Digitale Edition der Briefe und Dokument der Familie Mozart
Digital Edition of Letters and Documents from the Mozart Family
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LEOPOLD MOZART AN MARIA ANNA UND WOLFGANG AMADÉ MOZART IN MANNHEIM
SALZBURG, 29. DEZEMBER 1777
mit Nachschrift von Maria Anna (Nannerl) Mozart
______Mein Liebes Weib u lieber Wolfg: _____________30._____________\hfill Salzb d 29t Deceb.
____________________________________________________________________________________________________________\hfill 1777
Nun wünsch wir euch das Glücklichste neue Jahr! Gott gebe daß das 1778 Jahr
uns vergnügter macht als das verflossene, wir hoffen solches von d Barmherzig=keit und Gnade Gottes, und von dem Talent, fleiß und Geschicklichkeit, sonderbar
aber von dem guten Herzen unsers lieben Wolfgang; der gewiß alles thun wird
sich Rhum, Ehre, und Geld zu mach, um uns zu retten, und seinen Vatter nicht
dem höhnisch gespöth und Gelächter gewisser Person, die ich euch nicht nen darf, aus=zusetz: welches mich gewiß unter die Erde bring würde. Sein Glück, sein Rhum wird
die süsseste Rache für uns seÿn, davon wir schon itzt etwas schmecken. Graf Starn=berg war bey gr: Arco ihn in d Adlasse zu besuch. die Rede fiel auf Adlgassers Todt.
Gr: Arco. Nun seyd ihr angesetzt, nicht wahr? – der junge Mozart würde euch
nun gute dienste gethan hab. gr: Starnberg. ja, es ist die wahrheit, er hätte sich wohl
noch gedult kön. gr: Arco, wie, gedult? das ist zum lach! wer hätte diesen gähen
fall vorseh könn – – und wen auch – was würdet ihr ihm wohl zu sein geschissen
– f dazu gegeb hab. Es ist sein Glück das er weg ist! man ist lange genug
abscheulich mit ihm umgegang. Gr: Starnbg. ja, das muß ich beken, er ist zu sehr
misshandelt word: es muß doch iederman beken, daß er der stärkste Clavierist in
Europa ist. Er hätte sich aber ia doch noch gedult kön. Gr: Arco in voller Hitze!
ia scheissen! Es geht ihm ganz gut in Manheim, da hat er eine gute Gesellschaft
gefund mit welcher er nach Paris geht, diesen bekomt ihr nimer, es geschieht euch
recht! mit dem Hagenauer wird es euch auch so ergeh. Gr: Starnbg: dieser wird itzt
auf das neue Jahr ein Gehalt bekom. Gr: Arko. das wird was rechtes werd: und
wen auch; so habt ihr ihn lange genug herumgefoppt, und beÿ der Nase herumgezog.
dan fiel die Rede von mir – wo graf Starnberg behauptete, daß er glaubte es wäre
niemand zu find, der mehr geschicklichkeit hätte im Lection=geb, als ich. du wirst
bemerken, daß gr: Arco imer sagte: ihr = den gr: Starnberg und Compagnie mit
dazu nahm, um den Fürst nicht nen zu därff, und dadurch par politique die
Schuld auf die Herzens Conferenzen über der Prück zu leg. was den Hagenauer an=belangt, wird er mit dem Bischof von Gurk Fürst Auersperg nach Gurk reis,
um ihm alda ein Gebäude anzuordn. fällt nun die Resolution vom Erzb: schlecht
aus, so wird er nichts einwend; sond nicht mehr zurück kom.
Daß ihr ins Künftige nur alle 8 Täge schreiben werdet, ist eben das, was ich euch
selbst hab sag woll; da itzt ohnehin für ieden Post=tag nicht viel zu schreib seÿn
würde, und die Briefe so theuer sind. hab ich etwas zu schreib, so werde fortfahr
euch alle Post=täge zu schreib, wo nicht, so wird manchmal auch ein Post=tag aus=bleiben, das ich euch aber allzeit im nachkomend Brief anzeigen werde.
Ich bekome ohnehin itzt vieles zu schreib, da ich eine Menge Person in Wien in Bewegung
zu setz ausgedacht habe, um, wens imer möglich ist, ein Empfehlungsschreib
vom Wienerhof an die Königin von Franckreich zu erhalt.
INTERNATIONALESTIFTUNG:„MOZARTEUM”1881
Obwohl man in Manheim die vollkomenst Nachricht von den gefährlich Um=ständ in den sich der Churfürst aus Bayern befand, hab wird, so schreibe dir
doch die Nachricht die ich unterm 24 Xbre aus Münch erhielt. Es heist: –
Bisher hatten mir die meisten intriguen und confusionen an unserm Hofe der
italiäni\-schen Nation zu verdanken, nun fehlte nichts mehr, als daß wir unsern Durchst:
Churfürsten auch durch sie verliern sollten. Fürst Gonzaga hat eine Nieçe, welche
lange Jahre im Nymphenburger kloster in der Erziehung war: aber wenig gesunde
Stund hatte; der Fürst nahm sie demnach nach Italien, wo sie sich, wied ihres alt
oncles Wille und Absicht, verliebte. Er zwang sie demnach wied mit ihm nach
München zu reisen, und der Churfürst muste sie zur Hofdame anehm.
Sie war kurze Zeit mit dem grösten Widerwill da, so bekam sie die blattern,
und zwar die allerbösartigsten. Anfangs mög es die h: Medici nicht recht
verstand haben, in der Hauptsache aber wusten es die welschen so lange stille
zu halten und zu verdecken, daß man sie am Ende in der Residenz behalt
musste. – wo sonst beÿ dem geringste Scheine der Blattern alles heraus muste,
und so gar alle Cavallier und officiant, wo iemand beÿ ihn blattern im Hause
hatte 6 bis 8 woch vom Hof sich entfernt halt mussten. überdas wurde imer
in dem schmerzlich mitleidigsten Tone vor dem Churfürst von dieser marquese
Riva gesprochen, bis der Churfürst endlich einige apprehension äuserte, und
auch selbst davon sprach: ja man war so unbedachtsam den Churfürst, beÿ
Gelegenheit, beÿ der Stiege, wo ihr zimer war, und ihre Leute für sie kochten,
vorbeyzuführen. – Es war also der 9te decemb: als der Churf: die erste
alteration mit Kopfwehe hatte. den 10t führte ihn der Oberstjägermeis\-ter auf die
Jagd, und zwar beÿ sehr grosser Kälte, wo sie 6 Stund ausblieb. Abends war
die Vigill für die Kayserin Amalia; da führt sie ihn abermal beÿ dem Zimer
der Patientin vorbeÿ nach der Theatinerkirche, wo er eine Stunde wied in der
Kälte war. Auf der Jagd hatte er ein grossen Schrocken, da sein Postilion
der die Relée für ihn hatte, in seinem Angesicht mit allen 4 Pferd fast im
Mooß versank. – den 11t wurde er auf dem Leibstuhl ohnmöchtig, der
Kopfschmerzen wurde sehr hefftig, und das Angesicht völlig roth, wie friesel.
Er muste im Zimer bleib – man gab ihm leichte Arzneÿen und erklärte es
für Kinderflecken. den 12, 13 und 14 gieng es noch gut, aber am 15t
wurde es so arg, daß der Leibmedicus Sanftl befahl er sollte im Bette bleib.
Nun wurde es von Tage zu Tage ärger. Man wollte die Comoedi nicht
abschaffen, um das Publikum, das ohne hin niedergeschlag war, nicht in
noch grössere Angst zu setz. Es wurd auch dessweg noch keine öffent: Gebether
angestellt; bis endlich die P: P: Augustiner selbst den 17t ein Votiv=Amt hielt,
den dan andere gleich folgt, und dan in allen Kirchen 3, 4 auch 5 votivämter
von iedem Stab – iedem Stand, – ia von allen Zünften und Handwerkern gehalt
wurden, so daß die traurigkeit, die völle in den Kirchen, das Wein und bethen der
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Leute nicht zu beschreib ist. vom 19 auf den 20t und 21t wars am gefährlichst.
vom 20t bis 21 in der Nacht war er schon halb Todt, und wäre nicht der LeibCamer=diener und der Vicestallmeister Baron Segesser die imer beÿ ihm war, gewesen; so hätten wir
keinen Churf: mehr. ande hielt dafür, als schlief er, beyde aber erwartet nicht
bis der die wache habende Medicus um den Leibmedicum lief und herbrachte;
sondern sie entschloss sich den Churf: zu ergreiff, ihn stark zu beweg, welches ihn
zu sich brachte und machte, daß er sich erbrach, und aus Mund, Hals und Nasen
nichts als Materie von sich gab. Nun geht es seit dem ziemlich gut; aber aus der
Gefahr sind wir noch nicht: Gott wird uns beysteh! Er ist am ganz leib, inerlich und
äusserlich voll der blattern, doch sind es, gott lob, die gutartigen; aber schmerz hat
er die unbeschreiblichst, und ist von der Geschwulst ohnkenbar, auch sein ganzer
Rücken vom liegen wund. Die Churfürstin komt ausser den wenig Stunden
des schlafes nicht von seiner Seite. der Woschitka, der tag und Nacht beÿm Churf:
seyn musste liegt nun auch kranck darnieder und man glaubt daß er auch die
Blattern bekom wird. Es ist ein grosses Glück daß der Minister Graf
Perchem nicht vor des Churf: aug gestorb ist. den 18t war er um 3 viertl auf
3 uhr noch beÿm Churf: – gieng nach hause, der Fürst Zeil, Graf Noccorola,
und P: Wigand waren beÿ seiner Tafel nebst seiner Gemahlin – Tochter – und
Laureta Minuzzi. Er aß die Suppe mit bestem Appetit, und beÿ dem [... (Textverlust)]
fleisch ergrief er den Fürst Zeil beÿ d Hand, sagte: Gott, mir wird übl, sanck
in seinen Armb, und war Todt. P: Wigand von Waldsassen gab ihm in möglichster
Geschwindigkeit die general=absolution: bis zu dieser Stund weis der Churf:
nichts von diesem todfahl, nur sagte man, daß er Krank ist &c: –
von anfang dieses Briefes sagt mir d gute freund, d ihr schon kennt, Ich hätte ihn längst ge=schrieb, ich wollte aber die Prob unserer opera abwarten: bisher hab wir aber nur
den ersten Akt probiert, und der ist zimlich leicht und recht seicht geschrieben;
darauf wurde die prima Dona Madama Marggetti |: das wird wohl etwa Marchetti heiss
sollen :| so krank, daß sie noch dem Todt nahe ist und man der Sigra Flavis ge=schrieb hat. übrigens ist h: Monza der nämliche, wie sie mir ihn in seiner Kunst
und Person geschildert hab. Hier habt ihr also Neuigkeit von Münch. Er schrieb mir
auch ein neu Jahrswunsch und 1000 Compt: an euch, und bath mich ihn zu bericht wo
ihr seyd, und wie es euch geht. – den Michaelmessner, und den StattCaplan
hat beÿde der Schlag getroff. Durch geschwinde Hilfe, aderlass p: sind beÿde wieder ein
bischen zurecht gebracht word: allein auf wie lang? – es ist nur Galgenfrist. sie sind
beyde alt, und h: StattCaplan liebt ein gläsl Wein. Wer meinst du wohl ist organist
beÿ der hl: Dreyfaltigkeit geword? – – h: Haÿdn! alles lacht, d ist ein theuerer Organist.
nach ieder Lytaneÿ sauft er ein Viertl wein: zu den übrig dienst schickt er den Lipp, und
der will auch sauff. – h: Spized soll unterdess die Capellknab im Schlag unterweisen
bis auf weitere Resolution. Am Stephans Tag hab die Comoediant mit der schön
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Piçe Sophie od der gerechte Fürst das Theater eröffnet. das Theater war so voll, daß über
60 Person weggeh musste, wurde aber so schlecht aufgeführt, daß gestern Sontags NB in
den gallerien keine Seele, und das parterre gar schlecht besetzt, war. heut wird es noch
trauriger ausseh. Gestern speiste zu nachts die Nanerl beÿm Hagenauer, weil ich im
Kapellhaus war, und sie dan um 3 viertl auf 11 uhr abhohlte. der Pimperl
befindet sich imer im best Wohlseÿn, obwohl er läuffig ist, aber nicht stark. Er komt
auch nicht aus dem Hause, und kein Hund zu ihm. h: Deibl etwa alle 8 täge ein wenig,
um sich um euch zu erkundigen, und sein Empf: an euch aufzugeben. Nun küss wir
euch million mahl, das Papier ist voll, u bin der alte \hfill Mzt mp
ich wunsche der mama und meinen liebsten brudern ein glükliches neues Jahr!
vergnugenheit und gesundheit. die mama hoffe ich werde bald gesund zurück
komen sehen, und dir mein lieber bruder wünsche ich, das dir wo du nur imer
hinkomst gut gehe und gesund bleibst. und mir das vergnügen dich bald wieder
zu sehen, aber nur nicht zu Salzburg. ich empfehle mich der Mama alß
eine gehorsame Tochter. und meinen brudern alß seine aufrichtige schwester
und freundin. die gilovsky Katerl läst beÿderseits ihrem neuem Jahrs
wunsch abstatten. gestern war das schüssen bullinger war besttgeber, hr:
zahlmeister hat es gewohnen, den neue Jahrs tag giebt die Mama
das beste. noch bin ich als beiderseitige cassierin mit der cassa zu=frieden. der verluest bis die Mama zurukkomt wird nicht stark
werden. ich bitte mir zu verzeihen das ich nicht öfters oder mehrers schreibe
aber der papa wie sie sehen läst mir selten, und einen kleinen Plaz.
A Monsieur
Monsieur Wolfgang Amadé
Mozart Maître de Musique
______________à
Frcoaug _____Manheim
N:o 29:
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