--- title: "Fragen an den Boden — Leitfaden 4: Boden-Tiefe" subtitle: "Für Künstler*innen und Forscher*innen (Residenz-Immersion)" author: "Michel Garand" date: "Februar 2026" version: "1.2" lang: de license: "CC BY-SA 4.0" project: "Erdpuls OER-Sammlung" document: "04 — Leitfaden 4: Künstler*innen und Forscher*innen" part_of: "Fragen an den Boden — Praxisleitfäden für lebendige Erfahrungen (5-Leitfaden-Reihe)" translated_from: "questions_to_the_soil_guide4_artists_EN_v1.2.md" --- # Leitfaden 4: Boden-Tiefe — Soil Depth ## Für Künstler*innen und Forscher*innen (Residenz-Immersion) * * * ### Überblick | | | |---|---| | **Titel** | Boden-Tiefe / Soil Depth / Głębia Gleby | | **Zielgruppe** | Künstler*innen in Residenz, Gastforschende, Citizen-Science-Fellows, Bio-Material-Praktizierende | | **Gruppengröße** | 1–6 (intim; häufig solo mit Facilitator-Einführung) | | **Dauer** | Mehrtägige Immersion: erste angeleitete Sitzung (3–4 Stunden) + selbstgesteuerte Wiederholungsbeobachtungen über den Residenzzeitraum (1–4 Wochen) | | **Ort** | Gesamter Campus und umgebende Landschaft; die in Residenz befindliche Person wählt ihren eigenen primären Beobachtungsort | | **Jahreszeit** | Beliebig; der saisonale Bogen, der während der Residenz erlebt wird, wird Teil des Werks | | **Lernziele** | Am Ende dieser Residenz-Teilnahme werden die Beteiligten: (1) eine anhaltende tägliche Bodenbeobachtungspraxis über mindestens 7 aufeinanderfolgende Tage nachweisen, belegt durch ein Wochenlog, das von Tag 1 bis Tag 7+ eine messbare Progression in Spezifität und Wahrnehmungstiefe zeigt; (2) mindestens eine originäre Forschungsfrage oder ein künstlerisches Konzept formulieren, das unmittelbar aus der Bodenpraxis entstanden ist, dokumentiert mit Verweis auf die spezifischen Beobachtungen, die es ausgelöst haben; (3) eine kombinierte Interpretation des ökologischen Charakters ihres gewählten Ortes erstellen, die Sensordaten und körperliche Beobachtung integriert und dabei Stellen benennt, an denen die beiden Datenquellen konvergieren und wo sie divergieren; (4) mindestens einen substantiellen Output — kreatives Werk, Langzeitdatensatz, Methodendokumentation oder Workshop-Design — zum Erdpuls-Wissensallmende beitragen, attribuiert und archiviert | | **Nachhaltigkeitsdimensionen** | **Ökologisch** (tiefzeitliches ökologisches Verstehen durch wiederholte Beobachtung; phänologische Aufmerksamkeit für Bodenveränderungen über Wochen; Biodiversitätsdokumentation auf Mikroebene; Boden als lebendes System in kontinuierlichem Wandel); **Wirtschaftlich** (Künstler*innen- und Forschungsresidenz als Modell nachhaltiger Kreativwirtschaft; Bio-Material-Praxis als Kreislaufwirtschaft; Wissenscontribution der Residenz als nicht-monetärer wirtschaftlicher Austausch); **Sozial** (offenes Atelier und öffentliche Veranstaltung als Gemeinschaftsengagement; methodologischer Wissenstransfer an zukünftige Residenzgäste und Facilitatorinnen/Facilitatoren; die in Residenz befindliche Person als Brücke zwischen Forschungs-/Kunstgemeinschaft und Lokalgemeinschaft); **Kulturell** (goetheanische Naturwissenschaft als europäisches Kultur- und Geistesrerbe; Boden-Kunst als materialistisch-ökologische Praxis mit tiefen Wurzeln; Citizen Science als wissenschaftlicher Beitrag über Disziplingrenzen hinweg) | | **SDG-Verknüpfungen** | **SDG 4** (Hochwertige Bildung — Entwicklung und Weitergabe von Forschungsmethodik; goetheanische Erkenntnistheorie als Alternative zu extraktiven Forschungsparadigmen; OER-Beitrag); **SDG 15** (Leben an Land — longitudinale mikro-ökologische Studie; Boden-Biodiversitätsinventar; phänologischer Datensatz als Beitrag zur Langzeitbeobachtung); **SDG 17** (Partnerschaften zur Erreichung der Ziele — interdisziplinäre und sektorübergreifende Zusammenarbeit; Beitrag zur Wissensallmende; Residenz als Modell für Kunst-Wissenschaft-Gemeinschaft-Partnerschaft) | | **4A-Pfad-Fokus** | Vollständiger Pfad, mit tiefster Auseinandersetzung bei Acknowledgment / Anerkennung (künstlerische/wissenschaftliche Integration von Ortswissen) und Action / Handlung (kreativer oder wissenschaftlicher Output) | | **Einzigartiger Wert** | Tiefe des Engagements über die Zeit; die Produktion originärer Werke (Kunst, Forschung, Material-Experimente), die in der Bodenbegegnung verankert sind | | **Methodische Grundlagen** | Goetheanische Phänomenologie und partizipative Wissenschaft (Bortoft, 1996; Naydler, 1996): intensives Verweilen im Phänomen als erkenntnistheoretische Methode zur Entwicklung neuer Wahrnehmungsorgane. Longitudinale ökologische Beobachtung (Likens, 1989): systematische Wiederholungsmessung am selben Ort als Grundlage für die Erkennung von Veränderungen und Mustern. Ökologische Kunstpraxis (Wallen, 2012): künstlerisches Engagement mit ökologischen Systemen als Form ökologischer Forschung, die Wissen erzeugt, das wissenschaftliche Rahmen allein nicht generieren können. | --- ### Der Residenzkontext Die Erdpuls-Künstler*innen- und Forschungsresidenz bietet vertieftes Engagement mit dem Campus und seiner Landschaft. Die Residenzgäste leben vor Ort, oft für ein bis vier Wochen. Sie kommen mit einem Projekt — Bio-Material-Forschung, Citizen-Science-Untersuchung, Naturschutzpraxis, künstlerische Erkundung — und das Protokoll der „Fragen an den Boden" wird als Grundpraxis angeboten, die ihr Projekt in der direkten, anhaltenden Begegnung mit dem Ort verankert. Anders als die anderen Leitfäden ist dieser kein Einzelsitzungs-Workshop. Er ist ein Protokoll für laufende Praxis — eine tägliche oder regelmäßige Disziplin, die sich über den Residenzzeitraum vertieft. Die erste angeleitete Sitzung führt die Methode ein; die in Residenz befindliche Person trägt sie dann selbstständig weiter, passt sie ihrer jeweiligen Praxis an. --- ### Erste Sitzung: Angeleitete Einführung (3–4 Stunden) **Teil 1 — Standortwahlspaziergang (45 min):** Die Facilitatorin / der Facilitator geht den gesamten Campus mit der in Residenz befindlichen Person ab. Kein Programm außer: „Wo interessiert Sie der Boden? Wo fühlen Sie sich hingezogen zu knien?" Die in Residenz befindliche Person wählt ihren primären Beobachtungsort — eine Bodenstelle, zu der sie während der gesamten Residenz wiederholt zurückkehren wird. Die Wahl liegt bei ihr; die Facilitatorin / der Facilitator kann Alternativen vorschlagen, nur wenn die gewählte Stelle Sicherheits- oder Zugangsprobleme aufweist. *Proxemischer Hinweis:* Dieser Spaziergang ist selbst eine proxemische Übung — die in Residenz befindliche Person bewegt sich von öffentlicher Distanz (der Campusüberblick, die Ankunft, der unbekannte Ort) hin zu persönlicher und intimer Distanz (den *einen* Ort finden, an dem sie knien möchte). Der Instinkt, an einem bestimmten Ort zu knien, ist eine proxemische Erkenntnis: „Hier möchte ich in intime Beziehung zum Boden eintreten." Die Facilitatorin / der Facilitator sollte diesen Prozess nicht hetzen. Die Qualität der gesamten Residenz hängt davon ab, dass die in Residenz befindliche Person einen Ort findet, der sie in proxemische Nähe zieht — nicht einen, der ihr zugewiesen wurde. **Teil 2 — Vollständige 13 Fragen (90 min):** Die Facilitatorin / der Facilitator führt die in Residenz befindliche Person durch das vollständige Protokoll an ihrem gewählten Ort, in der vollen Tiefe, wie sie in Anhang A beschrieben ist. Keine Vereinfachung, kein Hetzen. Die Facilitatorin / der Facilitator liest jede Frage laut vor und ist dann still, während die in Residenz befindliche Person beobachtet und aufzeichnet. Die Aufzeichnung ist für diese Gruppe umfangreicher als für andere Zielgruppen. Die in Residenz befindliche Person wird ermutigt, das Medium zu verwenden, das sich natürlich anfühlt: - Schriftliche Beobachtung (Notizbuch, strukturiert oder frei) - Zeichnen (Bleistift, Tinte, Aquarell, Kohle) - Fotografie (Makro, dokumentarisch, künstlerisch) - Tonaufnahme (Boden-Klangraum, Knistern, Wasserversickerung, Wind durch nahestehende Pflanzen) - Materialsammlung (mit Genehmigung: Bodenproben zur Pigmentgewinnung, Ton für Keramikarbeit, Pflanzenmaterial für Bio-Material-Forschung) - Messung (vollständige Sensorsuite: Temperatur in mehreren Tiefen, Feuchtigkeit, pH-Wert, Leitfähigkeit wenn verfügbar) **Teil 3 — Sensor-Vertiefung (30 min):** Für Residenzgäste geht der Sensordialog über den Vergleich hinaus. Die Facilitatorin / der Facilitator stellt bereit: - Zugang zu den Rohdaten des nächstgelegenen Erdpuls-Sensors (CSV-Export oder API-Zugang) - Historische Daten für den Zeitraum vor der Residenz (mindestens eine vollständige Jahreszeit, wenn verfügbar) - Technische Dokumentation für die verwendeten Sensortypen - Einladung, einen temporären Sensor am gewählten Ort zu installieren, wenn gewünscht (über Zone-C-Ressourcen) **Teil 4 — Gespräch (30 min):** Ein offener Dialog zwischen Facilitatorin / Facilitator und der in Residenz befindlichen Person darüber, wie die Bodenbegegnung mit ihrem Projekt zusammenhängt. Das wird nicht durch Fragen strukturiert, sondern durch echte Neugier: Wie verändert das, was Sie heute beobachtet haben, das, was Sie zu erschaffen / zu erforschen / zu untersuchen geplant haben? Welche Fragen hat der Boden aufgeworfen, die Ihr Projekt nicht vorweggenommen hatte? --- ### Die laufende Praxis **Tägliches Minimum (15–20 min):** Die in Residenz befindliche Person kehrt täglich zur gleichen Zeit an ihren gewählten Ort zurück. Sie wiederholt nicht jedes Mal die vollständigen 13 Fragen. Stattdessen übt sie eine verdichtete Version: *Drei Morgenfragen:* 1. Was ist heute anders als gestern? (Auf Veränderung achten: Licht, Feuchtigkeit, Temperatur, Lebensaktivität, Geruch) 2. Was ist gleich geblieben? (Auf Beständigkeit achten: Struktur, Farbe, Tiefe, die bleibenden Qualitäten) 3. Was beginne ich zu verstehen, das ich am ersten Tag nicht hätte sehen können? (Auf das Emergieren von Mustern durch akkumulierte Beobachtung achten) Diese Tagespraxis ist der Kern der goetheanischen Methode, angepasst für die Residenz: dasselbe Phänomen, wiederholt beobachtet, enthüllt allmählich seine Tiefenstruktur. Goethes Einsicht war, dass sich die beobachtende Person verändern muss — neue Wahrnehmungsorgane entwickeln muss —, um zu sehen, was das Phänomen zeigt. Das braucht Zeit. Eine einzelne Sitzung, so reich sie auch sei, kann nicht erreichen, was drei Wochen täglicher Rückkehr erreichen. *Proxemischer Hinweis — die Vertiefungstrajektorie:* Die tägliche Rückkehr zu demselben 1 m² Boden schafft eine proxemische Beziehung, die sich über Wochen entwickelt. Tag 1 ist Neuheit — die in Residenz befindliche Person tritt in intime Distanz mit unbekanntem Boden. Tag 7 ist Wiedererkennung — der Boden beginnt, die Beobachterin / den Beobachter zu „kennen", und die Beobachterin / der Beobachter beginnt, den Boden zu „kennen"; spezifische Texturen, Gerüche und Temperaturen werden vor dem Kontakt erwartet. Tag 21 ist im vollen relationalen Sinne intim — die Beobachterin / der Beobachter nimmt Veränderungen durch Fühlen, Riechen, Feuchtigkeit an den Händen wahr; der Boden ist dauerhaft in das persönliche proxemische Feld eingetreten. Diese Progression spiegelt die menschliche proxemische Beziehungstrajektorie wider: Fremde*r → Bekannte*r → Vertraute*r. Das ist das tiefste proxemische Engagement, das das Toolkit erzeugt, und der Grund, warum das Residenzformat Wissen generiert, das kein Einzelsitzungs-Workshop erreichen kann. **Solitäre Beobachtung als proxemische Autonomie:** Manche Residenzgäste werden die tägliche Praxis lieber völlig allein durchführen. In proxemischen Begriffen ist das eine Präferenz für eine unvermittelte intime Begegnung mit dem Phänomen — ohne soziale proxemische Interferenz durch einen anderen menschlichen Körper im gleichen Raum. Die Geräusche, Wärme und Bewegungen einer anderen Person führen Sinnesinformationen ein, die mit dem beobachteten Phänomen konkurrieren. Die goetheanische Methode erfordert manchmal genau aus diesem Grund Einsamkeit. Die Facilitatorin / der Facilitator sollte früh fragen, die Antwort respektieren und sich verfügbar halten, ohne aufdringlich zu sein. **Wöchentliche Vertiefung:** Einmal pro Woche (empfohlen) wiederholt die in Residenz befindliche Person die vollständigen 13 Fragen an ihrem primären Ort und zeichnet vollständig auf. Die akkumulierten Wochenprotokolle werden zu einem Langzeitdatensatz, der sowohl wissenschaftlich (messbare Veränderungen über den Residenzzeitraum) als auch künstlerisch/philosophisch ist (die Evolution der Wahrnehmung der beobachtenden Person). **Vergleichsorte:** Die in Residenz befindliche Person wird ermutigt, 2–3 weitere Orte für den periodischen Vergleich auszuwählen: einen Ort mit deutlich anderem Bodencharakter, einen Ort an einer anderen Position in der Landschaft (Hügelkuppe vs. Talsohle, Sonne vs. Schatten, kultiviert vs. wild) und einen Ort jenseits der Campusgrenze (um die Ring-2-→-Ring-3-Erweiterung zu beginnen). Vergleich schärft die Wahrnehmung. --- ### Die kreative/wissenschaftliche Integration Das Protokoll schreibt nicht vor, was die in Residenz befindliche Person mit ihrer Bodenbegegnung macht. Es schlägt aber Integrationspunkte vor: **Für Bio-Material-Künstler*innen:** Der Boden selbst ist eine Materialpalette. Ton, der aus verschiedenen Tiefen und Orten gewonnen wird, hat unterschiedliche Farbe, Textur und Brenneigenschaften. Bodenpigmente (Ocker, Umber, Siennaerde) können gewonnen und direkt verwendet werden. Die Zersetzungsprozesse, die in Frage 7 (Lebenszählung) und Frage 6 (Struktur) beobachtet werden, sind dieselben Prozesse, die die Bio-Material-Praxis nutzt. Die „Fragen an den Boden" werden sowohl zu einem Bezugsprotokoll als auch zu einer Beobachtungspraxis. **Für Citizen-Science-Forscher*innen:** Das tägliche Beobachtungsprotokoll, kombiniert mit Sensordaten, stellt eine mikro-ökologische Studie dar. Die in Residenz befindliche Person kann während der Residenz eine Forschungsfrage formulieren („Warum weist diese 2 m² große Fläche eine 3-fach höhere Biodiversität auf als die benachbarte Fläche?") und eine Folgeuntersuchung entwerfen. Die Erdpuls-Dateninfrastruktur unterstützt das. **Für Naturschützende:** Das Protokoll bietet eine Baseline-Bewertungsmethodik, die auf jeden Standort angewendet werden kann. Die in Residenz befindliche Person kann eine vereinfachte Version für ihren Heimatkontext entwickeln oder Schulungsmaterialien auf der Grundlage ihrer Erfahrung erstellen. **Für Schriftsteller*innen, Fotograf*innen, Filmemacher*innen:** Die Disziplin der täglichen Rückkehr erzeugt Material, das in einem einzigen Besuch nicht entstehen kann. Die allmähliche Verschiebung der Wahrnehmung — vom Oberflächeneindruck zum strukturellen Verstehen — ist selbst ein narrativer Bogen. Viele Residenzgäste stellen fest, dass die Bodenbegegnung zum Leitfaden ihres gesamten Residenzprojekts wird, auch wenn sie mit einem anderen Plan angekommen sind. --- ### Citizen-Science-Ergebnis Residenz-tiefes Engagement erzeugt die rigorosesten Citizen-Science-Daten im Erdpuls-System: - Mehrwöchige Langzeitbeobachtungsprotokolle (täglich + wöchentlich) - Sensordaten von temporären Installationen am gewählten Ort - Arteninventare (wenn die in Residenz befindliche Person Bestimmungskompetenzen hat oder Apps konsequent nutzt) - Fotografische Zeitserien (dieselbe Bodenstelle täglich von derselben Position fotografiert) - Bodenproben, archiviert für zukünftige Analyse (beschriftet, datiert, in Zone B aufbewahrt) Diese Daten werden unter dem Namen der in Residenz befindlichen Person ins Erdpuls-Archiv eingetragen und mit ihrem kreativen/wissenschaftlichen Output verknüpft. Die Kombination aus wissenschaftlichen Daten und künstlerischer Interpretation ist selbst eine neue Form der Publikation — ein Muster, das andere Residenzprogramme übernehmen könnten. --- ### Integration der Token-Ökonomie | Aktivität | Token-Element | |---|---| | Erste angeleitete Sitzung abschließen | Cooperation | | Tägliche Praxis aufrechterhalten (durch Log nachgewiesen) | Cooperation + Regeneration | | Sensordaten von temporärer Installation beitragen | Mutualism | | Einen kreativen/wissenschaftlichen Output erstellen, der die Bodenbegegnung integriert | Mutualism + Regeneration | | Befunde bei einer öffentlichen Veranstaltung oder im offenen Atelier präsentieren | Reciprocity | | Die Methode für zukünftige Residenzgäste dokumentieren | Mutualism | --- ### Facilitator-Hinweise **BNE-Qualifikationsanforderungen (Bereiche 6.1.1/6.1.2 — Minimum: eine der folgenden):** Die Facilitatorin / der Facilitator sollte entweder (6.1.1) formale Qualifikationen in Umweltwissenschaften, Ökologie, Kunst oder Design, Forschungsmethodik oder Naturschutzpraxis besitzen oder (6.1.2) nachgewiesene persönliche Qualifikation vorweisen: dokumentierte Erfahrung mit kontemplativer oder phänomenologischer Praxis in einem naturwissenschaftlichen oder künstlerischen Kontext, zuzüglich Erdpuls-Facilitator-Einführung einschließlich persönlicher erweiterter Praxis des vollständigen 13-Fragen-Protokolls über mindestens zwei Jahreszeiten. Die entscheidende persönliche Qualifikation für diesen Leitfaden ist nicht Fachexpertise, sondern die *Fähigkeit, Raum für offene autonome Erkundung zu halten* — die Methode gründlich einzuführen und sich dann zurückzuziehen, ohne die entstehende Praxis der in Residenz befindlichen Person umzulenken. Die eigene Beziehung der Facilitatorin / des Facilitators zu Boden, Ort und anhaltender Aufmerksamkeit ist die wichtigste Qualifikation. **Vorbereitung vor der Residenz (Bereich 3.3.1):** Vor der Ankunft der in Residenz befindlichen Person: (a) das Erdpuls-Campus-Dokumentationspaket teilen, einschließlich Campuskarte, Zonenbeschreibungen, Standort-Zugangsgenehmigungen und Sensornetzwerk-Überblick, damit die in Residenz befindliche Person mit Kenntnis der verfügbaren Infrastruktur ankommt; (b) das „Residenz-Protokoll-PDF" bereitstellen (ein eigenständiger Leitfaden zur täglichen Praxis, wöchentlichen Beobachtungsstruktur und Dokumentationsformaten); (c) ein 30-minütiges Vorab-Videogespräch zur Besprechung des Projekts der in Residenz befindlichen Person, zur Beantwortung praktischer Fragen und zur Einführung in das Sensordatenportal vereinbaren; (d) den Zugang zu Zone C (Makerspace) für Residenzgäste arrangieren, die temporäre Sensoren installieren möchten — das erfordert Vorabkoordination. **Nachbereitungsressourcen nach der Residenz (Bereich 3.3.3):** Nach dem Ende der Residenz: (a) alle beigesteuerten Datensätze, Beobachtungsprotokolle und Outputs innerhalb von 4 Wochen in der Erdpuls-Wissensallmende archivieren, mit der bevorzugten Attribution der in Residenz befindlichen Person; (b) der in Residenz befindlichen Person einen vollständigen Export der Sensordaten für ihren Ort und Zeitraum bereitstellen, in CSV- und PDF-Format; (c) ein „Residenz-Abschlussschreiben" ausstellen, das Teilnahme und Beitrag bestätigt — nützlich für das Portfolio, Förderanträge und institutionelles Reporting; (d) die in Residenz befindliche Person einladen, eine kurze Reflexion beizusteuern (eine Seite oder ein 5-minütiges aufgezeichnetes Gespräch) für das Erdpuls-Archiv „Stimmen aus der Residenz" — dokumentierend, wie die Bodenbegegnung ihre Praxis geprägt hat; (e) den Kontakt aufrechterhalten mit der Option einer Folge-Veranstaltung, virtuell oder persönlich, bei der die in Residenz befindliche Person ihren Output der Müllroser Gemeinschaft vorstellen kann. **Die Rolle der Facilitatorin / des Facilitators verändert sich über die Residenz.** An Tag 1 führt die Facilitatorin / der Facilitator an. Ab Woche 2 ist die Facilitatorin / der Facilitator Gesprächspartnerin bzw. -partner, überprüft den Stand, ohne zu lenken. Ab Woche 3–4 hat die in Residenz befindliche Person die Methode verinnerlicht, und die Facilitatorin / der Facilitator ist eine Ressource, kein Leitfaden mehr. Dieser Rückzug ist beabsichtigt — die goetheanische Methode erfordert, dass die beobachtende Person ihre eigene Beziehung zum Phänomen entwickelt, was unter kontinuierlicher Anleitung nicht möglich ist. **Künstlerische Freiheit:** Die Facilitatorin / der Facilitator sollte keine Erwartung aufzwingen, wie der kreative Output „aussehen sollte". Wenn eine Malerin / ein Maler entscheidet, dass die Bodenbegegnung ihren/seinen Umgang mit Farbe verändert hat, nicht aber ihr/sein Sujet — das ist ein gültiges Ergebnis. Wenn eine Forscherin / ein Forscher ihre/seine ursprüngliche Hypothese aufgibt, weil der Boden etwas Interessanteres gezeigt hat — das ist ein gültiges Ergebnis. Das Protokoll dient der Praxis der in Residenz befindlichen Person, nicht umgekehrt. **Einsamkeit:** Manche Residenzgäste werden die tägliche Praxis lieber vollständig allein durchführen. Andere werden periodische Rückmeldegespräche wünschen. Früh fragen, die Antwort respektieren und sich verfügbar machen, ohne aufdringlich zu sein. (Siehe den proxemischen Hinweis zur solitären Beobachtung unter „Die laufende Praxis" oben.) --- ### Proxemische Gestaltungshinweise **Die Residenz als proxemische Immersion:** Dieser Leitfaden erzeugt das tiefste proxemische Engagement des gesamten Toolkits, weil er über Zeit wirkt. Während andere Leitfäden eine einzelne intensive intime Begegnung erzeugen (2–4 Stunden), erzeugt die Residenz Wochen täglicher Rückkehren — akkumulierende proxemische Tiefe, die die Beziehung der in Residenz befindlichen Person zum Ort transformiert. Die Drei Morgenfragen sind das proxemische Instrument: Jeder tägliche Besuch fügt eine weitere Schicht sensorischer Vertrautheit hinzu, bis die in Residenz befindliche Person Veränderungen allein durch Fühlen wahrnehmen kann. **Der proxemische Rückzug der Facilitatorin / des Facilitators:** An Tag 1 ist die Facilitatorin / der Facilitator auf persönlicher Distanz präsent — anleitend, impulsgebend, teilend. Ab Woche 2 hat sich die Facilitatorin / der Facilitator auf soziale Distanz zurückgezogen — erreichbar, verfügbar, aber nicht lenkend. Ab Woche 3–4 ist die Facilitatorin / der Facilitator auf öffentlicher Distanz oder abwesend — die in Residenz befindliche Person hat die Methode verinnerlicht, und die proxemische Beziehung besteht zwischen ihr und dem Boden, nicht zwischen ihr und der Facilitatorin / dem Facilitator. Dieser progressive Rückzug ist selbst ein proxemisches Design: Er schafft Raum dafür, dass die eigene intime Beziehung der in Residenz befindlichen Person mit dem Phänomen sich ohne soziale proxemische Interferenz entwickeln kann. **Das offene Atelier als proxemische Wiedererweiterung:** Wenn Residenzgäste ihre Arbeit bei einer öffentlichen Veranstaltung präsentieren, weitet sich das proxemische Feld vom Intimen (Residenzgast–Boden) zurück zum Öffentlichen (Residenzgast–Publikum) aus. Die Herausforderung besteht darin, die Tiefe der intimen Begegnung in der öffentlichen Präsentation zu erhalten. Den Boden in den Präsentationsraum bringen. Die in Residenz befindliche Person ihre tägliche Praxis vorführen lassen. Das Publikum dieselben Materialien berühren, riechen und anfassen lassen. Das verankert die öffentlich-distanzierte Präsentation wieder in der Erfahrung auf intimer Distanz. * * * * * * ## Lizenz und Impressum © 2025–2026 Michel Garand | Erdpuls — Center for Sustainability Literacy, Citizen Science & Reciprocal Economics Lizenziert unter [Creative Commons Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International (CC BY-SA 4.0)](https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/deed.de) Sie dürfen dieses Material für beliebige Zwecke, auch kommerziell, teilen und anpassen, sofern Sie angemessene Namensnennung angeben, einen Link zur Lizenz beifügen, angeben ob Änderungen vorgenommen wurden, und etwaige Anpassungen unter derselben Lizenz verbreiten. Alle in diesem Dokument genannten Softwarekomponenten sind lizenziert unter der [GNU Affero General Public License v3.0 (AGPL-3.0)](https://www.gnu.org/licenses/agpl-3.0.html) *Dieses Dokument und seine Übersetzungen wurden mit Unterstützung von Claude (Anthropic PBC) entwickelt. 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