Digitale Edition der Briefe und Dokument der Familie Mozart Digital Edition of Letters and Documents from the Mozart Family Internationale Stiftung Mozarteum Salzburg
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LEOPOLD MOZART AN JOSEPH II. IN WIEN, SPECIES FACTI WIEN, 21. SEPTEMBER 1768, VORSCHRIFT
_____Ohne Zweifel dem Kaiser übergeben. ____________________________________________________________Köchel op. 51 __________________________________________________________Über La Finta semplice __________________________________________________________Komische Oper in 3 Akten __________________________________________________________componiert 1768 zu Wien. ________________________Species facti Nachdem viele des hiesigen Adels, so wohl durch auswärtige Nachricht als durch eigene Untersuchung und angestellte Proben von dem ausseror=dentlichen Talente meines Sohnes überzeuget war; so wurde es durch=gehends als eine der bewunderungswürdigsten Begebenheit dieser und der vorigen Zeiten angesehen, wenn ein Knab von 12 Jahren eine Opera schreiben, und selbst dirigir sollte. Eine gelehrte Schrift aus Paris bestärkte diese Meinung, indem solche, nach einer ausführlich Be=schreibung der Genie meines Sohnes behauptet: es wäre kein Zweifel, dieses Kind werde in einem Alter von 12 Jahren auf einem oder dem andern Theater Italiens eine Opera schreiben; und iederman glaubte ein Deutscher müste solch ein Ruhm nur seinem Vatterlande vorbehalt. Ich wurde hiezu einhellig aufgemuntert; Ich folgte der allgemein Stime, und der Holländ: Minister h: Graf von Degenfeld war der erste, welcher dem Theaterimpressario Affligio den Vorschlag machte; weil ihm die Fehigkeit des Knaben schon in Holland sattsam bekannt ware. der Sänger Carattoli war der zweÿte, der es dem Affligio vortrug; und die Sache wurde beÿ dem Leibmedico Laugier in Gegen=wart des jung Baron van Swieten und der zween Sänger Carattoli und Caribali mit dem Impressario beschlossen, um so mehr, als alle, sonderbar aber die 2 Sänger mit grösstem Ausdruck behauptet, daß eine auch sehr mittelmässige Musik von einem so jung knab wegen dem ausserordentlich wunderbar, und schon um dieses Kind im orchester beÿm Clavier sein Werk dirigiren zu sehen, die ganze Statt ins Theater ziehen müste. Ich ließ also mein Sohn schreib. Sobald der erste Act fertig war, bath ich den Carattoli solch zu hören und zu beurtheilen, um mich sicher zu stellen. Er kam, und seine Verwunderung war so groß, daß er gleich den folgenden Tag wieder beÿ mir erschien, und den Caribaldi mit sich brachte. Caribaldi, nicht weniger erstaunt, führte ein paar Tage darauf den Poggi zu mir. Alle zeigten einen so ungemein Beyfahl, daß sie alle, auf mein wiederhohltes fragen: ob sie wohl glaubten daß es gut wäre? – ob sie dafür hielt, daß er fort=fahren sollte? – – sich über mein Misstrau ärgerten, und öfters GLASGOW UNIVERSITY LIBRARY: mit vieler Bewegung ausrufften: cosa? – – come? questo è un por=tento! questa opera andera alle Stelle! è una meraviglia! – non dubiti, che scrivi avanti! – &c: samt einer Menge anderer Ausdrücke. das nämliche sagte mir nach der Hand Carattoli in seinem aigen Zimer. Durch den Beÿfall der Sänger eines erwünscht Erfolges versichert ließ ich meinen Sohn in der Arbeit fortfahren; bath aber auch den LeibMedicum Logier mit dem Impressario der Bezahlung halber in meinem Nahmen Richtigkeit zu machen. Es geschahe; und Affligio versprach 100 duccat. Um nun mein theuern Aufenthalt in Wien zu verkürzen, machte ich damals den Antrag, daß die Opera noch vor der Abreise S:r Mayst: nach Hungarn aufgeführt werden möchte; allein einige Abänderung, die der Poet im Texte zu machen hatte, hemten die Composition; und Affligio erklarte sich, daß er solche auf die Zurückkunft S:r Mayst: wolle aufführ lass. Nun lag die opera schon einige Wochen fertig. Man fieng zu Copier an; und der erste Act wurde den Sängern, gleich darauf auch der Zweyte ausgetheilt: da unterdess mein Sohn ein und andere Arie, ja so gar das Finale des ersten Acts bey verschieden Gelegenheit der Noblesse beym Clavier produciren musste, welches von allen bewundert ward, davon beÿ T: Fürsten von Kauniz Affligio selbst ein Augen und Ohren=zeug ware. Nun sollten die Proben ihren Anfang nehmen. Allein, – wie hätte ich dieses vermuthen sollen! hier nahmen auch die Ver=folgungen gegen mein Sohn ihren Anfang. Es geschieht sehr selten, daß eine Opera gleich beÿ der ersten Probe vollkom gut ausfallen, und nicht hin und wieder eine Abänderung leiden sollte. Eben desswegen pflegt man anfangs beÿ dem Flügl allein, und bis nicht die Sänger ihre Parthien, besonders die Finale wohl zusam=studiert haben, niemals mit allen Instrument zu probiern. Doch hier geschahe gerade das Gegentheil. Die Rollen waren noch nicht genug studiert, es war keine Probe der Sänger beÿm Clavier gemacht, die Finale nicht zusamstudiert, und denoch nahm man die Probe des ersten Acts mit dem ganzen Orchester vor, um nur der Sache gleich anfangs ein geringes und verwirrtes Ansehen zu geben. Niemand, der zugegen war, wird es eine Probe nen ohne darüber zu erröthen; und das lieblose betragen derjenigen, den es ihr Gewissen sagen wird, will ich nicht anführen. Gott mag es ihn verzeihen. Nach der Probe sagte mir Affligio: es wäre gut; doch, da ein und anderes zu hoch wäre, so müste da und dort einige Veränderung gemacht werden: ich möchte nur mit den Sangern sprechen; und da S:r Mayst: schon in 12 Tägen hier wären, so wollte er die Opera in 4 oder längstens 6 Wochen aufführ, damit man Zeit hätte alles in gute Ordnung zu bringen. Ich sollte mich darüber gar nicht aufhalten; er seÿ Man von seinem Worte, und werde in allem sein Versprech halt; es wäre nichts neues; auch beÿ andern opern giengen Abanderungen vor etc etc: Es wurde demnach dasjenige, was die Sänger verlangten, abge=ändert, und in den ersten Act zwo neue Arien gemacht: unterdess aber im Theater la Caschina aufgeführet. Nun war die bestimte Zeit verflossen, und ich hörte Affligio hätte abermahl eine andere opera austheilen lassen. Es gieng so gar die Rede: Affligio werde die Opera gar nicht aufführ, er hätte sich verlaut lassen, die Sänger könnt solche nicht singen: die es doch selbst vorhero nicht nur gut geheissen, sondern bis in den Himel erhoben hatt. Um mich auch wider dieses Geschwätz sicher zu stellen musste mein Sohn beÿ dem jungen Baron van Swieten in Gegenwart des h: Grafen von Spork, des Duca de Braganza und anderer Musikverständig die ganze Opera beym Clavier producier. Alle verwunderten sich höchstens über das Vorgeben des Affligio und der Sänger; alle waren sehr geriert und erklärt sich einhellig, daß ein so unchristliches unwahrhaftes und bosshaftes Vorgeben nicht zu begreiff wäre; daß sie diese Opera mancher italiänisch vorzög, und daß, statt ein solches himlisches Talente zu ermuntern ein Cabale dahinter stecke, welches GLASGOW UNIVERSITY LIBRARY: sichtbarlich nur dahin abziehle dem unschuldig Knab den Weeg zu seiner verdient Ehre und Glück abzuschneid. Ich begab mich zum Impressario, die wahre der Sachen Beschaffenheit zu erfahren. Dieser sagte mir: Er wäre niemals dagegen die Opera aufzuführen; ich werde es ihm aber nicht verdenk, wen er auf sein interesse sehe; man hätte ihm einig Zweifel beÿgebracht, daß solche vielleicht nicht gefahlen möchte; er habe die Caschina, und wolle nun auch die Buona figliuola probieren lassen, dann aber gleich des Knab opera aufführen: sollte sie nun nicht, wie er wünschte, gefahlen, so wäre er wenigst schon mit zwo andern opern versehen. Ich schützte mein be=reits langen Aufenthalt vor, und dessen Verlängerung. Er erwiederte: Eÿ was! 8 Täge mehr oder weniger, ich lasse es dann gleich vornehm. Beÿ diesem blieb es nun. des Carattoli Arien waren geändert; mit Caribaldi alles richtig gemacht; desgleichen mit Poggi und Laschi p: ieder versicherte mich öfter ins besondere: er hätte nichts einzuwend; alles käme lediglich auf den Affligio an. Entzwisch verfloß mehr als ein Monat. Der Copist sagte mir er hätte noch keine ordre die verändert Arien abzuschreib; und da ich beÿ der Hauptprobe der buona figliuola vernahm, Affligio wollte wieder eine andere opera vornehm, stellte ich ihn selbst zur Rede. Hierauf gab er in meiner und des Poet Coltel=lini Gegenwart dem Copisten Befehl, daß alles in zween Tägen aus=getheilt, und die opera längstens in 14 Tagen mit dem Orchester probiert werden solle. Allein die Feinde des armen Kindes |: wer sie imer sind :| haben es abermahl hintertrieben. Den nämlich Tag bekam der Copist Befehl mit dem Schreib einzuhalt: und in einem paar Tage darauf erfuhr ich, – Affligio hätte nun beschlossen die Opera des Knaben gar nicht aufs Theater zu geben. Ich wollte Gewissheit der Sache haben, gieng zu ihm, und erhielt den Bescheid: Er hätte die Sänger zusamberuffen, diese gestünd zwar ein, daß die opera zwar unvergleichlich Componirt, aber nicht Theatralisch wäre, und folglich von ihnen nicht könnte aufgeführt werden. diese Rede war mir ganz und gar unbegreifflich. Den sollten wohl die Sänger es wirklich wagen dasjenige ohne Schamroth zu werd zu veracht, was sie vorher bis an die Sterne erhoben, zu welchem sie den Knaben selbst aufgemuntert, und was sie dem Affligio selbst als gut angepriesen haben? – – Ich antwortete ihm: er köne nicht verlangen, daß der Knab die grosse Mühe eine opera zu schreiben umsonst unternohm habe. Ich erinerte ihn seines accords; ich gab ihm zu verstehen, daß er uns vier Monate herum=gezogen, und uns in mehr als 160 duccat Unkösten gebracht. Ich er=inerte ihn der von mir versaumt Zeit, und versicherte ihn, daß ich mich so wohl der 100 duccatt, die er mit dem Leibmedico Laugier accordirt hatte, als übrigen Unköst halber an ihn halt werde. Auf diese meine billige Forderung ertheilte er mir eine Unver=ständliche Antwort, die seine Verlegenheit verrieth, mit der er sich, weis nicht wie, von der ganzen Sache loszumach suchte, bis er endlich mich in den schändlichst lieblosen Ausdrücken verließ: wen ich den knaben wollte prostituirt haben, so werde er die opera belachen und auspfeiffen lassen. Coltellini hörte dieses alles. Dieses wäre also der Lohn, der meinem Sohne für seine grosse Bemühung eine opera zu schreiben |: davon sein original 558 Seiten beträgt :| für die versäumte Zeit und die gemachten Unkösten angeboth wird? – – und wo bliebe endlich, was mir am meisten am Herzen lieget, die Ehre und der Ruhm meines Sohnes, da ich es nun nicht mehr wagen darf auf die Vorstellung der opera zu dringen, nach=dem man mir deutlich genug zu verstehen gegeben hat, daß man sich alle Mühe geben würde solche elend genug zu produciren; da man ferner bald vorgiebt, die Composition seÿe nicht zu sing, bald, sie seÿe nicht Theatralisch, bald, es seÿe nicht nach dem Texte, bald, er wäre nicht fähig gewesen eine solche Musik zuschreiben und was GLASGOW UNIVERSITY LIBRARY: derleÿ alberns und sich selbst widersprechendes Geschwätz imer ist, welches doch alles beÿ beÿ einer genauen Untersuchung der Musikal: Kräften meines Kindes, um welches ich hauptsächlich zu seiner Ehre ange=legentlichist und allerunterthänigist bitte, zur Schande der neidischen und ehrenrauberischen Verleumder, wie ein Rauch verschwind, und iederman überzeugen wird, daß es lediglich dahin abziehle, ein unschuldiges Geschöpf, dem Gott ein ausserordentliches Talent ver=liehen, und welches andere Nationen bewundert und aufge=muntert haben, in der Hauptstatt seines Deutschen Vatterlandes zu unterdrück und unglücklich zu machen. _____Hierauf __________Verzeichniß alles desjenigen p. __________Gedichte von Zabuesnigg und Andern. _____Anekdote von der Pompadur. Von Leopold Mozart _____Vater des Wolfgang Amadè _____Mozart