein Gott, den sie nicht bezwingen noch beschwichtigen wird. Wenn sie sich noch jüngst berühmte dem Wahn der schlafbefangenen Seele nicht zu trauen (275), wird sie bald in schweren Träumen aufschreien; der Blutfleck wird sie brennen, wie er Lady Macbeth brennt — und einmal wird der Rächer kommen, der ihr Blut vergießt.

Daran hängt das Verständnis des Dramas, daß man den Umschlag in der Seele Klytaimestras verstehe. Nur durch ihn hat es seinen Abschluß, sonst wäre es nur ein erster Akt. Begreifen muß das, wer nur dem Dichter achtsam folgt, aber die Parallele, in der hierzu der Umschlag in der Seele des Orestes in dem nächsten Stücke steht, beweist es vielleicht unmittelbarer einleuchtend. Wer das Drama gespielt sah, natürlich entsprechend den Intentionen des Dichters gespielt, dem ließen die Bilder, die er sah, vollends keinen Zweifel. Klytaimestra erscheint in jeder Scene. Bedeutsam entspricht ihr Schweigen während des ersten Chorliedes ihrem Schweigen, während ihr Buhle mit dem Chore hadert, entspricht das Schlußbild, wie sie den Gatten mit einem höhnischen Jubelruf in das Thor führt, um ihn zu morden, dem

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Schlußbilde, wie sie gewaltsam ihre gebrochene Seele aufraffend den Buhlen in dasselbe Thor zieht, um einen blutigen Zusammenstoß zu verhindern. Dies Weib, der Dämon in ihr, wie der Grieche sagt, ihr Charakter, wie wir sagen können, wirkt alles was hier geschieht. Der Geschlechtsfluch ist Mithelfer, ja, denn um der Blutrache willen gesellt sich ihr der Sohn des Thyestes, aber sonst ist er nur ein Vorwand ihrer Selbstrechtfertigung, der sofort zerrissen wird. Die Opferung Iphigeneias hat ihren Haß gegen den ungeliebten Gatten gesteigert, seine Lieblosigkeit, sein Erscheinen an Kassandras Seite macht ihr Handeln begreiflicher: aber auch das zwingt sie nicht und verschiebt die Verantwortung nicht. Sie ist wie sie ist, großartig auch in ihrer Sünde. Ein freier, ein ganzer Mensch ist sie: frei tut sie, was sie tut. Darum muß sie es büßen, gerade darum: büßen aber muß sie, denn es giebt eine Gerechtigkeit, nicht als eine Macht, die von außen stieße, sondern dem Handeln und Leiden der Sterblichen immanent, ein unverbrüchliches Naturgesetz des Gleichgewichtes von Schuld und Strafe, der moralische Kausalnexus, die Erhaltung der sittlichen Kraft, durch die das Menschentum sein Leben hat. Gott ist gut; Gott ist auch die Ursache von allem, und insofern muß er auch am letzten Ende das Böse wirken, das geschieht; das giebt der Chor selbst von Klytaimestras Tat zu. Aber auf diese Probleme ist der Sinn des Dichters und seiner ganzen Zeit nicht gerichtet. Wenn er uns Rede darüber stehen sollte, so würde ihm genügen zu sagen, das Böse wäre da, damit der Mensch die freie Wahl hätte und durch eigene Tat sittlich und glücklich werden könnte. „Bei seiner Wahl steht die Schuld: Gott ist unschuldig", so könnte er antworten mit Platons Worten.

Diese Klytaimestra ist ganz des Dichters Geschöpf; er hat die Fabel so gewandt, daß sie allein die Schuld

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trifft, er hat für diese Schuld die psychologische Motivierung durch die volle Ausmalung ihres Charakters gegeben. Dazu gehört, daß sie die Strafe des Gewissens erleidet, längst ehe sie der rächende Dolch ihres Sohnes trifft, daß diese Qual sie nicht verlassen hat, als sie die Höllenmächte zur Verfolgung ihres Mörders hetzt (Eum. 96). Weil Aischylos die Gestaltungskraft erworben hatte, einen ganzen Menschen zu bilden, hat er sich einen Glauben erworben, der mit der vollen Freiheit des Menschen rechnet, wie Protagoras, ohne doch wie jener das Walten Gottes aufzugeben. So viel wir sehen, hatte er diese Kraft eben erst gewonnen; seine andern erhaltenen Dramen zeigen in keiner Person eine Charakterentwickelung, erreichen nur in Ansätzen individuelle Charakteristik. Damals hatte er denn auch die Befreiung von den überlieferten Anschauungen noch nicht erreicht. Als er zehn Jahre vor der Orestie die Oedipussage dramatisierte, war ihm der Geschlechtsfluch noch das eigentlich treibende Motiv. Um seinetwillen stellt sich Eteokles freiwillig seinem Bruder zum Kampfe entgegen, sicher des Mordes und Todes, und der Chor weiß von „einem alten Vergehen, das hurtig in der Vergeltung ist und bis in das dritte Glied wirkt". Es besteht in der Verachtung eines apollinischen Verbotes. Der Chor fürchtet auch, „daß die endliche Rache, des alten Fluches Erfüllung, die ganze Stadt mitreißen wird. Denn das Elend verschont den Bettler, aber ein allzu großer Reichtum verliert die ganze Ladung"Sieben gegen Theben 740-770, zuletzt das Bild des überfrachteten Schiffes wie Agam. 962.). Also auch die Zuversicht, daß nicht das Gedeihen an sich, sondern allein das scheinbare Glück des Sünders in Unheil umschlage, hatte er damals noch nicht erworben.

Erkennen wir so eine Entwickelung des Aischylos

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selbst, und steigt so die Orestie zu der Bedeutung der Verkündigung einer neuen reineren Religion des Dichters, sowie sie dramatisch alle seine früheren Werke weit überragt, so werden wir uns nicht wundern, daß die älteren Anschauungen in ihr noch nachwirken. Gilt das schon von der Furcht vor zu vollem Glücke, so ganz besonders von dem Geschlechtsfluche und der ererbten Schuld. Die Geschichte, wie sie Aischylos überkam, ward von dieser Vorstellung zusammengehalten; die Blutrache, die er im weiteren Verlaufe behandelt, war auf sie gegründet: so war es nicht nur berechtigt, daß Personen des Dramas sich oft in dieser Weise aussprechen (denen freilich scharf widersprochen wird), sondern auch der Dichter so zu reden scheint. Insbesondere in der Kassandrascene ist der Fluch eine Realität, ganz natürlich, da er es für Apollon war, dessen Religion die Gestaltung dieser Geschichten und ihre epischen Bearbeitungen durchdrang. Freilich merkt man, daß nur noch äußerlich gilt, was einst bedeutungsvoll war. Klytaimestra erschlägt Agamemnon mit einem Beile, und sie läßt sich dasselbe wieder aus ihrem Frauengemache holen, als sie erfahren hat, daß der Bluträcher gekommen ist (Choeph. 880), aber wir erfahren nicht, weshalb es 'in ihrer Kammer als alter Mordgeselle schlief' (1116), weshalb sie überhaupt ein Beil nahm: es war offenbar dasselbe, welches Atreus zum Zerhacken der Kinder gebraucht hatte, die er wie Opfertiere schlachtete und zerlegteEs hat in der Sage festgesessen; das merkt man bei Homer, wenn Agamemnon 'wie der Stier an der Krippe' erschlagen wird, bei Sophokles, wenn sie ihn fällen 'wie die Holzhacker eine Eiche'. Aber wenn der Geschlechtsfluch höher hinaufgeschoben ward, so mußte auch das Corpus delicti älter sein. So ist es in der taurischen Iphigeneia des Euripides die Lanze des Pelops; aber auch sie wird im Frauengemache aufbewahrt (826).). Das alte Symbol wirkt kaum noch: wie anders die neue Erfindung daneben, der Blutstropfen, der

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ihr an die Stirn gespritzt ist, dessen sie sich rühmt, und der dem Chor der erste schwere Tropfen des Ungewitters ist, das einmal über sie hereinbrechen wirdDasselbe Motiv kehrt, schwerlich entlehnt, in Byrons Corsar wieder, wo der Blutstropfen Gulnares Tat verrät und sie Konrad widerlich macht, zu dessen Gunsten doch der Mord geschehen war. Byron beeinträchtigt die Wirkung, wie es die romantische Poesie so oft tut, indem er breit ausführt, was man bei dem Anblick empfinden soll.). An einer anderen Stelle kann die neue Sittlichkeit sich nur von außen neben die alte stellen. Ehedem begründete nur vergossenes Blut den Erbfluch; dem Aischylos war Ehebruch ein kaum geringeres Vergehen: er läßt ihn von den Erinyen des Hauses mit erwähnen, aber den Anfang der Schuld bildet doch der erste Mord, den jener Ehebruch hervorrief (1192).

Ein wirklich schweres Bedenken kann all' dies nicht hervorrufen; wohl aber tut es Kassandra und ihr Schicksal. Wenn sie nur als eine Episodenfigur das Elend illustrierte, das ihr ganzes Volk ereilt hat, so würden wir nach der Gerechtigkeit ihres individuellen Loses nicht fragen. Aber dazu hat der Dichter sie mit viel zu großer Liebe behandelt. Ihr ist das Bitterste, daß sie und ihr Leid binnen kurzem der Vergessenheit anheimfallen. Das ist das allgemeine Los aller der Menschen, die nur eine mehr elementare Existenz führen, und ihnen ist das nichts Bitteres. Das ist es der wissenden Seherin, weil sie durch ihre Geisteskraft die Massen überragt, noch mehr weil sie es weiß. Und so ist ihr Wissen doch ihr besonderes Leid. Wo hat sie es her? Apollons Gabe ist es, sein Kleid trägt sie auch in der Knechtschaft. Und dieser Gott hat sie dafür bestraft, daß die Seherjungfrau ihm nicht zu Willen gewesen ist. Damit, daß selbst ihre Familie sie und ihre Sehersprüche verlachte und mit den schmählichsten Schimpfreden verfolgte, hat sie 42 büßen müssen: sie kann sich nicht genug darin tun, auch die stärksten dieser Schimpfworte zu wiederholen. Und jetzt, zum Blocke in dem Hause des Herrn, führt sie wieder Apollon selbst — daß er sie diesem Herrn auch in die Arme geworfen hat, wissen wir, auch wenn sie darüber schweigt. Ist das mit der Reinheit Apollons vereinbar? Kann ein Gott gut sein, der so etwas wirkt? Kann mit dem Glauben an solchen Gott die Theodicee bestehen? Gewiß hat es sich Aischylos nicht ausgedacht, sondern hat es alles überkommen; gewiß hat es sich niemand ausgedacht um der Reinheit des Gottes zu nahe zu treten. Der verfuhr nur wie menschliche Herren auch, weil er die Macht hatte und seinen Willen durchsetzen wollte, weh dem der ihn kreuzte. Hundert Geschichten der Art gab es; hatte doch z. B. Zeus den Aktaion durch die eigenen Hunde zerreifßen lassen, weil er um seine Geliebte Semele warb. Aber das konnte Aischylos nicht unachtsam weitergeben, und noch weniger konnte er das Verhalten des Gottes entschuldigen. Also muß man sich zu der Anerkennung der offenbaren Wahrheit entschließen, daß Aischylos sich bewußt gegen Apollon wendet, daß er zeigen will, das ist nicht ein gerechter, also nicht ein guter Gott. Er formuliert keine blasphemischen Anklagen, wie Euripides sie liebt, aber er zeigt die Tat in ihren Folgen. Ganz ebenso hat er in einer Episodenfigur, der Io des Prometheus, die Ungerechtigkeit des jungen Himmelsherrn Zeus gezeigt. Innerhalb des Agamemnon hat das Geschick der Seherin wohl als Parallele zu dem des ahnungslosen Königs, und hat ihre Vision als Ersatz einer sinnlichen Vorführung des Verbrechens eine große dramatische Bedeutung; die Anklage Apollons hat sie kaum. Innerhalb der Orestie ist es anders. Apollon ist es doch, der den unschuldigen Orestes zu dem Muttermorde zwingt, dem entsetzlichsten Verbrechen. Apollon vertritt diesen seinen Rechtsstandpunkt dann selbst nicht

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weniger einseitig und kaum weniger gehässig als die höllischen Dämonen, und nur als unfehlbarer Kenner der Zukunft, die Zeus ihm offenbart, behält er Recht. Es ist nicht anders: Aischylos hat die Gottheit und die Seherkunst des delphischen Gottes nicht angezweifelt, aber er hat den Widerwillen nicht verhehlt, den er gegen diesen Gott empfinden mußte, weil ihm Verbrechen war, was dieser als Heldentat anzupreisen fortfuhr. Wie konnte er anders, da er sich durch innere Kämpfe zu einem höheren Standpunkte erhoben hatte? Und es wirkt nur stärker, daß er seine Anklagen nicht in Worte faßt, sondern die überlieferten Geschichten weitergiebt und den Gott selbst einführt, wie seine Verehrer ihn dachten, damit der Widerstreit dem Nachdenkenden klar würde, in dem dieser Gott zu dem stand, was dem frommen Dichter göttlich war. Wir haben keinerlei Anhalt, daß Aischylos je zu Apollon ein inneres Verhältnis gehabt hat; eine scharfe Anklagerede der Thetis gegen ihn in einem älteren Drama des Dichters ist von Platon als blasphemisch angemerkt worden. Auch abgesehen von den sittlichen Bedenken konnte damals ein patriotischer Athener durch die perserfreundliche Politik seiner Sprüche gegen den Gott eingenommen werden. Jetzt aber, wo Aischylos zu dem Zwecke dichtete, die Sittlichkeit der delphischen Religion zu überwinden, war es sogar Gewissenspflicht, den Herrn dieser Lehre anzugreifen. Unser einer kann ja rasch bei der Hand sein und den Dichter schelten, der allerdings diese Geschichten oder die Göttlichkeit Apollons hätte verwerfen müssen, wenn er mit voller logischer Konsequenz gedacht hätte. Aber wer dürfte diese Konsequenz von ihm fordern und verlangen, daß er entweder den Gott negierte oder ihn einen Teufel nennte wie Euripides. Er und so gut wie alle in seiner Zeit glaubten, daß eine ungezählte Menge von beseelten Wesen mehr oder minder ohne menschlichen

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Körper, aber mit menschlicher Seele begabt, existierten und in die Menschengeschicke eingreifen könnten; und daß dies mit dem Glauben an die Einheit und Gesetzmäßigkeit des Lebens und die Einheit des Lebensprinzipes vereinbar ist oder doch vereinbar scheinen kann, lehrt das Geistergewimmel monotheistischer Religionen, die Stoa an der Spitze. Gerade weil es Religion ist, nicht Philosophie, was er giebt, muß der Dichter oft in solche Widersprüche verstrickt sein. Oft kommen sie ihm gar nicht zum Bewußtsein; aber auch wo sie es tun, was hier der Fall gewesen sein muß, darf man nicht fordern, daß er sie löse. Was man fordern soll, Ehrlichkeit des Empfindens und der Aussprache, läßt er wahrlich nicht vermissen. Seien wir nur gleich ehrlich in der Anerkennung dessen, was er uns sagtWiderspruchsvoll ist auch seine Stellung zu der Seherkunst, denn den entscheidenden Schritt zu tun, wie wieder Euripides, wo er seine Meinung sagt, liegt dem Aischylos ganz fern. Er bezweifelt nicht im mindesten die Zukunftskunde des Apollon oder auch des Kalchas; aber sie ist ihm zuwider, weil sie nur Leid offenbart (1132); er mag das Zukünftige nicht voraus wissen (250). Aber die Seher, die nur von grollenden Göttern zu reden haben, erheben auch Forderungen, die sich mit der göttlichen Reinheit nicht vertragen. Das mag der Dichter gelten lassen, weil er es nicht erklären oder beseitigen kann. Dagegen ist er dessen ganz sicher, daß kein Seherspruch eine an sich verwerfliche Handlung rechtfertigen kann.).

In Wahrheit mußte der Tragiker, wenn er die Heldensage dramatisierte, auf Schritt und Tritt in solche Konflikte geführt werden, denn er traf ja überall die homerischen Götter. Auch Pindaros, lange kein so kühner noch so weit vorgeschrittener Denker, aber von gleich echter Frömmigkeit und gleichem Ernste, hat das erfahren, und mit der Freiheit, das richtigere zu sagen, d. h. die Geschichten umzuformen, damit sie der neuen Sittlichkeit genügten, ließ sich längst nicht immer auskommen. So

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hat Aischylos z. B. die oben erwähnte Geschichte von Zeus, Semele und Aktaion dramatisiert, wir ahnen nicht wie, aber beseitigen konnte er die unlauteren Leidenschaften nicht.

Von seinem Prometheus besitzen wir wenigstens das erste Stück. Da ist Zeus selbst nichts als ein Tyrann, eigenwillig, grausam, bedroht von künftigem Sturze, und zwar durch seine eigene Begehrlichkeit bedroht, auch ein Feind der Menschen. Die Lösung und Versöhnung ist nur in dem Grundzuge kenntlich, der denn freilich über die Stellung des Dramatikers zu allen diesen Schwierigkeiten der alten Überlieferung entscheidet. Er hat auch in die Götter eine Entwickelung zur Sittlichkeit verlegt. Wenn Zeus in seiner Jugend ein Tyrann ist, so hat er doch bereits die grauenhaften Ungestalten der hesiodischen Theogonie überwunden und aus dem Chaos einen Kosmos gemacht, eine Weltordnung begründet. Das alles liegt weit zurückDie Zwischenzeit zwischen dem ersten und zweiten Stücke seines Prometheus setzte der Dichter selbst auf 30 000 Jahre, d. h. dreimal die höchste Ziffer der Sprache; dabei kann man indessen die Dauer des ersten Dramas ruhig über Jahrtausende erstreckt denken. Das Leben der ewigen Götter mißt keine Uhr.), tief in den Schatten der Vergangenheit, so fern wie uns jetzt die Entstehung einer festen Rinde auf unserem Planeten. Jetzt ist das alles längst überwunden. Zeus hat sowohl Prometheus wie alle anderen Titanen gelöst, hat zu seinen Beisitzern nicht mehr bloß Kraft und Gewalt, sondern Gerechtigkeit und Pietät (Dike und Aidos), jetzt ist er der Vater der Götter und auch der Menschen. In diesem Sinne ist es zu verstehen, wenn der Chor in dem Gebete, das der Orestie sogleich die religiöse Weihe giebt, auffordert den Triumph des Zeus zu feiern: erst dieser Gott, der alles Titanische in der Welt und auch in sich überwunden hat, kann der Menschenseele Frieden geben.

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Man mag über den Ausweg lächelnDoch vgl. Vischer, Auch Einer II 128. Neulich sagt einer, das sei doch abscheulich, daß Gott den Juden geboten habe, ganze Städte zu verwüsten, alles was männlichen Geschlechtes niederzumachen. Sagt ein anderer darauf, „da war eben der liebe Gott selber noch jung". Gut.), wenn man mit metaphysischen Begriffen operiert, die zu entdecken die griechische Wissenschaft eben damals die ersten Schritte tat. Geschichtliches Urteil wird vielmehr auch darin die Sinnesart des echten Dramatikers bewundern, der sich durch innere Entwickelung der göttlichen Personen erklärt, was in Wahrheit die Entwickelung des Gottesbegriffes in der Seele des Volkes ist. Und wer selbst die Freiheit gewonnen hat, den ewigen Wechsel und Wandel der religiösen Vorstellungen und Bilder neben dem ewig gleichen Friedensbedürfnisse der Menschenseele durch die Jahrtausende mit gleicher Teilnahme verfolgen zu können, wird den Dichter und seine Zeit glücklich preisen, denen es gelingen konnte — ach, nur auf einen kurzen Augenblick — die Überlieferungen der Väter und die Übung der heimischen Religion festzuhalten und zugleich den festen Pol einer neuen Sittlichkeit zu finden, den Glauben an einen allmächtigen, gerechten und gütigen Vater alles Lebens und aller Gerechtigkeit, der nicht nur alle die zornigen und neidischen Urgewalten der Naturreligion überwunden hatte, sondern auch selbst mit allen Schatten und Schlacken der Menschenähnlichkeit beinahe sogar den Eigennamen abgelegt hatte, der universale Gott und doch zugleich der Donnerer Homers, der gerechte Richter des Hesiodos und Solon und zugleich der Herr der heimischen Berge und Heiliger eines jeden Hofes.

Es ist dies nicht der Gottesbegriff, den alle Metaphysik und Theologie aus der hellenischen Philosophie entlehnt, weder das unpersönliche Gute Platons noch die stoische alles durchdringende Weltvernunft: es

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ist ja ein persönlicher Gott. Daher wird dieser Zeus viel mehr verwandt dem Jahwe der Propheten und Psalmen. Aber man braucht gar nicht an die Versöhnung der Eumeniden zu denken, ein Blick auf die Größe Klytaimestras genügt, um die spezifisch hellenischen Züge zu bemerken, die eine Fortführung der Vergleichung der Religionen verbieten. Denn auch in der Großartigkeit der Verbrecherin offenbart sich „die menschliche gottbewußte Freiheit, aus welcher alle Kraft und Freudigkeit zum Besten und Edelsten fließt"Ich hatte den Gedanken in eigene Worte gefaßt, aber gern vertausche ich sie mit Worten Welckers (Götterlehre I 249), auf die ich zufällig stoße. Es war mir doch eine freudige Überraschung, daß gerade Worte von ihm ohne weiteres in meinen Satz paßten.): von der ahnt der Orient, einerlei ob arisch, semitisch oder ägyptisch, nichts. Ob Aischylos größer ist, wenn er durch die vollen Töne der Hingabe an die Gottheit unser Herz erbaut, oder wenn er es durch die furchtbaren Taten und Leiden der menschlichen Willensfreiheit erschüttert, bemesse ein jeglicher nach der eigenen, vermutlich wechselnden Erfahrung: aber er sage nicht, daß er den Dichter verstände, ehe er beides erfahren hat. Weder die Pharisäer noch die Sadducäer werden das jemals erreichen.

PERSONEN. Agamemnon. Klytaimestra. Aigisthos. Kassandra. Ein Herold. Ein Wächter, Sklave des Agamemnon. Der Chor, die Ratsherren von Argos. Gefolge der fürstlichen Personen. Die Hinterwand der Bühne stellt das Schloß der Atreiden in Argos dar; vor ihm befinden sich eine Anzahl Altäre und Götterbilder; deutlich kenntlich ist der große Prellstein neben dem Thore. Es ist Nacht. Auf dem Dache liegt vornübergestreckt der Wächter. Wächter. Macht Ende, Götter, mit den Mühen, die ich hier ein langes Jahr schon dulde, daß ich, wie ein Hund gestreckt, auf Agamemnons Dache spähen muß. Ich kenne jetzt der Sterne nächtlichen Verein, die lichten Herren, deren Glanz vom Himmelszelt der Jahreszeiten Wechsel auf der Erde lenkt. Auch heute späh' ich nach dem leuchtenden Signal, der Flamme, die von Troia Kunde bringen soll und Siegesbotschaft. So gebeut erwartungsvoll die Königin, an Kühnheit und Verstand ein Mann. Da muß ich liegen, nachtumwittert, thaubenetzt, und meinem Lager nahet nimmer sich ein Traum, denn statt des Schlafes steht die Furcht an meinem Bett, daß nicht zu fest der Schlummer meine Lider schließt. Und wenn ein Lied ich singen oder pfeifen will als Gegenzauber, der des Schlafs Betäubung bannt, so muß ich weinen, klagend um des Hauses Los, denn nicht mehr ist die alte gute Zucht darin. O möchten diese Mühen enden, durch die Nacht die frohe Botschaft heute flammen das Fanal. Pause. 52 Wächter. Willkommen, Blitz. Du zündest aus der Finsternis mir Tageshelle, rufst zu manchem Freudentanz, zu frohen Siegesfesten Argos' Volk empor. Hurrah, hurrah, Er steht auf. Wächter. jetzt sag' ich Agamemnons Gattin laut Bescheid. Auffahren wird sie von dem Lager, und der Schrei, mit dem sie freudejauchzend das Fanal begrüßt, gellt durch das Schloß, so Troia denn gefallen ist, wie dort das Feuer lodernd mir herüberruft. Und ich zum Vorspiel thu' den ersten Freudensprung; ich warf auf dieser Wache ja den höchsten Pasch, ich bin es, der die Herrschaft heut gewinnen läßt. Ach, könnt' ich meines gnäd'gen Herren liebe Hand zum Willkomm einmal schütteln. Weiter sag' ich nichts; mir ist der Mund zu fest gestopft. Ach, wenn das Dach nur reden könnte, würd' es alles offenbar. Ich bin zufrieden, wenn mein Wort den Wissenden verständlich, den nicht Wissenden ein Rätsel ist. Steigt innen in das Haus hinab. Der Chor, 15 Greise, zieht von der Seite ein. Die Greise tragen das Schwert an der Seite, einen langen Stab in der Hand, festliches Gewand, auf dem Haupte einen Kranz. Während sie einziehen und Aufstellung nehmen, spricht zur Flötenmusik der Chorführer. Zehen Jahre sind's, daß Atreus' Söhne, Priamos' von Troia große Gegner, König Menelas und Agamemnon, beide Fürsten göttlichen Geblütes, beide stolz die Fürstenwürde wahrend, der Hellenenflotte tausend Segel aus den Häfen unsres Landes führten, auszufechten ihren Rachekrieg. 53 Chorführer. Grimmig scholl aus ihrer Brust der Schlachtruf, wie ein Geierpaar gen Himmel aufschreit klagend um die Brut. Ihr Fittich rudert kreisend um die Felsen durch die Lüfte, wo das Nest im Frieden des Gebirges ihre Jungen barg, die nun verschwunden, langen Brütens Frucht, die nun zerstört. Doch den schrillen Schrei des Vogelrufes hört ein Gott, ein Herr des Hochgebirges, Zeus, Apollon oder Pan, und Rache für die Schutzbefohl'nen seines Reiches nimmt er grimmig an den Übeltätern. Komme sie auch spät, Vergeltung kommt. Also hat des Gastrechts hoher Hüter Zeus die Atreussöhne wider Paris um das buhlerische Weib gesendet, lange Tage voller Kampf den Troern, voller Kampf bereitend den Hellenen. Bald ist in der Schlacht der Speer zersplittert, Brust steht wider Brust, die Glieder werden schwer und steif und matt; die Ringer sinken nieder in den Staub — und ringen fort. Mag der Kampf nun stehen, wie er wolle; weder Opferrauch noch Weihespende noch blutlosen Opfers heil'ge Reinheit drängt vom graden Pfade Gottes Willen: einmal kommt es, wie es kommen muß. Aber wir, vom Rachekriege ruhmlos heimgeblieben, stützen mit dem Stabe unsres Alters kindesgleiche Schwäche. Denn das Kind, durch dessen weiche Glieder Jugendsäfte rinnen, gleicht dem Greise: Ares hat darinnen keine Stätte. Und das letzte Menschenalter wieder, wann das Laub am Lebensbaum vertrocknet, 54 Chorführer. wankt dahin, dreifüßig, schwach und kindisch, schwankes Traumgebild am hellen Tag. Mittlerweile ist Klytaimestra mit reichem Gefolge von Dienerinnen aus dem Schlosse gekommen und beschäftigt sich im folgenden mit Opfern und Spenden an den Altären. Chorführer. Klytaimestra, meine Fürstin, Tochter des Tyndareos, was ist geschehen? welche Botschaft, welche Kunde ward dir, daß du allen Tempeln Opfer schickst? Allen Göttern, die die Stadt beschirmen, Göttern des Gebirges und der Tiefe, Himmelsgöttern und des Marktes Hütern, flammt von deinen Spenden der Altar. Allerorten steigt die Feuersäule himmelhoch, getränket und gesänftet von den linden Düften keuschen Öles, von des Königsschatzes Spezerei'n. Was du sagen kannst und darfst, verhehl' uns nicht, erlös' uns aus der Ungewißheit, die uns bald mit Unheilsahnung ängstet, bald durch deiner Opfer Schein ermutigt, hoffnungsvoll der ruhelosen Sorge Qual vom Herzen scheucht, an dem sie nagt. Ja, verkünd' uns frohe Siegesbotschaft, ruf uns auf, dein Freudenfest zu teilen, uns, die Ältesten des Volks von Argos, Agamemnon treu und zugethan. Aber wenn den Mund dir fromme Rücksicht noch verschließt, wenn du der Opfer Anlaß später erst verkünden willst, so harren wir bescheiden: Lieder und Gebete stimmen ein in deinen Gottesdienst. Pause. Klytaimestra fährt unbeirrt in der heiligen Handlung fort. 55 Chor. Mein ist das Amt zu besingen des Kriegszugs sieghaft Zeichen, welches der streitbaren Mannschaft erschien. Sangeswohllaut gönnen auch uns noch die Götter; dem Greise bleibt des Liedes Kraft. Atreus' Söhnen, der Brüder und Fürsten einträchtigem Paare, die die hellenische Jugend mit Schwert und rächendem Arme wider das troische Land zur Heerfahrt beide gerufen, gab ein kriegerischer Angang Geleit. Nahe dem Lager erschienen auf weithin sichtbarem Sitze Vogelkönige zween, sich den Königen zeigend der Flotte auf des Speerarms Seite. Das Schwanzgefieder des einen weiß, des anderen schwarz. Sie fraßen der trächtigen Häsin nicht ausgetrag'ne Leibesfrucht. Wehe, Wehe! Wehe lasset uns singen, doch endlich möge das Gute triumphieren. Und auf die beiden verschiedengemuteten Atreussöhne schaute Kalchas, der weise Prophet. Da verstand er die streitbaren Fresser des Hasen, des Angangs Weisung für die Fahrt. Deutend sprach er, „der Tag wird kommen, wo unsere Heerfahrt Priamos' Veste bewältigt und alle die Habe des Volkes, alle die Fülle der Herden, die hinter den Wällen sich bergen, fällt dem Geschick der Vernichtung anheim. 56 Chor. Daß nur nicht von göttlichem Zorn eine finstere Wolke aufsteigt über dem ehernen Ring, der Troia um- klammert. Artemis ist nicht hold den befiederten Boten des Vaters, die sich zum Opfer die Häschen im Schoße der Mutter erkiesen. Die Reine haßt der Adler Mahl. Wehe, Wehe! Wehe lasset uns singen, doch endlich möge das Gute triumphieren. Die holde Schöne, welche die hilflosen Jungen aller der Tiere des Waldes, selbst die Kätzchen der grimmen Leuen freundlich behütet, heißt so weit mich den Sinn des Zeichens enthüllen: Glück verkündet, doch kann auch Unheil bergen der Angang. Bewahre Phoibos uns davor. Möge sie nicht den Achäern mit widrig wehenden Winden hindern die Fahrt und hemmen die Flotte. Möge sie nicht ein anderes widernatürliches Opfer fordern, das unüberwindlichen, Gattenliebe vernichtenden Hader entfache. Sonst bleibt nimmer vergessende, tückisch am Hausherd lauernde, endlich schrecklich erstehende, Kindesschlachtung vergeltende Rache zurück." 57 Chor. So rief neben dem Glück, das die Are dem Zuge der Helden kündeten, Kalchas ein Schicksalswort dem Haus Agamemnons. Ertöne drum in gleicher Weise Wehe, Wehe! Wehe lasset uns singen, doch endlich möge das Gute triumphieren. Zeus, Zeus. Mit diesem Namen ruf' ich ihn, mit jedem, den er hören mag. Und ob ich alles wäge, zu leicht befind' ich alles. Von Sorgen und von Sinnen und Zweifeln löst das Herze mir Zeus allein. Hin, hin, vergessen ist, der einst geherrscht, der Urwelt ungeheurer Gott. Titanenlist bezwang ihn. Auch sie fand ihren Meister. Doch aller Weisheit Ende ist andachtvoll zu preisen des Zeus' Triumph. Er wies den Weg zur Weisheit; uns zwingt die ew'ge Satzung, durch Leiden lernen. Auf unser müdes Herze senkt quälend sich und ängstend statt Schlummers Reue. Auch wider Willen kommt der Mensch zur Einsicht. Gott lenkt das Weltenregiment gewaltsam, doch Gott ist gütig. 58 Chor. Auch dies war Gottes Wille. Es sprach der ält're Führer des Heers von Hellas und schalt auf keinen Seher, und fügte sich dem schweren Geheiß des Schicksals, Als des Euripos' Strudel hohl am Strande von Aulis brandend der Hellenenflotte die Fahrt versagte. Vom Strymon kam der Sturm, und mit dem Sturm Verzug und Hunger kam, Das Ankertau riß, die Planken krachten, die Mannschaft lief ratlos hin und wider; das stolze Heer tatenlos verkümmert. Und als den Fürsten Kalchas wider die feindlichen Stürme nannte das schlimmere Mittel, als er die Artemis nannte, stießen entsetzt die Atreiden auf den Boden das Scepter; aus unwilligem Auge brachen die Tränen. Da war es, wo der ält're der Atreidenfürsten also sprach: „Schwer wiegt die Schuld, will ich nicht gehorchen: schwer wiegt sie auch, schlacht' ich meine Tochter, des Hauses Stolz, tauch' ich am Altare die Vaterhand in das Blut der Jungfrau. Was ist hier nicht Verbrechen? Nein, die Gefährten, die Flotte kann ich nicht feige verraten, und zu dem Blute der Jungfrau, zum windstillenden Opfer treibt es mich unwiderstehlich. 59 Chor. Wär' es denn Sünde zu folgen? Sei es zum Segen. Und als er erst dem Joch der Not sich beugte, den Sinn auf Frevel, auf Verbrechen wandte, da war das Schwanken aus, da wagt' er alles. Der Mensch wird kühn, hat ihm erst Leidenschaft den Sinn berückt. Zum Bösen ist's der erste Schritt. Da fand er den Mut seine Tochter zu schlachten, Gelingen zu schaffen dem Krieg um ein Weib, der Flotte den Segen zu geben. Der Jungfrau Bitten, ihre Vaterrufe, ihr junges Leben galt der Kampfbegierde der Fürsten nichts. Sie beteten. Der Vater das Zeichen gab: wie ein Lamm hob man sie auf den Altar, der Schleier hüllte Brust und Haupt. Wohl hatte sie Kraft und Besinnung verloren; sie knebelten sorglich den schwellenden Mund, auf daß kein Fluch ihm entführe. Die Fessel hielt. Stumm und starr lag sie da. Vom Busen riß rohe Faust das Safrankleid. Auf jeden ihrer Schlächter schoß sie Gnade flehend Blick um Blick, schön wie ein Bild, wie ein Bild der Sprache bar, und hatte doch so oft in ihres Vaters gastfreien Hallen singen dürfen. An frohen Festen pries beim Tischgebet der Jungfrau reiner Mund des Vaters Glück mit kindlich liebevollem Psalm. 60 Chor. Was weiter ward, sah ich nicht, sag' ich nicht. Des Kalchas Kunst trügt nicht. Doch durch Leiden soll man lernen, und die Zukunft hört man, wenn sie da ist, früh genug. Ich biet' ihr nicht Gruß voraus noch Fluch voraus. Erscheinen wird sie, leuchtend wie der Morgen. O, daß er uns Entscheidung bringe, Triumph des Guten, wie vor allem sie, die Nächstbetroffne, wünscht, in deren Hand das Heil von Argos einzig ruht. Mittlerweile ist es Tag geworden; Klytaimestra hat die Opfer vollendet und wendet sich dem Chore zu. Chorführer. Ich nahe, Klytaimestra, deiner Majestät mich voller Ehrfurcht, denn des Landesherrn Gemahl hat, wenn des Mannes Fürstenstuhl verlassen steht, Anrecht auf seiner Untertanen Huldigung. Wenn du nun gutes schon vernommen, wenn du noch in froher Botschaft Hoffnung opferst: treuen Sinns werd' ich es hören, werd' es ehren, wenn du schweigst. Klytaimestra. Die Mutter Nacht hat frohe Botschaft uns beschert, so halte denn der Morgen, was sie uns versprach. Erfüllung über alles Hoffen künd' ich euch: erobert haben die Hellenen Priams Burg. Chorführer. Unmöglich - doch verzeih', ich hörte wohl nicht recht. Klytaimestra. Troia ist unser. Ist das nicht bestimmt genug? Chorführer. Freude durchzuckt mich — Tränen lockt sie mir hervor. 61 Klytaimestra. Ein treues Herz verrät sich durch der Augen Naß. Chorführer. Hast du auch wirklich sicheren Beweis dafür? Klytaimestra. Gewiß, ich hab' ihn, wenn mich nicht ein Gott berückt. Chorführer. Traust du auf eines Traumes schmeichelndes Gesicht? Klytaimestra. Dem Wahn der schlafbefang'nen Seele trau' ich nie. Chorführer. Bläht deine Hoffnung ein willkommenes Gerücht? Klytaimestra. Bin ich ein Kind, daß so du meiner spotten magst? Chorführer. Wie lang' ist's her, daß Ilios gefallen ist? Klytaimestra. In dieser Nacht, die uns das heut'ge Licht gebar. Chorführer. Und welcher Bote hätte solche Schnelligkeit? Klytaimestra. Hephaistos, der vom Ida helles Licht gesandt. Von Warte wanderte zu Warte, Berg zu Berg die Fackelpost bis her zu uns. Der Ida gab sie an den Hermesberg von Lemnos, und von ihm empfing der Athos das Signal, Zeus' Lieblingssitz. Da schlug der Wanderlohe Kraft gewaltig auf, weit übers Meer warf sie zum Spiel den hellen Schein, noch lang' nachdem er zu Makistos' Warte hin goldleuchtend wie der Morgenstrahl gedrungen war. Auch der Makistos war nicht träge noch vergaß schlaftrunken seiner Wache, sondern meldete des Feuers Ankunft über des Euripos Furt hinüber an den Posten des Messaperbergs. 62 Klytaimestra. Sein Feuer gab die Antwort. Dürres Haidekraut zu Haufen angezündet trug die Meldung fort. Und weiter ging sie, hurtig, unermüdet, flog über Asopos' Nied'rung, wie des Mondes Licht mit mildem Glanze, zu Kithairons Rücken, rief die Wächter zum Empfange des Fanals empor, und seinem fernher leuchtenden Befehl gemäß entbrann ein Feuer, stärker als der Auftrag war. Zur Alm des Gaisbergs überm gorgoäug'gen See schwang sich der Schein und rief die Wächter an den Dienst. Die schürten unverzüglich mit freigeb'ger Hand ein Feuer, dessen Riesenzunge himmelhoch des Saronbusens Felsenküsten überschien. Und weiter strebt' es, immer weiter, bis zum Grat des Spinnenberges, wo der letzte Posten stand, von dem es unser königliches Schloß erreicht, dies Licht, des Idafeuers Ururenkelkind. So waren meine Fackelläufer aufgestellt, von Hand zu Hand gegeben kam die Post zum Ziel, doch sieghaft ist des ersten wie des letzten Lauf. Dies die Gewähr für meine Zeitung. Mein Gemahl hat so von Troia diese Botschaft mir gesandt. Chorführer. Noch kann ich nicht den Göttern danken, Königin. Noch einmal lass' ausführlich diese Kunde mich, wie du sie vorträgst, hören, staunen noch einmal. Klytaimestra. In Ilios steht heute das Hellenenheer. Mich dünkt, zwiespält'ge Töne hör' ich aus der Stadt. Wenn Öl und Essig man in eine Schale gießt, so bleiben sie gesondert, fließen nicht in eins. So sind der Sieger und Besiegten Stimmen auch ungleichen Klangs, wie ihr Empfinden ungleich ist. 63 Klytaimestra. Die einen neben Leichen, hier des Gatten, dort des Bruders, neben einem Greise hier ein Kind, das jüngste Reis des Stammes, der von ihm entsproß, und alle jammern um des Teuersten Verlust, und jeder Mund, der jammert, ist ein Sklavenmund. Die Sieger suchen Frühmahl, wie die Stadt es beut, sie hungert nach dem Wirrsal einer nächt'gen Schlacht. Und keiner sucht mit einem Zettel sich Quartier. Heut ist Fourier der Zufall, und sie machen schon in den eroberten Palästen sich's bequem. Der Nachtthau und der Reif des Biwaks ist vorbei, wie große Herren können sie die ganze Nacht durchschlafen, und kein Posten wird mehr ausgesetzt. Wofern sie nur die Götter der besiegten Stadt und ihre heil'gen Stätten schonen, frommer Scheu, so hoff' ich, folgt kein jäher Sturz auf ihren Sieg. Wohl muß das Heer sich hüten, nicht von Goldesgier verführt zu rühren an das Unverletzliche. Zur Fahrt nach Hause brauchen sie noch guten Glücks, gelingen soll des Doppellaufes zweiter Gang. Doch kann es glücken, wenn das Heer am heil'gen Gut sich nicht vergreift: bleib' uns des Schicksals Rück- schlag fern. Ich bin ein Weib nur, aber so viel hatt' ich euch zu sagen. Wäre nur geborgen erst das Glück, Genuß der höchsten Güter hat es mir beschert. Chorführer. Fürsorglich sprachst du, Fürstin, wie ein weiser Mann, Wir wollen nun, da du den triftigen Beweis geliefert hast, mit Dankgebet den Göttern nah'n. Denn wohl hat ihre Gnade diesen Zoll verdient. Klytaimestra ab in das Haus. Chorführer. Zeus, ich rufe dich, allmächt'ger König. Holde Nacht im Glanz der Sternenkrone, 64 Chorführer. dichtes Netz hast über Troias Zinnen du geworfen, daß nicht Mann noch Knabe durch der Knechtschaft Maschen schlüpfen konnte: alle hat das Strafgericht erreicht. Und ich beuge mich dem Herrn des Gastrechts, Zeus, der dies an Paris ausgerichtet. Lange hielt er den gespannten Bogen, daß der Pfeil nicht unstät in die Wolken führe, nicht einschlüge vor dem Ziel. Chor. Zeus' Gericht haben sie erfahren. Seine Hand schlug sie. Wer verkennt es? Er gebot. Ihr Geschick folgte dem Gebote. Mancher glaubt, um die Menschen kümm're sich die Gottheit nicht, wenn sie frech brechen die verbot'ne Frucht. Sündig ist solcher Glaube. Büßen muß die ganze Sippe für die Gier, die widerrechtlich nach dem allzu Schönen griff, für den Glanz, der allzu prächtig, allzu hell das Haus umstrahlt. Wer den Wunsch recht bemißt, wünsche sich bescheid'nes Los, fern der Not, fern der Überhebung. Denn wer in dem Rausche des Glückes die Schranken des ewigen Rechtes zertrümmert, den werden die Schätze nicht schützen. Böse Lust giebt ihm den Gedanken, zeugt den Trug süßer Selbstverführung. Er erliegt: seine Schuld kann er nimmer löschen. 65 Chor. Missetat hat ihr eigen furchtbar Licht, das birgt man nicht. An den Tag kommt sie, schwarz wie falsches Geld, dem die Zeit den erlog'nen Silberschimmer abgerieben. Eitel wie des Knaben Sprünge, der den flücht'gen Vogel hascht, ist sein Ringen. Das Verderben wälzt er von den Seinen nicht. Keinen Gott rührt sein Fleh'n. Seine Taten seh'n sie an. Ihr Gericht schlägt den Frevler nieder. So kam Alexandros ins Haus der Atreiden, entweihte den Frieden des Gastrechts, entführte die Herrin des Hauses. Ihrem Volk hinterließ sie Speereschäften, Schilderünden, Schiffetakeln. Ilios brachte sie Untergang zur Morgengabe, da sie schied vom Herd des Gatten leichten Fußes, furchtbar leichten Herzens. Und der Seher Klage tönte laut. Wehe, weh Königsschloß und Fürstenhaus. Weh, die Frau floh mit fremdem Manne. Ihr Verrat, nicht gescholten, nicht bestraft, kaum geglaubt. Durch der Liebe Zauber wird sie übers Meer herüber als Gespenst noch das Haus beherrschen. Nicht tröstet der Gatte sein darbendes Auge am Bild der Geliebten; er fühlt sich von Aphrodite verlassen. Griech. Tragödien. II. 5 66 Chor. Nur im Traum nah'n sich schmeichelnde Gestalten, Ausgeburt von Schmerz und Sehnsucht, Spiel des Wahns, eitle Lust. Greife zu: des Gaukelbildes Wonnetäuschung ist zerflossen, und des Schlafes dienstgewill'ger Fittich trägt es nicht zum zweiten Mal zurück. Solches Weh wohnt an jedem Herde, manches, ach, bittrer noch als dieses. Überall ist der Bürger Aufgebot fort zu Feld; ohne Trauerzeichen steh'n rings die Pforten, mutgeduldig: vieles liegt schwer doch auf der Seele. Denn wen er hinausließ, hat keiner vergessen, und wieder sieht er die Rüstung des Helden allein und die Asche. Ares ist ein grimmer Wechsler, hält im Lanzenkampf die Wage, Männerleiber tauscht er ein gegen Staub nicht des Goldes; doch er wiegt schwer genug, im Kruge heimgesandt Mannesstaub und Tränen. Und die Totenklagen preisen den, wie trefflich er zu fechten wußte, den, wie im Gemetzel heldenhaft er stritt, für das Weib fallend eines andern. Leise murrt man so, Bitterkeit und Groll schleicht sich wider die Atreiden ein. 67 Chor. Dort aber in Troia, im Grabe der Fremde, da walten verklärte Heroen: der Boden bedeckt seine Sieger. Mächtig ist des Volkes Stimme, fordert für den Fall der Bürger eine schwere Sühne heim. Und die Angst will nicht weichen, nächtig Graus harre mein zu hören. Nicht vergißt Gott des Völkermörders. Schwarze Rachegeister flattern, und die Stunde kommt im Kampf des Lebens, wo des unverdienten Glückes Glanz erbleicht. Niedrigkeit lebt und stirbt vergessen, und gefährlich ist allzu stolzer Ruhm, denn aus Gottes Auge fährt der Blitz. Drum preis' ich ein harmlos Geschick und verwünsche den Ruhm des Städtezerstörers, das Sklavenlos des Besiegten. Durch die Gassen fliegt die Botschaft, ob sie Wahrheit bringt, wer weiß es? Blendwerk eines Dämons ist es. Kindisch wär' es oder Wahnwitz, wollten wir zu heißer Hoffnung unser Herz entflammen lassen, weil ein Feuer plötzlich aufging, um in Bälde der Enttäuschung Schmerz zu kosten. Mag dem Weiberregimente 5* 68 Chor. Dankgebet vor der Erfüllung ziemend sein. Wie der Wind fliegt geschwinde raschen Weiberglaubens Losung rasch geglaubt von Mund zu Munde. Doch geschwinde ist des Weibermunds Gerede weggeblasen wie der Wind. Chorführer. Bald werden wir erfahren, ob die Wahrheit uns das Wanderfeuer und der Wächter Brandsignal gesagt hat, oder ob erschienen wie ein Traum das holde Licht auch wie ein Traum den Sinn berückt. Vom Hafen kommt ein Herold, mit Olivenlaub bekränzt, heran, und das verraten mir bereits des Wandrers zwei Begleiter, Schmutz und trockner Staub, das ist kein stummer Bote, nicht mit Feuerqualm, nicht Holz und Reisig zündend giebt er uns Bescheid. Entweder ruft er deutlicher den Freudegruß das Oder unterdrück' ich. Füge Gutes sich zu dem, was Gutes schon erschien. Wer unserm Land es anders wünscht, der ernte, was er säte, selbst. Herold. Mein Argos, endlich nach zehn Sommern bin ich doch zu dir, dem Lande meiner Väter, heimgekehrt. Manch' Hoffen ist gescheitert, dieses ist erfüllt. Kaum hätt' ich's mich versehen, daß ich doch das Grab im Heimatboden bei den Meinen finden kann. Nun seid gegrüßt mir, Erde, Sonnenlicht, gegrüßt, Zeus, höchster Herr von Argos, du, Apollon, auch; du schießest keine Pfeile mehr auf unser Heer; verderblich warst du uns genug vor Ilios: jetzt gieb den Wunden Heilung, Phoibos, gieb Gedeih'n. 69 Herold. Und euch auch grüß' ich alle, die ihr rings den Markt beschützend thront, vor allen Hermes, meinen Herrn, den lieben Götterherold, unsern Schutzpatron. Und ihr Vorfahren in der Erden, die ihr uns hinausgesandt, Heroen, nehmt uns gnädig auf, so viel dem Schwert entronnen heut ihr wiederseht. Ihr hohen Hallen, meiner Kön'ge liebes Haus, ehrwürd'ge Malstatt, ihr Altäre vor der Thür, wie heiter blickt ihr! Ja, wenn je, verdient der Fürst nach so viel Jahren diesen festlichen Empfang. Denn euch und Argos' ganzem Volk erscheint der Herr Agamemnon rettend, wie ein Licht in finstrer Nacht. So grüßt ihn denn mit Ehrfurcht, wie sie der verdient, dem Zeus der Rache Pflugschar in die Hand gelegt, die über jene Stätte fuhr, da Troia stand, und mit der Wurzel tilgte das gesamte Volk. Heut zieht, der Troia unter solches Joch gebeugt, der Held und König, Atreus' Erstgebor'ner, ein im Glanz des Glückes: ihm gebühret Huldigung vor allen, die da leben. Paris und sein Volk kann keiner Tat sich rühmen, die sie nicht gebüßt. „Schuldig des Raubs und der Entführung" hieß der Spruch. Der Raub ist ihnen abgejagt, das Vaterhaus, das ganze Land in sein Verderben mit gestürzt: Priams Geschlecht hat doppelt seine Schuld gezahlt. Chorführer. Herold des Heers von Hellas, Freude sei mit dir. Herold. Sie ist es. Willig stürb' ich, da ich dies erlebt. Chorführer. Erfahren hast du, wie des Heimwehs Schmerzen thun? Herold. Drum macht das Wiedersehen mir das Auge feucht. 70 Chorführer. Wenn ihr die bittre Wollust solcher Tränen kennt - Herold. Was willst du, rede weiter, ich versteh' dich nicht. Chorführer. So wißt, die Schmerzen haben wir mit euch geteilt. Herold. Du meinst, euch nach dem Heer gesehnt wie wir nach Haus? Chorführer. Und haben oft in bittrem Harme tief geseufzt. Herold. Woher befiel zu Haus euch solche Not und Angst? Chorführer. Ich schweige; dieses letzte Mittel lernt' ich längst. Herold. Ihr littet Zwang, dieweil der König ferne war? Chorführer. Ich sag' wie du: willkommen ist mir auch der Tod. Herold. Ja, denn wir steh'n am Ziele. Freilich, jedes Ding, das lange dauert, hat nicht gute Seiten bloß; da ist auch manches Schlimme: Göttervorrecht ist's in Ewigkeit zu leben ohne Leid und Schmerz. Wollt' ich von unsern Plagen reden, welche Not das Unterkommen machte - schmal und hart und eng der Bordgang, Sitzplatz nirgend, alles vollgepfropft - und dennoch, ärger war die Plage noch zu Land. Dicht vor des Feindes Mauern war die Lagerstatt; die Feuchtigkeit des Himmels und des Wiesengrunds zog Ungeziefer zeugend in die Kleider ein. Und wollt' ich reden von dem Winter, wie der Schnee des Ida ihn herabschickt, unerträglich, daß die Vögel tot vom Himmel fallen, von dem Druck der Schwüle, wenn das Meer in Mittagsruh' gebannt daliegt und schlummert, ohne Wellen, ohne Wind — was sollen diese Klagen? Alle Not ist aus. Aus für die Toten, denn sie schlafen tief und fest und sind für das Erwachen aller Sorgen quitt: sie haben wahrlich sich zu freuen vollsten Grund. Für uns, die aus dem Heer von Argos übrig sind, wird überwogen alles Leid von dem Gewinn. 71 Herold. Trägt nicht die heut'ge Sonne jedem Land und Meer mit ihrem Lichte diese Siegesbotschaft zu: „Das Heer von Argos, endlich Herr von Ilios geworden, nagelt den Hellenengöttern heut an ihre Tempel alter Herrlichkeit Trophä'n"? Wer dies vernimmt, der beut Bewunderung dem Heer und seinen Führern, Preis zumal dem höchsten Zeus, der das hinausgeführet. Aus ist mein Bericht. Chorführer. Gern laß' ich mich von dir belehren, denn an Glück glauben zu lernen wird der Mensch niemals zu alt. Doch nächstes Anrecht hat des Königs Ehgemahl auf diese Freude, wenn sie uns auch mitbeglückt. Klytaimestra, die während der letzten Worte mit Gefolge aus dem Thore getreten ist. Klytaimestra. Den Jubelruf der Freude hab' ich längst zuvor erhoben, als von Troias Fall und Untergang die erste Flammenbotschaft in der Nacht erschien. Und mancher schmähte „wie, du glaubst an Ilios' Zerstörung auf ein Feuerzeichen hin? Wie leicht ist doch ein Weiberherz entzündet". Nun, ich trug den Schein des Leichtsinns, brachte trotz den Spötterei'n Dankopfer, und so weiblich unbedacht erscholl aus manchem Haus von Argos lauter Jubelruf und Dankgebet vor den Altären, wo der Duft der Spezerein in Wolken süßen Rauchs verglomm. 72 Klytaimestra. Und jetzt - was brauch' ich weiter noch aus deinem Mund? Erzählen wird mir alles bald der König selbst. Ich eile nur dem Gatten, den mein Herz verehrt, den prächtigsten Empfang zu rüsten. Welcher Tag kann einer Frau willkomm'ner sein, als wenn dem Mann, den Gott ihr aus dem Felde heil nach Hause führt, das Thor sie öffnet? So bestelle meinem Herrn, er eile sich. wie seines Volkes Lieb' ersehnt. Und in dem Hause harre sein ein treues Weib, wie er sie dort gelassen. Ihm anhänglich, feind den arggesinnten war der Hund, den er dem Hof zum Wächter setzte. Lange blieb er aus, doch keins der Schlösser ist erbrochen. Und mein Ruf ist rein. Nicht minder unverständlich als die Kunst das Erz zu färben ist verbot'nen Umgangs Reiz für mich. Ich wag's zu sagen. Wo es laut're Wahrheit ist, ist Selbstlob nicht unwürdig einer edlen Frau. Ab. Chorführer. Die Fürstin hat gesprochen. Dein Verständnis wird bekennen, klarer redet keines Dolmetsch Kunst. Nun aber, Herold, steh' uns Rede. Kommt mit euch auch Menelaos, unsres Landes teurer Fürst, gesund und wohlbehalten aus dem Felde heim? Herold. Mit falscher Freude täusch' ich ungern einen Freund, dieweil man ihrer nur auf kurze Frist genießt. Chorführer. So kannst du gut nicht reden und zugleich auch wahr? Man hehlt es schwer, wenn beides nicht zusammenfällt. Herold. Menelaos ist verschwunden, er samt seinem Schiff aus unsrer Flotte. Keine Lüge sag' ich dir. 73 Chorführer. Mit Absicht einzeln aufgebrochen ist er kaum; so überfiel die Flotte Sturm und riß ihn fort. Herold. Ins Schwarze trafst du, wie des guten Schützen Pfeil, und sprachst mit leichtem Worte schweres Unheil aus. Chorführer. Wie denken denn die Schiffer über sein Geschick? Glaubt man an Rettung oder Untergang für ihn? Herold. Darauf hat niemand zuverlässigen Bescheid als Helios, der Allerhalter dieser Welt. Chorführer. Wie war es mit dem Sturme, den der Götter Zorn der Flotte sandte? Wie begann, wie ging er aus? Herold. Den Tag der Freude sollte Trauerbotschaft nicht entweihen, Himmelsgöttern und Erinyen derselbe Mund nicht opfern. Wenn verstörten Blicks ein Bote kommt um seinem Volk unsäglich Weh, den Untergang des Heeres, zu verkündigen, dann, wo mit allgemeiner Not den ganzen Staat heimsuchend manchem Hause manchen Mann der Schlag der Doppelgeißel raubte, die der Kriegsgott liebt -, Verderbens Doppelschneide, Mordes Henkerpaar ja, wer mit solcher Zeitung schwerbeladen kommt, dem steht ein Hymnus höllischer Dämonen zu. Allein ein Herold des Gewinnes, den Triumph dem Volke kündend, das in Siegeswonne schwelgt, 74 Herold. wie soll ich gut und böse mischen und den Sturm beschreiben, der die Flotte der Hellenen traf? gewiß nicht ohne Götterzorn, denn es verschwor sich Meer und Feuer, sonst einander feindlich stets, und zeigten sich einträchtig in der kläglichen Vernichtung des Achäerheeres. Mit der Nacht kam das Verderben. Hohle Wogen hoben sich; die Schiffe prallten von der Wut des Boreas gestoßen an einander. Andre riß dahin die Windsbraut und der Wirbel sturmgepeitschter See, und sie verschwanden, eine Herde, die der Hirt heimtückisch scheuchend selber auseinander jagt. Als sonnenhell der Morgen kam, da sahen wir, das Meer von Trümmern, von Hellenenleichen blühn. Zwar uns und unser Fahrzeug trug der Wogenschwall durch alle Fährde wohlbehalten, wie den Weg ein Gott uns an dem Steuer wies, nicht Menschenkunst. Als rettender Gefährte blieb das Glück uns treu, so daß uns auf der Reede nicht der Gegenprall der Brandung packte, nicht der Kiel auf Klippen stieß. Allein trotz unsrer Rettung aus des Meeres Schlund, trotz hellstem Himmelslichte mochten wir dem Glück nicht trauen, dachten an die neue Sorge bloß: verschlagen ist, wer von der Flotte nicht versank. Wer nun von jenen heute noch am Leben ist, beweint uns als verloren, während wir von ihm das gleiche denken. Also steht es. Mög' es nur sich noch zum besten wenden. Menelaos wird noch kommen, des vor allem darfst du dich verseh'n. Denn wenn ihn lebend und gesund ein Sonnenstrahl nur irgendwo erspähen kann, so wird ihn Zeus, der unsres Herrscherhauses Sturz noch nicht beschloß, den Rückweg finden lassen in das Vaterland. Ich bin am Ziel. Die ganze Wahrheit wißt ihr nun. Ab zur Seite. 75 Chor. Wer hat diesen Höllennamen so bezeichnend sich ersonnen? Fand ihn eines Dämons Zunge, zukunftahnend, schicksaldeutend, für die Frau, die vielumstritt'ne, speergefreite Helene. Ja, zur Hölle mußten Schiffe, Burgen, Helden, da sie von des üpp'gen Lagers weichen Polstern sich erhob und von den riesigen Flügeln des Westes getragen davonfuhr, und auf den flüchtigen Spuren des Kieles gewappnete Jäger kamen zu Hauf an das buschige Simoisufer blutigen Hader zu suchen. Sühne für des Herdes Schändung, Sühne für den Bruch des Gastrechts fordert göttliche Vergeltung zukunftsicher noch nach Jahren. Lauter Jubel grüße Paris, der der Liebe Kette trägt. Ja, und Ketten werden Volk und König tragen. Stimme nur der Chor der Schwäher stolz und froh das Brautlied an. Bald lernt andere Weisen des greisen Priamos Veste, gellend tönen die Flüche, des Paris Bette verwünschend, tönen die Klagen am Grab der gefallenen Bürger, blutiges Weh zu beweinen. Es zog einmal ein Mann ein Löwenjunges, Säugling noch, sich auf. 76 Chor. Wie war das kleine zahm, der Kinder Spielgesell', der Greise Lust. Oft schaukelt' er's im Arm, als wär's ein Kind. Da leckt' es seine Hand und blickte fromm, und wenn es hungrig war, so wedelt' es und bat. Doch als es älter ward, da zeigte sich die eingeborene Art. Was war der Pflege Dank? Es schuf das Mahl sich in der Lämmer Mord. Die Herde lag zerstört, der Hof voll Blutes, das Gesinde schrie: erwachsen war des Hauses Höllengast, ein grimmig reißend Tier. Einst zog sie ein in Ilios, ein Lächeln spiegelklarer See, ein Kleinod in des Friedens Schatz, ein weicher, tiefer Liebesblick, ein Duft von Liebreiz, sinnberauschend. Die Täuschung verflog, und das Ende der Lust war bitter, ihr Kommen, ihr Bleiben ein Fluch. Es gab ihr des Gastrechts rächender Gott das Geleit zu Priamos' Hause, der Braut der höllischen, thränengefreiten. Ein altes, oftgehörtes Wort sagt, daß ein volles Menschenglück unfehlbar sich den Sohn erzeugt, den Erben. Sohn und Erbe wird des Glückes unermeßlich Elend. Das kann ich nicht glauben, ich bleibe dabei: fortwuchernd entsprießt aus Sünden und Schuld zahlreiche den Eltern gleichende Brut. 77 Chor. Ein Haus, das Recht und Tugend bewahrt, vererbt auch dauernden Segen, Die Hoffart treibt ihr grausam Spiel mit fremdem Leide fort und fort, ein Frevel zeugt den andern. Früh oder spat kommt ihr der Tag, da wagt sie eine schwarze Tat, und unwiderstehlich unnahbar ersteht dem Hause der Frevel unseliges Kind, der Dämon der blutigen Schuld: der trägt die Züge der Eltern. Auch unter rauchgeschwärztem Dach leiht Dike der Rechtschaffenheit den Schimmer ihres Segens. Doch wo ein Haus von Golde gleißt und Sündenschuld die Hände schwärzt, da hebt sie sich abgewendeten Blicks von hinnen. Es blenden die Schätze sie nicht. Und überall führt sie das Recht und die Wahrheit zum endlichen Siege. Auf einem Wagen kommt Agamemnon in königlichem Schmucke; hinter ihm sitzt Kassandra, durch Wollbinden im Haare und den Lorbeerstab in der Hand als Prophetin gekennzeichnet. Einige Krieger geleiten den Wagen. Chorführer. Fürst, Zerstörer Troias, Sohn des Atreus, wie begegn' ich dir, mit welchem Gruße, Huldigung und Dank gerecht verteilend, übertreibend nicht und nicht verkürzend? Heuchlerisch erstrebt die Welt das Scheinen. Rasch bereit ist jeder mit dem Schmerze mitzuweinen, aber bis zum Herzen dringen seiner Trauer Stacheln nicht. 78 Chorführer. Kommt er um der Freude Glück zu wünschen, blickt sein Antlitz, gleich als ob die Lippe zu gezwung'nem Lächeln sich verziehe. Aber des erfahr'nen Mannes Auge unterscheidet, wo der Schein der Treue mit gefälschter Ehrerbietung schmeichelt: seine Herde kennt der gute Hirt. Als du einst um Helene zu Feld zogst, konnt' ich dich, ich will es nicht verhehlen, keinen wohlberat'nen Führer nennen, schienst mir falschen Zielen zuzusteuern, brachtest Opfer, Mut dem Heer zu machen, das gen Troia aufbrach, in den Tod. Heut hast glücklich du das Werk vollendet, und so biet' ich dir ergeb'ne Treue, keinen Groll im Grund des Herzens bergend. Prüfend wirst du mit der Zeit erkennen, wer daheim von den Zurückgeblieb'nen seine Pflicht getan hat, wer versäumt. Agamemnon. Der Vaterstadt und ihren Göttern gilt mit Recht der erste Gruß. Sie haben zu der Heimkehr uns und zu dem Rechte mitgeholfen, das ich mir an Priams Stadt erstritten. Richter waren sie; vor ihnen führten die Partei'n im Waffengang und nicht mit Worten ihre Sache. Stein auf Stein in die Bluturne rollte, welche Troias Sturz bezeichnete; zur andern trat zum Scheine nur mit leerer Hand der Richter. Klar ist der Entscheid. Noch ist die Stätte Troias kenntlich durch den Rauch, allein des Winds lebend'ger Odem bringt den Tod der Asche selbst, die mitvernichtend er entführt, und Duft verbrannter Schätze treibt er vor sich her, Des Dankes für der Götter Beistand dürfen wir 79 Agamemnon. niemals vergessen. Ungeheuer ist fürwahr die blut'ge Buße, die sie einzutreiben uns verstattet haben: für ein Weib der Untergang des ganzen Volkes. Mitternacht am Himmel stand, da duckte sich zum Sprunge der grausame Leu, die Brut des Rosses, Argos' schildbewehrtes Volk, schwang hoch sich über Troias Zinnen, weidete satt seine Gier an Priams königlichem Blut. So viel für jetzt den Göttern als ein erster Gruß. Und nun zu euch. Was ihr empfindet, hab' ich nicht vergessen, ich versteh' euch und ich stimm' euch bei. Sehr selten sind die Menschen, die ein fremdes Glück neidlos und freudig zu begrüßen fähig sind. Denn wer das Gift der Mißgunst in dem Busen trägt verdoppelt sich die Bürde der Entbehrung selbst und fügt die Pein, mit der er auf ein fremdes Glück hinblickt, den eignen Schmerzen, die ihn drücken, zu. Ich darf es sagen, denn ich kenne diese Welt. Was unbedingter Beifall heißt, das wirft auf uns nur unsrer Stimmung eitles Spiegelbild zurück. Ein einz'ger war mir willig und verlässlich stets. Das war Odysseus, ob er gleich gezwungen nur dem Zug gefolgt war. Heute weiß ich nicht einmal, ob dieser Wackre tot ist oder ob er lebt. Was nun der Götter Sache fordert, was der Staat, das wollen wir gemeinsam in Erwägung ziehn am Tag der Ratsversammlung. Unser Streben sei, Bestand zu sichern allem, was sich gut bewährt. Wo Schäden abzustellen sind, da wollen wir behutsam schneiden, wie der Arzt, der nur so tief das Messer führt, daß er den kranken Stoff entfernt. Doch jetzt zieh' ich in meines Hauses Hallen ein: die Götter meines Herdes will ich wiedersehn, die mich hinausgeleitet, die mich heimgeführt. Der Sieg war mein Begleiter, bleib' er stets mir treu. 80 Klytaimestra ist während der letzten Worte aus dem Thore getreten und geht auf den Wagen zu, so dass sie zwischen Agamemnon und den Chor tritt. Dienerinnen, Rollen von Tuch tragend, begleiten sie und stehen an dem Thore. Zum Chore gewendet. Klytaimestra. Erlauchte Väter unsrer Stadt, ich will die Scheu bezwingen und, ihr würd'gen Herrn, vor euch gesteh'n, wie Lieb' und Sehnsucht nach dem Gatten mich be- herrscht. Denn Zeit bricht alle Rücksicht, und so sprech' ich's aus, wie schwer das Leben diese lange Zeit, da er vor Ilios verweilte, mir geworden ist. Schon gar so lange von dem Manne fern zu Haus einsam zu sitzen wird der Frau zu schlimmer Qual. Und dann die Unheilsboten — ist der eine da, bringt gleich der andre noch viel schlimm're Kunde nach. Und wenn die Wunden alle, welche das Gerücht uns zu beschreiben wußte, wirklich unser Herr empfangen hätte, müßte jetzt mehr Löcher als ein Netz sein Körper zeigen, und wenn er so oft gestorben wär' als tot gesagt, er könnte traun dreileibig wie Geryones gewesen sein, und würd' in jeglicher Gestalt doch einmal tot längst unter'm Rasen liegen, seines Anspruchs quitt auf dreimal sechs Schuh Erde. Zur Verzweiflung trieb mich oft mit ewig neuen Schrecken das Gerücht. Und oftmals mußten fremde Hände meinen Hals, den schon die Schlinge schnürte, mit Gewalt befrei'n. Sie wendet sich zum Wagen. Klytaimestra. So kommt es auch, daß unsres Eheglückes Pfand, Orestes, nicht den Vater, wie er sollte, grüßt. Darüber mußt du dich nicht wundern. Strophios, der Gastfreund unsres Hauses hält in Phokis ihn 81 Klytaimestra. in sich'rer Hut. Er stellte mir ein doppeltes Bedenken vor, daß du vor Troia in Gefahr des Lebens wärest, und der Rat der Ältesten von Argos leicht dem Aufstand zügellosen Volks erliegen könnte. Der gefall'nen Größe giebt die menschliche Gemeinheit gern noch einen Tritt. Das war gewiß ein redlicher und guter Rat. Der Tränen Strom, der sprudelnd meinem Aug' ent- quoll, ist längst versiegt; ich habe keinen Tropfen mehr, und blöde ward des überwachten Auges Blick. Lang' saß ich auf und spähte nach dem Feuerschein, der Kunde von dir bringen sollt' und nie erschien. Und aus den Träumen scheuchte schon der schwächste Ton, des Mückenflügels leises Summen mich empor - dann hatt' ich mehr Entsetzliches von dir geseh'n, als Raum in meines Schlummers kurzer Spanne war. Das alles hat der Hund erduldet, der für dich den Hof bewachte. Heute, frei von jeder Angst, sucht er, womit er seinen Herrn vergleichen soll. Der Anker ist er, der das Schiff im Sturme hält, die Säule, die das Dach mit festem Schafte stützt, des Vaters eingebornes Kind, er ist das Land, das dem verschlag'nen Schiffer unverhofft erscheint, der Tag der Frühlingswonne nach dem Wintersturm, das Quellgeriesel für den durst'gen Wandersmann — was ist nicht alles köstlich, so's Erlösung bringt. Ja, solches Preises halt' ich meinen Gatten wert, und niemand leg' es mir als Übertreibung aus: zu schwer hab' ich bisher gelitten. Trauter Freund, so steige denn herunter von dem Wagensitz; allein der Fuß, der Troia auf den Nacken trat, darf nicht den Staub berühren. Mägde, tummelt euch, die Tücher breitet auf den Weg, wie ich befahl, Griech. Tragödien. II. 6 82 Klytaimestra. rasch schlagt von Purpur eine Brücke nach dem Thor. So halt' er seinen Einzug: die Gerechtigkeit führt so ihn über alles Hoffen bei uns ein. Das weit're wird mein Eifer, den kein Schlaf bezwingt, mit Gottes Hilfe fügen, wie es ihm gebührt. Die Dienerinnen führen ihren Befehl aus. Agamemnon. Tochter der Leda, meines Hauses Hüterin, zu meinem Fernsein stimmte deine Rede wohl: so lang war sie gesponnen. Doch geziemend Lob ist Ehre, die aus fremdem Munde kommen muß. Vor allem aber locke meine Seele nicht zu Weibereitelkeiten. Ich bin kein Barbar, vor dem ein plumpes Schmeicheln in den Staub sich wirft. Und mache meinen Einzug nicht durch Purpurschmuck zu frevler Überhebung. Solche bunte Pracht bringt man allein den Göttern dar. Ein Sterblicher sie zu beschreiten fürcht' ich mich. Berufen ist's in aller Welt, daß solches Thun nicht gut bekommt. Das beste, was uns Gott beschert, ist, unser Herz vor Hoffart zu bewahren. Selig preisen darf man den erst, der das Leben glückumstrahlt beschloß. Du weißt nun, wes ich hierin mich getrauen mag. Klytaimestra. Nein, meinem Wunsche darfst du nicht zuwider sein. Agamemnon. Von meinem Willen weich' ich nicht. Verlass' dich drauf. Klytaimestra. Hast du's verschworen? Dich der Furcht vorab gebeugt? Agamemnon. Wenn einer, weiß ich, richtig ist was ich beschloß. Klytaimestra. Was, meinst du, thäte Priamos nach solchem Sieg? 83 Agamemnon. In vollem Purpur zög' er ein, das glaub' ich auch. Klytaimestra. Wozu denn Rücksicht auf das Vorurteil der Welt? Agamemnon. Des Volkes Stimme hat bedeutendes Gewicht. Klytaimestra. Nur wer auf Ruhm verzichten will, entgeht dem Neid. Agamemnon. Nach Zank und Streit zu trachten ziemt dem Weibe nicht. Klytaimestra. Auch einmal nachzugeben steht dem Sieger an. Agamemnon. Und deinen Sieg zu feiern ist es nicht zu viel? Klytaimestra. Du bist der Herr; ich bitte: gieb freiwillig nach. Agamemnon. Wenn du's denn forderst, nun so kommt und löst den Schuh, der Sohle Sklaven, der sich willig treten läßt. Eine Dienerin löst ihm die Schuhe. Agamemnon. Und wenn der Fuß des Purpurs Götterpracht betritt, so treffe mich der schele Blick des Neides nicht, denn voller Demut wag' ich's, diesen reichen Schatz, dies Prachtgewebe mit den Füßen zu entweih'n. Indem er vom Wagen steigt. Agamemnon. Genug davon. Du trage Sorge, daß ins Haus mir diese Fremde folge, doch mit Freundlichkeit. Das Auge Gottes sieht vom Himmel auf den Herrn, der milde seine Macht gebraucht, und segnet ihn. Denn niemand fügt gutwillig sich dem Sklavenjoch. Und als des Heeres Ehrengabe hab' ich sie, der reichsten Beute schönste Zierde, heimgebracht. 6* 84 Agamemnon. Nun denn, da hierin deinem Wort ich folgen muß, tret' ich den Purpur, zieh' in meine Hallen ein. Er geht über die Teppiche langsam auf das Thor zu, Klytaimestra hinter ihm; die Dienerinnen folgen, die Teppiche aufrollend; sein Gefolge verliert sich seitlich. Klytaimestra. während des Gehens. Das Meer ist da, wer trocknet je sein Becken aus? Es birgt des goldeswerten Purpursafts genug, zu färben immer neuer Prachtgewande Schmuck. Und unser Haus hat, Gott sei Dank, für jeden Wunsch die Mittel: was Entbehrung ist, das weiß es nicht. Tausend Gewande würd' ich dem Zertreten gern geopfert haben, hätte sie ein Götterspruch von mir verlangt als deines teuren Lebens Preis. Lebt nur die Wurzel, grünet auch der Krone Laub und breitet Schatten vor des Hundsgestirnes Wut. Du bist zum Herde deines Hauses heimgekehrt, nach Winterkälte kam erwärmend uns der Lenz. Wie Kühlung in der Sonnenglut, mit welcher Zeus den Wein in harten Beeren kocht, erscheint der Herr, der Triumphator, der sein Heimatsschloß betritt. Agamemnon durchschreitet das Thor; sie spricht im Eintreten: Klytaimestra. Allmächt'ger Zeus, lass' triumphieren meinen Wunsch: gedenke des was heute zum Triumph du führst. Die Bühne ist leer; nur Kassandra verharrt regungslos wie zuvor auf dem Wagen. Chor. Was wollen diese Grauenbilder, die von der ahnungsvollen Seele nicht weichen wollen, diese Klänge vielsagend, die unwillkommen, ungerufen tönen, 85 Chor. und die das Herze nicht wie ein wirres Traumgesicht verscheucht und frei und ruhig schlagen mag. Die Zeit ist grau geworden, seit der Sand von Aulis aufflog, da zur Troiafahrt das Heer die Taue löste. Und seine Heimkehr sah ich selber, die eignen Augen sind mir Zeuge, und dennoch tönen Höllenlieder mißlautend in meinem Innern, die mich niemand lehrte, und fehlt der Seele des Hoffens frohe Zuversicht. Nicht trügt das Zeichen, wenn das treue Herz beklommen warnend an den Busen pocht: ich kann nur beten, daß der Ausgang mir die Ahnung Lügen strafe. Wo zu vollsaftig Gesundheit strotzt, ist nah die Gefahr, denn der Nachbar wühlt an der schützenden Mauer, die Krankheit. Und segelt zu grade die Barke des Glücks, rasch trifft sie das Riff, das unter der Brandung verborgen. Wenn dann die Liebe zum Gewinn nur reichlich auszuwerfen wagt, so mag vielleicht das ganze Schiff an Ladung überfrachtet nicht versinken. Ein günstiges Jahr, wenn üppig die Saat getränkt von dem Segen des Himmels gedeiht, verjagt aus dem Lande die Hungersnot. Doch wenn des sterbenden Mannes Blut einmal den Boden mit Purpur genetzt, dann weckt kein Zauber das Leben. 86 Chor. Gebüßt hat der eine, der Tote zum Licht zu führen verstand, durch Zeus mit dem eigenen Leben. Ach, hielt' es göttliches Gesetz in seine Schranken nicht gebannt, der Zunge käm' zuvor das Herz und ließe sein Empfinden frei entströmen. Nun schaudert es drinnen im Dunkel und bebt, und die Ahnung quält es, was immer dem Krampf der Brust sich entwinde, das kommt zu spät. Klytaimestra eilig aus dem Thore tretend. Klytaimestra. Kassandra, komm' auch du herein, ich rufe dich. Zeus hat die Gnade dir erwiesen, am Altar der Herrschaft steh'n zu dürfen und das heil'ge Naß in des Gesindes weitem Kreise zu empfahn, so steige denn vom Wagen, bänd'ge deinen Stolz. Selbst Herakles, erzählt man, hat von Sklavenbrot, als er verkauft war, sich zu nähren nicht verschmäht. Und wen das Schicksal in die Dienstbarkeit verstieß, muß dankbar sein, wenn er zu einer Herrschaft kommt von altem Wohlstand. Neugeback'ner Reichtum dünkt sich vornehm, wenn er sich hoffärtig im Verkehr, und zu den Dienern grausam stellt. Allein bei uns hast du es, wie wir's halten, gnädig über's Maß. Chorführer. Dir galten diese klaren Worte, die sie sprach. Da dich das Netz der Knechtschaft fesselt, wirst du wohl gehorchen — oder wirst du nicht? du weigerst dich? Klytaimestra. Nun, wenn sie nicht das ungeschlachte Kauderwelsch ihrer Barbarensprache bloß versteht, so hat sie meiner Worte Sinn begriffen, und gehorcht. 87 Chorführer. Folg' ihr, sie rät das beste deinem jetz'gen Stand, gehorche, steige von dem Wagensitz herab. Klytaimestra. Ich habe keine Zeit, bei dieser Sklavin hier zu säumen. An des Hauses innerstem Altar steh'n schon die Schafe zu der Opferung bereit. Willst du mir denn gehorchen, so beeile dich. Und wenn das Ohr die Worte nicht begreifen kann, so gebe mir ein Zeichen die Barbarenhand. Chorführer. Kein Dolmetsch wird sich, scheint es, dieser Troerin so leicht verständlich machen. Einem wilden Tier gleicht ihr Gebaren, das die Knechtschaft lernen soll. Klytaimestra. Sie ist verstockt und hört auf ihre Tollheit nur. Hat nicht die Knechtschaft ihre ganze Stadt gelernt, und sie bequemt sich nicht dem Zügel? Nun, der Zwang wird blutig überwinden diese Störrigkeit. Indes genug. Nicht länger steh' ich ihr zum Spott. Ab. Chorführer. Ich kann nur Mitleid für sie haben, keinen Zorn. Brich auf, du Ärmste, komm' herunter, füge dich dem ungewohnten Joche, wie die Not gebeut. Kassandra. Oh, oh, wehe Apollon, Apollon. Chorführer. Was wendest du mit Weheruf an Phoibos dich? Mißton des Jammerlautes bleibt dem Reinen fern. 88 Kassandra. Oh, oh, wehe Apollon, Apollon. Sie steigt vom Wagen. Chor. Und abermals ruft sie Apollon lästernd an, der doch dem Schrei der Trauer nicht erscheinen mag. Kassandra erblickt den Prellstein, der dem Apollon heilig ist. Kassandra. Apollon, Apollon, ich grüße, Schirmer unsrer Pfade, deinen Stein. Du Herr der grimmen Pfeile, mich traf dein Pfeil, gut traf er, jetzt zum zweiten Mal. Chor. Wahrsagen will sie von dem eignen Jammerlos. Denn Knechtschaft raubt die göttliche Begabung nicht. Kassandra. Apollon, Apollon, ich grüße, Schirmer unsrer Pfade, deinen Stein. Du Herr der grimmen Pfeile, ha, wohin hast du mich geführt, in welches Haus! Chor. Zum Hause der Atreiden. Siehst du das nicht selbst, so sag' ich's dir. Bestreiten kannst du's nimmermehr. Kassandra plötzlich zusammenfahrend. Kassandra. Ha, ha, so ist's — ein gottverfluchtes Haus. Es weiß von mancher blut'gen Tat, es weiß von Mord, von Metzelung. Am Boden glänzt es feucht — ein Menschenschlachthaus. 89 Chor. Dem guten Spürhund, ja dem Schweißhund gleicht fürwahr das fremde Weib. Blut sucht sie: finden wird sie Blut. Kassandra. Ja wohl — da steh'n die Zeugen, da, wimmernde Knäblein, die zum Mahl man schlachtete, man briet ihr Fleisch: der eigne Vater hat davon gegessen. Chor. Von deinem Seherrufe hab' ich wohl gehört; doch schweig', wir brauchen keinerlei Propheten hier. Kassandra. Ha, was sinnt sie? ein neues Verbrechen? Ein neues, entsetzliches sinnt sie. Kein Arzt heilt diese Wunde, wenn der Streich gelingt. Und niemand wehrt ihm, ferne säumt der Freunde Schutz. Chor. Was diese Sprüche meinen, ist mir nicht bewußt. Das andre kannt' ich; Argos ist ja voll davon. Kassandra. Ha, Verruchte, was willst du beginnen? den Gatten, den Mann deiner Jugend empfängst du, führest du zum Bad, und dann — was dann? Es geht so schnell, es regt zur Tat sich Hand um Hand. 90 Chor. Noch nicht versteh' ich. Durch der Sprüche Dunkelheit fällt auf mein ratlos Auge kaum ein Dämmerschein. Kassandra. Sieh' da, sieh' da. Was ist denn das? Ein Höllennetz. Das Beil, das ist ein alter Mordgeselle, das schlief in ihrer Kammer. Des scheußlichen Opfers freue sich jubelnd Hader, des Hauses gieriger Geist. Chor. Welch' einen Fluchgott heißt du über dieses Haus frohlocken? Deine Rede bringt mir keinen Trost. Eiskalter Hauch zieht lähmend durch die Adern mir. So faßt der starre Frost totwunden Krieger, wenn des Lebens Schimmer weicht. Rasch kommt der Tod. Kassandra. Halt an, halt an. Zurück den Stier, fort von der Kuh. Des Mantels Falten fangen ihn, die Tücke des schwarzen Hornes trifft ihn. Er sinkt in die Wasser der Wanne. Verstehst du, wie sie ihm meuchlerisch rüstet das Bad? Chor. Nicht rühm' ich mich Orakelweisheit zu verstehn. Doch soviel ahn' ich, dieses ist ein Unheilspruch. Hat denn auch je ein Seher Gutes offenbart? 91 Chor. Viel Tausend Sprüche giebt's und es enthüllt in allen uns die Seherkunst nur Leid und Graus. Kassandra. Oh was für ein kläglich Los meiner, der ärmsten, harrt! Ja, du enthülltest mein jämmerlich Ende mit. Hast du nach Argos mich arme hierher geführt — wozu? Um mit zu sterben. Ja, wozu auch sonst? Chor. Von Sinnen bist du. Im Seherrausch singst du dir selber mit Trauertönen das Schicksalslied. So unersättlich klagt leidvoll ihr Leben lang Itylos, Itylos rufend die braune Nachtigall. Kassandra. Oh, seligen Untergang gaben die Götter dir, schmetternde Nachtigall. Lebst in dem Federkleid jeglicher Sorge fern, kennst nicht die Träne. Für mich ein Streich mit scharfem Beil, tief bis ins Herz. 92 Chor. Woher befiel dich die bitt're Qual der göttlichen Gabe? Du weißt zu singen, was Schauder weckt. Singst es mit schrillem Schrei, singst es mit vollem Ton, sage, woher du die Künste der Seherkraft empfingst. Kassandra. Paris, o Paris, deine Vermählung stürzte die Deinen. Strom meiner Heimat, heil'ger Skamandros, einst an deinen Gestaden wuchs und gedieh ich. Jetzt werd' ich meine Sprüche bald, ich weiß es wohl, am Acheron und am Kokytos singen. Chor. Wie kommst du zu diesem so deutlichen Wort? Ein Kind kann es verstehn. Dein bitteres Los, daß du wimmernd beweinst, trifft mich wie Schlangenbiß. Ich hör' und schaud're. Kassandra. Troia, o Troia, bist nun zerschlagen, gänzlich vernichtet, und Hekatomben schlachtete reichlich 93 Kassandra. für die Feste der Vater, aber vergeblich. Sie mußte sinken, also wie sie heute liegt. Noch wallt mein Blut: bald lieg' ich kalt am Boden. Chor. Dies andere stimmt zu dem früheren Wort. Ein arger Dämon giebt mit Übergewalt dir den gellenden Ruf, den Todesruf dir ein. Wie soll das enden? Kassandra. Wohlan denn, gleichen soll der Spruch nicht mehr der Braut, die in des Hochzeitsschleiers Hüllen sich verbirgt. Des Westes frische Brise fege weg den Dunst, und aus den aufgewühlten Wogen hebe sich empor das Unheil, furchtbar wie noch keines war. Nicht mehr mit Rätselworten geb' ich euch Bescheid. Bezeugt mir, daß ich wie der Hund die Witterung des altvergoss'nen Blutes zu verfolgen weiß. Aus diesem Hause weichet nimmermehr ein Chor einstimmig in mißstimm'gem Sang; sein Sang ist Fluch. An Menschenblute hat er sich berauscht und lärmt und singt den Rundsang: aus dem Hause weicht er nie, der Chor der Rächerinnen des Verwandtenmords. Im Schlosse lauert er und singt das alte Lied, das Lied vom ersten Schritt der Schuld; sein Fluch vergißt auch dessen nicht, der seines Bruders Ehe brach. War das ein Fehlschuß oder traf der Schütze gut? War's einer Jahrmarktsschwindlerin Hellseherei? Schwör' es doch ab, beschwöre, daß du nie den Ruf von dieses Hauses alter Schuld vernommen hast. 94 Chorführer. Und wenn ich ehrlich leisten könnte diesen Schwur, was würd' es helfen? Aber Wunder nimmt es mich, wie du, jenseits des Meeres unter fremdem Volk erwachsen, deutlich wie ein Augenzeuge sprichst. Kassandra. Der Seher Phoibos hat mir dieses Amt verlieh'n. Chor. So stieg des Gottes Liebe wohl zu dir herab? Kassandra. So ist's. Beschämend war mir dies Geständnis einst. Chor. Ach ja, wir eitlen Menschen zieren uns im Glück. Kassandra. Inbrünstig Liebeswerben rang um meine Gunst. Chor. Und du gewährtest deiner Liebe Vollgenuß? Kassandra. Versprochen hab' ich es dem Gott, doch nie gewährt. Chor. Und damals schon besaßest du die Seherkraft? Kassandra. Schon damals sagt' ich Troia jedes Leid voraus. Chor. Wie kam es, daß Apollons Zorn dich nicht gestraft? Kassandra. Seit jener Schuld hat niemand meinem Wort geglaubt. Chor. Mir scheinen deine Sprüche leider wahr zu sein. Kassandra. Ha, ha! Weh mir, schon wieder kommt die Qual, furchtbar durchzuckt die Zukunftsahnung mich. 95 Kassandra. Seht ihr sie dort? da sitzen sie, am Schlosse dort, die Kleinen, schattenhaften Traumgebilden gleich, erschlag'ne Kinder — war's der Oheim, der sie schlug? die Hand voll Fleisches — ist es nicht ihr eig'nes Fleisch? Gekrös und Leber — welch ein grausenhaftes Mahl. Da halten sie's — der eig'ne Vater aß davon. Jetzt kommt die Rache, Rache nimmt sich jetzt, ich seh's, der Feigling, der zu Hause saß, nimmt Rache, weh, am Herrn, der heimkehrt — ja, die Sklavin nennt ihn Herr. Der Flottenherzog, der Zerstörer Ilios' merkt nicht, was der verworf'nen Hündin Zunge sinnt, zu listig sinnt. Mit Koboldtücke grüßend leckt sie ihm die Hand, zuthulich senkt sich der Behang — o diese Frechheit, Mannesmörderin ein Weib. Sie ist — was ist sie? Ja, womit vergleich' ich sie? mit welchem unnatürlich ekelhaftem Wurm, mit einer Otter, einer Skylla, die vom Schiff in ihre Höhle den arglosen Mann entführt? dies Weib, das wie im tollsten Höllentaumel rast, und Fluch, der nie beschwichtigt wird, den Ihren schnaubt. Wie rief Triumph sie, gleich dem Krieger in der Schlacht, wenn ihm der Feind den Rücken kehrt, wie heuchelte sie Freude, daß er heimgekehrt, gerettet war. Das mag nun einer glauben wollen oder nicht. Mir gilt es gleich. Die Zukunft kommt, bald wirst du selbst mit Tränen die Prophetenkunst mir zugesteh'n. Chor. Thyestes' Mahl von seiner eig'nen Kinder Fleisch verstand ich und entsetzte mich und schaud're noch, 96 Chor. wie du so deutlich ohne Gleichnishülle sprachst; doch diesem Spruche folgt mein Raten ohne Pfad. Kassandra. Ich sage, schauen wirst du Agamemnons Mord. Chor. Unsel'ge, hemme deiner Zunge Lästerung. Kassandra. Was ich zu sagen hab' ist alles lästerlich. Chor. Ja, wenn es wahr wird, aber nimmer werd' es wahr. Kassandra. Dein ist das Wünschen, andre rüsten sich zum Mord. Chor. Wer ist der Mann, der solche Freveltat beginnt? Kassandra. O, wie so schlecht verstandest du mein Seherwort. Chor. Nur wer die Tat vollbringen soll, verstand ich nicht. Kassandra. Und doch war alles gut hellenisch, was ich sprach. Chor. Hellenisch redet Delphi auch und dunkel doch. Kassandra. Weh, das Fieber packt mich wieder. Weh, Apollon, Heiland, wehe. Da steht sie, diese Löwin, die dem Wolfe sich gesellte, weil der edle Löwe ferne war. Mich ärmste wird sie töten; in den argen Trank, den sie ihm braut, mischt sie für mich die Rache mit. Sie prahlt, da für den Gatten sie das Messer wetzt, sein Blut bezahle, daß er mich hierher geführt. 97 Kassandra. Was trag' ich das noch, mir zum Spotte, mir zum Hohn, Prophetenscepter und Prophetenbind' im Haar? Dich will ich erst zerbrechen, eh' ich sterben geh'. Fort, fort mit euch. Da liegt ihr, das sei euer Dank. Seid einer andern ihrer Fluchbegabung Zier. Apollon ist's, er selber nimmt mir das Gewand, das seine Kunst bezeichnet. Selber sah er zu, wie mich in diesem Kleide höhnten Freund und Feind, die mein zu lachen einig waren. Und ich trug's, daß man wie ein wahrsagendes Landstreicherweib hungrige Betteldirne mich unsel'ge schalt. Jetzt fordert sich der Seher seine Gabe heim und hat zu diesem Todeslos mich hergeführt. Statt des Altars im Vaterhause wartet mein der Block, den meines heißen Blutes Purpur färbt. Und doch, nicht ganz von Gott verlassen scheid' ich hin. Es kommt und nimmt Vergeltung auch für meinen Tod den Vater rächend muttermörderisch der Sohn. Der seiner Heimaterde fern im Elend lebt, kehrt heim zu krönen seines Hauses Frevelbau. Ihn ruft der Vaterleiche händeringend Fleh'n. Wozu denn meine Tränen? Wozu klag' ich hier? Wenn ich es trug zu sehen, wie die Troerstadt ein Schicksal traf wie sie es traf, wenn ihre Herrn verfielen einem solchen göttlichen Gericht, geh' ich zu enden; auch das Sterben trag' ich nun. Denn zugeschworen hat es mir ein Götterschwur. Als Hadespforte grüß' ich dieses Schlosses Tor und bete nur um einen tötlich sich'ren Streich, daß voll das Blut hervorquillt, rasch das Auge bricht, das Leben ohne Krampf und Zucken scheiden kann. Griech. Tragödien. II. 7 98 Chor. Weib, groß ist deine Weisheit, groß dein Elend auch. Du sprachst so viel, und wenn du denn so ganz gewiß das eig'ne Schicksal kennest, warum gehst du kühn zur Schlachtbank wie ein gottgeführtes Opfertier? Kassandra. Entrinnen giebt es keines, keins, wenn voll die Zeit. Chor. Köstlich ist auch des letzten Augenblicks Gewinn. Kassandra. Der Tag ist da. Nur wenig hülfe mir die Flucht. Chor. Wie mutig; doch Verzweiflung nur giebt solchen Mut. Kassandra. O nein, in Frieden sterben, das ist Seligkeit. Chor. Für diese Lehre sind im Glück die Menschen taub. Kassandra. O Vater, du und deiner Heldensöhne Schar. Sie geht auf die Thür zu und wendet sich plötzlich um. Chor. Was hast du? Warum wendest du dich schaudernd um? Kassandra. O Graus. Chor. Was soll der Angstruf? Ekel packt die Seele dir. Kassandra. Ein Hauch entströmt dem Schlosse wie von frischem Blut. Chor. Wie das? Vom Hausaltare kommt der Opferdunst. Kassandra. Ja, Dünste, wie sie über Leichenstätten weh'n. 99 Chor. Das sind Arabiens reichste Wohlgerüche dir? Kassandra. Ich gehe; klagen kann ich drinnen noch genug um Agamemnon und um mich. Sei's denn vorbei. Sie wendet sich noch einmal um. Kassandra. Männer von Argos. Ich wende mich noch einmal um, doch nicht aus Angst, wie scheu der Vogel vor dem Busch die Flügel schlägt. Seid ihr nach meinem Tode Zeugen für mein Wort, wenn einst ein Weib an meiner Statt, an Weibes statt, ein Mann für ihn, des ärgsten Weibes Mann, erliegt. So heisch' ich sterbend, und das Gastrecht bindet euch. Chor. Unsel'ge, bitter ward dir die Prophetenkunst. Kassandra. Noch einen Spruch, den letzten, oder ist's kein Spruch, sei's meine Totenklage. Bei dem letzten Licht der Sonne fleh' ich meine künft'gen Rächer an, wenn sie die Schuld heimfordern für des Herren Mord, so mögen sie's zugleich auch für die Sklavin thun. Das Wergeld sei ein sich'rer Streich. O Menschenlos! Des Menschen Glück zu trüben reicht ein Schatten hin. Des Menschen Unglück wird vergessen, schnell, so schnell, wie nasser Schwamm die Zeichnung auf der Tafel löscht. Und das ist bitter, bitt'rer als Prophetenkunst. Ab ins Schloß. Chor. Glück begehrt ein jeder unersättlich. Kommt das Glück und pocht an eine Pforte, 7* 100 Chor. die als Sitz von Ruhmesglanz und Reichtum jeder Finger weist, es ist willkommen. Nirgend tritt die Antwort ihm entgegen. Geh vorbei, wir haben dein genug. Agamemnon haben über Troia Sieg des Himmels sel'ge Herrn beschieden; gottbegnadet kehrt er in die Heimat. Ach, wenn er die Schuld des alten Blutes sterbend büßen muß und für die Toten sterbend Tod den künftigen vererbt, welcher Mensch wagt sich vor diesem Beispiel zu vermessen, daß er in das Leben keines Fluches Erbschaft mitgebracht? Agamemnon, von innen. Weh mir, ich bin ermordet, tötlich traf der Schlag. Zweiter Greis. Stille, wessen Wehruf hör' ich, den die Todeswunde traf? Agamemnon, wie oben. Weh, nochmals wehe, tötlich traf der zweite Streich. Dritter Greis. Wirklich scheint die Tat vollendet. Hörtet ihr des Königs Schrei? Jetzt Gefährten, sage jeder, was zu thun ihn sicher dünkt. Vierter Greis. Ich sag' euch meinen Vorschlag, sendet Boten aus und ruft des Volkes Aufgebot zum Schloß herauf. Fünfter Greis. Mir scheint vielmehr, wir stürmen selbst in den Palast und schaffen uns Gewissheit mit gezücktem Schwert. 101 Sechster Greis. So mein' auch ich und stimme für entschloss'ne Tat. Zum Zaudern bleibt uns keine Frist. Zu handeln gilt's. Siebenter Greis. Das sieht man doch; mit solchem Vorspiel leitet sich Umsturz des Staates und Tyrannenherrschaft ein. Achter Greis. Ja, wir verlieren unsre Zeit, indes der Feind die Zauderweisheit kurzer Hand zu Schanden macht. Neunter Greis. Mir fällt kein Rat, den ich zu geben hätte, bei. Denn wes die Tat ist, dünkt mich, dessen ist das Wort. Zehnter Greis. Das find' ich gleichfalls, denn ich weiß von keiner Kunst, die einen Toten bloß mit Worten auferweckt. Elfter Greis. Wie? Anerkennen sollen wir aus Todesfurcht die Herrschaft dessen, der das Königshaus entehrt? Zwölfter Greis. Nein, das ist unerträglich. Lieber sterben wir. Tod ist ein sanfteres Geschick als Sklaverei. Dreizehnter Greis. Sind Agamemnons Klagerufe denn für uns wirklich genügender Beweis für seinen Tod? Vierzehnter Greis. Jähzorn ist erst am Platze, wenn man Sicherheit erlangt hat. Wissen und Verdacht ist zweierlei. Fünfzehnter Greis. Dem stimm' ich bei, denn alles spricht dafür, zunächst gewiß zu werden, wie es um den König steht. Als sie eindringen wollen, öffnet sich die Hinterwand der Bühne. Man sieht das Badezimmer, in dem der Mord geschehen ist. In der Wanne liegt die Leiche Agamemnons ganz verhüllt von einem großen Tuche mit Fransen. Daneben die Leiche Kassandras. 102 Klytaimestra tritt dem Chore entgegen, der zurückweicht. Sie hält das Beil in der Rechten, ihre Stirn ist blutbespritzt. Von manchem Worte, das ich sonst dem Augenblick mich fügend aussprach, sag' ich jetzt das Gegenteil. Das thu' ich ohn' Erröten; denn wer einem Feind, der scheinbar Freund ist, Feindliches bereiten will, wie kann er anders seine Netze hoch genug ausspannen, daß das Wild sie nimmer überspringt? Schon lange hab' ich diesen Kampf voraus bedacht, vollkommen ist, doch spät erschienen der Triumph. Hier seht mich stehen, wo ich schlug. Es ist vollbracht. Hört, wie ich's that. Dies widerruf' ich nimmermehr. Ein ungeheures tückisch weites Prachtgewand gleich eines Fischers Zugnetz werf' ich über ihn, dem er sich nicht entwinden noch sich wehren kann. Zwei Streiche führ' ich wider ihn, und zweimal schreit er auf und bricht zusammen, und den dritten Streich geb' ich ihm, wie er daliegt, als den Dankeszoll dem Zeus, der drunten in dem Totenreich regiert. Stürzend und ächzend haucht er so sein Leben aus. Und von dem Blutstrom, der dem Munde jäh entquillt, spritzt mir ein schwarzer Tropfen bis an meine Stirn. Willkommner ist des Himmels feuchter Segen nicht dem Saatfeld, wenn der Keim die Schale sprengen will, als mir dies mörderische Naß. Ja, würd'ge Herrn von Argos, also ist es. Freuen könnt ihr euch, wenn ihr daran euch freuen mögt. Ich jauchze drob, und wenn an einer Leiche je ein Freudentrunk geziemend wär', hier wär' es recht und mehr als recht. So voll fluchwürd'ger Frevel war der Trank, den er gemischt für uns, doch selber ausgetrunken hat. 103 Chorführer. Ob deiner Zunge Kühnheit staun' ich. Du vermißt an deines Gatten Leiche solcher Reden dich? Klytaimestra. Ihr wollt mich schrecken wie ein unbedachtes Weib? Mein Herz verzagt nicht, und die Wahrheit, die ihr kennt, nenn' ich bei ihrem Namen. Tadelt oder lobt, das gilt mir gleich. So steht es. Dieser Leichnam hier ist mein Gemahl, ist Agamemnon, und sein Tod ist meiner Rächerhände Werk, ein Meisterwerk. Chor. Hast du mit Hexenkunst Mut dir zur Tat gemacht? Aßest ein Zauberkraut, trankest ein Gift, das tief drunten im Meer sich braut? Willst du des Volkes Fluch bannen und bändigen? Ausgestoßen, verabscheut wirst du von dem ganzen Volk. Klytaimestra. Mir sprecht ihr jetzt das Urteil. Aus dem Lande soll der Bürger Haß mich jagen und des Volkes Fluch. Doch damals widerspracht ihr diesem Manne nicht, der doch mit leichtem Herzen, gleich als wär' es nur ein Haupt aus ungezählter Herden Überfluß, die eigne Tochter, meines Schoßes liebste Frucht, den Nordlandstürmen zur Beschwicht'gung schlachtete. Wie, hättet ihr nicht ihn als Mörder aus dem Land zur Strafe treiben sollen? Aber meiner Tat seid ihr gestrenge Richter? So viel sag' ich euch: gebietet mir — wenn ihr mich überwunden habt. 104 Klytaimestra. So aber Gott es anders fügt, so werdet ihr zwar spät, doch lernen werdet ihr, was sich gebührt. Chor. Weib, du bist groß und kühn, doch überhebst du dich. Wie sich dein rasend Herz letzt an der blut'gen Tat, zeugt auf der Stirne dir prangend der Tropfen Blut. Warte, Vergeltung kommt, von dir weichen die Freunde, und du zahlest Streich um Streich. Klytaimestra. Ich hoffe, meinem Hause wird kein Schrecken nah'n, so lange wohlgesinnet, wie bisher er war, Aigisthos über meines Herdes Flamme wacht. Mit diesem Schilde deck' ich sicher meinen Mut. Du hörst: bei meinen Eideshelfern schwör' ich dir, bei Sünd' und Sühne, welchen er zum Opfer fiel, bei meiner Tochter nie versöhntem Rachegeist. Da liegt er. Mich hat er beschimpft, sein Eh'gemahl, vor Ilios mit Chrysestöchtern süß gekost, und hier die Sklavin, die Orakelsängerin, ruht treu an seiner Seite, wie sie auf dem Schiff die Koje mit ihm teilte. Nun, sie büßen es. So liegt er da, und sie, nachdem als Schwanensang sie ihren eignen letzten Todesschrei gethan, liegt dort, sein Liebchen. Seine Kebse bracht' er heim für mich. Ich habe meine Lust an ihr gebüßt. Chor. Ach, daß ewigen Schlummer gleich die Götter mir gönnten, ohne den Schmerz des Sterbens, ohne die Qual des Siechtums. 105 Chor. Denn mein treuster Beschützer, der um ein Weib so vieles geduldet, mußt' auch unter der Hand eines Weibes sein Leben verlieren. Wehe, Helene, verblendete, wie hast du einz'ge tausend, abertausend Leben am Skamandros in den Tod gesandt. Und du, zum ew'gen Gedächtnis trägst du das Zeichen der Weihe in Blut, das nimmer verbleichet. Wohl hatte Hader im Hause gesegnet den Ehebund, dem Gatten des Elends Grund. Klytaimestra. Lass' den Zorn, verwünsche nicht dein Leben, wirf auch nicht auf Helene die Flüche, daß sie Mörderin, Verderben bringend, Hellas' Helden, tausenden die eine, namenlosen Elends Stifterin. Chor. Dämon, der du der beiden Tantalosenkel Häuser heimsuchst, der du dem Weibe gabest des Mannesmutes Stärke, - mir frißt's am Herzen. Über der Leiche seh' ich dich stehen, singen dein Lied mit Rabengekrächze, dein grauses Triumphlied. Wehe, Helene, verblendete, wie hast du einz'ge tausend, abertausend Leben am Skamandros in den Tod gesandt. 106 Chor. Und du, zu ew'gem Gedächtnis trägst du das Zeichen der Weihe, in Blut, das nimmer verbleichet. Wohl hatte Hader im Hause gegründet den Ehebund, dem Gatten des Elends Grund. Klytaimestra. Jetzt berichtigst du, was du gesprochen, rufst den alten Fluchgeist dieses Hauses. Blutgemästet giert er Blut zu lecken, und am Leibe des Geschlechtes schwellen neue Schwären aus den bösen Säften, eh sich noch die alte Wunde schloß. Chor. An einen mächtigen Dämon, lauernden Erbfluch mahnst du — weh, weh, — schreckliche Mahnung - und nimmer wird er satt der Verbrechen. Ja wohl, ja wohl ist's Gottes Wille, Gottes Werk. Denn nichts geschieht auf Erden, was nicht Gott verhängt: auch dies ist alles seine Schickung. Wehe. weh, mein König, welche Totenklage, welchen Scheidegruß aus treuer Seele bring ich dir. Mein König, wie du daliegst in der Spinne Netz verstrickt, verhauchend deinen Odem in verruchtem Mord. Wie liegst du so schmählich gefällt durch Verrat. Es schlug dich das Beil mit doppelter Schneide. 107 Chor. Es führte den Streich dein eigenes Weib. Klytaimestra. Wagst du dies Verbrechen mein zu nennen? Wähnst du Agamemnons Weib zu sehen? Nein, des Hauses alter grimmer Dämon borgte die Gestalt von seiner Gattin, und zur Sühne für die zarten Knaben, für das Mahl des argen Schlächters Atreus fiel als Opfer dieser Heldenleib. Chor. Dein ist die Tat. Kein Zeugnis spricht dich frei von dem Morde. Nein, nein. Nur Mithelfer der Untat sind die Sünden der Väter. In Strömen des Verwandtenblutes stürmt einher der schwarze Mord, und überall, wo er erscheint, wird Wetters Wut die Kinder fressen. Wehe! Weh mein König, welche Totenklage, welchen Scheidegruß aus treuer Seele bring' ich dir? Mein König, wie du daliegst in der Spinne Netz verstrickt, verhauchend deinen Odem in verruchtem Mord. Wie liegst du so schmählich gefällt durch Verrat. Es schlug dich das Beil mit doppelter Schneide. Es führte den Streich dein eigenes Weib. 108 Klytaimestra. Was ist schmählich denn an seinem Tode? was verräterisch an meinen Künsten? Auch das Leid, das er den Seinen anthat, war ja nicht Verrat, noch war es Tücke. Nur die Blume, die aus meinem Schoße ihm emporgeblüht, Iphigeneia, seine Tochter, schlachtete der Vater. Was er that, das war sein Recht; sein Recht ist, was er leidet. Nein, er soll im Hades über List und Mord sich nicht beschweren, denn er erntet nur, was er gesät. Chor. Nicht Rede find' ich, weiß nicht Rat, mag nicht vermuten, was werden soll bei dieses Hauses Sturz. Doch Ungewitter fürcht' ich, Hagelschlag, Blutregen: einen Tropfen seh' ich schon. Zu neuen Freveln wetzt an neuem Steine das Schicksal der Vergeltung Richterschwert. Wehe, Mutter Erde, Erde, daß du mich geborgen hättest, eh' ich also ihn erblicken mußte in der Silberwanne hingestreckt. Wer soll ihn bestatten, ihn beklagen? Hast du selbst den Mut, den Gruß des Abschieds deinem Gatten an der Gruft zu rufen, den du selbst erschlugst, und seiner Seele darzubringen für die Heldentaten heuchlerischer Huldigungen Hohn? Wer wird dem herrlichen Helden das preisende Grablied singen aus treuem Gemüte, mit Tränen aufrichtiger Trauer? 109 Klytaimestra. Du hast nicht von meiner Pflicht zu reden. Unter meinen Händen sank er, starb er, meine Hände werden ihn bestatten. Das Gesinde soll ihn nicht begleiten. Nein, der Tochter ziemt's, Iphigeneien, ihren Vater freundlich zu empfangen. Zur Begrüßung kommt sie ihm entgegen, und sie küßt ihn, schließt ihn in die Arme, zieht hinab ihn in den Acheron. Chor. Ein neuer Schimpf, ein neuer Hohn. Ich will's nicht deuten. Es trifft den treffenden, der Mörder büßt, wer thut, der leidet: das ist das Gesetz; das bleibt, so lang' ein Gott im Himmel ist. Wer reutet aus des Fluches Wucherwurzeln? Geschmiedet ist an Frevel dies Geschlecht. Wehe, Mutter Erde, Erde, daß du mich geborgen hättest, eh' ich also ihn erblicken mußte in der Silberwanne hingestreckt. Wer soll ihn bestatten, ihn beklagen? Hast du selbst den Mut, den Gruß des Abschieds deinem Gatten an der Gruft zu rufen, den du selbst erschlugst, und seiner Seele darzubringen für die Heldentaten heuchlerischer Huldigungen Hohn? Wer wird dem herrlichen Helden das preisende Grablied singen, aus treuem Gemüte, mit Tränen aufrichtiger Trauer? 110 Klytaimestra. Diese Warnung kam aus treuem Herzen. Nun, so will ich selbst es auf mich nehmen, und mit des Atreidenhauses Dämon schließ' ich einen Pakt. Wie schwer die Schuld sei, lass' er's beim Geschehenen bewenden, weich' hinfort aus diesem Hause, suche heim ein anderes mit blut'gen Greueln. Ach, ein kärglich Teil von allen Schätzen sollte mir genug sein, könnt' ich bannen aus dem Haus die Mordlust, Blut um Blut. Aigisthos kommt mit bewaffnetem Gefolge von der Seite. Willkommner Anblick. Tag der Rache, du erschienst. Heut kann ich glauben, daß ein göttlich Regiment vom Himmel auf der Menschen Sünden niederschaut, da Agamemnon im gewob'nen Höllennetz vor meinen Augen daliegt und zur Wonne mir die Freveltaten seines Vaters Atreus büßt. Ich will es deutlich sagen. König dieser Stadt war Atreus: doch bestritten war sein Herrscherrecht von meinem Vater, von Thyestes. Den vertrieb Atreus von Haus und Hofe. Flehend kam er heim an jenes Herd und fand auch so viel Sicherheit, den väterlichen Boden sollte nicht sein Blut, sein eig'nes wenigstens nicht netzen. Da ersinnt höchst eifrig, höchst verrät'risch ein Versöhnungsfest der Vater Agamemnons, ladet zu dem Schmaus sich meinen Vater, und das Fleisch setzt er ihm vor der eig'nen Kinder. Zeh'n und Finger hackt' er ab und barg sie unter Stücken von gebrat'nem Fleisch. Die Schüssel ward Thyestes auf den Tisch gesetzt. Mein ahnungsloser Vater langte zu und aß die Speise: seht ihr, wie sie unsrem Haus bekam? 111 Aigisthos. Bald aber ward er der verruchten Tat gewahr und stöhnt' und spie den Greuelbissen aus und sank vom Sitz und stieß die Tafel um und rief mit Recht den Fluch: „So stürze Pleisthenes' gesamt Geschlecht". Das ist's, was Agamemnon hier im Tode büßt. Und diesen Tod ihm zu bereiten war mein Recht. Denn noch in Windeln, meines Vaters letztes Kind von dreizehn, mußť ich in das Elend mit ihm zieh'n. Allein Vergeltung führt erwachsen mich zurück, und aus der Ferne hab' ich meinen Feind erreicht. Denn meine Ränke spannen dieses Netz für ihn. Und nun ich ihn geschlagen in der Rache Bann erblicke, soll mir auch der Tod willkommen sein. Chorführer. Aigisthos, prahlen nach dem Frevel lieb' ich nicht. Du sagst, du habest diese Blutthat wissentlich veranlaßt, nimmst die ganze Täterschaft auf dich. Ich sage dir, nach deinem Haupte wird der Wurf der schwarzen Steine zielen. Daran zweifle nicht. Aigisthos. So wollt ihr sprechen unten auf der Ruderbank, wo dem doch, der auf Deck befiehlt, das Schiff gehört. Ihr sollt es merken, Greise, daß das Alter zwar nur schwer begreift, zumal wo Zucht zu lernen ist, daß aber Block und Hunger höchst vortreffliche Lehrmeister sind, die auch an Greisen Wunder thun. Seht ihr das nicht mit seh'nden Augen? Wollt doch nicht wider den Stachel löken, es bekommt euch schlecht. 112 Chorführer. Weib, also du hast hier zu Haus, dem Heer zum Hohn, das frisch vom Feld kam, und zum Hohn der Gattenpflicht dem Feldherrn und dem Manne diesen Tod bewirkt? Aigisthos. Auch diese Reden tragen dir nur Tränen ein. Fürwahr, ein umgekehrter Orpheus scheinst du mir. Er fesselte mit seinen Liedern jedes Ding, dein kindisches Gebelfer reizt den Zorn, du wirst gefesselt werden, und der Kerker macht dich zahm. Chorführer. Du wolltest jemals über Argos König sein? Du hast dich doch den Mord des Königs, den du sannst, mit eig'nen Händen auszuführen nicht getraut. Aigisthos. Das war ja klar. Belisten ist ein Weiberwerk; ich war verdächtig als ein angestammter Feind. Jetzt bin ich seines Hauses Herr und nehme mir auch seine Herrschaft, und dem Bürger, den ich nicht gehorsam finde, zieh' ich straff die Zügel an. Denn Pferde, die der Hafer sticht, such' ich mir nicht zum Leinpferd aus. Doch schmales Futter, finst'rer Stall, die werden's schaffen, daß der Gaul gefügig wird. Chorführer. Du hast in deines Herzens Feigheit jenen Mann nicht selbst gewagt zu töten. Aber dieses Weib erschlug ihn. Auf dem Land und seinen Göttern ruht Entweihung. Lebt Orestes in der Fremde noch? Sei ihm die Gottheit gnädig, kehr' er einstmals heim und nehme blutig an euch beiden sich das Recht. 113 Aigisthos. Solche Reden, solche Taten! Nun, du willst es und du sollst bald begreifen, Torheit sprichst du und vergreifst dich an dem Herrn. Auf denn, meine wack'ren Söldner, auf, wir schreiten gleich zur Tat. Seine Begleiter ordnen sich und fällen die Speere. Chorführer. Auf denn, zücket eure Schwerter Mann für Mann, zum Schlag bereit. Aigisthos. Schlagbereit ist auch das meine, und ich scheue nicht den Tod. Er stellt sich an die Spitze der Söldner. Chorführer. Wohlgesprochen, sterben willst du: nun, versuchen wir das Glück. Klytaimestra, zwischen beide Scharen tretend. Nimmermehr, geliebter Gatte, keine neue Schreckenstat. Ach, die Ernte, die wir schnitten, ist zu bergen schon so schwer. Diese Hand ist blutig. Brauche nicht Gewalt. Genug des Leids. Kehret heim, ehrwürd'ge Greise, kehre jeder in sein Haus, eh' ihr Übel thut und leidet. Was gescheh'n ist, wie's auch ist, müßt ihr euch gefallen lassen. Wenn es nur damit genug uns'rer Müh'n und Sorgen wäre, sollt' es uns willkommen sein. Griech. Tragödien. II. 8 114 Klytaimestra. Denn der schwere Tritt des Dämons hat uns furchtbar heimgesucht. Nur ein Weib rat' ich euch also, doch verschmäht die Warnung nicht. Aigisthos, zurücktretend. Sollen sie mit frecher Zunge lästern dürfen wider mich? Ins Gesicht mir todeswürd'ge Reden schleudern ungestraft? Chor, zurücktretend. Das ist nicht die Art von Argos, kriechen vor dem feigen Mann. Aigisthos. Nun, der Tag wird schon erscheinen, wo ihr diese Worte büßt. Chor. Nimmer, so den Weg der Heimkehr dem Orestes Gott erschließt. Aigisthos. Des Verbannten Kost ist Hoffnung, sagt der Spruch, die macht nicht fett. Chor. Recht so. Mäste dich verpestend unser Land. Du kannst es ja. Aigisthos. Zahlen wirst du mir die Buße deiner Tollheit, denke dran. Chor. Mutig neben seiner Henne brüstet sich der Hahn und kräht. 115 Klytaimestra, die den Aigisthos bereits bis an die Thür geführt hat. Achte nicht auf das Gebelfer ihrer Ohnmacht. Unser ist die Gewalt in diesem Hause. Was wir wollen, wird Gesetz. Die Thür schließt sich hinter ihnen. Der Chor nach der einen, die Trabanten des Aigisthos nach der andern Seite ab. 117 118
Zum griechischen Texte.

Wann ich dazu komme, die beiden fehlenden Bände meiner Ausgabe der Orestie zu vollenden, sehe ich nicht ab; ich gebe also hier vorläufig einige Rechenschaft über meine Textgestaltung. Die Überlieferung zu Grunde zu legen verbietet sich durch mehrere Gründe; meine frühere Ausgabe des Agamemnon ist vergriffen und wenig verbreitet, also lege ich Kirchhoffs Text zu Grunde, der in aller Händen ist, was dazu zwingt, seine willkürliche Verszählung zu befolgen, während ich der Übersetzung die herkömmlichen Zahlen beigefügt habe. Umstellungen, Lücken, Athetesen, Personenverteilung sind aus der Übersetzung ohne weiteres klar; wo ich aus Verzweiflung bei ungeheilten Verderbnissen willkürlich geraten habe, wird der Einsichtige leicht merken. Ich nehme also die Änderungen der Überlieferung an, die Kirchhoff in oder unter dem Texte hat, gehe aber in folgenden Versen auf die Überlieferung zurück. 3. 90. 97. 107. 109. 112. 120. 164. 274. 276. 306. 340. 365. 410. 413. 423. 426. 520. 597. 642. 648. 671. 769. 781. 798. 840. 848. 860. 906. 912. 914. 933. 999. 1001. 1008. 1028. 1072. 1075. 1082. 1083. 1107. 1120. 1136 (αὐγάς). 1153. 1181. 1186. 1189. 1205. 1216. 1224. 1238. 1244. 1267. 1276. 1282. 1382. 1408. 1429. 1493. 1510. 1518. 1538. 1550. 1566. 1567. 1596. 1605. 1612. 1627.

Außerdem lese ich: 12 εὕδων δέ. 44 ᾿Ατρείδαι. 58 etwa (μέγα θυμοῦται) τῶν δὲ μετοίκων. 66 Δαναοῖσί τε Τρ. 70 οὔτε δι᾽ ἁγνῶν ἀπύρων. 105 ἐντελέων. 109 ταγάν.

115 ἐρικύμονα. 123 πύργωι. 127 οίκτωι. 132 τόσονπερ. 133 δρόσοις ἀέπτοις. 141 [ἄνομον]. 197 λύθροις – πέλας βωμοῦ. 216 αἰῶ τε. 223 φυλακᾶι. 226 [δ']. 229 πρέπουσ' ὅπως. 232 ἁγνᾶι. 234 παιῶνα. 238 (δ'). 269 φρ. δὲ φρυκτῶι. 276 σκοπαῖς. 291 χρονίζεσθαι. 295 φέγγουσαν. 334 γ. ἂν εὖ. 352 ὑπέραστρον. 355 τοι τόδ'. 360 ἐγγόνοις. 361 ἔρον. 372 προβούλου. 380 θεὶς ἄφερτον. 382 τῶνδ᾽ ἐπίστροφος δέ. 396 πάρεστι σιγὰς ἀτίμους ἀλοιδόρους ἀπίστους ἀφειμένων. 412 Ἕλλανος. 413 ἀπένθεια. 414 δόμοις. 439 μοι. 447 ὑπερκόπως. 457 [μή]. 468 φρυκτωρίας. 474 οὗτος, οὐ δαίων. 479 χώστις. 499 δέξεσθε. 525 ἐπῆν ὑμῖν στύγος. 529 πάντα δ'. 535 στενοῦντες – ἵσματος. 536 πλέον στ. προσῆν. 554 ποτωμένωι. 562 ήβη. 584 ἔνδον εὑρήσει. 594 εὐπρεπῆ. 640 πλημυρὶς ἐξέκλεψεν ἧι 'ξηγήσατο. 654 γοῦν. 672 κέλσαν. 673 ἐπ᾿ ἀεξιφύλλους. 688 λαμπρῶς πολύθρηνον παιῶνα, φίλων πολιτᾶν. 691 λέοντος ἶνιν. 696 γεραιοῖς. 699 φαιδρωπῶς – σαίνοντα. 702 ἦθος – τοκέων. 703 γὰρ τροφεῦσιν. 704 (ἐν). 731 δ' ἀπ᾿ εὐ.

Das folgende Strophenpaar ist so entstellt, daß selbst passende Gedanken nur gewaltsam gefunden werden können. 758 βιαζομένοις. 770 πόνον εὖ. τ. (ἐγώ). 786 πάθας. 832 πλέω δέμας. 859 τλᾶσα τῶν σταθμῶν κύων. 860 τόνδ' ἀπενθήτωι φρενί. 886 τοιοῖσδε. 894 εἶπον τάδ' ὡς. 906 καιρίως τίεις. 907 κρατεῖς μέν, τὸ δέ. 912 εἱματοφθορεῖν. 913 φύροντα. 925 θεοῖς ἅλις. 943 ἀποπτύσαν. 946 ξὺν ἐμβολαῖς. 947 ψάμμος ἄμπτα. 968 πλημονᾶς. 978 ἀπέπαυσεν ἐπ᾿ ἀβλαβείαι. 994 βίον. 1005 θιγοῦσα. 1008 τῆιδ᾽ ἐμέ. 1045 κακὰ κρεατόμα. 1052 καὶ μὴν. 1070 ἀλλ᾽ ἡ γένυς. 1076 δορὶ πτωσίμοις.

Der gelbe Tropfen ist die Kälte erzeugende Galle, vgl. meine Choeph. S. 176. 1088 θεσπιωιδοί. 1091 θροεῖς. 1092 τί δή. 1098 ἀμφιθαλής. 1101 περίβαλον. 1117 ἂν ἀίων μάθοι. 1118 ὅπως. 1136 πῆμα πήματος. 1146 πρώταρχον ἄτης. 1154 ἀλ. τὸ πᾶν. 1161 ἠλθέτην ὁμοῦ. 1169 δεινοῖς. 1175 ἐν-

τέροισι. 1183 λείξασα κἀκτείνασα φαιδρὸν οὖς. 1189 μητέρ' heillos entstellt, sonst nichts. 1206 ἀκούων παρεκόπης. 1207 τοὺς γὰρ τελοῦντας. 1210 [δέ μοι]. 1211 [ἐγώ]. 1217 ἀντιτείσεσθαι. 1221 πεσόντα γ᾽ ὧδ᾽ ἀμείψομαι. 1225 κατ. πάλαι. 1226 ἐχθρῶν (τ'). 1232 φοίνιον. 1253 χρόνου πλέω. 1255 κερδαίνω. 1257 εὐκόλως. 1262 φρενί. 1279 χρέος φονεῦσι δεσποτῶν. 1294 ἐπικραίνει. 1297 πλευρῶν ἔσω. 1301 κοινωσώμεθ᾽ ἄνδρες. 1313 βουλ. τι μή; 1332 νίκη τέλειος. 1343 σφυγήν. 1349 πρεπόντως. 1377 χερί (τε). 1383 ἄντιτον. 1387 ῎Ατην (τ'). 1401 ἀνήρ. 1413 σὺ δὲ τελέαν. 1415 ή τις. 1430 ἀπεύχετον (δοκεῖ). 1442 νειρει heillos verdorben. 1444 οἰκόσιτον. 1447 ἀκόρεστον. 1457 = 1480 (κεῖσαι δάμαρτος) δολ. 1467 ἀν. σύ. 1472 προβαίνει πάχναν κουροβόρον. 1487 πολ. παῖδ' Ἰφιγένειαν (ἔθυσε πατήρ). 1491 ἔρξεν. 1496 δηλοῖ. 1537 ἐνέβης. 1561 αὐτός. 1562 τὠμῶι προθ. 1563 δοκῶν κρ. 1564 ᾿Ατρεὺς παρ. 1566. es fehlt etwa ἔθρυπτ'· ἄνωθεν (δ᾽ ὀπτὰ περιβαλὼν κρέα κανοῦν ἐπλήρου· ταῦτα δ' ἐν δαιτὸς νομῆι πατὴρ ἐδέξατ') ἀνδρακὰς καθήμενος, ἄσημα δ'. 1570 σφαγὰς ἐρῶν. 1572 ξυνδίκωι. 1574 τοι. 1597 εὐνήν (τ'). 1611 οὔτι μοι. 1626 τόδ'. 1628 στείχετ' αἰδοῖοι [τούσδε]. 1629 ἔρξαντας· αἰνεῖν. 1635 θ' ἁμαρτὼν τὸν κρατοῦντά θ' ὑβρίσας. 1641 μωρ. ποτέ.