M. Immanuel Kants
neue
Anmerkungen
zur
Erläuterung
der
Theorie der Winde,
wodurch er zugleich
zu seinen Vorlesungen
einladet.
Königsberg, den 25. April 1756.
Gedruckt in der Königl. privilegirten Driestischen
Buchdruckerey.
[Vorerinnerung.]
Man muß sich den Luftkreis als ein Meer von flüßiger
elastischer Materie vorstellen, welches gleichsam aus Schichten von
verschiedener Dichtigkeit, die in grösseren Höhen allemal abnimmt,
zusammengesetzt ist. Wenn dieses flüßige Meer im Gleichgewicht bleiben soll, so
ist nicht genug, daß die Luftsäulen, die man sich neben einander vorstellt,
gleich schwer seyn; sie müssen auch gleich hoch stehen, d. i. die
Schichte von einer gewißen Dichtigkeit muß in allen Theilen ihres Umfangs in
derselben Wasserwaage stehen; denn nach den Gesetzen der Flüßigkeit würde in
entgegengesetztem Falle der höhere Theil nothwendig nach der niedrigen Seite
abfliessen, und das Gleichgewicht wäre den Augenblick gehoben. Die Ursachen, die
das Gleichgewicht aufheben können, sind entweder die Verminderung der ausspannenden Kraft durch Kälte und Dämpfe die die
Federkraft der Luft schwächen, oder die Verminderung der
Schwere, erstlich durch die Hitze womit eine gewiße Luftgegend stärker
als eine andere ausgedehnt wird, und indem sie dadurch genöthigt ist, über die
Wasserwaage der andern zu steigen, abfließt und eine leichtere Luftsäule
ausmacht, und zweytens durch die Zusammenfließung der Wasserdämpfe, die vorher
von der Luft getragen wurden, nun aber, indem sie sich von ihr scheiden, einen
Theil von dem Gewichte derselben entziehen. In beyden Fällen entstehet ein Wind
nach der Gegend hin, wo die Luft entweder an ihrer Ausdehnungskraft oder Schwere
eingebüßt hat; nur mit dem Unterscheide, daß in dem ersten Falle das
Gleichgewicht bald hergestellt ist, wie auch bey der zweyten Ursache des andern
Falles, weil zu der Fortdauer des Windes in diesen Fällen eine Vermehrung der
Ursache erfordert wird, welches unmöglich
lange währen kann, dagegen die erste Ursache dieses letztern Falles, weil sie
immer nur fortgesetzt werden darf ohne sich zu vermehren, eine sehr kräftige
Qvelle anhaltender Winde abgiebt.
Die Ursachen, die entweder
wegen Vermehrung der Elasticität, wie z. E. durch die Wärme, oder
zugleich der Schwere, wie der aus dem schmelzenden Schnee befreyeten Luft, die
Atmosphäre bewegen, sind bey weitem nicht so kräftig, weil alsdenn so wohl die
Bewegung gegen eine ruhende Luft geschicht, die ihr mit ihrem ganzen Gewichte
widersteht, als auch selbst die sich ausbreitende Luftgegend nach oben eben so
stark als nach den Seiten sich ausdehnet, also ihre eigene Gewalt [schwächet. Daher] ein Wind aus diesen
Ursachen unmöglich in großen Weiten kann verspührt werden.
Ich führe alles dieses nur kurz an, und setze voraus, daß das eigene Nachdenken
des Lesers das nöthige Licht über das vorgetragene ausbreiten werde. Ich möchte
nicht gerne in so wenig Blättern sehr wenig sagen.
Erste Anmerkung.
Ein grösserer Grad der Hitze, der auf eine Luftgegend
mehr als auf eine andere wirkt, macht einen Wind nach dieser erhitzten
Luftgegend hin, der so lange anhält, als die vorzügliche Wärme der Gegend
fortdauert.
Die vermehrte Hitze [nöthigt] die Luft mehr Raum einzunehmen. Sie breitet sich zu den
Seiten und eben so stark in die Höhe aus. In diesem Augenblicke wird das Gewicht
dieser Luftgegend verändert, weil, indem die oberwerts sich erhebende Luft
überfließt, die Luftsäule fortan weniger Luft enthält. Die benachbarte kühlere,
mithin dichtere und schwerere Luft, verdrängt sie wegen der Ueberwucht aus ihrem
Platz. Sie wird eben so wie die vorige verdünnet und leichter gemacht, und
weicht also dem Drucke der nächsten, und so fortan. Man denke nicht, diese
erhitzte Luft, da sie eben so wohl seitwerts sich auszubreiten bestrebt ist,
werde einen Wind von der Gegend der Erhitzung in die kühlere Luftgegend machen.
Denn erstlich, weil die Ausbreitung nach allen Seiten gleich stark geschicht,
mithin die Ausspannungskraft, die dieser umgekehrt proportionirt ist, wie der
Cubus der Entfernung von dem Mittelpuncte gegenseitig abnimmt, so würde die sich
ausbreitende Gewalt eines Platzes von Luft der 4 Qvadratmeilen in sich enthielte, wenn sie um den 10ten Theil
vermehrt worden, in der Entfernung einer Meile von diesem erhitzten Platze nur
noch [den 80sten Theil](#en49302) dieser
vermehrten Kraft betragen, mithin gar nicht einmal können verspührt werden. Die
Ausbreitung kann aber auch nicht einmal bis dahin reichen. Denn ehe die Luft
sich noch so weit erweitert, wird sie wegen der Verminderung ihres Gewichts dem
Druck der dichtern weichen, und ihren Platz derselben einräumen.
Bestätigung aus der
Erfahrung.
Die angeführte Regel wird so sehr durch
alle Erfahrungen bestätigt, daß man auch nicht eine einzige Ausnahme dagegen
aufbringen kann. Alle Inseln die im Meere liegen, alle Küsten der Länder in
Gegenden wo die Sonnenhitze stark wirkt, empfinden einen anhaltenden
Seewind, so bald die Sonne sich so weit über den Horizont erhoben hat, daß
sie auf die Erde nahmhaft wirket. Denn da diese mehr Erhitzung als das Meer
annimmt, so wird die Landluft mehr verdünnet als die Seeluft, und weicht
daher wegen ihrer Leichtigkeit dem Gewichte der letztern. In dem
weitläuftigen äthiopischen Ocean ist der Wind sehr weit vom festen Lande,
der natürliche allgemeine Ostwind, aber näher zu den Küsten von Guinea
bekommt er eine Wendung von diesem seinem Zuge, und wird genöthigt über
Guinea hinzuwehen, welches durch die Sonne mehr als das Weltmeer erhitzet
einen Zug der Luft über seinen erwärmten Boden verursacht. Man sehe nur die
Carte an, [die ](#en49322)
Jurin
bey des
Varenius
allgemeiner Geographie, oder [
](#en49323)
Musschenbröck
seiner Physick beygefügt hat,
so wird man in einem Augenblick, wenn man den
natürlichen allgemeinen Ostwind und diese Regel zugleich vor Augen hat, alle
Richtungen des in dem Meere bey Guinea wehenden Windes, die Tornaden und
alles übrige völlig einsehen und erklären können. Darum regieren in Norden die Nordwinde zur
Winterszeit, wenn die Sonne die Luft in der südlichen Halbkugel verdünnet.
Daher heben auch die Winde im Anfange des Frühlings an von dem Aeqvator nach
der nordlichen Halbkugel zu wehen, weil die [vermehrte] Sonnenwärme in dieser die Luft
verdünnet, und einen Rückzug von dem Aeqvator zu der nordlichen temperirten
Zone hin verursacht. Dieser Wind erstrecket sich nicht weit in diesen
gemäßigten Erdstrich hinein, weil die Sonnenwärme zu der Zeit noch nicht
viel Wirkung in grösserer Entfernung vom Aeqvator verrichten kann. Um diese
Zeit, im April und Mäymonate,
wehen die Winde aus dem innern Aethiopien über Aegypten hin, welche die [Campsin](#en49401) genannt werden, und da sie von einem
erhitzten Boden kommen, eine brennend heiße Luft mit sich führen; denn die
verdünnte Luft in der temperirten Zone nöthiget die Aeqvatorsluft
zurückzutreten und sich eine Zeitlang über diese Gegend auszubreiten.
Zweyte Anmerkung.
Eine Luftgegend die sich mehr als eine [andere] verkühlet, bringet in der
benachbarten einen Wind zuwege, der in den Platz der Verkühlung
hineinwehet.
Die Ursache ist aus der Verminderung der ausdehnenden Kraft, durch
die Abnahme der Wärme, leicht begreiflich.
Bestätigung aus der Erfahrung.
In allen Meeren, nahe bey den Küsten des festen Landes, oder
der Inseln, die einer starken Sonnenwirkung ausgesetzt sind, wehet des
Nachts ein anhaltender Landwind. Denn zu der Zeit verliehret die Seeluft
schneller ihre Wärme als die Landluft, weil der erhitzte Boden in der
letztern die Wärme ohne sonderliche Verminderung erhält, dagegen das Meer,
welches wenig Hitze des Tages über eingenommen hat, die über ihm befindliche
Luft schneller verkühlen läßt. Daher weichet diese der Ausspannungskraft der
erstern, und verstattet einen Luftzug von dem Lande in die abgekühlte
Meeresgegend. Die Südwinde, die, wie
Mariotte
anmerkt, in Frankreich im Anfange des Novembers wehen, sind der
Verkühlung der Luft im tiefen Norden, da der Winter alsdenn mit aller
Strenge anhebt, zuzuschreiben.
Dritte Anmerkung.
Ein Wind der vom Aeqvator nach dem Pole hinweht, wird
immer je länger desto mehr westlich, und der von dem Pole zum Aeqvator
hinzieht, verändert seine Richtung in eine Collateralbewegung aus
Osten.
Diese Regel, welche, so viel mir wissend ist, noch niemals
angemerkt worden, kann als ein Schlüssel zur allgemeinen Theorie der Winde
angesehen werden. Der Beweis
derselben ist sehr begreiflich und überzeugend. Die Erde drehet sich von Abend
gegen Morgen um die Achse. Ein jeder Ort
auf ihrer Oberfläche hat daher desto mehr Schnelligkeit, je näher er dem
Aeqvator ist, und desto weniger, je weiter er davon entfernet ist. Die Luft, die
zu dem Aeqvator hingeht, trift auf ihrem Wege also immer Oerter an, die mehr
Bewegung vom Abend gegen Morgen haben als sie selber. Sie wird also diesen einen
Widerstand in entgegengesetzter Richtung, nemlich von Osten nach Westen leisten,
und der Wind wird daher in dieser Collateralrichtung abweichen. Denn es ist
einerley, ob der Boden unter einem flüßigen Wesen, das nicht in gleicher
Schnelligkeit nach derselben Richtung bewegt wird, fortrückt, oder [ob dieses] über den Boden in
entgegengesetzter Direction bewegt wird. Wenn dagegen der Wind vom Aeqvator zum
Pole hinwehet, so kommt er immer über Oerter der Erde die weniger Bewegung vom
Abend gegen Morgen haben, als die Luft die er mit sich führt; denn diese hat
eine solche, die der Schnelligkeit des Orts gleich ist von da er sich
ausgebreitet hat. Er wird also über die Oerter, worüber er kommt, von Abend
gegen Morgen wegziehen, und seine Bewegung zum Pole hin wird mit der
Collateralbewegung aus Abend verbunden werden.
Um sich dieses deutlich vorzustellen muß man zuerst vor Augen
haben, daß, wenn die Atmosphäre im Gleichgewicht ist, ein jeder Theil derselben
mit dem Orte der Oberfläche der Erde worüber er sich befindet gleiche
Geschwindigkeit der Drehung von Abend gegen Morgen habe, und in Ansehung desselben in Ruhe sey. Wenn aber ein
Theil des Luftkreises in der Richtung des Meridians seinen Platz verändert, so
trift er auf Stellen des Erdbodens, die sich mit mehr oder weniger Schnelligkeit
von Abend gegen Morgen bewegen, als er von demjenigen Orte noch an sich hat von
welchem er weggerückt worden. Er wird sich also über die Gegenden worüber er
ziehet entweder mit einer Abweichung von Abend gegen Morgen bewegen, oder in der
Richtung von Morgen gegen Abend der Oberfläche der Erde widerstehen, welches in
beyden Fällen einen Wind macht, der diese Collateralrichtung hat. Die Stärke
dieser Seitenbewegung beruhet so wohl auf der Schnelligkeit des Orts worüber er
bewegt wird, als auch auf dem Unterscheide der Schnelligkeit der Oerter, von und
zu welchen er übergeht. Nun ist aber die Schnelligkeit der Achsendrehung eines
jeden Puncts auf der Oberfläche der Erden dem Cosinus der Breite, und der
Unterscheid dieses Cosinus zweyer sehr nahe, z. E. einen Grad weit,
von einander abstehenden Oerter der Oberfläche, dem Sinus der Breite
proportionirt; also wird das Moment der Geschwindigkeit, womit er in dem Uebergange aus einem Grade der Breite
in den andern seitwerts verrückt wird, in [zusammengesetzter] Verhältniß der Sinus und Cosinus der Breiten
stehen, mithin bey dem 45 Grade am
größten, in gleicher Entfernung aber von demselben gleich seyn.
Damit man sich von dem Grade
dieser Collateralbewegung einen Begriff machen könne, so laßt uns einen Nordwind
nehmen, der von der Breite von 23½ Grad zum
Aequator hinwehet. Dieser hat, wenn er von benanntem Grade angefangen, eine
Bewegung, die der seines Orts von Abend gegen Morgen gleich ist. Wenn er 5 Grade
näher zum Aeqvinoktialzirkel gekommen, so trift er einen Erdstrich an, der sich
schneller in der benannten Richtung beweget. Nun findet man durch eine leichte
Rechnung, daß der Unterscheid der Schnelligkeit dieser beyden Parallelzirkel
45 Fuß in einer Secunde austrägt; also würde die Luft, wenn sie aus dem 23sten
Grade in den 18ten angelanget ist, der Erde in dieser Gegend einen Gegenwind von
Morgen gegen Abend verursachen, der 45 Fuß in einer Secunde zurück zu legen
vermögend wäre, wenn nicht in dem ganzen Wege dieser 5 Grade der darüber
ziehenden Luft durch den Umschwung der Erde schon immer etwas von ihrer Bewegung
wäre mitgetheilet worden, so daß dieser Unterscheid im 5ten Grade der
Fortrückung bey weitem so viel nicht austragen kan. Weil aber doch immer ein
Unterscheid übrig bleiben muß, so wollen wir ihn nur den 5ten Theil desjenigen
der ohne diesen Grund statt haben würde, annehmen, so wird die
Collateralbewegung dennoch 9 Fuß in einer Secunde austragen, welches genung ist,
um aus einem geraden Nordwinde [welcher 18 Fuß in einer Secunde durchstreicht](#en49624), und vom 23sten Grade
anhebt, im 18ten einen Nordostwind zu machen. Eben so wird ein Südwind der vom
18ten Grade in den 23sten mit eben dieser Schnelligkeit übergegangen, in dem
letztern Grade in einen Südwestwind verändert werden, weil er mit einem eben so
großen Ueberschusse des Schwunges von Abend gegen Morgen als vorher ausgerechnet
worden in den langsamer bewegten Parallelzirkel übertritt.
Bestätigung aus der Erfahrung.
Diese wird den folgenden Anmerkungen beygefügt werden.
Vierte Anmerkung.
Der
allgemeine Ostwind, welcher den ganzen
Ocean zwischen den Wendezirkeln
beherrscht, ist keiner andern
Ursache als der, welche aus der ersten mit der
dritten
verbundenen Anmerkung erhellet,
zuzuschreiben.
Diejenige Meynung,
welche den allgemeinen Ostwind dem Nachbleiben des Luftkreises bey der Drehung der Erde von Abend
gegen Morgen beymißt, ist mit gutem Grunde
von den Naturkundigen
verworfen worden; weil der Luftkreis, wenn er gleich anfänglich bey
dem ersten [Umschwunge] etwas
zurückgeblieben, doch in kurzem mit gleicher
Schnelligkeit [muß] fortgeführet worden seyn. Ich habe
diesen Gedanken aber auf eine vortheilhaftere und richtigere Art
angebracht, indem ich beweise, daß er gilt, wenn die Luft aus
den entlegenern Parallelzirkeln zu dem
Aeqvator tritt; denn alsdenn hat sie gewiß nicht gleiche
Geschwindigkeit mit der Bewegung dieses größten Zirkels, und muß
ohne Zweifel etwas nachbleiben. Der
hieraus entstehende Ostwind wird unaufhörlich seyn,
wenn unaufhörlich neue Luft zu dem Aeqvator von den Seiten
hinziehet, denn die vorige würde freylich bald diese
entgegenstrebende Bewegung durch die fortgesetzte Wirkung
der Erdfläche verlieren.
Seitdem die erste
Ursache mit allgemeiner Uebereinstimmung abgeschaft ist, so ist
man darinn übereingekommen, den allgemeinen
Ostwind zwischen den Wendezirkeln dem Nachzuge der Luft hinter
diejenige die durch die Sonne von Morgen gegen Abend hin verdünnet
worden, zuzuschreiben. Man würde mit
dieser Erklärung gewiß nicht zufrieden gewesen seyn, wenn man eine
bessere gehabt hätte. Wenn die Luft aus der
Ursache der ersten Anmerkung zu dem von der Sonnenwirkung
erhitzten Platze herbeyziehet, so muß es die gegen Abend
von der Sonne abstehende eben so wohl thun, als die gegen Morgen sich
befindet; ich sehe also nicht, warum um den ganzen Erdboden nichts als
Ostwind seyn sollte. Wenn sie aber nur wegen der Verkühlung einer
einige Zeit vorher erwärmten Luft sich in ihren Platz bewegt, so muß
sie sich um deswillen eher von Abend gegen Morgen bewegen, weil die
Oerter, die von der Sonne gegen Morgen liegen, sich mehr verkühlt, und
also weniger Elasticität haben, als welche die Sonne länger
verlaßen hat. Kann man sich aber, wenn ich gleich zugeben wollte,
daß alles so zugienge als man es verlanget, auf irgend eine vernünftige
Art vorstellen, wie es möglich sey, daß der Zug der Luft, der wenn die
Sonne im Abendhorizonte ist, ihr nachgeht, bis 180 Grade
davon d. i. 2700 Meilen morgenwärts einen Nachzug
verursachen könne? und muß in so
erstaunlichen Entfernungen nicht eine
so gringe Bewegung gänzlich verschwinden? Und doch bewegt sich der
Wind in allen Theilen des Wendezirkels, und in [allen] Tagezeiten gleich stark
von Morgen gegen Abend. Herr
Jurin, der eben dieselbe Meynung
unterstützet, hat freylich guten Grund, wenn er es
nicht beweisen kann, warum nicht weit von den
Wendezirkeln, da doch gewiß die Sonnenwirkung auch
nicht unbeträchtlich ist, eben derselbe Ostwind verspühret
werde. Denn in der That, er kann gar nicht aus der
angeführten Ursache erklärt werden.
Sehet also hier eine
andere, welche besser mit den bekanntesten Gründen der Naturwissenschaft zusammen stimmt. Die Hitze, die in dem
heißen Erdstriche und neben demselben stärker ist als
anderwärts, erhält die Luft die sich über demselben befindet in
beständiger Verdünnung. Die etwas weniger heiße und also
auch schwerere Luftstriche, die weiter von dem Aeqvator abstehen,
dringen nach den Gesetzen des Gleichgewichts in
ihren Platz, und weil sie zu dem Aeqvator sich
hin bewegen, so muß ihre nordliche Richtung
nach der dritten Anmerkung in eine
Collateralbewegung aus Osten ausschlagen. Daher wird der
allgemeine Ostwind zu den Seiten des Aeqvators
eigentlich ein Collateralwind seyn, der aber unter
der Linie selber, wo der Südost und Nordostwind von beyden
Hemisphärien gegen einander streben, in einen geraden
Ostwind ausschlagen muß, je weiter aber von der Linie desto mehr
nach der Polarrichtung abweichet.
Bestätigung aus der Erfahrung.
Die Barometerhöhe ist
nach allen einstimmigen Beobachtungen einen Zoll niedriger nahe zum
Aeqvator, als in den temperirten Zonen. Folget nun hieraus nicht von
selber: daß die Luft dieser letztern Erdstriche
nach den Gesetzen des Gleichgewichts zum Aeqvator hindringen
müsse, und macht diese Bewegung nicht in unserer Halbkugel einen
immerwährenden Nordwind in der heissen Zone? Woher
schlägt er aber immer mehr und mehr, und endlich unter der Linie
gänzlich, in einen Ostwind aus? Die Antwort findet man am
Ende der 4ten Anmerkung. Warum aber wird das Gleichgewicht hier
niemals völlig wieder hergestellt? Weswegen
bleibt die Luft in dem brennenden Erdgürtel immer um einen Zoll
Qvecksilberhöhe
leichter als die in der temperirten Zone? Die immer hier
wirksame Hitze hält alle Luft in einer stetigen Ausspannung und
Verdünnung. Wenn also auch neue Luft in diese Gegend
dringt, um das Gleichgewicht herzustellen, so wird diese eben sowohl
wie die vorige ausgebreitet. Die erhöhete Luftsäule
steiget über die Wasserwage der übrigen und fließt
oberwärts nach dieser Seite ab. Also
muß die Aeqvatorsluft, weil sie niemals höher steigen kann als die in
den temperirten Zonen, und dennoch eine dünnere Luft in sich
enthält, immer leichter seyn als diese, und dem
Drucke derselben nachgeben.
Erklärung der Westwinde, welche den Ocean in dem Zwischenraume zwischen dem 28sten und 40sten Grade größtentheils beherrschen.
Die Richtigkeit der
Beobachtung selber ist durch die Erfahrung der Seefahrenden sowohl im
stillen als atlantischen als auch japonischen Meere hinlänglich
bestätigt. Zur Ursache bedarf man keines andern Grundsatzes, als
desjenigen aus der vorigen Anmerkung. Eigentlich
sollte aus dem daselbst angeführten Grunde hier ein gemäßigter
Nordostwind wehen. Weil aber die Luft, die sich von
beyden Hemisphärien zu dem Aeqvator häufet, daselbst unaufhörlich
überfließt, und sich in der obern Region unserer
Halbkugel nach Norden ausbreitet, und da sie von
dem Aeqvator herkommt, bey nahe völlig die Bewegung desselben
überkommen hat, so muß sie mit einer Collateralbewegung von Abend
gegen Morgen über die untere Luft in den [entfernteren] Parallelzirkeln fortrücken,
(siehe die dritte Anmerkung,) sie wird aber ihre Wirkung nur da
auf die niedrige Luft thun, wo die entgegengesetzte
Bewegung derselben schwächer wird, und wo sie selber in
die untere Region herabtritt. Dieses aber muß in einer ziemlich
nahmhaften Entfernung von dem Aeqvator geschehen,
und daselbst werden West-
und Collateralwinde herrschen.
Fünfte
Anmerkung.
Die
Moussons oder Periodische Winde, die den
Arabischen, Persischen und Indischen Ocean beherrschen, werden
ganz natürlich aus dem in der dritten Anmerkung erwiesenen
Gesetz
erkläret.
In diesen Meeren wehen
vom April bis in den September Südwestwinde, eine Zeitlang folgen Windstillen darauf, und von dem
October bis in den Merz wehen wieder die entgegengesetzte
Nordostwinde. Man sieht durch das vorige vorbereitet in
einem Augenblicke die Ursache davon ein. Die Sonne tritt in dem Merzmonat in unsere nordliche
Halbkugel hinüber, und erhitzt
Arabien, Persien, Indostan, die
anliegende Halbinseln, imgleichen China und Japan stärker, als die zwischen
diesen Ländern und dem Aeqvator befindlichen Meere. Die Luft die
über diesen Meeren stehet, wird durch eine solche Verdünnung der
nordlichen Luft genöthiget nach
dieser Seite sich auszubreiten, und wir wissen, daß ein
Wind der vom Aeqvator nach dem Nordpole hingeht, in eine
südwestliche Richtung ausschlagen
muß. Dagegen so bald die Sonne das Herbstäqvinoctium überschritten, und die Luft der südlichen
Halbkugel verdünnet, so tritt die aus dem nordlichen Theile des
heißen Erdstriches hinunter zum Aeqvator. Nun schlägt ein aus den
nordlichen Gegenden zur Linie eilender Wind nothwendig wenn er
sich selbst überlassen ist, in einen Nordostwind aus; also ist leicht
einzusehen, warum dieser den vorigen Südwestwind ablösen
müsse.
Man siehet auch leicht
den Zusammenhang dieser Ursachen, in so weit sie zu Hervorbringung
der periodischen Winde zusammen stimmen. Es muß nahe bey dem
Wendezirkel ein weit gestrecktes festes Land seyn,
welches durch die Sonnenwirkung mehr Hitze annimmt als die Meere
die zwischen ihm und dem Aeqvator begriffen seyn, so wird die Luft
dieser Meere bald genöthigt werden über diese Länder
hinzustreichen, und einen westlichen Collateralwind
[machen] bald von diesen Ländern sich
wiederum über die Meere ausbreiten.
Bestätigung aus der Erfahrung.
In dem ganzen Ocean
zwischen Madegascar und Neuholland wehet der beständige, und den
Meeren die dem Wendezirkel des Steinbocks nahe liegen,
natürliche Südostwind. Allein in der Gegend von Neuholland,
in einem weitgestrecken Meere neben diesem Lande sind die
periodische Winde anzutreffen, die vom
April bis in den October von
Südost, und die übrige Monate von Nordwest wehen. Denn diese letztere Monate
hindurch ist in den Australländern,
wovon wir nur die Küsten Neuhollands kennen, Sommer. Die
Sonne erhitzt hier das Erdreich weit stärker als die benachbarte Meere,
und nöthiget die Luft von den Gegenden des
Aeqvators nach dem Süderpole hinzustreichen, welches nach dem was
in der dritten Anmerkung gesagt worden, einen [Nordwestwind] verursachen
muß. In den Monaten vom April bis in den October erhebet sich
die Sonne über das nordliche Hemisphärium und alsdenn tritt die südliche
Luft wiederum zurück zum Aeqvator, um in die Gegend der Verdünnung zu
ströhmen, und macht den entgegengesetzten Südostwind. Es ist nicht zu
verwundern daß die
mehresten Naturforscher von der periodischen Veränderung der
Winde in dem gedachten Theile des südlichen Oceans keinen Grund
angeben können, weil das Gesetze ihnen nicht bekannt war, das wir
in der dritten Anmerkung ausgeführt haben. Diese Einsicht kann ungemein
nützlich werden, wenn man sie zu Entdeckung neuer Länder anwenden
will. Wenn ein Seefahrender in der südlichen Halbkugel nicht weit von
dem Wendzirkel zu der Zeit wenn die
Sonne denselben überschritten hat einen anhaltenden Nordwestwind verspühret, so kann dieses ihm ein
beynahe untrügliches
Merkmal seyn, daß gegen Süden hin ein weitgestrecktes festes
Land seyn müsse, [über
welchem] die Sonnenhitze die Aeqvatorsluft nöthiget
zu streichen und einen mit einer westlichen Abweichung
verbundenen Nordwind macht. Die
Gegend von Neuholland giebt nach den jetzigen
Wahrnehmungen noch die größte
Vermuthung eines daselbst befindlichen weit [ausgebreiteten] Australlandes. Diejenige
welche das stille Meer befahren, können unmöglich alle
Gegenden der südlichen Halbkugel durchsuchen, um daselbst neue Länder
auszuspähen. Sie müssen eine Anleitung haben,
die sie urtheilen läßt, auf welcher Seite sie solche
wahrscheinlicher Weise antreffen werden.
Diese Anleitung könnten ihnen die Nordwestwinde
geben, die sie daselbst in großen Meeresstrichen zur Sommerszeit
antreffen möchten denn diese sind Merkmale eines nahen
Südlandes.
Beschluß.
Es ist eine Qvelle
eines nicht gringen Vergnügens [wann] man durch die obige Anmerkungen
vorbereitet die Carte ansieht, worauf die
beständige oder periodischen Winde
aller Meere anzutreffen seyn; denn man ist im Stande mit
Hinzuziehung der Regel, daß die Küsten der Länder
die Richtung der Winde nahe bey denselben ihnen Parallel
machen, von allen Winden Grund anzugeben. Die
[zwischen Zeiten] der periodischen Winde,
die eine Zeitlang eine Gegend durchstreichen
und hernach von entgegengesetzten abgelöset werden, die [Zwischenzeit] dieser Abwechselung, sage
ich, ist mit [Windstillen, Regen], Ungewittern und plötzlichen Orcanen
beunruhigt. Denn alsdenn herrscht
schon in der obern Luft der entgegengesetzte Wind wenn der vorige
noch in der untern nicht völlig nachgelassen
hat, und indem beyde gegen einander treiben, so halten sie
sich endlich im Gleichgewicht auf, verdicken die Dünste,
die sie mit sich führen, und richten alle die genannte
Veränderungen an. Man kann es auch fast als
eine allgemeine Regel annehmen, daß Ungewitter durch einander
entgegen strebende Winde zusammen getrieben werden. Denn man
bemerkt gemeiniglich, daß nach dem Gewitter
sich der Wind ändere. Nun war dieser entgegengesetzte Wind
schon wirklich vor dem Ungewitter in der obern Luft anzutreffen, er war
auch derjenige, welcher die Wettermaterie zusammen trieb und die Wetterwolke über den Horizont führte; denn man
findet gewöhnlich daß die Ungewitter dem untern Winde entgegen
aufsteigen, das Gewitter entstand als die Winde sich
im Gleichgewichte aufhielten, und nach demselben behält der
entgegengesetzte die Oberhand. Die anhaltende Regen die oft bey hohem Barometer als
z. E. im vorigen
Sommer wahrgenommen werden, sind solchen einander in zwey
Regionen entgegenstrebenden Luftzügen mit vieler Wahrscheinlichkeit zuzuschreiben.
Man kann die Bemerkung
des
[Mariotte](#en50213),
daß die Winde, die im neuen
Lichte aus Norden zu wehen anfangen, ohngefehr in 14 Tagen den
ganzen Compaß durchlaufen, so daß sie
erstlich in Nordost, denn in Osten, darauf in Südost und so ferner
herumgehen, imgleichen daß die Winde niemals den ganzen Zirkel in
entgegengesetzter Richtung vollenden, durch die Regel
der dritten Anmerkung vollkommen erklären. Denn der Nordwind
schlägt natürlicher Weise in einen Nordostwind aus; dieser, wenn
das Gleichgewicht mit der Gegend wohin
er ziehet, hergestellt ist, wird wegen des Widerstandes derselben
Luftgegend ganz ostlich. Alsdenn, weil die in Süden zusammengedrückte
Luft sich wieder nach Norden ausdehnet, macht dieses in Verbindung
mit dem Ostwinde eine südostliche Abweichung,
diese wird durch die in der dritten Anmerkung angeführte Ursache
erst südlich, denn südwestlich, darauf wegen des Widerstandes der
nordlichen ins Gleichgewicht hergestellten Luft westlich, darauf aus
Verbindung mit der sich wieder ausdehnenden nordlichen Luft
nordwestlich, endlich gänzlich nordlich.
[Der Raum den ich dieser
kurzen Betrachtung bestimmet habe, setzet ihrer weiteren
Ausführung Schranken. Ich beschliesse dieselbe damit,
daß ich denen
Herren, welche mir die Ehre erzeigen, in meinen gringen
Vortrag einiges Vertrauen zu setzen,
][eröfnen], daß ich die
Naturwissenschaft über [des Herrn ](#en50233)
D. Eberhards
erste Gründe
der Naturlehre zu erklären gesonnen sey. Meine
Absicht ist nichts vorbey zu lassen was eine
gründliche Einsicht in die
wichtige Entdeckungen alter und neuer Zeiten befördern kann, und vornemlich den
unendlichen Vorzug den [die
letztere] durch die glückliche Anwendung der
Geometrie vor jenen erhalten haben, in deutlichen und
vollständigen Beyspielen zu beweisen. Ich fahre fort
in der Mathematick Anleitung zu geben, und den Lehrbegriff
der Weltweisheit mit der Erläuterung der
[Meyerschen](#en50305)
Vernunftlehre zu eröffnen.
Ich werde die Metaphysick über das Handbuch [des Herrn Prof.
](#en50306)
Baumgarten
vortragen. Die Schwierigkeiten der
Dunkelheit die dieses nützlichste und gründlichste unter allen
Handbüchern seiner Art zu umgeben scheinen, werden, wo ich mich
nicht zu sehr schmeichle durch die Sorgfalt des
Vortrags und ausführliche
schriftliche Erläuterungen gehoben werden. Mich dünkt es sey mehr als
allzu gewiß, daß nicht die Leichtigkeit sondern
die Nützlichkeit den Werth einer Sache bestimmen müsse, und
daß [wie ein sinnreicher
Schriftsteller sich ausdrückt, die Stoppeln
ohne Mühe oben fließend gefunden werden, wer aber Perlen suchen will, in
die Tiefe herabsteigen
müsse](#en55232).