Kant's Werke Schriften 1747–1756 Principiorum primorum cognitionis metaphysicae nova dilucidatio Kant Immanuel Hohenegger Hansmichael Lamarra Antonio Pozzo Riccardo Tieftrunk Johann Heinrich Gerhardt Volker Antragsteller und Projektleitung Willaschek Marcus Projektleitung Schepelmann Maja Koordination und editionswissenschaftliche Beratung Rosie Martin Koordination und editionswissenschaftliche Beratung Karl Jacqueline Koordination Neumann Gerald Entwicklung und Layout der digitalen Edition, Bereitstellung der Schnittstellen Fricke Edna Entwicklung TEI-Datenmodell und Schema sowie Konversionsroutinen für Überführung der Daten in das TEI-Format Geldgeber sind im Folgenden alphabetisch angeordnet; kein Anspruch auf Vollständigkeit. Akademienprogramm Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien, Prof. Monika Grütters Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) Hamburger Stiftung zur Förderung von Wissenschaft und Kultur Mathias-Tantau-Stiftung Fritz-Thyssen-Stiftung ZEIT STIFTUNG BUCERIUS Vollständige digitalisierte Ausgabe der Druckversion der historisch-kritischen Neuedition der Akademieausgabe. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften (BBAW) Neuedition der Abteilung I, „Werke“, der Akademie-Ausgabe von „Kant‘s gesammelten Schriften“ Berlin 2023 Creative Commons Attribution-ShareAlike 4.0 International (CC BY-NC-SA 4.0) Nova dilucidatio Kant's Werke Band 1: Schriften 1747–1756 Principiorum primorum cognitionis metaphysicae nova dilucidatio Kant Immanuel Hohenegger Hansmichael Lamarra Antonio Pozzo Riccardo Tieftrunk Johann Heinrich 366–450 De Gruyter Berlin Boston 2023 9783110706482 Kant's gesammelte Schriften Erste Abteilung Werke – Neuedition Band 1 German Corrected Corrected Corrected Corrected Preparation Initial conversion into TEI and manual adaptations

Neue

Erklärung

der ersten Grundsätze

der metaphysischen Erkenntniß

welche

mit Bewilligung der wohllöblichen philosophischen Facultät

in öffentlicher Disputation

die im philosophischen Hörsal zum 27sten September in den Stunden von 8 bis 12 Uhr

gehalten werden soll

um die Aufnahme in diese Facultät zu erwerben

verteidigen wird

M. Immanuel Kant aus Königsberg.

Respondent wird seyn

Christoph Abraham Borchard aus Heiligenbeil in Preußen

der Gottesgelahrtheit Beflissener,

Opponenten werden seyn

Johann Gottfried Möller aus Königsberg

der Gottesgelahrtheit Beflissener,

Friedrich Heichrich Samuel Lysius aus Königsberg

der Rechte Beflissener

und

Johann Reinhold Grube aus Königsberg, der Rechte Beflissener.

im Jahre 1755.

Königsberg,

in den Lettern Ihrer Heiligen Königlichen Majestät und der Universitätsdruckerei J. H. Hartungs.

Dem hochangesehenen, edelmüthigsten und vortrefflichsten Herrn, dem Herrn Johann von Lehwald, ehrwürdiger Fürst der Preußen, höchster Befehlshaber über die Lager, ehrwürdigster Statthalter der Ortschaften Pillau und Memelburg, überaus verdienstvoller Träger des hochangesehenen Schwarzen Adlerordens, wachsamster Marschall des Fußheers, unvergleichlicher Held, Seiner Herrlichkeit und gnädigsten Förderschaft,

widme und überlasse ich voll Wohlgesonnenheit

diese Seiten

verbunden in Dankbarkeit und Geistesfreundschaft

für die so vielfach erwiesene Gnade

unterwürfigst Euer demütiger Diener Christoph. Abraham. Borchard.
Plan der Abhandlung.

In Hoffnung, über die ersten Grundsätze unserer Erkenntniß, wie ich wünsche, einiges Licht zu verbreiten, muß ich, um gemäß meinem Entschluß die Resultate meines Nachdenkens über den Gegenstand dieser Schrift auf möglichst wenigen Seiten darzulegen, mich aller entbehrlichen Ausführlichkeit, und, zufrieden, die Nerven und Gelenke der Beweisgründe dargestellt zu haben, alles Schmuckes und aller gefallenden Einkleidung des Vortrags geflissentlich enthalten. Wenn ich hierbey von der Meinung berühmter Männer abzuweichen, oder auch dieselben bisweilen namentlich anzuführen zu dem Zweck meines Vorhabens angemessen finde, so bin ich von ihrer billigen Denkart und richtigen Beurtheilung überzeugt, daß sie dadurch der ihren Verdiensten gebührenden Hochachtung keinesweges etwas entzogen glauben, und deshalb mit mir nicht unzufrieden seyn werden. Denn im Fall verschiedener Meinungen über dieselbe Sache, muß es jedem erlaubt seyn, seiner eigenen Ansicht derselben und seinen Vorstellungen davon zu folgen, auch die Beweisgründe anderer einer neuen Prüfung und Sichtung zu unterwerfen, sofern diese ohne alle Bitterkeit und ohne Streitsucht unternommen wird. Ich finde nicht, daß ein so bescheidenes Verfahren von billigen Richtern jemals für unverträglich mit den Pflichten des Wohlstandes und der schuldigen Ehrerbietung wäre geachtet worden.

Zuerst werde ich also das, was über den Satz des Widerspruchs, als den ersten Satz der Philosophie, und dessen unbezweifelte Herrschaft über alle Wahrheiten gewöhnlich mit mehr Zuversicht als Wahrheit vorgetragen wird, einer sorgfältigern Schätzung und Absonderung unterwerfen, und zugleich, was diesfalls für wahr zu halten sey, kürzlich darzulegen mich bemühen. Sodann werde ich von dem Satz des zureichenden Grundes handeln, und nicht allein alles, was dessen Sinn zu berichtigen oder den Beweis desselben zu befestigen dient, sondern auch die Schwierigkeiten, welche ihn zu entkräften scheinen, aufführen und den Gegenargumenten mit der Kraft der Beweisgründe, wie weit ich dazu fähig bin, entgegentreten. Zuletzt werde ich, um einen Schritt wenigstens weiter zu gehen, zwey neue Grundsätze der metaphysischen Erkenntniß, die nach meinem Dafürhalten von nicht unbedeutendem Gewicht sind, aufstellen: Sie sind zwar weder ursprüngliche noch ganz einfache Sätze, aber gerade deswegen desto brauchbarer und mehr umfassend als irgend ein anderer Satz. Da ich bey diesem Unternehmen einen unbetretenen Weg gehe, wo es so leicht ist in Irrthum zu fallen; so darf ich versichert seyn, der geneigte Leser werde alles mit Billigkeit beurtheilen und günstig aufnehmen.

Erster Abschnitt. Von dem Satz des Widerspruchs.
Erinnerung.

Da ich mich hier hauptsächlich der Kürze befleißigen muß, so finde ich es gerathener, die in den bekannten Theorien bereits hinlänglich begründeten und dabey ganz vernunftmäßigen Definitionen und Lehrsätze nicht nochmals herzuschreiben: denn ich mag nicht nach der Weise derer handeln, welche aus sclavischer Anhänglichkeit an einer, der Himmel weiß welcher, Regel der Methode nicht in gehöriger Ordnung zu verfahren meinen, wenn sie nicht vom Anfang bis zum Ende alles erörtern und beleuchten, was sie in den Büchern und Heften der Philosophen über ihren Gegenstand gesagt finden. Ich habe dem Leser im voraus sagen wollen, daß ich alles dieses vorsätzlich weglasse, damit es mir nicht als Fehler angerechnet werde.

Erster Satz. Einen einzigen Grundsatz aller Wahrheiten, welcher dabey schlechthin der erste und allgemein wäre, giebt es nicht.

Ein erster Grundsatz, welcher in Wahrheit einzig ist, muß nothwendig ein einfacher Satz seyn; denn sonst begreift er in sich mehrere Sätze, und hat nur die trügerische Gestalt eines einzigen Grundsatzes. Ist er wahrlich ein einfacher Satz, so ist er nothwendig nur eins von zweyen, bejahend oder verneinend. Und nun behaupte ich, daß, wenn er eins von beyden ist, er nicht allgemein sey, oder nicht alle Wahrheiten unter sich begreife: denn sagt man, es sey ein bejahender Satz, so kann dieser nicht schlechthin erster Grundsatz der verneinenden Wahrheiten seyn; soll er selbst verneinend seyn, so kann er nicht an die Spitze der bejahenden gestellt werden.

Denn man setze, er sey ein verneinender Satz: weil die Ableitung aller Wahrheiten aus ihren Grundsätzen entweder direct oder indirect ist; wer sieht nicht, daß aus einem verneinenden Grundsatz durch die directe Folgerungsweise blos und allein verneinende Folgesätze abgeleitet werden können? Will man alsdann, daß indirect bejahende Sätze daraus gefolgert werden können, so wird man gestehen müssen, daß dieses nicht anders als mittelst des Satzes geschehen könne: Alles, wovon das Gegentheil falsch ist, das ist wahr. Dieser Satz aber kann, da er selbst bejahend ist, aus einem verneinenden Grundsatz durch directe Folgerung nicht fließen, weit weniger durch indirecte, weil er, da es zu seiner Ableitung aus einem negativen Grundsatz an einem vermittelnden Satze gebricht, seines Beweises durch sich selbst bedürfte; er wird also von einem verneinend ausgedrückten Grundsatz auf keine Weise abhängig seyn; folglich kann ein verneinender Grundsatz, da es nicht angehen will, einzig und allein aus demselben bejahende Sätze abzuleiten, nicht allgemein genannt werden. Auf gleiche Weise werden, wenn man einen bejahenden Satz zum Hauptgrundsatz aufstellt, gewiß die negativen Sätze nicht directerweise davon abhängen; indirecterweise aber wird der Mittelsatz nöthig seyn: Wenn das Gegentheil eines Satzes wahr ist, so ist dieser falsch; das heißt, das Gegentheil eines Satzes bejahen, heißt diesen Satz selbst verneinen. Weil aber auch dieser Satz verneinend ist, so kann er keineswegs aus einem bejahenden Grundsatz, weder, welches an sich klar ist, directer- noch indirecterweise anders als mit Voraussetzung, daß er schon bewiesen sey oder sich selbst beweise, abgeleitet werden. Man mag sich also für das eine oder das andere erklären, so wird man die Wahrheit des von mir anfänglich aufgestellten Satzes nicht in Zweifel ziehen können: daß für alle Wahrheiten ohne Ausnahme ein einziger Grundsatz, der zugleich der höchste und allgemein wäre, nicht gefunden werden kann.

Zweyter Satz. Für alle Wahrheiten giebt es zwey schlechthin erste Grundsätze: einen für die bejahenden Wahrheiten, nehmlich den Satz: alles was ist, ist; einen für die verneinenden, nehmlich den Satz: alles was nicht ist, ist nicht. Beyde sind zusammen unter dem Namen des Identitätssatzes begriffen.

Ich berufe mich wieder auf die zwey Arten, Wahrheiten darzuthun, die directe nehmlich und die indirecte. Die erstere Beweisart folgert aus der Uebereinstimmung der Begriffe des Subjects und des Prädicats in einem Satz die Wahrheit desselben, und verfährt jederzeit nach dieser Grundregel: Wenn das Subject, an sich oder im Zusammenhang betrachtet, das voraussetzt, was den Begriff des Prädicats enthält, oder wenn es das ausschließt, was durch den Begriff des Prädicats ausgeschlossen ist, so muß man sagen, daß dieses Prädicat jenem Subject zukomme; oder, um das nehmliche deutlicher zu sagen: wenn sich in den Begriffen des Subjects und Prädicats eines Satzes Einerleyheit findet, so ist dieser Satz wahr. Dieses wird in den allgemeinsten Termini, wie sie in einem ersten Grundsatz seyn sollen, so ausgesprochen: Alles, was ist, ist; alles, was nicht ist, ist nicht. Demnach wird die directe Beweisart ganz gewiß von dem Identitätsprincip ausgehen, welches der erste Satz ist.

Ist die Rede von der indirecten Beweisart, so wird sich finden, daß derselben ebenfalls das erwähnte doppelte Princip zu Grunde liege. Denn immer wird man sich auf einen von diesen zwey Sätzen berufen müssen: 1. wovon das Gegentheil falsch ist, das ist wahr, das heißt, wovon ich das Gegentheil läugne, das bejahe ich; 2. wovon das Gegentheil wahr ist, das ist falsch. Von diesen zwey Grundsätzen hat der erste die bejahenden, der andere die verneinenden Sätze zu Folgerungen. Der erstere Satz wird, mit den einfachsten Termini ausgedrückt, so lauten: Alles, was nicht nicht ist, das ist (indem das Wort für Gegentheil durch das Wörtchen nicht, und eben so auch für die Aufhebung durch das Wörtchen nicht angedeutet werden). Den letztern Satz wird man also bilden müssen: Alles, was nicht ist, das ist nicht (indem auch hier anstatt des Worts Gegentheil, und eben so anstatt des Worts Falsch oder der Aufhebung die Partikel: nicht gesetzt ist). Wenn man nun, wie es das Gesetz der Bezeichnung verlangt, nach dem in den Worten des erstern Satzes enthaltenen Sinn verfährt, so wird, weil die eine Partikel nicht anzeigt, daß die andere weggenommen werden soll, nachdem beyde weggenommen sind, der Satz hervorgehen: Alles, was ist, ist. Da nun der letztere Satz wörtlich so lautet: Alles, was nicht ist, ist nicht, so erhellet, daß auch bey der indirecten Beweisart das doppelte Identitätsprincip die entscheidende Rolle spiele, folglich der letzte Grund aller Erkenntniß überhaupt sey.

Anmerkung. Hier hat man zugleich eine zwar geringe, doch nicht ganz zu verachtende Probe von der combinatorischen Bezeichnungskunst; denn die völlig einfachen Termini, deren ich mich bey der Entwickelung dieser Grundsätze bediene, sind von den combinatorischen Bezeichnungen fast gar nicht verschieden. Damit ich bey dieser Gelegenheit eröffne, was ich von dieser Kunst, welche Leibnitz erfunden zu haben sich rühmte, und welche, wie alle Gelehrte klagen, mit diesem großen Mann begraben worden ist, denke; so bekenne ich, daß mir diese Lehre des großen Philosophen vorkommt, wie das Testament jenes Vaters beym Aesop, welcher sterbend seinen Kindern entdeckte, er habe irgendwo in seinem Felde einen Schatz vergraben, und, ehe er noch den Ort angezeigt, den Geist aufgab, durch diese Entdeckung seine Söhne veranlaßte, den ganzen Acker mit größtem Fleiß umzugraben und umzuarbeiten, so daß sie zwar in ihrer Hoffnung getäuscht, dennoch durch die vermehrte Fruchtbarkeit reicher wurden. Dies ist nach meiner Vermuthung der einzige Nutzen, welcher von der weitern Forschung über diese so berühmte Kunst, wenn etwa einige sich damit zu beschäftigen geneigt seyn sollten, erwartet werden kann. Darf ich aber sagen, was an der Sache ist, so fürchte ich, daß dem unvergleichlichen Manne das nehmliche begegnet ist, was der scharfsinnige Boerhaave irgendwo in seiner Chemie von den besten Kunststücken der Alchymisten vermuthet, daß nehmlich, nachdem sie viele und besondere Geheimnisse entdeckt, sie endlich sich eingebildet, sobald es ihnen Hand anzulegen beliebte, weniger nicht als alles zu vermögen, daß sie sogar durch einen schnellen Blick in die Zukunft das als bereits geschehen erzählt, was nach ihrer Vorstellung geschehen könnte, was sogar geschehen müßte, sobald sie den Gedanken faßten, solches ins Werk zu richten. Zwar läugne ich nicht, daß, wenn man bis auf schlechthin erste Grundsätze gekommen ist, von der Bezeichnungskunst einige Anwendung zuläßig sey, da man hier Freiheit hat, einfache Begriffe, sogar die einfachsten Worte gleich Zeichen zu gebrauchen; allein, wenn ein zusammengesetztes Erkenntniß durch Hülfe von Zeichen ausgedrückt werden soll, dann steht aller Scharfsinn plötzlich wie vor einer Klippe, und wird durch unüberwindliche Schwierigkeiten aufgehalten. Auch finde ich, daß ein Philosoph von großem Namen, der berühmte Daries, den Versuch gemacht hat, den Satz des Widerspruchs durch Hülfe von Zeichen deutlich auszudrücken, indem er einen bejahenden Begriff mit dem Zeichen + A einen verneinenden mit dem Zeichen - A andeutet, wodurch die Gleichung möglich wird + A – A = 0, d. i., dieselbe Sache zugleich bejahen und verneinen ist unmöglich oder nichts. In diesem Versuch aber finde ich, mit Erlaubnis des bedeutenden Mannes, ohne jeden Zweifel einen Zirkelbeweis. Denn wenn das Zeichen des verneinenden Begriffs die Bedeutung haben soll, daß es den mit ihm verknüpften bejahenden aufhebe, so setzt man offenbar den Satz des Widerspruchs voraus, in welchem gerade dieses behauptet wird, daß entgegengesetzte Begriffe einander gegenseitig aufheben. Unsere Entwickelung des Satzes aber: Alles, wovon das Gegentheil falsch ist, das ist wahr hat diesen Fehler nicht. Denn da dieser Satz mit den einfachsten Termini ausgedrückt also lautet: Alles, was nicht nicht ist, das ist, so thun wir, indem wir die Wörtchen nicht wegnehmen, damit weiter nichts, als was die einfache Bedeutung dieser Partikel verlangt, und so geht, wie es nicht anders seyn konnte, das Identitätsprincip hervor: Alles, was ist, ist.

Dritter Satz. Ausführlicher zu festigen, daß das Identitätsprincip sich zu dem Rang eines schlechthin ersten Grundsatzes im System der Wahrheiten weit mehr eigne, als der Satz des Widerspruchs.

Ein Satz, welcher des Namens eines schlechthin höchsten und allgemeinen Grundsatzes für alle Wahrheiten würdig seyn soll, muß zuerst in den einfachsten, und dann in den allgemeinsten Termini ausgesagt seyn. Diese Erfordernisse finden sich nach meiner Ueberzeugung in dem doppelten Identitätsprincip ganz ungezweifelt. Denn unter allen bejahenden Termini ist das Wörtchen ist, unter den verneinenden das Wörtchen ist nicht der allereinfachste. Alsdann kann auch nichts Allgemeineres gedacht werden als die einfachsten Begriffe. Denn Begriffe, die zusammengesetzter sind, erhalten ihr Licht von den einfachen, und können, weil sie bestimmter sind als diese, nicht so allgemein seyn.

Der Satz des Widerspruchs, in dem Satz ausgedrückt: Unmöglich ist, daß etwas zugleich sey und nicht sey, ist in der Sache selbst nichts weiter als die Definition des Unmöglichen; denn unmöglich wird eben genannt was sich selbst widerspricht, oder was zugleich seyn und nicht seyn soll. Mit welchem Recht aber kann man behaupten, daß alle Wahrheiten an dieser Definition als an einem Probierstein gehalten und geprüft werden müssen? Denn es ist nicht nothwendig, jede Wahrheit durch die Unmöglichkeit des Gegentheils zu beweisen, auch ist dieses, die Wahrheit zu gestehen, an sich zum Beweis nicht hinreichend; denn von der Unmöglichkeit des Gegentheils eines Satzes gilt kein Schluß auf die Wahrheit desselben, als allein mittelst des Satzes: Wovon das Gegentheil falsch ist, das ist wahr, folglich theilt dieser Satz die Herrschaft mit dem Satz des Widerspruchs, wie im vorhergehenden gezeigt worden.

Endlich einem verneinenden Satz im Reiche der Wahrheiten den ersten Rang anzuweisen und ihn als Haupt und Stütze von allen zu begrüssen, wem sollte dieses nicht hart und gewissermaßen schlimmer als paradox vorkommen, da man gar keinen Grund sieht, warum gerade ein verneinender Satz mehr als ein bejahender diesen Rang und Vorzug verdienen soll? Richtiger setzen wir, da zwey Arten von Wahrheiten sind, für dieselben auch zwey erste Grundsätze, einen bejahenden, einen verneinenden.

Anmerkung. Leicht könnte jemanden diese Untersuchung so wie spitzfindig und mühsam, so auch überflüssig und völlig unnütz vorkommen. Und sieht man auf die Fruchtbarkeit derselben an Folgesätzen, so stimme ich gern bey. Denn der Verstand des Menschen befolgt im Denken ein solches Princip, obschon davon nicht unterrichtet, in allen Fällen unvermeidlich von selbst vermöge einer gewissen Nothwendigkeit ihrer Natur. Allein, ist es nicht gerade deswegen ein der Untersuchung würdiger Gegenstand, die Kette aller Wahrheiten bis auf das oberste Glied zu verfolgen? Und allerdings ist es keine geringfügige Bemühung, auf diese Weise das Denkgesetz unseres Verstandes näher kennen zu lernen. Denn weil, um nur diesen einzigen Nutzen zu erwähnen, unser Schließen am Ende darauf hinausläuft, die genaue Uebereinstimmung des Prädicats mit dem Subject entweder an sich oder im Zusammenhang betrachtet zu entdecken, wie aus der letzteren Regel der Wahrheiten erhellt; so kann man daraus sehen, daß Gott keines Schließens bedarf, indem, da seinem Anschauen alles ganz deutlich vorliegt, derselbe Act der Vorstellung dem göttlichen Verstande darstellt, was übereinstimme oder nicht übereinstimme, folglich bey ihm die Analyse nicht nöthig ist, welche die Dunkelheit, die unser Erkenntnisvermögen umnebelt, zum unvermeidlichen Bedürfniß macht.

Zweyter Abschnitt. Von dem Satz des bestimmenden, gewöhnlich sogenannten hinreichenden Grundes.
Definition.

Vierter Satz. Etwas bestimmen, heißt ein Prädicat desselben so setzen, daß das Gegentheil des letztern ausgeschlossen sey. Das, was ein Subject in Rücksicht eines gewissen Prädicats bestimmt, wird der Bestimmungsgrund genannt. Diesen Grund theilt man ein in den vorher und den nachher bestimmenden. Vorher bestimmend ist der Grund, dessen Begriff dem vorhergeht, was dadurch bestimmt wird, das heißt, ohne dessen Voraussetzung das dadurch Bestimmte nicht begreiflich ist.

Hieher kann man den Identitätsgrund rechnen, wenn der Begriff des Subjects durch seine vollkommene Einerleyheit mit dem Prädicat dieses bestimmt. Z. B. ein Triangel hat drey Seiten; denn hier geht der Begriff dessen, was bestimmt, dem Begriff des Bestimmenden weder nach noch vor.

. Nachher bestimmend ist der Grund, welcher nicht gesetzt würde, wenn nicht der Begriff, welcher durch ihn bestimmt wird, schon anders woher gesetzt wäre. Den erstern Grund kann man auch das Warum, oder den Grund des Seyns oder Werdens, den letztern das Weil, oder den Erkenntnißgrund nennen.

Erweis der Realität dieser Definition.

Der Begriff des Grundes bewirkt nach dem Gemeinsinn einen Zusammenhang und eine Verknüpfung zwischen einem Subject und einem gewissen Prädicat. Es ist also dazu jederzeit ein Subject und ein Prädicat, welches mit jenem vereint werden kann, erforderlich. Fragst du mich nach dem Grund des Cirkels, so verstehe ich nicht einmal, was das wohl sey, wornach du fragst, wenn du nicht ein Prädicat hinzusetzest, z. B., daß er unter allen gleichseitigen Figuren den größten Raum einschließe. Wir fragen z. B. nach dem Grund von den Uebeln in der Welt. Hier haben wir also den Satz: die Welt enthält viele Uebel. Nach dem Weil, oder dem Erkenntnißgrund, wird nicht gefragt, denn die Erfahrung vertritt dessen Stelle, sondern das Warum oder der Grund des Werdens muß angezeigt werden, das heißt der Grund, durch dessen Setzung begreiflich wird, daß die Welt in Ansehung dieses Prädicats vorher nicht bestimmt sey, sondern wiefern das Prädicat der Uebel mit Ausschließung des Gegentheils gesetzt wird. Folglich macht der Bestimmungsgrund aus unbestimmten Sätzen bestimmte. Und weil jede Wahrheit durch Bestimmung des Prädicats in seinem Subject bewirkt wird, so ist der Bestimmungsgrund nicht allein das Unterscheidungsmerkmal, sondern auch die Quelle der Wahrheit, so daß, sobald man denselben verläßt, zwar sehr vieles möglich, aber durchaus nichts Wahres gefunden wird. Daher ist es z. B. für uns unbestimmt, ob der Planet Mercurius sich um seine Achse bewege oder nicht, denn es gebricht uns ein Grund, wodurch eins von beyden mit Ausschließung des Gegentheils gesetzt würde; beydes bleibt bis jetzt möglich, keins von beyden wird in Ansehung unserer Erkenntniß ausschließend wahr.

Um den Unterschied des vorher und nachher bestimmenden Grundes durch ein Beyspiel zu erläutern, nenne ich die Mondfinsternisse der Jupiterstrabanten, und sage, daß solche den Erkenntnißgrund von der fortschreitenden und mit bemerkbarer Geschwindigkeit vor sich gehenden Verbreitung des Lichts abgeben. Allein dieser Grund ist für diese Wahrheit nur nachher bestimmend; denn wenn auch sogar keine Jupiterstrabanten existirten, oder die nach Zeiten abwechselnde Bedeckung derselben nicht wäre, so würde sich dennoch das Licht zeitmäßig bewegen, ob wir schon davon vielleicht nichts wüßten; oder um die gegebene Definition näher anzuwenden, so setzen die Erscheinungen der Jupiterstrabanten, wiefern sie die fortschreitende Bewegung des Lichts beweisen, diese Eigenschaft des Lichts, ohne welche sie selbst nicht möglich seyn würden, schon voraus, bestimmen also diese Wahrheit nur nachher. Der Grund des Geschehens aber, warum nehmlich die Bewegung des Lichts mit einem bemerkbaren Aufwand von Zeit verknüpft sey, besteht, (wenn man der Meinung des Cartesius beystimmen will,) in der Elasticität der Luftkügelchen, welche nach den Gesetzen der Elasticität dem Stoß etwas nachgeben, und die winzige Zeitspanne, welche mit dem Anstoßen eines jeden Kügelchens vorbey geht, durch die eine unermeßliche und ununterbrochene Reihe hindurch fortgesetzte Wiederholung endlich bemerklich machen. Dies wäre der vorher bestimmende Grund, ohne dessen Voraussetzung das dadurch Bestimmte gar nicht Statt finden könnte. Denn wären die Kügelchen des Aethers vollkommen hart, so würde auch in einer noch so unermeßlichen Entfernung zwischen dem Ausfluß und dem Anstoßen des Lichtskein Zeitraum wahrgenommen werden können.

Die Definition des berühmten Wolf schien mir, weil sie einen bedeutenden Fehler hat, einer Verbesserung zu bedürfen. Denn er definirt den Grund durch das, woraus man einsehen kann, warum etwas vielmehr sey als nicht sey. Ungezweifelt hat er das Definitumin die Definition eingehen lassen. Denn obschon das Wörtchen Warum dem gemeinen Verstande so angemessen zu seyn scheint, daß man glauben sollte, es könne in die Definition aufgenommen werden, so enthält es dennoch stillschweigend den Begriff des Grundes in sich. Denn wenn man solches recht prüft, so wird man finden, daß es eben so viel heißt als: aus welchem Grunde. Vollzieht man nun gehörig diese Ersetzung, so wird die Wolfische Definition lauten: Grund ist dasjenige, woraus man einsehen kann, aus welchem Grunde etwas vielmehr sey, als nicht sey.

Eben so habe ich es rathsamer gefunden, anstatt des Ausdrucks zureichender Grund das Wort bestimmender Grund zu gebrauchen, und habe diesfalls die Beystimmung des berühmten Crusius. Denn das Wort zureichend ist schwankend, wie derselbe hinlänglich zeigt, weil man nicht sogleich sieht, wie viel zureichend sey. Das Wort bestimmen aber, da es etwas so setzen heißt, daß das Gegentheil davon ausgeschlossen werde, bezeichnet genau das, was völlig und gewiß zureicht, sich die Sache so und nicht anders vorzustellen.

Fünfter Satz. Ohne einen bestimmenden Grund ist nichts wahr.

Jeder wahre Satz zeigt an, daß das Subject in Rücksicht des Prädicats bestimmt sey; d. h., daß dieses gesetzt werde mit Ausschließung seines Gegentheils; demnach muß in jedem wahren Satz das Gegentheil des ihm zukommenden Prädicats nothwendig ausgeschlossen seyn. Nun wird aber, vermöge des Princips des Widerspruchs, ein Prädicat dadurch ausgeschlossen, daß ein anderer Begriff gesetzt ist, welcher ihm widerstreitet. Folglich findet das Ausschließen nicht Statt, wenn nicht ein anderer Begriff da ist, welcher dem Gegentheil, das eben ausgeschlossen werden soll, widerstreitet. Folglich ist in jeder Wahrheit etwas, welches dadurch, daß es das entgegengesetzte Prädicat ausschließt, die Wahrheit des Satzes bestimmt. Da nun dieses mit dem Namen des bestimmenden Grundes angedeutet wird: so muß man sagen, daß ohne einen bestimmenden Grund nichts wahr sey.

Dasselbe auf andere Weise.

Aus dem Begriff des Grundes kann man einsehen, welches von zwey entgegengesetzten Prädicaten dem Subject beyzulegen, welches davon zu trennen sey. Man setze, daß etwas wahr sey ohne einen bestimmenden Grund, so würde nichts da seyn, woraus erhellet, welches von entgegengesetzten Prädicaten dem Subject beyzulegen und welches davon zu trennen sey; folglich wird keins von beyden ausgeschlossen, und das Subject ist in Rücksicht beyder Prädicate unbestimmt; daher findet hier keine Wahrheit Statt und erscheint, da eine solche dennoch vorausgesetzt wurde, ein offenbarer Widerstreit.

Anmerkung. Daß die Erkenntniß der Wahrheit ohne Ausnahme auf der Anschauung ihres Grundes beruhe, dies ist eine durch den gemeinen Sinn aller Sterblichen ausgemachte Sache. Allein sehr oft begnügen wir uns, weil es uns bloß um Gewißheit zu thun ist, mit dem nachher bestimmenden Grunde; daß aber in jedem Fall ein vorher bestimmender, oder, wem der Ausdruck besser gefällt, genetischer, wenigstens ein identischer Grund vorhanden sey, dies erhellet leicht, wenn man den gegebenen Lehrsatz und die Definition zusammen in Vergleichung betrachtet; indem der nachher bestimmende Grund die Wahrheit nicht bewirkt, sondern blos erklärt. Doch wir gehen fort zu den Gründen, welche das Daseyn bestimmen.

Sechster Satz. Daß irgend etwas den Grund seines Daseyns in sich selbst enthalte, ist widersinnig.

Denn alles dasjenige, was den Grund von dem Daseyn eines Dinges enthält, ist die Ursache dieses Dinges. Man setze also, daß etwas sey, welches den Grund seines Daseyns in sich selbst enthielte, so müßte dieses Ursache von sich selbst seyn: das heißt, es müßte, weil vermöge der Begriffe von Ursache und Wirkung die Ursache von Natur aus früher ist als die Wirkung, und diese später als jene, dasselbe Etwas zugleich früher und später seyn als es selbst ist, welches ungereimt ist.

Zusatz. Alles dasjenige demnach, was schlechthin nothwendigerweise existiren soll, das existirt nicht aus einem gewissen Grund, sondern blos deswegen, weil das Gegentheil seines Daseyns gar nicht denkbar ist. Diese Unmöglichkeit des Gegentheils ist allerdings Erkenntnißgrund von dem Daseyn dieses Wesens, aber ein dieses Daseyn vorher bestimmender Grund fehlt gänzlich. Es existiert; dies einzige genügt uns von ihm zu sagen und zu denken.

Anmerkung. Freilich finde ich in den Schriften der neuern Philosophen von Zeit zu Zeit den Satz wiederholt, daß GOtt den Grund seines Daseyns in sich selbst habe; allein ich an meinem Theil mag demselben meine Beystimmung nicht geben. Es scheint nämlich diesen guten Männern etwas hart, daß man GOtt, dem letzten und vollkommensten Princip aller Gründe und Ursachen, einen Grund seines Daseyns abspreche; weil sie nun gestehen müssen, daß dieser Grund nicht außer Ihm seyn könne, so gerathen sie auf den Gedanken, daß Er diesen tief liegenden Grund in sich selbst habe, und gleichwohl laßt sich kaum etwas finden, das den Gesetzen der Vernunft noch ferner sey. Denn sobald man in der Kette der Gründe bis zum höchsten Princip gekommen ist, so ist es an sich offenbar, daß man dabey stehen bleiben und die durch die letzte Antwort vollendete Untersuchung niederschlagen müsse. Ich weiß zwar, daß man sich auf unsern Begriff GOttes beruft und will, daß dadurch das Daseyn desselben bestimmt sey: allein, daß dieses blos in der Idee geschehe, ohne sich in der erkennbaren Wirklichkeit also zu verhalten, ist sehr leicht einzusehen. Du bildest dir den Begriff eines Wesens, in welchem alle Realitäten vereiniget sind; und du mußt gestehen, daß du demselben vermöge dieses Begriffs auch das Daseyn beylegest. Mithin folgt die Beweisführung also: Wenn in einem Wesen alle Realitäten ohne Grad vereiniget sind, so existirt dasselbe; werden solche aber bloß als in ihm vereiniget gedacht, so besteht auch sein Daseyn nur in den Ideen. Folglich mußte der Satz so gestellt werden: wir haben den uns von einem Wesen, welches wir GOtt nennen, gebildeten Begriff so bestimmt, daß darin das Daseyn enthalten sey. Ist nun dieser vorgefaßte Begriff wahr, so ist es auch wahr, daß GOtt existire. Und dieß mag für die gesagt seyn, welche dem Cartesianischen Beweis Beyfall geben.

Siebenter Satz. Es giebt ein Wesen, dessen Daseyn der Möglichkeit seiner selbst und aller Dinge vorher geht, von dem daher gesagt wird, daß es schlechthin nothwendig existire. Es wird GOtt genannt.

Da die Möglichkeit bloß darin besteht, daß einige verknüpfte Begriffe sich nicht widersprechen, folglich der Begriff der Möglichkeit aus einer Zusammenstellung entspringt; bey jeder Zusammenstellung aber das, was zusammengestellt werden soll, nothwendig gegeben seyn muß; folglich, wenn nichts gegeben ist, weder ein Zusammenstellen, noch auch das Resultat desselben, der Begriff der Möglichkeit Statt findet: so folgt, daß nichts als möglich gedacht werden kann, wenn nicht das Reale, welches in dem Begriff eines jeden Möglichen ist, existirt, und zwar wird es, (weil sonst gar nichts möglich, d. h., alles unmöglich seyn würde,) schlechthin nothwendig existiren. Ferner muß diese allervollkommenste unbedingte Realität in einem einzigen Wesen vereiniget seyn.

Denn man setze, daß die Realitäten, welche gleichsam den Stoff aller möglichen Begriffe ausmachen, in mehreren existirenden Dingen vertheilt angetroffen werden, so wird jedes dieser Dinge ein gewissermaßen beschränktes Daseyn haben, das heißt, verknüpft mit einigen Entbehrungen, und da diesen die absolute Nothwendigkeit nicht so wie den Realitäten beygelegt werden kann, und sie gleichwohl zur durchgängigen Bestimmung eines Dinges, ohne welche das Ding nicht existiren kann, gehören, so würden die auf diese Weise beschränkten Realitäten ein zufälliges Daseyn haben. Folglich ist zum schlechthin nothwendigen Daseyn derselben erforderlich, daß sie ohne alle Einschränkung existiren, das heißt, daß sie ein unendliches Wesen ausmachen. Und da die etwa angenommene Mehrheit dieses Wesens eine öftere Wiederholung desselben, folglich eine Zufälligkeit das Gegentheil der absoluten Nothwendigkeit wäre, so muß man behaupten, daß nur ein einziges schlechthin nothwendiges Wesen existire. Demnach giebt es einen einzigen GOtt, als das schlechthin nothwendige Princip alles Möglichen.

Anmerkung. Hier hat man einen Beweis vom Daseyn des Göttlichen so nothwendig wesentlich, als er hat gegeben werden können, und, obschon ein genetischer Beweis hier eigentlich nicht geschafft werden kann, dennoch durch ein ganz ursprüngliches Beweisthum, nehmlich durch die Möglichkeit der Dinge selbst, bestätiget. Hieraus erhellet: daß, wenn GOtt aufgehoben wird, nicht allein das Daseyn der Dinge, sondern sogar ihre innere Möglichkeit völlig vernichtet wird. Denn ob man schon das Wesen einer Sache (welches in der innern Möglichkeit besteht,) gewöhnlich schlechthin nothwendig nennt, so würde man doch dafür richtiger sagen, daß es den Dingen schlechthin nothwendig zukommt. Denn das Wesen eines Dreyecks, welches in der Verbindung dreyer Seiten besteht, ist nicht schlechthin nothwendig; denn welcher Mensch von gesunden Sinnen würde behaupten, es sey an sich nothwendig, immer drey Seiten verbunden zu denken; sondern ich gebe nur zu, daß dieses dem Dreyeck wesentlich sey, d. i., wenn man sich ein Dreyeck vorstellt, so denkt man sich dabey nothwendig drey Seiten, und das ist genau nicht mehr, als wenn man sagt: wenn etwas ist, so ist es. Auf welche Weise es aber zugehen soll, daß dem Denken von Seiten, von einem einzuschließenden Raum u. s. w. wahre Begriffe entsprechen, das heißt, daß überhaupt etwas sey, welches gedacht werden könne, woraus hernach durch Verknüpfung, Beschränkung, Bestimmung jeder Begriff eines denkbaren Dinges resultire, dieß kann, wenn nicht in GOtt, dem Quell aller Realität, das Reale, was in jedem Begriff ist, existirte, schlechterdings nicht begriffen werden. Zwar hat Cartesius, wie wir wissen, den Beweis von dem Daseyn des Göttlichen aus dem innern Begriff von der Gottheit selbst herleiten wollen; allein wie wenig es ihm damit geglückt sey, kann man in der Anmerkung zum vorigen Paragraphen sehen. Unter allen Wesen ist GOtt das einzige, dessen Daseyn früher ist als die Möglichkeit, oder bey welchem, wenn man so will, jenes mit diesem identisch ist. Von diesem Wesen bleibt, sobald man das Daseyn desselben wegnimmt, kein Begriff mehr.

Achter Satz. Kein zufällig existirendes Ding kann ohne einen sein Daseyn vorher bestimmenden Grund existiren.

Man setze, etwas existire ohne einen solchen Grund, dann wird nichts da seyn, was solches als existirend bestimmte, außer das Daseyn dieses Dinges selbst. Weil nun nichts destoweniger das Daseyn des Dinges bestimmt ist, das heißt, daß jedes Gegentheil seiner durchgängigen Bestimmung ganz ausgeschlossen sey; so wird kein anderes Ausschließen des Gegentheils Statt finden, als das, welches von dem Setzen des Daseyns herkommt. Weil aber dieses Ausschließen identisch ist, (indem nichts anders hindert, daß das Ding nicht existire, als dieses, daß die Nichtexistenz ausgeschlossen wurde,) so wird das Gegentheil der Existenz durch sich selbst ausgeschlossen, das heißt, schlechthin unmöglich seyn, und dies heißt, das Ding wird schlechthin nothwendig existiren, welches der Voraussetzung widerstreitet.

Zusatz. Aus den gegebenen Beweisen ergiebt sich, daß bloß das Daseyn zufälliger Dinge eines vorher bestimmenden Grundes bedarf, daß also das schlechthin nothwendige Wesen von diesem Gesetz ausgenommen ist; deswegen darf man auch den höchsten Grundsatz der Philosophie nicht in dem ganz allgemeinen Sinne nehmen, daß er die Gesammtheit alles Möglichen unter seiner Herrschaft befasse.

Anmerkung. Dieß wäre denn nun der Beweis von dem Grundsatz des bestimmenden Grundes, und zwar, wie ich wenigstens überzeugt bin, mit allem Licht der Gewißheit erhellt. Es ist bekannt, daß die scharfsichtigsten Philosophen unserer Zeit, unter welchen ich den berühmten Crusius ehrenhalber nenne, immer über den wenig befriedigenden Beweis dieses Grundsatzes, wie man ihn in allen Schriften über diesen Gegenstand feilgeboten findet, geklagt haben. Und der große Mann zweifelte an der Möglichkeit diesem Uebel abzuhelfen so sehr, daß er im Ernst behauptete, er sey unfähig, einen Beweis dieses Satzes zu geben, wenn man auch die Wahrheit desselben zugestehen müsse. Warum aber nun der Beweis dieses Grundsatzes nicht so leicht und zusammenhängend von Statten gegangen sey, daß ich solchen, wie er von andern versucht worden ist, durch ein einziges Räsonnement ganz vollendete, sondern erst durch einen Umweg die volle Gewißheit habe erreichen können, davon muß ich Rechenschaft geben.

Ich mußte nehmlich zuerst den Unterschied zwischen dem Grund der Wahrheit und dem des Daseyns genau bestimmen; obschon es scheinen konnte, daß die Allgemeinheit des Grundsatzes des bestimmenden Grundes in dem Reiche der Wahrheiten die Herrschaft desselben auch auf das Daseyn erstrecke. Denn wenn ohne bestimmenden Grund nichts wahr ist, d. h., wenn ohne ihn das Subject dem Prädicat nicht zukommen kann, so kann auch ohne diesen Grund das Prädicat des Daseyns nicht Statt finden. Allein es ist bekannt, daß zum Beweis der Wahrheit an sich kein vorher bestimmender Grund nöthig, sondern dafür die Identität zwischen Subject und Prädicat hinreichend ist. Bey existirenden Dingen aber ist gerade die Frage nach dem vorher bestimmenden Grunde, und ist dieser Grundnicht vorhanden, so existirt dieses Wesen schlechthin nothwendig; ist das Daseyn eines Wesens zufällig, so muß dieser Grund demselben vorhergehen, wie ich erwiesen habe. Auf diese Weise ist, wenigstens nach meinem Urtheil, die Wahrheit, aus ihren Quellen abgeleitet, gereinigter hervorgegangen.

Zwar meint der berühmte Crusius, manches Daseyn würde durch seine eigene Wirklichkeit so bestimmt, daß es vergeblich sey nach irgend etwas weiter zu fragen. Titius handelt nach freyem Belieben; ich frage, warum er dieses vielmehr gethan als nicht gethan habe; die Antwort ist, weil er so gewollt hat. Warum hat er aber so gewollt? Diese Frage hält er für unschicklich. Fragst du, warum hat er nicht vielmehr etwas anderes gethan? so antwortet er, weil er jetzt dieses that. Und so meint er, daß das freye Wollen in jedem Act durch sein Daseyn bestimmt sey, nicht vorher durch Gründe, die früher wären, und nun behauptet er, daß durch das bloße Setzen der Wirklichkeit alle entgegengesetzte Bestimmungen ausgeschlossen worden, folglich ein vorher bestimmender Grund nicht erforderlich sey. Allein, daß etwas Zufälliges ohne einen vorher bestimmenden Grund nie zureichend bestimmt, folglich auch nicht existent seyn könne, dieß will ich, wenn es seyn soll, auch auf andere Art beweisen. Ein Act des freyen Wollens existirt, dieses Daseyn schließt das Gegentheil dieser Bestimmung aus; allein da er vorher nicht existire und das Daseyn an sich nicht bestimmt, ob er vorher gewesen oder nicht gewesen sey, so bleibt durch das Daseyn dieses Wollensdie Frage, ob es schon vorher existirt oder nicht existirt habe, unbestimmt; weil aber in der durchgängigen Bestimmung auch diese eine von allen ist, ob das Ding angefangen habe zu existiren oder nicht, so wird das Wesen insoweit unbestimmt seyn und nicht bestimmt werden können, wenn nicht außer dem, was dem Daseyn in sich zukommt, noch andere Begriffe zu Hülfe genommen werden, welche unabhängig von dem Daseyn des Wesensdenkbar sind. Da nun das, was eines existirenden Wesens vorhergehende Nichtexistenz bestimmt, dem Begriff der Existenz vorhergeht, dasselbe aber, was ein existirendes Wesen bestimmt, daß es vorher nicht existirte, solches zugleich von der Nichtexistenz zur Existenz bestimmt hat, (weil die Sätze, warum das, was jetzt existirt, vorher nicht existirte, und warum das, was vorher nicht existirte, jetzt existire, in der That identisch sind,) das heißt, da ein die Existenz vorher bestimmender Grund da ist; so erhellet deutlich, daß ohne diesen Grund die durchgängige Bestimmung eines Wesens das zu seyn angefangen haben soll, folglich auch das Daseyn desselben nicht Statt finden könne. Sollte jemandem dieser Beweis wegen der tiefern Zergliederung der Begriffe etwas dunkel vorkommen, so wird er sich mit dem vorhergehenden begnügen können.

Endlich will ich noch kürzlich sagen, warum ich mich bey dem von dem berühmten Wolff und seinen Anhängern gebrauchten Beweis nicht habe beruhigen wollen. Der Beweis dieses berühmten Mannes, wie er von dem scharfsichtigen Baumgarten weiterentwickelt worden ist, kommt, damit ich mit wenig Worten alles vortrage, auf diese Sätze hinaus. Wenn etwas keinen Grund hätte, so würde ein Nichts Grund desselben seyn, das heißt, ein Nichts von Etwas, welches ungereimt ist. Allein diese Sätze sollten vielmehr so gebildet worden seyn: Wenn ein Wesen keinen Grund hat, so ist der Grund desselben ein Nichts, d. h. ein Unding. Dieses aber gebe ich mit beyden Händen zu; denn wenn kein Grund da ist, so wird der demselben entsprechende Begriff der eines Undinges seyn, wenn also einem Dinge kein anderer Grund beygelegt werden kann, als ein solcher, dem gar kein Begriff entspricht, so wird es ganz ohne Grund seyn, welches auf das Vorausgesetzte zurück kommt. Nur folgt daraus kein Widersinn, wie man meinte. Ich will zum Beleg meiner Behauptung ein Beyspiel anführen. Nach obiger Art zu schließen getraue ich mir zu beweisen, daß der erste Mensch von einem Vater erzeugt worden seyn müsse. Man setze, er sey nicht erzeugt worden. Dann würde nichts seyn, was ihn erzeugt hätte. Er würde also von einem Nichts erzeugt worden seyn; weil nun dieses widersprechend ist, so muß man gestehen, daß er von etwas erzeugt worden seyn muß. Es ist nicht schwer, dem Verfänglichen dieser Schlußfolge auszuweichen. Wenn er nicht erzeugt worden ist, so hat ihn nichts erzeugt; das heißt, der, welcher ihn nach der Voraussetzung erzeugt haben soll, ist ein Nichts oder ein Unding. Dieß ist so gewiß als irgend etwas seyn kann, allein eine voreilige Umkehrung des Satzes giebt einen äußerst verschobenen Sinn.

Neunter Satz. Die Schwierigkeiten, welchen das Princip des bestimmenden, oder gewöhnlich sogenannten zureichenden Grundes unterworfen ist, aufzuzählen und aufzulösen.

Unter den Bestreitern dieses Grundsatzes kann man als den Anführer und Stellvertreter aller übrigen mit Recht ansehen

Ich will damit dem berühmten Darjes nichts entzogen haben, und bekenne vielmehr, daß die von ihm und einigen andern zur Bestreitung des Princips des bestimmenden Grundes vorgebrachten Einwürfe viel Gewicht haben. Allein, weil sie nach meinem Dafürhalten mit den anzuführenden Gründen des D. Crusius sehr verwandt sind, so glaube ich, meine Antwort auf die dagegen erregten Zweifel ohne Misbilligung anderer großen Männer auf die letztern einschränken zu können.

den berühmten und scharfsinnigen Crusius, welcher nach meinem Urtheil unter allen nicht sowohl Philosophen, als vielmehr Beförderern der Philosophie in Deutschland nicht leicht einem nachsteht. Gelingt es mir, die Zweifel dieses Mannes zu lösen (und dieß scheint die Vertheidigung der guten Sache zu versprechen,) so darf ich mir schmeicheln, alle Schwierigkeiten beseitiget zu haben. Zuerst tadelt er die Zweydeutigkeit und den unsteten Sinn der Formel dieses Grundsatzes, indem, wie er richtig bemerkt, der Erkenntnißgrund, der moralische und andere idealische Gründe auch für reale und vorher bestimmende Gründe gebraucht werden, so daß man sehr oft schwerlich abnehmen könne, welcher Grund denn eigentlich gemeint werde. Diesen Einwurf, welcher meine Behauptungen nicht trift, brauche ich nicht abzuweisen. Wer die von mir vorgetragenen Sätze prüfen will, wird finden, daß ich den Grund der Wahrheit und den Grund der Wirklichkeit sorgfältig unterscheide. Bey dem erstern ist bloß die Rede von derjenigen Setzung des Prädicats, welche durch die Identität der Begriffe, welche in dem Subject, entweder an sich schlechthin, ober im Zusammenhang betrachtet, enthalten sind, mit dem Prädicat bewirkt wird, und es wird nur ein Prädicat entdeckt, welches in dem Subject bereits liegt. Bey dem letztern wird in Ansehung dessen, was als inhärent gesetzt wird, untersucht, nicht ob, sondern woher das Daseyn desselben bestimmt sey; ist nichts da, wodurch das Gegentheil ausgeschlossen wird, als allein das absolute Setzen desselben Dinges, so existirt dieses Ding an sich und schlechthin nothwendig; nimmt man aber ein Ding an, dessen Daseyn zufällig ist, so muß etwas anderes vorhanden seyn, welches dadurch, daß es das Daseyn des Dinges so und nicht anders bestimmt, das Gegentheil davon vorher ausschließt. So viel von meinem Beweis überhaupt.

Eine in der That größere Gefahr haben die Vertheidiger dieses Grundsatzes von diesem Einwurfe des berühmten Mannes zu fürchten, wenn er uns ausdrücklich und mit Gründen von nicht unbedeutendem Gewicht Schuld giebt, daß wir durch die Behauptung der unabänderlichen Nothwendigkeit aller Dinge und Wiedereinführung der stoischen Bestimmung alle sittliche Freyheit und alle Moralität der Handlungen aufheben. Ich will den Beweis desselben, welcher zwar nicht ganz neu, aber doch von ihm ausführlicher und kräftiger vorgetragen worden ist, so entwickelt als möglich, aber ohne seiner Stärke etwas zu entziehen, hier anführen.

Wenn das, was geschieht, anders nicht geschehen kann, als so, daß es einen vorher bestimmenden Grund habe, so folgt, daß das, was nicht geschieht, auch nicht geschehen könne, weil nehmlich kein Grund da ist, ohne welchen es nicht geschehen kann. Weil nun dieses von allen Gründen der Gründe in rückwärts schreitender Ordnung zugegeben werden muß, so folgt, daß alles vermöge seiner natürlichen Verknüpfung in so gedrängter und innigst zusammenhängender Ordnung geschehe, daß, wer das Gegentheil eines Ereignisses oder auch einer freyen Handlung wünscht, etwas Unmögliches wünscht, indem kein Grund vorhanden ist, welcher zur Bewirkung dieses Gegentheils erforderlich ist. Und auf diese Weise wird, wenn man die unvermeidlich nothwendige Kette der Ereignisse durchläuft, die, wie Chrysipp sagt, GOtt einmal gewollt und durch die ewigen Ordnungen der Folgen zusammengehalten habe, ist endlich in den allerersten Zustand der Welt, dessen Urheber GOtt unmittelbar ist, der letzte und an Folgen so fruchtbare Grund aller Ereignisse gesetzt, und nun, nachdem er gesetzt ist, ein Ereigniß aus dem andern in alle künftige Zeiten hinaus nach einem unabänderlichen Gesetz abgeleitet. Die bekannte Unterscheidung zwischen absoluter und hypothetischer Nothwendigkeit, wodurch die Freunde dieses Grundsatzes zu entkommen hoffen, bestreitet der Berühmte Mann so: daß dadurch die Kraft und Wirksamkeit der Nothwendigkeit nicht im geringsten geschwächt wird. Denn was thut es zur Sache, ob das Gegentheil eines durch vorhergehende Gründe genau bestimmten Ereignisses, an sich betrachtet, gedenkbar sey, da nichts destoweniger dieses Gegentheil nicht geschehen kann, indem die zum Daseyn desselben nöthigen Gründe nicht da sind, sondern sogar Gründe, warum es nicht geschehen kann? Gleichwohl kann, sagst du, das Gegentheil eines Ereignisses, wenn man dieses an sich betrachtet, gedacht werden und ist folglich möglich. Allein was folgt daraus? dennoch kann es nicht geschehen, es ist durch bereits vorhandene Gründe hinlänglich dafür gesorgt, daß es nie in der That geschehe. Lässt du dich auf ein Beyspiel ein? Cajus hat einen Betrug begangen. Dem Cajus war, gebe ich zu, vermöge seiner ursprünglichen Bestimmungen, die ihm als Menschen zukommen, die Redlichkeit nicht unmöglich. Aber so wie er jetzt bestimmt ist, ist sie ihm allerdings unmöglich, denn es sind in ihm Gründe vorhanden, welche das Gegentheil setzen, und Redlichkeit kann man ihm jetzt nicht als möglich zugestehen, ohne die Ordnung aller verketteten Gründe bis zu dem ersten Zustand der Welt hinauf zu stören. Und nun höre man, was der berühmte Mann daraus noch weiter folgert. Der bestimmende Grund bewirkt nicht bloß, daß gerade diese Handlung erfolge, sondern auch, daß keine andere anstatt derselben geschehen kann. Was also in uns vorgeht, dessen Erfolg hat GOtt so geordnet, daß etwas anderes gar nicht erfolgen konnte. Folglich findet Zurechnung unserer Handlungen bey uns nicht Statt; sondern GOtt ist die einzige Ursache aller derselben, weil er uns an solche Gesetze gebunden hat, daß wir das uns bestimmte Loos schlechterdings erreichen müssen. Folgt nun hieraus nicht, daß keine Pflichtverletzung GOtt mißfallen könne? Denn geschieht sie, so ist ihr Daseyn der Beweis, daß die von GOtt festbegründete Reihe der verknüpften Ereignisse etwas anderes nicht gestatte. Wie kann also GOtt die Sünder wegen ihrer Handlungen schelten, da es von dem Ursprung und der Erschaffung der Welt an so geordnet ist, daß sie solche begehen müssen?

Widerlegung dieser Zweifel.

Wenn wir die hypothetische, besonders die moralische Nothwendigkeit von der absoluten unterscheiden, so wird hier nicht von der Kraft und Wirksamkeit der Nothwendigkeit gehandelt, ob nehmlich ein Ding in einem von zwey Fällen mehr oder minder nothwendig sey, sondern die Frage ist von dem nöthigenden Princip, woher nehmlich das Ding nothwendig sey. Und hier gestehe ich gern, daß einige Anhänger der Wolfischen Philosophie von dem Sinn des Wahren gewissermaßen darin abweichen, daß sie das, was durch eine Kette von Gründen, die sich hypothetisch gegenseitig bestimmen, gesetzt ist, von der vollendeten Nothwendigkeit noch etwas entfernt zu seyn wähnen, weil es noch der absoluten Nothwendigkeit ermangele. Auch hierin stimme ich diesem berühmten Gegner bey, daß die von allen wiederholte Unterscheidung die Kraft der Nothwendigkeit und die Gewißheit der Bestimmung wenig schwäche. Denn gleichwie außer dem Wahren nicht noch etwas, das noch wahrer, außer dem Gewissen nicht etwas Gewisseres, eben so kann außer dem Bestimmten nicht etwas noch Bestimmteres gedacht werden. Die Ereignisse in der Welt sind so gewiß bestimmt, daß die sich zu trügen unfähige Vorsicht der Gottheit mit gleicher Gewißheit sowohl das künftige Geschehen derselben, als auch die Unmöglichkeit des Gegentheils vermöge der Verknüpfung der Gründe als eben so gleichförmig einsieht, als wenn durch den absoluten Begriff derselben das Gegentheil ausgeschlossen würde. Allein hier ist die Hauptfrage nicht wie sehr, sondern woher das künftige Geschehen zufälliger Dinge nothwendig sey. Daß der Act der Erschaffung der Welt in GOtt nicht unbestimmt, sondern so völlig gewiß bestimmt gewesen, daß das Gegentheil GOttes unwürdig ist, d. i., derselben gar nicht zukommen kann, wer wird hieran zweifeln? Nichts destoweniger aber ist dieser Acteine freye Handlung, weil er durch solche Gründe bestimmt wird, welche ihnen Absichten eines unendlichen Verstandes, insofern sie den Willen mit vollkommenster Gewißheit regieren, zurechnen, und diese nicht einer blinden Wirksamkeit der Natur zuschreiben. Eben so wird bey den freyen Handlungen der Menschen, wiefern sie als bestimmt betrachtet werden, das Gegentheil zwar ausgeschlossen, aber es wird nicht durch Gründe ausgeschlossen, die außer dem Begehren und den freywilligen Neigungen des Subjects gesetzt wären, gleich als wenn der Mensch auch wider seinen Willen durch eine unwiderstehliche Nothwendigkeit gewisse Handlungen zu begehen getrieben würde; sondern in der Hinneigung des Wollens und Begehrens selbst, wiefern sie den Reizungen der Außendinge freywillig folgt, werden die Handlungen zwar durch eine völlig gewisse, aber dennoch willkührliche Verknüpfung, gemäß einem beständigen Gesetz bestimmt. Der Unterschied zwischen physischen Handlungen und solchen, die sich einer sittlichen Freyheit erfreuen, besteht nicht in der Verschiedenheit des Zusammenhangs und der Gewißheit, als wenn die letztern die einzigen wären, die sich, ungewiß in Ansehung ihres künftigen Geschehens und entblößt von aller Verknüpfung der Gründe, einem schwankenden und ungewissen Entstehungsgrund verdanken würden; denn auf diese Weise würden sie für die Vorzüge vernünftiger Wesen wenig Empfehlendes haben. Sondern die eigene Art, wie die Gewißheit derselben durch ihre Gründe bestimmt wird, diese allein macht die Hauptsache bey Vertheidigung der Freyheit aus; sie werden nehmlich bloß und allein durch Beweggründe des Verstandes, welche dem Willen vorgestellt werden, erzeugt, da im Gegentheil bey den thierischen, d. h. Physisch-mechanischen Handlungen alles durch Triebe und äußere Stöße, durch beyde gleichförmig ohne alle freywillige Neigung der Willkühr, nothwendig gemacht wird. Daß zwar das Vermögen zu einer zu begehenden Handlung auf beyden Seiten gleich sey, und bloß durch die Neigung der freyen Willkühr gegen die den Vorstellungen dargebotenen Reizungen bestimmt werde, dieß ist allgemein zugestanden. Jemehr die Natur des Menschen an dieses Gesetz gebunden ist, destomehr Freyheit genießt sie, und ohne bestimmte Tendenz nach jeder Richtung hin gegen die Objecte bewegt werden, heißt nicht frey seyn. Ja, sagst du, er handelt aus keinem andern Grunde also, als weil es ihm gerade so beliebte. Jetzt halte ich dich bey deinem eigenen Bekenntniß. Denn was ist das Belieben anders, als nach Maßgabe der durch ein Object verursachten Reizung eine Neigung des Willens mehr auf die eine als auf die andere Seite; folglich bezeichnet dein es beliebt, oder es gefällt mir so: eine durch innere Gründe bestimmte Handlung. Denn nach deinem Geständniß bestimmt das Belieben die Handlung; dieses aber ist nichts anders, als das Zufriedenseyn des Willens mit einem Object, nach Maßgabe der Reizung, wodurch es den Willen einladet. Es ist also hier eine respective Bestimmung, und setzt man, daß der Wille auf beyden Seiten gleich stark gereizt werde, so heißt alsdann behaupten, daß ihm das eine beliebe oder mehr gefalle, sagen, daß es zu gleicher Zeit gleich und auch nicht gleich gefalle, welches einen Widerstreit einschließt. Es kann aber der Fall vorkommen, daß die Gründe, welche den Willen auf eine von beyden Seiten hinneigen könnten, dem Bewußtseyn ganz entfliehen, und nichts destoweniger eins von beyden gewählt wird. Allein in einem solchen Fall ist anstatt des obern, ein niederes Seelenvermögen thätig, und die Seele wird, nach Maßgabe des Uebergewichts einer dunkeln Vorstellung, nach einer von beyden Seiten hin, (von welchem ich im Folgenden umständlicher handeln werde) gegen die andere getrieben.

Es sey mir erlaubt, der Nützlichkeit wegen, diese weitbekannte Streitigkeit durch ein kurzes Gespräch zwischen Cajus, als einem Vertheidiger des Gleichgewichts der gegen beyde Seiten gleichgültigen Willkühr, und Titius, als einem Freund des bestimmenden Grundes, zu erläutern.

Cajus: Das Nachdenken über den Lauf meines zurückgelegten Lebens erregt mir zwar Gewissensbisse, aber ich habe doch noch den einzigen Trost, wenn ich an deine Lehren glauben darf, daß die Schuld der von mir begangenen Thaten nicht auf mich fallen kann, weil ich, gebunden durch den Zusammenhang von Gründen, die sich einander vom Anfang der Welt an bestimmen, alles was ich gethan, schlechterdings habe thun müssen, und wer mir jetzt meine Fehler vorwirft, und, daß ich einen andern Lebenswandel hätte führen sollen, behauptet, der handelt eben so thöricht, als wenn er mir zumuthete, ich hätte den Lauf der Zeit aufhalten sollen. Titius. Sage doch! welches ist die Reihe von Gründen, durch welche du gebunden gewesen zu seyn klagst? Hast du nicht alles, was du thatest, freywillig gethan? Haben nicht die stille Abmahnung deines Gewissens und die Furcht vor GOtt, dir, wenn du sündigen wolltest, Einhalt gethan? Hat es dir nicht dessen ungeachtet besser geschienen, zu zechen, zu spielen, der Wollust zu huldigen, und was dergleichen Thaten mehr sind? Bist du jemals wider deinen Willen zu einer Sünde fortgezogen worden? Caj. Alles dieses läugne ich gar nicht. Ich weiß wohl, daß ich nicht widerstanden, den Reizen nicht widerstrebt habe, und nicht gezwungen, wie als ob an der Kehle gepackt, auf schlechten Wegen fortgerissen worden bin. Freywillig und wissentlich habe ich mich den Lastern ergeben. Aber diese Geneigtheit des Willens gegen die schlechtere Seite, woher ist sie mir geworden? War es nicht, ehe ich noch handelte, als ich noch unentschlossen war und göttliche und menschliche Gesetze mich ermahnten ihnen zu gehorchen, bereits durch eine zur Vollendung gebrachte Reihe von Gründen bestimmt, daß ich mich mehr auf die schlechte als die gute Seite neigen müßte? Heißt, etwas durch seinen in allen Stücken absolut gesetzten Grund schon Begründetes hindern zu wollen, nicht eben so viel, als etwas Geschehenes ungeschehen machen zu wollen? Nun ist aber nach deiner Lehre jede Neigung meines Willens durch einen vorhergehenden Grund vollkommen bestimmt, dieser wieder durch einen frühern Grund, und auf diese Weise alles bis zum ersten Anfang aller Dinge. Tit. Jetzt will ich dir deinen Zweifel benehmen. Die Reihe verknüpfter Gründe gab dir bey jeder Handlung, die du begehen wolltest, blos Beweggründe an die Hand, welche dich auf beyde Seiten hinzogen, auf eine von beyden hast du dich freywillig hingeneigt, weil es dir so beliebte, eher das eine als das andere zu thun. Aber, sagst du, es war schon durch die zur Vollendung gebrachte Reihe der Gründe bestimmt, daß ich mich auf die bestimmte Seite neigen würde. Allein bedenke, ob nicht zu einem zur Vollendung gebrachten Grund einer Handlung auch die selbstthätige Neigung deines Willens nach Maßgabe der Reizungen des Objects gehöre? Caj. Nenne sie ja nicht selbstthätig; mein Wille konnte nicht anders, als sich auf diese Seite neigen. Tit. Dieß hebt den selbstthätigen Entschluß so wenig auf, daß es solchen vielmehr völlig gewiß macht, sobald man es in dem rechten Sinn nimmt. Denn Selbstthätigkeit ist eine durch ein inneres Princip erzeugte Handlung. Wird diese durch die Vorstellung dessen, was zu thun das beste ist, und dieser gemäß bestimmt, so heißt sie Freyheit. Je gewisserein Mensch diesem Gesetzfolgt, je mehr also sein Entschluß durch alle gegebene Beweggründe des Wollens bestimmt wird, desto freyer ist der Mensch. Aus deinem Beweisgang folgt nicht, daß die Freyheit durch die Kraft der vorher bestimmenden Gründe geschwächt werde. Denn dein eigenes Geständniß widerlegt dich, daß du nicht wider deinen Willen, sondern freywillig gehandelt hast. Folglich war deine Handlung nicht unvermeidlich, wie du zu meinen scheinst, denn du hast dich nicht bemüht sie zu vermeiden, sondern nur unfehlbar nach der Neigung deines Begehrens unter also bestimmten Umständen. Und eben dieß vermehrt deine Schuld. Denn du hast so heftig begehrt, daß du dich von deinem Vorsatz nicht hast abbringen lassen. Und nun gebrauche ich deine eigenen Waffen wider dich. Sage! auf welche Weise glaubst du, daß nach deiner Meinung der Begriff der Freyheit besser bestimmt werden könne. Caj. Ich meine so, wenn du das, was du von der Verkettung der einander mit beständigem Erfolg bestimmenden Gründe sagst, weg ließest, wenn du zugäbest, daß der Mensch bey jeder freyen Handlung sich gegen beyde Seiten gleichgültig verhält, und, obschon alle Gründe, so viel du willst, die ihn für das eine bestimmen könnten, gegeben sind, dennoch das eine eben so wohl als das andere wählen könne, dann würde ich bekennen, daß es mit der Sache der Freyheit gut stehe. Tit. GOtt bewahre! Wenn eine Gottheit dir diesen Wunsch gewährte, wie unglücklich würdest du seyn, du von jeder Stunde abhängiger Mensch. Nimm an, du seyst fest entschlossen den Weg der Tugend zu wandeln. Nimm an, du seyst im Geiste durch die Vorschriften der Religion und durch alles, was dich in diesem Entschluß zu befestigen wirksam ist, gehörig vorbereitet. Nun kommt dir eine Gelegenheit zu handeln. Sogleich verfällst du auf die schlimmere Seite, denn die Gründe, welche dir das Bessere rathen, bestimmen dich nicht. Wie viel andere Klagen höre ich dich nun vorbringen? Ach wie schnell hat mich das widrige Schicksal von meinem heilsamen Entschluß abgebracht! Zu was soll es nützen, den Vorschriften der Tugend folgen zu wollen, wenn die Handlungen durch zufälliges Geschick erfolgen und nicht durch Gründe bestimmt werden! Zwar, sagst du, beklage ich mich nicht über den widerwilligen Zwang eines mich mit sich fortreißenden Schicksals, sondern ich verabscheue das Unfassbare, was mich gerade auf die schlechtere Seite hinzieht. O Schande! woher habe ich dieses abscheuliche Begehren gerade nach dem Schlechtern, da es sich eben so leicht zu dem Bessern neigen konnte. Caj. Auf diese Weise scheint es um die Freyheit völlig gethan zu seyn. Tit. Du siehst also, wie sehr ich deine Truppen in die Enge getrieben habe. Denke dir keine Ideengespenste aus; du fühlst dich frey, aber mache dir von dieser deiner Freyheit keinen Begriff aus, welcher der richtig denkenden Vernunft nicht zusagt. Frey handeln heißt weiter nichts, als mit Bewußtseyn der jedesmaligen Neigung gemäß handeln. Und dieß ist durch das Gesetz des bestimmenden Grundes nicht ausgeschlossen. Caj. Ob ich schon kaum etwas dir entgegen zu setzen habe, so scheint mir doch der innere Sinn deiner Behauptung zu widersprechen. Denn setze einen nicht viel bedeutenden Fall, wenn ich auf mich selbst genau Acht gebe, so finde ich, daß es in meiner Gewalt steht mich auf die eine Seite eben sowohl als auf die andere zu neigen, so daß ich mich hinreichend überzeuge, die Richtung meiner Handlung sey durch eine vorhergehende Reihe von Gründen nicht bestimmt worden. Tit. Ich will dir die heimliche Täuschung deines Geistes aufdecken, welche dir das Gleichgewicht der unentschiedenen, gleichgültigen Neigung gegen beyde Seiten vorspiegelt. Das dem Geist des Menschen angebohrne Begehrungsvermögen wird nicht allein auf Objecte, sondern auch auf mancherley Vorstellungen, die sich dem Verstande darbieten, geleitet. Wiefern wir in einem gegebenen Fall durch den Einfluß der Vorstellungen, welche die Beweggründe der Wahl enthalten, empfinden, daß wir selbst Urheber davon sind, so daß wir unsere Aufmerksamkeit darauf zu richten, davon abzulenken, oder anders wohin zu richten allerdings fähig genug sind, wiefern wir folglich uns bewußt sind, daß wir uns nicht blos unserm Begehren gemäß gegen die Objecte neigen, sondern auch die objectiven Gründe selbst nach Belieben verschiedentlich verändern können, insofern können wir uns kaum enthalten zu glauben, daß die Thätigkeit unsers Willens an gar kein Gesetz gebunden, und ohne jedwede feste Bestimmung sey. Allein, wenn wir uns bestreben richtig wahrzunehmen, so werden wir uns leicht überzeugen, daß in dem gegebenen Fall gerade diese und keine andere Richtung der Aufmerksamkeit auf die Verknüpfung der Vorstellungen erfolgt, warum wir nämlich, indem die Gründe auf einer Seite reizen, um wenigstens mitunter einen Versuch zu machen, ob wir frey sind, dadurch, daß wir die Aufmerksamkeit auf die entgegengesetzte Seite lenken, dieser ein Uebergewicht verschaffen, daß also dafür, warum das Begehren gerade diese und keine andere Richtung bekommt, ganz gewiß Gründe, welche diese Richtung bestimmen, da seyn müssen. Caj. Du hast mich, ich gestehe es, in viele Schwierigkeiten verwickelt, aber ich bin gewiß, daß dir nicht geringere entgegen stehen. Wie, glaubst du, daß diebestimmte Entstehung des Bösen, von welchem auf diese Weise GOtt die letzte und bestimmende Ursache ist, mit der Güte und Heiligkeit desselben werde vereiniget werden können? Tit. Ich will, damit wir nicht die Zeit mit unnützem Streit verbringen, die Zweifel, welche deine Ueberzeugung hindern, kürzlich prüfen und auflösen. Da die Gewißheit sowohl aller physischen Ereignisse, als auch der freyen Handlungen bestimmt ist, da das Nachfolgende im Vorhergehenden, das Vorhergehende im weiter vorhergehenden, und so im ununterbrochenen Zusammenhang alles in frühern Ursachen gegründet und bestimmt ist, bis endlich der allererste Zustand der Welt, von welchem GOtt unmittelbar der Urheber ist, gleichsam als Quelle und Ursprung erscheint, aus welchem mit Nothwendigkeit, die keinen Betrug kennt, alle Ereignisse abgeleitet werden wie aus einem geneigten Flußbett; so glaubst du, werde GOtt nicht undeutlich als Urheber des Bösen angedeutet, und es scheint dir, daß derselbe das Gewebe, welches er selbst angefangen, und welches seinem ersten Plan gemäß durch alle Perioden der Folgezeit fortgewebt wird, nicht hassen, daß er also die in sein Werk verwebten Sünden nicht mit dem seiner Heiligkeit gemäßen Unwillen ansehen könne, indem die Schuld alles Bösen auf ihn selbst als den ersten Urheber desselben zurück falle. Dieß sind die Zweifel, welche dich drücken; nun will ich die Nebel derselben zerstreuen. GOtt hat allerdings durch Erschaffung des ersten Zustandes des Weltalls die Reihe angefangen, welche in ihrem beständigen Zusammenhang ununterbrochen aufeinander folgender und verwebter Ursachen auch das moralische Uebel, und, welches diesem entspricht, das physische Uebel einschließt. Allein daraus folgt nicht, daß die moralisch-bösen Handlungen GOtt als ihren Urheber anklagen können. Wenn, wie dieß bey Maschinen der Fall ist, vernünftige Wesen sich bloß leidend gegen das verhielten was sie zu gewissen Bestimmungen und Veränderungen antreibt, so könnte, wie ich nicht läugne, die Schuld alles Bösen zuletzt GOtt als dem Erbauer dieser Maschine beygemessen werden. Hingegen das, was zugleich durch den Willen vernünftiger und mit dem Vermögen sich selbst selbstthätig zu bestimmen begabter Wesen geschieht, das ist allerdings aus einem recht innern Princip, aus bewußten Begehrungen, aus Wahl eines von zweyen nach dem freyen Belieben der Willkühr entstanden. Ob also gleich der den freyen Handlungen vorausgehende Zustand der Dinge durch irgendwelche Gründe bestimmt, und jenes vernünftige Wesen in einen solchen Zusammenhang von Umständen verwickelt ist, daß es völlig gewiß ist und sogar vorausgesehen werden kann, es werde von ihm moralisch Böses geschehen, so wird doch dieses künftige Geschehen des Bösen durch solche Gründe bestimmt, unter welchen die freywillige Richtung des Willens auf die schlechtere Seite der hauptsächlichste ist; was daher den Sündern zu thun vor allem andern beliebte, davon muß man sie selbst die Urheber nennen, und es ist der Billigkeit vollkommen gemäß, daß sie die Strafe ihres unerlaubten Gelüstens leiden. Was aber den Abscheu betrifft, welchen GOtt vor den Sünden vermöge seiner Heiligkeit haben muß, welcher sich aber mit dem Plan der Welt, in welchen das künftige Geschehen dieses Bösen eingeschlossen war, nicht zu vertragen scheint, so ist auch hier die Schwierigkeit, welcher diese Untersuchung unterworfen ist, nicht unübersteiglich. Du darfst nur die Sache so nehmen.

Die unendliche Güte GOttes bezweckt die größtmöglichste Vollkommenheit der erschaffenen Dinge, welcher sie empfänglich sind, und die Glückseligkeit der Geisterwelt. Aber mit eben demselben unendlichen Drang sich zu offenbaren, hat er nicht allein die vollkommensten Reihen von Ereignissen, welche sich in der Folgezeit nach der Ordnung der Gründe begeben sollten, angeordnet, sondern damit kein Gut von geringerem Grad fehlen möchte, damit vielmehr das Weltall in seiner Unermeßlichkeit von dem höchsten Grade der Vollkommenheit, dessen endliche Dinge fähig sind, zu allen untern, sogar bis auf das Nichts herab, so zu sagen, alles in sich befaßte, auch alles das in seinen Plan eingehen lassen, was, obschon mit sehr vielen Uebeln vermischt, wenigstens etwas Gutes enthielte, welches die Weisheit GOttes daraus ziehen könnte, um seine Ehre durch die unendliche Verschiedenheit destomehr zu offenbaren. In diesem Umfang war es seiner Weisheit und Macht und Güte sehr anständig, daß auch die Geschichte des menschlichen Geschlechts, so traurig sie ist, nicht vermißt würde, weil sie doch, selbst bey einem unendlichen Zusammenfluß von Uebeln, Beweise zur Verherrlichung der Güte GOttes bey sich führt. Deswegen darf man aber doch nicht glauben, daß er die in den Plan seines Werks verwebten Uebel eigentlich gewollt und absichtlich daraus gezogen habe. Denn er hatte nur Gutes im Sinn, welches er nach Abzug der Gründe dennoch übrig geblieben wußte, und welches mit dem unseligen Unkraut zugleich auszurotten der höchsten Weisheit unwürdig war. Uebrigens ist von den Sterblichen aus freywilligem und innern Antrieb ihres Geistes gesündiget worden, indem die Ordnung der vorhergehenden Gründe sie nicht wider ihren Willen trieb und fortriß, sondern blos reizte; und obschon er vorher gesehen hat, daß sie diesen Reizungen ganz gewiß nachgeben würden, so ist dennoch offenbar, daß der Ursprung des moralisch Bösen, weil er in einem innern Princip der Selbstbestimmung gegründet ist, den Sündern selbst zugerechnet werden müsse. Auch darf man deswegen, daß das Göttliche Walten dadurch, daß es Sünden geschehen läßt, gewissermaßen darein willigt, nicht glauben, daß er solche weniger verabscheue. Denn eigentlich ist die Vergütung der durch ununterbrochenes Bemühen verbesserlichen Uebel, welche zu begehen dem Menschen Freyheit gegeben ist, diese Vergütung, welche GOtt durch Ermahnung, Drohung, vorgehaltene Belohnungen, Verleihung der Besserungsmittel zu bewirken trachtet, der eigentliche Zweck, welchen sich der göttliche Baumeister vorsetzte; da er nun die üppigen Auswüchse des Bösen verschneidet, und dieses, so weit es der Freyheit des Menschen unbeschadet geschehen kann, unterdrückt, so beweist er sich damit selbst als den Hasser alles sittlich Bösen, zugleich aber auch als den Liebhaber alles Guten und Vollkommenen, welches nichts destoweniger daraus gezogen werden kann. Allein ich kehre auf meinen Weg zurück, nachdem ich mich von meinem Vorhaben etwas lange entfernt hatte.

Zusätze zu der neunten Aufgabe. In Rücksicht des göttlichen Vorherwissens finden freye Handlungen nicht Statt, wenn man nicht das durch ihre Gründe bestimmte künftige Geschehen derselben zugesteht.

Diejenigen, welche unsern Grundsatz unterschreiben, haben diesen Beweis wider ihre Gegner immer mit Erfolg gebraucht. Daher überhebe ich mich dieser Mühe, und bemühe mich blos, das zu beantworten, was der überaus scharfsinnige Crusius für das Gegentheil anführt. Er wirft denen, welche also denken, eine GOttes unwürdige Meinung vor, als wenn sie glaubten, daß er Vernunftschlüsse gebrauche. In Rücksicht dieser Meinung trete ich, sollten auch einige anders darüber denken, gern auf die Seite des berühmten Gegners. Denn daß die Umwegeder Vernunftschlüsse einem göttlichen Verstande nicht anständig sind, gebe ich gerne zu. Einem unendlichen Erkenntnisvermögen kann weder das Abziehen allgemeiner Begriffe, noch die Verknüpfung, noch die Vergleichung derselben, um Schlußfolgerungen daraus abzuleiten, nöthig seyn. Allein wir behaupten hier blos dieses, daß GOtt dasjenige nicht voraussehen könne, dessen künftiges Geschehen nicht vorher bestimmt ist, nicht wegen eines Mangels an Mitteln dazu, deren er, wie wir gestehen, nicht bedarf: sondern weil das Vorhersehen eines künftigen Geschehens, welches, wenn dessen Daseyn überhaupt sowohl an sich als auch im voraus unbestimmt ist, gar nicht Statt finden kann, an sich unmöglich ist. Denn daß es an sich unbestimmt sey, folgt aus der Zufälligkeit desselben, daß es im voraus nicht bestimmt sey, dieß behaupten auch die Gegner, folglich ist es ohne alle Bestimmung, das heißt, ohne Zukünftigkeit an sich, und muß nothwendig von dem göttlichen Verstande also vorgestellt werden.

Endlich gesteht der gelobte Gegner offen, daß hier noch etwas unbegreiflich bleibe, was aber, sobald man auf die Betrachtung des Unendlichen gekommen ist, mit der Erhabenheit des Gegenstandes völlig zusammenstimmt. Allein ob ich schon gestehe, daß noch einige Geheimnisse der tiefern Erkenntniß übrig bleiben, welche der menschliche Verstand nie aufschließen wird, wenn man in die innere Erkenntniß einzudringen auch noch so begierig ist; so ist doch hier nicht die Rede von der Art wie, sondern davon, ob die Sache selbst Statt finde, und dießfalls ist es, den Widerstreit derselben mit der Behauptung der Gegner einzusehen, dem menschlichen Verstande sehr leicht.

Widerlegung der Instanzen, auf welche die Vertheidiger des Gleichgewichts der gegen beyde Seiten gleichgültigen Willkühr sich berufen.

Die Freunde der entgegengesetzten Meinung fordern uns auf, damit wir ihnen auch dießfalls Genüge thun, auf Beyspiele, welche die gleiche Geneigtheit des menschlichen Willens zu allen freyen Handlungen so offenbar zu bezeugen scheinen, daß kaum etwas offenbarer seyn könne. Wenn das gerade oder ungerade gespielt wird, und die in der Hand verborgenen Bohnen durch Errathen gewonnen werden sollen, so sprechen wir eins von beyden aus ohne alle Ueberlegung, und ohne irgend einen Grund, eins von beyden zu wählen. Das Zwillingsstück darzu nehmen sie von einem gewissen, ich weiß nicht, welchem Fürsten her, welcher jemanden zwischen zwey Büchsen, welche einander an Gewicht, Gestalt und Ansehen völlig gleich waren, und von welchen er heimlich die eine mit Bley, die andere mit Gold füllte, freye Wahl gestattete, in welchem Fall die Willensbestimmung für die Wahl einer von beyden nicht anders als ohne allen Grund erfolgen konnte. Etwas ähnliches sagt man von der gleichgültigen Freyheit mit dem rechten oder dem linken Fuß auszuschreiten. Auf alle diese Beyspiele will ich mit einem Wort und, wie es mir wenigstens scheint, zur Genüge antworten. Wenn in unserm Grundsatz von bestimmenden Gründen die Rede ist, so wird nicht die eine oder die andere Art von Gründen verstanden, z. B. die Gründe, die bey freyen Handlungen dem bewußten Verstande vorschweben, sondern eine Handlung mag bestimmt werden wie sie wolle, so muß sie, wenn sie geschehen soll, schlechterdings durch irgend einen Grund bestimmt werden. Objective Gründe können bey der Bestimmung der Willkühr ganz fehlen, auch können die mit Bewußtseyn vorgestellten Beweggründe im vollkommenen Gleichgewicht seyn, nichts destoweniger können dennoch sehr viele Gründe Statt finden, wodurch der Geist bestimmt werden kann. Denn in diesem Fall der Unentschlossenheit wird durch einen solchen Zweifel blos dieses bewirkt, daß die Sache von dem obern Seelenvermögen zu dem niedern, von bewußten zu dunkeln Vorstellungen gelangt, von denen man kaum wird behaupten können, daß sie sich beidseits völlig gleich seyen. Das Streben des angebohrnen Begehrens nach neuen Wahrnehmungen läßt den Geist nicht lange in demselben Zustand beharren. Ist nun der Zustand der innern Vorstellungen verändert, so muß sich der Geist nothwendig auf eine von beyden Seiten neigen.

Zehnter Satz. Einige ächte Zusätze aus dem Satz des bestimmenden Grundes darzustellen.

1. In dem Begründeten ist nichts, was nicht in dem Grund gewesen. Denn nichts ist ohne bestimmenden Grund, folglich nichts in dem Begründeten, was das Daseyn des dasselbe bestimmenden Grundes nicht bewiese.

Man könnte einwenden, daß, weil die erschaffenen Dinge Gränzen haben, auch GOtt, welcher den Grund dieser Dinge enthält, ebenfalls Gränzen haben müsse. Ich antworte: Die den endlichen Dingen anhängenden Gränzen haben ebenfalls ihren begränzten Grund in dem Act der Schöpfung GOttes; denn die erschaffende Handlung GOttes ist begränzt nach Maßgabe des begränzten Wesens, welches erschaffen werden soll. Da aber diese Handlung nur eine Bestimmung GOttes in gewisser Beziehung ist, welche nehmlich den zu erschaffenden Dingen entsprechen muß, da sie also nicht innerlich und in GOtt schlechthin gedenkbar ist, so erhellet, daß diese Begränzungen GOtt innerlich nicht zukommen können.

2) Von zwey Dingen, welche nichts mit einander gemein haben, kann keins der Grund des andern seyn. Dieß kommt auf den vorigen Satz zurück.

3) In dem Begründeten kann nicht mehr seyn, als was in dem Grunde ist. Ist aus derselben Regel klar.

Folgesatz. Die Summe der absoluten Realität in der Welt wird auf natürliche Weise nicht verändert, weder durch Vermehrung noch durch Verminderung.

Erklaerung. Die Klarheit dieser Regel erhellet aus den Veränderungen der Körper sehr leicht. Wenn z. B. ein Körper A einen andern B stößt und forttreibt, so bekommt der letztere einige Kraft, folglich einige Realität mehr 

Es sey mir hier erlaubt, in der Sprache des gemeinen Verstandes die mitgetheilte Kraft als eine übertragene Realität darzustellen, ob sie schon eigentlich nichts anderes ist, als eine gewisse Beschränkung oder Richtung der ursprünglichen Realität.

. Aber eine gleiche Quantität Bewegung ist dem anstoßenden Körper entgangen, folglich ist die Summe der Kräfte in der Wirkung den Kräften der Ursache gleich. Zwar scheint die angeführte Regel in dem Fall, wo ein kleinerer elastischer Körper auf einen größern stößt, nicht zuzutreffen und unrichtig zu seyn. Aber keinesweges. Denn der kleinere elastische Körper erhält dadurch, daß er von dem größern, den er anstößt, zurück gestoßen wird, eine größere Kraft nach der entgegengesetzten Richtung, welche wenn sie zu der, die er dem größern mittheilte, hinzugefügt wird, zwar in der Quantität des anstoßenden Körpers eine größere Summe bewirkt, wie aus der Mechanik bekannt ist, aber die Kraft, welche hier gewöhnlich absolut heißt, muß richtiger respectiv genannt werden. Denn diese Kräfte streben nach verschiedenen Richtungen; folglich wird, wenn man dieselben aus den Wirkungen, welche zusammen gebrauchte und also im Ganzen in einer Summe betrachtete Maschinen hervorbringen können, beurtheilt, die wahre Summe der Kräfte dadurch erkannt, daß man die Bewegungen nach entgegengesetzten Richtungen, die sich insofern am Ende auf irgend eine Weise selbst vernichten müssen, abzieht; dann bleibt blos die Bewegung des Schwerpuncts, welche, wie aus der Statik bekannt ist, nach dem Zusammenstoßen genau so ist, wie sie vor demselben war. Was die völlige Vernichtung der Bewegung durch den Widerstand der Materie betrifft, so entkräftet sie die gegebene Regel so wenig, daß sie solche vielmehr befestiget. Denn die Kraft, welche durch das Zusammenkommen von Ursachen aus der Ruhe entstanden ist, wird dadurch, daß sie bey dem Widerstand gegen die Hindernisse eben so viel verliert als sie erhalten hat, wieder zur Ruhe gebracht, und die Sache bleibt wie vorher. Deswegen ist auch das immerwährende nie erschöpfte Fortgehen einer mechanischen Bewegungunmöglich; denn da sie an dem jedesmaligen Widerstand immer einen Theil ihrer Kraft verwendet, so widerstreitet es obiger Regel und dem gesunden Verstand gleich sehr, daß sie nichts destoweniger die unverminderte Kraft, sich selbst die vorige Stärke zu geben, behalten soll.

Sehr oft sehen wir sehr große Kräfte aus einer unendlich kleinen ersten Ursache entstehen. Ein einziger Feuerfunke in Schießpulver geworfen, welche maßlose ausdehnende Kraft theilt er mit? oder kommt er anderswo auf feuerfangende Materie, welche Feuersbrünste, welchen Untergang von Städten, welche fortwährende Verwüstung großer Wälder veranlaßt er nicht? Welch’ eine große Masse fester Körper löst also der unbedeutende Reiz eines einzigen Funkens auf? Allein in solchen Fällen wird die stets wirksame Ursache unermeßlicher Kräfte, welche in dem Innern der festen Körper eingeschlossen ist, nehmlich die elastische Materie entweder der Luft, wie (nach Hales’ Versuchen) in dem Schießpulver, oder des Feuerstoffs, wie in jedem verbrennbaren Körper, durch den kleinen Reiz eines Funkens nur veroffenbart, nicht eigentlich erzeugt. Die elastischen Körper, die zusammengepreßt und verschlossen sind, äußern bey dem kleinsten Reiz Kräfte, welche dem gegenseitigen Streben der Anziehung und Zurückstoßung proportional sind.

Die Kräfte der Geister und ihr immerwährendes Fortschreiten zu weiteren Vollkommenheiten, scheinen von obiger Regel wohl ausgenommen zu seyn. Nach meiner Ueberzeugung aber sind sie derselben ebenfalls unterworfen. Ohne Zweifel enthält die unendliche, obschon sehr dunkele Wahrnehmung des ganzen Weltalls, welche der Seele stets innerlich vorschwebt, alle die Realitäten, welche in den nach und nach mehr aufzuklärenden Gedanken seyn können, bereits in sich, und der Geist erlangt bloß dadurch, daß er hernach seine Aufmerksamkeit auf einige besonders richtet, und diese, indem sie andern einen gleichen Grad derselben entzieht, mit einem stärkern Licht erhellet, nach und nach immer größere Erkenntniß, erweitert aber dadurch nicht den Umfang der absoluten Realität, (weil das Materielle aller Vorstellungen, da es aus dem Zusammenhang mit dem Weltall herkommt, immer dasselbe bleibt), sondern es wird bloß das Formale, welches in dem Zusammenhalten der Begriffe und in der auf die Verschiedenheit oder Aehnlichkeit und Zusammenstimmung derselben gerichteten Aufmerksamkeit besteht, auf mancherley Weise verändert. Das Nämliche bemerken wir auch an der den Körpern innewohnenden Kraft. Denn da die Bewegungen, genau untersucht, nicht Realitäten, sondern Erscheinungen sind, und da die innewohnende Kraft, wenn sie durch den Anstoß eines andern Körpers modificirt wird, diesem Stoß vermöge ihres innern Princips der Wirksamkeit in dem Maße widersteht, als sie durch die Richtung des anstoßenden Körpers erhält; so ist in der Erscheinung der Bewegung das gesammte Reale der Kräfte völlig dem gleich, welches dem Körper im Zustande der Ruhe innewohnend war, und das innere Vermögen, welches während der Ruhe in Rücksicht seiner Richtung unbestimmt war, erhält durch einen Stoß von außen weiter nichts, als eine Richtung.

Was ich bisher von der unveränderlichen Quantität der absoluten Realität in dem Weltall gesagt habe, muß also verstanden werden, wiefern alles nach der Ordnung der Natur erfolgt. Denn wer wollte es wagen zu zweifeln, daß durch die Kraft GOttes die abnehmende Vollkommenheit der Welt wieder hergestellt, den vernünftigen Wesen ein reineres Licht, als sie von Natur haben können, vom Himmel herab mitgetheilt, und alles auf einen höhern Gipfel der Vollkommenheit gebracht werden könne.

Elfter Satz. Einige unächte Zusätze, welche aus dem Satz des bestimmenden Grundes mit Unrecht abgeleitet werden, anzugeben und zu widerlegen.

1. Daß Nichts ohne etwas Begründetes sey; oder, daß alles was ist, seine Folge habe. Man nennt dieses den Satz der Consequenz. Und davon ist meines Wissens Baumgarten, der Anführer der Metaphysiker, Urheber. Und weil von demselben dieser Satz auf die nehmliche Weisewie der Satz des Grundes bewiesen worden ist, so muß er mit demselben auf einerley Weise zusammenbrechen. Ist blos von den Gründen des Erkennens die Rede, so ist die Wahrheit dieses Satzes unbezweifelt. Denn der Begriff eines jeden Wesens ist entweder allgemein oder individuell. Im erstern Fall muß man zugeben, daß alles, was von dem allgemeinen Begriff der Sache behauptet wird, allen niedrigeren, darunter begriffenen zukomme, daß also jener den Grund von diesen enthalte. In dem letztern Fall kann man schließen, daß die Prädicate, welche in einem gewissen Zusammenhang diesem Subject zukommen, demselben unter Voraussetzung der nehmlichen Gründe jederzeit zukommen müssen; es bestimmt aus dem gegebenen Fall die Wahrheit in ähnlichen, hat also ein Begründetes der Erkenntniß. Allein, wenn wir hierunter auch das Begründete der Existenz mit verstehen, so wird man, daß die wirklichen Wesen nicht unendlich fruchtbar sind, selbst aus dem letzten Abschnitt dieser Abhandlung sehen können, wo wir, daß der Zustand einer jeden Substanz, welche außer allen Zusammenhang mit den andern gesetzt ist, gar keiner Veränderung fähig sey, mit unwiderleglichen Gründen darthun werden.

2. Unter allen Dingen des Weltalls, ist keins dem andern in allen Stücken ähnlich. Man nennt dieses den Satz des Nichtzuunterscheidenden, welcher, wie gewöhnlich geschieht, in dem weitesten Sinn genommen, sich von der Wahrheit sehr weit entfernt. Man beweist denselben hauptsächlich auf doppelte Weise. Der erste Beweisgang davon ist äußerst seicht, und überspringt sein Object mit leichtem Schritt, ist daher kaum einer Widerlegung werth. Dieß sind jene Spitzfindigkeiten: Dinge, welche nach allen Merkmalen völlig übereinkommen und durch keinen Unterschied voneinander abweichen, scheinen für ein und dasselbe Ding gehalten werden zu müssen. Daher können nicht alle Dinge vollkommen ähnlich seyn, als in einem und demselben Wesen, dem nur mehrere Orte angewiesen wären; da nun dieses der gesunden Vernunft widerstreite, so streite, behaupten sie, diese Meinung mit sich selbst. Allein, wer sollte nicht den Nebel dieser Spitzfindigkeiten durchschauen? Zur vollkommenen Einerleyheit zweyer Dinge in allen ihren Merkmalen oder Bestimmungen, sowohl der innern als der äußern, ist Identität erforderlich. Wer wird denn aber von der durchgängigen Bestimmung eines Dinges den Ort ausnehmen? Folglich sind Dinge, welche, ob sie schon nach allen innern Merkmalen völlig gleich sind, wenigstens durch den Ort, wo sie sind, unterschieden und nicht ein und dasselbe Wesen. Jedoch müssen wir vornehmlich den Beweis, welcher dem Satz des zureichenden Grundes unrichtig beygemessen wird, erproben.

Es ist, sagt man, kein Grund zu finden, warum GOtt zwey Substanzen verschiedene Orte angewiesen habe, wenn sie in allen andern Stücken völlig überein kämen. Welche Thorheiten! Ich wundere mich, daß die ernsthaftesten Männer an solchen Spielereyen mit Gründen Vergnügen finden. Die eine Substanz nenne ich A, die andere B. Man setze, daß A den Ort des B einnehme, so wird alsdann, weil den innern Merkmalen nach A von B gar nicht verschieden ist und nun auch den Ort desselben einnimmt, jenes mit diesem in allen Stücken einerley seyn und nun B genannt werden müssen, was vorher A hieß; und was vorher den Namen B hatte, das wird, nachdem es in den Ort des A gekommen ist, ebenfalls A genannt werden müssen. Denn diese Verschiedenheit der Bezeichnung bedeutet blos die Verschiedenheit des Orts. Sage also, ob GOtt etwas anderes gethan haben würde, wenn er die Orte nach deiner Meinung bestimmt hätte? Beydes ist vollkommen dasselbe, und deswegen ist die von dir erdichtete Verwechselung nichts; daß aber ein Nichts keinen Grund habe, dieß paßt nach meiner Meinung sehr gut.

Dieses unächte Gesetz wird auch durch das ganze Universum der Dinge, und durch das, was der göttlichen Weisheit ziemt, vollkommen widerlegt. Denn daß Wasser, Quecksilber, Gold, einfachste Salze u. s. w. den gleichartigen und innern Merkmalen nach in ihren ursprünglichen Bestandtheilen völlig gleich sind, dieß bestätigt sich durch die Einerleyheit des Gebrauchs und der Anwendung, zu welcher sie bestimmt werden, und kann auch aus ihren Wirkungen gesehen werden, welche jederzeit gleich ohne einigen bemerkbaren Unterschied von ihnen hervorgebracht werden. Auch kann es nicht zuläßig seyn, hier eine verborgene und den Sinnen unzugängliche Verschiedenheit zu vermuthen, als wenn doch GOtt noch eine nämliche hätte, woran er selbst die Theile seines Werks unterscheiden könnte; denn das hieße Knoten an einer Binse suchen.

Daß Leibniz, der Urheber dieses Princips, in der Einrichtung organischer, und in dem Gewebe anderer von der Einfachheit entfernter Körper eine bemerkbare Verschiedenheit wahrgenommen habe und man solche bey allen Dingen dieser Art vermuthen dürfe, geben wir zu. Denn wo zur Zusammensetzung eines Ganzen sehr viele verschiedenartige Theile in Harmonie gebracht werden müssen, da können nicht immer gleiche Bestimmungen hervorgehen. Daher wird man an dem nämlichen Baum kaum zwey einander völlig gleiche Blätter finden. Allein hier wird blos die metaphysische Allgemeinheit dieses Grundsatzes verworfen. Uebrigens wird man schwerlich läugnen können, daß in den Gestalten der natürlichen Körper öfters völlig urbildliche Identität gefunden werde. Daß z. B. bey Krystallisationen unter unzählig verschiedenen nicht auch eine oder die andere gefunden werde, welche einer andern mit vollkommener Aehnlichkeit abgeschrieben ist, wer wollte dieses behaupten?

Dritter Abschnitt. Welcher zwey an Folgesätzen äußerst fruchtbare, aus dem Satz des bestimmenden Grundes fließende Grundsätze der metaphysischen Erkenntniß aufdeckt.
I. Der Satz der Aufeinanderfolge.

Zwölfter Satz. In den Substanzen kann keine Veränderung vorgehen, als wiefern sie mit andern im Zusammenhang sind, so daß die gegenseitige Abhängigkeit derselben von einander die wechselseitige Aenderung ihres Zustandes bestimmt.

Daher ist eine einfache Substanz, bar jedes äußeren Zusammenhangs und so sich selbst überlassen, an sich schlechthin unveränderlich.

Eben so kann ferner, wenn sie auch mit andern in einem Zusammenhang steht, so lange dieses Verhältniß unverändert bleibt, in ihr keine Veränderung ihres innern Zustandes sich begeben. In einer Welt also, wo gar keine Bewegung wäre, kann (weil die Bewegung blos die Erscheinungdes veränderten Zusammenhangs ist) auch gar keine Aufeinanderfolge, nicht einmal in dem innern Zustande der Substanzen, gefunden werden.

Daher müssen, sobald aller Zusammenhang der Substanzen aufgehoben wird, auch sogleich die Aufeinanderfolge und die Zeit verschwinden.

Beweis.

Nimm an, daß eine einfache Substanz außer allem Zusammenhang mit andern ganz abgesondert existire; so sage ich, daß eine Veränderung ihres innern Zustandes nicht Statt finden könne. Denn da die der Substanz bereits zukommenden innern Bestimmungen durch innere Gründe mit Ausschließung des Gegentheils gesetzt sind, so muß man, wenn eine andere Bestimmung derselben nachfolgen soll, einen andern Grund setzen, welcher aber, da dessen Gegentheil in dem Innern der Substanz ist, und da gemäß der Voraussetzung kein äußerer Grund hinzukommt, ganz offenbar jenem Wesen nicht beygelegt werden kann.

Derselbe Beweis anders. Was durch einen bestimmenden Grund gesetzt wird, das muß nothwendig mit diesem zugleich gesetzt werden; denn es ist ungereimt, daß mit dem bestimmenden Grund nicht auch das Begründete gesetzt werde. Was daher in einem gewissen Zustand einer einfachen Substanz Bestimmendes ist, mit demselben muß auch alles Bestimmte ohne Ausnahme nothwendig zugleich seyn. Weil aber Veränderung eine Aufeinanderfolge der Bestimmungen ist, wo nämlich eine gewisse Bestimmung entsteht, welche vorher nicht da war, und folglich das Wesen für das Gegentheil einer ihr zukommenden Bestimmung bestimmt wird, so kann diese durch das, was in der Substanz innerlich zu finden ist, sich nicht begeben. Begiebt sie sich also, so muß sie nothwendig von einem äußern Zusammenhang herkommen.

Derselbe Beweis noch anders. Setze, eine Veränderung entstehe unter den genannten Bedingungen; weil sie zu existiren anfängt, da sie vorher nicht war, das heißt, da die Substanz für das Gegentheil bestimmt war, und da auch nicht angenommen wird, daß außer dem Innern etwas hinzukomme, was die Substanz anders woher bestimme, so wird die Substanz durch dieselben Gründe, wodurch sie auf eine gewisse Weise als bestimmt angenommen wird, für das Gegentheil bestimmt werden, welches ungereimt ist.

Erklaerung.

Diese Wahrheit, ob sie schon von einer so leicht begreiflichen und untrüglichen Verkettung der Gründe abhängt, haben die Anhänger der Wolfischen Philosophie so ganz nicht wahrgenommen, daß sie vielmehr behaupten, eine einfache Substanz sey blos vermöge ihres innern Princips der Wirksamkeit ständigen Veränderungen unterworfen. Ich kenne ihre Beweise sehr wohl, bin aber nicht weniger überzeugt, wie hölzern dieselben sind. Nachdem sie den willkührlichen Begriff der Kraft so gebildet haben, daß sie das bedeuten soll, was den Grund von Veränderungen enthält, da man doch richtiger sagen muß, daß sie den Grund von Bestimmungen enthalte, so war es ihnen unvermeidlich, in Irrthum zu fallen.

Wenn ferner jemand zu wissen wünschte, auf welche Weise die Veränderungen, deren Wechsel in dem Weltall gefunden wird, entstehen können, da sie aus den innern Bestimmungen einer jeden Substanz, wenn man sie als einzelne denkt, nicht fließen sollen, der richte seine Aufmerksamkeit auf das, was vermöge des Zusammenhangs der Dinge, d. i., vermöge der wechselseitigen Abhängigkeit derselben in ihren Bestimmungen erfolgen muß. Uebrigens ist es, weil eine ausführliche Erörterung dieser Sache die Gränzen dieser Abhandlung überschreiten würde, genug, in meinem Beweis dargethan zu haben, daß die Sache sich nicht anders verhalten könne.

Nutzen.

1. Ich finde zuerst, daß das reale Daseyn der Körper, welches die gesündere Philosophie gegen die Idealisten zeither nicht anders als auf dem Weg der Wahrscheinlichkeit vertheidigen konnte, aus den Folgesätzen dieses unsers Princips ganz deutlich und offenbar folgt. Die Seele nämlich ist (durch den innern Sinn) innerlichen Veränderungen unterworfen; da nun diese aus der Natur der Seele selbst, wenn man sie als einzelne und außer allem Zusammenhang mit andern Dingen betrachtet, vermöge des Bewiesenen nicht entstehen können: so müssen nothwendig mehrere Dinge außer der Seele vorhanden seyn, mit welchen sie in gegenseitigem Zusammenhang sich befinde. Auf gleiche Weise erhellet aus denselben, daß der Wechsel der Wahrnehmungen der äußern Bewegung gemäß erfolge, und es kann, weil daraus folgt, daß die Seele die verschiedentlich bestimmbare Vorstellung von irgend einem Körper nicht haben würde, wenn dieser Körper nicht wirklich da wäre und durch seine Wechselwirkung mit der Seele in dieser eine ihm entsprechende Vorstellung hervorbrächte, hieraus leicht geschlossen werden, daß es ein Zusammengesetztes gebe, welches wir unsern Leib nennen.

2. Die Leibnizische vorherbestimmte Harmonie wird so von Grund aus untergraben, nicht wie gemeiniglich geschieht durch Endursachen, welche GOttes unwürdig seyn sollen, ob sie schon nicht selten ein unsicheres Hülfsmittel abgeben, sondern durch seine innere Unmöglichkeit. Aus dem Bewiesenen nämlich folgt unmittelbar, daß die menschliche Seele, wenn sie von allem realen Zusammenhang mit Dingen außer sich abgesondert wäre, gar keine Veränderung ihres innern Zustandes erfahren könnte.

3. Die Meinung, allen endlichen Geistern seyein gewisser organischer Körper beyzulegen, bekommt hieraus ein großes Zeugniß ihrer Gewißheit.

4. Wird dadurch die wesentliche Unveränderlichkeit GOttes nicht aus einem Erkenntnißgrund, welcher von der unendlichen Natur desselben hergenommen ist, sondern aus seinem ächten Princip abgeleitet. Denn da das höchste Walten frey von aller Abhängigkeit ist, da also die ihr zukommenden Bestimmungen durch gar keine äußere Beziehung gesetzt werden, so ergiebt sich, daß gar keine Veränderung ihres Zustandes möglich sey, aus dem Bewiesenen mit vollkommenster Klarheit.

Anmerkung. Vielleicht könnte jemanden das angeführte Princip eines schädlichen Irrthums verdächtig zu seyn scheinen, wegen der unzertrennlichen Verknüpfung, mit welcher auf diese Weise die menschliche Seele bey den innern Thätigkeiten ihrer Gedanken an die Materie gebunden ist, welches von der schädlichen Meinung der Materialisten nicht weit entfernt zu seyn scheint. Allein ich hebe damit den Zustand der Vorstellungen der Seele nicht auf, ob ich schon unter der Voraussetzung, wenn sie außer allem äußeren Zusammenhang stehen würde, behaupte, daß dieser ihr Zustand unveränderlich und sich selbst beständig gleich seyn würde. Und ich kann den Streit, in welchen vielleicht jemand mich zu verwickeln den Versuch machen wollte, auf die Seite der Neuern wälzen, welche in einmüthiger Uebereinstimmung gleichsam aus einem Munde bekennen, daß der Seele die Vereinigung mit einem organischen Körper unentbehrlich sey. Ich nenne, um von diesen nur einen als Zeugen anzuführen, den berühmten Crusius, welcher, wie ich finde, meiner Meinung so sehr beystimmt, daß er ganz offen behauptet, die Seele sey an jenes Gesetz gebunden, vermöge dessen das Streben nach Vorstellungen jederzeit mit einem Streben ihrer Substanz zu einer gewissen Bewegung nach außen verbunden sey, daß also, wenn das letztere durch Hindernisse erstickt wird, auch das erstere gehindert werde. Ob er aber schon dieses Gesetz nicht für so nothwendig hält, daß es nicht, wenn GOtt solches wollte, aufgehoben werden könnte, so würde, weil er zugiebt, daß seine Natur mit demselben fest verschnürt sey, er bekennen müssen, daß alsdann auch diese umgeschaffen werden müsse.

II. Der Satz der Coexistenz.

Dreizehnter Satz. Endliche Substanzen stehen durch ihr bloßes Daseyn in keinen Beziehungen zu einander und werden durch keinerlei Wechselwirkung zusammengehalten, außer wiefern sie von dem gemeinschaftlichen Princip ihres Daseyns, nämlich von dem göttlichen Verstande, als zu gegenseitigen Beziehungen gebildete erhalten werden.

Beweis. Einzelne Substanzen, deren keine Ursache von dem Daseyn der andern ist, haben ein abgesondertes Daseyn, das heißt, ein solches, welches auch ohne alles andere völlig denkbar ist. Wird nun das Daseyn einer jeden Substanz schlechthin an sich gesetzt, so ist in ihr nichts, was das Daseyn anderer von ihr verschiedener voraussetzt. Weil aber ein Verhältniß eine respektive Bestimmung, d. h. eine solche, welche in einem schlechthin an sich betrachteten Wesen nicht gedacht werden kann, so kann solches eben so wenig als dessen bestimmender Grund durch das an sich gesetzte Daseyn einer Substanz erkannt werden. Wenn also außer diesem Daseyn nichts weiter hinzu käme, so würde unter allen Wesen kein Verhältniß und gar keine Wechselwirkung seyn. Da nun, wiefern unter allen Substanzen jede ein von allen andern unabhängiges Daseyn hat, ein wechselseitiger Zusammenhang derselben nicht Statt findet, von endlichen Dingen aber allerdings nicht gesagt werden kann, daß sie Ursache von andern sind, dennoch nichts destoweniger in dem Weltall alles durch wechselseitigen Zusammenhang verbunden gefunden wird, so muß man zugestehen, daß dieses Verhältniß der Dinge von ihrer gemeinschaftlichen Ursache, nämlich von GOtt, dem allgemeinen Princip existirender Dinge, abhange. Weil aber daraus, daß GOtt das Daseyn derselben schlechthin begründete, ebenfalls nicht folgt, daß zwischen ihnen wechselseitige Beziehungen seyn, wenn nicht derselbe Entwurf des göttlichen Verstandes, welcher das Daseyn giebt, wiefern derselbe das Daseyn aller Dinge, auf einander bezogen gedacht, enthielt, die Beziehungen derselben ebenfalls festlegte; so erhellet ganz offenbar, daß die allgemeine Wechselwirkung aller Dinge lediglich dem Plan der göttlichen Idee zugeschrieben werden müsse.

Erklaerung.

Daß die Coexistenz der Substanzen in dem Weltall zur Begründung eines Zusammenhangs zwischen denselben nicht zureichend, sondern außerdem noch eine gewisse Gemeinschaft des Ursprungs und eine harmonische Abhängigkeit von demselben erforderlich sey, dieß glaube ich zuerst durch die einleuchtendsten Gründe dargethan zu haben. Denn, wenn, damit ich den Nerv des Beweises nochmals kürzlich darlege, eine Substanz A existirt, und es existirt außerdem B, so kann man deswegen nicht annehmen, daß diese in A etwas setze. Denn nimm an, daß sie in A etwas bestimme, das heißt, den Grund von der Bestimmung C enthalte; so wird, weil diese Bestimmung ein relatives Prädicat und nicht verständlich ist, wenn nicht außer B auch A existirt, die Substanz B, vermöge dessen, was den Grund von C ausmacht, das Daseyn der Substanz A voraussetzen. Weil aber, wenn die Substanz B allein existirt, durch ihre Existenz ganz unbestimmt bleibt, ob ein A existiren solle oder nicht, so kann aus ihrem Daseyn allein nicht erkannt werden, daß sie in andern von ihr verschiedenen irgend etwas setze, folglich kein Verhältniß, überhaupt keine Wechselwirkung mit andern. Wenn also GOtt außer der Substanz A noch andere, B, D, E, ins Unendliche erschaffen hat, so folgt dennoch aus dem gegebenen Daseyn derselben allein sofort noch keine wechselseitige Abhängigkeit derselbenin ihren Bestimmungen. Denn es folgt daraus, weil außer A auch B, D, E existirt, und A in sich selbst in irgendeiner Weise bestimmt ist, nicht, daß B, D, E dieser gemäße Bestimmungen zu existiren haben. Folglich muß in der Art ihrer gemeinschaftlichen Abhängigkeit von GOtt nothwendig der Grund ihrer wechselseitigen Abhängigkeit von einander vorhanden seyn. Und auf welche Weise dieses bewirkt werde, ist leicht einzusehen. Der Entwurf des göttlichen Verstandes, als der Ursprung alles Daseyns, ist ein fortwährender Act, Erhaltung genannt, in dem, wenn die einzelnen Substanzen irgendwie abgesondert und ohne Verhältniß ihrer Bestimmungen von GOtt gedacht werden, zwischen ihnen kein Zusammenhang, keine wechselseitige Beziehung entstehen kann; wenn sie aber in dem Verstande GOttes in Beziehung auf einander gedacht werden, so beziehen sich in Gemäßheit dieser Idee bey der Fortsetzung des Daseyns in der Folge immer die Bestimmungen der Dinge auf einander, d. h. sie wirken und wirken zurück, und es ist nun ein gewisser äußerer Zustand einer jeden Substanz, welcher, wenn man dieses Princip verließe, durch das bloße Daseyn derselben gar nicht Statt finden könnte.

Nutzen.

1. Weil Ort, Lage, Raum, Verhältnisse der Substanzen sind, mit welchen sie sich auf andere von ihnen real verschiedene durch wechselseitige Bestimmungen beziehen und auf diese Weise im äußern Zusammenhang stehen; weil ferner durch das Bewiesene bekannt geworden ist, daß das bloße Daseyn der Substanzen an sich einen Zusammenhang mit andern nicht einschließe, so erhellet, daß, wenn man mehrere Substanzen als existirend setzt, hieraus nicht zugleich der Ort, die Lage und, was aus diesen durchgängigen Verhältnissen zusammen entsteht, der Raum bestimmt werde. Allein, weil der wechselseitige Zusammenhang der Substanzen einen in einer wirksamen Vorstellung des göttlichen Verstandes respectiv gedachten Entwurf erfordert, diese Vorstellung aber in Gott ganz willkührlich ist, und folglich nach seinem Wohlgefallen eben sowohl zugelassen als weggelassen werden kann: so folgt, daß Substanzen unter diesem Gesetz existiren können, daß sie an keinem Orte seyn, und folglich in gar keinem Verhältniß zu unserem Universum von Dingen.

2. Weil solcher Substanzen, die von jedem Zusammenhang mit unserm Universum gelöst sind, vermöge des göttlichen Beliebens mehrere seyn können, welche nichts destoweniger durch einen gewissen Zusammenhang der Bestimmungen unter sich verbunden seyn können, folglich einen Ort, eine Lage und einen Raum bewirken, eine Welt ausmachen, die von dem Umfang der Welt, deren Theile wir sind, ausgeschlossen, d. h. für sich abgesondert sey. So ist es aus diesem Grund nicht widersinnig, zu sagen, daß auch im metaphysischen Sinne mehrere Welten seyn könnten, wenn es GOtt so gefiele.

3. Da nun also das Daseyn der Substanzen an sich zu einer Wechselwirkung undeiner Beziehung ihrer Bestimmung auf einander ganz unzureichend ist, und folglich durch den äußern Zusammenhang der Substanzen die gemeinschaftliche Ursache aller angedeutet wird, in welcher das Daseyn derselben mit Beziehung auf einander entworfen sey, und da ohne dieses gemeinschaftliche Princip ein allgemeiner Zusammenhang nicht gedacht werden kann, so wird hieraus das einleuchtendste Zeugniß für das Daseyn einer höchsten Ursache aller Dinge, d. h. GOttes, und zwar eines einzigen hergenommen, welches, wenigstens nach meinem Dafürhalten, den von der Zufälligkeit abgeleiteten Beweis weit übertrifft.

4. Auch wird die thörichte Meinung der Manichäer, welche die Herrschaft der Welt zwischen zwey von einander nicht abhängige erste Principien theilten, durch dieses unser Princip gründlich widerlegt. Denn es ist nicht möglich, daß eine Substanz mit den Dingen in der Welt irgend eine Wechselwirkung habe, wenn sie nicht die gemeinschaftliche Ursache derselben, oder mit ihnen von derselben Ursache hergekommen sey. Wenn du also sagst, eins von diesen beyden Principien sey die Ursache aller Substanzen, so kann das andere auf keine Weise in denselben etwas bestimmen; soll das andere Princip wenigstens von einigen Ursache seyn, so können diese mit den übrigen keine Wechselwirkung haben. Du mußt also behaupten, daß entweder eins von diesen beyden Principien von dem andern, oder daß beyde von einer gemeinschaftlichen Ursache abhängig sind, welches gleichfalls der Voraussetzung widerstreitet.

5. Ferner, da die Bestimmungen der Substanzen sich auf einander beziehen, d. h., da die unter sich verschiedenen Substanzen wechselseitig auf einander wirken (indem nämlich jede in der andern etwas bestimmt), so ergiebt sich der Begriff des Raums aus den in einander verwickelten Wirkungen der Substanzen, mit welchen jederzeit Rückwirkung nothwendig verbunden ist. Wenn nun von dieser allgemeinen Wirkung und Rückwirkung durch den ganzen Umfang des Raums, in welchem Körper mit einander in Beziehung sind, die äußere Erscheinungdie wechselseitige Annäherung derselben ist, Anziehung genannt, welche sich, da sie durch die bloße Mitgegenwart bewirkt wird, auf jede beliebige Entfernung erstreckt, und die Newtonianische Anziehung oder allgemeine Schwerkraft ist; so ist wahrscheinlich, daß diese durch denselben Zusammenhang der Substanzen, wodurch sie den Raum bestimmen, bewirkt werde, folglich das ursprünglichste Naturgesetz sey, dem die Materie unterworfen ist, und welches nur in GOtt, dem unmittelbaren Urheber, beständig fortdauert, selbst nach der Meinung derer, welche sich für Newtons Anhänger bekennen.

6. Da zwischen allen Substanzen, wiefern sie in demselben Raum enthalten sind, Wechselwirkung, folglich eine wechselseitige Abhängigkeit in ihren Bestimmungen ist, so kann man hieraus die allgemeine Wirkung der Geister auf die Körper und der Körper auf die Geister ersehen. Weil aber jede Substanz (vermöge des Bewiesenen), nicht durch das, was ihr innerlich zukommt, das Vermögen hat, andere von ihr verschiedene zu bestimmen, sondern bloß vermöge der Kraft des Zusammenhang, in welchem sie in der Idee des unendlichen Wesens mit andern verbunden ist; so beziehen sich zwar alle Bestimmungen und Veränderungen, die in jeder beliebigen gefunden werden, auf Dinge außer ihr, aber der eigentlich so genannte Physische Einfluß wird ausgeschlossen, und es ist eine allgemeine Harmonie der Dinge. Dennoch wird weder jene Leibnizische vorherbestimmte, welche eigentlich eine Uebereinstimmung, nicht eine wechselseitige Abhängigkeit den Substanzen beylegt, hieraus erzeugt, denn GOtt bedient sich, zur Bewirkung der Zusammenstimmung der Substanzen, nicht der bey einer Reihe zusammengeworfener Gründe gewöhnlichen Kunstgriffe, noch wird hier ferner ein besonderer Einfluß GOttes in jedem Fall, d. i. eine Wechselwirkung der Substanzen durch Malebranchens gelegenheitliche Ursachen behauptet, denn dieselbe individuelle Handlung, welche die Substanzen zum Daseyn bringt und erhält, giebt ihnen auch eine wechselseitige und allgemeine Abhängigkeit, so daß die göttliche Handlung nicht nöthig hat, je nach Umständen bald so bald anders bestimmt zu werden; Sondern es giebt ein reales Einwirken der Substanzen auf einander, oder eine Wechselwirkung durch wirklich bewirkende Ursachen, weil dasselbe Princip, welches das Daseyn der Dinge gründet, solche auch als diesem Gesetz unterworfen darstellt, folglich durch die nämlichen Bestimmungen, welche ihrem Daseyn ursprünglich anhängen, die Wechselwirkung begründet ist; daher kann man auf diese Weise, daß die äußerlichen Veränderungen durch bewirkende Ursachen hervorgebracht werden, mit demselben Recht sagen, womit die Veränderungen der inneren Kraft der Substanz zugeschrieben werden, obschon die natürliche Wirksamkeit von dieser nicht weniger als die feste Einrichtung der äußerlichen Verhältnisse auf der göttlichen Erhaltung beruht. Inzwischen ist das System der allgemeinen Wechselwirkung der Substanzen auf diese Weise entworfen, gewiß um vieles berichtigter als jener bekannte Physische Einfluß, indem es nämlich den Ursprung des wechselseitigen Zusammenhangs der Dinge selbst eröffnet, daß solcher außer dem Princip der Substanzen, jede abgesondert und für sich betrachtet, gesucht werden müsse, worin eben jenes abgenutzte System der bewirkenden Ursachen sich vornehmlich von der Wahrheit entfernte.

Anmerkung. Hier hast du, geneigter Leser, zwey Grundsätze der tiefern metaphysischen Erkenntniß, durch deren Hülfe man ein nicht zu verachtendes Gebiet in dem Reiche der Wahrheiten gewinnen kann. Und wenn diese Wissenschaft auf eine solche Weise mit Ernst bearbeitet wird, so wird man den Boden derselben nicht so unfruchtbar finden, auch wird der Vorwurf einer müßigen und von der Welt abgezogenen Grübeley, welcher ihr von ihren Verächtern gemacht wird, durch eine reiche Ernte einer edlern Erkenntniß widerlegt werden. Zwar giebt es Menschen, welche, gewohnt, in den Schriften anderer fehlerhafte Folgerungen aufzuspüren, aus den Ansichten anderer immer einiges Gift zu ziehen verstehen. Ob ich aber schon nicht läugnen will, daß diese vielleicht einiges in unseren zu einem schlimmern Sinn verdrehen können, so glaube ich doch, daß es mir, indem ich dieselben ihrer eigenen Ueberzeugung überlasse, gebühre, mich nicht um das zu kümmern, was vielleicht jemandem übel zu deuten beliebt, sondern auf dem geraden Weg der Forschung und der Wissenschaft fortzugehen, und bitte mit aller gebührenden Ergebenheit, daß alle die, welche Freunde der edlern Wissenschaften sind, mich in diesem Unternehmen begünstigen wollen.

Ende.