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Untersuchungen über das Dasein Gottes, und über die Wahrheiten der natürlichen Religion überhaupt scheinen der Lieblingsgegenstand der Philosophie unsrer Zeit geworden zu sein. Man hat diejenigen Theile der Philosophie verlassen, die, ohne auf brauchbare Resultate für das praktische Leben zu führen, nur dem Scharfsinn einige Nahrung versprachen; man hat die Gränzen des menschlichen Verstandes näher bestimmt, und Fragen, die ausser demselben zu liegen scheinen, und nur durch ungewisse Muthmassungen beantwortet werden können, lieber unerörtert gelassen.
Wenn man vormals alle Künste der Dialektik aufbot, um irgend eine Hypothese mit
neuen Gründen zu unterstüzen; so hat man jezt alle Kräfte der Vernunft angewandt,
um Wahrheiten in ein
Wenn etwas unserm Zeitalter Ehre bringt, wenn etwas seine grössere Aufklärung
bewährt: so ist es vielleicht eben diese Richtung unsrer Philosophie, von der ich
rede. Denn was heisst Aufklärung des Zeitalters, wenn nicht allgemeiner
verbreiteteDer erste Druck hat „verarbeitete“, was ich für einen Druck- oder Lesefehler halte.
Dennoch ist wiederum unläugbar, dass auch eben jezt viele sich weit von dem Wege
der Vernunft und der ächten Weisheit entfernen. Diese scheinen sich vorzüglich auf
zwei ganz entgegen-
Gleichzeitige Erscheinungen von so ganz verschiedener Natur haben in der That
etwas Befremdendes. Es scheint sonderbar, den blindesten Glauben neben der
erklärtesten Zweifelsucht zu sehn. Dennoch ist diess Phänomen in der Geschichte
des menschlichen Verstandes nicht selten, so wenig selten, als bei dem nemlichen
Menschen der Uebergang vom Unglauben zur Schwärmerei, oder vom Allglauben zum
Nichtsglauben. Auch sind diese Uebergänge in der That weniger unerklärbar, als sie
es beim ersten Anblik scheinen. Wenn der eine die Frucht des gewöhnlichen Unter-
Unter diesen Umständen, bei diesen häufigen Angriffen auf Vernunft und Wahrheit
von der einen, und den eben so häufigen Vertheidigungen derselben von der andern
Seite, schien es mir nicht uninteressant zu sein, einmal zu untersuchen, wie man
in den blühendsten Zeiten
Die hier übersezten Stükke hab' ich aus dem
Wenn man den
Ich sollte mich vielleicht noch einen Augenblik dabei verweilen, zu zeigen, dass
es auch in dem Zeitalter der Die Erörterung Platons, auf die
hier Bezug genommen wird, findet sich in den Gesetzen S.
909a.
„O ja, schon oft,
Und diess wären?
„In der Epopee
Aber wer verdient Deinem Urtheile nach mehr Bewunderung: der Künstler, der unbeseelte, unbewegliche Bilder hervorbringt, oder der Schöpfer beseelter, selbstthätiger Wesen?
„Offenbar der leztere,
Wo Du also einen augenscheinlichen Zwek, einen augenscheinlichen Nuzen siehst, schreibst Du das dem Zufalle, oder einer verständigen Absicht zu?
„Wenn ein Zwek da ist, offenbar einer verständigen Absicht.“
Der nun, welcher die Menschen zuerst schuf, beabsichtigte doch wohl nur ihren
Nuzen, indem er ihnen die sinnlichen Werkzeuge beilegte: das Auge, um, was
sichtbar ist, zu sehn, das Ohr, um, was hörbar ist, zu hören? Wozu dienten ihnen
alle Gerüche, hätte er ihnen nicht eine Nase gegeben, sie zu empfinden? Wie
könnten sie das Süsse und Scharfe schmekken, wie alles das Vergnügen geniessen,
das ihnen der Gaumen verschaft, hätten sie nicht die Zunge von ihm erhalten, durch
die sie die verschiedenen Arten des Geschmaks unterscheiden? Scheint es Dir nicht
ferner eine absichtsvolle Einrichtung zu sein, dass unser Auge, weil es so überaus
empfindlich ist, durch die Augenlieder, wie durch Thüren, verschlossen wird, die
sich öfnen, so oft wir das Auge zum Sehen brauchen, und sich im Schlaf wieder
schliessen; dass die Augenwimpern die Stelle eines Schleiers
„Nein, in der That nicht,
Und noch mehr. Dass allen Menschen die Begierde angebohren ist, andere Geschöpfe ihrer Art hervorzubringen, dass den Müttern vorzüglich die Neigung eingepflanzt ist, ihre Jungen zu ernähren, und zu beschüzen; diess, so wie die heftige Liebe zum Leben, und die eben so heftige Furcht vor dem Tode, die jeder Kreatur eigen ist, zeigt gewiss von den Anordnungen eines Wesens, welches das Dasein und die Erhaltung der Lebendigen will. Aber auch auf einem andern Wege kannst Du Dich von der Wirklichkeit eines solchen Wesens überzeugen. Du glaubst doch Verstand zu besizen, nicht wahr?
„O! Frage weiter, lieber
Ausser Dir aber sollte es nichts Verständiges mehr geben? Du weisst doch, dass Du von allen den Substanzen, aus welchen Dein Körper zusammengesezt ist. immer nur einen kleinen Antheil empfangen hast: dass von einer jeden noch eine ungeheure Menge ausser Dir in der übrigen Welt zerstreut ist. In welchem Verhältnisse steht z. B. die wenige Erde und das wenige Wasser in Deinem Körper gegen die Masse der Erde und des Wassers. Die noch ausser Dir existirt? Und den Verstand solltest Du durch ein glükliches Ohngefähr allein an Dich gerissen haben? Nur der sollte ausser Dir nurgends vorhanden sein? Und alle jene bewundernswürdigen, zahllosen Dinge sollten ihre vortrefliche Ordnung unverständigen Ursachen danken?
„Doch,
Aber Du siehst auch Deine eigene Seele nicht. und doch beherrscht sie Deinen
Körper. Du könntest also auch mit gleichem
„Ich verkenne, ich verachte ja auch die Gottheit nicht, erwiederte
Je erhabener das Wesen ist,
„Ich würde die Götter auch nicht vernachlässigen,
Und Du kannst noch daran zweifeln? Den Menschen allein unter allen Thieren
stellten sie aufrecht: ein Vortheil, durch den er nicht allein weiter um sich
blikken, und den Himmel und die Gestirne, und alles, was über ihm ist, besser
betrachten kann, sondern wodurch er auch mehr vor Gefahren gesichert ist. Allen
übrigen Thieren gaben sie nur Füsse, um sich damit von einem Orte zum andern zu
bewegen; nur der Mensch empfing noch die Hände, und durch sie fast alle die
Vortheile, welche ihn glüklicher machen, als es die Thiere sind. Alle Thiere sind
mit einer Zunge versehn; doch nur die Zunge des Menschen ist so gebildet, dass sie
durch tausend mannigfaltige Bewegungen artikulirte Töne hervorbringt, durch die
wir einander unsere Gedanken, wie es uns gefällt, mittheilen können. Die
Vergnügungen der Liebe endlich sind allen übrigen Thieren nur in einer gewissen,
bestimmten Zeit des Jahres vergönnt; uns allein steht es frei, sie bis ins Alter
ununterbrochen fortzugeniessen. Aber Gott begnügte sich nicht, nur für unsern
Körper zu sorgen; er verlieh (und diess ist sein wichtigstes Geschenk) auch dem
Menschen die vollkommenste Seele. Denn wo ist ein Geschöpf auf dem Erdboden ausser
dem Menschen, dessen Seele sich emporzuschwingen vermöchte bis zum Dasein der
Götter, die so viele grosse erhabene Dinge so bewundernswürdig geordnet haben? Wer
ausser dem Menschen verehrt sie? Welches Thier ist fähiger, als der Mensch, sich
vor Hunger, oder Durst, oder Kälte, oder Hize zu verwahren, sich in Krankheiten zu
heilen, seinen Leib zu stärken und auszubilden, neue Kenntnisse zu erwerben, und,
was es gehört, gesehen, erfahren hat, ins Gedächtniss zurükzurufen? Und doch bist
Du noch nicht überzeugt, dass der Mensch in Vergleichung mit den übrigen Thieren
gleich einem Gotte lebt, und sich eben so sehr durch die Vorzüge seines Körpers,
als durch die Vorzüge seines Geistes über sie erhebt? Ich sage durch beide. Denn
„Sie müssten mir Rathgeber senden, wie Du sagst, dass sie thun, um mich in meinen Handlungen zu leiten.“
Aber wenn sie den
Sage mir, sprach eines Tages
„Noch nie,
Aber sie gaben uns doch, um diess zuerst zu erwähnen, das Licht; und Du weisst doch, dass wir dessen bedürfen?
„Allerdings. Denn vermöge der Einrichtung unsres Auges würden wir ohne Licht den Blinden ähnlich sein.“
Wir bedürfen ferner der Ruhe; und sie haben dazu die bequemste Zeit, die Nacht, geschaffen.
„Auch diess verdient unsern Dank.“
Die Sonne, die ein lichtvoller Körper ist, zeigt uns die Zeiten des Tages an, und erleuchtet alle Gegenstände für unser Auge. Weil aber die Nacht finster ist, und alle Gegenstände unkenntlich macht; so lassen die Götter die Gestirne aufgehen, welche die Zeiten der Nacht bestimmen, und uns eine Menge unsrer Geschäfte erleichtern. Und der Mond deutet uns nicht nur die Theile der Nacht, sondern auch die Theile des Monats an.
„Allerdings.“
Ferner lassen die Götter die Nahrung, die wir brauchen, auf dem Erdboden wachsen, lassen dazu schikliche Jahrszeiten mit einander abwechseln, und verschaffen uns dadurch tausend mannigfaltige Dinge, nicht allein zu unserm Nuzen, sondern auch zu unserm Vergnügen.
„Auch diess zeugt von ihrer Liebe für die Menschen.“
Sie haben uns auch das Wasser gegeben, dessen Nuzen für uns so vielfach ist. Denn durch das Wasser keimen und wachsen mit Hülfe der Erde und der Jahrszeiten alle uns nüzliche Pflanzen; das Wasser ernährt uns selbst, und macht alle unsre Speise verdaulicher, gesunder, und angenehmer. Und eben darum, weil wir desselben zu so vielem Gebrauche bedürfen, haben sie es uns auf das reichlichste mitgetheilt.
„Abermals ein Beweis ihrer Fürsorge!“
Nebst dem Wasser haben sie uns das Feuer verliehen, das
„Auch diess zeigt eine überschwengliche Sorgfalt für die Menschen.“
Und ist es nicht wunderbar, dass sie uns von allen Seiten so reichlich mit Luft umgossen haben, durch die wir nicht nur unser Leben erhalten, sondern die Meere durchschiffen, um uns einer dem andern unsre Bedürfnisse aus den entferntesten Gegenden zuzuführen? nicht wunderbar, dass die Sonne, wenn sie sich im Winter wendet, zu uns kommt, einige Pflanzen zur Reife bringt, andere, deren Zeit vorüber ist, troknet, dass sie sich, nach Vollendung dieses Geschäfts, nicht weiter nähert, sondern gleichsam aus Furcht, uns durch zu grosse Hize zu schaden, sich von neuem wegwendet, darauf, weil wir, gienge sie noch weiter fort, vor Kälte erstarren müssten, wieder umdreht, sich uns abermals nähert, und den Standpunkt am Himmel wählt, der für uns der vortheilhafteste ist?
„Allerdings scheint auch diese Einrichtung den Nuzen der Menschheit zu beabsichten.“
Und das gewiss nicht minder, dass die Sonne sich so allmählich nähert, und so allmählich wieder entfernt, dass wir, ohne es selbst zu merken, den äussersten Grad beider Arten von Witterung erreichen. Denn wir würden gewiss weder die Hize, noch die Kälte ertragen können, wenn sie auf einmal einbrächen.
„Sehr richtig,
Gut,
„Auch hierin muss ich Dir Recht geben. Denn täglich sieht man selbst diejenigen unter ihnen, die weit stärker als der Mensch sind, ihm so unterthan werden, dass er sich ihrer nach Gefallen bedienen kann.“
Es giebt so viele nüzliche vortrefliche Dinge, die aber von verschiedener Natur und Beschaffenheit sind. Daher verliehen uns die Götter für eine jede Gattung derselben angemessene sinnliche Werkzeuge, durch die wir alle diese Güter geniessen. Ausserdem aber machten sie uns durch den Verstand fähig, uns an ehemalige sinnliche Empfindungen zu erinnern, Folgerungen daraus zu ziehn, auf diese Weise die Brauchbarkeit jedes einzelnen Dinges kennen zu lernen, und Veranstaltungen zu treffen, wie wir das Nüzliche geniessen, und das Schädliche vermeiden können. Und dass sie uns die Sprache verliehen, durch die wir einander Unterricht über alles Nüzliche mittheilen, in Gesellschaft leben, Geseze geben, und Staaten verwalten können!
„Du hast Recht,
Auch bei zukünftigen Dingen, und wann wir nicht im Stande sind, vorauszusehn, was uns nüzlich sein wird, helfen sie uns, enthüllen uns auf unser Befragen durch Orakel die Zukunft, und lehren uns, wie sie am besten für uns ausfallen werde.
„Dich,
Doch auch Du,
„Gewiss, lieber
Werde darum nicht muthlos,
Einst auf einer Reise nach
„Nur aus einer der drei folgenden Ursachen, sagt er, kann es herrühren, wenn die Menschen über die Götter spotten, oder sie auf irgend eine andre Art durch Worte oder Handlungen beleidigen. Entweder glauben sie überhaupt nicht, dass es Götter giebt; oder wenn sie auch an ihrem Dasein nicht zweifeln, so sind sie doch nicht überzeugt, dass sie sich um die Regierung der Welt, und vorzüglich um die Angelegenheiten und Schiksale der Menschen bekümmern, oder bilden sich gar ein, die Götter, wenn sie auch einmal über ihre Laster erzürnt wären, durch Opfer und Geschenke besänftigen zu können. Denn nach den Religionsbegriffen, welche die Geseze sie lehren, würde die Furcht vor dem Unwillen, und der künftigen Strafe der Götter ihnen nie eine gesezwidrige Handlung, oder einen irreligiösen Ausdruk erlauben. Doch wie, fährt er fort, ist dem Uebel zu steuern? Da könnten sie uns leicht mit Recht den Vorwurf machen, dass wir die sanften Gesezgeber nicht wären, für die wir gelten wollten; und von uns fordern, sie erst zu überzeugen, und die Schriften der Dichter und Redner zu widerlegen, woraus sie ihre Religionsmeinungen schöpfen.“
„Und sollte es denn so schwer sein, fällt ihm hier
„Schon oft, sagen sie, wiederholten wir es, dass wir bei unsrem Geschäfte weder
auf Kürze, noch auf Länge Rüksicht nehmen müssen. Es treibt uns ja niemand, und
würde es nicht lächerlich sein, das Kürzere dem Besseren vorzuziehn? um so mehr da
es doch sicherlich überaus wichtig ist, Gewissheit in der Ueberzeugung zu haben,
dass es eine gütige, die Gerechtigkeit mehr, als irgend ein Mensch, liebende
Gottheit giebt. Welchen schöneren vortreflicheren Eingang könnten wir zu unsren
Gesezen finden? Lass uns daher,
Hierauf beginnt die Untersuchung auf folgende Art:
Deine Bitte,
Bis hieher, Fremdling, ist, was Du gesagt hast, vortreflich.
Aber bemerkst Du auch wohl, dass wir uns hier, ohne es selbst gewahr zu werden, in ein sonderbares System verwikkelt haben?
In welches, Fremdling?
In ein System, das von vielen für das weiseste unter allen gehalten wird!
Erkläre Dich deutlicher!
Sogleich. Sie behaupten, dass alles, was gewesen ist, ist, und sein wird, sein Dasein entweder der Natur, oder der Kunst, oder dem Zufall zu danken habe.
Und sollten sie darin nicht Recht haben?
Wie könnten Weise, wie sie, irren? Lass uns ihnen
Von Herzen gern!
Aller Wahrscheinlichkeit nach, sagen sie, sind die grössesten, vortreflichsten Dinge Werke der Natur und des Zufalls, der Kunst gehören die unbedeutenderen zu. Denn sie borgt den ersten Hauptstoff von der Natur, und formt nur, und bildet daraus die kleineren Dinge, die wir Kunstwerke nennen.
Wie verstehen sie diess?
Ich will mich gleich deutlicher erklären. Ihrem System nach sind die Erde, das Feuer, das Wasser, die Luft insgesammt durch die Natur und den Zufall — beides leblose Wesen — hervorgebracht; die Kunst hat keinen Theil daran. Eben so sind alle übrigen Körper entstanden: unser Erdball, die Sonne, der Mond, und die Gestirne. Denn der Zufall hat alles, ein jedes nemlich nach den ihm eigenen Kräften, unter einander geworfen, und so hat es sich nach seinen verschiedenen Beschaffenheiten mit einander verbunden, das Warme mit dem Kalten, das Trokne mit dem Nassen, das Weiche mit dem Harten, und so fort durch eine blinde Nothwendigkeit immer ein Entgegengeseztes mit dem andern. Hieraus und auf diese Weise ist der ganze Himmel entstanden, und alles, was unter dem Himmel ist, die Thiere, die Pflanzen, der Wechsel der Jahrszeiten, nicht mit Hülfe eines Verstandes, oder eines Gottes, oder der Kunst, sondern durch die Natur und den Zufall. Aus diesen, und später als sie, ist die Kunst entsprungen — sterblich, und von sterblichen Menschen erfunden — und hat lange nachher Werke hervorgebracht, die, ohne eigentlich etwas Wahres, Reelles, an sich zu tragen, nur Phänomene sind, die bloss unter einander Verwandtschaft haben, wie Werke der Mahlerei, der Musik, und der übrigen mit diesen beiden wetteifernden Künste. Soll die Kunst ja etwas Reelles hervorbringen; so muss sie sich mit der Natur vereinigen, wie es in der Heilkunst. Oekonomik, und der Gymnastik geschieht. Selbst die Staatskunst hat nur wenig Verwandtschaft mit der Natur, und die Gesezgebungskunst gar keine. Daher sie denn auch lauter falsche Grundsäze aufstellt.
Wie das?
Die Götter, um ihrer zuerst zu erwähnen, existiren, (ich rede noch immer in
ihrem System fort,) nicht wirklich in der Natur, sondern danken ihr Dasein
allein der Kunst und den Ge-
Was für ein System hast Du uns vorgetragen, Fremdling, welche Pest für die Jugend, zum Verderben des Staats und ihrer Familien!
Sehr richtig,
Ganz und gar nicht, Fremdling. Vielmehr, giebt es irgend, auch noch so kleine,
Ueberzeugungsgründe für diese Wahrheiten; so darf der Gesezgeber — wenn er nur
irgend diesen Namen verdienen soll — nicht müde werden; sondern [muss] das
hergebrachte Gesez durch Beweise für das Dasein der Götter unterstüzen, der
Kunst und den Gesezen das Wort reden, und zeigen, dass sie durch die Natur,
oder nicht weniger, als die Natur
Du bist sehr enthusiastisch für unser Unternehmen, lieber
; bei
] Aber sowohl wegen des Zusammenhangs, als besonders der Worte
Wir haben uns ja bei andren Dingen, bei den Gastmälern, bei der Tonkunst, so lange, ohne zu ermüden, verweilt; und bei Untersuchungen über die Gottheit wollten wir es nicht? Eine vernünftige Gesezgebung erhält gewiss keine geringe Stüze dadurch, wenn das Gesez immer zugleich Grund und Beweis angiebt. Denn alsdann bleibt es gewiss unumstösslich. Was schadet es auch, wenn unsre Geseze anfangs ein wenig schwer zu verstehn sind? Der langsamere Kopf kann sie ja öfter überlesen. Und was Du von der Länge sagst; so darf uns diese, wenn wir den Nuzen erwägen, nicht zurükhalten. In der That es wäre unverzeihlich, Säze von der Art nicht nach allen Kräften zu vertheidigen.
Das hat er, und wir müssen ihm folgen. Wären die Grundsäze, deren ich vorhin erwähnte, nicht gleichsam in der ganzen Welt ausgebreitet, so brauchten wir freilich nicht das Dasein der Götter zu vertheidigen; allein so ist es nothwendig. Und wem ziemt diese Vertheidigung mehr, als dem Gesezgeber, da jene schändlichen Menschen die ehrwürdigsten Geseze unter die Füsse treten?
Gewiss keinem.
So sage mir denn von neuem,
Allerdings.
Hätten wir da nicht auf einmal die Quelle von allen den unsinnigen Meinungen derer entdekt, die sich bis jezt mit Untersuchungen über die Natur beschäftigt haben? Denke ja recht aufmerksam darüber nach. Denn es wäre doch in der That kein kleiner Gewinn für uns, wenn die Anhänger und Vertheidiger so gottesläugnerischer Systeme sich unrichtiger Schlussfolgen schuldig gemacht hätten. Und mir kommt es so vor.
Auch mir, Fremdling. Doch sage mir, worin eigentlich sie geirrt haben.
Aber ich werde fremde, unbekannte Säze zu Hülfe nehmen müssen.
Immerzu. Du fürchtest, wie ich sehe, Dich von den Gränzen der Gesezgebung zu entfernen; aber können wir auf keinem andren Wege das Dasein der Götter vertheidigen, so müssen wir auch diesen einschlagen.
Ich würde daher, wie ungewohnt es auch klingen mag, also anfangen. In allen den Systemen, aus welchen jene verkehrten Grundsäze über die Götter entstanden sind, wird das, was die erste Ursache alles Entstehens und alles Untergehens ist, nicht für das Erste, sondern für das Lezte angenommen; das Lezte hingegen wird an die Stelle des Ersten gesezt. Daher alle Irrthümer über das Wesen der Götter.
Ich verstehe Dich noch nicht recht.
Alle jene Philosophen haben, dünkt mich, die Seele,ψυχή in diesem ganzen Gespräche alles
Wie anders?
Alles Geistige, Meinung, Fürsorge, Verstand, Kunst, Gesez u. s. f. war also eher da, eh’ es etwas Körperliches, etwas Hartes und Weiches, etwas Schweres und Leichtes gab; und die grössesten, ersten Dinge und Veränderungen sind folglich Werke der Kunst, da hingegen die Werke der Natur, so wie die Natur selbst — von der sie auch einen unrichtigen Begriff haben — später entstanden, und der Kunst und dem Verstande untergeordnet sind.
In wiefern tadelst Du ihren Begriff von der Natur?
Sie nennen die Natur die Entstehung der ersten Dinge, und sezen die Körper voran. Wenn aber nicht das Feuer, nicht die Luft, sondern die Seele zuerst existirt hat: so kann man ja diess mit Recht die natürliche Ordnung der Dinge nennen. Aber freilich muss erst bewiesen werden, dass die Seele älter ist, als die Körper; und wollen wir nicht gleich zu diesem Beweise schreiten?
Warum nicht?
So müssen wir uns denn nur hüten, dass uns nicht irgend ein junger sophistischer Trugschluss täusche. Wenn er uns, die wir schon Greise sind, lokte, und uns auf einmal wieder entschlüpfte; so gäbe er uns gewiss dem Gelächter der Leute Preis, und zeigte ihnen. dass wir, die wir so grosse Dinge unternehmen, auch in den kleinsten verunglükken. Wir wollen uns einmal vorstellen, wir hätten, wir drei, durch einen Fluss zu gehn. Würd' es Euch da nicht vernünftig scheinen, wenn ich, als der jüngste von Euch, und der am meisten gewohnt wäre. Flüsse zu durchwaten, Euch vorschlüge, zuerst zu versuchen, und Euch indess am sichern Ufer zu lassen. Denn ich könnte ja dann sehn, ob wohl auch Ihr Aeltere durchkommen könntet, und wenn ich das sähe, Euch mit meiner grösseren Erfahrung helfen; fände ich aber das Gegentheil, so hätte ich die Gefahr über mich genommen. Der Fall, in dem wir uns jezt befinden, ist diesem fast gleich. Unsre Untersuchung ist tief, und für Eure Kräfte vielleicht unergründlich; leicht kann Euch ein Schwindel befallen: leicht könnt Ihr durch Fragen, an die Ihr nicht gewöhnt seid, gefangen werden; und dann würdet ihr Verdruss und Schande davon haben. Ich will mich selbst erst fragen; indess sollt Ihr ganz ruhig zuhören; und dann will ich mir selbst wieder antworten. Und so will ich die ganze Untersuchung durchgehn, bis ich bewiesen habe, dass die Seele früher da gewesen ist, als der Körper.
Vortreflich, Fremdling; mach es nur. wie Du sagst.
Nun wohlan denn! Wenn wir aber je die Gottheit anrufen müssen, so lasst uns
jezt bei dem Beweise ihres eigenen Daseins ihren Beistand erbitten, und durch
ihn, wie durch einen festen Anker gesichert, die Untersuchung beginnen. Wenn
man mir, wie ich eben sagte, Fragen vorlegte; so glaub’ ich auf folgende Art am
sichersten antworten zu können. Gesezt z. B. man fragte mich: „Wie, Fremdling,
ist alles in Ruhe, oder alles in Bewegung, oder giebt es Dinge, die sich
bewegen, und Dinge, die ruhen?“ so würde ich antworten: es giebt Dinge, die
ruhen, und Dinge, die sich bewegen. — „Muss aber nicht immer ein Ort da sein,
in welchem das Ruhende ruht, und das sich Bewegende sich bewegt“ — Allerdings.
— „Und geschieht die Bewegung nicht bei einigen Dingen in Einem, bei andern in
mehreren Orten?“ — Du verstehst doch unter der Bewegung in Einem Orte
diejenigen Dinge, die, ohne ihren Standpunkt zu verändern, nur in der Mitte
einen Schwung erhalten, so wie man von Kugeln sagt, dass sie still stehn, da
sie sich doch im Grunde herumdrehn? — „Ganz recht.“ — Bei diesem Herumdrehn
muss dieselbe Bewegung den grössesten und den kleinsten Zirkel herumtreiben,
sich verhältnissmässig unter die kleineren, und unter die grösseren vertheilen,
und also selbst nach eben diesem Verhältniss bald kleiner, bald grösser sein.
Darum ist sie eben so bewundernswürdig, weil sie, was beinah unmöglich scheinen
sollte, nach richtigem Verhältniss zugleich den kleineren und den grösseren
Zirkeln Langsamkeit und Geschwindigkeit mittheilt. — „Du hast vollkommen
Recht.“ — Und mit der Bewegung in mehreren Orten meinst Du doch solche Körper,
die während der Bewegung ihre Stelle verändern, sie mögen nun immer denselben
Mittelpunkt zur Basis haben, oder mehrere, wie beim Herumwälzen? Wenn sie so
aufeinander stossen, so trennen sie sich, wenn sie ruhenden Körpern begegnen;
treffen sie aber auf Körper, die gleichfalls in Bewegung, und nach Einem Punkte
mit ihnen gerichtet sind; so verbinden sie sich untereinander, und mit den
Körpern, die sich zwischen ihnen beiden befinden. — „Du hast meine Meinung
völlig richtig gefasst.“ — Nun aber nehmen die Körper durch die Verbindung mit
andern zu, so wie sie durch die Trennung abnehmen; vorausgesezt nemlich, dass
jeder seine vorige Beschaffenheit behält. Denn sonst werden sie durch jede
dieser Veränderungen vernichtet. — „Allein was muss mit ihnen vorgehen, wenn
sie entstehn sollen?“ — Der erste Stoss muss einen Zuwachs erhalten, durch den
er in den
Und diese zwei sind?
Eben die, Lieber, um die wir diese ganze Untersuchung angestellt haben.
Erkläre Dich ein wenig deutlicher.
Wir redeten doch von der Seele?
Nun ja! —
So höre denn! Die eine dieser Bewegungen ist die, welche andere Dinge bewegt, sich selbst aber nie bewegen kann; die andre hingegen die, welche sich und andre Dinge beständig fort in Bewegung sezt, indem sie alle Verbindung und Trennung, alle Zunahme und Abnahme, alles Entstehen und Untergehen hervorbringt. Wollen wir nun nicht die erste dieser Bewegungen, die andre Dinge verändert, aber wiederum stets von andren verändert wird, für die neunte Art der Bewegung annehmen, und derjenigen, welche sich und andre Dinge in Bewegung sezt, zu jeder Art des Handlens, und des Leidens fähig ist, und mit Recht der Grund aller Verändrung und aller Bewegung genannt werden kann, den zehnten Plaz anweisen?
Allerdings.
Aber welcher unter diesen Arten von Bewegung werden wir in Absicht der Wirksamkeit und der Thätigkeit den Vorzug geben?
Natürlich keiner andern, als der selbstthätigen; denn dieser müssen alle übrigen nachstehn.
Sehr richtig! Jezt haben wir nur noch einen oder zwei Punkte in dein bisher Gesagten zu verbessern.
Und welche, Fremdling?
Einmal war es falsch, dass wir der Bewegung, von der wir zulezt redeten, den zehnten Plaz anwiesen, da sie doch, wie Du selbst zugiebst, sowohl der Entstehung, als der Wirksamkeit nach, die erste ist; dann hätten wir die, welche nach dieser die zweite ist, nicht für die neunte annehmen sollen.
Aus welchem Grunde nicht?
Aus folgendem. Wenn ein Ding von einem andern bewegt wird, und dieses wieder von einem andern, und dieses wieder von einem dritten, und immer so fort; wird dann irgend eins dieser Dinge den Grund der Bewegung enthalten? Unmöglich. Wie kann etwas, das von einem andern Dinge bewegt wird, der Grund der Bewegung sein? Aber wenn etwas sich selbst Bewegendes eine Veränderung in einem andern Dinge hervorbringt, und diess wieder in einem andern, und wenn auf diese Art tausend und zehntausend Dinge verändert werden, was wird alsdann den Grund aller dieser Veränderung enthalten, wenn nicht die erste Veränderung der sich selbst bewegenden Substanz?
Offenbar nur sie.
Auch folgende Frage wollen wir uns wieder zur eigenen Beantwortung vorlegen. Wenn alles zugleich still stände — eine Hypothese, welche die meisten unsrer Gegner kühn genug sind anzunehmen — wo, bei welchen Substanzen müsste alsdann die erste Bewegung anfangen?
Nothwendig bei den selbstthätigen. Denn diese können nicht vorher durch etwas andres in Bewegung gesezt werden, da vor ihnen gar keine Bewegung vorhanden ist.
Also liegt der Grund aller Bewegungen, sowohl derjenigen, welche nun schon aufgehört hat, als derjenigen, welche noch immer fortdauert, allein in der selbstthätigen Bewegung. Müssen wir nicht daher dieser das höchste Alter, und die grösseste Wirksamkeit zuschreiben? und den Dingen, welche selbst von andern die Bewegung erhalten, die sie wiederum andern mittheilen, die zweite Stelle nach ihnen anweisen?
Wie könnten wir anders?
So weit wären wir jezt in unserm Beweise gekommen. Nun weiter! Was legen wir einem Körper für eine Eigenschaft bei, wenn wir in ihm — er bestehe nun aus Erde, Wasser, oder Feuer, er sei einfach, oder zusammengesezt — eine solche erste Bewegung erblikken?
Fragst Du mich vielleicht, ob wir einem solchen Körper, der sich durch sich selbst bewegt, Leben zuschreiben?
Nichts anders; ob wir ihm Leben zuschreiben?
Allerdings.
Und wie? Wenn wir in einem Körper eine Seele gewahr werden, suchen wir denn nicht den Grund seines Lebens allein in ihr?
Allein in ihr.
Nun gieb einmal recht Acht! Kannst Du nicht an jeglichem Dinge dreierlei unterscheiden, die Substanz, oder die Sache selbst, die Erklärung und den Namen desselben? Kannst Du nicht gleichfalls über jedes Ding zwei Fragen aufwerfen: die eine mit Voraussezung des Namens nach der Erklärung; die andere umgekehrt mit Voraussezung der Erklärung nach dem Namen? Ich will mich durch ein Beispiel erklären. Es giebt Zahlen, wie Du weisst, die aus zwei gleichen Theilen bestehn. Ihr Name ist: gerade Zahlen. Ihre Erklärung: Zahlen, die in zwei gleiche Theile zerfallen. Nun ist es völlig gleichviel, ob ich Dir den Namen sage, und Dich nach der Erklärung frage; oder ob ich umgekehrt Dir die Erklärung sage, und Dich nach dem Namen frage. Denn beide, sowohl Name, als Erklärung, bezeichnen nur Eine und ebendieselbe Zahl.
Sehr richtig.
Was ist nun die Erklärung dessen, was wir Seele nennen? Ist nicht die Seele eben das, wovon wir sprechen: eine selbstthätige Bewegungskraft?
Als eine selbstthätige Bewegungskraft erklärst Du daher das Wesen, das wir insgemein Seele nennen?
Ja, und wenn diess richtig ist, so haben wir unwidersprechlich bewiesen, dass die Seele der Grund des Entstehens, und der Bewegung aller Dinge ist, soviel ihrer sind, gewesen sind, und noch sein werden. Denn von ihr allein entspringt jede Veränderung und jede Bewegung. Oder scheint Dir der Beweis noch mangelhaft?
Keinesweges. Es ist vielmehr auf das vollkommenste dargethan, dass die Seele früher, als alle übrigen Dinge existirt hat, und die Quelle aller Bewegung ist.
Wird nicht ferner die Bewegung der leblosen Körper, die nicht durch sie selbst, sondern durch andre in ihnen hervorgebracht wird, um Eine, oder um so viel Stufen, als man will, jener ersteren nachstehn?
Offenbar.
Es war also völlig richtig, wahr, und unwiderleglich, was wir vorhin behaupteten, dass die Seele früher da gewesen ist, als der Körper, und dass derselbe der Seele untergeordnet ist, die ihn nach den Gesezen der Natur beherrscht.
Allerdings.
Nun aber gaben wir doch zu — Du erinnerst Dich dessen noch? — dass, wenn die Seele älter wäre, als der Körper, auch die Eigenschaften der Seele älter sein müssten, als die Eigenschaften des Körpers?
Das gaben wir zu.
Folglich sind Denkungsart, Charakter, Wille, Nachdenken, Wahrheit, Fürsorge, und Gedächtniss früher da gewesen, als körperliche Länge, Breite, Tiefe, und Stärke, vorausgesezt nemlich, dass die Seele eher existirt hat, als der Körper.
Nothwendig.
Müssen wir nicht auch, wenn wir einmal die Seele zur Ursache aller Dinge annehmen, eingestehn, dass sie die Quelle alles Guten und Edlen, sowie alles Schlechten und Unedlen, alles Gerechten und Ungerechten, und aller übrigen einander entgegengesezten Eigenschaften ist?
Wie könnten wir anders?
Ferner: wenn die Seele alle Dinge, die sich nur irgendwo bewegen, regiert und belebt, muss sie denn nicht auch den Himmel regieren?
Nothwendig auch ihn.
Regiert ihn aber nur Eine, oder mehrere? Ich will für Euch antworten: Mehrere.
Denn weniger als zwei dürfen wir nicht annehmen: eine wohlthätige, und eine,
die das Gegentheil davon ist.
Sehr richtig.
So lenkt also die Scele alles, was im Himmel, auf der Erde, und im Meere
geschieht, mit den ihr eignen Arten der Bewegungen, die wir Wollen, Ueberlegen,
Sorgen, Entschliessen, richtig und falsch urtheilen, die wir Freude und
Betrübniss, Muth und Furcht, Hass und Liebe nennen. So bringen alle diese
Grundbewegungen, indem sie die Bewegungen der Körper, welche gleichsam eine
zweite untergeordnete Klasse ausmachen, mit sich vereinigen, alle Zunahme und
Abnahme, alle Verbindung und
Keiner.
Doch zu welcher Gattung der Seelen werden wir diejenige rechnen, welche den Himmel, die Erde, und dieses ganze Weltgebäude beherrscht? zu den vernünftigen und tugendhaften, oder zu den entgegengesezten? Sollten wir vielleicht auf folgende Art hierauf antworten?
Wie meinst Du, Fremdling?
Also, Lieber. Wenn die Umwälzung und die Laufbahn des Himmels und der himmlischen Körper den Bewegungen, den Wirkungen, oder besser dem Denken des Verstandes gleicht, wenn beide mit einander in Verwandtschaft stehn; so ist offenbar, dass die vortreflichste Seele die Welt beherrscht. und dass sie es ist, welche die Welt diese Laufbahn führt.
Offenbar.
Und dass es im Gegentheil die unvollkommene Seele ist, wenn die Welt sich auf eine unzwekmässige, unordentliche Weise bewegt.
Auch diess ist vollkommen richtig.
Allein welches ist nun die Bewegung des Verstandes? Hierauf ist es in der That schwer, richtig zu antworten. Billigerweise muss ich also die Antwort mit Euch gemeinschaftlich übernehmen, meine Freunde.
Freilich.
Aber wollen wir mit unsern sterblichen Augen den Verstand selbst anblikken und erforschen? Dass es uns da nur nicht eben so gehe, als wenn man zu starr in die Sonne sieht. Man ist dann am hellen Mittag mitten im Finstern. Weit sichrer werden wir unsre Blikke auf das Bild des Verstandes wenden.
Wie verstehst Du das?
Ich meine, welcher Bewegung der Verstand wohl ähnlich ist, wenn wir sein Bild
von einer jener zehn Bewegungen her-
Sehr wohl.
Soviel ich mich noch erinnere, nahmen wir zuerst an, dass einige Dinge in Bewegung, andre in Ruhe sind.
Ja!
Ferner, dass von den Dingen, welche in Bewegung sind, einige sich in Einem, andre in verschiedenen Orten bewegen.
Auch diess ist ganz richtig.
Und die erstere dieser Bewegungen — die sich wie die Kugeln, die man zu drechseln pflegt, immer um Einen Mittelpunkt herumdreht — ist es, welche den Bewegungen des Verstandes nothwendig am nächsten kommen, und ihnen unter allen andern am ähnlichsten sein muss.
Wie so, Fremdling?
Beide, der Verstand, und jene dem Herumdrehen solcher gedrechselten Kugeln so
ähnliche Bewegung um Einen feststehenden Mittelpunkt herum, bewegen sich immer
auf die nemliche Weise, in dem nemlichen Ort, in der nemlichen Lage sowohl
gegen den Mittelpunkt, als der Theile gegen einander, nach der nemlichen Regel,
und der nemlichen Ordnung.
Gewiss nicht.
Aus eben diesem Grunde aber ist auf der andern Seite diejenige Bewegung, welche sich nie auf die nemliche Weise, nie an dem nemlichen Orte, nie in der nemlichen Lage weder gegen den Mittelpunkt, noch der Theile gegen einander bewegt, in der es ferner weder Regel, noch Ordnung, noch Verhältniss giebt, der Bewegung des Unverstandes am ähnlichsten.
Allerdings.
Nun ist es nicht mehr schwer zu entscheiden, ob, da doch eine Seele alles
lenkt, die Umwälzung des Himmels unter
Nein, Fremdling, nach dem, was wir jezt mit einander abgemacht haben, dürfen wir nicht anders annehmen, als dass eine mit jeder Vollkommenheit ausgerüstete Seele das Weltgebäude beherrscht, sei es nun allein, oder in Gemeinschaft mit mehreren.
Du hast unsre Schlüsse vortreflich gefasst,
Wie könnte sie anders?
So wollen wir denn einmal über einen dieser Körper mit einander reden. Was wir von ihm sagen, werden wir auf alle übrigen Dinge anwenden können.
Und welchen wählst Du zu dieser Absicht?
Die Sonne z. B. Jedermann sieht ihren Körper, niemand aber ihre Seele, eben so wenig als die Seele irgend eines Thiers, es mag leben oder todt sein. Sehr wahrscheinlich also, dass sie, ihrer Natur nach, keinem unsrer körperlichen Sinne empfindbar ist, dass sie nur von dem Geiste gedacht werden kann. Mit dem Verstande allein müssen wir daher versuchen, uns folgenden Begriff von ihr zu machen.
Welchen, Fremdling?
Wenn die Seele die Sonne regiert, so muss es auf eine von folgenden drei Arten geschehn. Diess können wir, ohne Gefahr zu irren, behaupten.
Von was für Arten redest Du?
Sie muss entweder den runden sichtbaren Körper selbst bewohnen, und ihn eben so überall hinbewegen, als unsre Seele uns bewegt; oder, selbst mit einem feuer- oder, wie einige behaupten, luftartigen Körper bekleidet, durch die Kraft ihres Körpers den Körper der Sonne von aussen fortstossen; oder endlich — und diess ist die dritte Art — alles Körpers entblösst sein, und sich andrer höchst wundervoller, unbegreiflicher Kräfte bedienen.
Allerdings.
Auf eine von diesen drei Arten muss also die Seele nothwendig die Sonne
regieren. Aber dem sei, wie ihm wolle, ob diese Seele die Sonne und das Licht
gleichsam wie in einem Wagen uns zuführe, oder ob sie von aussen, oder auf
irgend eine andre Weise, welche es auch sei, auf sie wirke; so muss doch
Ohne den äussersten Grad des Unverstandes gewiss nicht.
Werden wir aber anders von dem Monde, und den übrigen Gestirnen, von den Jahren und Monaten, von dem Wechsel der Jahrszeiten reden? Auch diess alles ist von Einer, oder mehreren mit jeglicher Vollkommenheit begabten Seelen hervorgebracht. Werden wir nicht auch diese Seelen für Gottheiten erkennen, sie mögen nun, indem sie den Himmel beherrschen, in den Körpern selbst wohnen, oder auf diese, oder jene Weise dabei wirksam sein? Und muss man also nicht eingestehn, dass das ganze Weltall mit Göttern angefüllt ist?
Niemand, Fremdling, ist thöricht genug, es zu läugnen.
So können wir denn nun, lieber
Welche Schranken, welchen Weg meinst Du?
Den, dass sie nun entweder uns folgen, und den übrigen Theil ihres Lebens hindurch das Dasein der Götter für wahr halten, oder uns zeigen müssen, dass wir Unrecht hatten, die Seele für das erste aller Dinge, für den Ursprung aller übrigen anzunehmen, so wie alles, was wir aus diesem Saz weiter folgern. Lasst uns nur noch einmal sehn, ob wir ihnen das Dasein der Götter hinreichend bewiesen haben, oder ob unsrem Beweise noch etwas fehlt?
Gewiss nicht das geringste, Fremdling.
Nun so haben denn diese Untersuchungen ein Ende; und so wollen wir denn jezt
die zurükzuführen suchen, die zwar das Dasein der Götter nicht bezweifeln, aber
doch nicht glauben, dass sie sich um die menschlichen Angelegenheiten
bekümmern. „Dein Glaube an die Götter, mein Lieber,“ wollen wir zu einem von
ihnen sagen, „rührt vielleicht von einer gewissen Verwandtschaft zwischen Dir
und ihnen her, die Dich antreibt, sie zu erkennen und zu verehren. Aber das
Glük, welches Du ungerechte, lasterhafte Menschen in ihren Familien, und im
Staate geniessen siehst, bringt in Dir eine Geringschäzung gegen sie hervor.
Freilich ist diess Glük kein wahres Glük, aber es wird doch — so Unrecht es
auch ist — dafür gehalten, wird doch in Gedichten
Vortreflich! Mach es nur, wie Du sagst; auch wir wollen unser Möglichstes thun.
Der Beweis, dass die Götter sich um das Kleine nicht minder bekümmern, als um das Grösseste, wird uns nicht schwer werden. Denn wir machten ja schon vorhin mit einander aus, dass sie jede Vollkommenheit besizen, und dass die Fürsorge fürs Ganze ihr eigentlichstes Geschäft ist.
Allerdings kamen wir darin überein.
So lass uns denn nun untersuchen, in welcher Rüksicht eigentlich wir die Götter vollkommen nannten? Nimm einmal z. B. Mässigkeit und Weisheit. Sind diess nicht Vollkommenheiten, so wie ihr Gegentheil Unvollkommenheiten?
Nothwendig.
Ist nicht auch ferner Tapferkeit eine Vollkommenheit, und Feigheit das Gegentheil davon?
Wie anders?
Nennen wir nicht die eine Gattung dieser Dinge edel, die andre unedel?
Ja.
Und müssen wir nun nicht zugeben, dass die leztere wohl uns, nie aber, weder in grossem, noch in geringem Maasse, den Göttern zukommen könne?
Das müssen wir zugeben.
Wie aber? Nachlässigkeit, Trägheit, Weichlichkeit, werden wir die zu den Vollkommenheiten der Seele rechnen?
Wie könnten wir es?
Also zu den Unvollkommenheiten?
Nothwendig.
Und die ihnen entgegenstehenden Eigenschaften zu der entgegengesezten Klasse?
Zu der entgegengesezten.
Nun endlich! Hassen wir nicht den weichlichen, nachlässigen Müssiggänger, den
der Dichter
Allerdings.
Lasst uns daher ja nicht der Gottheit eine Eigenschaft beilegen, die sie selbst hassen muss; und lasst uns niemanden eine solche Behauptung erlauben.
Niemanden.
Würde wohl der unser Lob auch nur einigermaassen verdienen, der, wenn ihm aufgetragen wäre, etwas zu besorgen, sich um etwas zu bekümmern, nur immer auf das Grosse sein Augenmerk richtete, und das Kleine vernachlässigte? Gewiss nicht; denn — bedenkt es selbst einmal — könnte er wohl, er möchte nun ein Gott, oder ein Mensch sein, aus einem andern Grunde so handlen, als aus einem von folgenden zweien?
Von welchen?
Ich meine: er müsste entweder glauben, dass die Vernachlässigung des Kleinen in
Rüksicht aufs Ganze gleichviel gelte; oder, wenn er das nicht glaubte, so
müsste er sich der Trägheit
Nein.
Jezt müssen unsre beiden Gegner uns dreien antworten. Beide gestehen das Dasein der Götter ein; aber der eine hält sie für bestechlich, der andre glaubt, dass sie das Kleine vernachlässigen. Einmal gebt Ihr doch beide zu, dass die Götter alles sehen und hören, dass ihnen nichts von allem verborgen ist, was in dem Gebiete der Sinne und des Verstandes liegt. Räumt Ihr das ein, oder nicht?
Allerdings räumen wir das ein.
Ferner: dass sie alles vermögen, was der vereinigten Macht aller Sterblichen und aller Unsterblichen möglich ist?
Wie könnten unsre Gegner diess läugnen wollen?
Endlich sind wir alle Fünfe übereingekommen, dass sie höchst gut und vollkommen sind.
Ganz richtig.
Nun wir ihnen diese Eigenschaften beigelegt haben, wäre es wohl noch möglich zuzugeben, dass sie irgend etwas aus Trägheit, oder Weichlichkeit thäten? Bei uns entsteht Trägheit aus Müssiggang und Weichlichkeit, und Müssiggang aus Feigheit. Ein Gott kann nicht feige sein; wenn er also etwas vernachlässigt, so kann die Ursache davon nie in seiner Trägheit, oder in seiner Weichlichkeit liegen.
Nie.
Aber wenn die Götter das Kleine bei der Regierung des Ganzen verabsäumen, so müssen sie doch entweder überzeugt sein, dass die Sorgfalt fürs Kleine nicht nothwendig ist, oder sie müssen das Gegentheil hievon glauben?
Ein drittes bleibt nicht übrig.
Was willst Du nun lieber annehmen, mein Bester? Sollen die Götter aus
Unwissenheit nachlässig sein, darum, weil sie nicht einsehn, dass man auch für
das Kleine sorgen muss? Oder, von dieser Nothwendigkeit überzeugt, es nur so
machen, wie die schwächsten, elendesten Menschen thun? Sie wissen recht
Es lässt sich weder das eine, noch das andre denken.
Weiter! Gehören die Menschen und ihre Schiksale nicht zu der beseelten Natur, und verehren nicht sie unter allen Thieren die Götter am meisten?
Allerdings, wie es scheint.
Und wir sind doch, so wie alle Thiere und der ganze Himmel, ihr Eigenthum?
Nicht anders.
Nun nenne man unsre Angelegenheiten gross, oder klein in den Augen der Götter; in keinem Fall würde es sich für sie ziemen, ihr Eigenthum — uns — zu vernachlässigen, desto weniger sich für sie ziemen, je vollkommener sie sind, je aufmerksamer sie für etwas sorgen. Lasst uns auch noch Folgendes in Betrachtung ziehn!
Was, Fremdling?
Wie in Rüksicht auf Leichtigkeit, oder Schwierigkeit unsre Sinne, und unsre Kräfte einander immer entgegenstehn.
Wie verstehst Du diess?
Etwas Kleines zu sehn, zu thun, ist weit schwerer, als etwas Grosses. Aber zu tragen, in unsre Gewalt zu bekommen, zu besorgen, ist es weit leichter.
Allerdings.
Nun ferner! Seze, ein Arzt sollte einen ganzen Körper heilen, und besässe auch Willen und Fähigkeit dazu. Wenn er da bloss für das Grosse sorgen, aber das Kleine, die einzelnen Theile, vernachlässigen wollte, würde sich dabei der ganze Körper je wohl befinden?
Niemals.
Eben so wenig wird Steuermännern, Feldherrn, Verwaltern, Staatsmännern und wen ich noch sonst nennen könnte, das Grosse ohne das Kleine nüzlich sein. Denn die Baumeister sagen ganz richtig: Der kleine Stein liegt nicht ohne den grossen.
Sehr wahr.
Lasst uns also doch ja nicht die Gottheit unter menschliche Werkmeister
herabsezen! Sie bearbeiten mit gleichem Fleisse das Grosse und das Kleine, nur
nach Maassgabe ihrer Geschiklichkeit mehr oder weniger genau und vollkommen.
Und Gott,
Fern sei ein solcher, gleich falscher und unerlaubter Gedanke von uns!
So haben wir ja wohl den, welcher die Gottheit der Nachlässigkeit beschuldigte, hinlänglich widerlegt?
Gewiss.
Unsre Beweise haben ihn genöthigt, seinen Irrthum zu gestehn. Jezt, glaub’ ich, müssen wir nur noch etwas hinzusezen, das ihn, wie ein Zaubermittel, fessle.
Und was ist das, Lieber?
Wir wollen ihm zeigen, dass der, welcher für das Ganze sorgt, auch alles zum
Wohl und zur Vollkommenheit des Ganzen geordnet hat; dass jeder Theil immer nur
die ihm angemessnen Veränderungen hervorbringt und leidet; und dass es Aufseher
giebt, die über jede, noch so kleine Veränderung — sie bestehe in Wirken, oder
in Leiden — in jeden, auch den kleinsten Theilen des Ganzen, wachen. Du selbst,
schwacher Sterblicher, bist gleichfalls ein solcher, obwohl kleiner Theil, und
arbeitest mit zum Nuzen des Ganzen, Du bedenkst nur nicht, dass alles für das
Ganze, und für dessen Glükseligkeit entsteht. Denn das Ganze ist nicht
Deinetwegen; nein, Du bist seinetwegen da.
Was meinst Du damit?
Mich dünkt, ich zeige die Art an, wie es den Göttern am leichtesten werden muss, für das Ganze zu sorgen. Denn wenn ein Künstler bei seinem Werke immer jedes einzelne Ding in Rüksicht aufs Ganze — das er nie aus den Augen verlöre — umbildete; das Feuer z. B. in beseeltes Wasser verwandelte u. s. f., nicht aber mehrere Dinge in Eins vereinte, oder Eins in mehrere trennte, indem er sie durch die erste, zweite, oder dritte Entstehung durchgehn liesse; so würde es der Umbildungen eine unübersehbare Menge geben. Meine Methode hingegen macht die Sorgfalt fürs Ganze weit leichter.
Aber auf welche Art, Fremdling?
Auf folgende. Alle unsre Handlungen haben ihren Grund in unsrer Seele; auf der einen Seite liegt zwar viel Tugend darin, auf der andren aber auch viel Lasterhaftigkeit; beide, Seele und Leib, sind zwar nicht ewig, so wie es die Götter sind, aber sie sind wenigstens unvergänglich. Denn gienge je die eine oder der andre völlig unter, so könnten nie neue Thiere entstehen. Das Gute endlich, ich meine das moralische Gute, ist seiner Natur nach immer nüzlich, hingegen das Böse immer schädlich. Alles diess sah unser Beherrscher, und ordnete jeden einzelnen Theil des Ganzen auf eine Art an, wie die Tugend am leichtesten siegen könnte, das Laster am sichersten unterliegen müsste. Er bestimmte nemlich in Rüksicht aufs Ganze, wie jedes Ding, je nachdem es anders und anders würde, auch seine Stelle verändern, und welche Oerter es bewohnen sollte. Wie wir aber werden wollten, diess überliess er unsrer Willkühr. Denn jeder hat doch gewöhnlich den Charakter, der seinen Neigungen gemäss ist.
Keinen andren.
Er versezt daher immerfort alles Beseelte; doch die Ursach dieser Versezung
liegt in den Wesen selbst; und die Versezung an sich stimmt mit dem Willen, und
den Gesezen des Schiksals überein. Diejenigen, deren Charakter sich weniger
verändert hat, werden auch weniger versezt, und bleiben fast immer auf
derselben Oberfläche. Aber die, welche sich mehr verändert haben, und
schlechter geworden sind, sinken in die Tiefe hinab, in jene unterirrdischen
Orte, den Hadäs, oder wie wir sie sonst nennen mögen, und werden von Furcht,
und schreklichen Träumen Führe ich gen Himmel, so bist du da. Bettete ich mir in die Hölle,
siehe, so bist du auch da. Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am
äussersten Meer, so würde mich doch deine Hand daselbst führen und deine
Rechte mich halten.
Vortreflich! Wir wollen Deinem Vorschlage folgen!
Bei den Göttern selbst! so sage uns denn, auf welche Art sie bestechlich sind, wenn sie es doch einmal sein sollen? Sage uns, wer sie sind? welchen Charakter sie haben? Sie sind doch wohl Herrscher? denn sie regieren immerfort den ganzen Himmel.
Allerdings.
Aber welchen Herrschern sind sie, oder welche sind ihnen ähnlich? damit wir doch das Grössere gegen das Kleinere halten können. Gleichen sie vielleicht den Wagenführern, wenn sie im Wettstreit mit einander kämpfen, oder den Steuerleuten? Vielleicht können wir sie auch mit den Befehlshabern der Heere vergleichen, oder mit den Aerzten, welche die Krankheiten des Leibes bekämpfen, oder mit den Akkersleuten, die, immer zitternd für das Wachsthum ihrer Früchte, die gewöhnliche schlimme Jahrszeit erwarten, oder mit den Hütern der Heerden? Denn der Himmel, gestanden wir ja ein, ist voll des Guten und Bösen, und des lezteren ist mehr. Es giebt also da einen unaufhörlichen Streit, der eine bewundernswürdige Wachsamkeit erfordert. Die Götter und die Dämonen kämpfen auf unsrer Seite, weil wir ihr Eigenthum sind. Aber Ungerechtigkeit, Zügellosigkeit und Thorheit würden uns ins Verderben stürzen, wenn Gerechtigkeit, Enthaltsamkeit und Weisheit uns nicht wieder retteten — sie, die in den Seelen der Götter wohnen. Auch auf Erden findet sich etwas Aehnliches. Denn gewisse niederträchtige, ungerechte Seelen verschwören sich gegen ihre Wächter (verstehe darunter, wen Du willst, Hunde, Hirten, oder mächtige Herrscher) und erschleichen — denn so machen sie es, sagt man — durch Schmeicheleien und bezaubernde Liebkosungen die Freiheit, andre ungestraft zu übervortheilen. Diess Laster, immer mehr zu begehren, als andre besizen, nennen wir bei den Körpern Krankheit, bei den Jahrszeiten Seuche, in den Staaten und Regierungsverfassungen, mit verändertem Namen, Ungerechtigkeit.
So nennen wir es.
Zu behaupten, dass die Götter den Ungerechten gern verzeihen, wenn sie ihnen nur einen Theil ihres Gewinns abgeben, heisst, sie mit Hunden vergleichen, welchen die Wölfe einen Theil ihrer Beute überlassen, und die dafür, durch das Geschenk zahm gemacht, ihnen die Erlaubniss ertheilen, die Heerden zu zerreissen. Oder liegt wohl etwas anders in der Behauptung?
Nichts anders.
Und mit welcher von den vorhin genannten Personen kannst Du wohl die Götter vergleichen, wenn Du Dich nicht lächerlich machen willst? Etwa mit Steuerleuten, die, durch Wein und Opferfett bestochen, Schiff und Schiffer untergehn lassen?
Gewiss nicht.
Oder mit Wagenführern, welche, durch Geschenke überredet, den Sieg andern in die Hände spielen?
Welch eine Vergleichung, Fremdling!
Oder mit Feldherrn, oder Aerzten, oder Akkersleuten, oder Hirten, oder endlich Hunden, die von den Wölfen besänftigt werden?
Behüte der Himmel! Wie könnten wir so etwas behaupten?
Sind nicht vielmehr die Götter die erhabensten Wächter, und über die erhabensten Dinge?
Gewiss.
Sie übertreffen an Wachsamkeit alle übrigen Wesen, sie sorgen für die vortreflichsten Dinge, und wir wollten sie unter unvernünftige Thiere, oder auch nur unter mittelmässige Menschen herabwürdigen? Denn schon diese würden gewiss nicht die Gerechtigkeit übertreten, wenn ihnen auch ungerechte Menschen Geschenke dafür anböten.
Keinesweges. Eine solche Behauptung wäre empörend; und mich dünkt, wer diese Meinung von den Göttern hat, ist unter allen Gottesverächtern der schändlichste und verwegenste.
Wir haben nun, glaub’ ich, die drei vorgelegten Stükke hinlänglich bewiesen: das Dasein der Götter, ihre Fürsorge für die Menschen, ihre Unbestechlichkeit gegen die Ungerechten.
Allerdings. Wir alle haben die Richtigkeit Deiner Beweise eingestanden.
Die hartnäkkige Streitsucht jener schlechten Menschen hat mich heftiger, als
sonst reden lassen. Ich habe es gethan, da-
Wir können es hoffen. Wenn es aber auch nicht ist; so wird diese Untersuchung dem Gesezgeber nie Schande machen.
Erster Druck: Es mag sein, dass diese Bruchstücke alter
griechischer Philosophie manchem meiner Leser zu trocken scheinen; sicherlich
giebt es auch andre, denen sie höchst interessant sind. Was der
Der Gedanke, die Probleme der natürlichen Religion durch eine Reihe übersetzter
Stücke aus den philosophischen Schriften der Alten mit angeschlossener Erläuterung
und kritischer Würdigung zu beleuchten, erwuchs im Jahre