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Die Gesellschaft, die uns die homerischen Gedichte
zeigen, ist die ionische, wie sie sich um den Beginn des
letzten Jahrtausends v. Chr. an den Küsten Asiens gebildet
hatte, als der Einbruch nordischer Stämme die
tüchtigsten der bereits hoch civilisierten Bewohner von
Hellas über das Meer an den asiatischen Küstensaum
geworfen hatte und das Leben sich von neuem aufzubauen
zwang. Daher ist die taktische Einheit so zu
sagen die Familie des selbstherrlichen Mannes, der über
Weiber und Kinder, Hörige und Knechte gebietet. Es
steht keinesweges ein Geschlecht oder gar eine staatliche
Gemeinschaft über ihm, die gleichberechtigte Glieder
umfaßte. Der Staat ist der Mann. Er ist völlig frei,
so weit ihm nicht ein anderer ebenso freier Mann entgegentritt.
Er hat in sich das Gesetz, so gut wie ein
Gott, sein Wille macht Recht und Unrecht, er schuldet
niemandem Rechenschaft. Die einzigen Mächte über ihm
sind die Mächte in ihm, die Götter an die er glaubt,
die Vorstellungen von Mannespflicht und Mannesehre die
er anerkennt. Aber selbst diese Mächte kann und wird
er oft genug verletzen, wenn Begierde und Leidenschaft
in seiner Seele stärker sind als die Achtung vor jenen.
Denn eine Gewalt, die ihn zwänge zu thun was er für
recht hält, existiert nicht. Hat er aber gesündigt, so
wird ihn zwar sein Gewissen strafen: was dieser Richter
in seiner Brust so nennt, ist Sünde für ihn; aber einen
anderen Richter hat er nicht und wird er nie finden.
Nun wird einem solchen freien Manne ein Höriger oder
gar ein Sohn oder Bruder erschlagen. Das empfindet er
als eine Schädigung und einen Schimpf und wird sich
rächen so gut er kann. Von dem Stärkeren muß er
manche Unbill wohl oder übel tragen; sonst steht das
Maß seiner Rache ganz in seinem Belieben. Der Thäter
wird trotzen, wenn er seiner Kraft vertraut; er wird vor
der Rache fliehen, wenn er sich zu schwach fühlt; gütlicher
Ausgleich wird sehr häufig dem einen oder andern
Teile oder auch beiden genehm sein. Dann kommt es
zum Schadenersatze, bei dem auch das verletzte Gefühl
(welches auch immer) seine Genugthuung erhält. Götter
und Könige lassen sich durch Gaben überreden und
beugen: niemand nimmt daran Anstoß. So kommt es
zum Vergleiche, zur Versöhnung. Ganz unbefangen wird
es dem grollenden Achilleus vorgehalten, daß doch
mancher sich durch Wergeld beschwichtigen ließe und
den Mörder seines Sohnes neben sich duldete. Man
kann sich eine Entwickelung auf dieser Grundlage sehr
wohl vorstellen und in der Durchführung des Abkaufes
der Rache einen Fortschritt der Gesittung finden. Wenn
sich in der Gesellschaft allmählich eine übergeordnete
Instanz ausbildet, die den Mörder zur Leistung, den
Geschädigten zur Annahme des Wergeldes zwingt, so
wird dem allgemeinen Wohle genug gethan, da sich auf
diesem Wege der blutigen Selbsthilfe sehr wohl steuern
läßt
Aber die entscheidende Entwickelung des Rechtes und der Religion ist nicht von Homer und Ionien ausgegangen, zum Segen des Ganzen. Denn diese Denkweise ist profan und im Grunde unsittlich. Sie rechnet ausschließlich mit dem Lebenden; der Tote ist ab und tot, existiert nur als ein zerstörtes Vermögensobjekt mit so und so viel Affektionswert, und es handelt sich darum, wie sich die Lebenden mit dem Verluste abfinden. Nicht einmal zahlreich sind bei Homer die Spuren der höheren und auch älteren Anschauung, des Glaubens an die Macht der Seele des Getöteten, die nicht als ein Schatten im Reiche des Unsichtbaren herumschweift, sondern in dieses Leben hinüberwirkt. Auch das Schwinden dieses Glaubens war ein Erfolg der Geschichte gewesen. Die ersten Siedler an den Küsten Asiens waren ein wildes Geschlecht gewesen, das an dem Vertrauen auf die Götter und die lieben Vorfahren irre geworden war. Hatten sie ihnen doch schlechten Beistand geleistet wider die unheimlichen nordischen Recken, die die Riesenmauern der goldreichen Schlösser brachen. Die Königreiche waren zertrümmert, die Gauverbände gesprengt, die Familien zersplittert. Nur die Gewalt des Stärksten und die List des Verschlagensten hatten vermocht sich aus dieser Sintflut der Zerstörung vereinzelt neben anderen ebenso Vereinzelten an ein fremdes Ufer zu retten. Da sammelten sich die Wolken an anderen Bergeskuppen, andere Quellen tränkten Flur und Vieh, und nur wenige erreichten es, Flur und Vieh mit fester Heimstatt zu besitzen und zu vererben; gar viele verkamen in unstetem Seeräuberleben.
Die Völkerwanderung hat die Menschen entwurzelt, aus
Im Mutterlande haben die Einwanderer die Tradition,
die sie störten, nicht ganz unterbrochen, sich ihr vielmehr
bald selbst unterworfen. Der Glaube an die Macht
der Menschenseele und die Gewalten des Totenreiches
ist hier nur immer stärker geworden. Die Kontinuität
zu wahren hätten schon allein die ungeheuren Grabbauten
der Heroenzeit hingereicht, die einer ohnmächtigen
Gegenwart darum nicht minder imponierten, weil die
Geschlechter, die ihre Toten darin beigesetzt und verehrt
hatten, verkommen oder vertrieben waren. Auch
wenn Namen und Gedächtnis der Insassen eines Grabes
verweht war, ward dieses selbst nicht entweiht, sondern
ward nur unheimlicher, neue Geschichten gaben ihm
einen neuen Bewohner, und das Gedächtnis an eine
größere und reichere Zeit, mächtige Fürsten und schöne
Frauen in goldreichen Sälen, blutige Thaten und die
Feuersbrünste der Zerstörung, durch die jene Herrlichkeit
Auch von dem Geisterreich und seinen Mächten hat man hier anders gedacht als Homer. Die Mutter Erde oder die Mütter, die Königin der Toten, die wilde Frau, die mit ihrem Schwarme durch den Bergwald fährt, die Todesgöttin mit ihren Hunden, die um die Kreuzwege springt, auch häßlichere Bilder von gespenstigen Fohlen und Bracken und Vögeln, das sind Bilder, die mehr nach Brockennebeln als nach der Sonne Homers aussehen und die doch in der Phantasie der Athener und der Peloponnesier der Jahrhunderte 9-7 eine bedeutsamere Rolle gespielt haben als die menschenhaften Götter, die gleichzeitig der Homeride mit spielender Phantasie in die Heldensage einführte.
Zu dem Glauben an die Macht der Götter und
Heroen des Jenseits gehört notwendigerweise der Glaube
an die Macht der aus dem Leibe abgeschiedenen Seele.
Für die Hellenen des Mutterlandes steht es mit nichten
so, daß nur die Überlebenden nach einem Todesfalle
sich mit einander abzufinden hätten; dabei wäre just
die Hauptperson vergessen, eine der man nichts mehr
anhaben kann und die sich ihr Recht zu wahren weiß.
Verfügt sie über keinen Arm und kein Schwert mehr,
Sobald aber der Staat einmal da war, beginnt eine Bewegung, die die Gemeinschaft des Rechtes an die Stelle der Gemeinschaft des Blutes, das gemachte 'Gesetz' an die Stelle der 'eingeborenen Art' zur Herrschaft bringt.
Erst in diesem vorgeschrittenen Zustande kennen
wir die Satzungen des 'heiligen Rechtes', die uns zum
großen Teile in dem Wortlaute vorliegen, den sie gegen
Ende des siebenten Jahrhunderts in Athen durch Drakon
empfangen haben. Sie galten, als Aischylos dichtete;
ihr Geist weht in der Orestesfabel, die er dramatisierte,
genauer gesagt, der Geist der Religion, welche das
drakontische Recht gleichzeitig erfüllte und doch schon
milderte. Denn da ist der Staat zwischen den Bluträcher
und den Schuldigen getreten. Er hat den Vollzug
der Rache auf sich genommen und damit dauernd
die fortzeugende Kraft des Blutes beseitigt, die sich an
Orestes bewährt. Er hat auch Unterschiede der Blutschuld
eingeführt, den unvorsätzlichen und den berechtigten
Totschlag, und er zwingt den Bluträcher in solchen
Fällen sich bei geringer oder auch ohne Bestrafung des
Mörders zu bescheiden. An dem Rechtsprinzip der
Blutrache und dem persönlichen Eingreifen des Rächers
ist nichts geändert. Das zeigt sich sofort bei der Einleitung
der Klage. Der Bluträcher bindet die Gemeinde
und den des Mordes Beschuldigten, wenn er proklamiert:
„N. N. ist ein Mörder; ich gebiete ihm bei
Strafe an Leib und Leben, sich allen reinen Stätten fern
zu halten und lade ihn auf den Mordhügel". Dann geht
er zum Könige und meldet die Klage an. Der König
Die Form der Gesellschaft hat gewechselt,
nicht mehr der einzelne selbstherrliche Mann, sondern
das Geschlecht ist ihre taktische Einheit. Das Geschlecht
wird durch die Gemeinsamkeit des Blutes gebildet;
kein Mensch ist individuell frei; er wird in
bestimmte unabänderliche Verhältnisse hineingeboren, bestimmten
Göttern und Ahnenseelen zugethan und unterthan.
Mit dem Blute und Leben erhält er das Anrecht
auf den Besitz und den Stand; das fällt ihm wie ein
Los zu: Los und Erbe ist im Griechischen dasselbe
Wort; und ebenso überkommt er die Rache des vergossenen
Verwandtenblutes, seines Blutes, und die Anwartschaft
auf die Fortdauer seiner Seele, so lange
Träger und Erben seines Blutes auf Erden sind. Es ist
die Form der Gesellschaft, wie sie die hellenische
Ritterzeit erzeugt hat. Der Staat ist eine Summe von
Ohne Mühe kann man den Zwischentritt des Staates aus dem Blutrechte ausschalten. Dann nimmt sich der Rächer selbst sein Recht, wird also (wie wir z. B. im alten Arabien sehen) jede Blutthat das erste Glied einer nie abgerissenen Kette, vorausgesetzt, daß jeder Bluträcher seine Pflicht thut. Dazu zwingt ihn der Glaube an die Macht der grollenden Seele: das Blut liegt so lange auf ihm, bis er es mit dem Mörderblute abwäscht. Der Geist des Erschlagenen wird ihn mit allen leiblichen und geistigen Plagen strafen, die Gesellschaft wird ihn ausstoßen wie einen tollen Stier. Und wenn sie es nicht thut? Dann wird die grollende Seele alle Höllenmächte wider die Stadt senden, Mißwachs und Viehsterben, Pestilenz und Bürgerzwist. Denn die Blutschuld ist eine Krankheit, die ansteckt und für die es kein Heilmittel giebt als Blut.
Eine unerbittliche Folgerichtigkeit liegt in diesen Gedanken,
ein Recht ist verkündet, das Recht ist und That
wird, mag auch der Einzelne daran zu Grunde gehn.
Aber es ist ein Glaube, vor dem nicht nur der feige
Pharisäersinn des Bildungsphilisters erschrickt, der so
lange wie möglich dem Mammonas dient und, wenn Gott
endlich die Zeche macht, einen Sarastro zum Richter
wünscht. An diesem starren Rechte müßte die Menschheit
wirklich zu Grunde gehn. Es fehlt Gnade, Vergebung,
Versöhnung im Himmel und auf Erden. Die
Bekenner dieses Glaubens hätten niemals von einem
Priamos gedichtet, der die Hand ergriff, die ihm seine
Söhne erschlug, noch von einem Achilleus, der seine
Tränen mit denen des Priamos mischte. Aber nur die
Ein solches Joch machen sich die Menschen nicht; das muß ihnen aufgelegt werden. Eine solche Lehre bildet sich nicht spontan als ein Herkommen; das ist ein Gesetz, das einmal gegeben ist: die Offenbarung ist gekommen, und dem Gotte, der sich offenbarte, haben sich die Herzen erschlossen.
Wer war dieser Gott? Das war 'der Gott', wie die Hellenen des Mutterlandes sagen, der delphische Apollon, der Verkünder und Deuter des heiligen Rechtes, die größte moralische Macht in diesen Landen, auch von weitreichendem politischen Einflusse und doch ohne jede andere als moralische Begründung dieses Einflusses.
Von Athen wissen wir nun, daß der Gott diese Stadt
einmal so zu sagen sich zu eigen gemacht hat, indem er
selbst der Ahn ihrer Bürger (d. h. des damals allein berechtigten
Adels) ward. Dieses Volk ward in neue Abteilungen
gegliedert, nach fiktiver Blutsverwandtschaft,
Der Glaube an die Weisheit und Macht des Gottes reicht im 6. Jahrhundert weit über die Grenzen der helle-nischen Zunge. Herodotos ist voll von Geschichten, die des Gottes Weisheit und Macht illustrieren, häufig mit moralischem und erbaulichem Beigeschmack. Und doch ist zwar der Glaube in den Herzen der Gläubigen noch echt, in Delphi aber sitzt nun eine kluge und berechnende Priesterschaft, die diesen fremden Glauben mit überlegener Schlauheit ausnutzt. Das Geld für den prächtigen Tempel ist nicht viel ehrbarer zusammengebracht als das für die Peterskirche. Und der Tempel war kaum fertig, da ver-riet der Gott sein Volk in den Stunde der Gefahr, weil er den Sieg der Perser erwartete und das Geschick seines verbrannten milesischen Tempels für den delphi-schen fürchtete. Trotzdem siegte sein Volk und weihte dem Verräter den Zehnten der Beute: so groß war der Glaube, so wenig verdiente dieser Gott noch den Dank.
Wir sind gewohnt, die Macht des delphischen Apollon als eine gegebene Größe hinzunehmen, ohne viel zu fragen, was denn die Hellenen zu seiner Anerkennung getrieben habe, ja ohne uns viel darüber zu verwundern. Und doch versagt jede materielle Erklärung; keine poli-tische oder wirtschaftliche Macht hat sie gezwungen, und
wie hoch man immer die Tradition, die Gewohnheit ver-anschlagt, es ist schon schlimm, aus dieser allein die Stellung erklären zu wollen, die Pindaros, Sokrates, Platon zu dem Gotte nehmen, und für die Entstehung dieser Tradition ist damit überhaupt nichts gesagt. Wenn ein Weib an bestimmten Tagen auf einen Dreifuß gesetzt wird und Orakel giebt, die von Priestern in Verse gesetzt werden, wenn diese Priester die Befragung ihres Gottes reglementieren und, so viel Filialen seines Kultes sie auch gründen, ihrer Vermittelung vorbehalten, wenn sie Schätze sammeln und auf Zinsen leihen, dann ist an die Stelle des Gottes eine Kirche getreten, die immer ein sehr irdisches Ding ist, im besten Falle ein getreuer Knecht, der mit dem anvertrauten Golde wuchert (meist für eigene Rechnung): aber das Gold muß da sein, ehe die Knechte mit ihm wuchern können, und der Glaube der Menschen, die nicht den Priester sondern den Gott suchen, ist echter als Gold. Er ist es gewesen, der dem Gotte den Tempel gebaut hat, zuerst im eigenen Herzen. Wo kommt der Glaube her?
Apollon war schon früher eine Person und ein großer Gott, ehe sein delphisches Orakel eine Macht ward. Er hat vorher und später an vielen andern Orten auch Orakel gegeben; er ist als Unheilabwender vieler Orten ange-rufen worden, weil er Unheil senden konnte und sandte; man hat ihm auch Sühnfeste gefeiert; er hat auch schon Phoibos geheißen. Und doch war er ein anderer aller Orten außer Delphi. Er stieg zu den Erdentöchtern herab und entledigte sich seiner Nebenbuhler, wenn es noth that, mit Gewalt; er scheute sich nicht den Leichnam Sarpedons aus dem Blute des Schlachtfeldes aufzuheben, Pestpfeile zu schießen und Achilleus konnte ihn 'ver-derblichster aller Götter' nennen. Wenn er Phoibos hieß, so war das viel eher der Blanke als der sittlich Reine. Dazu ist er einmal, nur einmal, geworden, in
Delphi. Dorthin wenden sich die Menschen nicht bloß zu erfahren, was ihnen 'besser und zuträglicher' sein wird, sondern mit religiösen und sittlichen Bedenken. Dort wird er der Hüter der Reinheit, dem weder physischer Schmutz noch die häßliche Klage und Trauer nahen darf. Jetzt ist Phoibos der Reine, und alles, was mit ihm in Berührung tritt, muß rein sein: dazu gehört ein reines Gewissen. Wie den andern Göttern fallen ihm auch Hekatomben, aber er erklärt zu wiederholten malen, daß ihm die fromme Gabe des Armen die liebste wäre, er giebt jene tiefsinnigsten Antworten auf die Frage nach dem höchsten Glücke, die in der Solonnovelle Herodots nachklingen, und den Eintretenden begrüßt er mit der tiefen Mahnung 'erkenne dich selbst', d. h. gedenke, daß du ein schwaches irdisches Wesen bist. Ohne Zweifel ist vieles teils ethisch vertieft, teils zu den alten Sprüchen hinzugethan, als fromme Dichter wie Pindaros oder welt- und lebenskundige wie Simonides ethische Fragen er-örterten. Alles was individuelle Freiheit und Sittlichkeit angeht, ist dem Apollon des Geschlechterstaates not-wendig nicht nur fremd sondern feind. Aber der Gott muß doch etwas dafür gekonnt haben, daß von den Tagen der sieben Weisen an bis auf Platon und weiter die Sittenlehre und die sittliche Reinheit zu ihm gehört.
So hat sich an dieser einzelnen, mit einem Namen benannten, an einen Ort gebundenen und von hier sich offenbarenden Gottheit die für die Religion entscheidendste Wandlung vollzogen, daß Gott nicht bloß Macht, son-dern Sittlichkeit ist.
Vor den Priestern mit ihrer gewerbsmäßigen Spen-dung der Offenbarung, vor der Pythia mit ihrer Be-geisterung auf Kommando zu fester Stunde müssen in oder um Delphi echte Propheten gelebt haben, die der Geist überkam und denen das echte Wort Gottes aus dem Herzen quoll. Und mag auch die Erinnerung
an diese bedeutenden Männer und Frauen bis auf schatten-hafte Namen verschollen sein: das Feuer ihres Geistes hat das ganze religiöse Leben der Hellenen erleuchtet und erwärmt. Daß sie ihren Gott, der im Grunde ein neuer war, Apollon nannten, hatte nur den äußerlichen durch Zeit und Ort gegebenen Grund, daß dieser von Alters her in Delphi ein reiches Orakel besaß, das durch Träume wirkte, wie vielerorten in Hellas. Auf diesen ihnen vertrauten Gott führten sie ihre Begeisterung zu-rück, ihm verliehen sie in Wahrheit neuen Geist und neue Macht. Irgendwie ist dann durch einen Akt, dessen Gedächtnis in geschichtlicher Überlieferung verschollen ist, aber in mythischen Bildern dauert, und den wir in dem achten Jahrhundert ansetzen dürfen, das neue Wesen in den Kult von Delphi rezipiert, die Inkubation durch die Befragung der inspirierten Prophetin ersetzt worden. Die Prophetie ist zu einem bürgerlichen Handwerk ge-macht worden. Die Religion als Kirche hat sich weiter verbreitet und bald unter den Umwohnern die Herrschaft erlangt, indem Apollon neben und über die alte Erd-mutter der Thermopylen trat, der ursprünglich der am-phiktionische Bund und auch das Orakel gehört hatte.
Eine neue Lehre bedarf einer neuen Form der Mit-teilung, und um in die Breite gehen und dauern zu können, einer gewissen Fixierung. Schon für die Orakel-sprüche selbst hat Apollon sich der von Asien herüber-kommenden epischen Dichtung bedient, und es ist für die komplizierte Kultur schon so alter Zeit höchst cha-rakteristisch, daß der Gott des phokischen Thales sich fremder, überseeischer Sprache und Verskunst bemäch-tigen mußte, um auch nur im Kreise seiner 'Umwohner' allgemein verständlich zu sein. In solchen homerisch stilisierten Sprüchen hat er auch seine sittlichen Ge-bote formuliert; so kann Aischylos auf die Sprüche über die Blutrache gradezu verweisen (279. 314). Zu
lernen war diese Technik nur bei den Rhapsoden, die aus Asien stammend oder doch des asiatischen Hand-werks mächtig das Epos auswendig wußten, vortrugen und selbstdichtend vermehrten. Mit der Dichtkunst kam ihr Stoff, der Schatz von geschichtlicher Überlieferung und köstlichster Unterhaltungslitteratur. Auch dies ward allmählich von apollinischem Geiste getränkt, und ein großer Teil dessen, was später selbst auf Homers Namen ging, ist erst in diesen Zeiten im Mutterlande gedichtet und trägt daher vielfach die Spuren der neuen Gesell-schaftsform und der neuen Religion. So ist die ganze schreckliche Sage von Laios, Oedipus, dem Zuge der Sieben gegen Theben und dem Wechselmorde der Brüder im apollinischen Sinne umgedichtet worden und hat so die Form gewonnen, in welcher die Tragiker diese Ge-schichten empfingen und meist auch weitergaben. Hier ward das Geschick von drei Geschlechtern im Gegensatz zu Homer als ein Exempel des Geschlechtsfluches aus-gearbeitet; auch hier war ein Muttermord, der des Alkmaion, ein Exempel der Blutrache, die der Gott forderte und billigte. So ist denn die alte Geschichte, wie Aigisthos mit Klytaimestras Hilfe den Agamemnon erschlug und dann selbst der Rache des Orestes erlag, von einem apollinischen Dichter etwa des achten oder siebenten Jahrhunderts in der neuen Weise erzählt worden, und es gelingt durch umsichtige Benutzung aller Spuren namentlich auch der bildlichen Überlieferung den Inhalt dieses Gedichtes zu erkennen, so daß man ihn nacherzählen darf, obwohl das Gedicht selbst die Zeit des Aischylos kaum überlebt hat.
Als Agamemnon von Troia siegreich nach seiner Burg Amyklai in Lakonien heimkehrte, erschlug ihn seine Gattin Klytaimestra mit einem Beile im Bade, nachdem sie ihm ein ungeheueres netzartiges Gewand übergeworfen hatte. Mit ihm fiel Kassandra, die er als
Siegesbeute mitgebracht hatte. Klytaimestra war von dem Vetter Agamemnons, Aigisthos, verführt, der an dem Sohne des Atreus seinen Vater Thyestes rächen wollte. Den kleinen Orestes rettete seine Kinderfrau vor dem Morde und ließ ihn durch den treuen Herold seines Vaters, Talthybios, zu Strophios nach Krisa bringen, wo er im Schutze des delphischen Gottes aufwuchs, der ihm, sobald er zum Jüngling herangereift war, die Blut-rache zur unverbrüchlichen Pflicht machte und ihm ge-bot, die übermächtige Gewalt mit List zu bezwingen. So zog er mit Pylades, dem Sohne des Strophios, und mit Talthybios nach Lakonien, wo Aigisthos und Kly-taimestra herrschten. Vor der Stadt traf er am Grabe seines Vaters seine Schwester Elektra mit der alten Amme opfernd. Da die alten Diener zugegen waren, war die Verständigung der Geschwister leicht. Nun konnte ein listiger Plan geschmiedet werden, der den Fremden Zutritt zu den Tyrannen verschaffte, was nur durch Verstellung ging, da jene den Bluträcher fürch-teten und Klytaimestra durch einen Traum gewarnt war. Sobald er ihn zu Gesicht bekam, stieß Orestes den Aigisthos auf dem Throne seines Vaters nieder. Da Pylades ihm beistand, erwehrte er sich ohne Mühe der Trabanten des Tyrannen. Allein Klytaimestra schwang das Beil wider den Sohn; Talthybios entwand es ihr, und Orestes erschlug sie trotz allen Bitten, dem Gotte getreu. Vor der Verfolgung durch die Rachegeister der Mutter schützte ihn der Gott, entsühnte ihn, und so ist er König geworden und hat einen Sohn gezeugt, den er nach seiner That Teisamenos, 'der sich gerächt hat', nannte.
Die Geschichte lehrt unverhüllt und mit Berechnung die Pflicht des Erben, das Blut des Vaters unter allen Umständen zu rächen, einerlei, wer dabei fallen muß. Der Gott verlangt es, leitet es, billigt es. Die Ermordung
der Mutter ist zwar eine Schuld, ihre Seele sucht Rache an dem Mörder zu nehmen (die Erinyen der Mutter, d. h. die Dämonen, die ihre Flüche wachrufen, würden auch von Homer eingeführt worden sein), aber da inter-veniert der rettende und entsühnende Gott. Er ist in Wahrheit der Handelnde; seiner Verherrlichung gilt das Ganze. Wie die Blutrache in den Geschlechterstaat gehört, so wird uns in dem Erbfluche dieses Geschlechtes wie in dem der Labdakiden vor die Seele geführt, daß der Einzelne mit nichten individuell frei ist, sondern starr und unerbittlich sind die Gesetze des Lebens; aber der sie gegeben hat und über ihre Erfüllung wacht, sichert den Getreuen wider alle Mächte, irdische und unterirdische. Dies die Tendenz, und es ist ein be-zeichnender Unterschied von der homerischen Poesie (darum noch kein Fehler), daß das Gedicht eine Ten-denz hat. Daneben hat es bei Homer die Gestaltungs-kraft sowohl in der Handlung wie in den Personen ge-lernt. Es ist durchaus episch; der Besuch des Grabes, die Schwierigkeiten des Zutritts zum Palaste sind re-tardierende Momente, wie sie der Epiker braucht und die Odyssee mit Kunst anwendet. Die alten Diener und Elektra, die als eine leidenschaftliche und mitleidlose Jungfrau geschildert war (wie sie die dorische Phantasie im Himmel und auf Erden liebt), waren bedeutsame Nebenfiguren, wiederum in der Weise des ausgebildeten Epos.
In dieser Gestalt haben die Generationen von Archi-lochos etwa bis auf Aischylos die Geschichte von Orestes gekannt und geliebt. Man las sie und erzählte sie da-neben auch in anderen Fassungen, wie denn die Odyssee natürlich nicht verdrängt ward; in Mykene und Argos wird man den Ruhm der alten Helden für sich bean-sprucht haben; in Athen hielt man daran fest, daß der Abschluß in einer Gerichtsverhandlung vor dem heimischen
Areopag stattgefunden hätte, und so wird es mancher-orten an Abweichungen und Abwandelungen nicht gefehlt haben. Aber die delphische Geschichte ward durch den poetischen Wert ihres Inhaltes und durch die Autorität ihres Gottes gehalten: Stesichoros, Simonides, Pindaros haben sich ihr gebeugt. Eine Änderung und Erneuerung kam erst, als das geläuterte sittliche Gefühl die Autorität des delphischen Gottes abschüttelte.
Athen hatte den Geschlechterstaat und seine Gesell-schaftsordnung gesprengt und die freie Bürgerschaft und einen wirklichen Staat an ihre Stelle gesetzt. Die Blut-rache war nicht formell aber thatsächlich durch die staatliche Rechtspflege überwunden. Blut um Blut mochte weiter gelten, allein der Staat war dem Rächer in den Arm gefallen und hatte gesprochen: die Rache ist mein, ich will vergelten; und der Staat fragte nicht bloß nach Verwandtenblut, sondern schützte das Leben aller Bürger, bald sogar aller Menschen, selbst der Sklaven. So ward die That des Orestes vielmehr ein Exempel dafür, die entsetzlichen Konsequenzen der Selbsthilfe aufzuzeigen und damit die Segnungen der gegenwärtigen Kultur.
Andererseits war die Schätzung der Frau und dessen was wir Familie nennen so sehr gestiegen, daß ein Athener, sobald er sich die sittliche Frage ernsthaft vorzulegen wagte, zu dem Schlusse kommen mußte: Muttermord ist ein so scheußliches Verbrechen, daß es dafür schlechthin keine Entschuldigung giebt. Keine Macht des Himmels kann es sühnen, und wenn es ein Gott gut heißt, so kann das kein guter Gott sein, und das Sittengesetz, das er verkündet, muß unzulänglich sein. Weil er sich zu diesem Glauben durchgerungen hatte, dramatisierte Aischylos diese Geschichte; weil sie in neuem Sinne für ihn exemplifikatorisch war, rückte er den Muttermord ganz in den Vordergrund, während die Blutrache an Aigisthos als Nebensache behandelt ward.
Die Mutter ist dem Sohne das schlechthin Heiligste, Unantastbare, in der Mutter verkörpert sich dem Manne die Würde der Frau, die Heiligkeit des Weiblichen.
In der Schätzung der Frau erreicht die attische Tragödie eine Tiefe und Reinheit, zu der vorher nur bei Homer Ansätze vorhanden sind, und von der die Menschheit dann wieder auf viele, viele Jahrhunderte herabsinkt. Trotz aller Wildheit der Zeiten, die er schildert, hat Homer Bilder der edelsten Weiblichkeit: die individuelle Ungebundenheit Ioniens ließ auch die Frau zunächst freier hervortreten; aber bald wurden die Ionier von dem Kontagium des Orients verdorben. Schon die Philosophie, selbst die des Platon, beschränkt sich wieder im Leben und Lehren auf die männlichen Kreise und neigt sich bedenklich nach der Seite der dorischen Ideale: sie hat wohl die Gleichberechtigung der Seele auch im weiblichen Leibe anerkannt, aber jede An-erkennung auf Kosten des Geschlechtes sündigt wider die Natur und damit wider der Gottheit ewige Gesetze.
Die spätere Poesie steht noch viel tiefer; das neue Lustspiel des Menandros hat zwar die Tradition der Tragödie gewahrt, aber wir kennen es bisher nur unvoll-kommen, und die römische Übersetzung kennt eigentlich nur die Dirne und die keifende Hausehre. Die hel-lenistische Dichtung und ihr römisches Abbild bringt von Neuem und Selbstgefühltem nur Spiele der Sinnlich-keit und des Verstandes; konventionelle Typen haben geringen Wert. Das Leben war gewiß besser als sein Spiegelbild, und die Geschichte ist ungleich reicher an edlen Frauen als die Dichtung. Aber die thatsächlich erreichte Freiheit und Selbständigkeit der Frau hat sie dem Manne nicht ebenbürtig gemacht, weder geistig noch sittlich, und, woran alles liegt: die Heiligkeit der Ehe war verloren gegangen. Das offenbart sich am deutlichsten, als das Christentum in das Leben tritt.
Ohne Zweifel wird ein geschichtlich zu sehen gewöhntes Auge der Askese für jene Zeit ihre Berechtigung nicht abstreiten. Die Welt bedurfte eines strengen Zucht-meisters, wie einst der Apollon von Delphi einer gewesen war, um sich aus der zügellosen Sinnenlust und dem schamlosen Laster zu erheben, das die Historiker selt-samerweise wenig betonen, wenn sie die Gründe des Untergangs der römischen Welt aufsuchen. Dabei bleibt es doch ein Schandfleck auf der Moral der alten Kirche, daß sie die Ehe nicht nur nicht gewürdigt hat, sondern daß sich gerade ihre gewaltigsten Vorkämpfer in den ekelhaftesten Schmutz nicht ohne Wohlgefallen verlieren, um die Ehe gegen den widernatürlichen Stand der himmlischen Brautschaft herabzusetzen. Es ist eine wahre Erquickung, daß Augustinus nicht durch die Theorie, sondern durch die eigene Herzenserfahrung dazu gekommen ist, einer der rührendsten Verkünder mütter-licher Erhabenheit zu sein. Aber daran kann er nichts ändern, daß die Dichter Athens in der Wertung der Frau höher stehen als die Philosophie und vollends als das Christentum. Als die Reformation mit dem Glauben brach, in dem ehelosen Stande etwas Höheres zu sehen, hat sie einen Schritt über das Christentum hinaus ge-than, und wenn wir jetzt die Wertung der Frau selbst im Drama Athens unzulänglich finden dürfen, so danken wir das dem protestantischen Pfarrhause, wo die Gattin und Mutter als ebenbürtige Gefährtin des Mannes ihre von der Natur geheiligte Stellung ge-funden hat.
Die Zeit des Rittertumes, dessen Ideale Aischylos überkam und überwand, ist die Zeit der Knechtung des Weibes. Das liegt in der Natur des Geschlechterstaates, da das Weib strenggenommen mit der Ehe ihr altes Geschlecht verliert, ohne doch wirklich in das des
Das giebt anmutige Schilderungen jungfräulicher Reize, für die die Ritter sehr empfänglich sind, wie Herakles, ihr himmlisches Vorbild. Aber das Weib ist ihnen wesentlich in demselben Sinne ein begehrens- werter Besitz wie der Wein und das Gold. Die herbe männische Jungfräulichkeit imponiert ihnen, weil sie ihnen widersteht; in ihr wird ein Göttliches empfunden, und gern denkt sich der Ritter seinen himmlischen Be- schützer bei der Jagd und im Kampfe als eine kriege- rische Jungfrau, die ihm zur Seite stünde wie Athena dem Herakles.
Aber vor der Würde der Frau haben sie geringe Achtung; das Kriegsrecht behandelt sie fort- dauernd als ein Beutestück.
Sparta hat die Gedanken dieser Gesellschaft am vollkommensten durchgeführt, die Ehe in brutalster Weise als eine Veranstaltung zur Züchtung gesunder Spartiaten behandelt und den Frauen sogar die Tischgemeinschaft mit ihren Gatten und die Erziehung der Knaben genommen.
Wie sollte der junge Spartiat die wirkliche Mutterliebe kennen, wenn er mit dem siebenten Jahre in die 'Herde' trat, in die Dressur des Kadettenkorps, wo ihm in den Jahren der ersten seelischen Regungen nur das Kommando des militärischen Erziehers und der Zuspruch des älteren Kameraden nahe trat.
Orestes von Amyklai wusste nicht, was eine Mutter ist. Damit ist keinesweges gesagt, dafs die Frauen in Sparta nicht Mittel und Wege gefunden hätten, ihre Herren zu beherrschen.
Im Gegenteil, Aristoteles er-
Keine Geschichte ist so voll von Ehebruch wie die der vornehmsten Häuser von Hellas, der hera- klidischen Könige, und in keiner wird die entscheidende Initiative so oft in das Frauengemach verlegt. Aber wenn weibliche List und Tücke die plumpe Gewalt der Männer berückt, so rächt sich das Geschlecht mit un- würdigen Waffen, weil ihm seine Würde vorenthalten ist.
Der Prophet der dorischen Ideale ist Pindaros, ein ernster Dichter, voll des Bewusstseins, daſs er seinen Stand belehren und erziehen müsse, er selbst auch in seinem Leben ein leuchtendes Vorbild männlicher Tugend.
Aber so liebliche Bilder mädchenhafter Reize er ge- zeichnet hat, eine edle Frau giebt es nicht bei ihm; wie die Knaben, die in den Turnspielen unterlegen sind, sich beschämt zur Mutter schleichen, das ist alles, was er von dieser zu sagen weiſs.
Alles Gefühl, dem wir den Namen Liebe gewähren können, gilt ausschliesslich Knaben; für das Weib kennt er nur Begierde. Die Ionier Archilochos und Anakreon sind in den meisten Stücken Gegensätze zu Pindar: hierin sind sie ihm gleich.
So haben denn erst Aischylos, von dem es heifst, dafs er nie ein liebendes Weib geschaffen hätte, und Euri- pides, den sie einen Weiberfeind heiſsen, der Natur ihr Recht widerfahren lassen. Sie hegen im Grunde dieselben Empfindungen wie wir, mag auch der Ausdruck durch die Macht der unfreien Sitte und der niemals abgerissenen Tradition vielfach fremdartig scheinen.
Weil er die Frau anerkannte, war das erste für Aischylos: was Orestes thut, ist Sünde. So mächtig ist ihm diese Wahrheit, daſs sie, zuweilen fast störend, mitten in die Mahnung zur Rache hineintönt.
Deshalb
hat er aber auch Klytaimestra zu einem individuellen
Charakter erhoben. Der Zuschauer der Choephoren hat
Hier erscheint sie nur in ihrer Fürstenwürde, trotz aller Überlegenheit die Form wahrend, daſs ihr Gatte regiere, von dem Tode des Sohnes im Tiefsten erregt, aber das eigene Herz rasch bezwingend, die Liebe zu Aigisthos mit einem Worte gestehend, aber sofort (fast wie Kleopatra bei Shake- speare gegenüber Oktavian) der neuen Situation gemäſs den Sohn zu gewinnen trachtend, eine Meisterin des Heuchelns, mehr als männlichen Willens und Wagens.
Aber die Schärfe ihres Verstandes läfst sie auch niemals sich über ihr Thun täuschen; ihr Gewissen ist gleich scharf, und so trägt sie ihre Strafe im eigenen Busen.
Sie hat die Kraft zu herrschen wie ein Mann, aber sie fordert Liebe als ein Weib; da sie die nicht bei dem Heldengatten findet, nimmt sie sich einen Fant, der ihr gefällt und ihr gehorcht.
Der dummstolze Aigisthos ist als Folie für sie charakterisiert. Dasselbe sind in anderem Sinne die Tochter, die die Mutter gerade deshalb ver- abscheut, weil sie sich ihr zu ähnlich fühlt, und die alte Kinderfrau, die die niedrigsten und doch so beglückenden Mutterpflichten an Orestes geübt hat und diese Sorte Liebe statt ihrer äufsert.
So dies Vollbild eines Frauen- charakters in erhabenem Stile: das Widerspiel Penelopes.
Alles was sie thut und was sie leidet erscheint als die natürliche und darum unausbleibliche Folge von dem, was sie ist.
Orestes ist ein unreifer Jüngling, kaum dafs er mannbar geworden ist, zum Vollzuge der That berufen, die seit Jahren als die Aufgabe seines Lebens auf ihm lag.
Er ist kein Charakter, und doch geht das wichtigste der tragischen Handlung in seiner Seele vor sich.
Er
ist Werkzeug des Apollon, der die Rache gebietet und
den Knaben zu der Ausführung immer von neuem an-
Wir sehen dann, wie er nach der That trotz allem Erfolge, allem Beifall, allen Zusagen des Gottes der Stimme des Gewissens Recht geben muſs und unter dieser Selbstverurteilung zusammenbricht.
Damit ist Apollon gerichtet. Vor der Sittlichkeit, die dem unver- dorbenen Herzen eingeboren ist, kann das grausame Ge- bot der Blutrache und der ererbten Sündenpflicht nicht bestehen. Es braucht nicht in lästerlichen Sprüchen formuliert zu werden (wie Euripides diesen Apollon gradezu einen Teufel nennt): wir sehen es genügend in den Seelenqualen des reinen Jünglings vor und nach dem Muttermord, dafs der Gott, der solches fordert, kein guter Gott sein kann, dafs die Menschheit in ihrer reli- giösen Entwickelung über die apollinische Stufe hinaus ist.
Trotz dem vielen und Ergreifenden, was sinnfällig in dem Drama geschieht, ist doch die Hauptsache dasjenige, was Orestes innerlich erlebt: das richtig zu erfassen, daran hängt das Verständnis des Dramas.
Der Prolog exponiert den Jüngling. Er opfert am
Grabe seines Vaters Dies darf man sich nicht dicht neben dem Schlosse
denken, obwohl es so auf der Bühne dargestellt ist. Ort der
Handlung ist bis V. 550 am Grabe: da existiert die Hausfront
der Hinterwand für den Zuschauer nicht; Elektra und der
Chor kommen von der Seite, obwohl sie von Hause kommen. Von 653 ab ist die Hinterwand das Schloſs wie im Aga-
memnon: da existiert das Grab nicht mehr. Aber es findet
kein Scenenwechsel statt, sondern Elektra geht durch die Hinter-
wand ab, die damit für den Zuschauer zu existieren beginnt,
und der Chor bleibt, obwohl er eigentlich nach Hause zurück-
kehren müfste, weil die Scene nun vor dem Hause gedacht
wird. Diese ganze Anordnung ist der Praxis des attischen
Theaters angemessen, wenn wir sie auch nicht nachmachen
könnten.
Das Einzuglied des Chores und das Opfer Elektras orientieren nicht nur den Zuschauer, sondern auch den lauschenden Orestes über die Lage im Hause. Trotz allem Widerwillen gehorcht das Gesinde dem Gebote der verhafsten Tyrannen, und das Volk liebt sie zwar nicht wie den alten König, aber es beugt sich dem Erfolge.
Ein Versuch es zu insurgieren würde keinen Erfolg haben, aber dem Überwinder des Tyrannen werden sie zujubeln.
Elektra, so verschüchtert sie auch ist, steht hoch über den Mägden. Sie kann sich nicht entschliefsen, den Auftrag der Mutter zu erfüllen, und indem sie einen in Wahrheit noch unmöglicheren, weil den Vater kränkenden Ausweg vorschlägt, zwingt sie dem Chore die Aufforde- rung ab, zu thun, wozu ihr Herz sie drängt, dem Vater in ihrem Sinne zu opfern.
Wie sich die verängsteten Mädchen gegenseitig die Nennung des Orestes, an den sie alle denken, zuschieben, offenbart am besten ihre Seelenstimmung.
Als Elektra dann das Gebet spricht, verlangt sie zwar die Heimführung des Orestes, sie fordert auch den Tod der Mörder, aber es liegt ihr ganz fern, in dem Bruder, den sie sich nur als hilflosen Knaben denken kann, oder in irgend einem bestimmten Menschen den Vollstrecker der Rache zu denken.
Und auch der Chor hat in dem Grabgesange, mit dem er die reiche rituelle Handlung des Opfers begleitet, kaum bestimmtere Vorstellungen von dem erwarteten Erlöser des Hauses.
Der Chor ist für die attische Tragödie nicht nur eine
Es ist also für uns und auch für Orestes bedeutsam, daſs wir in dem ersten Liede die feste Zuversicht vernehmen, es gäbe für vergossenes Blut keine Verjährung noch Vergebung. Darin klingen Motive des Agamemnon nach, wie die Rhythmen und ohne Frage die Musik an die ersten Lieder der vorhergehenden Tragödie erinnerten. Aber die Stimmung dieses Einganges und dieses Opfers steht im Kontraste zu dem ersten Drama, das auch mit einem feierlichen Liede und einem Opfer begann. Das war ein Dankopfer und ein Lied, das von günstigen Vorzeichen anhob und in der Zuversicht auf den Sieg des Guten schloſs. Hier sehen wir schwarzgekleidete Klageweiber und hören und sehen Gebräuche eines altertümlichen, wilden, in Athen von Solon verbotenen Totenkultes. Kirchhofsluft weht uns aus diesen ersten Scenen an: so exponiert sich die That, die der reine Apollon geboten hat.
Als Elektra mit der Locke, die sie auf dem Grabe
gefunden hat, heruntertritt, weicht dieser bange Druck;
die Darstellung wird voller, das Gespräch lebhafter. Die
hellsichtige Liebe der Schwester hat aus der Locke auf
das Kommen des Bruders geschlossen; als die Über-
legung sie zwingt, diesen Schluſs als voreilig aufzugeben,
erwecken die Fuſsspuren ihre Hoffnung von neuem
Der Chor, dem nun die Rolle zufällt, die göttliche Mah-
Wenn es nur auf die Handlung ankäme, könnte der
ganze groſse Wechselgesang, der nun folgt, fehlen. Seine
Einfügung zeigt am besten, welches Gewicht Aischylos
darauf gelegt hat, das Gefühl und die Stimmung des
Orestes dem Zuschauer nahe zu bringen. Wehmütige
Resignation, ohnmächtige Klagen und Wünsche beginnen;
die Mahnungen des Chores an die Macht und Majestät
des Vaters im Jenseits verfangen nicht. Erst als der
Chorführer die Schande und die Gefahr der Situation mit
schneidender Schärfe darlegt, zuckt Orestes zusammen;
er erkennt die Notwendigkeit der Rache an, aber Gott
selbst soll rächen. Elektra, immer die leidenschaftlichere,
fordert die Zerschmetterung der 'Häupter', wie sie sagt,
und der Chor wiederholt seine Mahnung 'der Sterbende
zeugt den Rächer'. Da wird Orestes sich dessen be-
wuſst, dafs er nur ein Werkzeug in der Hand der Todes-
mächte ist, und das schlägt ihn völlig zu Boden: ver-
zweifelnd ruft er die Hilfe Gottes an, da er nicht aus
noch ein weiſs. Er ist jetzt am weitesten von der That
entfernt. Nun wendet Elektra das äusserste Mittel an;
sie und auf ihr Geheiſs der Chor schildern in grellen
Bildern die Unthaten der Mutter. Lange schweigt Orestes
der Dichter durchbricht die Responsion in der Per-
sonenverteilung, damit auch wir ungeduldig werden, wenn
Orestes nicht am rechten Platze antwortet. Immer neue
Strophen folgen: endlich ermannt er sich das Wort zu
sprechen, das ihm in den Mund gelegt wird. Er wird
sie töten um den Preis des eigenen Lebens, so fügt
er schaudernd hinzu. So ist der Entschluſs gefafst: in
ihm sind alle sich einig und bekennen ihn in gemein-
samem Finale. Doch wunderbar, der Chor fügt eine
von den Geschwistern überhörte Strophe hinzu, die über
die heilende Blutthat des Erben wehe ruft. So eilig
Es folgt die Beschwörung des Vaters, in der wohl des Aigisthos aber nicht der Mutter Erwähnung ge- schieht. Aber nun erfragt Orestes in lebhaftem Ge- spräche den Traum der Mutter, über den nur ganz All- gemeines bisher gesagt war. Die Bedeutung des Vor- zeichens ist unverkennbar, und so giebt diese Offenbarung der Zukunft dem Orestes den Schwung, dessen er bis- her entbehrte: jetzt (das Drama ist auf der Hälfte) ruft er zuversichtlich 'ich erschlage sie', und giebt mit Herrscherstimme den schweigenden Mitwissern ihre Ver- haltungsmafsregeln für die That. Sein Schwanken ist zu Ende: er bewährt sich als Mann. Die List, mit der er sich Zutritt verschafft, wird nur skizziert, die Mit- wirkung selbst Elektras bleibt im Dunkel. Schwierig- keiten sind eigentlich nicht zu überwinden, und wenn später ein geschicktes Eingreifen des Chores bewirkt, daſs Aigisthos ohne Bedeckung vor die Fremden tritt, so hat das geringen Wert für den Zuschauer, der für das Leben und den Sieg des Orestes viel weniger zittert als für seine Seele. Der Dichter hat eben alles entfernt oder als Bei- werk behandelt, was nicht auf die eine Hauptsache Bezug hat.
Ihrer Beleuchtung dient das einzige zu allgemeiner Betrachtung sich erhebende Lied, das an dem einzigen Ruhepunkte der Tragödie steht. Es bereitet auf das Erscheinen der andern Hauptperson vor, Klytaimestras. Indem die dämonische Gewalt des Weibes erst im allge- meinen gezeichnet wird, dann mehrere Sagengestalten zitiert werden, von denen doch keine an die Gröſse dieser Verbrecherin heranreicht, hebt sie sich zu übermensch- licher Höhe, und ihr Fall erscheint als eine Forderung, an der die sittliche Weltordnung hängt. Aber wer bringt sie zu Falle? Nicht Gott, sondern die Hölle, durch ein neues Verbrechen.
Das tönt in unseren Ohren, als die verkappten Phoker
am Thore pochen und bald darauf Klytaimestra auftritt,
majestätisch, doch ihren echten Schmerz um den Tod
des Sohnes so rasch bemeisternd, daſs sie das Herz
dessen, der vor ihr steht, nicht in seinem Entschlusse
wankend machen kann Aischylos läfst uns nichts davon fühlen, was der An-
blick der Mutter in Orestes wecken muſs, und für sie ist
und bleibt der Fremde gleichgiltig. In der Bearbeitung von
Leconte de Lisle sagt Orestes zu Elektra, als die Mutter aus
dem Palaste heraustritt: Das ist deshalb von so groſser Schönheit, weil es aus der
Situation sich eigentlich von selbst ergiebt. Die Erinnyes
des französischen Dichters zu lesen und mit dem Originale
zu vergleichen rate ich nicht nur, weil sie ein echtes Kunst-
werk sind, sondern weil ich hoffe, dafs die Schätzung des
Aischylos, sowohl seiner dramatischen Kraft wie seiner re-
ligiösen Tiefe und seines menschlichen Gefühles dadurch ge-
steigert werden wird. Leconte de Lisle ist für den Un-
befangenen viel fremdartiger, aber für das klassicistisch
geaichte Schulmeisterverständnis ohne Zweifel viel klassischer
als der wirkliche Aischylos.
Rasch wird Aigisthos abgethan; der Chor entweicht: Mutter und Sohn treten einander gegenüber, beide das Äuſserste zu thun und zu leiden gefafst. Noch einmal zuckt Orestes zurück: da spricht Pylades, der so lange stumm gewesen war; in Wahrheit spricht der Gott aus ihm. Orestes gehorcht: aber schon indem er es thut, weifs er, daſs es Sünde ist.
Mit lautem Jubel setzt der Chor ein; der Kontrast
der Stimmung ist überwältigend. Was er vorträgt ist
ganz im Sinne Apollons gehalten. Er hat es geboten,
so ist es gut; es war ein Mord, sogar ein hinterlistiger,
nicht in ehrlichem Kampfe; aber er geschah in gerechter
Sache. So war es gut und wird ganz gut werden. Nur
noch der äufseren Sühnung bedarf es, dann sind die
Orestes proklamiert seinen Sieg und den Antritt seines Erbes und der Herrschaft über Argos vor dem Volke; der Chor repräsentiert nicht mehr die Sklavinnen des Hauses, sondern die Gemeinde. In seinem Hochgefühle beginnt der Sieger mit Hohn wider die Opfer, an deren Bahre er steht, und läfst das corpus delicti, das verderb- liche Gewand, an dem das Blut seines Vaters klebt, herum reichen, die Schuld der Erschlagnen zu beweisen. Da vollzieht sich an dem Jünglinge, der durch seine Schuld Mann geworden ist, innerlich das Gericht. Bald zeigen sich Spuren davon, daſs seine Stimmung in Schwanken gerät. Mitten in der Anklage der Mutter kommt ihm der Gedanke, daſs wie sie dem Gatten, so ihr der Sohn zum ärgsten Feinde geworden wäre, und das corpus delicti will er plötzlich in einem Prozesse verwenden, der ihm gemacht würde wo, von wem, daran denkt er nicht und es ist nicht auszudenken: es ist das Gericht, in dem das Gewissen Ankläger und Richter zugleich ist.
Sein Geist beginnt zu schwindeln.
Sein Blick und seine Rede schweift unstät von der Mutter
zu dem Gewande hin und her. Er erschöpft sich in
bizarren Vergleichungen, in Flüchen, aber der Gedanken-
fortschritt ist abgerissen, die Rede stockt häufig. Die
Umgebung ist ratlos; der Chor redet banales. Da kommt
Orestes damit heraus, was ihm für ein Gedanke be-
ängstigend aufgestiegen ist: war die Mutter auch wirklich
schuldig? Er hat ihre That nicht angesehen, ist es auch
Das hat das Gebot des Gottes erreicht; ein neues Verbrechen ist den alten zugefügt: so lange dieses Ge- setz gilt, zeugt die alte Blutschuld in Ewigkeit fort. Giebt es denn keine Versöhnung? Mit dieser unbeant- worteten Frage sind wir an die Fortsetzung in dem nächsten Stücke gewiesen. So feierlich es auch aus- klingt: die Versöhnung wird uns unzulänglich scheinen; an dem Orestes der Eumeniden werden wir kein Inter- esse mehr nehmen, und vielleicht werden uns die Höllen- wesen in leibhafter Erscheinung minder erschüttern als hier, wo sie nur in der Phantasie des Orestes existieren.
Aber diese kurze Scene, in der die Stimmung des Orestes
Gegenüber meiner Ausgabe von 1896 habe ich zu
berichtigen: 24