Das Höchste, was wir von Gott und der Natur erhalten haben, ist das Leben, die rotierende Bewegung der Monas um sich selbst, welche weder Rast noch Ruhe kennt; der Trieb, das Leben zu hegen und zu pflegen, ist einem jeden unverwüstlich eingeboren, die Eigentümlichkeit desselben jedoch bleibt uns und andern ein Geheimnis. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1 % Die zweite Gunst der von oben wirkenden Wesen ist das Erlebte, das Gewahrwerden, das Eingreifen der lebendig-beweglichen Monas in die Umgebungen der Außenwelt, wodurch sie sich erst selbst als innerlich Grenzenloses, als äußerlich Begrenztes gewahr wird. Über dieses Erlebte können wir, obgleich Anlage, Aufmerksamkeit und Glück dazu gehört, in uns selbst klar werden; andern bleibt aber auch dies immer ein Geheimnis. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 2 % Als Drittes entwickelt sich nun dasjenige, was wir als Handlung und Tat, als Wort und Schrift gegen die Außenwelt richten; dieses gehört derselben mehr an als uns selbst, sowie sie sich darüber auch eher verständigen kann, als wir es selbst vermögen; jedoch fühlt sie, dass sie, um recht klar darüber zu werden, auch von unserm Erlebten soviel als möglich zu erfahren habe. Weshalb man auch auf Jugendanfänge, Stufen der Bildung, Lebenseinzelheiten, Anekdoten und dergleichen höchst begierig ist. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 3 % Dieser Wirkung nach außen folgt unmittelbar eine Rückwirkung, es sei nun, dass Liebe uns zu fördern suche oder Hass uns zu hindern wisse. Dieser Konflikt bleibt sich im Leben ziemlich gleich, indem ja der Mensch sich gleich bleibt und ebenso alles dasjenige, was Zuneigung oder Abneigung an seiner Art zu sein empfinden muss. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 4 % Was Freunde mit und für uns tun, ist auch ein Erlebtes; denn es stärkt und fördert unsere Persönlichkeit. Was Feinde gegen uns unternehmen, erleben wir nicht, wir erfahren's nur, lehnen's ab und schützen und dagegen wie gegen Frost, Sturm, Regen und Schloßenwetter oder sonst äußere Übel, die zu erwarten sind. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 5 % Man mag nicht mit jedem leben, und so kann man auch nicht für jeden leben; wer das recht einsieht, wird seine Freunde höchlich zu schätzen wissen, seine Feinde nicht hassen noch verfolgen, vielmehr erlangt der Mensch nicht leicht einen größeren Vorteil, als wenn er die Vorzüge seiner Widersacher gewahr werden kann: Dies gibt ihm ein entschiedenes Übergewicht über sie. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 6 % Gehen wir in die Geschichte zurück, so finden wir überall Persönlichkeiten, mit denen wir uns vertrügen, andere, mit denen wir uns gewiss in Widerstreit befänden. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 7 % Das Wichtigste bleibt jedoch das Gleichzeitige, weil es sich in uns am reinsten abspiegelt, wir uns in ihm. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 8 % Cato ward in seinem Alter gerichtlich angeklagt, da er denn in seiner Verteidigungsrede hauptsächlich hervorhob, man könne sich vor niemand verteidigen, als vor denen, mit denen man gelebt habe. Und er hat vollkommen recht: Wie will eine Jury aus Prämissen urteilen, die ihr ganz abgehen? Wie will sie sich über Motive beraten, die schon längst hinter ihr liegen? -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 9 % Das Erlebte weiß jeder zu schätzen, am meisten der Denkende und Nachsinnende im Alter; er fühlt mit Zuversicht und Behaglichkeit, dass ihm das niemand rauben kann. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 10 % So ruhen meine Naturstudien auf der reinen Basis des Erlebten; wer kann mir nehmen, dass ich 1749 geboren bin, dass ich (um vieles zu überspringen) mich aus Erxlebens "Naturlehre" erster Ausgabe treulich unterrichtet, dass ich den Zuwachs der übrigen Editionen, die sich durch Lichtenbergs Aufmerksamkeit grenzenlos anhäuften, nicht etwa im Druck zuerst gesehen, sondern jede neue Entdeckung im Fortschreiten sogleich vernommen und erfahren; dass ich, Schritt für Schritt folgend, die großen Entdeckungen der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts bis auf den heutigen Tag wie einen Wunderstern nach dem andern vor mir aufgehen sehe? Wer kann mir die heimliche Freude nehmen, wenn ich mir bewusst bin, durch fortwährendes aufmerksames Bestreben mancher großen Welt überraschenden Entdeckung selbst so nahe gekommen zu sein, dass ihre Erscheinung gleichsam aus meinem eignen Innern hervorbrach und ich nun die wenigen Schritte klar vor mir liegen sah, welche zu wagen ich in düsterer Forschung versäumt hatte? -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 11 % Wer die Entdeckung der Luftballone mit erlebt hat, wird ein Zeugnis geben, welche Weltbewegung daraus entstand, welcher Anteil die Luftschiffer begleitete, welche Sehnsucht in so viel tausend Gemütern hervordrang, an solchen längst vorausgesetzten, vorausgesagten, immer geglaubten und immer unglaublichen, gefahrvollen Wanderungen teilzunehmen; wie frisch und umständlich jeder einzelne glückliche Versuch die Zeitungen füllte, zu Tagesheften und Kupfern Anlass gab; welchen zarten Anteil man an den unglücklichen Opfern solcher Versuche genommen. Dies ist unmöglich selbst in der Erinnerung wiederherzustellen, so wenig als wie lebhaft man sich für einen vor dreißig Jahren ausgebrochenen, höchst bedeutenden Krieg interessierte. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 12 % Die schönste Metempsychose ist die, wenn wir uns im andern wieder auftreten sehn. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 13 % Professor Zaupers "Deutsche Poetik aus Goethe" sowie der Nachtrag zu derselben, Wien 1822, darf dem Dichter wohl einen angenehmen Eindruck machen; es ist ihm, als wenn er an Spiegeln vorbeiginge und sich im günstigen Lichte dargestellt erblickte. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 14 % Und wäre es denn anders? Was der junge Freund an uns erlebt, ist ja gerade Handlung und Tat, Wort und Schrift, die von uns in glücklichen Momenten ausgegangen sind, zu denen wir uns immer gern bekennen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 15 % Gar selten tun wir uns selbst genug, desto tröstender ist es, andern genug getan zu haben. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 16 % Wir sehen in unser Leben doch nur als in ein zerstückeltes zurück, weil das Versäumte, Misslungene uns immer zuerst entgegentritt und das Geleistete, Erreichte in der Einbildungskraft überwiegt. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 17 % Davon kommt dem teilnehmenden Jüngling nichts zur Erscheinung; er sieht, genießt, benutzt die Jugend eines Vorfahren und erbaut sich selbst daran aus dem Innersten heraus, als wenn er schon einmal gewesen wäre, was er ist. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 18 % Auf ähnliche, ja, gleiche Weise erfreuen mich die mannigfaltigen Anklänge, die aus fremden Ländern zu mir gelangen. Fremde Nationen lernen erst später unsere Jugendarbeiten kennen; ihre Jünglinge, ihre Männer, strebend und tätig, sehen ihr Bild in unserm Spiegel, sie erfahren, dass wir das, was sie wollen, auch wollten, ziehen uns in ihre Gemeinschaft und täuschen mit dem Schein einer rückkehrenden Jugend. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 19 % Die Wissenschaft wird dadurch sehr zurückgehalten, dass man sich abgibt mit dem, was nicht wissenswert, und mit dem, was nicht wissbar ist. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 20 % Die höhere Empirie verhält sich nur Natur wie der Menschenverstand zum praktischen Leben. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 21 % Vor den Urphänomenen, wenn sie unseren Sinnen enthüllt erscheinen, fühlen wir eine Art von Scheu, bis zur Angst. Die sinnlichen Menschen retten sich ins Erstaunen; geschwind aber kommt der tätige Kuppler Verstand und will auf seine Weise das Edelste mit dem Gemeinsten vermitteln. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 22 % Die wahre Vermittlerin ist die Kunst. Über Kunst sprechen heißt die Vermittlerin vermitteln wollen, und doch ist uns daher viel Köstliches erfolgt. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 23 % Es ist mit den Ableitungsgründen wie mit den Einteilungsgründen, sie müssen durchgehen, oder es ist gar nichts dran. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 24 % Auch in Wissenschaften kann man eigentlich nichts wissen, es will immer getan sein. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 25 % Alles wahre Aperçu kommt aus einer Folge und bringt Folge. Es ist ein Mittelglied einer großen, produktiv aufsteigenden Kette. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 26 % Die Wissenschaft hilft uns vor allem, dass sie das Staunen, wozu wir von Natur berufen sind, einigermaßen erleichtere; sodann aber, dass sie dem immer gesteigerten Leben neue Fertigkeiten erwecke zu Abwendung des Schädlichen und Einleitung des Nutzbaren. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 27 % Man klagt über wissenschaftliche Akademien, dass sie nicht frisch genug ins Leben eingreifen; das liegt aber nicht an ihnen, sondern an der Art, die Wissenschaften zu behandeln, überhaupt. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 28 % Alles Gescheite ist schon gedacht worden; man muss nur versuchen, es noch einmal zu denken. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 29 % Wie kann man sich selbst kennen lernen? Durch Betrachten niemals, wohl aber durch Handeln. Versuche, deine Pflicht zu tun, und du weißt gleich, was an dir ist. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 30 % Was aber ist deine Pflicht? Die Forderung des Tages. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 31 % "Die vernünftige Welt ist als ein großes unsterbliches Individuum zu betrachten, das unaufhaltsam das Notwendige bewirkt und dadurch sich sogar über das Zufällige zum Herrn macht." -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 32 % Mir wird, je länger ich lebe, immer verdrießlicher, wenn ich den Menschen sehe, der eigentlich auf seiner höchsten Stelle da ist, um der Natur zu gebieten, um sich und die Seinigen von der gewalttätigen Notwendigkeit zu befreien; wenn ich sehe, wie er aus irgendeinem vorgefassten falschen Begriff gerade das Gegenteil tut von dem, was er will, und sich alsdann, weil die Anlage im ganzen verdorben ist, im einzelnen kümmerlich herumpfuscht. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 33 % Tüchtiger, tätiger Mann, verdiene dir und erwarte: von den Großen - Gnade, von den Mächtigen - Gunst, von den Tätigen und Guten - Förderung, von der Menge - Neigung, von dem einzelnen - Liebe. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 34 % Sage mir, mit wem du umgehst, so sage ich dir, wer du bist; weiß ich, womit du dich beschäftigst, so weiß ich, was aus dir werden kann. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 35 % Jeder Mensch muss nach seiner Weise denken: Denn er findet auf seinem Wege immer ein Wahres oder eine Art von Wahrem, die ihm durchs Leben hilft. Nur darf er sich nicht gehen lassen: Er muss sich kontrollieren; der bloße nackte Instinkt geziemt nicht dem Menschen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 36 % Unbedingte Tätigkeit, von welcher Art sie sei, macht zuletzt bankrott. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 37 % In den Werken des Menschen wie in denen der Natur sind eigentlich die Absichten vorzüglich der Aufmerksamkeit wert. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 38 % Die Menschen werden an sich und andern irre, weil sie die Mittel als Zweck behandeln, da denn vor lauter Tätigkeit gar nichts geschieht oder vielleicht gar das Widerwärtige. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 39 % Was wir ausdenken, was wir vornehmen, sollte schon vollkommen so rein und schön sein, dass die Welt nur daran zu verderben hätte; wir blieben dadurch in dem Vorteil, das Verschobene zurechtzurücken, das Zerstörte wiederherzustellen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 40 % Ganze, Halb- und Viertelsirrtümer sind gar schwer und mühsam zurechtzulegen, zu sichten und das Wahre daran dahin zu stellen, wohin es gehört. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 41 % Es ist nicht immer nötig, dass das Wahre sich verkörpere: Schon genug, wenn es geistig umherschwebt und Übereinstimmung bewirkt, wenn es wie Glockenton ernst-freundlich durch die Lüfte wogt. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 42 % Allgemeine Begriffe und großer Dünkel sind immer auf dem Weg, entsetzliches Unglück anzurichten. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 43 % "Blasen ist nicht flöten; ihr müsst die Finger bewegen." -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 44 % Die Botaniker haben eine Pflanzenabteilung, die sie Incompletae nennen; man kann eben auch sagen, dass es inkomplette, unvollständige Menschen gibt. Es sind diejenigen, deren Sehnsucht und Streben mit ihrem Tun und Leisten nicht proportioniert ist. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 45 % Der geringste Mensch kann komplett sein, wenn er sich innerhalb der Grenzen seiner Fähigkeit und Fertigkeiten bewegt; aber selbst schöne Vorzüge werden verdunkelt, aufgehoben und vernichtet, wenn jenes unerlässlich geforderte Ebenmaß abgeht. Dieses Unheil wird sich in der neuern Zeit noch öfter hervortun; denn wer wird wohl den Forderungen einer durchaus gesteigerten Gegenwart, und zwar in schnellster Bewegung, genugtun können? -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 46 % Nur klugtätige Menschen, die ihre Kräfte kennen und sie mit Maß und Gescheitigkeit benutzen, werden es im Weltwesen weit bringen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 47 % Ein großer Fehler, dass man sich mehr dünkt, als man ist, und sich weniger schätzt, als man wert ist. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 48 % Es begegnet mir von Zeit zu Zeit ein Jüngling, an dem ich nichts verändert noch gebessert wünschte; nur macht mir bange, dass ich manchen vollkommen geeignet sehe, im Zeitstrom mit fort zu schwimmen; und hier ist's, wo ich immerfort aufmerksam machen möchte, dass dem Menschen in seinem zerbrechlichen Kahn eben deshalb das Ruder in die Hand gegeben ist, damit er nicht der Willkür der Wellen, sondern dem Willen seiner Einsicht Folge leiste. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 49 % Wie soll nun aber ein junger Mann für sich selbst dahin gelangen, dasjenige für tadelnswert und schädlich anzusehen, was jedermann treibt, billigt und fördert? Warum soll er sich nicht und sein Naturell auch dahin gehen lassen? -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 50 % Für das größte Unheil unserer Zeit, die nichts reif werden lässt, muss sich halten, dass man im nächsten Augenblick den vorhergehenden verspeist, den Tag im Tage vertut und so immer aus der Hand in den Mund lebt, ohne irgendetwas vor sich zu bringen. Haben wir doch schon Blätter für sämtliche Tagezeiten! Ein guter Kopf könnte wohl noch eins und das andere interkalieren. Dadurch wird alles, was ein jeder tut, treibt, dichtet, ja, was er vorhat, ins Öffentliche geschleppt. Niemand darf sich freuen oder leiden, als zum Zeitvertreib der übrigen, und so springt's von Haus zu Haus, von Stadt zu Stadt, von Reich zu Reich und zuletzt von Weltteil zu Weltteil, alles veloziferisch. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 51 % So wenig nun die Dampfmaschinen zu dämpfen sind, so wenig ist dies auch im Sittlichen möglich; die Lebhaftigkeit des Handels, das Durchrauschen des Papiergelds, das Anschwellen der Schulden, um Schulden zu bezahlen, das alles sind die ungeheuern Elemente, auf die gegenwärtig ein junger Mann gesetzt ist. Wohl ihm, wenn er von der Natur mit mäßigem, ruhigem Sinn begabt ist, um weder unverhältnismäßige Forderungen an die Welt zu machen, noch auch von ihr sich bestimmen zu lassen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 52 % Aber in einem jeden Kreis bedroht ihn der Tagesgeist, und nichts ist nötiger, als früh genug ihm die Richtung bemerklich zu machen, wohin sein Wille zu steuern hat. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 53 % Die Bedeutsamkeit der unschuldigsten Reden und Handlungen wächst mit den Jahren, und wen ich länger um mich sehe, den suche ich immerfort aufmerksam zu machen, welch ein Unterschied stattfinde zwischen Aufrichtigkeit, Vertrauen und Indiskretion, ja, dass eigentlich kein Unterschied sei, vielmehr nur ein leiser Übergang vom Unverfänglichsten zum Schädlichsten, welcher bemerkt oder vielmehr empfunden werden müsse. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 54 % Hierauf haben wir unsern Takt zu üben, sonst laufen wir Gefahr, auf dem Weg, worauf wir uns die Gunst der Menschen erwarben, sie ganz unversehens wieder zu verscherzen. Das begreift man wohl im Lauf des Lebens von selbst, aber erst nach bezahltem teuren Lehrgeld, das man leider seinen Nachkommenden nicht ersparen kann. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 55 % Wahrheitsliebe zeigt sich darin, dass man überall das Gute zu finden und zu schätzen weiß. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 56 % Ein historisches Menschengefühl heißt ein dergestalt gebildetes, dass es bei Schätzung gleichzeitiger Verdienste und Verdienstlichkeiten auch die Vergangenheit mit in Anschlag bringt. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 57 % Das Beste, was wir von der Geschichte haben, ist der Enthusiasmus, den sie erregt. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 58 % Eigentümlichkeit ruft Eigentümlichkeit hervor. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 59 % Man muss bedenken, dass unter den Menschen gar viele sind, die doch auch etwas Bedeutendes sagen wollen, ohne produktiv zu sein, und da kommen die wunderlichsten Dinge an den Tag. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 60 % Tief und ernstlich denkende Menschen haben gegen das Publikum einen bösen Stand. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 61 % Wenn ich die Meinung eines andern anhören soll, so muss sie positiv ausgesprochen werden, Problematisches hab' ich in mir selbst genug. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 62 % Der Aberglaube gehört zum Wesen des Menschen und flüchtet sich, wenn man ihn ganz und gar zu verdrängen denkt, in die wunderlichsten Ecken und Winkel, von wo er auf einmal, wenn er einigermaßen sicher zu sein glaubt, wieder hervortritt. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 63 % Wir würden gar vieles besser kennen, wenn wir es nicht zu genau erkennen wollten. Wird uns doch ein Gegenstand unter einem Winkel von fünfundvierzig Graden erst fasslich. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 64 % Mikroskope und Fernröhre verwirren eigentlich den reinen Menschensinn. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 65 % Ich schweige zu vielem still, denn ich mag die Menschen nicht irremachen und bin wohl zufrieden, wenn sie sich freuen, da, wo ich mich ärgere. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 66 % Alles, was unsern Geist befreit, ohne uns die Herrschaft über uns selbst zu geben, ist verderblich. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 67 % Man ist nur eigentlich lebendig, wenn man sich des Wohlwollens anderer freut. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 68 % Frömmigkeit ist kein Zweck, sondern ein Mittel, um durch die reinste Gemütsruhe zur höchsten Kultur zu gelangen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 69 % Deswegen lässt sich bemerken, dass diejenigen, welche Frömmigkeit als Zweck und Ziel aufstecken, meistens Heuchler werden. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 70 % Wenn man alt ist, muss man mehr tun, als da man jung war. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 71 % Erfüllte Pflicht empfindet sich immer noch als Schuld, weil man sich nie ganz genug getan. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 72 % Die Mängel erkennt nur der Lieblose; deshalb, um sie einzusehen, muss man auch lieblos werden, aber nicht mehr, als hiezu nötig ist. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 73 % Das höchste Glück ist das, welches unsere Mängel verbessert und unsere Fehler ausgleicht. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 74 % Kannst du lesen, so sollst du verstehen; kannst du schreiben, so musst du etwas wissen; kannst du glauben, so sollst du begreifen; wenn du begehrst, wirst du sollen; wenn du forderst, wirst du nicht erlangen; und wenn du erfahren bist, sollst du nutzen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 75 % Man erkennt niemand an als den, der uns nutzt. Wir erkennen den Fürsten an, weil wir unter seiner Firma den Besitz gesichert sehen. Wir gewärtigen uns von ihm Schutz gegen äußere und innere widerwärtige Verhältnisse. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 76 % Der Bach ist dem Müller befreundet, dem er nutzt, und er stürzt gern über die Räder; was hilft es ihm, gleichgültig durchs Tal hinzuschleichen? -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 77 % Wer sich mit reiner Erfahrung begnügt und darnach handelt, der hat Wahres genug. Das heranwachsende Kind ist weise in diesem Sinne. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 78 % Die Theorie an und für sich ist nichts nütze, als insofern sie uns an den Zusammenhang der Erscheinungen glauben macht. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 79 % Alles Abstrakte wird durch Anwendung dem Menschenverstand genähert, und so gelangt der Menschenverstand durch Handeln und Beobachten zur Abstraktion. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 80 % Wer zu viel verlangt, wer sich am Verwickelten erfreut, der ist den Verirrungen ausgesetzt. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 81 % Nach Analogien denken, ist nicht zu schelten: Die Analogie hat den Vorteil, dass sie nicht abschließt und eigentlich nichts Letztes will; dagegen die Induktion verderblich ist, die einen vorgesetzten Zweck im Auge trägt und, auf denselben losarbeitend, Falsches und Wahres mit sich fortreißt. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 82 % Gewöhnliches Anschauen, richtige Ansicht der irdischen Dinge ist ein Erbteil des allgemeinen Menschenverstandes; reines Anschauen des Äußern und Innern ist sehr selten. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 83 % Es äußert sich jenes im praktischen Sinn, im unmittelbaren Handeln; dieses symbolisch, vorzüglich durch Mathematik, in Zahlen und Formeln, durch Rede, uranfänglich, tropisch, als Poesie des Genies, als Sprichwörtlichkeit des Menschenverstandes. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 84 % Das Abwesende wirkt auf uns durch Überlieferung. Die gewöhnliche ist historisch zu nennen; eine höhere, der Einbildungskraft verwandte, ist mythisch. Sucht man hinter dieser noch etwas Drittes, irgendeine Bedeutung, so verwandelt sie sich in Mystik. Auch wird sie leicht sentimental, so dass wir uns nur, was gemütlich ist, aneignen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 85 % Die Wirksamkeiten, auf die wir achten müssen, wenn wir wahrhaft gefördert sein wollen, sind: vorbereitende, begleitende, mitwirkende, nachhelfende, fördernde, verstärkende, hindernde, nachwirkende. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 86 % Im Betrachten wie im Handeln ist das Zugängliche von dem Unzugänglichen zu unterscheiden; ohne dies lässt sich im Leben wie im Wissen wenig leisten. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 87 % "Le sens commun est le génie de l'humanité." -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 88 % Der Gemeinverstand, der als Genie der Menschheit gelten soll, muss vorerst in seinen Äußerungen betrachtet werden. Forschen wir, wozu ihn die Menschheit benutzt, so finden wir folgendes: Die Menschheit ist bedingt durch Bedürfnisse. Sind diese nicht befriedigt, so erweist sie sich ungeduldig; sind sie befriedigt, so erscheint sie gleichgültig. Der eigentliche Mensch bewegt sich also zwischen beiden Zuständen, und seinen Verstand, den so genannten Menschenverstand, wird er anwenden, seine Bedürfnisse zu befriedigen; ist es geschehen, so hat er die Aufgabe, die Räume der Gleichgültigkeit auszufüllen. Beschränkt sich dieses in die nächsten und notwendigsten Grenzen, so gelingt es ihm auch. Erheben sich aber die Bedürfnisse, treten sie aus dem Kreis des Gemeinen heraus, so ist der Gemeinverstand nicht mehr hinreichend, er ist kein Genius mehr, die Region des Irrtums ist der Menschheit aufgetan. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 89 % Es geschieht nichts Unvernünftiges, das nicht Verstand oder Zufall wieder in die Richte brächten; nichts Vernünftiges, das Unverstand und Zufall nicht missleiten könnten. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 90 % Jede große Idee, sobald sie in die Erscheinung tritt, wirkt tyrannisch; daher die Vorteile, die sie hervorbringt, sich nur allzu bald in Nachteile verwandeln. Man kann deshalb eine jede Institution verteidigen und rühmen, wenn man an ihre Anfänge erinnert und darzutun weiß, dass alles, was von ihr im Anfang gegolten, auch jetzt noch gelte. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 91 % Lessing, der mancherlei Beschränkung unwillig fühlte, lässt eine seiner Personen sagen: Niemand muss müssen. Ein geistreicher, froh gesinnter Mann sagte: Wer will, der muss. Ein dritter, freilich ein Gebildeter, fügte hinzu: Wer einsieht, der will auch. Und so glaubte man den ganzen Kreis des Erkennens, Wollens und Müssens abgeschlossen zu haben. Aber im Durchschnitt bestimmt die Erkenntnis des Menschen, von welcher Art sie auch sei, sein Tun und Lassen; deswegen auch nichts schrecklicher ist, als die Unwissenheit handeln zu sehen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 92 % Es gibt zwei friedliche Gewalten: Das Recht und die Schicklichkeit. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 93 % Das Recht dringt auf Schuldigkeit, die Polizei aufs Geziemende. Das Recht ist abwägend und entscheidend, die Polizei überschauend und gebietend. Das Recht bezieht sich auf den einzelnen, die Polizei auf die Gesamtheit. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 94 % Die Geschichte der Wissenschaften ist eine große Fuge, in der die Stimmen der Völker nach und nach zum Vorschein kommen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 95 % Die Geheimnisse der Lebenspfade darf und kann man nicht offenbaren; es gibt Steine des Anstoßes, über die ein jeder Wanderer stolpern muss. Der Poet aber deutet auf die Stelle hin. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 96 % Es wäre nicht der Mühe wert, siebzig Jahre alt zu werden, wenn alle Weisheit der Welt Torheit wäre vor Gott. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 97 % Das Wahre ist gottähnlich; es erscheint nicht unmittelbar, wir müssen es aus seinen Manifestationen erraten. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 98 % Der echte Schüler lernt aus dem Bekannten das Unbekannte entwickeln und nähert sich dem Meister. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 99 % "Aber die Menschen vermögen nicht leicht, aus dem Bekannten das Unbekannte zu entwickeln; denn sie wissen nicht, dass ihr Verstand ebensolche Künste wie die Natur treibt." -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 100 % "Denn die Götter lehren uns ihr eigenstes Werk nachahmen; doch wissen wir nur, was wir tun, erkennen aber nicht, was wir nachahmen." -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 101 % "Alles ist gleich, alles ungleich, alles nützlich und schädlich, sprechend und stumm, vernünftig und unvernünftig. Und was man von einzelnen Dingen bekennt, widerspricht sich öfters." -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 102 % "Denn das Gesetz haben die Menschen sich selbst auferlegt, ohne zu wissen, über was sie Gesetze gaben; aber die Natur haben alle Götter geordnet." -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 103 % "Was nun die Menschen gesetzt haben, das will nicht passen, es mag recht oder unrecht sein; was aber die Götter setzen, das ist immer am Platz, recht oder unrecht." -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 104 % "Ich aber will zeigen, dass die bekannten Künste der Menschen natürlichen Begebenheiten gleich sind, die offenbar oder geheim vorgehen." -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 105 % "Von der Art ist die Weissagekunst. Sie erkennt aus dem Offenbaren das Verborgene, aus dem Gegenwärtigen das Zukünftige, aus dem Toten das Lebendige und den Sinn des Sinnlosen." -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 106 % "So erkennt der Unterrichtete immer recht die Natur des Menschen; und der Ununterrichtete sieht sie bald so, bald so an, und jeder ahmt sie nach seiner Weise nach." -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 107 % "Wenn ein Mann mit einem Weibe zusammentrifft und ein Knabe entsteht, so wird aus etwas Bekanntem ein Unbekanntes. Dagegen wenn der dunkle Geist des Knaben die deutlichen Dinge in sich aufnimmt, so wird er zum Mann und lernt aus dem Gegenwärtigen das Zukünftige erkennen." -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 108 % "Das Unsterbliche ist nicht dem sterblichen Lebenden zu vergleichen, und doch ist auch das bloß Lebende verständig. So weiß der Magen recht gut, wann er hungert und durstet." -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 109 % "So verhält sich die Wahrsagekunst zur menschlichen Natur. Und beide sind dem Einsichtsvollen immer recht; dem Beschränkten aber erscheinen sie bald so, bald so." -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 110 % "In der Schmiede erweicht man das Eisen, indem man das Feuer anbläst und dem Stabe seine überflüssige Nahrung nimmt; ist er aber rein geworden, dann schlägt man ihn und zwingt ihn, und durch die Nahrung eines fremden Wassers wird er wieder stark. Das widerfährt auch dem Menschen von seinem Lehrer." -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 111 % "Was einem angehört, wird man nicht los, und wenn man es wegwürfe." -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 112 % Die neueste Philosophie unserer westlichen Nachbarn gibt ein Zeugnis, dass der Mensch, er gebärde sich, wie er wolle, und so auch ganze Nationen immer wieder zum Angebornen zurückkehren. Und wie wollte das anders sein, da ja dieses seine Natur und Lebensweise bestimmt? -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 113 % Die Franzosen haben dem Materialismus entsagt und den Uranfängen etwas mehr Geist und Leben zuerkannt; sie haben sich vom Sensualismus losgemacht und den Tiefen der menschlichen Natur eine Entwicklung aus sich selbst eingestanden; sie lassen in ihr eine produktive Kraft gelten und suchen nicht alle Kunst aus Nachahmung eines gewahr gewordenen Äußern zu erklären. In solchen Richtungen mögen sie beharren! -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 114 % Eine eklektische Philosophie kann es nicht geben, wohl aber eklektische Philosophen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 115 % Ein Eklektiker aber ist ein jeder, der aus dem, was ihn umgibt, aus dem, was sich um ihn ereignet, sich dasjenige aneignet, was seiner Natur gemäß ist; und in diesem Sinne gilt alles, was Bildung und Fortschreitung heißt, theoretisch oder praktisch genommen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 116 % Zwei eklektische Philosophen könnten demnach die größten Widersacher werden, wenn sie, antagonistisch geboren, jeder von seiner Seite sich aus allen überlieferten Philosophien dajenige aneignete, was ihm gemäß wäre. Sehe man doch nur um sich her, so wird man immer finden, dass jeder Mensch auf diese Weise verfährt und deshalb nicht begreift, warum er andere nicht zu seiner Meinung bekehren kann. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 117 % Sogar ist es selten, dass jemand im höchsten Alter sich selbst historisch wird, und dass ihm die Mitlebenden historisch werden, so dass er mit niemanden mehr kontrovertieren mag noch kann. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 118 % Besieht man es genauer, so findet sich, dass dem Geschichtsschreiber selbst die Geschichte nicht leicht historisch wird; denn der jedesmalige Schreiber schreibt immer nur so, als wenn er damals selbst dabei gewesen wäre, nicht aber, was vormals war und damals bewegte. Der Chronikenschreiber selbst deutet nur mehr oder weniger auf die Beschränktheit, auf die Eigenheiten seiner Stadt, seines Klosters, wie seines Zeitalters. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 119 % Verschiedene Sprüche der Alten, die man sich öfters zu wiederholen pflegt, hatten eine ganz andere Bedeutung, als man ihnen in späteren Zeiten geben möchte. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 120 % Das Wort: Es solle kein mit der Geometrie Unbekannter, der Geometrie Fremder, in die Schule des Philosophen treten, heißt nicht etwa: Man solle ein Mathematiker sein, um ein Weltweiser zu werden. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 121 % Geometrie ist hier in ihren ersten Elementen gedacht, wie sie uns im Euklid vorliegt, und wie wir sie einen jeden Anfänger beginnen lassen. Alsdann aber ist sie die vollkommenste Vorbereitung, ja Einleitung in die Philosophie. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 122 % Wenn der Knabe zu begreifen anfängt, dass einem sichtbaren Punkte ein unsichtbarer vorhergehen müsse, dass der nächste Weg zwischen zwei Punkten schon als Linie gedacht werde, ehe sie mit dem Bleistift aufs Papier gezogen wird, so fühlt er einen gewissen Stolz, ein Behagen. Und nicht mit Unrecht: Denn ihm ist die Quelle alles Denkens aufgeschlossen, Idee und Verwirklichtes, potentia et actu, ist ihm klar geworden; der Philosoph entdeckt ihm nichts Neues; dem Geometer war von seiner Seite der Grund alles Denkens aufgegangen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 123 % Nehmen wir sodann das bedeutende Wort vor: Erkenne dich selbst, so müssen wir es nicht im asketischen Sinne auslegen. Es ist keineswegs die Heautognosie unserer modernen Hypochondristen, Humoristen und Heautontimorumenen damit gemeint; sondern es heißt ganz einfach: Gib einigermaßen acht auf dich selbst, nimm Notiz von dir selbst, damit du gewahr werdest, wie du zu deinesgleichen und der Welt zu stehen kommst. Hiezu bedarf es keiner psychologischen Quälereien: Jeder tüchtige Mensch weiß und erfährt, was es heißen soll; es ist ein guter Rat, der einem jeden praktisch zum größten Vorteil gedeiht. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 124 % Man denke sich das Große der Alten, vorzüglich der Sokratischen Schule, dass sie Quelle und Richtschnur alles Lebens und Tuns vor Augen stellt, nicht zu leerer Spekulation, sondern zu Leben und Tat auffordert. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 125 % Wenn nun unser Schulunterricht immer auf das Altertum hinweist, das Studium der griechischen und lateinischen Sprache fördert, so können wir uns Glück wünschen, dass diese zu einer höhern Kultur so nötigen Studien niemals rückgängig werden. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 126 % Der Schulmann, indem er lateinisch zu schreiben und zu sprechen versucht, kommt sich höher und vornehmer vor, als er sich in seinem Alltagsleben dünken darf. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 127 % Denn wenn wir uns dem Altertum gegenüberstellen und es ernstlich in der Absicht anschauen, uns daran zu bilden, so gewinnen wir die Empfindung, als ob wir erst eigentlich zu Menschen würden. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 128 % Der für dichterische und bildnerische Schöpfungen empfängliche Geist fühlt sich dem Altertum gegenüber in den anmutigst-ideellen Naturzustand versetzt; und noch auf den heutigen Tag haben die homerischen Gesänge die Kraft, uns wenigstens für Augenblicke von der furchtbaren Last zu befreien, welche die Überlieferung von mehrern tausend Jahren auf uns gewälzt hat. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 129 % Es gibt nur zwei wahre Religionen: Die eine, die das Heilige, das in und um uns wohnt, ganz formlos, die andere, die es in der schönsten Form anerkennt und anbetet. Alles, was dazwischen liegt, ist Götzendienst. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 130 % Es ist nicht zu leugnen, dass der Geist sich durch die Reformation zu befreien suchte; die Aufklärung über griechisches und römisches Altertum brachte den Wunsch, die Sehnsucht nach einem freieren, anständigeren und geschmackvolleren Leben hervor. Sie wurde aber nicht wenig dadurch begünstigt, dass das Herz in einen gewissen einfachen Naturzustand zurückzukehren und die Einbildungskraft sich zu konzentrieren trachtete. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 131 % Aus dem Himmel wurden auf einmal alle Heiligen vertrieben und von einer göttlichen Mutter mit einem zarten Kinde Sinne, Gedanken, Gemüt auf den Erwachsenen, sittlich Wirkenden, ungerecht Leidenden gerichtet, welcher später als Halbgott verklärt, als wirklicher Gott anerkannt und verehrt wurde. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 132 % Er stand vor einem Hintergrunde, wo der Schöpfer das Weltall ausgebreitet hatte; von ihm ging eine geistige Wirkung aus, seine Leiden eignete man sich als Beispiel zu, und seien Verklärung war das Pfand für eine ewige Dauer. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 133 % So wie der Weihrauch einer Kohle Leben erfrischt, so erfrischt das Gebet die Hoffnungen des Herzens. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 134 % Ich bin überzeugt, dass die Bibel immer schöner wird, je mehr man sie versteht, d.h. je mehr man einsieht und anschaut, dass jedes Wort, das wir allgemein auffassen und im besondern auf uns anwenden, nach gewissen Umständen, nach Zeit und Ortsverhältnissen einen eignen, besondern, unmittelbar individuellen Bezug gehabt hat. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 135 % Genau besehen, haben wir uns noch alle Tage zu reformieren und gegen andere zu protestieren, wenn auch nicht in religiösem Sinne. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 136 % Wir haben das unabweichliche, täglich zu erneuernde, grundernstliche Bestreben: Das Wort mit dem Empfundenen, Geschauten, Gedachten, Erfahrenen, Imaginierten, Vernünftigen möglichst unmittelbar zusammentreffend zu erfassen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 137 % Jeder prüfe sich, und er wird finden, dass dies viel schwerer sei, als man denken möchte; denn leider sind dem Menschen die Worte gewöhnlich Surrogate: Er denkt und weiß es meistenteils besser, als er sich ausspricht. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 138 % Verharren wir aber in dem Bestreben: Das Falsche, Ungehörige, Unzulängliche, was sich in uns und andern entwickeln oder einschleichen könnte, durch Klarheit und Redlichkeit auf das möglichste zu beseitigen! -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 139 % Mit den Jahren steigern sich die Prüfungen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 140 % Wo ich aufhören muss, sittlich zu sein, habe ich keine Gewalt mehr. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 141 % Zensur und Pressfreiheit werden immerfort miteinander kämpfen. Zensur fordert und übt der Mächtige, Pressfreiheit verlangt der Mindere. Jener will weder in seinen Planen noch seiner Tätigkeit durch vorlautes, widersprechendes Wesen gehindert, sondern gehorcht sein; diese wollen ihre Gründe aussprechen, den Ungehorsam zu legitimieren. Dieses wird man überall geltend finden. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 142 % Doch muss man auch hier bemerken, dass der Schwächere, der leidende Teil, gleichfalls auf seine Weise die Pressfreiheit zu unterdrücken sucht, und zwar in dem Falle, wenn er konspiriert und nicht verraten sein will. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 143 % Man wird nie betrogen, man betrügt sich selbst. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 144 % Wir brauchen in unserer Sprache ein Wort, das, wie Kindheit sich zu Kind verhält, so das Verhältnis Volkheit zum Volke ausdrückt. Der Erzieher muss die Kindheit hören, nicht das Kind; der Gesetzgeber und Regent die Volkheit, nicht das Volk. Jene spricht immer dasselbe aus, ist vernünftig, beständig, rein und wahr; dieses weiß niemals für lauter Wollen, was es will. Und in diesem Sinne soll und kann das Gesetz der allgemein ausgesprochene Wille der Volkheit sein, ein Wille, den die Menge niemals ausspricht, den aber der Verständige vernimmt, den der Vernünftige zu befriedigen weiß und der Gute gern befriedigt. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 145 % Welches Recht wir zum Regiment haben, darnach fragen wir nicht: Wir regieren. Ob das Volk ein Recht habe, uns abzusetzen, darum bekümmern wir uns nicht: Wir hüten uns nur, dass es nicht in Versuchung komme, es zu tun. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 146 % Wenn man den Tod abschaffen könnte, dagegen hätten wir nichts; die Todesstrafen abzuschaffen, wird schwer halten. Geschieht es, so rufen wir sie gelegentlich wieder zurück. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 147 % Wenn sich die Sozietät des Rechtes begibt, die Todesstrafe zu verfügen, so tritt die Selbsthilfe unmittelbar wieder hervor, die Blutrache klopft an die Türe. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 148 % Alle Gesetze sind von Alten und Männern gemacht. Junge und Weiber wollen die Ausnahme, Alte die Regel. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 149 % Der Verständige regiert nicht, aber der Verstand; nicht der Vernünftige, sondern die Vernunft. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 150 % Wen jemand lobt, dem stellt er sich gleich. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 151 % Es ist nicht genug, zu wissen, man muss auch anwenden; es ist nicht genug, zu wollen, man muss auch tun. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 152 % Es gibt keine patriotische Kunst und keine patriotische Wissenschaft. Beide gehören, wie alles hohe Gute, der ganzen Welt an und können nur durch allgemeine freie Wechselwirkung aller zugleich Lebenden in steter Rücksicht auf das, was uns vom Vergangenen übrig und bekannt ist, gefördert werden. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 153 % Der unschätzbare Vorteil, welchen die Ausländer gewinnen, indem sie unsere Literatur erst jetzt gründlich studieren, ist der, dass sie über die Entwicklungskrankheiten, durch die wir nun schon beinahe während dem Laufe des Jahrhunderts durchgehen mussten, auf einmal weg gehoben werden und, wenn das Glück gut ist, ganz eigentlich daran sich auf das wünschenswerteste ausbilden. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 154 % Wo die Franzosen des achtzehnten Jahrhunderts zerstörend sind, ist Wieland neckend. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 155 % Das poetische Talent ist dem Bauer so gut gegeben wie dem Ritter, es kommt nur darauf an, dass jeder seinen Zustand ergreife und ihn nach Würden behandle. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 156 % "Was sind Tragödien anders als versifizierte Passionen solcher Leute, die sich aus den äußern Dingen ich weiß nicht was machen?" -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 157 % Yorick Sterne war der schönste Geist, der je gewirkt hat; wer ihn liest, fühlt sich sogleich frei und schön; sein Humor ist unnachahmlich, und nicht jeder Humor befreit die Seele. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 158 % "Mäßigkeit und klarer Himmel sind Apollo und die Musen." -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 159 % "Das Gesicht ist der edelste Sinn; die andern vier belehren uns nur durch die Organe des Takts: Wir hören, wir fühlen, riechen und betasten alles durch Berührung; das Gesicht aber steht unendlich höher, verfeint sich über die Materie und nähert sich den Fähigkeiten des Geistes." -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 160 % "Setzten wir uns an die Stelle anderer Personen, so würden Eifersucht und Hass wegfallen, die wir so oft gegen sie empfinden; und setzten wir andere an unsere Stelle, so würde Stolz und Einbildung gar sehr abnehmen." -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 161 % "Nachdenken und Handeln verglich einer mit Rahel und Lea: Die eine war anmutiger, die andere fruchtbarer." -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 162 % "Nichts im Leben, außer Gesundheit und Tugend, ist schätzenswerter als Kenntnis und Wissen; auch ist nichts so leicht zu erreichen und so wohlfeil zu erhandeln: Die ganze Arbeit ist Ruhigsein und die Ausgabe Zeit, die wir nicht retten, ohne sie auszugeben." -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 163 % "Könnte man Zeit wie bares Geld beiseite legen, ohne sie zu benutzen, so wäre dies eine Art von Entschuldigung für den Müßiggang der halben Welt - aber keine völlige; denn es wäre ein Haushalt, wo man von dem Hauptstamm lebte, ohne sich um die Interessen zu bemühen." -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 164 % "Neuere Poeten tun viel Wasser in die Tinte." -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 165 % "Unter mancherlei wunderlichen Albernheiten der Schulen kommt mir keine so vollkommen lächerlich vor als der Streit über die Echtheit alter Schriften, alter Werke. Ist es denn der Autor oder die Schrift, die wir bewundern oder tadeln? Es ist immer nur der Autor, den wir vor uns haben; was kümmern uns die Namen, wenn wir ein Geisteswerk auslegen?" -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 166 % "Wer will behaupten, dass wir Virgil oder Homer vor uns haben, indem wir die Worte lesen, die ihm zugeschrieben werden? Aber die Schreiber haben wir vor uns, und was haben wir weiter nötig? Und ich denke fürwahr, die Gelehrten, die in dieser unwesentlichen Sache so genau zu Werke gehen, scheinen mir nicht weiser als ein sehr schönes Frauenzimmer, das mich einmal mit möglichst süßem Lächeln befragte, wer denn der Autor von Shakespeares Schauspielen gewesen sei." -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 167 % "Es ist besser, das geringste Ding von der Welt zu tun, als eine halbe Stunde für gering halten." -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 168 % "Mut und Bescheidenheit sind die unzweideutigsten Tugenden; denn die sind von der Art, dass Heuchelei sie nicht nachahmen kann. Auch haben sie die Eigenschaft gemein, sich beide durch dieselbe Farbe auszudrücken." -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 169 % "Unter allem Diebesgesindel sind die Narren die schlimmsten: Sie rauben euch beides, Zeit und Stimmung." -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 170 % Uns selbst zu achten, leitet unsre Sittlichkeit; andere zu schätzen, regiert unser Betragen." -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 171 % "Kunst und Wissenschaft sind Worte, die man so oft braucht und deren genauer Unterschied selten verstanden wird, man gebraucht oft eins für das andere." -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 172 % "Auch gefallen mir die Definitionen nicht, die man davon gibt. Verglichen fand ich irgendwo Wissenschaft mit Witz, Kunst und Humor, Hierin find' ich mehr Einbildungskraft als Philosophie: Es gibt uns wohl einen Begriff von dem Unterschied beider, aber keinen von dem Eigentümlichen einer jeden." -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 173 % "Ich denke, Wissenschaft könnte man die Kenntnis des Allgemeinen nennen, das abgezogene Wissen, Kunst dagegen wäre Wissenschaft zur Tat verwendet; Wissenschaft wäre Vernunft und Kunst ihr Mechanismus, deshalb man sie auch praktische Wissenschaft nennen könnte. Und so wäre denn endlich Wissenschaft das Theorem, Kunst das Problem." -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 174 % "Vielleicht wird man mir einwenden: Man hält die Poesie für Kunst, und doch ist sie nicht mechanisch. Aber ich leugne, dass sie eine Kunst sei; auch ist sie keine Wissenschaft. Künste und Wissenschaften erreicht man durch Denken, Poesie nicht; denn diese ist Eingebung: Sie war in der Seele empfangen, als sie sich zuerst regte. Man sollte sie weder Kunst noch Wissenschaft nennen, sondern Genius." -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 175 % Auch jetzt im Augenblick sollte jeder Gebildete Sternes Werke wieder zur Hand nehmen, damit auch das neunzehnte Jahrhundert erführe, was wir ihm schuldig sind, und einsähe, was wir ihm schuldig werden können. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 176 % In dem Erfolg der Literaturen wird das frühere Wirksame verdunkelt, und das daraus entsprungene Gewirkte nimmt überhand; deswegen man wohl tut, von Zeit zu Zeit wieder zurückzublicken. Was an uns Original ist, wird am besten erhalten und belebt, wenn wir unsre Altvordern nicht aus den Augen verlieren. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 177 % Möge das Studium der griechischen und römischen Literatur immerfort die Basis der höhern Bildung bleiben! -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 178 % Chinesische, indische, ägyptische Altertümer sind immer nur Kuriositäten: Es ist sehr wohl getan, sich und die Welt damit bekannt zu machen; zu sittlicher und ästhetischer Bildung aber werden sie uns wenig fruchten. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 179 % Der Deutsche läuft keine größere Gefahr, als sich mit und an seinen Nachbarn zu steigern; es ist vielleicht keine Nation geeigneter, sich aus sich selbst zu entwickeln, deswegen es ihr zum größten Vorteil gereichte, dass die Außenwelt von ihr so spät Notiz nahm. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 180 % Sehen wir unsre Literatur über ein halbes Jahrhundert zurück, so finden wir, dass nichts um der Fremden willen geschehen ist. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 181 % Das Friedrich der Große aber gar nichts von ihnen wissen wollte, das verdross die Deutschen doch, und sie taten das Mögliche, als etwas vor ihm zu erscheinen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 182 % Jetzt, da sich eine Weltliteratur einleitet, hat, genau besehen, der Deutsche am meisten zu verlieren; er wird wohl tun, dieser Warnung nachzudenken. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 183 % Auch einsichtige Menschen bemerken nicht, dass sie dasjenige erklären wollen, was Grunderfahrungen sind, bei denen man sich beruhigen müsste. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 184 % Doch mag dies auch vorteilhaft sein, sonst unterließe man das Forschen allzu früh. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 185 % Wer sich von nun an nicht auf eine Kunst oder Handwerk legt, der wird übel dran sein. Das Wissen fördert nicht mehr bei dem schnellen Umtriebe der Welt; bis man von allem Notiz genommen hat, verliert man sich selbst. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 186 % Eine allgemeine Ausbildung dringt uns jetzt die Welt ohnehin auf, wir brauchen uns deshalb darum nicht weiter zu bemühen; das Besondere müssen wir uns zueignen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 187 % Die größten Schwierigkeiten liegen da, wo wir sie nicht suchen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 188 % Lorenz Sterne war geboren 1713, starb 1768. Um ihn zu begreifen, darf man die sittliche und kirchliche Bildung seiner Zeit nicht unbeachtet lassen; dabei hat man wohl zu bedenken, dass er Lebensgenosse Warburtons gewesen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 189 % Eine freie Seele, wie die seine, kommt in Gefahr, frech zu werden, wenn nicht ein edles Wohlwollen das sittliche Gleichgewicht herstellt. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 190 % Bei leichter Berührbarkeit entwickelte sich alles von innen bei ihm heraus; durch beständigen Konflikt unterschied er das Wahre vom Falschen, heilt am ersten fest und verhielt sich gegen das andere rücksichtslos. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 191 % Er fühlte einen entschiedenen Hass gegen Ernst, weil er didaktisch und dogmatisch ist und gar leicht pedantisch wird, wogegen er den entschiedensten Abscheu hegte. Daher seine Abneigung gegen Terminologie. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 192 % Bei den vielfachsten Studien und Lektüre entdeckte er überall das Unzulängliche und Lächerliche. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 193 % Shandeism nennt er die Unmöglichkeit, über einen ernsten Gegenstand zwei Minuten zu denken. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 194 % Dieser schnelle Wechsel von Ernst und Scherz, von Anteil und Gleichgültigkeit, von Leid und Freude soll in dem irländischen Charakter liegen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 195 % Sagazität und Penetration sind bei ihm grenzenlos. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 196 % Seine Heiterkeit, Genügsamkeit, Duldsamkeit auf der Reise, wo diese Eigenschaften am meisten geprüft werden, finden nicht leicht ihresgleichen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 197 % So sehr uns der Anblick einer freien Seele dieser Art ergötzt, ebenso sehr werden wir gerade in diesem Fall erinnert, dass wir von allem dem, wenigstens von dem meisten, was uns entzückt, nichts in uns aufnehmen dürfen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 198 % Das Element der Lüsternheit, in dem er sich so zierlich und sinnig benimmt, würde vielen andern zum Verderben gereichen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 199 % Das Verhältnis zu seiner Frau wie zur Welt ist betrachtenswert. "Ich habe mein Elend nicht wie ein weiser Mann benutzt", sagt er irgendwo. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 200 % Er scherzt gar anmutig über die Widersprüche, die seinen Zustand zweideutig machen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 201 % "Ich kann das Predigen nicht vertragen; ich glaube, ich habe in meiner Jugend mich daran übergessen." -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 202 % Er ist in nichts ein Muster und in allem ein Andeuter und Erwecker. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 203 % "Unser Anteil an öffentlichen Angelegenheiten ist meist nur Philisterei." -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 204 % "Nichts ist höher zu schätzen als der Wert des Tages." -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 205 % "Pereant, qui ante nos nostra dixerunt!" So wunderlich könnte nur derjenige sprechen, der sich einbildete, ein Autochthon zu sein. Wer sich's zur Ehre hält, von vernünftigen Vorfahren abzustammen, wird ihnen doch wenigstens ebensoviel Menschensinn zugestehen als sich selbst. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 206 % Die originalsten Autoren der neuesten Zeit sind es nicht deswegen, weil sie etwas Neues hervorbringen, sondern allein, weil sie fähig sind, dergleichen Dinge zu sagen, als wenn sie vorher niemals wären gesagt gewesen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 207 % Daher ist das schönste Zeichen der Originalität, wenn man einen empfangenen Gedanken dergestalt fruchtbar zu entwickeln weiß, dass niemand leicht, wie viel in ihm verborgen liege, gefunden hätte. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 208 % Viele Gedanken heben sich erst aus der allgemeinen Kultur hervor, wie die Blüten aus den grünen Zweigen. Zur Rosenzeit sieht man Rosen überall blühen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 209 % Eigentlich kommt alles auf die Gesinnungen an: Wo diese sind, treten auch die Gedanken hervor, und nach dem sie sind, sind auch die Gedanken. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 210 % "Nichts wird leicht ganz unparteiisch wieder dargestellt. Man könnte sagen, hievon mache der Spiegel eine Ausnahme, und doch sehen wir unser Angesicht niemals ganz richtig darin; ja, der Spiegel kehrt unsre Gestalt um und macht unsre linke Hand zur rechten. Dies mag ein Bild sein für alle Betrachtungen über uns selbst." -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 211 % "Im Frühling und Herbst denkt man nicht leicht ans Kaminfeuer; und doch geschieht es, dass, wenn wir zufällig an einem vorbeigehen, wir das Gefühl, das es mitteilt, so angenehm finden, dass wir ihm wohl nachhängen mögen. Dies möchte mit jeder Versuchung analog sein." -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 212 % "Sei nicht ungeduldig, wenn man deine Argumente nicht gelten lässt." -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 213 % Wer lange in bedeutenden Verhältnissen lebt, dem begegnet freilich nicht alles, was dem Menschen begegnen kann; aber doch das Analoge und vielleicht einiges, was ohne Beispiel war. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 214 % Wenn der Mensch alles leisten soll, was man von ihm fordert, so muss er sich für mehr halten, als er ist. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 215 % Solange das nicht ins Absurde geht, erträgt man's auch gern. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 216 % Die Arbeit macht den Gesellen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 217 % Gewisse Bücher scheinen geschrieben zu sein, nicht damit man daraus lerne, sondern damit man wisse, dass der Verfasser etwas gewusst hat. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 218 % Sie peitschen den Quark, ob nicht etwa Creme daraus werden wolle. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 219 % Es ist weit eher möglich, sich in den Zustand eines Gehirns zu versetzen, das im entschiedensten Irrtum befangen ist, als eines, das Halbwahrheiten sich vorspiegelt. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 220 % Die Lust der Deutschen am Unsichern in den Künsten kommt aus der Pfuscherei her: Denn wer pfuscht, darf das Recht nicht gelten lassen, sonst wäre er gar nichts. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 221 % Es ist traurig, anzusehen, wie ein außerordentlicher Mensch sich gar oft mit sich selbst, seinen Umständen, seiner Zeit herumwürgt, ohne auf einen grünen Zweig zu kommen. Trauriges Beispiel Bürger. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 222 % Die größte Achtung, die ein Autor für sein Publikum haben kann, ist, dass er niemals bringt, was man erwartet, sondern was er selbst auf der jedesmaligen Stufe eigner und fremder Bildung für recht und nützlich hält. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 223 % Die Weisheit ist nur in der Wahrheit. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 224 % Wenn ich irre, kann es jeder bemerken, wenn ich lüge, nicht. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 225 % Der Deutsche hat Freiheit der Gesinnung, und daher merkt er nicht, wenn es ihm an Geschmacks- und Geistesfreiheit fehlt. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 226 % Ist denn die Welt nicht schon voller Rätsel genug, dass man die einfachsten Erscheinungen auch noch zu Rätseln machen soll? -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 227 % "Das kleinste Haar wirft seinen Schatten." -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 228 % Was ich in meinem Leben durch falsche Tendenzen versucht habe zu tun, hab' ich denn doch zuletzt gelernt begreifen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 229 % Die Freigebigkeit erwirbt einem jeden Gunst, vorzüglich wenn sie von Demut begleitet wird. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 230 % Vor dem Gewitter erhebt sich zum letzten Male der Staub gewaltsam, der nun bald für lange getilgt sein soll. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 231 % Die Menschen kennen einander nicht leicht, selbst mit dem besten Willen und Vorsatz; nun tritt noch der böse Wille hinzu, der alles entstellt. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 232 % Man würde einander besser kennen, wenn sich nicht immer einer dem andern gleichstellen wollte. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 233 % Ausgezeichnete Personen sind daher übler dran als andere: Da man sich mit ihnen nicht vergleicht, passt man ihnen auf. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 234 % In der Welt kommt's nicht drauf an, dass man die Menschen kenne, sondern dass man im Augenblick klüger sei als der vor uns Stehende. Alle Jahrmärkte und Marktschreier geben Zeugnis. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 235 % Nicht überall, wo Wasser ist, sind Frösche; aber wo man Frösche hört, ist Wasser. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 236 % Wer fremde Sprachen nicht kennt, weiß nichts von seiner eigenen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 237 % Der Irrtum ist recht gut, solange wir jung sind; man muss ihn nur nicht mit ins Alter schleppen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 238 % Alle Travers, die veralten, sind unnützes, ranziges Zeug. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 239 % Durch die despotische Unvernunft des Kardinals Richelieu war Corneille an sich selbst irregeworden. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 240 % Die Natur gerät auf Spezifikationen wie in eine Sackgasse: Sie kann nicht durch und mag nicht wieder zurück, daher die Hartnäckigkeit der Nationalbildung. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 241 % Metamorphose im höhern Sinn durch Nehmen und Geben, Gewinnen und Verlieren hat schon Dante trefflich geschildert. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 242 % Jeder hat etwas in seiner Natur, das, wenn er es öffentlich ausspräche, Missfallen erregen müsste. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 243 % Wenn der Mensch über sein Physisches oder Moralisches nachdenkt, findet er sich gewöhnlich krank. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 244 % Es ist eine Forderung der Natur, dass der Mensch mitunter betäubt werde, ohne zu schlafen: Daher der Genuss im Tabakrauchen, Branntweintrinken, Opiaten. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 245 % Dem tätigen Menschen kommt es darauf an, dass er das Rechte tue; ob das Rechte geschehe, soll ihn nicht kümmern. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 246 % Mancher klopft mit dem Hammer an der Wand herum und glaubt, er treffe jedes Mal den Nagel auf den Kopf. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 247 % Die französischen Worte sind nicht aus geschriebenen lateinischen Worten entstanden, sondern aus gesprochenen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 248 % Das Zufällig-Wirkliche, an dem wir weder ein Gesetz der Natur noch der Freiheit für den Augenblick entdecken, nennen wir das Gemeine. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 249 % Bemalung und Punktierung der Körper ist eine Rückkehr zur Tierheit. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 250 % Geschichte schreiben ist eine Art, sich das Vergangene vom Halse zu schaffen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 251 % Was man nicht versteht, besitzt man nicht. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 252 % Nicht jeder, dem man Prägnantes überliefert, wird produktiv; es fällt ihm wohl etwas ganz Bekanntes dabei ein. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 253 % Gunst als Symbol der Souveränität, von schwachen Menschen ausgeübt. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 254 % Es gibt nichts Gemeines, was, fratzenhaft ausgedrückt, nicht humoristisch aussähe. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 255 % Es bleibt einem jeden immer noch so viel Kraft, das auszuführen, wovon er überzeugt ist. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 256 % Das Gedächtnis mag immer schwinden, wenn das Urteil im Augenblick nicht fehlt. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 257 % Die so genannten Naturdichter sind frisch und neu aufgeforderte, aus eine rüberbildeten, stockenden, manierierten Kunstepoche zurückgewiesene Talente. Dem Platten können sie nicht ausweichen, man kann sie daher als rückschreitend ansehen; sie sind aber regenerierend und veranlassen neue Vorschritte. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 258 % Keine Nation gewinnt ein Urteil, als wenn sie über sich selbst urteilen kann. Zu diesem großen Vorteil gelangt sie aber sehr spät. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 259 % Anstatt meinen Worten zu widersprechen, sollten sie nach meinem Sinne halten. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 260 % Alle Gegner einer geistreichen Sache schlagen nur in die Kohlen: Diese springen umher und zünden da, wo sie sonst nicht gewirkt hätten. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 261 % Die Menschen verdrießt's, dass das Wahre so einfach ist; sie sollten bedenken, dass sie noch Mühe genug haben, es praktisch zu ihrem Nutzen anzuwenden. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 262 % Ich verwünsche die, die aus dem Irrtum eine eigene Welt machen und doch unablässig fordern, dass der Mensch nützlich sein müsse. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 263 % Eine Schule ist als ein einziger Mensch anzusehen, der hundert Jahre mit sich selbst spricht und sich in seinem eignen Wesen, und wenn es auch noch so albern wäre, ganz außerordentlich gefällt. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 264 % Eine falsche Lehre lässt sich nicht widerlegen, denn sie ruht ja auf der Überzeugung, dass das Falsche wahr sei. Aber das Gegenteil kann, darf und muss man wiederholt aussprechen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 265 % Der Mensch wäre nicht der Vornehmste auf der Erde, wenn er nicht zu vornehm für sie wäre. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 266 % Das längst Gefundene wird wieder verscharrt; wie bemühte sich Tycho, die Kometen zu regelmäßigen Körpern zu machen, wofür sie Seneca längst anerkannt. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 267 % Wie lange hat man über die Antipoden hin und her gestritten! -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 268 % Gewissen Geistern muss man ihre Idiotismen lassen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 269 % Es werden jetzt Produktionen möglich, die Null sind, ohne schlecht zu sein: Null, weil sie keinen Gehalt haben; nicht schlecht, weil eine allgemeine Form guter Muster den Verfassern vorschwebt. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 270 % Der Schnee ist eine erlogene Reinlichkeit. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 271 % Wer sich vor der Idee scheut, hat auch zuletzt den Begriff nicht mehr. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 272 % Unsere Meister nennen wir billig die, von denen wir immer lernen. Nicht ein jeder, von dem wir lernen, verdient diesen Titel. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 273 % Alles Lyrische muss im Ganzen sehr vernünftig, im Einzelnen ein bisschen unvernünftig sein. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 274 % Es hat mit euch eine Beschaffenheit wie mit dem Meer, dem man unterschiedentliche Namen gibt, und es ist doch endlich alles gesalzen Wasser. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 275 % Man sagt: Eitles Eigenlob stinket; das mag sein. Was aber fremder und ungerechter Tadel für einen Geruch habe, dafür hat das Publikum keine Nase. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 276 % Der Roman ist eine subjektive Epopöe, in welcher der Verfasser sich die Erlaubnis ausbittet, die Welt nach seiner Weise zu behandeln. Es fragt sich also nur, ob er eine Weise habe, das andere wird sich schon finden. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 277 % Es gibt problematische Naturen, die keiner Lage gewachsen sind, in der sie sich befinden, und denen keine genugtut. Daraus entsteht der ungeheure Widerstreit, der das Leben ohne Genuss verzehrt. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 278 % Das eigentlich wahrhaft Gute, was wir tun, geschieht größtenteils clam, vi et precario. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 279 % "Ein lustiger Gefährte ist ein Rollwagen auf der Wanderschaft." -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 280 % Der Schmutz ist glänzend, wenn die Sonne scheinen mag. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 281 % Der Müller denkt, es wachse kein Weizen, als damit seine Mühle gehe. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 282 % Es ist schwer, gegen den Augenblick gerecht sein: Der gleichgültige macht uns Langeweile, am guten hat man zu tragen und am bösen zu schleppen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 283 % Der ist der glücklichste Mensch, der das Ende seines Lebens mit dem Anfang in Verbindung setzen kann. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 284 % So eigensinnig widersprechend ist der Mensch: Zu seinem Vorteil will er keine Nötigung, zu seinem Schaden leidet er jeden Zwang. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 285 % Die Vorsicht ist einfach, die Hinterdreinsicht vielfach. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 286 % Ein Zustand, der alle Tage neuen Verdruss zuzieht, ist nicht der rechte. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 287 % Bei Unvorsichtigkeiten ist nichts gewöhnlicher, als Aussichten auf die Möglichkeit eines Auswegs zu suchen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 288 % Die Hindus der Wüste geloben, keine Fische zu essen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 289 % Es ist mit Meinungen, die man wagt, wie mit Steinen, die man voran im Brette bewegt: Sie können geschlagen werden, aber sie haben ein Spiel eingeleitet, das gewonnen wird. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 290 % Es ist so gewiss als wunderbar, dass Wahrheit und Irrtum aus einer Quelle entstehen; deswegen man oft dem Irrtum nicht schaden darf, weil man zugleich der Wahrheit schadet. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 291 % Ein unzulängliches Wahre wirkt eine Zeitlang fort, statt völliger Aufklärung aber tritt auf einmal ein blendendes Falsche herein; das genügt der Welt, und so sind Jahrhunderte betört. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 292 % In den Wissenschaften ist es höchst verdienstlich, das unzulängliche Wahre, was die Alten schon besessen, aufzusuchen und weiter zu führen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 293 % Die Wahrheit gehört dem Menschen, der Irrtum der Zeit an. Deswegen sagt man von einem außerordentlichen Manne: Le malheur des temps a causé son erreur, mais la force de son âme l'en a fait sortir avec gloire. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 294 % Jedermann hat seine Eigenheiten und kann sie nicht los werden; und doch geht mancher an seinen Eigenheiten, oft an den unschuldigsten, zugrunde. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 295 % Wer sich nicht zuviel dünkt, ist viel mehr, als er glaubt. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 296 % In Kunst und Wissenschaft sowie im Tun und Handeln kommt alles darauf an, dass die Objekte rein aufgefasst und ihrer Natur gemäß behandelt werden. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 297 % Wenn verständige, sinnige Personen im Alter die Wissenschaft gering schätzen, so kommt es nur daher, dass sie von ihr und von sich zuviel gefordert haben. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 298 % Ich bedaure die Menschen, welche von der Vergänglichkeit der Dinge viel Wesens machen und sich in Betrachtung irdischer Nichtigkeit verlieren. Sind wir ja eben deshalb da, um das Vergängliche unvergänglich zu machen; das kann ja nur dadurch geschehen, dass man beides zu schätzen weiß. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 299 % Man muss sein Glaubensbekenntnis von Zeit zu Zeit wiederholen, aussprechen, was man billigt, was man verdammt; der Gegenteil lässt's ja auch nicht daran fehlen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 300 % In der jetzigen Zeit soll niemand schweigen oder nachgeben; man muss reden und sich rühren, nicht um zu überwinden, sondern sich auf seinem Posten zu erhalten, ob bei der Majorität oder Minorität, ist ganz gleichgültig. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 301 % Was die Franzosen tournure nennen, ist eine zur Anmut gemilderte Anmaßung. Man sieht daraus, dass die Deutschen keine tournure haben können; ihre Anmaßung ist hart und herb, ihre Anmut mild und demütig; das eine schließt das andere aus und sind nicht zu verbinden. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 302 % Einen Regenbogen, der eine Viertelstunde steht, sieht man nicht mehr an. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 303 % Es begegnete und geschieht mir noch, dass ein Werk bildender Kunst mir beim ersten Anblick missfällt, weil ich ihm nicht gewachsen bin; ahn' ich aber ein Verdinest daran, so such' ich ihm beizukommen, und dann fehlt es nicht an den erfreulichsten Entdeckungen: An den Dingen werd' ich neue Eigenschaften und an mir neue Fähigkeiten gewahr. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 304 % Der Glaube ist ein häuslich, heimlich Kapital, wie es öffentliche Spar- und Hilfskassen gibt, woraus man in Tagen der Not einzelnen ihr Bedürfnis reicht, hier nimmt der Gläubige sich seine Zinsen im Stillen selbst. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 305 % Der eigentliche Obskurantismus ist nicht, dass man die Ausbreitung des Wahren, Klaren, Nützlichen hindert, sondern dass man das Falsche in Kurs bringt. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 306 % Der Irrtum ist viel leichter zu erkennen, als die Wahrheit zu finden; jener liegt auf der Oberfläche, damit lässt sich wohl fertig werden; diese ruht in der Tiefe, danach zu forschen, ist nicht jedermanns Sache. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 307 % Wir alle leben vom Vergangnen und gehen am Vergangenen zugrunde. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 308 % Wie wir was Großes lernen sollen, flüchten wir uns gleich in unsere angeborne Armseligkeit und haben doch immer etwas gelernt. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 309 % Den Deutschen ist nichts daran gelegen, zusammen zu bleiben, aber doch für sich zu bleiben. Jeder, sei er auch welcher er wolle, hat so ein eignes Fürsich, das er sich nicht gern möchte nehmen lassen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 310 % Die empirisch-sittliche Welt besteht größtenteils nur aus bösem Willen und Neid. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 311 % Der Aberglaube ist die Poesie des Lebens; deswegen schadet's dem Dichter nicht, abergläubisch zu sein. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 312 % Das Leben, so gemein es aussieht, so leicht es sich mit dem Gewöhnlichen, Alltäglichen zu befriedigen scheint, hegt und pflegt doch immer gewisse höhere Forderungen im stillen fort und sieht sich nach Mitteln um, sie zu befriedigen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 313 % Mit dem Vertrauen ist es eine wunderliche Sache. Hört man nur einen: Der kann sich irren oder sich betrügen; hört man viele: Die sind in demselbigen Falle, und gewöhnlich findet man da die Wahrheit gar nicht heraus. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 314 % Unreine Lebensverhältnisse soll man niemand wünschen; sie sind aber für den, der zufällig hineingerät, Prüfsteine des Charakters und des Entschiedensten, was der Mensch vermag. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 315 % Ein beschränkter, ehrlicher Mensch sieht oft die Schelmerei der feinsten Mächler (faiseurs) durch und durch. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 316 % Wer keine Liebe fühlt, muss schmeicheln lernen, sonst kommt er nicht aus. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 317 % Gegen die Kritik kann man sich weder schützen noch wehren; man muss ihr zum Trutz handeln, und das lässt sie sich nach und nach gefallen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 318 % Die Menge kann tüchtige Menschen nicht entbehren, und die Tüchtigen sind ihnen jederzeit zur Last. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 319 % Wer meine Fehler überträgt, ist mein Herr, und wenn's mein Diener wäre. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 320 % Memoiren von oben herunter oder von unten hinauf: Sie müssen sich immer begegnen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 321 % Wenn man von den Leuten Pflichten fordert und ihnen keine Rechte zugestehen will, muss man sie gut bezahlen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 322 % Das so genannte Romantische einer Gegend ist ein stilles Gefühl des Erhabenen unter der Form der Vergangenheit oder, was gleich lautet, der Einsamkeit, Abwesenheit, Abgeschiedenheit. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 323 % Der herrliche Kirchengesang: Veni Creator Spiritus ist ganz eigentlich ein Appell ans Genie; deswegen er auch geist- und kraftreiche Menschen gewaltig anspricht. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 324 % Aufrichtig zu sein, kann ich versprechen, unparteiisch zu sein aber nicht. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 325 % Der Undank ist immer eine Art Schwäche. Ich habe nie gesehen, dass tüchtige Menschen wären undankbar gewesen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 326 % Wir alle sind so borniert, dass wir immer glauben, recht zu haben; und so lässt sich ein außerordentlicher Geist denken, der nicht allein irrt, sondern sogar Lust am Irrtum hat. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 327 % Reine mittlere Wirkung zur Vollendung des Guten und Rechten ist sehr selten; gewöhnlich sehen wir Pedanterie, welche zu retardieren, Frechheit, die zu übereilen strebt. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 328 % "Wer sich mit Wissenschaften abgibt, leidet erst durch Retardationen und dann durch Präokkupationen. Die erste Zeit wollen die Menschen dem keinen Wert zugestehen, was wir ihnen überliefern, und dann gebärden sie sich, als wenn ihnen alles schon bekannt wäre, was wir ihnen überliefern könnten." -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 329 % Wort und Bild sind Korrelate, die sich immerfort suchen, wie wir an Tropen und Gleichnissen genugsam gewahr werden. So von jeher, was dem Ohr nach innen gesagt oder gesungen war, sollte dem Auge gleichfalls entgegenkommen. Und so sehen wir in kindlicher Zeit in Gesetzbuch und Heilsordnung, in Bibel und Fibel sich Wort und Bild immerfort balancieren. Wenn man aussprach, was sich nicht bilden, bildete, was sich nicht aussprechen ließ, so war das ganz recht; aber man vergriff sich gar oft und sprach, statt zu bilden, und daraus entstanden die doppelt bösen symbolisch-mystischen Ungeheuer. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 330 % Eine Sammlung von Anekdoten und Maximen ist für den Weltmann der größte Schatz, wenn er die ersten an schicklichen Orten ins Gespräch einzustreuen, der letzten im treffenden Falle sich zu erinnern weiß. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 331 % Wo der Anteil sich verliert, verliert sich auch das Gedächtnis. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 332 % Die Welt ist eine Glocke, die einen Riss hat: Sie klappert, aber klingt nicht. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 333 % Die Zudringlichkeit junger Dilettanten muss man mit Wohlwollen ertragen; sie werden im Alter die wahrsten Verehrer der Kunst und des Meisters. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 334 % Wenn die Menschen recht schlecht werden, haben sie keinen Anteil mehr als die Schadenfreude. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 335 % Gescheite Leute sind immer das beste Konversationslexikon. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 336 % Es gibt Menschen, die gar nicht irren, weil sie sich nichts Vernünftiges vorsetzen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 337 % Kenne ich mein Verhältnis zu mir selbst und zur Außenwelt, so heiß' ich's Wahrheit. Und so kann jeder seine eigene Wahrheit haben, und es ist doch immer dieselbige. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 338 % Das Besondere unterliegt ewig dem Allgemeinen; das Allgemeine hat ewig sich dem Besondern zu fügen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 339 % Vom eigentlichen Produktiven ist niemand Herr, und sie müssen es alle nur so gewähren lassen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 340 % Die Zeit ist selbst ein Element. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 341 % Der Mensch begreift niemals, wie anthropomorphisch er ist. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 342 % Ein Unterschied, der dem Verstand nichts gibt, ist kein Unterschied. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 343 % Die Verwechselung eines Konsonanten mit dem andern möchte wohl aus Unfähigkeit des Organs, die Verwandlung der Vokale in Diphthongen aus einem eingebildeten Pathos entstehen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 344 % Man kann nicht für jedermann leben, besonders für die nicht, mit denen man nicht leben möchte. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 345 % Der Appell an die Nachwelt entspringt aus dem reinen lebendigen Gefühl, dass es ein Unvergängliches gebe und, wenn auch nicht gleich anerkannt, doch zuletzt aus der Minorität sich der Majorität werde zu erfreuen haben. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 346 % "Wenn man alle Gesetze studieren sollte, so hätte man gar keine Zeit, sie zu übertreten." -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 347 % Geheimnisse sind noch keine Wunder. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 348 % "I convertiti stanno freschi appresso di me." -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 349 % Leichtsinnige, leidenschaftliche Begünstigung problematischer Talente war ein Fehler meiner frühern Jahre, den ich niemals ganz ablegen konnte. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 350 % Ich möchte gern ehrlich mit dir sein, ohne dass wir uns entzweiten: Das geht aber nicht. Du benimmst dich falsch und setzest dich zwischen zwei Stühle; Anhänger gewinnst du nicht und verlierst deine Freunde. Was soll daraus werden! -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 351 % Es ist ganz einerlei, vornehm oder gering sein: Das Menschliche muss man immer ausbaden. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 352 % Die liberalen Schriftsteller spielen jetzt ein gutes Spiel, sie haben das ganze Publikum zu Suppleanten. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 353 % Wenn ich von liberalen Ideen reden höre, so verwundere ich mich immer, wie die Menschen sich gern mit leeren Wortschällen hinhalten: Eine Idee darf nicht liberal sein! Kräftig sei sie, tüchtig, in sich selbst abgeschlossen, damit sie den göttlichen Auftrag, produktiv zu sein, erfülle. Noch weniger darf der Begriff liberal sein, denn der hat einen ganz andern Auftrag. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 354 % Wo man die Liberalität aber suchen muss, das ist in den Gesinnungen, und diese sind das lebendige Gemüt. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 355 % Gesinnungen aber sind selten liberal, weil die Gesinnung unmittelbar aus der Person, ihren nächsten Beziehungen und Bedürfnissen hervorgeht. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 356 % Weiter schreiben wir nicht; an diesem Maßstab halte man, was man tagtäglich hört! -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 357 % Es sind immer nur unsere Augen, unsere Vorstellungsarten; die Natur weiß ganz allein, was sie will, was sie gewollt hat. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 358 % "Gib mir! Wo ich stehe!" Archimedes. "Nimm dir, wo du stehest!" Nose. "Behaupte, wo du stehst!" G. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 359 % Allgemeines Kausalverhältnis, das der Beobachter aufsucht und ähnliche Erscheinungen einer allgemeinen Ursache zuschreibt; an die nächste wird selten gedacht. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 360 % "Einem Klugen widerfährt keine geringe Torheit." -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 361 % Bei jedem Kunstwerk, groß und klein, bis ins kleinste kommt alles auf die Konzeption an. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 362 % Es gibt eine Poesie ohne Tropen, die ein einziger Tropus ist. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 363 % Ein alter gutmütiger Examinator sagte einem Schüler ins Ohr: Etiam nihil didicisti, und lässt ihn für gut hingehen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 364 % Das Fürtreffliche ist unergründlich, man mag damit anfangen, was man will. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 365 % "Aemilium Paullum - virum in tantum laudandum, in quantum intelligi virtus potest." -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 366 % Ich habe mich so lange ums Allgemeine bemüht, bis ich einsehen lernte, was vorzügliche Menschen im Besondern leisten. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 367 % Indem ich mich zeither mit der Lebensgeschichte wenig und viel bedeutender Menschen anhaltender beschäftigte, kam ich auf den Gedanken, es möchten sich wohl die einen in dem Weltgewebe als Zettel, die andern als Einschlag betrachten lassen; jene gäben eigentlich die Breite des Gewebes an, diese dessen Halt, Festigkeit, vielleicht auch mit Zutat irgendeines Gebildes. Die Schere der Parze hingegen bestimmt die Länge, dem sich denn das übrige alles zusammen unterwerfen muss. Weiter wollen wir das Gleichnis nicht verfolgen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 368 % Auch Bücher haben ihr Erlebtes, das ihnen nicht entzogen werden kann. Wer nie sein Brot mit Tränen aß, Wer nicht die kummervollen Nächte Auf seinem Bette weinend saß, Der kennt euch nicht, ihr himmlischen Mächte. Diese tiefschmerzlichen Zeilen wiederholte sich eine höchst vollkommene angebetete Königin in der grausamsten Verbannung, zu grenzenlosem Elend verwiesen. Sie befreudete sich mit dem Buche, das diese Worte und noch manche schmerzliche Erfahrung überliefert, und zog daraus einen peinlichen Trost; wer dürfte diese schon in die Ewigkeit sich erstreckende Wirkung wohl jemals verkümmern? -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 369 % Mit dem größten Entzücken sieht man im Apollosaal der Villa Aldobrandini zu Frascati, auf welche glückliche Weise Domenichin die Ovidischen Metamorphosen mit der schicklichsten Örtlichkeit umgibt; dabei nun erinnert man sich gern, dass die glücklichsten Ereignisse doppelt selig empfunden werden, wenn sie uns in herrlicher Gegen gegönnt waren, ja dass gleichgültige Momente durch würdige Lokalität zu hoher Bedeutung gesteigert wurden. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 370 % Mannräuschlein nannte man im siebzehnten Jahrhundert gar ausdrucksvoll die Geliebte. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 371 % Liebes gewaschenes Seelchen ist der verliebteste Ausdruck auf Hiddensee. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 372 % Das Wahre ist eine Fackel, aber eine ungeheure; deswegen suchen wir alle nur blinzend so daran vorbeizukommen, in Furcht sogar, uns zu verbrennen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 373 % "Die Klugen haben miteinander viel gemein." Äschylus. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 374 % Das eigentlich Unverständige sonst verständiger Menschen ist, dass sie nicht zurechtzulegen wissen, was ein anderer sagt, aber nicht gerade trifft, wie er's hätte sagen sollen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 375 % Ein jeder, weil er spricht, glaubt auch über die Sprache sprechen zu können. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 376 % Man darf nur alt werden, um milder zu sein; ich sehe kein Fehler begehen, den ich nicht auch begangen hätte. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 377 % Der Handelnde ist immer gewissenlos; es hat niemand Gewissen als der Betrachtende. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 378 % Ob denn die Glücklichen glauben, dass der Unglückliche wie ein Gladiator mit Anstand vor ihnen umkommen solle, wie der römische Pöbel zu fordern pflegte? -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 379 % Den Timon fragte jemand wegen des Unterrichts seiner Kinder. Lasst sie, sagte der, unterrichten in dem, was sie niemals begreifen werden. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 380 % Es gibt Personen, denen ich wohl will und wünsche, ihnen besser wollen zu können. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 381 % "Der eine Bruder brach Töpfe, der andere Krüge." Verderbliche Wirtschaft! -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 382 % Wie man aus Gewohnheit nach einer abgelaufenen Uhr hinsieht, als wenn sie noch ginge, so blickt man auch wohl einer Schönen ins Gesicht, als wenn sie noch liebte. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 383 % Der Hass ist ein aktives Missvergnügen, der Neid ein passives; deshalb darf man sich nicht wundern, wenn der Neid so schnell in Hass übergeht. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 384 % Der Rhythmus hat etwas Zauberisches, sogar macht er uns glauben, das Erhabene gehöre uns an. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 385 % Dilettantismus, ernstlich behandelt, und Wissenschaft, mechanisch betrieben, werden Pedanterei. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 386 % Die Kunst kann niemand fördern als der Meister. Gönner fördern den Künstler, das ist recht und gut; aber dadurch wird nicht immer die Kunst gefördert. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 387 % "Deutlichkeit ist eine gehörige Verteilung von Licht und Schatten." Hamann. Hört! -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 388 % Shakespeare ist reich an wundersamen Tropen, die aus personifizierten Begriffen entstehen und uns gar nicht kleiden würden, bei ihm aber völlig am Platze sind, weil zu seiner Zeit alle Kunst von der Allegorie beherrscht wurde. Auch findet derselbe Gleichnisse, wo wir sie nicht hernehmen würden, z.B. vom Buche. Die Druckerkunst war schon über hundert Jahre erfunden; demohngeachtet erschien ein Buch noch als ein Heiliges, wie wir aus dem damaligen Einbande sehen, und so war es dem edlen Dichter lieb und ehrenwert; wir aber broschieren jetzt alles und haben nicht leicht vor dem Einbande noch seinem Inhalte Respekt. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 389 % "Herr von Schweinichen" ist ein merkwürdiges Gesichts- und Sittenbuch; für die Mühe, die es kostet, es zu lesen, finden wir uns reichlich belohnt; es wird für gewisse Zustände eine Symbolik der vollkommensten Art. Es ist kein Lesebuch, aber man muss es gelesen haben. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 390 % Der törigste von allen Irrtümern ist, wenn junge gute Köpfe glauben, ihre Originalität zu verlieren, indem sie das Wahre anerkennen, was von andern schon anerkannt worden. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 391 % Die Gelehrten sind meist gehässig, wenn sie widerlegen; einen Irrenden sehen sie gleich als ihren Todfeind an. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 392 % Die Schönheit kann nie über sich selbst deutlich werden. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 393 % Sobald man der subjektiven oder so genannten sentimentalen Poesie mit der objektiven, darstellenden, gleiche Rechte verlieh, wie es denn auch wohl nicht anders sein konnte, weil man sonst die moderne Poesie ganz hätte ablehnen müssen, so war vorauszusehen, dass, wenn auch wahrhafte poetische Genies geboren werden sollten, sie doch immer mehr das Gemütliche des innern Lebens als das Allgemeine des großen Weltlebens darstellen würden. Dieses ist nun in dem Grade eingetroffen, dass es eine Poesie ohne Tropen gibt, der man doch keineswegs allen Beifall versagen kann. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 394 % Madame Roland, auf dem Blutgerüste, verlangte Schreibzeug, um die ganz besondern Gedanken aufzuschreiben, die ihr auf dem letzten Wege vorgeschwebt. Schade, dass man ihr's versagte; denn am Ende des Lebens gehen dem gefassten Geiste Gedanken auf, bisher undenkbare; sie sind wie selige Dämonen, die sich auf den Gipfeln der Vergangenheit glänzend niederlassen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 395 % Man sagt sich oft im Leben, dass man die Vielgeschäftigkeit, Polypragmosyne, vermeiden, besonders je älter man wird, sich desto weniger in ein neues Geschäft einlassen solle. Aber man hat gut reden, gut sich und andern raten. Älter werden heißt selbst ein neues Geschäft antreten; alle Verhältnisse verändern sich, und man muss entweder zu handeln ganz aufhören oder mit willen und Bewusstsein das neue Rollenfach übernehmen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 396 % Große Talente sind selten, und selten ist es, dass sie sich selbst erkennen; nun aber hat kräftiges, unbewusstes Handeln und Sinnen so höchst erfreuliche als unerfreuliche Folgen, und in solchem Konflikt schwindet ein bedeutendes Leben vorüber. Hievon ergeben sich in Medwins "Unterhaltungen" so merkwürdige als traurige Beispiele. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 397 % Vom Absoluten in theoretischem Sinne wag' ich nicht zu reden; behaupten aber darf ich, dass, wer es in der Erscheinung anerkannt und immer im Auge behalten hat, sehr großen Gewinn davon erfahren wird. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 398 % In der Idee leben heißt das Unmögliche behandeln, als wenn es möglich wäre. Mit dem Charakter hat es dieselbe Bewandtnis: Treffen beide zusammen, so entstehen Ereignisse, worüber die Welt vom Erstaunen sich Jahrtausende nicht erholen kann. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 399 % Napoleon, der ganz in der Idee lebte, konnte sie doch im Bewusstsein nicht erfassen; er leugnet alles Ideelle durchaus und spricht ihm jede Wirklichkeit ab, indessen er eifrig es zu verwirklichen trachtet. Einen solchen innern perpetuierlichen Widerspruch kann aber sein klarer, unbestechlicher Verstand nicht ertragen, und es ist höchst wichtig, wenn er, gleichsam genötigt, sich darüber gar eigen und anmutig ausdrückt. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 400 % Er betrachtet die Idee als ein geistiges Wesen, das zwar keine Realität hat, aber, wenn es verfliegt, ein Residuum (Caput mortuum) zurücklässt, dem wir die Wirklichkeit nicht ganz absprechen können. Wenn dieses uns auch starr und materiell genug scheinen mag, so spricht er sich ganz anders aus, wenn er von den unaufhaltsamen Folgen seines Lebens und Treibens mit Glauben und Zutrauen die Seinen unterhält. Da gesteht er wohl gern, dass Leben Lebendiges hervorbringe, dass eine gründliche Befruchtung auf alle Zeiten hinaus wirke. Er gefällt sich, zu bekennen, dass er dem Weltgange eine frische Anregung, eine neue Richtung gegeben habe. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 401 % Höchst bemerkenswert bleibt es immer, dass Menschen, deren Persönlichkeit fast ganz Idee ist, sich so äußerst vor dem Phantastischen scheuen. So war Hamann, dem es unerträglich schien, wenn von Dingen einer andern Welt gesprochen schien, wenn von Dingen einer andern Welt gesprochen wurde. Er drückte sich gelegentlich darüber in einem gewissen Paragraphen aus, den er aber, weil er ihm unzulänglich schien, vierzehn Mal variierte und sich doch immer wahrscheinlich nicht genug tat. Zwei von diesen Versuchen sind uns übrig geblieben; einen dritten haben wir selbst gewagt, welchen hier abdrucken zu lassen wir durch oben Stehendes veranlasst sind. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 402 % Der Mensch ist als wirklich in die Mitte einer wirklichen Welt gesetzt und mit solchen Organen begabt, dass er das Wirkliche und nebenbei das Mögliche erkennen und hervorbringen kann. Alle gesunden Menschen haben die Überzeugung ihres Daseins und eines Daseienden um sie her. Indessen gibt es auch einen hohlen Fleck im Gehirn, d.h. eine Stelle, wo sich kein Gegenstand abspiegelt, wie denn auch im Auge selbst ein Fleckchen ist, das nicht sieht. Wird der Mensch auf diese Stelle besonders aufmerksam, vertieft er sich darin, so verfällt er in eine Geisteskrankheit, ahnet hier Dinge aus einer andern Welt, die aber eigentlich Undinge sind und weder Gestalt noch Begrenzung haben, sondern als leere Nachträumlichkeit ängstigen und den, der sich nicht losreißt, mehr als gespensterhaft verfolgen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 403 % Literatur ist das Fragment der Fragmente; das wenigste dessen, was geschah und gesprochen worden, ward geschrieben; vom Geschriebenen ist das wenigste übrig geblieben. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 404 % Und doch bei aller Unvollständigkeit des Literarwesens finden wir tausendfältige Wiederholung, woraus hervorgeht, wie beschränkt des Menschen Geist und Schicksal sei. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 405 % Den einzelnen Verkehrtheiten des Tags sollte man immer nur große weltgeschichtliche Massen entgegensetzen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 406 % Da wir doch zu dieser allgemeinen Weltberatung als Assessoren, obgleich sine voto, berufen sind und wir uns von den Zeitungsschreibern tagtäglich referieren lassen, so ist es ein Glück, auch aus der Vorzeit tüchtig Referierende zu finden. Für mich sind von Raumer und Wachler in den neusten Tagen dergleichen geworden. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 407 % Die Frage: Wer höher steht, der Historiker oder der Dichter? Darf gar nicht aufgeworfen werden; sie konkurrieren nicht miteinander, so wenig als der Wettläufer und der Faustkämpfer. Jedem gebührt seine eigene Krone. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 408 % Die Pflicht des Historikers ist zwiefach: Erst gegen sich selbst, dann gegen den Leser. Bei sich selbst muss er genau prüfen, was wohl geschehen sein könnte, und um des Lesers willen muss er festsetzen, was geschehen sei. Wie er mit sich selbst handelt, mag er mit seinen Kollegen ausmachen; das Publikum muss aber nicht ins Geheimnis hineinsehen, wie wenig in der Geschichte als entschieden ausgemacht kann angesprochen werden. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 409 % Es geht uns mit Büchern wie mit neuen Bekanntschaften. Die erste Zeit sind wir hoch vergnügt, wenn wir im allgemeinen Übereinstimmung finden, wenn wir uns an irgendeiner Hauptseite unserer Existenz freundlich berührt fühlen; bei näherer Bekanntschaft treten alsdann erst die Differenzen hervor, und da ist denn die Hauptsache eines vernünftigen Betragens, dass man nicht, wie etwa in der Jugend geschieht, sogleich zurückschaudere, sondern dass man gerade das Übereinstimmende recht fest halte und sich über die Differenzen vollkommen aufkläre, ohne sich deshalb vereinigen zu wollen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 410 % Eine solche freundlich-belehrende Unterhaltung ist mir durch Stiedenroths "Psychologie" geworden. Alle Wirkung des Äußern aufs Innere trägt er unvergleichlich vor, und wir sehen die Welt nochmals nach und nach in uns entstehen. Aber mit der Gegenwirkung des Innern nach außen gelingt es ihm nicht ebenso. Der Entelechie, die nichts aufnimmt, ohne sich's durch eigene Zutat anzueignen, lässt er nicht Gerechtigkeit widerfahren, und mit dem Genie will es auf diesem Weg gar nicht fort; und wenn er das Ideal aus der Erfahrung abzuleiten denkt und sagt, das Kind idealisiert nicht, so mag man antworten, das Kind zeugt nicht; denn zum Gewahrwerden des Ideellen gehört auch eine Pubertät. Doch genug, er bleibt uns ein werter Gesell und Gefährte und soll nicht von unserer Seite kommen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 411 % Wer viel mit Kindern lebt, wird finden, dass keine äußere Einwirkung auf sie ohne Gegenwirkung bleibt. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 412 % Die Gegenwirkung eines vorzüglich kindlichen Wesens ist sogar leidenschaftlich, das Eingreifen tüchtig. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 413 % Deshalb leben Kinder in Schnellurteilen, um nicht zu sagen in Vorurteilen; denn bis das schnell, aber einseitig Gefasste sich auslöscht, um einem Allgemeinern Platz zu machen, erfordert es Zeit. Hierauf zu achten, ist eine der größten Pflichten des Erziehers. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 414 % Ein zweijähriger Knabe hatte die Geburtstagsfeier begriffen, an der seinigen die bescherten Gaben mit Dank und Freude sich zugeeignet, nicht weniger dem Bruder die seinigen bei gleichem Feste gegönnt. Hiedurch veranlasst, fragte er am Weihnachtsabend, wo so viele Geschenke vorlagen, wann denn sein Weihnachten komme? Dies allgemeine Fest zu begreifen, war noch ein ganzes Jahr nötig. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 415 % Die große Schwierigkeit bei psychologischen Reflexionen, ist, dass man immer das Innere und Äußere parallel oder vielmehr verflochten betrachten muss. Es ist immerfort Systole und Distole, Einatmen und Ausatmen des lebendigen Wesens; kann man es auch nicht aussprechen, so beobachte man es genau und merke darauf. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 416 % Mein Verhältnis zu Schiller gründete sich auf die entschiedene Richtung beider auf einen Zweck, unsere gemeinsame Tätigkeit auf die Verschiedenheit der Mittel, wodurch wir jenen zu erreichen streben. Bei einer zarten Differenz, die einst zwischen uns zur Sprache kam, und woran ich durch eine Stelle seines Briefs wieder erinnert werde, macht' ich folgende Betrachtungen: Es ist ein großer Unterscheid, ob der Dichter zum Allgemeinen das Besondere sucht oder im Besonderen das Allgemeine schaut. Aus jener Art entsteht Allegorie, wo das Besondere nur als Beispiel, als Exempel des Allgemeinen gilt; die letztere aber ist eigentlich die Natur der Poesie, sie spricht ein Besonderes aus, ohne ans Allgemeine zu denken oder darauf hinzuweisen. Wer nun dieses Besondere lebendig fasst, erhält zugleich das Allgemeine mit, ohne es gewahr zu werden, oder erst spät. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 417 % Eigentlich weiß man nur, wenn man wenig weiß; mit dem Wissen wächst der Zweifel. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 418 % Die Irrtümer des Menschen machen ihn eigentlich liebenswürdig. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 419 % Bonus vir semper tiro. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 420 % Es gibt Menschen, die ihr Gleiches lieben und aufsuche, und wieder solche, die ihr Gegenteil lieben und diesem nachgehn. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 421 % Wer sich von jeher erlaubt hätte, die Welt so schlecht anzusehen, wie uns die Widersacher darstellen, der müsste ein miserables Subjekt geworden sein. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 422 % Missgunst und Hass beschränken den Beobachter auf die Oberfläche, selbst wenn Scharfsinn sich zu ihnen gesellt; verschwistert sich dieser hingegen mit Wohlwollen und Liebe, so durchdringt er die Welt und den Menschen, ja er kann hoffen, zum Allerhöchsten zu gelangen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 423 % Panoramic ability schreibt mir ein englischer Kritiker zu, wofür ich allerschönstens zu danken habe. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 424 % Einem jeden wohlgesinnten Deutschen ist eine gewisse Portion poetischer Gabe zu wünschen als das wahre Mittel, seinen Zustand, von welcher Art er auch sei, mit Wert und Anmut einigermaßen zu umkleiden. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 425 % Den Stoff sieht jedermann vor sich; den Gehalt findet nur der, der etwas dazu zu tun hat, und die Form ist ein Geheimnis den meisten. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 426 % Die Menschen halten sich mit ihren Neigungen ans Lebendige. Die Jugend bildet sich wieder an der Jugend. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 427 % Wir mögen die Welt kennen lernen, wie wir wollen, sie wird immer eine Tag- und eine Nachtseite behalten. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 428 % Der Irrtum wiederholt sich immerfort in der Tat; deswegen muss man das Wahre unermüdlich in Worten wiederholen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 429 % Wie in Rom außer den Römern noch ein Volk von Statuen war, so ist außer dieser realen Welt noch eine Welt des Wahns, viel mächtiger beinahe, in der die meisten leben. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 430 % Die Menschen sind wie das Rote Meer: Der Stab hat sie kaum auseinander gehalten, gleich hinterdrein fließen sie wieder zusammen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 431 % Pflicht des Historikers, das Wahre vom Falschen, das Gewisse vom Ungewissen, das Zweifelhafte vom Verwerflichen zu unterscheiden. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 432 % Eine Chronik schreibt nur derjenige, dem die Gegenwart wichtig ist. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 433 % Die Gedanken kommen wieder, die Überzeugungen pflanzen sich fort; die Zustände gehen unwiederbringlich vorüber. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 434 % "Unter allen Völkerschaften haben die Griechen den Traum des Lebens am schönsten geträumt." -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 435 % Übersetzer sind als geschäftige Kuppler anzusehen, die uns eine halb verschleierte Schöne als höchst liebenswürdig anpreisen: Sie erregen eine unwiderstehliche Neigung nach dem Original. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 436 % Das Altertum setzen wir gern über uns, aber die Nachwelt nicht. Nur ein Vater neidet seinem Sohn nicht das Talent. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 437 % Sich subordinieren ist überhaupt keine Kunst; aber in absteigender Linie, in der Deszendenz, etwas über sich erkennen, was unter einem steht. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 438 % Unser ganzes Kunststück besteht darin, dass wir unsere Existenz aufgeben, um zu existieren. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 439 % Alles, was wir treiben und tun, ist ein Abmüden; wohl dem, der nicht müde wird! -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 440 % "Hoffnung ist die zweite Seele der Unglücklichen." -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 441 % "L'amour es tun vrai recommenceur." -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 442 % Es gibt im Menschen auch ein Dienenwollendes; daher die chevalerie der Franzosen eine servage. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 443 % "Im Theater wird durch die Belustigung des Gesichts und Gehörs die Reflexion sehr eingeschränkt." -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 444 % Erfahrung kann sich ins Unendliche erweitern, Theorie nicht in eben dem Sinne reinigen und vollkommener werden. Jener steht das Universum nach allen Richtungen offen; diese bleibt innerhalb der Grenze der menschlichen Fähigkeiten eingeschlossen. Deshalb müssen alle Vorstellungsarten wiederkehren, und der wunderliche Fall tritt ein, dass bei erweiterter Erfahrung eine bornierte Theorie wieder Gunst erwerben kann. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 445 % Es ist immer dieselbe Welt, die der Betrachtung offen steht, die immerfort angeschaut oder geahnet wird, und es sind immer dieselben Menschen, die im Wahren oder Falschen leben, im letzten bequemer als im ersten. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 446 % Die Wahrheit widerspricht unserer Natur, der Irrtum nicht, und zwar aus einem sehr einfachen Grunde: Die Wahrheit erfordert, dass wir uns für beschränkt erkennen sollen; der Irrtum schmeichelt uns, wir seien auf ein oder die andere Weise unbegrenzt. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 447 % Es ist nun schon bald zwanzig Jahre, dass die Deutschen sämtlich transzendieren. Wenn sie es einmal gewahr werden, müssen sie sich wunderlich vorkommen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 448 % Dass Menschen dasjenige noch zu können glauben, was sie gekonnt haben, ist natürlich genug; dass andere zu vermögen glauben, was sie nie vermochten, ist wohl seltsam, aber nicht selten. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 449 % Zu allen Zeiten sind es nur die Individuen, welche für die Wissenschaft gewirkt, nicht das Zeitalter. Das Zeitalter war's, das den Sokrates durch Gift hinrichtete; das Zeitalter, das Hussen verbrannte: Die Zeitalter sind sich immer gleich geblieben. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 450 % Das ist die wahre Symbolik, wo das Besondere das Allgemeinere repräsentiert, nicht als Traum und Schatten, sondern als lebendig augenblickliche Offenbarung des Unerforschlichen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 451 % Alles Ideelle, sobald es vom Realen gefordert wird, zehrt endlich dieses und sich selbst auf. So der Kredit (Papiergeld) das Silber und sich selbst. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 452 % Die Meisterschaft gilt oft für Egoismus. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 453 % Sobald die guten Werke und das Verdienstliche derselben aufhören, sogleich tritt die Sentimentalität dafür ein, bei den Protestanten. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 454 % Es ist eben, als ob man es selbst vermöchte, wenn man sich guten Rats erholen kann. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 455 % Die Wahlsprüche deuten auf das, was man nicht hat, wonach man strebt. Man stellt sich solches wie billig immer vor Augen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 456 % "Wer einen Stein nicht allein erheben mag, der soll ihn auch selbander liegen lassen." -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 457 % Der Despotismus fördert die Autokratie eines jeden, indem er von oben bis unten die Verantwortlichkeit dem Individuum zumutet und so den höchsten Grad von Tätigkeit hervorbringt. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 458 % Alles Spinozistische in der poetischen Produktion wird in der Reflexion Macchiavellismus. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 459 % Man muss seine Irrtümer teuer bezahlen, wenn man sie loswerden will, und dann hat man noch von Glück zu sagen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 460 % Wenn ein deutscher Literator seine Nation vormals beherrschen wollte, so musste er ihr nur glauben machen, es sei einer da, der sie beherrschen wolle. Da waren sie gleich so verschüchtert, dass sie sich, von wem es auch wäre, gern beherrschen ließen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 461 % "Nihil rerum mortalium tam instabile ac fluxum est quam potentia non sua vi nixa." -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 462 % "Es gibt auch Afterkünstler, Dilettanten und Spekulanten: Jene treiben die Kunst um des Vergnügens, diese um des Nutzens willen." -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 463 % Geselligkeit lag in meiner Natur; deswegen ich bei vielfachem Unternehmen mir Mitarbeiter gewann und mich ihnen zum Mitarbeiter bildete und so das Glück erreichte, mich in ihnen und sie in mir fortleben zu sehn. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 464 % Mein ganzes inneres Wirken erwies sich als eine lebendige Heuristik, welche, eine unbekannte geahnete Regel anerkennend, solche in der Außenwelt zu finden und in die Außenwelt einzuführen trachtet. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 465 % Es gibt eine enthusiastische Reflexion, die von dem größten Wert ist, wenn man sich von ihr nur nicht hinreißen lässt. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 466 % Nur in der Schule selbst ist die eigentliche Vorschule. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 467 % Der Irrtum verhält sich gegen das Wahre wie der Schlaf gegen das Wachen. Ich habe gemerkt, dass man aus dem Irren sich wie erquickt wieder zu dem Wahren hinwende. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 468 % Ein jeder leidet, der nicht für sich selbst handelt. Man handelt für andere, um mit ihnen zu genießen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 469 % Das Fassliche gehört der Sinnlichkeit und dem Verstande. Hieran schließt sich das Gehörige, welches verwandt ist mit dem Schicklichen. Das Gehörige jedoch ist ein Verhältnis zu einer besondern Zeit und entschiedenen Umständen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 470 % Eigentlich lernen wir nur von Büchern, die wir nicht beurteilen können. Der Autor eines Buchs, das wir beurteilen könnten, müsste von uns lernen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 471 % Deshalb ist die Bibel ein ewig wirksames Buch, weil, solange die Welt steht, niemand auftreten und sagen wird: Ich begreife es im ganzen und verstehe es im einzelnen. Wir aber sagen bescheiden: Im ganzen ist es ehrwürdig und im einzelnen anwendbar. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 472 % Alle Mystik ist ein Transzendieren und ein Ablösen von irgendeinem Gegenstande; den man hinter sich zu lassen glaubt. Je größer und bedeutender dasjenige war, dem man absagt, desto reicher sind die Produktionen des Mystikers. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 473 % Die orientalische mystische Poesie hat deswegen den großen Vorzug, dass der Reichtum der Welt, den der Adepte wegweist, ihm noch jederzeit zu Gebote steht. Er befindet sich also noch immer mitten in der Fülle, die er verlässt, und schwelgt in dem, was er gern los sein möchte. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 474 % Christliche Mystiker sollte es gar nicht geben, da die Religion selbst Mysterien darbietet. Auch gehen sie immer gleich ins Abstruse, in den Abgrund des Subjekts. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 475 % Ein geistreicher Mann sagte, die neuere Mystik sei die Dialektik des Herzens und deswegen mitunter so erstaunenswert und verführerisch, weil sie Dinge zur Sprache bringe, zu denen der Mensch auf dem gewöhnlichen Verstands-, Vernunfts- und Religionswege nicht gelangen würde. Wer sich Mut und Kraft glaube, sie zu studieren, ohne sich betäuben zu lassen, der möge sich in diese Höhle des Trophonios versenken, jedoch auf seine eigene Gefahr. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 476 % Die Deutschen sollten in einem Zeitraume von dreißig Jahren das Wort Gemüt nicht aussprechen, dann würde nach und nach Gemüt sich wieder erzeugen; jetzt heißt es nur: Nachsicht mit Schwächen, eignen und fremden. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 477 % Die Vorurteile der Menschen beruhen auf dem jedesmaligen Charakter der Menschen; daher sind sie, mit dem Zustand innig vereinigt, ganz unüberwindlich. Weder Evidenz, noch Verstand, noch Vernunft haben den mindesten Einfluss darauf. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 478 % Charaktere machen oft die Schwäche zum Gesetz. Weltkenner haben gesagt: "Die Klugheit ist unüberwindlich, hinter welcher sich die Furcht versteckt." Schwache Menschen haben oft revolutionäre Gesinnungen; sie meinen, es wäre ihnen wohl, wenn sie nicht regiert würden, und fühlen nicht, dass sie weder sich noch andere regieren können. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 479 % In eben dem Falle sind die neuern deutschen Künstler: Den Zweig der Kunst, den sie nicht besitzen, erklären sie für schädlich und daher wegzuhauen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 480 % Der Menschenverstand wird mit dem gesunden Menschen rein geboren, entwickelt sich aus sich selbst und offenbart sich durch ein entschiedenes Gewahrwerden und Anerkennen des Notwendigen und Nützlichen. Praktische Männer und Frauen bedienen sich dessen mit Sicherheit. Wo er mangelt, halten beide Geschlechter, was sie begehren, für notwendig, und für nützlich, was ihnen gefällt. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 481 % Alle Menschen, wie sie zur Freiheit gelangen, machen ihre Fehler gelten: Die Starken das Übertreiben, die Schwachen das Vernachlässigen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 482 % Der Kampf des Alten, Bestehenden, Beharrenden mit Entwicklung, Aus- und Umbildung ist immer derselbe. Aus aller Ordnung entsteht zuletzt Pedanterie; um diese los zu werden, zerstört man jene, und es geht eine Zeit hin, bis man gewahr wird, dass man wieder Ordnung machen müsse. Klassizismus und Romantizismus, Innungszwang und Gewerbsfreiheit, Festhalten und Zersplittern des Grundbodens, es ist immer derselbe Konflikt, der zuletzt wieder einen neuen erzeugt. Der größte Verstand des Regierenden wäre daher, diesen Kampf so zu mäßigen, dass er ohne Untergang der eine Seite sich ins Gleiche stellte; dies ist aber den Menschen nicht gegeben, und Gott scheint es auch nicht zu wollen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 483 % Welche Erziehungsart ist für die beste zu halten? Re: Die der Hydrioten. Als Insulaner und Seefahrer nehmen sie ihre Knaben gleich mit zu Schiffe und lassen sie im Dienste herankrabbeln. Wie sie etwas leisten, haben sie teil am Gewinn; und so kümmern sie sich schon um Handel, Tausch und Beute, und es bilden sich die tüchtigsten Küsten- und Seefahrer, die klügsten Handelsleute und verwegensten Piraten. Aus einer solchen Masse können denn freilich Helden hervortreten, die den verderblichen Brander mit eigener Hand an das Admiralschiff der feindlichen Flotte festklammern. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 484 % Alles Vortreffliche beschränkt uns für einen Augenblick, indem wir uns demselben nicht gewachsen fühlen; nur insofern wir es nachher in unsere Kultur aufnehmen, es unsern Geists- und Gemütskräften aneignen, wird es uns lieb und wert. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 485 % Kein Wunder, dass wir uns alle mehr oder weniger im Mittelmäßigen gefallen, weil es uns in Ruhe lässt; es gibt das behagliche Gefühl, als wenn man mit seinesgleichen umginge. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 486 % Das Gemeine muss man nicht rügen, denn das bleibt sich ewig gleich. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 487 % Wir können einem Widerspruch in uns selbst nicht entgehen; wir müssen ihn auszugleichen suchen. Wenn uns andere widersprechen, das geht uns nichts an, das ist ihre Sache. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 488 % Es ist so viel gleichzeitig Tüchtiges und Treffliches auf der Welt; aber es berührt sich nicht. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 489 % Welche Regierung die beste sei? Diejenige, die uns lehrt, uns selbst zu regieren. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 490 % Dozieren kannst du, Tüchtiger, freilich nicht; es ist, wie das Predigen, durch unsern Zustand geboten, wahrhaft nützlich, wenn Konversation und Katechisation sich anschließen, wie es auch ursprünglich gehalten wurde. Lehren aber kannst du und wirst du, das ist: Wenn Tat dem Urteil, Urteil der Tat zum Leben hilft. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 491 % Gegen die drei Einheiten ist nichts zu sagen, wenn das Sujet sehr einfach ist; gelegentlich aber werden drei Mal drei Einheiten, glücklich verschlungen, eine sehr angenehme Wirkung tun. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 492 % Wenn die Männer sich mit den Weibern schleppen, so werden sie so gleichsam abgesponnen wie ein Wocken. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 493 % Es kann wohl sein, dass der Mensch durch öffentliches und häusliches Geschick zuzeiten grässlich gedroschen wird; allein das rücksichtlose Schicksal, wenn es die reichen Garben trifft, zerknittert nur das Stroh; die Körner aber spüren nichts davon und springen lustig auf der Tenne hin und wieder, unbekümmert, ob sie zur Mühle, ob sie zum Saatfeld wandern. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 494 % "Arden von Deversham", Shakespeares Jugendarbeit. Es ist der ganze rein-treue Ernst des Auffassens und Wiedergebens, ohne Spur von Rücksicht auf den Effekt, vollkommen dramatisch, ganz untheatralisch. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 495 % Shakespeares trefflichsten Theaterstücken mangelt es hie und da an Fazilität; sie sind etwas mehr, als sie sein sollten, und eben deshalb deuten sie auf den großen Dichter. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 496 % Die größte Wahrscheinlichkeit der Erfüllung lässt noch einen Zweifel zu; daher ist das Gehoffte, wenn es in die Wirklichkeit eintritt, jederzeit überraschend. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 497 % "Vis superba formae." Ein schönes Wort von Johannes Secundus. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 498 % Die Sentimentalität der Engländer ist humoristisch und zart, der Franzosen populär und weinerlich, der Deutschen naiv und realistisch. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 499 % Das Absurde, mit Geschmack dargestellt, erregt Widerwillen und Bewunderung. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 500 % Von der besten Gesellschaft sagte man: Ihr Gespräch ist unterrichtend, ihr Schweigen bildend. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 501 % Von einem bedeutenden frauenzimmerlichen Gedichte sagte jemand, es habe mehr Energie als Enthusiasmus, mehr Charakter als Gehalt, mehr Rhetorik als Poesie und im ganzen etwas Männliches. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 502 % Es ist nichts schrecklicher als eine tätige Unwissenheit. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 503 % Schönheit und Geist muss man entfernen, wenn man nicht ihr Knecht werden will. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 504 % Der Mystizismus ist die Scholastik des Herzens, die Dialektik des Gefühls. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 505 % Man schont die Alten, wie man die Kinder schont. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 506 % Der Alte verliert eins der größten Menschenrechte: Er wird nicht mehr von seinesgleichen beurteilt. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 507 % Es ist mir in den Wissenschaften gegangen wie einem, der früh aufsteht in der Dämmerung der Morgenröte, sodann aber die Sonne ungeduldig erwartet und doch, wie sie hervortritt, geblendet wird. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 508 % Man streitet viel und wird viel streiten über Nutzen und Schaden der Bibelverbreitung. Mir ist klar: Schaden wird sie, wie bisher, dogmatisch und phantastisch gebraucht; nutzen, wie bisher, didaktisch und gefühlvoll aufgenommen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 509 % Große, von Ewigkeit her oder in der Zeit entwickelte ursprüngliche Kräfte wirken unaufhaltsam; ob nutzend oder schadend, das ist zufällig. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 510 % Die Idee ist ewig und einzig, dass wir auch den Plural brauchen, ist nicht wohlgetan. Alles, was wir gewahr werden und wovon wir reden können, sind nur Manifestationen der Idee; Begriffe sprechen wir aus, und insofern ist die Idee selbst ein Begriff. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 511 % Im Ästhetischen tut man nicht wohl, zu sagen: Die Idee des Schönen; dadurch vereinzelt man das Schöne, das doch einzeln nicht gedacht werden kann. Vom Schönen kann man einen Begriff haben, und dieser Begriff kann überliefert werden. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 512 % Die Manifestation der Idee als des Schönen ist ebenso flüchtig als die Manifestation des Erhabenen, des Geistreichen, des Lustigen, des Lächerlichen. Dies ist die Ursache, warum so schwer darüber zu reden ist. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 513 % Echt ästhetisch-didaktisch könnte man sein, wenn man mit seinen Schülern an allem Empfindungswerten vorüberginge oder es ihnen zubrächte im Moment, wo es kulminiert und sie höchst empfänglich sind. Da aber diese Forderung nicht zu erfüllen ist, so müsste der höchste Stolz des Kathederlehrers sein, die Begriffe so vieler Manifestationen in seinen Schülern dergestalt zum Leben zu bringen, dass sie für alles Gute, Schöne, Große, Wahre empfänglich würden, um es mit Freuden aufzufassen, wo es ihnen zur rechten Stunde begegnete. Ohne dass sie es merkten und wüssten, wäre somit die Grundidee, woraus alles hervorgeht, in ihnen lebendig geworden. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 514 % Wie man gebildete Menschen sieht, so findet man, dass sie nur für eine Manifestation des Urwesens oder doch nur für wenige empfänglich sind, und das ist schon genug. Das Talent entwickelt im Praktischen alles und braucht von den theoretischen Einzelheiten nicht Notiz zu nehmen: Der Musikus kann ohne seinen Schaden den Bildhauer ignorieren und umgekehrt. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 515 % Man soll sich alles praktisch denken und deshalb auch dahin trachten, dass verwandte Manifestationen der großen Idee, insofern sie durch Menschen zur Erscheinung kommen sollen, auf eine gehörige Weise ineinander wirken. Malerei, Plastik und Mimik stehen in einem unzertrennlichen Bezug; doch muss der Künstler, zu dem einen berufen, sich hüten, von dem andern beschädigt zu werden: Der Bildhauer kann sich vom Maler, der Maler vom Mimiker verführen lassen, und alle drei können einander so verwirren, dass keiner derselben auf den Füßen stehen bleibt. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 516 % Die mimische Tanzkunst würde eigentlich alle bildenden Künste zugrunde richten, und mit Recht. Glücklicherweise ist der Sinnenreiz, den sie bewirkt, so flüchtig, und sie muss, um zu reizen, ins Übertriebene gehen. Dieses schreckt die übrigen Künstler glücklicherweise sogleich ab; doch können sie, wenn sie klug und vorsichtig sind, viel dabei lernen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 517 % Das erste und letzte, was vom Genie gefordert wird, ist Wahrheitsliebe. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 518 % Wer gegen sich selbst und andere wahr ist und bleibt, besitzt die schönste Eigenschaft der größten Talente. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 519 % Große Talente sind das schönste Versöhnungsmittel. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 520 % Das Genie übt eine Art Ubiquität aus, ins Allgemeine vor, ins Besondere nach der Erfahrung. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 521 % Eine tätige Skepsis: Welche unablässig bemüht ist, sich selbst zu überwinden und durch geregelte Erfahrung zu einer Art von bedingter Zuverlässigkeit zu gelangen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 522 % Das Allgemeine eines solchen Geistes ist die Tendenz: Zu erforschen, ob irgendeinem Objekt irgendein Prädikat wirklich zukomme; und geschieht diese Untersuchung in der Absicht, das als geprüft Gefundene in der Praxis mit Sicherheit anwenden zu können. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 523 % Der lebendig begabte Geist, sich in praktischer Absicht ans Allernächste haltend, ist das Vorzüglichste auf Erden. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 524 % "Vollkommenheit ist die Norm des Himmels; Vollkommenes wollen, die Norm des Menschen." -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 525 % Der Mensch ist genugsam ausgestattet zu allen wahren irdischen Bedürfnissen, wenn er seinen Sinnen traut und sie dergestalt ausbildet, dass sie des Vertrauens wert bleiben. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 526 % Die Sinne trügen nicht, das Urteil trügt. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 527 % Man leugnet dem Gesicht nicht ab, dass es die Entfernung der Gegenstände, die sich neben- und übereinander befinden, zu schätzen wisse; das Hintereinander will man nicht gleichmäßig zugestehen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 528 % Und doch ist dem Menschen, der nicht stationär, sondern beweglich gedacht wird, hierin die sicherste Lehre durch Parallaxe verliehen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 529 % Die Lehre von dem Gebrauch der korrespondierenden Winkel ist, genau besehen, darin eingeschlossen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 530 % Das Tier wird durch seine Organe belehrt, der Mensch belehrt die seinigen und beherrscht sie. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 531 % Anaxagoras lehrt, dass alle Tiere die tätige Vernunft haben, aber nicht die leidende, die gleichsam der Dolmetscher des Verstandes ist. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 532 % Jüdisches Wesen. Energie der Grund von allem. Unmittelbare Zwecke. Keiner, auch nur der kleinste, geringste Jude, der nicht entschiedenes Bestreben verriete, und zwar ein irdisches, zeitliches, augenblickliches. Judensprache hat etwas Pathetisches. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 533 % Alle unmittelbare Aufforderung zum Ideellen ist bedenklich, besonders an die Weiblein. Wie es auch sei, umgibt sich der einzelne bedeutende Mann mit einem mehr oder weniger religios-moralisch-ästhetischen Serail. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 534 % Jede große Idee, die als ein Evangelium in die Welt tritt, wird dem stockenden pedantischen Volke ein Ärgernis und einem Viel-, aber Leichtgebildeten eine Torheit. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 535 % Eine jede Idee tritt als ein fremder Gast in die Erscheinung, und wie sie sich zu realisieren beginnt, ist sie kaum von Phantasie und Phantasterei zu unterscheiden. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 536 % Dies ist es, was man Ideologie im guten und bösen Sinne genannt hat, und warum der Ideolog den lebhaft wirkenden praktischen Tagesmenschen so sehr zuwider war. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 537 % Man kann die Nützlichkeit einer Idee anerkennen und doch nicht recht verstehen, sie vollkommen zu nutzen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 538 % "Ich glaube einen Gott!" Dies ist ein schönes, löbliches Wort; aber Gott anerkennen, wo und wie er sich offenbare, das ist eigentlich die Seligkeit auf Erden. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 539 % Kepler sagte: "Mein höchster Wunsch ist, den Gott, den ich im Äußern überall finde, auch innerlich, innerhalb meiner gleichermaßen gewahr zu werden." Der edle Mann fühlte sich nicht bewusst, dass eben in dem Augenblick das Göttliche in ihm mit dem Göttlichen des Universums in genauester Verbindung stand. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 540 % Den teleologischen Beweis vom Dasein Gottes hat die kritische Vernunft beseitigt; wir lassen es uns gefallen. Was aber nicht als Beweis gilt, soll uns als Gefühl gelten, und wir rufen daher von der Brontotheologie bis zur Niphotheologie alle dergleichen fromme Bemühungen wieder heran. Sollten wir im Blitz, Donner und Sturm nicht die Nähe einer übergewaltigen Macht, in Blütenduft und lauem Luftsäuseln nicht ein liebevoll sich annäherndes Wesen empfinden dürfen? Frage. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 541 % Was ist praedestinatio? Antwort. Gott ist mächtiger und weiser als wir; darum macht er es mit uns nach seinem Gefallen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 542 % Apokrypha. Wichtig wäre es, das hierüber historisch schon Bekannte nochmals zusammenzufassen und zu zeigen, dass gerade jene apokryphischen Schriften, mit denen die Gemeinden schon die ersten Jahrhunderte unserer Ära überschwemmt wurden, und woran unser Kanon noch jetzt leidet, die eigentliche Ursache sind, warum das Christentum in keinem Momente der politischen und Kirchengeschichte in seiner ganzen Schönheit und Reinheit hervortreten konnte. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 543 % Das unheilbare Übel dieser religiösen Streitigkeiten besteht darin, dass der eine Teil auf Märchen und leere Worte das höchste Interesse der Menschheit zurückführen will, der andere aber es da zu begründen denkt, wo sich niemand beruhigt. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 544 % Toleranz sollte eigentlich nur eine vorübergehende Gesinnung sein: Sie muss zur Anerkennung führen. Dulden heißt beleidigen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 545 % Glaube, Liebe, Hoffnung fühlten einst in ruhiger, geselliger Stunde einen plastischen Trieb in ihrer Natur: Sie befleißigten sich zusammen und schufen ein liebliches Gebilde, eine Pandora im höhern Sinne, die Geduld. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 546 % "Ich bin über die Wurzeln des Baumes gestolpert, den ich gepflanzt hatte." Das muss ein alter Forstmann gewesen sein, der dies gesagt hat. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 547 % "Ein schäbiges Kamel trägt immer noch die Lasten vieler Esel." -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 548 % Weiß denn der Sperling, wie's dem Storch zumute sei? -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 549 % Wo Lampen brennen, gibt's Ölflecken, wo Kerzen brennen, gibt's Schnuppen; die Himmelslichter allein erleuchten rein und ohne Makel. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 550 % Wer das erste Knopfloch verfehlt, kommt mit dem Zuknöpfen nicht zu Rande. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 551 % Ein gebranntes Kind scheut das Feuer, ein oft versengter Greis scheut sich zu wärmen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 552 % Die gegenwärtige Welt ist nicht wert, dass wir etwas für sie tun: Denn die bestehende kann in dem Augenblick abscheiden. Für die vergangne und künftige müssen wir arbeiten; für jene, dass wir ihr Verdienst anerkennen, für diese, dass wir ihren Wert zu erhöhen suchen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 553 % Frage sich doch jeder, mit welchem Organ er allenfalls in seine Zeit einwirken kann und wird. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 554 % Denke nur niemand, dass man auf ihn als den Heiland gewartet habe. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 555 % Charakter im Großen und Kleinen ist, dass der Mensch demjenigen eine stete Folge gibt, dessen er sich fähig fühlt. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 556 % Wer tätig sein will und muss, hat nur das Gehörige des Augenblicks zu bedenken, und so kommt er ohne Weitläufigkeit durch. Das ist der Vorteil der Frauen, wenn sie ihn verstehen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 557 % Der Augenblick ist eine Art von Publikum; man muss ihn betrügen, dass er glaube, man tue was; dann lässt er uns gewähren und im geheimen fortführen, worüber seine Enkel erstaunen müssen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 558 % Mensche, die ihre Kenntnisse an die Stelle der Einsicht setzen. (Junge Leute.) -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 559 % In einigen Staaten ist infolge der erlebten heftigen Bewegungen fast in allen Richtungen eine gewisse Übertreibung im Unterrichtswesen eingetreten, dessen Schädlichkeit in der Folge allgemeiner eingesehen, aber jetzt schon von tüchtigen, redlichen Vorstehern solcher Anstalten vollkommen anerkannt ist. Treffliche Männer leben in einer Art von Verzweiflung, dass sie dasjenige, was sie amts- und vorschriftsmäßig lehren und überliefern müssen, für unnütz und schädlich halten. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 560 % Es ist nichts trauriger anzusehen, als das unvermittelte Streben ins Unbedingte in dieser durchaus bedingten Welt; es erscheint im Jahr 1830 vielleicht ungehöriger als je. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 561 % Vor der Revolution war alles Bestreben, nachher verwandelte sich alles in Forderung. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 562 % Ob eine Nation reif werden könne, ist eine wunderliche Frage. Ich beantworte sie mit Ja, wenn alle Männer als dreißigjährig geboren werden könnten. Da aber die Jugend vorlaut, das Alter aber kleinlaut ewig sein wird, so ist der eigentlich reife Mann immer zwischen beiden geklemmt und wird sich auf eine wunderliche Weise behelfen und durchhelfen müssen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 563 % Was vonseiten der Monarchen in den Zeitungen gedruckt wird, nimmt sich nicht gut aus; denn die Macht soll handeln und nicht reden. Was die Liberalen vorbringen, lässt sich immer lesen; denn der Übermächtigte, weil er nicht handeln kann, mag sich wenigstens redend äußern. "Lasst sie singen, wenn sie nur bezahlen!", sagte Mazarin, als man ihm die Spottlieber auf eine neue Steuer vorlegte. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 564 % Wenn man einige Monate die Zeitungen nicht gelesen hat, und man liest sie alsdann zusammen, so zeigt sich erst, wie viel Zeit man mit diesen Papieren verdirbt. Die Welt war immer in Parteien geteilt, besonders ist sie es jetzt, und während jedes zweifelhaften Zustandes kirrt der Zeitungsschreiber eine oder die andere Partei mehr oder weniger und nährt die innere Neigung und Abneigung von Tag zu Tag, bis zuletzt Entscheidung eintritt und das Geschehene wie eine Gottheit angestaunt wird. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 565 % Eitelkeit ist eine persönliche Ruhmsucht: Man will nicht wegen seiner Eigenschaften, seiner Verdienste, Taten geschätzt, geehrt, gesucht werden, sondern um seines individuellen Daseins willen. Am besten kleidet die Eitelkeit deshalb eine frivole Schöne. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 566 % Welcher Gewinn wäre es fürs Leben, wenn man dies früher gewahr würde, zeitig erführe, dass man mit seiner Schönen nie besser steht, als wenn man seinen Rivalen lobt. Alsdann geht ihr das Herz auf, jede Sorge, euch zu verletzen, die Furcht, euch zu verlieren, ist verschwunden: Sie macht euch zum Vertrauten, und ihr überzeugt euch mit Freuden, dass ihr es seid, dem die Frucht des Baumes gehört, wenn ihr guten Humor genug habt, anderen die abfallenden Blätter zu überlassen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 567 % Für die vorzüglichste Frau wird diejenige gehalten, welche ihren Kindern den Vater, wenn er abgeht, zu ersetzen imstande ist. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 568 % Klassisch ist das Gesunde, romantisch das Kranke. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 569 % Ovid blieb klassisch auch im Exil: Er sucht sein Unglück nicht in sich, sondern in seiner Entfernung von der Hauptstadt der Welt. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 570 % Das Romantische ist schon in seinen Abgrund verlaufen: Das Grässlichste der neueren Produktionen ist kaum noch gesunkener zu denken. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 571 % Engländer und Franzosen haben uns darin überboten. Körper, die bei Leibesleben verfaulen und sich in detaillierter Betrachtung ihres Verwesens erbauen; Tote, die zum Verderben anderer am Leben bleiben und ihren Tod am Lebendigen ernähren - dahin sind unsere Produzenten gelangt. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 572 % Im Altertum spuken dergleichen Erscheinungen nur vor wie seltene Krankheitsfälle; bei den Neuern sind sie endemisch und epidemisch geworden. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 573 % Die Literatur verdirbt sich nur in dem Maße, als die Menschen verdorbener werden. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 574 % Was ist das für eine Zeit, wo man die Begrabenen beneiden muss! -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 575 % Das Wahre, Gute und Vortreffliche ist einfach und sich immer gleich, wie es auch erscheine. Das Irren aber, das den Tadel hervorruft, ist höchst mannigfaltig, in sich selbst verschieden und nicht allein gegen das Gute und Wahre, sondern auch gegen sich selbst kämpfend, mit sich selbst im Widerspruch. Daher müssen in jeder Literatur die Ausdrücke des Tadels die Worte des Lobes überwiegen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 576 % Bei den Griechen, deren Poesie und Rhetorik einfach und positiv war, erscheint die Billigung öfter als die Missbilligung; bei den Lateinern hingegen ist es umgekehrt, und je mehr sich Poesie und Redekunst verdirbt, desto mehr wird der Tadel wachsen und das Lob sich zusammenziehen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 577 % Es gibt empirische Enthusiasten, die, obgleich mit Recht, an neuen guten Produkten aber mit einer Ekstase sich erweisen, als wenn sonst in der Welt nichts Vorzügliches zu sehen gewesen wäre. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 578 % "Sakuntala." Hier erscheint der Dichter in seiner höchsten Funktion; als Repräsentant des natürlichsten Zustandes, der feinsten Lebensweise, des reinsten sittlichen Bestrebens, der würdigsten Majestät und der ernstesten Gottesverehrung wagt er sich in gemeine und lächerliche Gegensätze. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 579 % "Heinrich der Vierte", von Shakespeare. Wenn alles verloren wäre, was je dieser Art geschrieben zu uns gekommen, so könnte man Poesie und Rhetorik daraus vollkommen wiederherstellen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 580 % "Eulenspiegel." Alle Hauptspäße des Buchs beruhen darauf, dass alle Menschen figürlich sprechen und Eulenspiegel es eigentlich nimmt. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 581 % Mythologie = Luxe de Croyance. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 582 % Über die wichtigsten Angelegenheiten des Gefühls wie der Vernunft, der Erfahrung wie des Nachdenkens soll man nur mündlich verhandeln. Das ausgesprochene Wort ist sogleich tot, wenn es nicht durch ein folgendes, dem Hörer gemäßes, am Leben erhalten wird. Man merke nur auf ein geselliges Gespräch! Gelangt das Wort nicht schon tot zu dem Hörer, so ermordet er es alsogleich durch Widerspruch, Bestimmen, Bedingen, Ablenken, Abspringen und wie die tausendfältigen Unarten des Unterhaltens auch heißen mögen. Mit dem Geschriebenen ist es noch schlimmer. Niemand mag lesen als das, woran er schon einigermaßen gewöhnt ist; das Bekannte, das Gewohnte verlangt er unter veränderter Form. Doch hat das Geschriebene den Vorteil, dass es dauert und die Zeit abwarten kann, wo ihm zu wirken gegönnt ist. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 583 % Vernünftiges und Unvernünftiges haben gleichen Widerspruch zu erleiden. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 584 % Was man mündlich ausspricht, muss der Gegenwart, dem Augenblick gewidmet sein; was man schreibt, widme man der Ferne, der Folge. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 585 % Die Dialektik ist die Ausbildung des Widerspruchsgeistes, welcher dem Menschen gegeben, damit er den Unterschied der Dinge erkennen lerne. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 586 % Mit wahrhaft Gleichgesinnten kann man sich auf die Länge nicht entzweien, man findet sich immer wieder einmal zusammen; mit eigentlich Widergesinnten versucht man umsonst Einigkeit zu halten, es bricht immer wieder einmal auseinander. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 587 % Gegner glauben uns zu widerlegen, wenn sie ihre Meinung wiederholen und auf die unsrige nicht achten. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 588 % Diejenigen, welche widersprechen und streiten, sollten mitunter bedenken, dass nicht jede Sprache jedem verständlich sei. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 589 % Es hört doch jeder nur, was er versteht. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 590 % Ich erwarte wohl, dass mir mancher Leser widerspricht; aber er muss doch stehen lassen, was er schwarz auf weiß vor sich hat. Ein anderer stimmt vielleicht mir bei, ebendasselbe Exemplar in der Hand. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 591 % Die wahre Liberalität ist Anerkennung. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 592 % Die schwer zu lösende Aufgabe strebender Menschen ist, die Verdienste älterer Mitlebenden anzuerkennen und sich von ihren Mängeln nicht hindern zu lassen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 593 % Es gibt Menschen, die auf die Mängel ihrer Freunde sinnen; dabei ist nichts zu gewinnen. Ich habe immer auf die Verdienste meiner Widersacher acht gehabt und davon Vorteil gezogen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 594 % Es gibt viele Menschen, die sich einbilden, was sie erfahren, das verstünden sie auch. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 595 % Das Publikum will wie Frauenzimmer behandelt sein: Man soll ihnen durchaus nichts sagen, als was sie hören möchten. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 596 % Jedem Alter des Menschen antwortet eine gewisse Philosophie. Das Kind erscheint als Realist; denn es findet sich so überzeugt von dem Dasein der Birnen und Äpfel als von dem seinigen. Der Jüngling, von innern Leidenschaften bestürmt, muss auf sich selbst merken, sich vorfühlen: Er wird zum Idealisten umgewandelt. Dagegen ein Skeptiker zu werden, hat der Mann alle Ursache; er tut wohl, zu zweifeln, ob das Mittel, das er zum Zwecke gewählt hat, auch das rechte sei. Vor dem Handeln, im Handeln hat er alle Ursache, den Verstand beweglich zu erhalten, damit er nicht nachher sich über eine falsche Wahl zu betrüben habe. Der Greis jedoch wird sich immer zum Mystizismus bekennen: Er sieht, dass so vieles vom Zufall abzuhängen scheint; das Unvernünftige gelingt, das Vernünftige schlägt fehl, Glück und Unglück stellen sich unerwartet ins gleiche; so ist es, so war es, und das hohe Alter beruhigt sich in dem, der da ist, der da war und der da sein wird. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 597 % Wenn man älter wird, muss man mit Bewusstsein auf einer gewissen Stufe stehen bleiben. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 598 % Es ziemt sich dem Bejahrten, weder in der Denkweise noch in der Art, sich zu kleiden, der Mode nachzugehen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 599 % Aber man muss wissen, wo man steht und wohin die andern wollen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 600 % Was man Mode heißt, ist augenblickliche Überlieferung. Alle Überlieferung führt eine gewisse Notwendigkeit mit sich, sich ihr gleichzustellen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 601 % Man hat sich lange mit der Kritik der Vernunft beschäftigt; ich wünschte eine Kritik des Menschenverstandes. Es wäre eine wahre Wohltat fürs Menschengeschlecht, wenn man dem Gemeinverstand bis zur Überzeugung nachweisen könnte, wie weit er reichen kann, und das ist gerade so viel, als er zum Erdenleben vollkommen bedarf. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 602 % "Genau besehen, ist alle Philosophie nur der Menschenverstand im amphigurischer Sprache." -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 603 % Der Menschenverstand, der eigentlichst aufs Praktische angewiesen ist, irrt nur alsdann, wenn er sich an die Auflösung höherer Probleme wagt; dagegen weiß aber auch eine höhere Theorie sich selten in den Kreis zu finden, wo jener wirkt und west. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 604 % Denn eben wenn man Probleme, die nur dynamisch erklärt werden können, beiseite schiebt, dann kommen mechanische Erklärungsarten wieder zur Tagesordnung. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 605 % In Rücksicht aufs Praktische ist der unerbittliche Verstand Vernunft, weil der Vernunft Höchstes ist, vis-à-vis des Verstandes nämlich, den Verstand unerbittlich zu machen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 606 % Alle Empiriker streben nach der Idee und können sie in der Mannigfaltigkeit nicht entdecken; alle Theoretiker suchen sie im Mannigfaltigen und können sie darinne nicht auffinden. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 607 % Beide jedoch finden sich im Leben, in der Tat, in der Kunst zusammen, und das ist so oft gesagt; wenige aber verstehen es zu nutzen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 608 % Der denkende Mensch irrt besonders, wenn er sich nach Ursach' und Wirkung erkundigt: Sie beide zusammen machen das unteilbare Phänomen. Wer das zu erkennen weiß, ist auf dem rechten Wege zum tun, zur Tat. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 609 % Das genetische Verfahren leitet uns schon auf bessere Wege, ob man gleich damit auch nicht ausreicht. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 610 % Alle praktische Menschen suchen sich die Welt handrecht zu machen; alle Denker wollen sie kopfrecht haben. Wie weit es jedem gelingt, mögen sie zusehen. Die Realen -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 611 % Was nicht geleistet wird, wird nicht verlangt. Die Idealen Was verlangt wird, ist nicht gleich zu leisten. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 612 % Dass man gerade nur denkt, wenn man das, worüber man denkt, nicht ausdenken kann! -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 613 % Es ist mit der Geschichte wie mit der Natur, wie mit allem Profunden, es sei vergangen, gegenwärtig oder zukünftig: Je tiefer man ernstlich eindringt, desto schwierigere Probleme tun sich hervor. Wer sich nicht fürchtet, sondern kühn darauf losgeht, fühlt sich, indem er weiter gedeiht, höher gebildet und behaglicher. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 614 % Jede Erscheinung ist zugänglich wie ein planum inclinatum, das bequem zu ersteigen ist, wenn der hintere Teil des Keiles schroff und unerreichbar dasteht. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 615 % Wer sich in ein Wissen einlassen soll, muss betrogen werden oder sich selbst betrügen, wenn äußere Nötigungen ihn nicht unwiderstehlich bestimmen. Wer würde ein Arzt werden, wenn er alle Unbilden auf einmal vor sich sähe, die seiner warten? -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 616 % Wie viele Jahre muss man nicht tun, um nur einigermaßen zu wissen, was und wie es zu tun sei! -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 617 % Falsche Tendenzen sind eine Art realer Sehnsucht, immer noch vorteilhafter als die falsche Tendenz, die sich als ideelle Sehnsucht ausdrückt. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 618 % Lüsternheit: Spiel mit dem zu Genießenden. Spiel mit dem Genossenen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 619 % Pflicht: Wo man liebt, was man sich selbst befiehlt. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 620 % Wir sind naturforschend Pantheisten, dichtend Polytheisten, sittlich Monotheisten. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 621 % Gott, wenn wir hoch stehen, ist alles; stehen wir niedrig, so ist er ein Supplement unsrer Armseligkeit. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 622 % Die Kreatur ist sehr schwach; denn sucht sie etwas, findet sie's nicht. Stark aber ist Gott; denn sucht er die Kreatur, so hat er sie gleich in seiner Hand. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 623 % Glaube ist Liebe zum Unsichtbaren, Vertrauen aufs Unmögliche, Unwahrscheinliche. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 624 % Das Christentum steht mit dem Judentum in einem weit stärkern Gegensatz als mit dem Heidentum. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 625 % Die christliche Religion ist eine intentionierte politische Revolution, die, verfehlt, nachher moralisch geworden ist. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 626 % Es gibt Theologen, die wollten, dass es nur einen einzigen Menschen in der Welt gegeben hätte, den Gott erlöst hätte; denn da hätte er keine Ketzer geben können. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 627 % "Die Kirche schwächt alles, was sie anrührt." -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 628 % Die Ohrenbeichte im besten Sinne ist eine fortgesetzte Katechisation der Erwachsnen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 629 % In Neuyork, sagt man, finden sich neunzig christliche Kirchen abweichender Konfession, und nun wird diese Stadt besonders seit Eröffnung des Erie-Kanals überschwänglich reich. Wahrscheinlich ist man der Überzeugung, dass religiose Gedanken und Gefühle, von welcher besondern Art sie auch seien, dem beruhigenden Sonntag angehören, angestrengte Tätigkeit, von frommen Gesinnungen begleitet, den Werkeltagen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 630 % Wenn ein gutes Wort eine gute Statt findet, so findet ein frommes Wort gewiss noch eine bessere. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 631 % Alles kommt bei der Mission darauf an, dass der rohe sinnliche Mensch gewahr wird, dass es eine Sitte gebe; dass der leidenschaftliche ungebändigte merkt, dass er Fehler begangen hat, die er sich selbst nicht verzeihen kann. Die erste führt zur Annahme zarter Maximen, das letzte auf Glauben einer Versöhnung. Alles Mittlere von zufällig scheinenden Übeln wird einer weisen unerforschlichen Führung anheim gegeben. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 632 % Der rechtliche Mensch denkt immer, er sei vornehmer und mächtiger, als er ist. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 633 % Alle Gesetze sind Versuche, sich den Absichten der moralischen Weltordnung im Welt- und Lebenslaufe zu nähern. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 634 % Es ist besser, es geschehe dir unrecht, als die Welt sei ohne Gesetz. Deshalb füge sich jeder dem Gesetze. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 635 % Es ist besser, dass Ungerechtigkeiten geschehn, als dass sie auf eine ungerechte Weise gehoben werden. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 636 % Nero hätte in den vier Jahren, die das Interregnum dauerte - so nenne ich die Regierungen des Galba, Otho, Vitellius -, nicht so viel Unheil stiften können, als nach seiner Ermordung über die Welt gekommen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 637 % Wäre es Gott darum zu tun gewesen, dass die Menschen in der Wahrheit leben und handeln sollten, so hätte er seine Einrichtung anders machen müssen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 638 % Man könnte zum Scherze sagen, der Mensch sei ganz aus Fehlern zusammengesetzt, wovon einige der Gesellschaft nützlich, andre schädlich, einige brauchbar, einige unbrauchbar gefunden werden. Von jenen spricht man Gutes: Nennt sie Tugenden; von diesen Böses: Nennt die Fehler. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 639 % Nicht allein das Angeborene, sondern auch das Erworbene ist der Mensch. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 640 % Unsre Eigenschaften müssen wir kultivieren, nicht unsre Eigenheiten. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 641 % Man sieht gleich, wo die zwei notwendigsten Eigenschaften fehlen: Geist und Gewalt. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 642 % Unsre Meinungen sind nur Supplemente unsrer Existenz. Wie einer denkt, daran kann man sehn, was ihm fehlt. Die leersten Menschen halten sehr viel auf sich, treffliche sind misstrauisch, der Lasterhafte ist frech, und der Gute ist ängstlich. So setzt sich alles ins Gleichgewicht; jeder will ganz sein oder es vor sich scheinen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 643 % Historisch betrachtet, erscheint unser Gutes in mäßigem Lichte und unsere Mängel entschuldigen sich. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 644 % Der liebt nicht, der die Fehler des Geliebten nicht für Tugenden hält. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 645 % Man kann niemand lieben, als dessen Gegenwart man sicher ist, wenn man sein bedarf. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 646 % Man kennt nur diejenigen, von denen man leidet. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 647 % Man beobachtet niemand als die Personen, von denen man leidet. Um unerkannt in der Welt umherzugehen, müsste man nur niemand wehe tun. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 648 % Mit jemand leben oder in jemand leben, ist ein großer Unterschied. Es gibt Menschen, in denen man leben kann, ohne mit ihnen zu leben, und umgekehrt. Beides zu verbinden, ist nur der reinsten Liebe und Freundschaft möglich. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 649 % Es ist besser, man betrügt sich an seinen Freunden, als dass man seine Freunde betrüge. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 650 % Wenn ein paar Menschen recht miteinander zufrieden sind, kann man meistens versichert sein, dass sie sich irren. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 651 % Der Wolf im Schafpelze ist weniger gefährlich als das Schaf in irgendeinem Pelze, wo man es für mehr als einen Schöps nimmt. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 652 % Sage nicht, dass du geben willst, sondern gib! Die Hoffnung befriedigst du nie. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 653 % Man würde viel Almosen geben, wenn man Augen hätte zu sehen, was eine empfangende Hand für ein schönes Bild macht. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 654 % Zum Tun gehört Talent, zum Wohltun Vermögen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 655 % Eine gefallene Schreibfeder muss man gleich aufheben, sonst wird sie zertreten. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 656 % Es ist keine Kunst, eine Göttin zur Hexe, eine Jungfrau zur Hure zu machen; aber zur umgekehrten Operation, Würde zu geben dem Verschmähten, wünschenswert zu machen das Verworfene, dazu gehört entweder Kunst oder Charakter. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 657 % Es gibt keine Lage, die man nicht veredeln könnte durch Leisten oder Dulden. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 658 % Dem Verzweifelnden verzeiht man alles, dem Verarmten gibt man jeden Erwerb zu. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 659 % Dummheit, seinen Feind vor dem Tode, und Niederträchtigkeit, nach dem Siege zu verkleinern. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 660 % Das radikale Übel: Dass jeder gern sein möchte, was er sein könnte, und die übrigen nichts, ja nicht wären. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 661 % Ein Mensch zeigt nicht eher seinen Charakter, als wenn er von einem großen Menschen oder irgend von etwas Außerordentlichem spricht. Es ist der rechte Probierstein aufs Kupfer. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 662 % Nur solchen Menschen, die nichts hervorzubringen wissen, denen ist nichts da. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 663 % Warum man doch ewige Missreden hört? Sie glauben sich alle etwas zu vergeben, wenn sie das kleinste verdienst anerkennen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 664 % Vom Verdienste fordert man Bescheidenheit; aber diejenigen, die unbescheiden das Verdienst schmälern, werden mit Behagen angehört. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 665 % Dem Menschen ist verhasst, was er nicht glaubt, selbst getan zu haben; deswegen der Parteigeist so eifrig ist. Jeder Alberne glaubt, ins Beste einzugreifen, und alle Welt, die nichts ist, wird zu was. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 666 % Egoistische Kleinstädterei, die sich Zentrum deucht. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 667 % Es ist niemand fähig zu denken, dass jemand etwas konstruieren und protegieren möchte, als um Partei zu machen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 668 % Im Laufe des frischen Lebens erduldet man viel, es sei nun vom Veralteten oder Überneuen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 669 % Wie haben sich die Deutschen nicht gebärdet, um dasjenige abzuwehren, was ich allenfalls getan und geleistet habe, und tun sie's nicht noch? Hätten sie alles gelten lassen und wären weiter gegangen, hätten sie mit meinem Erwerb gewuchert, so wären sie weiter, wie sie sind. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 670 % Dass die Naturforscher nicht durchaus mit mir einig werden, ist bei der Stellung so verschiedener Denkweisen ganz natürlich; die meinige werde ich gleichfalls künftig zu behaupten suchen. Aber auch im ästhetischen und moralischen Felde wird es Mode, gegen mich zu streiten und zu wirken. Ich weiß recht gut, woher und wohin, warum und wozu, erkläre mich aber weiter nicht darüber. Die Freunde, mit denen ich gelebt, für die ich gelebt, werden sich und mein Andenken aufrechtzuerhalten wissen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 671 % Das Urteil können sie verwehren, aber die Wirkung nicht hindern. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 672 % Ich bin mit allen Menschen einig, die mich zunächst angehen, und von den übrigen lass' ich mir nichts mehr gefallen, und da ist die Sache aus. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 673 % Ich höre das ganze Jahr jedermann anders reden, als ich's meine, warum sollt' ich denn auch nicht einmal sagen, wie ich gesinnt bin? -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 674 % Eine nachgesprochne Wahrheit verliert schon ihre Grazie, aber ein nachgesprochner Irrtum ist ganz ekelhaft. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 675 % Das Absurde, Falsche lässt sich jedermann gefallen: Denn es schleicht sich ein; das Wahre, Derbe nicht: Denn es schließt aus. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 676 % Es ist ganz einerlei, ob man das Wahre oder das Falsche sagt: Beidem wird widersprochen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 677 % Eine richtige Antwort ist wie ein lieblicher Kuss. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 678 % Wer kann sagen, er erfahre was, wenn er nicht ein Erfahrender ist? -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 679 % Man frage nicht, ob man durchaus übereinstimmt, sondern ob man in einem Sinne verfährt. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 680 % Nichts Peinlicheres habe gefunden, als mit jemand in widerwärtigem Verhältnis zu stehen, mit dem ich übrigens aus einem Sinne gern gehandelt hätte. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 681 % Beim Zerstören gelten alle falschen Argumente, beim Aufbauen keineswegs. Was nicht wahr ist, baut nicht. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 682 % Es ist nichts furchtbarer anzuschauen als grenzenlose Tätigkeit ohne Fundament. Glücklich diejenigen, die im Praktischen gegründet sind und sich zu gründen wissen! Hiezu bedarf's aber einer ganz eigenen Doppelgabe. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 683 % Es ist nichts inkonsequenter als die höchste Konsequenz, weil sie unnatürliche Phänomene hervorbringt, die zuletzt umschlagen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 684 % Man geht nie weiter, als wenn man nicht mehr weiß, wohin man geht. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 685 % Wer sein Leben mit einem Geschäft zubringt, dessen Undankbarkeit er zuletzt einsieht, der hasst es und kann es doch nicht los werden. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 686 % Derjenige, der's allen andern zuvortun will, betrügt sich meist selbst; er tut nur alles, was er kann, und bildet sich dann gefällig vor, das sei so viel und mehr als das, was alle können. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 687 % Versuche, die eigne Autorität zu fundieren: Sie ist überall begründet, wo Meisterschaft ist. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 688 % Der Tag an und für sich ist gar zu miserabel; wenn man nicht ein Lustrum anpackt, so gibt's keine Garbe. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 689 % Der Tag gehört dem Irrtum und dem Fehler, die Zeitreihe dem Erfolg und dem Gelingen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 690 % Wer vorsieht, ist Herr des Tags. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 691 % Ich verwünsche das Tägliche, weil es immer absurd ist. Nur was wir durch mögliche Anstrengung ihm übergewinnen, lässt sich wohl einmal summieren. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 692 % Indes wir, dem Ungeheuren unterworfen, kaum auf- und umschauen, was zu tun sei und wohin wir unser Bestes von Kräften, Tätigkeiten hinwenden sollen, und des höchsten Enthusiasmus bedürftig sind, der nur nachhalten kann, wenn er nicht empirisch ist, nagen zwar keine Lind-, aber Lumpwürme an unsern Täglichkeiten. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 693 % Das ganze Leben besteht aus Wollen und Nichtvollbringen, Vollbringen und Nichtwollen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 694 % Wollen und Vollbringen ist nicht der Mühe wert oder verdrießlich, davon zu sprechen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 695 % Das Leben vieler Menschen besteht aus Klatschigkeiten, Tägigkeiten, Intrige zu momentaner Wirkung -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 696 % Wenn die Affen es dahin bringen könnten, Langeweile zu haben, so können sie Menschen werden. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 697 % Dem Klugen kommt das Leben leicht vor, wenn dem Toren schwer, und oft dem Klugen schwer, dem Toren leicht. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 698 % Es ist besser, eine Torheit pure geschehen zu lassen, als ihr mit einiger Vernunft nachhelfen zu wollen. Die Vernunft verliert ihre Kraft, indem sie sich mit der Torheit vermischt, und die Torheit ihr Naturell, das ihr oft forthilft. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 699 % Mit Gedanken, die nicht aus der tätigen Natur entsprungen sind und nicht wieder aufs tätige Leben wohltätig hinwirken und so in einem mit dem jedesmaligen Lebenszustand übereinstimmenden mannigfaltigen Wechsel unaufhörlich entstehen und sich auflösen, ist der Welt wenig geholfen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 700 % Im Idealen kommt alles auf die élans, im Realen auf die Beharrlichkeit an. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 701 % Das wunderlichste im Leben ist das Vertrauen, dass andre uns führen werden. Haben wir's nicht, so tappen und tolpen wir unsern eigenen Weg hin; haben wir's, so sind wir auch, eh' wir's uns versehen, auf das schlechteste geführt. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 702 % Die ungeheuerste Kultur, die der Mensch sich geben kann, ist die Überzeugung, dass die andern nicht nach ihm fragen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 703 % Wer hätte mit mir Geduld haben sollen, wenn ich's nicht gehabt hätte? -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 704 % Die Menschen glauben, dass man sich mit ihnen abgeben müsse, da man sich mit ihnen abgeben müsse, da man sich mit sich selbst nicht abgibt. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 705 % Wie viel vermag nicht die Übung! Die Zuschauer schreien, und der Geschlagne schweigt. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 706 % Wenn mir eine Sache missfällt, so lass' ich sie liegen oder mache sie besser. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 707 % Wer in sich recht ernstlich hinabsteigt, wird sich immer nur als Hälfte finden; er fasse nachher ein Mädchen oder eine Welt, um sich zum Ganzen zu konstituieren, das ist einerlei. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 708 % Der Tiger, der dem Hirsch begreiflich machen will, wie köstlich es ist, Blut zu schlürfen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 709 % Gesunde Menschen sind die, in deren Leibes- und Geistesorganisation jeder Teil eine vita propria hat. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 710 % Wenn weise Männer nicht irrten, müssten die Narren verzweifeln. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 711 % Manche sind auf das, was sie wissen, stolz, gegen das, was sie nicht wissen, hoffärtig. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 712 % Die Geschichte wie das Universum, das sie repräsentieren soll, hat einen realen und idealen Teil. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 713 % Zum idealen Teile gehört der Kredit, zum realen Besitztum, physische Macht pp. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 714 % Der Kredit ist eine durch reale Leistungen erzeugte Idee der Zuverlässigkeit. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 715 % Jeder Besitz ist eine plumpe Sache, und es ist gut, dass darüber abgesprochen werde, ne incerta sint rerum dominia. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 716 % Jeder Mensch fühlt sich privilegiert. Diesem Gefühl widerspricth: 1. die Naturnotwendigkeit, 2. die Gesellschaft. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 717 % ad 1. Der Mensch kann ihr nicht entgehen, nicht ausweichen, nichts abgewinnen. Nur kann er durch Diät sich fügen und ihr nicht vorgreifen. Ad 2. Der Mensch kann ihr nicht entgehen, nicht ausweichen; aber er kann ihr abgewinnen, dass sie ihn ihre Vorteile mitgenießen lässt, wenn er seinem Privilegiengefühl entsagt. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 718 % Der höchste Zweck der Gesellschaft ist Konsequenz der Vorteile, jedem gesichert. Jeder einzelne Vernünftige opfert schon der Konsequenz vieles auf, geschweige die Gesellschaft. Über diese Konsequenz geht fast der momentane Vorteil der Glieder zugrunde. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 719 % In der Gesellschaft sind alle gleich. Es kann keine Gesellschaft anders als auf den Begriff der Gleichheit gegründet sein, keineswegs aber auf den Begriff der Freiheit. Die Gleichheit will ich in der Gesellschaft finden; die Freiheit, nämlich die sittliche, dass ich mich subordinieren mag, bringe ich mit. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 720 % Die Gesellschaft, in die ich trete, muss also zu mir sagen: "Du sollst allen uns andern gleich sein." Sie kann aber nur hinzufügen: "Wir wünschen, dass du auch frei sein mögest", das heißt: Wir wünschen, dass du dich mit Überzeugung, aus freiem, vernünftigem Willen deiner Privilegien begibst. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 721 % Gesetzgeber oder Revolutionärs, die Gleichsinn und Freiheit zugleich versprechen, sind Phantasten oder Scharlatans. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 722 % Eingebildete Gleichheit: Das erste Mittel, die Ungleichheit zu zeigen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 723 % Jede Revolution geht auf Naturzustand hinaus, Gesetz- und Schamlosigkeit. (Pikarden, Wiedertäufer, Sansculotten.) -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 724 % Sobald die Tyrannei aufgehoben ist, geht der Konflikt zwischen Aristokratie und Demokratie unmittelbar an. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 725 % Die Menschen sind als Organe ihres Jahrhunderts anzusehen, die sich meist unbewusst bewegen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 726 % Fehler der so genannten Aufklärung: Dass sie Menschen Vielseitigkeit gibt, deren einseitige Lage man nicht ändern kann. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 727 % Einen gerüsteten, auf die Defensive berechneten Zustand kann kein Staat aushalten. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 728 % Das große Recht, nicht etwa nur in seinen Privatangelegenheiten - denn das weiß ein jeder -, sondern auch in öffentlichen verständig, ja vernünftig zu sein. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 729 % Majestät ist das Vermögen, ohne Rücksicht auf Belohnung oder Bestrafung recht oder unrecht zu handeln. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 730 % Herrschen und genießen geht nicht zusammen. Genießen heißt, sich und andern in Fröhlichkeit angehören; herrschen heißt, sich und anderen im ernstlichsten Sinne wohltätig sein. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 731 % Herrschen lernt sich leicht, regieren schwer. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 732 % Wer klare Begriffe hat, kann befehlen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 733 % In den Zeitungen ist alles Offizielle geschraubt, das übrige platt. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 734 % Nach Pressfreiheit schreit niemand, als wer sie missbrauchen will. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 735 % Die Deutschen der neueren Zeit haben nichts anders für Denk- und Pressfreiheit gehalten, als dass sie sich einander öffentlich missachten dürfen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 736 % Die Deutschen der alten Zeit freute nichts, als dass keiner dem andern gehorchen durfte. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 737 % Gerechtigkeit: Eigenschaft und Phantom der Deutschen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 738 % Der echte Deutsche bezeichnet sich durch mannigfaltige Bildung und Einheit des Charakters. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 739 % Die Engländer werden uns beschämen durch reinen Menschenverstand und guten Willen, die Franzosen durch geistreiche Umsicht und praktische Ausführung. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 740 % Der Deutsche soll alle Sprachen lernen, damit ihm zu Hause kein Fremder unbequem, er aber in der Fremde überall zu Hause sei. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 741 % Die Gewalt einer Sprache ist nicht, dass sie das Fremde abweist, sondern dass sie es verschlingt. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 742 % Ich verfluche allen negativen Purismus, dass man ein Wort nicht brauchen soll, in welchem eine andre Sprache Vieles oder Zarteres gefasst hat. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 743 % Meine Sache ist der affirmative Purismus, der produktiv ist und nur davon ausgeht: Wo müssen wir umschreiben, und der Nachbar hat ein entscheidendes Wort? -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 744 % Der pedantische Purismus ist ein absurdes Ablehnen weiterer Ausbreitung des Sinnes und Geistes (z.B. das englische Wort grief). -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 745 % Kein Wort steht still, sondern es rückt immer durch den Gebrauch von seinem anfänglichen Platz eher hinab als hinauf, eher in schlechtere als ins Bessere, ins Engere als Weitere, und an der Wandelbarkeit des Worts lässt sich die Wandelbarkeit der Begriffe erkennen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 746 % Philologen: Apollo Sauroktonos, immer mit dem spitzen Griffelchen in der Hand aufpassend, eine Eidechse zu spießen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 747 % Es ist kein großer Unterschied, ob ich eine korrekte Stelle falsch verstehe oder ob ich einer korrupten irgendeinen Sinn unterlege. Das letzte ist für den einzelnen vorteilhafter als das erste. Es wird eine Privatemendation, wodurch er für seinen Geist gewinnt, was jene für den Buchstaben gewonnen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 748 % Es ist mit den Jahren wie mit den Sibyllinischen Büchern: Je mehr man ihrer verbrennt, desto teurer werden sie. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 749 % Wenn die Jugend ein Fehler ist, so legt man ihn sehr bald ab. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 750 % In der Jugend bald die Vorzüge des Alters gewahr zu werden, im Alter die Vorzüge der Jugend zu erhalten, beides ist nur ein Glück. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 751 % Es betrügt sich kein Mensch, der in seiner Jugend noch soviel erwartet. Aber wie er damals die Ahndung in seinem Herzen empfand, so muss er auch die Erfüllung in seinem Herzen suchen, nicht außer sich. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 752 % Dass der Mensch zuletzt Epitomator von sich selbst wird! Und dahin zu gelangen, ist schon Glück genug. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 753 % Eltern und Kindern bleibt nichts übrig, als entweder vor- oder hintereinander zu sterben, und man weiß am Ende nicht, was man vorziehen sollte. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 754 % Wenn ich an meinen Tod denke, darf ich, kann ich nicht denken, welche Organisation zerstört wird. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 755 % In jeder großen Trennung liegt ein Keim von Wahnsinn; man muss sich hüten, ihn nachdenklich auszubrüten und zu pflegen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 756 % Höchst merkwürdig ist, dass von dem menschlichen Wesen das Entgegengesetzte übrig bleibt: Gehäus' und Gerüst, worin und womit sich der Geist hienieden genügte, sodann aber die idealen Wirkungen, die in Wort und Tat von ihm ausgingen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 757 % Ein ausgesprochenes Wort fordert sich selbst wieder. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 758 % Mystik: Eine unreife Poesie, eine unreife Philosophie; Poesie: eine reife Natur; Philosophie: eine reife Vernunft. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 759 % Bildliche Darstellung: Reich der Poesie; hypothetische Erklärung: Reich der Philosophie. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 760 % Das Wahre (Allgemeine), das wir erkennen und festhalten; das Leidenschaftliche (Besondere), das uns hindert und festhält; das dritte, Rednerische, schwankend zwischen Wahrheit und Leidenschaft. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 761 % Die Lauen ist ein Bewusstloses und beruht auf der Sinnlichkeit. Es ist der Widerspruch der Sinnlichkeit mit sich selbst. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 762 % Der Humor entsteht, wenn die Vernunft nicht im Gleichgewicht mit den Dingen ist, sondern entweder sie zu beherrschen strebt und nicht damit zustande kommen kann: Welches der ärgerliche oder üble Humor ist; oder sich ihnen gewissermaßen unterwirft und mit sich spielen lässt, salvo honore, welches der heitre Humor oder der gute ist. Sie lässt sich gut symbolisieren durch einen Vater, der sich herablässt, mit seinen Kindern zu spielen, und mehr Spaß einnimmt als ausgibt. In diesem Falle spielt die Vernunft den Goffo, im ersten Falle den Moroso. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 763 % Das Glück des Genies: Wenn es zuzeiten des Ernstes geboren wird. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 764 % Das Genie mit Großsinn sucht seinem Jahrhundert vorzueilen; das Talent aus Eigensinn möchte es oft zurückhalten. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 765 % Der Scharfsinn verlässt geistreiche Männer am wenigsten, wenn sie unrecht haben. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 766 % Das fürchterlichste ist, wenn platte, unfähige Menschen zu Phantasten sich gesellen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 767 % Man kann sich nicht verleugnen, dass die deutsche Welt, mit vielen, guten, trefflichen Geistern geschmückt, immer uneiniger, unzusammenhängender in Kunst und Wissenschaft, sich auf historischem, theoretischem und praktischem Wege immer mehr verirrt und verwirrt. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 768 % Sähe man Kunst und Wissenschaft nicht als ein Ewiges, in sich selbst Lebendig-Fertiges verehrend an, das im Zeitverlaufe nur Vorzüge und Mängel durcheinander mischt, so würde man selbst irre werden und sich betrüben, dass Reichtum in eine solche Verlegenheit setzen kann. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 769 % Was nicht originell ist, daran ist nichts gelegen, du was originell ist, trägt immer die Gebrechen des Individuums an sich. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 770 % Wer's nicht besser machen kann, macht's wenigstens anders; Zuhörer und Leser, in herkömmlicher Gleichgültigkeit, lassen dergleichen am liebsten gelten. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 771 % Man spricht soviel von Geschmack: Der Geschmack besteht in Euphemismen. Diese sind Schonungen des Ohrs mit Aufregung des Sinnes. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 772 % Das Publikum beklagt sich lieber unaufhörlich, übel bedient worden zu sein, als dass es sich bemühte, besser bedient zu werden. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 773 % Ein großes Unheil entspringt aus den falschen Begriffen der Menge, weil der Wert vorhandener Werke gleich verkannt wird, wenn sie nicht im kurrenten Vorurteil mit einbegriffen sind. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 774 % Innerhalb einer Epoche gibt es keinen Standpunkt, eine Epoche zu betrachten. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 775 % Keine Nation hat ein Urteil als über das, was bei ihr getan und geschrieben ist. Man könnte dies auch von jeder Zeit sagen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 776 % Wahre, in alle Zeiten und Nationen eingreifende Urteile sind sehr selten. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 777 % Keine Nation hat eine Kritik als in dem Maße, wie sie vorzügliche, tüchtige und vortreffliche Werke besitzt. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 778 % Die Kritik erscheint wie Ate: Sie verfolgt die Autoren, aber hinkend. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 779 % Jemand sagte: "Was bemüht ihr euch um den Homer? Ihr versteht ihn doch nicht." Darauf antwortet' ich: Versteh' ich doch auch Sonne, Mond und Sterne nicht; aber sie gehen über meinem Haupt hin, und ich erkenne mich in ihnen, indem ich sie sehe und ihren regelmäßigen, wunderbaren Gang betrachte, und denke dabei, ob auch wohl etwas aus mir werden könnte. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 780 % Dass die bildende Kunst in der Ilias auf einer so hohen Stufe erscheint, möchte wohl ein Argument für die Modernität des Gedichtes abgeben. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 781 % Die Modernen sollen nur Lateinisch schreiben, wenn sie aus nichts etwas zu machen haben. Umgekehrt machen sie ihr weniges Etwas immer zu nichts. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 782 % Die lateinische Sprache hat eine Art von Imperativus der Autorschaft. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 783 % Zu den glücklichen Umständen, welche Shakespeares gebornes großes Talent frei und rein entwickelten, gehört auch, dass er Protestant war; er hätte sonst wie Kalidasa und Calderon Absurditäten verherrlichen müssen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 784 % Um die alten abgeschmacktesten locos communes der Menschheit durchzupeitschen, hat Klopstock Himmel und Hölle, Sonne, Mond und Sterne, Zeit und Ewigkeit, Gott und Teufel aufgeboten. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 785 % Schmidt von Werneuchen ist der wahre Charakter der Natürlichkeit. Jedermann hat sich über ihn lustig gemacht und das mit Recht; und doch hätte man sich über ihn nicht lustig machen können, wenn er nicht als Poet wirkliches Verdienst hätte, das wir an ihm zu ehren haben. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 786 % Märchen: Das uns unmögliche Begebenheiten unter möglichen oder unmöglichen Bedingungen als möglich darstellt. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 787 % Roman: Der uns mögliche Begebenheiten unter unmöglichen oder beinahe unmöglichen Bedingungen als wirklich darstellt. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 788 % Der Romanenheld assimiliert sich alles; der Theaterheld muss nichts Ähnliches in allem dem finden, was ihn umgibt. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 789 % Beim Übersetzen muss man bis ans Unübersetzliche herangehen; alsdann wird man aber erst die fremde Nation und die fremde Sprache gewahr. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 790 % Es ist ein großer Unterscheid, ob ich lese zu Genuss und Belebung oder zu Erkenntnis und Belehrung. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 791 % Es gibt Bücher, durch welche man alles erfährt und doch zuletzt von der Sache nichts begreift. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 792 % Wenn einem Autor ein Lexikon nachkommen kann, so taugt er nichts. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 793 % Ich denke immer, wenn ich einen Druckfehler sehe, es sei etwas Neues erfunden. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 794 % Verleger haben die Autoren und sich selbst für vogelfrei erklärt; wie wollen sie untereinander, wer will mit ihnen rechten? -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 795 % Der mittelmäßigste Roman ist immer noch besser als die mittelmäßigen Leser, ja der schlechteste partizipiert etwas von der Vortrefflichkeit des ganzen Genres. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 796 % Der Mensch kann nur mit seinesgleichen leben und auch mit denen nicht; denn er kann auf die Länge nicht leiden, dass ihm jemand gleich sei. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 797 % Die jungen Leute sind neue Aperçus der Natur. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 798 % Zu berichtigen verstehen die Deutschen, nicht nachzuhelfen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 799 % Man muss eine Sache gefunden haben, wenn man wissen will, wo sie liegt. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 800 % Wer freudig tut und sich des Getanen freut, ist glücklich. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 801 % Mit Ungeduld bestraft sich zehnfach Ungeduld; man will das Ziel heranziehn und entfernt es nur. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 802 % Wenn ein Wissen reif ist, Wissenschaft zu werden, so muss notwendig eine Krise entstehen: Denn es wird die Differenz offenbar zwischen denen, die as Einzelne trennen und getrennt darstellen, und solchen, die das Allgemeine im Auge haben und gern das Besondere an- und einfügen möchten. Wie nun aber die wissenschaftliche, ideelle, umgreifendere Behandlung sich mehr und mehr Freunde, Gönner und Mitarbeiter wirbt, so bleibt auf der höheren Stufe jene Trennung zwar nicht so entschieden, aber doch genugsam merklich. Diejenigen, welche ich die Universalisten nenne möchte, sind überzeugt und stellen sich vor: Dass alles überall, obgleich mit unendlichen Abweichungen und Mannigfaltigkeiten, vorhanden und vielleicht auch zu finden sei; die andern, die ich Singularisten benennen will, gestehen den Hauptpunkt im allgemeinen zu, ja sie beobachten, bestimmen und lehren hiernach; aber immer wollen sie Ausnahmen finden, da, wo der ganze Typus nicht ausgesprochen ist, und darin haben sie recht. Ihr Fehler aber ist nur, dass sie die Grundgestalt verkennen, wo sie sich verhüllt, und leugnen, wenn sie sich verbirgt. Da nun beide Vorstellungsweisen ursprünglich sind und sich einander ewig gegenüberstehen werden, ohne sich zu vereinigen oder aufzuheben, so hüte man ja sich vor aller Kontrovers und stelle seine Überzeugung klar und nackt hin. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 803 % So wiederhole ich die meinige: Dass man auf diesen höheren Stufen nicht wissen kann, sondern tun muss; so wie an einem Spiele wenig zu wissen und alles zu leisten ist. Die Natur hat uns das Schachbrett gegeben, aus dem wir nicht hinaus wirken können noch wollen; sie hat uns die Steine geschnitzt, deren Wert, Bewegung und Vermögen nach und nach bekannt werden; nun ist es an uns, Züge zu tun, von denen wir uns Gewinn versprechen; dies versucht nun ein jeder auf seine Weise und lässt sich nicht gern einreden. Mag das also geschehen, und beobachten wir nur vor allem genau: Wie nah oder fern ein jeder von uns stehe, und vertragen uns sodann vorzüglich mit denjenigen, die sich zu der Seite bekennen, zu der wir uns halten. Ferner bedenke man, dass man immer mit einem unauflöslichen Problem zu tun habe, und erweise sich frisch und treu, alles zu beachten, was irgend auf eine Art zur Sprache kommt, am meisten dasjenige, was uns widerstrebt: Denn dadurch wird man am ersten das Problematische gewahr, welches zwar in den Gegenständen selbst, mehr aber noch in den Menschen liegt. Ich bin nicht gewiss, ob ich in diesem so wohl bearbeiteten Felde persönlich weiter wirke, doch behalte ich mir vor, auf diese oder jene Wendung des Studiums, auf diese oder jene Schritte der einzelnen aufmerksam zu sein und aufmerksam zu machen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 804 % Allein kann der Mensch nicht wohl bestehen, daher schlägt er sich gern zu einer Partei, weil er da, wenn auch nicht Ruhe, doch Beruhigung und Sicherheit findet. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 805 % Es gibt wohl zu diesem oder jenem Geschäft von Natur unzulängliche Menschen; Übereilung und Dünkel jedoch sind gefährliche Dämonen, die den Fähigsten unzulänglich machen, alle Wirkung zum Stocken bringen, freie Fortschritte lähmen. Dies gilt von weltlichen Dingen, besonders auch von Wissenschaften. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 806 % Im Reich der Natur waltet Bewegung und Tat, im Reiche der Freiheit Anlage und Willen. Bewegung ist ewig und tritt bei jeder günstigen Bedingung unwiderstehlich in die Erscheinung. Anlagen entwickeln sich zwar auch naturgemäß, müssen aber erst durch den Willen geübt und nach und nach gesteigert werden. Deswegen ist man des freiwilligen Willens so gewiss nicht als der selbständigen Tat; diese tut sich selbst, er aber wird getan: Denn er muss, um vollkommen zu werden und zu wirken, sich im Sittlichen dem Gewissen, das nicht irrt, im Kunstreichen aber der Regel fügen, die nirgends ausgesprochen ist. Das Gewissen bedarf keines Ahnherrn, mit ihm ist alles gegeben; es hat nur mit der innern eigenen Welt zu tun. Das Genie bedürfte auch keine Regel, wäre sich selbst genug, gäbe sich selbst die Regel; da es aber nach außen wirkt, so ist es vielfach bedingt durch Stoff und Zeit, und an beiden muss es notwendig irre werden; deswegen es mit allem, was eine Kunst ist, mit dem Regiment wie mit Gedicht, Statue und Gemälde, durchaus so wunderlich und unsicher aussieht. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 807 % Es ist eine schlimme Sache, die doch manchem Beobachter begegnet, mit einer Anschauung sogleich eine Folgerung zu verknüpfen und beide für gleich geltend zu achten. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 808 % Die Geschichte der Wissenschaften zeigt uns bei allem, was für dieselben geschieht, gewisse Epochen, die bald schneller, bald langsamer aufeinander folgen. Eine bedeutenden Ansicht, neu oder erneut, wird ausgesprochen; sie wird anerkannt, früher oder später; es finden sich Mitarbeiter; das Resultat geht in die Schüler über; es wird gelehrt und fortgepflanzt, und wir bemerken leider, dass es gar nicht darauf ankommt, ob die Ansicht wahr oder falsch sei; beides macht denselben Gang, beides wird zuletzt eine Phrase, beides prägt sich als totes Wort dem Gedächtnis ein. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 809 % Zur Verewigung des Irrtums tragen die Werke besonders bei, die enzyklopädisch das Wahre und Falsche des Tages überliefern. Hier kann die Wissenschaft nicht bearbeitet werden; sondern was man weiß, glaubt, wähnt, wird aufgenommen! Deswegen sehen solche Werke nach fünfzig Jahren gar wunderlich aus. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 810 % Zuerst belehre man sich selbst, dann wird man Belehrung von andern empfangen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 811 % Theorien sind gewöhnlich Übereilungen eines ungeduldigen Verstandes, der die Phänomene gern los sein möchte und an ihrer Stelle deswegen Bilder, Begriffe, ja oft nur Worte einschiebt. Man ahnet, man sieht auch wohl, dass es nur ein Behelf ist; leibt sich nicht aber Leidenschaft und Parteigeist jederzeit Behelfe? Und mit Recht, da sie ihrer so sehr bedürfen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 812 % Unsere Zustände schreiben wir bald Gott, bald dem Teufel zu und fehlen ein- wie das andere Mal: In uns selbst liegt das Rätsel, die wir Ausgeburt zweier Welten sind. Mit der Farbe geht's ebenso; blad sucht man sie im Lichte, bald draußen im Weltall, und kann sie gerade da nicht finden, wo sie zu Hause ist. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 813 % Es wird eine Zeit kommen, wo man eine pathologische Experimentalphysik vorträgt und alle jene Spiegelfechtereien ans Tageslicht bringt, welche den Verstand hintergehen, sich eine Überzeugung erschleichen und, was das schlimmste daran ist, durchaus jeden praktischen Fortschritt verhindern. Die Phänomene müssen ein für allemal aus der düstern empirisch-mechanisch-dogmatischen Marterkammer vor die Jury des gemeinen Menschenverstandes gebracht werden. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 814 % Dass Newton bei seinen prismatischen Versuchen die Öffnung so klein als möglich nahm, um eine Linie zum Lichtstrahl bequem zu symbolisieren, hat eine unheilbare Verirrung über die Welt gebracht, an der vielleicht noch Jahrhunderte leiden. Durch dieses kleine Löchlein ward Malus zu einer abenteuerlichen Theorie getrieben, und wäre Seebeck nicht so umsichtig, so musste er verhindert werden, den Urgrund dieser Erscheinungen, die entoptischen Figuren und Farben, zu entdecken. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 815 % Was aber das allersonderbarste ist: Der Mensch, wenn er auch den Grund des Irrtums aufdeckt, wird den Irrtum selbst deshalb doch nicht los. Mehrere Engländer, besonders Dr. Read, sprechen gegen Newton leidenschaftlich aus: "Das prismatische Bild sei keineswegs das Sonnenbild, sondern das Bild der Öffnung unseres Fensterladens mit Farbensäumen geschmückt; im prismatischen Bilde gebe es kein ursprünglich Grün, dieses entstehe durch das Übereinandergreifen des Blauen und Gelben, so dass ein schwarzer Streif ebenso gut als ein weißer in Farben aufgelöst scheinen könnte, wenn man hier von Auflösen reden wolle." Genug, alles, was wir seit vielen Jahren dargetan haben, legt dieser gute Beobachter gleichfalls vor. Nun aber lässt ihn die fixe Idee einer diversen Refrangibilität nicht los, doch kehrt er sie um und ist womöglich noch befangener als sein großer Meister. Anstatt durch diese neue Ansicht begeistert aus jenem Chrysalidenzustande sich herauszureißen, sucht er die schon erwachsenen und entfalteten Glieder aufs neue in die alten Puppenschalen unterzubringen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 816 % Das unmittelbare Gewahrwerden der Urphänomene versetzt uns in eine Art von Angst, wir fühlen unsere Unzulänglichkeit; nur durch das ewige Spiel der Empirie belebt erfreuen sie uns. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 817 % Der Magnet ist ein Urphänomen, das man nur aussprechen darf, um es erklärt zu haben; dadurch wird es denn auch ein Symbol für alles übrige, wofür wir keine Worte noch Namen zu suchen brauchen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 818 % Alles Lebendige bildet eine Atmosphäre um sich her. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 819 % Die außerordentlichen Männer des sechzehnten und siebzehnten Jahrhunderts waren selbst Akademien wie Humboldt zu unserer Zeit. Als nun das Wissen so ungeheuer überhand nahm, taten sich Privatleute zusammen, um, was den einzelnen unmöglich wird, vereinigt zu leisten. Von Ministern, Fürsten und Königen hielten sie sich fern. Wie suchte nicht das französische stille Konventikel die Herrschaft Richelieus abzulehnen! Wie verhinderte der englische Oxforder und Londner Verein den Einfluss der Lieblinge Karls des Zweiten! Da es aber einmal geschehen war und die Wissenschaften sich als ein Staatsglied im Staatskörper fühlten, einen Rang bei Prozessionen und andern Feierlichkeiten erhielten, war blad der höhere Zweck aus den Augen verloren; man stellte seine Person vor, und die Wissenschaften hatten auch Mäntelchen um und Käppchen auf. In meiner "Geschichte der Farbenlehre" habe ich dergleichen weitläuftig angeführt. Was aber geschrieben steht, es steht deswegen da, damit es immerfort erfüllt werde. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 820 % Die Natur auffassen und sie unmittelbar benutzen, ist wenig Menschen gegeben; zwischen Erkenntnis und Gebrauch erfinden sie sich gern ein Luftgespinst, das sie sorgfältig ausbilden und darüber den Gegenstand zugleich mit der Benutzung vergessen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 821 % Ebenso begreift man nicht leicht, dass in der großen Natur das geschieht, was auch im kleinsten Zirkel vorgeht. Dringt es ihnen die Erfahrung auf, so lassen sie sich's zuletzt gefallen. Spreu, von geriebenem Bernstein angezogen, steht mit dem ungeheuersten Donnerwetter in Verwandtschaft, ja ist eine und eben dieselbe Erscheinung. Dieses Mikromegische gestehen wir auch in einigen andern Fällen zu, bald aber verlässt uns der reine Naturgeist, und der Dämon der Künstelei bemächtigt sich unser und weiß sich überall geltend zu machen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 822 % Die Natur hat sich so viel Freiheit vorbehalten, dass wir mit Wissen und Wissenschaft ihr nicht durchgängig beikommen oder sie in die Enge treiben können. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 823 % Mit den Irrtümern der Zeit ist schwer sich abzufinden: Widerstrebt man ihnen, so steht man allein; lässt man sich davon befangen, so hat man auch weder Ehre noch Freude davon. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 824 % Wissenschaften entfernen sich im Ganzen immer vom Leben und kehren nur durch einen Umweg wieder dahin zurück. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 825 % Denn sie sind eigentlich Kompendien des Lebens; sie bringen die äußern und innern Erfahrungen ins Allgemeine, in einen Zusammenhang. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 826 % Das Interesse an ihnen wird im Grunde nur in einer besondern Welt, in der wissenschaftlichen, erregt; denn dass man auch die übrige Welt dazu beruft und ihr davon Notiz gibt, wie es in der neuern Zeit geschieht, ist ein Missbrauch und bringt mehr Schaden als Nutzen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 827 % Nur durch eine erhöhte Praxis sollten die Wissenschaften auf die äußere Welt wirken: Denn eigentlich sind sie alle esoterisch und können nur durch Verbessern irgendeines Tuns exoterisch werden. Alle übrige Teilnahme führt zu nichts. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 828 % Die Wissenschaften, auch in ihrem innern Kreise betrachtet, werden mit augenblicklichem, jedesmaligem Interesse behandelt. Ein starker Anstoß, besonders von etwas Neuem und Unerhörten oder wenigstens mächtig Gefördertem, erregt eine allgemeine Teilnahme, die jahrelang dauern kann, und die besonders in den letzten Zeiten sehr fruchtbar geworden ist. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 829 % Ein bedeutendes Faktum, ein geniales Aperçu beschäftigt eine sehr große Anzahl Menschen, erst nur, um es zu kennen, dann, um es zu erkennen, dann es zu bearbeiten und weiterzuführen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 830 % Die Menge fragt bei einer jeden neuen bedeutenden Erscheinung, was sie nutze, und sie hat nicht Unrecht; denn sie kann bloß durch den Nutzen den Wert einer Sache gewahr werden. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 831 % Die wahren Weisen fragen, wie sich die Sache verhalte in sich selbst und zu andern Dingen, unbekümmert um den Nutzen, d.h. um die Anwendung auf das Bekannte und zum Leben Notwendige, welche ganz andere Geister, scharfsinnige, lebenslustige, technisch geübte und gewandte, schon finden werden. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 832 % Die Afterweisen suchen von jeder neuen Entdeckung nur so geschwind als möglich für sich einigen Vorteil zu ziehen, indem sie einen eitlen Ruhm bald in Fortpflanzung, bald in Vermehrung, blad in Verbesserung, geschwinder Besitznahme, vielleicht gar durch Präokkupation zu erwerben trachten und durch solche Unreifheiten die wahre Wissenschaft unsicher machen und verwirren, ja ihre schönste Folge, die praktische Blüte derselben, offenbar verkümmern. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 833 % Das schändlichste Vorurteil ist, dass irgendeine Art Naturuntersuchung mit dem Bann belegt werden könne. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 834 % Jeder Forscher muss sich durchaus ansehen als einer, der zu einer Jury berufen ist. Er hat nur darauf zu achten, inwiefern der Vortrag vollständig sei und durch klare Belege auseinandergesetzt. Er fasst hiernach seine Überzeugung zusammen und gibt seine Stimme, es sei nun, dass seine Meinung mit der des Referenten übereintreffe oder nicht. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 835 % Dabei bleibt er ebenso beruhigt, wenn ihm die Majorität beistimmt, als wenn er sich in der Minorität befindet; denn er hat das Seinige getan, er hat seine Überzeugung ausgesprochen, er ist nicht Herr über die Geister noch über die Gemüter. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 836 % In der wissenschaftlichen Welt haben aber diese Gesinnungen niemals gelten wollen; durchaus ist es auf Herrschen und Beherrschen angesehen; und weil sehr wenige Menschen eigentlich selbständig sind, so zieht die Menge den einzelnen nach sich. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 837 % Die Geschichte der Philosophie, der Wissenschaften, der Religion, alles zeigt, dass die Meinungen massenweis sich verbreiten, immer aber diejenige den Vorrang gewinnt, welche fasslicher, d.h. dem menschlichen Geiste in seinem gemeinen Zustande gemäß und bequem ist. Ja derjenige, der sich in höherem Sinne ausgebildet, kann immer voraussetzen, dass er die Majorität gegen sich habe. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 838 % Wäre die Natur in ihren leblosen Anfängen nicht so gründlich stereometrisch, wie wollte sie zuletzt zum unberechenbaren und unermesslichen Leben gelangen? -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 839 % Der Mensch an sich selbst, insofern er sich seiner gefunden Sinne bedient, ist der größte und genauste physikalische Apparat, den es geben kann; und das ist eben das größte Unheil der neuern Physik, dass man die Experimente gleichsam vom Menschen abgesondert hat und bloß in dem, was künstliche Instrumente zeigen, die Natur erkennen, ja was sie leisten kann, dadurch beschränken und bewiesen will. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 840 % Ebenso ist es mit dem Berechnen. - Es ist vieles wahr, was sich nicht berechnen lässt, sowie sehr vieles, was sich nicht bis zum entschiedenen Experiment bringen lässt. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 841 % Dafür steht ja aber der Mensch so hoch, dass sich das sonst Undarstellbare in ihm darstellt. Was ist denn eine Saite und alle mechanische Teilung derselben gegen das Ohr des Musikers; ja man kann sagen, was sind die elementaren Erscheinungen der Natur selbst gegen den Menschen, der sie alle erst bändigen und modifizieren muss, um sie sich einigermaßen assimilieren zu können. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 842 % Es ist von einem Experiment zu viel gefordert, wenn es alles leisten soll. Konnte man doch die Elektrizität erst nur durch Reiben darstellen, deren höchste Erscheinung jetzt durch bloß Berührung hervorgebracht wird. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 843 % Wie man der französischen Sprache niemals den Vorzug streitig machen wird, als ausgebildete Hof- und Weltsprache sind immer mehr aus- und fortbildend zu wirken, so wird es niemand einfallen, das Verdienst der Mathematiker gering zu schätzen, welches sie, in ihrer Sprache die wichtigsten Angelegenheiten verhandelnd, sich um die Welt erwerben, indem sie alles, was der Zahl und dem Maß im höchsten Sinne unterworfen ist, zu regeln, zu bestimmen und zu entscheiden wissen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 844 % Jeder Deutsche, der seinen Kalender ansieht, nach seiner Uhr blickt, wird sich erinnern, wem er diese Wohltaten schuldig ist. Wenn man sie aber auch auf ehrfurchtsvolle Weise in Zeit und Raum gewähren lässt, so werden sie erkennen, dass wir etwas gewahr werden, was weit darüber hinausgeht, welches allen angehört, und ohne welches sie selbst weder tun noch wirken könnten: Idee und Liebe. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 845 % "Wer weiß etwas von Elektrizität," sagte ein heiterer Naturforscher, "als wenn er im Finstern eine Katze streichelt oder Blitz und Donner neben ihm niederleuchten und rasseln? Wie viel und wie wenig weiß er alsdann davon?" -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 846 % Lichtenbergs Schriften können wir uns als der wunderbarsten Wünschelrute bedienen; wo er einen Spaß macht, liegt ein Problem verborgen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 847 % In den großen leeren Weltraum zwischen Mars und Jupiter legte er auch einen heitern Einfall. Als Kant sorgfältig bewiesen hatte, dass die beiden genannten Planeten alles aufgezehrt und sich zugeeignet hätten, was nur in diesen Räumen zu finden gewesen von Materie, sagte jener scherzhaft nach seiner Art: Warum sollte es nicht auch unsichtbare Welten geben? - Und hat er nicht vollkommen wahr gesprochen? Sind die neu entdeckten Planeten nicht der ganzen Welt unsichtbar, außer den wenigen Astronomen, denen wir auf Wort und Rechnung glauben müssen? -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 848 % Einer neuen Wahrheit ist nichts schädlicher als ein alter Irrtum. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 849 % Die Menschen sind durch die unendlichen Bedingungen des Erscheinens dergestalt obruiert, dass sie das eine Urbedingende nicht gewahren können. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 850 % "Wenn Reisende ein sehr großes Ergötzen auf ihren Bergklettereien empfinden, so ist für mich etwas Barbarisches, ja Gottloses in dieser Leidenschaft. Berge geben uns wohl den Begriff von Naturgewalt, nicht aber von Wohltätigkeit der Vorsehung. Zu welchem Gebrauch sind sie wohl dem Menschen? Unternimmt er, dort zu wohnen, so wird im Winter eine Schneelawine, im Sommer ein Bergrutsch sein Haus begraben oder fortschieben; seine Herden schwemmt der Gießbach weg, seine Kornscheuern die Windstürme. Macht er sich auf den Weg, so ist jeder Aufstieg die Qual des Sisyphis, jeder Niederschlag der Sturz Vulkans; sein Pfad ist täglich von Steinen verschüttet, der Gießbach unwegsam für Schifffahrt. Finden auch seine Zwergherden notdürftige Nahrung oder sammelt er sie ihnen kärglich: Entweder die Elemente entreißen sie ihm oder wilde Bestien. Er führt ein einsam kümmerlich Pflanzenleben, wie das Moos auf einem Grabstein, ohne Bequemlichkeit und ohne Gesellschaft. Und diese Zickzackkämme, diese widerwärtigen Felsenwände, diese ungestalteten Granitpyramiden, welche die schönsten Weltbreiten mit den Schrecknissen des Nordpols bedecken, wie sollte sich ein wohlwollender Mann daran gefallen und ein Menschenfreund sie preisen?" -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 851 % Auf diese heitere Paradoxie eines würdigen Mannes wäre zu sagen, dass, wenn es Gott und der Natur gefallen hätte, den Urgebirgsknoten von Nubien durchaus nach Westen bis an das Große Meer zu entwickeln und fortzusetzen, ferner diese Gebirgsreihe einige Mal von Norden nach Süden zu durchschneiden, sodann Täler entstanden sein würden, worin gar mancher Urvater Abraham ein Kanaan, mancher Albert Julius eine Felsenburg würde gefunden haben, wo denn seine Nachkommen, leicht mit den Sternen rivalisierend, sich hätten vermehren können. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 852 % Steine sind stumme Lehrer, sie machen den Beobachter stumm, und das Beste, was man von ihnen lernt, ist nicht mitzuteilen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 853 % Was ich recht weiß, weiß ich nur mir selbst; ein ausgesprochenes Wort fördert selten, es erregt meistens Widerspruch, Stocken und Stillstehen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 854 % Die Kristallographie, als Wissenschaft betrachtet, gibt zu ganz eignen Ansichten Anlass. Sie ist nicht produktiv, sie ist nur sie selbst und hat keine Folgen, besonders nunmehr, da man so manche isomorphische Körper angetroffen hat, die sich ihrem Gehalte nach ganz verschieden erweisen. Da sie eigentlich nirgends anwendbar ist, so hat sie sich in dem hohen Grade in sich selbst ausgebildet. Sie gibt dem Geist eine gewisse beschränkte Befriedigung und ist in ihren Einzelheiten so mannigfaltig, dass man sie unerschöpflich nennen kann, deswegen sie auch vorzügliche Menschen so entschieden und lange an sich festhält. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 855 % Etwas Mönchisch-Hagestolzenartiges hat die Kristallographie und ist daher sich selbst genug. Von praktischer Lebenseinwirkung ist sie nicht: Denn die köstlichsten Erzeugnisse ihres Gebiets, die kristallinischen Edelsteine, müssen erst zugeschliffen werden, ehe wir unsere Frauen damit schmücken können. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 856 % Ganz das Entgegengesetzte ist von der Chemie zu sagen, welche von der ausgebreitetsten Anwendung und von dem grenzenlosesten Einfluss aufs Leben sich erweist. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 857 % Der Begriff von Entstehen ist uns ganz und gar versagt; daher wir, wenn wir etwas werden sehen, denken, dass es schon dagewesen sei. Deshalb das System der Einschachtelung uns begreiflich vorkommt. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 858 % Wie manches Bedeutende sieht man aus Teilen zusammensetzen; man betrachte die Werke der Baukunst; man sieht manches sich regel- und unregelmäßig anhäufen; daher ist uns der atomistische Begriff nah und bequem zur Hand, deshalb wir uns nicht scheuen, ihn auch in organischen Fällen anzuwenden. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 859 % Wer den Unterschied des Phantastischen und Ideellen, des Gesetzlichen und Hypothetischen nicht zu fassen weiß, der ist als Naturforscher in einer üblen Lage. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 860 % Es gibt Hypothesen, wo Verstand und Einbildungskraft sich an die Stelle der Idee setzen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 861 % Man tut nicht wohl, sich allzu lange im Abstrakten aufzuhalten. Das Esoterische schadet nur, indem es exoterisch zu werden trachtet. Leben wird am besten durchs Lebendige belehrt. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 862 % Man kann in den Naturwissenschaften über manche Probleme nicht gehörig sprechen, wenn man die Metaphysik nicht zu Hilfe ruft; aber nicht jene Schul- und Wortweisheit: Es ist dasjenige, was vor, mit und nach der Physik war, ist und sein wird. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 863 % Autorität, dass nämlich etwas schon einmal geschehen, gesagt oder entschieden worden sei, hat großen Wert; aber nur der Pedant fordert überall Autorität. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 864 % Altes Fundament ehrt man, darf aber das Recht nicht aufgeben, irgendwo wieder einmal von vorn zu gründen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 865 % Beharre, wo du stehst! - Maxime, notwendiger als je, indem einerseits die Menschen in große Parteien gerissen werden, sodann aber auch jeder einzelne nach individueller Einsicht und Vermögen sich geltend machen will. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 866 % Man tut immer besser, dass man sich grad ausspricht, wie man denkt, ohne viel beweisen zu wollen: Denn alle Beweise, die wir vorbringen, sind doch nur Variationen unserer Meinungen, und die Widriggesinnten hören weder auf das eine noch auf das andere. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 867 % Da ich mit der Naturwissenschaft, wie sie sich von Tag zu Tag vorwärts bewegt, immer mehr bekannt und verwandt werde, so dringt sich mir gar manche Betrachtung auf über die Vor- und Rückschritte, die zu gleicher Zeit geschehen. Eines nur sei hier ausgesprochen: Dass wir sogar anerkannte Irrtümer aus der Wissenschaft nicht loswerden. Die Ursache hievon ist ein offenbares Geheimnis. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 868 % Einen Irrtum nenn' ich, wenn irgendein Ereignis falsch ausgelegt, falsch angeknüpft, falsch abgeleitet wird. Nun ereignet sich aber im Gange des Erfahrens und Denkens, dass eine Erscheinung folgerecht angeknüpft, richtig abgeleitet wird. Das lässt man sich wohl gefallen, legt aber keinen besondern Wert darauf und lässt den Irrtum ganz ruhig daneben liegen, und ich kenne ein kleines Magazin von Irrtümern, die man sorgfältig aufbewahrt. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 869 % Da nun den Menschen eigentlich nichts interessiert als seine Meinung, so sieht jedermann, der eine Meinung vorträgt, sich rechts und links nach Hilfsmitteln um, damit er sich und andere bestärken möge. Des Wahren bedient man sich, solange es brauchbar ist, aber leidenschaftlich rhetorisch ergreift man das Falsche, sobald man es für den Augenblick nutzen, damit, als einem Halbargumente, blenden, als mit einem Lückenbüßer das Zerstückelte scheinbar vereinigen kann. Dieses zu erfahren, war mir erst ein Ärgernis, dann betrübte ich mich darüber, und nun macht es mir Schadenfreude: Ich habe mir das Wort gegeben, ein solches Verfahren niemals wieder aufzudecken. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 870 % Jedes Existierende ist ein Analogon alles Existierenden; daher erscheint uns das Dasein immer zu gleicher Zeit gesondert und verknüpft. Folgt man der Analogie zu sehr, so fällt alles identisch zusammen; meidet man sie, so zerstreut sich alles ins Unendliche. In beiden Fällen stagniert die Betrachtung, einmal als überlebendig, das andere Mal als getötet. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 871 % Die Vernunft ist auf das Werdende, der Verstand auf das Gewordene angewiesen; jene bekümmert sich nicht: Wozu? Dieser fragt nicht: Woher? - Sie erfreut sich am Entwickeln; er wünscht alles festzuhalten, damit er es nutzen könne. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 872 % Es ist eine Eigenheit dem Menschen angeboren und mit seiner Natur innigst verwebt, dass ihm zur Erkenntnis das Nächste nicht genügt; da doch jede Erscheinung, die wir selbst gewahr werden, im Augenblick das Nächste ist, und wir von ihr fordern können, dass sie sich selbst erkläre, wenn wir kräftig in sie dringen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 873 % Das werden aber die Menschen nicht lernen, weil es gegen ihre Natur ist; daher die Gebildeten es selbst nicht lassen können, wenn sie an Ort und Stelle irgendein Wahres erkannt haben, es nicht nur mit dem Nächsten, sondern auch mit dem Weistesten und Fernsten zusammenzuhängen, woraus dem Irrtum über Irrtum entspringt. Das nahe Phänomen hängt aber mit dem fernen nur in dem Sinne zusammen, dass sich alles auf wenige große Gesetze bezieht, die sich überall manifestieren. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 874 % Was ist das Allgemeine? Der einzelne Fall. Was ist das Besondere? Millionen Fälle. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 875 % Die Analogie hat zwei Verirrungen zu fürchten: Einmal, sich dem Witz hinzugeben, wo sie in nichts zerfließt, die andere, sich mit Tropen und Gleichnissen zu umhüllen, welches jedoch weniger schädlich ist. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 876 % Weder Mythologie noch Legenden sind in der Wissenschaft zu dulden. Lasse man diese den Poeten, die berufen sind, sie nu Nutz und Freude der Welt zu behandeln. Der wissenschaftliche Mann beschränke sich auf die nächste klarste Gegenwart. Wollte derselbe jedoch gelegentlich als Rhetor auftreten, so sei ihm jenes auch nicht verwehrt. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 877 % Um mich zu retten, betrachte ich alle Erscheinungen als unabhängig voneinander und suche sie gewaltsam zu isolieren; dann betrachte ich sie als Korrelate, und sie verbinden sich zu einem entschiedenen Leben. Dies bezieh' ich vorzüglich auf Natur; aber auch in Bezug auf die neueste um uns her bewegte Weltgeschichte ist diese Betrachtungsweise fruchtbar. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 878 % Alles, was wir Erfinden, Entdecken im höheren Sinne nennen, ist die bedeutende Ausübung, Betätigung eines originalen Wahrheitsgefühles, das, im stillen längst ausgebildet, unversehens mit Blitzesschnelle zu einer fruchtbaren Erkenntnis führt. Es ist eine aus dem Innern am Äußern sich entwickelnde Offenbarung, die den Menschen seine Gottähnlichkeit vorahnen lässt. Es ist eine Synthese von Welt und Geist, welche von der ewigen Harmonie des Daseins die seligste Versicherung gibt. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 879 % Der Mensch muss bei dem Glauben verharren, dass das Unbegreifliche begreiflich sei; er würde sonst nicht forschen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 880 % Begreiflich ist jedes Besondere, das sich auf irgendeine Weise anwenden lässt. Auf diese Weise kann das Unbegreifliche nützlich werden. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 881 % Es gibt eine zarte Empirie, die sich mit dem Gegenstand innigst identisch macht und dadurch zur eigentlichen Theorie wird. Diese Steigerung des geistigen Vermögens aber gehört einer hoch gebildeten Zeit an. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 882 % Am widerwärtigsten sind die kricklichen Beobachter und grilligen Theoristen; ihre Versuche sind kleinlich und kompliziert, ihre Hypothesen abstrus und wunderlich. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 883 % Es gibt Pedanten, die zugleich Schelme sind, und das sind die allerschlimmsten. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 884 % Um zu begreifen, dass der Himmel überall blau ist, braucht man nicht um die Welt zu reisen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 885 % Das Allgemeine und Besondere fallen zusammen: Das Besondere ist das Allgemeine, unter verschiedenen Bedingungen erscheinend. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 886 % Man braucht nicht alles selbst gesehen noch erlebt zu haben; willst du aber dem andern und seinen Darstellungen vertrauen, so denke, dass du es nun mit dreien zu tun hast: Mit dem Gegenstand und zwei Subjekten. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 887 % Grundeigenschaft der lebendigen Einheit: Sich zu trennen, sich zu vereinen, sich ins Allgemeine zu ergehen, im Besondern zu verharren, sich zu verwandeln, sich zu spezifizieren, und wie das Lebendige unter tausend Bedingungen sich dartun mag, hervorzutreten und zu verschwinden, zu solideszieren und zu verschmelzen, zu erstarren und zu fließen, sich auszudehnen und sich zusammenzuziehn. Weil nun alle diese Wirkungen im gleichen Zeitmoment zugleich vorgehen, so kann alles und jedes zu gleicher Zeit eintreten. Entstehen und Vergehen, Schaffen und Vernichten, Geburt und Tod, Freund' und Leid, alles wirkt durcheinander, in gleichem Sinn und gleicher Maße; deswegen denn auch das Besonderste, das sich ereignet, immer als Bild und Gleichnis des Allgemeinsten auftritt. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 888 % Ist das ganze Dasein ein ewiges Trennen und Verbinden, so folgt auch, dass die Menschen im Betrachten des ungeheuren Zustandes auch bald trennen, bald verbinden werden. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 889 % Als getrennt muss sich darstellen: Physik von Mathematik. Jene muss in einer entschiedenen Unabhängigkeit bestehen und mit allen liebenden, verehrenden, frommen Kräften in die Natur und das heilige Leben derselben einzudringen suchen, ganz unbekümmert, was die Mathematik von ihrer Seite leistet und tut. Diese muss sich dagegen unabhängig von allem Äußern erklären, ihren eigenen großen Geistesgang gehen und sich selber reiner ausbilden, als es geschehen kann, wenn sie, wie bisher, sich mit dem Vorhandenen abgibt und diesem etwas abzugewinnen oder anzupassen trachtet. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 890 % In der Naturforschung bedarf es eines kategorischen Imperativs so gut als im Sittlichen; nur bedenke man, dass man dadurch nicht am Ende, sondern erst am Anfang ist. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 891 % Das Höchste wäre, zu begreifen, dass alles Faktische schon Theorie ist. Die Bläue des Himmels offenbart uns das Grundgesetz der Chromatik. Man suche nur nichts hinter den Phänomenen: Sie selbst sind die Lehre. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 892 % In den Wissenschaften ist viel Gewisses, sobald man sich von den Ausnahmen nicht irremachen lässt und die Probleme zu ehren weiß. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 893 % Wenn ich mich beim Urphänomen zuletzt beruhige, so ist es doch auch nur Resignation; aber es bleibt ein großer Unterschied, ob ich mich an den Grenzen der Menschheit resigniere oder innerhalb einer hypothetischen Beschränktheit meines bornierten Individuums. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 894 % Wenn man die Probleme des Aristoteles ansieht, so erstaunt man über die Gabe des Bemerkens und für was alles die Griechen Augen gehabt haben. Nur begehen sie den Fehler der Übereilung, da sie von dem Phänomen unmittelbar zur Erklärung schreiten, wodurch denn ganz unzulängliche theoretische Aussprüche zum Vorschein kommen. Dieses ist jedoch der allgemeine Fehler, der noch heutzutage begangen wird. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 895 % Hypothesen sind Gerüste, die man vor dem Gebäude aufführt, und die man abträgt, wenn das Gebäude fertig ist; sie sind dem Arbeiter unentbehrlich; nur muss er das Gerüste nicht für das Gebäude ansehn. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 896 % Hypothesen sind Wiegenlieder, womit der Lehrer seine Schüler einlullt; der denkende treue Beobachter lernt immer mehr seine Beschränkung kennen; er sieht, je weiter sich das Wissen ausbreitet, desto mehr Probleme kommen zum Vorschein. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 897 % Wenn man den menschlichen Geist von einer Hypothese befreit, die ihn unnötig einschränkte, die ihn zwang, falsch zu sehen, falsch zu kombinieren, anstatt zu schauen zu grübeln, anstatt zu urteilen zu sophistisieren, so hat man ihm schon einen großen Dienst erzeigt. Er sieht die Phänomene freier, in andern Verhältnissen und Verbindungen an, er ordnet sie nach seiner Weise, und er erhält wieder die Gelegenheit, die unschätzbar ist, wenn er in der Folge bald dazu gelangt, seinen Irrtum selbst wieder einzusehen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 898 % Unser Fehler besteht darin, dass wir am Gewissen zweifeln und das Ungewisse fixieren möchten. Meine Maxime bei der Naturforschung ist: Das Gewisse festzuhalten und dem Ungewissen aufzupassen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 899 % Lässliche Hypothese nenn' ich eine solche, die man gleichsam schalkhaft aufstellt, um sich von der ernsthaften Natur widerlegen zu lassen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 900 % Wie wollte einer als Meister in seinem Fach erscheinen, wenn er nichts Unnützes lehrte! -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 901 % Das Närrischste ist, dass jeder glaubt, überliefern zu müssen, was man gewusst zu haben glaubt. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 902 % Weil zum didaktischen Vortrag Gewissheit verlangt wird, indem der Schüler nichts Unsicheres überliefert haben will, so darf der Lehrer kein Problem stehen lassen und sich etwa in einiger Entfernung da herumbewegen. Gleich muss etwas bestimmt sein (bepaalt sagt der Holländer), und nun glaubt man eine Weile den unbekannten Raum zu besitzen, bis ein anderer die Pfähle wieder ausreißt und sogleich enger oder weiter abermals wieder bepfählt. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 903 % Lebhafte Frage nach der Ursache, Verwechselung von Ursache und Wirkung, Beruhigung in einer falschen Theorie sind von großer, nicht zu entwickelnder Schädlichkeit. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 904 % Wenn mancher sich nicht verpflichtet fühlte, das Unwahre zu wiederholen, weil er's einmal gesagt hat, so wären es ganz andere Leute geworden. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 905 % Das Falsche hat den Vorteil, dass man immer darüber schwätzen kann; das Wahre muss gleich genutzt werden, sonst ist es nicht da. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 906 % Wer nicht einsieht, wie das Wahre praktisch erleichtert, mag gern daran mäkeln und häkeln, damit er nur sein irriges, mühseliges Treiben einigermaßen beschönigen könne. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 907 % Die Deutschen, und sie nicht allein, besitzen die Gabe, die Wissenschaften unzugänglich zu machen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 908 % Der Engländer ist Meister, das Entdeckte gleich zu nutzen, bis es wieder zu neuer Entdeckung und frischer Tat führt. Man frage nun, warum sie uns überall voraus sind. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 909 % Der denkende Mensch hat die wunderliche Eigenschaft, dass er an die Stelle, wo das unaufgelöste Problem liegt, gerne ein Phantasiebild hinfabelt, das er nicht loswerden kann, wenn das Problem auch aufgelöst und die Wahrheit am Tage ist. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 910 % Es gehört eine Geisteswendung dazu, um das gestaltlose Wirkliche in seiner eigensten Art zu fassen und es von Hirngespinsten zu unterscheiden, die sich denn doch auch mit einer gewissen Wirklichkeit lebhaft aufdringen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 911 % Bei Betrachtung der Natur im großen wie im kleinen hab' ich unausgesetzt die Frage gestellt: Ist es der Gegenstand oder bist du es, der sich hier ausspricht? Und in diesem Sinne betrachtete ich auch Vorgänger und Mitarbeiter. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 912 % Ein jeder Mensch sieht die fertige und geregelte, gebildete, vollkommene Welt doch nur als ein Element an, woraus er sich eine besondere ihm angemessene Welt zu erschaffen bemüht ist. Tüchtige Menschen ergreifen sie ohne Bedenken und suchen damit, wie es gehen will, zu gebaren; andere zaudern an ihr herum; einige zweifeln sogar an ihrem Dasein. Wer sich von dieser Grundwahrheit recht durchdrungen fühlte, würde mit niemanden streiten, sondern nur die Vorstellungsart eines andern wie seine eigene als ein Phänomen betrachten. Denn wir erfahren fast täglich, dass der eine mit Bequemlichkeit denken mag, was dem andern zu denken unmöglich ist, und zwar nicht etwa in Dingen, die auf Wohl und Wehe nur irgendeinen Einfluss hätten, sondern in Dingen, die für uns völlig gleichgültig sind. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 913 % Man weiß eigentlich das, was man weiß, nur für sich selbst. Spreche ich mit einem andern von dem, was ich zu wissen glaube, unmittelbar glaubt er's besser zu wissen, und ich muss mit meinen Wissen immer wieder in mich selbst zurückkehren. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 914 % Das Wahre fördert; aus dem Irrtum entwickelt sich nichts, er verwickelt uns nur. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 915 % Der Mensch findet sich mitten unter Wirkungen und kann sich nicht enthalten, nach den Ursachen zu fragen; als ein bequemes Wesen greift er nach der nächsten als der besten und beruhigt sich dabei; besonders ist dies die Art des allgemeinen Menschenverstandes. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 916 % Sieht man ein Übel, so wirkt man unmittelbar darauf, d.h. man kuriert unmittelbar aufs Symptom los. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 917 % Die Vernunft hat nur über das Lebendige Herrschaft; die entstandene Welt, mit der sich die Geognosie abgibt, ist tot. Daher kann es keine Geologie geben, denn die Vernunft hat hier nichts zu tun. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 918 % Wenn ich ein zerstreutes Gerippe finde, so kann ich es zusammenlesen und aufstellen; denn hier spricht die ewige Vernunft durch ein Analogon zu mir, und wenn es das Riesenfaultier wäre. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 919 % Was nicht mehr entsteht, können wir uns als entstehend nicht denken. Das Entstandene begreifen wir nicht. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 920 % Der allgemeine neuere Vulkanismus ist eigentlich ein kühner Versuch, die gegenwärtige unbegreifliche Welt an eine vergangene unbekannte zu knüpfen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 921 % Gleiche oder wenigstens ähnliche Wirkungen werden auf verschiedene Weise durch Naturkräfte hervorgebracht. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 922 % Nichts ist widerwärtiger als die Majorität: Denn sie besteht aus wenigen kräftigen Vorgängern, aus Schelmen, die sich akkommodieren, aus Schwachen, die sich assimilieren, und der Masse, die nachtrollt, ohne nur im mindesten zu wissen, was sie will. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 923 % Die Mathematik ist, wie die Dialektik, ein Organ des innern höheren Sinnes; in der Ausübung ist sie eine Kunst wie die Beredsamkeit. Für beide hat nichts Wert als die Form; der Gehalt ist ihnen gleichgültig. Ob die Mathematik Pfennige oder Guineen berechne, die Rhetorik Wahres oder Falsches verteidige, ist beiden vollkommen gleich. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 924 % Hier aber kommt es nun auf die Natur des Menschen an, der ein solches Geschäft betreibt, eine solche Kunst ausübt. Ein durchgreifender Advokat in einer gerechten Sache, ein durchdringender Mathematiker vor dem Sternenhimmel erscheinen beide gleich gottähnlich. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 925 % Was ist an der Mathematik exakt als die Exaktheit? Und diese, ist sie nicht eine Folge des innern Wahrheitsgefühls? -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 926 % Die Mathematik vermag kein Vorurteil weg zu heben, sie kann den Eigensinn nicht lindern, den Parteigeist nicht beschwichtigen, nichts von allem Sittlichen vermag sie. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 927 % Der Mathematiker ist nur insofern vollkommen, als er ein vollkommener Mensch ist, als er das Schöne des Wahren in sich empfindet; dann erst wird er gründlich, durchsichtig, umsichtig, rein, klar, anmutig, ja elegant wirken. Das alles gehört dazu, um La Grange ähnlich zu werden. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 928 % Nicht die Sprache an und für sich ist richtig, tüchtig, zierlich, sondern der Geist ist es, der sich darin verkörpert; und so kommt es nicht auf einen jeden an, ob er seinen Rechnungen, Reden oder Gedichten die wünschenswerten Eigenschaften verleihen will: Es ist die Frage, ob ihm die Natur hiezu die geistigen und sittlichen Eigenschaften verliehen hat. Die geistigen: Das Vermögen der An- und Durchschauung; die sittlichen: Dass er die bösen Dämonen ablehne, die ihn hindern könnten, dem Wahren die Ehre zu geben. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 929 % Das Einfache durch das Zusammengesetzte, das Leichte durch das Schwierige erklären zu wollen, ist ein Unheil, das in dem ganzen Körper der Wissenschaft verteilt ist, von den Einsichtigen wohl anerkannt, aber nicht überall eingestanden. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 930 % Man sehe die Physik genau durch, und man wird finden, dass die Phänomene sowie die Versuche, worauf sie gebaut ist, verschiedenen Wert haben. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 931 % Auf die primären, die Urversuche, kommt alles an, und das Kapitel, das hierauf gebaut ist, steht sicher und fest; aber es gibt auch sekundäre, tertiäre usw. Gesteht man diesen das gleiche Recht zu, so verwirren sie nur das, was von den ersten aufgeklärt war. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 932 % Ein großes Übel in den Wissenschaften, ja überall, entsteht daher, dass Menschen, die kein Ideenvermögen haben, zu theoretisieren sich vermessen, weil sie nicht begreifen, dass noch so vieles Wissen hiezu nicht berechtigt. Sie gehen im Anfange wohl mit einem löblichen Menschenverstand zu Werke, dieser aber hat seine Grenzen, und wenn er sie überschreitet, kommt er in Gefahr, absurd zu werden. Des Menschenverstandes angewiesenes Gebiet und Erbteil ist der Bezirk des Tuns und Handelns. Tätig wird er sich selten verirren; das höhere Denken, Schließen und Urteilen jedoch ist nicht seine Sache. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 933 % Die Erfahrung nutzt erst der Wissenschaft, sodann schadet sie, weil die Erfahrung Gesetz und Ausnahme gewahr werden lässt. Der Durchschnitt von beiden gibt keineswegs das Wahre. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 934 % Man sagt: Zwischen zwei entgegen gesetzten Meinungen liege die Wahrheit mitten inne. Keineswegs! Das Problem liegt dazwischen, das Unschaubare, das ewig tätige Leben in Ruhe gedacht. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 935 % In Neuyork sind neunzig verschiedene christliche Konfessionen, von welchen jede auf ihre Art Gott und den Herrn bekennt, ohne weiter aneinander ire zu werden. In der Naturforschung, ja in jeder Forschung, müssen wir es so weit bringen; denn was will das heißen, dass jedermann von Liberalität spricht und den andern hindern will, nach seiner Weise zu denken und sich auszusprechen! -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 936 % Der eingeborenste Begriff, der notwendigste, von Ursach' und Wirkung wird in der Anwendung die Veranlassung zu unzähligen sich immer wiederholenden Irrtümern. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 937 % Ein großer Fehler, den wir begehen, ist, die Ursache der Wirkung immer nahe zu denken, wie die Sehne dem Pfeil, den sie fortschnellt; und doch können wir ihn nicht vermeiden, weil Ursache und Wirkung immer zusammengedacht und also im Geiste angenähert werden. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 938 % Die nächsten fasslichen Ursachen sind greiflich und eben deshalb am begreiflichsten; weswegen wir uns gern als mechanisch denken, was höherer Art ist. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 939 % Das Zurückführen der Wirkung auf die Ursache ist bloß ein historisches Verfahren, z.B. die Wirkung, dass ein Mensch getötet, auf die Ursache der los gefeuerten Büchse. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 940 % Der Granit verwittert auch sehr gern in Kugel- und Eiform; man hat daher keineswegs nötig, die in Norddeutschland häufig gefundenen Blöcke solcher Gestalten wegen als im Wasser hin- und hergeschoben und durch Stoßen und Wälzen enteckt und entkantet zu denken. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 941 % Fall und Stoß. Dadurch die Bewegung der Weltkörper erklären zu wollen, ist eigentlich ein versteckter Anthropomorphismus, es ist des Wanderers Gang über Feld. Der aufgehobene Fuß sinkt nieder, der zurückgebliebene strebt vorwärts und fällt; und immer so fort, vom Ausgehen bis zum Ankommen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 942 % Wie wäre es, wenn man auf demselben Wege den Vergleich von dem Schrittschuhfahren hernähme? Wo das Vorwärtsdringen dem zurückbleibenden Fuße zukommt, indem er zugleich die Obliegenheit übernimmt, noch eine solche Anregung zu geben, dass sein nunmehriger Hintermann auch wieder eine Zeitlang sich vorwärts zu bewegen die Bestimmung erhält. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 943 % Induktion habe ich mir nie selbst erlaubt, wollte sie ein anderer gegen mich gebrauchen, so wusst' ich solche sogleich abzulehnen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 944 % Mitteilung durch Analogien halt' ich für so nützlich als angenehm; der analoge Fall will sich nicht aufdringen, nichts beweisen; er stellt sich einem andern entgegen, ohne sich mit ihm zu verbinden. Mehrere analoge Fälle vereinigen sich nicht zu geschlossenen Reihen, sie sind wie gute Gesellschaft, die immer mehr anregt als gibt. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 945 % Irren heißt, sich in einem Zustande befinden, als wenn das Wahre gar nicht wäre; den Irrtum sich und andern entdecken, heißt rückwärts erfinden. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 946 % Man sagt gar gehörig: Das Phänomen ist eine Folge ohne Grund, eine Wirkung ohne Ursache. Es fällt dem Menschen so schwer, Grund und Ursache zu finden, weil sie so einfach sind, dass sie sich dem Blick verbergen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 947 % Was hat man sich nicht mit dem Granit beschäftigt! Man hat ihn mit in die neueren Epochen herangezogen, und doch entsteht keiner mehr vor unsern Augen. Geschäh' es im tiefsten Meeresgrunde, so hätten wir keine Kenntnis davon. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 948 % Kein Phänomen erklärt sich an und aus sich selbst; nur viele zusammen überschaut, methodisch geordnet, geben zuletzt etwas, was für Theorie gelten könnte. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 949 % Bei Erweitung des Wissens macht sich von Zeit zu Zeit eine Umordnung nötig; sie geschieht meistens nach neueren Maximen, bleibt aber immer provisorisch. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 950 % Männer vom Fach bleiben im Zusammenhange; dem Liebhaber dagegen wird es schwerer, wenn er die Notwendigkeit fühlt, nachzufolgen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 951 % Deswegen sind Bücher willkommen, die uns sowohl das neu Empirisch-Aufgefundene als die neu beliebten Methoden darlegen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 952 % In der Mineralogie ist dies höchst nötig, wo die Kristallographie so große Forderungen machten und wo die Chemie das Einzelne näher zu bestimmen und das Ganze zu ordnen unternimmt. Zwei Willkommene: Leonhard und Cleaveland. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 953 % Wenn wir das, was wir wissen, nach anderer Methode oder wohl gar in fremder Sprache dargelegt finden, so erhält es einen sonderbaren Reiz der Neuheit und frischen Ansehens. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 954 % Wenn zwei Meister derselben Kunst in ihrem Vortrag voneinander differieren, so liegt wahrscheinlicherweise das unauflösliche Problem in der Mitte zwischen beiden. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 955 % Die Geognosie des Herrn D'Aubussion de Voisins, übersetzt vom Herrn Wiemann, wie sie mir zuhanden kommt, fördert mich in diesem Augenblicke auf vielfache Weise, ob sie mich gleich im Hauptsinne betrübt; denn hier ist die Geognosie, welche doch eigentlich auf der lebendigen Ansicht der Weltoberfläche ruhen sollte, aller Anschauung beraubt und nicht einmal in Begriffe verwandelt, sondern auf Nomenklatur zurückgeführt, in welcher letzten Rücksicht sie freilich einem jeden und auch mir förderlich und nützlich ist. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 956 % Die Kreise des wahren berühren sich unmittelbar, aber in den Intermundien hat der Irrtum Raum genug, sich zu ergehen und zu walten. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 957 % Die Natur bekümmert sich nicht um irgendeinen Irrtum; sie selbst kann nicht anders, als ewig recht handeln, unbekümmert, was daraus erfolgen möge. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 958 % Natur hat zu nichts gesetzmäßige Freiheit, was sie nicht gelegentlich ausführte und zutage brächte. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 959 % Nicht allein der freie Stoff, sondern auch das Derbe und Dichte drängt sich zur Gestalt; ganze Massen sind von Natur und Grund aus kristallinisch; in einer gleichgültigen, formlosen Masse entsteht durch stöchiometrische Annäherung und Übereinandergreifen die porphyrartige Erscheinung, welche durch alle Formationen durchgeht. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 960 % Die Mineralienhändler beklagen sich, dass sich die Liebhaberei zu ihrer Ware in Deutschland vermindere, und geben der eindringlichen Kristallographie die Schuld. Es mag sein; jedoch in einiger Zeit wird gerade das Bestreben, die Gestalt genauer zu erkennen, auch den Handel wieder beleben, ja gewisse Exemplare kostbarer machen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 961 % Kristallographie sowie Stöchiometrie vollendet auch den Oryktognosten; ich aber finde, dass man seit einiger Zeit in der Lehrmethode geirrt hat. Lehrbücher zu Vorlesungen und zugleich zum Selbstgebrauch, vielleicht gar als Teile zu einer wissenschaftlichen Enzyklopädie, sind nicht zu billigen; der Verleger kann sie bestellen, der Schüler nicht wünschen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 962 % Lehrbücher sollen anlockend sein; das werden sie nur, wenn sie die heiterste, zugänglichste Seite des Wissens und der Wissenschaft darbieten. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 963 % Alle Männer vom Fach sind darin sehr übel dran, dass ihnen nicht erlaubt ist, das Unnütze zu ignorieren. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 964 % "Wir gestehn lieber unsre moralischen Irrtümer, Fehler und Gebrechen, als unsre wissenschaftlichen." -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 965 % Das kommt daher, weil das Gewissen demütig ist und sich sogar in der Beschämung gefällt; der Verstand aber ist hochmütig, und ein abgenötigter Widerruf bringt ihn in Verzweiflung. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 966 % Daher kommt, dass offenbarte Wahrheiten erst im stillen zugestanden werden, sich nach un nach verbreiten, bis dasjenige, was man hartnäckig geleugnet hat, endlich als etwas ganz Natürliches erscheinen mag. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 967 % Unwissende werfen Fragen auf, welche von Wissenden vor tausend Jahren schon beantwortet sind. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 968 % Cartesius schrieb sein Buch "De Methodo" einige Male um, und wie es jetzt liegt, kann es uns doch nichts helfen. Jeder, der eine Zeitlang auf dem redlichen Forschen verharrt, muss seine Methode irgendeinmal umändern. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 969 % Das neunzehnte Jahrhundert hat alle Ursache, hierauf zu achten. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 970 % So ganz leere Worte wie die von der Dekomposition und Polarisation des Lichts müssen aus der Physik hinaus, wenn etwas aus ihr werden soll. Doch wäre es möglich, ja es ist wahrscheinlich, dass diese Gespenster noch bis in die zweite Hälfte des Jahrhunderts hinüberspuken. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 971 % Man nehme das nicht übel. Eben dasjenige, was niemand zugibt, niemand hören will, muss desto öfter wiederholt werden. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 972 % Wir leben innerhalb der abgeleiteten Erscheinungen und wissen keineswegs, wie wir zur Urfrage kommen sollen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 973 % In Wissenschaften, sowie auch sonst, wenn man sich über das Ganze verbreiten will, bleibt zur Vollständigkeit am Ende nichts übrig, als Wahrheit für Irrtum, Irrtum für Wahrheit geltend zu machen. Er kann nicht alles selbst untersuchen, muss sich an Überlieferung halten und, wenn er ein Amt haben will, den Meinungen seiner Gönner frönen. Mögen sich die sämtlichen akademischen Lehrer hiernach prüfen! -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 974 % Wer ein Phänomen vor Augen hat, denkt schon oft drüber hinaus; wer nur davon erzählen hört, denkt gar nichts. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 975 % Man erkundige sich ums Phänomen, nehme es so genau damit als möglich und sehe, wie weit man in der Einsicht und in praktischer Anwendung damit kommen kann, und lasse das Problem ruhig liegen. Umgekehrt handeln die Physiker: Sie gehen gerade aufs Problem los und verwickeln sich unterwegs in so viel Schwierigkeiten, dass ihnen zuletzt jede Aussicht verschwindet. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 976 % Deshalb hat die Petersburger Akademie auf ihre Preisfrage keine Antwort erhalten; auch der verlängerte Termin wird nichts helfen. Sie sollte jetzt den Preis verdoppeln und ihn demjenigen versprechen, der sehr klar und deutlich vor Augen legte: Warum keine Antwort eingegangen ist und warum sie nicht erfolgen konnte. Wer dies vermöchte, hätte jeden Preis wohl verdient. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 977 % Da seit einiger Zeit meiner "Farbenlehre" mehr nachgefragt wird, machen sich frisch illuminierte Tafeln nötig. Indem ich nun dieses kleine Geschäft besorge, muss ich lächeln, welche unsäglich Mühe ich mir gegeben, das Vernünftige sowohl als das Absurde palpabel zu machen. Nach und nach wird man beides erfassen und anerkennen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 978 % Der Newtonische Irrtum steht so nett im Konversationslexikon, dass man die Oktavseite nur auswendig lernen darf, um die Farbe fürs ganze Leben los zu sein. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 979 % Der Kampf mit Newton geht eigentlich in einer sehr niedern Region vor. Man bestreitet ein schlecht gesehenes, schlecht entwickeltes, schlecht angewendetes, schlecht theoretisiertes Phänomen. Man beschuldigt ihn in den früheren Versuchen einer Unvorsichtigkeit, in den folgenden einer Absichtlichkeit, beim Theoretisieren der Übereilung, beim Verteidigen der Hartnäckigkeit und im Ganzen einer halb bewusstlosen, halb bewussten Unredlichkeit. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 980 % Autorität. Ohne sie kann der Mensch nicht existieren, und doch bringt sie ebensoviel Irrtum als Wahrheit mit sich; sie verewigt im einzelnen, was einzeln vorübergehen sollte, und ist hauptsächlich Ursache, dass die Menschheit nicht vom Flecke kommt. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 981 % Aus dem Größten wie aus dem Kleinsten - nur durch künstlichste Mittel dem Menschen zu vergegenwärtigen - geht die Metaphysik der Erscheinungen hervor; in der Mitte ligt das Besondere, unsern Sinnen Angemessene, worauf ich angewiesen bin, deshalb aber die Begabten von Herzen segne, die jene Regionen zu mir heranbringen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 982 % Da diejenigen, welche wissenschaftliche Versuche anstellen, selten wissen, was sie eigentlich wollen und was dabei herauskommen soll, so verfolgen sie ihren Weg meistenteils mit großem Eifer; bald aber, da eigentlich nichts Entschiedenes entstehen will, so lassen sie die Unternehmung fahren und suchen sie sogar andern verdächtig zu machen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 983 % Nachdem man in der zweiten Hälfte des siebzehnten Jahrhunderts dem Mikroskop so unendlich viel schuldig geworden war, so suchte man zu Anfang des achtzehnten Jahrhunderts dasselbe geringschätzig zu behandeln. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 984 % Nachdem man in der neueren Zeit die meteorologischen Beobachtungen auf den höchsten Grad der Genauigkeit getrieben hatte, so will man sie nunmehr aus den nördlichen Gegenden verbannen und will sie nur dem Beobachter unter den Tropen zugestehen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 985 % Ward man doch auch des Sexualsystems, das, im höhern Sinne genommen, so großen Wert hat, überdrüssig und wollte es verbannt wissen! Geht es doch mit der alten Kunstgeschichte ebenso, in der man seit fünfzig Jahren sich gewissenhaft zu üben und die Unterschiede der aufeinander folgenden Zeiten einzusehen sich auf das genauste bestrebt hat. Das soll nun alles vergebens gewesen und alles aufeinander Folgende als identisch und ununterscheidbar anzusehen sein. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 986 % Nach unserm Rat bleibe jeder auf dem eingeschlagenen Wege und lasse sich ja nicht durch Autorität imponieren, durch allgemeine Übereinstimmung bedrängen und durch Mode hinreißen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 987 % Wie Sokrates den sittlichen Menschen zu sich berief, damit dieser ganz einfach einigermaßen über sich selbst aufgeklärt würde, so traten Plato und Aristoteles gleichfalls als befugte Individuen vor die Natur: Der eine mit Geist und Gemüt, sich ihr anzueignen, der andere mit Froscherblick und Methode, sie für sich zu gewinnen. Und so ist denn auch jede Annäherung, die sich uns im ganzen und einzelnen an diese dreie möglich macht, das Ereignis, was wir am freudigsten empfinden und was unsere Bildung zu befördern sich jederzeit kräftig erweist. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 988 % Um sich aus der grenzenlosen Vielfachheit, Zerstückelung und Verwicklung der modernen Naturlehre wieder ins Einfache zu retten, muss man sich immer die Frage vorlegen: Wie würde sich Plato gegen die Natur, wie sie uns jetzt in ihrer größern Mannigfaltigkeit, bei aller gründlichen Einheit, erscheinen mag, benommen haben? -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 989 % Denn wir glauben überzeugt zu sein, dass wir auf demselben Wege bis zu den letzten Verzweigungen der Erkenntnis organisch gelangen und von diesem Grund aus die Gipfel eines jeden Wissens uns nach und nach aufbauen und befestigen können. Wie uns hiebei die Tätigkeit des Zeitalters fördert und hindert, ist freilich eine Untersuchung, die wir jeden Tag anstellen müssen, wenn wir nicht das Nützliche abweisen und das Schädliche aufnehmen wollen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 990 % Man rühmt das achtzehnte Jahrhundert, dass es sich hauptsächlich mit Analyse abgegeben; dem neunzehnten bleibt nun die Aufgabe, die falschen obwaltenden Synthesen zu entdecken und deren Inhalt aufs Neue zu analysieren. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 991 % Die Natur verstummt auf der Folter; ihre treue Antwort auf redliche Frage ist: Ja! Ja! Nein! Nein! Alles Übrige ist vom Übel. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 992 % Man streiche zwei Stäbchen, einen rot an, den andern blau; man bringe sie nebeneinander ins Wasser, und einer wird gebrochen erscheinen wie der andere. Jeder kann dieses einfache Experiment mit den Augen des Leibes erblicken; wer es mit Geistesaugen beschaut, wird von tausend und abertausend irrtümlichen Paragraphen befreit sein. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 993 % Ein Phänomen, ein Versuch kann nichts beweisen; es ist das Glied einer großen Kette, das erst im Zusammenhange gilt. Wer eine Perlenschnur verdecken und nur die schönste einzeln vorzeigen wollte, verlangend, wir sollten ihm glauben, die übrigen seien alle so, schwerlich würde sich jemand auf den Handel einlassen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 994 % Abbildungen, Wortbeschreibung, Maß, Zahl und Zeichen stellen noch immer kein Phänomen dar. Darum bloß konnte sich die Newtonische Lehre so lange halten, dass der Irrtum in dem Quartbande der lateinischen Übersetzung für ein paar Jahrhunderte einbalsamiert war. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 995 % Die Natur füllt mit ihrer grenzenlosen Produktivität alle Räume. Betrachten wir nur bloß unsre Erde, alles, was wir bös, unglücklich nennen, kommt daher, dass sie nicht allem Entstehenden Raum geben, noch weniger ihm Dauer verleihen kann. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 996 % Alles, was entsteht, sucht sich Raum und will Dauer; deswegen verdrängt es ein anderes vom Platz und verkürzt seine Dauer. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 997 % Das Lebendige hat die Gabe, sich nach den vielfältigsten Bedingungen äußerer Einflüsse zu bequemen und doch eine gewisse errungene entschiedene Selbständigkeit nicht aufzugeben. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 998 % Man gedenke der leichten Erregbarkeit aller Wesen, wie der mindeste Wechsel einer Bedingung, jeder Hauch gleich in den Körpern Polarität manifestiert, die eigentlich in ihnen allen schlummert. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 999 % Spannung ist der indifferent scheinende Zustand eines energischen Wesens, in völliger Bereitschaft sich zu manifestieren, zu differenzieren, zu polarisieren. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1000 % In der Phanerogamie ist noch so viel Kryptogamsiches, dass Jahrhunderte es nicht entziffern werden. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1001 % Wenn in der Mathematik der menschliche Geist seine Selbständigkeit und unabhängige Tätigkeit gewahr wird und dieser ohne weiter Rücksicht ins Unendliche zu folgen sich geneigt fühlt, so flößt er zugleich der Erfahrungswelt ein solches Zutrauen ein, dass sie es an gelegentlichen Aufforderungen nicht fehlen lässt. Astronomie, Mechanik, Schiffsbau, Festungsbau, Artillerie, Spiel, Wasserleitung, Schnitt der Bausteine, Verbesserung der Fernröhre riefen in der zweiten Hälfte des siebzehnten Jahrhunderts die Mathematik wechselsweise zu Hilfe. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1002 % Die Mathematiker sind wunderliche Leute; durch das Große, was sie leisteten, haben sie sich zur Universalgilde aufgeworfen und wollen nichts anerkennen, als was in ihren Kreis passt, was ihr Organ behandeln kann. Einer der ersten Mathematiker sagte bei Gelegenheit, da man ihm ein physisches Kapitel andringlich empfehlen wollte: "Aber lässt sich denn gar nichts auf den Kalkül reduzieren?" -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1003 % Falsche Vorstellung, dass man ein Phänomen durch Kalkül oder durch Worte abtun und beseitigen könne. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1004 % Die Mathematiker sind eine Art Franzosen: Redet man zu ihnen, so übersetzen sie es in ihre Sprache, und dann ist es alsobald ganz etwas anders. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1005 % Es folgt eben gar nicht, dass der Jäger, der das Wild erlegt, auch zugleich der Koch sein müsse, der es zubereitet. Zufälligerweise kann ein Koch mit auf die Jagd gehen und gut schießen; er würde aber einen bösen Fehlschuss tun, wenn er behauptete, um gut zu schießen, müsse man Koch sein. So kommen mir die Mathematiker vor, die behaupten, dass man in physischen Dingen nichts sehen, nichts finden könne, ohne Mathematiker zu sein, da sie doch immer zufrieden sein könnten, wenn man ihnen in die Küche bringt, das sie mit Formeln spicken und nach Belieben zurichten können. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1006 % Wir müssen erkennen und bekennen, was Mathematik sei, wozu sie der Naturforschung wesentlich dienen könne, wohingegen sie nicht hingehöre, und in welche klägliche Abirrung Wissenschaft und Kunst durch falsche Anwendung seit ihrer Regeneration geraten sei. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1007 % Die große Aufgabe wäre, die mathematisch-philosophischen Theorien aus den Teilen der Physik zu verbannen, in welchen sie Erkenntnis, anstatt zu fördern, nur verhindern, und in welchen die mathematische Behandlung durch Einseitigkeit der Entwicklung der neuern wissenschaftlichen Bildung eine so verkehrte Anwendung gefunden hat. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1008 % Darzutun wäre, welches der wahre Weg der Naturforschung sei: Wie derselbe auf dem einfachsten Fortgange der Beobachtung beruhe, die Beobachtung zum Versuch zu steigern sei und wie dieser endlich zum Resultat führe. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1009 % Tycho de Brahe, ein großer Mathematiker, vermochte sich nur halb von dem alten System loszulösen, das wenigstens den Sinnen gemäß war, das er aber aus Rechthaberei durch ein kompliziertes Uhrwerk ersetzen wollte, das weder den Sinnen zu schauen noch den Gedanken zu erreichen war. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1010 % Newton als Mathematiker steht in so hohem Ruf, das der ungeschickteste Irrtum, nämlich das klare, reine, ewig ungetrübte Licht sei aus dunklen Lichtern zusammengesetzt, bis auf den heutigen Tag sich erhalten hat, und sind es nicht Mathematiker, die dieses Absurde noch immer verteidigen und gleich dem gemeinsten Hörer in Worten wiederholen, bei denen man nichts denken kann? -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1011 % Der Mathematiker ist angewiesen aufs Quantitative, auf alles, was sich durch Zahl und Maß bestimmen lässt, und also gewissermaßen auf das äußerlich erkennbare Universum. Betrachten wir aber dieses, insofern uns Fähigkeit gegeben ist, mit vollem Geiste und aus allen Kräften, so erkennen wir, dass Quantität und Qualität als die zwei Pole des erscheinenden Daseins gelten müssen; daher denn auch der Mathematiker seine Formelsprache so hoch steigert, um, insofern es möglich, in der messbaren und zählbaren Welt die unmessbare mitzubegreifen. Nun erscheint ihm alles greifbar, fasslich und mechanisch, und er kommt in den Verdacht eines heimlichen Atheismus, indem er ja das Unmessbarste, welches wir Gott nennen, zugleich mit zu erfassen glaubt, und daher dessen besonderes oder vorzügliches Dasein aufzugeben scheint. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1012 % Der Sprache liegt zwar die Verstandes- und Vernunftsfähigkeit des Menschen zum Grunde, aber sie setzt bei dem, der sich ihrer bedient, nicht eben reinen Verstand, ausgebildete Vernunft, redlichen Willen voraus. Sie ist ein Werkzeug, zweckmäßig und willkürlich zu gebrauchen; man kann sie ebenso gut zu einer spitzfindig-verwirrenden Dialektik wie zu einer verworren-verdüsternden Mystik verwenden, man missbraucht sie bequem zu hohlen und nichtigen prosaischen und poetischen Phrasen, ja man versucht, prosodisch untadelhafte und doch nonsensikalische Verse zu machen. Unser Freund, der Ritter Ciccolini, sagt: "Ich wünschte wohl, dass alle Mathematiker in ihren Schriften des Genies und der Klarheit eines La Grange sich bedienten", das heißt: Möchten doch alle den gründlich-klaren Sinn eines La Grange besitzen und mit solchem Wissen und Wissenschaft behandeln! -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1013 % Der Newtonische Versuch, auf dem die herkömmliche Farbenlehre beruht, ist von der vielfachsten Komplikation; er verknüpft folgende Bedingungen: Damit das Gespenst erscheine, ist nötig: 1. ein gläsern Prisma; 2. dieses dreiseitig, 3. klein; 4. ein Fensterladen; 5. eine Öffnung darin; 6. diese sehr klein; 7. Sonnenbild, das hereinfällt; 8. in einer gewissen Entfernung, in einer 9. gewissen Richtung aufs Prisma fällt; 10. sich auf einer Tafel abbildet, 11. die in einer gewissen Entfernung hinter das Prisma gestellt ist. Nehme man von diesen Bedingungen 3., 6. und 11. weg: Man mache die Öffnung groß, man nehme ein großes Prisma, man stelle die Tafel nah heran, und das beliebte Spektrum kann und wird nicht zum Vorschein kommen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1014 % Man spricht geheimnisvoll von einem wichtigen Experimente, womit man die Lehre erst recht befestigen will; ich kenn' es recht gut und kann es auch darstellen: Das ganze Kunststück ist, dass zu obigen Bedingungen noch ein paar hinzugefügt werden, wodurch das Hokuspokus sich noch mehr verwickelt. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1015 % Der Fraunhoferische Versuch, wo Querlinien im Spektrum erscheinen, ist von derselben Art, sowie auch die Versuche, wodurch eine neue Eigenschaft des Lichts entdeckt werden soll. Sie sind doppelt und dreifach kompliziert; wenn sie was nützen sollten, müssten sie in ihre Elemente zerlegt werden, welches dem Wissenden nicht schwer fällt, welches aber zu fassen und zu begreifen kein Laie weder Vorkenntnis noch Geduld, kein Gegner weder Intention noch Redlichkeit genug mitbringt: Man nimmt lieber überhaupt an, was man sieht, und zieht die alte Schlussfolge daraus. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1016 % Ich weiß wohl, dass diese Worte vergebens dastehn; aber sie mögen als offenbares Geheimnis der Zukunft bewahrt bleiben. Vielleicht interessiert sich auch noch einmal ein La Grange für diese Angelegenheit. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1017 % Der Historiker kann und braucht nicht alles aufs Gewisse zu führen; wissen doch die Mathematiker auch nicht zu erklären, warum der Komet von 1770, der in fünf oder elf Jahren wiederkommen sollte, sich zur bestimmten Zeit noch nicht wieder hat sehen lassen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1018 % Hundert graue Pferde machen nicht einen einzigen Schimmel. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1019 % Licht und Geist, jenes im Physischen, dieser im Sittlichen herrschend, sind die höchsten denkbaren unteilbaren Energien. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1020 % Ich habe nichts dagegen, wenn man die Farbe sogar zu fühlen glaubt; ihr eigenes Eigenschaftliche würde nur dadurch noch mehr betätigt. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1021 % Auch zu schmecken ist sie. Blau wird alkalisch, Gelbrot sauer schmecken. Alle Manifestationen der Wesenheiten sind verwandt. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1022 % Und gehört die Farbe nicht ganz eigentlich dem Gesicht an? -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1023 % Alles ist einfacher, als man denken kann, zugleich verschränkter, als zu begreifen ist. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1024 % Diejenigen, die das einzige grundklare Licht aus farbigen Lichtern zusammensetzen, sind die eigentlichen Obskuranten. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1025 % Wer sich an eine falsche Vorstellung gewöhnt, dem wird jeder Irrtum willkommen sein. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1026 % Deswegen sagte man ganz richtig: "Wer die Menschen betrügen will, muss vor allen Dingen das Absurde plausibel machen." -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1027 % Wer das Falsche verteidigen will, hat alle Ursache, leise aufzutreten und sich zu einer feinen Lebensart zu bekennen. Wer das Recht auf seiner Seite fühlt, muss derb auftreten; ein höfliches Recht will gar nichts heißen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1028 % Schon jetzt erklären die Meister der Naturwissenschaften die Notwendigkeit monographischer Behandlung und also das Interesse an Einzelheiten. Dies ist aber nicht denkbar ohne eine Methode, die das Interesse an der Gesamtheit offenbart. Hat man das erlangt, so braucht man friedlich nicht in Millionen Einzelheiten umherzutasten. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1029 % Zur Methode wird nur der getrieben, dem die Empirie lästig wird. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1030 % Nicht alles Wünschenswerte ist erreichbar, nicht alles Erkennenswerte erkennbar. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1031 % Je weiter man in der Erfahrung fortrückt, desto näher kommt man dem Unerforschlichen; je mehr man die Erfahrung zu nutzen weiß, desto mehr sieht man, dass das Unerforschliche keinen praktischen Nutzen hat. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1032 % Das schönste Glück des denkenden Menschen ist, das Erforschliche erforscht zu haben und das Unerforschliche ruhig zu verehren. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1033 % Derjenige, der sich mit Einsicht für beschränkt erklärt, ist der Vollkommenheit am nächsten. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1034 % Die Erscheinung ist vom Beobachter nicht losgelöst, vielmehr in die Individualität desselben verschlungen und verwickelt. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1035 % Was die Wissenschaften am meisten retardiert, ist, dass diejenigen, die sich damit beschäftigen, ungleiche Geister sind. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1036 % Es ist ihnen wohl Ernst, aber sie wissen nicht, was sie mit dem Ernst machen sollen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1037 % Von dem, was sie verstehen, wollen sie nichts wissen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1038 % Vor zwei Dingen kann man sich nicht genug in Acht nehmen: Beschränkt man sich in seinem Fach, vor Starrsinn, tritt man heraus, vor Unzulänglichkeit. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1039 % Das Unzulängliche widerstrebt mehr, als man denken sollte, dem Auslangenden. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1040 % Die Menschen, da sie zum Notwendigen nicht hinreichen, bemühen sich ums Unnütze. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1041 % Im sechzehnten Jahrhundert gehören die Wissenschaften nicht diesem oder jenem Menschen, sondern der Welt. Diese hat sie, besitzt die pp., der Mensch ergreift nur den Reichtum. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1042 % Das Jahrhundert ist vorgerückt; jeder einzelne aber fängt doch von vorne an. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1043 % Alle Individuen und, wenn sie tüchtig sind und auf andre wirken, ihre Schulen sehen das Problematische in den Wissenschaften als etwas an, wofür oder wogegen man streiten soll, eben als wenn es eine andere Lebenspartei wäre, anstatt dass das Wissenschaftliche eine Auflösung, Ausgleichung oder eine Aufstellung unausgleichbarer Antinomien fordert. In diesem Falle ist Aguilonius. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1044 % Wenn jemand spricht, er habe mich widerlegt, so bedenkt er nicht, dass er nur eine Ansicht der meinigen entgegen aufstellt; dadurch ist ja noch nichts ausgemacht. Ein Dritter hat eben das Recht, und so ins Unendliche fort. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1045 % Der Fehler schwacher Geister ist, dass sie im Reflektieren sogleich vom Einzelnen ins Allgemeine gehen, anstatt dass man nur in der Gesamtheit das Allgemeine suchen kann. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1046 % Urphänomen: Ideal-real-symbolisch-identisch. Ideal, als das letzte Erkennbare real, als erkannt; symbolisch, weil es alle Fälle begreift; identisch, mit allen Fällen. Empirie: Unbegrenzte Vermehrung derselben. Verzweiflung an Vollständigkeit. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1047 % Das Wissen beruht auf der Kenntnis des zu Unterscheidenden, die Wissenschaft auf der Anerkennung des nicht zu Unterscheidenden. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1048 % Das Wissen wird durch das Gewahrwerden seiner Lücken, durch das Gefühl seiner Mängel zur Wissenschaft geführt, welche vor, mit und nach allem Wissen besteht. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1049 % Im Wissen und Nachsinnen ist Falsches und Wahres. Wie das sich nun das Ansehen der Wissenschaft gibt, so wird's ein wahr-lügenhaftes Wesen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1050 % Bei wissenschaftlichen Streitigkeiten nehme man sich in Acht, die Probleme nicht zu vermehren. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1051 % Zum Ergreifen der Wahrheit braucht es eines höheren Organs als zur Verteidigung des Irrtums. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1052 % Etwas Theoretisches populär zu machen, muss man es absurd darstellen. Man muss es erst selbst ins Praktische einführen; dann gilt's für alle Welt. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1053 % Indem wir der Einbildungskraft zumuten, das Entstehen statt des Entstandenen, der Vernunft die Ursache statt der Wirkung zu reproduzieren und auszusprechen, so haben wir zwar beinahe nichts getan, weil es nur ein Umsetzen der { Anschauung / Vorstellung } ist. Aber genug für den Menschen, der vielleicht im Verhältnis { zur / gegen die } Außenwelt nicht mehr leisten kann. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1054 % Alles, was im Subjekt ist, ist im Objekt und noch etwas mehr. Alles, was im Objekt ist, ist im Subjekt und noch etwas mehr. Wir sind auf doppelte Weise verloren oder geborgen: Gestehen wir dem Objekt sein Mehr zu, pochen wir auf unser Subjekt. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1055 % Poesie deutet auf die Geheimnisse der Natur und sucht sie durchs Bild zu lösen. Philosophie deutet auf die Geheimnisse der Vernunft und sucht sie durchs Wort zu lösen. (Naturphilosophie, Experimentalphilosophie.) Mystik deutet auf die Geheimnisse der Natur und Vernunft und sucht sie durch Wort und Bild zu lösen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1056 % Wer die Natur als göttliches Organ leugnen will, der leugne nur gleich alle Offenbarung. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1057 % Die Natur verbirgt Gott; aber nicht jedem. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1058 % Die Frage über die Instinkte der Tiere lässt sich nur durch den Begriff von Monaden und Entelechien auflösen. Jede Monas ist eine Entelechie, die unter gewissen Bedingungen zur Erscheinung kommt. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1059 % Aus der Natur, nach welcher Seite hin man schaue, entspringt Unendliches. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1060 % Begriff ist Summe, Idee Resultat der Erfahrung; jene zu ziehen, wird Verstand, dieses zu erfassen, Vernunft erfordert. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1061 % Was man Idee nennt: Das, was immer zur Erscheinung kommt und daher als Gesetz aller Erscheinungen uns entgegentritt. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1062 % Nur im Höchsten und im Gemeinsten trifft Idee und Erscheinung zusammen; auf allen mittlern Stufen des Betrachtens und Erfahrens trennen sie sich. Das Höchste ist das Anschauen des Verschiednen als identisch; das Gemeinste ist die Tat, das aktive Verbinden des Getrennten zur Identität. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1063 % Was uns so sehr irre macht, wenn wir die Idee in der Erscheinung anerkennen sollen, ist, dass sie oft und gewöhnlich den Sinnen widerspricht. Das Kopernikanische System beruht auf einer Idee, die schwer zu fassen war und noch täglich unseren Sinnen widerspricht. Wir sagen nur nach, was wir nicht erkennen noch begreifen. Die Metamorphose der Pflanzen widerspricht gleichfalls unsren Sinnen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1064 % Das Erhabene, durch Kenntnis nach und nach vereinzelt, tritt vor unserm Geist nicht leicht wieder zusammen, und so werden wir stufenweise um das Höchste gebracht, was uns gegönnt war, um die Einheit, die uns in vollem Maß zur Mitempfindung des Unendlichen erhebt, dagegen wir bei vermehrter Kenntnis immer kleiner werden. Da wir vorher mit dem Ganzen als Riesen standen, sehen wir uns als Zwerge gegen die Teile. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1065 % Es ist ein angenehmes Geschäft, die Natur zugleich und sich selbst zu erforschen, weder ihr noch seinem Geiste Gewalt anzutun, sondern beide durch gelinden Wechseleinfluss miteinander ins Gleichgewicht zu setzen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1066 % Sich den Objekten in der Breite gleichstellen, heißt lernen; die Objekte in ihrer Tiefe auffassen, heißt erfinden. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1067 % Was man erfindet, tut man mit Liebe, was man gelernt hat, mit Sicherheit. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1068 % Was ist denn das Erfinden? Es ist der Abschluss des Gesuchten. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1069 % Was ist der Unterschied zwischen Axiom und Enthymem? Axiom: Was wir von Haus aus, ohne Beweis anerkennen; Enthymem: Was uns an viele Fälle erinnert und das zusammenknüpft, was wir schon einzeln erkannten. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1070 % Die Freude des ersten Gewahrwerdens, des so genannten Entdeckens, kann uns niemand nehmen, Verlangen wir aber auch ehre davon, die kann uns sehr verkümmert werden; denn wir sind meistens nicht die ersten. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1071 % Was heißt auch erfinden und wer kann sagen, dass er dies oder jenes erfunden habe? Wie es denn überhaupt, auf Priorität zu pochen, wahre Narrheit ist; denen s ist nur bewusstloser Dünkel, wenn man sich nicht redlich als Plagiarier bekennen will. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1072 % Mit den Ansichten, wenn sie aus der Welt verschwinden, gehen oft die Gegenstände selbst verloren. Kann man doch im höheren Sinne sagen, dass die Ansicht der Gegenstand sei. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1073 % Es ist viel mehr schon entdeckt, als man glaubt. Da die Gegenstände durch die Ansichten der Menschen erst aus dem Nichts hervorgehoben werden, so kehren sie, wenn sich die Ansichten verlieren, auch wieder ins Nichts zurück: Rundung der Erde, Platos Bläue. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1074 % Es sind zwei Gefühle die schwersten zu überwinden: Gefunden zu haben, was schon gefunden ist, und nicht gefunden zu sehen, was man hätte finden sollen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1075 % Denken ist interessanter als Wissen, aber nicht als Anschauen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1076 % Das Schrecklichste für den Schüler ist, dass er sich am Ende doch gegen den Meister wiederherstellen muss. Je kräftiger das ist, was dieser gibt, in desto größerem Unmut, ja Verzweiflung ist der Empfangende. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1077 % Man datiert von Baco von Verulam eine Epoche der Erfahrungs-Naturwissenschaften. Ihr Weg ist jedoch durch theoretische Tendenzen oft durchschnitten und ungangbar gemacht worden. Genau besehen, kann und soll man von jedem Tag eine neue Epoche datieren. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1078 % Jeden Tag hat man Ursache, die Erfahrung aufzuklären und den Geist zu reinigen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1079 % Der gemeine Wissenschaftler hält alles für überlieferbar und fühlt nicht, dass die Niedrigkeit seiner Ansichten ihn sogar das eigentlich Überlieferbare nicht fassen lässt. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1080 % Wenn in Wissenschaften alte Leute retardieren, so retrogradieren junge. Alte leugnen die Vorschritte, wenn sie nicht mit ihren früheren Ideen zusammenhängen; junge, wenn sie der Idee nicht gewachsen sind und doch auch etwas Außerordentliches leisten möchten. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1081 % Das wäre wohl der werteste Professor der Physik, der die Nichtigkeit seines Kompendiums und seiner Figuren, gegen die Natur und gegen die höh'ren Forderungen des Geists gehalten, durchaus zur Anschauung bringen könnte. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1082 % Alle Hypothesen hindern den '??????????ó?, das Wiederbeschauen, das Betrachten der Gegenstände, der fraglichen Erscheinungen von allen Seiten. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1083 % Wer kann sagen, dass er eine Neigung zur reinen Erfahrung habe? Was Baco dringend empfohlen hatte, glaubte jeder zu tun, und wem gelang es? -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1084 % Die Konstanz der Phänomene ist allein bedeutend; was wir dabei denken, ist ganz einerlei. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1085 % Die Phänomene sind nichts wert, als wenn sie uns eine tiefere reichere Einsicht in die Natur gewähren oder wenn sie uns zum Nutzen anzuwenden sind. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1086 % Die schönste Metamorphose des unorganischen Reiches ist, wenn beim Entstehen das Amorphe sich ins Gestaltete verwandelt. Jede Masse hat hiezu Trieb und Recht. Der Glimmerschiefer verwandelt sich in Granaten und bildet oft Gebirgsmassen, in denen der Glimmer beinahe ganz aufgehoben ist und nur als geringes Bindungsmittel sich zwischen jenen Kristallen befindet. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1087 % Die Vögel sind ganz späte Erzeugnisse der Natur. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1088 % Das Große, Überkolossale der Natur eignet man so leicht sich nicht an; denn wir haben nicht reine Verkleinerungsgläser, wie wir Linsen haben, um das unendlich Kleine zu gewahren. Und da muss man doch noch Augen haben wie Carus und Nees, wenn dem Geiste Vorteil entstehen soll. Da jedoch die Natur im Größten wie im Kleinsten sich immer gleich ist und eine jede trübe Scheibe so gut die schöne Bläue darstellt wie die ganze weltüberwölkende Atmosphäre, so find' ich es geraten, auf Musterstücke aufmerksam zu sein und sie vor mir zusammenzulegen. Hier nun ist das Ungeheure nicht verkleinert, sondern im Kleinen, und ebenso unbegreiflich als im Unendlichen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1089 % "Nur die gegenwärtige Wissenschaft gehört uns an, nicht die vergangne, noch die zukünftige." -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1090 % In der Geschichte der Naturforschung bemerkt man durchaus, dass die Beobachter von der Erscheinung zu schnell zur Theorie hineilen, und dadurch unzulänglich, hypothetisch werden. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1091 % Wir würden unser Wissen nicht für Stückwerk erklären, wenn wir nicht einen Begriff von einem Ganzen hätten. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1092 % Die Wissenschaften so gut als die Künste bestehen in einem überlieferbaren (realen), erlernbaren Teil und in einem unüberlieferbaren (idealen), unlernbaren Teil. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1093 % In der Geschichte der Wissenschaften hat der ideale Teil ein ander Verhältnis zum realen als in der übrigen Weltgeschichte. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1094 % Geschichte der Wissenschaften: Der reale Teil sind die Phänomene, der ideale die Ansichten der Phänomene. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1095 % Vier Epochen der Wissenschaften: Kindliche, poetische, abergläubische; empirische, forschende, neugierige; dogmatische, didaktische, pedantische; ideelle, methodische, mystische. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1096 % Kant beschränkt sich mit Vorsatz in einen gewissen Kreis und deutet ironisch immer darüber hinaus. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1097 % Es ist das Eigne zu bemerken, dass der Mensch sich mit dem einfachen Erkennbaren nicht begnügt, sondern auf die verwickelteren Probleme losgeht, die er vielleicht nie erfassen wird. Jenes einfache Fassliche ist durchaus anwendbar und nützlich und kann uns ein ganzes Leben durch beschäftigen, wenn es uns genügt und belebt. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1098 % Theorie und Erfahrung (Phänomen) stehen gegeneinander in beständigem Konflikt. Alle Vereinigung in der Reflexion ist eine Täuschung; nur durch Handeln können sie vereinigt werden. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1099 % Es gibt jetzt eine böse Art, in den Wissenschaften abstrus zu sein: Man entfernt sich vom gemeinen Sinne, ohne einen höhern aufzuschließen, transzendiert, phantasiert, fürchtet lebendiges Anschauen, und wenn man zuletzt ins Praktische will und muss, wird man auf einmal atomistisch und mechanisch. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1100 % Die Wissenschaften zerstören sich auf doppelte Weise selbst: Durch die Breite, in die sie gehen, und durch die Tiefe, in die sie sich versenken. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1101 % Alles, was man in Wissenschaften fordert, ist so ungeheuer, dass man recht gut begreift, dass gar nichts geleistet wird. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1102 % Wir leben in einer Zeit, wo wir uns täglich mehr angeregt fühlen, die beiden Welten, denen wir angehören, die obere und die untere, als verbunden zu betrachten, das Ideelle im Reellen anzuerkennen und unser jeweiliges Missbehagen mit dem Endlichen durch Erhebung ins Unendliche zu beschwichtigen. Die großen Vorteile, die dadurch zu gewinnen sind, wissen wir unter den mannigfaltigsten Umständen zu schätzen und sie besonders auch den Wissenschaften und Künsten mit kluger Tätigkeit zuzuwenden. Nachdem wir uns nun zu dieser Einsicht erhoben, so sind wir nicht mehr in dem Falle, bei Behandlung der Naturwissenschaften die Erfahrung der Idee entgegenzusetzen, wir gewöhnen uns vielmehr, die Idee in der Erfahrung aufzusuchen, überzeugt, dass die Natur nach Ideen verfahre, ingleichen dass der Mensch in allem, was er beginnt, eine Idee verfolge. Wobei denn freilich zu bedenken ist, dass die Idee in ihrem Entspringen und ihrer Richtung vielfach erscheint und in diesem Sinne als von verschiedenem Werte geachtet werden könne. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1103 % Hier aber werden wir vor allen Dingen bekennen und aussprechen, dass wir mit Bewusstsein uns in der Region befinden, wo Metaphysik und Naturgeschichte übereinander greifen, also da, wo der ernste, treue Forscher am liebsten verweilt. Denn hier wird er durch den Zudrang grenzenloser Einzelheiten nicht mehr geängstigt, weil er den hohen Einfluss der einfachsten Idee schätzen lernt, welche auf die verschiedenste Weise Klarheit und Ordnung dem Vielfältigsten zu verleihen geeignet ist. Indem nun der Naturforscher sich in dieser Denkweise bestärkt, im höheren Sinne die Gegenstände betrachtet, so gewinnt er eine Zuversicht und kommt dadurch dem Erfahrenden entgegen, welcher nur mit gemessener Bescheidenheit ein Allgemeines anzuerkennen sich bequemt. Er tut wohl, das Hypothese zu nennen, was schon gegründet ist; mit desto mehr freudiger Überzeugung findet auch er, dass hier ein wahres Übereintreffen stattfindet. Er fühlt es, wie wir es auch seinerzeit empfunden haben. Im Gefolg hievon wird sich nun keine Spur von Widerstreit hervortun, nur eine Ausgleichung geringer Differenzen wird sich hie und da nötig machen, und beide Teile werden sich eines gemeinsamen Erfolges zu erfreuen haben. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1104 % Bei allem nun hat der treue Forscher sich selbst zu beobachten und zu sorgen, dass, wie er die Organe bildsam sieht, er sich auch die Art zu sehen bildsam erhalte, damit er nicht überall schroff bei einerlei Erklärungsweise verharre, sondern in jedem Falle die bequemste, der Ansicht, dem Anschauen analogste zu wählen verstehe. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1105 % Es ist ein großer Unterschied, ob ich mich aus dem Hellen ins Dunkle oder aus dem Dunklen ins Helle bestrebe; ob ich, wenn die Klarheit mir nicht mehr zusagt, mich mit einer gewissen Dämmerung zu umhüllen trachte, oder ob ich, in der Überzeugung, dass das Klare auf einem tiefen, schwer erforschten Grund ruhe, auch von diesem immer schwer auszusprechen Grunde das Mögliche mit herauf zu nehmen bedacht bin. Ich halte daher immer für vorteilhafter: Der Naturforscher bekenne sogleich, dass er in einzelnen Fällen es zugibt, wo das Verschweigen nur allzu deutlich hervortritt. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1106 % Durch die Pendelschläge wird die Zeit, durch die Wechselbewegung von Idee und Erfahrung die sittliche und wissenschaftliche Welt regiert. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1107 % Nicht allein die Erscheinungen, was man eigentlich so nennen kann, welche immer mehr oder weniger den Sinnen unterworfen, doch zuletzt aus einem höhern Begriff gedeutet werden müssen, sollen wir aufmerksam betrachten, aber auch die Symptome von irgendwelcher Art haben wir zu beachten. Ich machte hier auf das Ausdehnen und Zusammenziehen im Verlauf des Pflanzenlebens aufmerksam und erinnere wieder daran durch folgende Betrachtung. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1108 % Bei einer noch so ausgearbeiteten Nomenklatur haben wir zu denken, dass es nur eine Nomenklatur ist, ein Wort, ein irgendeiner Erscheinung angepasstes, aufgeheftetes Silbenmerkmal sei und also die Natur keineswegs vollkommen ausspreche, und deshalb nur als Behelf zu unsrer Bequemlichkeit angesehen werden sollte. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1109 % Die scharf unterscheidende, genau beschreibende Botanik ist in mehr als einem Sinne höchst ehrwürdig, indem sie die Gabe zu trennen, zu sondern, zu vergleichen, wie sie dem Menschengeiste gegeben ist, in ihrer höchsten Ausübung zu betätigen trachtet, sodann aber auch ein Beispiel gibt, wie weit man mit der Sprache, eben jenem ins Einzelnste dringenden Beobachtungstalent, das kaum zu Unterscheidende, sobald es entdeckt worden, zu benennen und zu bezeichnen vermöge. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1110 % Eine zwar niedere, doch schon ideelle Unternehmung des Menschen ist das Zählen, wodurch im gemeinen Leben so vieles verrichtet wird; die große Bequemlichkeit jedoch, die allgemeine Fasslichkeit und Erreichbarkeit gibt dem Ordnen nach der Zahl auch in den Wissenschaften Eingang und Beifall. Das Linnésche System erlangte eben durch diese Gemeinheit seine Allgemeinheit, doch widerstrebt es einer höheren Einsicht mehr, als dass es solche förderte. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1111 % Wie wir Menschen in allem Praktischen auf ein gewisses Mittlere gewiesen sind, so ist es auch im Erkennen. Die Mitte, von da aus gerechnet, wo wir stehen, erlaubt wohl auf- und abwärts mit Blick und Handeln uns zu bewegen, nur Anfang und Ende erreichen wir nie, weder mit Gedanken noch Tun, daher es rätlich ist, sich zeitig davon loszusagen. Ebendies gilt von der Geognosie: das mittlere Wirken der Weltgenese sehen wir leidlich klar und vertragen uns ziemlich darüber; Anfang und Ende dagegen, jenen in den Granit, dieses in den Basalt gesetzt, werden uns ewig problematisch bleiben. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1112 % Wenn bei einem problematischen, verschiedene Ansichten zulassenden Gegenstand eine Vorstellungsrat didaktisch geworden, so fragt sich, was man gewinnt, indem man eine gegen die andere vertauscht. Wenn ich statt Granit-Gneis sage Gneis- Granit, so wird nur evident, dass beide Gebirgsarten, als nah verwandt, ineinander übergehend gefunden werden, so dass wir bald den einen, bald den andern Ausdruck zu gebrauchen und veranlasst glauben. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1113 % Warum ich zuletzt am liebsten mit der Natur verkehre, ist, weil sie immer Recht hat und der Irrtum bloß auf meiner Seite sein kann. Verhandle ich hingegen mit Menschen, so irren sie, dann ich, auch sie wieder und immer so fort, da kommt nichts aufs reine: Weiß ich mich aber in die Natur zu schicken, so ist alles getan. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1114 % Alle Wirkungen, von welcher Art sie seien, die wir in der Erfahrung bemerken, hängen auf die stetigste Weise zusammen, gehen ineinander über; sie undulieren von der ersten bis zur letzten. Dass man sie voneinander trennt, sie einander entgegensetzt, sie untereinander vermengt, ist unvermeidlich; doch musste daher in den Wissenschaften ein grenzenloser Widerstreit entstehen. Starre scheidende Pedanterie und verflößender Mystizismus bringen beide gleiches Unheil. Aber jene Tätigkeiten, von der gemeinsten bis zur höchsten, vom Ziegelstein, der dem Dach entstürzt, bis zum leuchtenden Geistesblick, der dir aufgeht und den du mitteilst, reihen sie sich aneinander. Wir versuchen es auszusprechen: Zufällig, Mechanisch, Physisch, Chemisch, Organisch, Psychisch, Ethisch, Religios, Genial. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1115 % Das, was wir in der neueren Zeit Naturphilosophie nennen, ist ein großes Geschenk, das uns immer würdiger und werter erscheinen muss, je mehr wir sie als ein Organ betrachten, das durch eine hohe Symbolik uns in den Stand setzt, uns dem Wichtigsten zu nähern. Die Formeln der Mathematik, Kosmologie, Geologie, Physik, Chemie, Naturgeschichte, Sittlichkeit, Religion und Mystik stehen uns zu Dienste, es bildet sich eine Sprache, der es möglich wird, in die Tiefen des Menschen und der Natur einzugreifen. Aber Bescheidenheit ist nötig, dass wir bedenken, auch sie habe die Tugenden und die Fehler aller Sprachen, dass sie, indem sie von einer Seite gewissermaßen schafft, von der andern den Gegenstand, den sie bezeichnen will, öfters kaum erreicht. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1116 % Wer gegenwärtig über Kunst schreiben oder gar streiten will, der sollte einige Ahndung haben von dem, was die Philosophie in unsern Tagen geleistet hat und zu leisten fortfährt. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1117 % Wer einem Autor Dunkelheit vorwerfen will, sollte erst sein eigen Inners beschauen, ob es denn da auch recht hell ist: In der Dämmerung wird eine sehr deutliche Schrift unlesbar. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1118 % Wer streiten will, muss sich hüten, bei dieser Gelegenheit Sachen zu sagen, die ihm niemand streitig macht. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1119 % Wer Maximen bestreiten will, sollte fähig sein, sie recht klar aufzustellen und innerhalb dieser Klarheit zu kämpfen, damit er nicht in den Fall gerate, mit selbst geschaffenen Luftbildern zu fechten. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1120 % Die Dunkelheit gewisser Maximen ist nur relativ. Nicht alles ist dem Hörenden deutlich zu machen, was dem Ausübenden einleuchtet. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1121 % Ein Künstler, der schätzbare Arbeiten verfertiget, ist nicht immer imstande, von eignen oder fremden Werken Rechenschaft zu geben. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1122 % Natur und Idee lässt sich nicht trennen, ohne dass die Kunst sowie das Leben zerstört werde. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1123 % Wenn Künstler von Natur sprechen, subintelligieren sie immer die Idee, ohne sich's deutlich bewusst zu sein. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1124 % Ebenso geht's allen, die ausschließlich die Erfahrung anpreisen; sie bedenken nicht, dass die Erfahrung nur die Hälfte der Erfahrung ist. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1125 % Erst hört man von Natur und Nachahmung derselben, dann soll es eine schöne Natur geben. Man soll wählen; doch wohl das Beste! Und woran soll man's erkennen? Nach welcher Norm soll man wählen? Und wo ist denn die Norm? Doch wohl nicht auch in der Natur? -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1126 % Und gesetzt, der Gegenstand wäre gegeben, der schönste Baum im Walde, der in seiner Art als vollkommen auch vom Förster anerkannt würde. Nun, um den Baum in ein Bild zu verwandeln, geh' ich um ihn herum und suche mir die schönste Seite. Ich trete weit genug weg, um ihn völlig zu übersehen, ich warte ein günstiges Licht ab, und nun soll von dem Naturbaum noch viel auf das Papier übergegangen sein! -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1127 % Der Laie mag das glauben; der Künstler hinter den Kulissen seines Handwerks sollte aufgeklärter sein. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1128 % Gerade das, was ungebildeten Menschen am Kunstwerk der Natur auffällt, das ist nicht Natur (von außen), sondern der Mensch (Natur von innen). -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1129 % Wir wissen von keiner Welt, als im Bezug auf den Menschen; wir wollen keine Kunst, als die ein Abdruck dieses Bezugs ist. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1130 % Wer zuerst im Bilde auf seinen Horizont die Zielpunkte des mannigfaltigen Spiels waagrechter Linien bannte, erfand das Prinzip der Perspektive. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1131 % Wer zuerst aus der Systole und Diastole, zu der die Retina gebildet ist, aus dieser Synkrisis und Diakrisis, mit Plato zu sprechen, die Farbenharmonie entwickelte, der hat die Prinzipien des Kolorits entdeckt. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1132 % Suchet in euch, so werdet ihr alles finden, und erfreuet euch, wenn da draußen, wie ihr es immer heißen möget, eine Natur liegt, die Ja und Amen zu allem sagt, was ihr in euch gefunden habt. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1133 % Was hat ein Maler zu studieren, bis er eine Pfirsche sehen kann wie Huysum, und wir sollen nicht versuchen, ob es möglich sei, den Menschen zu sehen, wie ihn ein Grieche gesehen hat? -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1134 % Wer Proportion (das Messbare) von der Antike nehmen muss, sollte uns nicht gehässig sein, weil wir das Unmessbare von der Antike nehmen wollen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1135 % Gar vieles kann lange erfunden, entdeckt sein, und es wirkt nicht auf die Welt; es kann wirken und doch nicht bemerkt werden, wirken und nicht ins Allgemeine greifen; deswegen jede Geschichte der Erfindung sich mit den wunderbarsten Rätseln herumschlägt. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1136 % Es ist so schwer, etwas von Mustern zu lernen, als von der Natur. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1137 % Die Form will so gut verdaut sein als der Stoff; ja, sie verdaut sich viel schwerer. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1138 % Es ist schon genug, dass Kunstliebhaber das Vollkommene übereinstimmend anerkennen und schätzen; über das Mittlere lässt sich der Streit nicht endigen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1139 % Alles Prägnante, was allein an einem Kunstwerke vortrefflich ist, wird nicht anerkannt; alles Fruchtbare und Fördernde wird beseitigt, eine tief umfassende Synthesis begreift nicht leicht jemand. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1140 % Ihr wählt euch ein Muster, und damit vermischt ihr eure Individualität: Das ist alle eure Kunst. Da ist an keine Grundsätze, an keine Schule, an keine Folge zu denken, alles willkürlich und wie es einem jeden einfällt. Dass man sich von Gesetzen losmacht, die bloß durch Tradition geheiligt sind, dagegen ist nichts zu sagen; aber dass man nicht denkt, es müssen doch Gesetze sein, die aus der Natur jeder Kunst entspringen, daran denkt niemand. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1141 % Jedes gute und schlechte Kunstwerk, sobald es entstanden ist, gehört zur Natur. Die Antike gehört zur Natur, und zwar, wenn sie anspricht, zur natürlichsten Natur, und diese edle Natur sollen wir nicht studieren, aber die gemeine! -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1142 % Denn das Gemeine ist's eigentlich, was den Herren Natur heißt! Aus sich schöpfen mag wohl heißen, mit dem eben fertig werden, was uns bequem wird! -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1143 % Kunst: Eine andere Natur, auch geheimnisvoll, aber verständlicher; denn sie entspringt aus dem Verstande. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1144 % Mancher hat nach der Antike studiert und sich ihr Wesen nicht ganz zugeeignet. Ist er darum scheltenswert? -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1145 % Warum schelten wir das Manierierte so sehr, als weil wir glauben, dass Umkehr daher auf den rechten Weg sei unmöglich? -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1146 % Die höheren Forderungen sind an sich schon schätzbarer, auch unerfüllt, als niedrige, ganz erfüllte. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1147 % Das Trocken-Naive, das Steif-Wackere, das Ängstlich-Rechtliche und womit man ältere deutsche Kunst charakterisieren mag, gehört zu jeder früheren, einfacheren Kunstweise. Die alten Venezianer, Florentiner usw. haben das alles auch. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1148 % Und wir Deutsche sollen uns dann nur für original halten, wenn wir uns nicht über die Anfänge erheben! -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1149 % Weil Albrecht Dürer bei dem unvergleichlichen Talent sich nie zur Idee des Ebenmaßes der Schönheit, ja sogar nie zum Gedanken einer schicklichen Zweckmäßigkeit erheben konnte, sollen wir auch immer an der Erde kleben! -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1150 % Albrecht Dürern förderte ein höchst inniges realistisches Anschauen, ein liebenswürdiges menschliches Mitgefühl aller gegenwärtigen Zustände. Ihm schadete eine trübe, form- und bodenlose Phantasie. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1151 % Wie Martin Schön neben ihm steht und wie das deutsche Verdienst sich dort beschränkt, wäre interessant zu zeigen und nützlich zu zeigen, dass dort nicht aller Tage Abend war. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1152 % Löste sich doch in jeder italienischen Schule der Schmetterling aus der Puppe los! -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1153 % Sollen wir ewig als Raupen herumkriechen, weil einige nordische Künstler ihre Rechnung dabei finden? -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1154 % Nachdem uns Klopstock vom Reim erlöste und Voß uns prosodische Muster gab, sollen wir wohl wieder Knittelverse machen wie Hans Sachs? -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1155 % Lasst uns doch vielseitig sein! Märkische Rübchen schmecken gut, am besten gemischt mit Kastanien. Und diese beiden edlen Früchte wachsen weit auseinander. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1156 % Man ist nur vielseitig, wenn man zum Höchsten strebt, weil man muss (im Ernst), und zum Geringern herabsteigt, wenn man will (zum Spaß). -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1157 % Erlaubt uns in unsern vermischten Schriften doch neben den abend- und nordländischen Formen auch die morgen- und südländischen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1158 % Lasst doch den deutschen Dichtern den frommen Wunsch, auch als Homeriden zu gelten! Deutsche Bildhauer, es wird euch nicht schaden, zum Ruhm der letzten Praxiteliden zu streben! -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1159 % In allen Künsten gibt es einen gewissen Grad, den man mit den natürlichen Anlagen sozusagen allein erreichen kann. Zugleich aber ist es unmöglich, denselben zu überschreiten, wenn nicht die Kunst zu Hilfe kommt. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1160 % Man sagt wohl zum Lobe des Künstlers: Er hat alles aus sich selbst. Wenn ich das nur nicht wieder hören müsste! Genau besehen, sind die Produktionen eines solchen Originalgenies meistens Reminiszenzen; wer Erfahrung hat, wird sie meist einzeln nachweisen können. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1161 % Das so genannte Aus-sich-Schöpfen macht gewöhnlich falsche Originale und Manieristen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1162 % Selbst das mäßige Talent hat immer Geist in Gegenwart der Natur; deswegen einigermaßen sorgfältige Zeichnungen der Art immer Freude machen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1163 % Aus vielen Skizzen endlich ein Ganzes hervorzubringen, gelingt selbst den Besten nicht immer. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1164 % Was die letzte Hand tun kann, muss die erste schon entschieden aussprechen. Hier muss schon bestimmt sein, was getan werden soll. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1165 % Das Schöne ist eine Manifestation geheimer Naturgesetze, die uns ohne dessen Erscheinung ewig wären verborgen geblieben. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1166 % Man sagt: Studiere, Künstler, die Natur! Es ist aber keine Kleinigkeit, aus dem Gemeinen das Edle, aus der Unform das Schöne zu entwickeln. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1167 % Wem die Natur ein offenbares Geheimnis zu enthüllen anfängt, der empfindet eine unwiderstehliche Sehnsucht nach ihrer würdigsten Auslegerin, der Kunst. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1168 % Die Kunst ist eine Vermittlerin des Unaussprechlichen; darum scheint es eine Torheit, sie wieder durch Worte vermitteln zu wollen. Doch indem wir und darin bemühen, findet sich für den Verstand so mancher Gewinn, der dem ausübenden Vermögen auch wieder zugute kommt. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1169 % Es ist etwas unbekanntes Gesetzliches im Objekt, welches dem unbekannten Gesetzlichen im Subjekt entspricht. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1170 % Das Gesetz, das in die Erscheinung tritt, in der größten Freiheit, nach seinen eigensten Bedingungen, bringt das objektiv Schöne hervor, welches freilich würdige Subjekte finden muss, von denen es aufgefasst wird. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1171 % Allen andern Künsten muss man etwas vorgeben, der griechischen allein bleibt man ewig Schuldner. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1172 % Die Natur wirkt nach Gesetzen, die sie sich in Eintracht mit dem Schöpfer vorschrieb. Die Kunst nach Regeln, über die sie mit dem Genie sich einverstanden hat. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1173 % Die Kunst ist ein Geschäft, am ernsthaftesten, wenn sie sich mit edlen, heiligen Gegenständen beschäftigt; der Künstler aber steht über der Kunst und dem Gegenstande: Über jener, da er sie zu seinen Zwecken braucht, über diesem, weil er ihn nach eigner Weise behandelt. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1174 % Die bildende Kunst ist auf das Sichtbare angewiesen, auf die äußere Erscheinung des Natürlichen. Das rein Natürliche, insofern es sittlich gefällig ist, nennen wir naiv. Naive Gegenstände sind also das Gebiet der Kunst, die ein sittlicher Ausdruck des Natürlichen sein soll. Gegenstände, die nach beiden Seiten hinweisen, sind die günstigsten. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1175 % Das Naive als natürlich ist mit dem Wirklichen verschwistert. Das Wirkliche ohne sittlichen Bezug nennen wir gemein. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1176 % Die Kunst an und für sich selbst ist edel; deshalb fürchtet sich der Künstler nicht vor dem Gemeinen. Ja, indem er es aufnimmt, ist es schon geadelt, und so sehen wir die größten Künstler mit Kühnheit ihr Majestätsrecht ausüben. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1177 % In jedem Künstler liegt ein Keim von Verwegenheit, ohne den kein Talent denkbar ist, und dieser wird besonders rege, wenn man den Fähigen einschränken und zu einseitigen Zwecken dingen und brauchen will. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1178 % Raphael ist unter den neuern Künstlern auch hier wohl der reinste. Er ist durchaus naiv, das Wirkliche kommt bei ihm nicht zum Streit mit dem Sittlichen oder gar Heiligen. Der Teppich, worauf die Anbetung der Könige abgebildet ist, eine überschwänglich herrliche Komposition, zeigt, von dem ältesten anbetenden Fürsten bis zu den Mohren und Affen, die sich auf den Kamelen mit Äpfeln ergötzen, eine ganze Welt. Hier durfte der heilige Joseph und ganz naiv charakterisiert werden als Pflegevater, der sich über die eingekommenen Geschenke freut. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1179 % Auf den heiligen Joseph überhaupt haben es die Künstler abgesehen. Die Byzantiner, denen man nicht nachsagen kann, dass sie überflüssigen Humor anbrächten, stellen doch bei der Geburt den Heiligen immer verdrießlich vor. Das Kind liegt in der Krippe, die Tiere schauen hinein, verwundert, statt ihres trockenen Futters ein lebendiges, himmlisch- anmutiges Geschöpft zu finden. Engel verehren den Ankömmling; die Mutter sitzt still dabei; St. Joseph aber sitzt abgewendet und kehrt unmutig den Kopf nach der sonderbaren Szene. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1180 % Der Humor ist eins der Elemente des Genies, aber sobald er vorwaltet, nur ein Surrogat desselben; er begleitet die abnehmende Kunst, zerstört, vernichtet sie zuletzt. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1181 % Hierüber kann eine Arbeit anmutig aufklären, die wir vorbereiten: Sämtliche Künstler nämlich, die uns schon von so manchen Seiten bekannt sind, ausschließlich von der ethischen zu betrachten, aus den Gegenständen und der Behandlung ihrer Werke zu entwickeln, was Zeit und Ort, Nation und Lehrmeister, was eigne unzerstörliche Individualität beigetragen, sich zu dem zu bilden, was sie wurden, sie bei dem zu erhalten, was sie waren. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1182 % "Da wir überzeugt sind, dass derjenige, der die intellektuelle Welt beschaut und des wahrhaften Intellekts Schönheit gewahr wird, auch wohl ihren Vater, der über allen Sinn erhaben ist, bemerken könne, so versuchen wir denn, nach Kräften einzusehen und für uns selbst auszudrücken - insofern sich dergleichen deutlich machen lässt -, auf welche Weise wir die Schönheit des Geistes und der Welt anzuschauen vermögen." -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1183 % "Nehmet an daher, zwei steinerne Massen seien nebeneinander gestellt, deren eine roh und ohne künstliche Bearbeitung geblieben, die andere aber durch die Kunst zur Statue, einer menschlichen oder göttlichen, ausgebildet worden. Wäre es eine göttliche, so möchte sie eine Grazie oder Muse vorstellen; wäre es eine menschliche, so dürfte es nicht ein besonderer Mensch sein, vielmehr irgendeiner, den die Kunst aus allem Schönen versammelte." -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1184 % "Euch wird aber der Stein, der durch die Kunst zur schönen Gestalt gebracht worden, alsobald schön erscheinen; doch nicht weil er Stein ist - denn sonst würde die andere Masse gleichfalls für schön gelten -, sondern daher, dass er eine Gestalt hat, welche die Kunst ihm erteilte." -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1185 % "Die Materie aber hatte eine solche Gestalt nicht, sondern diese war in dem Ersinnenden früher, als sie zum Stein gelangte. Sie war jedoch in dem Künstler nicht, weil er Augen und Hände hatte, sondern weil er mit der Kunst begabt war." -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1186 % "Also war in der Kunst noch eine weit größere Schönheit; denn nicht die Gestalt, die in der Kunst ruhet, gelangt in den Stein, sondern dorten bleibt sie, und es gehet indessen eine andere, geringere hervor, die nicht rein in sich selbst verharret, noch auch wie sie der Künstler wünschte, sondern insofern der Stoff der Kunst gehorchte." -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1187 % "Wenn aber die Kunst dasjenige, was sie ist und besitzt, auch hervorbringt, und das Schöne nach der Vernunft hervorbringt, nach welcher sie immer handelt, so ist sie fürwahr diejenige, die mehr oder wahrer eine größere und trefflichere Schönheit der Kunst besitzt, vollkommener als alles, was nach außen hervortritt." -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1188 % "Denn indem die Form, in die Materie hervor schreitend, schon ausgedehnt wird, so wird sie schwächer als jene, welche in Einem verharret. Denn was in sich eine Entfernung erduldet, tritt von sich selbst weg: Stärke von Stärke, Wärme von Wärme, Kraft von Kraft; so auch Schönheit von Schönheit. Daher muss das Wirkende trefflicher sein als das Gewirkte. Denn nicht die Unmusik macht den Musiker, sondern die Musik, und die übersinnliche Musik bringt die Musik in sinnlichem Ton hervor." -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1189 % "Wollte aber jemand die Künste verachten, weil sie die Natur nachahmen, so lässt sich darauf antworten, dass die Naturen auch manches andere nachahmen; dass ferner die Künste nicht das geradezu nachahmen, was man mit Augen siehet, sondern auf jenes Vernünftige zurückgehen, aus welchem die Natur besteht und wornach sie handelt." -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1190 % "Ferner bringen auch die Künste vieles aus sich selbst hervor und fügen anderseits manches hinzu, was der Natur na Vollkommenheit abgehet, indem sie die Schönheit in sich selbst haben. So konnte Phidias den Gott bilden, ob er gleich nichts sinnlich Erblickliches nachahmte, sondern sich einen solchen in den Sinn fasste, wie Zeus selbst erscheinen würde, wenn er unsern Augen begegnen möchte." -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1191 % Man kann den Idealisten alter und neuer Zeit nicht verargen, wenn sie so lebhaft auf Beherzigung des Einen dringen, woher alles entspringt und worauf alles wieder zurückzuführen wäre. Denn freilich ist das belebende und ordnende Prinzip in der Erscheinung dergestalt bedrängt, dass es sich kaum zu retten weiß. Allein wir verkürzen uns an der andern Seite wieder, wenn wir das Formende und die höhere Form selbst in eine vor unserm äußern und innern Sinn verschwindende Einheit zurückdrängen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1192 % Wir Menschen sind auf Ausdehnung und Bewegung angewiesen; diese beiden allgemeinen Formen sind es, in welchen sich alle übrigen Formen, besonders die sinnlichen, offenbaren. Eine geistige Form wird aber keineswegs verkürzt, wenn sie in der Erscheinung hervortritt, vorausgesetzt, dass ihr Hervortreten eine wahre Zeugung, eine wahre Fortpflanzung sei. Das Gezeugte ist nicht geringer als das Zeugende; ja es ist der Vorteil lebendiger Zeugung, dass das Gezeugte vortrefflicher sein kann als das Zeugende. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1193 % Dieses weiter auszuführen und vollkommen anschaulich, ja, was mehr ist, durchaus praktisch zu machen, würde von wichtigem Belang sein. Eine umständliche folgerechte Ausführung aber möchte den Hörern übergroße Aufmerksamkeit zumuten. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1194 % Die Kunst ruht auf einer Art religiösem Sinn, auf einem tiefen, unerschütterlichen Ernst; deswegen sie sich auch so gern mit der Religion vereinigt. Die Religion bedarf keines Kunstsinnes, sie ruht auf ihrem eigenen Ernst; sie verleiht aber auch keinen, so wenig sie Geschmack gibt. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1195 % Realität in der höchsten Nützlichkeit (Zweckmäßigkeit) wird auch schön sein. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1196 % Vollkommenheit ist schon da, wenn das Notwendige geleistet wird, Schönheit, wenn das Notwendige geleistet, doch verborgen ist. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1197 % Vollkommenheit kann mit Disproportion bestehen, Schönheit allein mit Proportion. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1198 % Jeder große Künstler reißt uns weg, steckt uns an. Alles, was in uns von eben der Fähigkeit ist, wird rege, und da wir eine Vorstellung vom Großen und einige Anlage dazu haben, so bilden wir uns gar leicht ein, der Keim davon stecke in uns. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1199 % Raphaelin von Reggio malte mit solcher Leichtigkeit die Außenseiten der Häuser in Fresko, dass alle Kinder Kalk auf Ziegeln strichen und das gleiche zu tun gedachten. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1200 % Es ist eine Tradition, Dädalus, der erste Plastiker, habe die Erfindung der Drehscheibe des Töpfers beneidet. Von Neid möchte wohl nichts vorgekommen sein; aber der große Mann hat wahrscheinlich vorempfunden, dass die Technik zuletzt in der Kunst verderblich werden müsse. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1201 % Bei Gelegenheit der berlinischen Vorbilder für Fabrikanten kam zur Sprache, ob so großer Aufwand auf die höchste Ausführung der Blätter wäre nötig gewesen. Wobei sich ergab, dass gerade den talentvollen jungen Künstler und Handwerker die Ausführung am meisten reizt, und dass er durch Beachtung und Nachbildung derselben erst befähigt wird, das Ganze und den Wert der Formen zu begreifen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1202 % Die Technik im Bündnis mit dem Abgeschmackten ist die fürchterlichste Feindin der Kunst. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1203 % "An meinen Bildern müsst ihr nicht schnuffeln, die Farben sind ungesund." Rembrandt. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1204 % In Rembrandts trefflicher Radierung, der Austreibung der Käufer und Verkäufer aus den Tempelhallen, ist die Glorie, welche gewöhnlich des Herrn Haupt umgibt, in die vorwärts wirkende Hand gleichsam gefahren, welche nun in göttlicher Tat Glanz umgeben derb zuschlägt. Um das Haupt ist's, wie auch das Gesicht, dunkel. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1205 % Chodowiecky ist ein sehr respektabler und wir sagen idealer Künstler. Seien guten Werke zeugen durchaus von Geist und Geschmack. Mehr Ideales war in dem Kreise, in dem er arbeitete, nicht zu fordern. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1206 % Ein edler Philosoph sprach von der Baukunst als einer erstarrten Musik und musste dagegen manches Kopfschütteln gewahr werden. Wir glauben diesen schönen Gedanken nicht besser nochmals einzuführen, als wenn wir die Architektur eine verstummte Tonkunst nennen. Man denke sich den Orpheus, der, als ihm ein großer wüster Bauplatz angepriesen war, sich weislich an den schicklichsten Ort niedersetzte und durch die belebenden Töne seiner Leier den geräumigen Marktplatz um sich her bildete. Die von kräftig gebietenden, freundlich lockenden Tönen schnell ergriffenen, aus ihrer massenhaften Ganzheit gerissenen Felssteine mussten, indem sie sich enthusiastisch herbeibewegten, sich kunst- und handwerksgemäß gestalten, um sich sodann in rhythmischen Schichten und Wänden gebührend hinzuordnen. Und so mag sich Straße zu Straße anfügen! An wohl schützenden Mauern wird's auch nicht fehlen. Die Töne verhallen, aber die Harmonie bleibt. Die Bürger einer solchen Stadt wandeln und weben zwischen ewigen Melodien; der Geist kann nicht sinken, die Tätigkeit nicht einschlafen, das Auge übernimmt Funktion, Gebühr und Pflicht des Ohres, und die Bürger am gemeinsten Tage fühlen sich in einem ideellen Zustand: Ohne Reflexion, ohne nach dem Ursprung zu fragen, werden sie das höchsten sittlichen und religiösen Genusses teilhaftig. Man gewöhne sich, in Sankt Peter auf und ab zu gehen, und man wird ein Analogon desjenigen empfinden, was wir auszusprechen gewagt. Der Bürger dagegen in einer schlecht gebauten Stadt, wo der Zufall mit leidigem Besen die Häuser zusammenkehrte, lebt unbewusst in der Wüste eines düsteren Zustandes; dem fremden Eintretenden jedoch ist es zumute, als wenn er Dudelsack, Pfeifen und Schellentrommeln hörte und sich bereiten müsste, Bärentänzen und Affensprüngen beizuwohnen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1207 % Antike Tempel konzentrieren den Gott im Menschen; des Mittelalters Kirchen streben nach dem Gott in der Höhe. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1208 % Werke der Kunst werden zerstört, sobald der Kunstsinn verschwindet. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1209 % Die Allegorie verwandelt die Erscheinung in einen Begriff, den Begriff in ein Bild, doch so, dass der Begriff im Bilde immer noch begrenzt und vollständig zu halten und zu haben und an demselben auszusprechen sei. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1210 % Die Symbolik verwandelt die Erscheinung in Idee, die Idee in ein Bild, und so, dass die Idee im Bild immer unendlich wirksam und unerreichbar bleibt und, selbst in allen Sprachen ausgesprochen, doch unaussprechlich bliebe. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1211 % Die Kunst soll das Penible nicht vorstellen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1212 % Ursache des Dilettantismus: Flucht vor der Manier, Unkenntnis der Methode, törichtes Unternehmen, gerade immer das Unmögliche leisten zu wollen, welches die höchste Kunst erforderte, wenn man sich ihm je nähern könnte. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1213 % Fehler der Dilettanten: Phantasie und Technik unmittelbar verbinden zu wollen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1214 % Gemüt hat jedermann, Naturell manche, Kunstbegriffe sind selten. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1215 % Die Alten vergleichen die Hand der Vernunft. Die Vernunft ist die Kunst der Künste, die Hand die Technik alles Handwerks. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1216 % Die Dilettanten, wenn sie das Möglichste getan haben, pflegen zu ihrer Entschuldigung zu sagen, die Arbeit sei noch nicht fertig. Freilich kann sie nie fertig werden, weil sie nie recht angefangen ward. Der Meister stellt sein Werk mit wenigen Strichen als fertig dar; ausgeführt oder nicht, schon ist es vollendet. Der geschickteste Dilettant tastet im Ungewissen, und wie die Ausführung wächst, kommt die Unsicherheit der ersten Anlage immer mehr zum Vorschein. Ganz zuletzt entdeckt sich erst das Verfehlte, das nicht auszugleichen ist, und so kann das Werk freilich nicht fertig werden. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1217 % In der wahren Kunst gibt es keine Vorschule, wohl aber Vorbereitungen; die beste jedoch ist die Teilnahme des geringsten Schülers am Geschäft des Meisters. Aus Farbenreibern sind treffliche Maler hervorgegangen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1218 % Ein anderes ist die Nachäffung, zu welcher die natürliche allgemeine Tätigkeit des Menschen durch einen bedeutenden Künstler, der das Schwere mit Leichtigkeit vollbringt, zufällig angeregt wird. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1219 % Von der Notwendigkeit, dass der bildende Künstler Studien nach der Natur mache, und von dem Werte derselben überhaupt sind wir genugsam überzeugt; allein wir leugnen nicht, dass es uns öfters betrübt, wenn wir den Missbrauch eines so löblichen Strebens gewahr werden. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1220 % Nach unserer Überzeugung sollte der junge Künstler wenig oder gar keine Studien nach der Natur beginnen, wobei er nicht zugleich dächte, wie er jedes Blatt zu einem Ganzen abrunden, wie er diese Einzelheit, in ein angenehmes Bild verwandelt, in einen Rahmen eingeschlossen, dem Liebhaber und Kenner gefällig anbieten möge. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1221 % Es steht manches Schöne isoliert in der Welt; doch der Geist ist es, der Verknüpfungen zu entdecken und dadurch Kunstwerke hervorzubringen hat. - Die Blume gewinnt erst ihren Reiz durch das Insekt, das ihr anhängt, durch den Tautropfen, der sie befeuchtet, durch das Gefäß, woraus sie allenfalls ihre letzte Nahrung zieht. Kein Busch, kein Baum, dem man nicht durch die Nachbarschaft eines Felsens, einer Quelle Bedeutung geben, durch eine mäßige einfache Ferne größern Reiz verleihen könnte. So ist es, mit menschlichen Figuren und so mit Tieren aller Art beschaffen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1222 % Der Vorteil, den sich der junge Künstler hiedurch verschafft, ist gar mannigfaltig. Er lernt denken, das Passende gehörig zusammenbinden, und wenn er auf diese Weise geistreich komponiert, wird es ihm zuletzt auch an dem, was man Erfindung nennt, an dem Entwickeln des Mannigfaltigen aus dem Einzelnen, keineswegs fehlen können. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1223 % Tut er nun hierin der eigentlichen Kunstpädagogik wahrhaft Genüge, so hat er noch nebenher den großen, nicht zu verachtenden Gewinn, dass er lernt, verkäufliche, dem Liebhaber anmutige und liebliche Blätter hervorzubringen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1224 % Eine solche Arbeit braucht nicht im höchsten Grade ausgeführt und vollendet zu sein; wenn sie gut gesehen, gedacht und fertig ist, so ist sie für den Liebhaber oft reizender als ein größeres ausgeführtes Werk. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1225 % Beschaue doch jeder junge Künstler seine Studien im Büchelchen und Portefeuille und überlege, wie viele Blätter er davon auf jene Weise genießbar und wünschenswert hätte machen können. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1226 % Es ist nicht die Rede vom Höheren, wovon man wohl auch sprechen könnte, sondern es soll nur als Warnung gesagt sein, die von einem Abwege zurückruft und aufs Höhere hindeutet. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1227 % Versuche es doch der Künstler nur ein halb Jahr praktisch und setze weder Kohle und Pinsel an ohne Intention, einen vorliegenden Naturgegenstand als Bild abzuschließen. Hat er angebornes Talent, so wird sich's bald offenbaren, welche Absicht wir bei diesen Andeutungen im Sinne hegten. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1228 % Wenn ich jüngere deutsche Maler, sogar solche, die sich eine Zeitlang in Italien aufgehalten, befrage, warum sie doch besonders in ihren Landschaften so widerwärtige grelle Töne dem Auge darstellen und vor aller Harmonie zu fliehen scheinen, so geben sie wohl ganz dreist und getrost zur Re: Sie sähen die Natur genau auf solche Weise. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1229 % Kant hat uns aufmerksam gemacht, dass es eine Kritik der Vernunft gebe, dass dieses höchste Vermögen, was der Mensch besitzt, Ursache habe, über sich selbst zu wachen. Wie großen Vorteil uns diese Stimme gebracht, möge jeder an sich selbst geprüft haben. Ich aber möchte in eben dem Sinne die Aufgabe stellen, dass eine Kritik der Sinne nötig sei, wenn die Kunst überhaupt, besonders die deutsche, irgend wieder sich erholen und in einem erfreulichen Lebensschritt vorwärts gehen solle. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1230 % Der zur Vernunft geborene Mensch bedarf noch großer Bildung, sie mag sich ihm nun durch Sorgfalt der Eltern und Erzieher, durch friedliches Beispiel oder durch strenge Erfahrung nach und nach offenbaren. Ebenso wird zwar der angehende Künstler, aber nicht der vollendete geboren: Sein Auge komme frisch auf die Welt, er habe glücklichen Blick für Gestalt, Proportion, Bewegung; aber für höhere Komposition, für Haltung, Licht, Schatten, Farben kann ihm die natürliche Anlage fehlen, ohne dass er es gewahr wird. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1231 % Ist er nun nicht geneigt, von höher ausgebildeten Künstlern der Vor- und Mitzeit das zu lernen, was ihm fehlt, um eigentlicher Künstler zu sein, so wird er im falschen Begriff von bewahrter Originalität hinter sich selbst zurückbleiben; denn nicht allein das, was mit uns geboren ist, sondern auch das, was wir erwerben können, gehört uns an, und wir sind es. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1232 % Das Verhältnis der Künste und Wissenschaften zum Leben ist nach Verhältnis der Stufen, worauf sie stehen, nach Beschaffenheit der Zeiten und tausend andern Zufälligkeiten sehr verschieden; deswegen auch niemand darüber im ganzen leicht klug werden kann. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1233 % Poesie wirkt am meisten im Anfang der Zustände, sie seien nun ganz roh, halb kultiviert, oder bei Abänderung einer Kultur, beim Gewahrwerden einer fremden Kultur, dass man also sagen kann, die Wirkung der Neuheit findet durchaus statt. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1234 % Musik im besten Sinne bedarf weniger der Neuheit, ja vielmehr, je älter sie ist, je gewohnter man sie ist, desto mehr wirkt sie. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1235 % Die Würde der Kunst erscheint bei der Musik vielleicht am eminentesten, weil sie keinen Stoff hat, der abgerechnet werden müsste. Sie ist ganz Form und Gehalt und erhöht und veredelt alles, was sie ausdrückt. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1236 % Die Musik ist heilig und profan. Das Heilige ist ihrer Würde ganz gemäß, und hier hat sie die größte Wirkung aufs Leben, welche sich durch alle Zeiten und Epochen gleich bleibt. Die profane sollte durchaus heiter sein. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1237 % Eine Musik, die den heiligen und profanen Charakter vermischt, ist gottlos, und eine halbschürige, welche schwache, jammervolle, erbärmliche Empfindungen auszudrücken Belieben findet, ist abgeschmackt. Denn sie ist nicht ernst genug, um heilig zu sein, und es fehlt ihr der Hauptcharakter des Entgegengesetzten: Die Heiterkeit. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1238 % Die Heiligkeit der Kirchenmusiken, das Heitere und Neckische der Volksmelodien sind die beiden Angeln, um die sich die wahre Musik herumdreht. Auf diesen beiden Punkten beweist sie jederzeit eine unausbleibliche Wirkung: Andacht oder Tanz. Die Vermischung macht irre, die Verschwächung wird fade, und will die Musik sich an Lehrgedichte oder beschreibende und dergleichen wenden, so wird sie kalt. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1239 % Die Sehnsucht, die nach außen, in die Ferne strebt, sich aber melodisch in sich selbst beschränkt, erzeugt den Minor. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1240 % Kantilene: Die Fülle der Liebe und jedes leidenschaftlichen Glücks verewigend. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1241 % Plastik wirkt eigentlich nur auf ihrer höchsten Stufe; alles Mittlere kann wohl aus mehr denn einer Ursache imponieren; aber alle mittleren Kunstwerke dieser Art machen mehr irre, als dass sie erfreuen. Die Bildhauerkunst muss sich daher noch ein stoffartiges Interesse suchen, und das findet sie in den Bildnissen bedeutender Menschen. Aber auch hier muss sie schon einen hohen Grad erreichen, wenn sie zugleich wahr und würdig sein will. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1242 % Die Malerei ist die lässlichste und bequemste von allen Künsten. Die lässlichste, weil man ihr um des Stoffes und des Gegenstandes willen, auch da, wo sie nur Handwerk oder kaum eine Kunst ist, vieles zugute hält und sich an ihr erfreut; teils weil eine technische, obgleich geistlose Ausführung den Ungebildeten wie den Gebildeten in Verwunderung setzt, so dass sie sich also nur einigermaßen zur Kunst zu steigern braucht, um in einem höheren Grade willkommen zu sein. Wahrheit in Farben, Oberflächen, in Beziehungen der sichtbaren Gegenstände aufeinander, ist schon angenehm; und da das Auge ohnehin gewohnt ist, alles zu sehen, so ist ihm eine Missgestalt und also auch ein Missbild nicht so zuwider als dem Ohr ein Misston. Man lässt die schlechteste Abbildung gelten, weil man noch schlechtere Gegenstände zu sehen gewohnt ist. Der Maler darf also nur einigermaßen Künstler sein, so findet er schon ein größeres Publikum als der Musiker, der auf gleichem Grade stünde; wenigstens kann der geringere Maler immer für sich operieren, anstatt dass der mindere Musiker sich mit andern soziieren muss, um durch gesellige Leistung einigen Effekt zu tun. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1243 % Die Frage, ob man bei Betrachtung von Kunstleistungen vergleichen solle oder nicht, möchten wir folgendermaßen beantworten: Der ausgebildete Kenner soll vergleichen; denn ihm schwebt die Idee vor, er hat den Begriff gefasst, was geleistet werden könne und solle; der Liebhaber, auf dem Wege zur Bildung begriffen, fördert sich am besten, wenn er nicht vergleicht, sondern jedes Verdienst einzeln betrachtet; dadurch bildet sich Gefühl und Sinn für das Allgemeinere nach und nach aus. Das Vergleichen der Unkenner ist eigentlich nur eine Bequemlichkeit, die sich gern des Urteils überheben möchte. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1244 % Das Was des Kunstwerks interessiert die Menschen mehr als das Wie; jenes können sie einzeln ergreifen, dieses im ganzen nicht fassen. Daher kommt das Herausheben von Stellen, wobei zuletzt, wenn man wohl aufmerkt, die Wirkung der Totalität auch nicht ausbleibt, aber jedem unbewusst. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1245 % Die Frage: "Woher hat's der Dichter?", geht auch nur aufs Was; vom Wie erfährt dabei niemand etwas. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1246 % Einbildungskraft wird nur durch Kunst, besonders durch Poesie geregelt. Es ist nichts fürchterlicher als Einbildungskraft ohne Geschmack. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1247 % Das Manierierte ist ein verfehltes Ideelle, ein subjektiviertes Ideelle; daher fehlt ihm das Geistreiche nicht leicht. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1248 % Der Philolog ist angewiesen auf die Kongruenz des geschrieben Überlieferten. Ein Manuskript liegt zum Grunde, es finden sich in demselben wirkliche Lücken, Schreibfehler, die eine Lücke im Sinne machen, und was sonst alles an einem Manuskript zu tadeln sein mag. Nun findet sich eine zweite Abschrift, eine dritte, die Vergleichung derselben bewirkt immer mehr, das Verständige und Vernünftige der Überlieferung gewahr zu werden. Ja er geht weiter und verlangt von seinem innern Sinn, dass derselbe ohne äußere Hilfsmittel die Kongruenz des Abgehandelten immer mehr zu begreifen und darzustellen wisse. Weil nun hiezu ein besonderer Takt, eine besondere Vertiefung in seinen abgeschiedenen Autor nötig und ein gewisser Grad von Erfindungskraft gefordert wird, so kann man dem Philologen nicht verdenken, wenn er sich auch ein Urteil bei Geschmackssagen zutraut, welches ihm jedoch nicht immer gelingen wird. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1249 % Der Dichter ist angewiesen auf Darstellung. Das Höchste derselben ist, wenn sie mit der Wirklichkeit wetteifert, das heißt, wenn ihre Schilderungen durch den Geist dergestalt lebendig sind, dass sie als gegenwärtig für jedermann gelten können. Auf ihrem höchsten Gipfel scheint die Poesie ganz äußerlich; je mehr sie sich ins Innere zurückzieht, ist sie auf dem Wege zu sinken. - Diejenige, die nur das Innere darstellt, ohne es durch ein Äußeres zu verkörpern, oder ohne das Äußere durch das Innere durchfühlen zu lassen, sind beides die letzten Stufen, von welchen aus sie ins gemeine Leben hinein tritt. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1250 % Die Redekunst ist angewiesen auf alle Vorteile der Poesie, auf alle ihre Rechte; sie bemächtigt sich derselben und missbraucht sie, um gewisse äußere, sittliche oder unsittliche, augenblickliche Vorteile im bürgerlichen Leben zu erreichen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1251 % In natürlicher Wahrheit und Großheit, obgleich wild und unbehaglich ausgebildetes Talent ist Lord Byron, und deswegen kaum ein anderes ihm vergleichbar. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1252 % Eigentlichster Wert der so genannten Volkslieder ist der, dass ihre Motive unmittelbar von der Natur genommen sind. Dieses Vorteils aber könnte der gebildete Dichter sich auch bedienen, wenn er es verstünde. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1253 % Hiebei aber haben jene immer das voraus, dass natürliche Menschen sich besser auf den Lakonismus verstehen als eigentlich Gebildete. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1254 % Eine Romanze ist kein Prozess, wo ein Definitivurteil sein muss. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1255 % Shakespeare ist für aufkeimende Talente gefährlich zu lesen; er nötigt sie, ihn zu reproduzieren, und sie bilden sich ein, sich selbst zu produzieren. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1256 % Über Geschichte kann niemand urteilen, als wer an sich selbst Geschichte erlebt hat. So geht es ganzen Nationen. Die Deutschen können erst über Literatur urteilen, seitdem sie selbst eine Literatur haben. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1257 % Das Wort Schule, wie man es in der Geschichte der bildenden Kunst nimmt, wo man von einer florentinischen, römischen und venezianischen Schule spricht, wird sich künftighin nicht mehr auf das deutsche Theater anwenden lassen. Es ist ein Ausdruck, dessen man sich vor dreißig, vierzig Jahren vielleicht noch bedienen konnte, wo unter beschränkteren Umständen sich eine natur- und kunstgemäße Ausbildung noch denken ließ; denn, genau besehen, gilt auch in der bildenden Kunst das Wort Schule nur von den Anfängen: Denn sobald sie treffliche Männer hervorgebracht hat, wirkt sie alsobald in die Weite. Florenz beweist seinen Einfluss über Frankreich und Spanien; Niederländer und Deutsche lernen von den Italienern und erwerben sich mehr Freiheit in Geist und Sinn, anstatt dass die Südländer von ihnen eine glücklichere Technik und die genauste Ausführung von Norden her gewinnen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1258 % Das deutsche Theater befindet sich in der Schlussepoche, wo eine allgemeine Bildung dergestalt verbreitet ist, dass sie keinem einzelnen Orte mehr angehören, von keinem besondern Punkte mehr ausgehen kann. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1259 % Der Grund aller theatralischen Kunst wie einer jeden andern ist das Wahre, das Naturgemäße. Je bedeutender dieses ist, auf je höherem Punkte Dichter und Schauspieler es zu fassen verstehen, eines desto höheren Ranges wird sich die Bühne zu rühmen haben. Hiebei gereicht es Deutschland zu einem großen Gewinn, dass der Vortrag trefflicher Dichtung allgemeiner geworden ist und auch außerhalb des Theaters sich verbreitet hat. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1260 % Auf der Rezitation ruht alle Deklamation und Mimik. Da nun beim Vorlesen jene ganz allein zu beachten und zu üben ist, so bleibt offenbar, dass Vorlesungen die Schule des Wahren und Natürlichen bleiben müssen, wenn Männer, die ein solches Geschäft übernehmen, von dem Wert, von der Würde ihres Berufs durchdrungen sind. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1261 % Shakespeare und Calderon haben solchen Vorlesungen einen glänzenden Eingang gewährt; jedoch bedenke man immer dabei, ob nicht hier grade das imposante Fremde, das bis zum Unwahren gesteigerte Talent der deutschen Ausbildung schädlich werden müsse! -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1262 % Eigentümlichkeit des Ausdrucks ist Anfang und Ende aller Kunst. Nun hat aber eine jede Nation eine von dem allgemeinen Eigentümlichkeiten der Menschheit abweichende besondere Eigenheit, die uns zwar anfänglich widerstreben mag, aber zuletzt, wenn wir's uns gefallen ließen, wenn wir uns derselben hingäben, unsere eigene charakteristische Natur zu überwältigen und zu erdrücken vermöchte. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1263 % Wie viel Falsches Shakespeare und besonders Calderon über uns gebracht, wie diese zwei großen Lichter des Poetischen Himmels für uns zu Irrlichtern geworden, mögen die Literatoren der Folgezeit historisch bemerken. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1264 % Eine völlige Gleichstellung mit dem spanischen Theater kann ich nirgends billigen. Der herrliche Calderon hat so viel Konventionelles, dass einem redlichen Beobachter schwer wird, das große Talent des Dichters durch die Theateretikette durchzuerkennen. Und bringt man so etwas irgendeinem Publikum, so setzt man bei demselben immer guten willen voraus, dass es geneigt sei, auch das Weltfremde zuzugeben, sich an ausländischem Sinn, Ton und Rhythmus zu ergötzen und aus dem, was ihm eigentlich gemäß ist, eine Zeitlang herauszugehen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1265 % Einen wundersamen Anblick geben des Aristoteles Fragmente des Traktats über Dichtkunst. Wenn man das Theater in- und auswendig kennt wie unsereiner, der einen bedeutenden Teil des Lebens auf diese Kunst verwendet und selbst viel darin gearbeitet hat, so sieht man erst, dass man sich vor allen Dingen mit der philosophischen Denkart des Mannes bekannt machen müsste, um zu begreifen, wie er diese Kunsterscheinung angesehen habe; außerdem verwirrt er unser Studium nur, wie denn die moderne Poetik das Alleräußerlichste seiner Lehre nur zu ihrem Verderben anwendet und angewendet hat. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1266 % Des tragischen Dichters Aufgabe und Tun ist nichts anderes als: Ein psychisch-sittliches Phänomen, in einem fasslichen Experiment dargestellt, in der Vergangenheit nachzuweisen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1267 % Was man Motive nennt, sind also eigentlich Phänomene des Menschengeistes, die sich wiederholt haben und wiederholen werden, und die der Dichter nur als historische nachweist. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1268 % Ein dramatisches Werk zu verfassen, dazu gehört Genie. Am Ende soll die Empfindung, in der Mitte die Vernunft, am Anfang der Verstand vorwalten und alles gleichmäßig durch eine lebhaft-klare Einbildungskraft vorgetragen werden. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1269 % Es ist nichts theatralisch, was nicht für die Augen symbolisch wäre. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1270 % Die gewöhnlichen Theaterkritiken sind unbarmherzige Sündenregister, die ein böser Geist vorwurfsweise den armen Schächern vorhält ohne hilfreiche Hand zu einem bessern Wege. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1271 % Schauspieler gewinnen die Herzen und geben die ihrigen nicht hin; sie hintergehen, aber mit Anmut. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1272 % Gar oft im Laufe des Lebens, mitten in der größten Sicherheit des Wandels, bemerken wir auf einmal, dass wir in einem Irrtum befangen sind, dass wir uns für Personen, für Gegenstände einnehmen ließen, ein Verhältnis zu ihnen erträumten, das dem erwachten Auge sogleich verschwindet; und doch können wir uns nicht losreißen, eine Macht hält uns fest, die uns unbegreiflich scheint. Manchmal jedoch kommen wir zum völligen Bewusstsein und begreifen, dass ein Irrtum so gut als ein Wahres zur Tätigkeit bewegen und antreiben kann. Weil nun die Tat überall entscheidend ist, so kann aus einem tätigen Irrtum etwas Treffliches entstehen, weil die Wirkung jedes Getanen ins Unendliche reicht. So ist das Hervorbringen freilich immer das Beste, aber auch das Zerstören ist nicht ohne glückliche Folge. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1273 % Der wunderbarste Irrtum aber ist derjenige, der sich auf uns selbst und unsere Kräfte bezieht, dass wir uns einem würdigen Geschäft, einem ehrsamen Unternehmen widmen, dem wir nicht gewachsen sind, dass wir nach einem Ziel streben, das wir nie erreichen können. Die daraus entspringende tantalisch-sisyphische Qual empfindet jeder nur um desto bitterer, je redlicher er es meinte. Und doch sehr oft, wenn wir uns von dem Beabsichtigten für ewig getrennt sehen, haben wir schon auf unserm Wege irgendein anderes Wünschenswerte gefunden, etwas uns Gemäßes, mit dem uns zu begnügen wir eigentlich geboren sind. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1274 % Die Liebe, deren Gewalt die Jugend empfindet, ziemt nicht dem Alten, sowie alles, was Produktivität voraussetzt. Dass diese sich mit den Jahren erhält, ist ein seltner Fall. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1275 % Alle Ganz- und Halbpoeten machen uns mit der Liebe dergestalt bekannt, dass sie müsste trivial geworden sein, wenn sie sich nicht naturgemäß in voller Kraft und Glanz immer wieder erneute. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1276 % Der Mensch, abgesehen von der Herrschaft, in welcher Die Passion ihn fesselt, ist noch von manchen notwendigen Verhältnissen der Liebe gebunden. Wer diese nicht kennt oder in Liebe umwandeln will, der muss unglücklich werden. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1277 % Alle Liebe bezieht sich auf Gegenwart; was mir in der Gegenwart angenehm ist, sich abwesend mir immer darstellt, den Wunsch des erneuerten Gegenwärtigseins immerfort erregt, bei Erfüllung dieses Wunsches von einem lebhaften Entzücken, bei Fortsetzung dieses Glücks von einer immer gleichen Anmut begleitet wird, das eigentlich lieben wir, und hieraus folgt, dass wir alles lieben können, was zu unserer Gegenwart gelangen kann; ja um das Letzte auszusprechen: Die Liebe des Göttlichen strebt immer darnach, sich das Höchste zu vergegenwärtigen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1278 % Ganz nahe daran steht die Neigung, aus der nicht selten Liebe sich entwickelt. Sie bezieht sich auf ein reines Verhältnis, das in allem der Liebe gleicht, nur nicht in der notwendigen Forderung einer fortgesetzten Gegenwart. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1279 % Diese Neigung kann nach vielen Seiten gerichtet sein, sich auf manche Personen und Gegenstände beziehen, und sie ist es eigentlich, die den Menschen, wenn er sie sich zu erhalten weiß, in einer schönen Folge glücklich macht. Es ist einer eignen Betrachtung wert, dass die Gewohnheit sich vollkommen an die Stelle der Liebesleidenschaft setzen kann: Sie fordert nicht sowohl eine anmutige als bequeme Gegenwart; alsdann aber ist sie unüberwindlich. Es gehört viel dazu, ein gewohntes Verhältnis auszuheben; es besteht gegen alles Widerwärtige; Missvergnügen, Unwillen, Zorn vermögen nichts gegen dasselbe; ja es überdauert die Verachtung, den hass. Ich weiß nicht, ob es einem Romanschreiber geglückt ist, dergleichen vollkommen darzustellen, auch müsste er es nur beiläufig, episodisch unternehmen; denn er würde immer bei einer genauen Entwicklung mit manchen Unwahrscheinlichkeiten zu kämpfen haben. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1280 % In der Geschichte überhaupt, besonders aber der Philosophie, Wissenschaft, Religion, fällt es uns auf, dass die armen beschränkten Menschen ihre dunkelsten subjektiven Gefühle, die Apprehensionen eingeenger Zustände in das Beschauen des Weltalls und dessen hoher Erscheinungen überzutragen nicht unwürdig finden. Zugegeben, dass der Tag, von dem Urquell des Lichts ausgehend, weil er uns erquickt, belebt, erfreut, alle Verehrung verdiene, so folgt noch nicht, dass die Finsternis, weil sie uns unheimlich macht, abkühlt, einschläfert, sogleich als böses Prinzip angesprochen und verabscheut werden müsse; wir sehen vielmehr in einem solchen Verfahren die Kennzeichen düster-sinnlicher, von den Erscheinungen beherrschter Geschöpfe. Wie es damit in der alten Symbolik ausgesehen, davon gibt uns Nachstehendes genugsames Zeugnis. "Bedeutend wird endlich, dass der finstere Thaumas zugleich mit den Harpyien die Göttin des Regenbogens, die siebenfarbige Iris, gezeugt hat. Es sind aus der Finsternis mit der weißen Farbe der Kälte alle Farben des Lichts und des Feuers entsprungen, und selbst der böse Ahriman, die ewige geistige Finsternis, soll die Farben ausgeströmt haben." Kanne, "Pantheum", S. 339. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1281 % Die Biographie sollte sich einen großen Vorrang vor der Geschichte erwerben, indem sie das Individuum lebendig darstellt und zugleich das Jahrhundert, wie auch dieses Lebendig darstellt und zugleich das Jahrhundert, wie auch dieses lebendig auf jenes einwirkt. Die Lebensbeschreibung soll das Leben darstellen, wie es an und für sich und um sein selbst willen da ist. Dem Geschichtsschreiber ist nicht zu verargen, dass er sich nach Resultaten umsieht; aber darüber geht die einzelne Tat sowie der einzelne Mensch verloren. Wollte man die Herrlichkeit des Frühlings und seiner Blüten nach dem wenigen Obst berechnen, das zuletzt noch von den Bäumen genommen wird, so würde man eine sehr unvollkommene Vorstellung jener lieblichen Jahreszeit haben. Und doch hat der Gärtner das Recht, sein Jahr bloß nach dem zu beurteilen, was ihm Keller und Kammern füllt. Alles wahrhaft Biographische, wohin die zurückgebliebenen Briefe, die Tagebücher, die Memoiren und so manches andere zu rechnen sind, bringen das vergangene Leben wieder hervor, mehr oder weniger wirklich oder im ausführlichen Bilde. Man wird nicht müde, Biographien zu lesen, so wenig als Reisebeschreibungen: Denn man lebt mit Lebendigen. Die Geschichte, selbst die beste, hat immer etwas Leichenhaftes, den Geruch der Totengruft. Ja man kann sagen, sie wird immer verdrießlicher zu lesen, je länger die Welt steht: Denn jeder Nachfolgende ist genötigt, ein schärferes, ein feineres Resultat aus den Weltbegebenheiten heraus zu sublimieren, da denn zuletzt, was nicht als caput mortuum liegen -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1282 % Religion: Alte; Poesie: Religion der Jugend. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1283 % Die Natur ist immer Jehova. Was sie ist, was sie war und was sie sein wird. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1284 % Dass Christus auf eine Hamletische Weise zugrunde ging, und schlimmer, weil er Menschen um sich berief, die er fallen ließ, da Hamlet bloß als Individuum perierte. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1285 % Anthropomorphism, Erotomorphism. Dass er alles was auch vorgeht, in sittlich-sinnlich Gefühl auflöst und verwandelt. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1286 % Reine Naturgesinnung in fremdem Zustande. Je reiner die Gesinnung, desto weniger Bedürfnis des Zustandes. Je komplizierter, interessanter für sich selbst der Zustand ist, so gibt er unsern Gesinnungen das Gesetz. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1287 % Der grenzenlose Verstand, dem jeder Verstand zusagt, dem die Vernunft nichts anhaben kann, wenn auch das Gefühl nicht immer beistimmt. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1288 % Es ist nicht wahr, dass das Leben ein Traum sei; nur dem scheint es so, der auf eine alberne Weise ruhet, auf die ungeschickteste Weise verletzt. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1289 % Man hat den Epikur, der ein armer Hund war wie ich, sehr missverstanden, wenn er das Höchste in die Schmerzlosigkeit legte. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1290 % Besonderes Vergnügen, sich mit Personen, die man liebt, über Dinge zu erklären und weitläufig zu sein, Empfinden rege zu machen, wenn man gleich weiß, dass, was man sagt, nicht wahr ist. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1291 % Die Menschen wundern sich, dass ich es besser weiß wie sie, und es ist kein Wunder, sie halten sehr oft für falsch, was ich denke. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1292 % Man muss nicht fürchten, überstimmt zu werden, wenn uns widersprochen wird. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1293 % Das Falsche (der Irrtum) ist meistens der Schwäche bequemer. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1294 % Wenn sie wüssten, wo das liegt, was sie suchen, so suchten sie ja nicht. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1295 % Die Güte des Herzens nimmt einen weiteren Raum ein als der Gerechtigkeit geräumiges Feld. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1296 % Je uneigennütziger der Mensch ist, desto mehr ist der ... unterworfen den Eigennützigen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1297 % Das, was man für sie tut, ist nicht genug, das, was man für sie getan hat, ist nichts: Die ganze Existenz, die man ihnen geschaffen hat, nehmen sie von Gottes Gnaden, und so ist man, als wenn man nicht wäre, nicht gewesen wäre. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1298 % In weltlichen Dingen sind nur zu betrachten die Mittel und der Gebrauch. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1299 % Rasches Vorschreiten zum Zweck, ohne die Mittel zu bedenken. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1300 % Als wenn man, um dem Sohn, der in der Wiege liegt, beizeiten Vorteil zu bringen, den Vater totschlagen wollte. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1301 % Gedankenlosigkeit, die uns den Wert des Augenblicks verkennen lässt. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1302 % Charakter, der, dargestellt, kein Bild, pragmatisiert, kein Resultat gibt. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1303 % Drei Dinge werden nicht eher erkannt als zu gewisser Zeit: ein Held im Kriege, ein weiser Mann im Zorn, ein Freund in der Not. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1304 % Drei Klassen von Narren: die Männer aus Hochmut, die Mädchen aus Liebe, die Frauen aus Eifersucht. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1305 % Toll ist: wer Toren belehrt, Weisen widerredet, von hohlen Reden bewegt wird, Huren glaubt, Geheimnisse Unsichern vertraut. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1306 % Wer muss Langmut üben? Der große Tat vorhat, bergan steigt, Fische speist. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1307 % Ein Deutscher war schon absurd, solang' er hoffte; da er nun überwunden war, so war gar nicht mehr mit ihm zu leben. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1308 % Vorschlag zu einem polemischen Purism in Schulen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1309 % Stoffartige Hilfe, die sich die Poesie der letzten Zeit gibt durch bedeutende Motive, Religion und Ritterwesen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1310 % Beispiele, wie sich die Menschen über das Unerwartete, ja Unerträgliche durch poetische Formen begütigen: empirisch erscheinende absolute Gewalt Oberon, Blaubart. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1311 % Identität rasenden Enthusiasmus' und unbarmherziger Kritik schwer ins ich zu erzielen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1312 % Wirkung namhafter, gründlich arbeitender Autoren. Gegenwirkung journalistisch anonymer. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1313 % Ein geistreicher Humorist als quasi Poet, der, der Fülle seines Wissens und Empfindens gedenkend, sich in Tropen auszusprechen genötigt fühlt. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1314 % Trübe Stellen, wo die Intention des Dichters uns nicht klar entgegentritt, die man sich, weil man ihn liebt, erst auslegt, und auf die man, zurückkehrend, immer eine gewisse Unbehaglichkeit empfindet. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1315 % Es kommt mir wunderbar vor, eine so tragische Schuld zu sehen, dass eine Tragödie gar nicht darauf zu folgen brauchte. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1316 % Abstumpfen des Geistes durchs Geistreiche. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1317 % Englische Stücke: Das Verruchte des Stoffs, das Absurde der Form, verwerfliche Handlungen. Vermaledeites englisches Theater! -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1318 % Hersilie sagte von der Pilgernden Törin: "Wenn ich närrisch werden möchte, wie mir manchmal die Lust ankommt, so wäre es auf diese Weise." -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1319 % Das Erhabene, für uns Übererhabene, höchst Verehrungswerte, doch, genau besehen, mit einem absurden, ja infamen Empirischen Verbundene macht uns stutzig, und man entschließt sich schwer. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1320 % Wie das Unbedingte sich selbst bedingen und so das Bedingte zu seinesgleichen machen kann. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1321 % Dass das Bedingte zugleich unbedingt sei. Welches unbegreiflich ist, ob wir es gleich alle Tage erfahren. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1322 % Der Empirismus, zur Unbedingtheit { erhöht, / erweitert, } ist ja Naturphilosophie. (Schelling.) -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1323 % Dass es dem Menschen selten gegeben ist, in dem einzelnen Falle das Gesetz zu erkennen. Und doch, wenn er es immer [?] in Tausenden erkennt, muss er es ja wieder in jedem Einzelnen finden. Die großen Umwegen [?] erspart sich der Geist. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1324 % Alle Verhältnisse der Dinge wahr. Irrtum allein in dem Menschen. An ihm nichts wahr, als dass er irrt, sein Verhältnis zu sich, zu andern, zu den Dingen nicht finden kann. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1325 % Wissen: Das Bedeutende der Erfahrung, das immer ins Allgemeine hinweist. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1326 % Geschichte der Wissenschaft: Was muss zu allen Zeiten den Menschen von Haus aus interessieren? Wie hat man nach und nach gesucht, sich davon Rechenschaft zu geben oder sich zu beruhigen? Geschichte des Wissens: Was ist dem Menschen nach und nach bekannt geworden? Wie hat er sich dabei und damit benommen? -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1327 % Niederträchtigkeit der mittlern Zeit bis ins sechzehnte Jahrhundert, treffliche Menschen wie Aristoteles, Hippokrates durch dumme Märchen lächerlich zu machen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1328 % Unglücklich ist immer derjenige, der sich in Korporationen einlässt. V. Humboldt darf von allem nichts melden, als was in Paris gilt. Was soll denn da aus dem werden, was wir Wissen und Wissenschaft nennen? In hundert Jahren wird es ganz anders aussehen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1329 % Bei den Kontroversen darauf zu sehen, wer das punctum saliens getroffen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1330 % Voltaire kommt mir immer vor wie ein Zauberer, der einen Hexenkessel abschäumt; es ist nur Schaum, was sein Löffel schöpft; aber ein verteufelter Schaum, aus einem Kessel voll unendlicher Ingredienzien aufsiedend. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1331 % Dass die Natur, die uns zu schaffen macht, gar keine Natur mehr ist, sondern ein ganz anderes Wesen als dasjenige, womit sich die Griechen beschäftigten. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1332 % Die Griechen nannten Entelecheia ein Wesen, das immer in Funktion ist. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1333 % Die Griechen, wenn sie beschrieben oder erzählen, sprachen weder von Ursache noch von Resultat, sondern trugen die äußere Erscheinung vor. Auch in der Naturwissenschaft machten sie keine Versuche wie wir, sondern hielten sich an den einzelnen Erfahrungsfällen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1334 % Die Funktion ist das Dasein, in Tätigkeit gedacht. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1335 % Alle Wirksamkeit ist stärker am Mittelpunkt als gegen die Peripherie zu. Raum zwischen Mars und Jupiter. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1336 % Ersparnis der Erfahrung Sündflut der Erfahrung, Dinge, wovon man nicht reden würde, wenn man wüsste, wovon die Rede ist. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1337 % Bei Naturforschung auf Anordnung, auf System auszugehen, hinderlich und förderlich. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1338 % Mathematik, die auf Konviktion, Überführung ausgeht, weshalb gute Köpfe sich an ihr ärgern. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1339 % Man hört, nur die Mathematik sei gewiss; sie ist es nicht mehr als jedes andere Wissen und Tun. Sie ist gewiss, wenn sie sich klüglich nur mit Dingen abgibt, über die man gewiss werden und insofern man darüber gewiss werden kann. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1340 % Das ist eben das Hohe der Mathematik, dass ihre Methode gleich zeigt, wo ein Anstoß ist. Fanden sie doch dem Gang der himmlischen Körper nicht ihre Rechnungen gemäß und wendeten sich daher auf die Annahme [?] der Störungen und diese Störungen noch immer zu viel oder zu wenig. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1341 % In diesem Sinne kann man die Mathematik als die höchste und sicherste der Wissenschaft ansprechen. Aber wahr kann sie nichts machen, als was wahr ist. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1342 % Was hat denn der Mathematiker für ein Verhältnis zum Gewissen, was doch das höchste, das würdigste Erbteil der Menschen ist, eine inkommensurable, bis ins Feinste wirkende, sich selber spaltende und wieder verbindende Tätigkeit? Und Gewissen ist's vom Höchsten bis ins Geringste. Gewissen ist's, was das kleinste Gedicht gut und vortrefflich macht. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1343 % Wenn diese Hoffnungen sich verwirklichen, dass die Menschen sich mit allen ihren Kräften, mit Herz und Geist, mit Verstand und Liebe vereinigen und voneinander Kenntnis nehmen, so wird sich ereignen, woran jetzt noch kein Mensch denken kann. Die Mathematiker werden sich gefallen lassen, in diesen allgemeinen sittlichen Weltbund als Bürger eines bedeutenden Staates aufgenommen zu werden, und nach und nach sich des Dünkels entäußern, als Universalmonarchen über alles zu herrschen; sie werden sich nicht mehr beigehen lassen, alles für nichtig, für inexakt, für unzulänglich zu erklären, was sich nicht dem Kalkül unterwerfen lässt. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1344 % Alle Kristallisationen sind ein realisiertes Kaleidoskop. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1345 % ... Es ist daher das Beste, wenn wir bei Beobachtungen soviel als möglich uns der Gegenstände und beim Denken darüber soviel als möglich uns unsrer selbst bewusst sind. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1346 % Zum Schönen wird erforderte in Gesetz, das in die Erscheinung tritt. Beispiel von der Rose. In den Blüten tritt das vegetabilische Gesetz in seine höchste Erscheinung, und die Rose wäre nun wieder der Gipfel dieser Erscheinung. Perikarpien können noch schön sein. Die Frucht kann nie schön sein: Denn da tritt das vegetabilische Gesetz in sich (ins bloße Gesetz) zurück. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1347 % Die Unmöglichkeit, Rechenschaft zu geben von dem Natur- und Kunstschönen: Denn ad 1. müssten wir die Gesetze kennen, nach welchen die allgemeine Natur handeln will und handelt, wenn sie kann; und ad 2. Die Gesetze kennen, nach denen die allgemeine Natur unter der besondern Form der menschlichen Natur produktiv handeln will und handelt, wenn sie kann. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1348 % Schönheit der Jugend aus Obigem abzuleiten. Alter stufenweises Zurücktreten aus der Erscheinung. Inwiefern das Alternde schön genannt werden kann. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1349 % Beharren eines jeden im Charakter, bis zum Gipfel des menschlichen Daseins, ohne an die Rückkehr zu denken. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1350 % Die Schönheit zeigt milde, hohe Übereinstimmung alles dessen, was unmittelbar, ohne Überlegen und Nachdenken zu erfordern, gefällt. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1351 % Vollkommene Künstler haben mehr dem Unterricht als der Natur zu danken. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1352 % Die höchste Absicht der Kunst ist, menschliche Formen zeigen, so sinnlich bedeutend und so schön, als es möglich ist. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1353 % Friedrich der Zweite zu Pferd nach Chodowiecky ist in Zinn gemalt in Nürnberg zu haben; gewöhnlich führt er die Soldaten der Kinder an und ist auch da noch ehrwürdig. Ich möchte ihn aber doch auf ähnliche Art weder in Lebensgröße noch weniger kolossal mit Augen sehen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1354 % Zeichnet doch eure patriotischen Gegenstände! Ein König, der auf einer Brunnenröhre sitzt und denkt. Ja, wenn ihr seine Gedanken zeichnen könntet! Ein solcher König hat mit eurer bildenden Kunst [nichts] zu tun; er soll nur im Geist und in der Wahrheit verehrt werden. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1355 % Zeichnet, stecht in Kupfer, bezahlt, verkauft, belohnt immer in offenbarer Stille, und wenn euch ein tadelnd Wort trifft, so lasst's ja hingehn; aber reizt nur niemanden, diese Armseligkeiten immer lauter und lauter vor den Ohren der Welt auszulachen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1356 % Wenn ihr sagt: "Wir machen so", da hat kein Mensch was dagegen; sagt ihr aber: "Ihr sollt's auch so machen, euch nach unserer Beschränkung beschränken", da kommt ihr um vieles zu spät. Ein Bildhauer, der aus Marmor Patrioten - Husarenpelze hauen muss, sollte dies mit Zerknirschen, als einer traurigen Notwendigkeit gehorchend, verrichten und sich freuen, wenn sich eine fremde Stimme erhebt, die das nun eben nicht als das Heil ... -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1357 % Paris ist offen; Italien wird's auch werden; solang' uns der Atem bleibt, werden wir den Künstler in das Weite der Welt und Kunst und in die Beschränktheit seiner selbst weisen. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1358 % Sich in seiner Beschränktheit gefallen, ist ein elender Zustand; in Gegenwart des Besten seine Beschränktheit fühlen, ist freilich kein Glück, aber es kann zum Glück führen - - ängstlich, aber diese Angst erhebt. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1359 % Indem das Heil. römische Reich dem verdienten Helden eine Statue setzen will, setzt es in corpore in eine Lotterie. Es ist zu fürchten, dass es eine Kunstniete zieht. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1360 % Das Menschlich-Liebenswürdige, Zarte unter der Form einer imaginierten bildenden Kunst. Klosterbruder, Sternbald. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1361 % Bei Betrachtung von Kunstwerken, sowohl dichterischen als bildnerischen, des 3. und 4. Jahrhunderts lässt sich bemerken, wie lange die Künstler noch am alten guten Sinne festgehalten haben, da schon alles um sie her dafür erstorben war. Erklärungsart der Kunstwerke auf diesem Wege. Sie sind keineswegs abstrus, sondern plastisch zu nennen. S. das Kapitolinische Basrelief mit dem Prometheus pp. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1362 % Organische Natur: Ins Kleinste lebendig; Kunst: Ins Kleinste empfunden. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1363 % Konflikte. Sprünge der Natur und Kunst. Eintretender Genius zur rechten Zeit. Element genugsam vorbereitet. Nicht roh und starr. Auch nicht schon verbraucht. Ebenso mit der Organisation. Hier springt die Natur auch nur, insofern alles vorbereitet ist, als ein Höheres, in die Wirklichkeit Tretendes zur eminenten Erscheinung gelangen kann. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1364 % Perspektivische Gesetze: Die mit so großem Sinn als Richtigkeit die Welt auf das Auge des Menschen und seinen Standpunkt beziehen und dadurch möglich machen, dass jedes sonderbare, verworrene Gedräng' von Gegenständen in ein reines, ruhige Bild verwandelt werden kann. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1365 % Poetische Metamorphosen. Phantasie ist der Natur viel näher als die Sinnlichkeit, diese ist in der Natur, jene schwebt über ihr. Phantasie ist der Natur gewachsen, Sinnlichkeit wird von ihr beherrscht. Frühste, lebhafte, tüchtige Sinnlichkeit finden wir immer sich zur Phantasie erhebend. Sogleich wird sie produktiv, anthropomorphisch. Felsen und Ströme sind von Halbgöttern belebt, Untergötter endigen unterwärts in Tiere: Pan, Faune, Tritone. Götter nehmen Tiergestalt an, ihre Absichten zu erfüllen. Welche Fabeln sind die ältesten dieser Art? Bei Ovid ist die Analogie der tierischen und menschlichen Glieder im Übergang trefflich ausgedrückt. Dante hat eine höchst merkwürdige Stelle dieser Art. -- Goethe, Maximen und Reflektionen, Nr. 1366 %