Digitale Edition der Briefe und Dokument der Familie Mozart
Digital Edition of Letters and Documents from the Mozart Family
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Salzburg
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LEOPOLD MOZART AN MARIA ANNA VON BERCHTOLD ZU SONNENBURG IN ST. GILGEN
SALZBURG, 19. UND 21. JANUAR 1785
____________________________________________________________________________\hfill Salzb. d 19t Jener
_______________________________________________________________________________________________\hfill 1785
Ich will voraus schreib, da Zeit habe, daß vor ein paar tag in der
Nacht h: Aman in die Ewigkeit gegang und hörte gestern beÿm
Gr: Arco daß eine unrichtigkeit, die er vom Basili übernom habe
sich zeige, welches vom hinterlassn Vermög soll ersetzt werd, wo den,
wens wahr ist, daß sich die Polis=tochter um die helfte mit
einsetz lass, ihre Kind, die arm Kind, noch unglücklicher werd.
die Entführung war wied so voll, daß er 132 f einahm. der junge
Neudecker, ein recht artiger Mensch, war samt seiner Schwester,
der schwarzbraun=augicht Scolastica am Montage Vormittag beÿ
mir, ich hieß sie Nachmittag um 2 uhr kom, da sie dan in die opera
gieng, und unterdess musste d Sepperl geig, und Clavier=
spiel, ich accompagnierte ihm. Nun muß dir nur mit 2
Wort sag, daß diese Leute ganz ausser sich war, und du kanst
versichert seÿn, daß beÿde alles schöne d Expression haarklein
empfind, und sondheitl: der schwarzen Scolastica kein einziger
rührend Ausdruck entwischte, den man ihr nicht augenbiklich, als
wens aus ihrer Seele kam, ansahe. bevor er od vielleicht beÿde
abreisen, werd sie mich noch besuch, sie wohn beÿm Rentmeister.
Gestern war die Garteninspecktor Hochzeit beÿm Hofwirth.
ich sahe sie eb in 4 wäg beÿm Spanglerhauß aufsitz um 10 uhr,
da sie zur Copulation nach St: Andre fuhr. Heute Nacht hat
man im Schloss ein Feuer\-stuck losgebrant, weil in einem
Gart zu Mühl am Wasser durch ein Kalch, d sich selbst
enzündet hat, ein grosses Somerhauß in Flam gerieth und
zusambran, ich hörte nicht schüss, allein ich erwachte und hörte
die viertl uhr 3 schlag, und schlief wied ein. Heute vernahm, daß
es 3 viertl auf 3 uhr war: es war also d Schuss, d mich aus
dem schlaf gebracht hat. Weg meiner Reise hatte es kein Anstand.
der Erzb: ließ mir sagen, ich möchte bevor ich abreise mich beÿ
ihm meld, er würde mir vielleicht etwas nach Wien mitgeb.
Daß dir diese Reise sehr unangenehm ist, glaube ich gerne, ich
selbst, wie du weist, hatte keine grosse Lust dazu: allein
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ich glaube es soll zu meiner Gesundheit mehr nützlich als
schädlich seÿn. Wen die Comoed weg sind, so weis nicht was
den Abend thun soll, ich möchte für denk und langer
Weile Crepier. ich wahr 3 mahl beÿm Hagenauer, und
blieb hint beÿ den Töchtern im Stübl, weil vorn schon
2 Professorn, – d Regent im Priesterhauß, Bauverwalter, und h:
Pfarrer in d Gnigl war zum doppelt brandlspiel, – da dieß
nun die gewöhnliche Abendunterhaltung die man dem alt Herrn
macht, – ich aber vom brandeln kein Liebhaber bin, auch gar keine
Lust habe 4 und 5 Cassen folglich 45 x – 1 f – 1 f 15 Xr zu verspiehl,
wo noch dabeÿ oft grob disputiert wird |: mit d Geistlichkeit
ausgenom :| – so finde auch wenig Lust ein paar Stund in
einem eingehaitzt backofen Zimer dem Spielen zuzuseh, und
hundertmahl schon gehörte alte spielsprichwörter, die spassig seÿn
soll anzuhör. Nun habe auch die Sache so eingefädelt, daß h:
Haydn in meiner Abwesenheit im Dom tactiern muß, welches
ich ihm dadurch sehr angenehm zu mach wuste, weil ihm
sagte, daß ich wünschte, daß S:e Hochf: Gd: mich ganz dispensieren
und ihn an meine Stelle setz möcht. Ins Kapellhaus lasse ich
unterdess den jüngern Preÿman geh, den ich schon lange aus
dieser Absicht alle Woch ein paar mahl gelehrt habe, und der
sehr profitiert, ein schön ton bekomt, und ein starker Geiger
werd wird. Auf diese Art suche mich nach und nach in mehrere
freÿheit zu setz, – und wen ihr hereinkomt darfst du es ihm
nur sag lass, – er hat zwar instructionen von den er leb muß,
er wird aber doch manch abend von 5 uhr bis 8 uhr kom könn,
welches die Zeit ist, wo er auch zu mir zum lern kam: es
wird ihm sehr nützlich seÿn, die Sonaten gut accompagnier
zu lernen. – Nun was anders! der ehemalige Durnerjung
und Hautboist Andre, wird in d Fasten von Brün wied
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nach Salzb: zum Thurnermeister kom: sein vatter ist gestorb. Er hat
mir zum neu jahr geschrieb, und sich anempfohl p: – – –
die Ball woll nicht recht geh, auf dem 2t war nur 70 Person.
Von Kaufleut war noch niemand |: kein spiel ist nicht :| – das hat
man sonderheitl: bemerket. – – Die Entführung muß in
Münch in d Fasten gegeb werd: Gr: Seeau streubte sich dageg,
und ließ es so weit kom, daß es d Churfürst anbefehlen
musste. – die Robini Louis will Haÿrath: ihr geliebter
bath den Erzb: das er ihn seinem Vatter adjungier und den
RathsTitl geb möchte, um dadurch sein Glück zu mach, weil
ihn die Robinische Freule ohne Rathstitl nicht hayrath würde.
Der Erzb: schlug ihm die adjungierung ab: versprach ihm
______________________hingeg den Rathstitl, wen er sie zur
______________________Heyrath bekome. Nun woll sie von ihr
______________________Miteln leb. Er ist zu seinem Vatter dessweg
______________________gereist, und wie höre, eb itzt zurükgekom.
______________________Die Louis hat ein abzöhrfieber im Leib,
______________________sie Hüsstelt und wills unterdrück, ich war
______________________dort, als ihr brud mir ein Brief vom Marchand
______________________mitbrach, worine h: March: tausend Empf:
von all nach St: Gilg mir aufträgt. der Brochardfranzerl
d kleinere knab, ist gestorb. – Nun, sollte die Haÿrath vor
sich geh, – so wird sie sterb, und ihrem Mane in d Liebes=Hitze alles vermach. – und wie, wen h: Cetti mit sein
Briefen hervortrett will, die förmliche Sponsalia im
höchst Grad sind? – so muß auch das aniserische Vermög
auf dieser Seite verstäubt werd: und sollte h: v Gilowsky
die Lisel Hayrath, so wird des Brud Siegmunds Handlungs=Cassa
sehr geschwächt werd. sic transit gloria mundi: wer nichts im kopf
hat, ist beÿ vollen Geldküsten ein armer tropf.
Nun eine schreckliche geschichte! – – Ein gewisses Freulein in München 19 Jährig
alters, die noch obendrein reich ist, gieng nachmittag, als ihre Mutter
im Schlitt ausgefahr mit ihrem Stubenmädl spaziern, und sagte ihr,
sie hätte grosse Lust auf die FrauThurn zu geh, wo man gar so eine schöne
Aussicht hätte: das Mädl ließ sich bered, und sie stieg hinauf:
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als sie zu höchst oben war, schrie das Freulein zu ihrem Mädl: –
behüte dich Gott Lisel, – sprang beÿm Thurn hinaus, prellte am
erst Gesimse auf, und der Gewalt warf sie auf das Hauß eines
Canonici, wo sie das Zügltach zertrümerte und auf die Tachstiege
fiel. Wie gefällt dieses Ende einer Liebsgeschichte?, – Den Nahm
der Freul: weis noch nicht; auch muß erst das umständlichere erfahren,
den es geschahe als d Robini v Münch abreiste, und diese Leute hab kein
Kopf etwas umständlich wed zu erfahr, noch sich zu merken. Sie wird halt
glaub in das Paradiß der Romantisch Heldin sich durch dies Luftsprung versezt
zu hab. ==
sie soll Freul: v Igstatt heissen, hatte eine Stiefmutter,
die sie im kloster hab wollte: sie liebte aber ein officier.
bis hieher erwartete die Glastragerin vergebens, – und nun kam
der Both: also d 21t abends! – ich gedenke künftige Woche Mitwoch den 26,
od donerstag den 28t fortzureisen. der Both soll zufrag, weil ich briefe an
euch hinterlass werde. das übrige werde, so viel imer möglich ist, besorg.
die Ziffern auf die Concert hab noch nicht alle aufgeschrieb. Eines schicke hier, die
andern bringt d Both oder die Glastragerin auf die Woche, wer eher komt.
die Stim zu allen Concerten wirst du auf dem flügl finden.
ò wie viel hosen hab ich noch zu waschen!
Das Schütz=mahl wird am fasching Sontag vermuthlich ge=halt werd, darüber aber gleich beÿ eurer Ankunft muß
anstalt gemacht werd. Was den Wein anbelangt, so
hoffe ein frisch halb Ehmer täglich zu bekom. – und da
vermuthlich, wan weg gehe, noch einer am Zapfen geht,
so ists mir lieber er wird weggetrunk, als wen er
verdirbt, du und d h: Sohn werdet schon nachseh. Im her=aufreisen dachte ich ohnehin schon nach St: Gilg vielleicht zu
kom. Es hängt aber alles von d Art, wie wir reisen, und
von Zeit und Umständ ab, welches von Wien aus bericht
werde. Ich denke übrigens, daß du mich weg des Schreibens
nicht viel erinern darfst, da ich meine Leute nie=mals ohne Nachricht von mir ließ. dem Herr
Sohn kan heut ohnmöglich besonders Schreib, er wirds
mein Aug und meiner Verlegenheit, in d ich itzt stecke,
gewiß verzeih, da sehr vieles zu thun und zu denk
habe. == Nach dem Nachtess: 2 mahl wenig Leute in
der Comoedie, – die Comoedien mach kein glück mehr; auch die
opern nicht viel mehr nach d Entführung. NB: vielleicht komt
der h: Egedacher morg mit dem Grazer Both; es sind aber 3
Wen? – wen d Both ihn mitnehm kan? – Wen er morgen frühe
iemand bekomt d seine Messen lieset? – und Wen er wegen dem
Stimen beÿ Hofe Mittlmach kan? das letzte ist das wenigste.
ich ließ ihn heut abends aufsuch; und nach 5 uhr nahm wir erst die
abrede. Ich sagte ihm d h: Sohn wird den Grazerboth schon bezahl:
und dan kan man ihn am Dienst=tag in d Frühe hereinführ lass.
Nun muß alles zusam mach und schlafen gehen, morgen habe um
8 uhr ein Amt, der Gatti liegt am Halswehe im Bette. Ich küsse euch
alle von ganzem Herz, und bin euer redlicher vatter___\hfill Mozart mp
Aus der Reise d Gräfin Wallis wird nichts. – Gr: Öhls muß in Gottes=nahm allein reisen.
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