Libation Bearers — Donner (1854), OCR review edition Aeschylus Johann Jakob Christian Donner OCR cleanup, verse reconstruction, and passage alignment; further proofreading required Editorial processing with Codex

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Aeschylos. Deutsch in den Versmaßen der Urschrift. J. J. C. Donner. Stuttgart: Hoffmann, 1854.Harvard PDF of both volumes aeschylus-donner-hvd-hn62cq-1788873992.txt aeschylus-donner-nyp-33433082192794-1788873945.txt

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Scene, wie in der vorigen Tragödie. In der Orchestra liegt das Grabmal Agamemnons. Orestes kommt mit Pylades in Wandererstracht, und tritt an das Grab seines Vaters. Orestes. Hermes im Abgrund, der des Amtes wahrt von Zeus,OCR review edition. D. numbers are Donner’s own citations; alignment gives containing Smyth passages. Cleanup inventory, both OCR copies and unattributed notes Sei Retter, sei mir Kampfgenoß, dem Flehenden! Denn aus dem Banne kehr' ich heim in dieses Land, Und trat, ich Armer, heimlich auf die Schwelle dort, Wo mein geliebter Vater einst von Frauenhand Durch arge List gewaltsam hingeopfert sank. Am Grabeshügel ruf' ich hier den Vater an: Er höre mich, vernehme meines Mundes Schwur! Dein Blut zu rächen, Vater, bin ich heimgekehrt, Von Loxias gesendet, dessen Spruch gebot, Daß dir die Mörder fallen durch Orestes' Hand. So höre mich, mein Vater, steh mich gnädig an; Denn jetzt erschien die Stunde, die der Gott bestimmt, Wo diese Rechte krönen soll der Nache Werk! O nimm von mir die thränenreiche Spende hier: Die erste Locke schnitt ich ab dem Inachos Als Pflegedank, und diese zweite weih' ich dir Als meines Grames treuen Gruß auf deine Gruft! Denn nicht im Hause war ich, um dein Jammerloos Zu klagen, Vater, streckte nicht die Hand empor, Dir Lebewohl zu rufen, als man dich begrub. (Aus der Gesindewohnung kommt der Chor in schwarzen Gewanden und Trauerschleiern, um am Grabmal Agamemnons ein Opfer zu bringen; in gleicher Tracht erscheint Elektra als die letzte des Zuges.) Ha! Was erblick' ich? Was bedeutet diese Schaar Von Frauen, die dort schwarzverhüllt in düsteren Gewanden nah'n? Auf welchen Unfall deut' ich das? Ob eine neue Trauer wohl das Haus betraf? Ob meinem Vater diese Fraun, vermuth' ich recht, Trankopfer bringen, Sühne für die Todtenwelt? Nicht anders ist es; wandelt doch, so dünkt mir, auch Elektra, meine Schwester, dort, in herbes Leid Versunken. Laß, Kronide, laß des Vaters Tod Mich rächen, hilf mir holdgesinnt in diesem Kampf! Gehn wir zur Seite, Pylades, damit ich klar Erkenne, was der Frauenzug bedeuten mag! (Orestes und Pylades verbergen sich in der Nähe.) Chor Wechselgesang des Chores. Erste Strophe. Gesandt vom Hause kommen wirDonner’s metrical appendix: all 7 page facsimiles Mit Opferspenden unter wildem Händeschlag. Die Wange glüht von blutigrothen Nissen, Frischer Nägelfurchen voll; Und unruhvoll an Wehklagen weidet sich das Herz. Zu Fezen riß ich linnenes Geweb' in wildem Schmerz entzwei; Mein brusthüllender Flor hängt los am Gewande, Rings zerschlikt von herbem Leid. Erste Gegenstrophe. Wahnsinn, der hell die Haare sträubt,Lesarten und Verwandtes, D. 42: τορὸς δὲ φοῖτος ὀρθόθριξ. Printed p. 141 In Träumen Zukunft offenbart, im Schlafe Wuth Aushaucht, erhob um Mitternacht im Hause Lauten Klageruf der Angst, Und kam in's Frau'ngemach grauenschwer hereingestürzt. Des Traumes Deuter, deren Spruch Als wahr der Götter Geist verbürgt, Riefen: „voll Unmuth schau'n die drunten im Grabe, Zürnend ihre Mörder an." Zweite Strophe. Sie strebt mit solcher Liebe liebelos das Leid (O Erdreich, o Mutter!) abzuwehren, sendetLesarten und Verwandtes, D. 52: ἰὼ γαῖα μαῖα, μαιῶνα μ’ ἴαλλεν. Printed p. 141 Mich, - das frevle Weib! Mir graut's, Auszusprechen solches Wort. Wo gibt es Sühne, wenn zur Erde floß das Blut? O gramumlagert Königshaus! O jammervoll entlaubter Stamm! Ein Graun den Menschen, sonnenlos Schwebt düstre Nacht über dem Haus, Wo der Herrscher entseelt lag. Zweite Gegenstrophe. Die niebezwungne, niegebeugte Siegerin, Die Scheu, die des Volkes Ohr und Herz erfüllte, Schwindet nun dahin: denn werLesarten und Verwandtes, D. 63: φοβεῖται δέ τις; Printed p. 141 Fürchtet noch? Das Glück allein, Das ist der Gott der Menschen, ist noch mehr als Gott. Doch Einen rafft am hellen Tag Des Rechtes Wage schnell dahin; Den drückt sie machtvoll, säumend zwar,Lesarten und Verwandtes, D. 68: [Unresolved transcription; compare the scan.] τοῖς δ’ ἐν μεταιχμίῳ σκότε μένει χρονίζεσσα βρύει. Printed p. 141 Im Dämmerlicht nieder in Staub; Den hüllt ewige Nacht ein. Dritte Strophe. Der Strom des Blutes, den die Mutter Erde trank,Lesarten und Verwandtes, D. 71: δι’ αἱμάτ’ ἐκποθένθ’ ὑπὸ χθονὸς τροφοῦ. Printed p. 141 Gerann zum Rächermale, das nicht mehr zerfließt. Der Fluch, grimmvoll, zerreißt, zerfleischtLesarten und Verwandtes, D. 73: διαλγὴς δ’ ἄτα διαφέρει τὸν αἴτιον παναρκέτας νόσῳ βρύειν. Printed p. 141 Den Mörder, daß ihn Jammer ohne Maß umwogt. Dritte Gegenstrophe. Wer keusche Brautgemächer kühn erstürmt, wird nie Gefühnt; und strömten alle Ström' auf Einer Bahn Vereint, mordrother Hände FluchLesarten und Verwandtes, D. 77: διαίνοντες ἐκ χερομυσῆ φόνου καθαροῖσιν ἴοιεν ἂν μάτην. Printed p. 141 Hinwegzuspülen: strömten all' umsonst daher. Schlußgesang. Doch ich, (denn zwiefache Noth legten mir Die Götter auf: fern vom Vaterhause Führten sie mich fort in's Joch der Knechtschaft,) Ich muß die Zwingherrn loben, wie mein Loos gebeut, Ob Recht sie thun, ob Böses, muß den bittern Haß Im Herzen zähmen, und bewein' im Schleier still Des Herrschers unseliges Geschick, in tiefverhaltnem Seelenleid erstarrt. Elektra. Ihr Mägde, die ihr Alles wohl bestellt im Haus, Ihr seid mit mir gekommen, dieses Opferzugs Geleiterinnen, also gebt mir euren Rath. Die frommen Spenden auf das Grab verströmend hier,Lesarten und Verwandtes, D. 90: [Unresolved transcription; compare the scan.] τύμβῳ χέσα. Printed p. 141 Wie soll ich ziemend reden? Wie zum Vater fleh'n? Sagt, nenn' ich's eine Gabe, die das theure Weib Dem theuren Mann, die meine Mutter ihm bestimmt? Dazu gebricht mir aller Muth, mir fehlt das Wort, Verström' ich diese Spenden auf des Vaters Grab. Oder soll ich sagen, wie's Gebrauch der Menschen ist, Vergelten mög' er jenen, die den Kranz ihm weih'n, Mit einer Gabe, die der Bösen würdig sei? Oder soll ich schweigend, schmählich, wie mein Vater selbst Umkam, den Trank ausgießen, den die Erde trinkt, Und flich'n, wie Einer, der von Gräueln sich gesühnt, Rückwärts die Schale werfend, abgewandten Blicks? In diesen Zweifeln rathet mir, geliebte Frau'n. Denn uns verfolgt ja gleicher Haß in diesem Haus. Verschließt es nicht im Herzen, irgendwie besorgt. Denn sein verhängtes Schicksal trifft den Freien ja, Wie jenen, der von fremdem Arm bewältigt ward. So redet, wenn ihr bessern Nath als diesen wißt. Die Chorführerin. Ich rede, (du gebeutst ja,) wie's vom Herzen kommt; Denn als Altar verehr' ich deines Vaters Grab. Elektra. Sprich denn, gemäß der Ehre, die du diesem zollst. Die Chorführerin. Dein Opfer spendend, segne die gewogen sind. Elektra. Wen aus der Zahl der Seinen darf ich nennen so? Die Chorführerin. Zuerst dich selbst und jeden, der Aegisthos haßt. Elektra. Für mich und dich denn sprech' ich aus den Segenswunsch? Die Chorführerin. Du selbst erwäge dieses; denn du weißt es ja. Elektra. Und welchen Andern füg' ich noch zu diesem Bund? Die Chorführerin. Gedenk' Orestens, weilt er auch in fremdem Land. Elektra. Vor Allen! Keine schlimme Mahnung gibst du mir. Die Chorführerin. Und dann den Mördern, wann du denkst an jenen Mord Elektra. Was sag' ich ihnen? Melde mir's, ich weiß es nicht. Die Chorführerin. Es komm' ein Dämon oder Mensch einst über sie - Elektra. Wie? Der sie richten oder der ihn rächen wird? Die Chorführerin. Einfach verkünde: welcher Mord mit Mord vergilt! Elektra. Und das erfleh'n von Göttern, ist's kein Frevel mir? Die Chorführerin. Dem Feind mit Bösem lohnen, das geziemte nicht? Elektra. Du höchster Herold drunten und am Sonnenlicht, Hermes im Abgrund, höre mich, und wecke mir Des Todtenreiches Götter, daß sie mein Gebet Erhören, huldvoll blicken auf mein Vaterhaus, Mit ihr, der Erde, die von Allem Mutter ist, Und was sie aufzog, wiederum als Keim empfängt. Ich ströme diesen Weihetrank den Todten aus, Und rufe: Vater, schaue mitleidvoll auf mich Und deinen Sohn Orestes, daß wir wiederum Zurück den Theuren führen in der Väter Haus! Denn flüchtig unstät irren wir und wie verkauft Von unsrer Mutter, und zum Manne hat sie sich Ertauscht Aegisthen, welcher dich mit ihr erschlug. Mich hält sie gleich der Sklavin, und Orestes lebt Verbannt von seinem Erbe; sie voll Uebermuth, Sie schwelgen hoch in deiner Mühen reicher Frucht. Ich flehe dir, mein Vater, daß Orestes uns Im Glücke wiederkehre: du erhöre mich! Mir selbst vergönne, daß ich tugendhafter sei, Als meine Mutter, meine Hand unsträflicher! Für uns erfleh' ich solches, für die Feinde dies, Daß Einer auferstehe, der dich, Vater, rächt, Und nach Gebühr den Mördern Blut mit Blut vergilt. Und dieses flecht' ich mitten ein dem guten Wunsch, Und rufe diesen bösen Wunsch auf sie herab. Uns sende du des Segens Füll' empor, mit dir Die Götter, Erd' und Dike, die den Sieg verleiht! Zu solchen Bitten ström' ich aus den Weihetrank. Laßt ihr in Trauertönen nun den Klageruf Erblühn, des Todten Grabgesang, nach altem Brauch! (Während des folgenden Chorgesanges spendet Elektra auf das Grab.) Erster Halbchor. Strophe. Weint mit Schluchzen die schwindende Thräne Ihm, der schwand, unserm Herrn, Indeß die fromme Spende strömt, Die sühnend Heil und Segen schafft, Und abwehrt den Fluch! Vernimm unser Fleh'n, Hör' es, o Herr, das Fleh'n aus der umwölkten Brust! Zweiter Halbchor. Gegenstrophe. Jammer ruf' ich, o Jammer, o Grauen!" Welcher speerkühne Held Wird dieses Hauses Retter sein, Ein Schlachtengott, der sein Geschoß In Kampf's wilder Hast weit ausholend schnellt, Oder im nahen Streit das Schwert blutig schwingt? Elektra. Des Vatergrabes Erde trank die Spende nun. Jetzt hört das neue Wunder, das sich hier begab ! Die Chorführerin. O rede! Wild im Busen wogt mein Herz vor Angst. Nun, eine Locke seh' ich auf dem Grabe hier. Elektra. Die Chorführerin. Von welchem Mann, von welcher hochgeschürzten Frau? Elektra. Durch sichre Schlüsse findet das ein Jeder aus. Die Chorführerin. Belehre denn mich Aelt're du, die Jüngere. Elektra. Wohl konnte Niemand außer mir die Locke weih'n. Die Chorführerin. Die, denen sonst es ziemte, sind dem Todten feind. Elektra. Und dennoch hat die Flechte gar viel Aehnlichkeit 一 Die Chorführerin. Mit welchem Haupthaar? Gerne wohl vernähm' ich das. Elektra. Mit meinen eignen Haaren ist sie sehr verwandt. Die Chorführerin. So mag sie heimlich ein Geschenk Orestens sein. Elektra. Wohl sieht sie seinem Lockenhaar am ähnlichsten. Die Chorführerin. Wie? Hätte der hieherzukommen sich erkühnt? Elektra. Er sandte wohl dem Vater seiner Locke Gruß. Die Chorführerin. Nicht minder schmerzvoll acht' ich's, wenn nach diesem Wort Sein Fuß das Land hier nimmerdar betreten soll. Elektra. Auch mir ergoß sich düstrer Galle Flut in's Herz; Es traf mich gleich dem Pfeile, der die Brust durchbohrt, Und aus der Augen trocknem Quell stürzt ungehemmt Der Thränentropfen brandend aufgeregtes Meer, Nun ich die Locke sehe! Denn wie hofft' ich wohl, Ein Bürger sonst hier nenne sie sein Eigenthum ? Und nimmer schnitt sich dieses Haar die Mörderin, Ha, meine Mutter, die, des Mutternamens ganz Unwerth, ein gottvergess'nes Herz den Kindern zeigt! Doch offen auszusprechen, wie vermöcht' ich das, Vom liebsten aller Menschen, von Orestes sei Dies Todtenopfer? Zwar die Hoffnung schon erfreut. Ach! O daß sie sprechen könnte, klar, dem Boten gleich; Dann würd' ich nicht von Zweifeln hinundhergewogt! Mit offnem Abscheu würs' ich weg die Locke hier, Wofern sie abgeschnitten war von Feindeshaupt, Und, stammte sie vom Bruder, dann wehklagte sie Mit mir, zum Preis dem Vater, als des Grabes Schmuck! Wohlan, die Götter rufen wir, sie wissen ja, In welchen Sturmeswirbeln wir, Meerschiffern gleich, Umtreiben! Dennoch, sollen wir gerettet sein, Dann sproßt aus kleinem Samen auch ein großer Stamm. (Sie steigt hastig die Stufen des Grabhügels hinab.) Doch nun ein zweites Zeichen, seht die Tritte da Von gleichen Füßen, ähnlich ganz den meinigen ! Denn zweier Füße Spuren find' ich eingedrückt, Des Bruders hier und eines Fahrtgenossen dort. Und mess' ich Sohlen und der Fersen Niß genau, So passen seine Tritte ganz in meinen Fuß. Wie faßt mich Angst, Irrsal umwölkte meinen Geist! (Orestes und Pylades treten aus ihrem Hinterhalte hervor.) Orestes. (Zu Elektra tretend.) Gelobe du den Göttern frommen Dank zu weih'n, Und fleh' um Himmelssegen auch für's Andere! Elektra. Was hätte Göttergnade denn mir schon gewährt? Orestes. Vor Augen steht dir, was du dir vorlängst erfleht. Elektra. Und welchen Menschen weißt du daß ich sehnend rief? Orestes. Ich weiß, Oresten hast du heiß und oft ersehnt. Elektra. Und wie denn also wäre mein Gebet erfüllt? Orestes. Ich bin es; suche Keinen, der dir theurer ist. Elektra. Mit einem Truge, Fremdling, wohl umstrickst du mich? Orestes. Zu meinem eignen Leide spänn' ich solchen Trug. Elektra. Du willst des Unheils spotten, das mich niederdrückt? Orestes. Auch meines Unheils, spottet' ich des deinigen! Elektra. Du bist Orestes? Also sprach ich jetzt mit dir? Orestes. Nun siehst du doch mich selber, und erkennst mich nicht. Erst als du hier des Trauerhaares Locke sahst, Und spähend maßest meiner Tritte Spur, da flog Dein Herz vor Freude, weil du glaubtest mich zu seh'n. Hier lag die Locke (prüfe nur den Schnitt des Haars -) Am Haupt des Bruders, welches ganz dem deinen gleicht: Betrachte dies Gewebe, deiner Hände Werk, Des Weberschiffchens Marken, hier der Thiere Bild! - (da Elektra sich sehr betroffen zeigt) Halt ein, im Freudentaumel sei nicht außer dir! Ich weiß, die nächsten Freunde sind uns bitterfeind. Elektra. Du banger Sorge liebstes Pfand dem Vaterhaus, Beweinte Hoffnung auf der Rettung lestes Neis! Durch Muth gewinnst du wiederum dein Ahnenhaus. O süßes Auge, dir gebührt vierfacher Theil An mir: des Vaters Name kommt dir zu von mir, Und dein gehört die Liebe, die der Mutter erst Gebührte, - denn ich hasse sie mit vollem Recht - Dein auch der Schwester Liebe, die geopfert ward; Und treuer Bruder bist du, Licht in meiner Nacht! O stehe Kraft nur, stehe dir Gerechtigkeit Zur Seite, sammt dem dritten Allergrößten, Zeus! Orestes. Zeus, Zeus, auf mein Beginnen schau' huldreich herab! O fieh des Adlers arme, vaterlose Brut, Der unterging in Schlingen und Umwindungen Der grauenvollen Natter! Sein verwaist Geschlecht Quält bittre Noth des Hungers; denn des Vaters Raub In's Nest emporzutragen, sehlt ihm noch die Kraft. In gleicher Weise kannst du mich und diese hier, Elektra mein' ich, schau'n, den vaterlosen Stamm, Von Haus verstoßen beide durch denselben Fluch. Und wenn des Vaters Kinder du vertilgt, der einst So hoch mit Opfergaben dich geehrt: woher Empfängst du dann so reicher Hände vollen Dank? Des Adlers Haus vertilgend, kannst du nimmermehr Glaubhafte Zeichen senden an die Sterblichen, Noch, wenn er ganz verdorrte, weiht der Herrscherstamm Auf deinem Altar Stiere dir am Opferfest. Hilf uns: mit leichter Mühe hebst du hoch an's Licht Das Haus, das jetzt in tiefe Nacht versunken scheint ! Die Chorführerin. O Kinder, eures Vaterhauses Retter ihr, Seid still, damit euch keines Lauschers Ohr vernimmt, Und vielgeschwäßig alles dies den Herrschern dort Verkündet! Könnt' ich diese doch einst enden seh'n Im pechgetränkten Qualmgewölk der Flammenglut ! Orestes. Nie, wahrlich, täuscht mich Phöbos' allgewaltiger Orakelspruch, der solches Wagniß mir gebot, Der laut mich aufrief, und in heißdurchglühter Brust Sturmvoller Qualen Marter mir verkündigte, Wenn meines Vaters Mörder ich nicht züchtige, Und nicht die Frevler morde durch denselben Mord, Da schon des Vatererbes Raub zur Rache trieb. Ich werde, wenn ich säumte, sprach der Gott, es einst Am eignen Herzen büßen durch viel herbes Leid. Der Götter Zorn zu sühnen, soll aus karger Flur Mißwachs die Völker strafen, und Krankheiten uns : Aussay, der tief im Fleische sich mit grimmem Zahn Einwühlt, und wild der Sehnen alte Kraft verzehrt; Und weißes Haupthaar zeuge sich aus solcher Pest. Noch andern Fluch, den aus des Vaters Blut dereinst Der Eumeniden Nache zeugt, enthüllt' er mir, Der hell im Dunkel droh'nde Brau'n ihn regen sah. Denn jener nächtlichdunkle Pfeil der Todten, die Der Blutsverwandten frevle Hand gemordet hat, Wahnsinn und hohler Träume Schreck aus düstrer Nacht, Jagt auf, erschüttert und verfolgt aus Stadt und Land Mit eh'rner Geißel dieses fluchbeladne Haupt. Wer solcher Art ist, darf am Bechermahle nicht Antheil verlangen, noch an frommer Spenden Trank; Vom Tempel stößt des Vaters unsichtbarer Groll Ihn aus, und Niemand badet und bewirthet ihn. Freundlos, verschmäht von Allen, stirbt er einst dahin, Schmachvoll verzehrt von tiefsten Elends Jammerloos. Solch einem Gottesspruche muß man wohl vertrau'n; Und wenn ich auch nicht traute, muß die That gescheh'n. Denn viele Wünsche drängen sich vereint an mich : Des Gottes Ausspruch und des Vaters großes Leid, Dazu der Armuth schwere Noth verwehren mir's, Das Volk von Argos, aller Völker edelstes, Das Troja glorreich niederwarf mit Heldenkraft, Zwei Weibern also schmählich unterthan zu seh'n! Denn weibisch ist er! Irr' ich, bald erfahren wir's. Die Chorführerin. gewaltige Schicksalsmächte, mit Zeus Vollendet es so, Wie das Recht mitwandelnd den Pfad zeigt! „Für feindliches Wort sei feindliches Wort Vollgültiger Lohn!" ruft Dike, die Schuld Einfordernd, mit mächtiger Stimme. „Für blutigen Mord sei blutiger Mord Als Buße gesezt! Wer frevelte, büßt!" So sagen die Sprüche der Väter. Erste Strophe. Orestes. Vater, verlorener Vater, was Soll ich thun, was sagen, Und aus der Ferne dir hinab, Wo dich die Gruft umfangen, Licht bringen in Grabesdunkel? Wohl tönt das Leid auch, Atreus' Söhne verherrlichend, Süße Wonne dem Todten. Zweite Strophe. Erster Halbchor. O Kind, des Abgeschiednen Geist bewältigt niemals Zermalmenden Feuers Zahn; Spät noch zeigt er den Ingrimm. Den Entseelten feiert Wehruf, Und am Licht erscheint der Mörder. Der gerechte Laut des Jammers Um die Väter späht, im Sturme Hervorbrausend, der Nache Pfad aus. Erste Gegenstrophe. Elektra. Höre denn, Vater, auch meines Grams Thränenreiche Klage! An deinem Grabe klagt von zwei Kindern ein Lied der Trauer. Sie stehen verbannt und schublos Vor deiner Gruft hier. O gramreiches, o herbstes Leid! Siegt denn ewig das Unheil? Die Chorführerin. Doch es wandelt ein Gott wohl, wenn's ihm gefällt, Noch den Trauergesang in ein froheres Lied, Und für Töne des Leids, die hallen am Grab, Führt jubelnder Schall in den Königspalast Dir den wiedergefundenen Freund ein. Dritte Strophe. Orestes. Daß du vor Troja doch Starbst, o Vater, hinweggerafft Vom Wurfspeer eines Troerjünglings! Du ließest Ruhm deinem Haus zum Erbtheil, Und bautest dem Pfade Der Kinder neidwerthes Glück auf, Und es prangte dein Grabmal Hoch drüben am Meer in Troas, Tröstend daheim die Deinen! Zweite Gegenstrophe. Zweiter Halbchor. Du lägst ein Freund bei Freunden, die dort rühmlich sanken, Noch unter der Erde groß Als ehrwürdiger Heerfürst, Und im Hades dort ein Priester Der gewalt'gen Schattenherrscher. Denn auf Erden warst du König, Der das höchste Loos vom Schicksal, Den volklenkenden Stab, empfangen. Dritte Gegenstrophe. Elektra. Nein, vor den Mauern von Troja durftest du, Vater, nicht, Vom Speer gleich anderm Volk erschlagen, Bestattet sein, wo Skamandros' Flut rolt! Nein, bluteten eher Die Mörder dort, daß die Kunde Des vernichtenden Schicksals Uns scholl in die Ferne! Nicht mehr *Müßten wir also dulden. Die Chorführerin. Traun, köstlicher, Kind, als Schäße des Golds, Ja, seliger, als hyperborisches Glück, Ist, was du dir klagend erbittest. Doch doppelt umsaust dumpfhallender Schlag Von der Geißel mein Ohr; in der Erde ja ruht, Der schirmte das Haus, und der Herrschenden Hand, Der Verhaften, befleckt der entsegliche Mord; Und das Bitterste dulden die Kinder! Vierte Strophe. Elektra. Scharf, ein durchdringender Pfeil, Traf mir die Rede das Ohr. Zeus, der aus tiefer Nacht aufwärts Späten Gerichtes Fluch schickt Der kühnfrevelnden Hand des Mörders, Gleiches vollende für meinen Vater ! Fünfte Strophe. Erster Halbchor. Wie gern, ach! säng' ich einst bei Fackelschein Jubelnd über des Mannes Leiche, Ueber dem Blut des Weibes, Sanken sie hin! Warum denn Bärg' ich es, wie's im Busen Mir aufstürmt, wie heiß um das Opfer Zornschwer aufwallender Haß Vor der entbrannten Seele wogt? Vierte Gegenstrophe. Orestes. Wann mit gewaltigem Arm Trifft sie der selige Zeus, Wird, ach! ihr Haupt hinabschmettern? Werde dem Land das Seine! Das Recht fleh' ich herbei für Unrecht. Hört es, ihr Herrscher im Reich der Todten! Die Chorführerin. Wohl ist ein Gesek, daß Tropfen des Bluts, Das die Erde getränkt, Blut fordern um Blut. Denn der Mord ruft laut die Erinnys herbei, Die anderen Fluch zu dem Fluche gebiert, Der dem früheren Mord sich gesellte. Sechste Strophe. Elektra. Wo seid ihr denn, des Hades Mächte, wo? Ihr, der Geopferten allmächtige Flüche, schaut! Das lehte Reis seht von Atreus' Stamme, seht Uns ohne Rath, ehrenlos Von Haus verbannt! Zeus, wohin uns wenden? Fünfte Gegenstrophe. Zweiter Halbchor. Das Herzblut kocht mir stürmend wieder auf, Weil ich höre den bangen Wehruf. Und es erlischt die Hoffnung, Dunkel umwölkt den Geist mir, Hör' ich das Wort des Jammers. - Doch bald wieder hebt sich gewaffnet Mein Muth; dann schwindet der Gram, Heiter erglänzt der helle Tag. Sechste Gegenstrophe. Orestes. Welch Wort wohl trifft es? Nenn' ich alles Leid, Das wir erduldet von ihr, die mir das Leben gab? Doch nimmermehr stirbt der Wurm, wühlt ewig fort. Denn gleich des Wolf's grimmer Wuth, Grollt dieses Herz unversöhnt der Mutter. Siebente Strophe. Elektra. Sie traf mit grausen Schlägen ihn, der kissischen Blutlechzenden Waffendirne gleich; Unabgesekt in wildem Wechsel jagte sich, Weitausgeholt, dumpfhallend ihres Armes Schlag, Hoch nieder, jäh' hernieder; dröhnend fcholl dazu, Von meinem Streich getroffen, mein unselig Haupt. O Graun! Feindliche, Ruchlose Mutter, wie der Feind den Feind begräbt, Begrubst du frech deinen Herrn Ohn' all Gefolg', unbeweint, Ohn' alle Wehklage deinen Gatten. Achte Strophe. Orestes. Die ganze Schmach hast du mir verkündet! Doch büßen soll sie die Schmach des Vaters: Auf Götterwink kann ich trau'n, Auf diesen Arm kann ich bau'n! Erschlug ich sie, raffe mich der Tod hin! Achte Gegenstrophe. Elektra. Verstümmelt ward, höre noch, sein Leichnam, Begraben so, wie sie ihn erschlagen; Sie sann für dein Leben Tod, Der Schmerzen schmerzvollsten, aus. Du hörst das schmachvolle Leid des Vaters. Siebente Gegenstrophe. Orestes. Du nennst des Vaters schnödes Loos. Elektra. Ich floh davon, Für nichts geachtet, schmachbedeckt. Hinausgestoßen, einem räudigen Hunde gleich, Vergaß ich bald das Lachen, brach in Thränen aus, Froh, wenn ich nur den zährenreichen Gram verbarg. Was du vernommen, schreibe tief in's Herz dir ein; Durch's Ohr bohre sich Die Kunde dir in deiner Seele stillen Grund! Wie du gehört, so geschah's: Dem Andern forſche selber nach! Du mußt auf sie furchtlos kühn dich stürzen. Neunte Strophe. Orestes. Dich ruf' ich an, Vater: hilf den Deinen, hilf! Elektra. In deinen Ruf stimm' ich unter Thränen ein. Der Chor. Wir allzumal stimmen ein in diesen Ruf; höre, steig' an's Licht herauf, Wider die Feinde hilf uns! Neunte Gegenstrophe. Orestes. So steht im Kampf Macht mit Macht und Recht mit Recht! Elektra. Ihr Götter, auf! Schaffet Recht nach vollem Recht! Der Chor. Mich überschleicht Zittern, hör' ich dein Gebet. Längst harrt des Schicksals dunkles Loos : Fleht ihr darum, erfüllt sich's. Zehnte Strophe. Erster Halbchor. Ha, des Geschlechtes Fluch! Blutiger Schlag des Unheils, Gellend in grausem Mißton! O schwerlastendes Graun des Jammers! O nie rastender Schmerz der Trübsal ! Zehnte Gegenstrophe. Zweiter Halbchor. Nicht aus der Ferne kommt Rettendes Heil dem Hause; Nein, es erlöst sich selbst nur, Wenn der blutige Streit sich fortspinnt. Also singen die Götter drunten. Die Chorführerin. Ihr Seligen, die ihr im Abgrund herrscht, Hört dieses Gebet, und gewährt huldreich Beistand zu dem Siege den Kindern! Orestes. O Vater, der nicht königlichen Todes starb, Ich flehe, gib mir deines Hauses Macht zurück! Elektra. Auch ich, o Vater, flehe dir: laß mich entflieh'n, Nachdem Aegisthos grausen Tod durch mich empfing! Orestes. Dann werden Feiermahle dir nach frommem Brauch Geheiligt; säumst du, feiert dich kein Opfermahl, Wovon des Landes Herde glüh'n am Todtenfest. Elektra. Und ich, - von meinem Erbe will ich Spenden dir An meinem Brautsest aus dem Vaterhause weih'n, Will hier vor Allem deine Gruft verherrlichen. Orestes. Den Vater, Erde, sende mir, den Kampf zu schau'n! Elektra. O Persephassa, leihe du glorreichen Sieg! Orestes. Des Bades denke, Vater, das dich mordete! Elektra. Des Neßes denke, das dich eingeweiht zum Tod! Orestes. In Bande, nicht aus Erze, schlug man, Vater, dich. Elektra. Im Schlinggewebe, das sie schmachvoll ausgedacht! Orestes. Erwachst du nicht, o Vater, über diese Schmach? Elektra. Hebst nicht vom Schlummer dein geliebtes Haupt empor? Orestes. Send' uns, den Deinen, Dike, zur Mitstreiterin, Vergeltend sende gleiches Loos den Mördern zu, Wenn du, der Ueberwundne, wieder stegen willst! Elektra. Vernimm, o Vater, diesen legten Hülferuf, Sieh deine Kinder sigen hier an deinem Grab! Des Sohns, der Tochter Klage nimm erbarmend auf, Vertilge nicht der Pelopiden edles Haus! Orestes. Dann bist du nicht gestorben, ob du starbest auch. Denn Kinder sind dem todten Vater rettender Nachruhm; dem Kork gleich tragen sie das Nek empor, Der fern vom Meeresgrunde hält des Leins Gespinnst. Elektra. Vernimm; um deinetwillen tönt der Klageruf! Dein eignes Heil ist's, wenn du dies Gebet erhörst. Die Chorführerin. Vollendet habt ihr euer Lied mit frommem Sinn, Sein Grab, sein unbeweintes Loos verherrlichend. Zur That bereitet, gürte dich, das Andre nun Hinauszuführen, bauend auf des Glückes Huld! Orestes. Es sei! Doch ab vom Wege liegt die Frage nicht, Weßhalb sie Spenden sandte, was sie noch so spät Antrieb zur Sühne solcher unheilbaren Schuld? Dem Todten, der's nicht achtet, ward ein feiger Gruß Zum Grab gesendet; nicht zu deuten weiß ich es; Denn diese Gaben wiegen nicht den Frevel auf. 'Und wolltest du für Eine Blutschuld Alles auch Hinopfern, eitle Mühe wär's: so sag' ich frei. Drum, weißt du's, offenbare mir's auf meinen Wunsch. Die Chorführerin. Ich weiß es, war zugegen: durch nachtwandelnde Schreckbilder, Traumgesichte, Kind, emporgeschreckt, Hat diese Spenden hergesandt die Frevlerin. Orestes. Könnt ihr den Traum erzählen, wißt ihr ihn genau? Die Chorführerin. Ein Drache wand sich, sagt sie selbst, aus ihrem Schooß. Orestes. Und welchem Ziele wendet sich die Sache zu? Die Chorführerin. Sie hüllt ihn ein in Windeln, einem Kinde gleich. Orestes. Nach welcher Nahrung sehnte sich die junge Brut? Die Chorführerin. Sie reichte selbst ihm ihre Brust im Traume dar. Orestes. Und blieb ihr Busen unversehrt vom Ungethüm? Die Chorführerin. Nein, sammt der Milch sog's dichte Klumpen Blut hinein. Orestes. Kein eitles Traumbild sendet ihr der Gatte zu. Die Chorführerin. Da schrie sie, wild aus tiefem Schlummer aufgeschreckt. Zahlreich erhellten, ausgelöscht in düstrer Nacht, Den Saal die Leuchten auf Geheiß der Königin. Sofort zum Grabe sendet sie die Spenden hier, Und hofft von ihnen sichre Wehr für ihre Noth. Orestes. So fleh' ich, Erde, Vatergruft, dich fleh' ich an, Das Ziel vollenden möge mir das Traumgesicht. Ich deut' es also, daß es wohl eintreffen muß. Denn wenn demselben Mutterschooß, wie ich, entstammt, In meine Windeln eingehüllt der Drache lag, Dieselbe Brust umgähnte, die mich einst genährt, Und Klumpen Bluts einsaugte sammt der Muttermilch, Daß sie, von Angst ergriffen, laut aufschrie vor Schmerz: Dann muß sie wahrlich sterben, die solch grause Brut Ernährt, gewaltsam sterben; ich, ein Drache selbst, Ermorde sie, wie jenes Traumbild kundgethan. Du sei der Zeichendeuter mir für solchen Traum! Die Chorführerin. Gescheh' es also! Weiter gib den Freunden an: Wen willst du handelnd wissen, wen unthätig seh'n? Orestes. Ich sag' es einfach. Du, Elektra, gehst hinein; Doch birgst du klüglich, was ich abgeredet hier, Daß, wie sie listig hingewürgt den hohen Herrn, Sie listig auch gefangen in demselben Nez Hinsterben, wie's auch Loxias verkündigte, Der Fürst Apollon, dessen Spruch noch nie getäuscht. Gleich einem Fremdling, ganz in Wandertracht gehüllt, Tret' ich zum Thor des Hofes - hier mit Pylades, Des Hauses alter Gastgenoß und Waffenfreund. Wir beide sprechen in Parnassos' Sprache dann, Und ahmen nach der Phokerzunge fremden Laut. Da dürfte wohl kein Pfortenhüter freundlich uns Empfangen, weil das ganze Haus in Freveln rast. So werden wir denn harren, bis ein Mann der Stadt, Am Haus vorüberwandelnd, uns gewahrt und spricht: „Warum am Thore wehrt er ab den Flehenden, Aegisthos? Ist er innen doch und weiß darum!" Und wenn des Vorhofs Schwelle dann ich überschritt, Und finde jenen auf des Vaters hohem Thron, Und er herabsteigt wider mich Mund gegen Mund Zu reden, höhnend stolzen Blicks: ich schwöre dir, Bevor er fragt: „von wannen, Fremdling?" streck ich ihn Todt hin, im Fluge schwingend mein gezücktes Erz. Dann trinkt Erinnys, welche stets nach Morde lechzt, Das ungemischte lautre Blut, den dritten Trunk. (Zu Elektra.) Du habe nun im Hause wohl auf Alles Acht, Daß unsre Wagniß ungehemmt ihr Ziel erreicht. (Zum Chor.) Euch mahn' ich, Fraun, gebietet eurer Zunge, schweigt, Wo Schweigen noth ist, redet, was zum Frommen dient! Das Andre stell' ich dieses Gottes Hut anheim, Der mich des Schwertes großen Kampf bestehen hieß. (Orestes und Pylades ab auf der Straße der Fremde, Elektra in die Frauenwohnung.) Chor Wechselgesang des Chores. Erste Strophe. Erde nährt wunderbar Grause Schrecken ohne Zahl; Tief-in Meers düsterm Schooß wimmelt manch Graunvoll Ungeheuer, Der Menschen Feind; zwischen Erd' und Himmel hoch Sproßt der Blige flammend Licht; Vogel in Höh'n und die Thiere des Waldes erzählen Von der Windsbraut jähem Zorn. Erste Gegenstrophe. Doch des Mann's überkeck Frechen Sinn, wer spricht ihn aus? Wer des Weib's argen tollkühnen Muth, Dies allfreche Buhlen Der Liebeslust, die dem Fluch sich gattend rast? Auch der Ehe holden Bund Löst ja bei Thieren und Menschen das Weib, wenn die Liebe Liebelos ihr Herz besiegt. Zweite Strophe. Merkt auf, wenn ihr nicht in leichtem Sinn Flattert, eitler Art, Wie dort Thestios' Arge Tochter, wie die Kindsmörderin Tückevoll den Brand ersonnen! In Glut warf sie todschnaubend des Sohnes Lebensfackel, die, seit er bang Ihrem Schooß sich entwunden, Ihn durch's Leben geleitete Bis zum Tage des Schicksals. Zweite Gegenstrophe. Auch dein werde stets in Haß gedacht, Blut'ge Skylla, dein, Die, dem Feind zulieb, Einem Freunde gab den Tod, angelockt Durch das goldne Kreterhalsband, Durch Minos' Brautgabe gefangen. Als er sorglos athmet' im Schlaf, Schnitt die Freche dem Nisos Sein unsterbliches Haar vom Haupt: Rächend findet sie Hermes. Dritte Strophe. Doch nun ich so kundgethan so schweres Leid, Was nennt' ich noch dieser Ch' unholden Bund, Die der Fluch des Hauses ward, Und wie des Weib's arge Listen ihn umstrickt, Den Mann im erzhellen Kleid, Den Mann, der einst aller Feinde Schrecken war? Was ehrt' ich noch diesen ausgebrannten Herd, Der Unmacht feigen Weibeszepter? Dritte Gegenstrophe. Vor allen Unthaten ragt im Lied hervor, Was Lemnos' Frau'n übten, was, weithin beklagt, Als ein Fluch gilt; doch mit Recht Wird dieser Gräul Lemnos' Unthat gleichgestellt. Durch blut'ge Schuld, die den Haß Der Götter weckt, sinkt ein Menschenstamm in Schmach. Denn Keiner mag ehren, was ein Gott verwarf. Gerecht, wahrhaftig sprach mein Mund hier. Vierte Strophe. Das Schwert, gezückt auf Frevlerbrust, Es stürmt grad' ein bitterscharf, und mordet Durch Dike's Hand. In Staub hinab Tritt ihr Fuß die Missethat, Die sich von aller Furcht des Zeus frevelnd abgewendet. Vierte Gegenstrophe. Auf festem Grund ruht Dike's Stamm. Das Richtbeil schärft ihr die Schmiedin Aesa; Und alten Mordes Gräuelschuld Sühnend, führt den Sohn zulekt In's Haus zurück die hohe, stetswache Straferinnys. (Orestes und Pylades kommen in Wanderertracht mit einigen Beglei tern wie aus der Fremde zurück, und schreiten auf den königlichen Palast zu.) Orestes. (An die Pforte der Gaftwohnung pochend.) Bursch, höre, Bursch; am Außenthore wird gepocht! Niemand daheim? Bursch, heda! ruf' ich abermals. Zum drittenmale rus' ich: kommt einmal heraus, Wenn nicht Aegisthos mürrisch uns das Haus verschließt! Ein Diener. (An der Pforte.) Ja doch, ich höre! Wer, o Fremdling, und woher? Orestes. Freund, melde bei des Hauses hohen Herrn mich an, Bei welchen ich mit neuen Kunden angelangt. Doch schnell! In dunklem Wagen eilt die Nacht heran; Zeit ist es, daß der müde Wandersmann im Port Der offnen Herberg' Anker wirft, um auszuruh'n. Es komme Jemand, der Gewalt im Hause hat, - Die Frau des Hauses; doch der Mann kommt schicklicher! Dann führt ja nicht verlegne, scheue Scham das Wort, Und macht es dunkel; dreister spricht der Mann zum Mann, Und deutlich, ohn' Umschweise, legt er Zeugniß ab. (Der Diener ab. Bald darauf erscheint Klhtämnestra mit Begleitung.) Klytämnestra. Sagt, Freunde, wenn ihr Etwas wünscht; hier steht bereit, Was irgend solchem Hause nur geziemen mag: Ein warmes Bad, ein Lager, das die müde Kraft Verjüngt, und biedrer Augen treubesorgte Hut. Doch wenn ihr Andres wünschet, was Bedacht verlangt, Das ist der Männer Sorge; die befragen wir. Orestes. Aus Phokis' Lande komm' ich her, ein Daulier. Als ich, mit eignem Bündel nur beschwert, den Pfad Herging nach Argos, wie du hier mich kommen siehst, Gesellte sich ein Fremder mir, dem Fremden, zu, - Der Phoker Strophios, im Gespräch erfuhr ich das, - Forscht meinen Weg aus, nennt den seinen mir und spricht: „Da doch dein Gang, o Fremdling, dich nach Argos führt, So meld' Orestes' Aeltern, doch vergiß es nicht, Den Tod Orestens: daß es dir ja nicht entfällt! Ob dann die Seinen wollen, daß er heimgebracht, Ob, daß er auswärts, wie verbannt auf immerdar, Bestattet werde, dessen bring' uns Kunde zu. Denn jetzt bewahrt ein erzgetriebner Aschenkrug Des vielbeweinten Mannes Staub in seinem Schooß." Was ich vernommen, sagt' ich. Ob ich's aber auch Den Rechten sage, denen es zu hören ziemt, Nicht weiß ich's; hören muß es wohl, wer ihn gezeugt. Klytämnestra. Ha, wie von Grund aus unser Glück zertrümmerte! O Fluch, der unbezwinglich geht durch dieses Haus, Wie waltest du so grausam, überwältigest Fernher mit sichern Pfeilen auch das ferne Glück, Raubst meine Lieben alle mir Unseligen! Nun auch Orestes, dem ein großer Wurf gelang, - Denn ferne lenkt' er aus des Unheils Bahn den Fuß, Er löscht des Wonnesturmes Hoffnungsschimmer aus, Der uns, ein Arzt im Leide, schon so nah geglänzt! Orestes. O hätten doch Gastfreunde so glanzvollen Stamms Um froher Botschaft willen mich als Freund erkannt, Als holden Gast empfangen! Denn wer fühlte mehr, Als solch ein Gastfreund, für den Gast in fremdem Land? Doch frevelhaft erschien mir's, wenn ich solchen Fall Den Seinen nicht kundthäte, weil ich's doch versprach, Und hier als Gastfreund liebevoll empfangen ward. Klytämnestra. Nicht minder soll dir werden, was dein würdig ist, Noch sollst du minder gelten als des Hauses Freund. Die gleiche Botschaft brachte doch ein Andrer auch. Doch ist es Zeit, den Fremden alles Nöthige Herbeizuschaffen, nach des Tages langem Weg. (Zu einem Diener.) Ihn führe hin zum gastlich offnen Männersaal, Und, kommst du wieder, seine Fahrtgenossen auch; Dort dann im Hause finden sie das Nöthige. Vollzieh' es pünktlich; denn du haftest mir dafür. Wir aber wollen alles dies des Hauses Herrn Mittheilen, und in unsrer Freunde treuem Kreis Berathen, was in diesem Fall zu thun geziemt. Die Chorführerin. (Alle ab.) Auf, Freundinnen, dienstbar waltend im Haus, Wann heben wir laut Für Orestes unser Gebet an? O heiliges Land und der heiligen Gruft Erdwall, der nun des Gebieters im Meer, Des gewaltigen Feldherrn, Asche bewahrt, Nun hör' uns, nun sei hülfreich uns! Denn nun ist's Zeit, Daß Peitho mit Trug in die Schranken sich stellt, Und Hermes, der Nachtgott, ihn in den Kampf Des vertilgenden Schwertes geleitet! Kilissa, die Amme des Orestes, kommt weinend aus der Frauenwohnung.) Der fremde Mann, so scheint es, hat Unheil gebracht. Orestes' Amme seh' ich dort in Thränen nah'n. Wo gehst du hin, Kilissa, durch des Hauses Thor? Die Trauer folgt dir (bittrer Lohn!) auf deinem Pfad. Kilissa. Aegisthen, sagt die Herrin, soll ich ungesäumt Den Fremden herbescheiden, daß er deutlicher, Der Mann vom Mann, die neue Kunde, die er bringt, Mit eignen Ohren höre. Vor den Dienern hält Sie hinter finstern Augenbrau'n die Freude zwar Verborgen um das Frohe, das ihr widerfuhr Durch jene Botschaft, die der Fremdling hergebracht, Und die das Haus in namenloses Leid gestürzt. Wohl wird Aegisthos hocherfreut, vernimmt er es, Ob dieser Kunde jauchzen. Ich Unselige! Wie hat von alten Zeiten her so vieles Leid, Das über Atreus' hohes Haus mit schwerem Schlag Einbrach, das Herz im Busen mir geängstiget! Doch nimmermehr erfuhr ich solchen Jammer noch. Ich harrt' in allen Leiden sonst geduldig aus. Doch daß Orestes, meiner Seele Lust und Leid, Den ich vom Mutterschooße nahm und auferzog, Mit all den Nachtunruhen, wenn er jammernd schrie, Und all der vielen Mühe, die ich nun umsonst Ertrug - - Ein unvernünftig Kind ist gleich dem Thier, Man muß es aufzich'n mit Verstand - wie anders auch? - Denn nicht zu sagen weiß ja solch ein Wickelkind, Ob Durst, ob Hunger, oder welch Verlangen sonst Es plagt; der kleine Magen ist beim Kinde Herr. Da mußt' ich oft errathen, und oft rieth ich sehl, Wie's geht, und wusch dem Kinde dann die Windeln rein, Und Wäscherin und Amme hatten Ein Geschäft. Ich ließ zu diesem Doppelamt mich gern herbei, Und nahm Orestes aus des Vaters Händen auf. Nun muß ich Aermste hören, daß der Theure starb, Muß hin zum Manne gehen, der dies Haus entweiht, Und frohen Sinnes dieses Wort vernehmen wird! Die Chorführerin. Und wie gerüstet, will sie, daß er kommen soll? Kilissa. Wie? Sag' es nochmals, rede mir verständlicher! Die Chorführerin. Ob seine Wachen im Geleit, ob er allein? Kilissa. Gefolgt von Lanzenknechten heißt sie kommen ihn. Die Chorführerin. Das melde du dem allverhaften Manne nicht. Er komm' allein nur, daß er ohne Furcht vernimmt: Also bedeut' ihm ungesäumt mit frohem Muth! Oft frommt ein schlauverhulltes Wort aus Botenmund. Kilissa. Wie? Ueber solche Kunde wärst du gar erfreut? Die Chorführerin. Wohl, wenn Kronion alles Leid abwehrt dereinst. Kilissa. Wie das? Orest, des Hauses Hoffnung, schwand dahin. Die Chorführerin. Noch nicht. Ein schlechter Seher auch erkennte das. Kilissa. Was sagst du? Weißt du Bess'res, als was ich gesagt? Die Chorführerin. Bring' ihm die Botschaft, und bestelle dein Geschäft. Es sorgt die Gottheit, wo zu sorgen ihr gefällt. Kilissa. Ich gehe, richt' es treulich aus nach deinem Wort. Zum besten Ende führ' es uns der Götter Huld! (Ab.) Chor Chorgesang. Erste Strophe. Höre jetzt unser Fleh'n, großer Zeus, Sel'ger Götter Vater du! Sende, Herr, Glück und Heil Ihnen, die verlangend längst Harren des Edlen Sieg! Sprach ich doch jeglich Wort Dir gerecht: nimm's in deine Hut, Zeus! Gib, ach! Zweite Strophe. Die Gewalt über den Feind Dem im Palast, Zeus! Wenn du siegreich ihn emporhobst, Bringt er dir doppelt und Dreifach - gerne den Zoll des Dankes! Erste Gegenstrophe. Unsers vieltheuren Herrn Waise ward Eingeschirrt in's Joch des Leids: Sez' ein Maß seiner Noth, Daß er unversehrt im Glück Seiner Geliebten Land Wiederum schauen mag, Dem sein Schritt längst verlangend zustrebt! Dritte Strophe. Götter, ihr, die den goldreichen Schak Ihr im Raum der Burg bewacht, Götter, hört huldreich mich an! Auf! Des alten Mords Blutschuld sühnt mit neuem Strafgericht! Die greise Schuld zeuge nicht im Hause fort! Bwischengesang. Wenn er den Mord vollbracht, Herrscher in tiefgründiger Kluft, Laß frei zu dem Hause des Vaters, Laß ihn leuchtenden Auges und hell Aus der umschleiernden Nacht emporschau'n! Dritte Gegenstrophe. Helfe mit allgerecht Maja's Sohn! Mög' er ihm, verderbenschwer, Frischen Hauch zur That verleih'n! Du erhellst die Nacht, Phöbos! Thust du kund ein dunkles Wort, Hüllst du das Aug' in Nacht und Finsterniß; Erscheint der Tag, strahlt es hell, die Wolken flieh'n. Vierte Strophe. Reicher Opfer Fülle bringen wir Frauen dann am Tag des Heils, Die das Haus entsündige, Und Gesang tönt zugleich, bange trauernd, Durch die Stadt. Gelang die That, Dann blüht auch mir reiches Glück's Herrlichkeit, Und vom Hause weicht der Fluch. Kind, Kind! Zweite Gegenstrophe. O getrost nun, wenn die Zeit kommt, da die That gilt! O vernimm, Sohn, und gehorch' ihm, Der dich zur Nache ruft, Zur Vollendung, - dem Auf des Vaters! Vierte Gegenstrophe. Und mit Perseus' Muth im Busen geh', Hilf den Deinen drunten, hilf Denen hier, und übe kühn Liebend rachbittern Haß! Führe so Drinnen aus dein blutig Amt, Und morde sie, die des Mords grause That Frech voll arger List vollbracht! (Aegisthos tritt auf ohne weiteres Gefolge.) Aegisthos. Nicht ungerufen komm' ich, Boten riefen mich; Denn neue Kunde, hör' ich, ward von Fremdlingen Hieher gemeldet, keineswegs erfreuliche: Der Tod Orestens. Würde das im Hause kund, Ein schreckentriefend Grausen wohl erweckt' es hier, Wo noch des Mordes Wunde brennt mit altem Schmerz. Wie? Dars' ich's Wahrheit achten, ist's lebendig hell? Sind's eitle Frauensagen, die, vom Schreck gezeugt, Zur Luft sich aufwärts schwingen und in Nichts vergeh'n? Was weißt du hiervon zweifellos mir kundzuthun? Die Chorführerin. Wir hörten's; aber geh' hinein und frage selbst Die fremden Männer. Nicht soviel gilt Botenwort, Als wenn du selber diese selbst darum befragst. Aegisthos. Ja, seh'n und fragen will ich ihn, den fremden Mann, Ob er bei seinem Tode selbst zugegen war, Ob nur aus dunkler Sage schöpft und weiter spricht. Des klaren Geistes offnen Blick betrügt er nicht. Die Chorführerin. Was sag' ich, o Zeus, wo beginn' ich zuerst Mein brünstiges Fleh'n, mein heißes Gebet? Wie ström' ich den Strom (Ab.) Wohlwollender Wünsche zulekt aus? Denn jetzt ist die Zeit, daß in ewige Nacht, Von der Erde vertilgt, Agamemnons Haus, Das geliebte, versinkt, von des mordenden Stahls Blutlechzender Spike geopfert, Ach! - oder er selbst flammt Feuer und Glut Für die Freiheit empor, und erringt sich des Volks Herrschaft und das Haus, Das gesegnete Erbe der Ahnen. In so mächtigem Kampf will kühn er allein Sich messen mit Zwei'n, der erhabene Held, Orestes. Kröne der Sieg ihn! Aegisthos. (Im Palaste.) Weh mir! O Graun, o Graun! Der Chor. Horch doch, ach! Weh, was ist's? Was geschieht dort im Haus? Laßt uns hinweggeh'n, denn die That wird jetzt vollbracht, Damit wir dasteh'n ohne Schuld an diesem Gräul! Denn schon, o Frauen, ist des Kampfes Ziel erreicht. (Der Chor zieht sich hinter das Grabmal Agamemnons zurück. Nach einer Pause stürzt ein Diener aus dem Palaste.) Der Diener. Weh, wehe mir! In seinem Blute liegt der Fürst! Und wehe nochmals, rus' ich aus zum drittenmal! Aegisthos ist erschlagen! Deffnet, öffnet doch So schnell wie möglich; schiebt die Riegel weg am Thor Des Frauenhauses! Großer Schnelligkeit bedarf's, Nicht um dem Todten beizusteh'n: was hülfe das? Hoiho! Hoiho! Zu Tauben ruf' ich und verschwend' an Schlafende Mein Wort. Wo ging die Herrin hin? Was zögert sie? Es scheint, ihr eigner Nacken schwebt auf Messers Rand, Und sinkt alsbald getroffen von der Nache Strahl. (Klytämnestra tritt eilig heraus.) Klytämneftra. Was ist geschehen? Welch Geschrei erhebst du hier? Der Diener. Die Todten morden, sag' ich euch, den Lebenden. Klytämnestra. Weh mir! Das Wort versteh' ich auch im Räthsel wohl. Durch Listen geh'n wir unter, wie wir mordeten. Man bringe flugs ein männermordend Beil daher! Laßt sehen, ob wir stegen, ob verloren sind! Soweit gekommen bin ich nun in meinem Leid! (Orestes tritt mit Pylades aus dem Palaste, dessen Thore offen bleiben.) Orestes. Ich suche dich auch! Er erhielt sein volles Maß! Klytämnestra. (Sie erblickt durch die offenen Thore den Leichnam des Aegist ho 8.) Weh mir! Erschlagen, Theurer, mein Aegisthos, du! Orestes. Du liebst den Mann dort? Ruhe denn in Einer Gruft Mit ihm! Verlassen sollst du nie den Todten mehr! (Er dringt auf sie ein.) Klytämnestra. Halt ein, o Sohn! Ha! Scheue diese Brust, o Kind, An der du manchmal eingewiegt in sansten Schlaf, Einsogst die Nahrung süßer Milch mit zartem Mund! Orestes. (Zu Phlades.) Freund, was beginn' ich? Soll ich scheu'n der Mutter Mord? Pylades. Wo blieben dann des Pythotempels übrige Orakelsprüche? Wo des Eides heilig Band? Hab' alle Welt zu Feinden, nur die Götter nicht! Orestes. Du redest Wahrheit, seh' ich, und gemahnst mich recht. (Zu Klytämnestra.) Du folge mir; verbluten sollst du neben ihm! Im Leben war er theurer als mein Vater dir; Im Tode ruh' auch ihm gesellt! Du liebst ihn ja, Den Menschen; den du lieben solltest, hassest du. Klytämnestra. Ich, Sohn, erzog dich; altern will ich auch mit dir. Orestes. In meinem Haus, du meines Vaters Mörderin? Klytämnestra. Mein Kind, das Schicksal trägt allein hievon die Schuld. Orestes. So war es auch das Schicksal, das dir Tod verhängt. Klytämneftra. Und scheust du nicht die Flüche deiner Mutter, Kind? Orestes. Den du geboren, stießest du in's Ungemach. Klytämnestra. In Freundeshaus dich sendend, nicht verstieß ich dich. Orestes. Ich ward, des freien Vaters Sohn, zwiefach verkauft! Klytűmnestra. Wo ist der Kaufpreis, welchen ich für dich empfing? Orestes. Die Scham verwehrt mir, auszusprechen deine Schmach. Klytämnestra. Sprich, aber sage nur auch, was dein Vater that! Orestes. Schilt nicht! Indeß er kämpfte, safest du daheim. Klyfämnestra. Getrennt zu sein vom Gatten, schmerzt ein Weib, o Kind. Orestes. Doch nährt des Mannes Mühe ja die Frau daheim. Klytämnestra. Ermorden, scheint es, willst du deine Mutter, Sohn. Orestes. Selbst bist du deine Mörderin, ich bin es nicht! Klytämnestra. Gib Acht, entfleuch der Mutter grimmen Hündinnen! Orestes. Wie meid' ich die des Vaters, lass ich ab von dir? Klytämneftra. So wein' ich, scheint es, lebend denn umsonst am Grab. Orestes. Des Vaters Schicksal sendet dir dies Todesloos. Klytämnestra. Weh! Diesen Drachen trug mein Schooß, ich zog ihn auf! Orestes. Ja, recht ein Seher wurde dir der Schreck im Traum! Du schlugst, den du nicht solltest; Gleiches büße nun! (Er drängt sie in den Palast hinein.) Die Chorführerin. Auch dieser Beiden Mißgeschick bewein' ich denn. Doch weil Orestes kühnes Muths die Höh'n erklomm So vieler Blutschuld, beten wir aus Einem Mund: Nicht ganz in Nacht erlösche dieses Hauses Licht! Chor Chorgesang. Erste Strophe. Priamos' Söhnen kam endlich als Rächerin Zürnend die Strafgöttin: Rache zu üben, kam in Agamemnons Haus Ein Löwenpaar, ein Arespaar. Ja, du errangst dein Ziel Auf Pytho's Spruch, Flüchtiger, Welchen des Gottes Rath hierher zur Nache trieb! Zweite Strophe. Jauchzet, o jauchzet laut, daß das erlauchte Haus Dem Unheil entrann, daß an dem reichen Schay Nicht schwelgend zehrt das Mörderpaar, - O fluchvolles Loos! Erste Gegenstrophe. Schlau kam wider ihn, der den geheimen Kampf Kämpfte, die Strafgöttin; Und es ergriff im Kampf ihn an der Hand des Zeus Wahrhaftes Kind; Gerechtigkeit Nennen wir Sterblichen Sie, die das Recht wahrt, mit Recht: Mit des Verderbens Wuth haucht sie den Frevler an. Zweite Gegenstrophe. Solches hat Loxias, der an Parnassos' Höh'n In Erdschluchten tief waltet, an Pytho's Herd, Der Erde heiligem Mittelraum, Im Wahrspruch enthüllt. Nachgesang. Gelte das Gotteswort, daß ich den Bösen nie Helfend zur Seite sei! Ehre den König fromm, der im Olympos herrscht! Wieder erschien das Licht, Und von dem grausen Joch seh' ich die Freunde frei. Hebe dich, Haus, empor! Du lagst allzulang Dahingestürzt in tiefen Staub. Und bald zieht die Zeit, die allendende, In des Palastes Thor, wenn von dem heil'gen Herd Jeglicher Gräuel, getilgt Durch des Verderbens reinigende Sühne, schwand. Das Glück, wolkenlos lächelnd in Sonnenglanz, Führt die Genossen des Hauses, die kaum noch jammernden, in's Haus zurück. Wieder erschien das Licht! (Aus den Pforten des königlichen Palastes treten Orestes und Pylades mit Gefolge; Diener bringen den Mantel, unter welchem Klytämnestra ihren Gemahl erschlug. Die Leichen des Aegisthos und der Klytämnestra werden halbverhüllt auf einer Bahre nachgetragen.) Orestes. (Auf die Leichen hinweisend.) Da sehet an des Landes stolzes Herrscherpaar, Des Vaters Mörder, die das Haus verwüsteten! Sie saßen stolzgebietend einst auf hohem Thron, Und noch vereint sie Liebe, wie's ihr gleiches Loos Bezeugt; dem alten Schwure bleibt ihr Bund getreu. Dem armen Vater schwuren sie vereint den Tod, Vereint zu sterben; und der Schwur ist wohlerfüllt. Nun sehet auch, ihr Zeugen dieses Jammers, seht Das Truggewebe, das den Armen fesselte, Das ihm die Händ' umstrickte, das die Füße band! Wie mag ich's treffend nennen mit beredtem Mund? Fanggarn des Wildes oder fußumschlingendes Gewand der Todtenbahre? Nenn' es Jägernek, Heimtückisch Stellgarn oder fußverwickelnd Vließ! Ein Straßenräuber schaffe sich ein solch Gespinnst, Das seinen Gastfreund tückisch fängt; mit Geldesraub Sein Leben fristend, mag er dann durch diesen Trug Recht viele morden, daß sein Herz vor Freude glüht! (Zu den Dienern.) Auf, breitet's auseinander, zeigt im Kreis umher Des Mannes Mordhemd, daß des Vaters Auge sieht, Nicht meines Vaters, nein, des Allesschauenden, Des Helios, was meine Mutter Grauses that! Denn im Gerichte soll er einst mir Zeuge sein, Daß ich mit vollem Nechte hier zum Morde schritt Der Mutter; von Aegisthos' Tode red' ich nicht; Denn er empfing des Eheschänders Lohn nach Recht. Doch, die dem Manne solches Graun bereitete, Von dem sie süßer Kinder Last im Schooße trug, Ihr theure Last einst, nun verhaßt, es zeigt sich hier, - Wie? Stammt sie nicht von Vipern, nicht von Nattern ab, Daß ungebissen faule, wen sie nur berührt, Ob ihrer Frechheit, ihres kühn ruchlosen Sinns? Solch eine Hausfrau wohne nie an meinem Herd, Niemals! O Götter, stürb' ich eher kinderlos! Die Chorführerin. Weh, weh, weh, weh! Unselige That! Welch grausamen Todes du hinstarbst! Ach, ach! Leid blüht Auch dem, der im Leben zurückbleibt. Orestes. Hat sie's verschuldet oder nicht? Bezeugt es mir Doch dies Gewand hier, das Aegisthos' Schwert gefärbt! Noch hat die Zeit des Mordes Flecken nicht getilgt, Der dieses Purpurs farbenreiche Pracht entweiht. Bald preis' ich selber meine That, bald jammr' ich laut, Und rede dieses Mordgespinnst des Vaters an. Graunvoll befleckt durch dieses Sieges blut'ge Schuld, Beklag' ich meine That, mein Leid, mein ganzes Haus! Die Chorführerin. Kein Sterblicher wallt, frei jeglicher Schuld, Stets harmlos, die Bahn durch das Leben. In Trübsal stürzt Der bald, und der Andere später. Orestes. Da sorg' ein Andrer: weiß doch ich, wo's enden wird! Gleichwie mit Hossen stürm' ich aus der Bahn hinaus, Verhängt die Zügel; fortgerafft von irren Wahns Wildheit, erlieg' ich. Schon beginnt in meiner Brust Das Lied des Wahnsinns, und vor Schrecken hüpft das Herz. Bevor mein Geist erdunkelt, hört, o Freunde, noch: Der Mutter Leben mordet' ich nicht ohne Recht, Der Gottverhaften, die der Vatermord befleckt. Mehr trieb zu solchem Frevel noch die Stimme mich Des Delphergottes, welcher mir bedeutete: Wenn ich die That ausführte, wär' ich ohne Schuld; Doch wenn ich säumte, - meine Strafe nenn' ich nicht, Zur Höhe solcher Leiden schwingt sich kein Geschoß. Und jego seht mich: frommgeschmückt mit diesem Kranz Und diesem Delzweig will ich hin zum Mittelraum Der Erde wandern, nach Apollons Heiligthum, Zu jenem Feuerglanze, den man ewig nennt, Der Mutter Blut zu fliehen! Einem andern Herd Mich zuzuwenden, wehrte mir des Gottes Spruch. Wohl wird dereinst mir alles Volk in Argos' Reich Bezeugen, welcher Jammer mir bereitet ward; Ich irre flüchtig, schweife fern von diesem Land, Und todt und lebend lass' ich diesen Ruhm zurück. Die Chorführerin. Nein, edel thatst du! Nicht entsess'le deinen Mund Zu bösem Ausruf oder unheilvollem Wort, Du, der die Freiheit allem Volk zurückgebracht, Und kühn der beiden Drachen Haupt in Staub gestreckt! Ach, ach! Orestes. O welche Frauen seh' ich dort, Gorgonen gleich, In schwarzem Mantel und von Schlangen ringsumher Das Haar durchflochten? Nicht verweil' ich länger hier. Die Chorführerin. Welch düstres Wahnbild, du des Vaters liebstes Kind, Entsekt dich? Bleibe; fürchte nicht nach solchem Sieg! Orestes. Kein eitles Wahnbild ist es, was mich also schreckt; Klar seh' ich sie, der Mutter grimme Hündinnen. Die Chorführerin. An deinen Händen haftet noch das frische Blut; Drum fällt Verwirrung deinen Geist verdunkelnd an. Orestes. O Fürst Apollon, immer mehr wird ihre Zahl; Aus ihren Augen träufelt grausenvolles Blut! Die Chorführerin. Eins wird dich sühnen: wenn du Phöbos' Hand berührst, So wird der Gott von diesen Qualen dich befrei'n. Orestes. Ihr seht die Graungestalten nicht, ich sehe sie; Mich treibt's von hinnen, nicht verweil' ich länger hier! (Er stürzt fort.) Die Chorführerin. So fahre glücklich, und ein Gott, huldreich zu dir Herniederblickend, schüge dich in Todesnoth! So erfüllte sich denn in der Könige Haus Nun dreimal der Sturm, Der mit Macht wuthschnaubend hereinbrach. Erst sah es den Gräul, der die Kinder zerfleischt, Und das blutige Mahl des Thyestes; Zum zweiten das Loos, das den König entrafft; Denn gemordet im Bad, ach! sank, der im Streit Den Achäern gebot. Zum dritten erschien — wie nenn' ich ihn doch? Den Erretter? Den Fluch? Wo endet sie noch, wo findet sie Ruh, Die entschlummerte Wuth des Verderbens?

Donner does not repeat this refrain at this position. See the earlier occurrence in his translation. Donner 935