Digitale Edition der Briefe und Dokument der Familie Mozart Digital Edition of Letters and Documents from the Mozart Family Internationale Stiftung Mozarteum Salzburg
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LEOPOLD MOZART AN LORENZ HAGENAUER IN SALZBURG WIEN, 30. JULI 1768
__________________________\hfill Wienn den 30.t Julij 1768. _____Sie haben alles wieder gut gemacht! – – Es war uns nur bange, ob nicht etwa von ihrem Hause iemand unbässlich wäre. Wir sind nun von dieser Seite um so vergnügter, als wir sehen, daß viel=mehr das gute wohlseÿn und die Unter= haltung im Garten an diesem stillschweigen Ursache ware. Auf einer anderen Seite hingegen, nämlich unsern so langen Aufent=halt in Wienn betreffend, sind wir höchst missvergnügt. ja, nichts als unsere Ehre hält uns zurücke, sonst würden wir be=reits lange in Salzburg seÿn. Denn wollten sie wohl, daß man in ganz Wienn sagen sollte, der Wolfgang: hätte die opera nicht verfertigen können; oder, sie wäre so elend ausgefallen, daß man sie gar nicht hätte aufführen können; oder er hätte Sie nicht gemacht, sondern der Vatter p wollten sie, daß man mit kaltem Blut erwarten sollte, daß derleÿ Verleumdungen in alle Länder aus=geschrieben würden. Würde dieses wohl zu unserer Ehre, ja würde es zur Ehre unsers gnädigsten Fürsten seÿn? Sie werden sagen: was sagt den S:e Maÿestätt der Kaÿser dazu? – – Hier muß ich die Sache nur kurz berühren, denn ausführlich läst es sich nicht beschreiben. doch sie werden es einsehen. Hätte ich alles gewust, was ich nun weis; und hätte ich Zu=fälle vorsehen können, die sich eräugent ha=ben, so würde der Wolfgang: gewiß kei=ne Note geschrieben haben, sonderen längst zu Hause seÿn. Das Theater ist verbacht, oder vielmehr einem gewissen Affligio überlassen; Dieser muß jährlich einige 1000 f: an Leute bezahlen, die der Hof sonst bezahlen müste, der Kaÿser und ganze Kaÿserliche Familie zahlt nichts, ist freÿ. Folglich hat diesem Affligio der Hof nicht ein Wort zu sagen, indem alles auf seine Gefahr gehet, und er nun wircklich in Gefahr stehet, ins Verderben zu gerathen, wie sie hinnach gleich hören werden. _____S:e Maÿestätt sagten unserm Wolf=gang: ob er nicht eine opera schreiben möchte, und daß allerhöchstdieselben ihn gerne beÿm Clavier die Opera dirrigiren sehen möchten; S:e Majestätt liessen solches auch dem Affligio melden, der dann auch solches gegen bezahlung von 100. duccaten mit uns richtig machte. Die opera sollte Anfangs auf Ostern gemacht werden; Allein der Port war der erste, der es hin=derte, indem er, um nur da und dort Veränderungen, die nothwendig waren, vor=zunehmmen, es immer verzögerte, so, daß man der veränderten Arien erst zweÿ um Ostern von ihm erhalten konnte. Es wurde auf Pfingsten, und dann auf die Zurückkunft S:er Majestätt aus Ungarn vestgesetzet. Allein, hier fiel die Larve vom Gesichte. – – – Dann unter dieser Zeit haben alle Compositores, da=runter Gluck eine Hauptperson ist, al=les untergraben, um den Fortgang die=ser opera zu hindern. Die Sänger wurden aufgeredet, das Orchester auf=gehätzet, und alles angewendet um die Aufführung dieser opera einzustellen. Die Sänger, die ohnehin kaum die No=ten kennen, und darunter ein und ande=rer alles gänzlich nach dem Gehöre ler=nen muß, sollten nun sagen, sie könn=ten ihre Arien nicht singen, die sie doch vorhero beÿ uns im Zimmer hörten, be=gnehmten, applaudirten, und sagten, daß sie ihnen recht wären. das Orchester sollte sich nun nicht gerne von einem Kna=ben dirrigiren lassen &c. und hundert solche Sachen. Entzwischen wurde von einigen ausgesprengt, die Musick seÿe keinen blauen Teufel werth; Von _______________________________________andern, andern, die Musick seÿe nicht auf die Worte, und wieder das Metrum ge=schrieben, indem der Knab nicht genug die jtaliänische Sprache verstehe. – – – Kaum hörte ich dieses, so bewies ich an den ansehnlichsten Orten, daß der Mu=sick=Vatter Hasse, und der große Me=tastasio sich darüber erklären, daß die=jenigen Verläumder, die dieses ausspreng=en zu ihnen kommen sollen, um aus ih=ren Munde zu hören, daß 30. opern in Wienn aufgeführet worden, die in keinem Stücke der Opera dieses Knaben beÿkommen, die sie beÿde nicht anders als im höchsten Grade bewunderten. Nun hieß es, nicht der Knab, sondern der Vatter hat es gemacht. – – Hier fiel aber auch der Credit der Verläumder: denn sie verfiehlen ab uno extremo ad aliud. und hier sassen sie gleich im Pfeffer. Ich ließ den nächsten besten Theil der Wercke des Metastasio nehmen, daß Buch öffnen, die erste Aria, die in die hände fiel dem Wolfgang: vorlegen; er ergrief die Feder, und schrieb, ohne sich zu bedencken, in Gegenwart vieler Personen von An=sehen, die Musick dazu mit vielen In=strumenten in der erstaunlichsten Geschwin=digkeit. Dieses that er beÿm Capell=meister Bono, beÿm Abbate Metastasio, beÿm Hasse und beÿ tit: Herzogen von Braganza und Fürsten von Caunitz. Entzwischen ist wieder eine andere opera aus=getheilt worden; und da nun nichts mehr zu widersprechen ist, so soll des Wolfgang: seine gleich darauf gemacht werden. – – – Hundertmahl habe ich wollen zusammen packen und davon reisen; und wäre die=se opera eine opera Seria, so wäre ich den Augenblicke, ja den ersten Augenblick abgereist und hätte solche S:r hochfürstlichen Gnaden zu füssen gelegt: Allein, da es eine opera Buffa ist, und zwar eine solche, die besondere caracters von Perso=ne Buffe erfordert, so muß ich unsere Ehre hier retten, es koste was es wolle. Es stecket die Ehre unsers gnädigsten LandesFürsten ebenfals darunter. S:e Hochfürstlichen Gnaden haben keine Lügner, keine charlatans, keine Leutbetrie=ger in ihren Diensten, die mit Vorwissen und gnädigster höchstderselben Erlaubnis an fremde Orte gehen, um den Leuten, gleich den Taschenspielern, einen blauen Dunst vor die Augen zu machen; Nein: sondern ehrliche Männer, die zur Ehre ihres Fürsten und ihres Vatterlandes der Welt ein Wunder verkündigen, welches Gott in Salzburg hat lassen gebohren werden. Ich bin diese Handlung dem allmächtigen Gott schuldig, sonst wäre ich die undanckbarste Creatur: und wenn ich iemals schuldig bin die Welt dieses wundershalben zu überzeugen, so ist es eben ietzt, da man alles, was nur ein Wunder heist lächerlich machet und alle Wun=der widerspricht. Man muß sie demnach überzeugen: und war es nicht ein grosse freud[e] und ein grosser Sieg für mich, da ich einen voltairianer mit einem Erstaunem zu mir sagen hörte: Nun habe ich ein=mahl in meinem Leben ein Wunder ge=sehen; daß ist das erste! Weil nun aber dieses Wunder zu sichtbahrlich, und folglich nicht zu wiedersprechen ist; so will man es unterdrucken: Man will Gott die Ehre nicht lassen; man denckt: es kommt nur noch auf einige Jahre an, alsdann verfällt es ins natürliche und hört auf ein Wunder Gottes zu seÿn. Man will es demnach den Augen der Welt entziehen: und wie würde es sichtbahrer, als in einer grossen volckreichen Statt durch ein öffentliches Specktakl? – – – Aber sollen wir uns über fremde Ver=folgungen wundern, da fast dergleichen in dem GeburtsOrt dieses Kindes ge=schechen? – – welche schande! welche Un=menschlichkeit! Nun werden sie sich noch __________________________________________wundern, wundern, warum Tit: der Fürst Cau=nitz und andere grosse, ja S:e Maje=stät der Kajser selbst nicht befehlen, daß die opera aufgeführt wird. Erst=lich können sie es nicht befehlen, weil es pur das interesse des Sgr Affligio |: den einige Graf Affligio heissen :| betrifft: 2:do würden sie es ihm zu einer ande=ren Zeit respective befehlen: allein da der Fürst Caunitz, wieder den willen S:r Majestätt dem Affligio beredet hat, daß er französische Comoedianten hat kommen lassen die ihn jährlich über 70000 f: kosten, und die ihn nun |: da sie den Zulauf nicht haben, den man gehoffet :| in Untergang bringen, und er Affligio, die Schuld auf den Fürst Caunitz wältzet, dieser Fürst hingegen sich Hofnung machte den Kaÿser dahin zu bewegen, daß er an dem französischen Theater belieben haben, und dem Unkösten ihm Affligio ersetzen sollte; so liessen S:e Maÿestätt sich viele Wochen gar in keinem Speck=takl sehen. Sehen sie den verdrüss=lichen Umstand, der sich zu gleicher Zeit eräugnen muste; und der auch dazu half, daß Affligio sich leicht bereden ließ die opera des Wolfgang: vom Halß zu schieben, um die 100. duccaten im Sack zu behalten; und die anderer Seits ver=hinderte, daß aus Furcht des Ersatzes der 70000 f: Gulden niemand mit einem scharfen und befehlenden Nachdruck mit Affligio sprechen wollte. Entzwischen ist doch alles dieses unter der Hand gesche=chen. Affligio schob den Verzug der opera auf die Sänger, und sagte, sie könnten und wollten solche nicht singen; Die Sänger hingegen schoben es auf dem Affligio, und gaben vor, er hätte gesagt, und sich gegen sie erkläret, daß er solche nicht aufführen werde: Sie könn=ten sich ia ein und anderes änderen lassen. Es soll also aufgeführet werd. Sollte nun aber ein neue Hinderniß sich äussern, das sich ietzt zeigen muß; so werde meine Klage an S:e Majestätt den Kaÿser und die Kaÿserin gelangen lassen, und eine solche Genugthuung ver=langen, die unsere Ehre vor ganz Wienn und der ganzen ehrlichen Welt rettet; denn es würde keine Ehre für uns, ja für den Hof zu Salzburg seÿn, wenn wir uns durch den uns verfolgen=den Neid so platterdings abtreiben, und den Bosshaften Platz liessen nach unserer Abreise dem unwissenden Publico vorzusagen |: wie es bereits geschechen :| daß der Wolfgang: die opera gar nicht zu stande gebracht habe, oder daß sie so schlecht ausgefallen, daß man solche gar nicht habe aufführen können p p Sehen sie, wie man sich in der Welt durchrauffen muß. Hat der Mensch kein Talent; so ist er unglücklich genug: hat er Talent, so verfolget ihn der Neid nach dem Maase seiner Geschicklichkeit. Über alles dieses, was ich ihnen nun erzehlet habe, fällt ietzt eine Sängerin, die Bernasconi, in einen starcken Cartharr, und die Baglioni ist auch nicht gar wohl: dieses verhindert und verschiebt wieder= um die Sache wenigsts auf 3. Wochen; so, daß ich mit dem äusersten Ver=drusse, dergleichen ich auf unsern Rei=sen keinen gehabt habe, den Ausgang dieser verhassten Sache abwarten muß. alle vernünftigen Menschen müssen mit Schaam bemercken, daß es eine Schande für unsere Nation ist, daß wir teut=sche einen Teutschen zu unterdrücken su=chen, dem fremde Nationen durch die gröste Bewunderung, ja durch öffentliche Schriften haben Gerechtigkeit widerfah=ren lassen. Allein mit Gedult und Standhaftigkeit muß man die Leute überzeugen, daß die Wieder=sacher bosshafte Lügner, Verläumder, und Neidische Creaturen sind, die über ihren Sieg in der faust lachen würden, ________________________________________wenn wenn man sich erschrecken, oder ermieden liesse, und aus Verdruss davon rei=sete: Um so mehr, als solche Leute in Wienn, die etwa eine Prinzessin oder einen Kajserl: Printzen zu unter=weisen haben, ja auch diejenigen, die nur die hiesige Luft einschlucken, schon Stolz genug sind, weil hier der Sitz des Kaÿsers ist, Leute, die auswärtigen Fürsten dienen, mit Verachtung anzu=schauen, und von auswärtigen Fürsten höhnisch und niederträchtig zu sprechen. Nun glaube ich, wissen sie meine Um=stände; – – und dennoch habe es nur überhaupts erzehlet. Ich würde auch diese Begebenheit an S:e hochfürstlichen Gnaden unsern gnädigsten Herrn selbst berichtet haben, wenn ich höchst=dieselbe mit einer so langen Geschichte von wichtigern Sachen zu stöhren, nicht anstand genohmen hätte. Wir empfehlen uns Ihro hochwürden und Gna=den gnädigen Herrn BeichtVatter alle, und bitten er möchte uns S:r hoch=fürstlichen Gnaden zu Füssen legen. Herr Joseph wird aus dieser Nach=richt sehen, daß meine Feinde in Salz=burg es gut mit uns meinen, da sie aussprengen, der Wolfgang: hätte 2000 f: für die opera bekommen. Die Briefe des Herrn Peissers werd sie eines ganz anderen belehren: und wir werden wohl noch 50, und vielleicht 100. duccatten von ihm hohlen ehe wir nach Salzburg kommen. Meine Frau und Dochter dancken gehorsamlich al=lerseits für die Glückwünsche. Sie bracht ihren Tag ausser der Statt beÿ einem guten Freunde zu, dahin wir heute Abends wegen dem Geburtstag der Nannerl auf Morgen wieder einge=laden sind. Ò wir haben schon an das Nunthall gedacht! _____Wer wird Fürst zu Berchtolsgaden werden? etwa der Baron Culmar? – – Gestern sagte mir iemand, daß herr Kieffl hier angekommen. Er wird mich wegen der 4. duccaten gewiß nicht zu sehen verlangen. Leben sie wohl, wir empfehlen uns alle ihnen und allen guten Freunden, und bin der alte.