Kant's WerkeSchriften 1747–1756Gedanken von der wahren Schätzung der
lebendigen KräfteKantImmanuelPulteHelmutBurtFabianMitarbeitGerhardtVolkerAntragsteller und ProjektleitungWillaschekMarcusProjektleitungSchepelmannMajaKoordination und editionswissenschaftliche
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historisch-kritischen Neuedition der Akademieausgabe.
Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften (BBAW)Neuedition der
Abteilung I, „Werke“, der Akademie-Ausgabe von „Kant‘s gesammelten
Schriften“Berlin2023Creative
Commons Attribution-ShareAlike 4.0 International (CC BY-NC-SA 4.0)Wahre SchätzungKant's WerkeBand 1: Schriften 1747–1756Gedanken von der wahren Schätzung der lebendigen
KräfteKantImmanuelPulteHelmut1–158De GruyterBerlinBoston20239783110706482Kant's gesammelte SchriftenErste Abteilung Werke – NeueditionBand 1GermanLatinCorrectedCorrectedCorrectedCorrectedCorrectedCorrectedCorrectedCorrectedCorrectedPreparationInitial conversion into TEI and manual adaptations
Gedanken
von der wahren Schätzung
der
lebendigen Kräfte
und
Beurtheilung der Beweise
derer sich
Herr von Leibnitz und andere Mechaniker
in dieser Streitsache
bedienet haben,
nebst einigen vorhergehenden Betrachtungen
welche
die Kraft der Körper überhaupt
betreffen,
durch
Immanuel Kant.
Königsberg,
gedruckt bey Martin Eberhard Dorn. 1746.
DemHochedelgebohrnen, Hochgelahr-ten und Hocherfahrnen Herrn,HerrnJohann Christoph Bohlius,Der Medicin Doctorn und zweyten or-dentlichen Professorn auf der Academiezu Königsberg,wie auchKöniglichen Leibmedico,meinem insonders Hochzuehrenden Gönner.Hochedelgebohrner Herr,Hochgelahrter und Hocherfahrner Herr Doctor,Insonders Hochzuehrender Gönner!
An wen kan ich mich
besser wenden, als an Ew.
Hochedelgebohrnen, um von
einer so schlechten Sache, als gegenwärtige
Schrift ist, allen Vortheil zu ziehen? Nach dem besondern
Merkmahle der Gütigkeit, welches Dieselben mir
erzeiget haben, wage ich es zu hoffen, daß diese Freyheit von
Ew.
Hochedelgebohrnen auch als
ein Beweisthum meiner Dankbarkeit werde
aufgenommen werden. Die Beschaffenheit dieses Werkgens hat
nichts an sich, worauf ich in Ansehung dessen einige Zuversicht bauen könte; denn die Ehre
seine Abhandlung mit Dero Nahmen
auszuzieren, ist es nicht, woraus man
Ew. Hochedelgebohrnen ein Geschenk machen könte.
Eine Menge unvollkommener Gedanken, die vielleicht an sich unrichtig
sind, oder doch durch die Niedrigkeit ihres Verfassers allen Werth
verlieren, die mich endlich hinlänglich überzeugen: daß sie nicht würdig
sind Denenselben gewidmet zu werden, das ist
alles, was ich in meiner Macht habe, um es Ew.
Hochedelgebohrnen zu überreichen. Ich
mache mir diesem ungeachtet, vermittelst des vollkommenen
Begriffes, den ich von Dero
Gütigkeit gefasset habe, die Hoffnung: daß selbige
mir den Dienst leisten werden, den ich am meisten
hochschätze, nemlich
Ew. Hochedelgebohrnen meine Erkenntlichkeit gegen
Dieselbe zu erkennen zu geben. Ich
werde hinfüro mehr wie eine
Gelegenheit haben, mich an die Verbindlichkeit zu
erinnern, womit ich Ihnen verpflichtet bin; allein
die gegenwärtige wird mit eine von den besten seyn, womit ich
öffentlich bekenne, daß ich mit im͂erwährender
Hochachtung
verharre
Hochedelgebohrner Herr,Hochgelahrter und Hocherfahrner Herr Doctor,Insonders Hochzuehrender Gönner,Ew. HochedelgebohrnenKönigsberg,den 22. April, 1747.verpflichtetester DienerImmanuel Kant.
Vorrede.
Nihil magis praestandum est,
quam ne pecorum ritu sequamur
antecedentium gregem, pergentes, non qua
eundum est, sed qua itur.Senecade vita beata. Cap.
I.
I.
Ich glaube, ich habe
Ursache von dem Urtheile der Welt, dem ich diese Blätter
überliefere, eine so gute Meynung zu fassen, daß
diejenige Freyheit, die ich mir
herausnehme großen Männern zu widersprechen, mir vor kein Verbrechen werde ausgelegt werden.
Es war eine Zeit, da man bey einem solchen Unterfangen viel zu
befürchten hatte, allein ich bilde mir ein diese Zeit sey nunmehro
vorbey, und der menschliche Verstand habe sich schon der
Fesseln glücklich entschlagen, die ihm Unwissenheit und Bewunderung
ehemals angelegt hatten. Nunmehro kan man es kühnlich wagen das
Ansehen derer Newtons und
Leibnitze vor nichts zu achten, wenn es sich
der Entdeckung der Wahrheit entgegen setzen sollte, und
keinen andern Ueberredungen als dem Zuge des Verstandes zu
gehorchen.
II.
Wenn ich es unternehme
die Gedanken eines Herrn von
Leibnitz,Wolfen,
Herrmanns, Bernoulli,
Bülfingers und anderer zu verwerfen, und denen meinigen den Vorzug einzuräumen; so
wollte ich auch nicht gerne schlechtere Richter als dieselbe haben,
denn ich weiß, ihr Urtheil, wenn es meine Meynungen verwürfe, würde die
Absicht derselben doch nicht verdammen. Man kan diesen Männern
kein vortrefflicher Lob geben, als daß man alle Meynungen,
ohne ihre eigene davon auszunehmen, vor ihnen ungescheut
tadeln dörfe. Eine Mäßigung von
dieser Art war, obzwar bey einer andern Gelegenheit, einem
großen Manne des Alterthums sehr ruhmwürdig. Timoleon wurde ohngeachtet der Verdienste die er um die Freyheit von Syracus
hatte, einsmals vor Gericht gefordert. Die Richter entrüsteten
sich über die Vermessenheit seiner Ankläger. Allein Timoleon betrachtete diesen Zufall ganz anders. Ein
solches Unternehmen konte einem Manne nicht mißfallen, der
sein ganzes Vergnügen darinn setzte sein Vaterland in der vollkommensten Freyheit zu sehen. Er beschützte
diejenige die sich ihrer Freyheit so gar wider ihn selber bedieneten.
Das ganze Alterthum hat dieses Verfahren mit Lobsprüchen
begleitet.
Nach so großen Bemühungen, die sich die größesten Männer
um die Freyheit des menschlichen Verstandes gegeben haben,
sollte man da wohl Ursache haben zu befürchten, daß ihnen der Erfolg
derselben mißfallen werde?
III.
Ich werde mich dieser
Mäßigung und Billigkeit zu meinem Vortheil bedienen. Allein ich werde sie nur da antreffen, wo sich
das Merkmahl des Verdienstes und einer
vorzüglichen Wissenschaft hervorthut. Es ist ausser diesem noch ein großer Haufe übrig,
über den das Vorurtheil und das Ansehen großer Leute annoch eine
grausame Herrschaft führet. Diese Herren, die gerne vor
Schiedsrichter in der Gelehrsamkeit
angesehen seyn wollten, scheinen sehr geschickt zu seyn
von einem Buche zu urtheilen ohne es gelesen zu haben. Um es
dem Tadel preis zu geben darf man ihnen nur den Tittel
desselben zeigen. Wenn der Verfasser unbekannt, ohne
Charakter und Verdienste ist, so ist das Buch nicht
werth, daß die Zeit damit verdorben werde; noch mehr aber wenn er sich
großer Dinge unternimmt, berühmte Männer zu tadeln,
Wissenschaften zu verbessern, und seine eigene Gedanken
der Welt anzupreisen. Wenn es vor dem Richterstuhle der
Wissenschaften auf die Anzahl ankäme, so würde ich eine
sehr verzweifelte Sache haben. Allein diese Gefahr macht mich
nicht unruhig. Dies sind diejenige, die, wie man sagt, nur unten
am Parnaß wohnen, die
kein Eigenthum besitzen, und keine Stimme in der Wahl haben.
IV.
Das Vorurtheil ist recht vor den Menschen gemacht, es thut
der Bequemlichkeit und der Eigenliebe Vorschub, zweyen
Eigenschaften die man nicht ohne die Menschheit ableget. Derjenige der von
Vorurtheilen eingenommen, erhebet gewisse Männer, die
es umsonst seyn würde zu verkleinern und zu sich herunterzulassen,
über alle andere zu einer unersteiglichen Höhe. Dieser Vorzug
bedecket alles übrige mit dem Scheine einer vollkommenen Gleichheit,
und läßt ihn den Unterscheid nicht gewahr werden, der unter diesen
annoch herrschet, und der ihn sonst der verdrüßlichen Beobachtung
aussetzen würde, zu sehen, wie vielfach man noch von denenjenigen
übertroffen werde, die noch innerhalb der Mittelmäßigkeit
befindlich sind.
So lange
also die Eitelkeit der menschlichen Gemüther noch
mächtig seyn wird, so lange wird sich das Vorurtheil auch
erhalten, d. i. es wird niemals
aufhören.
V.
Ich werde in dem
Verfolg dieser Abhandlung kein Bedenken tragen, den Satz eines
noch so berühmten Mannes freymüthig zu verwerfen, wenn er sich meinem Verstande als falsch darstellet.
Diese Freyheit wird mir sehr verhaßte Folgen zuziehen. Die Welt
ist sehr geneigt zu glauben: daß derjenige, der in einem oder dem
andern Falle eine richtigere Erkenntniß zu haben glaubet, als etwa ein
grosser Gelehrter, sich auch in seiner
Einbildung gar über ihn setze. Ich unterstehe mich zu sagen, daß dieser Schein sehr betrüglich
sey, und daß er hier würklich
betrüge.
Es befindet
sich in der Vollkommenheit des menschlichen
Verstandes keine solche Proportion und Aehnlichkeit, als etwa in dem
Baue des menschlichen Körpers, bey diesem ist es zwar möglich aus
der Größe eines und des andern Gliedes einen Schluß auf die Größe
des Ganzen zu machen; allein bey der Fähigkeit des Verstandes ist es
ganz anders. Die Wissenschaft ist ein unregelmäßiger Körper, ohne
Ebenmaaß und Gleichförmigkeit. Ein Gelehrter von Zwerggröße übertrift
öfters an diesem oder jenem Theile der Erkenntniß einem andern, der mit
dem ganzen Umfange seiner Wissenschaft dennoch weit über ihn
hervorraget. Die Eitelkeit des Menschen erstrecket
sich allem Ansehen nach nicht so weit, daß sie diesen Unterscheid nicht sollte gewahr werden, und die
Einsicht einer und der andern Wahrheit, mit dem weiten Inbegriffe
einer vorzüglichen Erkenntniß vor einerley halten sollte; zum wenigsten weiß ich,
daß man mir Unrecht thun würde, wenn man mir diesen Vorwurf machte.
VI.
Die Welt ist so ungereimt nicht, zu denken, ein Gelehrter von Range sey der Gefahr zu
irren gar nicht mehr unterworfen. Allein daß ein niedriger und
unbekannter Schriftsteller diese Irrthümer vermieden habe, aus denen einen großen Mann alle seine
Scharfsinnigkeit nicht hat retten können, das ist die
Schwierigkeit, die so leicht nicht zu verdauen ist. Es stecket viel Vermessenheit in diesen Worten: Die
Wahrheit, um die sich die größesten Meister der menschlichen Erkenntniß vergeblich beworben haben, hat sich meinem
Verstande zuerst dargestellet. Ich wage es nicht diesen Gedanken zu rechtfertigen, allein ich wollte ihm auch nicht gerne absagen.
VII.
Ich stehe in der
Einbildung, es sey zuweilen nicht unnütze, ein gewisses edles
Vertrauen in seine eigene Kräfte zu setzen. Eine
Zuversicht von der Art belebet
alle unsere Bemühungen, und ertheilet ihnen einen gewissen Schwung,
der der Untersuchung der Wahrheit sehr beförderlich ist. Wenn man in der Verfassung stehet, sich
überreden zu können, daß man seiner Betrachtung noch etwas zutrauen
dörfe, und daß es möglich sey einen Herrn von
Leibnitz auf Fehler zu
ertappen, so wendet man alles an seine Vermuthung wahr zu machen.
Nachdem man sich nun tausendmal bey einem Unterfangen verirret
hat, so wird der Gewinnst, der hiedurch der Erkenntniß der Wahrheiten
zugewachsen ist, dennoch viel erheblicher seyn, als
wenn man nur immer die Heeresstraße
gehalten hatte.
Hierauf
gründe ich mich. Ich habe mir die Bahn schon
vorgezeichnet die ich halten
will. Ich werde meinen Lauf antreten und nichts soll mich
hindern ihn fortzusetzen.
VIII.
Es ist noch ein neuer
Einwurf, den man mir machen wird, und dem ich wie es scheinet
zuvor kommen muß. Man wird mich zuweilen
in dem Tone eines Menschen hören, der von der Richtigkeit
seiner Sätze sehr wohl versichert ist, und der nicht befürchtet, daß
ihm werde widersprochen werden, oder daß ihn seine Schlüsse betrügen können.
Ich bin so eitel nicht mir dieses in der That einzubilden, ich habe auch nicht Ursache meinen Sätzen den Schein eines Irrthums so
sorgfältig zu benehmen; denn nach so viel Fehltritten, denen der
menschliche Verstand zu allen Zeiten unterworfen gewesen, ist es keine Schande mehr geirret zu haben. Es
stecket eine ganz andere Absicht unter meinem Verfahren.
Der Leser dieser Blätter ist ohne Zweifel schon durch die Lehrsätze die itzo von den lebendigen
Kräften im Schwange gehen vorbereitet, ehe er sich zu meiner Abhandlung wendet. Er weiß es was man gedacht hat,
ehe Leibnitz seine Kräftenschätzung der Welt ankündigte, und der
Gedanke dieses Mannes muß ihm auch schon bekannt seyn. Er hat sich ohnfehlbar durch die Schlüße
einer von beyden Partheyen gewinnen lassen, und allem Absehen nach ist dieses die Leibnitzische Parthey, denn ganz Deutschland hat sich itzo
zu derselben bekannt. In dieser Verfassung lieset er diese Blätter. Die Vertheidigungen der lebendigen Kräfte haben unter der
Gestalt geometrischer Beweise seine ganze Seele eingenommen. Er siehet meine Gedanken also nur als Zweifel an, und wenn ich sehr glücklich
bin noch etwa als scheinbare Zweifel, deren Auflösung er der Zeit überlässet, und die der Wahrheit dennoch nicht
hinderlich fallen können. Hingegen muß ich meine ganze Kunst anwenden, um die Aufmerksamkeit des Lesers etwas
länger bey mir aufzuhalten. Ich muß mich ihm in dem ganzen Lichte der Ueberzeugung darstellen, das meine
Beweise mir gewähren, um ihn auf die Gründe aufmerksam zu machen, die mir diese Zuversicht einflößen.
Wenn ich meine Gedanken nur unter dem Nahmen der Zweifel vortrüge, so würde die
Welt, die ohnedem geneigt ist, sie vor nichts besseres anzusehen,
sehr leicht über dieselbige hinweg seyn; denn eine Meynung die man einmal glaubet erwiesen zu haben, wird
sich noch sehr lange im Beyfalle erhalten, wenn gleich die Zweifel,
durch die sie angefochten wird, noch so scheinbar sind, und nicht leichtlich können aufgelöset werden.
Ein Schriftsteller ziehet gemeiniglich seinen Leser unvermerkt mit in diejenige
Verfassung, in der er sich bey Verfertigung seiner Schrift selber befunden hatte. Ich wollte ihm also wenn es
möglich wäre, lieber den Zustand der Ueberzeugung, als des Zweifels mittheilen; denn jener würde mir, und vielleicht
auch der Wahrheit, vortheilhafter seyn, als dieser. Dieses sind die kleinen Kunstgriffe, die ich itzo
nicht verachten muß, um das Gleichgewicht der Waage nur einigermaßen herzustellen, in der das Ansehen grosser
Männer einen so gewaltigen Ausschlag giebet.
IX.
Die letzte Schwierigkeit, die ich noch wegräumen will, ist diejenige, die man mir wegen der Unhöflichkeit machen wird. Es
scheinet: daß ich denen Männern, die ich mich unterfangen habe zu widerlegen, mit mehr Ehrerbietigkeit hätte begegnen
können, als ich würklich gethan habe. Ich hätte mein Urtheil, das ich über ihre Sätze fälle, in einem viel gelindern Thone aussprechen sollen.
Ich hätte sie nicht Irrthümer, Falschheiten oder auch Verblendungen nennen sollen. Die
Härte dieser Ausdrücke scheinet denen großen Nahmen verkleinerlich zu seyn, gegen die sie gerichtet sind. Zu der Zeit der
Unterscheidungen, welche auch die Zeit der Rauhigkeit der Sitten war, würde man geantwortet haben: daß man die Sätze von allen persönlichen
Vorzügen ihrer Urheber abgesondert beurtheilen müsse. Die Höflichkeit dieses Jahrhunderts
aber leget mir ein ganz ander Gesetze auf. Ich würde
nicht zu entschuldigen seyn, wenn die Art meines Ausdrucks die
Hochachtung, die das Verdienst großer Männer von mir fordert, beleidigte. Allein ich bin versichert, daß dieses nicht sey.
Wenn wir neben den größesten Entdeckungen offenbare Irrthümer antreffen: so ist dieses nicht so wohl ein Fehler
des Menschen, als vielmehr der Menschheit; und man würde
dieser, in der Person der Gelehrten gar zu viel Ehre anthun, wenn man sie von denenselben gänzlich ausnehmen wollte. Ein großer Mann
der sich ein Gebäude von Sätzen errichtet, kan seine Aufmerksamkeit nicht auf alle mögliche Seiten gleich stark kehren. Er ist in einer
gewissen Betrachtung insbesondere verwickelt, und es ist kein Wunder, wenn ihm alsdenn von irgend einer andern Seite
Fehler entwischen, die er ohnfehlbar vermieden haben würde, wenn er ausserhalb dieser Beschäftigung nur seine Aufmerksamkeit auf dieselbe gerichtet hätte.
Ich will die Wahrheit nur ohne Umschweife gestehen. Ich werde nicht ungeneigt seyn, diejenige Sätze vor würkliche
Irrthümer und Falschheiten zu halten, welche in meiner Betrachtung unter dieser Gestalt erscheinen;
und warum sollte ich mir den Zwang anthun, diesen Gedanken in meiner Schrift so ängstiglich zu verbergen,
um dasjenige zu scheinen, was ich nicht denke, was aber die Welt gerne hätte, daß ich es dächte?
Und überhaupt zu reden,
würde ich mit der Ceremonie auch schlecht zurechte
kommen, allen meinen Urtheilen, die ich über
große Männer ausspreche, einen gewissen Schwung der Artigkeit
zu ertheilen, die Ausdrücke geschickt zu mildern, und überall das
Merkmahl der Ehrerbietigkeit sehen zu lassen; diese Bemühung würde mich wegen
der Wahl derer Wörter öfters in eine verdrüßliche Enge
bringen, und mich der Nothwendigkeit unterwerfen, über den
Fußsteig der philosophischen Betrachtung von allen auszuschweifen.
Ich will mich also der
Gelegenheit
dieses Vorberichtes bedienen, eine öffentliche
Erklärung der Ehrerbietigkeit und Hochachtung zu thun,
die ich gegen die großen Meister
unserer Erkenntniß, welche ich itzo die Ehre
haben werde meine Gegner zu heissen,
jederzeit
hegen werde, und der die Freyheit meiner
schlechten Urtheile nicht den geringsten
Abbruch thun kan.
X.
Nach den verschiedenen Vorurtheilen, die ich mich itzo
bemühet habe wegzuräumen, bleibt dennoch endlich noch ein
gewisses rechtmäßiges Vorurtheil übrig, dem ich dasjenige, was in meiner
Schrift etwa noch überzeugendes anzutreffen wäre, insbesondere zu
verdanken habe. Wenn viele große Männer von bewährter
Scharfsinnigkeit und Urtheilskraft, theils durch
verschiedene, theils durch einerley Wege zur Behauptung eben
desselben Satzes geleitet werden, so ist eine
weit wahrscheinlichere Vermuthung, daß ihre Beweise richtig
sind, als daß der Verstand irgend eines schlechten Schriftstellers die
Schärfe in denenselben genauer sollte beobachtet haben. Es hat dieser daher
große Ursache den Vorwurf seiner Betrachtung sich besonders
klar und eben zu machen, denselben so zu zergliedern, und auseinander
zu setzen, daß, wenn er vielleicht einen Fehlschluß begienge, derselbe ihm doch alsbald in die Augen leuchten
müßte; denn es wird vorausgesetzt: daß, wenn die Betrachtung gleich
verwickelt ist, derjenige eher die Wahrheit entdecken werde, der dem andern an Scharfsinnigkeit vorgehet. Er
muß seine Untersuchung also so viel möglich, einfach und
leicht machen, damit er nach dem Maaße seiner Urtheilskraft in seiner
Betrachtung eben so viel Licht und Richtigkeit
vermuthen könne, als der andere nach dem Maaße der seinigen in einer
viel verwickeltern Untersuchung.
Diese Beobachtung habe
ich mir in der Ausführung meines Vorhabens ein Gesetz seyn lassen, wie man bald wahrnehmen
wird.
XI.
Wir wollen,
ehe wir diesen Vorbericht endigen, uns den
itzigen Zustand der Streitsache von den lebendigen
Kräften annoch kürzlich bekannt machen.
Der Herr von
Leibnitz hat
allem Ansehen nach die lebendigen Kräfte in denen Fällen
nicht zuerst erblicket, darinn er sie zuerst der
Welt darstellete. Der Anfang einer Meynung ist gemeiniglich
viel einfacher, besonders einer Meynung, die etwas so
kühnes und wunderbares mit sich führet, als die von der Schätzung
nach dem Quadrat. Man
hat gewisse Erfahrungen, die sehr gemein sind und dadurch wir
wahrnehmen: daß eine würkliche
Bewegung, z. E. ein Schlag oder
Stoß, immer mehr Gewalt mit sich führe, als ein todter Druck, wenn
er gleich noch
stark
ist. Diese Beobachtung war vielleicht der Saame
eines Gedankens, der unter den Händen des Herrn von
Leibnitz nicht
unfruchtbar bleiben konte, und
der nach der Hand zu der Größe eines der berühmtesten
Lehrgebäuden erwuchs.
XII.
Ueberhaupt zu reden,
scheinet die Sache der lebendigen Kräfte so zu sagen recht dazu
gemacht zu seyn, daß der Verstand einmal, es
hätte auch zu einer Zeit seyn mögen welche es wollte, durch
dieselbe muste verführet werden. Die überwältigten
Hindernisse der Schwere, die verrückte Materien, die zugedrückte Federn, die
bewegte Massen, die in zusammengesetzter Bewegung entspringende Geschwindigkeiten, alles stimmet auf eine wunderbare
Art zusammen, den Schein der Schätzung nach dem
Quadrat zuwege zu bringen. Es giebt eine Zeit,
darinn die Vielheit der Beweise dasjenige gilt,
was zu einer andern ihre Schärfe und Deutlichkeit ausrichten
würde. Diese Zeit ist itzo unter den Vertheidigern der lebendigen
Kräfte vorhanden. Wenn sie bey einem oder dem andern von
ihren Beweisen etwa wenig Ueberzeugung
fühlen, so befestiget der Schein der Wahrheit, der
sich dagegen von desto mehr Seiten hervorthut, ihren Beyfall und läßt ihn nicht wankend werden.
XIII.
Es ist schwerer zu
sagen, auf welcher Seite sich bis daher in der Streitsache der
lebendigen Kräfte die Vermuthung des Sieges
am meisten gezeiget habe. Die zwey Herren Bernoulli, Herr von
Leibnitz und
Herrmann, die an der Spitze der
Philosophen ihrer Nation standen, konnten durch das Ansehen der
übrigen Gelehrten von Europa nicht überwogen werden. Diese Männer, die
alle Waffen der Geometrie in ihrer Macht hatten, waren allein
vermögend eine Meynung empor zu halten, die sich vielleicht nicht
hätte zeigen dörfen, wenn sie sich in den Händen eines minder
berühmten Vertheidigers befunden hätte.
So wohl die Parthey des
Cartesius, als die des Herrn von Leibnitz, haben vor ihre Meynung alle die
Ueberzeugung empfunden, der man in der menschlichen Erkenntniß
gemeiniglich nur fähig ist. Man hat von beyden Theilen über
nichts als das Vorurtheil der Gegner geseufzet, und jedwede Parthey hat
geglaubet, ihre Meynung würde unmöglich können in Zweifel
gezogen werden, wenn die Gegner derselben sich
nur die Mühe nehmen wollten, sie in einem rechten
Gleichgewichte der Gemüthsneigungen
anzusehen.
Indessen zeiget sich
doch ein gewisser merkwürdiger Unterscheid, unter der Art, womit
sich die Parthey der lebendigen Kräfte zu
erhalten suchet, und unter derjenigen, womit die Schätzung des
Cartesius sich vertheidiget. Diese
beruffet sich nur auf einfache Fälle, in denen
die Entscheidung der Wahrheit und des Irrthums leicht und
gewiß ist, jene im Gegentheil machet ihre Beweise so verwickelt und
dunkel als möglich, und rettet sich so zu sagen durch Hülfe der
Nacht aus einem Gefechte, darinn sie vielleicht bey
einem rechten Lichte der Deutlichkeit allemal den kürzern
ziehen würde.
Die
Leibnitzianer
haben auch noch fast alle Erfahrungen auf ihrer Seite; dies ist
vielleicht das einzige, was sie vor den Cartesianern voraus haben.
Die Herren Poleni, s’ Gravesande, und
van Musschenbroeck
haben ihnen diesen Dienst geleistet, davon die Folgen vielleicht vortrefflich seyn
würden, wenn man sich derselben richtiger bedient hätte.
Ich werde in diesem Vorberichte keine Erzählung von
demjenigen machen, was ich in gegenwärtiger Abhandlung in der Sache
der lebendigen Kräfte zu leisten gedenke. Dieses Buch hat
keine andere Hoffnung gelesen zu werden, als diejenige, die es auf
seine Kürze bauet; es wird also dem Leser leicht seyn sich seinen
Inbegrif selber bekannt zu machen.
Wenn ich meiner eigenen Einbildung etwas zutrauen dürfte:
so würde ich sagen meine Meynungen könten einige nicht
unbequeme Handleistungen thun, eine der größten Spaltungen die itzo unter
den Geometrern von Europa herrschet beyzulegen. Allein diese
Ueberredung ist eitel: Das Urtheil eines Menschen
gilt nirgends weniger als in seiner eigenen Sache. Ich bin vor die
meinige so sehr nicht eingenommen, daß ich ihr zum besten einem Vorurtheile der
Eigenliebe Gehör geben wollte. Indessen mag es hiemit beschaffen seyn wie es wolle, so unterstehe ich es mir doch mit Zuversicht
vorauszusagen: Dieser Streit werde entweder im kurzen abgethan werden oder er werde niemals aufhören.
Erstes Hauptstück,
von der Kraft der Körper überhaupt.
§ 1.
Jedweder Körper hat
eine wesentliche Kraft.Weil ich glaube, daß es etwas zu der Absicht
beytragen kan, welche ich habe, die Lehre von
den lebendigen Kräften einmal gewiß und
entscheidend zu machen, wenn ich vorher einige metaphysische Begriffe von der Kraft der
Körper überhaupt festgesetzet habe; so werde ich hievon den
Anfang machen.
Man sagt, daß ein Körper
der in Bewegung ist, eine Kraft habe. Denn Hindernisse
überwinden, Federn spannen, Massen verrücken; dieses nennet alle Welt
würken. Wenn man nicht weiter siehet als etwa die Sinne lehren, so
hält man diese Kraft vor etwas was dem Körper ganz und gar von
draussen mitgetheilet worden, und wovon er
nichts hat wenn er in Ruhe ist. Der ganze Haufe der Weltweisen
vor Leibnitzen, war
dieser Meynung, den einzigen Aristoteles
ausgenommen. Man glaubt die dunkele Entelechie dieses Mannes sey das
Geheimniß vor die Würkungen der Körper. Die Schullehrer insgesamt,
die alle dem Aristoteles folgeten, haben dieses Rätzel nicht
begriffen, und vielleicht ist es
auch nicht dazu gemacht gewesen daß es jemand
begreiffen sollte. Leibnitz dem die
menschliche Vernunft so viel zu verdanken hat, lehrete zuerst, daß dem
Körper eine wesentliche Kraft beywohne, die ihm so gar noch vor der
Ausdehnung zukommt. Est aliquid praeter extensionem imo extensione prius; dieses sind seine Worte.
§ 2.
Diese Kraft der Körper nannte Leibnitz überhaupt die würkende Kraft.
Der Erfinder nennete diese Kraft, mit dem allgemeinen Namen der würkenden Kraft. Man hätte ihm in
den Lehrgebäuden der Metaphysik nur auf
dem Fusse nachfolgen sollen; allein man hat diese Kraft etwas näher
zu bestimmen gesucht. Der Körper, heißt
es, hat eine bewegende Kraft, denn man siehet ihn sonsten nichts
thun als Bewegungen hervorbringen. Wenn er drucket, so strebt er
nach der Bewegung, allein alsdenn ist die Kraft in der Ausübung
wenn die Bewegung würklich ist. Ich behaupte aber daß wenn man dem
Körper eine wesentliche bewegende Kraft (vim
motricem) beyleget, damit
man eine Antwort auf die Frage von der Ursache der Bewegung
fertig habe, so übe man in gewisser Maaße den Kunstgriff aus, dessen
sich die Schullehrer bedienten, indem sie in der Untersuchung der
Gründe der Wärme, oder der Kälte, zu einer vi calorifica oder frigifaciente
ihre Zuflucht nahmen.
§
3.
Man
sollte billig
die wesentliche Kraft
vim activam nennen.Man redet nicht richtig, wenn man die Bewegung zu einer Art Würkungen machet, und ihr deswegen
eine gleichnamige Kraft beyleget. Ein Körper dem unendlich wenig Widerstand
geschiehet, der mithin fast gar nicht würket, der hat am meisten Bewegung. Die
Bewegung ist nur das äusserliche Phänomenon
des Zustandes des Körpers, da er zwar nicht würket, aber
doch bemühet ist zu würken, allein wenn er seine Bewegung durch
einen Gegenstand plötzlich verlieret, das ist
in dem Augenblicke darin er zur Ruhe gebracht
wird darin würkt er. Man sollte daher die Kraft einer Substanz
nicht von demjenigen benennen was gar keine Würkung ist, noch viel
weniger aber von den Körpern die im Ruhestande würken, (z. E. von
einer Kugel die den Tisch worauf sie lieget durch ihre Schweere
drücket,) sagen daß sie eine Bemühung haben sich zu bewegen. Denn
weil sie alsdenn nicht würken würden wenn sie sich bewegten, so
müßte man sagen: indem ein Körper würket, so hat er eine Bemühung
in den Zustand zu gerathen darin er nicht würket. Man wird also
die Kraft eines Körpers viel eher eine vim activam
überhaupt, als eine vim motricem nennen sollen.
§ 4.
Wie die
Bewegung aus
der würkenden Kraft
überhaupt
kan erkläret werden.Es
ist aber nichts leichter, als den Ursprung
dessen was wir Bewegung nennen aus den
allgemeinen Begriffen der würkenden Kraft herzuleiten. Die Substanz
A, deren Kraft dahin
bestimmt wird ausser sich zu würken, (das ist den innern Zustand anderer Substanzen zu
ändern,) findet entweder in dem ersten
Augenblicke ihrer Bemühung sogleich einen Gegenstand
der ihre ganze Kraft erduldet, oder sie
findet einen solchen nicht. Wenn das erstere allen Substanzen
begegnete, so würden wir gar keine Bewegung kennen, wir würden also
auch die Kraft der Körper von derselben nicht benennen. Wenn aber die
Substanz A in dem Augenblicke ihrer Bemühung ihre
ganze Kraft nicht anwenden kan, so wird sie nur einen Theil
derselben anwenden. Sie kan aber mit dem übrigen Theile
derselben nicht unthätig bleiben. Sie muß vielmehr mit ihrer ganzen Kraft würken, denn sie würde sonsten
aufhören eine Kraft zu heissen wenn sie nicht ganz angewandt
würde. Daher weil die Folgen dieser Ausübung in dem coexistirenden Zustande
der Welt nicht anzutreffen sind, wird man sie in der zweyten
Abmessung derselben, nemlich in der succeßiven Reihe der Dinge
finden müssen. Der Körper wird daher seine Kraft nicht auf einmal,
sondern nach und nach anwenden. Er kan aber in den nachfolgenden
Augenblicken in eben dieselbe Substanzen nicht würken
in die er gleich anfänglich würkte, denn diese erdulden nur den
ersten Theil seiner Kraft, das übrige aber sind sie nicht
fähig anzunehmen; also würket A
nach und nach immer in andere Substanzen. Die Substanz C aber in die er im zweyten Augenblicke
würket, muß gegen A eine
ganz andere Relation des Orts und der Lage haben, als
B, in welches er gleich
anfangs würkete, denn sonst wäre kein Grund,
woher A nicht im Anfange
auf einmal sowohl in die Substanz C als in B gewürkt hätte. Eben
so haben die Substanzen, in die er in den nachfolgenden
Augenblicken würket, jedwede eine verschiedene
Lage gegen den ersten Ort des Körpers A. Das heißt,
A verändert seinen Ort
indem er succeßive würket.
§ 5.
Was vor Schwierigkeiten daraus, in die Lehre, von der
Würkung des Körpers in die Seele, fließen; wenn
man diesen keine andere
Kraft als die vim motricem beyleget.Weil wir nicht deutlich gewahr werden was ein Körper thut, wenn er im Zustande der Ruhe würket,
so denken wir immer auf die Bewegung
zurück die erfolgen würde, wenn
man den Widerstand wegräumete. Es wäre genug sich derselben
dazu zu bedienen, daß man einen äusserlichen Character von demjenigen
hätte, was in dem Körper vorgehet und was wir nicht sehen
können. Allein gemeiniglich wird die Bewegung als dasjenige
angesehen, was die Kraft thut wenn sie recht losbricht, und was
die einzige Folge derselben ist. Weil es so leicht ist sich
von diesem kleinen Abwege auf die rechte Begriffe
wiederzufinden, so sollte man nicht
denken daß ein solcher Irrthum von Folgen wäre. Allein er ist es in der
That, obgleich nicht in der Mechanik und
Naturlehre. Denn eben daher wird es in der Metaphysik so
schwer, sich vorzustellen, wie die Materie im
Stande sey, in der Seele des Menschen auf eine in der That
würksame Art, (das ist, durch den physischen Einfluß) Vorstellungen
hervorzubringen. Was thut die Materie anders, sagt man, als daß sie Bewegungen
verursache? daher wird alle
ihre Kraft darauf hinaus laufen, daß sie höchstens die Seele
aus ihrem Orte verrücke. Allein wie ist es
möglich daß die Kraft, die allein
Bewegungen hervorbringet, Vorstellungen und Ideen erzeugen
sollte? Dieses sind ja so unterschiedene
Geschlechter von Sachen, daß es nicht begreiflich
ist, wie eine die Quelle der andern seyn
könne.
§ 6.
Die Schwierigkeit die hieraus
entspringet, wenn von der Würkung der Seele in den Körper die Rede ist. Und wie diese durch die
Benennung einer vis
actiuae überhaupt könne
gehoben werden.Eine gleiche Schwierigkeit äussert sich, wenn die
Frage ist, ob die Seele auch im Stande
sey die Materie in Bewegung zu setzen. Beyde Schwierigkeiten
verschwinden aber, und der
physische Einfluß bekommt kein geringes Licht, wenn man die Kraft der Materie, nicht auf
die Rechnung der Bewegung, sondern der
Würkungen in andre Substanzen, die man nicht
näher bestimmen darf setzet. Denn die
Frage, ob die Seele Bewegungen verursachen könne, das ist, ob sie
eine bewegende Kraft habe, verwandelt sich in
diese: ob ihre wesentliche Kraft zu einer Würkung nach draussen könne bestimmet werden, das
ist, ob sie ausser sich in andere Wesen
zu würken und Veränderungen hervorzubringen fähig sey? Diese Frage
kan man auf eine ganz entscheidende Art
dadurch beantworten: daß die Seele nach
draussen aus diesem Grunde müsse würken können, weil
sie in
einem Orte ist. Denn wenn wir den Begriff von demjenigen
zergliedern, was wir den Ort
nennen, so findet man, daß er die Würkungen der Substanzen in einander andeutet. Es hat also einen
gewissen scharfsinnigen
Schriftsteller nichts mehr verhindert, den
Triumph des physischen Einflußes über die vorherbestimmte Harmonie
vollkommen zu machen, als diese
kleine Verwirrung der Begriffe, aus der man sich leichtlich
herausfindet, so bald man nur seine
Aufmerksamkeit darauf richtet.
Wenn man
die Kraft
der Körper
überhaupt
nur
eine würkende
Kraft nennet, so
begreift
man leicht, wie
die Materie
die Seele zu
gewissen
Vorstellungen bestimmen
könne.Eben so leicht ist es auch die Art vom
paradoxen Satze zu begreifen, wie es nemlich
möglich sey: daß die Materie von der
man doch in der Einbildung stehet, daß sie nichts als nur Bewegungen verursachen könne,
der Seele gewisse Vorstellungen und
Bilder eindrücke. Denn die Materie,
welche in Bewegung gesetzet worden, würket in alles, was mit ihr dem Raum nach verbunden
ist, mithin auch in die Seele; das ist,
sie verändert den innern Zustand
derselben, in so weit er sich auf das äussere beziehet. Nun ist der ganze innerliche
Zustand der Seele nichts anders, als die
Zusammenfassung aller ihrer
Vorstellungen und Begriffe, und in so weit
dieser innerliche Zustand sich auf das
äusserliche beziehet, heißt er der
status repraesentatiuus
vniuersi; dahero ändert die Materie, vermittelst
ihrer Kraft, die sie in der Bewegung hat, den Zustand der
Seele, wodurch sie sich die Welt vorstellet. Auf diese Weise begreifet
man, wie sie der Seele Vorstellungen eindrücken
könne.
§ 7.
Es
können Dinge
würklich existiren, dennoch
aber nirgends in
der Welt
verhanden
seyn.Es ist schwer in einer Materie, die von so
weitem Umfange ist, nicht auszuschweifen;
allein ich muß mich doch nur wieder zu
dem wenden, was ich von der Kraft der Körper habe anmerken wollen. Weil alle
Verbindung und Relation, ausser einander
existirender Substanzen, von den gewechselten
Würkungen, die ihre Kräfte gegen einander ausüben herrühret, so laßt uns sehen, was
vor Wahrheiten aus diesem Begriffe der Kraft können
hergeleitet werden. Entweder ist eine Substanz mit andern ausser ihr in
einer Verbindung und Relation, oder sie ist es nicht.
Weil ein jedwedes selbständiges
Wesen
die vollständige Quelle aller seiner Bestimmungen in sich
enthält, so ist nicht nothwendig zu
seinem Daseyn, daß es mit andern Dingen in Verbindung
stehe. Daher können Substanzen
existiren, und dennoch gar keine äusserliche Relation gegen andere
haben, oder in einer würklichen Verbindung mit ihnen stehen. Weil nun
ohne äusserliche Verknüpfungen, Lagen und Relationen kein Ort
statt findet, so ist es wohl möglich, daß ein Ding würklich
existire, aber doch nirgends in der ganzen Welt verhanden
sey. Dieser
paradoxe Satz, ob er gleich eine Folge, und zwar eine sehr leichte
Folge der bekanntesten Wahrheiten ist, ist so viel ich weiß, noch
von niemanden angemerket worden. Allein es fließen
noch andere Sätze aus derselben Quelle, die nicht minder wunderbar sind,
und den Verstand so zu sagen wider seinen Willen
einnehmen.
§ 8.
Es ist im
recht metaphysischen Verstande wahr,
daß mehr wie eine
Welt existiren könne.Weil man nicht sagen kan, daß etwas ein Theil von einem Ganzen sey, wenn es mit den übrigen
Theilen in gar keiner Verbindung stehet;
(denn sonsten würde kein Unterscheid unter
einer würklichen Vereinigung, und unter einer eingebildeten zu finden seyn,) die Welt aber
ein würklich zusammen gesetztes Wesen
ist, so wird eine Substanz, die mit keinem Dinge in der ganzen Welt
verbunden ist, auch zu der Welt gar
nicht gehören, es sey denn etwa in Gedanken, das heißt es wird kein Theil von derselben
seyn. Wenn dergleichen Wesen viel sind, die mit keinem Dinge
der Welt in Verknüpfung stehen, allein gegen einander eine
Relation haben, so entspringet daraus ein ganz besonder
Ganzes, sie machen eine ganz besondere Welt aus. Es ist daher nicht
richtig geredet, wenn man in den Hörsälen der Weltweisheit immer
lehret, es könne im metaphysischen
Verstande, nicht mehr wie eine einzige Welt existiren. Es ist würklich möglich,
daß GOtt viel Millionen Welten, auch in recht metaphysischer Bedeutung
genommen, erschaffen habe; daher bleibet es unentschieden, ob sie auch würklich existiren, oder nicht.
Der Irrthum, den man hierinn begangen, ist ohnfehlbar daher
entstanden, weil man auf die Erklährung von der Welt nicht
genau Acht gehabt hat. Denn die Definition rechnet nur dasjenige zur
Welt, was mit den übrigen Dingen in einer würklichen Verbindung stehet,
Mundus
est rerum omnium contingentium simultanearum &
successiuarum inter se connexarum series.
das Theorem aber vergißt, diese
Einschränkung, und redet von allen existirenden
Dingen überhaupt.
§ 9.
Wenn
die Substanzen keine
Kraft hätten
ausser sich zu
würken, so würde
keine Ausdehnung, auch
kein Raum seyn.Es
ist leicht zu erweisen, daß kein Raum und keine Ausdehnung seyn würden, wenn die Substanzen
keine Kraft hätten ausser sich zu würken.
Denn ohne diese Kraft ist keine
Verbindung, ohne diese keine Ordnung, und ohne diese endlich kein Raum. Allein es ist etwas
schwerer einzusehen, wie aus dem Gesetze,
nach welchem diese Kraft der Substanzen
ausser sich würket, die Vielheit der Abmessungen des Raumes
herfolge.
Der
Grund von der
dreyfachen
Dimension
des Raumes
ist noch unbekannt.Weil ich in dem Beweise, den Herr
von Leibnitz irgendwo in der Theodicee von der Anzahl der
Linien hernimmt, die von einem Puncte
winkelrecht gegen einander können gezogen
werden, einen Zirkelschluß wahrnehme,
so habe ich darauf gedacht, die
dreyfache Dimension der Ausdehnung, aus
demjenigen zu erweisen, was man bey den Potenzen der Zahlen wahrnimmt. Die drey
ersten Potenzen derselben sind ganz einfach, und
lassen sich auf keine andere reduciren, allein die vierte, als
das Quadratoquadrat, ist nichts als eine Wiederholung der zweyten
Potenz. So gut mir diese Eigenschaft der Zahlen schien, die
dreyfache Raumes-Abmessung
daraus zu erklären, so hielte sie in der Anwendung doch nicht
Stich. Denn die vierte Potenz ist in allem demjenigen, was wir uns
durch die Einbildungs-Kraft vom Raume vorstellen können, ein Unding. Man
kan in der Geometrie kein Quadrat mit sich selber, noch den
Würfel mit seiner Wurzel multipliciren; daher beruhet die
Nothwendigkeit der dreyfachen
Abmessung, nicht so wohl darauf, daß wenn man mehrere
setzte, man nichts anders thäte, als daß die vorigen wiederholt
würden, (so wie es mit den Potenzen der Zahlen beschaffen ist,)
sondern vielmehr auf einer gewissen andern
Nothwendigkeit, die ich noch nicht zu erklären im Stande bin.
§ 10.
Es ist
wahrscheinlich daß die
dreyfache Abmessung
des Raumes
von dem
Gesetze herrühre
nach welchem
die Kräfte
derer Substanzen in
einander würken.Weil alles, was unter den Eigenschaften eines
Dinges vorkömmt, von demjenigen muß
hergeleitet werden können, was den
vollständigen Grund von dem Dinge selber in sich enthält, so werden sich auch die Eigenschaften
der Ausdehnung mithin auch die dreyfache
Abmessung derselben, auf
die Eigenschaften der Kraft gründen, welche die Substanzen, in Absicht auf die Dinge, mit denen sie
verbunden
sind, besitzen. Die Kraft, womit eine Substanz in der Vereinigung mit andern würkt, kan nicht
ohne ein gewisses Gesetze gedacht
werden, welches sich in der Art seiner Würkung
hervorthut. Weil die Art des Gesetzes, nach welchem die Substanzen in einander würken, auch die Art
der Vereinigung und Zusammensetzung vieler derselben
bestimmen muß, so wird das Gesetz, nach welchem eine ganze Sammlung
Substanzen (das ist ein Raum) abgemessen wird, oder die Dimension
der Ausdehnung, von den Gesetzen
herrühren, nach welchen die Substanzen vermöge ihrer
wesentlichen Kräfte sich zu vereinigen suchen.
Die
dreyfache Abmessung scheinet
daher zu rühren,
weil die
Substanzen in der
existirenden
Welt so in
einander würken, daß
die Stärke
der Wirkung,
sich wie
das Quadrat
der Weiten
umgekehrt
verhält.Diesem zu
folge, halte ich davor: daß die Substanzen in der existirenden Welt, wovon wir ein Theil
sind, wesentliche Kräfte von der Art
haben, daß sie in Vereinigung mit einander nach der doppelten
umgekehrten Verhältniß der
Weiten ihre Würkungen von sich ausbreiten; zweytens, daß das Ganze, was daher entspringet,
vermöge dieses
Gesetzes die Eigenschaft der dreyfachen
Dimension habe;
drittens, daß dieses Gesetze willkührlich sey, und
daß GOtt davor ein anderes, zum Exempel
der umgekehrten dreyfachen
Verhältniß hätte wählen können; daß endlich viertens aus einem andern Gesetze, auch eine
Ausdehnung von andern
Eigenschaften und Abmessungen geflossen
wäre. Eine Wissenschaft von allen
diesen möglichen Raumes-Arten, wäre ohnfehlbar die höchste Geometrie die ein
endlicher Verstand unternehmen
könnte. Die Unmöglichkeit, die wir bey uns
bemerken, einen Raum von mehr als drey
Abmessungen uns vorzustellen, scheinet mir daher zu
rühren, weil unsere Seele ebenfalls nach dem Gesetze
der umgekehrten doppelten Verhältniß der Weiten die
Eindrücke von
draussen empfängt, und weil ihre Natur selber dazu gemacht ist,
nicht allein so zu leiden, sondern auch auf diese Weise ausser
sich zu würken.
§ 11.
Die
Bedingung, unter
der es
wahrscheinlich ist, daß es viel
Welten gebe.Wenn es möglich ist, daß es Ausdehnungen von andern Abmessungen gebe, so ist es auch sehr
wahrscheinlich, daß sie GOtt würklich irgendwo angebracht
hat. Denn seine Werke haben alle die
Größe und Mannigfaltigkeit, die sie nur fassen können. Räume von dieser
Art könnten nun unmöglich mit solchen in
Verbindung stehen, die von ganz andern Wesen sind; daher
würden dergleichen Räume zu unserer Welt gar nicht gehören, sondern
eigene Welten ausmachen müssen. In dem vorigen habe ich
gezeiget, daß mehr Welten im metaphysischen Verstande genommen,
zusammen existiren könten, allein hier ist zugleich die
Bedingung, die, wie mir deucht die einzige ist, weswegen es auch
wahrscheinlich wäre, daß viele Welten würklich
existiren. Denn wenn nur die einzige Raumes-Art, die nur eine dreyfache
Abmessung leidet, möglich ist, so
würden die andere Welten, die ich ausserhalb derjenigen setze, worinnen wir existiren, mit der
unsrigen dem Raume nach können verbunden werden; weil sie
Räume von einerley Art sind. Daher würde sichs fragen, warum GOtt die
eine Welt von der andern gesondert habe, da er doch durch ihre
Verknüpfung seinem Werke eine größere Vollkommenheit mitgetheilet
haben würde; denn jemehr Verbindung, desto
mehr Harmonie und Uebereinstimmung ist in der
Welt, da hingegen Lücken und Zertrennungen die Gesetze der
Ordnung und der Vollkommenheit verletzen. Es ist also nicht wahrscheinlich, daß
viele Welten existiren, (ob es gleich an sich möglich ist,)
es sey denn, daß vielerley
Raumes-Arten, von denen ich itzo
geredet habe, möglich sind.
Diese
Gedanken können der Entwurf zu einer Betrachtung
seyn, die ich mir vorbehalte. Ich kan aber nicht leugnen, daß
ich sie so mittheile, wie sie mir beyfallen, ohne ihnen durch eine
längere Untersuchung ihre Gewißheit zu
verschaffen. Ich bin daher bereit sie wieder zu verwerfen, so bald
ein reiferes Urtheil mir die Schwäche derselben aufdecken
wird.
§ 12.
Einige
Metaphysiklehrer behaupten, daß der
Körper, vermöge
seiner Kraft, sich
nach allen
Gegenden zur
Bewegung bestrebe.Die neueste
Weltweisheit setzet gewisse Begriffe von der wesentlichen Kraft der Körper fest, die nicht
allerdings
können gebilliget werden. Man nennet dieselbe eine
immerwährende Bestrebung zur Bewegung.
Ausser dem Fehler, den dieser Begriff, wie ich im Anfange
gezeiget habe, mit sich führet, ist noch ein anderer, von
dem ich anitzt reden will. Wenn die Kraft eine immerwährende
Bemühung zum Würken ist, so wäre es ein offenbarer
Wiederspruch wenn man sagen wollte, daß diese
Anstrengung der Kraft in Absicht auf die äussern Dinge ganz und
gar unbestimmt sey. Denn vermöge ihrer Definition, ist sie ja
dahin bemühet ausser sich in andere Dinge zu würken; ja
nach denen angenommenen Lehrsätzen derer
neuesten Metaphysiklehrer, würket sie würklich in dieselbe. Es
scheinen daher diejenigen am
richtigsten zu reden, die da sagen, daß sie vielmehr
nach allen Gegenden gerichtet sey, als daß sie in Absicht auf
die Richtung ganz und gar unbestimmt sey. Der berühmte Herr Hamberger
behauptet daher, daß die
substantielle Kraft der Monaden sich nach allen Gegenden zur
Bewegung gleich bestrebe, und sich daher, so wie
eine Wage, durch die Gleichheit der Gegendrücke in Ruhe
erhalte.
§ 13.
Erster
Einwurf gegen
diese Meynung.Nach diesem System, entstehet die Bewegung,
wenn das Gleichgewicht zweyer entgegen
gesetzter Tendenzien gehoben ist, und der Körper bewegt sich nach der
Richtung der grösseren Tendenz, mit dem Uebermaße der Kraft, das
diese über die entgegen gesetzte kleinere erhalten hat. Diese
Erklärung befriediget die Einbildungskraft noch zwar in dem
Falle, da der bewegende Körper mit dem bewegten immer zugleich
fortrücket. Denn dieser Fall ist demjenigen ähnlich, da jemand mit der Hand, eine von zweyen
gleichwiegenden
Waagschalen unterstützet, und hiedurch die Bewegung der
andern verursachet. Allein ein Körper, dem seine Bewegung durch
einen Stoß mitgetheilet worden, setzet dieselbe ins unendliche fort,
ungeachtet die antreibende Gewalt aufhöret in ihn zu würken. Nach dem
angeführten Lehrgebäude aber, würde er seine
Bewegung nicht fortsetzen können, sondern, so bald der
antreibende Körper abliesse in ihn zu würken, würde er auch plötzlich
in Ruhe gerathen. Denn weil die nach allen Gegenden gerichtete
Tendenzien, der Kraft des Körpers, von seiner
Substanz unzertrennlich sind, so
wird das Gleichgewicht dieser
Neigungen sich
den Augenblick wieder herstellen, so bald die äusserliche
Gewalt, die sich der einen Tendenz entgegen gesetzt hatte, zu
würken aufhöret.
§ 14.
Zweyter
Einwurf gegen
dieselbe
Meynung.
Es
ist dieses aber nicht die einzige Schwierigkeit. Weil ein Ding durchgängig bestimmt seyn muß, so
wird die Bestrebung zur Bewegung, welche
die Substanzen nach allen Gegenden ausüben, einen gewissen
Grad der Intensität haben müssen. Denn unendlich kan sie nicht
seyn; allein eine endliche Bemühung zum
würken, ohne eine gewisse Größe der Anstrengung,
ist unmöglich: Daher weil der Grad der Intensität endlich,
und bestimmt ist, so setze man: daß ein Körper A von gleich großer Masse,
gegen ihn mit einer Gewalt anlaufe, die dreymal stärker ist als
alle die Bemühung zur Bewegung, die dieser
in der wesentlichen Kraft seiner Substanz hat, so wird
er dem anlaufenden nur den dritten Theil seiner Geschwindigkeit durch
seine vim inertiae benehmen
können: Er wird aber auch selber keine größere
Geschwindigkeit erlangen, als die dem Drittheil von der
Geschwindigkeit des bewegenden Körpers gleich
ist. Nach verrichtetem Stoße also wird A als der anlaufende Körper
sich mit zwey Graden Geschwindigkeit, B aber nur mit einem
Grade, in eben derselben Richtung fortbewegen sollen. Weil nun
B
dem Körper A
im Wege steht, und so viele Geschwindigkeit nicht
annimmt, als er nöthig hat, damit er der Bewegung des Körpers
A nicht
hinderlich sey; weil er diesem
ungeachtet dieses seine Bewegung doch
nicht vermögend ist aufzuhalten, so wird sich A würklich nach der
Richtung A C
Fig. I.
mit der Geschwindigkeit 2, B aber, welches dem Körper A im Wege ist, nach eben dieser Richtung mit
der Geschwindigkeit wie 1 bewegen, beyderseits Bewegungen aber
werden dennoch ungehindert vor sich gehen. Dieses ist aber
unmöglich, es sey denn, daß man setzen wollte, B würde von A durchdrungen, welches aber eine
metaphysische Ungereimtheit
ist.
Man begreifet dieses noch deutlicher, wenn man erweget, daß der Körper
A nach verrichtetem
Stoße werde in C seyn,
wenn B den Punct
D, der die Linie
A C auf die Helfte theilet,
noch nicht überschritten hat; mithin werde jener diesen haben
durchdringen müssen, denn sonst hätte er vor ihm keinen Vorsprung
erlangen können.
§ 15.
Doppelte
Eintheilung der Bewegung.
Es ist Zeit, daß ich diese metaphysische
Vorbereitung endige. Ich kan
aber nicht umhin noch eine Anmerkung beyzufügen, die ich zum Verstande des folgenden vor
unentbehrlich halte.
Die Begriffe von dem todten Drucke und
von dem Maaße desselben die in der Mechanick
vorkommen, setze ich bey meinen Lesern voraus, und überhaupt werde ich in
diesen Blättern keine vollständige
Abhandlung von allen dem, was zu
der Lehre der lebendigen und todten Kräfte gehöret, vortragen;
sondern nur einige geringe Gedanken
entwerfen, die mir neu zu seyn scheinen, und meiner Haupt-Absicht beförderlich seyn, das
Leibnitzische
Kräften-Maaß zu
verbessern. Daher theile ich alle Bewegungen in zwey Haupt-Arten ein. Die eine hat die
Eigenschaft, daß sie sich in dem Körper dem sie
mitgetheilet worden selber erhält, und ins
unendliche fortdauret, wenn keine Hinderniß sich entgegen setzet. Dieandere ist eine
immerwährende Würkung, einer stets antreibenden Kraft, bey
der nicht einmal ein Widerstand nöthig ist, sie zu
vernichten, sondern die nur auf die äusserliche
Kraft beruhet, und eben so bald verschwindet, als diese
aufhöret sie zu erhalten. Ein Exempel von der ersten Art, sind
die geschossene Kugeln und alle geworfene Körper;
von der zweyten Art, ist die Bewegung einer
Kugel, die von der Hand sachte fortgeschoben wird, oder
sonst alle Körper die getragen, oder mit mäßiger
Geschwindigkeit gezogen werden.
§ 16.
Die
Bewegung von der
zweyten Art ist
vom todten
Drucke nicht
unterschieden.Man begreift leicht, ohne sich in
eine tiefe Betrachtung der Metaphysick einzulassen, daß die Kraft,
die sich in der Bewegung von der ersten
Art äussert, in Vergleichung der Kraft von dem zweyten Geschlechte,
etwas unendliches hat. Denn diese
vernichtet sich zum Theile selber, und höret
von selber plötzlich auf, so bald sich die antreibende Kraft
entziehet; man kan sie daher ansehen, als wenn
sie jeden Augenblick verschwünde, aber auch eben so oft
wieder erzeuget werde. Da hingegen jene eine innerliche
Quelle einer an sich unvergänglichen
Kraft ist, die in einer fortdaurenden Zeit ihre Würkung
verrichtet. Sie verhält sich also
zu jener wie ein Augenblick zur Zeit, oder wie der Punct zur
Linie. Es ist daher eine Bewegung von
dieser Art
von dem todten Drucke nicht unterschieden, wie Herr Baron Wolf in seiner Cosmologie schon angemerket
hat.
§
17.
Die
Bewegung von der
ersten Art setzet
eine Kraft voraus, die sich wie
das Quadrat
der Geschwindigkeit verhält.Weil ich von der Bewegung eigentlich reden
will, die sich in einem leeren Raume in
Ewigkeit von selber erhält;
so will mit wenigem die Natur
derselben, nach den Begriffen der
Metaphysick, ansehen. Wenn ein
Körper, in freyer
Bewegung, in einem unendlich subtilen Raume läuft, so kan seine Kraft nach der Summe aller
der Würkungen, die er in Ewigkeit
thut, abgemessen werden. Denn wenn
dieses Aggregat seiner ganzen Kraft nicht gleich wäre, so
würde man, um eine Summe zu finden, die der
ganzen Intensität der Kraft gleich sey, eine längere Zeit
nehmen müssen, als die unendliche Zeit ist, welches
ungereimt ist. Man vergleiche nun zweene Körper
A, und B, von denen A eine Geschwindigkeit wie 2,
B aber eine solche wie 1 hat, so
drucket A, von dem Anfange
seiner Bewegung an, in Ewigkeit, die
unendlich kleine Massen des Raumes, den er durchläuft, mit
doppelt mehr Geschwindigkeit wie B, allein er legt auch in dieser
unendlichen Zeit einen zweymal größeren Raum
zurück als B, also ist die ganze Größe der Würkung, welche
A verrichtet,
dem Product aus der Kraft, womit er denen kleinen Theilen
des Raumes begegnet, in die Menge dieser Theile, proportionirt,
und eben so ist es mit der Kraft von B beschaffen. Nun sind beyder ihre
Würkungen, in die kleine Moleculas des Raumes,
ihren Geschwindigkeiten proportionirt, und die Menge dieser Theile sind
ebenfalls wie die Geschwindigkeiten, folglich ist die Größe der ganzen Würkung eines
Körpers zu der ganzen Würkung des andern,
wie das Quadrat ihrer Geschwindigkeiten, und also sind ihre Kräfte auch in dieser
Verhältniß.
Weil ich in dieser Schrift eigentlich der Meynung des Herrn
von
Leibnitz gewisse Einwürfe entgegen
setzen will, so scheint es, daß ich mir selber widerspreche, da ich in
diesem § einen Beweiß zur Bestätigung seiner Meynung darbiete. Allein
in dem letzten Capitel werde ich zeigen, daß
des Herrn von
Leibnitz Meynung, wenn sie nur auf gewisse Weise
eingeschränkt wird, würklich statt habe.
§ 18.
Zweyter
Grund hievon.Zum bessern Begriff dieser Eigenschaft der
lebendigen Kräfte, kan man auf dasjenige
zurück denken, was im 16ten § gesagt worden. Die todten
Drucke können nichts mehr als die einfache Geschwindigkeit zum Maaße
haben, denn weil ihre Kraft auf den Körpern, die sie ausüben, selber
nicht beruhet, sondern durch eine äußere Gewalt verrichtet wird, so
hat der Widerstand der dieselbe überwältiget, nicht in Absicht auf die
Stärke, mit der sich diese Kraft in dem Körper zu
erhalten sucht, eine gewisse besondere Bemühung nöthig, (denn die Kraft
ist in der würkenden Substanz auf keinerley Weise eingewurzelt und
bemühet, sich in derselben zu erhalten,) sondern sie hat nur die einzige Geschwindigkeit zu vernichten
nöthig, die der Körper gebrauchet den Ort zu verändern. Allein
mit der lebendigen Kraft ist es ganz anders. Weil der Zustand, in
welchem die Substanz sich befindet, indem sie in freyer Bewegung
mit einer gewissen Geschwindigkeit fortläuft, sich auf den
innerlichen Bestimmungen vollkommen gründet; so ist dieselbe
Substanz zugleich dahin bemühet, sich in diesem Zustande
zu erhalten. Der äusserliche Widerstand also muß zugleich neben der
Kraft, die er brauchet, der Geschwindigkeit dieses Körpers die Wage
zu halten, noch eine besondere Gewalt
haben die Bestrebung zu brechen, mit der die innerliche Kraft
des Körpers angestrengt ist, in sich diesen Zustand der Bewegung zu
erhalten, und die ganze Stärke des Widerstandes, der die Körper, die in
freyer Bewegung sich befinden, in Ruhe
versetzen soll, muß also in zusammengesetzter Verhältniß seyn, aus der Proportion der
Geschwindigkeit, und der Kraft, womit der Körper bemühet ist
diesen Zustand der Bemühung in sich zu erhalten; d. i. weil beyde
Verhältnisse einander gleich seyn, so ist die Kraft, die
der Widerstand bedarf, wie das Quadrat der Geschwindigkeit der
anlaufenden Körper.
§ 19.
Ich darf mir nicht versprechen, etwas entscheidendes
und unwidersprechliches,
in einer Betrachtung zu erlangen, die bloß
metaphysisch ist, daher wende
mich zu dem folgenden Capitel,
welches durch die Anwendung der Mathematick,
vielleicht mehr Ansprüche auf die Ueberzeugung
wird machen können. Unsere Metaphysick ist
wie viele andere Wissenschaften in der That nur an der
Schwelle einer recht gründlichen Erkenntniß; GOtt weiß, wenn man sie
selbige wird überschreiten sehen. Es ist nicht schwer ihre Schwäche in
manchem zu sehen, was sie unternimmt. Man findet sehr oft das
Vorurtheil als
die gröste Stärke ihrer Beweise. Nichts ist mehr hieran
Schuld, als die herrschende Neigung derer, die die menschliche
Erkenntniß zu erweitern suchen. Sie wollten gerne eine große
Weltweisheit haben, allein es wäre zu wünschen, daß es auch
eine gründliche seyn möchte. Es ist einem Philosophen
fast die einzige Vergeltung vor seine Bemühung, wenn er nach einer mühsamen Untersuchung sich endlich
in dem Besitze einer recht gründlichen Wissenschaft beruhigen
kan. Daher ist es sehr viel von ihm zu verlangen, daß er nur selten
seinem eigenen Beyfall traue, daß er in seinen eigenen Entdeckungen die
Unvollkommenheiten
nicht verschweige, die er zu verbessern nicht im Stande ist,
und daß er niemals so eitel sey, dem Vergnügen, das die
Einbildung von einer gründlichen Wissenschaft macht, dem wahren Nutzen
der Erkenntniß hindan zu setzen. Der
Verstand ist zum Beyfalle sehr geneigt, und es ist freylich
sehr schwer, ihn lange zurück zu halten; allein
man sollte sich doch endlich diesen Zwang anthun, um einer
gegründeten Erkenntniß alles aufzuopfern, was eine
weitläuftige reizendes an sich hat.
Zweytes Hauptstück,
Untersuchung der Lehr-Sätze der Leibnitzischen
Parthey von den lebendigen Kräften.
§ 20.
Ich finde in der
Abhandlung die Herr Bülfinger der
Petersburgischen Academie überreichet hat, eine
Betrachtung, der ich mich jederzeit als einer Regel in der
Untersuchung der Wahrheiten bedienet habe. Wenn Männer von gutem Verstande, bey denen entweder auf keiner oder auf beyden Theilen die Vermuthung fremder
Absichten zu finden ist, ganz wider einander laufende Meynungen
behaupten, so ist es der Logick der Wahrscheinlichkeiten gemäß,
seine Aufmerksamkeit am meisten auf einen gewissen Mittel-Satz zu richten, der beyden Partheyen in
gewisser Maaße Recht
lässet.
§ 21.
Ich weiß
nicht, ob ich sonst in dieser Art zu denken bin
glücklich gewesen, allein in der Streit-Sache von den lebendigen Kräften
hoffe ich es zu seyn. Niemals hat sich die Welt in gewisse
Meynungen gleicher getheilet als in denen, die das
Kräften-Maaß der
bewegten Körper betreffen. Die Partheyen sind allem Absehen nach
gleich stark, und gleich billig. Es können sich freylich fremde
Absichten mit einmischen,
allein von welcher Parthey sollte man sagen können, daß
sie hievon ganz frey wäre? Ich wähle also den sichersten Weg,
indem ich eine Meynung ergreife, wobey beyde große Partheyen ihre
Rechnung finden.
§ 22.
Leibnitzens und Cartesens Schätzung
der Kräfte.Die Welt hatte vor Leibnitzen dem
einzigen Satze des Cartes
gehuldigt, der überhaupt den Körpern, auch denen die sich in würklicher Bewegung befinden,
zum Maaße ihrer Kraft nur die bloße
Geschwindigkeiten ertheilte. Niemand liesse es
sich beyfallen, daß es möglich wäre in dasselbe einen Zweifel
zu setzen; allein Leibnitz brachte die
menschliche Vernunft durch die Verkündigung eines
neuen Gesetzes plötzlich
in Empörung, welches nach der Zeit eines von denen geworden
ist, die denen Gelehrten den grösten Wettstreit des Verstandes
dargebothen haben. Cartes hatte die Kräfte der bewegten Körper nach den
Geschwindigkeiten schlechthin geschätzet, allein der Herr von
Leibnitz setzte
zu ihrem Maaße das Quadrat ihrer Geschwindigkeit. Diese seine
Regel trug er nicht, wie man denken sollte, nur unter gewissen
Bedingungen vor, die der vorigen annoch einigen Platz
verstatten; nein, sondern er leugnete Cartesens Gesetze absolut und ohne Einschränkung, und
setzte das seinige so fort an dessen Stelle.
§ 23.
Erster Fehler des Leibnitzischen Kräften-Maaßes.
Es sind eigentlich zwey Stücke, die ich an des
Herrn von Leibnitz Regel auszusetzen finde. Dasjenige
wovon ich itzo handeln werde, ziehet in
der Sache der lebendigen Kräfte keine
Folgen von Wichtigkeit nach sich; man kan es aber dennoch nicht
unterlassen anzumerken, damit bey einem so großen Satze nichts
versäumet werde, was ihn von allen kleinen Vorwürfen, die man ihm etwa machen möchte, befreyen kan:
Das
Leibnitzische Kräften-Maaß ist jederzeit in dieser
Formul vorgetragen worden: Wenn ein Körper in
würklicher Bewegungbegriffen
ist, so ist seine Kraft, wie das Quadrat seiner
Geschwindigkeit. Also ist, nach diesem Satze, das
Kennzeichen von diesem Maaße der Kraft nichts wie die
würkliche Bewegung.
Es kan aber ein Körper sich würklich,
bewegen, obgleich seine Kraft nicht größer ist, als
diejenige, die er etwa mit dieser Anfangs-Geschwindigkeit bloß durch den Druck
ausüben würde. Ich habe dieses in dem vorigen Capitel schon erwiesen, und wiederhole es
nochmals. Eine Kugel die ich auf einer glatten Fläche ganz sachte
fortschiebe, höret so gleich auf sich ferner zu bewegen,
wenn ich die Hand abziehe. Es verschwindet also in einer solchen Bewegung die Kraft des
Körpers alle Augenblicke; sie wird aber eben so oft durch einen
neuen Druck wieder hergestellet. In demselben Augenblicke also, da der
Körper den Gegenstand antrift, ist ihm seine Kraft nicht von der
vorigen Bewegung noch eigen, nein, diese ist
schon alle vernichtet, nur diejenige Kraft besitzt er, welche
ihm die antreibende Gewalt in eben diesem Augenblicke mittheilet,
da er den Gegenstand berühret. Man kan ihn also ansehen, als wenn
er sich gar nicht beweget hätte, und als wenn er den Widerstand bloß
im Ruhestande druckte. Ein solcher Körper ist mithin von
demjenigen nicht unterschieden, der einen todten Druck ausübet, und daher
ist seine Kraft nicht wie das Quadrat seiner
Geschwindigkeit, sondern
wie die Geschwindigkeit schlechthin. Dieses
ist also die erste Einschränkung, die ich dem
Leibnitzischen Gesetze
mache. Er hätte nicht eine würkliche
Bewegung allein, als das Kennzeichen der lebendigen Kraft
angeben sollen, es war auch nöthig eine
freye Bewegung hinzuzusetzen.
Denn wenn die Bewegung nicht frey ist, so hat der Körper niemals
eine lebendige Kraft. Nach dieser Bestimmung wird das Leibnitzische Gesetze, wo es sonsten nur richtig
ist, in dieser Formul erscheinen müssen: Ein
Körper der sich in
würklicher und freyer
Bewegung befindet, hat eine Kraft, die dem
Quadrat etc. etc.
§ 24.
Was
eine würkliche Bewegung
sey.Nunmehro mache ich die zweyte Anmerkung, die
uns die Quellen des berüchtigten
Streites entdecken wird, und die vielleicht
auch das einzige Mittel darbiethet, denselben wieder
beyzulegen.
Die Vertheidiger von
der neuen Schätzung der lebendigen Kräfte sind hierinn noch mit
den Cartesianern einig, daß die Körper,
wenn ihre Bewegung nur im Anfange ist, eine Kraft besitzen,
die sich wie ihre bloße Geschwindigkeit verhalte. Allein so bald man
die Bewegung würklich nennen kan, so hat der
Körper, ihrer Meynung nach, das Quadrat der Geschwindigkeit zum
Maaße.
Lasset uns nun
untersuchen, was eigentlich eine würkliche
Bewegung sey. Denn dieses Wort war
die Ursache des Abfalls von Cartesen, allein vielleicht kan sie auch eine
Ursache der Wiedervereinigung werden.
Man nennet eine Bewegung alsdenn
würklich, wenn sie sich
nicht bloß in dem Puncte des Anfangs befindet, sondern wenn
indem sie währet, eine Zeit verflossen ist. Diese
verflossene Zeit, die zwischen dem Anfange der Bewegung, und dem
Augenblicke darinn der Körper würket, darzwischen ist, die macht es
eigentlich, daß man die Bewegung würklich nennen kan.
Man merke aber wohl, daß
diese Zeit
In der Formul des Leibnitzischen Kräftenmaaßes.
nicht etwas von gesetzter und gemessener Größe sey, sondern daß sie
gänzlich undeterminirt ist, und nach Belieben kan
bestimmet werden. Das heißt: man kan sie annehmen so klein man
will, wenn man sie dazu brauchen soll, eine würkliche Bewegung damit anzuzeigen. Denn es ist
nicht die und die Größe der Zeit, welche die Bewegung
eigentlich würklich macht,
nein, die Zeit überhaupt ist es, sie sey so klein, oder so
groß, wie sie wolle.
§
25.
Zweyter
Hauptfehler
des Leibnitzischen Kräften-Maaßes.Demnach ist die, in der Bewegung aufgewandte
Zeit, der wahre und einzige Character der
lebendigen Kraft; und sie allein ist
es, wodurch diese ein besonderes Maaß vor der todten erhält.
Laßt uns nun die Zeit,
die von dem Anfange der Bewegung an verfliesset, bis der
Körper einen Gegenstand antrift, in den er
würket, durch die Linie A B vorstellig machen, wovon der Anfang
in A ist.
Fig. II.
In B hat
der Körper also eine lebendige Kraft, aber im
Anfangspuncte A hat er sie nicht, denn daselbst würde er
einen Widerhalt, der ihm entgegen stünde, bloß mit einer
Bemühung zur Bewegung drucken. Laßt uns aber ferner folgender
Gestalt schliessen. Vors
1ste ist
die Zeit AB eine
solche Bestimmung des Körpers, der sich in B befindet, wodurch in ihn eine lebendige
Kraft gesetzet wird, und der Anfangspunct A (wenn ich nemlich den Körper in
denselben setze,) ist eine Bestimmung, die ein Grund der todten
Kraft ist. Vors
2te. Wenn
ich in Gedanken diese Bestimmung, die durch die Linie AB
ausgedruckt wird, kleiner mache; so setze ich den Körper
dem Anfangspuncte näher, und es läßt sich leicht verstehen,
daß wenn ich dieses fortsetzte, der Körper endlich sich gar in
A selber befinden
würde; folglich wird die Bestimmung AB durch ihre Abkürzung, der
Bestimmung in A immer näher gesetzt werden; denn wenn sie
sich dieser gar nicht näherte, so könte der Körper durch
die Abkürzung der Zeit, wenn ich sie gleich unendlich fortsetzte,
doch niemals den Punkt A
gewinnen, welches ungereimt ist. Es
kömmt also die Bestimmung des Körpers in C, denen Bedingungen der todten Kraft
näher, als in B,
in D noch
näher als in C, und so ferner,
bis er in A selber alle
Bedingungen der todten Kraft hat,
und die Bedingungen zur lebendigen gänzlich verschwunden
sind. Wenn aber
3tens gewisse
Bestimmungen, die die Ursache einer Eigenschaft eines Körpers seyn,
sich nach und nach in andere Bestimmungen verwandeln, die ein Grund einer entgegengesetzten
Eigenschaft sind, so muß die Eigenschaft, die eine Folge der
ersteren Bedingungen war, sich zugleich mit ändern, und sich nach
und nach in diejenige Eigenschaft verwandeln, die eine
Folge der letztern ist.
Nach der Regel posita ratione ponitur
rationatum.
Da nun wenn ich die Zeit AB, (die eine Bedingung einer lebendigen Kraft in
B ist,) in
Gedanken abkürze, diese Bedingung
der lebendigen Kraft, der Bedingung der todten Kraft
nothwendig näher gesetzt wird, als sie in B war; so muß auch der Körper in C würklich eine Kraft haben, die der
todten näher kommt, als die in B, und noch näher, wenn ich ihn in D setzte. Es hat demnach ein
Körper, der unter der Bedingung der verflossenen Zeit eine lebendige
Kraft besitzet, dieselbe nicht in jedweder Zeit,
die so kurz seyn kan, als man will; nein, sie muß determinirt
und gewiß seyn, denn wenn sie kürzer wäre, so würde er diese
lebendige Kraft nicht mehr haben. Es kan also
Leibnitzens
Gesetze, von der Schätzung der Kräfte, nicht statt finden; denn es
legt den Körpern, die sich überhaupt eine Zeit lang bewegt haben, (dies will so viel sagen als
die sich würklich
bewegen) ohne Unterscheid eine lebendige Kraft
bey, diese Zeit mag nun so kurz, oder so lang seyn wie man
wolle.
Der kurze Inhalt dieses Beweises ist folgender. Die Zeit die sich zwischen dem Anfange der
Bewegung, und dem Augenblicke, darinn der Körper anstößt, befindet, kan
so viel kürzer gedacht werden, als beliebig ist, ohne daß sich dadurch
verstehen läßt, daß die Bedingung der lebendigen Kraft sich dadurch
verlieren werde, § 24; nun ist aber diese
Abkürzung ein Grund, woraus verstanden werden kan, daß, wenn man sie
fortsetzete, der Körper endlich werde im Anfangspuncte seyn, wo die
lebendige Kraft sich würklich verlieret, und dagegen die
Bedingung zur todten einfindet; es ist also die Verkleinerung dieser Zeit,
kein Grund, der der Bedingung der lebendigen Kraft etwas entziehet, und
ist doch zugleich ein Grund hiezu: welches sich widerspricht.
§ 26.
Beweiß
eben desselben
aus dem Gesetze
der Continuität.Was ich jetzo erwiesen habe, ist eine ganz
genaue Folge aus dem Gesetze der
Continuität,
dessen
weitläuftigen Nutzen man vielleicht noch nicht genug hat
kennen gelernet. Der Herr von
Leibnitz, der Erfinder
desselben, machte ihn zum Probierstein, an dem die Gesetze
des Cartes die Probe nicht hielten. Ich halte
es vor den grösten Beweiß seiner Vortreflichkeit, daß er fast allein ein Mittel darbietet, das
berufenste Gesetze der ganzen Mechanick recht aufzudecken,
und in der wahren Gestalt zu zeigen.
Man darf nur seine
Aufmerksamkeit auf die Art und Weise richten, wie Herr von
Leibnitz
sich dieses Grundsatzes
gegen Cartesen
bedienet hat, so wird man leicht
wahrnehmen, wie er hier müsse angewandt werden. Er beweiset, diejenige Regel, die da statt hat,
wenn ein Körper gegen einen stößt, der in Bewegung ist, müsse
auch bleiben, wenn er wider einen anläuft, der in Ruhe ist; denn die
Ruhe ist von einer sehr kleinen Bewegung nicht unterschieden. Was da
gilt, wenn ungleiche Cörper gegen einander laufen, das muß auch
gelten, wenn die Cörper gleich sind; denn eine sehr kleine
Ungleichheit, kan mit der Gleichheit verwechselt
werden.
Auf diese Weise
schließe ich auch: was da überhaupt gilt, wenn ein Körper sich eine
Zeitlang beweget hat, das muß auch gelten, wenn gleich nur die Bewegung
im Anfange ist, denn eine sehr kleine Dauer der Bewegung, ist von
dem bloßen Anfange derselben nicht unterschieden, oder man kan sie füglich verwechseln. Hieraus
folgere ich: wenn der Körper überhaupt alsdenn eine lebendige Kraft
hat, wenn er sich eine Zeitlang, (sie sey so kurz als man will,)
beweget hat, so muß er sie auch haben, wenn er sich erst
anfängt zu bewegen. Denn es ist einerley, ob er eben erst
anfängt, oder etwa schon eine
ungemein kleine Zeit fortfähret sich zu bewegen. Und also schließe
ich; weil aus dem
Leibnitzischen
Gesetze der
Kräften-Schätzung diese
Ungereimtheit folget, daß selber im Anfangspuncte der
Bewegung die Kraft lebendig seyn würde, so könne man ihm nicht
beypflichten.
Es ist leicht
wahrzunehmen, wie sehr sich der Verstand dawider setzet, wenn dieses
Gesetze ihm in dem rechten Lichte der
Deutlichkeit vorgelegt wird. Es ist unmöglich sich zu überreden, daß ein
Körper der im Puncte A eine todte Kraft hat, eine lebendige, die
unendlichmahl
größer ist, wie die todte, haben sollte, wenn er sich nur um
eine unmerklich kleine Linie von diesem Puncte entfernet
hat.
Dieser Sprung der Gedanken ist zu plötzlich, es ist kein Weg, der uns
von der einen Bestimmung zur andern überführet.
§ 27.
Die in
der Bewegung
verflossene
Zeit mithin auch
die Würklichkeit der
Bewegung ist nicht
die wahre
Bedingung unter
der dem
Körper eine
lebendige Kraft
zukommt.Man habe wohl auf das Acht, was hieraus
fließet. Die verflossene Zeit, wenn sie
undeterminirt vorgetragen wird, kan keine
Bedingung zur lebendigen Kraft seyn; und dies habe ich vorher erwiesen, aber wenn sie
gleich determinirt, und auf eine gewisse
Größe eingeschränkt vorgetragen wird, so kan sie doch nicht die eigentliche
Bedingung
der lebendigen Kraft abgeben, und dieses beweise ich jetzt folgendergestalt.
Gesetzt man könnte erweisen, daß ein Körper,
der diese Geschwindigkeit hat, nach
einer Minute eine lebendige Kraft haben werde,
und daß diese Minute diejenige Bedingung sey, unter der ihm diese Kraft zukommt; so
würde, wenn die Größe dieser Zeit
verdoppelt würde, alles dasjenige in dem Körper doppelt seyn,
was vorher, nur einzeln genommen, in ihn schon eine lebendige Kraft
setzte. Es setzte aber die Größe der ersten
Minute zu der Kraft des Körpers eine neue Dimension hinzu;
(per
hypothesin) also wird die Größe von
zwey Minuten, weil sie die Bedingungen, die die erstere in sich
enthielte, verdoppelt in sich begreift, zu der Kraft
des Körpers eine Dimension mehr hinzu setzen. Der Körper
also, der seine Bewegung frey fortsetzet, wird im Anfangspunkte
derselben zwar nur eine Kraft von einer Dimension, und nach Verfliessung
einer Minute, eine Kraft von zwey Abmessungen haben; allein bey
der zweyten Minute hat seine Kraft drey Abmessungen, bey der dritten
vier, bey der vierten fünf, und so ferner. Das heißt: seine Kraft
wird bey einförmiger Bewegung, bald die
Geschwindigkeit schlechthin, bald das Quadrat derselben, bald
den Würfel, bald das Quadratoquadrat u. s. w.
zum
Maaße haben; welches solche Ausschweifungen sind, die
niemand unternehmen wird zu vertheidigen.
Man darf an der
Richtigkeit dieser Schlüsse nicht zweifeln. Denn wenn man verlanget: daß
eine Zeit von bestimmter Größe, die von dem Anfange der Bewegung
eines Körpers, bis zu einem gewissen Punkte verfliesset, die
Bedingungen der lebendigen Kraft ganz und gar in sich fasse; so kan
man auch nicht leugnen, daß in einer zweymal größeren Zeit auch
zweymal mehr von diesen Bedingungen seyn würden, denn die Zeit hat keine
andere Bestimmungen wie ihre Größe. Und wenn daher eine
einfache Zeit der zureichende Grund ist, eine
neue Dimension in die Kraft eines Körpers hineinzubringen; so
wird eine zwiefache Zeit zwey solcher Dimensionen setzen
(nach der Regel: rationata sunt in proportione rationum
suarum). Man kan noch hinzu
setzen: daß die Zeit nur deswegen eine Bedingung zur lebendigen
Kraft seyn konte, weil der Körper bey der Verfliessung derselben
sich von der Bedingung der todten, welche in dem Anfangsaugenblicke
bestehet, entfernet; und deswegen diese Zeit
eine bestimmte Größe haben müsse, weil er in weniger Zeit
sich von den Bestimmungen der todten Kraft nicht genugsam
entfernet haben würde, als es die Größe einer
lebendigen Kraft erfordert. Da er
sich nun in einer größeren Zeit, von dem Anfangsaugenblicke,
d. i. von der Bedingung der todten
Kraft, immer weiter entfernet: so müste die Kraft des Körpers
ins unendliche, je länger er sich
beweget, auch bey seiner einförmigen Geschwindigkeit immer mehr und mehr Abmessungen erlangen; welches
ungereimt ist.
Es ist also erstens die Abwesenheit der Würklichkeit der Bewegung nicht die wahre und rechte Bedingung, welche der Kraft eines Körpers die
Schätzung der
schlechten Geschwindigkeit
zueignet.
Zweytens, weder die Würklichkeit der Bewegung überhaupt, und die damit verknüpfte allgemeine und
unbestimmte Betrachtung der verflossenen
Zeit, noch die bestimmte undgesetzte Größe der Zeit, ist ein zureichender Grund der lebendigen Kraft, und der Schätzung derselben nach dem Quadrat.
§ 28.
Die
Mathematik kan
die lebendigen Kräfte
nicht erweisen.Wir wollen aus dieser Betrachtung zwey Folgen
von Wichtigkeit
ziehen.
Die erste ist: daß die Mathematik
niemals einige
Beweise zum Vortheil der
lebendigen Kräfte
darbiethen könne, und daß eine auf diese
Weise geschätzte Kraft, wenn sie sonsten gleich statt hat,
dennoch zum wenigsten ausserhalb dem Gebiethe der
mathematischen Betrachtung sey. Jedermann weiß es, daß, wenn man in dieser Wissenschaft die Kraft
eines mit einer gewissen Geschwindigkeit bewegten Körpers
schätzen will, man an keinen bestimmten Augenblick, der in
der Bewegung verflossenen Zeit, gebunden sey, sondern daß, in
Absicht auf diese Einschränkung, alles unbestimmt und
gleichgültig sey. Es ist also die Schätzung der Kraft bewegter Körper,
die die Mathematik darreichet, von der Art, daß sie sich über alle
Bewegungen überhaupt erstreckt, die Zeit, die darüber verflossen ist,
mag so kurz seyn wie man wolle, und daß sie uns hierinn gar keine
Grenzen setzet. Eine Schätzung von der Art aber gehet auch auf die
Bewegung der Körper die im Anfange ist, § 25. 26. und die also todt ist, und die schlechte Geschwindigkeit
zu ihrem Maaße hat. Und da die lebendigen Kräfte mit den todten zugleich
unter einerley Schätzung nicht begriffen seyn können; so siehet
man leicht, daß die erstere von einer mathematischen
Betrachtung gänzlich ausgeschlossen
seyn.
Ueberdem betrachtet die
Mathematik in der Bewegung eines Körpers nichts wie die
Geschwindigkeit, die Masse, und noch etwa
die Zeit, wenn man sie dazu nehmen wollte. Die
Geschwindigkeit ist niemals ein Grund
der lebendigen Kraft; denn der Körper, wenn er gleich nach der Meynung
der Leibnitzianer
eine lebendige Kraft besässe, würde sie doch nicht in allen
Augenblicken seiner Bewegung haben können, sondern es
würde eine Zeit nach dem Anfange derselben seyn, darinnen er sie noch
nicht hätte, ob in ihm gleich alle
Geschwindigkeit schon vorhanden wäre. § 25. 26. Die Masse ist noch viel
weniger ein Grund zu derselben. Endlich haben wir eben dasselbe
auch von der Zeit erwiesen. Es hat also die Bewegung eines jeden
Körpers besonders genommen, nichts in sich, was in einer
mathematischen Erwegung eine ihr
beywohnende lebendige Kraft anzeigte. Weil nun alle Schlüsse, die man
von demjenigen macht, was ein Körper
thut der
in Bewegung ist, aus den Notionen müssen hergeleitet werden,
die in der Betrachtung der Geschwindigkeit, der Masse, und der
Zeit begriffen sind, so werden sie, wenn
sie richtig herausgezogen sind, keine Folgerungen darbiethen,
die die lebendigen Kräfte festsetzen. Und wenn es scheinet, daß sie
ihnen diesen Dienst leisten, so traue man diesem Scheine nicht, denn
es würde alsdenn in den Folgerungen
mehr enthalten seyn, als die
Grundsätze in sich fasseten, d. i. das
rationatum würde größer seyn
als seine ratio.
Nach so vielfältigen und großen Bemühungen, die sich
die Geometrer dieser beyden Jahrhunderte gemacht
haben, die Streitsache des Cartes und des Herrn von
Leibnitz durch die Lehren der Mathematik
abzuthun, scheinet es sehr
seltsam zu seyn, daß ich anfange dieser
Wissenschaft
die Entscheidung derselben abzusprechen. Man hat zwar
eine Zeit her gestritten, ob diese Wissenschaft
Cartesens Gesetze günstig
sey, oder ob sie die Parthey des Herrn von Leibnitz vertheidige. Allein
bey diesem Zwiespalte ist jedermann darinn einig: daß man
es, um die Streitfrage der Kräftenschätzung recht aufzulösen,
auf den Ausspruch der Mathematik müsse ankommen
lassen. Es ist wunderbar genug: daß so große
Schlußkünstler auf solche Abwege gerathen seyn
sollten, ohne wahrzunehmen, oder auch nur
daran zu gedenken, ob dieses auch der Weg sey, der
sie zum Besitz der Wahrheit führen könne,
welcher sie nachgespüret haben. Allein hier
dünkt mich, daß ich Gründe finde, die mich nöthigen
alles das Wunderbare in den Wind zu
schlagen, und wohin sollte ich mich nach ihrem
Ausspruche weiter wenden?
Die
Mathematik
bestätiget schon
ihrer Natur
nach Cartesens Gesetze.Die zweyte Folge, die ich aus den
vorhergehenden Betrachtungen ziehe, ist diese:
daß die Gründe
der Mathematik, an statt den
lebendigen Kräften günstig
zu seyn, vielmehr Cartesens Gesetze
immer bestätigen
werden.
Dieses muß aus den Sätzen
dieses §phi schon klar seyn, und ich kan noch hinzusetzen:
daß die mathematische Größen, die Linien, Flächen,
u. s. w. eben
dieselbe Eigenschaften haben, wenn sie noch so klein seyn, als
wenn sie wer weiß was vor eine Größe haben; und daher aus den
kleinesten mathematischen
Größen, aus den
kleinesten Parallelogram, aus dem
Fall eines Körpers durch die kleineste Linie, eben dieselbe
Eigenschaften und Folgerungen müssen hergeleitet werden
können, als
dem größesten
von diesen Gattungen. Wenn nun eine Linie, die eine Bewegung
anzeiget, wie sie alsbald nach dem Anfange beschaffen ist, eben
dieselbe Bestimmungen und
Eigenschaften, auch eben dieselbe Folgerungen hat,
als diejenige Linie die eine Bewegung lange nach dem Anfange
andeutet: so wird die Kraft, die man in einer mathematischen
Betrachtung der Bewegung eines Körpers herausbringt,
niemals andere Eigenschaften haben, als diejenige hat, die auch in der
kleinesten Zeit, das ist in einer unendlich kleinen Zeit, von dem
Anfangsaugenblicke an in dem Körper vorhanden ist. Da dieses nun eine
todte Kraft ist, und daher das Maaß der schlechten Geschwindigkeit
an sich hat, so werden alle und jede mathematisch erwogene
Bewegungen keine andere Schätzung als einzig und allein
die nach der bloßen Geschwindigkeit darlegen.
§ 29.
Wir wissen demnach,
noch ehe wir uns in eine nähere Untersuchung der Sache einlassen, daß
Leibnitzens Anhänger, weil sie
sich mit solchen Waffen vertheidigen wollen, die von der Natur
ihrer Sache weit entfernet sind, in dem berüchtigten Streite wider
Cartesen
unterliegen werden. Nach dieser
allgemeinen Betrachtung wollen wir die Beweise insbesondere in
Erwegung ziehen, derer sich Leibnitzens
Parthey hauptsächlich in dieser Streitsache bedienet
hat.
Der Herr von
Leibnitz
ist durch dasjenige, was
man bey dem Falle der Körper durch ihre Schwere wahrnimmt, zuerst auf
seine Meynung geleitet worden. Allein es war ein unrecht
angewandter Grundsatz des Cartes, der ihn zu einem Irrthum führete,
welcher nach der Zeit vielleicht der scheinbarste geworden,
welcher sich jemals in die menschliche Vernunft
eingeschlichen hat. Er setzte nemlich folgenden Satz fest: Es ist einerley Kraft
nöthig einen vier Pfund schweren Körper einen Schuh hoch zu
heben, als einen einpfündigen vier
Schuhe.
§ 30.
Der Satz
der den Herrn
von Leibnitz
zuerst auf die
lebendigen
Kräfte gebracht hat.Weil er sich auf den Beyfall aller Mechaniker
seiner Zeit beruft, so dünkt mich, er habe
diesen Satz aus einer Regel des Cartes gefolgert, deren dieser sich
bediente die Natur des
Hebels zu erklären.
Cartes nahm
an, daß die an einen Hebel angehangene
Gewichte, die unendlich kleinen Räume durchliefen, die in ihrer
Entfernung vom
Ruhepuncte können beschrieben werden. Nun sind zwey
Körper alsdenn im Gleichgewichte, wenn diese Räume gegen einander
umgekehrt wie die Gewichte der Körper
sind; und also schloß Leibnitz,
ist nicht mehr Kraft nöthig, einen Körper von einem Pfunde zur
Höhe vier zu erheben, als einen andern dessen Masse vier ist,
zur einfachen Höhe. Man wird leicht gewahr, daß diese Schlußfolge aus
Cartesens Grundregel nur alsdenn
herfliesse, wenn die Zeiten der Bewegung gleich seyn. Denn bey
der Schnellwaage, sind diese Zeiten
einander gleich, darinn die Gewichter ihre unendlich kleine Räume
durchlaufen würden. Der Herr von
Leibnitz ließ diese Bedingung aus der
Acht, und schloß auch auf die Bewegung in Zeiten die einander
nicht gleich seyn.
§ 31.
Des
Herrn Hermanns
Beweiß,
daß die Kräfte wie
die Höhen sind,
die sie durch
dieselben
erreichen können.Die Vertheidiger dieses Mannes scheinen den
Einwurf gemerkt
zu haben, den man ihnen wegen der Zeit machen könnte. Daher haben sie ihre Beweise so
einzurichten
gesucht, als wenn der Unterscheid der Zeit bey
der Kraft, welche die Körper durch den
Fall erlangen, durchaus vor nichts anzusehen sey.
Es sey die unendliche Feder AB,
Fig. III.
welche die Schwere vorstellet, die
den Körper in währendem Falle aus A in B
verfolget; so, sagt Herr
Herrmann, werde die Schwere dem Körper
in jedem Puncte des Raumes einen gleichen Druck mittheilen. Diese
Drucke bildet er durch die Linien AC, DE, BF,
u. s w. ab, die
zusammen das Rektangulum AF ausmachen. Der Körper hat also nach seiner
Meynung wenn er den Punct B erreicht hat, eine Kraft, die der Summe aller
dieser Drucke, d. i. dem Rectangulo AF gleich ist. Es verhält sich
also die Kraft in D, zur Kraft in B, wie das Rectangulum AE, zum Rectangulo AF,
d. i. wie der durchgelaufene Raum
AD, zum Raum
AB,
mithin wie die Quadrate der
Geschwindigkeiten in D und
B.
So schließt
Herr Herrmann, indem
er behauptet, daß die Wirkung welche die
Schwere in einem Körper thut, welcher frey fällt,
sich nach dem Raume richte, den er im Fallen zurück
legt.
Die Cartesianer
hingegen behaupten, daß die Wirkung der Schwere, nicht denen, in
aufgehaltener Bewegung, zurückgelegten Raumen, sondern den
Zeiten proportionirt sey, in welchen
der Körper entweder fällt oder zurück steigt. Ich werde itzo einen
Beweiß geben, der die Meynung der
Cartesianer ausser Zweifel setzen wird,
und daraus man zugleich wird einsehen lernen, worinn der
scheinbare Beweiß des Herrn
Herrmanns
fehle.
§ 32.
Beweis
der den Fall
des Herrn Herrmanns widerleget.Es
ist gleich viel Kraft nöthig, eine einzige von den fünf gleich gespannten Federn
Fig. IV.
A, B, C, D, E,
eine Secunde lang zuzudrücken, als sie alle fünfe nach
und nach binnen eben dieser Zeit
zuzudrücken. Denn man theile die
Secunde als die Zeit, wie
lange der Körper M die Feder A zugedrückt hält, in fünf gleiche Theile,
an statt daß nun M
alle diese fünf Theile der Secunde hindurch, auf die Feder A losdrückt,
so nehme man an, daß er die Feder A nur in dem ersten Theil
der Secunde
drücke, und daß in dem zweyten Theil der Secunde, an statt der Feder
A, die andere
B, die gleichen Grad der
Spannung hat, untergeschoben werde, so wird in der Kraft die
M zu drücken
brauchet, bey dieser Verwechslung kein Unterscheid anzutreffen
seyn. Denn die Federn B
und A sind in allem vollkommen
gleich, und also ists einerley, ob in dem
zweyten Secundtheile annoch dieselbe Feder A oder ob B gedruckt werde. Eben so ist es gleich viel, ob
M in dem
dritten Theil der Secunde, die dritte Feder C spanne, oder ob er in
diesem Zeittheile annoch auf die vorige B drückte; denn man kan eine
Feder an der andern Stelle setzen, weil sie nichts unterschieden seyn.
Es wendet also der Körper M so viel Kraft an, die einzige Feder A eine ganze Secunde lang zugedrückt zu halten, als er
braucht fünf solcher Federn binnen eben
dieser Zeit nach und nach zu spannen. Eben dieses kan gesagt
werden, man mag die Menge der Federn auch ins unendliche vermehren,
wenn die Zeit des Druckes nur gleich ist. Es ist also nicht die
Menge der zugedrückten Federn, wornach die Kraft des Körpers der
sie alle spannet abgemessen wird, sondern die Zeit der Druckung ist
das rechte Maaß.
Jetzt laßt
uns die Vergleichung die Herr Herrmann
zwischen der Wirkung der Federn und dem Druck der Schwere
anstellet, annehmen, so werden wir finden, daß
die Zeit, wie lange die Kraft des Körpers der Schwere widerstehen kan, und nicht der
zurückgelegte Raum, dasjenige sey, wornach die ganze
Würkung des Körpers müsse geschätzt werden.
Dieses ist also der
erste Versuch, der wie ich glaube dasjenige bestätigt, was ich oben
gesagt habe, daß nemlich Cartesens
Meynung in mathematischen Beweisen das Gesetze des Herrn von
Leibnitz übertreffe.
§ 33.
Der
Cartesianer
Fehler in
Behauptung eben
derselben Sache.Ich finde in dem Streite der Cartesianer,
wider die Vertheidiger der lebendigen
Kräfte, den die Frau
Marquisin von
Chastelet
mit vieler
Beredsamkeit ausgeführet hat,
daß sich jene auch des Unterschiedes der Zeit bedienet haben, um die Schlüsse der Leibnitzianer von dem Falle der
Körper unkräftig zu machen. Allein aus
demjenigen, was sie aus der
Schrift des Herrn von Mairan,
gegen die neue Schätzung der Kräfte anführet, sehe
ich, daß ihm der wahre Vortheil
unbekannt gewesen sey, den er aus dem Unterscheide der
Zeit hätte ziehen können, und den ich im vorhergehenden § angezeigt
zu haben glaube, welcher gewiß so einfach und deutlich
ist, daß man sich wundern muß, wie es möglich gewesen
ihn bey einem solchen Lichte des Verstandes
nicht wahrzunehmen.
Es ist
gewiß recht seltsam, wie weit sich diese Männer
verirret haben, indem sie einem wahren Gesetze der Natur
nachgingen, daß nemlich die Kraft, die die Schwere einem
Körper raubet, der Zeit und nicht dem Raum proportionirt sey.
Nachdem sie sich so weit vergangen, daß sie den
Leibnitzianern
zugegeben, ein
Körper könne mit doppelter Geschwindigkeit vierfache Wirkung thun,
nachdem sie sage ich ihre Sache so verdorben haben, so sind sie
genöthigt sich mit einer ziemlich schlechten
Ausflucht zu retten, daß nemlich der Körper zwar
eine vierfache Wirkung, aber nur in doppelter Zeit thue. Sie
dringen daher ungemein ernstlich darauf, daß die Kräfte zweyer
Körper nach denen Würkungen geschätzt werden müssen, die sie in
gleichen Zeiten thun, und daß man darauf gar nicht zu sehen
habe, was sie etwa in ungleichen
Zeiten ausrichten können. Man hat dieser Ausflucht
mit unendlicher Deutlichkeit begegnet, und ich begreife nicht
wie es möglich gewesen ist, sich sich dem
Zwange der Wahrheit noch ferner zu widersetzen.
Wir sehen aber auch
hieraus, daß es eigentlich nur die Fehlschlüsse der Cartesianer seyn, welche
Leibnitzens Parthey
triumphiren machen, und daß sie den Streit gar nicht
durch die Schwäche ihrer Sache verlieren. Sie würden allemal die
Oberhand behalten, wenn sie die rechte Waffen ergreifen möchten,
die ihnen die Natur der Sache eigentlich
darbiethet.
§ 34.
Ein
Zweifel des
Herrn Lichtscheids wird
gehoben.Ich habe erwiesen, daß die Wirkungen, welche
die Schwere ausübet, und der Widerstand,
den sie im Hinaufsteigen verübet, sich wie die Zeit verhalten, welche
die Körper in der Bewegung zubringen.
Allein, ich besinne mich auf einen Fall, der vielleicht
scheinbar gnug ist diesen Satz bey einigen zweifelhaft zu
machen. Herr Lichtscheid bemerket in den
Actis Erudit., wenn man einen
Perpendikel
Fig. V.
aus D auf eine solche
Art fallen läßt, daß sich der Faden an dem Wiederhalte
E anleget,
mithin indem er aus B in C
wieder in die Höhe steiget einen kleinern Circul beschreibet, so erlange
er doch, vermöge seiner in B
erhaltenen Geschwindigkeit,
wieder die Höhe CF, welche der
Höhe DG gleich ist, von
der er herunter gefallen. Es ist aber die Zeit, die der
Perpendikel, im Falle durch den Bogen DB, zubringt, länger, als die Zeit in der
er bis zu C wieder
in die Höhe steigt. Also hat die Schwere dorten in
den Perpendikel länger, als wie hier gewirket. Man sollte nun
denken, wenn es wahr ist, was ich vorher erwiesen habe, daß die
Schwere in größern Zeiten größere Wirkung thue, so habe der Körper
in B
eine größere Geschwindigkeit erhalten müssen, als die Schwere
in der Bewegung aus B in C ihm wieder zu nehmen im Stande ist. Er
müste also vermittelst dieser Geschwindigkeit vermögend seyn
sich noch über den Punct Chinauf zu schwingen, welches doch nach den
Beweisen des Herrn Lichtscheids
falsch ist.
Wenn man
aber nur bedenket, daß der Faden AB, dem Körper, indem er sich aus
D in B beweget, stärker entgegen gesetzt ist und
den Fall durch seine Schwere mehr hindert, als der Faden
EB, oder EC, in dem Falle aus
C in B; so lässet sich auch leicht begreifen,
daß das Element der Kraft, welches sich in allen Augenblicken des
Hinabsteigens aus D in B in den Körper häuffet, und sammlet, kleiner
sey wie
die elementarische Kraft die die Schwere im Gegentheil in
den Körper C
jedweden Augenblick hineinbringt, wenn er aus C in B hinabsinket. Denn da es einerley ist, ob
ein Körper, der an einen Faden befestiget ist, durch den
Zurückhalt A genöthiget werde
den Cirkelbogen DB oder CB durchzulaufen, oder ob er auf einer eben so
gekrümmten Fläche BD CB frey hinab
kugele, so kan man sich vorstellen, als wenn der Fall von
dem wir reden auf zwey solchen holen mit einander verbundnen
Flächen würklich geschehe. Nun ist die Fläche DBstärker gegen die Horizontallinie
geneigt als die andere CB,
mithin ist in jener der Körper zwar
den Antrieben der Schwere länger ausgesetzt, als in
dieser, allein die Fläche hindert davor auch einen größeren Theil der
Schwere, die bemühet ist sich dem Körper einzuverleiben, als es die andere CB thut.
Ich hätte der Auflösung
dieses Einwurfs überhoben seyn können, weil die Anhänger des
Herrn von Leibnitz seine Schwäche
selber wahrgenommen zu haben scheinen, da ich nirgends finde,
daß sie sich desselben bedienet hätten. Allein Herr von Leibnitz, der von
Herrn Lichtscheiden zum Richter seiner
Abhandlung erwählet worden war, ertheilet derselben
einen rühmlichen Beyfall, und sein Ansehen ist
es, welches ihm einiges Gewicht beylegen könnte.
§ 35.
Ehe ich die
Materie, von dem Falle der Körper durch
ihre Schwere verlasse,
will ich den Vertheidigern der lebendigen Kräfte noch einen Fall
aufzulösen geben, der wie mich dünkt hinlänglich darthun soll: daß die
Betrachtung der Zeit von der Schätzung der Kraft die die Schwere
in einen Körper hineinbringt unmöglich ausgeschlossen werden könne, wie Herr von
Leibnitz, und die
Vertheidiger desselben, uns bis daher haben überreden
wollen.
§ 36.
Neuer Fall
der darthut, daß
in der
Schätzung der Kraft die durch die Schwere
entstehet, die
Zeit nothwendig mit
müsse in Erwegung
gezogen
werden.Der Fall ist folgender: Ich stelle mir auf die,
den Cartesianern und Leibnitzianern gewöhnliche Art,
die Drucke der Schwere, die einem
Körper von der Höhe
Fig. VI.
aB, bis zur Horizontallinie bc
mitgetheilet werden, durch die unendliche
Anzahl Blechfedern AB, CD, EF,
GH, vor. Ferner setze ich einen Körper
m auf die schiefe Fläche
ac und einen andern l lasse ich von a in b frey herunter fallen. Wie werden nun
die Leibnitzianer die
Kraft des Körpers m, der durch den Druck der Federn
die schiefe Fläche ac herunter getrieben wird, am Ende
dieses schrägen Falles in c schätzen? Sie können nicht
anders, als das Product, aus der Menge Federn die den Körper aus
a
bis in c
antreiben, in die Kraft, die jede Feder demselben nach der
Richtung ac eindrücket, zum Maaße angeben,
denn dieses erfordert ihr Lehrgebäude, wie
wir aus dem Falle des Herrn Herrmanns,
§ 31.
gesehen haben. Und eben so werden
sie auch die Kraft, die sich in dem andern Körper
l findet der von
a bis in b frey fällt durch das Factum, aus der Menge Federn
von denen er fortgetrieben worden, in die Intensität, womit jede
ihn fortgestoßen hat, zu schätzen genöthiget. Es ist aber die Anzahl
Federn von beyden Seiten, so wohl die schiefe Fläche ac, als die Höhe ab hindurch, gleich, also bleibt nur die
Stärke der Kraft, die jede Feder in beyden Fällen in ihren
Körper hineinbringt, zum wahren Maaße der
in b und c erlangten Kräfte
der Körper l
und m übrig. Diese Stärke,
womit eine jede von denen Blechfedern den Körper m nach der Richtung der schiefen Fläche ac drucket, verhält sich zu der
Intensität des Druckes eben dieser Blechfedern
auf den Körper l nach der Richtung seiner Bewegung ab, wie ab zu ac; wie uns die erste Anfangsgründe der
Mechanik lehren. Es wird also die Kraft, die der Körper
l am Ende des
Perpendikular-Falles in b hat, zu der Kraft, die
m am Ende des schiefen
Falles in c hat, sich gleichfalls wie
ac zu ab verhalten; welches ungereimt ist, denn
beyde Körper haben in b und c
gleiche Geschwindigkeiten, und also auch gleiche Kräfte.
Die Cartesianer
entgehen diesem Einwurfe, indem sie die Zeit mit herbeyziehen. Denn
obgleich jede Feder in den Körper m auf der schiefen Fläche ac weniger Kraft hineinbringet, (weil ein
Theil durch den Widerstand der Fläche verzehret wird,) so würken
davor diese
Federn in den Körper m viel länger als in den Körper
l, der ihrem
Drucke eine viel kürzere Zeit ausgesetzet
ist.
§ 37.
Nachdem ich
erwiesen habe, daß die Betrachtung derer durch
die Schwere fallenden Körper den lebendigen Kräften auf
keinerley Weise vortheilhaft sey, so ist es Zeit eine andere Gattung von Beweisen
in Erwegung zu ziehen, auf die sich die Vertheidiger der
lebendigen Kräfte jederzeit sehr viel zu gute gethan haben. Es sind
diejenige, die ihnen die Lehre von der Bewegung elastischer Körper
darzubieten scheinet.
§ 38.
Es sind in
der Trennung, die des Herrn von Leibnitz
Kräftenschätzung in der Welt
veranlasset hat, so viel Verblendungen und Abwege unter den Geometrern entstanden, als man bey so
großen Schlußkünstlern kaum vermuthen sollte. Die Nachrichten,
die man uns von allen den Vorfällen dieses berüchtigten Streites
aufbehalten wird, werden dereinst in der Geschichte des
menschlichen Verstandes eine sehr nutzbare Stelle einnehmen. Keine
Betrachtung ist siegreicher über die Einbildung
derjenigen, die die Richtigkeit unserer
Vernunftschlüsse so sehr erheben, als solche
Verführungen, denen die scharfsinnigsten Meister der Geometrie
in einer Untersuchung nicht haben entgehen können, die ihnen vor
andern Deutlichkeit und Ueberzeugung hätte gewähren
sollen.
Es wäre
unmöglich gewesen auf solche Abwege zu gerathen,
wenn die Herren Leibnitzianer
sich hätten die Mühe geben wollen auf
die Construction derer Beweise selber ihre Aufmerksamkeit zu
richten, die sie jetzt als unüberwindliche Beweisthümer
vor die lebendige Kräfte ansehen.
§ 39.
Die
Summe aller
Beweise die aus
der Bewegung elastischer Körper
hergenommen
sind.Fast alle
Beweise, zum wenigsten die
scheinbarsten, unter denen die
man vor die lebendigen Kräfte, von der Bewegung elastischer Körper durch den Stoß,
entlehnet
hat, sind auf folgende Art entsprungen. Man hat die Kraft, die sich in ihnen nach verübtem Stoße
befindet, mit der Kraft vor dem Anstoße
verglichen. Jene ist größer befunden
worden als diese, wenn man sie nach dem Produkt aus der
Masse in die Geschwindigkeit geschätzet hat,
allein nur alsdenn zeigte sich eine vollkommene Gleichheit, wenn
man an statt der schlechten Geschwindigkeit, das Quadrat derselben
setzete. Hieraus haben die Herren Leibnitzianer geschlossen, ein elastischer Körper
würde nie vermögend seyn in diejenige die er stößt so viel
Bewegung hineinzubringen, als würklich
geschiehet, wenn seine Kraft nur schlechthin wie seine Geschwindigkeit
wäre; denn nach diesem Maaße sey die Ursach immer kleiner als die
hervorgebrachte Würkung.
§ 40.
Die Leibnitzianer widerlegen
ihre Schlüße
durch ihre
eigene mechanische Lehrgebäude. Dieser Schluß wird durch die Lehrsätze
dererjenigen selber, die sich
desselben bedienet haben, vollkommen widerleget. Ich will
Wrens,
Wallis, Huygens, und
anderer mechanische
Entdeckungen nicht anführen.
Der Herr Regierungs-Rath und
Freyherr von Wolf
soll mein
Gewährsmann seyn. Man sehe seine Mechanik die in
aller Händen ist, man wird darinn Beweise
finden, die keinen Zweifel mehr übrig lassen, daß die
elastische Körper dem Gesetze,
von der Gleichheit der Würkungen
und der Ursache, ganz gemäß, alle die Bewegungen
andern Körpern ertheilen, ohne daß man nöthig hat in ihnen eine
andere Kraft, als die bloße Geschwindigkeit zu
setzen. Ich kan noch dazu thun, daß man die lebendigen Kräfte gar
nicht, auch nicht dem Nahmen nach, kennen darf, ohne daß dieses
im gringsten hinderlich seyn sollte, zu erkennen, daß von der Kraft
eines federharten Körpers, in dem Anlaufe gegen andere
gleichartige, die und die Bewegungen
herfliessen werden, die jedweder aus derselben herleitet.
Ist es nicht seltsam, nach einem geometrischen Beweise,
darinn man die nach der bloßen Geschwindigkeit geschätzte Kraft,
hinlänglich befunden, eine gewisse Größe der Bewegung in
andern Körpern daraus herzuleiten, ich
sage nach einem solchen Beweise, sich noch den
Gedanken einkommen zu lassen, daß diese Kraft nicht groß genug
dazu sey? Heißt dieses nicht, alles wiederruffen, was einmal in
aller Strenge erwiesen worden,
und das bloß wegen einer gringen Anscheinung zum Gegentheil? Ich bitte
diejenige, die diese Blätter lesen, nur die Mechanik, die ich angeführt habe, hiemit zusammen zu halten, sie
können nichts anders als die größeste Ueberzeugung fühlen: daß
sie gar keinen Begriff von der Schätzung nach dem Quadrate nöthig haben,
um in aller Strenge diejenigen Folgen und Bewegungen zu
finden, die man den federharten Körpern zuzueignen pfleget.
Wir wollen uns also von diesem Fußsteige durch alle Verführungen nicht
ableiten lassen. Denn was in einem geometrischen Beweise als wahr
befunden wird, das wird auch in Ewigkeit wahr
bleiben.
§
41.
Der Fall
des Herrn
Herrmanns
von dem
Stoße dreyer
elastischer
Körper.Lasset uns dasjenige in einem besonderen Falle
darthun, was wir
überhaupt erwiesen haben. Herr
Herrmann lässet in der Abhandlung, die er zur Vertheidigung
der lebendigen Kräfte verfertiget
hatte,
einen Körper
Fig. VII.
A,
dessen Masse 1, und die Geschwindigkeit 2
ist, auf einer vollkommen glatten Fläche, eine Kugel B, die ruhig, und
deren Masse 3 ist, nachher aber, indem A von der Kugel B abprellet
und mit einem Grade Geschwindigkeit wieder zurückkehret, eine
Kugel C,
die 1 zur Masse hat, stoßen. Die Kugel A wird der Kugel B einen
Grad Geschwindigkeit, und dem Körper C auch einen mittheilen, und
alsdenn wird sie sich in Ruhe
befinden. Herr Herrmann schließt hieraus, wenn die Kräfte nur wie
die Geschwindigkeiten wären, so würde A vor dem Stoße eine Kraft wie 2 haben,
nach dem Stoße aber würde sich in den Körpern B und C zusammen eine vierfache Kraft
befinden, welches ihm ungereimt zu seyn
scheinet.
Wir wollen untersuchen,
wie der Körper A mit einer
Kraft wie 2, in die Körper B und C
eine vierfache Kraft ohne ein Wunderwerk hineinbringen könne,
oder ohne daß es nöthig sey die lebendigen
Kräfte zu Hülfe zu rufen. Man stelle sich die elastische Kraft
des Körpers
Fig. VIII.
A, die durch den Stoß würksam wird, durch
die Feder AD und die
Elasticität der Kugel
B, durch die Feder
DB vor. Wir wissen nun aus
den ersten Gründen der Mechanik: daß der Körper
A in die Kugel
B
vermittelst der Federn so lange
noch immer neue Drückungen und Kräfte hineinbringe, bis sich
B und A mit gleichen
Geschwindigkeiten fortbewegen, welches alsdenn geschiehet,
wenn die Geschwindigkeit dieser Körper sich zur Geschwindigkeit der
Kugel A vor dem Anlaufe
verhält, wie die Masse A zur Summe beyder Massen A und B
zusammen; d. i. in dem gegenwärtigen Falle, wenn sie
sich mit ½
Geschwindigkeit in der Richtung BE fortbewegen: Niemand leugnet es, daß
hierinn noch die Würkung der nach der Geschwindigkeit geschätzten
Kraft proportional befunden werde. Allein laßt uns auch
untersuchen, was denn mit den Federn AD und DB geschehe, indem der
Körper Avermittelst ihrer in die Kugel B würket. Weil die Feder AD in
dem Punkte Deben
so viel Kraft gegen die Feder DB anwenden muß, als diese
dem Körper B
eindrücken soll; die Kugel B
aber der Würkung, welche in sie geschiehet eben so stark widerstehet,
so ist klar: daß die Feder DB, durch die Anstrengung der andern Feder,
mit eben derselben
Grade Kraft werde zusammen gedrückt werden, als sie in die Kugel
B
hineinbringet. Eben desgleichen
wird die Kugel A ihre Feder
AD mit
eben demselben Grade zusammen drücken, womit diese im Punkte
D in
die Feder DB
würket; weil nemlich diese Feder der Feder AD eben so stark entgegen drücket, als
diese in sie würket, mithin auch eben so stark als
die Kugel A
diese seine Feder zusammen zu drücken
bemühet ist. Da nun die Kraft womit die Feder
DB gespannet wird
dem Widerstande der Kugel B, mithin auch der Kraft, welche diese Kugel
hiedurch
empfängt, gleich ist; die Kraft der Zusammendrückung der Feder
AD aber
jener auch gleich ist: so sind beyde so groß, als die Kraft die
der Körper B hiebey erhalten hat, d. i. womit er
sich mit einer Masse wie 3, und ½ Grad
Geschwindigkeit beweget. Wenn daher diese beyde Federn
aufspringen; so giebt die Feder
DB der Kugel
B eine
Geschwindigkeit, die der, vor dem Aufspringen gleich ist,
nemlich ½; und die Feder ADdem Körper A, weil er
dreymal weniger Massen hat als B, auch dreymal so viel Geschwindigkeit, nemlich 1 + ½ Grad; denn
wenn die Kräfte gleich seyn, so sind die Geschwindigkeiten in
umgekehrter Verhältniß der
Massen, per hypothesin. Also
hat die Kugel B von
dem Anlaufe des Körpers A, und hernach auch von dem Aufspringen
ihrer Feder, zusammen 1 Grad Geschwindigkeit, in der Richtung
BE.
Die Kugel A
aber, weil die Geschwindigkeit ½, die in
ihr nach dem Anlaufe in der
Richtung AE noch übrig war, von
derjenigen, welche die Aufspringung der Feder in sie nach der
Richtung AC
hineinbrachte, muß abgezogen werden, empfängt auch ein
Grad Geschwindigkeit womit sie sich in der Richtung
AC
fortbeweget,
Den Körper C mische ich hiebey nicht mit
ein, denn weil seine Geschwindigkeit und Masse in nichts von der
Masse und Geschwindigkeit der Kugel B unterschieden ist, so wird er von Herrn
Herrmann ohne Noth
an statt des Körpers B eingeschoben.
welches gerade der Fall ist den Herr
Herrmann vor
unmöglich gehalten hat nach dem Cartesianischen Gesetze zu
erklären.
Ich schliesse hieraus: Der Körper A könne mit 2 Graden Geschwindigkeit, und auch mit 2 Graden Kraft, die Würkung
vollkommen ausrichten, die Herr Herrmann ihm
abstreiten wollen; und man verletze das Gesetz,
von der Gleichheit der Ursachen und
Würkungen, wenn man behauptet, er habe 4 Grade Kraft
gehabt, und doch nur so viel ausgerichtet, als er mit 2
ausrichten können.
§ 42.
Der
Grund des
Irrthums in der
Schlußrede des
Herrn Herrmanns.Wir wollen in dem Schlusse des Herrn
Herrmanns noch den rechten Punct der Falschheit aufsuchen, der
sich zugleich fast allenthalben
findet, wo man nur die elastische Körper zum Behuf der lebendigen Kräfte hat
brauchen wollen. Man hat also geschlossen: die Kräfte der
Körper nach dem Stoße müssen der Kraft vor demselben gleich
seyn; denn die Würkungen sind so groß wie die Ursachen, die sich
erschöpfet haben sie hervorzubringen. Hieraus ersehe ich, daß
sie davor gehalten haben, der Zustand und die Größe der Kraft,
nach geschehenem Stoße, sey einzig und allein eine Würkung der
Kraft, die in dem anlaufenden Körper vor dem Anstoße befindlich war.
Dieses ist der Fehltritt, dessen Folgen wir gesehen haben. Denn
die Bewegungen die eigentlich, und auf
eine vollständige Art, von der Kraft des
anlaufenden Körpers A herrühren, sind nichts mehr, als daß sich
A und B da wie die Feder zusammen
gedrückt war, mit ½
Geschwindigkeit beyde fortbewegten, die Zusammendrückung der
Feder war nicht so wohl eine besondere Würkung der Kraft womit
A gegen B fortrückte, als
vielmehr eine Folge von der
Trägheitskraft beyder Körper. Denn B konnte die Kraft 1 + ½ nicht
erlangen, ohne eben so stark gegen die drückende Feder
DB zurück zu würken, und
die Feder AD könnte also keine
Kraft in B
hineinbringen, ohne daß der Zustand der Gleichheit des
Druckes und Gegendruckes nicht zugleich die Feder BD gespannet hätte.
Ferner konte der Körper A die Feder DB vermittelst seiner Feder AD nicht drücken ohne daß diese
eben hiedurch mit einem gleichen Grade der Intensität wäre
gespannet worden. Man darf sich darüber nicht wundern, daß auf diese
Weise zwey ganz neue Kräfte in die Natur kommen, die vorher in
A alleine nicht befindlich
waren.In dem Augenblicke,
darinnen auch
unelastische
Körper sich stossen,
ist mehr Kraft
in der
Ausübung, als vor
dem Stoße war. Dieses geschiehet würklich jederzeit wenn auch ein
unelastischer Körper in einen andern würket, nur daß in diesem Falle
die Folgen dieser neuen Kraft, nicht wie bey federharten Körpern,
aufbehalten werden, sondern verlohren gehen. Denn in dem Augenblicke, darinn A mit der Kraft x in B würket, empfängt nicht allein B diese Kraft nach
der Richtung BE, sondern
B würket zugleich noch mit
der Intensität x in A wieder zurück. Es sind also vors
erste 2x in der
Natur vorhanden; nemlich x vor
den Druck der Kugel A gegen B, und ebenfalls x vor den Gegendruck der Kugel
B: Zweytens noch
x, als die Kraft die aus
A in B nach der Richtung BE übertritt. Die beyden erste Gewalten werden in dem Zusammenstoße
elastischer Körper angewandt, zwey Federn zu spannen, die hernach,
wenn sie aufspringen, denen Körpern ihre Kräfte mittheilen. Die
elastischen Körper sind daher diejenige Maschinen der Natur, welche
angelegt seyn, die ganze Größe der Kraft aufzubehalten, die in dem
Augenblicke des Zusammenstoßes in der Natur befindlich ist; denn ohne
diese würde ein Theil der Kräfte verlohren gehen, die der
Conflictus der Körper in
die Welt gebracht hat.
§ 43.
Ich habe, in der
Auflösung des Herrmannischen
Falles, nichts gesagt, was diesem
Philosophen im Grunde des Beweises hätte
unbekannt seyn können; oder was die ansehnlichsten Verfechter der
lebendigen Kräfte würden zu leugnen verlangen, wenn es darauf
ankäme, daß sie sich deswegen erklären sollten. Herr Herrmann
muste nothwendig wissen, wie man die Bewegungen, die in
dem Stoße elastischer Körper entsprungen, aus ihrer bloßen
Geschwindigkeit herleiten könne;
denn ohne dieses hätte es ihm unmöglich a priori bekannt seyn können:
daß eine Kugel von einfacher Masse, in dem Stoße gegen eine
dreyfache, mit zwey Graden Geschwindigkeit, vier Grade Kraft
hervorbringe. Ich sage, dieser Fall hätte ihm selber, ohne
die Art der Auflösung, welche wir gegeben haben, nicht bekannt seyn
können; denn jedermann weiß: daß man in einer mechanischen
Untersuchung, die Bewegungen, die ein elastischer Körper
durch den Stoß hervorbringt, finde, indem man
dasjenige zuerst insbesondere
suchet, was er ohne seine Federkraft thut, und hernach die Würkung der Elasticität
dazu nimmt, beydes aber nach demjenigen bestimmet, was er nach
Proportion seiner Masse und seiner schlechten Geschwindigkeit thun
kan. Man kan nichts stärkeres, in der
Art der Schlußrede, die man ein argumentum ad
hominem nennet, gegen den Herrn Herrman
und die Leibnitzianer
überhaupt vorbringen. Denn sie müssen entweder bekennen: daß alle
Beweise, darinn sie bis daher einig gewesen, den Grund von den
Bewegungen zu geben, welche in dem Stoße elastischer Körper
entspringen, falsch gewesen; oder sie müssen gestehen: daß
ein solcher Körper, allein mit der, der Masse und Geschwindigkeit
schlechthin zusammengenommen proportionirten Kraft, die Bewegungen hervor gebracht habe,
weswegen sie ihn das Quadrat der Geschwindigkeit nöthig zu haben
glaubten.
§ 44.
Der Frau
von Chastelet ist
diese Auflösung
unbekannt
gewesen.Ich werde durch den Streit der Frau
Marquisin von Chastelet mit dem Herrn von
Mairan
überführet, daß es nicht
überflüßig gewesen sey, jetzo eine ausführliche Entwickelung, der Art und Weise, wie die elastische
Körper durch den Stoß eine größere
Quantität der Bewegung in die Welt bringen, als vor dem Stoß
darinn gewesen, gegeben zu haben. Denn wenn Herr von
Mairan saget: Die elastische Kraft sey
eine wahre Maschine der Natur,
etc. etc. daß wenn man alle
Würkungen des Stoßes elastischer Körper besonders
betrachten will, indem man dasjenige
als positiv summiret, was sie
inden beyden entgegen
gesetzten Richtungen geben, man
die neue Kraft, die daraus in
der Natur zu entspringen
scheinet, und sich durch den Stoß
äussert, keinesweges der
Thätigkeit des stoßenden Körpers
zuschreiben müsse, als wenn er
dieselbe nur in den gestoßenen übertrüge, sondern
einer fremden Quelle der Kraft
etc. etc. Mit einem Worte einer
gewissen physicalischen Ursache der Elasticität, welche es
auch immer sey, deren
Würksamkeit der Stoß nur losgemacht,
und so zu sagen die Feder
abgedrückt hat etc. etc.
ich sage
wenn Herr von Mairan dieses
saget, so antwortet ihm die Frau von Chastelet: es sey unnütze es zu untersuchen,
bis der Urheber dieser Meynung
sich die Mühe genommen, dasjenige was er
hier behaupten wollen auf
einigen Beweis zu gründen. Ich
habe mir die Ehre genommen mich dieser Mühe an statt des Herrn
von Mairan zu
unterziehen, und dieses ist die Rechtfertigung womit
ich meine Weitläuftigkeit in dieser Materie
entschuldige.
§
45.
Herrn
Jurins
Einwurf
von dem
Gegenstoße zweener
unelastischer und ungleicher Körper.Es
ist den Leibnitzianern
durch Herrn
Jurin,
und andere, noch dieser Einwurf gemacht
worden: daß zweene unelastische
Körper, die sich einander mit solchen Geschwindigkeiten begegnen, welche sich
umgekehrt wie ihre Masse verhalten, doch
nach dem Stoße in Ruhe verbleiben. Hier sind nun, nach der Lehre von den lebendigen Kräften,
zweene Kräfte, die man so ungleich machen kan, als man will, und
die sich dennoch einander im Gleichgewicht
erhalten.
Des Herrn
Bernoulli
Widerlegung dieses
Einwurfs
durch Vergleichung mit
der Zudrückung
der Federn.Ich finde in der Frau von
Chastelet Naturlehre eine Antwort auf
diesen Einwurf, die wie ich aus der Anführung ersehe, den berühmten Herrn
Bernoulli
zum Urheber hat. Der Herr
Bernoulli ist nicht
glücklich gewesen eine
Schutzwehre vor seine Meynung ausfindig zu machen, welche seines Nahmens würdig gewesen
wäre. Er sagt: daß die unelastische
Körper in einander durch den Eindruck
ihrer Theile eben dieselbe Würkung thun, als wenn sie eine Feder die sich zwischen ihnen
befände zusammen drückten: Daher nimmt er eine Feder R
Fig. IX.
an die sich zu gleicher Zeit auf beyde Seiten ausdehnet, und von
beyden Seiten Körper von ungleicher Masse treibet. Er beweiset
daß die Geschwindigkeiten, die den Körpern durch diese
Feder mitgetheilet werden, in gegenseitiger Verhältniß ihrer Massen
sind, und daß also, wenn die Kugeln A und B mit diesen Geschwindigkeiten zurückkehrten, sie die
Feder wieder in den ersten Stand der Zusammendrückung
setzen würden. Bis so weit ist alles richtig, und mit den
Lehrsätzen der Cartesianer vollkommen übereinstimmend. Allein
lasset uns sehen wie er seinen Schluß verfolget. Die Theile der Feder, indem sie aus einander springt,
bewegen sich theils nach der Seite von A, theils nach der Seite von
B,
der Punct der Theilung aber ist in R, der die Feder nach der
umgekehrten Proportion der Massen A und B theilet. Es würket also der Theil RB von der Feder
R in den Körper
B, dessen Masse 3 ist,
hingegen theilet der andere Theil RA, der Kugel A deren Masse 1 ist seine
Kraft mit. Es verhalten sich aber die Kräfte, welche in diese
Körper gebracht werden, wie die Anzahl der
Federn die ihren Druck an sie angewandt haben; folglich sind die Kräfte derer Kugeln A und B ungleich, obgleich
ihre Geschwindigkeiten in umgekehrter Proportion
ihrer Massen stehen. Wenn nun die Feder R sich völlig ausgedehnet
hat, und die Körper kämen mit eben denselben Geschwindigkeiten
gegen sie zurücke, welche sie ihnen beym Losspringen mitgetheilet
hat, so siehet man leicht, daß einer den andern vermittelst der
Zusammendrückung der Feder in Ruhe versetzen würde. Nun
sind ihre Kräfte ungleich, folglich erkennet man hieraus wie es
möglich sey daß sich zwey Körper mit ungleichen Kräften
einander in Ruhe versetzen können. Hievon machet er die Anwendung
auf den Zusammenstoß der unelastischen Körper.
§
46.
Des
Herrn Bernoulli Gedanken werden
widerlegt.Ich erkenne in dieser Schlußrede nicht den
Herrn Bernoulli, der gewohnt war, seine Beweise
in viel vollkommnerer Schärfe zu bilden. Es ist unstreitig
gewiß, daß die von einander springende
Feder einem von denen Körpern
A und B eben so viel Kraft ertheilen müsse,
als wie dem andern. Denn sie bringet so viel Kraft in die
Kugel A
als die Intensität groß ist mit der sie sich gegen die andere
Kugel B steifet. Wenn sie sich gar nicht an
irgend einen Widerhalt steifete, so würde sie der Kugel
A gar keine Kraft
ertheilen, denn alsdenn würde sie ohne einzige Würkung losspringen.
Daher kan diese Feder keine Kraft an A anwenden, ohne von der andern Seite der
beweglichen Kugel B eben denselben Grad der Gewalt einzudrücken.
Es sind
also die Kräfte der Kugeln A und B einander gleich, und nicht, wie
Herr Bernoulli sich fälschlich überredet hat,
wie die Länge AR zu
RB.
Man siehet leicht, wie
der Irrthum in dem Schluße des Herrn Bernoulli
entsprungen sey. Der Satz auf den die Leibnitzische
Parthey so sehr dringet, ist die Quelle desselben: nemlich, daß
die Kraft eines Körpers sich wie die Anzahl Federn
verhalte, die in ihn gewürket haben.
Die Körper A und
B haben also
deswegen gleiche Kräfte, weil die Federn RA und RB in sie gleich lange gewürket haben; und weil
die Theile dieser Federn alle gleich stark gespannet waren.
Wir haben denselben schon oben widerleget, und der Fall
des Herrn Bernoulli
bestätiget unsern Gedanken.
§ 47.
Der
Gedanke des
Herrn Bernoulli bestätiget
unsere Meynung.Man kan nicht ohne Vergnügen wahrnehmen, wie vortreflich diese Erklärung, der man sich zur
Vertheidigung der lebendigen
Kräfte hat bedienen wollen, uns zu Waffen dienet, dieselbe vielmehr völlig niederzuschlagen. Denn
da es einmal gewiß ist, daß die Feder
R den Körpern
deren Massen 1 und 3 sind gleiche Kräfte ertheilet, § 46.
ferner daß die Geschwindigkeit der Kugel deren Masse 1 ist dreyfach, und
die Geschwindigkeit der andern
einfach sey, wie die Leibnitzianer es
selber gestehen; so fließen daraus zwey
Folgen, die beyde den lebendigen Kräften schnurstraks
widerstreiten. Erstlich, daß die Kraft, die ein
Körper durch den Druck der Federn erhält, sich nicht wie die
Anzahl der Federn verhalte, welche ihn fortgestoßen haben, sondern
vielmehr wie die Zeit der Würkung derselben; zweytens, daß ein Körper,
der eine einfache Masse, und eine dreyfache Geschwindigkeit hat,
nicht mehr Kraft habe, als ein anderer, der dreymahl mehr Massen,
aber nur eine einfache Geschwindigkeit besitzet.
§ 48.
Vertheidigung der
lebendigen Kräfte,
durch die
beständige Erhaltung einerley
Größe der Kraft
in der Welt.Bis hieher
haben wir gesehen, wie sich Leibnitzens Anhänger des Zusammenstoßes elastischer Körper
bedienet haben, die
lebendige Kräfte dadurch zu vertheidigen.
Allein die Anwendung derselben war
bloß mathematisch. Sie haben aber
auch einen metaphysischen Grund in diesem Stücke der Phoronomie zum Behuf ihrer Meynung
zu finden vermeynet. Herr von
Leibnitz ist selbst der
Urheber
desselben, und sein Ansehen hat ihm kein geringes Gewichte
ertheilet.
Er nahm
Cartesens Grundsatz willig an; daß sich in
der Welt immer einerley Größe der Kraft erhalte, allein nur einer
solchen Kraft, deren Quantität nach dem Quadrate der
Geschwindigkeit geschätzt werden muß. Er zeigte
daß das alte Maaß der Kraft diese schöne Regel nicht verstatte.
Denn wenn man dasselbe annimmt, so vermindere oder vermehre sich die Kraft in der Natur
unaufhörlich, nachdem die Stellung der Körper gegen einander
verändert wird. Leibnitz glaubte es sey der Macht und Weisheit
GOttes unanständig, daß er genöthiget seyn sollte, die Bewegung die
er seinem Werke mitgetheilet, ohne Unterlaß wieder zu erneuren, wie
Herr Newton sich
einbildete, und
dieses trieb ihn an ein Gesetz zu suchen, wodurch er dieser
Schwierigkeit abhelfen
könte.
§ 49.
Erste
Auflösung
dieses Einwurfs.Weil wir in dem vorigen erwiesen haben, daß
die lebendigen Kräfte, in der Art wie
sie von ihren Vertheidigern selber gebrauchet worden, nemlich im
mathematischen Verstande, nirgends Platz finden können;
so rettet sich hier die Macht und Weisheit GOttes schon selber durch
die Betrachtung der gänzlichen Unmöglichkeit der Sache. Wir können uns allemal hinter diese
Schutzwehre verbergen, wenn wir etwa
in einer andern Art der Antwort auf diesen Einwurf den kürzern ziehen
sollten. Denn wenn es
gleich nach dem Gesetze der Bewegung, welches wir behauptet
haben, nothwendig
wäre, daß der Weltbau, nach einer allmähligen
Erschöpfung seiner Kräfte, endlich völlig in
Unordnung geriethe, so kan dieser Streich die Macht
und Weisheit GOttes dennoch nicht treffen.
Denn man kan es dieser nimmer verdenken, daß sie nicht ein
Gesetze in die Welt gebracht hat, wovon wir wissen,
daß es absolut unmöglich sey, und daher auf keine
Weise statt haben könne.
§ 50.
Zweyte
Antwort auf
gedachten
Einwurf.Allein man erhole sich nur. Wir sind noch nicht
gezwungen
eine so verzweifelte Ausflucht zu ergreifen.
Dies würde heissen den Knoten abhauen,
wir wollen ihn aber lieber
auflösen.
Wenn die Leibnitzianer es zur Erhaltung der Weltmaschine
vor unumgänglich nöthig halten, daß die Kraft der Körper der
Schätzung nach dem Quadrat unterworfen sey, so können wir ihnen
diese kleine Forderung zugestehen. Alles was ich bis daher erwiesen
habe, und noch bis zum Beschlusse dieses Hauptstückes zu erweisen
gedenke, gehet nur dahin, sie zu überzeugen: daß weder in einer
abstrakten Betrachtung, noch in
der Natur, die Kraft der Körper, auf eine solche Art
wie die Leibnitzianer es
thun, nemlich mathematisch erwogen, eine
Schätzung nach dem Quadrat geben werde. Ich habe aber deswegen noch
nicht den lebendigen Kräften gänzlich abgesagt. In dem
dritten Hauptstücke
dieser Abhandlung werde
ich darthun, daß in der Natur würklich diejenigen Kräfte zu finden seyn, deren Maaß das Quadrat
ihrer Geschwindigkeit ist; nur mit
der Einschränkung, daß man sie auf die Art, wie man es bis
daher angefangen hat, niemals entdecken werde; daß sie sich vor dieser
Gattung der Betrachtung (nemlich der mathematischen) auf ewig verbergen werden, und daß nichts, wie
irgend eine metaphysische Untersuchung, oder etwa eine besondere
Art von Erfahrungen, selbige uns bekannt
machen können. Wir bestreiten
hier also nicht eigentlich die Sache selbst, sondern den
modum
cognoscendi.
Demnach sind wir mit den Leibnitzianern in
der Hauptsache einig, wir könnten es also vielleicht auch in
den Folgerungen derselben werden.
§ 51.
Die Quelle
des Leibnitzischen Schlusses
von Erhaltung eben
derselben Größe
der Kraft.Es gründet sich aber der Einwurf des Herrn von Leibnitz auf
einer falschen Voraussetzung, die seit langer Zeit in die Weltweisheit schon viel Unbequemlichkeit
hineingebracht hat. Es ist nemlich zu einem Grundsatze in
der Naturlehre geworden, daß keine
Bewegung in der Natur entstehe, als
vermittelst einer Materie, die auch in würklicher Bewegung ist; und daß also
die Bewegung, die in einem Theile der Welt verlohren
gegangen, durch nichts anders, als, entweder durch eine
andere würkliche Bewegung, oder die unmittelbare Hand GOttes könne
hergestellet werden. Dieser Satz hat
denenjenigen jederzeit viel Ungelegenheit gemacht,
die demselben Beyfall gegeben haben. Sie sind genöthiget worden ihre
Einbildungskraft mit
künstlich ersonnenen
Wirbeln
müde zu machen, eine Hypothese auf die andere zu bauen, und an
statt daß sie uns endlich zu einem solchen Plan des Weltgebäudes
führen sollten, der einfach, und begreiflich
genug ist, um die zusammengesetzte Erscheinungen der Natur
daraus herzuleiten; so verwirren sie uns
mit unendlich viel seltsamen Bewegungen, die viel wunderbarer
und unbegreiflicher sind, als alles dasjenige
ist, zu dessen Erklärung selbige angewandt werden
sollen.
Wie man
dieser Schwierigkeit abhelfen
könne.Herr Hamberger hat so viel ich weiß zuerst
Mittel dargebothen diesem Uebel
abzuhelfen. Sein Gedanke ist schön, denn er ist einfach, und also auch
der Natur gemäß. Er zeiget, (aber
noch in einem sehr unvollkommnen Risse,) wie
ein Körper eine würkliche Bewegung durch eine Materie
empfangen könne, die doch selber nur in Ruhe
ist.
Dieses beuget unzehlichen Abwegen, ja öfters so gar
Wunderwerken vor, die mit der entgegengesetzten
Meynung vergesellschaftet sind. Es ist wahr, der Grund dieses
Gedankens ist metaphysisch, und also auch nicht nach dem Geschmacke
der itzigen Naturlehrer; allein es ist zugleich augenscheinlich: daß
die allerersten Quellen von den Würkungen der Natur,
durchaus ein Vorwurf der Metaphysik seyn müssen. Dem Herrn
Hamberger ist sein
Vorsatz nicht gelungen, der Welt einen neuen Weg anzuweisen der
kürzer und bequemlicher ist, uns zur Erkenntniß der Natur zu führen.
Dieses Feld ist ungebaut geblieben; man hat sich von dem alten
Wege noch nicht losreissen können, um sich auf den neuen zu wagen.
Ist es nicht wunderbar, daß man sich einem unermeßlichen Meere
von Ausschweifungen und
willkührlichen Erdichtungen der Einbildungs-Kraft anvertrauet,
und dagegen die Mittel nicht achtet, die einfach und
begreiflich, aber eben daher auch die
natürlichen sind? Allein dieses ist schon die gemeine Seuche des
menschlichen Verstandes. Man wird noch sehr lange von diesem
Strohme hingerissen werden. Man wird sich an der Betrachtung belustigen
die verwickelt und künstlich ist, und wobey der Verstand seine eigene
Stärke wahrnimmt. Man wird eine Physik haben, die von
vortreflichen Proben der Scharfsinnigkeit, und der
Erfindungskraft voll ist;
allein keinen Plan der Natur selbst und ihrer
Würkungen. Aber endlich
wird doch diejenige Meynung die Oberhand behalten, welche die Natur, wie sie ist, das ist einfach und ohne
unendliche Umwege schildert. Der Weg
der Natur ist nur ein einziger Weg. Man muß daher erstlich
unzählig viel Abwege versucht haben, ehe man auf denjenigen
gelangen kan, welcher der wahre ist.
Die
Leibnitzianer
sollten mehr als andere die Meynung des Herrn Hambergers ergreifen. Denn sie sind es, welche behaupten,
daß ein todter Druck, der sich in dem Körper, welchem er
mitgetheilet worden, erhält, ohne daß ihn eine
unüberwindliche Hinderniß wieder vernichtet, zu einer würklichen
Bewegung erwachse. Sie werden also auch nicht leugnen können: daß ein
Körper, der sich an die Theile einer Flüßigkeit, die ihn umgiebt, nach einer Richtung mehr anhängt,
als nach der andern, alsdenn eine würkliche Bewegung erhalte, wenn
diese Flüssigkeit von der Art ist, daß sie ihm seine Kraft
durch ihren Widerstand nicht
wieder vernichtet. Dieses muß sie von demjenigen
überzeugen, was ich itzt behaupte,
nemlich: daß ein Körper eine würkliche Bewegung von einer
Materie empfangen könne, welche selber in Ruhe
ist.
Entscheidung des
Einwurfs den der
Herr von Leibnitz machet.Wie werden wir also dem Streiche ausweichen,
den der Herr von Leibnitz dem Cartesianischen Gesetze,
durch die Betrachtung der Weisheit GOttes
beybringen wollen? Es kommt alles
darauf an, daß ein Körper eine würkliche Bewegung erhalten könne, auch durch die Würkung
einer Materie, welche in Ruhe ist. Hierauf gründe ich mich. Die
allererste Bewegungen in diesem Weltgebäude sind nicht durch die
Kraft einer bewegten Materie hervorgebracht worden; denn sonst würden
sie nicht die ersten seyn. Sie sind aber auch nicht durch die
unmittelbare Gewalt GOttes, oder
irgend einer Intelligenz, verursachet worden, so
lange es noch möglich ist, daß sie durch Würkung einer Materie
welche im Ruhestande ist haben entstehen können; denn GOtt ersparet
sich so viele Würkungen, als er ohne dem Nachtheil der Weltmaschine thun
kan, hingegen macht er die Natur so thätig und würksam, als es
nur möglich ist. Ist nun die Bewegung,
durch die Kraft, einer an sich todten und unbewegten Materie,
in die Welt zu allererst hineingebracht worden; so wird sie sich auch
durch dieselbe erhalten, und, wo sie eingebüsset
hat, wiederherstellen können. Man müßte also eine große Lust
zum Zweifeln haben, wenn man noch ferner
Bedenken tragen wollte zu glauben: daß das Weltgebäude
keinen Abbruch erleiden dörfe, wenn gleich in dem Stoße der Körper
gewisse Kräfte verlohren gingen, welche vorher darinn
waren.
§ 52.
Nach
Leibnitzens
Gesetze ist die Kraft
in dem
Anstoße eines
kleinen elastischen Körpers
gegen einen
größern vor und
nach dem
Stoße gleich.Ich erhole mich wieder von einer Ausschweifung,
die mich von der Hauptsache, darinn ich
verwickelt bin, etwas entfernet hat. Ich
habe schon angemerkt, daß die Verfechter der lebendigen Kräfte sich
insbesondere mit derjenigen Beobachtung sehr viel dünken lassen, dadurch
sie befunden haben: daß, wenn die Kraft
der Körper nach dem Gesetze des
Herrn von Leibnitz
geschätzet wird, sich in dem Anlaufe
elastischer Körper vor und nach dem Stoße allemal einerley Größe der Kraft befünde. Dieser
Gedanke, der auf eine so wundersame Art den
lebendigen Kräften geneigt zu seyn
scheinet, soll uns vielmehr behülflich werden
dieselbe niederzuschlagen. Laßt uns folgendergestalt schließen:
Dasjenige Gesetz,
nach welchem, in dem Anlaufe eines kleinern elastischen Körpers gegen
einen grössern, nach dem Stoße
nicht mehr Kraft befunden wird, als
vor demselben, ist falsch. Nun ist
Leibnitzens
Gesetze von der Art,
Ergo
&c. &c.
§ 53.
Unter den Vordersätzen dieser Schlußrede ist nur
der Major
zu erweisen. Wir wollen dieses auf folgende
Weise bewerkstelligen. Die
angeführte Beobachtung der
Leibnitzianer ist
den lebendigen Kräften
gänzlich
entgegen.Indem die Kugel A
Fig. VIII.
gegen eine größere B anläuft, so empfängt in dem Augenblicke, darinn
A
den Stoß ausübet, und die Feder
zudrückt, die wir die Elasticität nennen, der Körper B nicht mehr Kraft, als
er durch seine Trägheits-Kraft in A
vernichtet, und der Körper A im Gegentheil verlieret nicht mehr von
seiner Kraft durch den Widerstand der
Masse B, der sich vermittelst
der Intensität der Feder die er spannet, in ihn fortpflanzet, als er
in eben diese Kugel hineinbringt. Wenn man dieses leugnen
wollte, so würde auch nicht mehr gewiß seyn, daß die in einen
Körper übertragene Würkung mit seiner Gegenwürkung gleich sey. Es ist also die Feder gespannet, und
in beyden Körpern zusammen genommen ist eben dieselbe Kraft
vorhanden, die vorher in der Kugel A allein befindlich war. Wenn diese Federn
der beyderseitigen Elasticität nun losspringen, so dehnen sie
sich gegen beyde Kugeln gleich stark aus. Nun ist es klar,
daß wenn A
noch nach verübter Zudrückung der Federn in der Richtung
AE eine
so große Kraft besässe, als die ist, womit nun die ihm
zugehörige Feder aufspringet; so würde die Aufspringung
dieser Feder eben so viel Kraft der Kugel A benehmen können, als auf der andern Seite
die Feder DB in B hineinbringt; und also würde freylich, nachdem alles
vollbracht ist, in denen Körpern A und B,
so wohl durch den Stoß, als durch die Elasticität, keine
Kraft mehr befindlich seyn, als vorhero in A allein war. Allein es ist vergeblich dieses
vorauszusetzen. Wenn der Stoß geschehen, und die Feder eben zugedrückt
ist, so hat A eben so viel
Geschwindigkeit als
B, nach der Richtung
AE, aber weniger Masse,
also auch weniger Kraft, als die Feder in ihrer Losspringung
ausübet; denn diese hat eine Kraft der Spannung, die so groß ist,
als die Kraft der Kugel B. Hieraus folget, daß die Elasticität nicht so viel von
der Kraft die in A befindlich
ist, rauben kan, als sie dem Körper B mittheilet. Denn A hat nicht so viel Kraft, folglich
kan sie ihm auch nicht genommen werden. Demnach muß durch
die Würkung der Elasticität in B ein neuer Grad Kraft
hinzukommen, ohne daß davor eben so viel auf der andern
Seite abginge; ja es erzeuget sich so
gar noch dazu ebenfalls in A
eine neue Kraft. Denn da die Elasticität nichts mehr von Kraft
fand, was sie in A
vernichten konte, so setzte die Kugel sich derselben mit nichts als
der Trägheits-Kraft
entgegen, und empfing den Grad der Gewalt, den die Feder
über die Kraft der Kugel A noch in sich hatte, um damit gegen C zurück zu
kehren.
Es ist also klar: daß in dem Falle, da ein kleiner
federharter Körper gegen einen größern anläuft, nach
dem Stoße mehr Kraft vorhanden seyn
müsse, als vor demselben. Nun würde man das
Gegentheil setzen müssen, nemlich:
daß nach dem Stoße nur eben dieselbe Größe der Kraft sich
finde, als vor demselben, wenn Leibnitzens
Kräftenmaaß wahr wäre. Also müssen
wir entweder dieses Gesetz leugnen, oder aller der
Ueberzeugung absagen, die uns in diesem §
dargebothen worden.
§ 54.
Das
vorige erhellet
noch deutlicher, wenn
man den Fall
nimmt, darinn ein
größerer
elastischer Körper
einen kleineren stösset.Wir werden von der Richtigkeit desjenigen, was
itzo gesagt worden, vollkommen
überführet werden, wenn wir den vorigen Fall
umkehren, und annehmen, daß die Kugel
B
Fig. VIII.
von größerer Masse gegen die kleinere A anläuft. Denn hier verlieret erstlich die Kugel
B durch
den Stoß gegen A nicht mehr auch nicht weniger Kraft,
als sie eben hiedurch in
A erzeuget, (wenn wir
nemlich dasjenige
allein erwägen, was vorgehet, bevor die
Elasticität sich
hervorthut). Also ist, ehe die Federkraft
ihre Wirkung thut, die Kraft in diesen Körpern weder vermehret,
noch kleiner geworden. Nun ist die Federkraft mit demjenigen Grade
gespannet, womit der Körper A gegen C fortrücket, also ist ihre Intensität kleiner, als die
Kraft die in B
nach der Richtung BC übrig ist,
sie wird sie also, wenn sie aufspringt, niemals erschöpfen, wenn sie gleich ihre ganze
Gewalt anwendet. Und wenn nun also die
Feder, die in dem Stoße gespannet worden aufspringt, so wird sie zwar in den Körper A eine neue
Kraft bringen, allein sie wird auch eben so viel in
B vernichten, als sie
jener Kugel mittheilet. Also wird auch durch die Federkraft die
ganze Kraft nicht größer werden; weil allemal von der andern Seite
eben so viel geraubet wird, als auf der einen
hineinkommt.
Wir sehen
hieraus, daß einzig und allein in dem Falle, da
ein größerer Körper einen von kleinerer Masse stößt, einerley
Grad Kraft in dem Stosse aufbehalten werde; und daß in allen andern
Fällen, wo die Elasticität nicht an der einen Seite so viel Kraft
zu vernichten findet, als sie an der andern erzeuget, jederzeit die
Kraft nach dem Stoße grösser werde, als vor demselben; welches das
Leibnitzische
Gesetze zerstöhret. Denn in demselben bleibt in allen nur
möglichen Fällen immer eben dieselbe Größe der Kraft in
der Natur, ohne einigen Abgang oder
Vermehrung.
§ 55.
Die
Berechnung
bestätiget es daß in
dem Falle, da
ein größerer
Körper
einen kleineren
stößt, nach
dem CartesianischenGesetze
eben dieselbe
Größe der Kraft
verbleibe.Die Leibnitzianer
sollten uns also, wenn sie könnten, einen Fall vorlegen, da ein größerer elastischer
Körper einen kleinern anstößt, und der der
Schätzung des Cartesius widerstritte: so würde niemand dagegen was
aussetzen
können. Denn nur einzig und allein ein solcher Fall würde entscheidend und ohne Ausnahme seyn;
weil man in demselben nach dem Stoße
gewiß immer die ganze Größe der
Kraft vor demselben antrift. Allein niemalen hat sich irgend ein Vertheidiger der
lebendigen Kräfte gewaget in dieser Art des
Stoßes das Cartesianische Gesetze anzugreifen; denn er würde nothwendig ohne
Mühe wahrgenommen haben: daß die
mechanische Regeln mit der
Cartesianischen Schätzung hier ganz wohl übereinstimmen.
Man nehme z. E. an: daß die Masse der Körper
B dreyfach, und
A
einfach sey, und daß B mit 4 Graden Geschwindigkeit gegen A anlaufe.
Man argumentire alsdenn nach der bekannten phoronomischen
Regel: Wie der Unterscheid der Massen A und B zur Summe derselben; so
verhält sich die Geschwindigkeit der
Kugel B nach dem Stoße, zur
Geschwindigkeit vor
demselben. Sie hat also 2 Grade. Ferner wie 2B: A+B;
so ist die Geschwindigkeit der Kugel A nach dem Stoße, zur Geschwindigkeit die
in B vor demselben war.
A erlangt
also 6
Grade Geschwindigkeit. Mithin ist, nach Cartesianischer
Schätzung, die Kraft nach dem Conflictu in beyden Körpern zusammen
12; vor demselben war sie aber auch 12. Und das ist es was man
verlanget hat.
§ 56.
Die Kraft
womit der
kleinere Körper
von dem
größern abprallt
hat das
Zeichen minus.Wenn man die Quantität einer Kraft messen
will, so muß man sie in ihren Würkungen
verfolgen. Man muß aber diejenigen Phänomena
vorhero davon absondern die mit denen
Würkungen zwar verbunden sind, aber keine eigentliche Folge der Kraft seyn die da geschätzet werden
soll.
Wenn nun ein elastischer Körper, einen andern
von größerer Masse, anstößt; so wissen
wir aus den Gesetzen der Bewegung, daß der kleinere, mit
einem gewissen Grade Kraft nach dem Schlage zurück kehre. Wir haben auch
aus den letzten Paragraphis gelernet, daß diese
Kraft, womit der kleine Körper von dem größeren abprallet, dem
Ueberschusse derjenigen Kraft gleich sey, den die
Anstrengung, der lebendig
gemachten Elasticität, über die Kraft des Körpers A hat, womit dieser ehe die Federkräfte
beyder Kugeln würksam wurden, mit
der Kugel B zusammen nach der
Richtung AE
fortrückte. Nun war (nach
demjenigen was vorher erwiesen worden,) so lange die Elasticität
noch in dem Körper A eine Kraft
antraf, die nach AD
gerichtet war, welche sie nach eben demselben Maaße
vernichten konte, als sie in die Kugel B Kraft hineinbrachte, ich sage,
so lange war nichts in beyden Körpern zusammen genommen, was
nicht ganz genau dieselbe Quantität der Kraft in sich
enthielte, die vorher in A, als der Ursache, allein vorhanden gewesen; folglich war
so lange der Zustand beyder Körper als eine rechtmäßige Würkung
der Kraft die A
vor dem Anstoße hatte anzusehen. Denn die Würkung
ist jederzeit weder größer noch kleiner als die Ursache. Wir
wissen aber ferner: daß, wenn die Federkraft schon alle Kraft
vernichtet hat, die in A nach der Richtung AE noch übrig war; sie in beyde Körper A und B neue Kräfte hineinbringe, welche über
diejenigen also hinzukommen,
welche die genuine und vollständige Würkung der Kugel A ausmachten. Wir werden
also diese aus der Bewegung beyder Kugeln auf die Weise wieder
herausziehen können: wenn wir dem Körper A die Kraft nehmen, mit der er nach dem
Schlage zurück kehret, und auch eben so viel von der Kraft
abziehen, welche die Kugel B
erlanget hat: Hieraus ist
leicht zu ersehen: daß die Kraft, womit eine kleine elastische
Kugel von einer größern, an welche sie anläuft, abprallet,
von einer
verneinenden Art sey, und das
Zeichen Minus vor sich
habe.
Wenn, z. E. eine Kugel
A mit 2 Graden
Geschwindigkeit gegen eine von dreyfacher Masse B anläuft; so prallet sie nach
dem Stoße mit einem Grade Geschwindigkeit ab, und gibt der Kugel B auch einen Grad. Die
Kraft nun, womit A nach dem Stoße zurückkehret, kan man nicht zu
der Kraft der Kugel B hinzu thun, wenn man die ganze Größe der
Würkung haben will, welche
A verübet hat. Nein, sie
muß so wohl dem Körper A weggenommen, als auch von der Kraft die in
B ist,
abgezogen werden. Der Ueberrest,
welcher 2 ist, wird die ganz vollständige Wirkung seyn, die durch die Kraft der Kugel
A
vollzogen worden. Also hat eine Kugel, die 2 zur Masse, und 1 zur
Geschwindigkeit hat, eben die
Kraft als eine andere, welche eine einfache
Masse, und eine zwiefache Geschwindigkeit
besitzet.
§ 57.
Die
Frau v.
Chastelet hat
hierüber zur
Unzeit gescherzet.Es hat also der erleuchteten Frau
Marquisin
von Chastelet
gegen dem Herrn von Mairan, zur
Unzeit gefallen scherzhaft zu seyn. Sie
antwortet ihm auf eben die Beobachtung,
die wir itzo angeführt haben: Sie glaubte, er würde nicht leichtlich
einen Versuch machen,
und sich auf dem Wege eines Körpers
befinden wollen, der mit dem
Zeichen Minus bemerket,
mit 500 oder 1000 Graden Kraft zurückschlüge.
Ich glaube es auch; und ich würde mich sehr betrügen, wenn ich besorgte, daß Herr von
Mairan sich einlassen würde,
die Wahrheit auf diese Weise auszumachen. Allein die Sache kommt
nicht darauf an; daß die Kraft, welche mit dem Zeichen
Minus bemerket worden,
nicht eine würkliche Kraft sey, wie die Frau
Marquisin daraus zu schliessen scheinet. Der
Herr von Mairan hat dieses ohne Zweifel hiemit nicht
sagen wollen. Sie ist in der That eine würkliche Kraft, und würde
auch würkliche Würkungen ausüben, wenn man
sie auf die Probe stellen wollte. Nur dieses
wird hiedurch angedeutet: daß so wohl diese Kraft als auch ein
Theil in der Kraft der Kugel B, welcher ihr gleich ist, nicht zu der
vollständigen Wirkung der Kugel A könne gerechnet werden; sondern daß man
sie vielmehr so ansehen müsse, als wenn sie in
A gar nicht
vorhanden wäre,
und dagegen noch von B
abgezogen würde, und daß die nach diesem übrig bleibende
Kraft, alsdenn allererst die vollständige
Würkung, der Kraft die vor dem Anlaufe war, eigentlich darbiethe.
Wenn man aber eine Größe so ansiehet; so gilt sie in der Summirung
weniger, wie nichts, und erfordert das verneinende
Zeichen.
§ 58.
Die Leibnitzianer fliehen vor
der Untersuchung der
lebendigen Kräfte
durch den
Stoß unelastischer Körper.Nun werden meine Leser vermuthen,
auch aus der Lehre
von der Bewegung unelastischer
Körper durch den Stoß, gewisse Beweise angeführt zu
finden, deren die
Anhänger der Leibnitzischen Schätzung sich
bedienet
hätten, die lebendigen Kräfte zu vertheidigen.
Allein sie betrügen sich. Diese Herren
finden die Bewegungen von der Art nicht
vor gar zu vortheilhaft vor ihre Meynung; sie suchen sie also von dieser Untersuchung
gänzlich auszuschliessen. Dies ist eine
Krankheit, woran diejenigen ordentlicher Weise darnieder liegen,
die in der Erkenntniß der Wahrheiten Unternehmungen machen. Sie schließen, so zu sagen, die Augen
bey demjenigen zu, was dem
Satze den sie sich in den Kopf gesetzt haben, zu widerstreiten scheinet.
Eine kleine Ausflucht, eine frostige und matte Ausrede, ist fähig
ihnen gnug zu thun, wenn es darauf ankommt eine Schwierigkeit
wegzuschaffen, die der Meynung, vor die sie
eingenommen sind hinderlich ist. Man hätte uns in
der Philosophie viel Fehler ersparen können, wenn man in diesem
Stücke sich hätte einigen Zwang anthun wollen. Wenn man auf dem Wege
ist, alle Gründe herbeyzuziehen,
welche der Verstand zu Bestätigung einer Meynung die
man sich vorgesetzet hat, darbiethet; so sollte man mit eben
der Aufmerksamkeit und
Anstrengung, sich bemühen das Gegentheil auf allerley
Arten von Beweisen zu gründen, die sich nur irgend hervorthun,
eben so wohl als man vor eine beliebte Meynung immer thun kan.
Man sollte nichts verachten, was dem Gegensatze im geringsten
vortheilhaft zu seyn scheinet, und es in der
Vertheidigung derselben aufs
höchste treiben. In einem solchen Gleichgewichte des Verstandes,
würde öfters eine Meynung verworfen werden, die sonsten ohnfehlbar
wäre angenommen worden, und die Wahrheit, wenn sie sich
endlich hervorthäte, würde sich in einem desto größern Lichte der
Ueberzeugung darstellen.
§ 59.
Der
Stoß unelastischer Körper
ist in Absicht auf
die lebendigen Kräfte
entscheidender als der Stoß
der elastischen.Es
ist denen Vertheidigern der lebendigen Kräfte
schon öfters eingeschärfet worden: daß die
Bewegungen unelastischer Körper durch den Stoß, viel geschickter sind es
auszumachen:
ob die lebendigen Kräfte statt haben oder nicht, als die Bewegung der elastischen. Denn in
diesen mischet sich die Federkraft
immer mit ein, und macht die Verwirrungen
unendlich, da hingegen jener ihre Bewegung durch nichts als die Wirkung und Gegenwirkung
allein bestimmet wird. Es ist kein
Zweifel, daß die Leibnitzianer
sich durch die Deutlichkeit dieses Gedankens würden überzeugen
lassen, wenn er nur nicht das ganze Gebäude der
lebendigen Kräfte umkehrte.
§ 60.
Die
Ausflucht der Leibnitzianer in Absicht auf
den Einwurf,
der ihnen von
dem Stoße
unelastischer Körper gemacht
wird.Sie sind daher genöthiget worden zu einer
Ausnahme ihre Zuflucht zu nehmen, welche
vielleicht die schlechteste ist der man sich
jemals bedienet hat. Sie behaupten nemlich: daß sich stets in dem Stoße unelastischer
Körper ein Theil der Kraft verliere, indem
derselbe angewandt wird die Theile
des Körpers einzudrücken. Daher gehet die Helfte der Kraft, die ein unelastischer Körper
hat, verlohren, wenn er an einen andern
von gleicher Masse, der in Ruhe ist,
anstößt, und verzehret sich bey dem Eindrücken
derer Theile.
§ 61.
Der
Ursprung dieses
irrigen Gedankens.Dieser Gedanke hat mehr wie eine schlimme
Seite. Wir wollen einige derselben
betrachten.
Es kan uns gleich beym ersten Anblicke nicht
schwer werden, die Quelle dieses Irrthums wahrzunehmen. Man weiß
es theils durch die Erfahrung, theils durch die Gründe der
Naturlehre: daß ein harter Körper, der im Stoße
seine Figur nur sehr wenig oder gar nicht ändert, allemal elastisch sey,
und daß im Gegentheil die Theile unelastischer Körper so zusammen
gefügt sind, daß sie beym Stoße weichen, und
eingedrückt werden. Diese Eigenschaften hat die
Natur gemeiniglich zusammen verbunden; allein in einer
mathematischen Betrachtung
sind wir nicht genöthiget sie zusammen zu
nehmen.
Die Anhänger
der lebendigen Kräfte haben sich hiemit
verwirret. Sie bilden sich ein, weil in der Natur ein unelastischer
Körper gemeiniglich einen solchen Bau
hat, daß seine Theile beym Stoße weichen und eingedrückt werden,
so können die Regeln, die eine pur mathematische Betrachtung der Bewegung solcher Körper
darbiethet, ohne diese Eigenschaft auch nicht bestehen. Dieß ist
der Ursprung derjenigen Schwierigkeit, die
wir § 60
gesehen, und die ganz ohne Grund ist, wie wir itzo lernen
werden.
§ 62.
Erste
Antwort auf
die Ausnahme
der Leibnitzianer.In der Mathematik verstehet man unter der
Federkraft
eines Körpers nichts anders, als diejenige
Eigenschaft, durch die er einen
andern Körper, der an ihn anläuft, mit eben demselben Grade Kraft wieder zurückstößet,
mit welchem dieser an ihn angelaufen war. Daher ist ein
unelastischer Körper ein solcher, der diese
Eigenschaft nicht hat.
Die
Mathematik bekümmert sich nicht um die Art und Weise,
wie sich diese Eigenschaft in der Natur hervorthut. Es ist
und bleibt bey ihr gänzlich unbestimmt; ob die Elasticität aus der
Aenderung der Figur, und einer plötzlichen Herstellung derselben
herfließe, oder ob eine verborgene Entelechie, eine
qualitas occulta,
oder GOtt weiß, was noch sonst vor eine Ursache mehr, die
Quelle derselben sey. Wenn man in den Mechaniken die Elasticität so
beschrieben findet, daß sie aus der Eindrückung und Zurückspringung
der Theile eines Körpers entstehe, so merke man: daß die
Mathematiker, die sich dieser Erklärung bedienen, sich in
dasjenige mengen, was sie nicht angeht, was zu
ihrer Absicht nichts thut, und was eigentlich ein Vorwurf der
Naturlehre ist.
Wenn
demnach die Betrachtung eines unelastischen Körpers
in der Mathematik nichts weiter voraussetzet, als nur daß er
in sich keine Kraft habe einen Körper der an ihn stößt wieder zurück zu
prellen, und wenn diese einzige Bestimmung dasjenige ist, worauf
das ganze Hauptstück der Bewegung unelastischer Körper gebauet ist;
so ist es ungereimt zu behaupten: daß die Regeln dieser Bewegungen
deswegen so beschaffen seyn, weil die Eindrückung der Theile,
derer sich stoßenden Körper, solche und keine andere Gesetze
zulassen. Denn in denen Grundsätzen daraus
man diese Gesetze gezogen, findet man keine Spur
von dem Eindrücken der Theile. Alle Begriffe, worauf man
dieselbe gebauet hat, sind so unbestimmt in Absicht auf
diese Einschränkung, daß man unter
die unelastischen Körper ohne jenen Eintrag zu thun eben
so wohl diejenige zählen kan, die in dem Stoße ihre Figur
nicht ändern, als die welche eine Zusammendrückung ihrer Theile
erdulden. Hat man nun in der Construction dieser Gesetze, gar nicht auf diese
Eindrückung Acht gehabt um die
Regeln der Bewegung derselben gemäß einzurichten, oder auch
nicht einmal solche Begriffe zum Grunde gelegt, welche diese
Eindrückung mit einschließen: so ist es ja sehr seltsam,
auf diese die Schuld davon zu schieben, daß gedachte Gesetze
so beschaffen seyn, wie sie würklich
sind.
§ 63.
Zweyte
Antwort.
Weil man
einen Körper
unelastisch
nennen kan, wenn
er gleich
vollkommen hart
ist.Wir haben gesagt: daß in der
Betrachtung, welche uns die Mathematik
von der Bewegung unelastischer Körper darbiethet,
man diese auch als vollkommen hart ansehen könne, als wenn ihre Theile durch den Stoß
nicht eingedrückt würden. Die Natur
biethet uns auch Exempel dar, daß nicht
eben derjenige Körper allemal unelastischer sey, dessen Theile mehr weichen, als die Theile
eines andern, sondern daß öfters ein
Körper, dessen Theile durch den Stoß in Vergleichung gegen
einen andern fast gar nicht eingedrückt werden, doch weniger elastisch
sey, als ein anderer dessen Theile leichter
weichen. Denn man lasse eine hölzerne Kugel auf das Pflaster
niederfallen, sie wird bey weiten nicht so hoch zurück
springen, als eine ausgestopfte, die doch sehr leicht
eingedrückt werden kan, und gegen welche zu
rechnen, jene ungemein hart genannt werden kan. Hieraus sehen wir:
daß der Körper so gar in der Natur nicht deswegen unelastisch
sey, weil seine Theile eingedrückt werden, sondern nur deswegen
weil sie sich nicht mit eben dem Grade Kraft wieder herstellen, mit
welchem sie eingedrückt
worden. Also können wir auch Körper setzen, deren
Theile in dem Stoße unendlich wenig weichen, die aber zugleich
so beschaffen seyn, daß sie sich auch von dieser unendlich kleinen
Zusammendrückung nicht wiederherstellen, oder wo sie es
thun, doch nur lange nicht mit dem Grade der
Geschwindigkeit, womit sie eingedrückt worden.
Wie etwa eine hölzerne Kugel thun würde, wenn man kleine
Dinge mit großen vergleichen darf. Dergleichen Körper, von
denen ich rede, würden vollkommen hart
Denn ein Körper, der nur unendlich wenig sich eindrücken läßt, kan ohne
einen Irrthum vollkommen hart genannt werden.
aber doch unelastisch seyn. Man würde sie also
von den Gesetzen des Stoßes unelastischer Körper nicht
ausnehmen können, und ihre Theile würden dennoch nicht eingedruckt
werden. Wie würde hier die Ausnahme der Herren Leibnitzianer bestehen?
§ 64.
Dritte
Antwort:
Das Eindrücken
der Theile ist
kein Grund weswegen in dem Stoße
unelastischer Körper ein Theil
der Kraft
sollte verlohren gehen.Wir können den Leibnitzianern
noch ihre Voraussetzung schenken; daß die
unelastische Körper immer eine Eindrückung ihrer Theile erleiden, und
es soll uns doch nichts schaden. Ein Körper
thut in einen andern beweglichen, dessen Theile er durch den Stoß eindrückt, eben
dieselbe Würkung, die er etwa ausüben würde,
wenn sich zwischen beyden eine Feder
befände, welche er durch den Anlauf zusammendrückte. Ich kan mich dieses Gedankens
frey bedienen, weil er nicht allein
plan, und überzeugend ist, sondern weil er
auch von einem grossen Schutzgotte der lebendigen Kräfte, dem Herrn
Bernoulli in eben demselben
Falle gebrauchet worden.
Wenn nun eine Kugel
A
Fig.
IX.
gegen eine andere B
bewegt wird, und die Feder R im Anlauf zudrücket; so, sage ich, treten alle
die kleinen Grade der Kraft, welche angewandt werden
die Feder zusammen zu drücken, in die Masse des Körpers
B über, und häufen sich so
lange, bis sie in gedachten Körper B, die ganze Kraft hinein gebracht
haben, womit die Feder ist zugedrückt worden. Denn der Körper
A
verlieret keinen einzigen Grad der Kraft, und die Feder wird auch
nicht um den geringsten Theil zugedrückt, als nur in so fern sie
sich an den Körper B
steifet. Sie steifet sich aber mit eben derselben Gewalt
gegen diese Kugel, mit welcher sie nach dieser Seite
aufspringen würde, wenn die Kugel plötzlich wiche, das ist:
mit der Kraft, womit A
sie von der andern Seite zugedrückt, und welche dieser Körper
in ihrer Zusammendrückung aufwendet und verzehret. Nun ist es
augenscheinlich, daß
eben derselbe Grad Kraft, mit der
die Feder sich gegen B auszudehnen bemühet ist, und dem die
Trägheits-Kraft der Kugel B widerstehet, in
dieselbe Kugel hineinkommen müsse. Also empfängt B die ganze Kraft sich nach der Richtung
BE zu bewegen, welche in
A verzehret ist, indem er die Feder
R
zusammendrücket.
Die
Anwendung ist leicht zu machen. Denn die Feder R deutet die Theile der unelastischen Kugeln
A und B an, die durch den
Stoß eingedrückt werden. Es verzehret also der Körper
A, indem er
in seinem Stoße gegen B, von beyden Seiten die Theile eindrücket,
nichts von seiner Kraft bey diesem Eindrucke, was nicht der
Körper B
überkommt, und womit er sich nach dem
Stoße beweget. Es gehet also kein Theil verlohren, noch viel weniger
ein so großer Theil, als die Leibnitzianer
fälschlich vorgeben.
§ 65.
Ich werde müde, alle Unrichtigkeiten und Widersprechungen
auszukramen, die in dieser Schwierigkeit begriffen sind, welche die Leibnitzianer uns in der Sache von dem Stoße unelastischer
Körper haben machen wollen. Die einzige, die ich noch anführen will,
könnte allein genug seyn sie unnütze zu machen.
Vierte
Antwort. Von
der Proportion
der Härte
unelastischer Körper, und dem
Grade der Kraft
des Anlaufs,
der bey der
Ausnahme
der Leibnitzianer bestimmt
seyn müsse.Wenn man gleich unsern Gegnern alles übrige
verstattete, so kan man ihnen doch die Kühnheit nicht
verzeihen,
die in der Forderung stecket: daß sich in dem Stoße unelasticher Körper nicht mehr auch nicht
weniger, sondern nur gerade so viel, von der
Kraft durch das Eindrücken derer Theile verzehren solle, als sie es
selber in jedwedem Falle nach ihrer Schätzung
nöthig finden. Es ist eine
Verwegenheit die unmöglich zu verdauen ist: daß man uns ohne allen Beweis zu glauben aufdringen
will: ein Körper müsse in einem Stoße
gegen einen gleichen gerade die Helfte,
in dem Stoße gegen einen dreyfachen gerade ¾ der Kraft
etc. etc.
durch den Eindruck der Theile verlieren, ohne
daß man uns einen Grund angeben kan, woher denn eben genau, so viel und
nicht mehr oder weniger drauf gehe; denn gesetzt, daß der
Begriff eines unelastischen Körpers nothwendig
einigen Verlust der Kraft beym Eindrücken erfordert, so weiß ich
doch nicht, woraus man denn schließen wollte: Daß diese Abwesenheit
der Elasticität erfordere, daß gerade so
viel und nicht weniger Kraft verzehret werden müsse. Die
Leibnitzianer
können doch nicht leugnen, daß je geringer die Festigkeit
der Masse der unelastischen Körper in
Vergleichung mit der Kraft des
Anlaufenden ist, desto stärker werde sich die Kraft beym
Eindrücken der Theile verzehren, je härter aber
beyde Körper seyn, um desto weniger müsse sich von derselben verlieren;
denn wenn sie vollkommen
hart wären, so würde kein Verlust der Kraft statt
finden.
Es wird also eine gewisse bestimmte Verhältniß
der Härte zweener gleicher und unelastischer Körper dazu
erfordert, wenn sich in dem Stoße gerade die Helfte von
der Kraft des Anlaufenden verzehren und vernichtet werden soll. Und
ohne diese Proportion würde mehr oder weniger herauskommen, nachdem
man die sich stoßende Körper, weicher oder härter machte. Nun
ist in den Regeln der Bewegung
unelastischer Körper, wider welche die Leibnitzianer
eine Ausnahme suchen, der Grad der
Festigkeit, und noch vielmehr die Proportion derselben zur Stärke des Anlaufs, gänzlich
undeterminirt, folglich läßt sich
aus denenselben gar nicht verstehen, ob ein Eindruck
der Theile geschehe, ob sich hiedurch eine Kraft verzehren,
und wie viel von derselben verlohren gehen werde, am allerwenigsten
aber bieten sie einigen Grund dar, daraus sich verstehen
ließe, daß in dem Anstoße einer Kugel an eine andere von gleicher
Schwere, gerade die Helfte der Kraft verlohren gehe. Denn dieses
geschiehet nicht, ohne eine gewisse ganz genau bestimmte
Verhältniß unter der Härte dieser Körper und der Gewalt des
Anstoßes. Da nun keine solche Bestimmung in den Grundsätzen anzutreffen
ist, daraus die Gesetze des Stoßes unelastischer Körper hergeleitet
werden, die irgend einen Grund eines bestimmten Verlustes der Kraft in
sich enthielte, so ist die Ursache,
weswegen diese Regeln, so und nicht anders beschaffen seyn, nicht
in der Eindrückung der Theile zu setzen,
die gerade so viel Kraft in jedwedem Falle verlustig macht,
als die Leibnitzianer vor
gut befinden aufzuheben.
Anwendung unserer Schlüße.Nachdem nun der Vorwand, durch den sich die
Vertheidiger der lebendigen Kräfte dem Schlage
entziehen wollen, den ihnen alle Gesetze des
Stosses unelastischer Körper beybringen, auf mehr wie eine Art
unkräftig befunden worden; so hindert uns nichts ferner, dieselbe
zu dem Dienste zu gebrauchen, den sie uns allemal sehr vortreflich
leisten werden, nemlich die lebendigen Kräfte aus dem Gebiethe der Mathematik hinweg zu
räumen, worinn sie sich unrechtmäßiger Weise eingedrungen
haben.
§ 66.
Der
Stoß unelastischer Körper
hebet die
lebendigen Kräfte
gänzlich auf.Es ist aber überflüßig, die Art und Weise
hier weitläuftig aus einander zu legen, wie die Bewegung
unelastischer Körper die
lebendige Kräfte aufhebe. Ein jedweder Fall den man nimmt, thut dieses ohne die geringste
Ausnahme oder
Schwierigkeit. Z. E. Wenn ein unelastischer Körper
A, einen andern
gleichartigen und gleich schweren B, der in Ruhe ist, anstößt;
so bewegen sich beyde nach dem Stoße mit ½
Grade der Geschwindigkeit, die vor dem Anstoße war. Es ist
also, nach der Leibnitzischen Schätzungsart, in jedwedem nach verübtem
Stoße ¼
Kraft, und also alles zusammen ½ Grad Kraft, da doch vor
demselben ein ganzer Grad in der Natur vorhanden
gewesen. Es ist also die Helfte verlohren gegangen,
ohne eine Wirkung gethan zu haben, welche
ihr gleich ist, oder auch ohne einen einzigen Widerstand
erlitten zu haben, durch den sie etwa hätte verzehret
werden können, welches auch so gar nach dem
Geständniße unserer Gegner, eine der grösten
Ungereimtheiten ist die man nur begehen kan.
§ 67.
Allgemeiner Beweis:
daß der
Zusammenstoß
elastischer Körper immer
den lebendigen Kräften
entgegen
seyn müsse.Ich will diesen Abschnitt, darinn wir die
lebendigen Kräfte durch den Zusammenstoß der
Körper widerlegt haben, nicht
endigen, ohne vorher eine allgemeine Betrachtung beygefügt zu haben, die alles
in sich begreifet, was man in dieser Art
wider die lebendigen Kräfte nur immer wird sagen können. Ich werde in derselben darthun:
daß, wenn man gleich den Leibnitzianern ihre Kräften-Schätzung schenken wollte,
so sey es doch der Natur der Sache ganz entgegen, selbige aus dem Zusammenstoße der Körper erweisen
zu wollen, und daß diese niemals ein anderes Maaß als die
schlechte Geschwindigkeit darbiethen
würde, oder auch könte, wenn gleich die Schätzung nach dem Quadrat eine ganz wahre und ungezweifelte Sache
wäre. Es ist unmöglich, sage ich, daß sie aus dem Zusammenstoße
der Körper sollte erkannt werden können, sie mag sich auch
sonsten in tausend andern Fällen so offenbar zeigen als man
immer wolle.
§ 68.
Ausführung dieses
Beweises.Mein Beweis beruhet auf folgendem.
Man ist darinnen eins: daß man sich der
Bewegung der Körper durch den Stoß, auf keine
andere Art zu dem Endzwecke, davon wir reden,
bedienen könne, als daß man die Kraft, welche ein bewegter
Körper durch den Stoß in andere hineinbringt, wie die Würkung ansieht,
mit der man die Quantität der Ursache abmessen muß, die sich erschöpfet hat, sie hervorzubringen. Das ist,
man muß die Größe der Ursache in denen Würkungen aufsuchen,
welche eine Folge derselben sind. Es versteht sich also schon von
selbsten: daß man sich hiebey insbesondere darinn wohl
vorzusehen habe, daß man in denen gestoßenen Körpern nur
diejenige Kraft nimmt, welche würklich nichts anders ist, als die
durch den Anlauf des andern Körpers unmittelbar hervorgebrachte
Würkung; denn sonst ist das ganze Maaß, was man gesucht hat betrüglich
und unnütze. Es ist aber augenscheinlich: daß unmittelbar nach dem
Augenblicke, darinn der stoßende Körper in dem gestoßenen seine
Würkung verübt hat, alle Kraft, die sich alsdenn
in diesem befindet, eine ungezweifelte Wirkung des Stoßes
sey. Daher muß man sich nothwendig derselben und keiner andern
bedienen um sie zum Maaße der Kraft, die der anlaufende Körper, in
Hervorbringung derselben aufgewandt hat, zu machen. Nun
hat ein Körper, der seine Bewegung durch den Anstoß eines andern
überkommt, so fort nach dem Augenblicke darinn der Stoß die Kraft in
ihn hineingebracht hat, und wenn er also sich von der Berührung des
anstoßenden noch nicht eine endliche Weite hat entfernen können,
zwar schon alle die Kraft die dieser ihm hat mittheilen können, allein
noch keine würkliche Bewegung, weil man ihm keine Zeit dazu gelassen
hat, sondern nur eine bloße Bemühung zu derselben, mithin eine Kraft
die da todt ist, und die schlechte
Geschwindigkeit zu ihrem Maaße hat. Also hat sich die
Kraft die in dem stoßenden Körper befindlich war erschöpfet, um
in dem andern eine Kraft zu erwecken, deren ganz genaue
Schätzung niemals etwas anders als die bloße
Geschwindigkeit seyn kan, wenn man auch gleich durch eine
Hypothese in dem Stoßenden eine setzen wollte,
die, ich will nicht sagen das Quadrat, sondern gar den Würfel,
das Quadratoquadrat, und wer weiß was vor Potenzen der
Geschwindigkeit mehr, zum Maaße
hätte.
Nun wäre es eine
Ungereimtheit, die das Gesetz, von der
Gleichheit der Würkung und
der Ursache gänzlich umkehren würde, wenn man setzen wollte, daß eine Kraft, die die Schätzung
nach dem Quadrat erfordert, eine andere hervorzubringen aufgewandt
wäre, die nach der Geschwindigkeit allein geschätzet würde. Denn
weil jene unendliche mal größer wie diese
ist, so würde es eben so viel seyn, als wenn man sagen wollte,
der ganze Inhalt eines Quadrats wäre angewandt worden eine Linie und zwar eine endliche Linie
hervorzubringen. Daher ist es klar,
daß alle Gesetze, so wohl elastischer, als unelastischer Körper,
niemals einen Beweis einer andern Schätzung, als der schlechten
Geschwindigkeit darbiethen werden, und daß sie
schon ihrer Natur nach den lebendigen Kräften allemal müssen
entgegen seyn, man mag gleich alle seine Erfindungs-Kraft erschöpfen, Fälle zu erdenken, die das Ansehen haben ihnen geneigt zu seyn.
§ 69.
Weil im
vorigen § alles darauf ankommt,
daß man nur diejenige Kraft des fortgestoßenen Körpers zum
Maaße der Kraft des anlaufenden annimmt,
welche unmittelbar nach dem Augenblicke der mitgetheilten Wirkung in jenem anzutreffen ist, und eben da
er sich von der Berührung des Anstoßenden losmachet, allein dennoch,
noch ehe diese Bewegung schon würklich geschehen ist, so zweifle
ich nicht, daß dieses der Punkt seyn werde, dawider die Herren, die ich
itzo die Ehre habe meine Gegner zu heissen, am meisten sich empören
werden: Ich wollte, daß ich so glücklich wäre ihnen mit folgendem
zuvor zu kommen.
Fortgesetzter Beweis,
daß man in
dem Stoß
der Körper
nichts wie die
Anfangs-Geschwindigkeit des
Gestoßenen zu
erwegen habe.Entweder ist die Kraft, die der gestoßene Körper
hat, den Augenblick zuvor, ehe er sich
von dem Stoßenden entfernet, derjenigen Kraft gleich, die er hat nachdem
er sich schon würklich beweget, und von
demselben entwichen ist, oder sie ist ihr
nicht gleich. Ist das erste, so bedarf es nicht einmal meiner Einschränkung, sondern man
kan die Kraft des gestoßenen Körpers
nehmen in welchem Augenblicke der
Bewegung man will, man wird sie aber allenthalben der Geschwindigkeit schlechthin gemäß finden,
Denn so lange die Bewegung des gestoßenen Körpers noch nicht würklich
geworden ist, (so lange er nemlich sich von dem stoßenden noch nicht
entfernet hat,) so lange ist seine Kraft, selber nach dem Geständniße
der Leibnitzianer, noch todt.
weil
sie derjenigen gleich ist, die er hatte ehe seine Bewegung
würklich war. Ist sie ihr
nicht gleich, so will man unfehlbar hiemit so viel sagen: daß die
Kraft, die in dem gestoßenen Körper befindlich
ist, nachdem er sich schon von dem Anstoßenden entfernet hat,
größer sey als sie in der Berührung war. Wenn aber dieses ist, so
gestehe ich, daß dieses eben die Ursache sey, weswegen ich mich
derselben nicht bedienen könne, um
die Kraft des Anlaufs darnach zu schätzen. Denn wenn in dem gestoßenen
Körper, da er sich von dem Anlaufenden nach dem Stoße schon
entfernet hat, ein Grad Kraft mehr ist, als wie
in ihm war, so lange er diesen noch berührte: so ist dieser
neue Grad Kraft auch keine Würkung des anlaufenden Körpers, denn
die Körper würken nur so lange in einander als sie sich berühren;
sondern der erstere ist es allein. Daher kan man jene auch am
füglichsten dazu brauchen, diejenige Kraft zu messen, die
sich verzehrt hat um sie hervorzubringen.
§ 70.
Wir haben
die Schwierigkeiten glücklich überstiegen, die der
Zusammenstoß der Körper dem
alten Gesetze des Cartesius hätte
machen können. Ich bilde
mir,
daß ich itzo kühnlich sagen könne, daß die Parthey des Herrn
von Leibnitz ihm von
dieser Seite nichts abgewinnen werde.
Wir wollen uns bemühen, daß wir uns von denen übrigen dieses auch
rühmen können.
§ 71.
Von der
Vertheidigung
der lebendigen Kräfte
durch die Zusammensetzung
der Bewegung.Lasset uns itzo diejenige Fälle in Erwegung
ziehen, welche die Vertheidiger der
lebendigen Kräfte von den zusammengesetzten
Bewegungen der Körper zu
Befestigung ihrer Schätzung entlehnet haben. Gleichwie
eine schlimme Sache jederzeit das
Merkmahl an sich hat: daß sie sich gerne
hinter dunkele und verwickelte Fälle verstecket; so hat auch die Parthey der lebendigen Kräfte sich der Verwirrung zu Nutze machen wollen, in die man leichtlich
bey der Betrachtung der
zusammengesetzten Bewegungen gerathen kan. Wir wollen uns bemühen ihr
die Decke der Dunkelheit abzuziehen, die den lebendigen Kräften
bis daher einzig und allein geneigt gewesen. Herr Bülfinger hat sich um diese Art der
Beweise am meisten verdient gemacht, und seine Gedanken sollen daher die ersten
seyn, die wir auf die Probe stellen wollen.
Wir finden seine Abhandlung in dem ersten Bande des
Commentarii
Petropolitani. Der Satz der seinem ganzen
Gebäude zum Grunde liegt, ist folgender.
Fig. X.
Ein Körper A, der zwey
Bewegungen zu gleicher Zeit empfängt, eine nach der Richtung
AB mit der Geschwindigkeit
AB, und eine andere, nach einer Richtung,
welche mit der vorigen senkrecht verbunden ist, mit der
Geschwindigkeit AC, bewegt sich
die Diagonallinie dieses rechtwinklichten
Parallelograms in eben der Zeit hindurch, darinn er eine jedwede
von denen Seiten insbesondere durchlaufen würde. Es sind aber die
nach den Seiten des Parallelograms gerichteten Kräfte einander nicht entgegen gesetzt, mithin kan
die eine der andern auch nichts entziehen, und also wird die Kraft,
die der Körper hat, wenn er beyden nachgiebt, nemlich, wenn er sich in
der Diagonallinie beweget, denen Kräften
nach den Seiten zusammen genommen gleich seyn. Nun würde
dieses nach Cartesens Schätzung nicht statt
finden. Denn die Diagonallinie AD ist immer kleiner, wie die zwey
Seiten AB und
AC zusammen genommen;
allein auch in allen andern möglichen Schätzungen, würde die Kraft die der Körper mit der
Geschwindigkeit AD hat, der Summe der Kräfte mit denen
Geschwindigkeiten AB und AC niemalen gleich seyn, als nur in dem einzigen Falle, da
dieselben nach den Quadraten ihrer
Geschwindigkeiten geschätzet werden. Hieraus schließt Herr
Bülfinger: die Kraft eines Körpers der
in würklicher Bewegung ist, könne durch nichts anders, als
mit dem Quadrate seiner Geschwindigkeit
abgemessen werden.
§ 72.
Herr
Bülfinger hat in seinem Beweise nicht gänzlich geirret.
Seine Schlüße sind im Grunde der Sache vollkommen richtig;
allein die Anwendung derselben ist eigentlich nur fehlerhaft, und
hat das Merkmahl eines übereilten Urtheils an
sich.
Wenn man die Bewegung
die der Körper nach
Fig. X.
der Seite AC hat so ansiehet wie gewöhnlich ist,
nemlich: daß der Körper mit derselben
bemühet ist die Fläche CD perpendicular zu
stoßen, In
welchem Verstande
der Bülfingerische Beweis
richtig sey.so ist gewiß: daß die andere Seitenbewegung in der Linie AB derselben in dieser
Absicht gar nicht entgegen gesetzet sey, weil sie
mit der Fläche CD
parallel läuft, folglich den Körper weder zu derselben hinzu, noch
von ihr abziehet. Eben desgleichen wird die
Seitenbewegung AC, der
Bewegung in der andern Seite AB,
in Absicht auf die Würkung die
der Körper mit ihr gegen die
Fläche
BD zu thun bemühet ist gar nicht
entgegen seyn, weil sie mit dieser Fläche gleichfalls
parallel läuft. Was folget aber hieraus? Nichts weiter, als daß der
Körper, wenn er diesen beyden Seitenbewegungen zugleich nachgiebt,
und die Diagonallinie durchläuft, gegen die Flächen
CD und BD eben die Würkungen auf einmal
ausüben werde, als er in abgesonderter Bewegung durch die Seiten würde
gethan haben. Der Körper hat
also in der Bewegung durch die Diagonallinie in
Absicht auf die beyden FlächenCD und BD eine Kraft in sich, die der
Summe beyder Kräfte nach den Seiten gleich ist. Allein diese
Gleichheit ist in ihm nur unter dieser Bedingung, die ich gesagt habe,
anzutreffen.
§ 73.
Herr
Bülfinger hat über
den Sinn
der Streitfrage hinausgeschlossen.Herr Bülfinger band sich nicht an diese
Bedingung; ohngeachtet er sich dazu durch die
Natur seines Beweises hätte genöthiget
finden sollen. Er schloß gerade zu:
Also hat der
Körper in der Bewegung durch die
Diagonallinie eine Kraft in sich die der
Summe beyder
Seitenkräfte gleich ist.
Dieser so
uneingeschränkt vorgebrachte Satz, nimmt
ordentlicher Weise eine Bedeutung an, die von dem
Sinne der Schlußfolge, in dem Bülfingerischen
Beweise, weit entfernet ist. Denn wenn man sagt:
ein Körper, der die oder jene Geschwindigkeit besitzet; hat
diese oder jene Kraft in sich; so verstehet man darunter
die Kraft, die er in der geraden Richtung seiner Bewegung, und
auf einen Gegenstand, den er perpendicular anstößet, ausüben würde.
Man muß also, wenn auf eine so eingeschränkte Weise die Rede
von der Kraft eines Körpers ist, ihre Größe in keiner andern
Bedeutung, als in dieser, zu
bestimmen suchen, sonst glaubt man: der Körper habe in der geraden
Richtung seiner Bewegung eine gewisse Kraft in sich, die er doch
nur zur Seite bey einer gewissen Lage des Gegenstandes, den er anstößt,
ausüben kan. Herr Bülfinger, der
dieses aus der Acht gelassen hat, ist hiedurch der Beschuldigung einer fallaciae ignorationis elenchi
ausgesetzet worden. Denn er hat den Sinn der Streitfrage verlassen, und an
statt, daß er hätte beweisen sollen: der Körper werde in der
Bewegung durch die Diagonallinie einen Gegenstand, der
der Richtung dieser seiner Bewegung
perpendikular entgegen gesetzt
ist, mit einer Kraft stoßen, die der Summe der
Kräfte, womit er durch die abgesonderte Seitenbewegungen, die
ihm unterliegende Flächen anstoßen würde,
gleich ist: so bewieß er, daß derselbe das Aggregat
dieser Kräfte zwar ausübe, aber nur gegen die zwey
Seiten-Flächen CD und BD, und nicht gegen die, seiner Bewegung
gerade entgegen gesetzte Perpendicular-Fläche.
§ 74.
Eben
derselbe Beweis ist
in Absicht auf
den Punkt,
warum gestritten
wird, fehlerhaft.Es kommt also alles nur darauf an, daß ich
beweise: ein in der DiagonallinieAD bewegter Körper habe,
in der geraden Richtung
AD nicht die Summe derer
Seitenkräfte
zusammen in sich. Ich brauche hiezu nichts
weiter: als daß ich eine jedwede von den
Seiten-Bewegungen
als zusammengesetzt ansehe, wie die
Mathematiker es zu thun gewohnt sind.
Fig. XI.
Die Seitenbewegung AB sey
demnach aus der Bewegung AF und AH, die Seitenbewegung AC im Gegentheil, aus den Bewegungen
AE und AG zusammengesetzt. Weil nun so
wohl die Bewegung AF, als auch AE einander gerade
widerstreiten, mithin weil sie gleich sind, sich auch
aufheben; so sind nur die Bewegung mit der Geschwindigkeit
AH, und die mit der
Geschwindigkeit AG übrig, womit der Körper in der Richtung
der Diagonallinie fortfähret; und also
ist nicht die ganze Kraft der beyden Seitenbewegungen in der Richtung der Diagonallinie vorhanden,
sondern es ist in dieser Absicht nur ein Theil von derselben
anzutreffen. Ferner, weil die Bewegungen AF und AE ohnedem mit der Fläche BH, die der Körper in der Diagonalbewegung
perpendikular anstößt, parallel laufen, mithin keine von beyden dieselbe
treffen kan, so siehet man so wohl aus diesem als dem vorhergehenden,
der Körper werde den, seiner Bewegung durch AD senkrecht entgegen gesetzten Gegenstand,
nicht mit der Summe der Kräfte nach den Seiten AC und AB anstoßen.
§ 75.
Schluß hieraus.Es
ist itzo alles abgethan. Denn nunmehro wissen wir: daß ein Körper in der Bewegung durch die
Diagonallinie gegen einen senkrecht
entgegenstehenden Vorwurf nicht
die ganze Summe beyder Seitenkräfte ausübe, die der Körper mit
jedweder von seinen Seitenbewegungen, gegen die, ihnen gleichfalls
perpendikular entgegengesetzte Flächen, besitzet. Hieraus folget nothwendig: die Kraft
sey in der Bewegung durch die Diagonallinie kleiner, als beyde
Seiten-Kräfte
zusammen genommen; folglich könne die Kraft eines
Körpers nicht nach dem Quadrate seiner Geschwindigkeit geschätzet
werden: Denn in dieser Art der Schätzung würde
gedachte Gleichheit nothwendig müssen angetroffen werden, die doch in
der That nicht anzutreffen ist.
§ 76.
Aus dem
Bülfingerischen Falle
werden die
lebendigen Kräfte
selber widerleget.Wir wollen uns hieran nicht begnügen. An statt
daß wir uns vor die Schlüße des Herrn Bülfingers fürchten sollten, wollen wir sie lieber willig ergreifen; um
des CartesensGesetze dadurch zu beweisen. Eine gute Sache hat allemal dieses Merkmahl an sich: daß selbst die
Waffen der Gegner zur Vertheidigung
derselben dienen müssen, und wir haben mehr wie einmal gesehen,
daß die Unsrige sich auch dieses Vorzuges rühmen
könne.
Fig. XI.
Die Seitenbewegung AB,
bringet, nach dem was itzo erwiesen worden, in die Richtung der
Diagonallinie keine andere
Geschwindigkeit, als nur die Geschwindigkeit AH, womit der Körper in abgesonderter
Bewegung die Fläche BH
perpendicular treffen würde.
Ferner bringt die andere Seitenbewegung AC vor sich allein in die Richtung der
Diagonallinie nur die Geschwindigkeit
AG, womit der Körper die
Fläche CG senkrecht anstoßen
würde. Aus denen Kräften, welche diese beyde Bewegungen
AH und AG mit sich führen, ist nun
die ganze Kraft der Diagonallinie
zusammengesetzt, und was also in jenen beyden nicht
anzutreffen ist, das wird in dieser auch nicht vorhanden
seyn; denn sonst würde in der Summe mehr enthalten seyn können,
als in denen Summandis
zusammen. Es soll also die Kraft mit der Geschwindigkeit
AD, der Kraft mit der GeschwindigkeitAH, plus der Kraft mit der
Geschwindigkeit AG gleich
seyn; und es frägt sich, was vor Potenzen von
AH, von AG, und von AD, man nehmen müße, damit die Summe der
beyden ersten, der letztern gleich sey. Hier ist es aus den
leichtesten Gründen der Arithmetik klar, daß wenn man die
Kräfte durch eine Potenz der Linien AH, AG, und AD schätzen wollte, die größer ist als die erste Potenz,
die, auf diese Weise geschätzte Kraft des Körpers, mit der
Geschwindigkeit AD, größer seyn würde, als die Summe der Kräfte mit denen
Geschwindigkeiten AH, und AG; wenn man aber eine kleinere Function
(wie Herr Bülfinger sich
ausdrückt,) als die Function der schlechten
Geschwindigkeiten nehmen
wollte, so würde das Aggregat der Theilkräfte größer seyn, als die
ganze daraus entsprungene Kraft, welche die Geschwindigkeit AD, zum Merkmahl hat, im Gegentheil werden sie
gleich befunden werden, wenn alles zusammen nach der bloßen
Geschwindigkeit
geschätzet wird. Hieraus folget: man müsse entweder die Kräfte
in Proportion der Geschwindigkeiten AH, AG, und AD setzen, oder
zugeben: daß das Aggregat kleiner,
oder größer seyn könne, als die Aggregandi zusammen.
§ 77.
Wir können eben dasselbe auch auf eine andere Art
darthun.
Wir nehmen
wie Herr Bülfinger an:
daß die Seitenkräfte
Tab. II. Fig. XII.
AB und AC dem Körper a, durch den
Stoß zweyer gleicher Kugeln, mit den
Geschwindigkeiten ba=AB, und ca=AC, mitgetheilt
werden, und daß diese beyde zugleichEben
dieselbe Widerlegung: auf
eine andere Art. geschehene Antriebe, die Bewegung
und Kraft durch die Diagonallinie veranlassen. Wir wollen aber, weil es einerley ist, annehmen:
daß diese Kugeln aus C und B
ausliefen, und den Körper a im
Puncte D,
mit den Geschwindigkeiten CD=ba, und
BD=ca, anstiessen. Es ist
unleugbar, daß der Körper
a in diesem Orte von
gedachten Kugeln eben die Kraft erhalten werde, als er im
Puncte A erhalten konte;
denn der Ort macht gar keinen Unterscheid, da alles übrige
sonst gleich ist. Es frägt sich also: was vor eine Kraft
die Kugel a im Puncte
D,
von diesen zweyen, zu gleicher Zeit in ihn geschehenen
Stössen, BD und CD,
gegen die
PerpendikularflächeFE erhalten wird? Ich antworte: die
Kugel B wird dem Körper
a mit der Bewegung
BD,
eigentlich nur die Geschwindigkeit BE, in Absicht auf die Würkung in diese
Fläche, ertheilen, und von dem Anlaufe der Kugel C, mit der
Geschwindigkeit CD, wird eben derselbe Körper A nur die Geschwindigkeit CF
erlangen, womit er im Puncte D, in die Fläche FE würken kan. Denn die andere zwey Bewegungen,
Bg und Ch, welche a annoch von diesem zwiefachen Stoße erhalten hat, gehen mit der Fläche parallel,
folglich treffen sie dieselbe nicht, sondern vernichten sich
vielmehr einander, weil sie einander entgegen gesetzt und gleich
seyn. Es haben also beyde Seiten-Kräfte BD und
CD, oder, welches eben so
viel ist, AC und
AB, dem Körper, in Absicht auf die Fläche,
die er in der Diagonalbewegung perpendikular trift, nur eine solche
Kraft ertheilet, die der Summe der Kräfte mit den
Geschwindigkeiten BE und
CF gleich ist; folglich,
erstlich nicht ihre ganze Kräfte,
zweytens eine solche Kraft, von der
hier eben so augenscheinlich, als im vorigen § erhellet, daß sie sich zu
denen, aus welchen sie zusammen gesetzet ist, wie die
Geschwindigkeit AD
zu den Geschwindigkeiten CF und BE, und nicht wie die Quadrate
derselben verhalten müsse.
§ 78.
Die
gerade Kraft in
der Diagonallinie ist
nicht der Summe
der Kräfte
nach den Seiten gleich.Wir sehen
aus der bisherigen Betrachtung, daß, wenn man voraussetzet, die nach den Seiten des
Parallelograms in der Diagonalbewegung ausgeübten Kräfte
wären zusammen der Kraft in der
Richtung der Diagonallinie gleich,
hieraus folge: daß man die Kräfte nach den
Quadraten
der Geschwindigkeit schätzen müsse. Allein
wir haben zugleich erwiesen: daß
diese Voraussetzung falsch sey, und daß
diejenige Würkungen, die ein Körper in schräger Bewegung
ausübet, bis alle seine Kraft in ihm erschöpfet
ist, allemal größer seyn, als dasjenige, was er durch einen
perpendikularen Stoß ausrichten würde.
Diese Beobachtung hat das Ansehen eines paradoxen
Satzes. Denn es folget hieraus, ein Körper könne in Ansehung
gewisser ihm auf eine besondere Art entgegenstehender Flächen mehr
Kraft ausüben, als man voraussetzet, daß er gar bey sich habe. Denn so
viel Kraft sagt man, daß ein Körper habe, als er durch einen
senkrechten Stoß gegen eine unüberwindliche Hinderniß
aufwendet.
Wegen der metaphysischen
Auflösung dieser Schwürigkeit dörfen wir nur immerhin
unbekümmert seyn, denn es mag hiemit beschaffen seyn, wie es wolle, so
thut die Mathematik doch einmal den Ausspruch, und nach ihrem Urtheile
kan man nicht länger zweifeln.
§
79.
In
der Leibnitzischen Kräftenschätzung ist
die Summe der
in schräger
Richtung
ausgeübten
Kräfte,
der Diagonalkraft gleich;
allein bey der Cartesianischen ist jene
oftermals unendliche
mal größer
als diese.Aus der Zertheilung der Bewegung ist
klar, daß, wenn ein Körper nach einander
gegen viele Flächen in schräger
Richtung anläuft, er seine Bewegung alsdenn gänzlich verliere, wenn die Summe derer Quadrate
aller Sinuum
angulorum incidentiae dem Quadrate
des Sinus totius, der die erste
Geschwindigkeit seiner Bewegung anzeiget, gleich ist. Bis dahin sind
alle Mechaniker einig, die Cartesianer
hievon nicht ausgenommen. Allein
hieraus folget vor die
Leibnitzianer
insbesondere: daß der Körper, wenn man die Schätzung nach dem Quadrat statt
finden lässet, alsdenn alle seine
Bewegung verlohren habe, wenn die in schräger Richtung ausgeübten Kräfte alle
zusammen der Kraft, die
ihm in gerader Bewegung beywohnet, gleich sind. Hingegen nach der Cartesianischen Schätzung
verhält es
sich hiemit ganz anders. Die Kräfte die der Körper
durch viele nach einander folgende
Stöße in schräger Richtung ausübet, bis alle seine
Bewegung verzehret ist, sind nach derselben
zusammen viel größer, als die einzige
unzertheilte Kraft, die er in gerader Bewegung besitzet. Also hat alsdenn der Körper
seine Bewegung noch nicht verlohren, wenn die Summe aller in
zertheilter Bewegung ausgeübten Kräfte
seiner ganzen unzertheilten Kraft schon gleich
ist. Denn ein Körper kan in Ansehung vieler schiefen Flächen
weit mehr ausrichten, als gegen diejenige, die er in gerader
Richtung perpendikular anstößt, und zwar dergestalt: daß, (wenn
man annimmt, die Neigung des Stosses geschehe auf alle schiefe
Flächen in gleichen Winkeln,) sich die Größe der
Kraft, die da nöthig ist, um einem Körper durch
schräg entgegengesetzte Hindernisse seine Kraft zu verzehren, zu
derjenigen, welche in gerader Richtung dieselbe
aufheben würde, verhalte, wie der Sinus totus zu dem Sinui des Einfallswinkels. Sie ist also z. E. wenn der
Sinus totus zum
sinui
anguli incidentiae wie 2 : 1
ist, auch zweymal so groß als diese, wenn er wie 8 : 1
ist, achtmal, und wenn dieser unendlich klein ist, auch unendlich mal größer, als die
Gewalt der Hindernisse, die genug gewesen wäre, um ihm in gerader
entgegengesetzter Richtung seine
ganze Bewegung zu verzehren. Also nimmt nach der Leibnitzischen Schätzung eine gewisse Hinderniß einem
Körper seine Kraft gänzlich, die ihm doch von eben derselben in
eben derselben Richtung nach der Schätzung des Cartesius nur
unendlich wenig zu vernichten vermag, d. i. bey der
Schätzung nach dem Quadrat ist der Verlust der Kraft des
bewegten Körpers, wenn die ganze Gewalt der summirten Hindernisse,
die er überwunden hat endlich ist, auch endlich, der Körper mag nun
diese Hindernisse in so schiefer Bewegung überwältigt haben als man wolle; hingegen bey der Schätzung
nach den Geschwindigkeiten, kan die gesammte Kraft der ausgeübten Würkungen eines
Körpers endlich seyn, und der Verlust der Kraft des
Körpers dennoch unendlich klein, wenn nur der Winkel, in welchem
er alle diese Hindernisse überwindet, unendlich klein
ist.
Dieser
Unterscheid ist erstaunlich. Es muß sich hievon
irgendwo in der Natur eine Würkung zeigen, sie sey auch wo sie
wolle, und es wird sich der Mühe verlohnen sie aufzusuchen. Denn die
Folge derselben wird nicht allein diese
seyn: daß man entscheiden könne, ob
die Kraft eines Körpers in der Diagonallinie eines
rechtwinklichten Parallelogramms der Summe der
Seiten-Kräfte gleich sey oder
nicht, sondern auch, ob die Schätzung des Herrn v.
Leibnitz, oder
die des Cartesius, die wahre sey; denn
die eine Frage ist mit der andern unzertrennlich verbunden.
§ 80.
Die
lebendigen Kräfte
werden durch
einen neuen
Fall widerlegt.Die Bewegung eines Körpers in einer
Cirkellinie um einen
Mittelpunkt, gegen den er durch seine Schwere gezogen wird, (von welcher Art die Bewegungen der
Planeten
seyn,) ist der Fall den wir suchen.
Lasset uns einen Körper annehmen, der einen
hinlänglichen
Centrifugalschwung erhalten hätte, um die Erde in
einer Cirkellinie zu laufen. Lasset uns auch von allen
Hindernissen ausser der Schwere abstrahiren, die seine
Bewegung vermindern könten; so ist gewiß: daß erstlich die
Geschwindigkeit seiner Bewegung endlich seyn, hernach zweytens
mit eben demselben Grade, in eben derselben Linie unvermindert ins
unendliche fortwähren werde. Diese
zwey Lehnsätze setze ich zum Grunde, denn sie sind von beyden Partheyen,
der Leibnitzischen so
wohl als der Cartesianischen, gebilliget. Ich setze ferner drittens zum Grunde,
daß die Schwere in einen Körper der sich
frey beweget in einer endlichen Zeit eine endliche Kraft
hineinbringe, oder auch in demselben verzehre, wenn die
beyden Kräfte, die welche dem Körper beywohnet,
und die womit die Schwere drücket, einander
entgegen würken. Nun ist der angenommene Körper,
der um den gegebenen Mittelpunkt in einem Cirkel läuft, dem Drucke der Schwere
unaufhörlich
ausgesetzet, und erleidet also durch die Summe aller
unendlich kleinen Schwerdrückungen in
einer endlichen Zeit eine endliche
Kraft, womit er gegen dem Mittelpunkt seiner
Umwendung getrieben wird, per Lemma 3.
Indessen hält der Körper, durch seine
eigenthümliche Kraft, allen diesen in ihn
geschehenen Drückungen das Gleichgewicht, indem er sich immer
in eben derselben Entfernung von dem
Mittelpunkte erhält. Also hat er in jedweder
endlichen Zeit auch eine endliche Kraft in Ansehung der
überwundenen Hindernisse der Schwere
ausgeübet. Nun ist aus dem was wir
§ 79.
ersehen haben, klar, daß: wenn ein Körper in schiefer
Richtung eine gewisse Anzahl Hinderniße
überwunden hat, die zusammen eine endliche
Größe der Kraft betragen, er hiebey zugleich, (wenn man
die Leibnitzische
Schätzung zugiebt,) an seiner ihm beywohnenden Kraft
einen Verlust von einer endlichen Größe
erleiden müsse. Folglich verliehret der
angenommene Körper in jedweder endlichen Zeit seines Cirkellaufes durch die
Zurückhaltungen der Schwere eine endliche Kraft, und also in
einer gewissen bestimmten Zeit seine ganze Kraft und
Geschwindigkeit; denn die Geschwindigkeit, die er
in seinem Kreislaufe besitzet, ist nur endlich.
Lemma 1.
Er kan also
entweder gar nicht in einem Cirkel laufen, es
sey denn, daß er eine unendliche Geschwindigkeit habe, oder
man muß zugeben: daß ein Körper durch die
Summe aller schrägen Würkungen hier unendlich viel mehr ausrichten
könne, als er in geradem Anlaufe Kraft besitzet, und daß
das Leibnitzische
Kräftenmaaß, das dieses nicht zugiebt, falsch sey.
§ 81.
Weil der
Gedanke, den wir hier ausgeführet haben, sehr
fruchtbar von Folgen ist, so wollen wir alle kleine Schwürigkeiten
um ihn wegräumen, und denselben so viel
möglich ist, klar und eben machen.
Er weiß: daß ein in
einen Cirkel
laufender
Körper gegen
die Schwere
eben so eine
Wirkung
ausübe, als wenn
er gegen
eine schiefe
Fläche anliefe.Man muß zuerst deutlich begreifen lernen: daß
die Kraft, die der bewegte Körper in der
Cirkelbewegung anwendet der Schwere das Gleichgewicht zu halten,
eine schräge Würkung ausübe, und mit dem
Anlaufe eines Körpers gegen eine schiefe Fläche zu
vergleichen sey, so wie wir es würklich
im vorigen § gethan
haben.
Man stelle sich zu diesem Endzwecke die
unendlich kleine Bogen, die der Körper in
seiner Cirkelbewegung durchläuft, als so
viel unendlich kleine gerade Linien vor, so wie man auch in der Mathematik gewöhnlich
den Cirkel als ein Polygon von
unendlich viel Seiten ansiehet.
Fig. XIII.
Der Körper, der nun die unendlich
kleine Linie ab durchgelaufen
ist, würde, wenn ihm die Schwere keine Hinderniß entgegen setzte, die
gerade Richtung dieser Bewegung fortsetzen, und in dem zweyten
unendlich kleinen Zeittheile in d seyn. Allein durch den Widerstand der
Schwere wird er genöthiget diese Richtung zu verlassen, und die
unendlich kleine Linie be zu beschreiben. Diese Hinderniß der Schwere hat ihm,
per resolutionem
virium, also die Seiten-Bewegung ac
genommen, welche durch die Perpendikellinie
ac ausgedruckt wird, die
auf die, bis in c verlängerte Linie bd, gefället worden. Es erleidet also
der Körper durch die Hinderniß der Schwere im Punkte
b eben denselben
Widerstand, den er von einer Fläche cd würde erlitten haben, gegen die er,
unter dem Winkel abc, angelaufen wäre; denn die Hinderniß, welche
diese Fläche ihm entgegensetzet, wird, eben so wie hier, durch
die kleine Perpendikellinie ac
ausgedrücket. Also kan man die Kraft die ein
Körper in seiner Cirkelbewegung gegen die Schwere ausübet,
welche ihn herunter ziehet, mit dem Anlaufe desselben gegen
schiefe Flächen ganz wohl vergleichen, und
auch auf eben die Weise wie diese schätzen. W. Z. E.
§ 82.
Der dritte
von den angenommenen Grundsätzen unseres Beweises im 80ten §, scheinet
zweytens noch einiger Bestätigung
zu bedörfen; zum wenigsten kan man, wenn man mit solchen
Gegnern zu thun hat, auch in Ansehung der augenscheinlichsten
Wahrheiten nicht behutsam genug seyn, denn der Streit von den
lebendigen Kräften hat uns hinlänglich überführet, wie viel
die Partheylichkeit in Ansehung gewisser Meynungen gewaltiger und einnehmender seyn könne als
die nackte Stärke der Wahrheit, und Der
Kreislaufende Körper thut
in jedweder
endlichen
Zeit gegen
die Hindernisse
der Schwere
eine Würkung
einer endlichen Kraft.wie weit sich die Freyheit
des menschlichen Verstandes erstrecke,
bey den augenscheinlichsten Wahrheiten annoch zu zweifeln, oder sein
Urtheil aufzuschieben.
Ich könte mich wegen des Satzes: daß die
Schwere in einen Körper der sich frey
beweget, in jedweder gegebenen endlichen Zeit auch
eine endliche Kraft hinein bringe, auf den 32ten §. beruffen; allein
derselbe hat an denen Vertheidigern der lebendigen Kräfte schon seine Gegner, und
es ist besser, sie mit ihren eigenen
Waffen niederzuschlagen. Der
angenommene Körper, der in seiner Kreisbewegung in einer endlichen Zeit den Bogen af durchgelaufen ist, empfängt die Drucke aller der Federn der Schwere,
welchen er in dem ganzen endlichen Raume
af unaufhörlich ausgesetzet
ist. Nun bringen, selbst nach dem Geständnisse derer
Leibnitzianer,
die, in einem gewissen endlichen Raume befindliche Federn, der schwermachenden
Materie, die ihren Druck einem Körper durchgehends
mittheilen, in denselben eine endliche Kraft:
Ergo &c.
§ 83.
Der Schluß.Demnach bestehet die,
in zertheilter Bewegung ausgeübte Kraft,
wenn sie dem Quadrate der Seiten des rechtwinklichten
Parallelogramms proportional geschätzet wird, so
gar nicht mit den allerbekanntesten Gesetzen der
Kreisbewegung der Körper, und mit den Centralkräften, die sie
verüben. Es sind also die Seitenkräfte in jedweder zusammen gesetzter Bewegung nicht, so
wie die Leibnitzische Schätzung es erfordert, in der Proportion der
Quadrate von ihren Geschwindigkeiten, und eben daher ist der Schluß
auch allgemein: daß die Schätzung nach dem Quadrat
gänzlich irre; denn eine jede Bewegung kan als zusammengesetzt
angesehen werden, wie aus den ersten Grundlehren der Mechanik bekannt
ist.
§ 84.
Wie
die Cartesianische Schätzung dieser
Schwierigkeit abhelfe.Es ist noch nöthig anzumerken, wie vortreflich
die Cartesianische
Kräftenschätzung der Schwierigkeit abhilft, unter der die Leibnitzische
erlieget, wie wir jetzo ersehen haben.
Es ist aus der Mathematik bekannt: daß die
kleine Linie
ac,
Fig. XIII.
die dem Sinui verso bi,
des
unendlich kleinen Bogens ab, parallel und gleich ist, ein unendlich
kleines vom zweyten Grade sey, und also unendliche mal kleiner als die
unendlich kleine Linie ab. Nun ist aber ac der Sinus des Winkels, womit der Körper
allenthalben in seiner Kreisbewegung
dem Drucke der Schwere entgegen würket, und ab, als ein unendlich kleiner Theil der
absoluten Bewegung des Körpers selber, ist der Sinus totus desselben. Es ist aber aus
dem vorher erwiesenen § 79. bekannt,
daß: wenn ein Körper in schiefer Bewegung dergestalt
gegen eine gewisse Hinderniß würket, daß der Sinus des Einfallswinkels, in
Ansehung des Sinus totius,
durchgehends unendlich klein
ist, die, durch die Hindernisse, verlohrne Kraft gegen
die gesammte Gewalt aller überwundenen Hindernisse bey der
Cartesianischen Schätzung unendlich
klein sey. Also verlieret der Körper in seinem Cirkellaufe durch die
Drucke der Schwere nicht eher eine endliche
Kraft, als bis er in der ganzen Summe aller derer
Zurückhaltungen der Schwere eine Kraft die unendlich groß ist
überwunden hat. Nun beträget aber die Summe aller
Schwerdrückungen eine endliche Zeit hindurch nur eine endliche Kraft,
§ 80.Lemma
3, und
folglich nicht eher eine unendliche Kraft als nach einer
unendlichen Zeit: Also verlieret der Körper, der um einen
Mittelpunkt, gegen welchen er durch seine Schwere gezogen wird, in einem Cirkel läuft, durch die
Hindernisse der Schwere nur in einer unendlichen Zeit eine
endliche Kraft, und folglich in jedweder endlichen Zeit unendlich wenig. Hingegen würde der Verlust
bey der Leibnitzischen
Schätzung in eben diesen Umständen in jeder endlichen Zeit etwas endliches betragen, § 80. folglich
ist die Cartesianische Schätzung in diesem Falle der Schwürigkeit nicht
unterworfen, welcher die Leibnitzische, wie wir gesehen haben, allemal ausgesetzet
ist.
§ 85.
Noch ein
neuer Widerspruch, welchem
die lebendigen Kräfte
hier ausgesetzet seyn.Der Einwurf, den wir jetzo den lebendigen
Kräften gemachet haben, entdecket zugleich
eine seltsame Art des Widerspruches in
der Schätzung der Kräfte nach dem Quadrat. Denn jedermann ist darinn einig; daß die,
nach dem Rectangulo, der in sich selbst
multiplicirten Geschwindigkeit, geschätzte Kraft, unendlich mehr Gewalt
haben müsse, als diejenige, die nur durch das schlechte Maaß
der Geschwindigkeit ausgedrücket wird, und daß sie in
Ansehung dieser letztern dasjenige sey, was die Fläche
gegen die Linie ist. Allein hier zeiget sich
gerade das Gegentheil, nemlich: daß in dem Falle den wir gesehen
haben, da beyde Arten von Kraft in ganz gleiche Umstände zu
würken gesetzet werden, die Leibnitzische unendlich weniger vermöge als die
Cartesianische, und durch unendlich
weniger Hindernisse verzehret werde, als diese, welches ein Widerspruch
ist, der nicht größer kan gedacht werden.
§ 86.
Die
Zerstörung des allgemeinen Grundsatzes, von der in
zusammengesetzter Bewegung
befindlichen gleichen Größe der Kraft mit der
einfachen, wirft zugleich viele
Fälle mehr über den Haufen, die die Verfechter der lebendigen Kräfte auf eben diesem Grunde
erbauet haben.
Widerlegung des Bernoullischen Falles von
der Spannung
4 gleicher Federn.Der Bernoullische Fall, den Herr von
Wolf in seiner
Mechanik anführet, ist einer von den
ansehnlichsten unter denselben.
Er nimmt 4 Federn an, die alle gleiche Kraft nöthig haben gespannet zu werden. Er lässet
ferner einen Körper mit 2 Graden
Geschwindigkeit unter einem Winkel von 30
Graden, dessen Sinus wie 1 ist, gegen die
erste, hernach mit dem Ueberreste der Bewegung, unter einem
Winkel, dessen Sinus
gleichfals wie 1 ist, gegen die zweyte, und so auch gegen
die dritte, und endlich gegen die vierte Feder perpendikular
anlaufen. Eine jedwede von diesen Federn nun spannet dieser Körper;
er übet also mit 2 Graden Geschwindigkeit 4 Grade Kraft aus,
folglich hat er sie gehabt, denn sonst hätte er sie nicht ausüben
können. Daher ist die Kraft dieses Körpers nicht wie seine
Geschwindigkeit 2, sondern wie das Quadrat
derselben.
Ich
verlange es nicht zu behaupten: daß der Körper mit 2
Graden Geschwindigkeit, unter keinerley Umständen 4 Grade Kraft
ausüben könne. Allein er kan sie nur in schiefem Anlaufe ausüben,
und es ist genug, daß wir bewiesen haben, seine Kraft sey in
geradem Anlaufe doch jederzeit nur wie 2, und in
schräger Bewegung allemal größer als in der
perpendikularen. Jedermann schätzet aber die Kraft
eines Körpers nach der Gewalt die in senkrechtem Stoße in ihm
anzutreffen ist. Also ist in derjenigen Art der
Würkung, die ohne Zweydeutigkeit ist, darinn alle Gegner
zusammen stimmen, daß sie das wahre
Maaß der
Kraft sey, der Vortheil auf der Seite des Cartesius gegen die Parthey der lebendigen
Kräfte.
§ 87.
Es gründet
sich endlich auf die Zusammensetzung der
Bewegung noch ein Fall, den man wohl den Achilles unserer Gegner
nennen könnte.
Des
Herrn von Mairans Einwendung gegen
den Herrmannschen Fall.
Er
bestehet hierinn: Ein Körper A,
der 1 zur Masse, und 2 zur
Geschwindigkeit hat, stösset auf einmal unter einem Winkel von 60 Graden zweene Körper B und B,
die jeder zur Masse 2 haben. Hier
bleibet der stoßende Körper
A nach dem Stoße in Ruhe,
und die Körper B und
B bewegen sich jeder mit
einem Grade Geschwindigkeit,
folglich beyde zusammengenommen mit 4 Graden Kraft.
Der Herr von
Mairan hat sehr wohl wahrgenommen wie
seltsam und paradox es herauskomme,
daß ein besonderer und nur auf gewisse Umstände eingeschränkter Fall
eine neue Kräftenschätzung beweisen sollte,
die sich doch wenn sie wahr wäre ohne Unterscheid
bey allen und jeden Umständen hervorthun müßte. Die
Leibnitzianer
sind jederzeit so kühn zu verlangen: daß wenn ein Körper 4
Grade Kraft ausübet, es sey auch in welcher Art es wolle, man allemal
sicher sagen könne, er werde eben dieselbe Kraft auch in senkrechter
Richtung ausüben; allein in diesem
gegenwärtigen Falle ist es augenscheinlich: daß alles auf eine
bestimmte Anzahl der Elemente, welche bewegt
werden sollen, und auf eine bestimmte Lage derselben gegen den
stoßenden Körper ankomme, daß folglich die Sache sich ganz anders
verhalten werde, wenn diese Bestimmungen geändert
würden, mithin daß man sich sehr betrüge, wenn man so
schliesset: der Körper hat in diesen Umständen diese oder jene Kraft verübet, also muß er, (gerade zu ohne
alle Einschränkung zu reden,) auch diese oder jene Kraft
haben, und sie wenn man will auch in senkrechter Würkung heraus lassen.
Ich habe mich itzt nur
bemühen wollen, den Sinn, des Gedankens des Herrn
von Mairan
auszudrücken, welchen er in seiner Antwort auf die Einwürfe, die
ihm die Frau von
Chastellet in ihrer Naturlehre gemacht hatte, dem Herrmannischen Falle entgegen setzte. Allein
mich dünkt, die ganze Sache könne viel leichter und
überzeugender, vermittelst desjenigen, was wir bis daher in
Ansehung der Zusammensetzung und Zertheilung der Kräfte angemerkt haben, abgethan werden, und sie
sey auch größtentheils hiedurch schon abgethan; weswegen ich
glaube, der Leser dieser Blätter werde mich leichtlich durch
Herbeyziehung dessen, was ich hiebey erinnert habe, einer
ferneren Weitläuftigkeit überheben.
§ 88.
Der Herr von
Mairan
ist der einzige unter
denen Vertheidigern des Cartesius, der über die Wahl der
Gründe, worauf die Leibnitzianer eine neue
Kräftenschätzung bauen wollen, einige Betrachtungen
angestellet hat; allein er hat es auch nur in dem
einzigen Falle gethan, den wir im vorigen §pho angezogen haben. Diese Gattung der
Untersuchung scheinet von nicht großer Erheblichkeit
zu seyn, wenn man sie obenhin ansiehet, allein sie ist in der That von
ganz vortreflichem Nutzen, so wie irgend nur eine Methode in der
Kunst zu denken seyn mag.
Nutzbarkeit dieser
Methode des Herrn von
Mairan.Man muß eine Methode haben,
vermittelst welcher man in
jedwedem Falle, durch eine allgemeine
Erwegung der
Grundsätze, worauf eine gewisse Meynung
erbauet worden, und
durch die Vergleichung derselben mit der Folgerung, die aus
denselben gezogen wird, abnehmen kan, ob
auch die Natur der Vordersätze alles in sich fasse, was in
Ansehung der hieraus geschlossenen Lehren
erfordert wird. Dieses geschiehet, wenn man die Bestimmungen,
die der Natur des Schlußsatzes anhängen, genau bemerket, und
wohl darauf Acht hat, ob man auch in der Construction des Beweises solche Grundsätze gewählt habe,
die auf die besondere Bestimmungen eingeschränkt sind, welche in der
Conclusion stecken. Wenn man dieses nicht so befindet, so darf man
nur sicher glauben: daß diese Schlüsse, die auf eine solche Art
mangelhaft sind, nichts beweisen, ob man gleich noch
nicht entdecken kan, worinn der Fehler eigentlich liege, und wenn dieses
gleich niemals bekannt würde. Also habe ich z. E. aus der
allgemeinen Erwegung der Bewegungen
elastischer Körper geschlossen, daß die Phänomena, die
sich durch ihren Zusammenstoß hervorthun, unmöglich eine neue
Kräftenschätzung, die von der
Cartesianischen verschieden ist, beweisen
könten. Denn ich erinnerte mich, daß ja alle diese Phänomena von
den Mechanikern aus der einzigen Quelle des Products der
Masse in die Geschwindigkeit, zusammt der Elasticität aufgelöset
werden, wovon man den
Leibnitzianern
hundert Proben aufzeigen kan, die alle die größestenGeometrer zu Urhebern haben, und welche man sie selber
unzähliche mal durch ihren eigenen Beyfall bestätigen siehet. Also,
schloß ich, kan dasjenige, was bloß durch die, nach dem schlechten
Maaße der Geschwindigkeit, geschätzte Kraft, hergebracht worden, auch von
keiner andern Schätzung, als nur von der, nach der
Geschwindigkeit, ein Beweisthum
abgeben. Ich wuste damals noch nicht, wo eigentlich
der Fehler in den Schlüssen der Leibnitzianer, über den
Zusammenstoß elastischer Körper, zu suchen sey,
allein, nachdem ich auf die angezeigte Art überführet worden,
es müsse irgendwo in denenselben ein Fehlschluß stecken, er sey auch so
verborgen, wie er wolle, so wandte ich alle Aufmerksamkeit an, ihn aufzusuchen, und mich deucht, daß ich
ihn an mehr wie einem Orte angetroffen habe.
Diese
Methode ist die
Hauptquelle
dieser ganzen Abhandlung.Mit einem Worte: diese ganze Abhandlung ist
einzig und allein ein Geschöpfe von dieser
Methode zu denken. Ich will es
aufrichtig gestehen: ich habe alle diejenige Beweise vor die lebendigen Kräfte, deren Schwäche
ich itzo vollkommen zu begreifen
glaube, anfänglich als so viel geometrische Demonstrationen
angesehen, in denen ich nicht den geringsten Fehler
vermuthete und auch vielleicht nie einen
einzigen gefunden hätte, wenn die allgemeine Erwegung der
Bedingungen, unter welchen die Schätzung des Herrn
von Leibnitz
festgesetzet wird, meiner Betrachtung nicht einen ganz
andern Schwung ertheilet hätte. Ich sahe, daß die Würklichkeit der
Bewegung die Bedingung dieses Kräftenmaaßes sey, und daß sie die
eigentliche Ursache ausmache, weswegen man die Kraft des bewegten Körpers nicht so wie die
Kraft des zur Bewegung strebenden schätzen solle. Allein als
ich die Natur dieser Bedingung erwogen, begriff ich leicht, daß da man
sie mit der Bedingung der todten Kraft unter einerley Geschlecht
setzen kan, und sie sich von ihr nur durch die Größe
unterscheidet, sie unmöglich eine Folgerung haben könne,
die von der Folgerung derer Bedingungen einer todten Kraft
toto genere
unterschieden ist, und auch eben so unendlich sehr von dieser unterschieden bleibet, wenn gleich die
Bedingung die eine Ursache dieser Folgerung ist, der andern
Bedingung so nahe gesetzt wird, daß sie sich schon beynahe
mit ihr vermenget. Also sahe ich, mit einer Gewißheit, die der
Geometrischen gar nicht weichet, ein, daß die Würklichkeit
der Bewegung kein hinlänglicher Grund
seyn könne, zu schließen: daß die Kräfte der Körper in diesem Zustande
wie das Quadrat ihrer Geschwindigkeit seyn müsten, da sie bey
einer unendlich kurz gedauerten Bewegung,
oder, welches einerley ist, bey der bloßen Bestrebung zu
derselben, nichts wie die Geschwindigkeit zum Maaße haben. Ich schloß
hieraus: wenn die Mathematik die Würklichkeit der Bewegung als den Grund der Schätzung nach dem
Quadrat vor sich hat, und sonst nichts, so müssen ihre Schlüsse
sehr hinken. Mit diesem gegründeten Mißtrauen in Ansehung aller
Leibnitzischen Beweise bewapnet, griff
ich die Schlüsse der Vertheidiger dieser Schätzung an, um,
ausser dem, daß ich nunmehro wuste, es müsten in denenselben Fehler
vorhanden seyn, auch zu wissen, worinnen sie
bestehen. Ich bilde mir ein mein Vorhaben habe mir
nicht gänzlich fehl geschlagen.
§ 89.
Der
Mangel dieser
Methode ist eine
Ursache mit
gewesen, woher
gewisse offenbare
Irrthümer
sehr lange sind
verborgen geblieben.Wenn man sich jederzeit dieser Art zu denken
beflissen hätte, so hätte man sich in der
Philosophie viel Irrthümer ersparen können,
zum wenigsten wäre es ein Mittel gewesen, sich aus denenselben viel zeitiger heraus zu
reissen. Ich unterstehe mich gar zu sagen,
daß die Tyranney der Irrthümer über den
menschlichen Verstand, die zuweilen ganze Jahrhunderte hindurch gewähret hat, vornemlich
von dem Mangel dieser Methode, oder
anderer, die mit derselben eine Verwandtschaft haben, hergerühret hat,
und daß man sich also dieser nunmehro
vor andern zu befleißigen habe, um jenem Uebel inskünftige
vorzubeugen. Wir wollen dieses beweisen.
Wenn man vermittelst
gewisser Schlüsse, die irgendwo einen Fehler versteckt
halten, der sehr scheinbar ist, eine gewisse
Meynung erwiesen zu haben glaubet, und man hat hernach kein
anderes Mittel, die Ungültigkeit des Beweises gewahr zu
werden, als nur so, daß sich zuerst der Fehler entdecke, der in
demselben verborgen lieget, und daß man also vorhero wissen
müsse, was es vor ein Fehler sey, der den Beweis verwerflich
macht, eher man sagen kan, daß einer in
demselben befindlich sey, wenn man, sage ich, keine andre Methode
als diese hat, so behaupte ich, der Irrthum werde ungemein lange
unentdeckt bleiben, und der Beweis werde unzählige mal
betriegen, ehe der Betrug offenbar wird. Die Ursache hievon ist folgende. Ich setze voraus:
daß wenn die in einem Beweise vorkommende Sätze und Schlüsse
vollkommen scheinbar sind, und das
Ansehen der allerbekanntesten Wahrheiten an sich haben, so werde der Verstand demselben Beyfall
geben, und sich in keine mühsame und langwierige Aufsuchung eines
Fehlers in demselben einlassen; denn alsdenn gilt der Beweis, in
Ansehung der Ueberzeugung, die dem Verstande daher entstehet, eben
so viel, wie einer der eine geometrische Schärfe und Richtigkeit
hat, und der Fehler, der unter den Schlüssen versteckt liegt, thut,
weil er nicht wahrgenommen wird, eben so wenig Würkung zu der
Verminderung des Beyfalles, als wenn er in dem Beweise
gar nicht anzutreffen wäre. Also müßte der Verstand, entweder
niemalen einem Beweise Beyfall geben, oder er muß es in diesem
thun, wo er nichts erblicket, was einem Fehler ähnlich siehet,
d. i. wo er keinen vermuthet,
wenn gleich einer in ihm verborgen wäre. In einem solchen
Falle also wird er niemals eine besondere Bestrebung, zu
Aufsuchung eines Fehlers anwenden, weil er keinen Bewegungsgrund
dazu hat; folglich wird derselbe sich nicht anders, als
vermittelst eines glücklichen Zufalls, hervorfinden, er wird also gemeiniglich sehr lange verborgen
bleiben, ehe er entdeckt wird, denn dieser glückliche Zufall kan viele
Jahre, ja oftermahls ganze Jahrhunderte ausbleiben. Dies ist
beynahe der vornehmste
Ursprung der Irrthümer, die zur Schande des
menschlichen Verstandes viele Zeiten hindurch
fortgewähret haben, und die hernach eine sehr leichte
Betrachtung aufgedecket hat. Denn der Fehler,
der irgendwo in einem Beweise stecket, sieht dem
ersten Anblicke nach einer bekannten Wahrheit ähnlich, also wird
der Beweis als vollkommen scharf angesehen, man vermuthet mithin
keinen Fehler in demselben, man suchet ihn also auch nicht, und
daher findet man ihn nicht anders Wie das
Mittel beschaffen
seyn muß,
wodurch man der
Langwierigkeit
derer Irrthümer vorbeuget.als zufälliger Weise.
Hieraus läßt sich leicht abnehmen, worinnen das Geheimniß werde zu suchen seyn, was dieser
Schwierigkeit vorbeuget, und
welches uns die Entdeckung der Irrthümer, die man begangen hat, erleichtert. Wir müssen die
Kunst besitzen aus denen Vordersätzen zu
errathen und zu muthmaaßen, ob ein, auf gewiße Weise eingerichteter
Beweis, in Ansehung der Folgerung auch
werde hinlängliche und vollständige
Grundsätze in sich halten. Auf diese Art werden wir abnehmen, ob
in ihm ein Fehler befindlich seyn müsse, wenn wir ihn gleich
nirgends erblicken, wir werden aber alsdenn bewogen werden ihn zu suchen, denn wir haben eine hinlängliche
Ursache ihn
zu vermuthen. Also wird dieses ein Wall, gegen die
gefährliche Bereitwilligkeit des Beyfalles seyn, der
ohne diesen Bewegungs-Grund alle die Thätigkeit des Verstandes von
der Untersuchung eines Gegenstandes
abwenden würde, in dem er gar keine Ursache findet
einen Zweifel und Mißtrauen zu setzen. Diese Methode hat uns in
den Paragraphis25, 40, 62,
65, 68 geholfen, und sie wird uns noch
ferner gute Dienste leisten.
§ 90.
Es würde
eine Betrachtung von nicht geringem Nutzen seyn,
wenn man diese Methode etwas deutlicher
aus einander setzen, und die Regeln ihrer Anwendung zeigen
wollte, allein diese Art der Untersuchung gehöret nicht unter die Gerichtsbarkeit der Mathematik, welcher doch
eigentlich diese Abhandlung gänzlich
eigen seyn sollte. Wir wollen aber annoch eine Probe ihres
Nutzens, in der Widerlegung der Schlüsse, die zum Vortheil der
lebendigen Kräfte aus der Zusammensetzung der Bewegungen entlehnet
werden, darlegen.
In der Zusammensetzung
der todten Drucke, z. E. derer
Gewichte, die nach schrägen Richtungen einen Knoten ziehen werden, wenn
diese Richtungen einen rechten Winkel einschliessen, die
Anfangsgeschwindigkeiten derselben auch durch Linien ausgedruckt, welche Seiten
eines rechtwinklichten Parallelogramms sind, und der hieraus
entspringende Druck, wird durch die Diagonallinie
vorgestellet. Obgleich nun hier ebenfalls das Quadrat der Diagonallinie
der Summe der Quadrate derer Seiten gleich ist, so folget doch
hieraus keinesweges, daß sich die zusammengesetzte Kraft
zu einer von den einfachen, wie das Quadrat derer Linien, die die
Anfangsgeschwindigkeiten ausdrücken, verhalten werde; sondern alle
Welt ist darinn einig: daß diesem unerachtet,
die Kräfte in diesem Falle dennoch nur in schlechter
Proportion der Geschwindigkeiten seyn. Man nehme nun auch die Zusammensetzung
der würklichen Bewegungen, so wie man sie durch die
Mathematik vorstellet, und vergleiche sie hiemit. Die Linien,
welche die Seiten und die Diagonal des Parallelogramms ausmachen,
sind nicht anders, als die Geschwindigkeiten nach diesen
Richtungen, eben so, wie es in dem Falle der
Zusammensetzung todter Drücke beschaffen ist. Die
Diagonallinie hat eben die
Verhältniß gegen die Seiten, als sie dorten hat, und der Winkel ist auch
derselbe. Also ist nichts von denen
Bestimmungen, die in die
mathematische Vorstellung der zusammengesetzten würklichen Bewegungen
hineinlaufen, von denen unterschieden, unter denen man sich in eben
derselben Wissenschaft die Zusammensätze der todten Drucke
vorstellet. Da also aus diesen keine Schätzung
der Kräfte nach dem Quadrat der Geschwindigkeit herfliesset,
so wird sie aus jenen auch nicht können hergefolgert werden; denn es
sind eben dieselbe Grundbegriffe, mithin haben sie auch einerley
Folgerungen. Man wird noch einwenden: daß ja ein
offenbarer Unterscheid unter denselben anzutreffen sey, weil man
voraussetzet, daß die eine von denselben eine Zusammensetzung wirklicher Bewegungen, die
andere aber nur eine Zusammensetzung todter
Drucke sey. Allein diese Voraussetzung ist eitel und vergeblich. Sie kommet nicht mit in
den Plan der Grundbegriffe die das Theorem ausmachen; denn die
Mathematik drucket die Würklichkeit der Bewegung nicht aus. Die
Linien die der Vorwurf der Betrachtung sind, seyn nur Vorstellungen von
der Verhältniß der Geschwindigkeiten.
Also ist die Einschränkung von der Würklichkeit der Bewegung hier nur ein todter und
müßiger Begriff, der nur neben bey gedacht wird, und aus
dem in der mathematischen Betrachtung nichts hergefolgert wird.
Hieraus fließet: daß aus dieser Art der Untersuchung derer
zusammengesetzten Bewegungen, nichts vortheilhaftes vor die lebendigen Kräfte könne geschlossen
werden, sondern, daß es etwa untermengte
philosophische Schlußreden seyn
müssen, wovon aber itzo nicht die Rede ist. Auf diese Weise haben
wir durch Hülfe unserer angerühmten Methode itzo begreifen, daß die
mathematische Beweise vor die
lebendigen Kräfte aus der Zusammensetzung der Bewegungen falsch
und voller Fehler seyn müssen, wir wissen aber noch nicht was es vor
Fehler seyn, allein wir haben doch eine gegründete Muthmaaßung, oder vielmehr eine gewisse
Ueberzeugung, daß sie ohnfehlbar darinn seyn werden. Also
dörfen wir uns die Mühe nicht verdriessen lassen sie mit Ernst
aufzusuchen. Ich habe meine Leser dieser Mühe überhoben,
denn mich dünkt, daß ich diese Fehler gefunden, und in denen kurz
vorhergehenden Paragraphis angezeigt
habe.
§ 91.
Unsere Methode ist
endlich noch ein Schwerdt gegen alle die Knoten der Spitzfindigkeiten
und Unterscheidungen, womit Herr
Bülfinger seine Schlüße, die wir bis daher
widerleget haben, gegen einen
Einwurf, den
ihn seine Gegner machen können,
hat verwahren wollen. Es ist ein großer Vortheil vor uns, daß wir
denselben abhauen können, da es sonsten sehr mühsam seyn würde ihn
aufzulösen.
Die
Unterscheidungen des Bülfingers, womit er dem
Einwurfe des Herrn
von Mairan
entgehen
will, werden
vermittelst
dieser Methode
abgethan.Herr Bülfinger hat sehr wohl bemerkt: daß
man ihm einwenden würde, seine Beweise,
wenn sie richtig wären, müßten eben
dasselbe auch vor die Zusammensetzung todter Drucke beweisen. Er hat sich aber
von dieser Seite durch ein Bollwerk von
verwickelten metaphysischen Unterscheidungen, wie er sie zu machen
weiß, befestiget. Er bemerket: die Würkung der todten Kraft
müsse durch das Product der
Intensität in den Weg den sie nimmt geschätzet werden, dieses aber werde durch
das Quadrat dieser Linie
ausgedrucket; also könne man den Cartesianern zwar gestehen: daß
die Würkungen in der Zusammensetzung todter Drucke gleich seyn, allein hieraus
folgt
noch nicht, daß die Kräfte deswegen auch gleich seyn
müßten. Er setzet hinzu; in motibus isochronis solum actiones sunt vt vires; non
innisu mortuo. Eine
metaphysische Untersuchung thut in einem mathematischen Streite eine sonderbare Wirkung. Der
Mathematickundige glaubet, daß er sich auf diese
Spitzfindigkeiten nicht verstehe, und wenn er sie gleich nicht
aufzulösen vermögend ist, so ist es doch weit
entfernet, daß er sich durch
dieselbe sollte irre machen lassen. Er gehet an dem Leitfaden der
Geometrie fort, und alle andere Wege sind ihm verdächtig. Die
Geometrer haben sich in Ansehung der Ausflüchte
des Herrn Bülfingers eben so
aufgeführet. Es hat sich noch niemand mit ihm, so viel ich weiß, auf
diese Waffen eingelassen. Man hat sich diese Mühe mit gutem
Vorbedachte ersparet; denn eine metaphysische
Untersuchung, insbesondere eine
die so verwickelt und zusammengesetzet ist, verstattet nach allen
Seiten noch immer unzählige Schlupfwinkel, wohin der eine von den Gegnern sich retten kan, ohne daß ihn
der andere zu verfolgen, oder hervorzuziehen, im Stande ist.
Wir haben sehr wohl gethan, daß wir die Schlüsse
des Herrn Bülfingers
gleich anfangs von derjenigen Seite angegriffen haben, wo nach
seinem eigenen Geständniß, die Mathematik allein den Ausspruch
thut. Allein vermittelst unserer Methode, sind wir wie ich schon
gesagt habe, auch über diese Unterscheidungen Meister,
wenn sie sich gleich hinter noch so undurchdringliche
Decken der Dunkelheit verborgen haben.
Unsere Methode
beuget den
Unterscheidungen des Herrn
Bülfingers vor.Es
ist hier vornemlich die Frage: ob die Unterscheidungen des Herrn Bülfingers den
mathematischen Beweis, den er aus
der Verhältniß der
Diagonallinie gegen die
Seitenlinie, in der Zusammensetzung
würklicher Bewegungen, vor die lebendigen
Kräfte genommen hat, geltend machen
können, oder ob dieser mathematische Beweis allem diesen ungeachtet, dennoch keine Schutzwehre der
neuen Schätzung abgeben kan. Dies ist eigentlich der Punct,
warum gestritten wird; denn wenn das
Gebäude des Herrn Bülfingers nur
auf metaphysischen Grundsätzen beruhet, und nicht durch die
mathematische Begriffe von der Zusammensetzung der
Bewegungen unterstützet wird, so entschuldiget uns schon die Absicht
dieses Hauptstückes, wenn wir uns in die Untersuchung desselben nicht
einlassen. Es wird aber die Verhältniß der Diagonalgeschwindigkeit
gegen die Seitengeschwindigkeiten in der Zusammensetzung wirklicher Bewegungen,
aus einem und eben demselben Grunde erwiesen, woraus man diese
Verhältniß ebenfalls in der Zusammensetzung todter Drucke herleitet.
Sie ist also wahr, wenn gleich in denen zusammengesetzten wirklichen
Bewegungen keine andere Eigenschaften und Bestimmungen
anzutreffen seyn, als die sich bey denen todten Drucken befinden,
weil sie hinlänglich bewiesen werden kan, ohne daß man etwas anders
hiezu nöthig hat, als das, was man auch bey denen todten Drucken,
die zusammengesetzet werden, voraussetzen muß. Es kan also aus der
Verhältniß der Diagonalgeschwindigkeit bey würklichen Bewegungen nicht geschlossen werden:
daß die zusammengesetzten Kräfte von anderer Natur und
Schätzungsart seyn müssen als die todten Drucke, denn
eben dieselbe Verhältniß hat dennoch statt, wenn gleich die Natur der
zusammengesetzten Kräfte von den todten Drucken gar nicht
unterschieden ist, weil man keine andere Gründe brauchet um sie
zu beweisen, als diejenige die man auch hier nöthig haben würde. Es
ist also vergeblich, daß sich Herr Bülfinger derselben bedienen will, um hieraus zu
schliessen: daß die Kräfte nicht in Proportion der
Geschwindigkeiten, sondern ihrer Quadrate stehen.
Demnach können die
metaphysischen Unterscheidungen, derer sich dieser Philosoph
bedienet hat, zwar vielleicht etwas darbiethen:
woraus eine fortgesetzte philosophische Erwegung, einige Gründe
zum Vortheile der lebendigen Kräfte ziehen würde; allein zur
Emporhaltung desjenigen
mathematischen Beweises, von dem wir reden, sind sie
nicht hinlänglich, weil er schon seiner Natur nach dasjenige
unbestimmt lässet, was zu der Regel, die man daraus ziehen will,
erfordert wird.
§ 92.
Ein
besonderer zusammengesetzer
Fall des Herrn
von Leibnitz.Nach allen diesen unterschiedenen Gattungen der
Beweise, deren
Unrichtigkeit wir denen Vertheidigern der lebendigen Kräfte gezeigt haben, komme ich endlich auf
denjenigen,
der den Herrn von Leibnitz, den
Vater der lebendigen Kräfte selber zum Urheber hat, und auch
das Merkmahl seiner Scharfsinnigkeit bey sich führet. Er hat
ihn, bey der Gelegenheit, da er die Einwürfe des Abtes Catelan auflösete, in
den Actis
Eruditorum
Acta 1690.
der Welt zuerst dargestellet. Er hat sich auch
hernach jederzeit, wenn er seiner
Kräftenschätzung ein Licht geben wollen, auf dieselbe
insbesondere beruffen: Also werden wir ihn, als eine
Hauptstütze der lebendigen Kräfte,
anzusehen und wegzuräumen haben.
Fig. XIV.
Eine Kugel A,
von vierfacher Masse, falle auf der schiefen
und gebogenen Fläche, deren Höhe 1 AE wie 1 ist, aus 1 A in 2 A, und setze auf der
Horizontalfläche EC,
seine Bewegung, mit dem Grade Geschwindigkeit, den
er durch den Fall erlanget
hat, und der wie 1 ist, fort
. Man setze ferner: daß er alle Kraft, welche
er
hat, in
eine Kugel B
von einfacher Masse übertrage, und nach diesem selber
im Puncte 3 A ruhe. Was wird nun die Kugel B, die 1 zur Masse
hat, von der Kugel A, die 4mal mehr Masse, und einen einfachen
Grad der Geschwindigkeit hat, vor eine Geschwindigkeit
erhalten sollen, wenn ihre Kraft hiedurch der Kraft, die der
Körper A hatte, gleich
werden soll? Die Cartesianer sagen: ihre
Geschwindigkeit werde 4fach seyn müssen. Es laufe also
der Körper B,
mit 4 Graden
Geschwindigkeit, auf der Horizontalfläche aus 1
B in 2 B, und, nachdem er daselbst
die schiefe und gebogene Fläche 2 B 3 B angetroffen, bewege er sich
dieselbe hinauf, und erreiche mithin auf derselben, durch die ihm
beywohnende Geschwindigkeit, den Punct 3
B, dessen
Perpendikular-Höhe 3 BC wie 16 ist. Man nehme
ferner die inclinirte Schnellwaage 3
A 3 B
an, die sich an dem Puncte F beweget, und deren ein Arm F 3 B viermal und etwas weniges drüber länger ist als
der andere Waagbalken 3 AF,
die
aber einander dennoch das Gleichgewicht halten. Wenn nun
der Körper B
den Punct 3 B erreichet, und
daselbst den Arm der Waage betritt, so ist klar, daß: weil der
Balken F 3 B, in Ansehung
des andern 3 AF. etwas größer ist, als die Masse des Körpers 3
A, in Vergleichung mit der Masse der Kugel 3
B, so werde das
Gleichgewicht gehoben seyn, und der
Körper 3 B aus 3
B in 4 B
heruntersinken, zugleich aber die Kugel 3 A aus 3 A in 4 A
erheben. Es ist aber die Höhe 4 A 3 A
beynahe das vierte Theil der Höhe 3 BC, mithin wie 4; also hat der Körper
B die Kugel A auf diese Weise zu einer
beynahe vierfachen Höhe erhoben. Es kan nun durch ein leichtes
mechanisches Kunststück gemacht werden: daß die Kugel
4 A aus 4 A in 1 A wieder zurück gehe, und mit der, durch
seinen Zurückfall erlangten Kraft,
gewisse mechanische Würkungen ausübe, hernach aber nochmals aus
dem Puncte 1 A die
schiefe Fläche 1 A 2
A herablaufe, und alles in
den vorigen Zustand setze, auch der Kugel B, welche durch eine unmerklich
kleine Neigung der Fläche 2 B4
B, wieder in dem Puncte 1
B seyn
kan, alle seine Kraft, wie vorher, übertrage, und alles noch einmal
bewerkstellige. Der Herr
von Leibnitz
fähret fort zu schließen: also folget aus der Kräftenschätzung
des Cartesius: daß ein Körper, wenn man
sich seiner Kraft nur wohl bedienet, ins unendliche immer mehr
und mehr Würkungen verüben, Maschinen treiben, Federn spannen, und
Hindernisse überwinden könne, ohne
daß seinem Vermögen etwas entgehe, eben dieses ohne
Aufhören noch ferner zu verüben; daß also die
Würkung größer seyn könne, als ihre
Ursache, und daß die immerwährende Bewegung, die alle Mechanicker vor
ungereimt halten, möglich sey.
§ 93.
Der Punct
des Fehlschlusses in
diesem Beweise.Dieser Beweis ist der einzige unter allen
Vertheidigungen der lebendigen Kräfte, dessen Scheinbarkeit
die Uebereilung entschuldigen könte,
welche die Leibnitzianer in Ansehung der Schutzgründe ihrer Schätzung
bewiesen haben. Herr Bernoulli, Herr
Herrmann und Wolf, haben nichts
gesagt, was demselben an Erfindung und scheinbarer Stärke gleich
käme. Ein so großer Mann als Herr von
Leibnitz war konte nicht irren,
ohne daß ihm so gar derjenige Gedanke rühmlich seyn mußte, der
ihm
zum Irrthum verleitete. Wir wollen in Ansehung dieses
Beweises dasjenige sagen, was Hektor beym
Virgil von sich rühmt:
– – – – – – – – – Si Pergama
dextradefendi possent, etiam hac defensa fuissent.
Virg.
Aeneid.
Ich will mein
Urtheil über denselben kurz fassen. Der Herr von Leibnitz hätte nicht sagen sollen: daß der Zurückfall der
Kugel A, nachdem sie vermittelst der
Schnellwaage zu der vierfachen Höhe 4 A 3 A erhoben worden, und aus 3 A auf die schiefe Fläche 1 A wieder
zurückkehret, vorher aber
mechanische Kräfte ausübet, eine Würkung der in
die Kugel B
übertragenen Kraft sey, so sehr dieselbe es auch scheinet
zu seyn. Diese ausgeübte mechanische Kraft ist, wie wir bald
sehen werden, zwar der nachfolgende Zustand in der Maschine, der
vermittelst der, in Bübertretenen Kraft, veranlasset worden,
allein sie ist dennoch keine Würkung dieser Kraft. Wir müssen die
Vermengung dieser zweyen Bedeutungen
sehr sorgfältig vermeiden, denn hier ist der rechte
Punkt des Fehlschlusses, worauf aller Schein, der sich in dem
Leibnitzischen Beweise hervorthut,
gegründet ist. Denn wenn alle diese mechanische Folgen nicht eine
rechte Würkung der Kraft sind, die der Körper A in den andern B übertragen hat, so verschwindet alles
Ansehen eines paradoxen Gedankens auf einmal, wenn man gleich sagt: daß
mehr in dem nachfolgenden Zustande der Maschine enthalten sey,
als in dem vorhergehenden. Denn es ist deswegen noch nicht die
Würkung grösser als ihre Ursache, und die immerwährende
Bewegung selber ist in diesem Falle keine Ungereimtheit, weil
die hervorgebrachte Bewegung nicht die wahre Würkung der Kraft ist,
welche dieselbe eigentlich nur veranlasset hat, folglich auch immerhin
größer seyn kan als diese, ohne daß man gegen das Grundgesetze der
Mechanik anstößet.
§ 94.
Die
Kraft welche A durch die
Einrichtung
der Maschine
erhält, ist
keine hervorgebrachte
Würkung der
Kraft des Körpers B.Der Körper B, in welchen man
alle Kraft der Kugel A übertragen hat, wendet dieselbe gänzlich
auf, indem er die schiefe Fläche 2
B 3 B hinauf läuft. In
dem Puncte 3 B hat er also die ganze Größe seiner
Würkung vollendet, und auch alle ihm
mitgetheilte Kraft verzehret. Indem er nun
daselbst auf den Balken der Waage geräth, so ist es nicht mehr die vorige Kraft, womit er
den Körper 3 A in die Höhe hebet, sondern die
erneuerte Gewalt der Schwere thut allein
diese Würkung, die Kraft aber, die B von der Kugel A erhalten hatte, hat hieran keinen
Antheil. Wenn ferner die Kugel A hiedurch bis in 4 A erhoben worden, so hat die überwiegende
Kraft der Kugel 3 B auch auf
diese Art ihre völlige Würkung ausgeübet, und die Kraft, welche der
Körper A
empfängt, indem er aus 4 A in 1
A zurückkehret, ist wieder
eine Würkung einer neuen Ursache, die von der Thätigkeit des Hebels
gänzlich unterschieden,
und auch viel größer als dieselbe ist, nemlich des Druckes
der Schwere, welcher dem Körper im freyen Falle mitgetheilet
wird. Also ist diejenige Kraft, womit der Körper A mechanische Würkungen
ausübet, ehe er wieder im Punkte 1
A ankömmt, etwas, was zwar durch die Kraft der Kugel B veranlasset, das ist gewissen mechanischen
Ursachen übergeben worden, aber sie
selber nicht zur hervorbringenden Ursache
hat.
§ 95.
Dieses
wird bestätiget.Wenn die Leibnitzianer in
dem nachfolgenden Zustande, der in der Natur
entstehet, allemal gerade nur so viel Kraft setzen wollen,
als der vorhergehende in sich enthält, so möchte ich gerne wissen, wie
sie sich nur aus dem Einwurfe hinaushelfen wollten, den man ihnen
aus ihrem eigenen Beweise machen kan. Wenn ich die Kugel
B in 3 B auf die Schnellwaage setze, folglich
sie daselbst den Balken niederdrückt, und den Körper
A aus 3 A in 4 A erhebet, so ist dieses der vorhergehende
Zustand der Natur, die Kraft aber, die A hernach erhält, indem er aus 4
A wieder zurückfällt,
ist der nachfolgende Zustand, der durch den vorigen
veranlasset wird. Es ist aber in diesem viel mehr Kraft
enthalten, als in jenem. Denn die Ueberwucht des Körpers 3
B über den Körper 3
A, kan
in Ansehung ihres eigenthümlichen Gewichtes unvergleichbar
klein seyn, also kan die Geschwindigkeit, womit 3
A gehoben
wird, ungemein klein seyn, gegen die Geschwindigkeit, die er
durch den freyen Zurückfall aus 4 A in 1 A erhält, denn hier häufen sich die
unverminderten Drucke der
Schwere, dort aber nur solche, die gegen diese unvergleichbar klein
seyn. Also ist der nachfolgende Zustand der
Kraft, der in der Natur ist, unstrittig größer, als der
vorhergehende, der ihn veranlasset
hat.
§ 96.
Eben
dieses aus dem
Gesetze der
Continuität
erwiesen.Es
kommt hier alles vornemlich darauf an: daß man überzeuget sey, die Kraft, welche B mit 4 Graden Geschwindigkeit besitzet, sey nicht die hervorbringende
Ursache der Würkung, die sich hier in der
Maschine hervorthut, wie die Leibnitzianer voraussetzen müssen, wenn sie in des
Cartesius Gesetze eine
Ungereimtheit zeigen wollen. Denn, wenn dieses
wäre, so würde, wenn man diese Ursache nur um etwas weniges
verminderte, die Würkung auch nur sehr wenig kleiner
werden. Allein dieses zeiget sich hier in der Maschine ganz anders.
Wenn wir setzen: daß der Körper 1 B etwas minder als 4 Grade Geschwindigkeit habe,
so wird er nur bis zum Puncte a, auf der gebogenen Fläche 2 Ba,
hinaufgelangen, wo die Länge 3
AF des einen Waagbalkens,
gegen die Länge des andern Waagarmes ganz genau in
vierfacher Verhältniß stehet, wo also das Gewichte des
Körpers B den Hebel nicht
beweget, noch den Körper 3 A im geringsten aus seiner Stelle hinausrücket.
Also wenn B
einen Theil der Kraft weniger hat, der so klein
angenommen werden kan, daß er fast gar nicht in Betrachtung kommt:
so erlangt 3 A
alsdenn schon gar keine Kraft mehr; so bald im Gegentheil dieses
wenige noch hinzu kommt, so wird 3 A nicht allein die Kraft die er anfänglich
hatte, wiederbekommen, sondern noch weit mehr drüber. Es ist augenscheinlich: daß dieser
Sprung sich nicht zutragen würde, wenn die Kraft des Körpers
3 B
die wahre hervorbringende Ursache desjenigen Zustandes
wäre, der sich in der Maschine hervorthut.
§ 97.
Die
ganze Größe des
zureichenden Grundes
in dem vorhergehenden Zustande.Wenn man die Anlegung des Hebels in dieser Maschine, und ihre geometrische Bestimmung in
Absicht auf die Proportion der Körper
erweget, wenn man hiezu noch das Uebermaaß
der Verhältniß der Höhe 3 B 4 B, gegen die Höhe
1 AE, über
die Proportion der Masse des Körpers
B zur Masse A hinzuthut, (denn die Höhe 3 B 4 B ist gegen die
Höhe 1 AE, wie
16 zu 1, die Masse A
aber gegen B
nur wie 4 zu 1) so hat man die ganze Größe
derjenigen Bestimmungen, welche die Kraft in A veranlasset haben; hiezu
nehme man noch die Druckungen der Schwere, welche vermittelst
der vortheilhaften Anlegung der
geometrischen Bestimmungen würksamer gemacht werden, so hat man die
ganze Zusammenfassung aller zureichenden Gründe, darinn man die
Größe der Kraft die in A
entstehet, vollkommen wieder finden wird. Wenn man hievon die
einzige Kraft des Körpers B absondert, so ist kein Wunder, daß sie viel zu klein
befunden wird, um in ihr den Grund der Kraft, die in A hineinkommt
darzulegen. Alles was der Körper B hiebey thut, ist, daß er zu gleicher
Zeit, da er die Zurückhaltungen der Schwere überwindet, eine
gewisse Modalität gewinnet, das ist, eine gewisse Quantität
der Höhe, die nemlich größer ist als nach Proportion
seiner Geschwindigkeit, und folglich auch seiner Masse.
So ist denn die Kraft
des Körpers B nicht die wahre
würkende Ursache der Kraft, welche in A erzeuget wird: es wird in
Ansehung ihrer also das
große Gesetze der Mechanik: effectus quilibet
aequipollet viribus causae
plenae,
ohne Gültigkeit seyn; und es kann immerhin
auf dies Weise eine immerwährende
Bewegung hervorgebracht werden, ohne daß dieses
Grundgesetze im geringsten verletzet wird.
§ 98.
Die
einzige Schwierigkeit, die
noch in
dem Leibnitzischen Argumente stecken
köñte.Es bestehet also alles, was der Herr von Leibnitz
mit seinem Argumente uns entgegen
setzen kan, darinn: daß es, wenn man gleich die gänzliche Unmöglichkeit
der Sache nicht darthun kan, dennoch
sehr unregelmäßig und wiedernatürlich
heraus komme: daß eine Kraft eine andere größere, als sie ist erwecke, es mag nun auf eine
Art geschehen, wie sie wolle. Der Herr von
Leibnitz lenket sich selber
auf diese Seite:
Act.
Erud. 1691 p. 442.
Sequeretur etiam
causam non posse iterum
restituisuoque effectui surrogari; quod quantum abhorreat a
more naturae & rationibus rerum facile intelligitur. Et
consequens esset:
decrescentibus semper
effectibus, neque unquam crescentibus, ipsam
continue rerum
naturam declinare, perfectione imminuta, neque
unquam resurgere atque amissa recuperare posse sine
miraculo. Quae
in Physicis certe abhorrent a sapientia constantiaque
conditoris.
Er würde so gelinde nicht geredet haben, wenn er nicht
gesehen hätte, daß die Natur der Sache ihm diese Mäßigung
auferlege. Man mag nur gewiß versichert seyn: daß er mit dem
ganzen Donner seines geometrischen
Bannes, und aller Gewalt der Mathematik wider seinen Feind aufgezogen wäre, wenn seine Scharfsinnigkeit diese Schwäche
nicht wahrgenommen hätte. Allein er sahe sich genöthiget die
Weisheit GOttes zu Hülfe zu ruffen, ein gewisses Merkmahl, daß die
Geometrie ihm keine tüchtige Waffen dargebothen
hätte.
Wird
beantwortet.Allein auch die kleine Schutzwehre ist von keiner
Beständigkeit. Es ist hier bloß von der Schätzung
der Kräfte, welche durch die Mathematik erkannt wird, die
Rede, und es ist kein Wunder, wenn dieselbe der Weisheit GOttes nicht
vollkommen genug thut. Dies ist eine, aus dem Mittel aller
Erkenntnisse herausgenommene
Wissenschaft, die vor sich allein nicht mit den Regeln
des Wohlanständigen und Geziemenden gnugsam bestehet, und die
mit den Lehren der Metaphysik zusammen genommen werden muß, wenn
sie auf die Natur vollkommen angewendet werden soll. Die
Harmonie, die sich unter den Wahrheiten befindet, ist wie die
Uebereinstimmung in einem Gemählde. Wenn man einen Theil
insbesondere herausnimmt, so
verschwindet das Wohlanständige, das Schöne und
Geschickte; allein sie müssen alle zugleich gesehen werden, um dasselbe wahrzunehmen. Die
Cartesianische Schätzung ist den Absichten der
Natur zuwider: also ist sie nicht das wahre Kräftenmaaß der
Natur, allein dieses hindert dennoch nicht, daß sie nicht das wahre und
rechtmäßige Kräftenmaaß der Mathematik seyn sollte.
Denn die
mathematischen Begriffe von den Eigenschaften der
Körper und ihrer Kräfte, sind noch von den Begriffen,
die in der Natur angetroffen werden, weit
unterschieden, und es ist
genug, daß wir gesehen haben: die Cartesianische Schätzung sey jenen
nicht entgegen. Wir müssen aber die
metaphysische Gesetze mit den Regeln der
Mathematik verknüpfen, um das wahre Kräftenmaaß der
Natur zu bestimmen; dieses wird die Lücke
ausfüllen und den Absichten der Weisheit
GOttes besser Gnüge leisten.
§ 99.
Der
Einwurf des
Herrn Papins.Herr Papin, einer von den berüchtigsten
Widersachern der lebendigen Kräfte, hat die Sache des Cartesius gegen diesen Beweisgrund des Herrn von
Leibnitz sehr unglücklich
geführet. Er hat seinem Gegner das Schlachtfeld
geräumet, und ist qverfeldeingelaufen, um irgendwo einen Posten zu
behaupten, der
ihn schützen sollte. Er giebet dem Herrn von Leibnitz zu:
daß, wenn man voraussetzet, der Körper A habe seine ganze Kraft in
den Körper B
übertragen, nach Cartesianischer Schätzung eine
immerwährende Bewegung erfolge, und
gestehet ihm sehr gutherzig zu, daß diese Art der Bewegung eine
Ungereimtheit sey: Quomodo autem per
translationem totius
potentiae corporis A in corpus B juxta
Cartesium obtineri possit motus perpetuus evidentissime
demonstrat, atque
ita Cartesianos ad absurdum reductos arbitratur. Ego
autem & motum perpetuum absurdum esse fateor, & Cl.
Vir.
demonstrationem exsupposita translatione esse
legitimam; Nachdem er seine Sache
auf diese Weise verdorben hat; so suchet er seine Ausflucht
darinn: daß er die Voraussetzung seines Gegners, die ein sehr zufällig
Stück seines Argumentes ist, leugnet, und ihn herausfodert, ihm diesen
Knoten aufzulösen. Folgende Worte geben seine Meynung zu
erkennen: Sed Hypothesis ipsius possibilitatem translationis nimirum totius
potentiae ex corpore A in corpus B
pernego,
&c
– – –
Act.
1691 pag.
9.
§ 100.
Der Herr von
Leibnitz hat seinen Gegner auf einmal
entwaffnet, und ihm nicht die geringste
Ausflucht übrig gelassen. Er hat
ihm gezeiget: daß die würkliche Uebertragung der Kraft kein
wesentliches Stück seines Beweises sey, und daß es
genug sey in B eine Kraft
zu setzen, die der Kraft in A substituirt werden könne. Man kan
alles in der Abhandlung, die er den Actis einverleibet hat, und die
wir schon angezogen haben, bewiesen antreffen. Ich kan aber
nicht unterlassen ein Vergehn des Herrn
von Leibnitz
anzuführen, welches in einer öffentlichen Disputation seinem Gegner
den Sieg würde in die Hände gespielet haben. Es bestehet darinn: daß
er etwas, was, wie er selber erinnert, eigentlich zur Hauptsache
nicht gehöret, zugiebt, um einen Nebenumstand im
Argumente darzuthun, was aber, wenn es angenommen wird, zwar diese Nebenbedingung bewähret, allein
den Hauptpunkt im Beweise gänzlich
umkehret.
Ein
Vergehen des Herrn
von Leibnitz.Die Sache verhält sich also: Herr Papin, der
es sich in den Kopf gesetzet hatte,
keine andere Ausnahme in dem Einwurfe
seines Gegners zu machen, als diejenige: daß
es unmöglich sey, daß ein Körper seine ganze Kraft einem
andern mittheile, suchte dem Herrn von
Leibnitz alle die Kunststücke
verdächtig zu machen, wodurch er dieses zu leisten vermeynete. Daher
widerstritte er ihm mit allem Eifer: daß der vierfache
Körper 1 A,
Fig.
XV.
durch einen Stoß auf den vollkommen steifen Hebel
1 A C B, im Puncte
1 A,
dessen Entfernung vom Ruhepuncte C, gegen die Entfernung CB viertheilig ist, dem einfachen
Körper B seine ganze Kraft
mittheilen könne; denn dahin lenkte sich der Herr von
Leibnitz in Behauptung seines
mechanischen Falles, von dem wir gehandelt
haben. Herr Papin wurde den Vortheil nicht gewahr, den seine Sache erhalten konte, wenn er
diese Auflösung ergriffen, und daraus selber gegen die
lebendige Kräfte geschlossen
hätte. Er faßte daher dieselbe an: aber mit so
schwachen Gründen, die seinem Gegner den Muth vermehreten auf der
Behauptung desselben zu beharren.
Leibnitz bestand
also auf der Richtigkeit dieses Kunstgriffes, dessen er sich
glaubte bedienen zu können, um in einen Körper die ganze
Kraft eines andern durch einen einzigen Stoß zu versetzen. Er nahm
die Gründe, die Papin angeführet hatte, die Scheinbarkeit desselben
zu zeigen, mit Dankbarkeit an, und räumete die Schwierigkeiten weg,
womit derselbe diese hinwiederum zu vereitelen vermeynete. Ich glaube,
daß er folgendes in rechtem Ernst gesagt habe: Cum florentiae essem,
dedi amico aliam adhuc
demonstrationem, pro possibilitate translationis virium totalium
&c.
corpore majore in minus quiescens, prorsus affinem illis ipsis,
quo
Cl.
Papinus ingeniosissime pro me juvando excogitavit, pro
quibus gratias
debeo imo & ago sinceritate ejus
dignas. Wir wollen jetzt sehen, daß
Leibnitz seiner Sache einen sehr schlechten
Schwung gegeben habe, indem er auf der Behauptung dieses Satzes steif
beharrete, den er seinem Gegner vielmehr hätte einräumen sollen; denn
alsdenn hätte er zwar die Nebensache verlohren, (deren Verlust ihm
aber gar keinen Nachtheil bringen konte,) allein die Hauptsache
würde er gewonnen haben: Herr Papin hätte
auf folgende Art argumentiren können und auch sollen, um seinen
Gegner auf seinem eigenen Geständnisse zu ertappen.
Beweis,
daß ein vierfacher Körper
durch einen Stoß
auf einen
Hebel einem
1fachen 4 Grade
Geschwindigkeit mittheilen könne.Wenn der vierfache Körper 1 A mit
einem Grade Geschwindigkeit den Hebel in
1 A
stösset, so ist augenscheinlich: daß
er in einen andern 2 A, der mit ihm von
gleicher Masse ist, und auch eben so weit vom Ruhepuncte
des Hebels abstehet, durch diesen Stoß seine ganze Kraft
und Geschwindigkeit versetzen werde. Weil aber diese
Geschwindigkeit, womit
2 A
weggeprellet wird, eine Fortsetzung derjenigen Bewegung ist, womit der Hebel, indem er
den Körper fortstößet, den unendlich kleinen Raum
2 A 2 a zurückleget, so ist die Geschwindigkeit
dieser unendlich kleinen Bewegung, der Geschwindigkeit des
fortgestoßenen Körpers 2 A, und also derjenigen, womit 1 A den
Hebel stösset, gleich; mithin wird diese Kugel 1 A
in ihrem Anlaufe den Hebel die unendlich kleine Linie
1 A 1 a
hinunterdrücken, und zwar wird
dieselbe mit eben derselben Geschwindigkeit, womit 1 A
anläuft, zurückgelegt werden. Nun setze man anstatt
des Körpers 2 Adie Kugel
B, die viermal weniger Masse als
A hat,
in vierfacher Entfernung vom Ruhepuncte C, und sehe was vor eine
Hinderniß, alsdenn der Körper
B dem Körper
A, indem dieser den
Hebel aus 1 A in 1 aniederzudrücken bemühet ist, machen werde. Es
ist bekannt, daß die vis
inertiae, oder der Widerstand den ein
Körper vermittelst seiner Trägheitskraft
der Bewegung eines andern in den Weg leget, seiner Masse
proportioniret sey; nun ist aber eine
viertheilige Masse in vierfacher Entfernung vom
Ruhepuncte, der Quantität einer einfachen in viertheiliger Entfernung gleich zu schätzen: Also thut
B in B dem Stoße des Körpers 1 A auf
den Hebel, gerade nur so viel Wiederstand, als der
Körper 2 A = 1 A in 2 A würde gethan haben. So wird denn der Körper
1 A auch in
diesem Falle, da sich die Kugel B an statt der Kugel 2 A auf dem
Hebel befindet, die unendlich kleine
Linie 1 A 1 a mit dem
Hebel zugleich durchlaufen, und zwar mit eben der
Geschwindigkeit, wie im vorigen Falle, d. i. die so
groß ist als diejenige, womit er auf den Punct 1 A
anläuft. Es kan aber der Körper 1 A den
Hebel aus 1 A in
1 a nicht
niederdrücken, ohne zugleich das andere Ende in
B aus B in b hinaufzubewegen; die unendlich kleine
Linie B b aber ist 4 mal größer als
1 A 1 a:
also wird der Körper B durch diesen Stoß des Hebels eine
Geschwindigkeit erhalten, die gegen diejenige, womit
A anläuft, vierfach
ist.
Eben
dasselbe auf eine
andere Art erwiesen.Dieses
erhellet noch auf eine andere Art. Alle
harte Körper können wir uns als
elastisch, das ist, als dem Stoße
weichend, aber wieder zurück springend, vorstellen;
also können wir dem steifen Hebel 1 ACB auch eine solche
Federkraft beylegen. Der Körper 1 A also,
der auf den Hebel mit dem Grade Geschwindigkeit wie 1 anläuft, wendet
seine ganze Kraft auf, indem er die Feder 1 AC
spannet, und sie um den Raum 1 A 1 a
aufdrücket. Nun sind die momenta der Geschwindigkeit, welche diese
Feder die ganze Zeit dieses Druckes hindurch, durch ihren
Wiederstand in dem Körper 1 A
verzehret, denjenigen momentis gleich, womit die
Feder C 2 A, als
der fortgesetzte Arm des Hebels, zu gleicher Zeit
vermöge dieser Spannung durch den Raum 2 A 2 a
aufspringet; mithin, wenn diese steife Linie bis Bverlängert worden, sind die momenta der
Geschwindigkeit, womit die
Feder CB aufspringet, indem der
Hebel 1 a CB sich in die gerade
Linie 1 a Cb wieder herstellet, viermal größer,
als die momenta, womit er im Puncte
2 A zurück
schläget, (denn der Raum b B, den der Punct B zu gleicher Zeit zurücke leget, ist
viermal größer als 2 A 2 a.)
Allein, wegen der vierfachen Entfernung des Punctes B vom Ruhepuncte
C, ist die Steife der
FederCB dennoch
viermal schwächer als die Steife der Feder C 2 A; daher muß man dagegen den Widerstand in
B viermal kleiner machen,
als in 2 A, und
alsdenn bleibet das momentum der Geschwindigkeit, daß die
Feder CB in
den viertheiligen Körper B hineinbringt, vierfach, da hingegen das momentum, welches die Feder C 2 A an den vierfachen Körper 2 A
anwenden würde, einfach ist. Nun ist die Zeit, in der die Feder
CB würket,
so groß als diejenige, darinn die C 2 Aaufspringen würde, und die
Geschwindigkeiten die
zweene Körper, 2 A und B,
durch die Würkung zweyer Federn, C 2 A und
CB, die gleich lange
würken, erhalten, sind wie die momenta der Geschwindigkeiten, welche
diese Federn in ihre Körper hineinbringen, mithin in dem Körper
B viermal größer, als in
2 A; da aber die Geschwindigkeit die
2 A von dem
Fortstoße der Feder C 2 A
erhalten würde, der Geschwindigkeit womit 1 A in
1 A
anläuft, gleich ist, so wird die Geschwindigkeit, die der Körper
B durch
diesen Stoß des Körpers 1 A auf den
Hebel erhält, viermal größer seyn, als diejenige war, womit
1 A seinen
Stoß verrichtete. W. z. E.
Wie
Herr Papin hieraus
gegen Leibnitzen
hätte argumentiren können.Wir sehen also aus diesem zwiefachen Beweise:
daß ein vierfacher Körper, einem
einfachen durch einen einzigen Stoß eine
vierfache Geschwindigkeit ertheilen könne.
Dieses ist nach denen mechanischen
Grundsätzen wahr, welche selbst die eifrigsten
Vertheidiger der lebendigen Kräfte
nicht würden in Zweifel zu ziehen im Stande seyn. Herr
Papin hätte hiedurch seinen Gegner rechtschaffen in die Enge treiben können,
wenn er seines
Vortheils wohl wahrgenommen hätte. Er hätte ihm
sagen sollen: Ihr habt mir zugegeben, daß ein vierfacher Körper,
vermittelst eines Hebels, in einen einfachen, dessen
Distanz vom Mittelpunkte vierfach ist, alle seine Kraft hinein
bringen könne; ich kann euch aber darthun, daß er bey
diesen Umständen demselben vier Grade Geschwindigkeit ertheile: also hat ein einfacher Körper mit 4
Graden Geschwindigkeit
alle Kraft eines vierfachen mit 1 Grade, dieses ist aber
der Punkt, um welchen gestritten wird, und den ihr
mir zu leugnen
verlanget.
§ 101.
So ist denn
der fürchterlichste Streich unter allen, womit
die lebendigen Kräfte der Schätzung des Cartesius gedrohet haben,
leer ausgegangen. Nunmehro ist keine Hoffnung übrig, daß
dieselbe nach diesem noch Mittel finden werden sich aufrecht zu
erhalten.
– – –
vires in ventum effudit, &
ultro
Ipse gravis graviterque ad terram pondere
vasto
Concidit: ut quondam cava concidit aut
Erymantho,
Aut Ida in magna, radicibus eruta
pinus.
Virg.
Aen.
Libr.
V.
§ 102.
Wir haben
die vornehmsten Gründe
der Leibnitzianer widerlegt.Wir haben die ansehnlichste und berühmteste
Gründe der Neurung von den lebendigen
Kräften bis daher angeführet, und Sorge getragen, dieser Sekte, nach dem
Rechte der Wiedervergeltung, alle die
Vorwürfe und Zurechtweisungen zu bezahlen, welche sie den Schülern des
Cartesius so häufig gemachet haben. Man würde mit Unrecht von
uns verlangen: daß wir alles was in dieser Sache auf der
Seite des Herrn von Leibnitz
geschrieben worden, herbey ziehen sollten, um
unserer Parthey einen vollkommenen Triumph daraus zu zubereiten.
Dieses würde heissen, von
den Cedern auf dem Libanon an, bis zu dem
Ysop, der aus der Wand wächst, nichts verschonen, damit man
sein Werk nur bereichern könne. Wir könnten noch mehr wie
einen Streif in das Gebiete unserer Gegner thun, ihre
Güter ausplündern, und dem Anhange des Cartesius so
viel Siegeszeichen und Triumphbogen
errichten; allein ich glaube, meine
Leser werden kein großes Verlangen darnach bezeigen. Wenn
man jemals mit Grunde gesagt hat, daß ein großes Buch ein groß
Uebel sey, so würde man es von einem solchen sagen können, welches
wie dieses, wenig andere Dinge als lauter verschiedene Vertheidigungen eben derselben Sache, und zwar
einer sehr abstrakten Sache anziehet, endlich
sie nur zu einem einzigen Endzwecke anziehet, nemlich sie
alle zu widerlegen.
Wir können
indessen diesem Misbrauche der Weitläuftigkeit
nicht so gänzlich absagen, daß wir nicht noch einen Beweis
herbey zu ziehen berechtiget seyn sollten, von dessen
Verschweigung uns gleichwol die ganze Anzahl der Gegner und Verfechter
unserer Streitsache lossprechen würde. Dieser Beweis hat nur wegen des
Ranges seines Verfassers einen Anspruch auf eine Stelle in dieser
Abhandlung; allein er hat nicht die geringste, in Betrachtung des
Ansehens, darinn er bey den Anhängern beyder Partheyen stehet. Die
Leibnitzianer
haben nicht geglaubet, daß er
ihrer Meynung etwas nutzen könne, und man hat
nicht gesehen, daß sie zu demselben ihre Zuflucht genommen
hätten, so sehr sie auf öfters in die Enge getrieben
worden.
§ 103.
Ein
Argument des
Herrn Wolfen.
Herr Wolf ist
derjenige, von dem wir diesen Beweis haben, und den er, mit allem Gepränge der
Methode ausgezieret, in dem ersten Bande
des Petersburgischen Commentarii vorgetragen
hat. Man
kann sagen: daß die Hindurchführung
seines Satzes durch eine große Reihe von
vorhergehenden Sätzen, die vermittelst einer gestrengen
Methode sehr genau zertheilet und vervielfältiget werden, der
Kriegslist einer Armee zu vergleichen ist, welche, damit sie
ihrem Feinde ein Blendwerk mache, und ihre Schwäche verberge, sich
in viele Haufen sondert, und ihre Flügel weit ausdehnet.
Ein jeder,
der seine Abhandlung in dem angeführten Werke
der Akademie lesen wird, wird befinden: daß
es sehr schwer sey, in ihr dasjenige heraus
zu suchen, was darinn den rechten Beweis ausmacht,
so sehr ist alles, vermöge der analytischen Neigung, die
sich daselbst hervor thut, gedehnet
und unverständlich gemacht worden. Wir wollen uns die Beschaffenheit
seines Unternehmens einiger maßen bekannt machen.
§
104.
Der
Haupt-Grundsatz dieses
Argumentes.Herr Papin hatte
behauptet: man könne nicht sagen, daß ein Körper etwas gethan habe, wenn er gar
keine Hindernisse überwältiget, keine
Massen verrücket, keine Federn spannet,
u. s. w.
Herr Wolf widerspricht
ihm hierinn, und zwar aus diesem Grunde: Wenn ein Mensch
eine Last durch einen gewissen Raum hindurch trägt, so ist jedermann
darinn einig, daß er etwas gethan und
ausgerichtet habe; nun träget ein Körper seine eigene
Masse, vermöge der Kraft, die er in würklicher Bewegung besitzet,
durch einen Raum hindurch: Eben hiedurch hat
seine Kraft etwas gethan und ausgeübet.
Herr Wolf verspricht im Anfange seiner Abhandlung sich
dieses Grundes zu begeben, und unabhängig von demselben seinen
Satz zu beweisen; allein er hat sein Wort nicht gehalten.
Nachdem er erkläret
hatte, was er durch unschädliche
Würkungen
(effectus
innocuos) verstehe, nemlich solche, in
derer Hervorbringung die Kraft sich
nicht verzehret; so setzet er einen Satz zum Grunde, auf welchem
sein Gebäude einzig und allein errichtet ist,
und den wir ihm nur nehmen dürfen, um alle Bemühung seiner
Schrift fruchtlos zu machen. Si duo mobilia per
spatia inaequalia
transferuntur,
effectus innocui sunt vt
spatia. Dieses ist der Satz,
den wir meynen
Es hat also Herr Wolf in der Bewegung durch einen Raum, darinn dem
Körper nichts widerstehet, d. i.
durch einen leeren Raum, demselben gewisse Würkungen beygeleget; und
dieser Würkungen bedienet er sich hernach zu einem Maaße der Kraft des
Körpers; folglich ist er seinem Versprechen nicht nachgekommen.
. Lasset uns sehen, wie er es angefangen hat, ihn
zu beweisen. Er schliesset auf folgende Weise: Wenn der
Effect durch den Raum A, wie e
ist, so ist derjenige Effect, der in einem gleichen
oder eben demselben Raum A geschiehet, auch e; folglich in dem Raum 2 A ist er 2 e, in dem
Raum 3 A wird er
3 e
seyn, d. i. die
Effecten werden in der Proportion der Räume
stehen.
Sein Beweis
beruhet also auf dieser Voraussetzung: Wenn
der Körper durch eben denselben
Raum gehet, so hat er auch eben dieselbe
unschädliche Würkung ausgeübet. Dieses ist der
rechte Punkt der Verführung und des Irrthumes, der sich hernach
über seine ganze Schrift ausbreitet. Es ist nicht genug, daß nur der
Raum eben derselbe sey, wenn die Würkung, die in ihm durch einen gleichen
Körper verübet worden, auch dieselbe seyn soll; man muß hiebey
die Geschwindigkeit des Körpers, womit
er den Raum zurück leget, mit in Erwegung ziehen. Wenn diese nicht ebenfalls gleich ist, so wird, aller
der Gleichheit des Raums ungeachtet, die unschädliche
Würkung dennoch unterschieden seyn. Dieses zu begreiffen müssen wir uns, so wie
wir im 17.
§. gethan haben, den Raum, den der Körper durchläuft,
nicht als vollkommen leer, sondern als mit Materie, aber mit
unendlich dünner, folglich unendlich wenig
widerstehender Materie erfüllet, vorstellen. Dieses geschicht nur, damit wir eine wahre
Wirkung und ein gewisses Subject derselben haben,
denn im übrigen bleibt es dennoch eine unschädliche
Wirkung, so wie im Wolfischen Argumente.
Wenn also der Körper einen eben so großen Raum als ein
anderer der ihm gleich ist, zurücke leget: so haben
sie beyde gleich viel Materie verrücket, aber deswegen noch
nicht allemal gleiche Würkung ausgeübet.
Denn, wenn der eine seinen Raum mit zweymal mehr
Geschwindigkeit durchgelaufen hat, so haben alle Theilchen seines Raumes durch seine
Würkung auch zweymal mehr
Geschwindigkeit von ihm erhalten, als die Theilchen des
Raumes, den der andere Körper mit einfacher
Geschwindigkeit durchläuft, folglich hat der erstere Körper eine größere
Würkung ausgeübet, obgleich die Masse und
der zurückgelegte Raum in beyden gleich
war.
§ 105.
Noch
ein Hauptgrund des
WolfischenSchediasmatis.
So ist denn der Grundsatz aller Schlüsse des
Herrn Wolfen
augenscheinlich falsch, und streitet wider
dasjenige, was man von den Begriffen des
Wirkens und der Bewegung am allerklärsten und gewissesten beweisen
kan. Wenn man einmal geirret hat, so ist die Folge nichts
anders, als eine Kette von
Irrthümern. Herr Wolf ziehet aus seinem
Grundsatze einen andern, der seinem System eigentlich
alle die große Folgerungen, die den Leser so unvermuthet überraschen und
in Verwunderung setzen, darbiethet. Er heißt:
Weil in gleichförmiger Bewegung
die Raume in
zusammengesetzter Verhältniß der
Geschwindigkeiten und Zeiten sind; so sind die
unschädliche Würkungen, wie die
Massen, Zeiten und Geschwindigkeiten zusammen.
Hierauf bauet er das Theorem:
Actiones, quibus idem effectus
producitur, sunt vt
celeritates.
Wird widerleget.In dem
Beweise dieses Lehrsatzes findet sich ein Fehlschluß, der wo möglich noch härter ist
als der, welchen wir kaum bemerket
haben. Er hatte bewiesen: daß, wenn zwey gleiche Körper einerley
Wirkung in ungleicher Zeit ausrichten, ihre
Geschwindigkeiten sich umgekehrt wie die Zeiten verhalten, darinn
diese gleiche Wirkungen hervorgebracht werden, das heißt: daß der
Körper, der seine Wirkung in halber Zeit
vollendet, zwey Grade Geschwindigkeit habe, da der andere im
Gegentheil, der die ganze Zeit dazu aufwenden muß, nur
einen Grad besitzet. Hieraus schliesset er: Weil jedermann gestehet, diejenige Action
sey zweymal größer, die in
zweymal kürzerer Zeit als
eine andere ihre Wirkung
vollbringet: so werden die
Actiones in diesem Falle in
umgekehrter Verhältniß der Zeiten, d. i. der
geraden von den Geschwindigkeiten seyn. Hierauf gehet
er weiter fort, und erweget den Fall, da zwey
verschiedene Körper einerley Wirkung in
gleicher Zeit ausüben. Er zeiget: daß in
diesem Falle die Geschwindigkeiten in umgekehrter Verhältniß der
Massen seyn werden, und schliesset ferner also:
Quoniam hic eadem est
ratiomassarum, quae in casu priori erat temporum; ratio
vero celeritatum eodem modo se habeat: perinde est, sive massae
diversae & tempus idem, sive massae sint eaedem
& tempus diversum &c.
Dieser
Schluß ist ein Ungeheuer, nicht aber ein Argument, das man in
einer mathematischen Abhandlung finden
sollte. Man erinnere sich: daß in dem vorigen Falle nur
deswegen sey gesagt worden, die Actiones zweyer gleichen Körper, welche
in ungleichen Zeiten gleiche Wirkung ausrichten, seyn umgekehrt wie die
Zeiten, weil diejenige Action,
die eine Würkung in kürzerer Zeit ausrichtet, eben
deswegen, und auch in eben demselben Maaße größer ist, als
eine andere, welche dazu mehr Zeit aufwendet. Also hat dieser Schluß
aus diesem Grunde statt, weil die Kürze der Zeit, darinn eine
Würkung vollendet wird, jederzeit von einer
desto größern Action zeuget. Allein, wenn ich, wie hier in dem
zweyten Falle, an statt der Ungleichheit der Zeiten die
Ungleichheit der Massen setze, und dagegen die Zeiten, gleich
mache; so siehet man leicht, daß die Ungleichheit der Massen
die Folge nicht habe, welche die Ungleichheit der Zeiten hat. Denn
bey der erstern hatte der Körper, der in
kleinerer Zeit seine Wirkung vollendete, eben deswegen,
weil die Zeit kleiner war, eine größere Action ausgeübet; allein hier hat der Körper,
der eine kleinere Masse hat, und mit derselben in gleicher
Zeit eben so viel Wirkung als der andre ausrichtet, nicht wegen der
Kleinigkeit seiner Masse eine
größere Activität. Dies wäre ganz
ungereimt zu sagen; denn die Kleinigkeit der Masse, ist ein wahrer
und wesentlicher Grund worauf vielmehr
die Kleinigkeit der Activität
beruhet, und wenn ein Körper ohnerachtet dieser Kleinigkeit der
Masse dennoch in gleicher Zeit eben so viel Wirkung als ein anderer
ausübet, so kan man nur schliessen: daß das, was seiner
Actioni wegen einer
geringen Masse abgehet, durch eine größere Geschwindigkeit ersetzet
und ausgefüllet, und dadurch der Actioni des andern gleich gemacht worden.
Also, wenn die Massen ungleich, die Zeiten und Wirkungen aber
gleich seyn: so kan man nicht sagen, die Actiones der Körper verhalten sich
umgekehrt wie ihre Massen, ob wohl
in dem Falle der ungleichen Zeiten und gleichen Massen
diese Proportion in Ansehung der Zeiten und Actionum statt hatte:
Es ist daher nicht einerley: ob
die Massen ungleich und die
Zeiten gleich, oder ob die
Zeiten ungleich und die Massen
gleich seyn.
So ist denn derjenige
Beweis, worauf ein Haupttheorem in der Wolfischen Abhandlung gegründet worden, ungültig und
unnütze; also werden die lebendige Kräfte daselbst kein Land finden,
das sie nähren kan.
Es giebt
zuweilen in einer Schrift gewisse mäßige Fehler,
die sich nicht sehr weit ausbreiten, und die Gültigkeit der
Hauptsache nicht gänzlich verderben. Allein in
derjenigen, von welcher wir reden, laufen die Sätze an der
Methode als an einem Seile herab; daher machen ein oder zwey
Irrthümer das ganze System verwerflich und unbrauchbar.
§ 106.
Wir
haben noch
keine Dynamick.Herr Wolf hatte in seiner Abhandlung das
Vorhaben uns
die erste Grundlage zu einer Dynamik zu liefern. Sein Unternehmen ist unglücklich
ausgefallen. So haben wir denn noch zur Zeit keine
Dynamische Grundsätze, auf welche wir mit Recht bauen können.
Unsere Schrift, welche die wahre Schätzung der
lebendigen Kräfte darzulegen verspricht, sollte
diesen Mangel ergänzen. Das dritte Capitel soll hievon
einen Versuch machen; allein darf man wohl hoffen: daß man das Ziel
treffen werde, da es
einem von den Versuchtesten in dieser Art
der Betrachtung nicht gelungen ist es zu
erreichen.
§ 107.
Das
Argument des Herrn
von Muschenbröck.Eben, da ich im Begriffe bin, die Widerlegung
derer Gründe, worauf die berühmteste
Leibnitzianer
ihre Kräftenschätzung gründen, mit dem vorhergehenden Falle zu
beschliessen, erhalte ich
die, vom Herrn Professor
Gottscheden
übersetzte Grundlehren der
Naturwissenschaft des Herrn Peters
vonMuschenbröck, die in der Ostermesse dieses
1747sten Jahres an das Licht getreten sind. Dieser große
Mann, der größeste unter den Naturforschern dieser Zeit, an dessen
Meynungen das Vorurtheil und der Seckteneifer weniger als an irgend
eines andern Menschen Lehrsätzen einen
Antheil hat, dieser so berühmte Philosoph, hat die Schätzung des Herrn von Leibnitz
erstlich seiner mathematischen Untersuchung, hernach denen
Versuchen, die er so geschickt zu machen weiß,
unterworfen, und in beyden bewährt befunden. Dieser
letztere Weg den er genommen hat,
gehöret nicht zu gegenwärtigem Hauptstücke; allein
der erstere gehöret zu demselben. Die Absicht dieser
Abhandlung erfordert es von mir, die Schwierigkeiten, die der
berühmte Verfasser daselbst der Schätzung des Cartesius machet
zu erwegen, und sie, wo möglich, von dem Gegenstande,
dessen Vertheidigung unser Geschäfte ist, abzuwenden. Werden mir aber nicht die enge Gränzen dieser
Blätter, oder damit ich mich offenherzig ausdrücke, die erstaunliche
Ungleichheit, die sich hier hervorthut, unüberwindliche
Hindernisse setzen?
Laßt uns sehen was vor Gründe es gewesen sind, die
ihm in der mathematischen Erwegung Leibnitzens Gesetze zu beweisen
geschienen haben.
Fig. XVI.
Wenn eine gewisse äusserliche Ursache, die sich mit dem
gedruckten Körper zugleich mit
beweget, z. E. eine Feder BC, die an dem Wiederhalte
AS befestiget, einen Körper
F fortstößet, gegeben
ist: so wird sie demselben, wenn er in Ruhe ist, 1 Grad
Geschwindigkeit ertheilen. So bald aber dieser Körper
diesen Grad schon besitzet, so werden zweymal mehr Federn erfordert,
ihm den zweyten Grad der Geschwindigkeit zu geben. Denn wenn sich
die einfache Feder noch einmal allein ausstreckete, so würde der
Körper, der sich schon mit eben dem
Grade Geschwindigkeit würklich beweget, womit die Feder sich
ausdehnet, dieselbe fliehen, und
ihre Drucke nicht in sich aufnehmen.
Allein es muß die zweyte Feder
Fig. XVII.
DB hinzukommen, die da machet,
daß der Punct B,
an welchem sich die Feder BC
steifet, dem Körper mit der Geschwindigkeit, damit er entfliehen
würde, nachfolge, und daß auf diese Weise der Körper F wie anfänglich in Ansehung der Feder
BC ruhe, damit er, wenn diese sich
ausstrecket, den Grad Geschwindigkeit wie 1 erhalte.
Eben
Fig. XVIII.
so werden drey Federn ED, DB,
BC, erfordert, um dem Körper
F, der schon an sich 2
Grade Geschwindigkeit besitzet, nur
den dritten zu ertheilen. Einem Körper, der schon 100
Grade hat, einen einzigen neuen zu ertheilen, werden 101 Federn
erfordert, und so weiter. Also ist die Anzahl der Federn, die nöthig
sind einem Körper einen gewissen Grad Geschwindigkeit zu geben, wie
die Anzahl der Grade, in welche die ganze Geschwindigkeit des
Körpers zertheilet ist; d. i. die ganze Kraft der Federn, die
einem Körper einen Grad Geschwindigkeit mittheilen, ist wie die
ganze Geschwindigkeit, die der Körper alsdenn haben würde, wenn er
diesen Grad besässe. Nun sind in dem Triangel
Fig. XIX.
ABC, dessen Cathetus AB in gleiche
Theile getheilet worden, die Linien DE, FG, HJ, &c.
wie die Linien AD, AF, AH, folglich kan man sich der Linie
DE bedienen, um diejenige
Feder anzuzeigen, die dem Körper den ersten Grad
Geschwindigkeit AD
ertheilet, die zweymal größere
Linie FG, um die zweyfache
Feder anzuzeigen, die den zweyten Grad
Geschwindigkeit DF
hervorbringt; die Linie HJ, um die dreymal größere Feder anzudeuten, die den
dritten Grad Geschwindigkeit FH erwecket, u. s. w.
Wenn man sich diese Linien DE, FG,
&c.
unendlich nahe gedenket, so werden
sie nach der Methode des unendlich kleinen, die
Cavalerius in die Meßkunst eingeführet
hat, den ganzen Inhalt des Triangels
ABC ausmachen. Also ist
die Summe aller Federn, die in einem Körper die
Geschwindigkeit AB erzeugen, wie die Fläche ABC,
d. i. wie das Quadrat der
Geschwindigkeit AB. Diese Federn aber stellen die Kräfte
vor, welche zusammen in dem Körper gedachte Geschwindigkeit
hervorgebracht haben, und wie sich die Anzahl Kräfte
die in einen Körper wirken, verhält, so verhält sich auch die in
demselben hervorgebrachte Kraft; also ist die Kraft eines Körpers wie das
Quadrat der Geschwindigkeit die er besitzet.
§ 108.
Untersuchung dieses
Argumentes.Ich glaube ein Anhänger des Cartesius würde
folgendes
gegen diesen Beweis einwenden:
Wenn man die, in einen Körper übertragene
Kraft, nach der Summe gewisser Federn schätzen will: so muß man
nur diejenige Federn nehmen, die ihre
Gewalt in den Körper würklich hinein bringen; allein
diejenige, die in ihn gar nicht gewürket haben,
kan man auch nicht gebrauchen, um eine ihnen gleiche Kraft in
dem Körper zu setzen. Dieser Satz ist einer von den
allerdeutlichsten der Mechanik, und den nie ein Leibnitzianer in Zweifel gezogen hat. Der Herr
von Musschenbroeck selber bekennet sich
zu demselben am Ende seines Beweises; denn
dieses sind seine Worte: Wie sich
die Anzahl Kräfte,
die in einen
Körper würken, verhält, so verhält sich auch die in
demselben hervorgebrachte
Kraft.
Wenn aber ein Körper F, der
sich schon mit 1 Grade Geschwindigkeit beweget, durch die
Ausstreckung der zweyen Federn DB, BC den 2ten Grad erhält; so würket von
diesen zweyen Federn nur BC in ihn, DB aber bringet nichts von ihrer
Spannungskraft in ihn hinein. Denn
die Feder DB strecket sich mit
1 Grade Geschwindigkeit aus; der Körper F aber beweget sich auch schon
würklich mit 1 Grade; also fliehet
F den Druck dieser Feder,
und dieselbe wird ihn in ihrer Ausbreitung nicht erreichen können, um
die Kraft ihrer Ausspannung in ihn zu übertragen. Sie thut weiter
nichts, als daß sie den Widerhalt B, an welchem sich die Feder BC steifet, dem Körper F, mit eben der Geschwindigkeit, womit er
sich beweget, nachträget, damit
derselbe, in Ansehung dieses Körpers, ruhe, und die
Feder BC ihre ganze Kraft, die wie 1 ist, in ihn
hinein bringe. Sie ist also keine würkende, sondern nur eine
Gelegenheitsursache, der Kraft, die auf diese Weise in F zu der ersteren hinzu kommt; die
einzige Feder BC aber ist die würkende Ursache
derselben. Ferner, wenn dieser Körper schon 2 Grade
Geschwindigkeit besitzet, so ertheilet ihm unter den dreyen
gleichen Federn ED, DB, BC, nur
die einzige BC
ihre Kraft und auch den dritten Grad der Geschwindigkeit,
u. s. w.
ins unendliche. Also wenn DE
Fig. XIX.
die erste Feder ist, deren Kraft in den Körper F hinein gekommen, und den ersten Grad
Geschwindigkeit AD in ihm erwecket hat, so hat die Feder
f G, die ihr gleich
ist, ihm den zweyten Grad Geschwindigkeit gegeben, und ihre Kraft in
ihm
übertragen; die Feder
h I den dritten Grad, u. s. w. folglich machet
die Summe der Federn DE + fG + hI + kM + lN + rO + bC = BC die ganze Größe der
Kraft aus, die an den Körper F
von seiner Ruhe an angewandt worden, und die in ihm die
Geschwindigkeit AB
erwecket hat. Es verhält sich aber BC wie AB, und BC ist die Kraft, AB aber die Geschwindigkeit; also ist die
Kraft wie die Geschwindigkeit, und nicht wie das Qvadrat
derselben.
§ 109.
Neuer Fall
zu Bestätigung des
Cartesianischen
Kräftenmaaßes.Nunmehro sind wir über alle die Schwierigkeiten
hinweg, die uns
in der Behauptung des Cartesianischen Gesetzes entgegen stehen könnten. Wir wollen es aber
hiemit noch
nicht gnug seyn lassen. Eine Meynung, die einmal im Besitze des Ansehens, und so gar des
Vorurtheiles ist, muß man ohne Ende verfolgen, und
aus allen Schlupfwinkeln heraus jagen. Eine solche ist wie das
vielköpfigte Ungeheuer, das nach jedwedem Streiche neue Köpfe
aushecket.
Vulneribus foecunda suis erat
ille: nec ullum
De centum numero caput est impune
recisum,
Quin gemino cervix haerede valentior esset.
Ovid. Metam.
Ich würde es mir vor sehr rühmlich halten: wenn man an
diesem Werke tadelte, daß es die Leibnitzische Kräftenschätzung überflüßig
und mit mehr Gründen als es nöthig gewesen wäre,
widerlegt hätte; allein ich würde mich schämen, wenn ich
es daran hätte ermangeln lassen.
Nehmet eine
inclinirte Schnellwaage
Fig. XX.
ACB, deren ein Arm
CB gegen den andern AC vierfach, der Körper B aber, der das Ende
des vierfachen Armes drücket, gegen den andern
A viertheilig ist.
Diese werden in der Lage, darinn wir sie gesetzet haben, ruhen und
gegen einander vollkommen im Gleichgewichte stehen. Hänget zu
dem Körper A noch
ein kleines Gewichte e hinzu;
so wird der Körper B durch
den Bogen B b gehoben, und A dagegen durch den Bogen A a
herabsinken, der Körper B aber wird in dieser Bewegung viermal mehr
Geschwindigkeit als A erhalten. Nehmet das Gewichte
e hinweg, und
hänget dagegen ein viermal kleineres d zu dem Körper b an das Ende
des Waagarmes Cb hinzu; so wird b durch den Bogen b B
niedergedrückt, a aber durch den Bogen a A hinauf gehoben werden;
b aber,
welches einerley mit B ist, wird hiedurch eben so viel Geschwindigkeit als
in dem erstern Falle erhalten, imgleichen a, welches einerley mit A ist, wird seine
Geschwindigkeit, die in ihn im erstern Falle hinein
gebracht wurde nun ebenfalls bekommen; nur mit diesem
Unterschiede: daß die Richtung der Bewegungen umgekehrt wird.
Da nun die Würkung, welche das angehängte Gewichte
e ausübet, in der Kraft,
die der Körper A
und B zusammen haben, bestehet,
und die Wirkung, die das viermal kleinere d ausrichtet, ebenfalls in derjenigen
Kraft, welche b = B und a = A hiedurch zusammen erhalten,
zu setzen ist; so ist klar: daß diese Gewichter
e und d gleich große Wirkungen
ausgeübt, folglich gleich viel Kraft müssen angewandt und also auch
gehabt haben. Es sind aber die Geschwindigkeiten, womit diese
Gewichter e und d würken, (nemlich so wohl ihre Anfangsgeschwindigkeiten,
als die endliche Geschwindigkeiten, die sie durch die Häufung
aller dieser Druckungen erhalten,) umgekehrt wie ihre Massen: also
haben zwey Körper, deren Geschwindigkeiten in umgekehrter Verhältniß
ihrer Massen sind, gleiche Kräfte; welches die Schätzung nach
dem Quadrate umwirft.
§ 110.
Leibnitzens Zweifelsknoten.Die Cartesianer haben den Vertheidigern des
neuen Kräftenmaaßes niemals mit mehr
Zuversicht Trotz biethen können, als
nachdem Herr Jurin den Fall gefunden hat, dadurch man auf eine
einfache Art und mit sonnenklarer Deutlichkeit einsiehet: daß die
Verdoppelung der Geschwindigkeit jederzeit nur
die Verdoppelung der Kraft setze. Herr von
Leibnitz leugnete dieses
insbesondere in dem Versuche
einer Dynamischen Abhandlung, die er
den Actis
Acta 1695. pag.
155.
einverleibet. Man höre ihn nur folgendergestalt reden: Cum
igitur comparare vellem corpora diversa, aut diversis
celeritatibus
praedita, equidem facile vidi: si corpus A sit simplum, &
B duplum, utriusque autem
celeritas aequalis, illius quoque vim esse simplam,
hujus duplam, cum praecise quicquid in illo ponitur semel,
in hoc ponaturbis. Nam in B est bis corpus ipsi A aequale, &
aequivelox necquicquam ultra.
Sed
si corpora A & C sint aequalia,
celeritas autem in A sit
simpla, & in C dupla, videbam non
praecise quod in A est
duplari in
C. Diesen Knoten hat Herr
Jurin durch den leichtesten Fall von der Welt
aufgelöset.
Auflösung
des Herrn Jurins.Er nahm
eine bewegliche Fläche, z. E.
Fig. XXI.
einen Kahn AB an, der sich nach der Richtung
BC, mit der
Geschwindigkeit, wie 1 beweget und
die Kugel E mit gleicher
Bewegung mit sich wegführet. Diese Kugel hat also durch die Bewegung der
Fläche die Geschwindigkeit 1, und auch die Kraft 1. Er nimmt
ferner auf dieser Fläche eine Feder R an, die an dem Widerhalte D
losschnellet, und der gedachten Kugel Evor sich noch einen Grad
Geschwindigkeit, und also auch einen Grad Kraft
ertheilet. Also hat dieselbe zusammen zwey Grade
Geschwindigkeit, und mit denselben zwey Grade Kraft empfangen. Es ziehet folglich die Verdoppelung der Geschwindigkeit
nichts mehr als die Verdoppelung der Kraft nach sich, und nicht
wie die Leibnitzianer
sich fälschlich überreden, die Vervierfachung derselben.
Dieser
Beweis ist unendlich deutlich, und leidet gar keine
Ausflucht, denn die Bewegung der
Fläche kan nichts mehr thun, als daß sie dem Körper eine
Geschwindigkeit, die ihr gleich ist, das ist, eine einfache
Geschwindigkeit, und folglich auch eine einfache
Kraft ertheile. Die Feder R aber, weil sie eine gemeinschaftliche
Bewegung mit der Fläche und Kugel
zugleich hat, würket mit nichts als ihrer
Spannungs-Kraft. Diese nun ist gerade so
groß, daß sie einem Körper wie der unsrige ist nicht mehr
wie einen Grad Geschwindigkeit, und
also auch nur einen Grad Kraft ertheilen könne. Also
wird man in allem, was in die Construction dieses Problems
hineinkommt, nichts mehr als die Ursachen zu 2 Graden
Kraft antreffen, man mag sich wenden, wohin man wolle, und
dennoch werden in dem Körper würklich 2 Grade Geschwindigkeit
vorhanden seyn.
§ 111.
Der
Frau von
Chastelet Einwurf
gegen Jurins Argument.Die Marquisin von
Chastelet hat dieses
Argument des Herrn Jurins bestritten, aber auf eine Art,
deren Schwäche zu bemerken sie
scharfsinnig genug gewesen wäre, wenn die
Neigung gegen eine Meynung, auf welche einmal die Wahl gefallen, nicht einer schlimmen
Sache den schönsten Anstrich geben könte.
Sie hat folgendes eingewandt. Der Kahn
AB ist keine
unbewegliche Fläche; folglich
wenn sich die Feder R gegen
den Wiederhalt D steifet, so wird sie in den Kahn gewisse Kräfte
hineinbringen, und man wird also in der Masse des
Kahnes, die 2 Grade Kraft wiederfinden, die man in dem Körper E nach Leibnitzischer Schätzung vermisset.
§ 112.
In dieser Ausflucht
findet sich der Fehler desjenigen Trugschlusses, den man fallaciam ignorationis
elenchi nennet. Sie greifft das
Argument ihres Gegners nicht
eigentlich da an, wo er den Nerven seines Beweises hinein geleget
hat; sondern bekümmert sich um einen zufälligen Nebenumstand, der ihrer
Meynung günstig zu seyn scheinet, der
aber dem Jurinischen Beweise nicht
nothwendig anklebet. Wir können diesen Stein des Anstoßes
leicht aus dem Wege räumen. Es hindert uns nichts uns den Kahn
AB als durch eine solche
Kraft getrieben, vorzustellen,
die ihm nicht verstattet, vermöge der Anstrengung der
Feder gegen D,
in die Richtung AF im geringsten zurück zu weichen. Man darf ihn zu diesem Ende
nur von unendlich großer Masse gedenken. Der Kahn wird alsdenn
durch die endliche Kraft der Feder R nur unendlich wenig, d. i. gar nicht
weichen; also wird der Körper eben die Kraft von dieser
Feder erhalten, als wenn dieselbe gegen einen gänzlich unbeweglichen
Widerhalt gespannet, losschnellete, d. i. er
wird ihre ganze Kraft erhalten.
§ 113.
Herrn Richters Einwurf
gegen Jurins Argument.
Herr Richter, der in dem Verzeichnisse
dererjenigen, welche zu der
Emporhaltung des neuen Kräftenmaaßes ihren Beytrag gethan haben, keine geringe Stelle
verdienet, hat einen etwas scheinbareren
Einwurf gegen Jurins Argument
vorgebracht.
Act. Erud. 1735 p.
511.
Er glaubt,
eben dieselbe Kraft könne in Relation gegen
verschiedene Dinge sehr ungleich seyn.
Die Feder R habe der Kugel
E
zwar in Ansehung derer Dinge, die sich mit dem Kahne zugleich
in einer Richtung und Geschwindigkeit bewegen eine Kraft wie 1
ertheilet, allein in Ansehung derer Gegenstände, die da
ausserhalb dem Kahne
würklich ruhen, habe die Feder der Kugel nicht eine einfache,
sondern dreyfache Kraft gegeben.
Ich möchte gerne wissen, wo doch die zwey Grade Kraft,
die nach Herrn Richters Meynung der
Körper E in Relation gegen die
ruhende Gegenstände erhält, herkommen sollten; denn sie können
doch nicht wegen einer leeren Abstraction oder eines müßigen
Gedankens in ihm entstanden seyn; sondern es müssen
durchaus thätige Ursachen und Kräfte seyn, wodurch sie hätten
hervorgebracht werden sollen. Wenn aber alles gegen die
äussere Dinge in absoluter Ruhe ist, und der Kahn fängt an sich mit
einem Grade Geschwindigkeit zu bewegen, so entstehet in dem Körper
E hiedurch ein Grad
absoluter Kraft. Von da an thut der Kahn schon keine Wirkung
mehr in den Körper; denn er ruhet in Ansehung seiner, allein die
Spannungs-Kraft der
Feder fängt an ihre Thätigkeit auszulassen. Diese hat nun
gerade nur so viel, als zu Hervorbringung eines Grades Kraft erfordert
wird; mehr wird man in ihr vergeblich suchen. Es ist also in den
Körper nicht mehr absolute Wirkung verübt worden, als nur so viel man
zu 2 Graden Kraft rechnet. Wenn nun in Relation gegen die
ruhenden Dinge, d. i. in absolutem Verstande, in dem
Körper 4 Grade Kraft entstanden seyn sollten, und es wäre
dennoch nicht mehr wie 2 Grade absolute Wirkung in demselben ausgeübet
worden, so müsten 2 Grade von ohngefehr und ohne Ursache
entstanden, oder aus dem Nichts hervorgekrochen seyn.
Man kan zu gänzlicher
Vermeidung alles Scrupels, wenn anders in einer so klaren
Sache einiger Scrupel statt hat, den Fall des
Herrn Jurinsso einrichten: daß, wenn alles in absoluter Ruhe ist,
der Körper E
zuerst von der Feder einen Grad Geschwindigkeit
überkomme, indessen daß der Kahn noch ruhet, so wird unstrittig
diese erlangte Kraft des Körpers E eine absolute Kraft seyn. Wenn nun der
Kahn sich alsdenn auch anfängt mit einem Grade zu bewegen: so
ist dieses wiederum eine absolute Bewegung, weil er vorher gegen
alle Dinge ruhete. Er theilet also allem demjenigen, was zu seiner
Masse gehöret, folglich auch dem Körper E,
wiederum einen Grad Kraft mit, der, weil die Ursache, die
ihn erzeugete, in absoluter Bewegung gewirket
hat, von derselben nicht mehr wie einfach seyn kan. Also
entspringen auch auf diese Weise in allem nicht mehr wie 2
Grade Kraft vor den Körper E.
Herr Richter suchet
sich noch mit einer andern Ausflucht, die er von dem Stoße
elastischer Körper hernimmt, heraus zu wickeln.
Allein seine Rechtfertigung ist auf der gemeinen Hypothese der
Leibnitzianer erbauet: daß man nach
dem Stoße elastischer Körper gerade die Kraft, die vor dem Stoße war,
antreffen müsse. Wir haben diese Voraussetzung widerleget; also ist es nicht nöthig sich mit
Herrn Richtern
hier insbesondre einzulassen.
§ 113.
Zusätze und Erläuterungen,
die einige Stücke dieses Capitels
betreffen.
I.Erläuterung zum
25ten §.
Weil das Theorem dieses §. die vornehmste
Grundveste
unserer gegenwärtigen Betrachtungen ist, so
wollen wir es unter einer etwas
deutlichern Gestalt vortragen.
Das Merkmahl einer wirklichen Bewegung ist eine endliche
Dauer derselben. Diese Dauer aber, oder, die von dem Anfange
der Bewegung verflossene Zeit, ist unbestimmt, kan also nach Belieben
angenommen werden. Wenn demnach die Linie A B
Tab. I. Fig. 2.
die während der Bewegung verfliessende endliche Zeit vorstellet:
So hat der Körper in B eine
würkliche Bewegung, ferner in C, als der Helfte, auch in D, als dem Punkte des Viertheiles,
Deutlicherer Vortrag
des 25. §.und so
fort an in allen noch kleineren Theilen dieser
Zeit, man mag sie ins unendliche so klein machen als man will;
denn dieses erlaubet der unbestimmte Begriff ihrer Größe. Also kan
ich diese Zeit unendlich klein gedenken, ohne daß hiedurch dem Begriffe
der Wirklichkeit der Bewegung etwas abgehet. Wenn aber die
Zeit dieser Dauer unendlich klein ist, so ist sie wie
nichts zu rechnen, und der Körper ist nur in dem
Anfangspunkte, d. i. in einer bloßen Bestrebung
zur Bewegung. Folglich, wenn es ohne fernere Einschränkung, so
wie Leibnitzens
Gesetze erheischet, wahr ist, daß des Körpers Kraft in
jeder wirklichen Bewegung das Quadrat zum Maaße hat: So ist sie
auch bey bloßer Bestrebung zur Bewegung also beschaffen; welches
sie selber doch verneinen müssen.
Woher
der undeterminirte Begriff
der endlichen
Zeit die
unendlich kleine mit
in sich schließet.Es scheinet beym ersten Anblicke, als wenn
Leibnitzens Gesetze, durch die ihm anhängende Einschränkung der
endlichen
verflossenen Zeit genugsam gesichert sey, daß es
nicht auf die Bewegung, deren Dauer
unendlich klein ist, könne gezogen werden;
denn die endliche Zeit ist ja ein Begriff, der ein, von der unendlich kleinen Zeit, ganz
unterschiedliches Geschlechte, andeutet: also hat es das
Ansehen, daß, bey dieser Einschränkung, dasjenige durchaus nicht könne
auf die unendlich kleine Zeit gezogen
werden, was nur unter der Bedingung der endlichen
zugelassen wird. Es hat dieses auch seine
Richtigkeit: wenn man von der endlichen Zeit so
redet, daß man dabey voraussetzet, daß sie bestimmt, und
ihre Größe determinirt seyn müsse, wenn diese oder jene Eigenschaft
aus ihr, als einer Bedingung, herfließen soll. Wenn man aber eine
endliche Zeit erfordert, aber dabey zulässet,
daß man sie so groß oder klein nehmen könne, als man wolle:
so ist alsdenn auch die unendlich kleine
Zeit mit in ihr Geschlecht eingeschlossen. Denen Leibnitzianern kan dieses nicht unbekannt seyn. Denn
sie müssen wissen, daß ihr Anherr das Gesetze der Continuität
auf diesem Grunde erbauet habe: daß nemlich, wenn man annimmt,
A sey
größer als B,
doch so, daß es unbestimmt sey, wie viel oder wenig es
größer sey, so werde man ohne den Gesetzen die unter dieser
Bedingung wahr seyn, Eintrag zu thun, auch sagen können, A sey B gleich, oder, wenn man A gegen B anlaufen läßt, und annimmt, daß sich B auch
bewege, so werde man, wenn der Grad dieser seiner Bewegung
unbestimmt ist, auch annehmen können, daß B ruhe, ohne daß hiedurch
dasjenige könne aufgehoben werden, was unter jener Bedingung
festgesetzet ist, und so in andern Fällen
mehr.
Leibnitzens Schätzung
gilt auch
nicht unter der
Bedingung
der endlichen
Geschwindigkeit.Wollte man
endlich noch sagen: daß Leibnitzens
Schätzung zwar nicht unter der Bedingung der endlichen Zeit, aber
dennoch unter der Voraussetzung der endlichen Geschwindigkeit, wahr
sey, (obgleich dieses offenbar gegen ihre
Lehre seyn würde,) so merke man: daß
man die endliche Geschwindigkeit eben so
wohl als die endliche Zeit, durch die Linie AB
Tab. I. Fig. II.
vorstellen
könne, und alsdenn wird es sich gleichfalls ausweisen, daß, wenn ihr Gesetz überhaupt bey endlicher
Geschwindigkeit gilt, es auch bey unendlich kleiner
gelten müsse, welches sie doch selber nicht umhin können zu
leugnen.
II.
Zusätze zu den §. 31, bis
36.
Unsere Gegner rechnen
es unter die klärsten Begriffe, die man nur haben kan: daß ein
Körper gerade die Kraft aller der Federn habe, die er zudrückt,
bis ihm seine ganze Bewegung genommen worden, die Zeit, in
der diese Federn gedrucket werden, sey wie sie wolle. Herr Johann
Bernoulli sagt von denen, die mit der
Anzahl der überwältigten Federn
allein nicht zufrieden seyn, sondern noch immer nach der Zeit
der Zudrückung fragen, daß sie eben so
ungereimt wären, als einer der die Menge
Wasser in einem Becher messen will, und sich an dem
würklichen Maaße, was er vor sich hat, nemlich
der Capacität des Bechers, nicht begnüget, sondern
meynet, er müsse
noch die Zeit dazu wissen, in der dieser Becher angefüllet
worden.
Er setzet vor Zuversicht und Unwillen hinzu
Acta Erud. 1735. p.
210.
: Desine igitur quaerere
nodumin scirpo.
Die Frau Marquisin von
Chastelet hat einen eben
so scherzhaften Einfall in Bereitschaft; allein sie irren
beyde, und zwar, wo mir es erlaubt ist zu sagen, mit eben so
großem Nachtheile ihres Ruhmes, als die Zuversicht war, die sie in
diesem Irrthume haben blicken lassen.
Woher die
Zeit nothwendig
bey der
Hinderniß der Schwere
in Anschlag kommt.Wenn eine jede von den Federn A, B, C, D,
E, von solcher Art ist,
daß sie nur einem einzigen Drucke des Körpers M widerstehet, und
zugleich dadurch ihre ganze Thätigkeit
verlieret, folglich hernach in dem Körper M gar keine Wirkung mehr
thut, er mag ihr so lange ausgesetzet seyn, als er wolle: so gestehe ich selber, daß der Körper einerley Kraft ausgeübet habe, er mag diese Federn in einfacher,
oder vierfacher Zeit zugedrückt haben, denn nachdem er sie
einmal zugedrückt hat, so bringt er die übrige Zeit bey ihr
müßig zu. Wenn im Gegentheil die Kraft
des Körpers die Thätigkeit der Feder, deren Druck
er überwindet, nicht zugleich aufhebet: so gehen aus der
Feder in den entgegenwirkenden Körper alle Augenblicke neue Grade Kraft
über; denn die Wirksamkeit dieser Feder, die in dem ersten
Augenblicke die Ursache eines in dem Körper erloschenen
Grades Kraft war, ist es auch noch, und zwar eben so stark, in dem
zweyten Augenblicke, ferner in dem dritten, und so weiter in allen
folgenden ins Unendliche. Unter diesen Bedingungen ist es nicht einerley, ob der Körper,
der den Druck dieser Feder überwältiget, es in kürzerer,
oder längerer Zeit thue; denn in der
längern hat er mehr Drückungen ausgehalten, als in der kürzeren. Nun ist aber der Druck der Schwere
von dieser Art. Eine jede Feder derselben wirket
alle Augenblicke mit gleicher Thätigkeit, und der Körper, der ihren Druck in dem ersten
Augenblicke überwindet,
hat es deswegen noch nicht auf alle folgende Augenblicke
gethan. Er wird zu dem zweyten
eben so viel Kraft brauchen, u. s. f. Die Kraft also, die
ein Körper aufwendet, der Drückung eines
einzigen Theiles der schwermachenden Materie
Widerstand zu leisten, ist nicht bloß wie die
Intensität der Schwerdrückung, sondern wie das Rectangulum aus dieser in die
Zeit.
Noch ein
Beweis gegen
die lebendige Kräfte.Man kan zum überflüßigen Beweis des Satzes: daß nicht die Anzahl der Federn, sondern die Zeit,
das Maaß der verübten Wirkung sey, noch
dieses hinzusetzen. Ein schreg
geworfener Körper, dessen Bewegung parabolisch ist, müste so wohl eine gewisse Höhe weit
schneller durch den Fall zurücklegen, als auch eine viel
größere Geschwindigkeit und Kraft am Ende desselben
überkommen, als ihm der senkrechte Fall von gleicher Höhe ertheilen
könte. Denn indem er die krumme Linie beschreibt, so durchläuft er bis zum Ende des Falles einen
grössern Raum, als wenn er vertikal gefallen wäre. In jenem
größeren Raum aber muß er nothwendig mehr Federn der Schwere erdulden,
als er in der kurzen geraden Linie antreffen konte, denn die
schwerdrückende Materie ist nach allen Seiten gleich
verbreitet: also müßte er, Leibnitzens
Satze zufolge, in jenem mehr Kraft und Geschwindigkeit
erlangen, als in diesem, welches
ungereimt ist.
Gedanken über den Streit,
zwischen
der Frau Marquisin von
Chastelet,
und dem Herrn von
Mairan,
von den lebendigen Kräften.
Der Herr von
Mairan ist auf den Anschlag gekommen,
die Kraft eines Körpers nach den nicht
überwundenen Hindernissen, nicht
zugedrückten Federn, nicht verrückten Materien
zu schätzen, oder, wie sich die Frau von Chastelet
ausdrückt, nach
demjenigen, was er nicht thut. Diese Gegnerinn hat
so etwas wunderliches
in diesem Gedanken zu finden vermeynet, daß sie geglaubet
hat, sie dürfe, um ihn lächerlich zu machen, ihn nur
anführen. Ungeachtet dieser berühmte Mann nun seinem
Gedanken eine Einschränkung beygefügt hat, worauf eigentlich alles ankommt, nemlich:
daß diese Federn
dennoch würden zugedrückt worden seyn, wenn
man durch eine Hypothese
annähme, daß er seine Kraft
behalten, oder immer wieder angenommenhatte, so findet seine
Gegnerinn dennoch so etwas unerlaubtes und
unbefugtes in dieser Hypothese, daß sie ihm
deswegen einen noch viel härteren Vorwurf machet.
Ich werde kürzlich zeigen, wie gewiß und untrüglich der
Gedanke dieses vortrefflichen Mannes sey, und daß, ausser des Herrn
Jurins seinem, den wir schon
angeführet haben, nicht leicht etwas entscheidenderes
und gründlicheres in dieser Sache habe ersonnen werden
können.
Vertheidung der
Schätzungs-Art des
Hrn. von
Mairan gegen die
Frau von
Chastelet.Wenn man dasjenige nimmt, was die Kraft eines Körpers eingebüsset hat, indem gewisse Hindernisse
durch dieselbe überwunden worden, wenn
man, sage ich, diese Einbusse mißt: so
weiß man auf das gewisseste, wie groß die gesammte Gewalt des überwältigten Widerstandes
gewesen ist;
denn der Körper hätte diesen Widerstand oder Hinderniß nicht
überwinden können, ohne einen ihr gleichen Grad Kraft dabey
aufzuwenden, und wie groß denn diese in dem
Körper zernichtete und verzehrte Kraft ist, so stark ist auch
die Hinderniß gewesen, die ihm dieselbe genommen hat, und auch die
Wirkung, die auf dieselbe Weise verübet
worden.
Nehmet nun einen
Körper an
Vergleiche Fig. XXII.
, der mit fünf
Graden Geschwindigkeit
von dem Horizonte senkrecht in die Höhe steiget, und
drücket den Raum, oder die Höhe die er erreichet, wie gewöhnlich
durch den Inhalt des Triangels A B C aus, in
welchem die Linie A B die
verflossene Zeit, B C aber die
Geschwindigkeit, womit er sich zu der Höhe erhebet, ausdrücke. Die
gleiche Linien AD, DF, FH,
u. s. w. sollen
die Elemente der ganzen Zeit AB ausdrücken, folglich die kleinen
Triangel, daraus die Fläche des großen zusammen gesetzt ist, und die
alle so groß sind, wie A D E, die
Elemente des ganzen Raumes, oder die Anzahl aller Federn, die der Körper binnen der Zeit A B zudrückt.
Demnach drücket unser Körper in dem
ersten Zeittheilchen BK, darinn
er anfängt in die Höhe zu steigen, die 9 Federn
zu, die er in dem Raume KL BC antrifft. Er würde aber, wenn die
Zurückhaltung dieser Federn in ihm keine Kraft verzehret
hätte, oder wenn dieser Verlust
immer anders woher wäre ersetzet worden, annoch die Feder
LlC dazu
zugedrückt haben, die er itzo nicht
zudrucken kan, weil ihm gerade so viel Kraft, als er hiezu
haben muß, bey der Zudrückung der andern aufgegangen. Also ist die Feder LlC das Maaß derjenigen Kraft,
die der Widerstand der zugedrückten 9 Federn in unserm Körper
verzehret hat. Nachdem er nun dieses verrichtet hat, so fähret er
fort, mit dem Ueberreste seiner Kraft, der ihm nach dem angezeigten
Verluste übergeblieben, weiter in die
Höhe zu steigen, und drücket in dem zweyten Zeittheilchen
K H die 7 Federn, die in dem Raum
HI KL
angetroffen werden, zu. Hier ist nun aufs neue klar:
daß wenn unser Körper diese 7 Federn hätte zudrücken können,
und ihm doch seine Kraft ganz verblieben wäre, so würde er in eben
derselben Minute noch die Feder Ii L dazu zugedrücket
und überwältigt haben; allein, da er dieses
nicht gethan hat, so folget: daß er, durch die Zudrückung der 7
übrigen Federn, den Grad verlohren habe, dessen Ergänzung ihn
würde in den Stand gesetzet haben, Ii L noch dazu zu
überwältigen; folglich zeiget diese Feder die Größe des Verlustes an,
den der Widerstand der 7 Federn seiner Kraft zugezogen hat. Auf
eben diese Weise wird die Feder G gi die Einbusse
der Kraft, durch die Zurückhaltungen der Schwere in dem dritten
Zeittheilchen FH, zu erkennen
geben, und so weiter. So ist denn also der Verlust,
den der frey in die Höhe steigende Körper erleidet, indem er die Hinderniß der
Schwere überwindet, wie die Summe der nicht
zugedrückten Federn Llc, IiL, Ggi,
Eeg,
AaE, folglich auch die Quantität der Hinderniß selber,
die er bezwungen hat, und mithin seine Kraft, in dieser
Proportion. Und, da die nicht zugedruckten Federn die
Verhältniß der Zeiten oder Geschwindigkeiten haben, so ist die Kraft des Körpers auch wie
diese. W. Z. E.
Es erhellet ferner
hieraus, warum Herr von Mairan,
befugt sey, durch eine Hypothese anzunehmen, der Körper habe
Hindernisse überwunden, und
doch seine Kraft ganz behalten, welches anfänglich
dem ersten Grundgesetze der Bewegungen zu wiedersprechen
scheinet. Denn die Hindernisse nehmen ihm freylich einen ihnen gleichen
Theil der Kraft; allein es stehet dennoch frey, diesen Abgang immer
in Gedanken anderswoher zu ersetzen, und den Körper dennoch schadlos
zu halten, damit man sehe, wie viel er, bey auf diese Weise
unverminderter Kraft, mehr thun würde, als wenn dasjenige wäre
verlohren geblieben, was die Hinderniß verzehret hatte. Dieses
wird alsdenn das ganze Maaß derjenigen Kraft an die Hand geben, die
der Widerstand wirklich dem Körper benimmt, weil es zu erkennen
giebt, was vor einen Grad man hinzuthun müsse, damit der Körper nichts
verlohren habe.
Ich kan nicht umhin, hier noch eine Anmerkung über
diejenige Art zu machen, womit die
Frau Marquisin die
Lehrsätze ihres Gegners angreifet. Mich dünkt, sie habe keine
bessere Methode erwählen können, ihm den
allerempfindlichsten Streich beyzubringen, als, da sie
seinen Schlüssen den Zug von etwas seltsamen und ungereimten zu
geben beschäftigt ist. Eine ernsthafte Vorstellung locket den
Leser zu der gehörigen
Aufmerksamkeit und Untersuchung an, und lässet die Seele
zu allen Gründen offen, die von einer, oder der andern Seite
in sie eindringen können. Aber die wunderliche Figur, unter der sie die Meynungen ihres Gegners auftreten
läßt, bemächtigt sich so gleich der schwachen Seite des
Lesers, und vernichtet in ihm die Lust zu einer näheren Erwegung.
Diejenige Kraft der Seele, die die Beurtheilung und das Nachsinnen
regieret, ist von einer trägen und ruhigen
Natur; sie ist vergnügt den Punct ihres Ruhestandes anzutreffen,
und bleibt gerne bey demjenigen stille stehen, was sie von einem
mühsamen Nachdenken losspricht; darum läßt
sie sich leicht von solchen Vorstellungen gewinnen, die die eine
von zweyen Meynungen auf einmal unter die Wahrscheinlichkeit heruntersetzet, und die Mühe fernerer
Untersuchungen für unnöthig erkläret. Unsere
Philosophin hätte also ihr
ridendo dicere verum,
oder den Einfall, ihrem Gegner
im Lachen die Wahrheit zu sagen, mit mehrerer Billigkeit, und
vielleicht auch mit besserem Erfolg gebrauchen können, wenn
ihr Gegner ernsthafter Gründe unfähig gewesen wäre, und man ihn seine Auslachenswürdigkeit hätte
wollen empfinden lassen. Die Anmerkung, die ich hier mache, würde
gegen eine jede andere Person ihres Geschlechtes das Ansehen
eines ungesitteten Betragens, und einer gewissen Aufführung,
die man pedantisch nennet, an sich haben; allein der Vorzug des
Verstandes und der Wissenschaft, an derjenigen
Person, von der ich rede, der sie über alle übrige
ihres Geschlechtes, und auch über einen großen Theil des
andern, hinweg setzet, beraubet sie zugleich desjenigen, was das
eigentliche Vorrecht des schöneren Theiles der Menschen ist,
nemlich der Schmeicheley und der Lobsprüche, die
dieselbe zum Grunde haben.
Die Wahl des Herrn
von Mairans
wird noch dadurch vortrefflich: daß
die Federn, die in seiner Methode das Maaß der
aufgewandten Kraft seyn, nicht allein gleich seyn,
sondern auch in gleichen Zeiten würden seyn zugedrücket worden; folglich
so wohl die Leibnitzianer
vergnügt werden, die auf eine
Gleichheit des Raumes dringen, wenn sie gestehen sollen, daß
die Kraft gleich sey, als auch die Cartesianer,
die dieses in Ansehung der Zeit
erfordern.
III.
Zusätze zu den §. 45, 46,
47.
Mich deucht ich habe nichts Gewisseres und
Unwiedersprechlicheres sagen können, als daß eine Feder
einen Körper unmöglich fortstoßen kan, wenn sie sich
nicht mit eben der Gewalt gegen einen
Wiederhalt steifet, und eben so stark
anstämmet, als sie auf der andern Seite mit ihrer
Spannungskraft den Körper stößt; und folglich, weil in
dem Falle des Herrn Bernoulli, kein anderer
Wiederhalt ist, als der Körper B, sie eben dieselbe Gewalt der
Anstrengung gegen ihn anwenden müsse, als sie
gegen A anwenden kan; denn
die Feder würde den Körper A gar nicht fortstoßen, wenn
B nicht dieselbe
in der Spannung erhielte, indem er
ihrer Ausstreckung wiederstrebet; daher empfängt
derselbe, weil er kein
unbeweglicher Wiederhalt ist, alle Kraft
gleichfalls, die die Feder in A hineinbringt. Ohngeachtet die ganze Welt
auf gleiche Weise denket, so fand doch Herr Johann Bernoulli in
dem Gegensatze, ich weiß nicht was vor ein helles Licht,
worauf er eine unüberwindliche Zuversicht gründete. Er spricht:
Non capio, quid
pertinacissimus
adversarius, si vel scepticus esset, huic
evidentissimae demonstrationi opponere
queat,
und bald darauf:
Certe, in
nostra potestate non est, aliquem eo adigere, vt fateatur,
diescere, quando videmus solem horizontem
ascendere.
Lasset uns diesen Zufall
der menschlichen Vernunft, in der Person eines so großen
Mannes, nicht mit Gleichgültigkeit ansehen, sondern daraus lernen, auch
in unsere größeste Ueberzeugung ein weises Mißtrauen zu setzen, und
allemal zu vermuthen, daß wir auch alsdenn noch nicht ausser der
Gefahr seyn, uns selber zu hintergehen; damit der Verstand in seinem
Gleichgewichte wenigstens sich so lange erhalte, bis er
Zeit gewonnen hat, die Umstände, den
Beweis, und das Gegentheil, in genugsamer Prüfung
kennen zu lernen.
In eben dieser Abhandlung, von der wir reden, zeiget
der Herr Bernoulli: Wie man einem
Körper eben dieselbe Kraft, in kürzerer
Zeit, durch den Druck einer gleichen Anzahl Federn
ertheilen könne. Ich habe darauf, in so weit es unser
Geschäfte eigentlich angehet, schon genug geantwortet;
allein hier will ich noch eine Beobachtung
beyfügen, die zwar unser Vorhaben nicht
betrift, allein dennoch ihren
besonderen Nutzen haben kan. Er spricht
daselbst: die Kugel F werde
durch die 4 Federn a, b, c,
d, allemal gleiche Kraft erhalten, man mag sie
in einer Linie, wie
Fig. 23, oder
in zwey Theilen neben einander, wie
Fig.
24, oder in 4 solchen Zertheilungen, wie die 25te
Fig.
ausweiset, zusammensetzen.
Erinnerung bey der
Art wie Herr Bernoulli
in einen
Körper die ganze
Kraft von
viel Federn
zu bringen vermeynet.Hiebey merke man folgende Cautele. Der Gedanke desselben ist nur bey solchen Umständen wahr, da die
hintereinanderhangende Federn a, b, c,
d, nicht eine größere Geschwindigkeit
ertheilen, als diejenige ist, womit eine
dieser Federn abgesondert vor sich allein aufspringen würde; denn so bald dieses ist, so schlägt
es fehl, wenn man, nach dem Anschlage
des Herrn Bernoulli, durch neben
einander verknüpfte Federn dem
Körper eben dieselbe Geschwindigkeit geben
will, als sie ihm nacheinander in einer Reihe mittheilen können. Es sey nemlich die
Geschwindigkeit, die die
Reihe Federn in der 23ten Figur dem Körper, bis sie sich völlig
ausgestrecket haben, ertheilet, wie 10, die
Geschwindigkeit aber,
womit eine derselben z. E.
avor sich allein, nemlich
ohne daß sie einen Körper fortstößt, aufspringet, wie 8: so ist
klar, daß in der Methode der 25ten Figur, die 4 Federn dem Körper nur 8
Grade Geschwindigkeit werden ertheilen können. Denn so bald der
Körper diese Grade empfangen hat, so hat er eben so viel
Geschwindigkeit, als die Federn die ihn fortstoßen sollen,
selber haben, wenn sie frey aufspringen, also werden sie alsdenn
nichts mehr in ihn hineinbringen können. Indessen ist
doch unstrittig, daß, wenn dieser KörperF durch den Anlauf diese 4 Federn in der 25ten
Figur wieder zudrücken soll, er eben so wohl 10 ganze Grade Kraft
hiezu nöthig habe, als in der 23ten oder 24ten. Weil aber eben diese
25te Figur die Abbildung der elastischen Kraft eines jeden
Körpers seyn kan, so erhellet hieraus, daß es möglich sey, daß
ein völlig elastischer Körper gegen einen unbeweglichen Wiederhalt mit einer gewissen Geschwindigkeit
anlaufen könne, und daß diesem ohngeachtet die Geschwindigkeit,
womit er zurück prallet, viel kleiner seyn könne, als
womit er angestoßen hatte. Wenn man aber doch gerne haben will, daß
diese 4 Federn dem Körper, den sie stoßen, ihre ganze Kraft mittheilen
sollen, so muß man zu der Masse F noch
2⁄10
hinzuthun, denn alsdenn werden die 4 Federn an der Menge der Materie
dasjenige ersetzen, was sie mit der Geschwindigkeit nicht einbringen können.
IV.
Erläuterung des 105ten §.
Ausführliche Darlegung
der Fehler in
dem Wolfischen Beweise.Ich habe mich nicht deutlich genug erkläret, da
ich pag. 147. den ungemeinen Fehler in dem
Argumente des Herrn Baron Wolfens
habe anzeigen wollen. Es scheinet beym
ersten Anblicke, als wenn der Schluß darinn noch mathematisch genug heraus komme, nemlich
der Regel gemäß, aequales rationes sibi substitui invicem
possunt;
allein er hat in der That mit derselben gar keine Gemeinschaft.
Der vorhergehende Fall war dieser:
Tempora,
quibus duo mobilia, si
sunt
aequalia, eosdem effectus patrant, sunt reciproce vt
celeritates. Darauf folgt in der
zweyten Nummer des Beweises: Massae
corporum inaequalium, quae eosdem effectus patrant, sunt reciproce vt
celeritates. Hieraus folgert Herr
Wolf nun, (denn so lautet sein
Argument, wenn man es gehörig auflöset:) weil die Verhältniß der
Zeiten und der Massen in beyden Fällen der Verhältniß der
Geschwindigkeiten gleich seyn: so werden sie unter einander gleich
seyn. Dieses kan gebilliget werden, aber daß man nur die Bestimmungen
nicht aus der Acht lasse, unter welchen sie einander gleich sind,
nemlich: daß die Massen ungleicher Körper, die einerley Wirkung
thun, sich eben so verhalten, als die Zeiten, worinn
NB.
gleiche Körper eben dieselbe
Wirkung verüben, denn, das ist die Einschränkung, die, wie man
sehen kan, den Verhältnissen anhänget. Allein der Schluß des Herrn
Wolfen ist dieser: also verhalten sich die Massen dieser Körper, wie die
Zeiten, darinn eben diese
ungleiche Körper ihre gleiche Wirkung
verüben; welches eine augenscheinliche
Verfälschung der gegebenen Proportion ist.
Wenn unser Autor nur
auf den Gedanken gekommen wäre, die zwey Sätze, die er aus
einander herleiten will, mit einander zu vergleichen: so hätte er sonnenklar sehen müssen, daß sie
von einander, nicht allein nicht herfließen, sondern so gar sich gerade
wiedersprechen. Nemlich der erste Satz ist dieser:
Actiones, quibus
corpora aequalia eosdem effectus patrant, sunt ut
celeritates. Hieraus will er den
andern Satz, der das Resultat der zweyten Nummer im Beweise
ist, herfolgern, nemlich:
Actiones, quibus
corpora inaequalia eosdem
effectus patrant, sunt etiam vt ipsorum celeritates;
celeritates autem
eorum sunt reciproce vt
massae.
Wenn wir nun, nach
Maaßgebung des ersten Satzes, zwey gleiche Körper nehmen
A und B, so, daß B zweymal mehr
Geschwindigkeit habe als A: so ist nach dieser Regel, die Action, womit B eben denselben Effect thut als
A, zweymal größer als die
Action des
Körpers A; weil
jener nemlich, wegen seiner größeren Geschwindigkeit,
diesen Effect
in zweymal kleinerer Zeit verrichtet. Allein nach der
zweyten Regel würde ich B zweymal kleiner machen können, und die
besagte Action
würde doch eben so groß seyn wie vorher, wenn gleich die
Geschwindigkeit so wie
vorher verbliebe. Nun ist es aber
augenscheinlich: daß, wenn B zweymal kleiner wird, als es vorher
gewesen, und seine Geschwindigkeit dieselbe verbleibt, es
unmöglich den gegebenen Effectin
eben der Zeit thun kan, als da seine Masse zweymal größer
war, sondern es wird mehr Zeit dazu brauchen; mithin, weil die
Action desto kleiner wird, je größer die Zeit
ist, die zu eben demselben Effect angewandt worden, so wird die
Action nothwendig alsdenn
kleiner seyn müssen, als wenn die Masse von B bey eben derselben
Geschwindigkeit zweymal größer ist, welches also dem
Resultat der zweyten
Nummer widerspricht.
Alle diese Widersprüche
aber sind in dem vorhabenden Wolfischen Beweise anzutreffen, wenn man ihm gleich
den Satz schenket, den er zum Grunde leget:
nemlich, daß die Actiones
ungleich seyn können, deren Effectus doch gleich seyn. Dieser Satz, den nie ein
Sterblicher sich hat einfallen lassen zu behaupten,
ist ein Widerspruch in der besten Form, so genau als man
sie nur immer ersinnen kan. Denn das Wort der
Action ist ein relatives
Wort, welches die Wirkung oder Effect in einem Dinge andeutet, in so weit ein anderes
Ding den Grund davon in sich enthält. Es ist also der
Effect und die
Action eben dasselbe, und die Bedeutung
unterscheidet sich nur darinn, daß ich es bald zu demjenigen
Dinge referire, welches der Grund davon ist, bald ausser demselben
betrachte. Es würde also eben so viel gesagt seyn, als: eine
Action könne sich selber
ungleich seyn. Zudem hat es nur deswegen den Namen der
Action, weil von ihr ein
Effect
abhänget, und wenn in dieser Action ein Theil seyn könte, von dem nicht
ein ihm gleicher Effect abhinge, so würde derselbe Theil den Nahmen
der Action
auch nicht haben können. Wenn auch schon die Zeiten
ungleich seyn, darinn eben dieselbe Effectus hervorgebracht worden, so bleiben
die daran gewandte Actiones dennoch gleich, und es folget nur daraus:
daß bey gleichen Zeiten, die Effecte, und auch die ihnen
correspondirende Actiones, ungleich seyn werden.
Kurz hievon zu reden:
Es leuchtet so gleich in die Augen, daß ganz besondere Ursachen
müssen gewesen seyn, welche so ausnehmende Fehler in dieser
Abhandlung veranlasset haben, die mit der
bekannten und hochgepriesenen Scharfsinnigkeit des Verfassers, die
aus allem demjenigen
hervorleuchtet, was sein Eigenthum ist, gar nicht
zusammen stimmen. Es ist nicht schwer zu ermessen: daß das
rühmliche Verlangen, die Ehre des Herrn
von Leibnitz,
welche man damals vor die Ehre von ganz Deutschland hielte, zu
retten, diese Bemühung hervorgebracht,
und die Beweise in einer viel vortheilhafteren Gestalt
dargestellethabe, als sie ausser diesem Lichte
ihrem Urheber würden erschienen seyn. Die Sache selber war von so
verzweifelter Art, daß sie nicht konte ohne Irrthümer
vertheidigt werden; aber ihr Unterfangen war doch so anlockend, daß
sie der Kaltsinnigkeit der Untersuchung nicht Platz liesse.
Eben dieses will ich von den
Vergehungen der hochberühmten
Männer, des Herrn Herrmanns, Bernoulli
etc. gesagt
haben, die ich entweder schon gezeigt habe, oder
noch zeigen werde, und dergleichen man
ausser diesem Vorwurfe bey ihnen fast gar nicht
antrift. Die Ehre des Mannes also, von dem wir reden, bleibt
gesichert. Ich habe Freyheit mit seiner Schutzschrift so umzugehen, als
mit einer Sache, die sein Eigenthum nicht ist. Er kan mir unterdessen
dasjenige zuruffen, was ein
älterer Philosoph, obzwar bey einer Gelegenheit, die ihn etwas näher anging, ausrief:
Du triffst nur das
Gehäuse des Anaxarchus.
Drittes Hauptstück,
Welches eine neue Schätzung der lebendigen Kräfte,
als das wahre Kräftenmaaß der Natur
darleget.
§ 114.
Woher
dasjenige
Gesetze welches in
der Mathematik falsch
befunden worden, in
der Natur
statt haben könne.Wir haben demnach
ausführlich dargethan, daß die Schätzung der Kräfte nach dem Quadrat
in der Mathematik falsch befunden werde, und daß diese kein
anderes Kräften-Maaß erlaube, als
nur das alte, oder Cartesianische.
Indessen haben wir
doch an unterschiedlichen Stellen des
vorigen Hauptstückes dem Leser Hoffnung
gemacht, die Quadrat-Schätzung dem
ohngeachtet doch in die Natur einzuführen, und jetzo ist
es Zeit unser Versprechen zu
erfüllen. Dieses Unterfangen wird die meisten von meinen Lesern stutzig
machen; denn es scheinet,
als wenn daraus folge, daß die Mathematik nicht unbetrüglich sey, und daß es angehe von
ihrem Ausspruche noch zu appelliren. Allein die Sache
befindet sich wirklich nicht so. Wenn die Mathematik ihr
Gesetze über alle Körper insgemein ausspräche:
so würden auch die natürlichen darunter begriffen seyn, und
es würde vergeblich seyn, eine Ausnahme zu hoffen. Allein sie
setzet den Begriff von ihrem Körper selber fest,
vermittelst der Axiomatum, von
denen sie fordert, daß man sie bey ihrem Körper voraussetzen
müsse, welche aber so beschaffen seyn, daß sie an demselben gewisse
Eigenschaften nicht erlauben und ausschliessen, die an
dem Körper der Natur doch nothwendig anzutreffen seyn: Folglich ist der Körper der
Mathematik ein Ding, welches von dem Körper der Natur ganz
unterschieden ist, und es kan daher etwas bey jenem wahr
seyn, was doch auf diesen nicht zu ziehen ist.
§
115.
Unterscheid zwischen
dem mathematischen und
natürlichen
Körper, und derer,
beyderseits
betreffenden
Gesetze.Wir wollen jetzt sehen, was denn dieses vor eine
Eigenschaft
sey, die in dem Körper der Natur anzutreffen
ist, und die die Mathematik an dem
ihrigen nicht erlaubet, und welches hernach
verursachet, daß jener ein Ding von ganz anderem Geschlechte ist, als dieser. Die Mathematik erlaubet nicht, daß ihr Körper eine Kraft habe,
die nicht von demjenigen, der die
äusserliche Ursache seiner Bewegung ist, gänzlich
hervorgebracht worden. Also läßt sie keine
andere Kraft in dem Körper zu, als in so weit sie von
draussen in ihm verursacht
worden, und man wird sie daher in den Ursachen seiner
Bewegung allemal genau, und in
eben demselben Maaße, wieder antreffen. Dieses ist ein
Grundgesetze der Mechanik, dessen Voraussetzung
aber auch keine andere Schätzung, als die Cartesianische statt
finden lässet. Mit dem Körper der Natur aber
hat es, wie wir es bald erweisen werden,
eine ganz andere Beschaffenheit. Derselbe hat
ein Vermögen in sich, die Kraft, welche von draussen durch
die Ursache seiner Bewegung in ihm erwecket worden, von selber in
sich zu vergrößern, so, daß in ihr Grade
Kraft seyn können, die von der äusserlichen Ursache der Bewegung nicht entsprungen seyn,
und auch größer seyn wie dieselbe, die folglich mit
demselben Maaße nicht können gemessen werden, womit die
Cartesianische
Kraft gemessen wird, und
auch eine andere Schätzung haben. Wir wollen diese Eigenschaft
des natürlichen Körpers mit aller
Genauheit und Gründlichkeit, die eine so wichtige Sache
erfordert, abhandeln.
§ 116.
Die
Geschwindigkeit ist kein Begriff
von einer Kraft.Die Geschwindigkeit schliesset, wie wir § 3. gesehen haben, an und vor
sich keinen Begriff einer Kraft in sich. Denn sie ist eine Bestimmung der Bewegung, das
ist, desjenigen Zustandes des Körpers,
da er die Kraft, die er
hat, nicht anwendet, sondern mit derselben unthätig ist. Sie
ist aber eigentlich die Zahl von derjenigen Kraft, die der
Körper hat, wenn er ruhet, d. i. die er mit unendlich kleiner
Geschwindigkeit hat; das ist, sie ist die Zahl, darinn
diejenige Kraft, die dem Körper bey unendlich kleiner
Geschwindigkeit beywohnet, die Einheit ist.
Dieses erhellet am klärsten aus der Art der Zergliederung, nach
Anweisung des vortrefflichen Jurinischen Falles, § 110; wenn wir nemlich
auf die ähnliche Art, wie er die Geschwindigkeit aus zwey
gleichen Theilen bestehend, betrachtet, sie in ihren
unendlich kleinen Theilen erwegen.
§ 117.
Es würde
keine Kraft seyn, wenn keine
Bestrebung
wäre den Zustand
in sich zu erhalten.Um genau zu wissen, was den Begriff der Kraft eigentlich bestimme, müssen wir auf nachfolgende
Weise verfahren. Die Kraft wird mit Recht
durch die Hinderniß geschätzet, welche sie bricht, und in dem Körper
aufhebet.
Hieraus erhellet: daß ein Körper gar keine Kraft haben würde, wenn in ihm nicht eine Bestrebung
wäre, den Zustand, den die Hinderniß aufheben soll, in sich zu
erhalten; denn wenn dieses nicht wäre, so würde dasjenige, was die
Hinderniß zu brechen hätte, wie 0 seyn.
Was
die Intension sey.Die Bewegung ist das äusserliche Phänomenon
der Kraft, die Bestrebung aber, diese
Bewegung zu erhalten, ist die Basis der Activität, und die
Geschwindigkeit zeigt an, wie vielmal man dieselbe nehmen müsse, damit man die ganze Kraft
habe. Jene wollen wir hinfüro die Intension nennen; also ist die Kraft
dem Product aus der Geschwindigkeit in die Intension
gleich.
Erläuterung dieses
Begriffes.Damit man ein Beyspiel habe, daran man diese
Begriffe
desto deutlicher vermerken könne, so nehme man
die vierfache Feder a, b, c, d,
Fig. XXIII.
an. Wenn wir nun setzen, daß die Geschwindigkeit, womit eine jede
derselben allein sich anfängt auszurecken, wie 1 ist: so ist die
Anfangsgeschwindigkeit, womit die ganze Feder
a d, die aus 4 dergleichen zusammengesetzet
ist, wenn sie sich frey ausstreckte, wie 4, und es scheinet, als wenn
daraus folge, daß die Anfangsgeschwindigkeit, die die
vierfache Feder einem Körper eindrückt, viermal größer seyn werde, als diejenige,
die die einfache würket. Allein die Intension ist in der
vierfachen Feder 4 mal kleiner als in der einfachen; denn eben
dieselbe Kraft, die eine von diesen vier verbundenen Federn gegen einen
unbeweglichen Wiederhalt in gewisser Maaße zudrücken würde,
drücket die vierfache viermal mehr zu, weil der Wiederhalt der einzelnen
Feder, wenn sie auf diese Weise mit 3 anderen verbunden worden, ein
beweglicher Wiederhalt ist, und folglich der Steifigkeit, oder
welches hier einerley ist, der Intension, der
vierfachen Feder dasjenige abgehet, was ihre Geschwindigkeit
überträgt. Daher geschieht es denn: daß die
Anfangsgeschwindigkeit, die die vierfache Feder einem Körper
ertheilet, nicht größer ist, als diejenige, die er
von einer einfachen haben kan, obgleich jener ihre
Anfangsgeschwindigkeit, wenn sie sich frey ausdehnet, diese
viermal übertrift. Und dieses kan dienen, den Begriff der
Intension verständlich zu machen, und zu zeigen, woher sie bey Schätzung
der Kraft nothwendig in Anschlag kommen müsse.
§ 118.
Wenn
die Intension
wie ein Punct
ist, so ist die
Kraft wie eine
Linie, nemlich wie
die Geschwindigkeit.Wenn die Kraft eines Körpers von der Art ist,
daß sie den Zustand der Bewegung nur
auf einen Augenblick zu erhalten
bestrebt ist, die Geschwindigkeit mag seyn, wie sie wolle: so ist diese Bestrebung, oder Intension, bey
allen Geschwindigkeiten gleich; folglich
ist die ganze Kraft eines solchen Körpers
nur in Proportion seiner Geschwindigkeit; denn der eine von denen Factoren ist immer gleich,
folglich verhält sich das Product, welches
die Quantität der Kraft andeutet, wie der zweyte
Factor.
§ 119.
Bey einer solchen Bewegung
würde eine unaufhörliche Ersetzung der in dem Körper
alle Augenblicke verschwindenden Kraft von draussen nöthig seyn, und die Kraft würde
immerfort nur eine Wirkung eines beständigen äusserlichen
Antriebes seyn, wenn der Körper auf diese Weise eine
immerwährende Bewegung leisten
sollte. Allein hieraus erhellet auch klärlich: Wenn die
Intension
endlich, d. i.
wie eine Linie ist, so
ist die Kraft
wie das Quadrat.daß wenn im Gegentheil die Kraft des
Körpers von der Art wäre, daß sie eine
hinlängliche Bestrebung in
sich enthielte, die Bewegung mit der gegebenen Geschwindigkeit
einförmig und unaufhörlich von
selber ohne eine äusserliche Machthülfe zu erhalten, diese Kraft
von ganz anderer Art, und auch unendlich viel vollkommener seyn
müßte.
Denn da jener ihre
Intension bey allen Geschwindigkeiten gleich, nemlich unendlich klein
ist, und nur durch die Menge der Grade Geschwindigkeit vervielfältiget ist: so muß dieselbe im
Gegentheil in dieser allemal in Proportion der Geschwindigkeit
seyn, und auch mit dieser multipliciret werden, wovon das Resultat
das wahre Maaß der Kraft ist. Denn die endliche Geschwindigkeit,
deren Intension unendlich klein ist, giebt eine Kraft an die Hand, wovon
diejenige, die eben diese Intension bey
unendlich kleiner Geschwindigkeit ausmachet, die Einheit
ist. Wenn also ein Körper diese Geschwindigkeit und Kraft in
sich selber hinlänglich gründen soll, damit er die vollständige
Bestrebung habe, sie immerwährend in sich zu
erhalten; so wird seine Intension,
dieser Kraft oder Geschwindigkeit proportionirt seyn müssen. Und
hieraus entspringet alsdenn eine ganz neue Gewalt, die das
Product ist, aus der, der Geschwindigkeit proportionirten
Kraft, in die Intension, die nun auch wie die Geschwindigkeit ist;
welches Product also dem Quadrate der
Geschwindigkeit gleich ist. Es ist nemlich leicht zu
begreifen: daß, da die Kraft, die der Körper mit unendlich kleiner
Intension, und bey endlicher Geschwindigkeit hatte, wie eine Linie war,
die diese Geschwindigkeit vorstellet,
und die Intension wie ein Punct, nunmehro aber die Intension ebenfalls
wie eine Linie ist, die hieraus entspringende Kraft, wie eine Fläche
sey, die aus dem Flusse der ersteren Linie erzeuget worden, und zwar wie das Quadrat, weil benannte Linien
einander proportional
seyn.
Man merke, daß ich hier
durchgehends von dem Unterschiede der Massen abstrahire, oder
sie gleich gedenke. Zweytens, daß ich den Raum bey denen Bewegungen,
davon ich rede, als leer ansehe.
§ 120.
Der
Körper, der seine
Bewegung
frey und immer während zu erhalten,
die innerliche
Bestrebung in
sich hat, hat
eine Kraft, die
wie das
Quadrat der
Geschwindigkeit ist.Es hat demnach derjenige Körper, der seine
Bewegung in
sich selber hinlänglich gründet, so, daß aus
seiner inneren Bestrebung hinlänglich
verstanden werden kan, daß er die
Bewegung, die er hat, frey,
immerwährend und unvermindert ins unendliche selber in
sich erhalten werde, eine Kraft, die das Quadrat seiner
Geschwindigkeit zum
Maaße hat, oder, wie wir sie hinfüro nennen wollen, eine lebendige
Kraft. Im Gegentheil, wenn seine Kraft den Grund nicht in
sich hat, sich selber zu erhalten, sondern nur auf der
Gegenwart der äusserlichen Ursache beruhet, so ist sie wie
die bloße Geschwindigkeit, das ist, es ist eine todte
Kraft.
§
121.
Der
Körper erhebet
aus seinem
inneren Antriebe
den Eindruck
von draussen
unendlich
höher und in
ein ganz
anderes Geschlechte.Nun wollen wir aber die Kraft eines Körpers
erwegen, wie
sie beschaffen ist, wenn sie durch die Wirkung einer äusserlichen Ursache in ihm zuerst entstehet. Sie
ist alsdenn ohnfehlbar auf der Gegenwart dieser
äusserlichen Ursache gegründet,
und würde in demselben Augenblicke in dem Körper nicht verhanden seyn, wenn jene den
Antrieb nicht
erweckte. Also ist sie in demselben
Augenblicke, darinn sie auf der
Gegenwart der äusserlichen Ursache beruhet, von der Art, daß sie augenblicklich
verschwinden müßte, wenn jene
nicht gegenwärtig wäre; denn, ob der Körper
diese in ihm erweckte Kraft nach diesem Augenblicke hernach in
sich selber gründen könne, und was alsdenn hieraus fliessen würde,
davon reden wir voritzo nicht. In demselben Augenblicke ist die Intension
der Kraft also unendlich klein, und folglich die Kraft
selber, die sich nur auf den äusserlichen Antrieb
gründet, wie die bloße Geschwindigkeit, d. i. todt. Wenn hernach aber eben derselbe Körper diese ihm
ertheilte Geschwindigkeit also in seiner
inneren Kraft gründet, daß aus seiner Bestrebung eine
immerwährend freye Erhaltung der Bewegung
herfolget: so ist sie alsdenn keine todte Kraft
mehr, sondern eine lebendige,
die das Quadrat zum Maaße hat, und gegen jene wie eine
Fläche gegen eine Linie zu rechnen ist. Hieraus ist
klar: daß ein Körper auf diese Weise, wenn er seine ihm eingedrückte
Geschwindigkeit von selber frey fortsetzet, diejenige Kraft, die er von
der äusserlichen mechanischen Ursache empfangen hat, von
selber in sich unendlich vergrößere, und zu
einem ganz anderen Geschlechte erhebe, daß folglich die
Anmerkung die wir § 115. gegeben haben hier erwiesen
sey, und daß die lebendigenKräfte gänzlich aus der Gerichtsbarkeit der Mathematik
ausgeschlossen werden.
Der
Körper kan
keine lebendige
Kraft von
draussen erlangen.Ferner ersiehet man hieraus, daß die lebendige
Kraft nicht könne durch eine äusserliche
Ursache, sie sey auch so groß wie sie wolle,
in einem Körper hervor gebracht werden; denn, in so
fern eine Kraft von einer Ursache von draussen abhänget, so ist sie allemal nur wie
die schlechte Geschwindigkeit, wie wir erwiesen haben: sondern
sie muß aus der innern Quelle der Naturkraft des Körpers die zum
Quadratmaaße gehörige Bestimmungen
überkommen.
§ 122.
Es sind
unendlich
viel Zwischengrade zwischen
der todten u. lebendigen Kraft.Wir haben erwiesen: daß, wenn ein Körper die
Ursache seiner
Bewegung in sich selber hinlänglich
und vollständig
gegründet hat, so, daß aus der Beschaffenheit seiner Kraft verstanden werden
kan, daß sie sich in ihm unverändert
und frey auf immer erhalten werde, er eine lebendige Kraft habe, wen͂ er aber seine Kraft
in sich gar
nicht gründet, sondern damit von draussen
abhängt, nur eine todte Kraft habe,
die unendlich kleiner ist als jene. Dieses giebt so gleich die Folge an die Hand: daß,
wenn eben derselbe Körper seine Kraft zwar etwas, aber
noch nicht vollständig in sich gegründet hat, seine Kraft der lebendigen etwas näher
komme, und von der todten etwas unterscheide, und daß nothwendig
zwischen diesen beyden äussersten Gränzen, der
gänzlich todten und gänzlich lebendigen Kraft, noch
unendlich viel Zwischen-Grade seyn, die von jener
zu dieser überführen.
Die
lebendige Kraft
entspringet nur
in einer
endlichen Zeit nach
dem Anfange
der Bewegung.Ferner fließet hieraus kraft des Gesetzes der
Continuität,
daß eben derselbe Körper, der im Anfangsaugenblicke eine todte Kraft hat, und
hernach eine lebendige überkommt, die
gegen die erstere wie eine Fläche gegen die erzeugende Linie ist, diese Kraft erst in einer
endlichen Zeit erlange. Denn, wenn man setzen
wollte, er überkomme diese letztere Kraft nicht in einer endlichen
Zeit von dem Anfangs-Augenblicke, sondern unmittelbar in dem
unendlich kleinen Zeittheilchen nach demselben: so würde dieses so
viel sagen, daß
er in dem Anfangsaugenblicke selber diese lebendige Kraft
schon habe. Denn das Gesetz der Continuität, und selbst die
Mathematik, beweiset, daß es einerley sey, ob ich
sage der Körper befinde sich im Anfangs-Augenblicke seiner Bewegung, oder in dem unendlich
kleinen Zeittheilchen nach demselben. Nun ist aber die Kraft in
dem Anfangs-Puncte der
Bewegung selber todt: also kan man, ohne einen
Widerspruch zu begehen, nicht sagen,
daß sie hernach lebendig sey, als wenn man zugleich festsetzet,
daß diese lebendige Kraft in ihr allererst
nach einer endlichen Zeit, nach der Wirkung der äusserlichen
Ursache, in ihr angetroffen werde.
Erläuterung desselben.Die Naturkraft des Körpers setzet nemlich den
von draussen empfangenen Eindruck in
sich selber fort, und indem sie, durch eine fortgesetzte
Bestrebung, die Intension, die vorher wie ein Punct war, in sich
häufet, bis sie wie eine Linie wird, die der von draussen in sie
erregten Kraft, die sich wie die Geschwindigkeit verhielte, proportional ist, so häufet sie
hiedurch die von draussen erlangte Kraft selber, welche
vorher auch nur wie eine Linie war, daß sie jetzo wie eine Fläche ist,
in der die eine Seite die äusserlich ertheilte Geschwindigkeit und Kraft vorstellet, die
andere aber, die aus dem inneren des Körpers von selber
erwachsene Intension vorbildet, die
jener proportional ist.
§ 123.
Was die
Vivification
ist.Denjenigen Zustand, da die Kraft des Körpers
zwar noch nicht lebendig ist, aber doch
dazu fortschreitet, nenne ich die Lebendigwerdung, oder
Vivification
derselben.
Wie die
Intension
während der
Lebendigwerdung der Kraft
beschaffen sey.In der Zwischenzeit also, darinn die Kraft sich
zur lebendigen erhebet, welche zwischen
den beyden Puncten, dem
Anfangs-Puncte, und demjenigen, da die
Kraft schon völlig lebendig ist, begriffen
wird, hat der Körper noch nicht seine Kraft
und Geschwindigkeit in sich selber hinlänglich gegründet. Hie wird es
vielleicht meinem Leser einfallen zu fragen, wie denn der Körper
in dieser Zwischenzeit im Stande sey, seine ihm ertheilte
Geschwindigkeit frey und einförmig zu erhalten und
fortzusetzen, da er doch alsdenn seine Kraft und
Bewegung in sich selber noch nicht
hinlänglich gegründet hat, und
folglich sie
auch nicht selber erhalten kan. Hierauf antworte ich: die
Kraft ist in dieser Zwichenzeit zwar freylich nicht so
beschaffen, daß sich aus ihr eine immerwährend freye und
unverminderte Bewegung verstehen liesse, wenn sie nicht
durch die innere Bestrebung noch weiter erhoben würde. Allein ob die
Bestrebung der Kraft sich zu erhalten in dieser Art unvollständig ist,
davon ist hie nicht die Rede. Es frägt sich nur: ob die Intension
der Kraft, die noch nicht so weit erwachsen ist, daß sie die Bewegung
unvermindert und unaufhörlich erhalten könne, doch wenigstens sie
diejenige Zeit hindurch erhalten könne, die bis
zur vollendeten Vivification nöthig ist. Daß dieses aber nicht allein
möglich sey, sondern sich auch in der
That so verhalte, erhellet hieraus, weil in dieser ganzen
Zwischenzeit, jeden Augenblick ein neues Element der Intension in dem
Körper entspringet, welches die gegebene
Geschwindigkeit ein unendlich
kleines Zeittheilchen erhält, folglich alle die
Elemente dieser Intension, die die
ganze Zwischenzeit hindurch in
dem Körper entspringen, in allen Augenblicken derselben, das
ist in der ganzen Zeit, dieselbe Geschwindigkeit erhalten, wie
dieses aus der Zusammenhaltung mit dem 18ten § klar einleuchtet.
Wenn
die Vivification aufhören
sollte ehe sie
vollständig
geworden, was würde alsdenn
mit der
Bewegung geschehen?Wenn wir aber annehmen: daß in der Zwischenzeit der
Vivification, ehe diese
noch vollständig geworden, der Körper auf einmal
ablasse die Elemente der Intension ferner zu häufen, und die Kraft völlig lebendig zu
machen, was wird alsdenn wohl
geschehen? Es ist offenbar: daß alsdenn der Körper
nur diejenige Grade der Geschwindigkeit in sich gründen, und in
freyer Bewegung fortan beständig erhalten
werde, welchen diejenige Intension,
die er in dieser Zeit der
Vivification schon gewonnen
hat, proportional ist, die übrigen Grade Geschwindigkeit
aber, die eine größere Intension, als wirklich verhanden
ist, erfordern, um zu der völligen Vivification zu gelangen, plötzlich
verschwinden, und aufhören müssen. Denn die vorhandene Intension
ist nur im Stande einen Theil dieser Geschwindigkeit in sich zu gründen, und es entspringen auch nicht
weiter in jedem Augenblicke neue Elemente der Intension, die alle
Augenblicke die gegebene Geschwindigkeit erhalten,
also muß der übrige Theil von selber verschwinden.
Und wie
wäre es alsdenn mit der Kraft beschaffen?Wenn also ein frey bewegter Körper einen
Wiederstand
trift, an dem er seine Kraft anwendet, bevor er zur völligen
Vivification mit seiner
ganzen Geschwindigkeit gelanget ist: so ist diejenige Kraft, die
er ausübet, wie das Quadrat desjenigen Grades
Geschwindigkeit, dem seine erlangte Intension proportional und gemäß ist, und welche also in der
gegebenen Zeit hat lebendig werden können, oder auch dem Quadrate
dieser seiner erlangten Intension; mit den übrigen Graden ist der Körper
unthätig, oder wirket doch nur nach dem Maaße der schlechten Geschwindigkeit, welches aber gegen die andere Kraft wie
nichts zu achten ist.
§ 124.
Neue Schätzung
der Kr.
Es hat demnach ein Körper, der seine
Geschwindigkeit in freyer Bewegung ins
unendliche unvermindert erhält,
eine lebendige Kraft, d. i. eine solche,
die das Quadrat der Geschwindigkeit zum Maaße
hat.
Bedingungen derselben.Allein dieses sind auch die Bedingungen die
diesem Gesetze
anhängen.
1. Muß der
Körper den Grund in sich enthalten, in einem
nicht widerstehenden Raume seine Bewegung gleichförmig, frey
und immerwährend zu
erhalten.
2. Siehet
man aus dem vorher erwiesenen: daß er diese
Kraft nicht von der äusserlichen Ursache herhabe, die ihn in
Bewegung gesetzet, sondern, daß sie nach der
äusserlichen Anreizung aus der inneren Naturkraft des Körpers
selber entspringe.
3. Daß
diese Kraft in ihm in einer endlichen Zeit erzeuget werde.
§ 125.
Dieses Gesetze ist der
Hauptgrund der neuen Kräftenschätzung, von welcher ich sagen
würde: daß ich sie an die Stelle der Schätzungen des Cartes und
Leibnitzens
setze, und zum Fundament der wahren Dynamick mache, wenn die Geringschätzigkeit meiner Urtheile, in
Vergleichung mit so großen
Männern, mit denen ich zu thun habe, mir erlaubte mit solcher
Auctorität zu reden. Indessen bin ich nicht
ungeneigt, mich zu überreden: daß
dieses Gesetze vielleicht dasjenige Ziel bestimmen könne, dessen
Verfehlung den Zwiespalt und die
Uneinigkeit unter
den Philosophen aller Nationen erregt hat. Die
lebendigen Kräfte werden in die Natur aufgenommen, nachdem sie aus
der Mathematik verwiesen worden. Man wird keinen von beyden
großen Weltweisen, weder Leibnitzen noch Cartesen, durchaus des Irrthums
schuldig geben können. Auch so gar in der Natur wird Leibnitzens Gesetze nicht anders statt finden, als
nachdem es durch Cartesens Schätzung
gemäßigt worden. Es heißt
gewissermaaßen die Ehre der menschlichen
Vernunft vertheidigen, wenn man sie in den
verschiedenen Personen scharfsinniger Männer mit sich
selber vereiniget und die Wahrheit, welche dieser
ihre Gründlichkeit niemals gänzlich verfehlet, auch
alsdenn herausfindet, wenn sie sich gerade
widersprechen.
§ 126.
Weil es
freye Bewegungen giebt,
so giebt es auch
lebendige
Kräfte.Es kommt nur darauf an, daß es in der Welt
freye Bewegungen gebe: die sich
immerwährend und unvermindert erhalten würden, wenn kein äusserlicher
Widerstand wäre; so ist die Sache ausgemacht,
und es giebt gewiß in der Natur
lebendige Kräfte. Die freye und
immerwährende Bewegung der
Planeten, wie auch die unzählbare andere Erfahrungen, welche
es ausweisen, daß die freybewegte Körper nur nach Maaßgebung des
Widerstandes ihre Bewegung verlieren, und
ohne dieselbe sie immer erhalten würden, leisten diese
Gewährung, und behaupten das
Daseyn der lebendigen Kräfte in der Natur.
Die
Mathematik
erlaubt keine freye
Bewegungen.
Indessen ist hieraus auch klar: daß die Mathematik, nach der Schärfe
zu urtheilen, an ihrem Körper keine freye Bewegung erlaube. Denn sie erlaubet dasjenige
nicht, welches nothwendig ist die Bewegung
frey und immerwährend zu
machen, nemlich, daß der Körper aus seinem
innern eine Bestrebung und Kraft in sich erzeuge, die weder von
der äusserlichen Ursache entstanden
ist, noch von ihr herkommen kan. Denn sie erkennet keine andere
Kraft in einem Körper, als diejenige, die von demjenigen Körper
hervorgebracht worden, der die Ursache seiner
Bewegung ist.
§ 127.
Leichtere Methode
diese Betrachtungen zu
nutzen.Obgleich die bisherige Betrachtungen und
Beweise von der Art seyn, daß sie, so viel
als nur die Natur der Sache
zuläßt, den mathematischen Begriffen und ihrer Klarheit gleich kommen:
so will ich doch denen zu Gefallen, denen alles verdächtig
ist, was nur den Schein einer Methaphysik an sich hat, und die
durchaus eine Erfahrung fordern, sie zum Grunde der Folgerungen zu
legen, eine Methode anzeigen, nach welcher sie diese Betrachtungen mit
ihrer besseren Befriedigung gebrauchen können. Ich werde nemlich gegen das Ende dieses Hauptstückes
aus einer Erfahrung in
mathematischer Schärfe darthun: daß in der Natur
wirklich Kräfte, die das Quadrat
der Geschwindigkeit haben, zu finden seyn.
Hierauf
können diese Herren aus dem Resultat aller Beweise
des zweyten Hauptstückes sich überführen: daß eine
dergleichen Kraft nicht könne eine Wirkung der äusserlichen
mechanischen Ursache seyn, weil, wenn man die Kraft nur
als eine Wirkung derjenigen Ursache zuläßt, die die Bewegung zuwege
gebracht hat, keine andere Schätzung statt haben könte, als die
nach der bloßen Geschwindigkeit. Dieses
wird sie hernach auf die Art und Weise leiten, wie diese Kraft
aus der inneren Naturkraft des Körpers
entspringen könne, und sie allmählig in diejenige Betrachtungen
hineinführen, die ich über das Wesen der lebendigen Kräfte angestellet habe.
§ 128.
Herr
Bernoulli hat schon
diese Begriffe gehabt.Ich habe gesagt, daß die freye, und aus dem
innern des Körpers fortgesetzte, Dauer der
Kraft, das wahrhafte Merkmaal sey,
woraus man einzig und allein abnehmen könne, daß dieselbe lebendig sey, und das Quadrat
zum Maaße habe. Ich bin ungemein erfreut, diesen Gedanken auf
das genaueste in derjenigen Abhandlung
des Herrn Johann Bernoulli anzutreffen, welche wir oben
angeführet haben. Er hat seine Meynung als ein bloßer Geometrer,
zwar nicht in der rechten Sprache der
Metaphysik, aber dennoch vollkommen deutlich
ausgedrücket: Vis viva, spricht
er, est aliquid reale
& substantiale, quod per se subsistit, &
quantumin se est, non dependit ab alio; Vis mortua non est
aliquid absolutum, & per se durans &c. &c.
Diese Anführung gereichet meiner Betrachtung zu nicht
geringem Vortheil. Der Mathematikkundige siehet sonst die
Schlüsse, von denen er glaubt, daß sie aus spitzfündigen
metaphysischen Unterscheidungen herfliessen, mit einem gewissen Mißtrauen an, welches ihn nöthiget
seinen Beyfall aufzuschieben, und ich
müßte besorgen, daß er es auch in Ansehung der meinigen
thun möchte; allein hier liegt die Sache so
am Tage, daß sie sich dem strengsten Geometrer in seiner
mathematischen Erwegung von selber
darstellet.
Aber er hat
sie nicht in
den tüchtigen Gründen
aufgesucht.Ich erstaune, daß, da Herr Bernoulli in dem
Begriffe von
der lebendigen Kraft diese Erleuchtung hatte, es
ihm möglich gewesen ist, sich in der Art und
Weise so sehr zu verirren, dadurch er
diese Kraft beweisen wollte. Er hätte
leichtlich abnehmen können, daß er sie in denen Fällen nicht finden
würde, die in Ansehung dieses realis &
substantialis,
quod per se subsistit, & est absolutum
aliquid,
unbestimmt seyn, oder in denen diejenige Bestimmungen, welche
hierauf führen sollen, nicht anzutreffen sind; denn dasselbe ist ja, wie
er es selber einsahe, das Geschlechts-Merkmahl der lebendigen Kraft, und
dasjenige, was in Ansehung dieses Characters unbestimmt ist, kan
auch nicht auf die lebendige Kraft führen. Indessen meynte er sie in
dem Falle der, zwischen zwey ungleiche Körper sich ausstreckenden
Feder, anzutreffen, darinn nicht allein
nichts zu finden ist, was vielmehr auf die, durch obiges
Unterscheidungszeichen bemerkte, lebendige Kraft, als
auf die so genannte todte führen sollte, sondern so gar alle
Kraft, die in der Einrichtung seines Beweises vorkommt, etwas ist,
quod non
est aliquid absolutum, sed
dependet ab alio.
Wir werden
hiedurch nochmals überführet, wie gefährlich es
sey, sich dem bloßen Ausgange des Beyfalles in einem
zusammengesetzten und scheinbaren Beweise zu überlassen,
ohne den Leitfaden der Methode, die wir § 88, 89,
90. angepriesen, und mit
großem Nutzen gebraucht haben, d. i. wie
unumgänglich nothwendig es sey, die, der Sache,
welche das Subject des Beweises ist, nothwendig anhängende
Begriffe, zum voraus zu erwegen, und hernach zu untersuchen, ob die
Bedingungen des Beweises auch die gehörige
Bestimmungen in sich schliessen, die auf die Festsetzung
dieser Begriffe abzielen.
§ 129.
Die
lebendige Kräfte sind
von zufälliger Natur.Wir haben erwiesen: daß das Daseyn
der lebendigen Kräfte in der
Natur sich auf der Voraussetzung allein gründe, daß es darinn freye Bewegungen
giebt.
Nun kan man aber aus den wesentlichen und geometrischen
Eigenschaften eines Körpers kein Argument ausfindig machen,
welches ein solches Vermögen zu erkennen
geben sollte, als zu Leistung einer freyen und
unveränderten Bewegung
erfordert wird, nach demjenigen, was wir in Ansehung dessen Dieses
haben auch
die Leibnitzianer erkannt.in dem
vorhergehenden ausgemacht haben. Also folget: daß die lebendigen Kräfte nicht als eine
nothwendige Eigenschaft erkannt
werden, sondern etwas hypothetisches und zufälliges sind. Herr von Leibnitz
erkannte dieses selber, wie er es
insonderheit in der Theodicee
bekennet, und Herr
Daniel
Bernoulli bestätiget es durch die Manier,
die man, wie er meynet, brauchen muß, die lebendigen Kräfte
erweislich zu machen; nemlich, daß man die Grundäquation voraussetzen
müsse, dv=pdt, in
welcher dv das Element der
Geschwindigkeit,
pder
Druck der die Geschwindigkeit erzeuget, und dt das Element der Zeit
darinn der Druck die unendlich kleine Geschwindigkeit
hervorgebracht hat, anzeiget. Und
dennoch suchen sie sie
in geometrisch nothwendigen Wahrheiten.Er saget, dieses sey etwas hypothetisches,
welches man annehmen müsse. Die anderen Verfechter
der lebendigen
Kräfte, die sich einen Gewissens-Scrupel
daraus machten, anders zu urtheilen, als
Herr von Leibnitz,
haben aus demselben Tone gesungen.
Und dennoch haben
sie die lebendigen Kräfte in denen Fällen gesuchet, die
durchaus geometrisch nothwendig seyn, und auch darinn zu
finden vermeynet; welches gewiß äusserst zu
verwundern ist.
Sonderbarer Fehltritt
des Herrn Herrmanns
in dieser Materie.Herr Herrmann versuchte es auf die gleiche
Art, ohne daß er sich durch die
Zufälligkeit der lebendigen Kräfte irre machen
liesse. Allein die vorgefaßte gute Meynung von Leibnitzens
Gedanken, und der Vorsatz durchaus zum Zwecke zu kommen, leitete ihn in einen
Fehlschluß, der gewiß anmerkungswürdig ist. Mich
dünkt, es sollte nicht leichtlich jemand
gefunden werden, dem es einfallen sollte, also zu
schliessen: Die zwey Größen a und b soll man zusammen nehmen, und in
ihrer Verbindung betrachten, ergo muß man sie zusammen
multipliciren; und dennoch geschahe dieses recht nach
dem Buchstaben, von Herrn Herrmann, der ein so großer
Meister im Schliessen war. „Weil der Körper,“
sagt er, „der im Fallen ein neues Element der
Kraft empfängt, doch schon eine
Geschwindigkeit hat, so muß man diese doch auch mit in
Betrachtung ziehen. Man wird also die Geschwindigkeitu, die er schon hat,
seine Masse M, und das Element
der Geschwindigkeit, oder welches
einerley ist, das Product aus der Schwere g in die Zeit, d. i.
gdt zusammen setzen.
Ergo
ist
dV
oder das Element
der lebendigen Kraft, gleich
gMudt, d. i. dem
Productaus denen hier bezeichneten
Größen.“
§ 130.
Die
Erfahrung bestätiget
die succeßive Lebendigwerdung.Unser Lehrgebäude führet mit sich, daß ein frey
und gleichförmig bewegter Körper in dem
Anfange seiner Bewegung noch nicht seine größeste Kraft habe, sondern
daß dieselbe größer sey, wenn er sich
eine Zeitlang schon beweget hat. Mich dünkt, es sind jedermann gewisse
Erfahrungen bekannt, die dieses
bestätigen. Ich habe selber befunden:
daß bey vollkommen gleicher Ladung einer Flinte, und bei
genauer Uebereinstimmung der andern Umstände, ihre Kugel viel tiefer in ein
Holz drang, wenn ich dieselbige einige Schritte vom Ziele
abbrannte, als wenn ich sie nur einige Zolle davon
in ein Holz schoß. Diejenige, die bessere Gelegenheit
haben als ich Versuche anzustellen, können hierüber genauere und
besser abgemessene Proben machen. Indessen lehret doch also die
Erfahrung, daß die Intension eines Körpers, der sich gleichförmig und
frey bewegt, in ihm wachse, und nur nach einer gewissen Zeit ihre
rechte Größe habe, denen Sätzen gemäß, die wir
hievon erwiesen
haben.
§ 131.
Nunmehro,
nachdem wir das Fundament einer neuen Kräftenschätzung gelegt haben, sollten wir uns bemühen,
diejenige Gesetze anzuzeigen, die
mit derselben insonderheit verbunden seyn, und die gleichsam das Gerüste zu einer neuen
Dynamick ausmachen.
Ich bin in
dem Besitze, einige Gesetze darzulegen, nach denen
die Vivification oder Lebendigwerdung der Kraft geschiehet,
allein, da diese Abhandlung den ersten Plan dieser so
neuen und unvermutheten Eigenschaften
der Kräfte zu entwerfen, bemühet ist, so muß ich mit Recht
besorgen, daß meine Leser, die
vornemlich begierig sind von dem Hauptwesen gewiß gemacht zu werden, sich mit Verdruß in einer
tiefen Untersuchung einer Nebensache
verwickelt sehen möchten, zumal, da es
Zeit genug
ist, sich darinn einzulassen, wenn das Hauptwerk erstlich
genugsam gesichert, und durch
Erfahrungen bewähret ist.
Diesem zu
Folge, werde ich nur die allgemeinsten und
beobachtungswürdigsten Gesetze, die mit unserer Kräftenschätzung verknüpfet sind,
und ohne die ihre Natur nicht wohl kan begriffen werden, mit
möglichster Deutlichkeit zu eröffnen bemühet
seyn.
§ 132.
Folgende
Anmerkung leget ein ganz unbekanntes Dynamisches
Gesetze dar, und ist in der
Kräften-Schätzung von nicht gemeiner
Erheblichkeit.
Es gilt
nicht bey allen
Geschwindigkeiten überhaupt
die Lebendigwerdung der Kr.
Wir haben gelernet: daß ein Körper, der im
Ruhestande
wirket, nur einen todten Druck ausübe, der von dem Geschlechte der lebendigen Kräfte ganz
unterschieden ist, und auch nur
die schlechte Geschwindigkeit zum Maaß hat; womit auch so wohl der ganze Anhang der Cartesianer, als Leibnitzens
Schüler übereinstimmen. Ein Körper aber, dessen Geschwindigkeit unendlich klein ist,
beweget sich eigentlich gar nicht, und hat also eine im
Ruhestande bestehende Kraft; also hat sie das Maaß der
Geschwindigkeit schlechthin.
Wenn wir also die, zum
Geschlechte der lebendigen Kräfte gehörige, Bewegungen, bestimmen
wollen: so müssen wir sie nicht über alle Bewegungen ausdehnen, deren Geschwindigkeit so groß oder
klein seyn kan, als man will, d. i. ohne daß ihre Geschwindigkeit dabey
bestimmt ist. Denn alsdenn
würde bey allen ins unendliche kleinern
Graden Geschwindigkeit dasselbe Gesetze wahr seyn, und die
Körper würden auch bey unendlich kleiner
Geschwindigkeit eine lebendige Kraft haben
können, welches kurz vorher falsch befunden
worden.
Die
Geschwindigkeit muß hiebey
bestimmt seyn.Demnach gilt das Gesetze der Quadratschätzung
nicht über alle Bewegungen, ohne
Betrachtung ihrer Geschwindigkeit, sondern diese kommt dabey mit in
Anschlag. Daher wird bey einigen Graden
Geschwindigkeit, die mit denenselben verbundene Kraft, nicht
lebendig werden können, und es wird eine gewisse Größe der
Geschwindigkeit seyn, mit welcher die Kraft allererst die
Vivification erlangen kan, und unter welcher in
allen kleinern Graden bis zur unendlich kleinen, dieses nicht
angehet.
Folglich ist auch nicht
ohne Unterscheid
mit allen
Geschwindigkeiten eine freye
Bewegung möglich.Weil ferner die völlige Lebendigwerdung der
Kraft die Ursache der freyen und
immerwährenden Erhaltung der Bewegung ist,
so folget, daß diese auch nicht bey allen Geschwindigkeiten ohne Einschränkung möglich sey,
sondern daß dieselbe hie gleichfalls
bestimmt seyn muß, d. i. es müsse die Geschwindigkeit eine gewisse bestimmte
Größe haben, wenn der
Körper mit derselben eine immerwährende, unveränderte und freye Bewegung leisten soll; unter
diesem bestimmten Grade würde bey allen
kleinern Graden dieses nicht möglich seyn, bis bey unendlich
kleinem Grade Geschwindigkeit diese Eigenschaft ganz verschwindet, und
die Dauer der Bewegung nur etwas augenblickliches ist.
Also wird die Regel der
freyen und unverminderten Fortsetzung der Bewegung nicht
überhaupt, sondern nur von einem gewissen Grade Geschwindigkeit an,
gelten, unter demselben werden alle kleinere
Grade der Bewegungen sich von selber aufzehren und
verschwinden, bis bey unendlich kleinen Grade die Bewegung nur einen
Augenblick dauert, und einer immerwährenden Ersetzung von
draussen nöthig hat. Daher gilt Newtons
Regel in seiner unbestimmten Bedeutung nicht
von den Körpern der Natur: Corpus quodvis pergit in statu suo, vel
quiescendi, vel
movendi, vniformiter, in directum, nisi a causa
externastatum mutare
cogatur.
§ 133.
Die
Erfahrung bestätiget
dieses.Die Erfahrung bestätiget diese Anmerkung, denn wenn die unendlich kleine Geschwindigkeit lebendig
werden könte, so müßte sie, wegen der Proportion gegen die
Lebendigwerdung der endlichen Kräfte, in unendlich
kleiner Zeit lebendig werden, § 122. also würden zweene Körper, wenn sie nur allein den Druck
der Schwere ausübeten, zwar nur ihren Geschwindigkeiten proportionale
Kräfte haben, aber, so bald sie nur von ganz unmerklich kleinen
Höhen herabgelassen würden, so müste
ihre Kraft so gleich wie das Quadrat derselben seyn. Welches dem Gesetze der Continuität, und der
Erfahrung entgegen ist; denn, wie wir schon erwehnet haben, so hat
ein Körper, der ein Glas durch sein Gewicht nicht zerbricht, auch
nicht die Kraft es zu zerbrechen, wenn man es eine ungemein
kleine Entfernung davon auf dasselbe fallen läßt, und 2 Körper, die
einander gleich wiegen, werden
sich auch
das Gleichgewicht halten, wenn man sie gleich beyde ein
wenig auf die Waagschalen fallen läßt, da doch, wofern jenes
statt hätte, alsdenn hier ein
ungemeiner Ausschlag erfolgen müßte.
Anwendung auf die
Bewegung in
medio resistente.Diese Regel muß also in Bestimmung der Regeln von dem Wiederstande des Mittelraumes, darinn
Körper sich frey bewegen, hinfüro mit in
Anschlag kommen. Denn, wenn die
Geschwindigkeit schon sehr klein zu werden anfängt, so thut der Mittelraum nicht mehr so viel zur
Verringerung, der Bewegung als vorher, sondern dieselbe
verliert sich zum Theil von selber.
§ 134.
Ob die
Lebendigwerdung und freye
Bewegung
in allen
größern Graden
der Geschwindigkeit ins
unendliche
möglich sey.Wir sind in dem Mittelpuncte der artigsten
Aufgaben,
welche die abstracte Mechanik vorher niemals hat gewähren können.
Wir haben die Frage aufgeworfen, ob die Körper auch bey allen Geschwindigkeiten, sie mögen so
klein seyn,
wie sie wollen, zur völligen Lebendigwerdung
der Kraft gelangen, und ihre Bewegungen unverändert frey fortsetzen können.
Jetzo wollen wir untersuchen, ob sie auch dieselbe in allen höhern Graden der
Geschwindigkeiten ins unendliche zu leisten vermögend seyn, das ist, ob die Körper,
die, ihnen ertheilte, Bewegung, frey fortsetzen und
unvermindert erhalten, folglich zur völligen Lebendigwerdung
der Kraft gelangen können, die Geschwindigkeit, die ihnen ertheilt
worden, mag so groß seyn,
wie sie
wolle.
Weil die
Lebendigwerdung, und die darauf sich gründende
unvermindert freye Fortsetzung der
Bewegung, ein Erfolg der innern Naturkraft des Körpers ist, folglich allemal voraussetzet, daß
diese vermögend sey jene in sich hervorzubringen, und zu
dem erforderlichen Grade der Intension von selber zu gelangen: so
kommt es, bey der Leistung aller ins unendliche höhern
Graden der lebendigen Kraft, einzig und allein auf die Größe und das
Vermögen dieser Naturkraft an. Nun ist
aber keine Größe der Natur wirklich unendlich, wie dieses
die Metaphysik auf eine unbetrügliche Art
darthut: also muß die besagte Naturkraft
eines jeden Körpers eine bestimmte endliche Quantität haben.
Daher ist ihr Vermögen zu wirken auch in ein endliches Maaß
eingeschränkt, und es
folget: daß sie ihre Fähigkeit, lebendige Kräfte bey immer
größern Graden Geschwindigkeit aus sich hervorzubringen, nur bis
auf ein gewisses endliches Ziel erstrecken
werde, das ist, daß der Körper nicht ins unendliche, bey
allen Graden Geschwindigkeit, die Kraft mit derselben in sich lebendig machen, und folglich derselben unendliche
und unverminderte Fortdauer in freyer Bewegung leisten könne,
sondern daß dieses Vermögen des Körpers allemal nur bis auf eine
gewisse Größe der Geschwindigkeit gelte, so daß in allen
höhern Graden über dieselbe das Vermögen des Körpers weiter
nicht zureicht, die derselben gemäße Vivification zu vollführen, und
eine so große Kraft aus sich hervorzubringen.
§ 135.
Was
in Ansehung
der freyen
Bewegung
hieraus erfolge.
Hieraus fliesset: daß, wenn dieser Grad bestimmt
ist, der Körper, wenn ihn eine
äusserliche Ursache mit größerer Geschwindigkeit antreibt, zwar derselben nachgeben,
und so lange, als der Antrieb von
draussen dauert, diese Geschwindigkeit der Bewegung annehmen werde, allein, so
bald jene abläßt, auch so fort denjenigen Grad von selber
verlieren müsse, der über die bestimmte Maaße ist, und
nur denjenigen übrig behalten, und frey und unvermindert fortsetzen
werde, welche der Körper
nach dem Maaße seiner Naturkraft in sich lebendig zu machen
vermögend ist.
Der
Körper Fähigkeit
in Ansehung dessen
ist verschieden.Ferner ergiebt sich hieraus: daß es möglich, und
auch wahrscheinlich sey, daß unter der
großen Mannigfaltigkeit der Körper der
Natur dieser ihre Naturkraft in verschiedenen Körpern von
verschiedener Größe seyn werde, folglich, daß
einer von denselben eine gewisse Geschwindigkeit frey fortzusetzen, vermögend sey, wozu doch des
andern Naturkraft nicht zulanget.
Summa.Es sind also zwey
Grenzen, darinnen die Größe derjenigen Geschwindigkeit eingeschlossen ist, bey welcher
die Lebendigwerdung der Kraft eines
gewissen Körpers bestehen kan, die eine unter welcher, die
andere über welcher, die Lebendigwerdung und
freye Bewegung nicht mehr kan erhalten
werden.
§ 136.
Die
lebendige Kraft kan
zum Theil
ohne Wirkung
verschwinden.Wir haben § 121.
gelernet: daß die Kraft eines Körpers, wenn sie
lebendig geworden ist, viel größer sey, als diejenige mechanische Ursache war, die ihm die
ganze Bewegung gegeben hatte; und daß
daher ein Körper mit 2 Graden
Geschwindigkeit 4 Grade Kraft habe, obgleich die äusserliche
Ursache seiner Bewegung, nach
Anweisung der Jurinischen
Methode, § 110.
in ihn nur mit 2 Graden Kraft gewirket hat. Jetzt wollen wir
erklären: wie eine Hinderniß, deren Gewalt viel kleiner ist, als die
Kraft, die der Körper hat, ihm dennoch seine
ganze Bewegung nehmen könne, und daß folglich, so
wie die lebendige Kraft im
ersteren Falle zum Theil von selber entstehet,
also auch im zweyten sich von
selber in der Ueberwältigung
einer Hinderniß, die viel geringer
ist als sie, verzehren könne.
Beweis.Dieses zu beweisen, dürfen wir nur den
Jurinischen Fall § 110.
umkehren. Es bewege sich nemlich der
Kahn AB
von C gegen
B mit der Geschwindigkeit
wie 1. Ferner wollen wir setzen: die Kugel
E bewege sich in derselben
Richtung, nemlich CB, aber
in freyer Bewegung und mit lebendiger Kraft, mit einer
Geschwindigkeit wie 2, folglich wird diese Kugel die
Hinderniß R, die hier durch
eine Feder vorgestellet wird, und deren Kraft wie 1 ist, nur
mit einem einfachen Grade Geschwindigkeit
treffen; denn was den andern Grad betrift, so bewegt er sich nicht mit
demselben in Ansehung dieser Hinderniß, weil diese eben dieselbe Bewegung nach einerley Richtung
gleichfalls hat, folglich dem Körper
nur ein Grad Bewegung in Relation gegen dieselbe übrig
bleibet. Bey einfachem Grade Geschwindigkeit
aber ist die Kraft auch nur wie 1, folglich stößt die Kugel
mit einer Kraft wie 1, auf die Hinderniß, welche
ebenfalls eine einfache Kraft hat, und wird also durch
dieselbe diesen seinen Grad
Geschwindigkeit und Kraft verliehren. Es bleibt
ihm alsdenn aber nur ein Grad
absolute Bewegung, und folglich auch nur ein Grad Kraft übrig, die
mithin wiederum durch eine andere Hinderniß, welche wie 1 ist,
mag vernichtet werden; folglich kan
ein Körper, in dem wir eine lebendige Kraft setzen, und der
also mit 2 Graden Geschwindigkeit 4 Grade Kraft hat, von zwey
Hindernissen zur Ruhe gebracht werden, die jede
nur 1 Grad Kraft haben, mithin müssen auf diese Weise 2 Grade
in ihm
von selber verschwinden, ohne durch äusserliche Ursachen
aufgehoben und gebrochen zu werden.
§ 137.
Die Umstände, unter
welchen ein Körper einen Theil seiner lebendigen Kraft ohne Wirkung verschwendet, sind also diese: daß
zwey oder mehr Hindernisse ihm nach einander auf solche Weise
Wiederstand thun, daß jedwede nicht der ganzen
Geschwindigkeit des bewegenden Körpers, sondern nur einem Theile
derselben sich entgegen setzet, wie die Auflösung des vorigen § es zu erkennen
giebt.
Erklärung dieses
Satzes nach
unseren Begriffen
der lebendigen Kraft.Wie dieses mit unsern Begriffen von der
lebendigen Kraft zusammenstimme, läßt sich auf
folgende Weise ohne Schwierigkeit
begreifen. Wenn die Geschwindigkeit
eines Körpers in ihre Grade zertheilt
wird, so ist die lebendige Kraft, die bey
einem von diesen Graden von den andern abgesondert anzutreffen ist, und welche also der
Körper auch anwendet, wenn er mit diesem Grade ganz allein
ohne die übrigen wirket, wie das Quadrat dieses
Grades; wenn er aber mit seiner ganzen
Geschwindigkeit unzertheilt und zugleich wirket, so ist die
ganze Totalkraft, wie das Quadrat derselben, folglich
derjenige Theil der Kraft, der dem benannten Grade
Geschwindigkeit zukommt, wie das Rectangulum aus diesem Grade, in die
ganze Geschwindigkeit, welches eine viel grössere
Quantität ausmacht, als die in dem vorigen Falle war. Denn, wenn wir z. E. die ganze
Geschwindigkeit aus zwey Graden bestehend, annehmen, welche dem Körper eine nach der andern ertheilt worden, so erhob sich
die lebendige Kraft, da die Geschwindigkeit noch 1 war, nur zu einer
Größe wie 1; nachdem aber der zweyte Grad hinzukam, so entsprung
in demselben nicht allein wiederum ein Grad Kraft, der diesem
zweyten Grade Geschwindigkeit allein
proportionirt ist, sondern die Naturkraft erhob die
Intension noch in derselben Proportion, darinn die Geschwindigkeit wuchs, und machte,
daß die lebendige Kraft bey der gesammten
Geschwindigkeit 4fach wurde, da doch die Summe der Kräfte
bey allen abgesonderten Graden, nur 2fach gewesen seyn würde, folglich daß ein jeder Grad, in der
verbundenen Wirkung mit den übrigen, 2 Grade Kraft
ausüben konte, da ein jeder vor sich in abgesonderter Wirkung
nur eine einfache hatte. Daher wenn ein Körper, der eine lebendige,
folglich mit 2facher
Geschwindigkeit 4 Grade Kraft hat,
seine ganze Geschwindigkeit nicht zugleich, sondern einen Grad nach
dem andern, anwendet: so übet er nur eine zwiefache Kraft aus, die
übrige 2 aber, die dem Körper bey der gesammten Geschwindigkeit beywohneten, verschwinden von selber,
nachdem die Naturkraft aufhöret sie zu erhalten, eben so, wie sie
bey ihrer Erzeugung gleichfalls aus dieser
Naturkraft von selber hervorgebracht worden.
§ 138.
Diese
Anmerkung belohnet unsere Mühe mit wichtigen Folgerungen.
Folgerungen.1. Wir werden die
vollständige Wirkung der lebendigen Kraft nirgends
antreffen, als wo die Hinderniß der ganzen
Geschwindigkeit,
des, mit lebendiger Kraft eindringenden Körpers zugleich
Widerstand thut, und alle Grade
derselben zusammen erduldet.
2. Wo im Gegentheil die
Hinderniß sich nur einem Grade derselben allein wiedersetzet, folglich die ganze Geschwindigkeit nicht
anders, als in zertheilten Graden, nach und nach erduldet, da
gehet ein großer Theil der lebendigen Kraft von selber
verlustig, ohne daß er durch die Hinderniß vernichtiget
worden, und man würde sich betrügen, wenn man glaubete, die
Hinderniß die auf diese Weise die ganze Bewegung verzehret, habe auch
die ganze Kraft selber gebrochen. Dieser Verlust ist jederzeit um desto
beträchtlicher, je kleiner der Grad
Geschwindigkeit, den die Hinderniß erduldet, gegen die
ganze Geschwindigkeit des bewegenden
Körpers ist. Z. E. Es sey die Geschwindigkeit, in der
der Körper seine lebendige Kraft hat in 3 gleiche Grade
zertheilet, deren jedwedem allein sich die Hinderniß auf
einmal nur wiedersetzen kan, so ist, wenn gleich der Körper mit jedem
dieser Grade besonders auch eine lebendige Kraft hat, die Kraft
jeden Grades besonders wie 1, folglich die Gewalt der Hinderniß, die
diese 3 nach einander überwindet, auch
wie 3; die ganze lebendige Kraft aber dieses
Körpers war wie das Quadrat von 3, d. i. wie 9:
folglich sind auf diese Weise 6 Grade Kraft, d. i.
⅔ vom ganzen, ohne äusserlichen
Wiederstand von selber verlohren gegangen. Im
Gegentheil, wenn wir eine andere Hinderniß nehmen, die nicht das Drittheil, sondern die Helfte
besagter ganzen Geschwindigkeit auf einmal erduldet, folglich die
ganze Bewegung nicht in 3 sondern in 2 getrennten Graden verzehret, so
ist der Verlust, den die lebendige Kraft
hiebey ausser demjenigen erduldet,
was diese
Hinderniß verzehret, nur wie 2, d. i.
½ vom ganzen,
folglich kleiner als im vorigen Falle. Auf gleiche Weise, wenn der
Grad, dem die Hinderniß auf einmal wiederstrebet ⅛ von der ganzen
Geschwindigkeit ist,
so verschwendet der Körper ⅞ von der
ganzen Kraft, davon die Ursache nicht in der Hinderniß zu suchen
ist, und so ins unendliche.
3. Wenn der Grad Geschwindigkeit, dem die Hinderniß sich
in jedem Augenblick entgegensetzet, nur unendlich klein ist:
so ist alsdenn gar keine Spur einer lebendigen Kraft mehr in den
überwältigten Hindernissen zu finden, sondern, weil
alsdenn jeder einzelne Grad nur in Proportion seiner schlechthin
genommenen Geschwindigkeit wirket, und die Summe aller Grade
der ganzen Geschwindigkeit gleich ist, so ist die ganze Wirkung der
Kraft des Körpers, ob sie gleich lebendig ist, doch nur der schlechten
Geschwindigkeit proportionirt, und die ganze Größe der lebendigen
Kraft verschwindet von selber völlig, ohne eine ihr gemässe Wirkung
auszuüben, nemlich, da sie eigentlich wie eine Fläche ist, die aus dem
Fluße derjenigen Linie, die die Geschwindigkeit vorstellet, erzeuget worden, so verschwinden alle
Elemente dieser zweyten Abmessung nach und nach von selber, und
es thut sich in der Wirkung keine andere Spur einer Kraft hervor,
als die nur der erzeugenden Linie, d. i. der
Geschwindigkeit schlechthin proportionirt ist.
4.
Also findet sich nirgends eine Spur, einer lebendigen Kraft,
in den verübten Wirkungen, oder überwältigten Hindernissen,
wenn gleich der Körper wirklich eine lebendige Kraft hat, als nur da,
wo das Moment der Geschwindigkeit, womit die Hinderniß
wiederstrebet, von endlicher Größe ist; aber auch alsdenn
doch nicht ohne diese wichtige Bedingung, nemlich, daß auch diese Größe
der Geschwindigkeit nicht so klein seyn mag, als sie wolle, denn
wir wissen aus dem 132. §, daß eine gewisse Quantität derselben erfordert werde,
damit der Körper, der sich mit derselben beweget, eine
lebendige Kraft haben könne, und wenn das Moment der
Wiederstrebung der Hinderniß nach Maaßgebung derselben zu klein ist, in derselben auch keine
Wirkung der lebendigen Kraft
könne verspüret werden.
Den höchsterheblichen
Nutzen dieser Anmerkung, werden wir insonderheit gegen das Ende dieses Hauptstückes vernehmen, woselbst
sie dienen wird, die vornehmste Erfahrung, die die
lebendigen Kräfte beweiset, recht zu
erleuchten und bewährt zu machen.
§
139.
Die Phänomena derer
Körper, die die
Schwere überwinden, beweisen
keine lebendige Kraft,
dennoch streiten sie
nicht dawider.Da
das Moment der Schwerdrückung nur mit unendlich kleiner Geschwindigkeit geschiehet: so
erhellet vermittelst
der dritten Nummer des vorigen §
gar deutlich, daß ein Körper, der seine Bewegung
aufwendet, indem er die Hindernisse
der Schwere überwindet, gegen dieselbe nur eine Wirkung ausüben werde, die seiner
Geschwindigkeit schlechthin proportionirt ist, obgleich die
Kraft selber sich wie das Quadrat dieser
Geschwindigkeit verhält, demjenigen ganz gemäß, was auch die Erfahrung hievon
zu erkennen giebt, wie wir es im
vorigen Hauptstücke ausführlich, und mehr wie auf eine Weise
gesehen haben.
Sehet also hier so gar eine
Erfahrung, die kein anderes als Cartesens Gesetze zuzulassen
scheinet, und welche auch in
der That eigentlich keine
Merkmaale von irgend einer anderen Schätzung als von
dieser von sich zeiget, gleichwohl aber bey genauer
Erwegung, der Quadratschätzung, wenn sie in ihrer richtigen Bedeutung genommen wird,
nicht widerstreitet, sondern ihr dennoch Platz
läßt.
Also wiederleget die
Wirkung, welche senkrecht in die Höhe steigende Körper verüben, indem
sie die Hinderniße der Schwere überwinden, zwar Leibnitzens Schätzung ohne alle Wiederrede, allein unsere
lebendigen Kräfte beweiset sie
zwar eigentlich nicht; jedeñoch hebet sie dieselbe nicht auch
auf.
Indessen wenn wir unsere Aufmerksamkeit nur genau hierauf richten,
so werden wir auch so gar daselbst noch einige Strahlen von unserer
Schätzung antreffen. Denn der Körper
würde seine ihm beywohnende Bewegung nicht frey fortsetzen, und
dieselbe so lange selber erhalten können, bis die äusserliche
Wiederstrebung sie ihm nach und nach nimmt, wo er nicht
diejenige innerliche Bestrebung oder Intension aus sich
selbst hervorbrächte, die zugleich der Grund der freyen Bewegung, und
auch der lebendigen Kraft ist.
§ 140.
Hierauf gegründete Proben.Aus dem bis daher erwiesenen, ersehen wir
zugleich die Ursache, des wohlbekannten
Kunststückes, wie man fast unbezwingliche
Gewalten durch gar geringe Hindernisse aufheben könne. Wenn
nemlich die Gewalt, die man brechen soll,
auf einer
lebendigen Kraft beruhet: so setzet man ihr nicht eine
Hinderniß entgegen, die ihren Wiederstand auf einmal thut, und
plötzlich muß gebrochen werden, denn diese müste oftermals unermeßlich
groß seyn, sondern vielmehr eine solche, welche die Kraft nur in
ihren kleinern Graden der Geschwindigkeit nach und nach erduldet und
aufzehret; denn auf diese Weise
wird man durch ganz unbeträchtliche Wiedersetzungen erstaunlich große Gewalten vereiteln;
gleichwie man z. E.
die Stöße der Mauerbrecher durch Wollsäcke zernichtet hat,
welche Mauren würden zermalmet haben, wenn sie
unmittelbar auf dieselbe getroffen hätten.
§ 141.
Weiche
Körper wirken nicht
mit ihrer
ganzen Kraft.Ferner erhellet: daß die Körper, welche weich
sind, und sich im Anlaufe leichtlich
zusammendrücken, lange nicht alle ihre
Kraft durch den Stoß anwenden werden, und daß sie vielmals gar geringe Wirkungen
verüben, welche doch bey eben derselben Kraft und Masse, aber
größerer Härtigkeit, ungleich
größer seyn würden. Ich weiß wohl: daß noch
andere Ursachen dazu kommen, die ausser derjenigen, von welcher
wir reden, zu diesem Verluste das ihre beytragen, oder vielmehr
machen, daß einer zu seyn scheinet, aber unsere angeführte ist
unstrittig die vornehmste, und zwar eines wahrhaften
Verlustes.
§ 142.
Aufgeworfene Frage, ob
die Wirkung
der Körper
ohne Unterscheid ihrer
Masse ihrer
lebendigen
Kraft proportional seyn
könne.Nunmehro wollen wir untersuchen, wie
denn die Wirkung eines Körpers, der eine lebendige Kraft hat,
dessen Masse man aber unendlich klein
gedenket, seyn werde, denn dieses giebt
hernach zu erkennen: ob bey gleichen
Umständen, wenn die
Kräfte zweyer Körper beyde lebendig seyn,
alle beyde auch die, diesen
lebendigen Kräften proportionale, Wirkungen ausüben können, wenn man sie in gleiche
Umstände
setzet, die Masse des einen sey auch so klein wie
sie wolle; oder ob vielmehr eines
jeden Körpers Masse eine gewisse Größe
haben müsse, so, daß, wenn man sie kleiner machet,
die Wirkung, die er verübet, seiner lebendigen Kraft
nicht proportional seyn kan.
Das ist wohl untrüglich: daß wenn ein Körper von
endlicher Masse eine lebendige Kraft hat, ein jegliches seiner
Theile, sie mögen so klein seyn, wie sie wollen, auch eine
lebendige Kraft haben müsse, und diese auch haben würde, wenn es sich
gleich von den andern abgesondert
bewegte; allein hier ist die Frage, ob ein solches kleines,
oder wie wir es hier annehmen wollen, unendlich kleines
Theilchen, vor sich allein auch eine, seiner lebendigen Kraft
proportionale Wirkung, in der Natur ausüben könne, wenn man es in die
gleiche Umstände setzet, darinn ein größerer in dieser Proportion
wirken würde. Wir werden befinden, daß dieses nicht geschehen
könne, und daß ein Körper, der eine lebendige Kraft hat, wenn seine
Masse kleiner ist, als sie nach Maaßgebung der Regel, die wir beweisen
wollen, seyn muß, in der Natur keine solche Wirkung verübe, die
dieser seiner lebendigen Kraft proportional ist, sondern, daß er um
desto weniger dieser Proportion beykomme, je kleiner hernach die Masse
ist, bis, wenn die Masse unendlich klein
ist, der Körper mit derselben nur in Proportion
seiner Geschwindigkeit schlechthin wirken kan, ob er gleich eine
lebendige Kraft hat, und ein anderer Körper, mit eben
derselben Geschwindigkeit und lebendigen Kraft, aber gehörig großer
Masse, in gleichen Umständen eine Wirkung ausüben würde, die dem
Quadrate seiner Geschwindigkeit in
die Masse multiplicirt gemäß wäre.
§ 143.
Beantwortung.Die Sache kommt einzig und allein
darauf an, daß alle Hindernisse in
der Natur, die von einer gewissen Kraft
sollen gebrochen werden, derselben nicht alsofort im
Berührungspuncte gleich einen endlichen Grad der
Wiederstrebung entgegen setzen, sondern
vorher einen unendlich kleinen, und so fortan, bis nach dem
unendlich kleinen Räumchen, welches die bewegende
Kraft durchbrochen hat, der Wiederstand den sie antrift,
endlich wird. Dieses setze ich kraft der
Uebereinstimmung der wahren Naturlehre voraus, ohne
daß ich mich einlassen will, die mancherley Gründe,
die es bestätigen, hier anzuführen. Newtons Schüler nehmen
daher Gelegenheit zu sagen: daß die Körper in
andere wirken, wenn sie sich gleich noch nicht
berühren. Diesem zu Folge treffen wir einen
besondern Unterschied, zwischen der Wirkung, die
ein Körperchen von unendlich kleiner Masse, in solche
Hindernisse der Natur ausübet, und zwischen derjenigen, die
er
verrichtet, wenn seine
Masse die bestimmte endliche Größe hat, wenn wir gleich den
Unterscheid nicht achten, der ohnedem allemal zwischen den
Kräften zweyer Körper ist, deren Massen verschieden seyn, und der
schon lange bekannt ist, sondern nur den in Betrachtung
ziehen, der aus dem Begriffe unserer lebendigen Kräfte allein
herfliesset.
Wir wissen nemlich
schon: daß, wenn der Körper gleich eine lebendige Kraft hat, diese aber angewandt wird, die Hinderniß
der Schwerdrückungen zu überwinden, seine Wirkung dennoch nur
in Proportion der Geschwindigkeit
schlechthin stehe, und alle Intension, die das Merkmal der
lebendigen Kraft ist, ohne Wirkung verschwinde. Nun wirket aber der
Gegendruck der Schwere mit unendlich kleiner Sollicitation, bis in
das innerste seiner Masse, d. i. unmittelbar
auf die unendlich kleine Theile des bewegenden Körpers, also
ist dieses sein Zustand dem Zustande desjenigen Körperchens gleich,
der zwar mit lebendiger Kraft, aber unendlich kleiner Masse gegen
eine jegliche Hinderniß der Natur anläuft, denn dieser erduldet wie wir
angemerkt haben, auch hier allemal einen Wiederstand, der, eben so
wie bey der Schwere, mit unendlich kleiner Sollicitation ihm
unmittelbar wiederstrebet; folglich wird eine solche unendlich
kleine Masse auch auf gleiche Weise seine lebendige Kraft
in sich selbst verzehren, und bey jeder
Hinderniß der Natur nur nach Proportion seiner Geschwindigkeit
wirken.
Daß dieses
aber nur dem unendlich kleinen Körper begegne,
und dagegen einer von endlicher und bestimmter Masse in
dieselbe Hinderniß, eine,
seiner lebendigen Kraft gemäße Wirkung, ausüben könne,
erhellet klärlich daraus, weil wie
wir annehmen, daß die Hinderniß ihren Wiederstand nur von
aussen thut, und nicht wie die Schwere in das innerste wirket;
folglich der endliche Körper daselbst, wo die
unendlich kleine Masse durch die fortgesetzte unendlich kleine
Wiederstrebung der Hinderniß ihre ganze Geschwindigkeit
verlohr, nur unendlich wenig, d. i. nichts verlieret, sondern seine
Kraft nur gegen die endlichen Grade der Wiederstrebung
aufwendet, wozu jene nicht durchdringen kan;
folglich in die Umstände gelanget, in
welchen, wie wir § 138. No. 4.
gesehen haben, derjenige Körper seyn
muß, der seine lebendige Kraft zu einer ihr
proportionalen Wirkung anwenden soll.
§ 144.
Die
Masse muß
bestim͂t seyn, mit
welcher ein Körper
die seiner
lebendigen
Kraft proportionirte Wirkung,
ausüben
kan, unter
dieser Größe
können kleinere
Massen dieses
nicht thun.Da
nun also die Wirkung des Körpers, der sich mit endlicher Kraft, aber unendlich kleiner Masse
beweget, nirgend in der Natur dem Quadrat der
Geschwindigkeit, sondern nur
derselben schlechthin proportionirt ist: so folget, vermöge der Art zu schliessen, die uns schon
durch die oftmalige Ausübung bekannt seyn
muß, daß man nicht allgemein und ohne
Einschränkung sagen könne: Dieser Körper hat eine lebendige Kraft, folglich wird seine
Wirkung bey
gehörigen
Nemlich in denenjenigen, darinnen ein anderer von größerer Masse mit
derselben Geschwindigkeit seine lebendige Kraft ganz anwendet.
Umständen seiner lebendigen Kraft auch proportional seyn, die Masse mag sonsten so klein
seyn wie sie
wolle; sondern es wird eine gewisse Quantität
der Masse dazu erfordert werden, daß
man dieses sagen könne, und unter diesem
bestimmten Maaße wird keine Wirkung eines solchen Körpers in die Hindernisse der Natur seiner
lebendigen Kraft proportionirt seyn können, sie mögen auch seyn,
welche sie wollen; es wird aber die Wirkung um desto mehr
von der Verhältniß der lebendigen Kraft abgehen, je mehr die
Quantität der Masse unter diesem bestimmten Maaße ist, in allen
höhern Größen aber über dieselbe, versteht
es sich schon von selber, daß diese Abweichung gar
nicht angetroffen werde.
§ 145.
Es folgen
hieraus nachstehende Anmerkungen:
Folgerungen.
1. Daß ein kleines
Theilchen Materie, in fester Vereinigung mit einer großen Masse, mit lebendiger Kraft
eine ganz andere, und ausnehmend grössere
Wirkung ausüben könne, als es allein und von derselben
getrennet, verrichten kan.
2. Daß
dieser Unterscheid dennoch nicht nothwendig sey,
sondern auf dieser zufälligen Eigenschaft der Natur beruhe: daß
alle ihre Hindernisse der Regel der
Continuität gemäß, schon von weitem, und mit unendlich kleinen
Graden anheben, ehe sie ihre endliche
Wiederstrebung dem anlaufenden Körper entgegensetzen,
daß aber diesem ungeachtet die Natur schon keine andere Wirkung
verstattet.
3. Daß es
nicht ohne Unterscheid wahr sey: daß die
Wirkungen zweyer Körper, deren Kräfte lebendig sind, und deren
Geschwindigkeit gleich ist, sich bey gleichen Umständen
wie ihre Masse verhalten; denn, wenn die eine von ihnen kleiner ist, als
nach Maaßgebung der angeführten Regel
seyn soll, so gehet ihre Wirkung noch dazu von dem
Quadratmaaße der Geschwindigkeit
ab, und ist also viel kleiner als sie nach der Verhältniß der
Massen allein hätte seyn sollen.
4. Daß so gar die
Veränderung der Figur der Körper ohne Aenderung ihrer Masse verursachen könne, daß ihre Wirkung bey den
angeregten Umständen die
Proportion ihrer Geschwindigkeit habe, obgleich die Kraft die
Verhältniß vom Quadrate derselben hat, und daß
also ein Körper, der eine lebendige Kraft hat, eine viel
kleinere Wirkung thun könne, bloß deswegen, weil seine
Figur geändert worden, ohne daß, weder seine Masse, noch
Geschwindigkeit, noch lebendige Kraft, oder die Beschaffenheit
der Hinderniß, im geringsten eine Veränderung erlitten.
Z. E.
So muß eine
güldene Kugel mit lebendiger Kraft eine viel größere
Wirkung thun, als wenn eben dieselbe güldene
Masse mit gleicher Geschwindigkeit und Kraft, gegen
dieselbe Hinderniß anliefe, aber
so, daß sie vorher zu einem dünnen und weit
ausgedehnten Goldblatt geschlagen worden. Denn
obgleich hier in Ansehung der Kraft nichts
verändert worden ist, so machet doch die Aenderung
der Figur, daß seine kleinsten Theile die Hinderniß hier
eben so treffen, als wenn sie von einander
abgesondert, auf dieselbe gestoßen hätten, folglich, laut dem
kurz vorher erwiesenen, lange nicht mit ihrer
lebendigen Kraft, und derselben
proportional wirken, sondern eine Wirkung ausüben, die dem
Maaße der schlechten Geschwindigkeit entweder
nahe kommt, oder mit ihr übereintrift; da im Gegentheil,
wenn die Masse in der Figur
einer soliden Kugel gegen die Hinderniß anläuft, sie
auf eine so kleine Fläche derselben trift, daß die
unendlich kleine Momente der Wiedersetzungen, welche sie in
so kleinem Raume antrift, nicht im Stande seyn, die
Bewegung dieser Masse aufzuzehren, folglich die
lebendige Kraft unversehrt
bleibt, um einzig und allein gegen die endlichen Grade der Wiederstrebung dieser Hinderniß
angewandt zu werden; gleichwie
es dagegen klar ist, daß sie mit ihrer ersten Figur
eine überaus große Fläche der Hinderniß decket, und
folglich bey einerley Masse, einen unglaublich größern
Wiederstand, von der unendlich kleinen Sollicitation, die
in jedem Puncte der Hinderniß anzutreffen ist, erleidet, und daher von dieser leichter muß können
aufgezehrt werden, mit, entweder gänzlichem, oder doch großem
Verluste der lebendigen Kraft, welches auf die erstere Art nicht
geschiehet.
§ 146.
Flüßigkeiten wirken in
Proportion
des Quadrates
der Geschwindigkeit.Allein die wichtigste Folgerung, die ich aus dem
jetzo erwiesenen Gesetze ziehe, ist
diejenige, welche ganz natürlicher Weise daraus herfließt, nemlich,
daß flüßige
Körper durch den Stoß in Verhältniß des
Quadrats ihrer Geschwindigkeit wirken,
Wie es Herr Mariotte durch
Versuche dargethan hat.
ob
sie gleich, wenn die Wirkung hier ihren
lebendigen Kräften proportional seyn sollte, solches nicht nach dem Maaße des Quadrats, sondern
des Würfels ihrer Geschwindigkeit thun müsten;
und wie dieses unserer Theorie der lebendigen
Kräfte nicht entgegen sey, ob es gleich die
lebendigen Kräfte des Herrn von
Leibnitz aufhebet, wie Herr Jurin
schon sehr wohl angemerket hat.
Wie dieses
aus dem
vorigen folge.Denn die Flüßigkeiten sind in die feinsten
Theile, welche vor unendlich klein gelten
können, zertheilet, und machen zusammen
keinen zusammenhängenden festen Körper aus, sondern wirken
alle nach einander, ein jedes vor sich, und von den übrigen
abgesondert; folglich erdulden sie denjenigen Verlust
der lebendigen Kraft, den die unendlich kleine Körperchen,
wie wir angemerket haben, allemal erleiden,
wenn sie gegen eine Hinderniß der Natur, sie sey welche sie
wolle, anlaufen und wirken also nur in
Proportion ihrer Geschwindigkeit, ob ihre Kraft gleich wie das
Quadrat derselben ist.
Herr Richter hat sich
viel vergebliche Mühe gegeben, diesen Streich des Herrn
Jurins abzuwenden. Seine Sache war hülflos,
da sie an die Regel gebunden war: daß die Kräfte in keiner
andern Proportion stehen, als derjenigen,
darinn ihre Wirkungen sind.
Vom
Widerstande
des Mittel-Raumes.Endlich begreifet auch jedermann hieraus
leichtlich, woher die Körper
mit freyer Bewegung und lebendiger Kraft, in einem flüßigen Mittelraume, nur in
Proportion des Quadrates ihrer Geschwindigkeit Wiederstand leiden,
ohne daß hiedurch unseren lebendigen Kräften Eintrag geschiehet; obgleich es
der Leibnitzischen
Schätzung wiederspricht, nach welcher, dieser
Wiederstand dem Würfel der Geschwindigkeit
proportionirt seyn müste.
§ 147.
Wird durch
die Erfahrung
bestätiget.Es
sind unzählbare Erfahrungen, die die Regel bestätigen, von der wir bis daher geredet haben. Ob
dieselbe gleich
nicht so genau abgemessen seyn, so sind sie dennoch untrüglich, und
haben die Uebereinstim͂ung eines allgemeinen Beyfalles.
Denn wofern
wir unserer Regel nicht Platz einräumen, so
müssen wir setzen: daß ein Körper, wenn er noch so klein und
gering ist, eben so große Wirkung in gleichen Umständen
durch den Anstoß thun würde, als eine große Masse, wenn man nur ihre
Geschwindigkeiten den Quadratwurzeln ihrer Massen umgekehrt
proportionirt machte, oder nach Cartesens Regel,
wenn sie sich wie diese Massen selber umgekehrt verhielten. Allein die
Erfahrung wiederspricht diesem. Denn
jedermann ist darinn einig, daß
eine Pflaumfeder oder ein Sonnenstäubchen durch eine freye
Bewegung nicht die Wirkungen einer
Canonenkugel ausrichten würden, wenn man ihnen
gleich noch so viel Grade Geschwindigkeit, als man selber verlanget, zugestehen
wollte; und niemand wird wie ich glaube vermuthen, daß
eines von denselben die feste Klumpen der Materie
zertrümmern, und Mauren durchbrechen könne, wenn sie mit noch
so großer Geschwindigkeit in freyer Bewegung
auf dieselbe treffen sollten. Dieses alles kan zwar durch
keinen ordentlich angestellten Versuch geprüfet und
bestätiget werden, allein die unzählbare Erfahrungen, die
hievon in ähnlichen Fällen, obzwar nicht in so
großer Maaße vorkommen, verursachen, daß niemand an dem
angeregten Erfolge
zweifelt.
Nun ist doch aber nicht
zu leugnen, daß besagte kleine Körpertheilchen unter der angeführten Einrichtung ihrer
Geschwindigkeit nothwendig mit den
großen Körpern gleiche Kraft haben müsten, es
sey nach Cartesens, oder Leibnitzens, oder unserm Kräftenmaaße: also
bleibt kein ander Mittel übrig, dieses zu erklären, als, daß der
kleine Körper eine viel kleinere Wirkung verüben müsse, als
nach Maaßgebung seiner Kraft geschehen sollte, und daß seine
lebendige Kraft gröstentheils
ohne Wirkung vereitelt wird, gerade so, wie wir es § 143,
144,
145. von demselben bewiesen
haben.
§ 148.
Die Bewegungen elastischer Körper
heben Leibnitzens Schätzung aber
nicht die unsrige auf.
Zu
denenjenigen Erfahrungen, welche keine Spur von einer andern Schätzung, als nur der Cartesianischen, geben, und daher unserem Kräftenmaaße zu
wiederstreiten scheinen, gehören
endlich noch die Bewegungen elastischer Körper, durch den Stoß, wovon wir im vorigen
Hauptstücke ausführlich gehandelt
haben, und welche alle in ganz untrüglichen
Versuchen wahr befunden werden. Sie heben auch in der That die Quadrat-Schätzung des Herrn
von
Leibnitz gänzlich auf, vermöge der Voraussetzung,
die damit unzertrennlich verbunden ist:
nemlich daß die Wirkungen, in deren Hervorbringung
die Kraft sich verzehret, dieser allemal gleich seyn. Unsere
hat den wohlgegründeten Vorzug, diesem
Gesetze nicht unterworfen zu seyn, und entgehet daher diesem
Streiche.
Wir wissen schon aus
dem vorigen: daß die lebendige Kraft nicht so etwas ist, welches
von draussen, durch eine äusserliche Ursache, z. E. durch einen Stoß, in
einem Körper könne hervorgebracht werden; dieses kan uns schon
unterweisen: daß wir die lebendigen Kräfte der
gestoßenen Körper nicht vor die
Wirkungen der stoßenden ansehen, und diese durch jene
abzumessen suchen werden. Die Realauflösung aber der ganzen
Schwierigkeit, wo man ja eine noch hierinn anzutreffen
vermeynt, bestehet in
nachfolgendem.
§ 149.
Beweiß.Alle
Mechanikverständige müssen wissen: daß ein elastischer Körper in
den andern nicht mit seiner ganzen Geschwindigkeit auf einmal wirke, sondern durch eine fortgesetzte
Häufung der unendlich kleinen
Grade, die er in denselben nach einander
hineinbringt. Ich habe nicht nöthig, mich in die
besondern Ursachen hievon einzulassen, genug für mich, daß ich hierinn den einstimmigen
Beyfall auf meiner Seite habe, und daß jedermann es erkennet: daß
ohne diese Voraussetzung kein Bewegungsgesetze könne erklährt
werden. Die wahre Ursache hievon ist wohl diese: weil die
Elasticität, nach der Natur
einer Feder, sich nur demjenigen Grade Geschwindigkeit entgegensetzet,
welcher hinlänglich ist, sie zu spannen; folglich
bey jedem unendlich kleinen Grade der Eindrückung, die sie leidet,
nur immer einen unendlich kleinen Grad der
Geschwindigkeit des anstoßenden Körpers erduldet,
und also jeden Augenblick nicht der ganzen Geschwindigkeit,
sondern nur dem unendlich kleinen Grade entgegengesetzet ist, und ihn
in sich aufnimmt, bis die succeßive Häufung, die ganze Geschwindigkeit in den leidenden Körper auf
diese Weise übertragen hat.
Hieraus folget laut dem
vorhergehenden: daß, da der anstoßende Körper hier nur nach
einander mit einzelnen unendlich kleinen Graden seiner Geschwindigkeit
wirket, er auch nur in schlechter Proportion
seiner Geschwindigkeit wirken werde, ohne Nachtheil seiner
lebendigen Kraft, die er dem ungeachtet in sich haben
kan.
§ 150.
Das beliebte Gesetze des Herrn von
Leibnitz, von der
unveränderten
Erhaltung einerley Größe der Kraft in der Welt, ist noch ein
Vorwurf, der allhier eine genaue
Prüfung zu erfordern scheint. Es leuchtet so gleich in die
Augen: daß, wenn in den bisherigen
Betrachtungen etwas gegründetes ist, es in
derjenigen Bedeutung, darinn es sonsten aufgenommen worden,
nicht statt finden könne. Was aber unsere Schätzung in diesem
Stücke einführen würde, und wie sie den
Regeln der allgemeinen Harmonie und Ordnung, welche besagtes
Leibnitzische Gesetze so
preiswürdig gemacht haben, Gnüge leisten könne, das
erlaubet mir die Beschaffenheit unseres
Vorhabens, und die Ermüdung, welche ich in einer so
rauhen und ungebähnten Materie mit Recht von
der Aufmerksamkeit meines gelehrten Lesers besorge, und
die ich vielleicht schon gar zu sehr beleidigt zu haben
befürchten muß, nicht, gehörig zu entwerfen,
obgleich ich im Besitze bin, einige Abrisse davon
darzulegen.
§ 151.
Wir befinden uns jetzo
in dem Lande der Erfahrungen; ehe wir aber darinn Besitz
nehmen können, müssen wir erst gewiß seyn, daß
diejenige Ansprüche vertilget
worden, welche ein gegründeteres Recht hierauf zu haben vorschützen, und uns aus diesem Gebiete verdringen
wollen. Unsere Bemühung, die wir bis daher hiezu angewandt haben,
würde unvollständig seyn, wenn wir denjenigen Versuch und
mechanischen Beweiß, der den
hochberühmten Herrn von
Musschenbröck
zum
Urheber hat, und folglich überredend und scharfsinnig ist,
vorübergingen, ohne unsere übernommene Kräftenlehre
dawieder zu schützen. Er hat durch denselben die lebendige
Kräfte in Leibnitzischer
Bedeutung zu vertheidigen gedacht,
und daher ist es unsere Pflicht ihn zu prüfen.
Wir werden
bey genauer Erwegung desselben belehret werden:
daß er nicht den verhofften Erfolg habe, sondern vielmehr
Cartesens Kräftenmaaß bestätige. Und dieses wird unsere oft erwehnte
Anmerkung aufs neue bestätigen: daß man keine Spur einer nach dem
Quadrat zu schätzenden Kraft antreffe, so lange man ihren Ursprung
nirgend anders, als in den äusserlichen
Ursachen zu finden vermeynet, und daß die wahrhafte lebendige
Kraft nicht von draussen in dem Körper erzeuget werde, sondern der
Erfolg, der, bey der äusserlichen Sollicitation in
dem Körper aus der innern Naturkraft entstehenden Bestrebung
ist; daß also alle diejenige, die nichts als das Maaß der
äusserlich wirkenden mechanischen Ursachen annehmen um das
Maaß der Kraft in dem leidenden Körper, daraus zu bestimmen, wofern sie
nur richtig urtheilen, niemals etwas anders, als Cartesens Schätzung antreffen werden.
§ 152.
Muschenbröckscher
mechanischer
Beweiß der
lebendigen Kräfte.Der Beweis
des Herrn von
Musschenbröck
ist folgender.
Nehmet einen hohlen Cylinder, an welchem eine
Feder feste gemacht ist. Aus dem Cylinder
muß ein Stab hervorragen, der mit Löchern versehen ist, und der durch
die Oeffnung eines steifen Bleches durchgestecket wird. Wenn
ihr nun die stählerne Feder an dieses Blech mit Gewalt andrücket, und
spannet, so, daß der Stab durch die Oeffnung desselben weiter
herausraget, so könnet ihr sie in dieser Spannung
erhalten, indem ihr auf der hervorragenden Seite desselben einen Stift durch ein Loch des Stabes
durchstecket. Endlich hänget den Cylinder als ein
Pendul an zwey Fäden an irgend einer Maschiene auf, sodann ziehet den
Stift heraus, so wird die Feder losschnellen, und dem Cylinder eine
gewisse Geschwindigkeit geben, die durch die erlangte Höhe
erkannt wird. Benennet diese
Geschwindigkeit mit
10. Hierauf machet denselben Cylinder zweymal schwerer als
er vorher war, indem ihr in denselben so viel Gewichte
hineinleget als hiezu nöthig seyn, und spannet die Feder
wie zuvor. Wenn ihr sie nun alsdenn wiederum losschnellen lasset:
so werdet ihr durch die Höhe, die er erreichet, befinden, daß die
Geschwindigkeit 7,07 Grade habe. Hieraus argumentiret Herr
von Musschenbröck wie folget.
Die Feder
war beydemal gleich gespannet, und hat daher in
beyden Fällen gleiche Kraft gehabt, und da sie jedes mal ihre
ganze Kraft anwendet, so hat sie auch beyde male, gleiche Kräfte in
den Cylinder hineingebracht; also muß die Kraft, die ein Körper von
einfacher Masse mit 10 Graden Geschwindigkeit besitzet,
derjenigen gleich seyn, die in einem andern, der eine zweyfache Masse
und 7,07 Grade Geschwindigkeit hat,
anzutreffen ist. Dieses ist aber auf keine andere Art
möglich, als wenn man die Kraft nach
dem Product aus der Masse in das Quadrat der Geschwindigkeit
schätzet; denn alle andere mögliche Functionen der
Geschwindigkeit lassen diese Gleichheit nicht zu,
aber nach der Quadratschätzung allein sind die Quadrate der
Zahlen 10 und 7,07, quam
proxime in umgekehrter Verhältniß der Massen 1 und
2, folglich die Producte derselben in die gegenseitige
Massen gleich.
Es sind also, schließt
er, die Kräfte nicht nach dem Maaße der Geschwindigkeiten,
sondern dem Quadrate derselben zu schätzen.
§ 153.
Ich bin verbunden, die
Erinnerung, die ich gegen dieses Argument darlegen will, nicht gar zu weitläuftig zu machen; daher will
ich von der gegründeten Einwendung die ich hiebey noch machen
könte nichts erwehnen, daß die Momente des Druckes, der sich
ausspannenden Feder, auch nach dem Geständnisse der
Leibnitzianer nur
todte Kräfte seyn, folglich, so wohl sie, als die damit dem Körper
ertheilte Momente der Kraft, nur schlechthin nach den
Geschwindigkeiten müssen geschätzet werden, mithin auch die
ganze Kraft, die die Summe dieser Momente ist; sondern ich will
auf eine, jedermann bekannte mechanische Art,
die die Deutlichkeit der Geometrie an sich hat, verfahren,
aber zugleich etwas ausführlich erläutern, nicht als wenn die Sache
nicht leicht genug wäre, daß sie
auch kürzer könte begriffen werden, sondern
damit alle Verwirrung, die in Ansehung der Wirkung der Federn
bis daher in
dem Streite der Kräftenschätzung geherrschet hat, ein vor
allemal gänzlich abgethan werde.
§ 154.
Herr von
Musschenbröck spricht: die Feder ist in beyden
Fällen gleich gespannet, folglich hat sie in beyden gleiche
Kraft, sie theilet aber jedesmal ihrem Cylinder ihre ganze
Kraft mit, also giebet sie auch beyde male, wenn sie
sich ausstrecket ihrem Cylinder eine gleiche Kraft. Dieses ist das Fundament des Beweises,
aber auch des Irrthums, wiewohl dieser nicht so wohl personlich
dem Herrn von
Musschenbröck, als vielmehr den
gesammten Vertheidigern der Leibnitzischen
Kräftenschätzung eigen
ist.
Eine gleich
gespannte
Feder, theilet
einem größeren Körper
eine größere
Kraft mit, als
einem kleinern.Wenn man von der ganzen Kraft einer Feder
redet, so kan man darunter nichts anders
als die Intension ihrer Spannung
verstehen, welche derjenigen Kraft gleich ist, die der Körper, in den sie wirket, in einem
Moment von dem Drucke derselben überkommt.
In Ansehung dieser kan man wohl sagen, daß sie
gleich sey, der Körper, in den die Feder
wirket, mag groß oder klein seyn. Allein, wenn man auf diejenige Kraft siehet, welche
dieselbe in einen Körper in einer gewissen Zeit
durch ihre fortgesetzte Drückung hineinbringt, so
ist offenbar: daß die Größe, der auf diese Weise
in den Körper gebrachten Kraft, auf die Größe der Zeit
ankomme, in welcher die gleiche Drückung sich in
dem Körper gehäufet hat; und daß je größer diese
Zeit ist, desto größer auch die Kraft sey, die
die gleich gespannte Feder in derselben dem Körper
ertheilet. Nun kan man aber die Zeit, die die Feder,
indem sie einen Körper fortstößet, brauchet, bis sie
sich ganz ausgestrecket hat, länger machen,
nachdem man will, wenn man nemlich die
Masse, die da fortgestoßen werden soll, größer
machet, wie dieses niemanden unbewust
ist; also kan man auch nach Belieben veranstalten, daß
eben dieselbe Feder bey gleicher Spannung bald mehr
bald weniger Kraft durch ihre Ausstreckung austheilet, nachdem
die Masse, die durch die Feder getrieben
wird, vermehret oder vermindert wird. Hieraus erhellet,
wie wiedernatürlich der Ausdruck ist:
daß die Feder einem Körper den sie fortstößt
durch die Ausreckung ihre ganze Kraft ertheile. Denn die
Kraft, die sie dem Körper giebt, ist ein Erfolg,
der nicht allein von der Kraft der
Feder, sondern zugleich von der Beschaffenheit des gestoßenen
Körpers abhanget, nachdem dieser sich länger, oder kürzer unter
den Drückungen dieser Feder befindet, d. i. nachdem er
grösser, oder kleiner an Masse ist, die Kraft der Feder an sich
betrachtet aber, ist nichts anders, als das Moment ihrer
Ausspannung.
§ 155.
Auflösung
der Muschenbröckschen Schwierigkeit.Nunmehro ist es leicht die Verwirrung in dem Musschenbröckischen
Beweise zu verhüten.
Der zweymal schwerere Cylinder ist den
Drückungen der Feder länger ausgesetzet, indem
diese sich ausstrecket, als der andere von einfacher Masse.
Diesen stößt die Feder mit gleicher Spannungskraft geschwinder
fort, und endigt den Raum ihrer Ausstreckung mit ihm in kürzerer Zeit,
als mit jenem. Weil aber das Moment der Kraft, welche die Feder
in jedwedem Augenblicke den Cylindern eindruckt, in beyden gleich
ist, (denn das Moment ihrer Geschwindigkeit, ist umgekehrt wie die Massen,) so muß der
schwerere Cylinder durch den Antrieb der Feder mehr Kraft
überkommen, als der leichtere. Also ist diejenige
Schätzung falsch, nach welcher diese Kräfte in beyden würden
gleich befunden werden, d. i. sie können
nicht nach dem Quadrat der Geschwindigkeit geschätzet
werden.
§ 156.
Woher
die Quad. der Geschwindigkeiten der
Cylinder in
verkehrter
Verhältniß
der Massen seyn.Wenn man noch die Ursache wissen will, woher denn hier eben die Geschwindigkeiten der
Cylinder, die sie von derselben Feder
erhalten, just so proportionirt seyn, daß ihre Quadrate sich umgekehrt wie die Massen
verhalten, (welche Verhältniß eigentlich
dasjenige ist, wodurch der Vertheidiger des Herrn von
Leibnitz angelocket worden,) so können wir auch dieses ohne Schwierigkeit klar
machen, ohne deshalber eine andere als
Cartesens Maaß zu Hülfe zu nehmen.
Denn es ist aus den
ersten Gründen der Mechanick bekannt: daß in einförmig
beschleunigter Bewegung, (motu uniformiter
accelerato) die Quadrate der
erlangten Geschwindigkeiten, sich wie die
durchgelaufene Räume verhalten; folglich, wenn die
Momente der Geschwindigkeiten zweyer Körper, die beyde in motu uniformiter
accelerato begriffen
sind, ungleich seyn, werden die Quadrate der Geschwindigkeiten,
die sie in solcher Bewegung erlangen, in zusammengesetzter
Verhältniß, aus den Räumen und diesen Momenten stehen. Nun
theilet aber im Musschenbröckischen Versuche die gleich gespannte Feder jedwedem
Cylinder seine Bewegung motu uniformiter
accelerato mit, und die Räume sind
gleich, die sie mit solcher beschleunigten Bewegung durchlaufen,
indem die Feder sich bis zum Puncte ihrer größten
Ausdehnung ausstrecket, also verhalten sich die Quadrate der hiebey
überkommenen Geschwindigkeiten, wie die Momente der Geschwindigkeit, die
die Drückung der Feder jedwedem Cylinder ertheilet,
d. i. umgekehrt, wie die Massen dieser
Cylinder.
§ 157.
Nunmehro
komme ich dahin, diejenige Versuche und
Erfahrungen darzulegen, welche die
Wirklichkeit und das Daseyn der nach dem
Quadrat der Geschwindigkeit zu
schätzenden Kräfte in der Natur unwiedersprechlich beweisen, und meinen geneigten Leser vor alle
mühsame Aufmerksamkeit, die ihm
gegenwärtige schlechte Aufsätze verursacht
haben, mit einer siegreichen Ueberzeugung belohnen
werden.
Versuche,
die die
lebendigen Kräfte beweisen.
Ich habe nur mit denenjenigen zu thun, welchen
die Beschaffenheit der Streitsache von
den lebendigen Kräften genugsam bekannt
ist. Daher setze ich voraus, daß meine Leser von den berüchtigten Versuchen der Herren Ricciolus, s’Gravesande, Poleni und von
Musschenbröck hinlängliche Kundschaft haben,
welche den Kräften der Körper nachforscheten,
indem sie die Eindrücke maaßen, die dieselbe durch den Stoß in
weiche Materien
verursachten. Ich will nur kürzlich berühren: daß Kugeln
von gleicher Größe und Masse, die von ungleicher Höhe in
die weiche Materie
z. E. Unschlitt frey herabfielen,
solche Höhlen in dieselbe eingeschlagen haben, welche die Proportion der Höhen
hatten, von denen sie herabgefallen waren,
d. i. die Verhältniß des Quadrates
ihrer Geschwindigkeiten; und
daß, wenn dieselbe gleich an Größe, aber von ungleicher Masse
waren, die Höhen aber, von denen man sie
fallen ließ, in umgekehrter Proportion dieser Massen
standen, alsdenn die in die weiche Materie
eingeschlagenen Höhlen gleich befunden wurden. Wieder die Richtigkeit dieser Versuche
haben die Cartesianer
nichts einzuwenden gewußt, es ist nur die hieraus gezogene Folgerung
gewesen, darum man gestritten
hat.
Die Leibnitzianer haben hieraus folgendergestalt ganz richtig
argumentiret. Die Hinderniß, die
die weiche Materie der Kraft des hineindringenden Körpers entgegensetzet,
ist nichts anders, als der Zusammenhang ihrer Theile, und daher bestehet dasjenige, was der
Körper zu thun hat, indem er in
dieselbe hineindringt, einzig und allein darinn, daß er ihre
Theile trennet. Es ist aber dieser Zusammenhang durch die ganze weiche
Masse gleichförmig, also ist die Quantität des Wiederstandes und daher
auch der Kraft, die der Körper anwenden muß dieselbe zu
brechen, wie die Summe der zertrennten Theile, d. i. wie die Größe der
eingeschlagenen Höhlen. Diese aber verhalten
sich, laut dem angeführten Versuche, wie die Quadrate der
Geschwindigkeiten der eindringenden Körper, folglich sind
die Kräfte von diesen wie die Quadrate ihrer
Geschwindigkeiten.
§ 158.
Einwurf
der Cartesianer.Die Vertheidiger des Cartesius haben
hiewieder nichts tüchtiges einwenden können.
Allein, weil sie ehedem mit
ungezweifelter Gewißheit eingesehen hatten, daß die
lebendige Kräfte durch die Mathematik
verdammet würden, auf die sich gleichwohl die Leibnitzianer auch beriefen, so gedachten sie sich
aus dieser Schwierigkeit so gut als sie konten heraus zu
helfen, indem sie nicht zweifelten, daß derjenige Versuch betrüglich
seyn müßte, welcher etwas festzusetzen schiene, was die
Geometrie nicht erlaubte. Wir haben hergegen schon oben die nöthige
Erinnerungen beygebracht, jetzt wollen wir nur sehen, was es vor eine
Ausflucht gewesen sey, deren die Cartesianer sich bedienet haben den
angeführten Versuch ungültig zu machen.
Sie wandten ein, die Leibnitzianer hätten hier wiederum
auf die Zeit nicht Acht, in der diese Höhlen gemacht wären.
Die Zeit sey bey der Ueberwindung der Hindernisse
dieser weichen Materie eben so ein Knoten, als sie bey
der Ueberwindung der Schwere gewesen war.
Die eingedruckte Höhlen würden nicht in gleicher Zeit
gemacht. Kurz sie waren überzeugt, daß der Einwurf von
wegen der Zeit bey der Ueberwältigung
der Hindernisse der Schwere gültig gewesen, (wie er es
denn auch
in der That gewesen ist,) und nun, dachten sie, könte man
ihn hie wiederum auf die Bahn bringen, und mit eben solchem
Erfolg gegen die lebendige Kräfte gebrauchen.
§ 159.
Wird
wiederleget.Ich weiß wohl, daß die
Leibnitzianer
dieser Klage kurz abgeholfen
haben, indem sie unter andern zwey Kegel von
unterschiedlicher Grundfläche in die weiche Materie fallen
liessen, wobey die Zeiten, darinn ihre Höhlen
gemacht wurden, nothwendig musten gleich seyn, und dennoch der
Erfolg so wie vorher beschaffen war; allein ich
will auch diesem Vortheile absagen, und die
Schwierigkeit,
die die Cartesianer machen, aus dem Grunde zernichten.
Bey
der Wirkung
der Schwere kommt
die Zeit mit in Anschlag.Man darf weiter nichts thun, als die Ursache
erwegen,
weswegen der Wiederstand der Schwerdrückung, die ein Körper überwinden soll, nicht dem Raume,
sondern der
Zeit proportionirt ist. Der Grund ist aber dieser. Wenn der Körper eine Feder der Schwere überwindet, so
vernichtet er nicht hiedurch ihre Wirksamkeit, sondern
er leistet ihr nur das Gegengewichte, sie aber behält ihre
Wiederstrebung dennoch unvermindert, um in ihn so lange
immerfort mit gleichem Grade zu wirken, als er ihr
ausgesetzet ist. Wenn der Körper eine jede Feder der Gravität
dadurch, daß er sie überwältiget, zugleich so zu sagen zersprengen
und ihre Kraft vernichtigen möchte, so ist kein Zweifel, daß, weil jede
Feder gleiche Kraft hat, der Wiederstand, den der Körper erleidet,
der Summe aller zersprengten Federn gleich seyn würde, die Zeit möchte
nun seyn, wie sie wollte. Aber nun behält jede Feder ohngeachtet
sie vom Körper überwunden wird ihre Drückungskraft, und setzet diese in ihn so lange fort, als er sich
unter derselben befindet, folglich kan vor die Wirkung,
die eine einzige Feder thut nicht ein einzelner und untheilbarer
Druck angegeben werden, sondern sie thut eine an einander hangende Reihe
von Druckungen, welche um desto größer ist, je längere Zeit der
Körper ihr unterworfen ist, z. E. in denenjenigen Theilen
des Raumes, da die Bewegung des Körpers langsamer ist, da ist
auch das Zeittheilchen des Aufenthalts in jedem Puncte länger, als da,
wo die Bewegung geschwinder ist, folglich erduldet er dort von einer jeden einzelnen Feder eine längere
Reihe gleicher Drückungen als
hier.
Dieses befindet sich bey
der weichen Materie
ganz anders.Allein dieses befindet sich bey der Trennung
der weichen Masse ganz anders. Ein jedes
Element der weichen Masse hat eine gleiche Kraft
zusammenzuhängen, und hiedurch
benimmt sie dem Körper, der sie trennet einen gleichen Grad Kraft, aber eben dadurch wird
sie auch zugleich zertrennet, und thut also fortan schon
keinen Wiederstand mehr, die Zeit, die er sich bey ihr
aufhält, mag hernach so groß seyn, wie sie wolle. Denn hier
wird die Feder durch eben die Wirkung, die ihrem Wiederstand gleich
ist, zugleich zerbrochen, und kan daher nicht noch fortfahren zu
wirken, so wie die Feder der Schwere, die an
sich unzerstörlich war. Daher ist der Wiederstand, den die
weiche Masse dem eindringenden Körper thut, wie die Summe der Federn
die er zerbricht, d. i. wie die Höhle, die er einschläget,
ohne daß hiebey die Zeit im geringsten etwas zu thun
hat.
§ 160.
Die Leibnitzianer haben Ursache über diese wichtige
Vergehung der Cartesianer mit nicht geringer
Befriedigung zu triumphiren. Dieser Zufall rächet den Schimpf, den ihnen die Verweisung so
mancherley Fehltritte zugezogen hat, durch ein gleiches Schicksal an
ihren Gegnern. Die Leibnitzianer
haben die lebendige Kräfte in solchen Fällen zu finden vermeynt, darin
sie nicht waren, aber was hindert dieses? haben die Cartesianer sie
doch nicht in denen Fällen sehen können, darinn
sie wirklich waren, und darinn sie niemand ohne große
Verblendung hätte übersehen können.
§ 161.
Der angeführte
Versuch also, erweiset das Daseyn solcher Kräfte in der Natur, die das
Quadrat der Geschwindigkeit zum Maaße haben; allein unsere
vorhergehende Betrachtungen erklären, bey welchen
Bedingungen dieselbe nicht statt
haben, und auch welche Bedingungen die einzigen sind, unter
denen sie Platz finden können. Wenn man sich dieses alles nach
unsrer Anweisung zu Nutze macht, so überkommt
man nicht allein eine hinlängliche Gewißheit von den
lebendigen Kräften, sondern auch einen Begriff von ihrer
Natur, der nicht allein richtiger, sondern auch
vollständiger ist als er sonst jemals gewesen ist,
oder auch
hat seyn können. Die besondere Beschaffenheit dieses
vorhabenden Versuches, giebt noch einige
ausserordentliche Merkmahle an die
Hand, die zu besondern Anmerkungen Anlaß geben können; allein
ich kan mich durchaus in dieselbe nicht einlassen, nachdem die
Aufmerksamkeit des geneigten Lesers durch so viel
verwickelte Untersuchungen ermüdet, vielleicht nichts mehr
als den Schluß dieser Betrachtungen wünschet.
Es ist aber noch ein einziges, welches ich nicht
unberührt lassen kan, weil es die vorhergehende Gesetze
bestätiget, und ihnen ein großes Licht ertheilet. Der
Versuch, den wir vorhaben, beweiset solche Kräfte,
die die Schätzung nach dem Quadrat der Geschwindigkeit an
sich haben, daher müssen, nach Maaßgebung der
4ten Nummer des 138. §. die Geschwindigkeiten der Wiederstrebung jedes Elementes
der Hinderniß in diesem Versuche mit endlichen Graden
geschehen, denn wenn sie nur mit unendlich
kleinen geschehen möchten, wie die Drückungen der
Schwere, so würde die Ueberwindung derselben
eben so wenig als an diesen eine nach dem Quadrat zu
schätzende Kraft zu erkennen geben, § 139.
Wir wollen also beweisen: daß der Renisus eines jeglichen Elementes
der weichen Masse nicht mit unendlich kleiner
Geschwindigkeit, wie die Schwere, sondern mit einem endlichen
Grade geschehe.
§ 162.
Das
Moment der
Hinderniß der
weichen Materie
geschiehet
mit endlicher
Geschwindigkeit.
Wenn man die Cylindrische Höhle, welche der
Kugelförmigte Körper in die weiche Materie einschläget, in
ihre übereinanderliegende
Cirkel-Scheibchen, deren Dicke
unendlich
klein ist, eintheilet, so zeigt ein jegliches
derselben das Element der verrückten Masse
an. Ein jedes von diesen benimmt
also dem eindringenden Körper einen unendlich kleinen Theil seiner Geschwindigkeit, weil
sie alle insgesammt ihm die ganze Geschwindigkeit nehmen.
Da aber die Quantität eines solchen Cirkulscheibchens gegen
die Masse der Kugel unendlich klein ist, so folget, daß die
Geschwindigkeit seiner Wiederstrebung von endlicher Größe seyn
müsse, damit er dem Körper einen unendlich kleinen Theil seiner
Bewegung durch seinen Wiederstand benehmen könne. Also
leistet ein jegliches Element der weichen
Materie, dem hineinschlagenden Körper ihren Wiederstand, mit einer
Bestrebung, die ein endliches Maaß der
Geschwindigkeit hat. W. Z. E.
§
163.
So haben wir denn unser Geschäfte vollführet, welches
in Ansehung des Vorwurfs, worauf es gerichtet
war, groß genug gewesen ist, wenn nur die Ausführung
diesem Unterfangen gemäß gewesen wäre. Ich bilde mir ein, daß
ich, insonderheit was das Hauptwerk betrift,
auf eine unwidersprechliche Gewißheit Anspruch machen
könne. In Ansehung dieses
Vorzuges, dessen ich mich anmaaße, kan ich die
gegenwärtige Handlung nicht
endigen, ohne vorher mit meinen Gläubigern die Rechnung an
Gelehrsamkeit und Erfindung, zu schließen. Nach
den scharfsinnigen Bemühungen der Cartesianer,
war es nicht schwer, die Verwirrung der Quadratschätzung mit
der Mathematik zu verhüten, und nach den sinnreichen Anstalten
der Leibnitzaner,
war es fast unmöglich,
sie in der Natur zu vermissen. Die Kenntniß dieser
zwey äussersten Grenzen, muste ohne Schwierigkeit den
Punct bestimmen, darinnen das wahre von beyden Seiten
zusammen fiel. Diesen anzutreffen, war nichts weniger
als eine große Scharfsinnigkeit nöthig, es
bedurfte nur einer kleinen Abwesenheit des
Partheyeneifers, und ein kurzes
Gleichgewicht der Gemüthsneigungen, so war die Beschwerde so fort
abgethan. Wenn es mir gelungen hat, in der
Sache des Herrn von Leibnitz
einige Fehltritte warzunehmen, so bin ich dennoch auch
hierin ein Schuldner dieses großen Mannes, denn ich würde
nichts vermocht haben, ohne den Leitfaden des vortreflichen
Gesetzes der Continuität, welches wir diesem
unsterblichen Erfinder zu danken haben, und welches das
einzige Mittel war, den Ausgang aus diesem
Labyrinthe zu finden. Kurz, wenn gleich die Sache aufs beste zu
meinem Vortheile ausfällt: so ist der Antheil der
Ehre, der mir übrig bleibt, doch so gering, daß
ich nicht befürchte, die Ehrsucht könne sich so weit
erniedrigen, mir dieselbe zu mißgönnen.