Kant's Werke Schriften 1747–1756 Theorie der Winde Kant Immanuel Hohenegger Hansmichael Pozzo Riccardo Gerhardt Volker Antragsteller und Projektleitung Willaschek Marcus Projektleitung Schepelmann Maja Koordination und editionswissenschaftliche Beratung Rosie Martin Koordination und editionswissenschaftliche Beratung Karl Jacqueline Koordination Neumann Gerald Entwicklung und Layout der digitalen Edition, Bereitstellung der Schnittstellen Fricke Edna Entwicklung TEI-Datenmodell und Schema sowie Konversionsroutinen für Überführung der Daten in das TEI-Format Geldgeber sind im Folgenden alphabetisch angeordnet; kein Anspruch auf Vollständigkeit. Akademienprogramm Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien, Prof. Monika Grütters Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) Hamburger Stiftung zur Förderung von Wissenschaft und Kultur Mathias-Tantau-Stiftung Fritz-Thyssen-Stiftung ZEIT STIFTUNG BUCERIUS Vollständige digitalisierte Ausgabe der Druckversion der historisch-kritischen Neuedition der Akademieausgabe. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften (BBAW) Neuedition der Abteilung I, „Werke“, der Akademie-Ausgabe von „Kant‘s gesammelten Schriften“ Berlin 2023 Creative Commons Attribution-ShareAlike 4.0 International (CC BY-NC-SA 4.0) Theorie der Winde Kant's Werke Schriften 1747–1756 Theorie der Winde Kant Immanuel Hohenegger Hansmichael Pozzo Riccardo 539–552 De Gruyter Berlin Boston 2023 9783110706482 Kant's gesammelte Schriften Erste Abteilung Werke – Neuedition Band 1 German Corrected Corrected Corrected Corrected Preparation Initial conversion into TEI and manual adaptations

M. Immanuel Kants

neue

Anmerkungen

zur

Erläuterung

der

Theorie der Winde,

wodurch er zugleich

zu seinen Vorlesungen

einladet.

Königsberg, den 25. April 1756.

Gedruckt in der Königl. privilegirten Driestischen Buchdruckerey.

Vorerinnerung.

Man muß sich den Luftkreis als ein Meer von flüßiger elastischer Materie vorstellen, welches gleichsam aus Schichten von verschiedener Dichtigkeit, die in grösseren Höhen allemal abnimmt, zusammengesetzt ist. Wenn dieses flüßige Meer im Gleichgewicht bleiben soll, so ist nicht genug, daß die Luftsäulen, die man sich neben einander vorstellt, gleich schwer seyn; sie müssen auch gleich hoch stehen, d. i. die Schichte von einer gewißen Dichtigkeit muß in allen Theilen ihres Umfangs in derselben Wasserwaage stehen; denn nach den Gesetzen der Flüßigkeit würde in entgegengesetztem Falle der höhere Theil nothwendig nach der niedrigen Seite abfliessen, und das Gleichgewicht wäre den Augenblick gehoben. Die Ursachen, die das Gleichgewicht aufheben können, sind entweder die Verminderung der ausspannenden Kraft durch Kälte und Dämpfe die die Federkraft der Luft schwächen, oder die Verminderung der Schwere, erstlich durch die Hitze womit eine gewiße Luftgegend stärker als eine andere ausgedehnt wird, und indem sie dadurch genöthigt ist, über die Wasserwaage der andern zu steigen, abfließt und eine leichtere Luftsäule ausmacht, und zweytens durch die Zusammenfließung der Wasserdämpfe, die vorher von der Luft getragen wurden, nun aber, indem sie sich von ihr scheiden, einen Theil von dem Gewichte derselben entziehen. In beyden Fällen entstehet ein Wind nach der Gegend hin, wo die Luft entweder an ihrer Ausdehnungskraft oder Schwere eingebüßt hat; nur mit dem Unterscheide, daß in dem ersten Falle das Gleichgewicht bald hergestellt ist, wie auch bey der zweyten Ursache des andern Falles, weil zu der Fortdauer des Windes in diesen Fällen eine Vermehrung der Ursache erfordert wird, welches unmöglich lange währen kann, dagegen die erste Ursache dieses letztern Falles, weil sie immer nur fortgesetzt werden darf ohne sich zu vermehren, eine sehr kräftige Qvelle anhaltender Winde abgiebt.

Die Ursachen, die entweder wegen Vermehrung der Elasticität, wie z. E. durch die Wärme, oder zugleich der Schwere, wie der aus dem schmelzenden Schnee befreyeten Luft, die Atmosphäre bewegen, sind bey weitem nicht so kräftig, weil alsdenn so wohl die Bewegung gegen eine ruhende Luft geschicht, die ihr mit ihrem ganzen Gewichte widersteht, als auch selbst die sich ausbreitende Luftgegend nach oben eben so stark als nach den Seiten sich ausdehnet, also ihre eigene Gewalt schwächet. Daher ein Wind aus diesen Ursachen unmöglich in großen Weiten kann verspührt werden.

Ich führe alles dieses nur kurz an, und setze voraus, daß das eigene Nachdenken des Lesers das nöthige Licht über das vorgetragene ausbreiten werde. Ich möchte nicht gerne in so wenig Blättern sehr wenig sagen.

Erste Anmerkung.

Ein grösserer Grad der Hitze, der auf eine Luftgegend mehr als auf eine andere wirkt, macht einen Wind nach dieser erhitzten Luftgegend hin, der so lange anhält, als die vorzügliche Wärme der Gegend fortdauert.

Die vermehrte Hitze nöthigt die Luft mehr Raum einzunehmen. Sie breitet sich zu den Seiten und eben so stark in die Höhe aus. In diesem Augenblicke wird das Gewicht dieser Luftgegend verändert, weil, indem die oberwerts sich erhebende Luft überfließt, die Luftsäule fortan weniger Luft enthält. Die benachbarte kühlere, mithin dichtere und schwerere Luft, verdrängt sie wegen der Ueberwucht aus ihrem Platz. Sie wird eben so wie die vorige verdünnet und leichter gemacht, und weicht also dem Drucke der nächsten, und so fortan. Man denke nicht, diese erhitzte Luft, da sie eben so wohl seitwerts sich auszubreiten bestrebt ist, werde einen Wind von der Gegend der Erhitzung in die kühlere Luftgegend machen. Denn erstlich, weil die Ausbreitung nach allen Seiten gleich stark geschicht, mithin die Ausspannungskraft, die dieser umgekehrt proportionirt ist, wie der Cubus der Entfernung von dem Mittelpuncte gegenseitig abnimmt, so würde die sich ausbreitende Gewalt eines Platzes von Luft der 4 Qvadratmeilen in sich enthielte, wenn sie um den 10ten Theil vermehrt worden, in der Entfernung einer Meile von diesem erhitzten Platze nur noch den 80sten Theil dieser vermehrten Kraft betragen, mithin gar nicht einmal können verspührt werden. Die Ausbreitung kann aber auch nicht einmal bis dahin reichen. Denn ehe die Luft sich noch so weit erweitert, wird sie wegen der Verminderung ihres Gewichts dem Druck der dichtern weichen, und ihren Platz derselben einräumen.

Bestätigung aus der Erfahrung.

Die angeführte Regel wird so sehr durch alle Erfahrungen bestätigt, daß man auch nicht eine einzige Ausnahme dagegen aufbringen kann. Alle Inseln die im Meere liegen, alle Küsten der Länder in Gegenden wo die Sonnenhitze stark wirkt, empfinden einen anhaltenden Seewind, so bald die Sonne sich so weit über den Horizont erhoben hat, daß sie auf die Erde nahmhaft wirket. Denn da diese mehr Erhitzung als das Meer annimmt, so wird die Landluft mehr verdünnet als die Seeluft, und weicht daher wegen ihrer Leichtigkeit dem Gewichte der letztern. In dem weitläuftigen äthiopischen Ocean ist der Wind sehr weit vom festen Lande, der natürliche allgemeine Ostwind, aber näher zu den Küsten von Guinea bekommt er eine Wendung von diesem seinem Zuge, und wird genöthigt über Guinea hinzuwehen, welches durch die Sonne mehr als das Weltmeer erhitzet einen Zug der Luft über seinen erwärmten Boden verursacht. Man sehe nur die Carte an, die Jurin bey des Varenius allgemeiner Geographie, oder Musschenbröck seiner Physick beygefügt hat, so wird man in einem Augenblick, wenn man den natürlichen allgemeinen Ostwind und diese Regel zugleich vor Augen hat, alle Richtungen des in dem Meere bey Guinea wehenden Windes, die Tornaden und alles übrige völlig einsehen und erklären können. Darum regieren in Norden die Nordwinde zur Winterszeit, wenn die Sonne die Luft in der südlichen Halbkugel verdünnet. Daher heben auch die Winde im Anfange des Frühlings an von dem Aeqvator nach der nordlichen Halbkugel zu wehen, weil die vermehrte Sonnenwärme in dieser die Luft verdünnet, und einen Rückzug von dem Aeqvator zu der nordlichen temperirten Zone hin verursacht. Dieser Wind erstrecket sich nicht weit in diesen gemäßigten Erdstrich hinein, weil die Sonnenwärme zu der Zeit noch nicht viel Wirkung in grösserer Entfernung vom Aeqvator verrichten kann. Um diese Zeit, im April und Mäymonate, wehen die Winde aus dem innern Aethiopien über Aegypten hin, welche die Campsin genannt werden, und da sie von einem erhitzten Boden kommen, eine brennend heiße Luft mit sich führen; denn die verdünnte Luft in der temperirten Zone nöthiget die Aeqvatorsluft zurückzutreten und sich eine Zeitlang über diese Gegend auszubreiten.

Zweyte Anmerkung.

Eine Luftgegend die sich mehr als eine andere verkühlet, bringet in der benachbarten einen Wind zuwege, der in den Platz der Verkühlung hineinwehet.

Die Ursache ist aus der Verminderung der ausdehnenden Kraft, durch die Abnahme der Wärme, leicht begreiflich.

Bestätigung aus der Erfahrung.

In allen Meeren, nahe bey den Küsten des festen Landes, oder der Inseln, die einer starken Sonnenwirkung ausgesetzt sind, wehet des Nachts ein anhaltender Landwind. Denn zu der Zeit verliehret die Seeluft schneller ihre Wärme als die Landluft, weil der erhitzte Boden in der letztern die Wärme ohne sonderliche Verminderung erhält, dagegen das Meer, welches wenig Hitze des Tages über eingenommen hat, die über ihm befindliche Luft schneller verkühlen läßt. Daher weichet diese der Ausspannungskraft der erstern, und verstattet einen Luftzug von dem Lande in die abgekühlte Meeresgegend. Die Südwinde, die, wie Mariotte anmerkt, in Frankreich im Anfange des Novembers wehen, sind der Verkühlung der Luft im tiefen Norden, da der Winter alsdenn mit aller Strenge anhebt, zuzuschreiben.

Dritte Anmerkung.

Ein Wind der vom Aeqvator nach dem Pole hinweht, wird immer je länger desto mehr westlich, und der von dem Pole zum Aeqvator hinzieht, verändert seine Richtung in eine Collateralbewegung aus Osten.

Diese Regel, welche, so viel mir wissend ist, noch niemals angemerkt worden, kann als ein Schlüssel zur allgemeinen Theorie der Winde angesehen werden. Der Beweis derselben ist sehr begreiflich und überzeugend. Die Erde drehet sich von Abend gegen Morgen um die Achse. Ein jeder Ort auf ihrer Oberfläche hat daher desto mehr Schnelligkeit, je näher er dem Aeqvator ist, und desto weniger, je weiter er davon entfernet ist. Die Luft, die zu dem Aeqvator hingeht, trift auf ihrem Wege also immer Oerter an, die mehr Bewegung vom Abend gegen Morgen haben als sie selber. Sie wird also diesen einen Widerstand in entgegengesetzter Richtung, nemlich von Osten nach Westen leisten, und der Wind wird daher in dieser Collateralrichtung abweichen. Denn es ist einerley, ob der Boden unter einem flüßigen Wesen, das nicht in gleicher Schnelligkeit nach derselben Richtung bewegt wird, fortrückt, oder ob dieses über den Boden in entgegengesetzter Direction bewegt wird. Wenn dagegen der Wind vom Aeqvator zum Pole hinwehet, so kommt er immer über Oerter der Erde die weniger Bewegung vom Abend gegen Morgen haben, als die Luft die er mit sich führt; denn diese hat eine solche, die der Schnelligkeit des Orts gleich ist von da er sich ausgebreitet hat. Er wird also über die Oerter, worüber er kommt, von Abend gegen Morgen wegziehen, und seine Bewegung zum Pole hin wird mit der Collateralbewegung aus Abend verbunden werden.

Um sich dieses deutlich vorzustellen muß man zuerst vor Augen haben, daß, wenn die Atmosphäre im Gleichgewicht ist, ein jeder Theil derselben mit dem Orte der Oberfläche der Erde worüber er sich befindet gleiche Geschwindigkeit der Drehung von Abend gegen Morgen habe, und in Ansehung desselben in Ruhe sey. Wenn aber ein Theil des Luftkreises in der Richtung des Meridians seinen Platz verändert, so trift er auf Stellen des Erdbodens, die sich mit mehr oder weniger Schnelligkeit von Abend gegen Morgen bewegen, als er von demjenigen Orte noch an sich hat von welchem er weggerückt worden. Er wird sich also über die Gegenden worüber er ziehet entweder mit einer Abweichung von Abend gegen Morgen bewegen, oder in der Richtung von Morgen gegen Abend der Oberfläche der Erde widerstehen, welches in beyden Fällen einen Wind macht, der diese Collateralrichtung hat. Die Stärke dieser Seitenbewegung beruhet so wohl auf der Schnelligkeit des Orts worüber er bewegt wird, als auch auf dem Unterscheide der Schnelligkeit der Oerter, von und zu welchen er übergeht. Nun ist aber die Schnelligkeit der Achsendrehung eines jeden Puncts auf der Oberfläche der Erden dem Cosinus der Breite, und der Unterscheid dieses Cosinus zweyer sehr nahe, z. E. einen Grad weit, von einander abstehenden Oerter der Oberfläche, dem Sinus der Breite proportionirt; also wird das Moment der Geschwindigkeit, womit er in dem Uebergange aus einem Grade der Breite in den andern seitwerts verrückt wird, in zusammengesetzter Verhältniß der Sinus und Cosinus der Breiten stehen, mithin bey dem 45 Grade am größten, in gleicher Entfernung aber von demselben gleich seyn.

Damit man sich von dem Grade dieser Collateralbewegung einen Begriff machen könne, so laßt uns einen Nordwind nehmen, der von der Breite von 23½ Grad zum Aequator hinwehet. Dieser hat, wenn er von benanntem Grade angefangen, eine Bewegung, die der seines Orts von Abend gegen Morgen gleich ist. Wenn er 5 Grade näher zum Aeqvinoktialzirkel gekommen, so trift er einen Erdstrich an, der sich schneller in der benannten Richtung beweget. Nun findet man durch eine leichte Rechnung, daß der Unterscheid der Schnelligkeit dieser beyden Parallelzirkel 45 Fuß in einer Secunde austrägt; also würde die Luft, wenn sie aus dem 23sten Grade in den 18ten angelanget ist, der Erde in dieser Gegend einen Gegenwind von Morgen gegen Abend verursachen, der 45 Fuß in einer Secunde zurück zu legen vermögend wäre, wenn nicht in dem ganzen Wege dieser 5 Grade der darüber ziehenden Luft durch den Umschwung der Erde schon immer etwas von ihrer Bewegung wäre mitgetheilet worden, so daß dieser Unterscheid im 5ten Grade der Fortrückung bey weitem so viel nicht austragen kan. Weil aber doch immer ein Unterscheid übrig bleiben muß, so wollen wir ihn nur den 5ten Theil desjenigen der ohne diesen Grund statt haben würde, annehmen, so wird die Collateralbewegung dennoch 9 Fuß in einer Secunde austragen, welches genung ist, um aus einem geraden Nordwinde welcher 18 Fuß in einer Secunde durchstreicht, und vom 23sten Grade anhebt, im 18ten einen Nordostwind zu machen. Eben so wird ein Südwind der vom 18ten Grade in den 23sten mit eben dieser Schnelligkeit übergegangen, in dem letztern Grade in einen Südwestwind verändert werden, weil er mit einem eben so großen Ueberschusse des Schwunges von Abend gegen Morgen als vorher ausgerechnet worden in den langsamer bewegten Parallelzirkel übertritt.

Bestätigung aus der Erfahrung.

Diese wird den folgenden Anmerkungen beygefügt werden.

Vierte Anmerkung.

Der allgemeine Ostwind, welcher den ganzen Ocean zwischen den Wendezirkeln beherrscht, ist keiner andern Ursache als der, welche aus der ersten mit der dritten verbundenen Anmerkung erhellet, zuzuschreiben.

Diejenige Meynung, welche den allgemeinen Ostwind dem Nachbleiben des Luftkreises bey der Drehung der Erde von Abend gegen Morgen beymißt, ist mit gutem Grunde von den Naturkundigen verworfen worden; weil der Luftkreis, wenn er gleich anfänglich bey dem ersten Umschwunge etwas zurückgeblieben, doch in kurzem mit gleicher Schnelligkeit muß fortgeführet worden seyn. Ich habe diesen Gedanken aber auf eine vortheilhaftere und richtigere Art angebracht, indem ich beweise, daß er gilt, wenn die Luft aus den entlegenern Parallelzirkeln zu dem Aeqvator tritt; denn alsdenn hat sie gewiß nicht gleiche Geschwindigkeit mit der Bewegung dieses größten Zirkels, und muß ohne Zweifel etwas nachbleiben. Der hieraus entstehende Ostwind wird unaufhörlich seyn, wenn unaufhörlich neue Luft zu dem Aeqvator von den Seiten hinziehet, denn die vorige würde freylich bald diese entgegenstrebende Bewegung durch die fortgesetzte Wirkung der Erdfläche verlieren.

Seitdem die erste Ursache mit allgemeiner Uebereinstimmung abgeschaft ist, so ist man darinn übereingekommen, den allgemeinen Ostwind zwischen den Wendezirkeln dem Nachzuge der Luft hinter diejenige die durch die Sonne von Morgen gegen Abend hin verdünnet worden, zuzuschreiben. Man würde mit dieser Erklärung gewiß nicht zufrieden gewesen seyn, wenn man eine bessere gehabt hätte. Wenn die Luft aus der Ursache der ersten Anmerkung zu dem von der Sonnenwirkung erhitzten Platze herbeyziehet, so muß es die gegen Abend von der Sonne abstehende eben so wohl thun, als die gegen Morgen sich befindet; ich sehe also nicht, warum um den ganzen Erdboden nichts als Ostwind seyn sollte. Wenn sie aber nur wegen der Verkühlung einer einige Zeit vorher erwärmten Luft sich in ihren Platz bewegt, so muß sie sich um deswillen eher von Abend gegen Morgen bewegen, weil die Oerter, die von der Sonne gegen Morgen liegen, sich mehr verkühlt, und also weniger Elasticität haben, als welche die Sonne länger verlaßen hat. Kann man sich aber, wenn ich gleich zugeben wollte, daß alles so zugienge als man es verlanget, auf irgend eine vernünftige Art vorstellen, wie es möglich sey, daß der Zug der Luft, der wenn die Sonne im Abendhorizonte ist, ihr nachgeht, bis 180 Grade davon d. i. 2700 Meilen morgenwärts einen Nachzug verursachen könne? und muß in so erstaunlichen Entfernungen nicht eine so gringe Bewegung gänzlich verschwinden? Und doch bewegt sich der Wind in allen Theilen des Wendezirkels, und in allen Tagezeiten gleich stark von Morgen gegen Abend. Herr Jurin, der eben dieselbe Meynung unterstützet, hat freylich guten Grund, wenn er es nicht beweisen kann, warum nicht weit von den Wendezirkeln, da doch gewiß die Sonnenwirkung auch nicht unbeträchtlich ist, eben derselbe Ostwind verspühret werde. Denn in der That, er kann gar nicht aus der angeführten Ursache erklärt werden.

Sehet also hier eine andere, welche besser mit den bekanntesten Gründen der Naturwissenschaft zusammen stimmt. Die Hitze, die in dem heißen Erdstriche und neben demselben stärker ist als anderwärts, erhält die Luft die sich über demselben befindet in beständiger Verdünnung. Die etwas weniger heiße und also auch schwerere Luftstriche, die weiter von dem Aeqvator abstehen, dringen nach den Gesetzen des Gleichgewichts in ihren Platz, und weil sie zu dem Aeqvator sich hin bewegen, so muß ihre nordliche Richtung nach der dritten Anmerkung in eine Collateralbewegung aus Osten ausschlagen. Daher wird der allgemeine Ostwind zu den Seiten des Aeqvators eigentlich ein Collateralwind seyn, der aber unter der Linie selber, wo der Südost und Nordostwind von beyden Hemisphärien gegen einander streben, in einen geraden Ostwind ausschlagen muß, je weiter aber von der Linie desto mehr nach der Polarrichtung abweichet.

Bestätigung aus der Erfahrung.

Die Barometerhöhe ist nach allen einstimmigen Beobachtungen einen Zoll niedriger nahe zum Aeqvator, als in den temperirten Zonen. Folget nun hieraus nicht von selber: daß die Luft dieser letztern Erdstriche nach den Gesetzen des Gleichgewichts zum Aeqvator hindringen müsse, und macht diese Bewegung nicht in unserer Halbkugel einen immerwährenden Nordwind in der heissen Zone? Woher schlägt er aber immer mehr und mehr, und endlich unter der Linie gänzlich, in einen Ostwind aus? Die Antwort findet man am Ende der 4ten Anmerkung. Warum aber wird das Gleichgewicht hier niemals völlig wieder hergestellt? Weswegen bleibt die Luft in dem brennenden Erdgürtel immer um einen Zoll Qvecksilberhöhe leichter als die in der temperirten Zone? Die immer hier wirksame Hitze hält alle Luft in einer stetigen Ausspannung und Verdünnung. Wenn also auch neue Luft in diese Gegend dringt, um das Gleichgewicht herzustellen, so wird diese eben sowohl wie die vorige ausgebreitet. Die erhöhete Luftsäule steiget über die Wasserwage der übrigen und fließt oberwärts nach dieser Seite ab. Also muß die Aeqvatorsluft, weil sie niemals höher steigen kann als die in den temperirten Zonen, und dennoch eine dünnere Luft in sich enthält, immer leichter seyn als diese, und dem Drucke derselben nachgeben.

Erklärung der Westwinde, welche den Ocean in dem Zwischenraume zwischen dem 28sten und 40sten Grade größtentheils beherrschen.

Die Richtigkeit der Beobachtung selber ist durch die Erfahrung der Seefahrenden sowohl im stillen als atlantischen als auch japonischen Meere hinlänglich bestätigt. Zur Ursache bedarf man keines andern Grundsatzes, als desjenigen aus der vorigen Anmerkung. Eigentlich sollte aus dem daselbst angeführten Grunde hier ein gemäßigter Nordostwind wehen. Weil aber die Luft, die sich von beyden Hemisphärien zu dem Aeqvator häufet, daselbst unaufhörlich überfließt, und sich in der obern Region unserer Halbkugel nach Norden ausbreitet, und da sie von dem Aeqvator herkommt, bey nahe völlig die Bewegung desselben überkommen hat, so muß sie mit einer Collateralbewegung von Abend gegen Morgen über die untere Luft in den entfernteren Parallelzirkeln fortrücken, (siehe die dritte Anmerkung,) sie wird aber ihre Wirkung nur da auf die niedrige Luft thun, wo die entgegengesetzte Bewegung derselben schwächer wird, und wo sie selber in die untere Region herabtritt. Dieses aber muß in einer ziemlich nahmhaften Entfernung von dem Aeqvator geschehen, und daselbst werden West- und Collateralwinde herrschen.

Fünfte Anmerkung.

Die Moussons oder Periodische Winde, die den Arabischen, Persischen und Indischen Ocean beherrschen, werden ganz natürlich aus dem in der dritten Anmerkung erwiesenen Gesetz erkläret.

In diesen Meeren wehen vom April bis in den September Südwestwinde, eine Zeitlang folgen Windstillen darauf, und von dem October bis in den Merz wehen wieder die entgegengesetzte Nordostwinde. Man sieht durch das vorige vorbereitet in einem Augenblicke die Ursache davon ein. Die Sonne tritt in dem Merzmonat in unsere nordliche Halbkugel hinüber, und erhitzt Arabien, Persien, Indostan, die anliegende Halbinseln, imgleichen China und Japan stärker, als die zwischen diesen Ländern und dem Aeqvator befindlichen Meere. Die Luft die über diesen Meeren stehet, wird durch eine solche Verdünnung der nordlichen Luft genöthiget nach dieser Seite sich auszubreiten, und wir wissen, daß ein Wind der vom Aeqvator nach dem Nordpole hingeht, in eine südwestliche Richtung ausschlagen muß. Dagegen so bald die Sonne das Herbstäqvinoctium überschritten, und die Luft der südlichen Halbkugel verdünnet, so tritt die aus dem nordlichen Theile des heißen Erdstriches hinunter zum Aeqvator. Nun schlägt ein aus den nordlichen Gegenden zur Linie eilender Wind nothwendig wenn er sich selbst überlassen ist, in einen Nordostwind aus; also ist leicht einzusehen, warum dieser den vorigen Südwestwind ablösen müsse.

Man siehet auch leicht den Zusammenhang dieser Ursachen, in so weit sie zu Hervorbringung der periodischen Winde zusammen stimmen. Es muß nahe bey dem Wendezirkel ein weit gestrecktes festes Land seyn, welches durch die Sonnenwirkung mehr Hitze annimmt als die Meere die zwischen ihm und dem Aeqvator begriffen seyn, so wird die Luft dieser Meere bald genöthigt werden über diese Länder hinzustreichen, und einen westlichen Collateralwind machen bald von diesen Ländern sich wiederum über die Meere ausbreiten.

Bestätigung aus der Erfahrung.

In dem ganzen Ocean zwischen Madegascar und Neuholland wehet der beständige, und den Meeren die dem Wendezirkel des Steinbocks nahe liegen, natürliche Südostwind. Allein in der Gegend von Neuholland, in einem weitgestrecken Meere neben diesem Lande sind die periodische Winde anzutreffen, die vom April bis in den October von Südost, und die übrige Monate von Nordwest wehen. Denn diese letztere Monate hindurch ist in den Australländern, wovon wir nur die Küsten Neuhollands kennen, Sommer. Die Sonne erhitzt hier das Erdreich weit stärker als die benachbarte Meere, und nöthiget die Luft von den Gegenden des Aeqvators nach dem Süderpole hinzustreichen, welches nach dem was in der dritten Anmerkung gesagt worden, einen Nordwestwind verursachen muß. In den Monaten vom April bis in den October erhebet sich die Sonne über das nordliche Hemisphärium und alsdenn tritt die südliche Luft wiederum zurück zum Aeqvator, um in die Gegend der Verdünnung zu ströhmen, und macht den entgegengesetzten Südostwind. Es ist nicht zu verwundern daß die mehresten Naturforscher von der periodischen Veränderung der Winde in dem gedachten Theile des südlichen Oceans keinen Grund angeben können, weil das Gesetze ihnen nicht bekannt war, das wir in der dritten Anmerkung ausgeführt haben. Diese Einsicht kann ungemein nützlich werden, wenn man sie zu Entdeckung neuer Länder anwenden will. Wenn ein Seefahrender in der südlichen Halbkugel nicht weit von dem Wendzirkel zu der Zeit wenn die Sonne denselben überschritten hat einen anhaltenden Nordwestwind verspühret, so kann dieses ihm ein beynahe untrügliches Merkmal seyn, daß gegen Süden hin ein weitgestrecktes festes Land seyn müsse, über welchem die Sonnenhitze die Aeqvatorsluft nöthiget zu streichen und einen mit einer westlichen Abweichung verbundenen Nordwind macht. Die Gegend von Neuholland giebt nach den jetzigen Wahrnehmungen noch die größte Vermuthung eines daselbst befindlichen weit ausgebreiteten Australlandes. Diejenige welche das stille Meer befahren, können unmöglich alle Gegenden der südlichen Halbkugel durchsuchen, um daselbst neue Länder auszuspähen. Sie müssen eine Anleitung haben, die sie urtheilen läßt, auf welcher Seite sie solche wahrscheinlicher Weise antreffen werden. Diese Anleitung könnten ihnen die Nordwestwinde geben, die sie daselbst in großen Meeresstrichen zur Sommerszeit antreffen möchten denn diese sind Merkmale eines nahen Südlandes.

Beschluß.

Es ist eine Qvelle eines nicht gringen Vergnügens wann man durch die obige Anmerkungen vorbereitet die Carte ansieht, worauf die beständige oder periodischen Winde aller Meere anzutreffen seyn; denn man ist im Stande mit Hinzuziehung der Regel, daß die Küsten der Länder die Richtung der Winde nahe bey denselben ihnen Parallel machen, von allen Winden Grund anzugeben. Die zwischen Zeiten der periodischen Winde, die eine Zeitlang eine Gegend durchstreichen und hernach von entgegengesetzten abgelöset werden, die Zwischenzeit dieser Abwechselung, sage ich, ist mit Windstillen, Regen, Ungewittern und plötzlichen Orcanen beunruhigt. Denn alsdenn herrscht schon in der obern Luft der entgegengesetzte Wind wenn der vorige noch in der untern nicht völlig nachgelassen hat, und indem beyde gegen einander treiben, so halten sie sich endlich im Gleichgewicht auf, verdicken die Dünste, die sie mit sich führen, und richten alle die genannte Veränderungen an. Man kann es auch fast als eine allgemeine Regel annehmen, daß Ungewitter durch einander entgegen strebende Winde zusammen getrieben werden. Denn man bemerkt gemeiniglich, daß nach dem Gewitter sich der Wind ändere. Nun war dieser entgegengesetzte Wind schon wirklich vor dem Ungewitter in der obern Luft anzutreffen, er war auch derjenige, welcher die Wettermaterie zusammen trieb und die Wetterwolke über den Horizont führte; denn man findet gewöhnlich daß die Ungewitter dem untern Winde entgegen aufsteigen, das Gewitter entstand als die Winde sich im Gleichgewichte aufhielten, und nach demselben behält der entgegengesetzte die Oberhand. Die anhaltende Regen die oft bey hohem Barometer als z. E. im vorigen Sommer wahrgenommen werden, sind solchen einander in zwey Regionen entgegenstrebenden Luftzügen mit vieler Wahrscheinlichkeit zuzuschreiben. Man kann die Bemerkung des Mariotte, daß die Winde, die im neuen Lichte aus Norden zu wehen anfangen, ohngefehr in 14 Tagen den ganzen Compaß durchlaufen, so daß sie erstlich in Nordost, denn in Osten, darauf in Südost und so ferner herumgehen, imgleichen daß die Winde niemals den ganzen Zirkel in entgegengesetzter Richtung vollenden, durch die Regel der dritten Anmerkung vollkommen erklären. Denn der Nordwind schlägt natürlicher Weise in einen Nordostwind aus; dieser, wenn das Gleichgewicht mit der Gegend wohin er ziehet, hergestellt ist, wird wegen des Widerstandes derselben Luftgegend ganz ostlich. Alsdenn, weil die in Süden zusammengedrückte Luft sich wieder nach Norden ausdehnet, macht dieses in Verbindung mit dem Ostwinde eine südostliche Abweichung, diese wird durch die in der dritten Anmerkung angeführte Ursache erst südlich, denn südwestlich, darauf wegen des Widerstandes der nordlichen ins Gleichgewicht hergestellten Luft westlich, darauf aus Verbindung mit der sich wieder ausdehnenden nordlichen Luft nordwestlich, endlich gänzlich nordlich.

Der Raum den ich dieser kurzen Betrachtung bestimmet habe, setzet ihrer weiteren Ausführung Schranken. Ich beschliesse dieselbe damit, daß ich denen Herren, welche mir die Ehre erzeigen, in meinen gringen Vortrag einiges Vertrauen zu setzen, eröfnen, daß ich die Naturwissenschaft über des Herrn D. Eberhards   erste Gründe der Naturlehre zu erklären gesonnen sey. Meine Absicht ist nichts vorbey zu lassen was eine gründliche Einsicht in die wichtige Entdeckungen alter und neuer Zeiten befördern kann, und vornemlich den unendlichen Vorzug den die letztere durch die glückliche Anwendung der Geometrie vor jenen erhalten haben, in deutlichen und vollständigen Beyspielen zu beweisen. Ich fahre fort in der Mathematick Anleitung zu geben, und den Lehrbegriff der Weltweisheit mit der Erläuterung der Meyerschen Vernunftlehre zu eröffnen. Ich werde die Metaphysick über das Handbuch des Herrn Prof.  Baumgarten vortragen. Die Schwierigkeiten der Dunkelheit die dieses nützlichste und gründlichste unter allen Handbüchern seiner Art zu umgeben scheinen, werden, wo ich mich nicht zu sehr schmeichle durch die Sorgfalt des Vortrags und ausführliche schriftliche Erläuterungen gehoben werden. Mich dünkt es sey mehr als allzu gewiß, daß nicht die Leichtigkeit sondern die Nützlichkeit den Werth einer Sache bestimmen müsse, und daß wie ein sinnreicher Schriftsteller sich ausdrückt, die Stoppeln ohne Mühe oben fließend gefunden werden, wer aber Perlen suchen will, in die Tiefe herabsteigen müsse.