Untersuchung der Frage,
Ob
die Erde in ihrer Umdrehung um die Achse,
wodurch sie
die Abwechselung des Tages und der Nacht hervorbringt,
einige Veränderung seit den ersten Zeiten ihres Ursprungs erlitten
habe,
welches die Ursache davon sey,
und woraus man sich ihrer versichern könne,
welche
von der Königl. Academie der Wissenschaften zu Berlin
zum Preise
vor das jetztlaufende Jahr aufgegeben worden.
In: Wochentliche Königsbergische Frag- und Anzeigungs-Nachrichten.
No: 23. Sonnabends, den 8. Junii Anno
1754.
Beschluß: No: 24. Sonnabends, den 15. Junii
Anno 1754.
Das Urtheil wird in kurtzem bekannt werden, welches die
Königliche Academie der Wissenschaften über diejenige Schriften fällen wird, die
bey Gelegenheit ihrer Aufgabe auf dieses Jahr um den Preis gestritten haben. Ich
habe über diesen Vorwurf Betrachtungen
angestellet, und da ich nur die physikalische Seite desselben erwogen, so habe ich
meine Gedancken darüber kürtzlich entwerfen wollen, nachdem ich eingesehen, daß er
seiner Natur nach auf dieser Seite unfähig ist, zu demjenigen Grade der
Vollkommenheit gebracht zu werden, welche diejenige Abhandlung haben muß, die den
Preiß davon tragen soll.
Die Aufgabe der Academie bestehet in folgendem: Ob
die Erde in ihrer Umdrehung um die Achse, wodurch sie die Abwechselung des Tages
und der Nacht hervorbringt, einige Veränderung seit den ersten Zeiten ihres
Ursprungs erlitten habe, welches die Ursache davon sey, und woraus man sich ihrer
versichern könne? Man kan dieser Frage historisch nachspühren, indem man die
Denckmaale des Alterthums aus den entferntesten Zeiten, von der Grösse ihres Jahres
und den Einschaltungen, deren sie sich
haben bedienen müssen, um zu verhindern, daß der Anfang desselben nicht durch alle
Jahreszeiten beweglich sey, mit der Länge des in unseren Tagen bestimmten Jahres
vergleichet, um zu sehen, ob jenes in den ältesten Zeiten mehr oder weniger Tage oder
Stunden in sich gehalten habe als jetzo; in welchem ersten Falle die Schnelligkeit
der Achsendrehung verringert, in dem zweyten aber bis anjetzt vermehret worden. Ich
werde in meinem Vorwurfe nicht durch die Hülfsmittel der Geschichte Licht zu bekommen
suchen. Ich finde diese
Die Erde wältzet sich unaufhörlich um ihre Achse, mit einer freyen Bewegung, die, nachdem sie ihr einmal zugleich mit ihrer Bildung eingedrückt worden, fortan unverändert und mit gleicher Geschwindigkeit und Richtung in alle unendliche Zeiten fortdauren würde, wenn keine Hinderniße oder äusserliche Ursachen vorhanden wären, sie zu verzögern, oder zu beschleunigen. Ich unternehme mir darzuthun, daß die äusserliche Ursache wircklich vorhanden sey, und zwar eine solche, die die Bewegung der Erde nach und nach verringert, und ihren Umschwung in unermeßlich langen Perioden gar zu vernichten trachtet. Diese Begebenheit, die sich dereinst zutragen soll, ist so wichtig und wundersam, daß obgleich der fatale Zeitpunckt ihrer Vollendung so weit hinausgesetzet ist, daß selber die Fähigkeit der Erdkugel bewohnt zu seyn, und die Dauer des menschlichen Geschlechts vielleicht nicht an den zehnten Theil dieser Zeit reichet, dennoch auch nur die Gewisheit dieses bevorstehenden Schicksaals, und die stätige Annäherung der Natur zu demselben ein würdiger Gegenstand der Bewunderung und Untersuchung ist.
Wenn der Himmelsraum mit einer einigermaassen widerstehender Materie
erfüllet wäre, so würde der tägliche Umschwung der Erde an derselben eine
unaufhörliche Hinderniß antreffen, wodurch seine Schnelligkeit sich nach und nach
verzehren und endlich erschöpfen müste. Nun ist aber dieser Wiederstand nicht zu besorgen, nachdem
Wenn die Erde eine gantz feste Masse ohne alle Flüßigkeiten wäre, so
würde die Anziehung weder der Sonne noch des Mondes etwas thun, ihre freye
Achsendrehung zu verändern; denn sie ziehet die östliche so wohl als die westliche
Theile der Erdkugel mit gleicher Kraft, und verursacht dadurch keinen Hang weder nach
der einen, noch der andern Seite, folglich läßt sie die Erde in völliger Freyheit,
diese Umdrehung, so wie ohne allen äusserlichen Einfluß, ungehindert fortzusetzen. In
dem Falle aber, daß die Masse eines Planeten eine beträchtliche Qvantität des
flüßigen Elements in sich fasset, so werden die vereinigte Anziehungen des Mondes und
der Sonne, indem sie diese flüßige Materie bewegen, der Erde einen
Es ist wahr, wenn man die Langsamkeit dieser Bewegung mit der
Schnelligkeit der Erde, die Geringschätzigkeit der Qvantität des
(Der Beschluß folget künftig.)
Immanuel Kant.
Damit wir die Grösse der Wirckung,
welche die beständige Bewegung des Oceans von Morgen gegen Abend der
Achsendrehung der Erde entgegensetzet, einiger maaßen schätzen können: so
wollen wir nur den Anfall, den das Weltmeer gegen die
morgendliche Küsten des festen Landes von America thut, ausrechnen, indem wir
dessen Erstreckung bis zu beyden Polen verlängern, dadurch, daß wir, was daran
fehlet, durch die hervorragende Spitze von Africa und durch die Orientalische
Küsten Asiens mehr als überflüßig ersetzen. Laßt uns die Geschwindigkeit der
angeführten Meeres-Bewegung unter dem Aeqvator 1 Fuß in einer Secunde, und nach den Polen, eben so wie
die Bewegung der Parallelzirckel, abnehmend setzen; endlich mag die Höhe
derjenigen Fläche, die das feste Land dem Anfalle des Wassers darbiethet, in
senckrechter Tiefe geschätzet, toises (Französische sechsfüßigte Ruthen)
angenommen werden: so werden wir die Gewalt, womit das Meer durch seine Bewegung
diese ihr entgegenstehende Fläche drücket, dem Gewichte eines Wasserkörpers gleich
finden, dessen Basis der gantzen gedachten Fläche von einem Pol zum andern, die
Höhe aber ⅟
Nun leidet zwar die Abnahme der täglichen Bewegung dadurch grosse
Einschränckungen: daß 1. die Dichtigkeit der gantzen Erdmasse nicht, wie hier
vorausgesetzt worden, der specifischen Schweere des Wassers gleich ist. 2. Die
Geschwindigkeit des fluthenden Meeres in dessen offener Weite ungleich gringer als
auf ein Fuß in einer Secunde zu
seyn scheinet; dagegen aber wird dieser Mangel überflüßig ersetzet, dadurch, daß
1. die Kraft der Erdkugel, die hier als in fortschiessender Bewegung
Man wird diesemnach ferner nicht zweifeln können: daß die
immerwährende Bewegung des Weltmeeres von Abend gegen Morgen, da sie eine
wirckliche und nahmhafte Gewalt, auch immer etwas zu Verminderung der
Achsendrehung der Erde beytrage, deren Folge in langen Perioden ohnfehlbar
mercklich werden muß. Nun solten billig die Zeugnisse der Geschichte herbeygeführt
werden, um die Hypothese zu unterstützen; allein ich muß gestehen, daß ich keine
Spuhren einer so wahrscheinlich zu vermuthenden Begebenheit antreffen kan, und
Wenn die Erde sich dem Stillstande ihrer Umwältzung mit stetigen
Schritten nähert, so wird die Periode dieser Veränderung alsdenn vollendet seyn,
wenn ihre Oberfläche in Ansehung des Mondes in respecktiver Ruhe seyn wird,
d. i. wenn sie sich in derselben Zeit um die Achse drehen wird,
darinn der Mond um sie läuft, folglich ihm immer dieselbe Seite zukehren wird.
Dieser Zustand wird ihr durch die Bewegung der flüßigen Materie verursachet, die
einen Theil ihrer Oberfläche nur bis auf eine gar gringe Tiefe bedecket. Wenn sie
bis in den Mittelpunkt durch und durch flüßig wäre, so würde die Anziehung des
Mondes in gar kurtzer Zeit ihre Achsenbewegung bis zu diesem abgemessenen
Ueberrest bringen. Dieses leget uns auf einmal die Ursache deutlich dar, die den
Mond genöthigt hat, in seinem Umlaufe um die Erde ihr immer dieselbe Seite
zuzukehren. Nicht eine Ueberwicht der
zugekehrten Theile über die abgewandte, sondern eine würcklich gleichförmige
Umwendung des Mondes um seine Achse, gerade in der Zeit da er um die Erde läuft,
bringet diese immerwährende Darbiethung derselben Hälfte zuwege. Hieraus läßt sich
mit Zuverläßigkeit schliessen: daß die Anziehung, welche die Erde an dem Monde
ausübet, zu Zeit seiner ursprünglichen Bildung, als seine Masse noch flüßig Cosmogonie, oder Versuch, den Ursprung des
Weltgebäudes, die Bildung der Himmelskörper, und die Ursachen ihrer Bewegung,
aus den allgemeinen Bewegungsgesetzen der Materie, der Theorie des Newtons
gemäß her zu leiten, in kurtzem öffentlich erscheinen wird.