Große Begebenheiten, die das Schicksal aller Menschen
betreffen, erregen mit Recht diejenige rühmliche Neubegierde, die bei allem, was
außerordentlich ist, aufwacht und nach den Ursachen derselben zu fragen pflegt.
In solchem Falle soll die Verbindlichkeit gegen das Publicum den Naturforscher
vermögen, von den Einsichten Rechenschaft zu [thun], die ihm Beobachtung und Untersuchung gewähren
können. Ich begebe mich der Ehre dieser Pflicht in ihrem ganzen Umfange ein
Gnüge zu leisten und überlasse sie demjenigen, wenn ein solcher aufstehen wird,
der von sich rühmen kann, das Inwendige der Erde genau durchschaut zu haben.
Meine Betrachtung wird nur ein Entwurf seyn. Er wird, um mich frey zu erklären,
fast alles enthalten, was man mit Wahrscheinlichkeit bis jetzo davon sagen kann,
allein freylich nicht genug, um diejenige strenge Beurtheilung zufrieden zu
stellen, die alles an dem Probirstein der mathematischen Gewißheit prüfet. Wir
wohnen ruhig auf einem Boden, dessen Grundfeste zuweilen erschüttert wird. Wir
bauen unbekümmert auf Gewölbern, deren Pfeiler hin und wieder wanken und mit dem
Einsturze drohen. Unbesorgt wegen des Schicksals, welches vielleicht von uns
selber nicht fern ist, geben wir statt der Furcht dem Mitleiden Platz, wenn wir
die Verheerung gewahr werden, die das Verderben, das sich unter unsern Füßen
verbirgt, in der Nachbarschaft anrichtet. Es ist ohne Zweifel eine Wohlthat der
Vorsehung von der Furcht solcher Schicksale unangefochten zu seyn, zu deren
Hintertreibung alle mögliche Bekümmerniß nicht das Geringste beytragen kann, und
unter wirkliches Leiden nicht durch die Furcht [vor demjenigen] zu vergrößern, was wir als möglich
erkennen.
Das Erste, was sich unserer Aufmerksamkeit darbietet, ist, daß der
Boden, über dem wir uns befinden,
hohl ist und seine Wölbungen fast in einem Zusammenhange durch weitgestreckte
Gegenden sogar unterm Boden des Meeres fortlaufen. Ich führe desfalls keine
Beyspiele aus der Geschichte an; meine Absicht ist nicht eine Historie der
Erdbeben zu liefern. Das fürchterliche Getöse, das wie das Toben eines
unterirdischen Sturmwindes, oder wie das Fahren der Lastwagen über Steinpflaster
bey vielen Erdbeben gehöret worden, die in weit ausgedehnte Länder zugleich
fortgesetzte Wirkung derselben, davon [Island und Lissabon, die durch ein Meer von mehr wie
4tehalb hundert deutsche Meilen abgesondert sind und an einem Tage in
Bewegung gesetzet worden](#en42008), ein unleugbares Zeugniß ablegen, alle diese
Erscheinungen stimmen [hierin] überein
den Zusammenhang dieser unterirdischen Wölbungen zu bestätigen.
Ich müßte bis in die Geschichte der Erde im Chaos zurücke gehen,
wenn ich etwas Begreifliches von der Ursache sagen sollte, die bey der Bildung
der Erde den Ursprung dieser Höhlen veranlaßt hat. Solche Erklärungen haben nur
gar zu viel Anschein von Erdichtungen, wenn man sie nicht in dem ganzen Umfange
der Gründe, die ihre Glaubwürdigkeit enthalten, darstellen kann. Die Ursache mag
aber seyn, welche sie wolle, so ist es doch gewiß, daß die Richtung dieser
Höhlen den Gebirgen und durch einen natürlichen Zusammenhang auch den großen
Flüssen parallel ist; denn diese nehmen das unterste Theil eines langen Thals
ein, das von beiden Seiten durch parallel laufende Gebirge beschränket wird.
Eben dieselbe Richtung ist es auch, wornach die Erderschütterungen sich
vornehmlich ausbreiten. In den Erdbeben, welche sich durch den größten Theil von
Italien erstreckt haben, hat man an den Leuchtern in den Kirchen eine Bewegung
von Norden fast gerade nach Süden wahrgenommen; und dieses neuliche Erdbeben
hatte die Richtung von Westen [nach]
Osten, welches auch die Hauptrichtung der Gebirge ist, die den höchsten Theil
von Europa durchlaufen.
Wenn in so schrecklichen Zufällen den Menschen
erlaubt ist einige Vorsicht zu gebrauchen, wenn es nicht als eine verwegene und
vergebliche Bemühung angesehen wird allgemeinen Drangsalen einige Anstalten
entgegen zu setzen, die die Vernunft darbietet, sollte nicht der unglückliche
Ueberrest von Lissabon Bedenken tragen sich an demselben Flusse [seiner] Länge nach wiederum anzubauen,
welcher die Richtung bezeichnet, nach welcher die Erderschütterung in diesem
Lande natürlicher Weise geschehen
[muß?]
Gentil
[
](#en42134)
Gentils
Reise um die Welt, nach
Buffons
Anführung. Eben derselbe bestätiget auch, daß die
Richtung der Erdbeben fast jederzeit der Richtung großer Flüsse parallel
laufe.
bezeuget, daß, wenn eine Stadt ihrer größten Länge nach durch ein
Erdbeben, welches dieselbe Richtung hat, erschüttert wird, alle Häuser
umgeworfen werden, anstatt daß, wenn die Richtung in die Breite geschieht, nur
wenig umfallen. Die Ursache ist klar. Das Wanken des Bodens bringt die Gebäude
aus der senkrechten Stellung. Wenn nun eine Reihe von Gebäuden von Osten nach
Westen so in Schwankung gesetzt wird, so hat nicht allein ein jegliches seine
eigene Last zu erhalten, sondern die westlichen drücken zugleich auf die
östlichen und werfen sie dadurch ohnfehlbar über den Haufen, anstatt daß, wenn
sie in der Breite, wo ein jegliches nur sein eigen Gleichgewicht zu erhalten
hat, beweget werden, bey gleichen Umständen weniger Schaden geschehen muß. Das
Unglück von Lissabon scheinet also durch seine Lage vergrößert zu seyn, die es
der Länge nach an dem Ufer des Tagus gehabt hat; und
nach diesen Gründen müßte eine jede Stadt in einem Lande, wo die Erdbeben
mehrmalen empfunden [worden], und wo
man die Richtung derselben aus der Erfahrung abnehmen kann, nicht nach einer
Richtung, die mit dieser gleichlaufend ist, angelegt werden. Allein in
dergleichen Fällen ist der größte Theil der Menschen ganz anderer Meynung. Weil
ihnen die Furcht das Nachdenken raubt, so glauben sie in so allgemeinen
Unglücksfällen eine ganz andere Art von Uebel wahrzunehmen, als diejenigen sind,
gegen die man berechtigt ist Vorsicht zu gebrauchen, und bilden sich ein, die
Härte des Schicksals durch eine blinde Unterwerfung zu mildern, womit sie sich
selbigem auf Gnade und Ungnade überlassen.
Der Hauptstrich der Erdbeben geht in der Richtung der höchsten
Gebirge fort, und es werden also diejenige Länder hauptsächlich erschüttert, die
diesen nahe liegen, vornehmlich wenn sie zwischen zween Reihen Berge
eingeschlossen sind, als in welchem Falle die Erschütterungen von beyden Seiten
sich vereinbaren. In einem platten Lande, welches nicht in einem Zusammenhange
mit Gebirgen stehet, sind sie seltener und schwach. Darum sind Peru und Chili
diejenige Länder, die fast unter allen in der Welt den häufigsten
Erschütterungen unterworfen sind. Man beobachtet daselbst die Vorsicht die
Häuser aus 2 Stockwerken zu erbauen, wovon nur das unterste gemauert, das
oberste aber von Rohr und leichtem Holze gemacht ist, um nicht darunter erschlagen zu werden. Italien, ja selbst
die zum theil in der Eiszone befindliche Insel Island und andere hohe Gegenden
von Europa beweisen diese Uebereinstimmung. Das Erdbeben, welches sich in dem
Monat December des verflossenen Jahres von Abend gegen Morgen durch Frankreich,
Schweiz, Schwaben, Tyrol und Bayern ausbreitete, hielte vornehmlich den Strich
der höchsten Gegenden dieses Welttheils. Man weiß aber auch, daß alle
Hauptgebirge kreuzweise Nebenäste ausschießen. In diese breitet sich die
unterirdische Entzündung auch nach und nach aus, und es ist diesem zu Folge,
nachdem es bei den hohen Gegenden der Schweizerberge angelanget, auch die Höhlen
durchgelaufen, die dem Rheinstrome parallel bis in Niederdeutschland fortlaufen.
Was mag die Ursache dieses Gesetzes seyn, womit die Natur die Erdbeben
vornehmlich an die hohen Gegenden verknüpfet? Wenn es ausgemacht ist, daß eine
[unterirdisch] Entzündung diese
Erschütterungen verursacht, so kann man leicht erachten, daß, weil die Höhlen in
gebirgichten Gegenden weitläuftiger [seyn], die Ausdämpfung brennbarer Dünste daselbst freyer, auch die
Gemeinschaft mit der in den unterirdischen Gegenden verschlossenen Luft, die
allemal zu Entzündungen unentbehrlich ist, ungehinderter seyn wird. Ueber dieses
lehret die Kenntniß der innern Naturbeschaffenheit des Erdbodens, so weit es
Menschen erlaubt ist sie zu entdecken, daß die Schichten in gebirgichten
Gegenden bey weitem nicht so hoch aufliegen als in flachen Ländern, und der
Widerstand der Erschütterung dorten also geringer als hier sey. Wenn man also
frägt, ob auch unser Vaterland Ursache habe diese Unglücksfälle zu befürchten,
so würde ich, wenn ich den Beruf hätte die Besserung der Sitten zu predigen, die
Furcht davor um der allgemeinen Möglichkeit willen, die man freylich hiebey
nicht in Abrede seyn kann, in ihrem Werthe [lassen; nun] aber unter den Bewegungsgründen der Gottseligkeit
diejenige, die von den Erdbeben hergenommen worden, ohne Zweifel die schwächsten
sind, und meine Absicht nur ist physische Gründe zur Vermuthung anzuführen, so
wird man leicht aus dem Angeführten abnehmen können, daß, da Preußen nicht
allein ein Land ohne Gebirge ist, sondern auch als eine Fortsetzung eines fast
durch und durch flachen Landes angesehen werden muß, man eine größere
Veranlassung habe sich von den Anstalten der Vorsehung der entgegen gesetzten
Hoffnung zu getrösten.
Es ist Zeit etwas von der Ursache der
Erderschütterungen anzuführen. Es ist einem Naturforscher etwas Leichtes ihre
Erscheinungen nachzuahmen. [Man nimmt
25 Pfund Eisenfeilig, eben so viel Schwefel und vermengt es
mit gemeinem Wasser, vergräbt diesen Teig
einen oder anderthalb Fuß tief in die Erde und stößt dieselbe ](#en42237)[darüber fest] zusammen. Nach Ablauf
einiger Stunden sieht man einen dicken Dampf aufsteigen, die Erde wird
erschüttert, und es brechen Flammen aus dem Grunde hervor. Man kann nicht
zweifeln, daß die beyden erstere Materien in dem Innern der Erde häufig
angetroffen werden, und das Wasser, das sich durch Spalten und Felsenritzen
durchseigert, kann sie in Gährung bringen. Noch ein anderer Versuch liefert
brennbare Dämpfe aus der Vermischung kalter Materien, die sich von selber
entzünden. Zwei Quentchen Vitriolöl, mit 8 Quentchen gemeines Wasser vermischt,
wenn man sie auf 2 Quentchen Eisenfeil gießt, bringen ein heftiges Aufbrausen
und Dämpfe hervor, die sich von selber entzünden. Wer kann zweifeln, daß die
vitriolische Säure und Eisentheile in genugsamer Menge in dem Inneren der Erde
enthalten sind? Wenn das Wasser nun hierzukommt und ihre gegenseitige Wirkung
veranlaßt, so werden sie Dämpfe ausstoßen, die sich auszubreiten trachten, den
Boden erschüttern und bey den Oeffnungen feuerspeyender Berge in Flammen
ausbrechen.
Man hat vorlängst wahrgenommen, daß ein Land von seinen heftigen
Erschütterungen befreyet worden, wenn in seiner Nachbarschaft ein feuerspeyender
Berg ausgebrochen, durch welchen die verschlossene Dämpfe einen Ausgang gewinnen
können, und man weiß, daß um Neapolis die Erdbeben weit häufiger und
fürchterlicher sind, wenn [Vesuv] eine
lange Zeit ruhig gewesen. Auf diese Weise dienet uns öftermals das, was uns in
Schrecken setzt, zur Wohlthat, und ein feuerspeyender Berg, der sich in den
Gebirgen von Portugal eröffnen würde, könnte ein Vorbote werden, daß das Unglück
nach und nach sich entfernete.
Die heftige Wasserbewegung, die an dem unglücklichen Tage Aller
Heiligen an so vielen Meeresküsten verspüret worden, ist in dieser Begebenheit
der seltsamste Gegenstand der Bewunderung und Nachforschung. Daß die Erdbeben
sich bis unter dem Meergrunde erstrecken und die Schiffe in so heftige Rüttelung
versetzen, als wenn sie auf einem harten erschütterten Boden befestigt wären,
ist eine gemeine Erfahrung. Allein so war in den Gegenden, da das Wasser in
Aufwallung gerieth, keine Spur von einigem Erdbeben, zum wenigsten war es in
einer mittelmäßigen Entfernung von den Küsten gar nicht zu spüren. Gleichwohl
ist diese Wasserbewegung nicht ganz ohne Beyspiel. Im Jahre 1692 ward bei einem
fast allgemeinen Erdbeben auch dergleichen etwas an den Küsten von Holland, England und Deutschland wahrgenommen. Ich
vernehme, daß viele geneigt sind und zwar nicht ohne Grund dieses Aufwallen der
Gewässer aus einer fortgesetzten Rüttelung, die das Meer an den portugiesischen
Küsten durch den unmittelbaren Stoß des Erdbebens bekommen hat, herzuleiten.
Diese Erklärung scheinet anfänglich Schwierigkeiten ausgesetzt zu seyn. Ich
begreife wohl, daß in einem flüssigen Wesen ein jeglicher Druck durch die ganze
Masse empfindbar werden muß, aber wie haben die Drückungen der Gewässer des
portugiesischen Meeres, nachdem sie einige hundert Meilen sich ausgebreitet
haben, das Wasser bei Glückstadt und [Huysum] noch einige Fuß hoch in Bewegung setzen können? Scheint es
nicht, daß dorten himmelhohe Wasserberge hätten entstehen müssen, um hier kaum
merkliche Wellen zu erregen? Ich antworte hierauf: es giebt zweyerley Art, wie
ein flüssiges Wesen durch eine Ursache, die an einem Orte wirkt, in seiner
ganzen Masse kann in Bewegung gesetzt [werden, entweder] durch die schwankende Bewegung des Auf und
Niedersteigens, d. i. auf eine wellenförmige Art, oder durch einen
plötzlichen Druck, der die Wassermasse in ihrem Innern erschüttert und als einen
festen Körper forttreibt, ohne ihr Zeit zu lassen durch eine schwankende
Aufwallung dem Drucke auszuweichen und ihre Bewegung allmählich auszubreiten.
Die erstere ist ohne Zweifel nicht vermögend zu der Erklärung der angeführten
Begebenheit zuzureichen. Was aber die letztere betrifft, wenn man erwäget, daß
das Wasser einem plötzlichen heftigen Drucke wie ein fester Körper widersteht
und diese Drückung zur Seite mit eben der Heftigkeit, die dem anliegenden Wasser
nicht Zeit lässet sich über den wagrechten Stand zu erheben, ausbreitet, wenn
man z. E. den [Versuch
des Herrn ](#en42425)
Carree
in dem 2ten Theil der physischen Abhandlungen der Acad. der
Wissensch.
pag. 549 betrachtet, der in einem Kasten, der aus zweyzölligen
Brettern zusammengesetzt und mit Wasser gefüllt war, eine Flintenkugel abschoß,
die durch ihren Schlag das Wasser so preßte, daß der Kasten ganz zersprengt
wurde, so wird man sich einigen Begriff von dieser Art das Wasser zu bewegen
machen können. Man stelle sich z. E. vor, daß die ganze westliche
Küste von Portugal und Spanien vom Capo St. Vincent bis an das Capo Finis terrae ohngefähr 100 deutsche Meilen weit
erschüttert worden, und daß diese Erschütterung sich eben so weit in die See
abendwärts erstreckt habe; so wurden 10 000 deutsche Quadratmeilen des
Meergrundes mit einer plötzlichen Bebung erhoben, deren Geschwindigkeit wir
nicht zu hoch schätzen, wenn wir sie der Bewegung einer Pulvermine gleich
setzen, die die aufliegenden Körper 15 Fuß hoch wirft, mithin im Stande ist, (laut den Gründen der Mechanik)
30 Fuß in einer Secunde zurücke zu legen. Dieser plötzlichen Rüttelung
widerstand das aufliegende Wasser so, daß es nicht, wie bey langsamen Bewegungen
geschieht, nachgab und in Wellen aufschwoll, sondern es empfing seinen ganzen
Druck und trieb das umliegende Wasser eben so heftig zur Seite fort, welches bey
so schnellem Eindrucke als ein fester Körper anzusehen ist, davon das entfernte
Ende mit eben derselben Geschwindigkeit fortrückt, als das
angestoßene fortgetrieben wird. Also ist in jedem Balken der flüssigen Materie
(wenn ich mich dieses Ausdrucks bedienen darf), ob er gleich [2- oder 300] Meilen lang ist, keine verminderte
Bewegung, wenn er als in einem Canal eingeschlossen gedacht würde, der an dem
entferneten Ende eine eben so weite Eröffnung als beym Anfange hat. Allein wenn
jene weiter ist, so wird die Bewegung durch dieselbe umgekehrt gerade um so viel
sich vermindern. Nun muß man aber die Fortsetzung der Wasserbewegung rund um
sich als in [einen] Cirkel
ausgebreitet gedenken, dessen Erweiterung mit der Entfernung vom Mittelpunkte
zunimmt, an dessen Grenze also das Fortfließen des Wassers in eben demselben
Maße verringert wird; mithin wird es [an
holsteinischen] Küsten, welche 300 deutsche Meilen von dem angenommenen
Mittelpunkte der Erschütterung entlegen [seyn], 6mal gringer als an den portugiesischen befunden werden, welche
der Voraussetzung nach einen Abstand von ungefähr 50 Meilen von eben dem Punkte
haben. Die Bewegung an den holsteinischen und dänischen Küsten wird also noch
groß genug seyn, um 5 Fuß in einer Secunde durchzulaufen, welches der Gewalt
eines sehr schnellen Stromes gleich kommt. Man könnte hiewider den Einwurf
machen, daß die Fortsetzung des Druckes in die Gewässer der Nordsee nur durch
den Canal bey Calais geschehen könne, dessen Erschütterung, indem sie in ein
weites Meer ausgebreitet wird, sich ungemein entkräften müsse. Allein wenn man
erwäget, daß der Druck des Wassers zwischen den französischen und englischen
Küsten, ehe es in den Canal gelangt, durch die Pressung zwischen diesen Ländern
eben so viel sich vermehren müsse, als er durch die Ausbreitung hernach
vermindert wird, so wird dadurch den Wirkungen der Erschütterung an gedachten
holsteinischen Küsten nichts Beträchtliches entzogen werden können.
Bei dieser Pressung der Wasser ist das Allersonderbarste, daß sie
sogar in Landseen, die gar keinen sichtbaren Zusammenhang mit dem Meere haben,
bei Templin und in Norwegen, gespüret worden. Dieses scheinet beynahe der stärkste unter
allen Beweisen zu seyn, die man jemals vorgebracht hat, die unterirdische
Gemeinschaft der mittelländischen Gewässer mit dem Meere zu beweisen. Man müßte
sich, um sich aus der Schwierigkeit, die dagegen aus dem Gleichgewichte gemacht
werden kann, heraus zu wickeln, vorstellen, das Wasser eines Sees flösse
wirklich durch die Canäle, dadurch es mit dem Meer zusammen hängt, beständig
abwärts, weil dieselbe aber enge sind, und das, was sie dadurch verlieren,
hinlänglich durch die Bäche und Ströme, die hereinfließen, ersetzt wird, so
könne dieser Abfluß um deswillen nicht merklich werden.
Wiewohl in einer so seltsamen Begebenheit man nicht leicht ein
übereiltes Urtheil fällen soll. Denn es ist nicht unmöglich, daß die Erregung
der inländischen Seen auch aus andern Gründen könne hergekommen seyn. Die
unterirdische Luft, durch den Ausbruch dieses wüthenden Feuers in Bewegung
gesetzt, könnte wohl durch die Spalten der Erdlagen sich hindurch dringen, die
ihr außer dieser gewaltsamen Ausspannung allen Durchgang verschließen. Die Natur
entdeckt sich nur nach und nach. Man soll nicht durch Ungeduld das, was sie vor
uns verbirgt, ihr durch Erdichtung abzurathen suchen, sondern abwarten, bis sie
ihre Geheimnisse in deutlichen Wirkungen ungezweifelt offenbaret.
Die Ursache der Erdbeben scheint bis in den
Luftkreis ihre Wirkung auszubreiten. Einige Stunden vorher, ehe die Erde
erschüttert wird, hat man öfters einen rothen Himmel und andere Merkmale einer
veränderten Luftbeschaffenheit wahrgenommen. Die Thiere sind kurz zuvor ganz von
Schrecken eingenommen. Die Vögel flüchten in die Häuser; Ratzen und Mäuse
kriechen aus ihren Löchern. In diesem Augenblicke bricht ohnfehlbar der erhitzte
Dunst, welcher auf dem Punkte ist sich zu entzünden, durch das obere Gewölbe der
Erde. Ich getraue mir nicht auszumachen, was [vor] Wirkungen man von ihm zu [gewarten] habe. Zum wenigsten sind sie [vor] den Naturforscher nicht angenehm,
denn was kann er sich [vor] Hoffnung
machen, hinter [das] Gesetze zu kommen, nach
[welchen] die Veränderungen des Luftkreises [einander] abwechseln, wenn sich eine unterirdische
Atmosphäre mit in ihre Wirkungen mengt, und kann man wohl zweifeln, daß dieses
nicht öfters geschehen müsse, da sonst kaum begreiflich wäre, wie in dem Wechsel
der Witterungen, da die Ursachen derselben theils beständig theils periodisch
sind, gar keine Wiederkehr angetroffen wird?
Anmerkung. Der Tag des Erdbebens in Island ist [im vorigen Stücke](#en42701) statt des
1sten Nov. auf den 11. Septembr. nach der Relation des
199. Stücks Hamb. Corresp. zu verbessern.
Gegenwärtige Betrachtungen sind als eine kleine Vorübung über die
denkwürdige Naturbegebenheit, die in unsern Tagen geschehen ist, anzusehen. Die
Wichtigkeit und mannigfaltige Besonderheiten desselben bewegen mich, eine
ausführliche Geschichte dieses Erdbebens, die Ausbreitung desselben über die
Länder von Europa, die dabey vorkommende Merkwürdigkeiten und die Betrachtungen,
wozu sie veranlassen können, in einer [ausführlichern] Abhandlung dem Publico mitzutheilen, die in einigen
Tagen in der Königl. Hof- und Akad. Buchdruckerey zum Vorschein
kommen wird.