Wenn man wissen will, ob ein Ding alt, ob es sehr alt,
oder noch jung zu nennen sey, so muß man es nicht nach der Anzahl der Jahre
schätzen die es gedauert hat, sondern nach dem Verhältniß, das diese zu
derjenigen Zeit haben, die es dauren soll. Eben dieselbe Dauer, die vor eine Art
von Geschöpfen ein hohes Alter kan genannt werden, ist es nicht vor eine andere.
In derselben Zeit, da ein Hund veraltet, hat der Mensch kaum seine Kindheit
überschritten, und die Eichen und Cedern auf dem Libanon sind noch nicht in ihrer männlichen Stärke,
wenn die Linden oder Tannen alt werden und verdorren. Am meisten fehlet der
Mensch, wenn er in dem Großen der Werke GOttes, zum Maasstabe des Alters die
Reihe der menschlichen Geschlechter anwenden will, welche in dieser Zeit
verfloßen sind. Es ist zu besorgen daß es mit seiner Art zu urtheilen bewandt
sey, wie mit [der Rosen ihrer beym
](#en19513)
Fontenelle
, welche von dem Alter ihres Gärtners muthmaßeten. Unser Gärtner, sagten sie, ist ein
sehr alter Mann, seit Rosen gedenken ist er derselbe, der er immer
gewesen, in der That er stirbt nicht, er verändert sich nicht
einmal
. Wenn man die Dauerhaftigkeit erweget, die bey den Anstalten der
Schöpfung an den grossen Gliedern ihres Innbegriffes angetroffen wird, und
welche einer Unendlichkeit nahe kommt, so wird man bewogen zu glauben: daß ein
Ablauf von 5 oder 6000 Jahren vor die der Erde bestimmte Dauer vielleicht noch
nicht dasjenige sey, was ein Jahr in Ansehung des Lebens eines Menschen ist.
Die Wahrheit zu gestehen, wir haben keine Merkmale in der
Offenbarung woraus wir abnehmen können, ob die Erde anjetzt jung oder alt, als in der Blüthe ihrer
Vollkommenheit, oder in dem Verfall ihrer Kräfte begriffen, könne angesehen
werden. Sie hat uns zwar die Zeit ihrer Ausbildung und den Zeitpunkt ihrer
Kindheit entdecket, aber wir wissen nicht, welchem von den beyden Endpunkten
ihrer Dauer, dem Punkte ihres Anfanges oder Unterganges, sie anjetzo näher sey.
Es scheinet in der That ein der Untersuchung würdiger Vorwurf zu seyn, zu
bestimmen, ob die Erde veralte und sich durch eine allmählige Abnahme ihrer
Kräfte dem Untergange nähere, ob sie jetzt in der Periode dieses abnehmenden
Alters, oder ob ihre Verfassung annoch im Wohlstande sey, oder wohl gar die
Vollkommenheit, zu der sie sich entwickeln soll, noch nicht völlig erreicht, und
sie also ihre Kindheit vielleicht noch nicht überschritten [habe.]
Wenn wir die Klagen bejahrter Leute hören, so vernehmen wir die
Natur ältere merklich und man könne die Schritte verspühren die sie zu ihrem
Verfall thue. Die Witterungen, sagen sie, wollen nicht mehr so gut wie vormals
einschlagen. Die Kräfte der Natur sind erschöpft, ihre Schönheit und Richtigkeit
nimmt ab. Die Menschen werden weder so stark noch so alt mehr als vormals. Diese
Abnahme, heißt es, ist nicht allein bey der natürlichen
Verfassung der Erde zu bemerken, sie erstreckt sich auch bis auf die sittliche
Beschaffenheit. Die alte Tugenden sind erloschen, an deren statt finden sich
neue Laster. Falschheit und Betrug haben die Stelle der alten Redlichkeit
eingenommen. Dieser Wahn, welcher nicht verdient wiederlegt zu werden, ist nicht
so wohl eine Folge des Irrthums als der Eigenliebe. Die ehrliche Greise, welche
so eitel sind, sich zu überreden, der Himmel habe die Sorgfalt vor sie gehabt
sie in den blühendsten Zeiten an das Licht zu stellen, können sich nicht
überreden, daß es nach ihrem Tode noch eben so gut in der Welt hergehen solle,
als es zugieng ehe sie gebohren waren. Sie möchten sich gerne einbilden die
Natur veralte zugleich mit ihnen, damit es sie nicht reuen dörfe eine Welt zu
verlassen die schon selber ihrem Untergange nahe ist.
So ungegründet wie diese Einbildung ist, das Alter und
Dauerhaftigkeit der Natur nach dem Maasstabe eines einzigen Menschenalters meßen
zu wollen, so scheinet doch eine andere Vermuthung dem ersten Anblicke nach
nicht eben so ungereimt: daß in einigen tausend Jahren vielleicht einige
Veränderung in der Verfaßung des Erdbodens merklich werden könne. Es ist hier
nicht gnug mit [
](#en19637)
Fontenellen
anzumerken: daß die Bäume vor Alters nicht größer
[geworden als jetzo], daß die Menschen
weder älter noch stärker gewesen als sie es jetzt sind, es ist sage ich dieses
noch nicht genug, um daraus zu schliessen, daß die Natur nicht veralte. Diese
Beschaffenheiten haben ihre, durch die wesentliche Bestimmungen ihnen
festgesetzte Schranken, welche auch die vortheilhafteste Beschaffenheit der
Natur und der blühendste Wohlstand derselben nicht weiter treiben können. In
allen Ländern ist in Ansehung dessen kein Unterscheid; die fetten und in den
besten Himmelsgegenden liegende Länder, haben vor den magern und unfruchtbaren
hierinn keinen Vorzug; Allein, ob, wenn man zwischen zuverläßigen
Nachrichten alter Zeiten und der genauen Beobachtung der gegenwärtigen eine
Vergleichung anstellen könte, nicht einiger Unterscheid in der Fruchtbarkeit
derselben würde zu bemerken seyn, ob die Erde nicht etwa ehedem weniger Wartung
bedurft hat dem menschlichen Geschlechte den Unterhalt darzureichen, dieses
scheinet, wenn es entschieden werden könte, ein Licht in der vorhabenden Aufgabe
zu versprechen. Es würde gleichsam die ersten Glieder einer langen Progreßion
vor Augen legen, an welchen man erkennen könnte, welchem Zustande die Erde sich
in langen Zeitläuften ihres Alters allgemach nähere. Diese Vergleichung aber ist
sehr ungewiß, oder vielmehr unmöglich. Der Menschen Fleiß thut so viel zur
Fruchtbarkeit der Erde: daß man schwerlich wird ausmachen können, ob an der
Verwilderung und Verödung derjenigen Länder, die vordem blühende Staaten waren
und jetzo fast gänzlich entvölkert [seyn], die Nachläßigkeit der erstern, oder die Abnahme der letztern am
meisten Schuld sey. Ich will diese Untersuchung denenjenigen empfehlen, die mehr
Geschicklichkeit und Neigung haben diese Frage nach beyden Bedingungen in den
Denkmalen der Geschichte zu prüfen; ich will sie lediglich
als ein Naturkündiger abhandlen, um, wo möglich, von dieser Seite zu einer
gründlichen Einsicht zu gelangen.
Immanuel Kant
(Die Fortsetzung folgt künftig.)
Fortsetzung der physischen Erwegung der Frage:
Ob die Erde veralte.
Die Meinung der meisten Naturforscher welche Theorien der Erde entworfen
haben gehet dahin, daß
die Fruchtbarkeit der Erde allmählig abnehme, daß sie sich dem Zustande mit
langsamen Schritten nähere unbewohnter und wüst zu werden, und daß es nur
Zeit brauche, um die Natur gänzlich veraltet und in der Ermattung ihrer
Kräfte erstorben zu sehen. Diese Frage ist wichtig, und es verlohnt sich
wohl der Mühe sich mit Behutsamkeit diesem Schlusse zu nähern.
Lasset uns aber vorher den Begriff bestimmen, den man sich von
dem Veralten eines sich durch
natürliche Kräfte zur Vollkommenheit ausbildenden, und durch die Kräfte der
Elemente modificirenden Körpers zu machen hat.
Das Veralten eines Wesens ist in dem Ablauf seiner
Veränderungen nicht ein Abschnitt, der äussere und gewaltsame Ursachen zum
Grunde hat. Eben dieselbe Ursachen, durch welche ein Ding zur Vollkommenheit
gelanget und darinn erhalten wird, bringen es durch unmerckliche Stuffen der
Veränderungen seinem Untergange [wiederum] nahe. Es ist eine natürliche Schattirung in der
Fortsetzung seines Daseyns, und eine Folge eben derselben Gründe, dadurch
seine Ausbildung bewirket worden, daß es endlich verfallen und untergehen
muß. Alle Naturdinge sind diesem Gesetze unterworfen, daß derselbe
Mechanismus der im Anfange an ihrer Vollkommenheit arbeitete, nachdem sie
den Punkt derselben erreicht haben, [weil sie]
[fortfahren] das Ding zu
verändern, selbiges nach und nach wiederum von den Bedingungen der guten
Verfassung [entfernen], und dem
Verderben mit unvermerckten Schritten endlich [überliefern]. Dieses
Verfahren der Natur zeiget sich deutlich an der
Oekonomie des [Pflanzen] und
Thierreichs. Eben derselbe Trieb, der die Bäume wachsen macht, bringet ihnen
den Tod, wenn sie ihr Wachsthum vollendet haben. Wenn die Fasern und Röhren
keiner Ausdehnung mehr fähig sind, so fängt der nährende Saft, indem er
fortfähret sich den Theilen einzuverleiben, das Inwendige der Gänge an zu
verstopfen und zu verdichten, und das Gewächs durch die gehemmte Bewegung
der Säfte endlich absterben und verdorren zu machen. Eben der Mechanismus
wodurch das Thier oder der Mensch lebt und aufwächst, bringt ihm endlich den
Tod wenn das Wachsthum vollendet ist. Denn, indem die Nahrungssäfte, welche
zu dessen Unterhalte dienen, die Canäle an die sie sich ansetzen, nicht mehr
zugleich erweitern und in ihrem Inhalte vergrössern, so verengen sie ihre
inwendige Höle, der Kreislauf der Flüßigkeiten wird gehemmt, das Thier
krümmt sich, veraltet und stirbt. Eben so ist der allmähliche Verfall der
guten Verfassung der Erde ebenfals in die Folge der Abänderungen, welche
ihre Vollkommenheit anfänglich bewirketen, so eingeflochten, daß er nur in
langen Zeitläuften kenntlich werden kan. Wir müssen daher auf die
veränderlichen Scenen, welche die Natur von ihrem Anfange an bis zur
Vollendung spielet, einen flüchtigen Blick werfen, um die gantze Kette der
Folgen zu übersehen, darinn das Verderben das letzte Glied ist.
Die Erde, als sie sich aus dem Chaos
erhub, war unfehlbar vorher in flüßigem Zustande. Nicht allein ihre runde
Figur, sondern vornemlich die sphäroidische Gestalt, da die [Oberfläche, gegen] die, durch die
Kraft der Umdrehung veränderte Richtung der Schweere, in allen Punkten eine
senkrechte Stellung annahm, beweisen, daß ihre Masse die Fähigkeit gehabt
hat sich zu der Figur, die das Gleichgewicht in diesem Falle erfordert, von
selber zu bequemen. Sie ging aus dem flüßigen Zustande in den festen über;
und zwar sehen wir unverwerfliche Spuhren, daß die Oberfläche sich zuerst
gehärtet hat, indessen daß das Inwendige des Klumpens, in welchem die
Elemente nach den Gesetzen des Gleichgewichts sich annoch schieden, die
untermengte Partickeln des elastischen Luftelements unter die gehärtete
Rinde immer hinaufschickte und weite Höhlen unter ihr zubereitete, worinn
dieselbe mit mannigfaltigen Einbeugungen hineinzusincken, die Unebenheiten
der Oberfläche, das feste Land, die Gebürge, die geräumige Vertiefungen des
Meeres und die Scheidung des Trockenen von dem Gewässer hervorzubringen
veranlaßt wurde. Wir haben eben so ungezweifelte Denkmaale der Natur, welche
zu erkennen geben: daß diese Umstürzungen in langen Zeitläuften nicht völlig
aufgehöret haben, welches der Größe eines flüßigen Klumpens, wie das
inwendige unserer Erde damals war und lange blieb, gemäß ist, in der die
Scheidung der Elemente
und die Absonderung der im gemeinen Chaos vermengten Luft nicht so bald
vollendet ist, sondern die erzeugte Hölungen nach
und nach vergrößert und die Grundvesten der weiten Wölbungen aufs neue
wankend gemacht und eingestürtzt, eben dadurch aber gantze Gegenden, die
unter der Tiefe des Meeres begraben waren, entblösset und andere dagegen
versenkt wurden. Nachdem das inwendige der Erde einen festern Stand
überkommen und die Ruinen aufgehöret hatten, wurde die Oberfläche dieser
Kugel ein wenig ruhiger, allein sie war noch von dem Zustande einer
vollendeten Ausbildung weit entfernet; den Elementen musten noch erst ihre
gewisse Schranken festgesetzt werden, welche durch Verhinderung aller
Verwirrung die Ordnung und Schönheit auf der gantzen Fläche erhalten
könnten. Das Meer erhöhete selber die Ufer des festen Landes mit dem
Niedersatz der hinaufgetragenen Materien, durch deren Wegführung es sein
eigenes Bette vertiefte; es warf Dünen und Dämme auf, die den
Ueberschwemmungen vorbeugten. Die Ströhme, welche die Feuchtigkeiten des
festen Landes abführen solten, waren noch nicht in gehörige Fluthbette eingeschlossen, sie
überschwemmeten noch die Ebenen, bis sie sich selber endlich in abgemessene
Canäle beschränkten, und einen einförmigen Abhang von ihrem Ursprunge an bis
zu dem Meere zubereiteten. Nachdem die Natur diesen Zustand der Ordnung
erreicht und sich darinn bevestigt hatte, so waren alle Elemente auf der
Oberfläche der Erden im Gleichgewichte. Die Fruchtbarkeit breitete ihre
Reichthümer auf allen Seiten aus, sie war frisch, in der Blüthe ihrer
Kräfte, oder, wenn ich mich so ausdrücken darf, in ihrem männlichen
Alter.
Immanuel Kant
(Die Fortsetzung folgt künftig.)
Fortsetzung der physischen Erörterung der Frage:
Ob die Erde veralte.
Die Natur unserer Erdkugel hat in dem Fortschritte ihres Alters in allen
ihren Theilen nicht eine gleiche Stuffe erreichet. Einige Theile derselben
sind jung und frisch, indessen daß sie in andern abzunehmen und zu veralten
scheinet. In gewissen Gegenden ist sie roh und nur noch halbgebildet, da
andere in der Blüthe ihres Wohlstandes sich befinden und noch andere nach
Zurücklegung ihrer glücklichen Periode sich schon allgemach dem Verfall
nähern. Ueberhaupt sind die hohen Gegenden des Erdbodens die ältesten, die
zuerst aus dem Chaos erhoben und zur Vollendung der Ausbildung gelanget
sind, die niedrige sind jünger und haben die Stuffe ihrer Vollkommenheit
später erreicht. Nach dieser Ordnung wird daher jene das Loos zuerst treffen
sich dem Verderben wiederum zu näheren, indessen daß diese von ihrem
Schicksale noch weiter entfernet sind.
Die Menschen haben die höchsten Gegenden des Erdbodens zuerst
bewohnt; sie sind nur spät in die Ebenen hinabgestiegen und haben selbst
Hand anlegen müssen die Ausarbeitung der Natur zu beschleunigen, welche vor
die schnelle Vermehrung derselben zu langsam in ihrer Ausbildung war.
Aegypten, dieses Geschencke des Nilstroms, war in seinem obersten Theile
bewohnt und volckreich, als das halbe Unterägypten, das gantze Delta, und
die Gegend, da der Nil durch Absetzung des Schlammes den Boden seines
Auslauffs erhöhete, und sich die Ufer eingeschränckter Fluthbette aufwarf,
noch ein unbewohnterer Morast war. Itzo scheinet die Gegend des alten
Thebais wenig mehr von derjenigen ausnehmenden Fruchtbarkeit und Blüthe an
sich zu haben, die seinen Wohlstand so außerordentlich machte; dagegen ist
die Schönheit der Natur in die niedrige und jüngere Theile des Landes
hinabgestiegen, welche anjetzt den Vorzug der Fruchtbarkeit vor den hohen
behaupten. Die Gegend von Niederdeutschland, die eine Zeugung des Rheins
ist, die plattesten Theile von
Niedersachsen, der Theil von Preußen, da die Weichsel sich in so viel Arme
theilet und gleichsam auf ihr ewiges Recht erpicht, die Länder oftermals
unter ihrem Gewässer zu bedecken trachtet, die der Menschen Fleiß ihm zum
Theil abgewonnen hat, scheinen jünger fetter und blühender zu seyn, als die
höchsten Gegenden des Ursprungs dieser Flüße, die schon bewohnt waren, als
die letztere noch Morräste und Meerbusen waren.
Diese Veränderung der Natur ist einer Erläuterung würdig. Die
Flüße fanden nicht gleich anfangs, als das trockne vom Meere befreyet wurde,
fertige Schläuche und einen zubereiteten einförmigten Abhang ihres Laufes.
Sie traten noch an vielen Orten über und machten stehende Gewässer, die das
Land unbrauchbar machten. Nach und nach hölten sie sich in dem frischen und
weichen Erdreiche Canäle aus und mit dem weggespühlten Schlamme, damit sie
angefüllet waren,
bildeten sie zu beyden Seiten ihres stärcksten Zuges eigene Ufer, welche bey
niedrigem Wasser ihren Strohm fassen und einschräncken konnten, bey
stärckerer Aufschwellung aber durch das Uebertreten nach und nach erhöhet
wurden, bis ihre vollkommen ausgebildete Fluthbette in den Stand gesetzt
waren, das Wasser, welches die umliegende Länder ihnen lieferten, mit
einförmigten gemäßigten Abhange bis ins Meer abzuführen. Die höchste
Gegenden sind die ersten, die dieser nöthigen Auswickelung der Natur sich zu
erfreuen hatten und wurden daher auch zuerst bewohnt, indessen daß die
niedrige eine Zeitlang mit der Verwirrung stritten, und später zur
Vollkommenheit gelangeten. Seitdem bereichern sich die niedrigen Länder mit
dem Raube der hohen Gegenden. Die Flüße, die zu der Zeit da sie hoch
anschwellen mit dem abgespühlten Schlamme trächtig sind, setzen bey ihren
Ueberströhmungen nahe zu dem Ausfluße derselben diesen ab, erhöhen den Boden
über den sie sich ausbreiten, und bilden das trockene, welches, nachdem der
Fluß seine Ufer bis zur gehörigen Höhe vermehret hat, bewohnbar und durch
die Fettigkeit der hohen Gegenden gedünget fruchtbarer als diese wird.
Durch diese fortschreitende Bildung und die Veränderung, die
die Gestalt der Erde erleidet, werden die tiefere Gegenden bewohnbar, wenn
die Höhen es bisweilen aufhören zu seyn. Allein dieser Wechsel betrift nur
vornemlich einige Länder, die nemlich Mangel an dem Wasser des Himmels
erleiden, und daher, ohne das periodische Ueberschwemmen der nöthigen
Feuchtigkeit entbehren und eine unbewohnte Wüste bleiben müssen, wenn die Flüße durch eigene
Erhöhung ihrer Ufer dieser Ueberschwemmung Schrancken gesetzt haben.
Aegypten ist das deutlichste Beyspiel von dieser Veränderung, welches so
sehr in seiner Beschaffenheit verändert worden: daß, da das gantze Land,
nach dem [Zeugnisse des Herodots
](#en20205), 900 Jahre vor seiner Zeit, gantz überschwemmet worden, wenn der Fluß
nur 8 Fuß angewachsen, [zu] seiner
Zeit 15 Fuß hochsteigen muste, um es gäntzlich zu bedecken, da nunmehro zu
unserer Zeit schon 24 Fuß Anwachs dazu erfodert [werden]. Woraus das, diesem Lande durch eine
stetige Annäherung, mehr und mehr drohende Verderben zu ersehen ist.
Weil aber diese Abänderung der Natur, in soweit sie an einigen
Theilen des Erdbodens allein haftet, unerheblich und gering ist, so muß die
Frage von dem Veralten der Erde im Gantzen bestimmet werden, und zu dem Ende
sind die Ursachen zuförderst zu prüfen, denen die meisten Naturforscher
diese Wirckung beymessen, und daraus den Verfall der Natur dieser Kugel
vorher zu verkündigen hinlänglich erachtet haben.
Die Erste Ursache fließet aus der
Meinung derjenigen, welche die Saltzigkeit des Meeres den Flüßen
zuschreiben, die das aus dem Erdreich ausgelaugte Saltz, das der Regen in
ihre Ströhme bringet, mit sich ins Meer führen, woselbst es, bey der
beständigen Abdünstung des süßen Wassers, zurückbleibt, sich häuft und auf
diese Art dem Meere alle das Saltz verschaffet hat, das es noch in sich
hält. Es ist hieraus leicht abzunehmen: daß, da das Saltz das vornehmste
Triebwerck des Wachsthums und die Qvelle der Fruchtbarkeit ist, nach dieser
Hypothese, die ihrer Kraft nach und nach beraubte Erde in einen todten und
unfruchtbaren Zustand [mußte]
versetzt werden.
Die Zweyte Ursache ist in der Wirckung
des Regens und der Flüße in Ansehung der Abspühlung des Erdreichs und
Wegführung desselben in das Meer zu setzen, welches dadurch [immermehr und mehr] ausgefüllet zu
werden scheinet, indessen daß die [Höhe] des festen Landes sich beständig verringert: so, daß zu
besorgen stehet, daß Meer müste, indem es [nimmermehr] erhoben wird, endlich genöthigt
werden das trockene wiederum zu übersteigen, welches ehedem seiner
Herrschaft entzogen worden.
Die dritte Meynung ist die Vermuthung
derjenigen, welche, indem sie gewahr werden daß das Meer sich von den
meisten Ufern in langen Zeiten
mercklich zurück zieht, und grosse Strecken die vordem im Grunde des Meeres
lagen in trocken Land verwandelt, entweder eine würckliche Verzehrung dieses
flüßigen Elements durch eine Art der Transformation in einen festen Zustand
besorgen, oder andere Ursachen befürchten, die den Regen, der aus dessen
Ausdünstungen bestehet, hindern wiederum dahin zurück zu kehren, woher er
erhoben worden.
Die vierte und letzte Meynung kan
derjenigen [ihrer] seyn, die einen
allgemeinen Weltgeist, ein unfühlbares aber überall würcksames Principium
[und das] geheime Triebwerck
der Natur annehmen, dessen subtile Materie durch unaufhörliche Zeugungen
beständig verzehret würde, daher die Natur in Gefahr [stünde] bey dessen Verminderung in einer
allmähligen Ermattung alt zu werden und zu ersterben.
Diese Meynungen sind es, die ich zuförderst kürtzlich prüfen
und dann diejenige gründen will, welche mir die wahre zu seyn düncket.
(Die Fortsetzung folgt.)
Immanuel Kant.
Dritte Fortsetzung der physischen Erörterung der Frage:
Ob die Erde veralte.
Wofern es mit der ersten Meinung seine Richtigkeit hätte, so würde folgen daß
alles Saltz, womit die Gewäßer des Oceans und aller mittelländischen Meere
geschwängert sind, vordem mit dem Erdreich, welches das feste Land bedecket,
vermischet gewesen, und, indem es durch den Regen aus demselben
ausgewaschen, durch die Flüße dahin abgeführet worden, auch beständig auf
die gleiche Art noch hineingebracht werde. Allein zum Glücke vor die Erde
und zum Wiederspiel vor diejenige, die vermittelst einer solchen Hypothese
die Saltzigkeit des Meeres durch eine leichte Erklärung begreiflich zu
machen gedencken, findet man bey genauer Prüfung diese Vermuthung
ungegründet. Denn vorausgesetzt: daß die mittlere Qvantität des
Regen-Wassers, was in einem Jahr auf die Erde fält, 18 Zoll hoch sey, welches
diejenige Menge ist, die in der temperirten Zone beobachtet worden, und daß
alle Flüße von dem Regenwasser entspringen und genährt werden, imgleichen
daß von dem Regen der auf das feste Land fält, nur zweydrittel durch die
Flüsse wiederum ins Meer komme, ein drittel aber theils verdunstet, theils
zum Wachsthum der Pflantzen angewandt wird, endlich: daß das Meer nur die
Hälfte der Oberfläche der Erde einnehme, welches das mindeste ist das man
annehmen kan; so wird man die angeführte Meinung in die vortheilhafteste
Bedingungen versetzt haben, und dennoch werden alle Ströhme des Erdbodens in
das Meer in einem Jahre nur 1 Schu Wasser hineinbringen, und würden es, wenn
man die mittlere Tiefe desselben auch nur hundert Klafter annimmt, dennoch
allererst in 600 Jahren voll
machen, nachdem die Ausdunstung selbiges in eben so viel Jahren völlig
ausgetrocknet hätte. Nach dieser Rechnung wäre der Ocean durch den Einfluß
aller Bäche und Ströhme nun schon seit der Schöpfung zehnmal voll geworden;
das Saltz aber, das von diesen Flüßen nach der Ausdünstung zurück geblieben,
könte nur zehnmal so viel austragen, als dasjenige, womit es natürlicher
Weise begabt ist; woraus folgen müste: daß, um den Grad der Saltzigkeit des
Meeres herauszubekommen, man einen Cubicschuh Flußwasser nur zehnmal dürfe
abdünsten lassen, worauf dessen zurückgebliebenes Saltz eben so viel, als
eine gleiche Quantität Meerwasser nach einer einzelnen Abdünstung zurück
läßt, austragen würde; welches gar zu weit von der Warscheinlichkeit
entfernt ist, als daß es auch nur einen Unwissenden überreden könte, weil
nach [
Wallerii
Rechnung](#en20413), das Wasser in der Nordsee, an den Orten, wo wenige Flüße
ins Meer fallen, den zehnten, bisweilen den siebenten, im Bothnischen
Meerbusen, wo selbiges sehr mit dem süssen Fließwasser verdünnet ist,
dennoch den vierzigsten Theil Saltz in sich enthält. Die Erde ist also auf
diesen Fuß hinlänglich gesichert, durch den Regen und die Flüße ihr Saltz
und Fruchtbarkeit nicht zu verlieren. Es ist vielmehr zu vermuthen, daß das
Meer, anstatt das feste Land seiner saltzigen Theile zu berauben, selbigem
eher von [den Seinigen] mittheile;
denn, obgleich die Ausdünstung das grobe Saltz zurück läßt, so erhebt es
doch einen Theil desjenigen das flüchtig geworden, welches zusamt den
Dünsten über das feste Land geführet wird, und dem Regen diejenige Fruchtbarkeit
ertheilet, dazu dieser, selbst vor dem Fließwasser, vorzüglich geschickt
ist.
Die andere Meinung hat einen grössern Grad der Glaubwürdigkeit,
und stimmet mit sich selber viel besser überein. [
](#en20427)
Manfred
, der sie in dem Commentario des Bologneser
Instituts so gelehrt als vorsichtig abgehandelt, und dessen Ausführung
in dem allgemeinen Magaz. der Nat. zu finden
ist, mag bey Prüfung derselben ihr allein das Wort reden. Er
bemerket: daß der alte Fußboden der Cathedralkirche zu Ravenna, welcher
unter dem neuen mit Schutte bedeckt angetroffen wird, 8 Zoll niedriger als
die Wasserwage des Meeres sey, wenn selbiges Fluth hat, und daher zu der
Zeit ihrer Erbauung, wenn das Meer damals nicht niedriger als jetzo gewesen,
bey jeder Fluth hätte müssen unter Wasser gesetzt werden, weil die alten
Zeugniße beweisen: daß das Meer dazumal bis an diese Stadt gegangen sey. Er
führet zur Bestätigung seiner
Meinung, daß die Höhe des Meeres beständig zugenommen habe, den Fußboden der
St. Markus-Kirche zu Venedig an, der jetzo so niedrig ist: daß, wenn die
Lagune angeschwollen, sowohl der St. Markusplatz bisweilen überschwemmet,
als auch er selber unter Wasser gesetzt wird; da doch nicht zu vermuthen
stehet: daß bey ihrer Erbauung es schon also bewandt gewesen seyn werde.
Imgleichen beruft er sich auf die marmorne Banck, die um das Rathhaus St.
Marci geführet worden, vermuthlich den Schiffahrenden zu Gute, um zu Fusse
in ihre Fahrzeuge zu kommen, welche zu diesem Zweck nunmehro beynahe
untauglich geworden, weil sie zur Zeit der ordentlichen Fluth einen halben
Schuh tief unter Wasser stehet; daß also aus den angeführten Merckmalen
erhelle, das Meer müsse anjetzt eine grössere Höhe als in vorigen Zeiten
erlangt haben. Diese Meinung zu erklären, behauptet er: daß die Flüße den
Schlamm, womit sie zur Zeit ihres Anschwellens angefüllet sind, und den die
Regenbäche von den Höhen des festen Landes abgespühlet haben, in das Meer
schleppen, und dadurch den Boden desselben erhöhen, wodurch dasselbe
genöthigt werde sich zu erheben, nach dem Maaße als sein Bette allmählig
ausgefüllet worden. Um das Maas dieser Erhöhung des Meeres, mit derjenigen,
die die wirckliche Merckmale an die Hand geben, einstimmig zu machen, suchte
er die Quantität des Schlammes zu schätzen, die die Ströhme, wenn sie trüb
fliessen, mit sich führen, indem er gegen das [Ende des Hornungs](#en20522), das Wasser des Strohms, der
bey [Bononien](#en20523) fliesset,
schöpfte, und nachdem er die Erde sich hatte setzen lassen, sie
⅟1 7 4
des Wassers, welches selbige in sich gehalten, befand. Hieraus,
und aus der Menge des Wassers, welches die Ströhme in einem Jahre ins Meer
führen, bestimmte er die Höhe, auf welche das Meer durch diese Ursache
allmählig steigen solte, so daß es in 348 Jahren auf 5 Zoll müste höher
befunden werden.
(Die Fortsetzung folgt.)
Immanuel Kant.
Vierte Fortsetzung der physischen Erörterung der Frage:
Ob die Erde veralte.
Durch die Betrachtung, welche wir von der marmornen Banck um
das St. Markus-Rathhaus zu Venedig angeführet haben und durch das Verlangen
ein Maaß zu haben, die Größe seiner übrigen Bemerkungen dadurch zu
bestimmen, wurde
Manfred
bewogen, die vorerwehnte Erhöhung der Meeresfläche so weit zu
vermehren, daß sie in 230 Jahren ein Fuß austrüge, weil, wie er behauptet
die Flüsse außer der zarten Erde die ihre Waßer trübe macht noch viel Sand,
Steine u. d. g. mit sich ins Meer schleppen. Auf diesen Fuß
würde das Unglück der Erde mit ziemlich schnellen Schritten herbeyrücken,
obgleich er doch noch mit ihr
behutsamer handelt als
Hartsöcker
,
der aus dergleichen Beobachtung beym Rheinstrohm [die Erde] das Schicksaal ankündigt, daß innerhalb
10000 Jahren ihr bewohnbarer Theil müße weggespühlt seyn, das Meer alles
bedecken, und nichts als die kahle Felsen aus [denselben] hervorragen; woraus man sich auf den
Grad des Verfalls in einer etwas mindern Zeit, z. E. von 2000
Jahren, leichtlich die Rechnung machen kan.
Der wahre Fehler dieser Meinung besteht nur in dem Mehr oder
Weniger; sonsten ist sie im Grunde richtig. [Es ist an dem], daß der Regen und die Flüße das
Erdreich abspühlen, und ins Meer führen; allein es ist weit gefehlt, daß sie
es in so großem Grade thun solten, als der Verfaßer vermuthet. Er nahm
willkührlich an, daß die Ströhme das ganze Jahr über so trübe fließen, als
sie es in denjenigen Tagen thun, da der von den Gebirgen abthauende Schnee
die heftige Gießbäche verursacht, welche das Erdreich anzugreifen die volle
Gewalt haben, und da das Erdreich selber völlig durchnetzt und durch die
vorigte Winterkälte mürbe genug geworden, um so leicht als möglich
weggespühlt zu werden. Wenn er diese Behutsamkeit zugleich mit der
Aufmerksamkeit verbunden hätte, die er auf den Unterscheid der Flüße hätte
haben sollen, deren diejenige, die von Gebirgen unterhalten werden, wegen
der Gewalt der Giesbäche welche sich in sie vergiessen, mehr geraubte Erde
als [andern die] von dem platten
Lande ernährt werden in sich halten, so würde sich seine Rechnung so sehr
verringert haben, daß er den Anschlag vermuthlich hätte fahren lassen, die
Erklärung der beobachteten Veränderungen darauf zu gründen. Wenn man endlich hiebey
noch erwegt: daß das Meer durch eben diese Bewegung, weswegen man ihm
beymißt, daß es nichts todes bey sich leide, nemlich durch die beständige
Abführung aller Materie, die nicht gleichen Grad der Beweglichkeit hat, an
die Ufer, diesen Schlamm nicht auf seinem Grunde sich häufen lasse, sondern
ihn unverzüglich an das feste Land absetze und es damit vermehre: so würde
die Furcht, den Schlauch des Meeres damit ausgefüllet zu sehen, sich in eine
gegründete Hofnung verwandelt haben, durch den Raub der hohen Gegenden an
den Seeufern beständig neu Land zu überkommen; Denn in der That, in allen
Meerbusen, z. E. in demjenigen so den Nahmen des rothen Meeres
führet, imgleichen im Venetianischen Golfo ziehet sich das Meer, von der
Spitze allmählig zurück, und das trockene Land macht an dem Reiche des
Neptuns beständig
neue Erwerbungen; an statt daß, wenn die Vermuthung des erwehnten
Naturforschers gegründet wäre, sich das Gewäßer immer mehr über die Ufer
ausbreiten und das trockne Erdreich unter dem naßen Elemente begraben
würde.
Was aber die Ursache der Erniedrigung der Gegenden am Ufer des
adriatischen Meeres betrift, so wolte ich (wofern es wirklich damit seine
Richtigkeit hat, daß es nicht immer so gewesen,) deshalber mich lieber an
eine Beschaffenheit des Landes wenden, die Italien vor vielen andern
besonders hat. Wir wißen nemlich: daß die Grundfeste dieses Landes
untergewölbt sey, und daß die Erdbeben, ob sie gleich vornemlich in dem
untern Italien wüten, dennoch auch bey dem obern ihre Gewalt auslassen und
durch ihre Erstreckung in weite Gegenden, ja so gar bis unter die Meere
hinweg die zusammenhangende unterirrdische Hölungen zu erkennen geben. Wenn
nun die Erschütterung der unterirrdischen Entzündungen die Grundfeste
derselben zu bewegen vermögend ist und sie schon oft bewegt hat, ist es
nicht zu vermuthen, daß die Rinde nach vielen heftigen Anfällen einigermaßen
sich gesenckt habe und in Ansehung der Meeresfläche könne niedriger geworden
seyn?
Die dritte Meinung, welche die
Vermehrung des trocknen Landes und Verringerung der Gewässer auf dem
Erdboden als einen Vorboten ihres Verderbens ansieht, hat eben so wohl
anscheinende Gründe aus der Beobachtung als die vorige, aber weniger
begreifliche Ursache sie zu erklären. Denn es ist gewiß, daß, obgleich es
scheinen möchte das Meer, wenn es an einer Seite das feste Land gleich
allmählig [trocken] läßt,
bemächtige sich davor wieder anderer Gegenden in welche es sich
hineinarbeitet, und halte sich im Gantzen schadlos, dennoch, wenn man es
genau erweget, weit grössere Strecken von dem Meere entblößt werden, als
diejenige sind über die es sich ausbreitet. Vornemlich verläßt das Meer die
niedrigen Gegenden und nagt an den hohen Ufern, weil diese seinem Anfall
vornemlich ausgesetzt sind und die erstern selbigen durch eine gelinde
Abschießigkeit vereiteln. Dieses allein könnte einen Beweis abgeben: daß die
Meeresfläche sich überhaupt nicht mehr und mehr erhebe; denn man würde den
Unterscheid am deutlichsten an den Ufern spühren, da das Land mit gringem
Abfall sich zum Boden des Meeres allmählig erniedrigt; daselbst würden 10
Fuß Erhöhung des Wassers dem festen Lande viel [abgewinnen, da]
es sich vielmehr gantz entgegen
verhält, und, indem das Meer diejenige Dämme, die es vordem aufgeworfen hat
und über die es ohne Zweifel damals weg gegangen ist, nun nicht mehr [erreicht, beweiset], daß es
seitdem niedriger geworden; wie z. E. die 2 preußische
Nehrungen, die Dünen an den holländischen und englischen Küsten nichts
anders als Sandhügel sind, die das Meer ehedem aufgetrieben hat, die aber
anjetzt als Schutzwehren wieder daßelbe dienen, nachdem solches die Höhe
nicht mehr erreichet sie zu übersteigen.
Soll man aber, um dieses Phänomenon in seiner vollen Gültigkeit
zu lassen, zu einer wirklichen Verschwindung des flüßigen Elements und
Verwandlung desselben in einen festen [Zustand, oder] zu einer Versiegung des Regenwassers in das innere
der Erde, oder zu einer stets zunehmenden Vertiefung des Bettes der See,
durch dessen unaufhörliche Bewegung, seine Zuflucht
[nehmen.] Der erstere Grund würde
wohl den mindesten Antheil an einer merklichen Veränderung haben, ob er
gleich nicht so sehr, wie es scheinet, einer gesunden Naturwißenschaft
widerstreitet. Denn, gleichwie andere flüßige Materien bisweilen einen
festen Stand annehmen, ohne dennoch ihr Wesen zu verlieren,
z. E. Qvecksilber, welches in den Versuchen des [
Boerhaave](#en20819) die Gestalt eines rothen Pulvers annimt, die Luft, die
[Hales](#en20820)
in allen Vegetabilischen Producktis, vornemlich dem Weinstein
als einen festen Körper angetroffen hat, so thut ohne Zweifel dieses das
Waßer gleichfals, dessen Theile in der Bildung der Pflantzen ihre Flüßigkeit
abzulegen scheinen, so, daß das allerausgetrokneteste zerriebene Holtz bey
chymischer Auflösung doch immer Wasser von sich giebt, woraus es nicht
unwahrscheinlich wird: daß ein Theil der Gewäßer des Erdbodens zu der
Bildung der Gewächse verwandt wird und nimmer in das Meer zurückkehrt.
Allein zum wenigsten kan diese Abnahme nicht merklich werden. Der zweyte
Grund kan gleichfals in absolutem Verstande nicht in Abrede gezogen werden.
Das Regenwaßer, welches die Erde in sich ziehet, sinket zwar in dieser nur
vornemlich so tief, bis es etwas dichtere Schichten findet, die es nicht
durchlassen und es nöthigen nach dem Abhange derselben einen Ausgang zu
suchen und Qvellen zu unterhalten. Allein es wird jederzeit etwas von
demselben durch alle Schichten bis zu den felsichten sich [hinderseigen] und auch in diesen
durch ihre [Ritze] dringen und
diejenige unterirrdische Waßer sammlen, welche bey Gelegenheit einiger
Erdbeben zuweilen hervorgebrochen sind und Länder überschwemmt haben.
[Siehe der Königl.
Akad. der Wissensch. zu Paris physische
Abhandlungen von Steinwehrsche
Übers. 2ter Band. ](#en20935)
p.
246.
Dieser Verlust des Meerwaßers könte vielleicht nicht unbeträchtlich
seyn und verdiente genauer erwogen zu werden. Allein der dritte Grund
scheinet wohl den grössesten und unstrittigsten Antheil an der verminderten
Höhe des Meeres zu haben welche immer abnehmen muß je tiefer dieses sein
Bette ausarbeitet wiewohl auf diese Art nicht der geringste Schritt zum
Verderben der Erde zu besorgen ist.
(Der Beschluß folget künftig.)
Immanuel Kant.
Beschluß der physischen Erörterung der Frage:
Ob die Erde veralte.
Welches ist denn das Resultat der Prüfung, die über die bisher
vorgetragene Meinungen angestellt worden? Wir haben die drey erstere
verneinend entschieden. Das Erdreich verliert keine Saltzigkeit durch das
abspülen des Regens und der Bäche; die fette Erde wird nicht durch die Flüße
mit unersetzlichem Verlust in das Meer geschleppet, um es endlich
auszufüllen und die Gewässer desselben über das bewohnte Land wiederum zu
erheben. Sie führen in der That demselben den Raub der hohen Gegenden zu;
allein dieses bedienet sich desselben, um [es]
wiederum an den Ufern
des festen Landes abzusetzen, und die Unterhaltung und Bildung der
Vegetabilien kostet dem Meere einen wirklichen Aufwand ausgedunstetes
Wassers, [deren] ein nahmhafter
Theil den flüßigen Zustand abzulegen und das Erdreich wegen seines Verlusts
schadlos zu halten scheinet. Endlich hat die Vermuthung von der wircklichen
Abnahme der Gewässer des Oceans, ungeachtet ihrer Warscheinlichkeit, doch
noch nicht genugsam gegründete Zuverläßigkeit, um in einer sichern Hypothese
einen entscheidenden Ausspruch zu veranlassen. Es bleibet also in Ansehung
der Veränderung der Gestalt der Erde eine einzige Ursache übrig, worauf man
mit Gewisheit rechnen kan, welche darinn bestehet: daß der Regen und die
Bäche, indem sie das Erdreich beständig angreifen und von den hohen Gegenden
in die niederen abspühlen, die Höhen nach und nach eben zu machen und so
viel an ihnen ist, die Gestalt der Erde ihrer Unebenheiten zu berauben
trachten. Diese Wirkung ist gewiß und zuverläßig. Das Erdreich ist dieser
Veränderung auch so lange unausgesetzt unterworfen, so lange es an dem
Abhange der hohen Theile Materien giebt, welche von dem Regenwasser
angegriffen und weggespühlt werden können, und [sie] wird von derselben nicht eher frey seyn, als
bis nach weggespühlten lockeren Schichten die felsichte Grundlagen derselben
die einzige Höhen ausmachen werden, die keine Veränderung mehr erleiden. Diese Veränderung ist nicht allein
wegen der Versetzung der Schichten, davon die fruchtbarsten unter den todten
versenckt und begraben werden, sondern vielmehr wegen der Aufhebung der
nützlichen Eintheilung des festen Landes in Thäler und Höhen, die
besorgliche Ursache ihres bevorstehenden Verderbens. Wenn man die
gegenwärtige Einrichtung des festen Landes ansiehet, so wird man mit
Bewunderung eine regelmäßige Beziehung der erhabenen Gegenden gegen die [tiefen] gewahr: daß das Erdreich
in weiten Strecken sich mit gemäßigtem Abhange nach dem Schlauche eines
Flusses neiget, der die größte Tiefe des Thals einnimmt, und nach dessen
Erstreckung eine ebenmäßige fortgehende Abschießigkeit bis zu dem Meere hin
hat, darinn solcher sein Wasser ausleeret. Diese wohlgeordnete Verfassung,
die das feste Land von dem Ueberfluße des Regenwassers befreyet, beruhet
sehr auf den Grad ihrer Größe, damit weder ein gar zu grosser Abfall, das
Wasser welches zur Fruchtbarkeit angewandt werden soll, zu schnell abführe,
noch eine gar zu gringe Abschießigkeit es zum Schaden derselben zu lange
darauf ruhen und sich häufen lasse. Allein diese vortheilhafte Bestimmung
leidet durch die stetswährende Wirkung des Regens beständigen Abbruch; indem
derselbe die Höhen vermindert, und dadurch, daß er die abgerissene Materien
in die niedrigen Gegenden führet, die Gestalt der Erden allmählig der
Beschaffenheit nähert, die sie haben würde, wenn alle Ungleichheiten der
Oberfläche verschwunden wären, und das ohne Abzug sich häufende Wasser, das
der Regen über den Erdboden führet, den Schooß derselben durchweichen und
die bewohnbare Verfassung zernichten würde. Ich habe schon angemerkt: daß
die Vollendung des Veraltens der Erde, ob sie gleich in langen Zeiten kaum
mercklich werden kan, dennoch ein gegründeter und wissenswürdiger Vorwurf
der philosophischen Betrachtung sey, darinn das gringe nicht mehr gring oder
nichtswürdig ist, welches durch unaufhörliche Summirungen eine wichtige
Veränderung beständig näher herbeyführet, und in der das Verderben nichts
anders als Zeit brauchet um vollständig zu werden. Man kan indessen nicht
sagen: daß die Schritte zu dieser Veränderung ganz und gar nicht zu mercken
wären. Wenn die Höhen beständig abnehmen, so wird der [Zuschuß] des Wassers in die niedere Gegenden,
welcher Landseen oder auch Ströhme unterhält, immer vermindert werden. Diese
werden an der Abnahme ihrer Größe die Zeugnisse solcher Veränderung mit sich
führen. In der That wird man an allen
Landseen Merkmaale finden: daß sie sich vordem weiter erstreckt haben. Der
hohe Theil von Preußen ist ein rechtes Land voll Seen. Man wird nicht leicht
einen von denselben sehen, da man nicht neben ihnen große anstossende Ebenen
solte gewahr werden, die so Wassergleich sind, daß man nicht zweifeln kan,
sie hätten vordem auch zu dem See gehöret und seyn nur nach und nach trocken
gelassen worden, nachdem dieser sich weiter zurück gezogen, weil sein Gewässer sich
allmählig verringert hat. Um ein Beyspiel anzuführen: so hat, nach sichern
Zeugnissen, vor Alters der Drausensee bis an die
Stadt [Preusch-Holland] gereichet
und Gelegenheit zur Schiffahrt daselbst gegeben, der anjetzt sich auf eine
Meile davon zurückgezogen hat, aber sein vormaliges Bette durch eine lange
Ebene die beynahe Wassergleich ist, und deren vormalige erhöhete Ufer zu
beyden Seiten gesehen werden, annoch deutlich bezeichnet. Diese allmählige
Veränderung ist also so zu reden ein Theil [einer fortschreitenden Verhältniß, dessen] letztes Glied fast
unendlich weit von dem Anfange absteht und vielleicht niemals [erricht] wird, weil die
Offenbarung der Erde die wir bewohnen ein plötzliches Schicksaal
vorherverkündigt, dessen Ausführung ihre Dauer mitten im Wohlstande
unterbrechen und ihr nicht Zeit lassen soll, durch unmerkliche Stuffen der
Abänderung zu veralten, und so zu reden einen natürlichen Tod zu leiden.
Ich bin indessen den verschiedenen Meinungen, die man von dem
Veralten der Erde aufwerfen kan, noch die Beurtheilung der vierten schuldig:
ob sich nicht die stets wircksame Kraft, welche gewissermaaßen das Leben der
Natur macht, und die, wiewohl sie nicht sichtbar in die Augen fällt, dennoch
bey allen Zeugungen und der Oekonomie aller dreyen Naturreiche geschäftig
ist, nach und nach erschöpfe und dadurch das Veralten der Natur verursache.
Diejenige, die in diesem Verstande einen allgemeinen Weltgeist annehmen,
verstehen darunter keine unmaterielle Kraft, keine Seele der Welt oder
plastische [Naturen die] Geschöpfe
der kühnen Einbildungskraft, sondern eine subtile, aber überall wircksame
Materie, die bey den Bildungen der Natur das active Principium ausmacht, und
als ein wahrer Proteus bereit ist, alle
Gestalten und Formen anzunehmen. Eine solche Vorstellung ist einer gesunden
Naturwissenschaft und der Beobachtung nicht so sehr entgegen als man wohl
dencken solte. Wenn man erweget: daß die Natur in dem Pflanzenreiche den
kräftigsten und geistigen Theil in ein gewisses Oehl gelegt hat, dessen Zähigkeit seine Flüchtigkeit
befestiget, und dessen Beraubung entweder durch die Ausdüftung oder
chymische Kunstgriffe keinen merklichen Verlust des Gewichts verursacht, ob
gleich das zurückgebliebene alsdenn nichts als eine todte Masse ist; wenn
man diesen [Spiritus Rector], wie
ihn die [Chymici] nennen, diese
fünfte Essentz, die das specifische Unterscheidungszeichen eines jeden
Gewächses ausmacht, erweget, wie er allenthalben gleich leicht durch
einerley Nahrungsmittel, nemlich durch reines Wasser und Luft erzeuget
werde, wenn man die so berufene flüchtige Säure, die allenthalben in der
Luft ausgebreitet ist, die das active Principium in den meisten Arten der
Saltze, das wesentliche Theil des Schwefels und das vornehmste in dem
brennbaren des Feuers ausmacht, deren Anziehungs und Zurückstossungskräfte
sich bey der Elektricität so deutlich offenbahren, [welches] so geschickt ist die Federkraft der Luft
zu bezwingen und Bildungen zu veranlassen, wenn man diesen Proteus der Natur
erweget, so wird man bewogen eine überall wirksame subtile Materie, einen
sogenannten Weltgeist, mit Wahrscheinlichkeit zu vermuthen, aber auch zu
besorgen: daß die unaufhörliche Zeugungen vielleicht immer mehr von
demselben verzehren, als die Zerstöhrung der Naturbildungen zurückliefert,
und daß die Natur vielleicht durch den Aufwand derselben beständig etwas von
ihrer Kraft einbüsse.
Wenn ich den Trieb der alten Völcker zu grossen Dingen, den
Enthusiasmus der Ehrbegierde, der Tugend und der Freyheitsliebe, der sie mit
hohen Begriffen begeisterte, und sie über sich selbst erhob, mit der
gemäßigten und kaltsinnigen Beschaffenheit unserer Zeiten vergleiche: so
finde ich zwar Ursache unsern Jahrhunderten zu einer solchen Veränderung
Glück zu wünschen, welche der Sittenlehre sowohl als den Wissenschaften
gleich einträglich ist, aber ich gerathe doch in Versuchung zu vermuthen:
daß vielleicht dieses Merkmale einer gewissen Erkaltung desjenigen Feuers
seyn, welches die [menschliche]
Natur belebte, und dessen Heftigkeit eben so fruchtbar an Ausschweifungen
als schönen Wirkungen war. Wenn ich dagegen in Erwegung ziehe, wie grossen
Einfluß die Regierungsart, die Unterweisung und das Exempel in die Gemüthsverfassung und die Sitten habe, so
zweifle ich ob dergleichen zweydeutige Merkmale Beweisthümer einer
wirklichen [Veränderung] der Natur
abgeben können.
Ich habe demnach die aufgeworfene Frage von dem Veralten der
Erde nicht entscheidend, wie es
der unternehmende Geist eines kühnen Naturforschers erheischen würde,
sondern prüfend wie es die Beschaffenheit des Vorwurfs selber mit sich
bringet, abgehandelt. Ich habe den Begriff richtiger zu bestimmen gesucht,
den man sich von dieser Veränderung zu machen hat. Es können noch andere
Ursachen seyn, die durch einen plötzlichen Umsturtz der Erde ihren Untergang
zu wege bringen könnten. Denn, ohne der Cometen zu gedenken, deren man sich
zu allen ausserordentlichen Schicksaalen seit einiger Zeit beqvem zu
bedienen gewust hat, so scheinet in dem inwendigen der Erde selber das Reich
des Vulkans und ein grosser Vorrath entzündeter und feuriger Materie
verborgen zu seyn, welche unter der obersten Rinde vielleicht immer mehr und
mehr überhand nimmt, die Feuerschätze häufet und an der Grundfeste der
obersten Gewölber naget, deren etwa verhängter Einstürtz das flammende
Element über die Oberfläche führen, und ihren Untergang im Feuer verursachen
könnte. Allein dergleichen Zufälle gehören eben so wenig zu der Frage des
Veraltens der Erde, als man bey der Erwegung, durch welche Wege ein Gebäude
veralte, die Erdbeben oder Feuersbrünste in Betrachtung zu ziehen hat.
Immanuel Kant.