Digitale Edition der Briefe und Dokument der Familie Mozart
Digital Edition of Letters and Documents from the Mozart Family
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Ulrich Leisinger
Digitale Mozart-Edition
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LEOPOLD MOZART AN MARIA ANNA VON BERCHTOLD ZU SONNENBURG IN ST. GILGEN
SALZBURG, 9. UND 10. MÄRZ 1787
Der Leopoldl befindet sich, Gottlob,____________\hfill Salzb d 9t Merz
Lustig u gesund, er hat nun erst ein_____________________________\hfill 1787
Zahn in d Höhe bekom, folgl: hat er itzt 3 Zähne, 2 unt
in der Mitte, u ein oben rechter hand.
Du hast dich sehr geirrt, da du glaubtest es werde dem Heinrich
verdross hab, daß ihm Vanschenz vorstehet: keinesweegs!
er kam höchst vergnügt von Hofe zurück, u sagte, er wäre
frohe, daß es so gegang seÿe, indem es sonst dem Erzb:
hätte einfall kön od darauf antrag, daß er ihn dadurch noch
auf einige Zeit hier zu behalt angebändelt hätte. – da eb
dieses seines Vatters sehnlichster Wunsch war, so könt ihr euch
leicht einbild was für eine Freude sein Vatter wird gehabt hab,
diese Bubenrede u Kindische FrazenIdée zu lesen, da er ge=wünscht hätte ihn noch ein paar Jahre hier zu wiss, u sondheitl:
ein natürl: Vätterl: Vergnüg hatte, daß sein Sohn dirrigierte, er
auch sich dabeÿ durch sein Betrag erhalt möchte. In einem Jahre
ist seine Zeit vorbeÿ. wohin dan? – – nach Hause zu seines Vatters
Tische, und zum faullenz? – da wird er in einem Jahre nicht
nur nicht besser, sondern schlechter, da es noch allzeit so gescheh ist,
u nicht anders geh kan, – die Gelegenheit zum Missigang ist zu
groß; u seine Faulheit ohnbeschreiblich. Ich bedaure die
lieb, ehrlich, gut Eltern, lasse ihn mach was er will, schreibs
dem Vatter, und will mir meine ohnehin schwache Gesundheit nicht
mehr verderb u mich ganz zu Grunde richt. Der Gretl ihre
Aufführung ist ganz etwas ands, u ob sie gleich nur um 1 Jahr
älter ist, so hat sie doch um 10 Jahr mehr überlegung u Verstand.
wird aber auch überall gelobt u geschätzt, u macht durch ihre
moralische gute Aufführung ihr Eltern Vergnüg u nicht den
mindest Verdruß.
Da d Steinmetz neb uns tod ist, so ist alles so ausgestorb, als
wen alle tod wär; keine Thür wird eröffnet, keine Seele sieht
man; u da alle Freytag Brod ausgetheilt wurde, kom nun die
Bettlweiber in Prozession zur verschlossn Thüre. – das es Gott
erbarme! – itzt könnt die arm Leute ihn das Brod bring!
kein Arbeit! – u kein Geld im Hause! – Man sahe es aber,
leider, lange vor. Nun kom die Pfaff nicht mehr zum Coffée p:
und der Badergessel zum Frühestück p:
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Im letzt Cassino sang d Bassist Sidra, u da d Erzb: schon
lange den Preyman hör sollte, so sagte er, er soll im Cassino
spiel. Er spielte so gut, daß er nach iedem Stück ein
allgemein lermend Beÿfahl erhielt, und alles, Noblesse u
andere mir darüber Compliment macht, weil sie kannt, daß
Preÿman aus meiner Schule u Anweisung spielte p:
\newpage selbst Heinrich war betroff, da er den Preyman seit seinem
Hierseÿn nur imer beÿ quartett, die wir oft macht, die
Secund u beÿ einer Finalmusik vorig Somer ein kleines
Concert auf d gasse spiel hörte. den Tag, vor dem Cassino,
kam Preyman noch zu mir abends unter d Zeit, als Heinrich
beÿ Hofe ware, u spielte mir das Concert |: vom Giarnowik :|
wo ich ihm, sondheitl: im Adagio, gewisse zärtliche Ausdrücke,
gestohlenes Tempo p: lehrte, u im allegro gewisse piano.
davon der brausende wilde Kopf des Heinrichs nichts hör
will, da ers doch auch zum theil vom Vanschenz u Strina=sachi hört. Genug! er Thut sichs selbst!
Die Mad:me Schlaucka erkrankte verflossen Samstag abends augenblicklich,
ohne Kentniss u ohne Sprache, – es war eine Art eines kopfschlags,
nach allen angewendet Mitteln brachte man sie die Nacht durch wied, in
etwas zur Sprache und kentniß d Umstehend. Es muß besser geh,
weil seit 2 Täg, wo ich hörte, daß es sich bessere, nichts mehr gesproch wird.
h: Wallner auf der Landschaft wirds auch nicht mehr lange mach.
h: Steiger wurde von den Kind geruff, u alles lief ihm weinend
u bittend entgeg, daß er h: Wallner auf gute Art bered möchte
ein Testament u Richtigkeit zu mach: allein er wollte es durch=aus nicht versteh, ob ihm gleich d kurze Athem die Brust
bereits enge macht. – Landschaft Dienste sind herrliche gute Dienste,
sondheitl: itzt, da ein artiger menschenfreundlicher Domdechant, ein
guter nichts bedeutend Bischof in Chiemse, – und ein vernünftiger
Prelat zu St: Peter p: da ist p. da alles gut eingerichtet word,
u man mit dem Erzb: nichts zu thun hat. – Genug! wen man
für seine Kinder denkt, – und das muß man vor Gott und der
Welt, – so kön solche wed auf dem Land erzog, noch zur Beferderung
ihres zeitlich u ewig wohls kom: und endlich sind etliche 1000 f
erspartes Geld kaum genug solche in ein Spital einzukauff.
h: von Andretter weis auch schon lange fast wenig od nichts mehr von sich,
da werden also zweÿ gute Stellen leer.
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h: von Hafner hatte abermahls ein hitzig Catharr, er ist noch nicht
ganz hergestellt, u die Medici seh vor, daß am Ende eine Auszehrung
erfolget wen er das unordentliche Leb nicht ändert, welches schwerlich
gescheh wird, solange er von Schmarotzern umgeb ist, die ihn
bestendig animier, und, wie der Teufel eine Seele, in d Mitte
halt, u niemals verlass.
Schon oft hatte man dem Juden Laudon gerath, daß er sich von
hier weg begeb möchte; – allein, weil er wusste, daß er grosse
Protecktion hatte, gieng er nicht. – Nun wurde ihm durch ein
Decretum proprium des Erzb: vom StattSyndico angekündigt, daß
er als gestern Salzb: verlass solle. Vor 6 uhr abends, wo die
bestimte Stund kam, erschien ein Schreiber vom Rathhause in dess
Wohnung beÿm Hofwürth. 2 Amtsdiener war auf der Strasse
in einiger Entfernung. Um 6 uhr musste\newpage er fort fahr, sonst
wäre er mit d 2 Scherg hinausgeführt word. Deo Sint Laudes!
wenigst trägt er 6000 f Gewin, den er nach u nach verschickte,
von Salzb: weg. wollt ihr alle seine Stücke wissen? Vieles wisst ihr!
Die Md:me Barisani ist dieser Täge hervorgegang. Er lässt ein
schön breit gehweeg über den Grasbod herüber mach, da beÿ
kotigem Wetter nicht herüber zu geh ist.
Barisani Nanerl soll heyrath. Sie konnte mir aber den Ort selbst
nicht nenen. Es ist ein Gut od Güttel, das der Hochzeiter von
einem Cavalier in Münch gekauft hat, u 4 Stund von Passau seÿn
soll, geg Wald od Böhm zu; und da ich etwas von einer Glas=fabric hörte u weis, daß ohnweit Passau eine Glashütte ist,
so wird h: Glasmeister Schmaus vermutlich einig Bericht da=von geb kön.
Die Gilowskische affaire wird imer schmuziger. Die Freul Braut
Josepha von Laudes ist beÿm Oberbereitter aus dem Hause
gejagt word. und wed er noch sie lass sich da mehr seh.
durch diesen Zufahl wurde dringenst beÿm Vatter Zuflucht
gesucht, u da sie ohnehin oft da speisste, so wohnt sie nun
auch dort im bewusst Zimerl. Das Heyrath hat ihn der
Erzb: auf 2 Bittschrift rund abgeschlag, und da sonst
beÿm Aufwart beÿ d Tafel d Erzb: imer mit dem alt
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Gilowsky sich spasste, so spricht er nicht nur, seit dem
sie sich um Hayrath gemeldet, nicht ein Wort mehr mit
ihm, sondern ließ ihm itzt sag, daß ihn, weg seinem
Alter, von all Camer= u Tafeldienst p: dispensiere.
das verdrüsst den alt. – wie lange mags ansteh, daß
die katherl mit der Braut in Uneinigkeit kom, da
sie imer beÿsam sind? – – sonderheitl wen die Mss:lle einmahl
zu ihr sagt, daß es sie gereuet herauf gereisst zu seÿn, da lässt sich d
Katherl antwort leicht errath, absondlich, wen sie im Hause zu Coman=dier u Kritisier anfängt, wie sie es beÿm Oberbereitter machte.
Es wird sich in kürze zeig.
Die 2 f 40 Xr für Choccolate u Mandlkleib habe erhalt. Hier
schicke euch abermahl ein Choccolate. Ich musste von Herz lachen,
daß in Betref d Choccolate sonst weiter in deinem Brief
nichts enthalt war, da ich euch nur 12 ℔ schickte, u beÿ d Nacht in
Eÿle das ande lieg ließ. das ℔ vom theur Choccolate ist
Münchner Gewicht, u nicht gewöhnliches Chocc: Gewicht: folgl:
schwerer, folgt also hier das zweyte halbe ℔.
Der Wolfgangerl brachte, ein Bündl, den ich hinausschick sollte, weil du ihm
geschrieb hättest, er solle, was zerrissen ist, hinausschick; ich konnte also
nicht wissen u wart ob, od wen ihr jemand herschicket. Ich machte ihm
eine erstaunliche Predig weg seiner Wäsche p: und auch weg sein Lügen
und unbesonen Red, die ich erfuhr, da er unter and sich rühmte, daß er
seine zwote Mama rechtschaff cujoniert hatte u ganze Lügengeschichten
erzehlte. Er hatte dortmahl die Schachtl eigenmächtig aufgerissen, wo an
den Præceptor ein Brief mit geld war p: ich muß die Geschichte erst recht
hör. noch habe mich nicht entschlüssen kön, die elend hoh 3 Stieg Staffeln
zum Magister hinauf zu kriech; den die hoh Stieg sind mir itzt be=schwerlich.
Im nächst Cassino wird eine Singmusik von 2 acten, u gar kein Concert
gemacht. Es ist von unserm Haydn. In der viert spielt Heinrich ein
ViolinConcert; und in d 5t spielt Strinasachi ein ViolinConcert, u
Heinrich auf dem neu Fortepiano, das d Orgelmacher bis dahin fertig
macht. Nun küsse euch von Herzen, grüsse die Kind u bin, so lange
ich lebe, euer redlicher Vatter
_____________________________________________________\hfill Mozart mp
Heinrich empfehlt sich, – die Nandl u Tresel küss die Hände, u ich grüsse
______________________________________________________________________________die Lenerl.
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__________________________________________Sontags um 10 uhr.
Da d Kessler um 12 uhr schon wied abreiset, auch die Leute, die er hereinführte, hier
vieles einkauff, so weis er nicht, ob, u was er mitnehm kan. um halbe 12 füttert er beÿm
Breu am Stain, und da wird ihm die Tresel, nach seinem Verlang, etwas in den Stall bring.
[Sie] hat 8 ℔ Haarpud und 6 ℔ Stärk in einem Sack unterbund beysam. kan ers nehm, so ists gut:
[wenn] nicht, so wird sie die 8 ℔ Haarpud in ein kleinern Sack steck, u mitgeb. Es würde dan
__________________________________gut seÿn beÿ nächster bester Gelegenheit, das Sackl
__________________________________wieder herein zu schicken. – Pud, Stärk sind ohnehin
__________________________________gestern schon eingekauft word, überal das ℔ 12 Xr.
__________________________________Hoffe ihr werdet den Brief vom Gräzerboth erhalt hab.
__________________________________das Geld erhielt im vorig Briefe richtig, und alles das
__________________________________übrige, was ihr verlangt wird zwisch Heut u morg ein=__________________________________gekauft werd. die 20 ℔ Reis glaube sind schon gekauft,
__________________________________wenigst hab der Tresel gestern dafür 2 f 52 x bezahlt das ℔. à 8 [12 xr.]
[Der] neue Geiger heist Fanschentz, ist ein Thurnerssohn von Ens in Oberöst: --[w]ird etliche 20 Jahr alt seÿn. dieser dirrigiert itzt p: ist beÿm Gr: Starmberg im
Haus, der Brud Majoratherr hat ihn erzog p: u lern lass p: addio! ich küsse euch
von Herz u bin euer redlicher Vatter______\hfill Mozart mp
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A Madame
Madame de Sonenbourg
à
St: Gilgen
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