Kant's Werke Schriften 1747–1756 Geschichte und Naturbeschreibung der merkwürdigsten Vorfälle des Erdbebens Kant Immanuel Hohenegger Hansmichael Pozzo Riccardo Gerhardt Volker Antragsteller und Projektleitung Willaschek Marcus Projektleitung Schepelmann Maja Koordination und editionswissenschaftliche Beratung Rosie Martin Koordination und editionswissenschaftliche Beratung Karl Jacqueline Koordination Neumann Gerald Entwicklung und Layout der digitalen Edition, Bereitstellung der Schnittstellen Fricke Edna Entwicklung TEI-Datenmodell und Schema sowie Konversionsroutinen für Überführung der Daten in das TEI-Format Geldgeber sind im Folgenden alphabetisch angeordnet; kein Anspruch auf Vollständigkeit. Akademienprogramm Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien, Prof. Monika Grütters Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) Hamburger Stiftung zur Förderung von Wissenschaft und Kultur Mathias-Tantau-Stiftung Fritz-Thyssen-Stiftung ZEIT STIFTUNG BUCERIUS Vollständige digitalisierte Ausgabe der Druckversion der historisch-kritischen Neuedition der Akademieausgabe. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften (BBAW) Neuedition der Abteilung I, „Werke“, der Akademie-Ausgabe von „Kant‘s gesammelten Schriften“ Berlin 2023 Creative Commons Attribution-ShareAlike 4.0 International (CC BY-NC-SA 4.0) Geschichte Erdbeben Kant's Werke Band 1: Schriften 1747–1756 Geschichte und Naturbeschreibung der merkwürdigsten Vorfälle des Erdbebens Kant Immanuel Hohenegger Hansmichael Pozzo Riccardo 461–492 De Gruyter Berlin Boston 2023 9783110706482 Kant's gesammelte Schriften Erste Abteilung Werke – Neuedition Band 1 German Latin Corrected Corrected Corrected Corrected Corrected Preparation Initial conversion into TEI and manual adaptations

Geschichte

und

Naturbeschreibung

der merkwürdigsten Vorfälle

des

Erdbebens

welches an dem Ende des 1755sten Jahres

einen großen Theil der Erde

erschüttert hat

von

M. Immanuel Kant.

Königsberg, gedruckt und verlegt von Joh. Heinrich Hartung 1756.

Die Natur hat nicht vergeblich einen Schatz von Seltenheiten überall zur Betrachtung und Bewunderung ausgebreitet. Der Mensch, welchem die Haushaltung des Erdbodens anvertraut ist, besitzt Fähigkeit, er besitzt auch Lust sie kennen zu lernen und preiset den Schöpfer durch seine Einsichten. Selbst die fürchterliche Werkzeuge der Heimsuchung des menschlichen Geschlechts, die Erschütterungen der Länder, die Wuth des in seinem Grunde bewegten Meers, die feuerspeyenden Berge fodern den Menschen zur Betrachtung auf, und sind nicht weniger von GOtt als eine richtige Folge aus beständigen Gesetzen in die Natur gepflanzt, als andre schon gewohnte Ursachen der Ungemächlichkeit, die man nur darum vor natürlicher hält, weil man mit ihnen mehr bekannt ist.

Die Betrachtung solcher schrecklichen Zufälle ist lehrreich. Sie demüthigt den Menschen dadurch daß sie ihn sehen läßt er habe kein Recht, oder zum wenigsten er habe es verlohren, von den Naturgesetzen die GOtt angeordnet hat lauter beqvemliche Folgen zu erwarten, und er lernt vielleicht auch auf diese Weise einsehen: daß dieser Tummelplatz seiner Begierden billig nicht das Ziel aller seiner Absichten enthalten solte.

VorbereitungVon der Beschaffenheit des Erdbodens in seineminwendigen.

Wir kennen die Oberfläche des Erdbodens wenn es auf die Weitläuftigkeit ankommt ziemlich vollständig. Allein wir haben noch eine Welt unter unsern Füßen, mit der wir zur Zeit nur sehr wenig bekannt sind. Die Bergspalten, welche unserm Senkbley unergründliche Klüfte eröfnen, die Hölen die wir in dem innern der Berge antreffen, die tiefsten Schachte der Bergwerke die wir Jahrhunderte hindurch erweitern, sind bey weitem nicht zureichend uns von dem inwendigen Bau des großen Klumpens den wir bewohnen deutliche Kenntnisse zu verschaffen.

Die größte Tiefe zu der Menschen von der obersten Fläche des festen Landes hinabgekommen seyn, beträgt noch nicht 500 Klafter. D. i. noch nicht den sechstausensten Theil von der Entfernung bis zum Mittelpunkte der Erde und gleichwohl befinden sich diese Grüfte noch in den Gebirgen, und selbst alles feste Land ist ein Berg, in welchem, um nur zu gleicher Tiefe als der Meeres-Grund liegt zu gelangen, man wenigstens dreymal tiefer hinab kommen müste.

Was aber die Natur unserm Auge und unsern unmittelbaren Versuchen verbirgt, das entdeckt sie selber durch ihre Wirkungen. Die Erdbeben haben uns offenbahret daß die Oberfläche der Erde voller Wölbungen und Hölen seyn, und daß unter unsern Füßen verborgene Minen mit mannigfaltigen Irrgängen allenthalben fortlaufen. Der Verfolg in der Geschichte des Erdbebens wird dieses außer Zweifel setzen. Diese Hölen haben wir eben derselben Ursache zuzuschreiben, welche den Meeren ihr Bette zubereitet hat; denn es ist gewiß, wenn man von den Ueberbleibseln die das Weltmeer von seinem ehemaligen Aufenthalte über dem gesammten vesten Lande zurück gelaßen hat, von den unermeßlichen Muschelhaufen die selbst in dem innern der Berge angetroffen werden, von den versteinerten Seethieren die man aus den tiefsten Schachten herausbringt, ich sage, wenn man von allem diesem nur einiger Maaßen unterrichtet ist, so wird man leicht einsehen, daß erstlich das Meer ehedem eine lange Zeit alles Land überdeckt habe, daß dieser Aufenthalt lange gedauret habe und älter als die Sündfluth sey, und daß endlich das Gewässer sich unmöglich anders habe zurück ziehen können als daß der Boden deßelben hin und wieder in tiefe Grüfte herabgesunken und demselben tiefe Becken zubereitet hat, darinn es abgefloßen ist, und zwischen deren Ufern es noch jetzo beschränkt erhalten wird, indessen daß die erhöheten Gegenden dieser eingesunkenen Rinde festes Land geworden, welches allenthalben mit Hölungen untergraben ist, und dessen Strecke mit den steilen Gipfeln besetzt ist, die unter den Nahmen der Gebirge die oberste Höhe des festen Landes nach allen denjenigen Richtungen durchlaufen nach welchen es sich in eine beträchliche Länge erstrecket.

Diese Hölen enthalten alle ein loderndes Feuer, oder wenigstens denjenigen brennbaren Zeug, der nur einer geringen Reizung bedarf um mit Heftigkeit um sich zu wüten und den Boden über sich zu erschüttern oder gar zu spalten.

Wenn wir das Gebiet dieses unterirrdischen Feuers in dem ganzen Umfange, wohin es sich erstreckt, erwegen, so werden wir gestehen müssen, daß wenig Länder auf dem Erdboden sind die nicht bisweilen dessen Wirkung verspühret hätten. In dem äußersten Norden ist die Insel Island den heftigsten Anfällen desselben und zwar nicht selten unterworfen. Man hat in Engelland und selbst in Schweden einige leichte Erschütterungen gehabt. Gleichwohl finden sie sich in den südlichen Ländern, ich meyne denenjenigen, die dem Aeqvator näher liegen, häufiger und stärker. Italien, die Inseln aller Meere, welche der Mittellinie nahe liegen, vornehmlich die im Indischen Ocean, sind von dieser Beunruh igung ihres Fußbodens häufig angefochten. Unter den letztern ist fast nicht eine einzige die nicht einen Berg hätte, der entweder noch jetzo bisweilen Feuer spie, oder es wenigstens vormals gethan hätte, und der Erschütterung sind sie eben so häufig unterworfen. Es ist eine artige Vorsicht, wenn man hierinn der Nachricht des Hübners glauben darf, die die Holländer um deswillen anwenden um das kostbare Gewürz der Muscaten und Würznelken, die sie einzig und allein auf den beyden Inseln Banda und Amboina fortzupflanzen erlauben, nicht der Gefahr blos zu stellen von dem Erdboden vertilget zu werden, wenn eine dieser Inseln etwa das Schicksal eines völligen Unterganges durch ein Erdbeben betreffen solte, daß sie auf einer andern weit davon entlegenen jederzeit eine Pflanzschule beyder Gewächse unterhalten. Peru und Chili welche der Linie nahe liegen sind mit diesem Uebel häufiger wie irgend ein Land in der Welt beunruhiget. In dem ersten Lande geht fast kein Tag vorbey, da nicht einige leichte Stösse von Erdbeben verspühret werden. Man darf sich nicht einbilden, dieses sey als eine Folge der weit grössern Sonnenhitze welche auf das Erdreich dieser Länder wirkt anzusehen. In einem Keller der kaum 40 Fuß Tiefe hat ist fast gar kein Unterschied zwischen Sommer und Winter zu spühren. So wenig ist die Sonnenwärme vermögend das Erdreich in grossen Tiefen zu durchdringen, um den entzündbaren Stoff zu locken und in Bewegung zu setzen. Vielmehr richten sich die Erdbeben nach der Beschaffenheit der unterirrdischen Grüffte und diese nach demjenigen Gesetze, nach welchem die Einsinkungen der obersten Erdrinde im Anfange müssen geschehen seyn, und die, je näher zur Linie, desto tiefere und mannigfaltigere Einbeugungen gemacht haben, wodurch diese Minen, die den Zunder zu den Erdbeben enthalten, weitläuftiger und dadurch zu der Entzündung deßelben geschickter geworden.

Diese Vorbereitung von den unterirrdischen Gängen ist zur Einsicht dessen, was von der weiten Ausbreitung der Erdbeben in grosse Länder, von dem Striche den sie halten, von den Orten wo sie am meisten wüten und von denjenigen wo sie sich zuerst anheben in der Folge vorkommen wird von keiner geringen Erheblichkeit.

Ich fange nunmehro von der Geschichte des letztern Erdbebens selber an. Ich verstehe unter derselben keine Geschichte der Unglücksfälle die die Menschen dadurch erlitten haben, kein Verzeichnis der verheerten Städte und unter ihrem Schutt begrabenen Einwohner. Alles was die Einbildungskraft sich Schreckliches vorstellen kan, muß man zusammen nehmen, um das Entsetzen sich einigermaassen vorzubilden darinn sich die Menschen befinden müssen, wenn die Erde unter ihren Füßen bewegt wird, wenn alles um sie her einstürzt, wenn ein in seinem Grunde bewegtes Wasser das Unglück durch Ueberströhmungen vollkommen macht, wenn die Furcht des Todes, die Verzweifelung wegen des völligen Verlusts aller Güter, endlich der Anblick anderer Elenden den standhaftesten Muth niederschlagen. Eine solche Erzehlung würde rührend seyn, sie würde weil sie eine Wirkung auf das Herz hat, vielleicht auch eine auf die Besserung deßelben haben können. Allein ich überlasse diese Geschichte geschickteren Händen. Ich beschreibe hier nur die Arbeit der Natur, die merkwürdigen natürlichen Umstände die die schreckliche Begebenheit begleitet haben und die Ursachen derselben.

Von den Vorboten des letzteren Erdbebens.

Das Vorspiel der unterirrdischen Entzündung, welche in der Folge so entsetzlich geworden ist, setze ich in der Lufterscheinung, die zu Locarno in der Schweiz den 14ten October vorigen Jahres Morgens um 8 Uhr wargenommen worden. Ein warmer als aus einem Ofen kommender Dampf breitete sich aus und verwandelte sich in 2 Stunden in einen rothen Nebel, daraus gegen Abend ein blutrother Regen entstand, welcher nachdem er aufgefangen war ⅑ eines röthlichen leimigten Bodensatzes fallen ließ. Der 6 Fuß hohe Schnee war ebenfalls roth gefärbt. Dieser Purpurregen ward 40 Stunden, das ist ohngefehr 20 deutsche Meilen ins Gevierte, ja selbst bis in Schwaben wahrgenommen. Auf diese Lufterscheinung folgten unnatürliche Regengüsse, die in 3 Tagen auf 23 Zoll hoch Wasser gaben, das ist, mehr als in einem Lande von mittelmäßig feuchter Beschaffenheit das ganze Jahr hindurch herabfället. Dieser Regen dauerte über 14 Tage, obgleich nicht jederzeit mit gleicher Heftigkeit. Die Flüsse in der Lombardey, die in den Schweitzergebürgen ihren Ursprung nehmen, imgleichen die Rohne schwollen von Wasser auf und traten über ihre Ufer. Von dieser Zeit an herrschten fürchterliche Orkane in der Luft, welche überall grausam wüteten. Noch in der Mitte des Novembers fiel in Ulm ein dergleichen Purpurregen und die Unordnung in dem Luftkreise, die Wirbelwinde in Italien, die überaus nasse Witterung dauerten fort.

Wenn man sich einen Begriff von den Ursachen dieser Erscheinung und deren Folgen machen will, so muß man auf die Beschaffenheit des Bodens über dem sie sich zugetragen hat Acht haben. Die Schweitzerische Gebirge begreifen insgesamt weitläuftige Klüfte unter sich, die ohne Zweifel mit den tiefsten unterirrdischen Gängen im Zusammenhange stehen. Scheuchzer zehlet beynahe 20 Schlünde welche zu gewissen Zeiten Winde ausblasen. Wenn wir nun annehmen, daß die in dem innern dieser Hölen verborgene mineralische Materien mit denen Flüßigkeiten womit sie aufbrausen in Vermischung und dadurch in eine innere Gährung gerathen sind, die die feuernährende Materien zu derjenigen Entzündung vorbereiten konte, welche binnen einigen Tagen völlig ausbrechen solte. Wenn wir z. E. diejenige Säure, die in dem Salpetergeiste steckt, und die nothwendig die Natur selber zubereitet, uns vorstellen, wie sie entweder durch den Zufluß des Wassers, oder andere Ursachen in Bewegung gebracht, die Eisenerde worauf sie fiel angriff, so werden diese Materien bey ihrer Vermengung sich erhitzet und rothe warme Dämpfe aus den Klüften der Gebirge ausgestossen haben, womit in der Heftigkeit der Aufwallung die Partickeln der rothen Eisenerde zugleich vermenget und fortgeführet worden, welches den leimigten Blutregen davon wir Erwehnung gethan haben veranlaßt hat. Die Natur solcher Dünste gehet dahin die Ausspannungskraft der Luft zu verringern und eben dadurch die in derselben hängende Wasserdünste zusammen fließend zu machen, imgleichen durch das Herbeyziehen aller rund umher in dem Luftkreise schwebenden feuchten Wolken vermöge des natürlichen Abhanges nach der Gegend wo die Höhe der Luftsäule verringert worden, diejenige heftige und anhaltende Platzregen zu verursachen, welche in den genannten Gegenden wahrgenommen worden.

Auf solche Weise kündigte die unterirrdische Gährung das Unglück, das sie im verborgenen zubereitete, durch ausgestossene Dämpfe zum voraus an. 

Acht Tage vor der Erschütterung war die Erde bey Cadix mit einer Menge von aus der Erde gekrochenem Gewürme bedeckt. Diese hatte die nur angeführte Ursache hervorgetrieben. Bey einigen andern Erdbeben sind heftige Blitze in der Luft und die Bangigkeit die man bey Thieren vermerkt Vorboten gewesen.

Die Vollendung des Schicksaals folgte ihr mit langsamen Schritten nach. Eine Gährung schlägt nicht sogleich in Entzündungen aus. Die gährende und erhitzte Materien müßen ein brennbares Oel, Schwefel, Erdpech, oder dergleichen etwas antreffen um in Entzündung zu gerathen. So lange breitete sich die Erhitzung hin und wieder in den unterirrdischen Gängen aus, und in dem Augenblicke da die aufgelöseten brennbaren Materien in der Mischung mit den andern bis auf den Punkt in Feuer zu gerathen erhitzt waren, wurden die Gewölber der Erde erschüttert und der Schluß der Verhängnisse war vollführet.

Das Erdbeben und die Wasserbewegungvom 1. November 1755.

Der Augenblick indem dieser Schlag geschahe, scheinet am richtigsten auf 9 Uhr 50 Minuten Vormittags zu Lissabon bestimmt zu seyn, diese Zeit stimmt genau mit derjenigen da es in Madrit wargenommen worden, nemlich 10 Uhr 17 bis 18 Minuten, wenn man den Unterschied der Länge beyder Städte in den Unterschied der Zeit verwandelt. Zu derselben Zeit wurden die Gewässer in einem erstaunlichen Umfange, so wohl diejenige die mit dem Weltmeere eine sichtbare Gemeinschaft haben, als auch welche darinn auf eine verborgene Art stehen mögen in Erschütterung gesetzt. Von Abo in Finnland an bis in den Archipelagus von Westindien sind wenig oder gar keine Küsten davon frey geblieben. Sie hat eine Strecke von 1500 Meilen fast in eben derselben Zeit beherrschet. Wenn man versichert wäre, daß die Zeit darinn sie zu Glückstadt an der Elbe verspührt worden, nach den öffentlichen Nachrichten gantz genau auf 11 Uhr 30 Minuten zu setzen wäre, so würde man daraus schließen, daß die Wasserbewegung 15 Minuten zugebracht habe, von Lissabon bis an die Holsteinischen Küsten zu gelangen. In eben dieser Zeit wurde sie auch an allen Küsten des Mittelländischen Meeres verspühret, und man weiß noch nicht die ganze Weite ihrer Erstreckung.

Die Gewässer, die auf dem festen Lande von aller Gemeinschaft mit dem Meere scheinen abgeschnitten zu seyn, die Brunnqvellen, die Seen, wurden in vielen weit von einander entlegenen Ländern zu gleicher Zeit in außerordentliche Regung versetzt. Die meisten Seen in der Schweitz, der See bey Templin in der Mark, einige Seen in Norwegen und Schweden, geriethen in wallende Bewegung, die weit ungestühmer und unordentlicher war als bey einem Sturme, und die Luft war zugleich stille. Der See bey Neuschatel, wenn man sich auf die Nachrichten verlassen darf, verlief sich in verborgene Klüfte, und der bey Meinungen that dieses gleichfals, kam aber bald wiederum zurück. In eben diesen Minuten blieb das mineralische Wasser zu Töplitz in Böhmen plötzlich aus, und kam bluthroth wieder. Die Gewalt womit das Wasser hindurch getrieben war, hatte seine alte Gänge erweitert und es bekam dadurch einen stärkern Zufluß. Die Einwohner dieser Stadt hatten gut te Deum laudamus zu singen, indeßen daß die zu Lissabon ganz andere Thöne anstimmten. So sind die Zufälle beschaffen, welche das menschliche Geschlecht betreffen. Die Freude der einen und das Unglück der andern haben oft eine gemeinschaftliche Ursache. Im Königreich Fez in Afrika spaltete eine unterirrdische Gewalt einen Berg und goß blutrothe Ströhme aus seinem Schlunde. Bey Angouleme in Frankreich hörete man ein unterirrdisches Getöse, es öfnete sich eine tiefe Gruft auf der Ebene und hielt unergründliches Wasser in sich. Zu Gemenox in Provence wurde eine Qvelle plötzlich schlammicht und ergoß sich darauf roth gefärbt. Die umliegende Gegenden berichteten gleiche Veränderungen an ihren Qvellen. Alles dieses geschahe in denselben Minuten da das Erdbeben die Küsten von Portugall verheerete. Es wurden auch hin und wieder in eben diesem kurzen Zeitpunkte einige Erderschütterungen in weit entlegenen Ländern wahrgenommen. Allein sie geschahen fast alle dicht an der Seeküste. Zu Korck in Irrland, imgleichen zu Glückstadt und an einigen andern Orten die am Meere liegen, geschahen leichte Bebungen. Mayland ist vielleicht derjenige Ort der noch in der weitesten Entfernung von dem Seeufer an eben demselben Tage erschüttert worden. Eben diesen Vormittag um 8 Uhr tobte der Vesuvius bey Neapolis und ward stille gegen die Zeit da die Erschütterung zu Portugall geschahe.

Betrachtung über die Ursache dieser Wasserbewegung.

Die Geschichte hat kein Exempel von einer so weit ausgebreiteten und in dem Verlauf von wenigen Minuten zugleich gespührten Rüttelung aller Gewässer und eines grossen Theils der Erde. Man hat daher Behutsamkeit nöthig, um aus einem einzigen Vorfall die Ursache derselben abzunehmen. Man kan sich vornehmlich folgende Ursachen gedenken, welche die angeführte Naturbegebenheit hätten hervorbringen können. Entweder erstlich durch eine Bebung des Meergrundes allenthalben unmittelbar unter denjenigen Oertern wo die See in Rüttelung gerieth, und alsdenn müste man Grund angeben, woher die Feuerader die diese Bebungen hervor brachte bloß unter dem Boden der Seen fortgelaufen sey, ohne unter die Länder sich zu erstrecken, die mit diesen Meeren in naher Verbindung stehen und oft die Gemeinschaft derselben unterbrechen. Man würde sich durch die Frage betreten finden, woher die Erschütterung des Bodens, da sie von Glückstadt an der Nordsee bis zu Lübeck an der Ostsee, und an den mecklenburgischen Küsten sich ausgebreitet hat, nicht in Holstein empfunden worden, welches zwischen diesen Meeren mitten inne liegt und woselbst nur etwa eine gelinde Bebung dicht an dem Ufer des Gewässers verspührt worden, keine aber in dem innern des Landes. Am deutlichsten aber wird man durch die Wallung der weit von dem Meer entlegenen Waßer überführt, als des Sees bey Templin, derer in der Schweitz und anderer. Man kan leicht erachten daß, um ein Gewässer durch die Bebung des Bodens in ein so gewaltiges Aufwallen zu bringen, die Erschütterung gewiß nicht gering seyn müße. Warum aber haben diesen gewaltigen Stoß alle umliegende Länder nicht empfunden, unter welchen die Feuerader doch nothwendig muste fortgelaufen seyn? Man siehet leicht, daß alle Merkmale der Warheit dieser Meinung entgegen seyn. Eine Erschütterung die der dichten Masse der Erde selber durch einen an einem Orte geschehenen heftigen Schlag rund umher eingedrückt worden, so wie der Boden in einiger Entfernung bebt, wenn ein Pulverthurm springt, verliehrt in der Anwendung auf diesen Fall auch ganz und gar die Warscheinlichkeit, sowohl aus der schon angeführten Ursache, als wegen des entsetzlichen Umfanges, welcher wenn man ihn mit dem Umfange der ganzen Erde vergleicht einen so beträchtlichen Theil derselben ausmacht, daß deßen Bebung nothwendig eine Schüttelung der ganzen Erdkugel hätte nach sich ziehen müssen. Nun kan man sich aber aus dem  Büffon belehren, daß ein Ausbruch des unterirrdischen Feuers, welches ein Gebirge das 1700 Meilen lang und 40 breit wäre eine Meile hoch werfen könte, den Erdkörper nicht einen Daumen breit aus seiner Lage würde verrücken können.

Wir werden also die Ausbreitung dieser Waßerbewegung in einer Mittelmaterie zu suchen haben, die geschickter ist eine Erschütterung in grossen Weiten mitzutheilen, nemlich in dem Gewäßer der Meere selber, welches mit demjenigen im Zusammenhange steht das durch eine unmittelbare Bebung des Seegrundes in eine heftige und plötzliche Rüttelung versetzt worden.

Ich habe in den wöchentlichen Königsbergschen Anzeigen die Gewalt zu schätzen gesucht, womit das Meer durch den Schlag der von seinem Boden geschehenen Bebung in dem ganzen Umfange fortgetrieben worden, indem ich den erschütterten Platz des Seegrundes nur als ein Viereck angenommen, dessen Seite der Entfernung von Cap St. Vincent und Cap Finisterre, d. i. der Länge der westlichen Küsten von Portugall und Spanien gleich ist, und die Gewalt des auffahrenden Grundes wie die von einer Pulvermine angesehen, welche im Aufspringen vermögend ist die Körper die darüber befindlich sind 15 Fuß hoch zu werfen, und nach den Regeln nach denen die Bewegung in einem flüßigen Wesen fortgesetzt wird, sie an den Hollsteinischen Küsten stärker als den schnellsten anprellenden Strohm befunden. Laßt uns allhier die Gewalt, die es aus diesen Ursachen ausgeübt hat, noch aus einem andern Gesichtspunkte betrachten. Der Graf Marsigli hat die größte Tiefe des mittelländischen Meers durch das Senkbley über 8000 Fuß befunden, und es ist gewiß, daß das Weltmeer in gehöriger Entfernung vom Lande noch tiefer sey; wir wollen es aber hier nur 6000 Fuß d. i. 1000 Klafter tief annehmen. Wir wißen daß die Last womit eine so hohe Säule von Meereswaßer auf den Grund der See drückt, den Druck der Atmosphäre beynahe 200 mal übertreffen müsse, und daß sie die Gewalt womit das Feuer hinter einer Kugel her ist, die aus der Hölung einer Carthaune in der Zeit eines Pulsschlages 100 Klafter weit fortgeschleudert wird, noch weit übertreffe. Diese erstaunliche Last konte die Gewalt nicht zurücke halten, womit das unterirrdische Feuer den Meeresgrund schnell in die Höhe stieß, also war diese bewegende Gewalt grösser. Mit welchem Drucke wurde also das Waßer gepreßet um nach den Seiten plötzlich fortzuschießen, und ist es wohl zu verwundern wenn es in einigen Minuten in Finnland und zugleich in Westindien gespühret worden. Man kan gar nicht ausmachen wie groß die Grundfläche der unmittelbaren Erschütterung eigentlich gewesen seyn möge; sie wird vielleicht ungleich größer seyn als wir sie angenommen haben; aber unter den Meeren wo die Waßerbewegung ohne alles Erdbeben verspühret worden, an den Holländischen, Englischen, Norwegischen Küsten, und in der Ostsee ist sie gewiß nicht im Meeresgrunde anzutreffen gewesen. Denn alsdenn wäre das feste Land in seinem Innern gewiß mit erschüttert worden, welches aber gar nicht beobachtet worden.

Indem ich die heftige Erschütterung aller zusammenhängenden Theile des Oceans dem einzigen Stoße zuschreibe den sein Boden in einem gewissen Bezirke erlitten hat, so will ich darum die wirkliche Ausbreitung des unterirrdischen Feuers, unter dem festen Lande fast des gesamten Europens nicht geläugnet haben. Sie sind aller Warscheinlichkeit nach zu gleicher Zeit geschehen und haben an den Erscheinungen die sich eräugneten beyde Antheil gehabt, nur daß eine jede ins besondere nicht vor die einzige Ursache aller insgesammt anzusehen ist. Die Bebung des Waßers in der Nordsee, welche einen plötzlichen Stoß empfinden ließ, war nicht die Wirkung eines unter dem Grunde tobenden Erdbebens. Solche Erschütterungen müßten, um dergleichen Wirkung hervorzubringen, sehr heftig seyn und hätten also unter dem festen Lande sehr merklich müssen verspührt werden. Allein darum bin ich nicht in Abrede, daß selbst alles feste Land in eine leichte Schwänkung, durch eine schwache Kraft der unter seinem Boden entbrannten Dünste oder anderer Ursachen sey versetzt worden. Man sieht dieses an Meyland, das an diesem Tage mit der größten Gefahr eines gänzlichen Umsturzes bedrohet worden. Wir wollen also setzen, daß die Erde durch ein leichtes Schwanken in eine gelinde Bewegung gesetzt worden, die so groß gewesen, daß sie auf 100 Rheinl. Ruthen, das Erdreich um einen Zoll wechselsweise hin und her gewackelt hat: So wird diese Bewegung so unmerklich gewesen seyn, daß ein Gebäude von 4 Ruthen Höhe nicht um die Helfte eines Grans  d. i. um einen halben Meßerrücken aus der senkrechten Stellung dadurch hat gebracht werden können, welches selbst auf den höchsten Thürmen kaum merklich werden würde. Dagegen werden die Seen diese unempfindliche Bewegung sehr merklich haben machen müßen. Denn wenn ein See, z. E. nur 2 deutsche Meilen lang ist, so wird sein Waßer durch dieses geringe Wanken seines Bodens schon in eine recht starke Schauckelung versetzt werden; denn das Waßer hat alsdenn auf 14000 Zoll, ohngefehr ein Zoll Fall und einen Ablauf, der fast nur um die Helfte kleiner ist, als der Ablauf eines recht schnellen Flußes, wie die Waßerabwägung der Seine bey Paris uns belehren kan, welches nach etlichen hin und wieder geschehenen Schwingungen, dem Waßer wohl eine außerordentliche Rüttelung hat verursachen können. Wir können aber die Erdbewegung mit gutem Fug noch einmal so groß annehmen als wirs gethan haben, ohne daß es auf dem festen Lande füglich hätte gespührt werden können, und denn fällt die Bewegung der inländischen Seen um desto begreiflicher in die Augen.

Man wird sich also nicht mehr wundern, wenn alle inländische Seen in der Schweitz, in Schweden, in Norwegen und in Deutschland, ohne eine Erschütterung des Bodens zu fühlen, so unruhig und aufwallend erblicket worden. Man findet es aber etwas außerordentlicher, daß gewisse Seen bey dieser Unordnung gar versieget seyn, als der See bey Neuschatel, der bey Como, und der bey Meinungen, obgleich deren einige sich schon wieder mit Waßer angefüllet haben. Diese Begebenheit aber ist nicht ohne Exempel. Man hat einige Seen auf dem Erdboden die ganz ordentlich sich zu gewissen Zeiten, durch verborgene Canäle verlaufen, und zur gesetzten Zeit wiederkommen. Der Cirnitzer See im Herzogthum Crain ist ein merkwürdiges Beyspiel hievon. Er hat in seinem Boden einige Löcher, durch welche er aber nicht eher abfließt als um Jacobi, da er sich denn mit allen Fischen plötzlich verläuft, und nachdem er 3 Monathe lang seinen Boden als einen guten Weide und Ackerplatz trocken gelassen, gegen den Novembermonat sich plötzlich wieder einfindet. Man erklärt diese Naturbegebenheit sehr begreiflich durch die Vergleichung mit dem Diabetes der Hydraulick. Allein in unsern vorhabenden Fällen kann man leicht erachten, daß, da viele Seen durch unter ihrem Boden befindliche Qvelladern Zufluß bekommen, und diese, die in den umliegenden Anhöhen ihren Ursprung finden, nachdem die Wirkung der unterirrdischen Erhitzung und Ausdämpfung in den Hölungen, welche ihre Waßerhälter seyn, die Luft verschlungen, in dieselbe dadurch müssen zurückgezogen worden seyn, und selbst ein kräftiges Saugwerk abgegeben haben, den See mit hineinzuführen der, nach hergestelltem Gleichgewichte der Luft, seinen natürlichen Ausgang wieder gesucht. Denn daß ein Landsee wie die öffentliche Berichte von dem zu Meinungen haben erklären wollen, durch die unterirrdische Gemeinschaft mit dem Meere unterhalten werde, weil er keinen äußerlichen Zufluß von Bächen hat, ist sowohl wegen der dawieder streitenden Gesetze des Gleichgewichts, als auch wegen der Saltzigkeit des Meerwaßers, einer gar zu offenbahren Ungereimtheit ausgesetzt.

Die Erdbeben haben das schon als etwas gewöhnliches an sich, daß sie die Waßerqvellen in Unordnung bringen. Ich könnte hier ein ganz Register von verstopften und an andern Orten ausgebrochenen Qvellen, von recht hoch aus der Erde herausgeschossenem Springwaßer und dergleichen, aus der Geschichte anderer Erdbeben, anführen, allein ich bleibe bey meinem Gegenstande. Aus Frankreich hat man uns an einigen Orten berichtet, daß Qvellen verstopfet worden, und andere übermäßig viel Waßer gegeben haben. Der Töplitzer Brunn blieb aus, machte den armen Töplitzern bange, kam zuerst schlammigt, denn blutroth, zuletzt natürlich und stärker als vorher wieder. Die Verfärbung der Wasser in so vielen Gegenden, selbst im Königreiche Fetz, und in Frankreich ist meinem Erachten nach, der Vermischung, der durch die Erdschichten, wo die Qvellen ihren Durchgang haben, gedrungenen, mit Schwefel und Eisentheilchen in Gährung gerathenen Dämpfe zuzuschreiben. Wenn diese bis in das inwendige der Cisternen dringen, die den Ursprung des Brunnqvells enthalten, so treiben sie entweder ihn mit größerer Gewalt heraus, oder indem sie das Waßer in andere Gänge preßen, so verändern sie seinen Ausfluß.

Dieses sind die vornehmste Merkwürdigkeiten der Geschichte vom 1sten Nov. und der Waßerbewegung die die seltenste von ihren Umständen ist. Es ist mir überaus glaublich, daß die Erderschütterungen die sich deicht am Meeresufer, oder eines Waßers das damit Gemeinschaft hat, zugetragen haben, zu Cork in Irrland, in Glückstadt, und hin und wieder in Spanien, größten theils eben dem Drucke des gepreßten Meerwaßers zuzuschreiben sind, dessen Gewalt unglaublich groß seyn muß, wenn man die Heftigkeit womit es anschläget durch die Fläche multipliciret, worauf es trift, und ich bin der Meinung, das Unglück von Lissabon sey, so wie das von den meisten Städten der westlichen Küste Europens, der Lage zuzuschreiben, die es in Ansehung der beregten Gegend des Oceans gehabt hat, da dessen ganze Gewalt noch überdem in der Mündung des Tagus, durch die Enge eines Busens verstärkt, den Boden außerordentlich hat erschüttern müssen. Man mag urtheilen, ob die Erderschütterung lediglich in Städten die am Meeresufer liegen, würde deutlich haben vermerkt werden können, die doch in dem innern des Landes nicht empfindlich war, wenn nicht der Druck der Waßer einen Antheil an derselben gehabt hätte.

Noch ist die letzte Erscheinung dieser großen Begebenheit merkwürdig, da eine geraume Zeit, nemlich beynahe 1 bis 1½ Stunden nach dem Erdbeben, eine entsetzliche Aufthürmung der Waßer im Ocean, und eine Aufschwellung des Tagus, die wechselsweise 6 Fuß höher als die höchste Fluth stieg, und bald darauf fast so viel niedriger als die niedrigste Ebbe fiel, gesehen wurde. Diese Bewegung des Meeres die eine geraume Zeit nach dem Erdbeben, und nach dem ersten entsetzlichen Drucke der Waßer sich eräugnete, vollendete auch das Verderben der Stadt Setuval, indem es über deren Trümmer sich erhob, und was die Erschütterung verschonet hatte, völlig aufrieb. Wenn man sich vorhero von der Heftigkeit, des durch den bewegten Meeresgrund fortgeschoßenen Seewaßers, einen rechten Begriff gemacht hat, so wird man sich leicht vorstellen können, daß es mit Gewalt wieder zurückkehren müsse, nachdem sich sein Druck in alle die unermeßliche Gegenden umher ausgebreitet hatte. Die Zeit seiner Wiederkehr hänget von dem weiten Umfange ab, in welchem es um sich her gewirkt hat, und seine Aufwallung vornemlich an den Ufern, muß nach Maasgebung derselben, auch eben so fürchterlich gewesen seyn 

In dem Hafen zu Husum war diese Aufwallung des Waßers auch zwischen 12 und 1 also um eine Stunde später als der erste Stoß der Gewäßer in der Nordsee wargenommen.

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Das Erdbeben vom 18ten Novembr.

Von dem 17ten bis zum 18ten eben dieses Monats, berichteten die öffentliche Nachrichten, eine nahmhafte Erderschütterung, an den Küsten sowohl von Portugal als Spanien und in Afrika. Den 17ten des Mittags war sie in Gibraltar an der Meerenge des Mittelländischen Meeres, und gegen Abend zu Whitehaven in Yorkshirn in England zu spühren. Den 17ten auf den 18ten war sie schon in den englischen Pflanzstädten von Amerika. Denselben 18ten wurde es auch in der Gegend von Aqvapendente, und della Grotta in Italien heftig gefühlet. 

Imgleichen zu Glowson in der Grafschaft Hertford wo es bey einen heftigen Getöse einen Abgrund eröfnete, welcher ein sehr tiefes Waßer in sich enthielte.

Das Erdbeben vom 9ten Decembr.

Nach dem Zeugniße der öffentlichen Nachrichten, hat Lissabon keine so heftige Anfälle der Erschütterung seit dem 1ten Nov. erlitten, als diejenige vom 9ten Decembr. Es wurde dieses an den südlichen Küsten von Spanien, an selbigen von Frankreich, durch die Schweitzergebirge, Schwaben, Tyrol bis in Bäyern verspühret. Es durchstrich von Südwesten nach Nordosten, gegen 300 deutsche Meilen, und indem es sich in der Richtung derjenigen Kette von Bergen hielt, die die oberste Höhe des festen Landes von Europa seiner Länge nach durchlaufen, breitete es sich nicht sehr seitwerts aus. Die sorgfältigsten Erdbeschreiber, Varen , Büffon, Lulof bemerken, daß, gleich wie alles Land, welches mehr in die Länge als Breite sich erstreckt, in der Richtung seiner Länge von einem Hauptgebirge durchlaufen wird, also der vornehmste Strich der Gebirge Europens aus einem Hauptstamme, nemlich den Alpen gegen Westen, durch die südliche Provinzen von Frankreich mitten durch Spanien, bis an das äußerste Ufer von Europa gegen Abend sich erstrecke, obgleich es unterwegens ansehnliche Nebenäste ausschießet, und eben so ostwerts, durch die tyrolische und andere weniger ansehnliche Berge, zuletzt mit den Carpatischen zusammen stößt.

Diese Richtung durchlief das Erdbeben in demselben Tage. Wenn die Zeit der Erschütterung eines jeden Orts richtig aufgezeichnet wäre, so würde man die Schnelligkeit einigermaaßen schätzen, und die Gegend der ersten Entzündung warscheinlich bestimmen können, nun sind aber die Nachrichten so wenig zusammenstimmend, daß in Ansehung dessen auf nichts sich zu verlassen ist.

Ich habe schon sonsten angeführt, daß die Erdbeben gemeiniglich wenn sie sich ausbreiten, den Strich der höchsten Gebirge halten, und zwar durch ihre ganze Erstreckung, ob diese sich gleich, je mehr sie sich dem Meeresufer näheren desto mehr erniedrigen. Die Richtung langer Flüße bezeichnet sehr gut die Richtung der Gebirge, als zwischen deren neben einander laufenden Reihen dieselbe, als in dem untersten Theile eines langen Thales fortlaufen. Dieses Gesetz der Ausbreitung der Erdbeben ist keine Sache der Speculation oder Beurtheilung, sondern etwas das durch Beobachtungen vieler Erdbeben ist bekannt worden. Man muß sich desfalls an die Zeugnisse des Raj , Buffon, Gentil  u. s. w. halten. Allein dieses Gesetze hat soviel innere Wahrscheinlichkeit, daß es auch von sich selber sich leichtlich Beyfall erwerben muß. Wenn man bedenkt, daß die Oeffnungen dadurch das unterirrdische Feuer Ausgang sucht, nirgend anders als in den Gipfeln der Berge sind, daß man niemals in den Ebenen feuerspeiende Schlünde wahrgenommen, daß in Ländern wo die Erdbeben gewaltig und häufig seyn, die mehresten Berge weite Rachen enthalten die zum Auswurfe des Feuers dienen und daß, was unsere Europäische Berge betrifft, man sonst nirgends als in ihnen geraumige Hölungen entdeckt, die ohne Zweifel in einem Zusammenhange stehen, wenn man hiezu noch den Begriff von der Erzeugung aller dieser unterirrdischen Wölbungen anwendet, von der oben geredet worden, so wird man keine Schwierigkeit in der Vorstellung finden, wie die Entzündung vornemlich unter der Kette an Bergen, die die Länge von Europa durchlaufen, offene und freye Gänge antreffen könne, um darinn sich schneller als nach andern Gegenden auszubreiten.

Selbst die Fortsetzung des Erdbebens vom 18ten Nov. aus Europa nach Amerika unter dem Boden eines weiten Meeres, ist in dem Zusammenhange der Kette von Bergen zu suchen, die ob sie gleich in der Fortsetzung so niedrig werden, daß sie von dem Meere bedeckt sind, dennoch auch daselbst Berge bleiben, denn wir wissen daß auf dem Boden des Oceans eben so wohl Gebirge als auf dem Lande anzutreffen seyn; und in dieser Art müssen die Azorischen Inseln mit in diesen Zusammenhang gesetzt werden, die auf dem halben Wege zwischen Portugall und Nordamerika angetroffen werden.

Das Erdbeben vom 26ten Decembr.

Nachdem die Erhitzung der mineralischen Materien den Hauptstamm der höchsten Gebirge von Europa, nemlich die Alpen durchdrungen war, so öfnete sie sich auch die engere Gänge unter der Reihe der Berge, welche von Süden nach Norden rechtwinklicht auslaufen, und erstreckte sich in der Richtung des Rheinstroms, welcher, wie überhaupt alle Flüße, ein langes Thal zwischen zwey Reihen von Bergen einnimmt, aus der Schweitz bis an die Nordsee. Es erschütterte auf der Westseite des Flußes die Landschaften Elsaß, Lothringen, das Churfürstenthum Cöln, Brabant, und die Picardie und an der Ostseite Cleve, einen Theil von Westphalen und vermuthlich noch einige an dieser Seite des Rheins belegene Länder, wovon die Nachrichten nichts nahmentlich gemeldet haben. Es hielt offenbar den Strich mit der Richtung dieses großen Flußes Parallel und breitete sich nicht weit davon zu den Seiten aus.

Man wird fragen wie man es mit dem obigen zusammenreimen kan, daß es bis in die Niederlande gedrungen, welche doch ohne sonderliche Berge seyn. Allein es ist genug, daß ein Land in einem unmittelbaren Zusammenhange mit gewissen Reihen von Bergen stehe, und als eine Fortsetzung davon anzusehen sey, um die unterirrdische Entzündung bis unter diesem sonst niedrigen Boden fortzusetzen, denn es ist gewiß, daß alsdenn die Kette der Hölungen sich auch bis unter denselben erstrecken werde, gleichwie sie wie schon angeführt, selbst unter dem Meeresgrunde fortgehet.

Von den Zwischenzeiten die binnen einigen auf einander folgenden Erdbeben verlaufen.

Wenn man die Folge der nach einander vorgegangenen Erschütterungen mit Aufmerksamkeit betrachtet, so könte man, wenn man es wagen wolte zu muthmassen, einen Periodus herausbringen, in welchem die Entzündung nach einem Zwischenstillstande aufs neue ausgebrochen ist. Wir finden nach dem 1sten Novembr. noch eine sehr heftige Erschütterung in Portugall auf den 9ten, imgleichen auf den 18ten da sie sich nach England, Italien, Afrika und selbst bis in Amerika erstreckte. Den 27ten ein starkes Erdbeben an den südlichen Küsten von Spanien vornemlich in Malaga. Von dieser Zeit an dauerte es 13 Tage, bis es den 9ten Dec. die ganze Strecke von Portugall bis in Bayern von Südwesten nach Nordosten traf, und seit diesem nach einem Verlauf von 18 Tagen, nemlich den 26ten auf den 27ten Decembr. erschütterte es die Breite von Europa von Süden nach Norden 

Den 21ten war es in Lissabon sehr heftig, den 23ten in den Gebirgen von Roußillon und dauerte daselbst bis zum 27ten. Es ist hieraus zu sehen, daß es wiederum von Südwesten angefangen und zwar eine weit längere Zeit zur Ausbreitung bedurft hat. Und wenn man den Entzündungsplatz, wie aus den ganzen Verlauf des Erdbebens klar ist, in den Ocean von Portugall gegen Abend setzt, so hängt der Anfang desselben mit dem berührten Periodus ziemlich zusammen.

, so daß überhaupt ein ziemlich richtiger Zeitlauf von 9, oder 2mal 9 Tagen, zwischen den wiederholten Entzündungen verlaufen ist, wenn man diejenige Zeit ausnimmt die es angewandt hat, bis in das innerste der Gebirge unseres festen Landes zu dringen, und den 9ten Decembr. die Alpen und die ganze Kette ihrer Verlängerung zu bewegen. Ich führe dieses nicht zu dem Ende an, um etwas daraus zu folgern, weil die Nachrichten dazu gar zu wenig zuverläßig sind, sondern um bey ähnlichen Vorfällen Anlaß zur genauern Beobachtung und zum Nachsinnen zu geben.

Ich will hier nur überhaupt etwas von den wechselsweise nachlassenden und wiederum anhebenden Erschütterungen anführen. Herr Bouguer, einer von den Abgeordneten der Königl. Acad. der Wißensch. zu Paris nach Peru, hatte die Unbeqvemlichkeit in diesem Lande neben einem feuerspeyenden Berge sich aufzuhalten, dessen donnerndes Getöse ihm keine Ruhe ließ. Die Beobachtung die er hiebey machte konte ihm davor einige Genugthuung seyn, indem er bemerkte daß der Berg immer in gleichen Zwischenzeiten ruhig ward, und das toben desselben ordentlich mit gewechselten Ruhepunkten auf einander folgte. Die Bemerkung, die Mariotte bey einem Kalkofen machte, welcher eingeheitzet war, und bald die Luft aus einem offenen Fenster ausstieß, bald darauf wieder zurück zog, wodurch er der Respiration der Thiere gewissermaaßen nachahmete, hat hiemit große Aehnlichkeit, beyde beruhen auf folgenden Ursachen. Wenn das unterirrdische Feuer in Entzündung geräth so stößt es alle Luft aus den Hölen umher von sich. Wo diese Luft nun, die mit den feurigen Theilen angefüllet ist eine Oefnung findet, z. E. in dem Rachen eines feuerspeyenden Berges, da fährt sie alsdenn hinaus und der Berg wirft Feuer aus. Allein so bald die Luft aus dem Umfange des Heerdes der Entzündung verjagt ist, so läßt die Entzündung nach, denn ohne Zugang der Luft verlöscht alles Feuer; alsdenn tritt die verjagte Luft, da die Ursache die sie vertrieben hatte aufhöret, wieder in ihren Platz zurück und wecket das erloschene Feuer auf, auf solche Weise wechseln die Ausbrüche eines feuerspeyenden Berges, in gewissen Zwischenzeiten richtig nach einander ab. Eben die Bewandniß hat es mit den unterirrdischen Entzündungen, auch selbst da wo die ausgedehnte Luft keinen Ausgang durch die Klüffte der Berge gewinnen kan. Denn wenn die Entzündung an einem Orte in den Hölen der Erde ihren Anfang nimmt, so stößt sie die Luft mit Heftigkeit in einem großen Umfange, in alle die Gänge der unterirrdischen Wölbungen fort, die damit Zusammenhang haben. In diesem Augenblicke ersticket das Feuer selbst durch den Mangel der Luft. Und so bald eben diese ausdehnende Gewalt der Luft nachläßt, so kehrt diejenige die in allen Hölen ausgebreitet war mit großer Gewalt zurück, und fachet das erloschene Feuer zu einem neuen Erdbeben an. Es ist merkwürdig daß Vesuvius, welcher, als die Gährungen in dem innern der Erde recht angingen, durch den Ausgang, der durch seinen Schlund getriebenen Luft in Bewegung und Feuer gebracht war, eine kurze Zeit darauf plötzlich nachließ, da das Erdbeben bey Lissabon geschehen war, denn da drang alle mit diesen Grüften in einigem Zusammenhange stehende Luft, und selbst die so über dem Gipfel des Vesuvius befindlich ist, durch alle Canäle zu dem Feuerheerde der Entzündung, wo die Verminderung der Ausspannungskraft der Luft ihr den Zugang verstattete. Was vor ein erstaunlicher Gegenstand! Einen Camin sich vorzustellen welcher durch Luftöfnungen die 200 Meilen davon entlegen seyn sich einen Zug verschaffet.

Eben dieselbe Ursache ist es auch welche unterirrdische Sturmwinde in den Grüften der Erde hervorbringen muß, deren Gewalt alles was wir auf der Oberfläche der Erde verspühren weit übertreffen wird, wenn die Lage und Verknüpfung der Hölen sich zu ihrer Ausbreitung anschicket. Das Getöse, das bey dem Fortgange eines Erdbebens unter den Füßen verspühret worden, ist vermuthlich keiner andern Ursache als eben dieser zuzuschreiben.

Eben dieses läßt uns warscheinlich vermuthen, daß eben nicht alle Erdbeben dadurch verursacht werden, daß die Entzündung gerade unter dem Boden geschiehet welcher erschüttert wird; sondern daß die Wuth dieser unterirrdischen Stürme das Gewölbe, welches über ihnen ist in Bewegung setzen könne, woran man desto weniger zweifeln wird, wenn man bedenket: daß eine viel dichtere Luft als diejenige ist die sich auf der Oberfläche der Erde befindet, durch weit plötzlichere Ursachen als diese in Bewegung gesetzt, und zwischen Gängen die ihre Ausbreitung verhindern, verstärket, eine unerhörte Gewalt ausüben könne. Es ist also muthmaßlich, daß die gringe Wankung des Bodens in dem größten Theil von Europa bey der heftigen Entzündung die am 1ten Nov. in der Erde vorging, vielleicht von nichts als dieser gewaltsamer Weise bewegten unterirrdischen Luft herzuleiten sey, die als ein heftiger Sturmwind den Boden der seiner Ausbreitung wiederstand gelinde erschütterte.

Von dem Heerde der unterirrdischen Entzündung, und den Oertern so den meisten und gefährlichsten Erdbeben unterworfen sind.

Durch die Vergleichung der Zeit ersehen wir, daß der Entzündungsplatz bey dem Erdbeben vom 1ten Nov. in dem Boden der See gewesen. Der Tajo der schon vor der Erschütterung aufschwoll, der Schwefel den Seefahrende mit dem Senkbley aus dem erschütterten Grunde brachten, und die Heftigkeit der Stöße die sie fühlten, bestätigen es. Die Geschichte vormaliger Erdbeben giebt es auch deutlich zu erkennen, daß in dem Meeresgrunde jederzeit die fürchterlichste Erschütterungen vorgefallen sind, und nechst diesen in den Oertern welche an dem Seeufer oder nicht weit davon entfernet liegen. Zum Beweise des ersteren führe ich die tobende Wuth an, womit die unterirrdische Entzündung oft neue Inseln aus dem Boden des Meeres erhoben hat, und z. E. im Jahr 1720 nahe bey der Insel St. Michael einer von den Azorischen, aus einer Tiefe von 60 Klafter, durch den Auswurf der Materie, aus dem Grunde der See eine Insel auswarf, die 1 Meile lang und etliche Klafter über dem Meere erhoben war. Die Insel bey Santorino im mittelländischen Meer, die in unserm Jahrhundert vor den Augen vieler Menschen aus dem Meeresgrunde in die Höhe kam, und viele andere Beyspiele die ich der Weitläuftigkeit wegen übergehe, sind unverwerfliche Beweise hievon.

Wie oft erleiden nicht die Schiffer ein Seebeben; und es sind in einigen Gegenden vornemlich in der Nachbarschaft gewisser Inseln, die Meere mit den Bimsteinen und anderer Gattung vom Auswurfe, eines durch den Boden des Oceans ausgebrochenen Feuers genugsam angefüllet. Die Bemerkung der häufigen Erschütterungen des Seegrundes hängt mit der Frage natürlicher Weise zusammen; woher unter allen Oertern desfesten Landes keine heftigern und öfterern Erdbeben unterworfen sind, als diejenige die nicht weit vom Meeresufer liegen. Dieser letztere Satz hat eine unzweifelhafte Richtigkeit: Laßt uns die Geschichte der Erdbeben durchlaufen, so finden wir unendlich viel Unglücksfälle, die Städten oder Ländern durch Erdbeben wiederfahren sind, welche nahe beym Seeufer liegen, aber sehr wenige und alsdenn von geringer Erheblichkeit, welche in der Mitte des festen Landes wahrgenommen worden. Die alte Geschichte berichtet uns schon entsetzliche Verheerungen, die dieses Unheil an den Meeresküsten von klein Asien oder Afrika verübt hat. Wir finden aber weder darunter noch unter den neuern beträchtliche Erschütterungen in der Mitte großer Länder. Italien welches eine Halbinsel ist, die mehresten Inseln aller Meere, der Theil von Peru der am Meeresufer liegt, erleiden die gröste Anfälle dieses Uebels. Und noch in unsern Tagen sind alle westliche und südliche Küsten von Portugall und Spanien weit mehr erschüttert worden, als das innere des festen Landes. Ich gebe von beyden Fragen folgende Auflösung.

Unter allen fortgehenden Hölen die unter der obersten Rinde der Erde begriffen sind, müssen diejenige ohne Zweifel die engsten seyn die unter dem Meergrunde fortlaufen, weil daselbst der fortgesetzte Boden des festen Landes in die größte Tiefe herabgesunken ist, und weit niedriger auf seiner untersten Grundlage ruhen muß, als die Oerter die gegen die Mitte des Landes hinliegen. Nun ist es aber bekannt, daß in engen Hölen eine entzündete, sich ausdehnende Materie, heftiger um sich wirken müße als wo sie sich ausbreiten kan. Ueberdem ist es natürlich zu glauben, daß, da bey der unterirrdischen Erhitzung nicht zu zweifeln ist, die aufwallende mineralischen und entzündbare Materien werden sehr öfters in Fluß gerathen seyn, wie die Schwefelströhme und die Lava, die aus den feuerspeyenden Bergen oft ergoßen worden, es bezeugen können, und werden daher wegen des natürlichen Abhanges des Bodens, der unterirrdischen Grüfte nach den niedrigsten Hölen des Meeresgrundes jederzeit abgefloßen seyn, und also wegen des häufigen Vorraths der entzündbaren Materie hier häufigere und gewaltigere Erschütterung sich zutragen müssen.

Hr.  Bouguer muthmaaßet mit Recht, daß das durchdringen des Meerwaßers, durch Eröfnung einiger Spalten in dem Boden desselben, die zur Erhitzung natürlich geneigte mineralische Materien, in die heftigste Aufwallung bringen müsse. Denn wir wissen daß nichts das Feuer erhitzter Mineralien in entsetzlichere Wuth versetzen kan, als der Zufluß des Waßers, welches das toben desselben so lange vermehrt bis seine sich nach allen Seiten ausbreitende Gewalt, dem ferneren Zugang deßelben, durch den Auswurf aller irrdischen Materien und Verstopfung der Oefnung gewehret hat.

Meinem Erachten nach rühret die vorzügliche Heftigkeit, womit ein am Meeresufer liegender Grund erschüttert wird, zum Theil ganz natürlicher Weise von dem Gewicht her, womit das Meereswaßer seinen damit benachbarten Boden belastet. Denn jedermann siehet leichtlich ein, daß die Gewalt, womit das unterirrdische Feuer dieses Gewölbe, worauf eine so erstaunliche Last ruhet, zu erheben trachtet, sehr müße zurück gehalten werden, und in dem es hier keinen Raum seiner Ausbreitung vor sich findet, seine ganze Gewalt gegen den Boden des trockenen Landes kehren müsse welcher damit zunechst verbunden ist.

Von der Richtung nach welcher der Boden durch ein Erdbeben erschüttert wird.

Die Richtung nach welcher das Erdbeben sich in weite Länder ausbreitet, ist von derjenigen unterschieden, nach welcher der Boden erschüttert wird, an dem es seine Gewalt ausübet. Wenn die oberste Decke der verborgenen Gruft, darinn die entzündete Materie sich ausdehnet, eine horizontale Richtung hat, so muß er wechselweise in senkrechter Stellung gehoben und gesenkt werden, weil nichts ist was die Bewegung mehr nach einer als nach der andern Seite lenken könnte. Ist aber die Erdlage welche die Wölbung ausmacht nach einer Seite geneigt, so treibt die erschütternde Kraft des unterirrdischen Feuers sie auch mit einer schiefen Richtung gegen den Horizont in die Höhe, und man kan die Richtung abnehmen nach welcher die Wankung des Bodens jederzeit geschehen muß, wenn diejenige allemal sicher bekannt wäre, nach welcher die Schichte der Erde abhängt, unter welcher die Feuergruft befindlich ist. Der Abhang der obersten Fläche des erschütterten Bodens, ist kein sicheres Merkmal von der schiefen Stellung, die das Gewölbe in seiner ganzen Dicke hat; denn die Erdlagen welche oben aufliegen können mannigfaltige Beugungen und Hügel machen, nach denen sich die unterste Grundlage gar nicht richtet. Büffon ist der Meinung: daß alle verschiedene Schichten die auf der Erden gefunden werden, einen allgemeinen Grundfels zur Base haben, der alle beschlossene tiefe Hölungen von oben decket, und dessen einige Theile auf den Gipfeln hoher Berge gemeiniglich entblößt seyn, wo Regen und Sturmwinde die lockere Substanz völlig abgespühlt haben. Diese Meinung bekommt durch das, was die Erdbeben zu erkennen geben viel Wahrscheinlichkeit. Denn eine dermaaßen wütende Gewalt, als die Erdbeben ausüben, würde eine andere als felsigte Wölbung durch die ofters erneuerte Anfälle längst zertrümmert und aufgerieben haben.

Der Abhang dieser Wölbung ist an dem Meeresufer ohne Zweifel nach dem Meere hin geneigt, und also nach derjenigen Richtung abschießig, nach welcher das Meer dem Orte liegt. An dem Ufer eines großen Flußes muß sie in der Richtung abschüßig seyn wohin der Ablauf des Strohmes gehet; denn wenn man die sehr lange und öfters einige hundert Meilen übertreffende Strecken betrachtet, die die Flüße auf dem festen Lande durchlaufen, ohne daß sie stehende Pfützen oder Seen unterwegens machen: so kan man diesen einförmigen Abhang wohl durch nichts anders erklären, als durch diejenige überaus feste Grundlage, die, indem sie ohne vielfältige Einbeugungen sich einförmig zu dem Meeresgrunde hinneiget, dem Fluße eine schiefe Fläche zum Ablaufe verschaffet. Daher ist zu vermuthen: daß die Schwankung des Bodens einer erschütterten Stadt, die an einem großen Fluße liegt, in der Richtung dieses Flußes, als im Tajo von Abend und Morgen geschehen werde 

Gleichwie ein Fluß eine abhängende Schiefe gegen das Meer hin hat, so haben die Länder zu den Seiten einen Abhang zu seinem Bette. Wenn dieses letztere selbst von der ganzen Erdschichte gilt, und diese in der größten Tiefe eben solche Abschießigkeit besitzet, so wird die Richtung der Erderschütterung auch durch diese bestimmt werden.

; derjenigen aber die am Meeresufer liegt, in der Richtung nach welcher dieses zum Meere sich neiget. Ich habe an einem andern Orte angeführet was die Lage des Bodens dazu beytragen kan, eine Stadt, deren Hauptstraßen in eben der Richtung fortgehen als dieser abschießig ist, bey einem vorfallenden Erdbeben völlig zu zerstöhren. Diese Anmerkung ist nicht ein Einfall der bloßen Vermuthung; es ist eine Sache der Erfahrung. Gentil , der selbst von sehr vielen Erdbeben gute Kenntnisse einzuholen Gelegenheit hatte, berichtet dieses als eine Beobachtung die durch viele Exempel bestätigt worden: daß wenn die Richtung nach der der Boden erschüttert wird, mit der Richtung nach welcher die Stadt erbauet ist gleichläuft, sie ganz und gar umgeworfen werde, anstatt daß, wenn sie diese rechtwinklicht durchschneidet, weniger Schade geschieht.

Die Historie der Königl. Akad. zu Paris berichtet: daß da Smyrna, welches an dem ostlichen Ufer des mittelländischen Meeres liegt, im Jahr 1688 erschüttert wurde, alle Mauren die die Richtung von Osten nach Westen hatten eingestürzt wurden, und die so von Norden nach Süden erbauet waren stehen blieben.

Der erschütterte Boden macht nemlich einige Schwankungen, und beweget alles was auf ihm der Länge nach in der Richtung der Schwankung aufgeführt ist, am stärcksten. Alle Körper die eine große Beweglichkeit haben, z. E. die Kronleuchter in den Kirchen pflegen bey den Erdbeben die Richtung, nach der die Stöße geschehen, anzuzeigen und sind weit sicherere Merkmaale vor eine Stadt, um die Lage daraus abzunehmen, nach welcher sie sich anbauen muß, als die schon angeführte etwas zweifelhaftere Kennzeichen.

Von dem Zusammenhange der Erdbeben mit den Jahreszeiten.

Der schon mehrmals angeführte französische Akademist, Hr.  Bouguer, führt in seiner Reise nach Peru an, daß wenn die Erdbeben in diesem Lande zu allen Jahreszeiten oft genug geschehen, dennoch die fürchterlichsten und häufigsten in den Herbstmonaten gegen das Ende des Jahres gefühlet werden. Diese Beobachtung findet nicht allein in Amerika zahlreiche Bestätigungen, indem, außer dem Untergange der Stadt Lima vor 10 Jahren und der Versinkung einer andern eben so volckreichen im vorigen Jahrhundert, sehr viel Exempel davon bemerket worden, sondern auch in unserm Welttheil finden wir außer dem letztern Erdbeben noch viele Beyspiele in der Geschichte, von Erschütterung und Auswürfen feuerspeyender Berge, die sich häufiger in den Herbstmonaten als in irgend einer andern Jahreszeit zugetragen haben. Solte nicht eine gemeinschaftliche Ursache diese Uebereinstimmung veranlassen, und auf welche kan man füglicher die Vermuthung werfen, als auf die Regen die in Peru in dem langen Thale, zwischen den Cordillerischen Gebirgen vom September bis in den April dauren, und die auch um die Herbstzeit bey uns am häufigsten seyn? Wir wissen daß, um einen unterirrdischen Brand zu veranlassen, nichts nöthig sey als die mineralische Materien in den Hölen der Erde in Gährung zu bringen. Dieses thut aber das Wasser, wenn es sich durch die Klüfte der Berge hindurch geseigert hat und in den tiefen Gängen sich verläuft. Die Regen haben die Gährung zuerst gereitzet, die in der Mitte des Octobers so viel fremde Dämpfe aus dem inwendigen der Erde herausstieß. Allein eben diese lokten dem Luftkreise noch mehr naße Einflüße ab, und das Waßer das durch die Felsenritzen bis in die tiefsten Grüfte hineindrang, vollendete die angefangene Erhitzung.

Von dem Einfluß der Erdbeben in den Luftkreis.

Wir haben oben ein Beyspiel von Wirkungen gesehen, die die Erderschütterungen auf unsere Luft haben. Es ist zu glauben, daß von den Ausbrüchen der unterirrdischen erhitzten Dämpfe mehr Naturerscheinungen abhängen als man sich wohl gemeiniglich einbildet. Es wäre kaum möglich, daß in den Witterungen eine solche Unregelmäßigkeit und so wenig übereinstimmendes anzutreffen wäre, wenn nicht fremde Ursachen bisweilen in unsere Atmosphäre träten, und ihre richtige Veränderungen in Unordnung brächten. Kan man sich wohl einen wahrscheinlichen Grund gedenken, warum, da der Lauf der Sonne und des Mondes an seine immer sich selbst ähnliche Gesetze gebunden ist, da Waßer und Erde, wenn man es im Großen nimmt, immer überein bleiben, doch der Ablauf der Witterungen, auch selbst in einem Auszug vieler Jahre, fast immer anders ausfällt. Wir haben seit der unglücklichen Erschütterung und kurz vor derselben eine so abweichende Witterung durch unsern ganzen Welttheil gehabt, daß man entschuldigt werden kan, wenn man desfalls einige Vermuthung auf die Erdbeben wirft. Es ist wahr, man hat wohl ehedem warme Winterwitterung gehabt, ohne daß einiges Erdbeben vorhergegangen; aber ist man denn sicher, daß nicht eine Gährung in dem innern der Erde sehr oft Dämpfe durch die Felsenklüfte, die Spalten der Erdschichten, und selbst durch derselben lockere Substanz hindurch getrieben habe, die da nahmhafte Veränderungen im Luftkreise nach sich haben ziehen können? Musschenbroeck , nachdem er bemerket hat, daß nur in diesem Jahrhundert und zwar seit 1716 recht helle Nordlichter in Europa und bis in dessen südlichen Ländern gesehen worden, hält vor die wahrscheinlichste Ursache dieser Veränderung in dem Luftkreise, daß die feuerspeyende Berge und die Erdbeben, die einige Jahre vorher häufig gewütet hatten, entzündbare und flüchtige Dünste ausgestossen, die durch den natürlichen Abfluß der obersten Luft nach Norden sich dahin gehäufet, und die feurige Lufterscheinungen hervorgebracht, die seit dem so häufig sind gesehen worden, und daß sie vermuthlich sich nach und nach verzehren müssen, bis neue Aushauchungen den Abgang wiederum ersetzen.

Diesen Grundsätzen nach, laßt uns untersuchen ob es nicht der Natur gemäß sey, daß eine veränderte Witterung, wie diejenige die wir gehabt haben, eine Folge von jener Catastrophe seyn könne. Die helle Winterwitterung, und die Kälte die sie begleitet, ist nicht lediglich eine Folge von der größern Entfernung der Sonne von unserm Scheitelpunkte zu dieser Jahreszeit; denn wir empfinden es oft, daß dem ungeachtet die Luft sehr gemäßigt seyn könne; sondern der Zug der Luft aus Norden, der auch zu Zeiten in einen Ostwind ausschlägt, bringt uns eine erkältete Luft bis aus der Eiszone her, die unsere Gewäßer mit Eis belegt und uns einen Theil von dem Winter des Nordpols fühlen läßt. Dieser Zug der Luft von Norden nach Süden ist in den Herbst- und Wintermonaten so natürlich, wenn ihn nicht fremde Ursachen unterbrechen, daß in dem Ocean in genugsahmer Entfernung von allem festen Lande, dieser Nord oder Nordostwind die gantze Zeit hindurch ununterbrochen angetroffen wird. Er rührt auch ganz natürlich von der Wirkung der Sonne her, die alsdenn über der südlichen Halbkugel die Luft verdünnet, und dadurch der nordlichen ihren Herbeyzug verursachet: so daß dieses als ein beständiges Gesetze angesehen werden muß, welches durch die Beschaffenheit der Länder wohl einigermaaßen verändert, aber nicht aufgehoben werden kan. Wenn nun unterirrdische Gährungen erhitzte Dämpfe irgendwo in den Ländern, die uns nach Süden liegen ausstossen: so werden diese anfänglich die Höhe des Luftkreises in der Gegend wo sie aufsteigen dadurch verringern, daß sie ihre Ausspannungskraft schwächen und Platzregen, Orkane u. d. g. verursachen. Allein in der Folge wird dieser Theil der Atmosphäre, da er mit so viel Dünsten beladen ist, die benachbarte durch sein Gewicht bewegen und einen Zug der Luft von Süden nach Norden verursachen. Da nun aber die Bestrebung des Luftkreises von Norden nach Süden in unserem Erdstriche bey dieser Jahreszeit natürlich ist, so werden diese beyde gegeneinander streitende Bewegungen sich aufhalten, und erstlich eine trübe regnichte Luft, wegen der zusammen getriebenen Dünste, dabey aber doch einen hohen Stand des Barometers 

Dergleichen bey dieser naßen Winterwitterung fast beständig bemerkt worden.

nach sich ziehen, weil die durch den Streit zweyer Winde zusammengedrückte Luft eine hohe Säule ausmachen muß; und man wird dadurch sich in die scheinbare Unrichtigkeit der Barometer finden lernen, wenn bey hohem Stande derselben doch regenhaftes Wetter ist, denn alsdenn ist eben diese Näße der Luft eine Wirkung zweyer einander entgegen streitenden Luftzüge, welche die Dünste zusammentreiben und dennoch die Luft ansehnlich verdichten und schwerer machen können.

Ich kan nicht mit Stillschweigen übergehen: daß an dem schrecklichen Tage Allerheiligen die Magnete in Augspurg ihre Last abgeworfen haben und die Magnetnadeln in Unordnung gebracht worden. Boyle berichtet schon, daß einsmals nach einem Erdbeben in Neapel eben dergleichen vorgegangen. Wir kennen die verborgene Natur des Magnets zu wenig, um von dieser Erscheinung Grund angeben zu können.

Von dem Nutzen der Erdbeben.

Man wird erschrecken eine so fürchterliche Strafruthe der Menschen von der Seite der Nutzbarkeit angepriesen zu sehen. Ich bin gewiß, man würde gerne Verzicht darauf thun, um nur der Furcht und der Gefahren überhoben zu seyn, die damit verbunden sind. So sind wir Menschen geartet. Nachdem wir einen wiederrechtlichen Anspruch auf alle Annehmlichkeit des Lebens gemacht haben, so wollen wir keine Vortheile mit Unkosten erkaufen. Wir verlangen der Erdboden soll so beschaffen seyn: daß man wünschen könte darauf ewig zu wohnen. Ueber dieses bilden wir uns ein, daß wir alles zu unserm Vortheil besser regieren würden, wenn die Vorsehung uns darüber unsere Stimme abgefragt hätte. So wünschen wir z. E. den Regen in unserer Gewalt zu haben, damit wir ihn nach unserer Beqvemlichkeit das Jahr über vertheilen könten, und immer angenehme Tage zwischen den trüben zu genießen hätten. Aber wir vergessen die Brunnen, die wir gleichwohl nicht entbehren könnten, und die doch auf solche Art gar nicht würden unterhalten werden. Eben so wissen wir den Nutzen nicht, den uns eben die Ursachen verschaffen könnten die uns in den Erdbeben erschrecken, und wolten sie doch gerne verbannet wissen.

Als Menschen, die gebohren waren um zu sterben, können wir es nicht vertragen daß einige im Erdbeben gestorben sind, und als die hier Fremdlinge sind und kein Eigenthum besitzen, sind wir untröstlich, daß Güter verlohren worden, die in kurzem durch den allgemeinen Weg der Natur von selbst wären verlaßen worden.

Es läßt sich leicht rathen: daß wenn Menschen auf einem Grunde bauen der mit entzündbaren Materien angefüllet ist, über kurz oder lang die ganze Pracht ihrer Gebäude durch Erschütterungen über den Haufen fallen könne; aber muß man denn darum über die Wege der Vorsehung ungeduldig werden. Wäre es nicht besser also zu urtheilen: Es war nöthig daß Erdbeben bisweilen auf dem Erdboden geschähen, aber es war nicht nothwendig daß wir prächtige Wohnplätze darüber erbaueten. Die Einwohner in Peru wohnen in Häusern die nur in geringer Höhe gemauert seyn, und das übrige besteht aus Rohr. Der Mensch muß sich in die Natur schicken lernen, aber er will daß sie sich in ihn schicken soll.

Was auch die Ursache der Erdbeben den Menschen auf einer Seite jemals vor Schaden erweckt hat, das kan sie ihm leichtlich auf der andern Seite mit Gewinst ersetzen. Wir wissen daß die warme Bäder die vielleicht einem beträchtlichen Theil der Menschen zur Beförderung der Gesundheit in der Folge der Zeiten können dienlich gewesen seyn, durch eben dieselbe Ursachen ihre mineralische Eigenschaft und Hitze haben, wodurch die Erhitzungen in dem innern der Erde vorgehen welche diese in Bewegung setzen.

Man hat schon längst vermuthet: daß die Erzstuffen in den Gebirgen eine langsame Wirkung der unterirrdischen Hitze seyn, die die Metalle durch allmähliche Wirkungen zur Reife bringt, indem sie sie durch durchdringende Dämpfe in der Mitte des Gesteins bildet und kocht.

Unser Luftkreis bedarf außer den groben und todten Materien die er in sich enthält auch ein gewisses wirksames Principium, flüchtige Salze und Theile die in den Zusammensatz der Pflanzen kommen sollen, sie zu bewegen und auszuwickeln. Ist es nicht glaublich daß die Naturbildungen die beständig einen großen Theil davon aufwenden, und die Veränderung die alle Materie durch die Auflösung und Zusammensetzung endlich erleidet, die wirksamste Partikeln mit der Zeit gänzlich verzehren würden, wenn nicht von Zeit zu Zeit ein neuer Zufluß geschähe. Zum wenigsten wird das Erdreich immer unkräftiger, wenn es kräftige Pflanzen nährt, aber die Ruhe und der Regen bringen es wieder in den Stand. Wo würde aber endlich die kräftige Materie herkommen, die ohne Ersetzung verwandt wird, wenn nicht eine anderweitige Qvelle ihren Zufluß unterhielte? Und diese ist vermuthlich der Vorrath, den die unterirrdische Grüfte an den wirksamsten und flüchtigsten Materien enthalten; davon sie von Zeit zu Zeit einen Theil auf die Oberfläche der Erde ausbreiten. Ich merke noch an: daß Hales mit sehr glücklichem Erfolg die Gefängnisse, und überhaupt alle Oerter deren Luft mit thierischen Ausdufftungen angesteckt wird, durch das Räuchren des Schwefels befreyet. Die feuerspeyende Berge stossen eine unermeßliche Menge schwefelichter Dämpfe in den Luftkreis aus, wer weiß, würden die thierische Ausdünstungen, womit dieser beladen ist, nicht mit der Zeit schädlich werden, wenn jene nicht ein kräftiges Gegenmittel dawieder abgäben.

Zuletzt dünket mir die Wärme in dem innern der Erde, einen kräftigen Beweis von der Wirksamkeit und dem großen Nutzen der Erhitzungen, die in tiefen Grüften vorgehen, abzugeben. Es ist durch tägliche Erfahrungen ausgemacht: daß es in großen, ja in den größten Tiefen, dazu Menschen in dem innern der Berge nur gelanget sind, eine immerwährende Wärme gebe, die man unmöglich der Wirkung der Sonne zuschreiben kan. Boyle zieht eine gute Anzahl Zeugnisse an, daraus erhellet, daß in allen tiefsten Schachten man zuerst die obere Gegend weit kälter finde als die äußere Luft wenn es zur Sommerzeit ist, je tiefer man sich aber herablasse, desto wärmer befinde man die Gegend, so, daß in der größten Tiefe die Arbeiter genöthigt sind die Kleider bey ihrer Arbeit abzulegen. Jedermann begreift es leicht, daß, da die Sonnenwärme nur auf eine sehr geringe Tiefe in die Erde dringt, sie in den alleruntersten Grüften nicht die geringste Wirkung mehr thun könne; und daß die daselbst befindliche Wärme von einer Ursache abhänge, die nur in der größten Tiefe herrscht, ist überdem aus der verminderten Wärme zu ersehen, je höher man so gar zur Sommerzeit von unten hinauf kommt. Boyle, nachdem er die angestellte Erfahrungen behutsam verglichen und geprüft hat, schließt sehr vernünftig: daß in den untersten Hölen zu welchen wir nicht gelangen können, beständige Erhitzungen, und ein dadurch unterhaltenes unauslöschliches Feuer müssen anzutreffen seyn, das seine Wärme der obersten Rinde mittheilet.

Wenn sich dieses also verhält, wie man sich denn nicht entbrechen kan es zuzugeben, werden wir uns nicht von diesem unterirrdischen Feuer die vortheilhafteste Wirkungen zu versprechen haben, welches der Erde jederzeit eine gelinde Wärme erhält, zu der Zeit wenn uns die Sonne die ihrige entziehet, welches den Trieb der Pflanzen und die Oekonomie der Naturreiche zu befördern im Stande ist. Und kan uns wohl bey dem Anschein so vieler Nutzbarkeit der Nachtheil, der dem Menschlichen Geschlecht durch eine und die andere Ausbrüche derselben erwächst der Dankbarkeit überheben, die wir der Vorsehung vor alle Anstalten derselben schuldig seyn.

Die Gründe die ich zur Aufmunterung derselben angeführt habe, sind freylich nicht von der Art derjenigen welche die größeste Ueberzeugung und Gewisheit verschaffen. Allein auch Muthmaßungen sind annehmungswürdig, wenn es darauf ankömmt den Menschen zu der Dankbegierde gegen das höchste Wesen zu bewegen, das selbst alsdenn wenn es züchtiget, verehrungs und liebenswürdig ist.

Anmerkung.

Ich hatte oben angeführt, daß die Erdbeben schwefeligte Ausdämpfungen durch das Gewölbe der Erde hindurch treiben. Die letzte Nachrichten von den Schachten in den sächsischen Gebirgen bestätigen es durch ein neues Beyspiel. Man findet sie jetzto so angefüllt von schwefeligten Dämpfen, daß die Arbeiter sie verlassen müssen. Die Begebenheit von Tuam in Irrland, da eine leuchtende Lufterscheinung in der Gestalt von Wimpeln und Flaggen auf der See erschienen, die ihre Farben nach und nach änderten und zuletzt ein helles Licht ausbreiteten, worauf ein heftiger Stoß von Erdbeben erfolgte, ist eine neue Bestätigung hievon. Die Verwandelung der Farben vom dunkelsten blau bis in roth und endlich in einen hellen weißen Schein, ist der herausgebrochenen zuerst sehr dünnen Ausdämpfung, die nach und nach durch häufigeren Zufluß mehrer Dünste vermehret worden, zuzuschreiben, die wie in der Naturwissenschaft bekannt ist, die Grade des Lichts von der blauen Farbe bis zur rothen, und endlich bis in einen weißen Schein durchgehen müssen. Alles dieses ging vor dem Stoß vorher. Es war auch ein Beweis: daß der Heerd der Entzündung in dem Grunde des Meeres gewesen, wie denn selbst das Erdbeben an der Meeresküste hauptsächlich verspühret worden.

Wenn man die Anmerkungen von den Oertern der Erde, da die häufigste und schwereste Erschütterungen von je her sind empfunden worden, weiter ausdehnen will, so kan man noch dazu setzen: daß die westliche Küsten jederzeit weit mehr Anfälle davon als die östlichen erlitten haben. In Italien, in Portugall, in Südamerica, ja selbst neulich in Irrland hat die Erfahrung diese Uebereinstimmung bestätigt. Peru welches an dem westlichen Seeufer der neuen Welt lieget hat fast tägliche Erschütterungen, da indessen Brasilien welches den Ocean gegen Osten hat nichts davon verspühret. Wenn man von dieser seltsamen Analogie einige Ursachen muthmaßen will so kan man es wohl einem Gautier einem Mahler verzeihen, wenn er die Ursache aller Erdbeben in den Sonnenstrahlen der Qvelle seiner Farben und seiner Kunst, sucht, und sich einbildet, eben dieselbe treiben auch unsere große Kugel von Abend gegen Morgen herum, indem sie an die westliche Küsten stärker anschlagen und eben dadurch würden diese Küsten mit so vielen Erschütterungen beunruhiget. Allein in einer gesunden Naturwissenschaft verdient ein solcher Einfall kaum die Wiederlegung. Mir scheinet der Grund dieses Gesetzes mit einem andern in Verbindung zu stehen, wovon man noch zur Zeit keine genugsame Erklährung gegeben hat: daß nemlich die westliche und südliche Küsten fast aller Länder steiler abschüßig seyn, als die östliche und nordliche, welches so wohl durch den Anblick der Carte als durch die Nachrichten des Dampiers, der sie auf allen seinen Seereisen fast allgemein befunden hat, bestätigt wird. Wenn man die Beugungen des festen Landes von den Einsinkungen herleitet, so müssen in den Gegenden der größten Abschießigkeit tiefere und mehr Hölen anzutreffen seyn, als wo die Erdrinde nur einen gemäßigten Abhang hat. Dieses aber hat mit den Erderschütterungen wie wir oben gesehen haben einen natürlichen Zusammenhang.

Schlußbetrachtung.

Der Anblick so vieler Elenden als die letztere Catastrophe unter unsern Mitbürgern gemacht hat, soll die Menschenliebe rege machen und uns einen Theil des Unglücks empfinden lassen, welches sie mit solcher Härte betroffen hat. Man verstößt aber gar sehr dawieder, wenn man dergleichen Schicksale jederzeit als verhängte Strafgerichte ansieht, die die verheerte Städte um ihrer Uebelthaten willen betreffen, und wenn wir diese Unglückseelige als das Ziel der Rache GOttes betrachten, über die seine Gerechtigkeit alle ihre Zornschalen ausgiesset. Diese Art des Urtheils ist ein sträflicher Vorwitz der sich anmaaßet, die Absichten der göttlichen Rathschlüsse einzusehen und nach seinen Einsichten auszulegen.

Der Mensch ist von sich selbst so eingenommen, daß er sich lediglich als das einzige Ziel der Anstalten GOttes ansiehet, gleich als wenn diese kein ander Augenmerk hätten als ihn allein, um die Maaßregeln in der Regierung der Welt darnach einzurichten. Wir wissen daß der ganze Inbegriff der Natur ein würdiger Gegenstand der göttlichen Weisheit und seiner Anstalten sey. Wir sind ein Theil derselben und wollen das Ganze seyn. Die Regeln der Vollkommenheit der Natur im Großen sollen in keine Betrachtung kommen, und es soll sich alles bloß in richtiger Beziehung auf uns anschicken. Was in der Welt zur Beqvemlichkeit und dem Vergnügen gereicht, das, stellt man sich vor, sey bloß um unsert willen da, und die Natur beginne keine Veränderungen die irgend eine Ursache der Ungemächlichkeit vor den Menschen werden, als um sie zu züchtigen, zu drohen oder Rache an ihnen auszuüben.

Gleichwohl sehen wir daß unendlich viel Bösewichter in Ruhe entschlafen, daß die Erdbeben gewisse Länder von je her erschüttert haben, ohne Unterschied der alten oder neuen Einwohner, daß das christliche Peru so gut bewegt wird als das heidnische, und daß viele Städte von dieser Verwüstung von Anbeginn befreyet geblieben, die über jene sich keines Vorzuges der Unsträflichkeit anmaaßen können.

So ist der Mensch im dunkeln wenn er die Absichten errathen will, die GOtt in der Regierung der Welt vor Augen hat. Allein wir sind in keiner Ungewisheit, wenn es auf die Anwendung ankommt, wie wir diese Wege der Vorsehung dem Zwecke derselben gemäß gebrauchen sollen. Der Mensch ist nicht geboren um auf dieser Schaubühne der Eitelkeit ewige Hütten zu erbauen. Weil sein ganzes Leben ein weit edleres Ziel hat, wie schön stimmen dazu nicht alle die Verheerungen, die der Unbestand der Welt selbst in denjenigen Dingen blicken läßt, die uns die größte und wichtigste zu sein scheinen, um uns zu erinnern: daß die Güter der Erden unserm Triebe zur Glückseligkeit keine Genugthuung verschaffen können?

Ich bin weit davon entfernet hiemit anzudeuten, als wenn der Mensch einem unwandelbaren Schicksale der Naturgesetze ohne Nachsicht auf seine besondere Vortheile überlaßen sey. Eben dieselbe höchste Weisheit, von der der Lauf der Natur diejenige Richtigkeit entlehnet, die keiner Ausbesserung bedarf, hat die niederen Zwecke den höheren untergeordnet, und in eben den Absichten, in welchen jene oft die wichtigsten Ausnahmen von den allgemeinen Regeln der Natur gemacht hat, um die unendlich höhere Zwecke zu erreichen, die weit über alle Naturmittel erhaben sind, wird auch die Führung des menschlichen Geschlechts in dem Regimente der Welt selbst dem Laufe der Naturdinge Gesetze vorschreiben. Wenn eine Stadt oder Land das Unheil gewahr wird, womit die göttliche Vorsehung sie oder ihre Nachbaren in Schrecken setzt: ist es denn wohl noch Zweifelhaft welche Parthey sie zu ergreifen habe, um dem Verderben vorzubeugen das ihnen drohet und sind die Zeichen noch wohl zweydeutig die Absichten begreiflich zu machen, zu deren Vollführung alle Wege der Vorsehung einstimmig den Menschen entweder einladen oder antreiben?

Ein Fürst der durch ein edles Herz getrieben sich diese Drangsale des menschlichen Geschlechts bewegen läßt, das Elend des Krieges von denen abzuwenden, welchen von allen Seiten überdem schwere Unglücksfälle drohen, ist ein wohlthätiges Werkzeug in der gütigen Hand GOttes, und ein Geschenk das er den Völkern der Erde macht, dessen Werth sie niemals nach seiner Größe schätzen können.