Kant's Werke Schriften 1747–1756 Fortgesetzte Betrachtung der seit einiger Zeit wahrgenommenen Erderschütterungen Kant Immanuel Pollok Anne Pollok Konstantin Gerhardt Volker Antragsteller und Projektleitung Willaschek Marcus Projektleitung Schepelmann Maja Koordination und editionswissenschaftliche Beratung Rosie Martin Koordination und editionswissenschaftliche Beratung Karl Jacqueline Koordination Neumann Gerald Entwicklung und Layout der digitalen Edition, Bereitstellung der Schnittstellen Fricke Edna Entwicklung TEI-Datenmodell und Schema sowie Konversionsroutinen für Überführung der Daten in das TEI-Format Geldgeber sind im Folgenden alphabetisch angeordnet; kein Anspruch auf Vollständigkeit. Akademienprogramm Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien, Prof. Monika Grütters Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) Hamburger Stiftung zur Förderung von Wissenschaft und Kultur Mathias-Tantau-Stiftung Fritz-Thyssen-Stiftung ZEIT STIFTUNG BUCERIUS Vollständige digitalisierte Ausgabe der Druckversion der historisch-kritischen Neuedition der Akademieausgabe. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften (BBAW) Neuedition der Abteilung I, „Werke“, der Akademie-Ausgabe von „Kant‘s gesammelten Schriften“ Berlin 2023 Creative Commons Attribution-ShareAlike 4.0 International (CC BY-NC-SA 4.0) Betrachtung Erdbeben Kant's Werke Band 1: Schriften 1747–1756 Fortgesetzte Betrachtung der seit einiger Zeit wahrgenommenen Erderschütterungen Kant Immanuel Pollok Anne Pollok Konstantin 493–501 De Gruyter Berlin Boston 2023 9783110706482 Kant's gesammelte Schriften Erste Abteilung Werke – Neuedition Band 1 German Corrected Corrected Corrected Corrected Preparation Initial conversion into TEI and manual adaptations

M. Immanuel Kants

fortgesetzte Betrachtung

der seit einiger Zeit wahrgenommenen

Erderschütterungen.

In: Wochentliche Königsbergische Frag- und Anzeigungs-Nachrichten. Sonnabends, den 10. April. Anno 1756. No. 15.

Beschluß in: Sonnabends, den 17. April. Anno 1756. No. 16.

Den 10ten April 1756.

Das Feuer der unterirdischen Grüfte ist noch nicht beruhigt. Die Erschütterungen währeten nur noch neulich und erschrecketen Länder, denen dieses Uebel von je her unbekannt gewesen. Die Unordnung im Luftkreise hat die Jahreszeit auf der Hälfte des Erdkreises verändert. Die Allerunwissendsten wollen die Ursache davon erraten haben. Man höret Einige ohne Verstand und Nachdenken sprechen: die Erde habe sich verrückt und sey, ich weiß nicht um wie viel Grade, der Sonne näher gekommen. Ein Urtheil, welches eines Kindermanns würdig wäre, wenn er wieder aufstände, Träume eines verrückten Kopfs für Beobachtungen zu verkaufen. Dahin gehören auch diejenige, die die Cometen wieder auf die Bahn bringen, nachdem Whiston selbst die Philosophen gelehrt hat sie zu fürchten. Es ist eine gemeine Ausschweifung, daß man den Ursprung eines Uebels einige tausend Meilen weit herholet, wenn man ihn in der Nähe finden kann. So machen es die Türken mit der Pest; so machte man es mit den Heuschrecken, mit der Viehseuche und weiß Gott mit was vor andern Uebeln mehr. Man schämt sich blos in der Nähe etwas sehen zu können. In unendlicher Ferne Ursachen zu erblicken, das ist erst ein rechter Beweis eines scharfsichtigen Verstandes.

Unter allen Muthmaßungen, die bey einer großen Abweichung von den Regeln einer richtigen Naturwissenschaft Einige, die sie nicht zu prüfen wissen, leicht einnehmen können, gehöret der Gedanke, der in den öffentlichen Nachrichten dem Hrn. Professor Profe zu Altona zugeschrieben wird. Es ist zwar schon lange, daß man bey Wahrnehmung großer Vorfälle auf dem Erdboden deswegen keinen Verdacht mehr auf die Planeten wirft. Die Verzeichnisse der harten Beschuldigungen, die unsere lieben Vorfahren die Herren Astrologen diesen Sternen gemacht haben, sind in das Archiv veralteter Hirngespinste neben der wahrhaften Geschichte der Feen, den sympathetischen Wundern des Digby und Vallemonts und den nächtlichen Begebenheiten des Blocksbergs beygelegt. Aber seitdem die Naturwissenschaft von diesen Grillen gesäubert ist, so hat ein Newton eine wirkliche Kraft entdeckt und durch Erfahrung bestätigt, welche auch die entfernteste Planeten gegen einander und gegen unsere Erde ausüben. Allein zu allem Unglück vor diejenige, welche die Anwendung dieser merkwürdigen Eigenschaft bis zur Ausschweifung treiben wollen, ist das Maaß dieser Kraft und die Art ihrer Wirkung bestimmt, und zwar durch eben dieselbe Beobachtung mit Beyhülfe der Geometrie, welcher wir die Offenbarung derselben zu danken haben. Man kann uns nun nicht mehr, was man will, von ihren Wirkungen weiß machen. Wir haben die Waage in der Hand, an der wir die Wirkungen gegen die vorgegebene Ursache abwiegen können.

Wenn ein Mann, der es sich einmal hat erzählen lassen, daß der Mond die Gewässer der Erde zieht und dadurch das Aufschwellen und Niedersinken des Oceans, die man Ebbe und Fluth nennt, verursache, ingleichen daß alle Planeten mit einer ähnlichen Anziehungskraft begabt sind und, wenn sie der durch die Erde und Sonne gezogenen geraden Linie sich nahe befinden, ihre Anziehungskräfte mit des Mondes seiner vereinigen, wenn, sage ich, ein solcher, der keinen Beruf hat die Sache genauer zu prüfen, vermuthete, daß diese vereinigte Kräfte nicht allein die Gewässer der Erde in diejenige gewaltsame Bewegung bringen könnten, die wir am 1sten Nov. ersehen haben, sondern auch wohl auch durch einen Einfluß in die unterirdische Luft den verborgenen Zunder zu Hervorbringung der Erdbeben reizen könne, so kann man nichts weiter von ihm verlangen. Aber von einem Naturkündiger erwartet man mehr. Es ist nicht genug auf eine Ursache gerathen zu seyn, die etwas mit der Wirkung Aehnliches hat; sie muß auch in Ansehung der Größe proportionirt seyn. Ich will ein Exempel anführen. Der Doctor List, ein sonst geschicktes Mitglied der Londonschen Societät, hatte wahrgenommen, daß die Seepflanze, Meerlinse genannt, eine ungemein starke Ausduftung an sich habe. Er bemerkte, daß sie sich häufig an den Küsten der Meere des heißen Erdstrichs befinde. Weil nun eine starke Ausduftung wohl leicht die Luft etwas bewegen kann, so schloß er: daß der allgemeine Ostwind, der in diesen Meeren beständig weht und sich mehr wie 1000 Meilen weit vom Lande erstreckt, davon herkomme, vornehmlich weil sich diese Pflanze nach der Sonne drehe. Das Lächerliche dieser Meynung steckt blos darin: daß die Ursache gegen die Wirkung ganz und gar kein Verhältniß hat. Eben so ist es mit der Kraft der Planeten bewandt, wenn man sie mit der Wirkung vergleicht, die von ihr herkommen soll, nämlich der Bewegung der Meere und Erregung der Erdbeben. Man wird vielleicht sagen: wissen wir denn die Größe der Kraft, womit diese Himmelskörper auf die Erde wirken können? Ich werde bald darauf antworten.

Herr Bouguer , ein berühmter französischer Akademist, erzählet, daß bey seinem Aufenthalt in Peru ein Gelehrter, welcher Professor der Mathematik auf der Universität zu Lima werden wollte, ein Buch unter dem Titel einer astronomischen Uhr der Erdbeben geschrieben habe, darin er sich unternimmt diese aus dem Lauf des Mondes vorher zu verkündigen. Man kann leicht rathen: daß ein Prophet in Peru gut habe Erdbeben vorher zu sagen, weil sie sich daselbst fast täglich zutragen und nur durch die Stärke unterschieden werden. Hr. Bouguer setzt hinzu, daß ein Mensch, der ohne Nachdenken mit dem auf und absteigenden Knoten des Mondes, der Erdnähe und Erdferne, der Conjunction und Opposition um sich wirft, wohl von ohngefähr bisweilen etwas sagen könne, was durch den Ausgang bestätigt wird, und gestehet: daß er nicht immer unglücklich geweißagt habe. Er vermuthet selbst, daß es nicht gänzlich unwahrscheinlich sey, daß der Mond, der die Gewässer des Oceans so kräftig bewegt, einigen Einfluß auf die Erderschütterungen haben könne, entweder indem er das Gewässer, welches er außerordentlich erhebt, in gewisse Erdspalten führet, dahin es sonst nicht würde gelanget seyn, und dieses die tobende Bewegung in den tiefen Höhlen verursache, oder durch irgend eine andere Art des Zusammenhanges.

Wenn man in Erwägung zieht, daß die Anziehungskräfte der Himmelskörper in das Innerste der Materie wirken und daher die in den tiefsten und verborgensten Gängen der Erde verschlossene Luft in Bewegung bringen können, so kann schwerlich dem Monde aller Einfluß in die Erdbeben abgesprochen werden. Diese Kraft würde aber höchstens nur die in der Erde befindliche entzündbare Materien reizen, das übrige, die Erschütterung, die Wasserbewegung, werden lediglich eine Wirkung dieser letzteren seyn.

Wenn man von dem Monde weiter in den Planetenhimmel hinaufsteigt, so verschwindet dieses Vermögen nach und nach, so wie die Entfernungen derselben zunehmen und die Kräfte aller Planeten, mit einander vereinigt, leisten, wenn man sie mit der Kraft des einzigen, uns so nahen Mondes vergleicht, nur einen unendlich kleinen Theil derselben.

Newton, der das vortrefliche Gesetz der Anziehung entdeckt hat, welches für den glücklichsten Versuch angesehen werden muß, den der menschliche Verstand in der Erkenntniß der Natur noch gethan hat, lehret die Anziehungskräfte der Planeten, die Monde um sich haben, finden und bestimmt des Jupiters, des größten unter allen Planeten, seine etwas gringer als den tausendsten Theil der Anziehungskraft der Sonne. Das Vermögen durch diese Kraft Veränderungen auf unserer Erde hervorzubringen nimmt, wie der Würfel der Entfernungen von derselben umgekehrt ab, und ist also bey dem Jupiter, der mehr wie 5mal weiter von der Erde entfernet ist als die Sonne, wenn man das Verhältniß seiner Anziehungskraft dazu nimmt, 130 000mal kleiner, als was die Anziehungskraft der Sonne auf unserer Erde allein wirken kann. Nun kann aber die Anziehung der Sonne das Wasser des Oceans ungefähr 2 Fuß hoch erheben, wie die Erfahrung mit der Rechnung vereinigt es bekannt gemacht haben, also wird die Anziehung des Jupiters, wenn sie mit der Sonne ihrer vereinigt ist, noch den 65sten Theil eines Decimalscrupels zu dieser Höhe hinzuthun, welches ohngefähr den 30sten Theil einer Haaresbreite ausmachen würde. Wenn man erwäget, daß Mars und Venus ungleich kleinere Körper sind als Jupiter und die Anziehungskräfte ihrem Klumpen proportionirt seyn, so thut man noch zu viel, wenn man beyden zusammengenommen ohngefähr doppelt soviel Vermögen durch die Anziehung auf unserer Erde zu wirken beylegt, als dem Jupiter, weil sie uns ohngefähr 3 mal näher sind als jener, ob sie gleich viele hundertmal weniger körperlichen Inhalt und mithin Anziehungskraft besitzen als er. Aber wenn ich auch freygebig wäre, ihre Kraft 10fach größer zu machen, so können sie doch, wenn sie selbige vereinigen, nicht ein Drittel einer Haaresdicke das Meereswasser aufschwellend machen. Wenn man die übrige Planeten, den Mercur und Saturn, noch dazu nimmt und sie alle in Conjunction betrachtet, so wirds offenbar, daß sie noch lange nicht um eine halbe Haaresbreite die Aufschwellung der Wasser, die der Mond und die Sonne gemeinschaftlich hervorbringen, vermehren können. Ist es nun nicht lächerlich von der Anziehung des Mondes und der Sonnen erschreckliche Wasserbewegungen zu besorgen, wenn die Höhe, zu der sie das Gewässer bringen, um die Hälfte einer Haaresbreite vermehret worden, da ohne diese keine Gefahr zu besorgen wäre. Alle übrige Umstände widerlegen die angebliche Ursache gänzlich. Gleichwie der Mond nicht allein denselben Augenblick, wenn er der durch die Sonne und Erde gezogenen geraten Linie am nächsten tritt, sondern auch einige Tage vor und nachher die höchste Fluth macht, so sollten die vereinigte Planeten etliche Tage hintereinander und in diesen etliche Stunden hindurch Wasserbewegungen und Erdbeben gemacht haben, wenn sie einigen Antheil daran gehabt hätten.

Ich muß meine Leser um Verzeihung bitten, daß ich sie so weit an dem Firmament herumgeführt habe, um von den Begebenheiten richtig urtheilen zu können, die auf unserer Erde vorgegangen sind. Die Mühe, die man anwendet, die Quellen der Irrthümer zu verstopfen, verschafft uns auch ein gereinigtes Erkenntniß. Ich werde in dem folgenden Stücke die merkwürdigsten Erscheinungen der großen Naturbegebenheit in Erwägung ziehen, die seit denjenigen vorgegangen sind, welche ich in einer besondern Abhandlung zu erklären mich bemühet habe.

Die Planeten sind vor dem Richterstuhle der Vernunft von der Anklage losgesprochen, einigen Antheil an der Ursache der Verwüstung gehabt zu haben, die uns in den Erdbeben widerfähret. Forthin soll sie niemand deswegen weiter in Verdacht halten. Es sind wohl eher einige Planeten in Verbindung gewesen, und man hat kein Erdbeben gefühlt. Peirescius sahe nach dem Zeugniß des Gassendus die seltene Verbindung der 3 obern Planeten im Jahr 1604, die sich nur in 800 Jahren einmal zuträgt, aber die Erde blieb in Sicherheit. Wenn der Mond, auf den noch einzig und allein die Vermuthung mit einiger Wahrscheinlichkeit fallen könnte, daran Antheil hätte, so müßten die mitwirkende Ursachen in so vollem Maße vorhanden seyn, daß auch der schwächste äußere Einfluß den Ausschlag der Veränderung geben könnte. Denn der Mond kommt oft in die Stellung, darin er die größte Wirkung auf den Erdboden ausübet, aber er erregt nicht eben so oft Erdbeben. Das vom 1. Nov. trug sich bald nach dem letzten Viertheil zu; alsdenn aber sind die Einflüsse desselben die schwächsten, wie die Newtonische Theorie und die Erfahrung es ausweisen. Lasset uns also nur auf unserm Wohnplatze selber nach der Ursache fragen, wir haben die Ursache unter unsern Füßen.

Seit denen Erschütterungen, die vorher schon angeführt worden, sind keine vorgefallen, die sich in weitere Länder erstreckt hätten, als das vom 18ten Febr. Es wurde in Frankreich, England, Deutschland und den Niederlanden gefühlt. Es war an den mehresten Orten, wie aus Westphalen, dem Hanöverschen und Magdeburgischen berichtet worden, mehr einer leichten Schaukelung eines durch unterirdische heftige Stürme bewegten Erdreichs zu vergleichen, als den Stößen einer entbrannten Materie. Nur die obersten Etagen in den Gebäuden fühleten die Schwankung, unten auf der Erde ward sie kaum bemerkt. Schon den 13ten und 14ten vorher wurden in den Niederlanden und den benachbarten Orten Erschütterungen gefühlet, und in diesen Tagen, vornehmlich vom 16ten auf den 18ten, wütheten weit und breit in Deutschland, Polen, England, Orkane, es zeigeten sich Blitze und Ungewitter, kurz der Luftkreis war in eine Art von Gährung gebracht, welches zur Bestätigung dessen dienen kann, was wir schon bey anderer Gelegenheit angemerkt haben, nämlich daß die Erdbeben oder die unterirdische Entzündungen, die ihre Ursache seyn, unsere Atmosphäre verändern, indem sie fremde Dünste in dieselbe ausstoßen.

Hin und wieder sind einige Einsinkungen des Erdreichs geschehen. Es haben sich Felsenstücke von den Gebirgen abgerissen und sind mit fürchterlicher Gewalt in die Thäler gerollt. Diese Begebenheiten tragen sich öfters auch ohne vorgegangene Erdbeben zu. Anhaltende Regen machen, daß die Quelladern von Wasser angefüllt, öfters die Grundlage eines Stück Landes unterwaschen, indem sie das Erdreich hinwegspülen und eben so Felsenstücke, vornehmlich wenn Frost und Nässe ihre Wirkungen vereinigen, von den Gipfeln der Berge abreißen. Die große Klüfte und Erdspalten, die sich hin und wieder in der Schweiz und andernwärts geöffnet und wieder größtentheils geschlossen haben, sind deutlichere Beweisthümer einer ausdehnenden unterirdischen Gewalt, wodurch die Schichten von etwas geringerer Dichtigkeit zerborsten sind. Wenn wir diese Zerbrechlichkeit unseres Fußbodens, den Vorrath der unterirdischen Gluth, die vielleicht allenthalben die entzündbare Materien, die Steinkohlenlager, die Harze und Schwefel in einem stets lodernden Feuer unterhalten mögen (so wie Steinkohlen-Bergwerke öfters, wenn sie sich von selbst an der Luft entzündet haben, Jahrhunderte hindurch glühen und um sich greifen), wenn wir, sage ich, diese Verfassung der unterirdischen Hölen betrachten, scheinet nicht bey derselben ein Wink genug zu seyn um unsere Wölbungen in ganze Meere von glühenden Schwefel zu versenken und unsere bewohnte Plätze mit Strömen von brennenden Materien zu verwüsten, so wie die ausgegossene Lava die Flecken verheerete, die neben dem Fuße des Aetna in einer unbekümmerten Ruhe angebauet waren. Der Herr D. Poll hat Recht, daß er in einer kurzen Abhandlung vom Erdbeben nichts weiter als Wasser fordert, um die stets glimmende Gluth unter der Erde durch ausgespannte Wasserdünste in Bewegung und die Erde in Erschütterung zu bringen, allein, wenn er dem Lemerischen Experimente (welches durch eine Mischung vom Schwefel und Feilstaub vermittelst Hinzuthuung des Wassers die Erschütterungen begreiflich machte) die Tauglichkeit dadurch benehmen will, daß er saget, in der Erde werde kein gediegen Eisen, sondern bloße Eisenerde angetroffen, welche bey diesem Versuch nicht das Begehrte leistet, so gebe ich zu überlegen, ob erstlich nicht die vielfache Ursache der Erhitzung, z. E. die Auswitterung der Schwefelkiese, die Gährungen durch die Dazukunft des Wassers, wie nach einem Regen an der ausgegossenen Lava, ingleichen an dem immerwährenden Erdbrande von Pietra Mala verspüret wird, nachdem sie die tief befindliche Eisenerde zu gekörnetem Eisen ausgeschmolzen, oder auch der Magnetstein, der der Natur des gediegenen Eisens so nahe kommt, und der ohne Zweifel allenthalben in der Tiefe reichlich angetroffen wird, zu der Ausübung dieses Experiments im Großen nicht hinlängliche Materie liefern können. Die sehr seltsame Bemerkung, die aus der Schweiz berichtet worden, da ein Magnet während des Erdbebens von seiner senkrechten Richtung zusammt dem Faden, an dem er aufgehänget war, einige Grade abwich, scheinet die Mitwirkung der magnetischen Materien beym Erdbeben zu bestätigen.

Es wäre ein Werk von weitläuftiger Ausführung, alle die Hypothesen, die ein jeder, um sich selbst neue Wege der Untersuchung zu bahnen, aufbringt, und deren eine öfters den Platz der andern wie die Meereswellen einnimmt, anzuführen und zu prüfen. Es giebt auch einen gewissen richtigen Geschmack in der Naturwissenschaft, welcher bald die freye Ausschweifungen einer Neuigkeitsbegierde von den sichern und behutsamen Urtheilen, welche das Zeugniß der Erfahrung und der vernünftigen Glaubwürdigkeit auf ihrer Seite haben, zu unterscheiden weiß. Der Pater Bina und nur kürzlich der Hr. Prof. Krüger bringen die Meynung empor, die die Erscheinungen des Erdbebens mit denen von der Electricität auf gleiche Ursachen setzet. Noch eine größere Kühnheit ist in dem Vorschlage des Hrn. Prof. Hollmanns , der, nachdem er die Nützlichkeit der Luftöffnungen in einem von entzündeten Materien geängstigten Erdreiche durch das Exempel der feuerspeyenden Berge erwiesen, ohne welche die Königreiche Neapel und Sicilien nicht mehr seyn würden, haben will, daß man die oberste Rinde der Erde bis in die tiefste brennende Klüfte durchgraben, und dem Feuer dadurch einen Ausgang verschaffen solle. Die entsetzliche Dicke zusammt der Festigkeit der inwendigen Schichten, ohne welche solche grausame Anfälle der Erschütterungen ein solches Land gewiß längst würden zertrümmert haben, ingleichen das Wasser, das allen Durchgrabungen bald ein Ziel setzt, und endlich das Unvermögen der Menschen machen diesen Vorschlag zu einem schönen Traume. Von dem Prometheus der neuern Zeiten dem Hrn. Franklin an, der den Donner entwaffnen wollte, bis zu demjenigen, welcher das Feuer in der Werkstatt des Vulkans auslöschen will, sind alle solche Bestrebungen Beweisthümer von der Kühnheit des Menschen, die mit einem Vermögen verbunden ist, welches in gar geringem Verhältniß dazu stehet, und führen ihn zuletzt auf die demüthigende Erinnerung, wobey er billig anfangen sollte, daß er doch niemals etwas mehr als ein Mensch sey.