Digitale Edition der Briefe und Dokument der Familie Mozart Digital Edition of Letters and Documents from the Mozart Family Internationale Stiftung Mozarteum Salzburg
Salzburg Austria
The Packard Humanities Institute
Los Altos California, USA
Morgenstern Anja text encoding, text editing Kelnreiter Franz technical supervisor, data modelling Internationale Stiftung Mozarteum Salzburg Wissenschaftliche Abteilung. Digitale Mozart-Edition Ulrich Leisinger Digitale Mozart-Edition https://dme.mozarteum.at
2012-12 CC BY-NC-SA 4.0 https://dme.mozarteum.at/DME/briefe/letter.php?mid=1046 A-Sm A-Sm: Internationale Stiftung Mozarteum, Bibliotheca Mozartiana. Salzburg (AUT) last file update: Wed May 11 14:48:13 2022
LEOPOLD MOZART AN WOLFGANG AMADÉ MOZART PARIS SALZBURG, 3. SEPTEMBER 1778
Mein lieber Sohn!_________________________________________________59___________________________\hfill Salzb: d 3t Sept: 1778 Ich hoffe du wirst alle meine Briefe richtig erhalt haben. ich schrieb dir den 3t aug: – den 13 aug: den 27t aug: und endlich ein klein Einschluß für dich an h: v Grim. – hingegen hab seit deinem vom 31 Julii kein Buchstaben von dir gesehen. welches mein ohnehin beklemtes Herz noch mehr in Unruhe setzet. die zeit war zu kurz, um dir im letzt klein Brief alles deutlich zu erklär, allein, wen du mit Überlegung alle die vorhergehend Briefe gelesen hast, so wirst du einsehen, daß ich nach deiner aigen vorschrift deinem Entzweck näher und uns alle dadurch beruhig will. du liebst Paris nicht. – könnte man nun kein Mittel find dich weg zu bring, so müsstest du nun freilich alda aushalt, dich mühsam mit Scolar Plagherumlauff bis du sie bekomst – herumlauff wen du sie hast, und dan Müde und verdrossen von dieser ohnangenehm Arbeit sich zu Hause zum Componieren setz, deine Gesundheit in Gefahr setz, täglich nicht nur für Geld zum nötig Unterhalt, sondern für vorgehends Geld sorg, welches man haben muß, um sich wäsche, KleidungsStücke und hundert noth=wendigkeit anzuschaff, auf die man nicht denket, bis man sie nicht hab muß, und auf die du schon gar nicht vorzudenken gewohnt bist: und muß man nicht vorgehendes Geld im Sack haben um im falle einer Krankheit sich versorg zu könn ohne, wie ein Bettler, vom Almosen gutherziger menschen abzuhang? oder, wen dir der barmherzige Gott auch deine Gesundheit schenket, willst du imer in Paris so hin von Tag zu tage auf gerathe wohl leb? an einem Ort, wo du nicht gerne bist? ich glaub, das ist dein letzter Gedanke. Wen du nun abreisen und Paris verlass wolltest, – wer würde dir das Reisegeld geb? vielleicht ich? – wer bezahlt dan was du dermal schuldig bist? wolltest du es wohl auf die Gefahr ankom lass, das gewisse, was du hier hab kanst, ausser acht zu lass, – das, was du hier wohlversorgt in Ruhe genüssen, und deine Sach in der Nähe betreib kanst, hindansetz, um in dem dir verhasst Paris im Schweis des Angesichts und täg und nächtlicher Sorge herumzulauffBach versprach dir von Engelland zu schreib und dir vielleicht etwas aufzutreib. da würdest du das nämliche Handwerk, und mit noch mehr Gefahr treib müss, weil man dort die Leute weg 3 und 4 Guinées schuld in arrest nimt. an dieses ist absolute nicht zu gedenk. itzt kan ich noch helfen, – will und muß helfen. Wen die Sache aber weiter gieng, so würdest du mich durch die Erwartung deiner leer Hofnung, wozu du den recht weg verfehlest, zu grunde richt, mich und deine Schwester zu bettlern mach, ich würde dir zu helff ausser Stand seÿn, und du würdest zu der Zeit, da du mit den erhabensten Gedank dich unterhältst, unvermerkt in die äusserste dürftigkeit herabsink, und es erst alsdan gewahr werd, wen weder ich, weder du selbst dir helf kanst. Ich muste nun also als dein dich von Herz liebend Vatter überleg, daß, wen du den Winter in Paris bleibst od bleib must, solches nur aus Noth gescheh muß, wen man kein andes Mittl INTERNATIONALESTIFTUNG:„MOZARTEUM”1881 ausfindig mach kan. du must die Sache weg des Churf: abwart. In Paris bist du zu weit entfernt die Sache zu betreib. Hier zog man imer um mich herum, ohne daß ich antwort gab. endlich starb Lolli. nun wurde es ernsthafter. man gab mir Hofnung, daß nun meine Umstände auch könnt verbessert werd, und ich glaubte dieß wäre der Zeitpunckt dich dein Absicht näher zu bring. den da der Churf: ganze Hof den 15 Sept: in Münch erwartet wird, so kannst du beÿ deiner Durchreise deine Freunde, den Graf Seau, und vielleicht den Churfürst selbst sprechen, – du kanst sag daß dich dein Vatter in Salzb: zurück zu seh gewünschet, da dir der Fürst ein Gehalt von |: da liegt man 2 od 300 f dazue :| 7 od 800 f als Concertmstr ausgeworff, daß du aus kindlichem respect geg dein Vatter solches angenohm, obwohl er gewunsch hätte dich in Churf: dienst zu sehen, NB aber mehr nicht! dan kanst du wünsch eine opera in Münch zu schreib. – und dieses letzte muß und kan man von hier aus imer betreib, und das wird und muß geh, weil zur deutsch operaComposition die Meister mangeln. Schweitzer und Holzbauer werd nicht alle Jahre schreiben, und sollte der Michel eine schreib, so wird er bald ausgemichelt haben. Sollte es Leute geb, die durch zweifel und solche Poss, es zu hindern trachtet, so hast du professori zu freund, die für dich steh: und dieser Hof führt auch unterm Jahre zu zeit etwas auf. – Kurz! du bist hier in der Nähe: unsere Einkünft sind so, wie ich dirs geschrieb habe; – durch deine hiesige Lebensarth wirst du an deinem studier und Specu=lieren nicht gehindert; du darfst nicht Violinspiel beÿ hofe, sond hast beym Clavier alle Gewalt d Direction, so wie mir die ganze Musikalle des Fürst Musikali, und die Inspection des Capellhauses itzt ist übergeb word. unsere Schuld sind zwar groß, allein sie sind an hiesige Leute, die so ehrlich sind, und mich nicht treib, und unsere beÿd Ein=künft, wie du aus meinem vorletzt Schreib erseh, sind alsdan so, das wir alle Jahre ein paar Hundert guld und noch darüber abzahlen und doch unterhaltlich leben könn; wo du nebenbeÿ dich imer in Münch im Andenk erhalt kannst. Noch eine Sache must du nicht ausser acht lass. du must die Nähm und adressen der besten Musikhändler, die etwas kauff um\newline gravier zu lass, mit dir nehm, sonderheitl: desjenig, der dir deine Clavier Sonaten abgekauft hat, damit du mit ihn Correspondier kanst. auf diese Art wird es eben so viel seÿn, als wen du in Paris wärest, man kan mit ihn handeln, so dan die Composition einem Kaufman od freunde einschick, der es dem Musikverläger geg Baare INTERNATIONALESTIFTUNG:„MOZARTEUM”1881 bezahlung ausliefert, und so kannst du alle Jahre 15 od 20 Louisd'or von Paris be=ziehen und dein Nahm aller Ort theils mehr bekannt mach, theils in der gemacht Bekanntschaft erhalt. – frage den h: B: v Grim, ob ich nicht recht habe? Hier wirst du gewiß Unterhaltung genug find, wen man nur nicht ieden Kreuzer anseh muß, dan geht alles gut. Hier kön wir nun auf alle bälle im fasching auf das Rathshaus geh. die Münchner Comoediant kom Ende Sept: und bleib bis die fast den ganzen Winter hier mit Comoedi und operetten: alle Sontage ist unser Bölzlschüssen, und wen wir in Compagni geh woll, so komt es nur auf uns an, wen man ein bessern Gehalt hat so ändert sich alles. Was die Mdss.le Weber anbetrifft so darfst du gar nicht glaub, als hätte ich etwas gegen diese Bekanntschaft. alle junge Leute müss am Narrnseil lauffen. du kannst, wie itzt, dein Briefwechsel fortsetz, ich werde dich gar nicht darum fragen, noch weniger etwas zu lesen verlang. noch mehr! ich will dir selbst ein Rath geb, du hast bekannte Leute genug hier, du kannst die Weberisch Briefe an iemand and addressier lass und unter d hand erhalt, wen du dich vor meinem Vorwitz nicht gesichert glaubst. Mir scheint aber du wirst für den h: Weber, und er für sich selbst nicht viel vortheilhaftes ausdenk, wen nicht ande helfen. weist du warum ich schrieb, ich glaube h: Weber habe kein Kopf? das versteht sich zum Nach=denk. – auf die Hof=frage, wer mit nach München folg will p:? gab er die schriftliche Antwort: beÿ mein zerrittet Umständ bin, so sehnlich ich es auch wünschte, nicht im Stande gnädigster Herrschaft nacher Münch zu folgen. Nun kan ich zwar zu voreilig seÿn, weil ich nicht weis wie sehr dieser Man in Schuld stecket; allein ich würde, an seiner Stelle, da er 4 Tage Zeit hatte, zu meinen Glaubigern gegang seÿn, und würde ihn gesagt hab, daß es nun darauf ankome, ob ich dem Hof nach Münch folg kan od nicht, kan ich dem Hofe folg, so bleibt mir die sichere Hofnung bevor durch meine Tochter auch mein Glück zu verbessern, und bin beÿm Hofe, wo mehr Nebenverdienste zu hoff sind, folglich ich auch meine Glaubiger zu befriedig gegründetere Hofnung habe: Muß ich aber weg meinem Schuldenlast in Manheim zurückbleib, so ist meine Tochter aus den Augen des Hofes, Manheim wird eine Einöde, und ich werde weniger Nebenverdienste hab, ihr mögt dan nach meinem Tode statt paar geld eine Stube voll Kind nehm: wen ich nach München ziehe stehe ich imer unter dem nämlich Herrn, ihr könnt mich eben so gut find, als wäre ich in Manheim. – Ich kan gründlich von der Sache nicht urtheil weil eine nahe Kenntniß der Nebenumstände dazu nötig ist, und dan werde ich rath INTERNATIONALESTIFTUNG:„MOZARTEUM”1881 und helfen, so gut ich kan. In Paris wirst du ihn nicht helfen. hier wird dir bald von der Mdsle Weber gesprochen werden; ich habe sie gar zu oft gerühmt, und ich werde alles ausdenk, daß sie hier gehört wird. – Nun muß ich auf die Schuldforde=rung des Duc d'Eguine kom. du wirst sie wohl hoffentl: ein gefordert hab, oder einfordern? – du wirst ja so was nicht zurücklassen? – – h: B: v Grim wird dir rathen. das Concert ist auch nicht bezahlt? – das ist zu schmutzig. Ich hatte ein solchen Zufahl in Wien, ich schrieb damals an die Camerjungfer der Fürstin von Ulefeld, daß wir keine Erkänntlichkeit von der Fürstin erhalt hätt, und vermuth müssten, daß zwar eine Anschaffung erfolgt wäre, daß aber der, welcher die Ordre etwa erhalt, solches vergessen hätte, ich wäre versichert, daß es der Fürstin sehr unangenehm wäre, wen ich ohne mich zu meld, Wien verlass wollte, ohne, beÿ sich ergebender Gelegenheit, die angebohrne generosité des Fürstl: Hauses Ulefeld anzurühm. Die Fürstin schickte mir 20 duggatt, und bedankte sich daß ich mich gemeldet, mit der Entschuldigung daß es unbeliebig vergess word. frage h: B: v Grim, ob es nicht |: wen dich der Fürst nicht vorlässt, auf so ein art zu mach wäre. Nun muß ich dir nochmals sagen, – und ich schwere dir als dein Vatter und Freund, daß du beÿ Hofe nicht Violinspiel, sond nur, wie der seel: Adlgasser, wen gesungen wird accompagnier darfst. daß du nur die Hauptfeste im domb die Orgel spielen darfst, das übrige muß der Paris verricht. daß ich nichts wenigers verlange, als dich hier anzubind, sond daß, wen du willst durch deine Freunde dein Glück am Münchner hofe suchen kanst und sollst, welches du ungemein vorträglicher von hier aus thun kannst, da du alle woch 2 schreib und 2 mahl antwort, und iede vor=theilhafte Gelegenheit erfahr und benutz kannst. Ich will vielmehr, daß du dich dem Kays: Gesandt B: Lörbach |: d in Münch seÿn wird :| empfehl sollst, daß du dich nur darum um eine opera bewerb sollst, um dich zeigen zu könn. Um des Himels will, wie kan der Churfürst zum Entschluß kom dich zu einem HofComponist zu nehm, da er nichts von dir gehört hat? – von hier aus muß die Sache betrieb werd, nun wirst du leichter eine opera zu schreib bekom, weil die welschen sich nicht eindring könn; und dan geht die Sache von sich selbst. Und endlich schwere ich dir hoch und Theuer, daß ich, wie du selbst weist, nur weg deiner seel: Mutter mich an Salzburg gebund, um sie allen=falles doch weg einer pension sicher zu stell. das ist nun vorbeÿ, die brauch ich nicht mehr, folglich lassen wir uns keineswegs verdruss mach, sonst sind wir weg. du schreibst in deinem letzt Brief – das Herz lacht mir, wen ich auf den glückl: Tag denke, wo ich wieder das vergnügen haben werde sie zu sehen und von ganzem Herzen zu umarm. Nun komt der Tag, mein lieber Sohn, ich wünsche daß Gott mich solchen erleb lässt, du wirst dein arm vatter kaum ken, der Erzbischof, als ich zu ihm 2 mahl geruffen wurde, erschrack so sehr an mir, daß er es all erzehlte. du hast mich krank verlass, nun wird es ein Jahr – und was habe ich wohl dieses Jahr alles erleb müssen? – Meine Natur ist von Eisen, sonst wäre ich schon tod, allein, wen du nicht INTERNATIONALESTIFTUNG:„MOZARTEUM”1881 mit deiner Gegenwart mir den schweren Stein vom Herzen hebst, so unter=drückt er mich, alle Bruststerkende Kraftmittl sind vergebens eine Gemüths Krankheit zu heilen. Niemand kan mich vom Tod errett als du – und niemand wird dir getreuer und mit aller nur menschmöglich Bemühung zu deinem vergnüg helfen, als dein Vatter der dich segnet, liebt, Küsst und von ganzem Herz zu umarm wünschet – _________________________________________________________________________________________\hfill – Mozart mp Ich empfehle mich dem h: B: v Grim gehorsamst. _____________________________________________________________________________________________3 Sept 78 Ich schrieb daß d Erzbisch: in Lauff ist, und daß du nicht abreis sollst, als bis ich nicht das Decret unterschriebner in Hand habe. Es war noch niemand wegen starkem Regen hinunter gefahr, – heute aber sind einige hinunter, und den 7t diess werde den letzt Brief schreib, und zu gleich nach Stras=burg Anstalt mach, und in dem nämlich brief dir Nachricht geb. Ich bitte dich, lieber Sohn, erhalte mir deine Gesundheit, und dadurch mein Leben, glaube, daß ich alles vernünftig zu deinem best ausgedacht habe. du wirst es seh, und erfahr daß ich dich zu deinem Vergnüg den nächst weg führe, Wen Gott will! Deine Schwester Küsset dich Million mahl. Noch einmahl, liebster Wolfgang! habe Mittleid mit deinem alt Vatter, und sorge für deine gesundheit! INTERNATIONALESTIFTUNG:„MOZARTEUM”1881 À Monsieur Monsieur Le Chevalier Wolfgang Amadé Mozart Maître de Musique _____________________________à chez Mr le Baron de Grimm Rue de la chaussée d'Antin_______Paris près le Boulevard. Nro: 57. INTERNATIONALESTIFTUNG:„MOZARTEUM”1881