Die Natur hat nicht vergeblich einen Schatz von
Seltenheiten überall zur Betrachtung und Bewunderung ausgebreitet. Der Mensch,
welchem die Haushaltung des Erdbodens anvertraut ist, besitzt Fähigkeit, er
besitzt auch Lust sie kennen zu lernen und preiset den Schöpfer durch seine
Einsichten. Selbst die fürchterliche Werkzeuge der Heimsuchung des menschlichen
Geschlechts, die Erschütterungen der Länder, die Wuth des in seinem Grunde
bewegten Meers, die feuerspeyenden Berge fodern den Menschen zur Betrachtung
auf, und sind nicht weniger von GOtt als eine richtige Folge aus beständigen
Gesetzen in die Natur gepflanzt, als andre schon gewohnte Ursachen der
Ungemächlichkeit, die man nur darum vor natürlicher hält, weil man mit ihnen
mehr bekannt ist.
Die Betrachtung solcher schrecklichen
Zufälle ist lehrreich. Sie demüthigt den Menschen dadurch daß sie ihn sehen läßt
er habe kein Recht, oder zum wenigsten er habe es verlohren, von den Naturgesetzen die GOtt
angeordnet hat lauter beqvemliche Folgen zu erwarten, und er lernt vielleicht
auch auf diese Weise einsehen: daß dieser Tummelplatz seiner Begierden billig
nicht das Ziel aller seiner Absichten enthalten solte.
VorbereitungVon
der Beschaffenheit des Erdbodens in seineminwendigen.
Wir kennen die Oberfläche des Erdbodens wenn es auf
die Weitläuftigkeit ankommt ziemlich vollständig. Allein wir haben noch eine
Welt unter unsern Füßen, mit der wir zur Zeit nur sehr wenig bekannt sind.
Die Bergspalten, welche unserm Senkbley unergründliche Klüfte eröfnen, die Hölen die wir in dem innern der
Berge antreffen, die tiefsten Schachte der Bergwerke die wir Jahrhunderte
hindurch erweitern, sind bey weitem nicht zureichend uns von dem inwendigen
Bau des großen Klumpens den wir bewohnen deutliche Kenntnisse zu
verschaffen.
Die größte Tiefe zu der Menschen von der
obersten Fläche des festen Landes hinabgekommen [seyn], beträgt noch nicht 500 [
][Klafter](#en43206).
D. i.
noch nicht den sechstausensten Theil von der Entfernung bis zum
Mittelpunkte der Erde und gleichwohl befinden sich diese Grüfte noch in den
Gebirgen, und selbst alles feste Land ist ein Berg, in welchem, um nur zu
gleicher Tiefe als der Meeres-Grund liegt zu gelangen, man wenigstens dreymal
tiefer hinab kommen müste.
Was aber die Natur unserm
Auge und unsern unmittelbaren Versuchen verbirgt, das entdeckt sie selber
durch ihre Wirkungen. Die Erdbeben haben uns offenbahret daß die Oberfläche
der Erde voller Wölbungen und Hölen [seyn], und daß unter unsern Füßen verborgene Minen mit
mannigfaltigen Irrgängen allenthalben fortlaufen. Der
Verfolg in der Geschichte des Erdbebens wird dieses außer Zweifel setzen.
Diese Hölen haben wir eben derselben Ursache zuzuschreiben, welche den
Meeren ihr Bette zubereitet [hat; denn] es ist gewiß, wenn man von den
Ueberbleibseln die das Weltmeer von seinem ehemaligen Aufenthalte über dem
gesammten vesten Lande zurück gelaßen hat, von den unermeßlichen
Muschelhaufen die selbst in dem innern der Berge angetroffen werden, von den
versteinerten Seethieren die man aus den tiefsten Schachten herausbringt,
ich sage, wenn man von [allem
diesem] nur einiger Maaßen unterrichtet ist, so wird man leicht
einsehen, daß erstlich das Meer ehedem eine lange Zeit alles Land überdeckt
habe, daß dieser Aufenthalt lange gedauret habe und älter als die Sündfluth
sey, und daß endlich das Gewässer sich unmöglich anders habe zurück ziehen
können als daß der Boden deßelben hin und wieder in tiefe Grüfte
herabgesunken und demselben tiefe Becken zubereitet hat, darinn es
abgefloßen ist, und zwischen deren Ufern es noch jetzo beschränkt erhalten
wird, indessen daß die erhöheten Gegenden dieser eingesunkenen Rinde festes
Land geworden, welches allenthalben mit Hölungen untergraben ist, und dessen
Strecke mit den steilen Gipfeln besetzt ist, die unter den Nahmen der
Gebirge die oberste Höhe des festen Landes nach allen denjenigen Richtungen
durchlaufen nach welchen es sich in eine beträchliche Länge
erstrecket.
Diese Hölen enthalten alle ein
loderndes Feuer, oder wenigstens denjenigen brennbaren Zeug, der nur einer
geringen Reizung bedarf um mit Heftigkeit um sich zu wüten und den Boden
über sich zu erschüttern oder gar zu spalten.
Wenn wir
das Gebiet dieses unterirrdischen Feuers in dem ganzen Umfange, wohin es
sich erstreckt, erwegen, so werden wir gestehen müssen, daß wenig Länder auf
dem Erdboden sind die nicht bisweilen dessen Wirkung verspühret hätten. In
dem äußersten Norden ist die Insel Island den heftigsten Anfällen desselben
und zwar nicht selten unterworfen. Man hat in Engelland und selbst in Schweden einige leichte
Erschütterungen gehabt. Gleichwohl finden sie sich in den südlichen Ländern,
ich meyne denenjenigen, die dem Aeqvator näher liegen, häufiger und stärker.
Italien, die Inseln aller Meere, welche der Mittellinie nahe liegen,
vornehmlich die im Indischen Ocean, sind von dieser Beunruh
igung ihres
Fußbodens häufig angefochten. Unter den letztern ist fast nicht eine einzige
die nicht einen Berg hätte, der entweder noch jetzo bisweilen Feuer spie,
oder es wenigstens vormals gethan hätte, und der Erschütterung sind sie eben
so häufig unterworfen. Es ist eine artige Vorsicht, wenn man hierinn der
Nachricht des [
Hübners](#en43319)
glauben darf, die die Holländer um deswillen anwenden um das
kostbare Gewürz der Muscaten und Würznelken, die sie einzig und allein auf
den beyden Inseln [Banda und Amboina](#en46514) fortzupflanzen erlauben, nicht der
Gefahr blos zu stellen von dem Erdboden vertilget zu werden, wenn eine
dieser Inseln etwa das Schicksal eines völligen Unterganges durch ein
Erdbeben betreffen solte, daß sie auf einer andern weit davon entlegenen
jederzeit eine Pflanzschule beyder Gewächse unterhalten. Peru und [Chili](#en46519)
welche der Linie nahe liegen sind [mit] diesem Uebel häufiger wie irgend ein
Land in der Welt beunruhiget. In dem ersten Lande geht fast kein Tag vorbey,
da nicht einige leichte Stösse von Erdbeben verspühret werden. Man darf sich
nicht einbilden, dieses sey als eine Folge der weit grössern Sonnenhitze
welche auf das Erdreich dieser Länder wirkt anzusehen. In einem Keller der
kaum 40 [Fuß](#en43331) Tiefe hat ist
fast gar kein Unterschied zwischen Sommer und Winter zu spühren. So wenig
ist die Sonnenwärme vermögend das Erdreich in grossen Tiefen zu
durchdringen, um den entzündbaren Stoff zu [locken] und in Bewegung zu setzen. Vielmehr
richten sich die Erdbeben nach der Beschaffenheit der unterirrdischen
Grüffte und diese nach demjenigen Gesetze, nach welchem die Einsinkungen der
obersten Erdrinde im Anfange müssen geschehen seyn, und die, je näher zur Linie, desto tiefere und
mannigfaltigere Einbeugungen gemacht haben, wodurch diese
Minen, die den Zunder zu den Erdbeben enthalten, weitläuftiger und dadurch
zu der Entzündung deßelben geschickter geworden.
Diese
Vorbereitung von den unterirrdischen Gängen ist zur Einsicht dessen, was von
der weiten Ausbreitung der Erdbeben in grosse Länder, von dem Striche den
sie halten, von den Orten wo sie am meisten wüten und von denjenigen wo sie
sich zuerst anheben in der Folge vorkommen wird von keiner geringen
Erheblichkeit.
Ich fange nunmehro von der Geschichte des
letztern Erdbebens selber an. Ich verstehe unter derselben keine Geschichte
der Unglücksfälle die die Menschen dadurch erlitten haben, kein Verzeichnis
der verheerten Städte und unter ihrem Schutt begrabenen Einwohner. Alles was
die Einbildungskraft sich Schreckliches vorstellen kan, muß man zusammen
nehmen, um das Entsetzen sich einigermaassen vorzubilden darinn sich die
Menschen befinden müssen, wenn die Erde unter ihren Füßen bewegt wird, wenn
alles um sie her einstürzt, wenn ein in seinem Grunde bewegtes Wasser das
Unglück durch Ueberströhmungen vollkommen macht, wenn die Furcht des Todes,
die Verzweifelung wegen des völligen Verlusts aller Güter, endlich der
Anblick anderer Elenden den standhaftesten Muth [niederschlagen]. Eine solche
Erzehlung würde rührend seyn, sie würde weil sie eine Wirkung auf das Herz
hat, vielleicht auch eine auf die Besserung deßelben haben können. Allein
ich überlasse diese Geschichte geschickteren Händen. Ich beschreibe hier nur
die Arbeit der Natur, die merkwürdigen natürlichen Umstände die die
schreckliche Begebenheit begleitet haben und die Ursachen
derselben.
Von den
Vorboten des letzteren Erdbebens.
Das Vorspiel der
unterirrdischen Entzündung, welche in der Folge so entsetzlich geworden ist,
setze ich in der Lufterscheinung, die zu Locarno in der
Schweiz den 14ten October vorigen Jahres Morgens um 8 Uhr wargenommen
worden. Ein warmer als aus einem Ofen kommender Dampf breitete sich aus und
verwandelte sich in 2 Stunden [in
einen] rothen Nebel, daraus gegen Abend ein blutrother Regen
entstand, welcher nachdem er aufgefangen war ⅑ eines röthlichen leimigten Bodensatzes fallen ließ. Der 6
Fuß hohe Schnee war ebenfalls roth gefärbt. Dieser Purpurregen ward 40 [Stunden](#en43435), das ist ohngefehr
20 deutsche Meilen ins Gevierte, ja selbst bis in Schwaben wahrgenommen. Auf
diese Lufterscheinung folgten unnatürliche Regengüsse, die in 3 Tagen auf 23 [Zoll](#en43501) hoch Wasser gaben, das ist, mehr als in
einem Lande von mittelmäßig feuchter Beschaffenheit das ganze Jahr hindurch
herabfället. Dieser Regen dauerte über 14 Tage, obgleich nicht jederzeit mit
gleicher Heftigkeit. Die Flüsse in der Lombardey, die in den
Schweitzergebürgen ihren Ursprung nehmen, imgleichen die [Rohne] schwollen von Wasser auf und traten über
ihre Ufer. Von dieser Zeit an herrschten fürchterliche Orkane in der Luft,
welche überall grausam wüteten. Noch in der Mitte des Novembers fiel in Ulm
ein dergleichen Purpurregen und die Unordnung in dem Luftkreise, die
Wirbelwinde in Italien, die überaus nasse Witterung dauerten fort.
Wenn man sich einen Begriff von den Ursachen dieser
Erscheinung und deren Folgen machen will, so muß man auf die Beschaffenheit
des Bodens über dem sie sich zugetragen hat Acht haben. Die Schweitzerische
Gebirge begreifen insgesamt weitläuftige Klüfte unter sich, die ohne Zweifel
mit den tiefsten unterirrdischen Gängen im Zusammenhange stehen. [
Scheuchzer zehlet
beynahe 20 Schlünde](#en43516) welche zu gewissen Zeiten Winde ausblasen.
Wenn wir nun annehmen, daß die in dem innern dieser Hölen verborgene
mineralische Materien mit denen Flüßigkeiten womit sie aufbrausen in
Vermischung und dadurch in eine innere Gährung gerathen sind, die die
feuernährende Materien zu derjenigen Entzündung
vorbereiten konte, welche binnen einigen Tagen völlig ausbrechen [solte. Wenn] wir
z. E. diejenige Säure, die in dem Salpetergeiste steckt,
und die nothwendig die Natur selber zubereitet, uns vorstellen, wie sie
entweder durch den Zufluß des Wassers, oder [andere] Ursachen in Bewegung gebracht, die
Eisenerde worauf sie fiel angriff, so werden diese Materien bey ihrer
Vermengung sich erhitzet und rothe warme Dämpfe aus den Klüften der Gebirge
ausgestossen haben, womit in der Heftigkeit der Aufwallung die Partickeln
der rothen Eisenerde zugleich vermenget und fortgeführet worden, welches den
leimigten Blutregen davon wir Erwehnung gethan haben veranlaßt hat. Die
Natur solcher Dünste gehet dahin die Ausspannungskraft der Luft zu verringern
und eben dadurch die in derselben hängende Wasserdünste zusammen fließend zu
machen, imgleichen durch das Herbeyziehen aller rund umher in dem Luftkreise
schwebenden feuchten Wolken vermöge des natürlichen Abhanges nach der Gegend
wo die Höhe der Luftsäule verringert worden, diejenige heftige und
anhaltende Platzregen zu verursachen, welche in den genannten Gegenden
wahrgenommen worden.
Auf solche
Weise kündigte die unterirrdische Gährung das Unglück, das sie im verborgenen zubereitete, durch
ausgestossene Dämpfe zum voraus an.
Acht Tage vor der Erschütterung war die Erde bey Cadix
mit einer Menge von aus der Erde gekrochenem Gewürme bedeckt. Diese
hatte [die nur] angeführte
Ursache hervorgetrieben. Bey einigen andern Erdbeben sind heftige
Blitze in der Luft und die Bangigkeit die man bey Thieren vermerkt
Vorboten gewesen.
Die Vollendung des Schicksaals folgte ihr mit langsamen Schritten
nach. Eine Gährung schlägt nicht sogleich in Entzündungen aus. Die gährende
und [erhitzte] Materien müßen ein brennbares Oel, Schwefel, [Erdpech](#en43605), oder dergleichen
etwas antreffen um in Entzündung zu gerathen. So lange [breitete] sich die Erhitzung hin und wieder in den
unterirrdischen Gängen aus, und in dem Augenblicke da die aufgelöseten
brennbaren Materien in
der Mischung mit den andern bis auf den Punkt in Feuer zu gerathen erhitzt
waren, wurden die Gewölber der Erde erschüttert und der Schluß der
Verhängnisse war vollführet.
Das Erdbeben und die Wasserbewegungvom
1. November 1755.
Der Augenblick [indem] dieser Schlag geschahe, scheinet am
richtigsten auf 9 Uhr 50 Minuten Vormittags zu Lissabon bestimmt zu [seyn, diese] Zeit stimmt genau mit derjenigen
da es in Madrit wargenommen worden, nemlich 10 Uhr 17
bis 18 [Minuten], wenn man den Unterschied der Länge beyder Städte in den
Unterschied der Zeit verwandelt. Zu derselben Zeit wurden die Gewässer in
einem erstaunlichen Umfange, so wohl diejenige die mit dem Weltmeere eine
sichtbare Gemeinschaft haben, als [auch welche] darinn auf eine verborgene Art
stehen mögen in Erschütterung gesetzt. Von [Abo](#en46811) in Finnland an bis in den
Archipelagus von Westindien sind wenig oder gar keine Küsten davon frey
geblieben. Sie hat eine Strecke von [1500 Meilen](#en46813) fast in eben derselben Zeit
beherrschet. Wenn man versichert wäre, daß die Zeit darinn sie zu Glückstadt an der Elbe verspührt worden, nach den
öffentlichen Nachrichten gantz genau auf 11 Uhr 30 Minuten zu setzen wäre,
so würde man daraus schließen, daß die Wasserbewegung 15 Minuten zugebracht
habe, von Lissabon bis an die Holsteinischen Küsten zu gelangen. In eben
dieser Zeit wurde sie auch an allen Küsten des Mittelländischen Meeres
verspühret, und man weiß noch nicht die ganze Weite ihrer Erstreckung.
Die Gewässer, die auf dem festen Lande von aller Gemeinschaft
mit dem Meere scheinen abgeschnitten zu seyn, die Brunnqvellen, die Seen,
wurden in vielen weit von
einander entlegenen Ländern zu gleicher Zeit in außerordentliche Regung
versetzt. Die meisten Seen in der Schweitz, der See
bey Templin in der Mark, einige Seen in Norwegen und Schweden,
geriethen in wallende
Bewegung, die weit ungestühmer und unordentlicher war als bey einem Sturme,
und die Luft war zugleich stille. Der [See bey ](#en46828)Neuschatel, wenn man sich auf die Nachrichten verlassen darf,
verlief sich in verborgene Klüfte, und der bey
[Meinungen]
that dieses gleichfals, kam aber bald wiederum zurück. In eben diesen
Minuten blieb das mineralische Wasser zu [Töplitz in Böhmen](#en46831) plötzlich aus,
und kam bluthroth wieder. Die Gewalt womit das Wasser hindurch getrieben
war, hatte seine alte Gänge erweitert und es bekam dadurch einen stärkern
Zufluß. Die Einwohner dieser Stadt hatten gut
te Deum laudamus
zu singen, indeßen daß die zu Lissabon ganz andere Thöne anstimmten.
So sind die Zufälle beschaffen, welche das menschliche Geschlecht
betreffen. Die Freude der einen und das Unglück der andern haben oft eine
gemeinschaftliche Ursache. Im [Königreich Fez in Afrika](#en46838) spaltete eine
unterirrdische Gewalt einen Berg und goß blutrothe Ströhme aus seinem
Schlunde. Bey [Angouleme in Frankreich hörete man ein unterirrdisches Getöse,
es öfnete sich eine tiefe Gruft auf der Ebene und hielt unergründliches
Wasser in sich. Zu Gemenox](#en46902) in Provence wurde eine Qvelle plötzlich
schlammicht und ergoß sich darauf roth gefärbt. Die umliegende Gegenden
berichteten gleiche Veränderungen an ihren Qvellen. Alles dieses geschahe in
denselben Minuten da das Erdbeben die Küsten von Portugall verheerete. Es
wurden auch hin und wieder in eben diesem kurzen Zeitpunkte einige
Erderschütterungen in weit entlegenen Ländern wahrgenommen. Allein sie
geschahen fast alle dicht an der Seeküste. Zu [Korck in Irrland](#en46910), imgleichen
zu Glückstadt und an einigen andern Orten die am Meere liegen, geschahen
leichte Bebungen. [Mayland](#en46912) ist vielleicht derjenige Ort der noch in der
weitesten Entfernung von dem Seeufer an eben demselben Tage erschüttert
worden. Eben diesen Vormittag um 8 Uhr tobte der Vesuvius bey Neapolis und
ward stille gegen die Zeit da die Erschütterung zu Portugall
geschahe.
Betrachtung über die
Ursache dieser
Wasserbewegung.
Die Geschichte hat kein Exempel von einer so weit
ausgebreiteten und in dem Verlauf von wenigen Minuten zugleich gespührten
Rüttelung aller Gewässer und eines grossen Theils der Erde. Man hat daher Behutsamkeit nöthig, um aus einem einzigen Vorfall die Ursache derselben
abzunehmen. Man kan sich vornehmlich folgende Ursachen gedenken, welche die
angeführte Naturbegebenheit hätten hervorbringen [können. Entweder] erstlich durch eine Bebung des
Meergrundes allenthalben unmittelbar unter denjenigen Oertern wo die See in
Rüttelung gerieth, und alsdenn müste man Grund angeben, [woher] die Feuerader die diese Bebungen hervor
brachte bloß unter dem Boden der Seen fortgelaufen sey, ohne unter die
Länder sich zu erstrecken, die mit diesen Meeren in naher Verbindung stehen
und oft die Gemeinschaft derselben unterbrechen. Man würde sich durch die
Frage betreten finden, woher die Erschütterung des Bodens, da sie von
Glückstadt an der Nordsee bis zu Lübeck an der Ostsee, und an den
mecklenburgischen Küsten sich ausgebreitet hat, nicht in Holstein empfunden
worden, welches zwischen diesen Meeren mitten inne liegt und woselbst nur
etwa eine gelinde Bebung dicht an dem Ufer des Gewässers verspührt worden,
keine aber in dem innern des Landes. Am deutlichsten aber wird man durch die
Wallung der weit von dem Meer entlegenen Waßer überführt, als des [Sees bey
Templin](#en47001), derer in der Schweitz und anderer. Man kan leicht erachten daß, um
ein Gewässer durch die Bebung des Bodens in ein so gewaltiges Aufwallen zu
bringen, die Erschütterung gewiß nicht gering seyn müße. Warum aber haben
diesen gewaltigen Stoß alle umliegende Länder nicht empfunden, unter welchen
die Feuerader doch nothwendig [muste] fortgelaufen [seyn]? Man siehet leicht, daß alle Merkmale der
Warheit dieser Meinung entgegen seyn. Eine Erschütterung die der dichten
Masse der Erde selber durch einen an einem Orte geschehenen
heftigen Schlag rund umher eingedrückt worden, so wie der Boden in einiger
Entfernung bebt, wenn ein Pulverthurm springt, verliehrt in der Anwendung
auf diesen Fall auch ganz und gar die Warscheinlichkeit, sowohl aus der
[schon] angeführten Ursache, als wegen des entsetzlichen Umfanges, welcher
wenn man ihn mit dem Umfange der ganzen Erde vergleicht einen so
beträchtlichen Theil derselben ausmacht, daß deßen Bebung nothwendig eine
Schüttelung der ganzen Erdkugel hätte nach sich ziehen müssen. Nun kan man
sich aber aus [dem]
[
Büffon](#en43832)
belehren, daß ein Ausbruch des unterirrdischen Feuers, welches ein
Gebirge das 1700 Meilen lang und 40 breit wäre eine Meile hoch werfen könte,
den Erdkörper nicht einen Daumen breit aus seiner Lage würde verrücken
können.
Wir werden also die Ausbreitung dieser Waßerbewegung in einer
Mittelmaterie zu suchen haben,
die geschickter ist eine Erschütterung in grossen Weiten mitzutheilen,
nemlich in dem Gewäßer der Meere selber, welches mit demjenigen im
Zusammenhange steht das durch eine unmittelbare Bebung des Seegrundes in
eine heftige und plötzliche Rüttelung versetzt worden.
[Ich habe in den wöchentlichen
Königsbergschen Anzeigen](#en43906) die Gewalt zu schätzen gesucht, womit das
Meer durch den Schlag der von seinem Boden geschehenen Bebung in dem ganzen
Umfange fortgetrieben worden, indem ich den erschütterten Platz des
Seegrundes nur als ein Viereck angenommen, dessen Seite der Entfernung von
[Cap St. Vincent und Cap
Finisterre](#en43910), d. i. der Länge der westlichen Küsten von
Portugall und Spanien gleich ist, und die Gewalt des auffahrenden Grundes
wie die von einer Pulvermine angesehen, welche im Aufspringen vermögend ist
die Körper die darüber befindlich sind 15 Fuß hoch zu werfen, und nach den
Regeln nach denen die Bewegung in einem flüßigen Wesen fortgesetzt wird, sie
an den Hollsteinischen Küsten stärker als den schnellsten anprellenden
Strohm befunden. Laßt uns allhier die Gewalt, die es aus diesen Ursachen
ausgeübt hat, noch aus einem andern Gesichtspunkte
betrachten. Der [Graf Marsigli hat die
größte Tiefe des mittelländischen Meers durch das Senkbley über 8000 ](#en43919)[Fuß](#en47041)
befunden, und es ist gewiß, daß das Weltmeer in gehöriger
Entfernung vom Lande noch tiefer sey; wir wollen es aber hier nur 6000 [Fuß
d. i. 1000 Klafter](#en47102) tief annehmen. Wir wißen daß die Last
womit eine so hohe Säule von Meereswaßer auf den Grund der See drückt, den
Druck der Atmosphäre beynahe 200 mal übertreffen müsse, und daß sie die
Gewalt womit das Feuer hinter einer Kugel her ist, die aus der Hölung einer
[Carthaune](#en47106a) in der Zeit eines Pulsschlages
100 [Klafter](#en47606b) weit fortgeschleudert
wird, noch weit übertreffe. Diese erstaunliche Last konte die Gewalt nicht
zurücke halten, womit das unterirrdische Feuer den Meeresgrund schnell in
die Höhe stieß, also war diese bewegende Gewalt grösser. Mit welchem Drucke
wurde also das Waßer gepreßet um nach den Seiten plötzlich fortzuschießen, und ist es wohl
zu verwundern wenn es in einigen Minuten in Finnland und zugleich in
Westindien gespühret [worden.] Man
kan gar nicht ausmachen wie groß die Grundfläche der unmittelbaren
Erschütterung eigentlich gewesen seyn möge; sie wird vielleicht ungleich
größer seyn als wir sie angenommen haben; aber unter den Meeren wo die
Waßerbewegung ohne alles Erdbeben verspühret worden, an den Holländischen,
Englischen, Norwegischen Küsten, und in der Ostsee ist sie gewiß nicht im Meeresgrunde anzutreffen
gewesen. Denn alsdenn wäre das feste Land in seinem Innern gewiß mit
erschüttert worden, welches aber gar nicht beobachtet worden.
Indem ich die heftige Erschütterung aller zusammenhängenden
Theile des Oceans dem einzigen Stoße zuschreibe den sein Boden in einem
gewissen Bezirke erlitten hat, so will ich darum die wirkliche Ausbreitung
des unterirrdischen Feuers, unter dem festen Lande fast des gesamten
Europens nicht geläugnet haben. Sie sind aller Warscheinlichkeit nach zu
gleicher Zeit geschehen und haben an den Erscheinungen die sich eräugneten
beyde Antheil gehabt, nur
daß eine jede ins besondere nicht [vor] die einzige Ursache aller insgesammt anzusehen ist. Die
Bebung des Waßers in der Nordsee, welche einen plötzlichen Stoß empfinden
ließ, war nicht die Wirkung eines unter dem Grunde tobenden Erdbebens.
Solche Erschütterungen müßten, um dergleichen Wirkung hervorzubringen, sehr
heftig seyn und hätten also unter dem festen Lande sehr merklich müssen
verspührt werden. Allein darum bin ich nicht in Abrede, daß selbst alles
feste Land in eine leichte [Schwänkung], durch eine schwache Kraft der unter seinem Boden
entbrannten Dünste oder anderer Ursachen sey versetzt worden. Man sieht
dieses an [Meyland](#en47136), das an diesem Tage mit der größten Gefahr eines
gänzlichen Umsturzes bedrohet worden. Wir wollen also setzen, daß die Erde
durch ein leichtes Schwanken in eine gelinde Bewegung gesetzt worden, die so
groß gewesen, daß sie auf 100 [
Rheinl. Ruthen](#en44022), das Erdreich um einen Zoll
wechselsweise hin und her [gewackelt] hat: So wird diese Bewegung so unmerklich gewesen seyn,
daß ein Gebäude von 4 [Ruthen](#en47201) Höhe nicht um die
[Helfte eines Grans](#en47202)
d. i. um einen halben Meßerrücken aus der senkrechten
Stellung dadurch hat gebracht werden können, welches selbst auf den höchsten
Thürmen kaum merklich werden würde. Dagegen [werden] die Seen diese unempfindliche Bewegung sehr
merklich [haben] machen müßen. Denn wenn ein See, z. E.
nur 2 [deutsche Meilen](#en47206) lang ist, so wird sein Waßer durch dieses geringe
Wanken seines Bodens schon in eine
recht starke Schauckelung versetzt werden; denn das Waßer hat
alsdenn auf 14000 [Zoll](#en47209), ohngefehr [ein] Zoll Fall und einen Ablauf, der fast nur um die Helfte
kleiner ist, als der Ablauf eines recht schnellen Flußes, wie die
Waßerabwägung der Seine bey Paris uns belehren kan,
welches nach etlichen hin und wieder geschehenen Schwingungen, dem Waßer
wohl eine außerordentliche Rüttelung hat verursachen können. Wir können aber
die Erdbewegung mit gutem Fug noch einmal so groß annehmen als wirs gethan haben, ohne daß es auf dem festen
Lande füglich hätte gespührt werden können, und denn fällt die Bewegung der inländischen Seen
um desto begreiflicher in die Augen.
Man wird sich also nicht mehr wundern, wenn alle inländische
Seen in der Schweitz, in Schweden, in Norwegen und in Deutschland, ohne eine
Erschütterung des Bodens zu fühlen, so unruhig und aufwallend erblicket
worden. Man findet es aber etwas außerordentlicher, daß gewisse Seen bey
dieser Unordnung gar [versieget seyn], als der
[See bey Neuschatel, der bey
Como, und der bey ](#en47222)[Meinungen],
obgleich deren einige sich schon wieder mit Waßer angefüllet haben. Diese
Begebenheit aber ist nicht ohne Exempel. Man hat einige Seen auf dem
Erdboden die ganz ordentlich sich zu gewissen Zeiten, durch verborgene
Canäle verlaufen, und zur gesetzten Zeit wiederkommen. Der [Cirnitzer] See im Herzogthum Crain
ist ein merkwürdiges Beyspiel hievon. Er hat in seinem Boden einige Löcher,
durch welche er aber nicht eher abfließt als [um Jacobi](#en47229), da er sich denn mit
allen Fischen plötzlich verläuft, und nachdem er 3 Monathe lang seinen Boden
als einen guten Weide und Ackerplatz trocken gelassen, gegen den
Novembermonat sich plötzlich wieder einfindet. Man erklärt diese
Naturbegebenheit sehr begreiflich durch die Vergleichung [mit dem Diabetes der
Hydraulick](#en44119). Allein in unsern [vorhabenden] Fällen kann man leicht erachten, daß, da viele Seen
durch unter ihrem Boden befindliche Qvelladern Zufluß bekommen, [und] diese, die in den umliegenden
Anhöhen ihren Ursprung finden, nachdem die Wirkung der unterirrdischen
Erhitzung und Ausdämpfung in den Hölungen, welche ihre Waßerhälter [seyn], die
Luft verschlungen, in dieselbe dadurch [müssen] zurückgezogen
worden [seyn], und
selbst ein kräftiges Saugwerk abgegeben haben, den See mit hineinzuführen
der, nach hergestelltem Gleichgewichte der Luft, seinen natürlichen Ausgang
wieder gesucht. Denn daß ein Landsee wie die öffentliche Berichte von dem zu
[Meinungen] haben erklären
wollen, durch die unterirrdische Gemeinschaft mit dem Meere unterhalten werde, weil er keinen
äußerlichen Zufluß von Bächen hat, ist sowohl wegen der [dawieder] streitenden Gesetze des Gleichgewichts,
als auch wegen der Saltzigkeit des Meerwaßers, einer gar zu offenbahren
Ungereimtheit ausgesetzt.
Die Erdbeben haben das
schon als etwas gewöhnliches an sich, daß sie die Waßerqvellen in
Unordnung bringen. Ich könnte hier ein ganz Register von verstopften und an
andern Orten ausgebrochenen Qvellen, von recht hoch aus der Erde
herausgeschossenem Springwaßer und dergleichen, aus der Geschichte anderer
Erdbeben, anführen, allein ich bleibe bey meinem Gegenstande. Aus Frankreich
hat man uns an einigen Orten berichtet, daß Qvellen verstopfet worden, und
andere übermäßig viel Waßer gegeben haben. Der [Töplitzer Brunn](#en47317) blieb aus,
machte den armen Töplitzern bange, kam zuerst schlammigt, denn blutroth,
zuletzt natürlich und stärker als vorher wieder. Die Verfärbung der Wasser
in so vielen Gegenden, selbst im [Königreiche Fetz](#en47320), und in Frankreich ist
meinem Erachten nach, der Vermischung, der durch die Erdschichten, wo die
Qvellen ihren Durchgang haben, gedrungenen, mit Schwefel und Eisentheilchen
in Gährung gerathenen Dämpfe zuzuschreiben. Wenn diese bis in das inwendige
der Cisternen dringen, die den Ursprung des Brunnqvells enthalten, so
treiben sie entweder ihn mit größerer Gewalt heraus, oder indem sie das
Waßer in andere Gänge preßen, so verändern sie seinen Ausfluß.
Dieses sind die vornehmste Merkwürdigkeiten der Geschichte vom
1sten Nov. und der Waßerbewegung die die seltenste von ihren
Umständen ist. Es ist mir überaus glaublich, daß die Erderschütterungen die
sich deicht am Meeresufer, oder eines Waßers das damit Gemeinschaft hat,
zugetragen haben, zu Cork in Irrland, in Glückstadt, und hin und wieder in
Spanien, größten theils eben dem Drucke des gepreßten Meerwaßers
zuzuschreiben sind, dessen Gewalt unglaublich groß seyn muß, wenn man die
Heftigkeit womit es anschläget durch die Fläche
multipliciret, worauf es [trift, und] ich bin der Meinung, das Unglück von
Lissabon sey, so wie das von den meisten Städten der westlichen Küste
Europens, der Lage zuzuschreiben, die es in Ansehung der
[beregten] Gegend des
Oceans gehabt hat, da dessen ganze Gewalt noch überdem in der Mündung des
[Tagus](#en47338), durch die Enge eines Busens verstärkt, den Boden außerordentlich hat
erschüttern müssen. Man mag urtheilen, ob die Erderschütterung lediglich in
Städten die am Meeresufer liegen, würde deutlich haben [vermerkt] werden können, die doch in dem innern
des Landes nicht empfindlich war, wenn nicht der Druck der Waßer einen
Antheil an derselben gehabt hätte.
Noch ist die letzte Erscheinung dieser großen Begebenheit
merkwürdig, da eine geraume Zeit, nemlich beynahe 1 bis 1½ Stunden nach dem Erdbeben, eine entsetzliche
Aufthürmung der Waßer im Ocean, und eine Aufschwellung des Tagus, die
wechselsweise 6 Fuß höher als die höchste Fluth stieg, und bald darauf fast
so viel niedriger als die niedrigste Ebbe fiel, gesehen wurde. Diese
Bewegung des Meeres die eine geraume Zeit nach dem Erdbeben, und nach dem ersten entsetzlichen Drucke
der Waßer sich eräugnete, vollendete auch das Verderben der Stadt
Setuval, indem es über deren Trümmer sich erhob, und was die Erschütterung
verschonet hatte, völlig aufrieb. Wenn man sich vorhero von der Heftigkeit,
des durch den bewegten Meeresgrund fortgeschoßenen Seewaßers, einen rechten
Begriff gemacht hat, so wird man sich leicht vorstellen können, daß es mit
Gewalt wieder zurückkehren müsse, nachdem sich sein Druck in alle die
unermeßliche Gegenden umher ausgebreitet hatte. Die Zeit seiner Wiederkehr
hänget von dem weiten Umfange ab, in welchem es um sich her gewirkt hat, und
seine Aufwallung vornemlich an den Ufern, muß nach Maasgebung derselben,
auch eben so fürchterlich gewesen seyn
In dem Hafen zu Husum war diese Aufwallung des Waßers
auch zwischen 12 und 1 also um eine Stunde später als der erste Stoß
der Gewäßer in der Nordsee wargenommen.
.
Das Erdbeben vom 18ten
Novembr.
Von dem 17ten bis zum 18ten eben dieses Monats, berichteten die
öffentliche Nachrichten, eine nahmhafte Erderschütterung, an den Küsten
sowohl von Portugal als Spanien und in Afrika. Den 17ten des Mittags war sie
in Gibraltar an der Meerenge des Mittelländischen Meeres, und gegen Abend zu
Whitehaven in [Yorkshirn] in
England zu spühren. Den 17ten auf den 18ten war sie schon in den englischen
Pflanzstädten von Amerika. Denselben 18ten wurde es auch in der Gegend von
[Aqvapendente, und della Grotta](#en47429) in Italien heftig gefühlet.
Imgleichen zu [Glowson in der Grafschaft ](#en47435)[Hertford] wo es [bey einen] heftigen
Getöse einen Abgrund eröfnete, welcher ein sehr tiefes Waßer in sich
enthielte.
Das Erdbeben vom 9ten Decembr.
Nach dem Zeugniße der öffentlichen Nachrichten, hat Lissabon
keine so heftige Anfälle der Erschütterung seit dem 1ten Nov. erlitten, als
diejenige vom 9ten Decembr. Es wurde dieses an den südlichen Küsten von
Spanien, an selbigen von Frankreich, durch die Schweitzergebirge, Schwaben,
Tyrol bis in Bäyern verspühret. Es durchstrich von Südwesten nach Nordosten,
gegen 300 [deutsche Meilen](#en47507), und indem es sich in der Richtung derjenigen
Kette von Bergen hielt, die die oberste Höhe des festen Landes von Europa seiner Länge nach durchlaufen,
breitete es sich nicht sehr seitwerts aus. Die sorgfältigsten
Erdbeschreiber,
[Varen](#en44402)
, [Büffon](#en47510),
[Lulof](#en44402a)
bemerken, daß, gleich wie alles Land, welches mehr in die Länge
als Breite sich erstreckt, in der Richtung seiner Länge von einem
Hauptgebirge durchlaufen wird, also der vornehmste Strich der Gebirge
Europens aus einem Hauptstamme, nemlich den Alpen gegen Westen, durch die
südliche Provinzen von Frankreich mitten durch Spanien, bis an das äußerste
Ufer von Europa gegen Abend sich erstrecke, obgleich es unterwegens
ansehnliche Nebenäste
ausschießet, und eben so ostwerts, durch die tyrolische und andere weniger
ansehnliche Berge, zuletzt mit den Carpatischen zusammen stößt.
Diese Richtung durchlief das Erdbeben in demselben Tage. Wenn
die Zeit der Erschütterung eines jeden Orts richtig aufgezeichnet wäre, so
würde man die Schnelligkeit einigermaaßen schätzen, und die Gegend der
ersten Entzündung warscheinlich bestimmen können, nun sind aber die
Nachrichten so wenig zusammenstimmend, [daß in Ansehung dessen auf nichts sich zu verlassen ist.]
Ich habe schon sonsten angeführt, daß die Erdbeben gemeiniglich
wenn sie sich ausbreiten, den Strich der höchsten Gebirge halten, und zwar
durch ihre ganze Erstreckung, ob diese sich gleich, je mehr sie sich dem
Meeresufer näheren desto mehr erniedrigen. Die Richtung langer Flüße
bezeichnet sehr gut die Richtung der Gebirge, als zwischen deren neben
einander laufenden Reihen dieselbe, als in dem untersten Theile eines langen
Thales fortlaufen. Dieses Gesetz der Ausbreitung der Erdbeben ist keine
Sache der Speculation oder Beurtheilung, sondern etwas das durch
Beobachtungen vieler Erdbeben ist bekannt worden. Man muß sich desfalls an
die Zeugnisse des
[Raj](#en44427)
, Buffon, Gentil
u. s. w. halten. Allein dieses Gesetze hat soviel innere
Wahrscheinlichkeit, daß es auch von sich selber sich leichtlich Beyfall
erwerben muß. Wenn man bedenkt, daß die Oeffnungen dadurch das
unterirrdische Feuer Ausgang sucht, nirgend anders als in den Gipfeln der
Berge sind, daß man niemals in den Ebenen feuerspeiende Schlünde
wahrgenommen, daß in Ländern wo die Erdbeben gewaltig und häufig [seyn], die mehresten Berge weite
Rachen enthalten die zum Auswurfe des Feuers dienen und daß, was unsere
Europäische Berge betrifft, man sonst nirgends als in ihnen geraumige
Hölungen entdeckt, die ohne Zweifel in einem Zusammenhange stehen, wenn man
hiezu noch den Begriff von der Erzeugung aller dieser unterirrdischen
Wölbungen anwendet, von der oben geredet worden, so wird man keine Schwierigkeit in der
Vorstellung finden, wie die Entzündung vornemlich unter der Kette [an] Bergen, die die Länge von
Europa durchlaufen, offene und freye Gänge antreffen könne, um darinn sich
schneller als nach andern Gegenden auszubreiten.
Selbst die Fortsetzung des Erdbebens vom 18ten
Nov. aus Europa nach Amerika unter dem Boden eines weiten
Meeres, ist in dem Zusammenhange der Kette von Bergen zu suchen, die ob sie
gleich in der Fortsetzung so niedrig werden, daß sie von dem Meere bedeckt
sind, dennoch auch daselbst Berge [bleiben, denn] wir wissen daß auf dem
Boden des Oceans eben so wohl Gebirge als auf dem Lande anzutreffen [seyn]; und in dieser Art müssen
die Azorischen Inseln mit in diesen Zusammenhang gesetzt werden, die auf dem
halben Wege zwischen Portugall und Nordamerika angetroffen werden.
Das Erdbeben vom 26ten Decembr.
Nachdem die Erhitzung der mineralischen Materien den Hauptstamm
der höchsten Gebirge von Europa, nemlich die Alpen durchdrungen [war], so
öfnete sie sich auch die engere [Gänge] unter der Reihe der Berge, welche von Süden nach Norden
rechtwinklicht auslaufen, und erstreckte sich in der Richtung des
Rheinstroms, welcher, wie überhaupt alle Flüße, ein langes Thal zwischen
zwey Reihen von Bergen einnimmt, aus der Schweitz bis an die Nordsee. Es
erschütterte auf der Westseite des Flußes die Landschaften Elsaß,
Lothringen, das Churfürstenthum Cöln, [Brabant, und die Picardie und an der
Ostseite Cleve](#en47629), einen Theil von Westphalen und vermuthlich noch einige an
dieser Seite des Rheins belegene Länder, wovon die Nachrichten nichts
nahmentlich gemeldet haben. Es hielt offenbar den Strich mit der Richtung
dieses großen Flußes Parallel und breitete sich nicht weit davon zu den
Seiten aus.
Man wird fragen wie man
es mit dem obigen zusammenreimen [kan], daß es bis in die Niederlande
gedrungen, welche doch ohne sonderliche Berge [seyn]. Allein es ist genug, daß ein Land in einem
unmittelbaren Zusammenhange mit gewissen Reihen von Bergen stehe, und als
eine Fortsetzung davon anzusehen sey, um die unterirrdische Entzündung bis
unter diesem sonst niedrigen Boden [fortzusetzen, denn] es ist gewiß, daß
alsdenn die Kette der Hölungen sich auch bis unter denselben erstrecken
werde, gleichwie sie wie schon angeführt, selbst unter dem Meeresgrunde
fortgehet.
Von den Zwischenzeiten die binnen
einigen auf
einander folgenden Erdbeben verlaufen.
Wenn man die Folge der nach einander vorgegangenen
Erschütterungen mit Aufmerksamkeit betrachtet, so könte man, wenn man es
wagen wolte zu muthmassen, einen Periodus herausbringen, in welchem die
Entzündung nach einem Zwischenstillstande aufs neue ausgebrochen ist. Wir
finden nach dem 1sten Novembr. noch eine sehr heftige
Erschütterung in Portugall auf den 9ten, imgleichen auf den 18ten da sie
sich nach England, Italien, Afrika und selbst bis in Amerika [erstreckte. Den] 27ten ein starkes
Erdbeben an den südlichen Küsten von Spanien vornemlich in Malaga. Von
dieser Zeit an dauerte es 13 Tage, bis es den 9ten Dec. die
ganze Strecke von Portugall bis in Bayern von Südwesten nach Nordosten [traf, und] seit diesem nach einem
Verlauf von 18 Tagen, nemlich den 26ten auf den 27ten Decembr.
erschütterte es die Breite von Europa von Süden nach Norden
Den 21ten war es in Lissabon sehr heftig, den 23ten in
den Gebirgen von [Roußillon](#en47730) und dauerte daselbst bis zum 27ten. Es
ist hieraus zu sehen, daß es wiederum von Südwesten angefangen und
[zwar] eine weit längere Zeit zur Ausbreitung bedurft hat. Und wenn
man den Entzündungsplatz, wie [aus den] ganzen Verlauf des Erdbebens klar ist, in den
Ocean von Portugall gegen Abend setzt, so hängt der Anfang desselben
mit dem berührten Periodus ziemlich zusammen.
, so daß überhaupt ein ziemlich richtiger Zeitlauf
von 9, oder 2mal 9 Tagen, zwischen den wiederholten Entzündungen verlaufen
ist, wenn man diejenige Zeit ausnimmt die es angewandt hat, bis in das
innerste der Gebirge unseres festen Landes zu dringen, und den 9ten Decembr.
die Alpen und die ganze Kette ihrer Verlängerung zu bewegen. Ich führe
dieses nicht zu dem Ende an, um etwas daraus zu folgern, weil die
Nachrichten dazu gar zu wenig zuverläßig sind, sondern um bey ähnlichen
Vorfällen Anlaß zur genauern Beobachtung und zum Nachsinnen zu geben.
Ich will hier nur überhaupt etwas von den wechselsweise
nachlassenden und wiederum anhebenden Erschütterungen anführen. [Herr
Bouguer, einer von den
Abgeordneten der Königl. Acad. der Wißensch. zu Paris nach Peru](#en47802), hatte die
Unbeqvemlichkeit in diesem Lande neben einem feuerspeyenden Berge sich
aufzuhalten, dessen donnerndes Getöse ihm keine Ruhe ließ. Die Beobachtung
die er hiebey machte konte ihm [davor] einige Genugthuung seyn, indem er bemerkte daß der Berg
immer in gleichen Zwischenzeiten ruhig ward, und das toben desselben
ordentlich mit gewechselten Ruhepunkten auf einander folgte.
[Die Bemerkung, die Mariotte bey einem Kalkofen machte,
welcher eingeheitzet war, und bald die Luft aus einem offenen Fenster
ausstieß, bald darauf wieder zurück zog, wodurch er der Respiration der
Thiere gewissermaaßen nachahmete](#en44701), hat hiemit große Aehnlichkeit,
beyde beruhen auf folgenden Ursachen. Wenn das unterirrdische Feuer in
Entzündung geräth so stößt es alle Luft aus den Hölen umher von sich. Wo
diese Luft nun, die mit den feurigen Theilen angefüllet ist eine Oefnung
findet, z. E. in dem Rachen eines feuerspeyenden Berges, da
fährt sie alsdenn hinaus und der Berg wirft Feuer aus. Allein so bald die
Luft aus dem Umfange des Heerdes der Entzündung verjagt ist, so läßt die
Entzündung nach, denn ohne Zugang der Luft verlöscht alles Feuer; alsdenn
tritt die verjagte Luft, da die Ursache die sie vertrieben hatte aufhöret,
wieder in ihren Platz
zurück und wecket das erloschene Feuer [auf, auf] solche Weise wechseln die Ausbrüche eines feuerspeyenden
Berges, in gewissen Zwischenzeiten richtig nach einander ab. Eben die
Bewandniß hat es mit den unterirrdischen Entzündungen, auch selbst da wo die
ausgedehnte Luft keinen Ausgang durch die Klüffte der Berge gewinnen kan.
Denn wenn die Entzündung an einem Orte in den Hölen der Erde ihren Anfang
nimmt, so stößt sie die Luft mit Heftigkeit in einem großen Umfange, in alle
die Gänge der unterirrdischen Wölbungen fort, die damit Zusammenhang haben.
In diesem Augenblicke ersticket das Feuer selbst durch den Mangel der Luft.
Und so bald eben diese ausdehnende Gewalt der Luft nachläßt, so kehrt
diejenige die in allen Hölen ausgebreitet war mit großer Gewalt zurück, und
fachet das erloschene Feuer zu einem neuen Erdbeben an. Es ist merkwürdig
daß Vesuvius, welcher, als die Gährungen in dem innern der Erde recht
angingen, durch den Ausgang, der durch seinen Schlund getriebenen Luft in
Bewegung und Feuer gebracht war, eine kurze Zeit darauf plötzlich nachließ,
da das Erdbeben bey Lissabon geschehen war, denn da drang alle mit diesen
Grüften in einigem Zusammenhange stehende Luft, und selbst die so über dem
Gipfel des Vesuvius befindlich ist, durch alle Canäle zu dem Feuerheerde der
Entzündung, wo die Verminderung der Ausspannungskraft der Luft ihr den
Zugang verstattete. Was [vor] ein
erstaunlicher Gegenstand! Einen Camin sich vorzustellen welcher durch
Luftöfnungen die 200 [Meilen](#en48004) davon entlegen [seyn] sich einen Zug [verschaffet.]
Eben dieselbe Ursache ist es auch welche unterirrdische
Sturmwinde in den Grüften der Erde hervorbringen muß, deren Gewalt alles was
wir auf der Oberfläche der Erde
verspühren weit übertreffen wird, wenn die Lage und Verknüpfung der Hölen
sich zu ihrer Ausbreitung anschicket. Das Getöse, das bey dem Fortgange
eines Erdbebens unter den Füßen verspühret worden, ist vermuthlich keiner
andern Ursache als eben dieser zuzuschreiben.
Eben dieses läßt uns
warscheinlich vermuthen, daß eben nicht alle Erdbeben dadurch verursacht
werden, daß die Entzündung gerade unter dem Boden geschiehet welcher
erschüttert wird; sondern daß die Wuth dieser unterirrdischen Stürme das
Gewölbe, welches über ihnen ist in Bewegung setzen könne, woran man desto
weniger zweifeln wird, wenn man bedenket: daß eine viel dichtere Luft als
diejenige ist die sich auf der Oberfläche der Erde befindet, durch weit
plötzlichere Ursachen als diese in Bewegung gesetzt, und zwischen Gängen die
ihre Ausbreitung verhindern, verstärket, eine unerhörte Gewalt ausüben
könne. Es ist also muthmaßlich, daß die gringe Wankung des Bodens in dem
größten Theil von Europa bey der heftigen Entzündung die am 1ten
Nov. in der Erde vorging, vielleicht von nichts als dieser
gewaltsamer Weise bewegten unterirrdischen Luft herzuleiten sey, die als ein
heftiger Sturmwind den Boden der seiner Ausbreitung [wiederstand] gelinde erschütterte.
Von dem Heerde der unterirrdischen Entzündung,
und den Oertern so den meisten und gefährlichsten Erdbeben
unterworfen sind.
Durch die Vergleichung der Zeit ersehen wir, daß der
Entzündungsplatz bey dem Erdbeben vom 1ten Nov. in dem Boden der See
gewesen. Der Tajo der schon vor der Erschütterung aufschwoll, der Schwefel
den Seefahrende mit dem Senkbley aus dem erschütterten Grunde brachten, und
die Heftigkeit der Stöße die sie fühlten, bestätigen es. Die Geschichte
vormaliger Erdbeben giebt es auch deutlich zu erkennen, daß in dem
Meeresgrunde jederzeit die fürchterlichste Erschütterungen vorgefallen sind,
und nechst [diesen] in den Oertern
welche an dem Seeufer oder nicht weit davon entfernet liegen. Zum Beweise
des ersteren führe ich die tobende Wuth an, womit die unterirrdische
Entzündung oft neue Inseln aus dem Boden des Meeres erhoben hat, und
z. E. im Jahr 1720 nahe bey der [Insel St. Michael](#en44832) einer von den Azorischen, aus
einer Tiefe von 60
[Klafter](#en48002), durch den Auswurf der Materie, aus dem Grunde der See eine Insel
auswarf, die 1 [Meile](#en48004) lang und etliche Klafter über dem Meere erhoben war.
Die [Insel bey Santorino](#en48005) im
mittelländischen Meer, die in unserm Jahrhundert vor den Augen vieler
Menschen aus dem Meeresgrunde in die Höhe kam, und viele andere Beyspiele
die ich der Weitläuftigkeit wegen übergehe, sind unverwerfliche Beweise
hievon.
Wie oft erleiden nicht die Schiffer ein Seebeben; und es sind
in einigen Gegenden vornemlich in der Nachbarschaft gewisser Inseln, die
Meere [mit den Bimsteinen] und
anderer Gattung vom Auswurfe, eines durch den Boden des Oceans
ausgebrochenen Feuers genugsam angefüllet. Die Bemerkung der häufigen
Erschütterungen des Seegrundes hängt mit der Frage natürlicher Weise
zusammen; woher unter allen Oertern desfesten Landes keine
heftigern und öfterern Erdbeben unterworfen sind, als [diejenige] die nicht weit vom
Meeresufer [liegen]. Dieser letztere Satz hat eine
unzweifelhafte [Richtigkeit: Laßt]
uns die Geschichte der Erdbeben durchlaufen, so finden wir unendlich viel
Unglücksfälle, die Städten oder Ländern durch Erdbeben [wiederfahren] sind, welche nahe beym Seeufer
liegen, aber sehr wenige und alsdenn von geringer Erheblichkeit, welche in
der Mitte des festen Landes wahrgenommen [worden]. Die alte Geschichte [berichtet uns schon entsetzliche] Verheerungen,
die dieses Unheil an den Meeresküsten von klein Asien oder Afrika verübt
hat. Wir finden aber weder darunter noch unter den neuern beträchtliche
Erschütterungen in der Mitte großer Länder. Italien welches eine Halbinsel
ist, die mehresten Inseln aller Meere, der Theil von Peru der am Meeresufer
liegt, erleiden die gröste Anfälle dieses Uebels. Und noch in unsern Tagen
sind alle westliche und südliche Küsten von Portugall und Spanien weit mehr
erschüttert worden, als das innere des festen Landes. Ich gebe von beyden
Fragen folgende Auflösung.
Unter allen fortgehenden
Hölen die unter der obersten Rinde der Erde begriffen sind, müssen diejenige
ohne Zweifel die engsten seyn die unter dem Meergrunde fortlaufen, weil
daselbst der fortgesetzte Boden des festen Landes in die größte Tiefe
herabgesunken ist, und weit niedriger auf seiner untersten Grundlage ruhen
muß, als die Oerter die gegen die Mitte des Landes hinliegen. Nun ist es
aber bekannt, daß in engen Hölen eine entzündete, sich ausdehnende Materie,
heftiger um sich wirken müße als wo sie sich ausbreiten kan. Ueberdem ist es
natürlich zu glauben, daß, [da] bey der unterirrdischen Erhitzung nicht zu
zweifeln ist, die aufwallende mineralischen und entzündbare Materien werden
sehr öfters in Fluß gerathen seyn, wie
die Schwefelströhme und die Lava, die aus den feuerspeyenden Bergen oft ergoßen worden, es
bezeugen können, und werden daher wegen des natürlichen Abhanges des Bodens,
der unterirrdischen Grüfte nach den niedrigsten Hölen des Meeresgrundes
jederzeit abgefloßen seyn, und also wegen des häufigen Vorraths der
entzündbaren Materie hier häufigere und gewaltigere [Erschütterung] sich zutragen müssen.
[
Hr.
Bouguer muthmaaßet mit
Recht](#en45006), daß das durchdringen des Meerwaßers, durch Eröfnung einiger
Spalten in dem Boden desselben, die zur Erhitzung natürlich geneigte
mineralische Materien, in die heftigste Aufwallung bringen [müsse]. Denn wir
wissen daß nichts das Feuer erhitzter Mineralien in entsetzlichere Wuth
versetzen kan, als der Zufluß des Waßers, welches das toben desselben so
lange vermehrt bis seine sich nach allen Seiten ausbreitende Gewalt, dem
ferneren Zugang deßelben, durch den Auswurf aller irrdischen Materien und
Verstopfung der Oefnung gewehret hat.
Meinem Erachten nach rühret die vorzügliche Heftigkeit, womit
ein am Meeresufer liegender Grund erschüttert wird, zum Theil ganz
natürlicher Weise von dem Gewicht her, womit das Meereswaßer seinen damit
benachbarten Boden belastet. Denn jedermann siehet leichtlich ein, daß die Gewalt, womit das
unterirrdische Feuer dieses Gewölbe, worauf eine so erstaunliche Last ruhet,
zu erheben trachtet, sehr müße zurück gehalten werden, und [in dem] es hier
keinen Raum seiner Ausbreitung vor sich findet, seine ganze Gewalt gegen den
Boden des trockenen Landes kehren müsse welcher damit zunechst verbunden
ist.
Von der Richtung nach welcher der Boden durch
ein Erdbeben erschüttert wird.
Die Richtung nach welcher das Erdbeben sich in weite Länder
ausbreitet, ist von derjenigen unterschieden, nach welcher der Boden
erschüttert wird, an dem es seine Gewalt ausübet. Wenn die oberste Decke der
verborgenen Gruft, darinn die entzündete Materie sich ausdehnet, eine
horizontale Richtung hat, so muß er wechselweise in senkrechter Stellung
gehoben und gesenkt werden, weil nichts ist was die Bewegung mehr nach einer
als nach der andern Seite lenken könnte. Ist aber die Erdlage welche die
Wölbung ausmacht nach einer Seite geneigt, so treibt die erschütternde Kraft
des unterirrdischen Feuers sie auch mit einer schiefen Richtung gegen den
Horizont in die Höhe, und man kan die Richtung abnehmen nach welcher die Wankung des Bodens jederzeit
geschehen muß, wenn diejenige allemal sicher bekannt wäre, nach welcher die
Schichte der Erde abhängt, unter welcher die Feuergruft befindlich ist. Der
Abhang der obersten Fläche des erschütterten Bodens, ist kein sicheres
Merkmal von der schiefen Stellung, die das Gewölbe in seiner ganzen Dicke
[hat; denn] die Erdlagen welche oben aufliegen können mannigfaltige Beugungen
und Hügel machen, nach denen sich die unterste Grundlage gar nicht richtet.
Büffon
ist der Meinung: daß alle verschiedene Schichten die auf der Erden
gefunden werden, einen allgemeinen Grundfels zur Base haben, der alle
beschlossene tiefe Hölungen von oben decket, und dessen einige Theile auf
den Gipfeln hoher Berge gemeiniglich entblößt [seyn], wo Regen und Sturmwinde die lockere Substanz völlig
abgespühlt haben. Diese Meinung bekommt durch das, was die Erdbeben zu
erkennen geben viel Wahrscheinlichkeit. Denn eine dermaaßen wütende Gewalt,
als die Erdbeben ausüben, würde eine andere als felsigte Wölbung durch die
ofters erneuerte Anfälle längst zertrümmert und aufgerieben haben.
Der Abhang dieser Wölbung ist an dem Meeresufer ohne Zweifel
nach dem Meere hin geneigt, und also nach derjenigen Richtung abschießig,
nach welcher das Meer [dem Orte]
liegt. An dem Ufer eines großen Flußes muß sie in der Richtung abschüßig
seyn wohin der Ablauf des Strohmes [gehet; denn] wenn man die sehr lange und
öfters einige hundert Meilen übertreffende Strecken betrachtet, die die
Flüße auf dem festen Lande durchlaufen, ohne daß sie stehende Pfützen oder
Seen unterwegens machen: so kan man diesen einförmigen Abhang wohl durch
nichts anders erklären, als durch diejenige überaus feste Grundlage, die,
indem sie ohne vielfältige Einbeugungen sich einförmig zu dem Meeresgrunde
hinneiget, dem Fluße eine schiefe Fläche zum Ablaufe verschaffet. Daher ist
zu vermuthen: daß die Schwankung des Bodens einer erschütterten Stadt, die
an einem großen Fluße liegt, in der Richtung dieses Flußes, als im Tajo von
Abend und Morgen geschehen werde
Gleichwie ein Fluß eine abhängende Schiefe gegen das
Meer hin hat, so haben die Länder zu den Seiten einen Abhang zu
seinem Bette. Wenn dieses letztere selbst von der ganzen Erdschichte
gilt, und diese in der größten Tiefe eben solche Abschießigkeit
besitzet, so wird die Richtung der Erderschütterung auch durch diese
bestimmt werden.
; derjenigen aber die am Meeresufer liegt, in der Richtung nach
welcher dieses zum Meere sich neiget. Ich habe [an einem andern Orte](#en45132) angeführet was die Lage des
Bodens dazu beytragen kan, eine
Stadt, deren Hauptstraßen in eben der Richtung fortgehen als dieser
abschießig ist, bey einem vorfallenden [Erdbeben] völlig zu zerstöhren. Diese
Anmerkung ist nicht ein Einfall der bloßen Vermuthung; es ist eine Sache der
Erfahrung. [
](#en45204)
Gentil
, der selbst von sehr vielen Erdbeben gute Kenntnisse einzuholen Gelegenheit
hatte, berichtet dieses als eine Beobachtung die durch viele Exempel
bestätigt worden: daß wenn die Richtung nach der der Boden erschüttert wird,
mit der Richtung nach welcher die Stadt erbauet ist gleichläuft, sie ganz
und gar umgeworfen werde, anstatt daß, wenn sie diese rechtwinklicht
durchschneidet, weniger Schade geschieht.
[Die Historie der Königl.
Akad. zu Paris berichtet](#en45210): daß da Smyrna, welches an dem
ostlichen Ufer des mittelländischen Meeres liegt, im Jahr 1688 erschüttert
wurde, alle Mauren die die Richtung von Osten nach Westen hatten eingestürzt
wurden, [und die] so von Norden
nach Süden erbauet waren stehen blieben.
Der erschütterte Boden macht nemlich einige Schwankungen, und
beweget alles was auf ihm der Länge nach in der Richtung der Schwankung
aufgeführt ist, am stärcksten. Alle Körper die eine große Beweglichkeit
haben, z. E. die Kronleuchter in den Kirchen pflegen bey den
Erdbeben die Richtung, nach der die Stöße geschehen, anzuzeigen und sind
weit sicherere Merkmaale [vor]
eine Stadt, um die Lage daraus abzunehmen, nach welcher sie sich anbauen
muß, als die schon angeführte etwas zweifelhaftere Kennzeichen.
Von dem Zusammenhange der Erdbeben
mit den Jahreszeiten.
Der schon mehrmals angeführte französische Akademist, [
Hr.
Bouguer, führt in seiner Reise
nach Peru an, daß wenn die Erdbeben in diesem Lande zu allen
Jahreszeiten oft genug geschehen, dennoch die fürchterlichsten und
häufigsten in den Herbstmonaten gegen das Ende des Jahres](#en45224) gefühlet
werden. Diese Beobachtung findet nicht allein in Amerika zahlreiche
Bestätigungen, indem, außer dem [Untergange der Stadt Lima](#en48329) vor 10 Jahren und
der Versinkung einer andern eben so volckreichen im vorigen Jahrhundert,
sehr viel Exempel davon bemerket [worden, sondern auch] in unserm Welttheil finden wir außer dem letztern Erdbeben
noch viele Beyspiele in der Geschichte, von Erschütterung und Auswürfen
feuerspeyender Berge, die sich häufiger in den Herbstmonaten als in irgend
einer andern Jahreszeit zugetragen haben. Solte nicht eine gemeinschaftliche
Ursache diese Uebereinstimmung veranlassen, und auf welche kan
man füglicher die Vermuthung werfen, als auf die Regen die in Peru in dem
langen Thale, zwischen den [Cordillerischen Gebirgen](#en48401) vom September bis in den
April dauren, und die auch um die Herbstzeit bey uns am häufigsten [seyn]? Wir wissen daß, um einen
unterirrdischen Brand zu veranlassen, nichts nöthig sey als die mineralische
Materien in den Hölen der Erde in Gährung zu bringen. Dieses thut aber das
Wasser, wenn es sich durch die Klüfte der Berge hindurch geseigert hat und
in den tiefen Gängen sich verläuft. Die Regen haben die Gährung zuerst
gereitzet, die in der Mitte des Octobers so viel fremde Dämpfe aus dem
inwendigen der Erde herausstieß. Allein eben diese lokten dem Luftkreise
noch mehr naße Einflüße ab, und das Waßer das durch die Felsenritzen bis in
die tiefsten Grüfte hineindrang, vollendete die angefangene Erhitzung.
Von dem Einfluß der Erdbeben in den Luftkreis.
Wir haben oben ein Beyspiel von Wirkungen gesehen, die die
Erderschütterungen auf unsere Luft haben. Es ist zu glauben, daß von den
Ausbrüchen der unterirrdischen erhitzten Dämpfe mehr Naturerscheinungen
abhängen als man sich wohl gemeiniglich einbildet. Es wäre kaum möglich, daß
in den Witterungen eine solche Unregelmäßigkeit und so wenig
übereinstimmendes anzutreffen wäre, wenn nicht fremde Ursachen bisweilen in
unsere Atmosphäre träten, und ihre richtige Veränderungen in Unordnung
brächten. Kan man sich wohl einen wahrscheinlichen Grund gedenken, warum, da
der Lauf der Sonne und des Mondes an seine immer sich selbst ähnliche
Gesetze gebunden ist, da Waßer und Erde, wenn man es im Großen nimmt, immer überein bleiben,
doch der Ablauf der Witterungen, auch selbst in einem [Auszug] vieler Jahre, fast immer anders ausfällt. Wir haben seit der
unglücklichen Erschütterung und kurz vor derselben eine so abweichende
Witterung durch unsern ganzen Welttheil gehabt, daß man entschuldigt werden
kan, wenn man desfalls einige Vermuthung auf die Erdbeben wirft. Es ist
wahr, man hat wohl ehedem warme Winterwitterung gehabt, ohne daß einiges
Erdbeben vorhergegangen; aber ist man denn sicher, daß nicht eine Gährung in
dem innern der Erde sehr oft Dämpfe durch die Felsenklüfte, die Spalten der
Erdschichten, und selbst durch derselben lockere Substanz hindurch getrieben
habe, die da nahmhafte Veränderungen im Luftkreise nach sich haben ziehen
können?
[Musschenbroeck](#en48434)
, nachdem er bemerket hat, daß nur in diesem Jahrhundert und zwar seit
1716 recht helle Nordlichter in Europa und bis in dessen südlichen Ländern
gesehen worden, hält [vor] die
wahrscheinlichste Ursache dieser Veränderung in dem Luftkreise, daß die
feuerspeyende Berge und die Erdbeben, die einige Jahre vorher häufig gewütet
hatten, entzündbare und flüchtige Dünste ausgestossen, die durch den
natürlichen Abfluß der obersten Luft nach Norden sich dahin gehäufet, und
die feurige Lufterscheinungen hervorgebracht, die seit dem so häufig sind
gesehen worden, und daß sie vermuthlich sich nach und nach verzehren müssen,
bis neue Aushauchungen den Abgang wiederum ersetzen.
Diesen Grundsätzen nach, laßt uns untersuchen ob es nicht der
Natur gemäß sey, daß eine veränderte Witterung, wie diejenige die wir gehabt
haben, eine Folge von jener Catastrophe seyn könne. Die helle
Winterwitterung, und die Kälte die sie begleitet, ist nicht lediglich eine
Folge von der größern Entfernung der Sonne von unserm Scheitelpunkte zu
dieser [Jahreszeit; denn] wir empfinden es oft, daß dem ungeachtet die Luft
sehr gemäßigt seyn könne; sondern der Zug der Luft aus Norden, der auch zu
Zeiten in einen Ostwind ausschlägt, bringt uns eine erkältete Luft bis [aus] der Eiszone her, die unsere Gewäßer
mit Eis belegt und uns einen Theil von dem Winter des Nordpols fühlen läßt.
Dieser Zug der Luft von Norden nach Süden ist in den [Herbst- und] Wintermonaten so natürlich, wenn ihn
nicht fremde Ursachen unterbrechen, daß in dem Ocean in genugsahmer
Entfernung von allem festen Lande, dieser [Nord oder] Nordostwind die gantze Zeit hindurch
ununterbrochen angetroffen wird. Er rührt auch ganz natürlich von der
Wirkung der Sonne her, die alsdenn über der südlichen Halbkugel die Luft
verdünnet, und dadurch der nordlichen ihren Herbeyzug verursachet: so daß
dieses als ein beständiges Gesetze angesehen werden muß, welches durch die
Beschaffenheit der Länder wohl einigermaaßen verändert, aber nicht
aufgehoben werden kan. Wenn nun unterirrdische Gährungen erhitzte Dämpfe
irgendwo in den Ländern, die uns nach Süden liegen ausstossen: so werden
diese anfänglich die Höhe des Luftkreises in der Gegend wo sie aufsteigen
dadurch verringern, daß sie ihre Ausspannungskraft schwächen und Platzregen,
Orkane u. d. g. verursachen. Allein in der Folge wird dieser
Theil der Atmosphäre, da er mit so viel Dünsten beladen ist, die benachbarte
durch sein Gewicht bewegen und einen Zug der Luft von Süden nach Norden
verursachen. Da nun aber die Bestrebung des Luftkreises von Norden nach
Süden in unserem Erdstriche bey dieser Jahreszeit natürlich ist, so werden
diese beyde gegeneinander streitende Bewegungen sich aufhalten, und erstlich
eine trübe regnichte Luft, wegen der zusammen getriebenen Dünste, dabey aber
doch einen hohen Stand des Barometers
Dergleichen bey dieser naßen Winterwitterung fast
beständig bemerkt worden.
nach sich ziehen, weil die durch den Streit zweyer Winde
zusammengedrückte Luft eine hohe Säule ausmachen muß; und man wird dadurch
sich in die scheinbare Unrichtigkeit der Barometer finden lernen, wenn bey
hohem Stande derselben doch regenhaftes Wetter
[ist, denn] alsdenn ist eben
diese Näße der Luft eine Wirkung zweyer einander entgegen streitenden Luftzüge, welche die Dünste
zusammentreiben und dennoch die Luft ansehnlich verdichten und schwerer
machen können.
Ich kan nicht mit Stillschweigen übergehen: daß an dem
schrecklichen Tage Allerheiligen die Magnete in Augspurg ihre Last
abgeworfen haben und die Magnetnadeln in Unordnung gebracht worden.
Boyle
berichtet schon, daß einsmals nach einem Erdbeben in Neapel eben
dergleichen vorgegangen. Wir kennen die verborgene Natur des Magnets zu
wenig, um von dieser Erscheinung Grund angeben zu können.
Von dem Nutzen der Erdbeben.
Man wird erschrecken eine so fürchterliche Strafruthe der
Menschen von der Seite der Nutzbarkeit angepriesen zu sehen. Ich bin gewiß,
man würde gerne Verzicht darauf thun, um nur der Furcht und der Gefahren
überhoben zu seyn, die damit verbunden sind. So sind wir Menschen [geartet]. Nachdem wir einen [wiederrechtlichen] Anspruch auf
alle Annehmlichkeit des Lebens gemacht haben, so wollen wir keine Vortheile
mit Unkosten erkaufen. Wir verlangen der Erdboden soll so beschaffen seyn:
daß man wünschen könte darauf ewig zu wohnen. Ueber dieses bilden wir uns
ein, daß wir alles zu unserm Vortheil besser regieren würden, wenn die
Vorsehung uns darüber unsere Stimme abgefragt hätte. So wünschen wir
z. E. den Regen in unserer Gewalt zu haben, damit wir ihn
nach unserer Beqvemlichkeit das Jahr über vertheilen könten, und immer
angenehme Tage zwischen den trüben zu genießen hätten. Aber wir vergessen
die Brunnen, die wir gleichwohl nicht entbehren könnten, und die doch auf
solche Art gar nicht würden unterhalten werden. Eben so wissen wir den Nutzen nicht, den uns eben die
Ursachen verschaffen könnten die uns in den Erdbeben erschrecken, und wolten
sie doch gerne verbannet wissen.
Als Menschen, die gebohren waren um zu sterben, können wir es
nicht vertragen daß einige im Erdbeben gestorben sind, und [als die hier] Fremdlinge sind und
kein Eigenthum besitzen, sind wir untröstlich, daß Güter verlohren worden, die in
kurzem durch den [allgemeinen] Weg
der Natur von selbst wären verlaßen worden.
Es läßt sich leicht rathen: daß wenn Menschen auf einem Grunde
bauen der mit entzündbaren Materien angefüllet ist, über kurz oder lang die
ganze Pracht ihrer Gebäude durch Erschütterungen über den Haufen fallen [könne; aber] muß man denn darum
über die Wege der Vorsehung ungeduldig werden. Wäre es nicht besser also zu urtheilen: Es war nöthig daß
Erdbeben bisweilen auf dem Erdboden geschähen, aber es war nicht nothwendig
daß wir prächtige Wohnplätze darüber erbaueten. Die Einwohner in Peru wohnen in Häusern die nur in
geringer Höhe gemauert [seyn], und
das übrige besteht aus Rohr. Der Mensch muß sich in die Natur schicken
lernen, aber er will daß sie sich in ihn schicken soll.
Was auch die Ursache der Erdbeben den Menschen auf einer Seite
jemals [vor] Schaden erweckt hat,
das kan sie ihm leichtlich auf der andern Seite mit Gewinst ersetzen. Wir
wissen daß die warme Bäder die vielleicht einem beträchtlichen Theil der
Menschen zur Beförderung der Gesundheit in der Folge der Zeiten können
dienlich gewesen seyn, durch eben dieselbe Ursachen ihre mineralische
Eigenschaft und Hitze haben, wodurch die Erhitzungen in dem innern der Erde
vorgehen welche diese in Bewegung setzen.
Man hat schon längst vermuthet: daß die Erzstuffen in den
Gebirgen eine langsame Wirkung der unterirrdischen Hitze [seyn], die die Metalle durch allmähliche
Wirkungen zur Reife bringt, indem sie sie durch durchdringende Dämpfe in der
Mitte des Gesteins bildet und kocht.
Unser Luftkreis bedarf außer den groben und todten Materien die
er in sich enthält auch ein gewisses wirksames Principium, flüchtige Salze
und Theile die in den Zusammensatz der Pflanzen kommen sollen, [sie] zu bewegen und auszuwickeln.
Ist es nicht glaublich daß die Naturbildungen die beständig einen großen
Theil davon aufwenden, und die [Veränderung] die alle Materie durch die Auflösung und
Zusammensetzung endlich erleidet, die wirksamste Partikeln mit der Zeit gänzlich verzehren [würden], wenn nicht von Zeit zu
Zeit ein neuer Zufluß geschähe.
Zum wenigsten wird das Erdreich
immer unkräftiger, wenn es kräftige Pflanzen nährt, aber die Ruhe und der
Regen bringen es wieder in den Stand. Wo würde aber endlich die kräftige
Materie herkommen, die ohne Ersetzung verwandt wird, wenn nicht eine
anderweitige Qvelle ihren Zufluß unterhielte? Und diese ist vermuthlich der
Vorrath, den die unterirrdische Grüfte an den wirksamsten und flüchtigsten
Materien enthalten; davon sie von Zeit zu Zeit einen Theil auf die
Oberfläche der Erde ausbreiten. Ich merke noch an: daß
Hales
mit sehr glücklichem Erfolg die Gefängnisse, und überhaupt alle Oerter
deren Luft mit thierischen Ausdufftungen angesteckt wird, durch das Räuchren
des Schwefels befreyet. Die feuerspeyende Berge stossen eine unermeßliche
Menge schwefelichter Dämpfe in den Luftkreis [aus, wer] weiß, würden die thierische
Ausdünstungen, womit [dieser]
beladen ist, nicht mit der Zeit schädlich werden, wenn jene nicht ein
kräftiges Gegenmittel dawieder abgäben.
Zuletzt dünket mir die Wärme in dem innern der Erde, [einen kräftigen] Beweis von der
Wirksamkeit und dem großen Nutzen der Erhitzungen, die in tiefen Grüften
vorgehen, abzugeben. Es ist durch tägliche Erfahrungen ausgemacht: daß es in
großen, ja in den größten Tiefen, dazu Menschen in dem innern der Berge [nur] gelanget sind, eine
immerwährende Wärme gebe, die man unmöglich der Wirkung der Sonne
zuschreiben kan.
[Boyle](#en48812)
zieht eine gute Anzahl Zeugnisse an, daraus erhellet, daß in allen
tiefsten Schachten man zuerst die obere Gegend weit kälter finde als die
äußere Luft wenn es zur Sommerzeit ist, je tiefer man sich aber herablasse,
desto wärmer befinde man die Gegend, so, daß in der größten Tiefe die
Arbeiter genöthigt sind die Kleider bey ihrer Arbeit abzulegen. Jedermann
begreift es leicht, daß, da die Sonnenwärme nur auf eine sehr geringe Tiefe
in die Erde dringt, sie in den alleruntersten Grüften nicht die geringste
Wirkung mehr thun könne; und daß die daselbst befindliche Wärme von einer
Ursache abhänge, die nur
in der größten Tiefe herrscht, ist überdem aus der verminderten Wärme zu
ersehen, je höher man so gar zur Sommerzeit von unten hinauf kommt.
Boyle, nachdem er die
angestellte Erfahrungen behutsam verglichen und geprüft hat, schließt sehr
vernünftig: daß in den untersten Hölen zu welchen wir nicht gelangen können,
beständige Erhitzungen, und ein dadurch unterhaltenes unauslöschliches Feuer
müssen anzutreffen seyn, das seine Wärme der [obersten] Rinde mittheilet.
Wenn sich dieses also verhält, wie man sich denn nicht
entbrechen kan es zuzugeben, werden wir uns nicht von diesem unterirrdischen
Feuer die vortheilhafteste Wirkungen
zu versprechen haben, welches der Erde jederzeit eine gelinde [Wärme] erhält, zu der Zeit wenn
uns die Sonne die ihrige entziehet, welches den Trieb der Pflanzen und die
Oekonomie der Naturreiche zu befördern im Stande ist. Und kan uns wohl bey dem Anschein so vieler
Nutzbarkeit der Nachtheil, der dem Menschlichen Geschlecht durch [eine und die andere] Ausbrüche
derselben erwächst der Dankbarkeit überheben, die wir der Vorsehung [vor] alle Anstalten derselben
schuldig [seyn].
Die Gründe die ich zur Aufmunterung derselben angeführt habe,
sind freylich nicht von der Art derjenigen welche die größeste Ueberzeugung
und Gewisheit verschaffen. Allein auch Muthmaßungen sind annehmungswürdig,
wenn es darauf ankömmt den Menschen zu der Dankbegierde gegen das höchste
Wesen zu bewegen, das selbst alsdenn wenn es züchtiget, [verehrungs und] liebenswürdig ist.
Anmerkung.
Ich hatte oben angeführt, daß die Erdbeben schwefeligte
Ausdämpfungen durch das Gewölbe der Erde hindurch treiben. Die letzte
Nachrichten von den Schachten in den sächsischen Gebirgen bestätigen es
durch ein neues Beyspiel. Man findet sie jetzto so angefüllt von
schwefeligten Dämpfen, daß die Arbeiter sie verlassen müssen. Die
[Begebenheit von Tuam in Irrland](#en48910), da eine leuchtende Lufterscheinung in
der Gestalt von Wimpeln und Flaggen auf der See [erschienen], die ihre Farben nach und nach
änderten und zuletzt ein helles Licht ausbreiteten, worauf ein heftiger Stoß von Erdbeben
erfolgte, ist eine neue Bestätigung hievon. Die Verwandelung der Farben
vom dunkelsten blau bis in roth und endlich in einen hellen weißen
Schein, ist der herausgebrochenen zuerst sehr dünnen Ausdämpfung, die
nach und nach durch häufigeren Zufluß mehrer Dünste vermehret
[worden],
zuzuschreiben, die wie in der Naturwissenschaft bekannt ist, die Grade
des Lichts von der blauen Farbe bis zur rothen, und endlich bis in einen
weißen Schein durchgehen müssen. Alles dieses ging vor dem Stoß vorher.
Es war auch ein Beweis: daß der Heerd der Entzündung in dem Grunde des
Meeres gewesen, wie denn selbst das Erdbeben an der Meeresküste
hauptsächlich verspühret worden.
Wenn man die Anmerkungen von den Oertern der Erde, da die
häufigste und schwereste Erschütterungen von je her sind empfunden
worden, weiter ausdehnen will,
so kan man noch dazu setzen: daß die westliche Küsten jederzeit weit
mehr Anfälle davon als die östlichen erlitten haben. In Italien, in
Portugall, in Südamerica, ja selbst neulich in Irrland hat die Erfahrung
diese Uebereinstimmung bestätigt. Peru welches an dem westlichen Seeufer
der neuen Welt lieget hat fast tägliche Erschütterungen, da indessen
Brasilien welches den Ocean gegen Osten hat nichts davon verspühret.
Wenn man von dieser seltsamen Analogie einige Ursachen muthmaßen will so
kan man es wohl einem [
](#en45908)
Gautier
einem Mahler verzeihen, wenn er die Ursache aller Erdbeben in den
Sonnenstrahlen der Qvelle seiner Farben und seiner Kunst, sucht, und
sich einbildet, eben dieselbe treiben auch unsere große Kugel von Abend
gegen Morgen herum, indem sie an die westliche Küsten stärker anschlagen
und eben dadurch würden diese Küsten mit so vielen Erschütterungen
beunruhiget. Allein in einer gesunden Naturwissenschaft verdient ein
solcher Einfall kaum die [Wiederlegung]. Mir scheinet der Grund dieses Gesetzes mit
einem andern in Verbindung zu stehen, wovon man noch zur Zeit keine
genugsame Erklährung gegeben hat: daß nemlich die westliche und südliche
Küsten fast aller Länder steiler abschüßig [seyn], als die östliche und nordliche,
welches so wohl durch den Anblick der Carte als durch die Nachrichten
des [
Dampiers, der sie auf allen seinen Seereisen](#en45919) fast allgemein befunden hat,
bestätigt wird. Wenn man die Beugungen des festen Landes von den
Einsinkungen herleitet, so müssen in den Gegenden der größten
Abschießigkeit tiefere und mehr Hölen anzutreffen seyn, als wo die
Erdrinde nur einen gemäßigten Abhang hat. Dieses aber hat mit den
Erderschütterungen wie wir oben gesehen haben einen natürlichen
Zusammenhang.
Schlußbetrachtung.
Der Anblick so vieler Elenden als die letztere
Catastrophe unter unsern Mitbürgern gemacht hat, soll die Menschenliebe rege
machen und uns einen Theil des Unglücks empfinden lassen, welches sie mit
solcher Härte betroffen hat. Man verstößt aber gar sehr [dawieder], wenn man dergleichen Schicksale
jederzeit als verhängte Strafgerichte ansieht, die die verheerte Städte um
ihrer Uebelthaten willen betreffen, und wenn wir diese Unglückseelige als
das Ziel der Rache GOttes betrachten, über die seine Gerechtigkeit alle ihre
[Zornschalen] ausgiesset.
Diese Art des Urtheils ist ein sträflicher Vorwitz der sich anmaaßet, die
Absichten der göttlichen Rathschlüsse einzusehen und nach seinen Einsichten
auszulegen.
Der Mensch ist von sich selbst so
eingenommen, daß er sich lediglich als das einzige Ziel der Anstalten GOttes
ansiehet, gleich als wenn diese kein ander Augenmerk hätten als ihn allein,
um die Maaßregeln in der Regierung der Welt darnach einzurichten. Wir wissen
daß der ganze Inbegriff der Natur ein würdiger Gegenstand der göttlichen
Weisheit und seiner Anstalten sey. Wir sind ein Theil derselben und wollen
das Ganze seyn. Die Regeln der Vollkommenheit der Natur im Großen sollen in
keine Betrachtung kommen, und es soll sich alles bloß in richtiger Beziehung
auf uns anschicken. Was in der Welt zur Beqvemlichkeit und dem Vergnügen
gereicht, das, stellt man sich vor, sey bloß um unsert willen da, und die
Natur beginne keine Veränderungen die irgend eine Ursache der
Ungemächlichkeit [vor] den
Menschen werden, als um sie zu züchtigen, zu drohen oder Rache an ihnen
auszuüben.
Gleichwohl sehen wir daß unendlich viel Bösewichter in Ruhe
entschlafen, daß die Erdbeben gewisse Länder von je her erschüttert haben,
ohne Unterschied der alten oder neuen Einwohner, daß das christliche Peru so
gut bewegt wird als das heidnische, und daß viele Städte von dieser
Verwüstung von Anbeginn befreyet geblieben, die über jene sich keines
Vorzuges der Unsträflichkeit anmaaßen können.
So ist der Mensch im dunkeln wenn er die Absichten errathen
will, die GOtt in der Regierung der Welt vor Augen hat. Allein wir sind in
keiner Ungewisheit, wenn es auf die Anwendung ankommt, wie wir diese Wege
der Vorsehung dem Zwecke derselben gemäß gebrauchen sollen. Der Mensch ist
nicht geboren um auf
dieser Schaubühne der Eitelkeit ewige Hütten zu erbauen. Weil sein ganzes
Leben ein weit edleres Ziel hat, wie schön stimmen dazu nicht alle die
Verheerungen, die der Unbestand der Welt selbst in denjenigen Dingen blicken
läßt, die uns die größte und wichtigste zu sein scheinen, um uns zu
erinnern: daß die Güter der Erden unserm Triebe zur Glückseligkeit keine
Genugthuung verschaffen [können?]
Ich bin weit davon entfernet hiemit anzudeuten, als wenn der
Mensch einem unwandelbaren Schicksale der Naturgesetze ohne Nachsicht auf
seine besondere Vortheile überlaßen sey. Eben dieselbe höchste Weisheit, von
der der Lauf der Natur diejenige Richtigkeit entlehnet, die keiner
Ausbesserung bedarf, hat die niederen Zwecke den höheren untergeordnet, und
in eben den Absichten, in welchen jene oft die wichtigsten Ausnahmen von den
allgemeinen Regeln der Natur gemacht hat, um die unendlich höhere Zwecke zu
erreichen, die weit über alle Naturmittel erhaben sind, wird auch die Führung des menschlichen Geschlechts
in dem Regimente der Welt selbst dem Laufe der Naturdinge Gesetze
vorschreiben. Wenn eine Stadt oder Land das Unheil gewahr wird, womit die
göttliche Vorsehung sie oder ihre Nachbaren in Schrecken setzt: ist es denn
wohl noch Zweifelhaft welche Parthey sie zu ergreifen habe, um dem Verderben
vorzubeugen das ihnen [drohet und]
sind die Zeichen noch wohl zweydeutig die Absichten begreiflich zu machen,
zu deren Vollführung alle Wege der Vorsehung einstimmig den Menschen
entweder einladen oder antreiben?
Ein Fürst der durch ein edles Herz getrieben sich diese
Drangsale des menschlichen Geschlechts bewegen läßt, das Elend des Krieges
von denen abzuwenden, welchen von allen Seiten überdem schwere Unglücksfälle
drohen, ist ein wohlthätiges Werkzeug in der gütigen Hand GOttes, und ein
Geschenk das er den Völkern der Erde macht, dessen Werth sie niemals nach
seiner Größe schätzen können.