Digitale Edition der Briefe und Dokument der Familie Mozart Digital Edition of Letters and Documents from the Mozart Family Internationale Stiftung Mozarteum Salzburg
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2012-10 CC BY-NC-SA 4.0 https://dme.mozarteum.at/DME/briefe/letter.php?mid=980 A-Sm (S. 1-4); F-Pc (S. 5-8) A-Sm: Internationale Stiftung Mozarteum, Bibliotheca Mozartiana. Salzburg (AUT), S. 1-4 F-Pc: Bibliothèque du Conservatoire. Paris (FRA), S. 5-8 last file update: Wed May 11 14:48:12 2022
WOLFANG AMADÉ MOZART AN LEOPOLD MOZART IN SALZBURG MANNHEIM, 4. FEBRUAR 1778 mit Nachschrift von Maria Anna Mozart, 5. Februar 1778
34 ____________Monsieur _____________________________________________________2. Febr. 78 ___________________mon trés cher Pére!_______________________30 Ich hätte unmöglich den gewöhnlichen samstag erwarten könen, weil ich schon gar zu lange das vergnügen nicht gehabt habe mich mit ihnen schriftlich zu untereden. das erste ist daß ich ihnen schreibe, wie es mir und meinen werthen freünden in kircheim=Poland ergangen ist. es war eine Vacans=reise, und weiter nichts. freÿtags morgens um 8 uhr fuhren wir von hier ab, nachdem ich beÿ h: weber das frühstück eingenomen hatte; wir hatten eine galante gedeckte viersitzige kutsche: um 4 uhr kamen wir schon in kircheim=Poland an. wir musten gleich ins schloss einen zetul mit unsere Näme schicken. den andern tag frühe kam schon der h: Concert=meister Rothfischer zu uns, welcher mir schon zu Manheim als ein grundehrlicher Man beschrieben würde; und ich fand ihn auch so. Abends giengen wir nach hof, das war samstag; da sang die Mad:selle Weber 3 arien. ich übergehe ihr singen – – mit einen wort vortreflich! – ich habe ja im neülichen brief von ihren verdiensten geschrieben; doch werde ich diesen brief nicht schliessen könen, ohne noch mehr von ihr zu schreiben, da ich sie izt erst recht kenen gelernt, und folglich ihre ganze stärcke einsehe. wir musten hernach beÿ der officier=tafel speisen. den andern tag giengen wir ein ziemlich stück weege in die kirche, den die Katholische ist ein bischen entfernt. das war sontag. zu mittage waren wir wieder an der tafel. abends war keine Musique, weil sontag war. darum haben sie auch nur 300 Musiquen das jahr. abends hätten wir doch beÿ hofe speisen könen, wir haben aber nicht gewollt, sondern sind lieber unter uns zu hause geblieben. wir hätten unanimiter von herzen gerne das essen beÿ hofe hergeschenckt; dan wir waren niemahl so vergnügt als da wir allein beÿsam waren, allein wir haben ein wenig œconomisch gedacht – wir haben so genug zahlen müssen. DOM=MUSICK=VEREINU.MOZARTEUM INTERNATIONALESTIFTUNG:„MOZARTEUM”1881 den andern tag Montag war wieder Musique, dienstag wieder, und mittwoch wieder; die Mad:selle Weber sang im allen 13 mahl, und spielte 2 mahl Clavier, den sie spiellt gar nicht schlecht. was mich am meisten wundert ist daß sie so gut Noten liest. stellen sie sich vor, sie hat meine schweren sonaten, langsam aber ohne eine Note zu fehlen Prima vista ge=spielt. ich will beÿ meiner Ehre meine sonaten lieber von ihr als vom vogler spiellen hören. ich hab im allen 12 mahl gespiellt, und einmahl auf begehren in der lutherischen kirche auf der Orgel, und habe der fürstin mit 4 sinfonien aufgewartet, und nicht mehr ____sieben________________________________in_____Silbergeld als oflbln louis d'or NB: fn ofeblr Gled, bekomen, und meine ________________________________fünf liebe arme weberin fhni. das hätte ich mir wahrhaftig nicht vor=gestellt. auf viel habe ich mir niemahl hofnung gemacht, aber ____________________________________________________acht auf das wenigste ein jedes Mcut. basta; wir haben nichts darbeÿ verlohren; ich hab noch 42 fl: Profitt, und das unausprechliche ver=gnügen mit grund=Ehrlichen, gut katholischen und Christlichen leü=ten in bekantschaft gekomen zu seÿn. mir ist leid genug daß ich ich sie nicht schon lange kene. Nun komt etwas nothwendiges, wo ich mir gleich eine antwort darauf bitte. Meine Mama und ich haben uns unteredet, und sind überein komen, daß uns das wendlingische leben gar nicht gefählt. der wendling ist ein grund Ehrlicher und sehr guter Man, aber leider ohne alle Religion, und so das ganze haus. Es ist ja genug _____________________________________________Mätresse gesagt daß seine tochter amftrlool war. der Ram ist ein brafer Mensch, aber ein libertin. ich kene mich, ich weis daß ich so viell Religion habe, daß ich gewis niemahl etwas thun werde, was ich nicht im stande wäre vor der ganzen welt zu thun; aber Nur der gedancke, nur allein auf der Reise, mit leüten in gesellschaft INTERNATIONALESTIFTUNG:„MOZARTEUM”1881 zu seÿn, deren denckungs=art so sehr von der meinigen | und aller ehrlichen leüte ihrer | unterschieden ist, schreckt mich. übrigens können sie thun was sie wollen. ich habe das herz nicht mit ihnen zu reisen, ich hätte keine vergnügte stunde; ich wüste nicht was ich reden sollte. den, mit einen wort, ich habe kein rechtes vertrauen auf sie. freünde die keine Religion haben, sind von keiner Dauer. ich hab ihnen schon so einen kleinen Prægusto gegeben. ich habe gesagt, daß seit meiner abwesenheit 3 briefe gekomen sind, daraus ich ihnen weiter nichts sagen kan, als daß ich schwerlich mit ihnen nach Paris reisen werde. vielleicht werde ich nachkomen. viel=leicht gehe ich aber wo anders hin. sie sollen sich auf mich nicht ver=lassen. Mein gedancke ist dieser. Ich mache hier ganz Comode vollends die Musique für den de jean. da bekome ich meine 200 fl: hier kan ich bleiben so lange ich nur will. weder kost weder logis kost mir etwas. unter dieser zeit wird sich herr weber bemühen sich wo auf Concerts mit mir zu Engagiren. da wollen wir mit einander Reisen. wen ich mit ihm reise so ist es just so viell als wen ich mit ihnen Reisete. deswegen habe ich ihn gar so lieb, weil er, das äüsser=liche ausgenomen, ganz ihnen gleicht, und ganz ihren Caractére und denckunsart hat. Meine Mutter, wen sie nicht, wie sie wissen, zum schreiben zu faul Comode wäre, so würde sie ihnen das nämliche schreiben. Ich muß bekenen daß ich recht gern mit ihnen gereist bin. wir waren vergnügt und lustig. ich hörte einen Man sprechen wie sie. ich durfte mich um nichts bekümern. was zerrissen war fand ich geflickt; mit einem wort ich war be=dient wie ein fürst. DOM=MUSICK=VEREINU.MOZARTEUM ich habe diese bedruckte famille so lieb, daß ich nichts mehr wünsche, als daß ich sie glücklich machen könte; und vielleicht kan ich es auch. mein rath ist daß sie nach Italien gehen sollten. da wollte ich sie also bitten, daß sie, je ehender je lieber, an un=sern guten freünd Lugiati schreiben möchten, und sich erkundigen wie viell, und was das meiste ist was man einer Prima dona in verona giebt? – je mehr je besser, herab kan man al=lzeit – – vielleichtnte man auch die Ascenza in venedig bekomen. für ihr singen stehe ich mit meinen leben, daß sie mir gewis Ehre macht. sie hat schon die kurze zeit von mir viell Profittirt, und was wird sie erst bis dahin Profittirn? – wegen der action ist mir auch nicht bang. wen das geschieht, so werden wir, M:r Weber, seine 2 töchter und ich die Ehre haben meinen lieben Papa und meine liebe schwester im durch=reisen auf 14 täge zu besuchen. meine schwester wird an der Mad:selle Weber eine freündin und Cameradin finden, den sie steht hier im Ruf, wie meine schwester in Salzburg wegen ihrer guten auführung, der vatter wie meiner, und die ganze famille wie die Mozartische. es giebt freÿlich neider, wie beÿ uns, aber wen es darzu komt, so müssen sie halt doch die wahrheit sagen. redlich wehrt am längsten. Ich kan sagen das ich mich völlig freüe, wen ich mit ihnen nach Salzbourg komen sollte, nur damit sie sie hören. meine Arien von der de amicis, so wohl die bravura aria, als Parto, m'affretto, und dalla sponda tenebrosa, singt sie superb. Ich bitte sie machen sie ihr mögliches das wir nach italien komen. sie wissen mein gröstes anliegen – opern zu schreiben. DOM=MUSICK=VEREINU.MOZARTEUM INTERNATIONALESTIFTUNG:„MOZARTEUM”1881 zu Verona will ich gern die opera um 50 Zechini schreiben; nur damit sie sich ruhm macht; den wen ich nicht schreibe so förchte ich wird sie sacrificirt. bis dahin werde ich mir schon durch andere reisen, die wir miteinander machen wollen, so viell geld machen, daß es mir nicht zu wehe thut. Ich glaube wir werden in die schweiz gehen, vielleicht auch nach holland. schreiben sie mir nur bald darüber. wen wir uns wo lange aufhalten, so taugt uns die andere tochter, welche die älteste ist, gar zu gut, den wir könen eigene hauswirthschaft führen, weil sie auch kocht. apropós, sie müssen sich nicht zu viell verwundern, daß mir von 77 fl nicht mehr als 42 übrig geblieben sind. das ist aus lauter freüde geschehen, daß einmahl wieder Ehrliche und gleichdenckende leüte zusamen komen sind. ich habe es nicht anderst gethan, ich habe halben theil gezahlt, das geschieht aber nicht auf andern Reisen, das habe ich schon gesagt, da zahl ich nur für mich. hernach sind wir 5 täge zu wormbs geblieben. dort hat der weber einen schwager, nämlich der dechant von stift. NB: der fürcht des h: webers spizige feder. da waren wir lustig. haben alle tage Mittags und Nachts beÿm h. Dechant gespeist. das kan ich sagen, diese kleine Reise war ein rechts Exercitium für mich auf dem Clavier. der h: Dechant ist ein rechter braver vernünftiger Man. Nun ist es zeit das ich schliesse, wen ich alles schreiben wollte was ich dencke, so würde mir das Papier nicht klecken. geben sie mir bald antwort daß bitte ich sie; vergessen sie meinen wunsch nicht opern zu schreiben. ich bin einen jedem neidig der eine schreibt. ich möchte ordentlich für verdruß BIBLIOTÉQUEC.N.M.P. weinen, wen ich eine aria höre oder sehe. aber italienisch, nicht teütsch, serios nicht Buffa. den Brief von heüfeld hätten sie mir nicht schicken därfen, er hat mir mehr verdruß als freüde gemacht. der Narr meint ich werde eine komische oper schreiben; und so gerad auf ungewis, auf glück und dreck. ich glaub auch daß er seiner Edlereÿ keine schande angethan hätte, wen er der h: sohn, und nicht ihr sohn geschrieben hätte. Nu, er ist halt ein wiener limel; oder er glaubt die Menschen bleiben imer 12 jahr alt. Nun habe ich alles geschrieben, wie es mir ums herz izt. Meine Mutter ist mit meiner denckunsart ganz zufrieden. ich kan ohnmöglich mit leüte reisen, mit einem Man der ein leben führt, dessen sich \newpage der jüngste Mensch schämen müste; und der gedancke, einer armen famille, ohne sich schaden zu thun, aufzuhelfen, vergnügt mich in der ganzen seele; ich küsse ihnen 1000mahl die hände und bin bis in tod _________________________________________________dero Manheim den 4:ten feb:_________________________________________\hfill gehorsamster sohn ___1778_____________________________________________________________\hfill wolfgang Amadé Mozart mp an alle gute freünde und freündienen meine Empfehlung: absonderlich an meinem besten freünd h: Bullinger. BIBLIOTÉQUEC.N.M.P. ________________________________________________________________________________\hfill den 5t Mein lieber Man aus disen brief wirst du ersehen haben das wan der Wolfgang eine Neue bekandschaft machet er gleich gueth und blueth für solche leuthe geb wolte, es ist wahr sie singt unvergleichlich, allein man mues sein eigen Guz niemals _______________________________________________________________________________________Wendling auf die seite sez, es ist mir die geselschafft mit den Wlndefng ________________Ramm und den Rma nie mals recht gewesen, alleinig ich hette keine einwendung mach derffen, und mir ist niemals geglaubet word _____________________________________________Weberischen so bald er aber mit den wlblrfoculn ist bekant word, so hat er gleich sein Sinn geändert, mit ein worth beÿ andern leuth ist er lieber als beÿ mir, ich mache ihm in ein und andern was mir nicht gefählt einwendung, und das ist ihm nicht recht, du wirst es also beÿ dir selbst über leg was zu thuen ist, die Reise mit den Wendling nach paris finde ich gar nicht vor Rathsam ich wolte ihm lieber späther selbst bekleith, mit den postwag würde es so vill nicht kost, villeicht bekomst du von h von grim noch eine andworth, under dessen verliehren wür hier nichts ich schreibe dises in der grest geheinn, weill er beÿm essen ist und in eille damit ich nicht über fahl werde. adio ich verbleibe dein getreues weib Marianna Mozartin BIBLIOTÉQUEC.N.M.P.