Digitale Edition der Briefe und Dokument der Familie Mozart
Digital Edition of Letters and Documents from the Mozart Family
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LEOPOLD MOZART AN WOLFGANG AMADÉ MOZART PARIS
SALZBURG, 3. SEPTEMBER 1778
Mein lieber Sohn!_________________________________________________59___________________________\hfill Salzb: d 3t Sept: 1778
Ich hoffe du wirst alle meine Briefe richtig erhalt haben. ich schrieb dir den 3t aug: – den 13 aug:
den 27t aug: und endlich ein klein Einschluß für dich an h: v Grim. – hingegen hab seit deinem vom 31 Julii
kein Buchstaben von dir gesehen. welches mein ohnehin beklemtes Herz noch mehr in Unruhe
setzet. die zeit war zu kurz, um dir im letzt klein Brief alles deutlich zu erklär, allein,
wen du mit Überlegung alle die vorhergehend Briefe gelesen hast, so wirst du einsehen,
daß ich nach deiner aigen vorschrift deinem Entzweck näher und uns alle dadurch beruhig
will. du liebst Paris nicht. – könnte man nun kein Mittel find dich weg zu bring,
so müsstest du nun freilich alda aushalt, dich mühsam mit Scolar Plag – herumlauff
bis du sie bekomst – herumlauff wen du sie hast, und dan Müde und verdrossen
von dieser ohnangenehm Arbeit sich zu Hause zum Componieren setz, deine Gesundheit in
Gefahr setz, täglich nicht nur für Geld zum nötig Unterhalt, sondern für vorgehends
Geld sorg, welches man haben muß, um sich wäsche, KleidungsStücke und hundert noth=wendigkeit anzuschaff, auf die man nicht denket, bis man sie nicht hab muß, und auf
die du schon gar nicht vorzudenken gewohnt bist: und muß man nicht vorgehendes
Geld im Sack haben um im falle einer Krankheit sich versorg zu könn ohne, wie
ein Bettler, vom Almosen gutherziger menschen abzuhang? oder, wen dir der
barmherzige Gott auch deine Gesundheit schenket, willst du imer in Paris so hin
von Tag zu tage auf gerathe wohl leb? an einem Ort, wo du nicht gerne bist?
ich glaub, das ist dein letzter Gedanke. Wen du nun abreisen und Paris verlass
wolltest, – wer würde dir das Reisegeld geb? vielleicht ich? – wer bezahlt dan
was du dermal schuldig bist? wolltest du es wohl auf die Gefahr ankom lass, das
gewisse, was du hier hab kanst, ausser acht zu lass, – das, was du hier wohlversorgt
in Ruhe genüssen, und deine Sach in der Nähe betreib kanst, hindansetz, um in dem
dir verhasst Paris im Schweis des Angesichts und täg und nächtlicher Sorge
herumzulauff – Bach versprach dir von Engelland zu schreib und dir vielleicht
etwas aufzutreib. da würdest du das nämliche Handwerk, und mit noch mehr
Gefahr treib müss, weil man dort die Leute weg 3 und 4 Guinées schuld
in arrest nimt. an dieses ist absolute nicht zu gedenk. itzt kan ich noch
helfen, – will und muß helfen. Wen die Sache aber weiter gieng, so würdest du
mich durch die Erwartung deiner leer Hofnung, wozu du den recht weg verfehlest,
zu grunde richt, mich und deine Schwester zu bettlern mach, ich würde dir zu
helff ausser Stand seÿn, und du würdest zu der Zeit, da du mit den erhabensten
Gedank dich unterhältst, unvermerkt in die äusserste dürftigkeit herabsink, und
es erst alsdan gewahr werd, wen weder ich, weder du selbst dir helf kanst. Ich muste
nun also als dein dich von Herz liebend Vatter überleg, daß, wen du den Winter in Paris
bleibst od bleib must, solches nur aus Noth gescheh muß, wen man kein andes Mittl
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ausfindig mach kan. du must die Sache weg des Churf: abwart. In Paris bist du
zu weit entfernt die Sache zu betreib. Hier zog man imer um mich herum,
ohne daß ich antwort gab. endlich starb Lolli. nun wurde es ernsthafter.
man gab mir Hofnung, daß nun meine Umstände auch könnt verbessert werd,
und ich glaubte dieß wäre der Zeitpunckt dich dein Absicht näher zu bring.
den da der Churf: ganze Hof den 15 Sept: in Münch erwartet wird, so
kannst du beÿ deiner Durchreise deine Freunde, den Graf Seau, und vielleicht
den Churfürst selbst sprechen, – du kanst sag daß dich dein Vatter in Salzb:
zurück zu seh gewünschet, da dir der Fürst ein Gehalt von |: da liegt man 2 od
300 f dazue :| 7 od 800 f als Concertmstr ausgeworff, daß du aus kindlichem
respect geg dein Vatter solches angenohm, obwohl er gewunsch hätte dich in
Churf: dienst zu sehen, NB aber mehr nicht! dan kanst du wünsch eine opera
in Münch zu schreib. – und dieses letzte muß und kan man von hier aus
imer betreib, und das wird und muß geh, weil zur deutsch operaComposition
die Meister mangeln. Schweitzer und Holzbauer werd nicht alle Jahre
schreiben, und sollte der Michel eine schreib, so wird er bald ausgemichelt
haben. Sollte es Leute geb, die durch zweifel und solche Poss, es zu hindern
trachtet, so hast du professori zu freund, die für dich steh: und dieser
Hof führt auch unterm Jahre zu zeit etwas auf. – Kurz! du bist hier
in der Nähe: unsere Einkünft sind so, wie ich dirs geschrieb habe; –
durch deine hiesige Lebensarth wirst du an deinem studier und Specu=lieren nicht gehindert; du darfst nicht Violinspiel beÿ hofe, sond
hast beym Clavier alle Gewalt d Direction, so wie mir die ganze
Musik – alle des Fürst Musikali, und die Inspection des Capellhauses
itzt ist übergeb word. unsere Schuld sind zwar groß, allein sie sind an hiesige
Leute, die so ehrlich sind, und mich nicht treib, und unsere beÿd Ein=künft, wie du aus meinem vorletzt Schreib erseh, sind alsdan so, das wir alle
Jahre ein paar Hundert guld und noch darüber abzahlen und doch unterhaltlich
leben könn; wo du nebenbeÿ dich imer in Münch im Andenk erhalt kannst.
Noch eine Sache must du nicht ausser acht lass. du must die Nähm und adressen
der besten Musikhändler, die etwas kauff um\newline gravier zu lass, mit dir
nehm, sonderheitl: desjenig, der dir deine Clavier Sonaten abgekauft hat, damit
du mit ihn Correspondier kanst. auf diese Art wird es eben so viel seÿn, als
wen du in Paris wärest, man kan mit ihn handeln, so dan die Composition
einem Kaufman od freunde einschick, der es dem Musikverläger geg Baare
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bezahlung ausliefert, und so kannst du alle Jahre 15 od 20 Louisd'or von Paris be=ziehen und dein Nahm aller Ort theils mehr bekannt mach, theils in der
gemacht Bekanntschaft erhalt. – frage den h: B: v Grim, ob ich nicht recht habe?
Hier wirst du gewiß Unterhaltung genug find, wen man nur nicht ieden
Kreuzer anseh muß, dan geht alles gut. Hier kön wir nun auf alle bälle
im fasching auf das Rathshaus geh. die Münchner Comoediant kom Ende Sept:
und bleib bis die fast den ganzen Winter hier mit Comoedi und operetten:
alle Sontage ist unser Bölzlschüssen, und wen wir in Compagni geh woll, so komt
es nur auf uns an, wen man ein bessern Gehalt hat so ändert sich alles.
Was die Mdss.le Weber anbetrifft so darfst du gar nicht glaub, als hätte ich
etwas gegen diese Bekanntschaft. alle junge Leute müss am Narrnseil
lauffen. du kannst, wie itzt, dein Briefwechsel fortsetz, ich werde dich gar
nicht darum fragen, noch weniger etwas zu lesen verlang. noch mehr! ich
will dir selbst ein Rath geb, du hast bekannte Leute genug hier, du
kannst die Weberisch Briefe an iemand and addressier lass und unter d hand
erhalt, wen du dich vor meinem Vorwitz nicht gesichert glaubst.
Mir scheint aber du wirst für den h: Weber, und er für sich selbst nicht
viel vortheilhaftes ausdenk, wen nicht ande helfen. weist du warum
ich schrieb, ich glaube h: Weber habe kein Kopf? das versteht sich zum Nach=denk. – auf die Hof=frage, wer mit nach München folg will p:? gab er
die schriftliche Antwort: beÿ mein zerrittet Umständ bin, so sehnlich ich es auch
wünschte, nicht im Stande gnädigster Herrschaft nacher Münch zu folgen. Nun kan
ich zwar zu voreilig seÿn, weil ich nicht weis wie sehr dieser Man in Schuld stecket;
allein ich würde, an seiner Stelle, da er 4 Tage Zeit hatte, zu meinen Glaubigern gegang seÿn,
und würde ihn gesagt hab, daß es nun darauf ankome, ob ich dem Hof nach Münch folg kan od nicht,
kan ich dem Hofe folg, so bleibt mir die sichere Hofnung bevor durch meine Tochter auch mein
Glück zu verbessern, und bin beÿm Hofe, wo mehr Nebenverdienste zu hoff sind, folglich
ich auch meine Glaubiger zu befriedig gegründetere Hofnung habe: Muß ich aber weg
meinem Schuldenlast in Manheim zurückbleib, so ist meine Tochter aus den Augen
des Hofes, Manheim wird eine Einöde, und ich werde weniger Nebenverdienste hab,
ihr mögt dan nach meinem Tode statt paar geld eine Stube voll Kind nehm: wen ich
nach München ziehe stehe ich imer unter dem nämlich Herrn, ihr könnt mich eben so
gut find, als wäre ich in Manheim. – Ich kan gründlich von der Sache nicht urtheil
weil eine nahe Kenntniß der Nebenumstände dazu nötig ist, und dan werde ich rath
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und helfen, so gut ich kan. In Paris wirst du ihn nicht helfen. hier wird dir bald von
der Mdsle Weber gesprochen werden; ich habe sie gar zu oft gerühmt, und ich werde
alles ausdenk, daß sie hier gehört wird. – Nun muß ich auf die Schuldforde=rung des Duc d'Eguine kom. du wirst sie wohl hoffentl: ein gefordert hab, oder
einfordern? – du wirst ja so was nicht zurücklassen? – – h: B: v Grim wird dir
rathen. das Concert ist auch nicht bezahlt? – das ist zu schmutzig. Ich hatte ein
solchen Zufahl in Wien, ich schrieb damals an die Camerjungfer der Fürstin
von Ulefeld, daß wir keine Erkänntlichkeit von der Fürstin erhalt hätt, und
vermuth müssten, daß zwar eine Anschaffung erfolgt wäre, daß aber der, welcher
die Ordre etwa erhalt, solches vergessen hätte, ich wäre versichert, daß es der
Fürstin sehr unangenehm wäre, wen ich ohne mich zu meld, Wien verlass wollte,
ohne, beÿ sich ergebender Gelegenheit, die angebohrne generosité des Fürstl: Hauses
Ulefeld anzurühm. Die Fürstin schickte mir 20 duggatt, und bedankte sich
daß ich mich gemeldet, mit der Entschuldigung daß es unbeliebig vergess word.
frage h: B: v Grim, ob es nicht |: wen dich der Fürst nicht vorlässt, auf so ein art
zu mach wäre. Nun muß ich dir nochmals sagen, – und ich schwere dir als dein
Vatter und Freund, daß du beÿ Hofe nicht Violinspiel, sond nur, wie der seel: Adlgasser,
wen gesungen wird accompagnier darfst. daß du nur die Hauptfeste im domb die
Orgel spielen darfst, das übrige muß der Paris verricht. daß ich nichts wenigers
verlange, als dich hier anzubind, sond daß, wen du willst durch deine Freunde dein
Glück am Münchner hofe suchen kanst und sollst, welches du ungemein vorträglicher
von hier aus thun kannst, da du alle woch 2 schreib und 2 mahl antwort, und iede vor=theilhafte Gelegenheit erfahr und benutz kannst. Ich will vielmehr, daß du dich
dem Kays: Gesandt B: Lörbach |: d in Münch seÿn wird :| empfehl sollst, daß du
dich nur darum um eine opera bewerb sollst, um dich zeigen zu könn. Um des
Himels will, wie kan der Churfürst zum Entschluß kom dich zu einem HofComponist zu
nehm, da er nichts von dir gehört hat? – von hier aus muß die Sache betrieb werd, nun
wirst du leichter eine opera zu schreib bekom, weil die welschen sich nicht eindring könn;
und dan geht die Sache von sich selbst. Und endlich schwere ich dir hoch und Theuer, daß ich,
wie du selbst weist, nur weg deiner seel: Mutter mich an Salzburg gebund, um sie allen=falles doch weg einer pension sicher zu stell. das ist nun vorbeÿ, die brauch ich nicht mehr,
folglich lassen wir uns keineswegs verdruss mach, sonst sind wir weg. du schreibst in deinem
letzt Brief – das Herz lacht mir, wen ich auf den glückl: Tag denke, wo ich wieder das vergnügen
haben werde sie zu sehen und von ganzem Herzen zu umarm. Nun komt der Tag, mein lieber
Sohn, ich wünsche daß Gott mich solchen erleb lässt, du wirst dein arm vatter kaum ken, der
Erzbischof, als ich zu ihm 2 mahl geruffen wurde, erschrack so sehr an mir, daß er es all erzehlte.
du hast mich krank verlass, nun wird es ein Jahr – und was habe ich wohl dieses Jahr alles erleb
müssen? – Meine Natur ist von Eisen, sonst wäre ich schon tod, allein, wen du nicht
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mit deiner Gegenwart mir den schweren Stein vom Herzen hebst, so unter=drückt er mich, alle Bruststerkende Kraftmittl sind vergebens eine
Gemüths Krankheit zu heilen. Niemand kan mich vom Tod errett als
du – und niemand wird dir getreuer und mit aller nur menschmöglich
Bemühung zu deinem vergnüg helfen, als dein Vatter der
dich segnet, liebt, Küsst und von ganzem Herz zu umarm wünschet –
_________________________________________________________________________________________\hfill – Mozart mp
Ich empfehle mich dem h: B: v Grim gehorsamst.
_____________________________________________________________________________________________3 Sept 78
Ich schrieb daß d Erzbisch: in Lauff ist, und daß du nicht abreis sollst, als bis
ich nicht das Decret unterschriebner in Hand habe. Es war noch niemand
wegen starkem Regen hinunter gefahr, – heute aber sind einige hinunter,
und den 7t diess werde den letzt Brief schreib, und zu gleich nach Stras=burg Anstalt mach, und in dem nämlich brief dir Nachricht geb.
Ich bitte dich, lieber Sohn, erhalte mir deine Gesundheit, und dadurch
mein Leben, glaube, daß ich alles vernünftig zu deinem best ausgedacht
habe. du wirst es seh, und erfahr daß ich dich zu deinem Vergnüg den
nächst weg führe, Wen Gott will! Deine Schwester Küsset dich
Million mahl. Noch einmahl, liebster Wolfgang! habe Mittleid mit
deinem alt Vatter, und sorge für deine gesundheit!
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À Monsieur
Monsieur Le Chevalier Wolfgang
Amadé Mozart Maître de
Musique
_____________________________à
chez Mr le Baron
de Grimm Rue
de la chaussée d'Antin_______Paris
près le Boulevard.
Nro: 57.
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