Kant's Werke Schriften 1747–1756 Die Frage: Ob die Erde veralte? Physikalisch erwogen Kant Immanuel Pollok Anne Pollok Konstantin Gerhardt Volker Antragsteller und Projektleitung Willaschek Marcus Projektleitung Schepelmann Maja Koordination und editionswissenschaftliche Beratung Rosie Martin Koordination und editionswissenschaftliche Beratung Karl Jacqueline Koordination Neumann Gerald Entwicklung und Layout der digitalen Edition, Bereitstellung der Schnittstellen Fricke Edna Entwicklung TEI-Datenmodell und Schema sowie Konversionsroutinen für Überführung der Daten in das TEI-Format Geldgeber sind im Folgenden alphabetisch angeordnet; kein Anspruch auf Vollständigkeit. Akademienprogramm Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien, Prof. Monika Grütters Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) Hamburger Stiftung zur Förderung von Wissenschaft und Kultur Mathias-Tantau-Stiftung Fritz-Thyssen-Stiftung ZEIT STIFTUNG BUCERIUS Vollständige digitalisierte Ausgabe der Druckversion der historisch-kritischen Neuedition der Akademieausgabe. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften (BBAW) Neuedition der Abteilung I, „Werke“, der Akademie-Ausgabe von „Kant‘s gesammelten Schriften“ Berlin 2023 Creative Commons Attribution-ShareAlike 4.0 International (CC BY-NC-SA 4.0) Ob die Erde veralte Kant's Werke Band 1: Schriften 1747–1756 Die Frage: Ob die Erde veralte? Physikalisch erwogen Kant Immanuel Pollok Anne Pollok Konstantin 167–186 De Gruyter Berlin Boston 2023 9783110706482 Kant's gesammelte Schriften Erste Abteilung Werke – Neuedition Band 1 German Corrected Corrected Corrected Corrected Corrected Preparation Initial conversion into TEI and manual adaptations

Die Frage: Ob die Erde veralte?

Physikalisch erwogen

In:Wochentliche Königsbergische Frag- und Anzeigungs-Nachrichten.

No. 32. Sonnabends, den 10. August. Anno 1754.

1. Fortsetzung: No. 33. Sonnabends, den 17. August. Anno 1754.

2. Fortsetzung: No. 34. Sonnabends, den 24. August. Anno 1754.

3. Fortsetzung: No. 35. Sonnabends, den 31. August. Anno 1754.

4. Fortsetzung: No. 36. Sonnabends, den 7. Sept. Anno 1754.

Beschluß: No. 37. Sonnabends, den 14. Sept. Anno 1754.

Wenn man wissen will, ob ein Ding alt, ob es sehr alt, oder noch jung zu nennen sey, so muß man es nicht nach der Anzahl der Jahre schätzen die es gedauert hat, sondern nach dem Verhältniß, das diese zu derjenigen Zeit haben, die es dauren soll. Eben dieselbe Dauer, die vor eine Art von Geschöpfen ein hohes Alter kan genannt werden, ist es nicht vor eine andere. In derselben Zeit, da ein Hund veraltet, hat der Mensch kaum seine Kindheit überschritten, und die Eichen und Cedern auf dem Libanon sind noch nicht in ihrer männlichen Stärke, wenn die Linden oder Tannen alt werden und verdorren. Am meisten fehlet der Mensch, wenn er in dem Großen der Werke GOttes, zum Maasstabe des Alters die Reihe der menschlichen Geschlechter anwenden will, welche in dieser Zeit verfloßen sind. Es ist zu besorgen daß es mit seiner Art zu urtheilen bewandt sey, wie mit der Rosen ihrer beym Fontenelle , welche von dem Alter ihres Gärtners muthmaßeten. Unser Gärtner, sagten sie, ist ein sehr alter Mann, seit Rosen gedenken ist er derselbe, der er immer gewesen, in der That er stirbt nicht, er verändert sich nicht einmal . Wenn man die Dauerhaftigkeit erweget, die bey den Anstalten der Schöpfung an den grossen Gliedern ihres Innbegriffes angetroffen wird, und welche einer Unendlichkeit nahe kommt, so wird man bewogen zu glauben: daß ein Ablauf von 5 oder 6000 Jahren vor die der Erde bestimmte Dauer vielleicht noch nicht dasjenige sey, was ein Jahr in Ansehung des Lebens eines Menschen ist.

Die Wahrheit zu gestehen, wir haben keine Merkmale in der Offenbarung woraus wir abnehmen können, ob die Erde anjetzt jung oder alt, als in der Blüthe ihrer Vollkommenheit, oder in dem Verfall ihrer Kräfte begriffen, könne angesehen werden. Sie hat uns zwar die Zeit ihrer Ausbildung und den Zeitpunkt ihrer Kindheit entdecket, aber wir wissen nicht, welchem von den beyden Endpunkten ihrer Dauer, dem Punkte ihres Anfanges oder Unterganges, sie anjetzo näher sey. Es scheinet in der That ein der Untersuchung würdiger Vorwurf zu seyn, zu bestimmen, ob die Erde veralte und sich durch eine allmählige Abnahme ihrer Kräfte dem Untergange nähere, ob sie jetzt in der Periode dieses abnehmenden Alters, oder ob ihre Verfassung annoch im Wohlstande sey, oder wohl gar die Vollkommenheit, zu der sie sich entwickeln soll, noch nicht völlig erreicht, und sie also ihre Kindheit vielleicht noch nicht überschritten habe.

Wenn wir die Klagen bejahrter Leute hören, so vernehmen wir die Natur ältere merklich und man könne die Schritte verspühren die sie zu ihrem Verfall thue. Die Witterungen, sagen sie, wollen nicht mehr so gut wie vormals einschlagen. Die Kräfte der Natur sind erschöpft, ihre Schönheit und Richtigkeit nimmt ab. Die Menschen werden weder so stark noch so alt mehr als vormals. Diese Abnahme, heißt es, ist nicht allein bey der natürlichen Verfassung der Erde zu bemerken, sie erstreckt sich auch bis auf die sittliche Beschaffenheit. Die alte Tugenden sind erloschen, an deren statt finden sich neue Laster. Falschheit und Betrug haben die Stelle der alten Redlichkeit eingenommen. Dieser Wahn, welcher nicht verdient wiederlegt zu werden, ist nicht so wohl eine Folge des Irrthums als der Eigenliebe. Die ehrliche Greise, welche so eitel sind, sich zu überreden, der Himmel habe die Sorgfalt vor sie gehabt sie in den blühendsten Zeiten an das Licht zu stellen, können sich nicht überreden, daß es nach ihrem Tode noch eben so gut in der Welt hergehen solle, als es zugieng ehe sie gebohren waren. Sie möchten sich gerne einbilden die Natur veralte zugleich mit ihnen, damit es sie nicht reuen dörfe eine Welt zu verlassen die schon selber ihrem Untergange nahe ist.

So ungegründet wie diese Einbildung ist, das Alter und Dauerhaftigkeit der Natur nach dem Maasstabe eines einzigen Menschenalters meßen zu wollen, so scheinet doch eine andere Vermuthung dem ersten Anblicke nach nicht eben so ungereimt: daß in einigen tausend Jahren vielleicht einige Veränderung in der Verfaßung des Erdbodens merklich werden könne. Es ist hier nicht gnug mit Fontenellen   anzumerken: daß die Bäume vor Alters nicht größer geworden als jetzo, daß die Menschen weder älter noch stärker gewesen als sie es jetzt sind, es ist sage ich dieses noch nicht genug, um daraus zu schliessen, daß die Natur nicht veralte. Diese Beschaffenheiten haben ihre, durch die wesentliche Bestimmungen ihnen festgesetzte Schranken, welche auch die vortheilhafteste Beschaffenheit der Natur und der blühendste Wohlstand derselben nicht weiter treiben können. In allen Ländern ist in Ansehung dessen kein Unterscheid; die fetten und in den besten Himmelsgegenden liegende Länder, haben vor den magern und unfruchtbaren hierinn keinen Vorzug; Allein, ob, wenn man zwischen zuverläßigen Nachrichten alter Zeiten und der genauen Beobachtung der gegenwärtigen eine Vergleichung anstellen könte, nicht einiger Unterscheid in der Fruchtbarkeit derselben würde zu bemerken seyn, ob die Erde nicht etwa ehedem weniger Wartung bedurft hat dem menschlichen Geschlechte den Unterhalt darzureichen, dieses scheinet, wenn es entschieden werden könte, ein Licht in der vorhabenden Aufgabe zu versprechen. Es würde gleichsam die ersten Glieder einer langen Progreßion vor Augen legen, an welchen man erkennen könnte, welchem Zustande die Erde sich in langen Zeitläuften ihres Alters allgemach nähere. Diese Vergleichung aber ist sehr ungewiß, oder vielmehr unmöglich. Der Menschen Fleiß thut so viel zur Fruchtbarkeit der Erde: daß man schwerlich wird ausmachen können, ob an der Verwilderung und Verödung derjenigen Länder, die vordem blühende Staaten waren und jetzo fast gänzlich entvölkert seyn, die Nachläßigkeit der erstern, oder die Abnahme der letztern am meisten Schuld sey. Ich will diese Untersuchung denenjenigen empfehlen, die mehr Geschicklichkeit und Neigung haben diese Frage nach beyden Bedingungen in den Denkmalen der Geschichte zu prüfen; ich will sie lediglich als ein Naturkündiger abhandlen, um, wo möglich, von dieser Seite zu einer gründlichen Einsicht zu gelangen.

Immanuel Kant

(Die Fortsetzung folgt künftig.)

Fortsetzung der physischen Erwegung der Frage: Ob die Erde veralte.

Die Meinung der meisten Naturforscher welche Theorien der Erde entworfen haben gehet dahin, daß die Fruchtbarkeit der Erde allmählig abnehme, daß sie sich dem Zustande mit langsamen Schritten nähere unbewohnter und wüst zu werden, und daß es nur Zeit brauche, um die Natur gänzlich veraltet und in der Ermattung ihrer Kräfte erstorben zu sehen. Diese Frage ist wichtig, und es verlohnt sich wohl der Mühe sich mit Behutsamkeit diesem Schlusse zu nähern.

Lasset uns aber vorher den Begriff bestimmen, den man sich von dem Veralten eines sich durch natürliche Kräfte zur Vollkommenheit ausbildenden, und durch die Kräfte der Elemente modificirenden Körpers zu machen hat.

Das Veralten eines Wesens ist in dem Ablauf seiner Veränderungen nicht ein Abschnitt, der äussere und gewaltsame Ursachen zum Grunde hat. Eben dieselbe Ursachen, durch welche ein Ding zur Vollkommenheit gelanget und darinn erhalten wird, bringen es durch unmerckliche Stuffen der Veränderungen seinem Untergange wiederum nahe. Es ist eine natürliche Schattirung in der Fortsetzung seines Daseyns, und eine Folge eben derselben Gründe, dadurch seine Ausbildung bewirket worden, daß es endlich verfallen und untergehen muß. Alle Naturdinge sind diesem Gesetze unterworfen, daß derselbe Mechanismus der im Anfange an ihrer Vollkommenheit arbeitete, nachdem sie den Punkt derselben erreicht haben, weil sie  fortfahren das Ding zu verändern, selbiges nach und nach wiederum von den Bedingungen der guten Verfassung entfernen, und dem Verderben mit unvermerckten Schritten endlich überliefern. Dieses Verfahren der Natur zeiget sich deutlich an der Oekonomie des Pflanzen und Thierreichs. Eben derselbe Trieb, der die Bäume wachsen macht, bringet ihnen den Tod, wenn sie ihr Wachsthum vollendet haben. Wenn die Fasern und Röhren keiner Ausdehnung mehr fähig sind, so fängt der nährende Saft, indem er fortfähret sich den Theilen einzuverleiben, das Inwendige der Gänge an zu verstopfen und zu verdichten, und das Gewächs durch die gehemmte Bewegung der Säfte endlich absterben und verdorren zu machen. Eben der Mechanismus wodurch das Thier oder der Mensch lebt und aufwächst, bringt ihm endlich den Tod wenn das Wachsthum vollendet ist. Denn, indem die Nahrungssäfte, welche zu dessen Unterhalte dienen, die Canäle an die sie sich ansetzen, nicht mehr zugleich erweitern und in ihrem Inhalte vergrössern, so verengen sie ihre inwendige Höle, der Kreislauf der Flüßigkeiten wird gehemmt, das Thier krümmt sich, veraltet und stirbt. Eben so ist der allmähliche Verfall der guten Verfassung der Erde ebenfals in die Folge der Abänderungen, welche ihre Vollkommenheit anfänglich bewirketen, so eingeflochten, daß er nur in langen Zeitläuften kenntlich werden kan. Wir müssen daher auf die veränderlichen Scenen, welche die Natur von ihrem Anfange an bis zur Vollendung spielet, einen flüchtigen Blick werfen, um die gantze Kette der Folgen zu übersehen, darinn das Verderben das letzte Glied ist.

Die Erde, als sie sich aus dem Chaos erhub, war unfehlbar vorher in flüßigem Zustande. Nicht allein ihre runde Figur, sondern vornemlich die sphäroidische Gestalt, da die Oberfläche, gegen die, durch die Kraft der Umdrehung veränderte Richtung der Schweere, in allen Punkten eine senkrechte Stellung annahm, beweisen, daß ihre Masse die Fähigkeit gehabt hat sich zu der Figur, die das Gleichgewicht in diesem Falle erfordert, von selber zu bequemen. Sie ging aus dem flüßigen Zustande in den festen über; und zwar sehen wir unverwerfliche Spuhren, daß die Oberfläche sich zuerst gehärtet hat, indessen daß das Inwendige des Klumpens, in welchem die Elemente nach den Gesetzen des Gleichgewichts sich annoch schieden, die untermengte Partickeln des elastischen Luftelements unter die gehärtete Rinde immer hinaufschickte und weite Höhlen unter ihr zubereitete, worinn dieselbe mit mannigfaltigen Einbeugungen hineinzusincken, die Unebenheiten der Oberfläche, das feste Land, die Gebürge, die geräumige Vertiefungen des Meeres und die Scheidung des Trockenen von dem Gewässer hervorzubringen veranlaßt wurde. Wir haben eben so ungezweifelte Denkmaale der Natur, welche zu erkennen geben: daß diese Umstürzungen in langen Zeitläuften nicht völlig aufgehöret haben, welches der Größe eines flüßigen Klumpens, wie das inwendige unserer Erde damals war und lange blieb, gemäß ist, in der die Scheidung der Elemente und die Absonderung der im gemeinen Chaos vermengten Luft nicht so bald vollendet ist, sondern die erzeugte Hölungen nach und nach vergrößert und die Grundvesten der weiten Wölbungen aufs neue wankend gemacht und eingestürtzt, eben dadurch aber gantze Gegenden, die unter der Tiefe des Meeres begraben waren, entblösset und andere dagegen versenkt wurden. Nachdem das inwendige der Erde einen festern Stand überkommen und die Ruinen aufgehöret hatten, wurde die Oberfläche dieser Kugel ein wenig ruhiger, allein sie war noch von dem Zustande einer vollendeten Ausbildung weit entfernet; den Elementen musten noch erst ihre gewisse Schranken festgesetzt werden, welche durch Verhinderung aller Verwirrung die Ordnung und Schönheit auf der gantzen Fläche erhalten könnten. Das Meer erhöhete selber die Ufer des festen Landes mit dem Niedersatz der hinaufgetragenen Materien, durch deren Wegführung es sein eigenes Bette vertiefte; es warf Dünen und Dämme auf, die den Ueberschwemmungen vorbeugten. Die Ströhme, welche die Feuchtigkeiten des festen Landes abführen solten, waren noch nicht in gehörige Fluthbette eingeschlossen, sie überschwemmeten noch die Ebenen, bis sie sich selber endlich in abgemessene Canäle beschränkten, und einen einförmigen Abhang von ihrem Ursprunge an bis zu dem Meere zubereiteten. Nachdem die Natur diesen Zustand der Ordnung erreicht und sich darinn bevestigt hatte, so waren alle Elemente auf der Oberfläche der Erden im Gleichgewichte. Die Fruchtbarkeit breitete ihre Reichthümer auf allen Seiten aus, sie war frisch, in der Blüthe ihrer Kräfte, oder, wenn ich mich so ausdrücken darf, in ihrem männlichen Alter.

Immanuel Kant

(Die Fortsetzung folgt künftig.)

Fortsetzung der physischen Erörterung der Frage: Ob die Erde veralte.

Die Natur unserer Erdkugel hat in dem Fortschritte ihres Alters in allen ihren Theilen nicht eine gleiche Stuffe erreichet. Einige Theile derselben sind jung und frisch, indessen daß sie in andern abzunehmen und zu veralten scheinet. In gewissen Gegenden ist sie roh und nur noch halbgebildet, da andere in der Blüthe ihres Wohlstandes sich befinden und noch andere nach Zurücklegung ihrer glücklichen Periode sich schon allgemach dem Verfall nähern. Ueberhaupt sind die hohen Gegenden des Erdbodens die ältesten, die zuerst aus dem Chaos erhoben und zur Vollendung der Ausbildung gelanget sind, die niedrige sind jünger und haben die Stuffe ihrer Vollkommenheit später erreicht. Nach dieser Ordnung wird daher jene das Loos zuerst treffen sich dem Verderben wiederum zu näheren, indessen daß diese von ihrem Schicksale noch weiter entfernet sind.

Die Menschen haben die höchsten Gegenden des Erdbodens zuerst bewohnt; sie sind nur spät in die Ebenen hinabgestiegen und haben selbst Hand anlegen müssen die Ausarbeitung der Natur zu beschleunigen, welche vor die schnelle Vermehrung derselben zu langsam in ihrer Ausbildung war. Aegypten, dieses Geschencke des Nilstroms, war in seinem obersten Theile bewohnt und volckreich, als das halbe Unterägypten, das gantze Delta, und die Gegend, da der Nil durch Absetzung des Schlammes den Boden seines Auslauffs erhöhete, und sich die Ufer eingeschränckter Fluthbette aufwarf, noch ein unbewohnterer Morast war. Itzo scheinet die Gegend des alten Thebais wenig mehr von derjenigen ausnehmenden Fruchtbarkeit und Blüthe an sich zu haben, die seinen Wohlstand so außerordentlich machte; dagegen ist die Schönheit der Natur in die niedrige und jüngere Theile des Landes hinabgestiegen, welche anjetzt den Vorzug der Fruchtbarkeit vor den hohen behaupten. Die Gegend von Niederdeutschland, die eine Zeugung des Rheins ist, die plattesten Theile von Niedersachsen, der Theil von Preußen, da die Weichsel sich in so viel Arme theilet und gleichsam auf ihr ewiges Recht erpicht, die Länder oftermals unter ihrem Gewässer zu bedecken trachtet, die der Menschen Fleiß ihm zum Theil abgewonnen hat, scheinen jünger fetter und blühender zu seyn, als die höchsten Gegenden des Ursprungs dieser Flüße, die schon bewohnt waren, als die letztere noch Morräste und Meerbusen waren.

Diese Veränderung der Natur ist einer Erläuterung würdig. Die Flüße fanden nicht gleich anfangs, als das trockne vom Meere befreyet wurde, fertige Schläuche und einen zubereiteten einförmigten Abhang ihres Laufes. Sie traten noch an vielen Orten über und machten stehende Gewässer, die das Land unbrauchbar machten. Nach und nach hölten sie sich in dem frischen und weichen Erdreiche Canäle aus und mit dem weggespühlten Schlamme, damit sie angefüllet waren, bildeten sie zu beyden Seiten ihres stärcksten Zuges eigene Ufer, welche bey niedrigem Wasser ihren Strohm fassen und einschräncken konnten, bey stärckerer Aufschwellung aber durch das Uebertreten nach und nach erhöhet wurden, bis ihre vollkommen ausgebildete Fluthbette in den Stand gesetzt waren, das Wasser, welches die umliegende Länder ihnen lieferten, mit einförmigten gemäßigten Abhange bis ins Meer abzuführen. Die höchste Gegenden sind die ersten, die dieser nöthigen Auswickelung der Natur sich zu erfreuen hatten und wurden daher auch zuerst bewohnt, indessen daß die niedrige eine Zeitlang mit der Verwirrung stritten, und später zur Vollkommenheit gelangeten. Seitdem bereichern sich die niedrigen Länder mit dem Raube der hohen Gegenden. Die Flüße, die zu der Zeit da sie hoch anschwellen mit dem abgespühlten Schlamme trächtig sind, setzen bey ihren Ueberströhmungen nahe zu dem Ausfluße derselben diesen ab, erhöhen den Boden über den sie sich ausbreiten, und bilden das trockene, welches, nachdem der Fluß seine Ufer bis zur gehörigen Höhe vermehret hat, bewohnbar und durch die Fettigkeit der hohen Gegenden gedünget fruchtbarer als diese wird.

Durch diese fortschreitende Bildung und die Veränderung, die die Gestalt der Erde erleidet, werden die tiefere Gegenden bewohnbar, wenn die Höhen es bisweilen aufhören zu seyn. Allein dieser Wechsel betrift nur vornemlich einige Länder, die nemlich Mangel an dem Wasser des Himmels erleiden, und daher, ohne das periodische Ueberschwemmen der nöthigen Feuchtigkeit entbehren und eine unbewohnte Wüste bleiben müssen, wenn die Flüße durch eigene Erhöhung ihrer Ufer dieser Ueberschwemmung Schrancken gesetzt haben. Aegypten ist das deutlichste Beyspiel von dieser Veränderung, welches so sehr in seiner Beschaffenheit verändert worden: daß, da das gantze Land, nach dem Zeugnisse des Herodots , 900 Jahre vor seiner Zeit, gantz überschwemmet worden, wenn der Fluß nur 8 Fuß angewachsen, zu seiner Zeit 15 Fuß hochsteigen muste, um es gäntzlich zu bedecken, da nunmehro zu unserer Zeit schon 24 Fuß Anwachs dazu erfodert werden. Woraus das, diesem Lande durch eine stetige Annäherung, mehr und mehr drohende Verderben zu ersehen ist.

Weil aber diese Abänderung der Natur, in soweit sie an einigen Theilen des Erdbodens allein haftet, unerheblich und gering ist, so muß die Frage von dem Veralten der Erde im Gantzen bestimmet werden, und zu dem Ende sind die Ursachen zuförderst zu prüfen, denen die meisten Naturforscher diese Wirckung beymessen, und daraus den Verfall der Natur dieser Kugel vorher zu verkündigen hinlänglich erachtet haben.

Die Erste Ursache fließet aus der Meinung derjenigen, welche die Saltzigkeit des Meeres den Flüßen zuschreiben, die das aus dem Erdreich ausgelaugte Saltz, das der Regen in ihre Ströhme bringet, mit sich ins Meer führen, woselbst es, bey der beständigen Abdünstung des süßen Wassers, zurückbleibt, sich häuft und auf diese Art dem Meere alle das Saltz verschaffet hat, das es noch in sich hält. Es ist hieraus leicht abzunehmen: daß, da das Saltz das vornehmste Triebwerck des Wachsthums und die Qvelle der Fruchtbarkeit ist, nach dieser Hypothese, die ihrer Kraft nach und nach beraubte Erde in einen todten und unfruchtbaren Zustand mußte versetzt werden.

Die Zweyte Ursache ist in der Wirckung des Regens und der Flüße in Ansehung der Abspühlung des Erdreichs und Wegführung desselben in das Meer zu setzen, welches dadurch immermehr und mehr ausgefüllet zu werden scheinet, indessen daß die Höhe des festen Landes sich beständig verringert: so, daß zu besorgen stehet, daß Meer müste, indem es nimmermehr erhoben wird, endlich genöthigt werden das trockene wiederum zu übersteigen, welches ehedem seiner Herrschaft entzogen worden.

Die dritte Meynung ist die Vermuthung derjenigen, welche, indem sie gewahr werden daß das Meer sich von den meisten Ufern in langen Zeiten mercklich zurück zieht, und grosse Strecken die vordem im Grunde des Meeres lagen in trocken Land verwandelt, entweder eine würckliche Verzehrung dieses flüßigen Elements durch eine Art der Transformation in einen festen Zustand besorgen, oder andere Ursachen befürchten, die den Regen, der aus dessen Ausdünstungen bestehet, hindern wiederum dahin zurück zu kehren, woher er erhoben worden.

Die vierte und letzte Meynung kan derjenigen ihrer seyn, die einen allgemeinen Weltgeist, ein unfühlbares aber überall würcksames Principium und das geheime Triebwerck der Natur annehmen, dessen subtile Materie durch unaufhörliche Zeugungen beständig verzehret würde, daher die Natur in Gefahr stünde bey dessen Verminderung in einer allmähligen Ermattung alt zu werden und zu ersterben.

Diese Meynungen sind es, die ich zuförderst kürtzlich prüfen und dann diejenige gründen will, welche mir die wahre zu seyn düncket.

(Die Fortsetzung folgt.)

Immanuel Kant.

Dritte Fortsetzung der physischen Erörterung der Frage: Ob die Erde veralte.

Wofern es mit der ersten Meinung seine Richtigkeit hätte, so würde folgen daß alles Saltz, womit die Gewäßer des Oceans und aller mittelländischen Meere geschwängert sind, vordem mit dem Erdreich, welches das feste Land bedecket, vermischet gewesen, und, indem es durch den Regen aus demselben ausgewaschen, durch die Flüße dahin abgeführet worden, auch beständig auf die gleiche Art noch hineingebracht werde. Allein zum Glücke vor die Erde und zum Wiederspiel vor diejenige, die vermittelst einer solchen Hypothese die Saltzigkeit des Meeres durch eine leichte Erklärung begreiflich zu machen gedencken, findet man bey genauer Prüfung diese Vermuthung ungegründet. Denn vorausgesetzt: daß die mittlere Qvantität des Regen-Wassers, was in einem Jahr auf die Erde fält, 18 Zoll hoch sey, welches diejenige Menge ist, die in der temperirten Zone beobachtet worden, und daß alle Flüße von dem Regenwasser entspringen und genährt werden, imgleichen daß von dem Regen der auf das feste Land fält, nur zweydrittel durch die Flüsse wiederum ins Meer komme, ein drittel aber theils verdunstet, theils zum Wachsthum der Pflantzen angewandt wird, endlich: daß das Meer nur die Hälfte der Oberfläche der Erde einnehme, welches das mindeste ist das man annehmen kan; so wird man die angeführte Meinung in die vortheilhafteste Bedingungen versetzt haben, und dennoch werden alle Ströhme des Erdbodens in das Meer in einem Jahre nur 1 Schu Wasser hineinbringen, und würden es, wenn man die mittlere Tiefe desselben auch nur hundert Klafter annimmt, dennoch allererst in 600 Jahren voll machen, nachdem die Ausdunstung selbiges in eben so viel Jahren völlig ausgetrocknet hätte. Nach dieser Rechnung wäre der Ocean durch den Einfluß aller Bäche und Ströhme nun schon seit der Schöpfung zehnmal voll geworden; das Saltz aber, das von diesen Flüßen nach der Ausdünstung zurück geblieben, könte nur zehnmal so viel austragen, als dasjenige, womit es natürlicher Weise begabt ist; woraus folgen müste: daß, um den Grad der Saltzigkeit des Meeres herauszubekommen, man einen Cubicschuh Flußwasser nur zehnmal dürfe abdünsten lassen, worauf dessen zurückgebliebenes Saltz eben so viel, als eine gleiche Quantität Meerwasser nach einer einzelnen Abdünstung zurück läßt, austragen würde; welches gar zu weit von der Warscheinlichkeit entfernt ist, als daß es auch nur einen Unwissenden überreden könte, weil nach Wallerii Rechnung, das Wasser in der Nordsee, an den Orten, wo wenige Flüße ins Meer fallen, den zehnten, bisweilen den siebenten, im Bothnischen Meerbusen, wo selbiges sehr mit dem süssen Fließwasser verdünnet ist, dennoch den vierzigsten Theil Saltz in sich enthält. Die Erde ist also auf diesen Fuß hinlänglich gesichert, durch den Regen und die Flüße ihr Saltz und Fruchtbarkeit nicht zu verlieren. Es ist vielmehr zu vermuthen, daß das Meer, anstatt das feste Land seiner saltzigen Theile zu berauben, selbigem eher von den Seinigen mittheile; denn, obgleich die Ausdünstung das grobe Saltz zurück läßt, so erhebt es doch einen Theil desjenigen das flüchtig geworden, welches zusamt den Dünsten über das feste Land geführet wird, und dem Regen diejenige Fruchtbarkeit ertheilet, dazu dieser, selbst vor dem Fließwasser, vorzüglich geschickt ist.

Die andere Meinung hat einen grössern Grad der Glaubwürdigkeit, und stimmet mit sich selber viel besser überein. Manfred , der sie in dem Commentario des Bologneser Instituts so gelehrt als vorsichtig abgehandelt, und dessen Ausführung in dem allgemeinen Magaz. der Nat. zu finden ist, mag bey Prüfung derselben ihr allein das Wort reden. Er bemerket: daß der alte Fußboden der Cathedralkirche zu Ravenna, welcher unter dem neuen mit Schutte bedeckt angetroffen wird, 8 Zoll niedriger als die Wasserwage des Meeres sey, wenn selbiges Fluth hat, und daher zu der Zeit ihrer Erbauung, wenn das Meer damals nicht niedriger als jetzo gewesen, bey jeder Fluth hätte müssen unter Wasser gesetzt werden, weil die alten Zeugniße beweisen: daß das Meer dazumal bis an diese Stadt gegangen sey. Er führet zur Bestätigung seiner Meinung, daß die Höhe des Meeres beständig zugenommen habe, den Fußboden der St. Markus-Kirche zu Venedig an, der jetzo so niedrig ist: daß, wenn die Lagune angeschwollen, sowohl der St. Markusplatz bisweilen überschwemmet, als auch er selber unter Wasser gesetzt wird; da doch nicht zu vermuthen stehet: daß bey ihrer Erbauung es schon also bewandt gewesen seyn werde. Imgleichen beruft er sich auf die marmorne Banck, die um das Rathhaus St. Marci geführet worden, vermuthlich den Schiffahrenden zu Gute, um zu Fusse in ihre Fahrzeuge zu kommen, welche zu diesem Zweck nunmehro beynahe untauglich geworden, weil sie zur Zeit der ordentlichen Fluth einen halben Schuh tief unter Wasser stehet; daß also aus den angeführten Merckmalen erhelle, das Meer müsse anjetzt eine grössere Höhe als in vorigen Zeiten erlangt haben. Diese Meinung zu erklären, behauptet er: daß die Flüße den Schlamm, womit sie zur Zeit ihres Anschwellens angefüllet sind, und den die Regenbäche von den Höhen des festen Landes abgespühlet haben, in das Meer schleppen, und dadurch den Boden desselben erhöhen, wodurch dasselbe genöthigt werde sich zu erheben, nach dem Maaße als sein Bette allmählig ausgefüllet worden. Um das Maas dieser Erhöhung des Meeres, mit derjenigen, die die wirckliche Merckmale an die Hand geben, einstimmig zu machen, suchte er die Quantität des Schlammes zu schätzen, die die Ströhme, wenn sie trüb fliessen, mit sich führen, indem er gegen das Ende des Hornungs, das Wasser des Strohms, der bey Bononien fliesset, schöpfte, und nachdem er die Erde sich hatte setzen lassen, sie ⅟1 7 4 des Wassers, welches selbige in sich gehalten, befand. Hieraus, und aus der Menge des Wassers, welches die Ströhme in einem Jahre ins Meer führen, bestimmte er die Höhe, auf welche das Meer durch diese Ursache allmählig steigen solte, so daß es in 348 Jahren auf 5 Zoll müste höher befunden werden.

(Die Fortsetzung folgt.)

Immanuel Kant.

Vierte Fortsetzung der physischen Erörterung der Frage: Ob die Erde veralte.

Durch die Betrachtung, welche wir von der marmornen Banck um das St. Markus-Rathhaus zu Venedig angeführet haben und durch das Verlangen ein Maaß zu haben, die Größe seiner übrigen Bemerkungen dadurch zu bestimmen, wurde Manfred bewogen, die vorerwehnte Erhöhung der Meeresfläche so weit zu vermehren, daß sie in 230 Jahren ein Fuß austrüge, weil, wie er behauptet die Flüsse außer der zarten Erde die ihre Waßer trübe macht noch viel Sand, Steine u. d. g. mit sich ins Meer schleppen. Auf diesen Fuß würde das Unglück der Erde mit ziemlich schnellen Schritten herbeyrücken, obgleich er doch noch mit ihr behutsamer handelt als Hartsöcker , der aus dergleichen Beobachtung beym Rheinstrohm die Erde das Schicksaal ankündigt, daß innerhalb 10000 Jahren ihr bewohnbarer Theil müße weggespühlt seyn, das Meer alles bedecken, und nichts als die kahle Felsen aus denselben hervorragen; woraus man sich auf den Grad des Verfalls in einer etwas mindern Zeit, z. E. von 2000 Jahren, leichtlich die Rechnung machen kan.

Der wahre Fehler dieser Meinung besteht nur in dem Mehr oder Weniger; sonsten ist sie im Grunde richtig. Es ist an dem, daß der Regen und die Flüße das Erdreich abspühlen, und ins Meer führen; allein es ist weit gefehlt, daß sie es in so großem Grade thun solten, als der Verfaßer vermuthet. Er nahm willkührlich an, daß die Ströhme das ganze Jahr über so trübe fließen, als sie es in denjenigen Tagen thun, da der von den Gebirgen abthauende Schnee die heftige Gießbäche verursacht, welche das Erdreich anzugreifen die volle Gewalt haben, und da das Erdreich selber völlig durchnetzt und durch die vorigte Winterkälte mürbe genug geworden, um so leicht als möglich weggespühlt zu werden. Wenn er diese Behutsamkeit zugleich mit der Aufmerksamkeit verbunden hätte, die er auf den Unterscheid der Flüße hätte haben sollen, deren diejenige, die von Gebirgen unterhalten werden, wegen der Gewalt der Giesbäche welche sich in sie vergiessen, mehr geraubte Erde als andern die von dem platten Lande ernährt werden in sich halten, so würde sich seine Rechnung so sehr verringert haben, daß er den Anschlag vermuthlich hätte fahren lassen, die Erklärung der beobachteten Veränderungen darauf zu gründen. Wenn man endlich hiebey noch erwegt: daß das Meer durch eben diese Bewegung, weswegen man ihm beymißt, daß es nichts todes bey sich leide, nemlich durch die beständige Abführung aller Materie, die nicht gleichen Grad der Beweglichkeit hat, an die Ufer, diesen Schlamm nicht auf seinem Grunde sich häufen lasse, sondern ihn unverzüglich an das feste Land absetze und es damit vermehre: so würde die Furcht, den Schlauch des Meeres damit ausgefüllet zu sehen, sich in eine gegründete Hofnung verwandelt haben, durch den Raub der hohen Gegenden an den Seeufern beständig neu Land zu überkommen; Denn in der That, in allen Meerbusen, z. E. in demjenigen so den Nahmen des rothen Meeres führet, imgleichen im Venetianischen Golfo ziehet sich das Meer, von der Spitze allmählig zurück, und das trockene Land macht an dem Reiche des Neptuns beständig neue Erwerbungen; an statt daß, wenn die Vermuthung des erwehnten Naturforschers gegründet wäre, sich das Gewäßer immer mehr über die Ufer ausbreiten und das trockne Erdreich unter dem naßen Elemente begraben würde.

Was aber die Ursache der Erniedrigung der Gegenden am Ufer des adriatischen Meeres betrift, so wolte ich (wofern es wirklich damit seine Richtigkeit hat, daß es nicht immer so gewesen,) deshalber mich lieber an eine Beschaffenheit des Landes wenden, die Italien vor vielen andern besonders hat. Wir wißen nemlich: daß die Grundfeste dieses Landes untergewölbt sey, und daß die Erdbeben, ob sie gleich vornemlich in dem untern Italien wüten, dennoch auch bey dem obern ihre Gewalt auslassen und durch ihre Erstreckung in weite Gegenden, ja so gar bis unter die Meere hinweg die zusammenhangende unterirrdische Hölungen zu erkennen geben. Wenn nun die Erschütterung der unterirrdischen Entzündungen die Grundfeste derselben zu bewegen vermögend ist und sie schon oft bewegt hat, ist es nicht zu vermuthen, daß die Rinde nach vielen heftigen Anfällen einigermaßen sich gesenckt habe und in Ansehung der Meeresfläche könne niedriger geworden seyn?

Die dritte Meinung, welche die Vermehrung des trocknen Landes und Verringerung der Gewässer auf dem Erdboden als einen Vorboten ihres Verderbens ansieht, hat eben so wohl anscheinende Gründe aus der Beobachtung als die vorige, aber weniger begreifliche Ursache sie zu erklären. Denn es ist gewiß, daß, obgleich es scheinen möchte das Meer, wenn es an einer Seite das feste Land gleich allmählig trocken läßt, bemächtige sich davor wieder anderer Gegenden in welche es sich hineinarbeitet, und halte sich im Gantzen schadlos, dennoch, wenn man es genau erweget, weit grössere Strecken von dem Meere entblößt werden, als diejenige sind über die es sich ausbreitet. Vornemlich verläßt das Meer die niedrigen Gegenden und nagt an den hohen Ufern, weil diese seinem Anfall vornemlich ausgesetzt sind und die erstern selbigen durch eine gelinde Abschießigkeit vereiteln. Dieses allein könnte einen Beweis abgeben: daß die Meeresfläche sich überhaupt nicht mehr und mehr erhebe; denn man würde den Unterscheid am deutlichsten an den Ufern spühren, da das Land mit gringem Abfall sich zum Boden des Meeres allmählig erniedrigt; daselbst würden 10 Fuß Erhöhung des Wassers dem festen Lande viel abgewinnen, da  es sich vielmehr gantz entgegen verhält, und, indem das Meer diejenige Dämme, die es vordem aufgeworfen hat und über die es ohne Zweifel damals weg gegangen ist, nun nicht mehr erreicht, beweiset, daß es seitdem niedriger geworden; wie z. E. die 2 preußische Nehrungen, die Dünen an den holländischen und englischen Küsten nichts anders als Sandhügel sind, die das Meer ehedem aufgetrieben hat, die aber anjetzt als Schutzwehren wieder daßelbe dienen, nachdem solches die Höhe nicht mehr erreichet sie zu übersteigen.

Soll man aber, um dieses Phänomenon in seiner vollen Gültigkeit zu lassen, zu einer wirklichen Verschwindung des flüßigen Elements und Verwandlung desselben in einen festen Zustand, oder zu einer Versiegung des Regenwassers in das innere der Erde, oder zu einer stets zunehmenden Vertiefung des Bettes der See, durch dessen unaufhörliche Bewegung, seine Zuflucht nehmen. Der erstere Grund würde wohl den mindesten Antheil an einer merklichen Veränderung haben, ob er gleich nicht so sehr, wie es scheinet, einer gesunden Naturwißenschaft widerstreitet. Denn, gleichwie andere flüßige Materien bisweilen einen festen Stand annehmen, ohne dennoch ihr Wesen zu verlieren, z. E. Qvecksilber, welches in den Versuchen des Boerhaave die Gestalt eines rothen Pulvers annimt, die Luft, die Hales in allen Vegetabilischen Producktis, vornemlich dem Weinstein als einen festen Körper angetroffen hat, so thut ohne Zweifel dieses das Waßer gleichfals, dessen Theile in der Bildung der Pflantzen ihre Flüßigkeit abzulegen scheinen, so, daß das allerausgetrokneteste zerriebene Holtz bey chymischer Auflösung doch immer Wasser von sich giebt, woraus es nicht unwahrscheinlich wird: daß ein Theil der Gewäßer des Erdbodens zu der Bildung der Gewächse verwandt wird und nimmer in das Meer zurückkehrt. Allein zum wenigsten kan diese Abnahme nicht merklich werden. Der zweyte Grund kan gleichfals in absolutem Verstande nicht in Abrede gezogen werden. Das Regenwaßer, welches die Erde in sich ziehet, sinket zwar in dieser nur vornemlich so tief, bis es etwas dichtere Schichten findet, die es nicht durchlassen und es nöthigen nach dem Abhange derselben einen Ausgang zu suchen und Qvellen zu unterhalten. Allein es wird jederzeit etwas von demselben durch alle Schichten bis zu den felsichten sich hinderseigen und auch in diesen durch ihre Ritze dringen und diejenige unterirrdische Waßer sammlen, welche bey Gelegenheit einiger Erdbeben zuweilen hervorgebrochen sind und Länder überschwemmt haben.

Siehe der Königl. Akad. der Wissensch. zu Paris physische Abhandlungen von Steinwehrsche  Übers. 2ter Band. p.  246.

Dieser Verlust des Meerwaßers könte vielleicht nicht unbeträchtlich seyn und verdiente genauer erwogen zu werden. Allein der dritte Grund scheinet wohl den grössesten und unstrittigsten Antheil an der verminderten Höhe des Meeres zu haben welche immer abnehmen muß je tiefer dieses sein Bette ausarbeitet wiewohl auf diese Art nicht der geringste Schritt zum Verderben der Erde zu besorgen ist.

(Der Beschluß folget künftig.)

Immanuel Kant.

Beschluß der physischen Erörterung der Frage: Ob die Erde veralte.

Welches ist denn das Resultat der Prüfung, die über die bisher vorgetragene Meinungen angestellt worden? Wir haben die drey erstere verneinend entschieden. Das Erdreich verliert keine Saltzigkeit durch das abspülen des Regens und der Bäche; die fette Erde wird nicht durch die Flüße mit unersetzlichem Verlust in das Meer geschleppet, um es endlich auszufüllen und die Gewässer desselben über das bewohnte Land wiederum zu erheben. Sie führen in der That demselben den Raub der hohen Gegenden zu; allein dieses bedienet sich desselben, um es  wiederum an den Ufern des festen Landes abzusetzen, und die Unterhaltung und Bildung der Vegetabilien kostet dem Meere einen wirklichen Aufwand ausgedunstetes Wassers, deren ein nahmhafter Theil den flüßigen Zustand abzulegen und das Erdreich wegen seines Verlusts schadlos zu halten scheinet. Endlich hat die Vermuthung von der wircklichen Abnahme der Gewässer des Oceans, ungeachtet ihrer Warscheinlichkeit, doch noch nicht genugsam gegründete Zuverläßigkeit, um in einer sichern Hypothese einen entscheidenden Ausspruch zu veranlassen. Es bleibet also in Ansehung der Veränderung der Gestalt der Erde eine einzige Ursache übrig, worauf man mit Gewisheit rechnen kan, welche darinn bestehet: daß der Regen und die Bäche, indem sie das Erdreich beständig angreifen und von den hohen Gegenden in die niederen abspühlen, die Höhen nach und nach eben zu machen und so viel an ihnen ist, die Gestalt der Erde ihrer Unebenheiten zu berauben trachten. Diese Wirkung ist gewiß und zuverläßig. Das Erdreich ist dieser Veränderung auch so lange unausgesetzt unterworfen, so lange es an dem Abhange der hohen Theile Materien giebt, welche von dem Regenwasser angegriffen und weggespühlt werden können, und sie wird von derselben nicht eher frey seyn, als bis nach weggespühlten lockeren Schichten die felsichte Grundlagen derselben die einzige Höhen ausmachen werden, die keine Veränderung mehr erleiden. Diese Veränderung ist nicht allein wegen der Versetzung der Schichten, davon die fruchtbarsten unter den todten versenckt und begraben werden, sondern vielmehr wegen der Aufhebung der nützlichen Eintheilung des festen Landes in Thäler und Höhen, die besorgliche Ursache ihres bevorstehenden Verderbens. Wenn man die gegenwärtige Einrichtung des festen Landes ansiehet, so wird man mit Bewunderung eine regelmäßige Beziehung der erhabenen Gegenden gegen die tiefen gewahr: daß das Erdreich in weiten Strecken sich mit gemäßigtem Abhange nach dem Schlauche eines Flusses neiget, der die größte Tiefe des Thals einnimmt, und nach dessen Erstreckung eine ebenmäßige fortgehende Abschießigkeit bis zu dem Meere hin hat, darinn solcher sein Wasser ausleeret. Diese wohlgeordnete Verfassung, die das feste Land von dem Ueberfluße des Regenwassers befreyet, beruhet sehr auf den Grad ihrer Größe, damit weder ein gar zu grosser Abfall, das Wasser welches zur Fruchtbarkeit angewandt werden soll, zu schnell abführe, noch eine gar zu gringe Abschießigkeit es zum Schaden derselben zu lange darauf ruhen und sich häufen lasse. Allein diese vortheilhafte Bestimmung leidet durch die stetswährende Wirkung des Regens beständigen Abbruch; indem derselbe die Höhen vermindert, und dadurch, daß er die abgerissene Materien in die niedrigen Gegenden führet, die Gestalt der Erden allmählig der Beschaffenheit nähert, die sie haben würde, wenn alle Ungleichheiten der Oberfläche verschwunden wären, und das ohne Abzug sich häufende Wasser, das der Regen über den Erdboden führet, den Schooß derselben durchweichen und die bewohnbare Verfassung zernichten würde. Ich habe schon angemerkt: daß die Vollendung des Veraltens der Erde, ob sie gleich in langen Zeiten kaum mercklich werden kan, dennoch ein gegründeter und wissenswürdiger Vorwurf der philosophischen Betrachtung sey, darinn das gringe nicht mehr gring oder nichtswürdig ist, welches durch unaufhörliche Summirungen eine wichtige Veränderung beständig näher herbeyführet, und in der das Verderben nichts anders als Zeit brauchet um vollständig zu werden. Man kan indessen nicht sagen: daß die Schritte zu dieser Veränderung ganz und gar nicht zu mercken wären. Wenn die Höhen beständig abnehmen, so wird der Zuschuß des Wassers in die niedere Gegenden, welcher Landseen oder auch Ströhme unterhält, immer vermindert werden. Diese werden an der Abnahme ihrer Größe die Zeugnisse solcher Veränderung mit sich führen. In der That wird man an allen Landseen Merkmaale finden: daß sie sich vordem weiter erstreckt haben. Der hohe Theil von Preußen ist ein rechtes Land voll Seen. Man wird nicht leicht einen von denselben sehen, da man nicht neben ihnen große anstossende Ebenen solte gewahr werden, die so Wassergleich sind, daß man nicht zweifeln kan, sie hätten vordem auch zu dem See gehöret und seyn nur nach und nach trocken gelassen worden, nachdem dieser sich weiter zurück gezogen, weil sein Gewässer sich allmählig verringert hat. Um ein Beyspiel anzuführen: so hat, nach sichern Zeugnissen, vor Alters der Drausensee bis an die Stadt Preusch-Holland gereichet und Gelegenheit zur Schiffahrt daselbst gegeben, der anjetzt sich auf eine Meile davon zurückgezogen hat, aber sein vormaliges Bette durch eine lange Ebene die beynahe Wassergleich ist, und deren vormalige erhöhete Ufer zu beyden Seiten gesehen werden, annoch deutlich bezeichnet. Diese allmählige Veränderung ist also so zu reden ein Theil einer fortschreitenden Verhältniß, dessen letztes Glied fast unendlich weit von dem Anfange absteht und vielleicht niemals erricht wird, weil die Offenbarung der Erde die wir bewohnen ein plötzliches Schicksaal vorherverkündigt, dessen Ausführung ihre Dauer mitten im Wohlstande unterbrechen und ihr nicht Zeit lassen soll, durch unmerkliche Stuffen der Abänderung zu veralten, und so zu reden einen natürlichen Tod zu leiden.

Ich bin indessen den verschiedenen Meinungen, die man von dem Veralten der Erde aufwerfen kan, noch die Beurtheilung der vierten schuldig: ob sich nicht die stets wircksame Kraft, welche gewissermaaßen das Leben der Natur macht, und die, wiewohl sie nicht sichtbar in die Augen fällt, dennoch bey allen Zeugungen und der Oekonomie aller dreyen Naturreiche geschäftig ist, nach und nach erschöpfe und dadurch das Veralten der Natur verursache. Diejenige, die in diesem Verstande einen allgemeinen Weltgeist annehmen, verstehen darunter keine unmaterielle Kraft, keine Seele der Welt oder plastische Naturen die Geschöpfe der kühnen Einbildungskraft, sondern eine subtile, aber überall wircksame Materie, die bey den Bildungen der Natur das active Principium ausmacht, und als ein wahrer Proteus bereit ist, alle Gestalten und Formen anzunehmen. Eine solche Vorstellung ist einer gesunden Naturwissenschaft und der Beobachtung nicht so sehr entgegen als man wohl dencken solte. Wenn man erweget: daß die Natur in dem Pflanzenreiche den kräftigsten und geistigen Theil in ein gewisses Oehl gelegt hat, dessen Zähigkeit seine Flüchtigkeit befestiget, und dessen Beraubung entweder durch die Ausdüftung oder chymische Kunstgriffe keinen merklichen Verlust des Gewichts verursacht, ob gleich das zurückgebliebene alsdenn nichts als eine todte Masse ist; wenn man diesen Spiritus Rector, wie ihn die Chymici nennen, diese fünfte Essentz, die das specifische Unterscheidungszeichen eines jeden Gewächses ausmacht, erweget, wie er allenthalben gleich leicht durch einerley Nahrungsmittel, nemlich durch reines Wasser und Luft erzeuget werde, wenn man die so berufene flüchtige Säure, die allenthalben in der Luft ausgebreitet ist, die das active Principium in den meisten Arten der Saltze, das wesentliche Theil des Schwefels und das vornehmste in dem brennbaren des Feuers ausmacht, deren Anziehungs und Zurückstossungskräfte sich bey der Elektricität so deutlich offenbahren, welches so geschickt ist die Federkraft der Luft zu bezwingen und Bildungen zu veranlassen, wenn man diesen Proteus der Natur erweget, so wird man bewogen eine überall wirksame subtile Materie, einen sogenannten Weltgeist, mit Wahrscheinlichkeit zu vermuthen, aber auch zu besorgen: daß die unaufhörliche Zeugungen vielleicht immer mehr von demselben verzehren, als die Zerstöhrung der Naturbildungen zurückliefert, und daß die Natur vielleicht durch den Aufwand derselben beständig etwas von ihrer Kraft einbüsse.

Wenn ich den Trieb der alten Völcker zu grossen Dingen, den Enthusiasmus der Ehrbegierde, der Tugend und der Freyheitsliebe, der sie mit hohen Begriffen begeisterte, und sie über sich selbst erhob, mit der gemäßigten und kaltsinnigen Beschaffenheit unserer Zeiten vergleiche: so finde ich zwar Ursache unsern Jahrhunderten zu einer solchen Veränderung Glück zu wünschen, welche der Sittenlehre sowohl als den Wissenschaften gleich einträglich ist, aber ich gerathe doch in Versuchung zu vermuthen: daß vielleicht dieses Merkmale einer gewissen Erkaltung desjenigen Feuers seyn, welches die menschliche Natur belebte, und dessen Heftigkeit eben so fruchtbar an Ausschweifungen als schönen Wirkungen war. Wenn ich dagegen in Erwegung ziehe, wie grossen Einfluß die Regierungsart, die Unterweisung und das Exempel in die Gemüthsverfassung und die Sitten habe, so zweifle ich ob dergleichen zweydeutige Merkmale Beweisthümer einer wirklichen Veränderung der Natur abgeben können.

Ich habe demnach die aufgeworfene Frage von dem Veralten der Erde nicht entscheidend, wie es der unternehmende Geist eines kühnen Naturforschers erheischen würde, sondern prüfend wie es die Beschaffenheit des Vorwurfs selber mit sich bringet, abgehandelt. Ich habe den Begriff richtiger zu bestimmen gesucht, den man sich von dieser Veränderung zu machen hat. Es können noch andere Ursachen seyn, die durch einen plötzlichen Umsturtz der Erde ihren Untergang zu wege bringen könnten. Denn, ohne der Cometen zu gedenken, deren man sich zu allen ausserordentlichen Schicksaalen seit einiger Zeit beqvem zu bedienen gewust hat, so scheinet in dem inwendigen der Erde selber das Reich des Vulkans und ein grosser Vorrath entzündeter und feuriger Materie verborgen zu seyn, welche unter der obersten Rinde vielleicht immer mehr und mehr überhand nimmt, die Feuerschätze häufet und an der Grundfeste der obersten Gewölber naget, deren etwa verhängter Einstürtz das flammende Element über die Oberfläche führen, und ihren Untergang im Feuer verursachen könnte. Allein dergleichen Zufälle gehören eben so wenig zu der Frage des Veraltens der Erde, als man bey der Erwegung, durch welche Wege ein Gebäude veralte, die Erdbeben oder Feuersbrünste in Betrachtung zu ziehen hat.

Immanuel Kant.