This digital edition follows the TEI P5 Guidelines.
In allen Staaten, deren Andenken uns die Geschichte aufbewahrt, finden wir religiöse
und bürgerliche Einrichtungen aufs innigste mit einander verbunden. Gleich
interessant für den Geschichtsforscher und Philosophen muss es sein, dem Ursprung
dieser Erscheinung nachzugehn. Ohne Zweifel liegt der Grund davon allein in dem
Glauben an die Macht überirrdischer Wesen, in den Erwartungen und Besorgnissen,
welche dieser Glaube erregte; die Menschen, welche die Gesellschaft schlossen,
mochten nun selbst zu sehr von diesen Ideen erfüllt sein, um nicht die Gottheit mit
in ihre Verfassung zu verflechten, oder der Gesetzgeber mochte sich, bald aus edler
menschenfreundlicher Absicht, bald aus schlauem Betrug, dieses Mittels bedienen, den
Gehorsam seiner Unterthanen zu fesseln. Vorzüglich war diess Letztere häufig der
Fall. So liess
In den älteren Staaten war die Religion unmittelbares Werkzeug in den Händen des
Herrschers. Die Gottheit hatte eigentlich alle Obergewalt, der Regent war nur Ausleger
ihrer Befehle; oder wo auch nicht auf diese Weise Theokratie im strengsten Verstande
waltete, da musse doch jedes neue Unternehmen erst der Prüfung der Gottheit unterworfen
werden. Sie beschüzte nicht sowohl den Bürger als Menschen, sondern den ganzen Staat,
den Bürger als Bürger. Das Gesez befahl nicht sowohl, sie zu ehren; sie gab vielmehr
selbst das Gesez, oder war doch Vertheidigerin und Rächerin desselben. Ihre Gunst
gewinnen oder ihren Zorn erregen, hiess dem ganzen Staat Segen oder Verderben bereiten.
Alle Vorstellungen von überirrdischen Wesen waren in jenen rohen unkultivirten Zeiten
noch völlig anthropomorphistisch; der Gottesdienst ein blosses Gewebe von Cärimonien.
Auf diese Cärimonien stüzte sich das Ansehen der Priester; auf dem Ansehen der Priester
beruhte die Gewalt der Magistratspersonen. So hieng an diesem einzigen Faden die ganze
Staatsverfassung.Bis zu dieser Stelle lautet der zweite Absatz in der Umarbeitung folgendermaßen:
„Bei den älteren, roheren Völkern entsprang die Idee einer Gottheit aus
unmittelbaren Gefühlen der Schwache, der Abhängigkeit von Schiksal und Natur, die
ihre Phantasie in selbstthätige Wesen verwandelte, und auf den Thron der Schöpfung
erhob. Diese Wesen — liehen sie ihnen auch andre, als menschliche Gestalten —
dachten sie sich menschlich, mit menschlichen Neigungen und Leidenschaften, nur
überlegen an Macht und Stärke. Abhängig von ihnen fürchteten sie ihren Zorn,
flehten sie um ihre Huld. So war ein Einfluss, eine Oberherrschaft überirrdischer
Wesen Grundidee aller Nationen, und eine Idee, die schon vor aller Vereinigung zur
eigentlichen Gesellschaft existirte. Schon jede Familie brachte ihre Götter in die
Staatsverbindung. Denn so erklärt man es ja, dass bei allen übrigen Völkern des
Alterthums Vielgötterei, bei den Israeliten hingegen, die nur von Einer Familie
herstammten, auch nur Anbetung Eines Gottes herrschte. Wie nun der Zwek der
Staatsvereinigung überhaupt Ueberwindung aller Hindernisse, Erreichung aller
Vortheile war, die ohne gemeinschaftliche Kraft unüberwindlich oder unerreichbar
geblieben wären; so entstand jezt auch vereintes Streben, die Gunst der Gottheit
durch gemeinsame Verehrung zu erhalten. Zu den Familiengöttern gesellten sich
Nationalgötter; gottesdienstliche Nationalzusammenkünfte entstanden, und wurden
durch die Bequemlichkeit, dabei auch über andre Angelegenheiten zu rathschlagen,
durch die Neigung zum geselligen Leben, und zu gemeinschaftlich fröhlichem Genuss
häufiger gemacht. Den Herrschern im Staat lag es ob, überhaupt für das Wohl des
Ganzen zu sorgen; also auch den Willen der Götter zu erforschen, ihm zu gehorchen,
oder kein Mittel zu verabsäumen, ihn nach den Wünschen des Volks umzustimmen. So
wurde die Religion innigst in die Staatsverfassung verwebt; so war der Wille der
Gottheit eigentlich der oberste Herrscher, der irrdische Regent nur Ausleger
desselben. So befahl nicht sowohl das Gesez, sie zu ehren; sie gab vielmehr selbst
das Gesez, oder war doch Vertheidigerin und Rächerin desselben. Zwar herrschte
nicht überall Theokratie in diesem strengen Verstande des Worts; aber immer musste
doch jedes neue Enternehmen erst der Prüfung der Gottheit unterworfen werden;
immer musste ihr Ausspruch die wichtigsten Unternehmungen entscheiden, ihr Beifall
die Wahl der Magistratspersonen bestätigen. Dadurch wurden ihre Diener zugleich
Regierer des Staats. Und nun gewann bald alles eine veränderte Gestalt. Was
anfangs bloss frommer Glaube gewesen war, dessen bediente man sich nun bald aus
Herrschsucht, bald aber auch aus der menschenfreundlichen Absicht, das rohe,
ungebändigte Volk zur Ordnung und Sittlichkeit zu führen, als eines Mittels, um
den weniger aufgeklärten Theil der Nation dadurch zu leiten. Nach und nach wurde
nun die Staatsverfassung künstlicher und verwikkelter, und je mehr Ausbildung und
Verfeinerung sie erhielt, desto enger wurde auch die Religion mit ihr verbunden;
so dass es nicht mehr möglich war jene anzugreifen, ohne zugleich diese zu
verlezen.“ Der Rest des Absatzes einschließlich der Anmerkung stimmt nahezu
wörtlich zu unserm Text: in der letzteren heißt es statt „den Nationalgeist“ „das
Eigenthümliche des Nationalgeistes und des Nationalglaubens”, statt „der Sitten“
„der Sitten und der Vorstellungsweise“, statt „für den Charakter“ „für den
Charakter und die Aufklärung“; im vorletzten Satz des Haupttextes ist „ Sokrates" durch „den Weltweisen“ ersetzt.
Die Gottheiten der alten Völker waren ferner Partikular-Gottheiten, eingeschränkt auf
die Gränzen menschlichen Eigenthums. Jede Gegend, jede Stelle wurde einem eignen
Gotte geweiht. So gab es Götter des Hauses, der Familie, des Stammes, der Nation;
Götter der einzelnen Aekker, Gärten, Haine, Quellen, Berge u. s. f. Der Schuz dieser
Gottheiten war ein Eigenthum der Bewohner dieser Gegenden, der Mitglieder dieser
Gesellschaften; aber ein Eigenthum, das an den Gegenden und den Gesellschaften
klebte, das man verlor, wenn man über die Gränze des Landes trat, oder aufhörte
Mitglied der Familie zu sein. Daher die mancherlei gottesdienstlichen Feierlichkeiten
bei Erbauung von Häusern, Uebertragung von Erbschaften, Uebertritt von einer Bis zu dieser Stelle ist der Wortlaut dieses Absatzes in der Umarbeitung
folgender: „Jede einzelne große — furchterregende oder wohlthätige — Wirkung
der Natur wird von dem Menschen, der noch auf der ersten Stufe der Bildung
steht, für die unmittelbare Erscheinung eines höheren Wesens erklärt. Daher
sind die Gottheiten aller unkultivierten Nationen, und daher waren die
Gottheiten der Alten insbesondre Partikular-Gottheiten. Jede Gegend, jede
Stelle wurde von einem eignen Gotte bewohnt. In jedem Hain, jeder Grotte, bei
jedem Quell vernahmen sie das Walten eines Unsterblichen. Ihm musste dienen,
wer die Gegend bewohnen wollte; seinen Schuz musste der Opferrauch des Altars
erkaufen. Da man aber so die Gottheit sich innig verbunden dachte mit dem Ort,
den sie bewohnte, da man ferner sie verwechselte mit dem Dienst, den man ihr
erwies, ihr Wesen mit dem Bilde, worin man sie verehrte; so wurde nun wiederum
die Gottheit Eigenthum der Sterblichen. Wie man sich unter den Schuz einer
Gottheit begeben konnte; ebenso konnte man neue Gegenden ihrem Schuze weihen.
Denn ihr Bild, ihr Dienst liess sich ja übertragen. Dadurch wurden nun die
Götter eingeschränkt auf die Gränzen menschlichen Eigenthums; dadurch
entstanden Götter des Grundstüks, des Hauses, der Familie, des Stammes, der
Nation. Der Schuz dieser Gottheiten war ein Eigenthum der Bewohner dieser
Gegenden, der Mitglieder dieser Gesellschaften ; aber ein Eigenthum, das an den
Gegenden und an den Gesellschaften klebte, das man verlor, wenn man über die
Gränze des Landes trat, oder aufhörte, Mitglied der Familie zu sein." Das
Folgende bis zu den Worten „bei Göttern und Menschen" stimmt wörtlich zu unserm
Text.
Statt dieses Satzes steht folgendes in der Umarbeitung: „Daher das
Schauderhafte in der Idee des Fremdlings überhaupt. Die Vorstellung eines
allgemeinen Vaters und Sorgers vereinte noch nicht das ganze
Menschengeschlecht. Daher endlich das Bedürfniss der Uebertragung der
Gottheiten, wenn man Wohnort oder Gesellschaft mit andren vertauschte. Denn
hieraus entsprangen alle gottesdietistliche Feierlichkeiten bei Erbauung von
Häusern, Uebertritt von einer Familie in die andre, Uebertragung von
Erbschaften, ehe noch die simplificirtere Form diese Uebertragung in einen
Scheinkauf verwandelte; hieraus dass Aeneas
mit gleich sorgsamer Frömmigkeit seine Penaten, als seinen Vater
und Sohn den Flammen
Die Religion der Alten war ein Theil ihrer Staatsverfassung; aber auch nicht mehr,
als das. Uebrigens liess sie jedem Bürger unbegränzte Freiheit, sezte ihm keine
Schranken weder in Absicht seiner Ideen über die Entstehung des Weltalls, über die
Leitung menschlicher Begebenheiten, über seine Erwartungen jenseits des Grabes u.s.f.
noch in Absicht seiner Handlungen; kurz weder theoretische noch praktische
Philosophie kollidirten je mit der Religion. Denn auch die Handlungen der Bürger
bestimmte sie nur, insofern die Geseze sie bestimmten, und sie auf die Befolgung der
Geseze wachte.Bis zu dieser Stelle lautet dieser Absatz in der Umarbeitung so: „Je roher die
Idee der Alten von der Gottheit war, desto mehr schränkten sie ihre Verehrung
allein auf äußern Dienst und Cärimonie ein. Wessen Opferrauch vom Altar
emporstieg, war ihrer Huld, so wie der, welcher ihren Dienst vernachlässigte,
ihres Zornes gewiss. Zwar belohnte sie den Guten, und bestrafte den Frevler;
aber ungerechnet, dass in der Reihe der Tugenden Frömmigkeit gegen die Götter
den ersten Plaz einnahm, war sie auch durch Opfer und Geschenke versöhnbar.
Selbst da eine grössere Aufklärung herrschend wurde, da die Philosophie ihr
Licht in seiner ganzen Fülle und Schönheit verbreitete, blieben die
Religionsideen in ihrer vorigen Rohheit. Denn gleich anfangs waren sie in die
Staatsverfassung übergegangen, und diess versperrte jeglicher Verbesserung den
Zugang. Nur in dem Gange, den sie einmal genommen hatten, fortzuschreiten war
es erlaubt; man durfte die Dichtung, die darauf sich stüzende Cärimonie nicht
umstürzen, nur sie verfeinern, aufs höchste ihr reinen wahren Sinn
unterschieben. Diess Geschäft fiel in die Hände des Dichters und der Künstler
überhaupt, da gerade die gottesdienstlichen Feste den Künsten ihren Ursprung
gaben. Daher die Verschiedenheiten der Religion der Alten von der unsren, dass
bei uns so vieles zu den Religionslehren gehört, was wir bei ihnen nur in dem
Gebiete der Philosophie finden, dass ihre Religion nicht, wie die unsrige,
durch die Fortschritte der Philosophie mehr Richtigkeit, sondern nur durch die
Fortschritte der Kunst mehr Schönheit und Grazie erhielt, dass in sie nicht,
wie in die unsrige, die mehr geläuterte Vernunft, sondern die mehr verfeinerte
Einbildungskraft übergieng. Den Staat interessirte die Religion nur als ein
Theil seiner Verfassung, die sich auf ihre Cärimonien stüzte. Er begnügte sich
also, diese unverlezt zu sehn, sorglos, ob die innere Ueberzeugung damit
übereinstimme, oder nicht. Verfolgte er je irgend eine Lehre der Philosophie;
so trieb ihn dazu mehr Besorgniss daraus entspringender Vernachlässigung auch
des äusseren Gottesdienstes, als intoleranter Eifer gegen die Lehre selbst an.
Auch waren die Religionslehren nicht, wie bei uns, in ein zusammenhängendes
System gebracht, das Meiste beruhte auf ungewissen, oft einander
widersprechenden Volkssagen, Ueberlieferungen, Erdichtungen der Priester,
welche die Phantasie des Dichters noch auf mannigfaltige Art ausschmükte. In
dem ganzen Reich des Denkens herrschte noch nicht, wie bei uns, Konsequenz,
Uebersicht des Zusammenhanges aller Ideen. Leicht blieb es daher unbemerkt,
wenn auch die Untersuchung auf Säze führte, deren Folgen den Volksglauben
geradezu vernichtet hätten.“ Dann folgen die beiden nächsten Sätze unsres
Textes bis zu den Worten „zu schweigen brauchte" nahezu wörtlich (statt
„Philosophie" ist „Vernunft" gesetzt), aber in umgekehrter Reihenfolge,
verbunden durch die in unserm Text schon zu Eingang des Absatzes vorkommenden
Worte: „dass theoretische und praktische Philosophie fast nie mit der Religion
kollidirten“; die Schlußwendung über Cicero
fehlt.
Nimmt man diese Eigenthümlichkeiten der Religion der weniger kultivirten Völker – die
ich hier nur angeben konnte, die es aber wohl der Mühe werth wäre, genauer
durchzugehn, und mit den gehörigen Beweisstellen zu belegen – zusammen; so findet man
in dem Gebrauch, der in den alten Staaten, und der in unsren heutigen von der
Religion gemacht wird, eben den Unterschied,
Sie ist also nicht mehr so innig in die Staatsverfassung verwebt; diese könnte ohne sie bestehen, wenn die Bürger ohne sie höhere Moralität und Bereitwilligkeit den Gesezen zu gehorchen erlangen könnten. Abweichung von vorgeschriebnen Religionsmeinungen ist nicht mehr Umsturz der Verfassung, es ist nur Uebertretung der Geseze des Staats. Diese Geseze selbst gewinnen nun eine andre Gestalt. Da die Religion auf den Charakter wirken soll, so muss sie von innerer Ueberzeugung begleitet sein. Ueberzeugung aber lässt sich nicht durch Geseze hervorbringen oder entreissen. Wer also einmal von der Lehre des Staats abweicht, den bringt kein Gesez wieder zurück; das Gesez hindert ihn nur, seine abweichende Meinung weiter zu verbreiten. So gewinnt die Freiheit des Bürgers, da die Bande zwischen Religion und Staat lokkrer, Religions- und Bürgerpflicht weniger Eins sind.
Unsre Religion lehrt keine nationale, sondern eine allgemeine Gottheit; ist Religion nicht des Bürgers, sondern des Menschen. Der Schuz der Gottheit ist nicht ausschliessendes Eigenthum einiger Wenigen; ist Geschenk woran jeder Theil nehmen kann, ohne dem andren etwas zu entreissen. Daher unsre Neigung Proselyten zu machen, die durch die Hofnung eines doppelten Gewinnes erhöht wird, einmal für den Neubekehrten, der zu einer höheren Stufe der Glückseligkeit geführt wird, dann für den Bekehrer, der sich ein Verdienst bei seiner Gottheit erwirbt, die nun um eine Zahl von Verehrern reicher wird.
Unsre Religion ist für den Menschen als Menschen bestimmt, bezieht sich auf seine
Sittlichkeit, seine individuelle Glückseligkeit. Sie fordert also Ueberzeugung.
Ueberzeugung ist ohne Consequenz in unsrem ganzen Gedankensysteme, ohne durchgängige
Uebereinstimmung nicht möglich. Die Vernunft darf also der Religion nicht
widersprechen; sie muss auf eben die Resultate führen, oder schweigen, wo sie andre
herausbringen würde. So sind Religion und Philosophie bei uns innigst verschwistert;
so entsteht der Begriff der Kezerei, und jede philosophische Meinung,
Verfolgt man diese Betrachtungen weiter; so findet man, dass jede Bemühung, die
positive Religion zu reinigen, das heisst übereinstimmender mit der Philosophie und
der sich selbst überlassnen Vernunft zu machen, der Geistesfreiheit nachtheiligt ist.
Denn solange Religionswahrheiten bloss auf Glauben beruhn, kann die Vernunft nur dann
mit ihnen kollidiren, wenn sie diesen Glauben, als ihren Grundpfeiler, umstösst.
Werden sie aber durch Vernunftgründe unterstüzt, so widerspricht ihnen alles, was die
Beweiskraft dieser Gründe verdächtig macht. Kein rechtgläubiger Theologe wird es
Stellt sich der Gesezgeber in den Gesichtspunkt, den ich ihm hier zu bestimmen
versucht habe – und er muss sich in ihn stellen, wenn er nicht hinter den
Fortschritten der Philosophie und der Aufklärung seines Zeitalters zurükbleiben will
– so wird sein Unternehmen auf der einen Seite erhabner und belohnender, auf der
andren aber auch mit unendlich mehr Schwierigkeiten verknüpft. Er muss jezt nicht
bloss einen Staat bilden, in dem Gerechtigkeit die Geseze aufrecht erhält, Fürsorge
die Bedürfnisse und Bequemlichkeit des Lebens verschaft, Wachsamkeit vor äussren
Angriffen sichert; sondern einen Staat, in dem es dem Bürger möglich bleibt, auch
Mensch zu sein, das heisst, seine ganze Bestimmung als Mensch vollkommen zu erfüllen;
muss ihm selbst zu Erreichung dieses erhabnen Zwecks durch alle Mittel behülflich
sein, die ihm zu Gebote stehn. Wenn
Er muss das Ideal des moralischen Menschen aufsuchen, die verhältnissmässige Stimmung aller Seelenfähigkeiten, die Mischung von Erkenntniss, Empfindung und Neigung, die den vollsten, reinsten, dauerndsten Genuss gewährt, und zugleich die schnellsten Fortschritte zu höherer Vollkommenheit möglich macht. Er darf daher nur auf das hinsehn, was in sich fort arbeitet und wirkt, auf das im strengsten Verstande Moralische, auf der Seele inneres Sein. Denn darin, dass diess rein Geistige zum ersten Zweck gemacht, dass alles Uebrige nur in verschiednem Verhältniss, nach Verschiedenheit seiner Beschaffenheit, darauf bezogen wird, besteht eigentlich die wahre Tugend und moralische Vollkommenheit.
Wenn wir uns Wesen denken, körperlos und frei von allen sinnlichen Eindrükken und
Begierden, so würde das Leben und Weben dieser Wesen allein in Hervorbringung von
Ideen bestehn. Ihre Vollkommenheit, wie ihre Glükseligkeit würde auf der Klarheit und
der erhebenden Fülle dieser Ideen beruhen. Ihre Beschaffenheit und die Beschaffenheit
der Dinge um sie her, ihren Ursprung, ihre Abhängigkeit oder Unabhängigkeit von
lebendingen oder leblosen Naturen, die Möglichkeit der Fortdauer ihres Daseins würden
sie zu erspähen suchen, würden bemüht sein, das Ziel festzusetzen, nach dem ihre
wachsende Vollkommenheit hin arbeiten, den Weg zu entdekken, auf dem sie
fortschreiten müsste. In allen diesen Untersuchungen würden sie die höchsten
Beziehungspunkte wählen, alle Ideen bis in die feinsten Nüancen verfolgen; überall
verbreitetes Licht und duchgängige Harmonie würden die lezten Zwekke ihres Strebens
sein. Aber sie würden nicht stehen bleiben bei sich und der Eingeschränktheit ihres
Gesichtskreises, sie würden übergehn auf alle gleichartige Wesen um sie her, sich zu
eigen machen, was sie in ihnen fänden, ihnen geben, was ihnen noch mangelte. So würde
sich nach und nach in ihnen die Idee einer Harmonie aller Geister bilden, so würden
sie sich nach und nach ein Ideal aller geistigen Vollkommenheit schaffen, und dahin
gelangen, sich und alle übrige Wesen nur als ebensoviele Abdrülle einzelner Theile
dieses Ideals zu betrachten. Je mehr sie sich diese Vorstellungsart zu eigen machten,
desto höher
Denken wir uns auf der andren Seite Geschöpfe, bloss bestimmt zu sinnlichem Genuss, jeder unkörperlichen Vorstellung unfähig; so werden wir diesen, da in ihnen alle Möglichkeiten eigner Wahl, Entschliessung und Freiheit verschwindet, innere Vollkommenheit nie, Glükseligkeit nach dem Verhältniss der Innigkeit, Dauer und Mannigfaltigkeit ihres Genusses zuschreiben können.
In dem Menschen ist beides mit einander vereint; er ist auf der einen Seite
sinnliches und geniessendes Geschöpf, auf der andren denkendes und schaffendes Wesen.
Aber es giebt in ihm noch ein Drittes, oder vielmehr es giebt eine Beziehung dieser
beiden Naturen auf einander, wodurch sie mit einander vereint werden. Ich will hier
von der Fähigkeit reden, sinnliche Vorstellungen mit aussersinnlichen Ideen zu
verknüpfen, aus den sinnlichen Eindrükken allgemeine Ideen zu ziehn, die nicht mehr
sinnlich sind, die Sinnenwelt als ein Zeichen der unsinnlichen anzusehn, und
aussersinnlichen Gegenständen die Hülle sinnlicher Bilder zu leihen. Es fehlt der
Sprache an einem eignen Ausdruk für diese ganze Fähigkeit überhaupt.
Aus der Betrachtung dieser beiden Seiten der Seele, der sinnlichen Begierde und der bloss geistigen Denkkraft und des Zusammenhanges, in dem diese beide mit einander stehn, müssen alle Grundäze der Moral fliessen. Denn die Moral muss das Verhältniss bestimmen, welches diese beiden Seiten gegen einander haben müssen.
Sehr viel hängt ab von der sinnlichen Begierde. Sie muss von keiner Seite ganz
erstikt, sondern vielmehr, nur nach Verschiedenheit der Charaktere, genährt werden.
Heftigkeit der sinnlichen Begierde ist schon an sich Zeichen der Kraft der Seele, so
wie ein Charakter wenig verspricht, in dem auch ursprünglich die sinnliche Begierde
schläft. Denn wenn, nach Der Mythus von der Erzeugung des
Ausbildung und Verfeinerung muss das bloss sinnliche Gefühl erhalten durch das
Aethetische. Hier beginnt das Gebiet der Kunst, und ihr Einfluss auf Bildung und
Moralität. Nichts ist von so ausgebreiteter Wirkung auf den ganzen Charakter, als der
Ausdruk des Unsinnlichen im Sinnlichen, des Erhabnen, des Einfachen, des Schönen in
allen Produkten der Kunst, die uns umgeben. Das was wir Geschmak nennen, bringt in
alle unsre, auch bloss geistigen Empfindungen und Neigungen so etwas Gemässigtes,
Gehaltnes, Harmonisches, auf Einen Punkt hin Gerichtetes. Wo dieser Geschmak fehlt,
da ist die sinnliche Begierde roh und ungebändigt, da ist jede andre Geisteskultur
todt und unfruchtbar, da haben selbst wissenschaftliche Untersuchungen vielleicht
Scharfsinn und Tiefsinn, aber nicht Feinheit, nicht Politur, nicht Fruchtbarkeit in
der Anwendung. Das Gefühl des Schönen zu erzeugen, zu nähren ist Bestimmung der
Kunst. So ist der Zwek aller Kunst moralisch im höchsten Verstande des Worts. Oft hat
man diesen Saz misverstanden, geglaubt, jedes Produkt der Kunst müsste darum irgend
eine Lehre einschärfen, irgend eine Empfindung rege machen, die unmittelbar auf
tugendhafte Handlungen führte; jedes Produkt, das diesen Zweck nicht beabsichtet,
unnüz, das ihm sogar entgegenzuarbeiten scheint, weil es vielleicht eine Handlung,
die wir unsrer Lage gemäss, nicht für tugendhaft halten, von reizenden Seiten zeigt,
schädlich genannt. Allein das heisst die Kunst in zu enge Gränzen ein-
Ich komme nun zu dem, was den Menschen eigentlich zum Menschen, zum denkenden und wollenden Wesen macht, zu seiner geistigen Natur. Vermöge dieser gränzt sein Dasein an das Dasein der Wesen, die wir uns frei denken von den einschränkenden Fesseln des Körpers. Wie sie kann er in Ideen wirken, sich ein Ideal reiner, unvermischter geistiger Vollkommenheit schaffen, und sich und andre diesem Ideale näher bringen. Von der einen Seite an die Sinnlichkeit gebunden, da sie sich nur in ihr darzustellen, mitzutheilen, überhaupt zu äussern vermag, ist diese geistige Natur von der andren Seite unabhängig und frei. Allen sinnlichen Trieben, allen reizenden Bildern der Einbildungskraft entgegen vermag sie Ideen zu realisiren, welche die ruhige, kalte Ueberlegung für gut erkennt. Diess Vermögen der Seele, der reinen Idee des Guten gemäss, Vollkommenheit in und um uns zu verbreiten, Dasein, Wirken und Glükseligkeit überall zu schafgen und zu erhalten, nennen wir moralische Stärke, wenn die Neigung ihm widerspricht, moralische Güte, moralisches Gefühl, wenn dem Willen die Neigung die Hand bietet. Durch sie allein erlangt der Mensch wahre Würde. Denn sie ist mit keinem andren Gute vergleichbar, da jedes andre Gut durch sie erst hervorgebracht, oder doch durch sie erst des Wunsches werth gemacht wird. Durch sie wahre Glükseligkeit. Denn durch sie wird die Idee der Vollkommenheit, die an sich so reich und gross, so füllend und erhebend ist, auf das innigste mit seiner Individualität verbunden.
Es schwindet also die Leere, welche das Leben wahrhaft elend macht. Durch sie trägt er die Schiksale leicht, in die ihn seine Abhängigkeit von den äussren Dingen um ihn her verwikkelt. Denn sie lehrt ihn alle seine Gesichtspunkte in sich und sein inneres Sein zurükzuziehn, und so ist ihm jede Lage – kummervoll, oder freudig – Veranlassung seiner Seele einen erhöheten Grad, oder eine neue Seite der Bildung zu verschaffen. Durch sie wird er in das seligste Verhältniss mit andren gesezt. Denn er sucht in ihnen eben die geistige Vollkommenheit, die er in sich hervorzubringen strebt, und überall wo er sie findet, da glaubt er sich verbunden, verschwistert, Eins. So entsteht das Gefühl der Freundschaft und Liebe. Er fühlt seine eigne Vollkommenheit höher, voller, inniger, wenn er sie im andren erblikt, er geht aus sich heraus, fliesst in den andren über, und gelangt endlich zu dem erhebendsten und beseligendsten aller Gefühle, zu dem Gefühle sich, alles eigne Geniessen und Wirken dahinzugeben für fremdes Wohl. Je reiner und lautrer diess Gefühl ist, je unvermischter mit Bildern der Sinnlichkeit, desto höhere Wonne lässt es geniessen; denn desto mehr beruht es auf feinen und tief empfundnen Ideen, welche in die ganze Seele eingreifen, und auf die ganze Dauer der Existenz wirksam sind.
Sinnlichkeit, Einbildungskraft, Stärke des Willens sind nur Kraft der Hervorbringung,
Stoff des Genusses; es fehlt ihnen noch an dem, was ihnen die Richtung geben, das
Maass und die Art ihres Wirkens bestimmen muss. Diess ist das Geschäft der leitenden
Vernunft. Auf ihr beruht eigentlich alle wahre Vollkommenheit und Glükseligkeit des
denkenden Menschen. Denn sie ordnet, wählt Zwek und Mittel; allen übrigen Kräften
bleibt nur die Ausführung überlassen. Ich verstehe aber hier unter der Vernunft das
ganze intellektuelle Vermögen des Menschen, seine ganze Fähigkeit Ideen aufzufassen,
seis durch Beobachtung der Sinne, oder durch das Anstrengen der Seele auf der Dinge
innre Beschaffenheiten; und die aufgefassten Ideen zu verarbeiten durch Vergleichung,
Verknüpfung und Trennung. Je mehr diese Fähigkeit erweitert und gestärkt wird, je
mehr Genauigkeit der Beobachtungs-, je mehr Feinheit der Untersuchungsgeist erhält,
von je höheren Gesichtspunkten er ausgeht, je tiefer er in das Wesen der Ideen
eindringt; desto höher steigt der Grad der Vollkommenheit und Glükseligkeit. Denn
desto richtiger wird der Gang aller Seelenfähigkeiten geleitet, desto mannigfaltigere
Seiten werden an
So wären Lebhaftigkeit der Sinnlichkeit, Feuer der Einbildungskraft, Wärme des
moralischen Gefühls, Stärke des Willens, alle geleitet und beherrscht durch die Kraft
der prüfenden Vernunft, der Chrakater des vollendeten Menschen. So beruhte Tugend auf
dem richtigen Gleichgewichte aller Seelenfähigkeiten; so könnte man keiner absolute,
jeder nur relative Gränzen bestimmen. Ich glaube, dass dieser Gesichtspunkt, diese
Vorstellungsart in der Moral von der äussersten Wichtigkeit ist. Durch die äusseren
häuslichen und politischen Lagen, worin man lebt, durch die äusseren Folgen der
Handlungen, die man täglich bemerkt, wird man zu sehr darauf geleitet, Sittlichkeit
und Unsittlichkeit auf gewisse Handlungen und gewisse Gesinnungen einzuschränken,
vergisst man zu sehr auf den ganzen Zusammenhang der Ideen und Empfindungen zu
achten. So unrichtig es nun auch sein würde, diese äusseren Lagen und Umstände zu
übersehn, so thöricht, bei der Bestimmung unsrer Art zu wirken das nicht in Anschlag
zu bringen, worin und worauf wir wirken müssen; so kann die Grundlage aller Moral
doch nur aus dem Studium des Menschen fliessen, wie er an sich ist, ohne Rüksicht auf
gewisse äussre Beziehungen oder Verhältnisse. Die besondren Anwendungen auf bestimmte
individuelle Lagen müssen sich als blosse Folgerungen daraus leicht von selbst
ergeben. Vorzüglich wichtig ist dieser Gesichtspunkt wohl in der Wahl der Mittel zur
moralischen Bildung. Bloss gewisse Handlungen, Gesinnungen hervorzubringen giebt es
sehr viele Wege, von welchen doch keiner zur wahren moralischen Vollkommenheit führt.
Sinnliche Antriebe zur Begehung gewisser Handlungen, oder Nothwendigkeit sie zu
unterlassen bringen Gewohnheit hervor; durch die Gewohnheit wird das Vergnügen, das
anfangs nur mit jenen Antrieben verbunden war, auf die Handlung selbst übergetragen,
oder die Neigung, welche anfangs nur vor der Nothwendigkeit schwieg, gänzlich
erstikt; so wird der Mensch zu tugendhaften Handlungen, gewissermaassen auch zu
tugendhaften Gesinnungen geleitet. Allein die Kraft seiner Seele wird dadurch nicht
erhöht; weder seine Ideen über seine Bestimmung und seinen Werth erhalten dadurch
mehr Aufklärung, noch sein Wille mehr Kraft, die herrschende Neigung
Was ich hier von einzelnen Menschen gesagt habe, leidet auch auf ganze Nationen
Anwendung. Die verscheidnen Stufen ihrer Kultur müssen nach den verschiednen
Seelenfähigkeiten beurtheilt werden, welche sich in ihnen vorzüglich ausgebildet
haben. Auf der niedrigsten steht der rohe unkultivirte Wilde, der nur sinn-
Der
Gehe ich auf die Resultate der bisherigen Betrachtungen zurük, so ist der Wohnsiz der Tugend allein das Innere der Seele. Da allein liegt ihr Ursprung und ihr wohlthätiger Einfluss. Aber wir sind nicht geistige Substanz allein; wir stehn in Verbindung mit einer Sinnenwelt ausser uns, sind abhängig von ihren Veränderungen, werden fortgerissen in dem unaufhörlichen Flusse alles Körperlichen. Wenn nun das waltende Schiksal unsren Geist wieder vernichtete? wenn jede innere Bemühung höherer Vervollkommnung von aussen wieder zerstört würde? wenn die Wahrheit, für die unser Verstand erwärmt ist, die Vollkommenheit, für die unser Herz glüht, nur Wahn wäre, nur beglükkender Traum, nirgend existirend, als in unsrer Idee? Diese Fragen, das innere Interesse, sie auf eine für unsre Neigung befriedigende Art beantworten zu sehn, führt unsre Empfindung zum Glauben an Religionswahrheiten, indess unser Nachdenken auf einem andren Wege nach Ueberzeugung strebt.
Alle Religion – ich rede hier von Religion, insofern sie sich auf Sittlichkeit und
Glückseligkeit bezieht, nicht insofern die Vernunft irgendeine Religionswahrheit
wirklich erkennt, oder zu erkennen meint, denn Einsicht der Wahrheit ist unabhängig
von
Als die Idee des sinnlich Schönen entstand und verfeinert ward, erhob man die
personificirte sinnliche Schönheit auf den Thron der Gottheit, und so entstand die
Religion, die man Religion der Kunst nennen könnte.In seinen Philosophischen Anmerkungen und Abhandlungen zu
So mitwirkend aber auf der einen Seite religiöse Ideen bei der moralischen Vervollkommnung sind; so wenig sind sie doch auf der andren Seite unzertrennlich mit ihr verbunden. Die blosse Idee geistiger Vollkommenheit ist gross und füllend und erhebend genug, um nicht mehr einer andren Hülle oder Gestalt zu bedürfen. Und doch liegt jeder Religion eine Personificirung, eine Art der Versinnlichung zum Grunde, ein Anthropomorphismus in höherem oder geringerem Grade. Sie wird auch dem unaufhörlich vorschweben, der nicht gewohnt ist, die Summe alles moralisch Guten in Ein Ideal zusammenzufassen, und sich in Verhältniss zu diesem Wesen zu denken; sie wird ihm Antrieb zur Thärigkeit, Stoff aller Glükseligkeit sein. Fest durch die Erfahrung überzeugt, dass seinem Geiste Fortschreiten in höherer moralischer Stärke möglich ist, wird er mit muthigem Eifer nach dem Ziele streben, das er sich stekt. Der Gedanke der Möglichkeit der Vernichtung seines Daseins wird ihn nicht schrekken, sobald seine räuschende Einbildungskraft nicht mehr im Nichtsein das Nichtsein noch fühlt. Seine unabänderliche Abhängigkeit von äussren Schiksalen drükt ihn nicht; gleichgültiger gegen äussres Geniessen und Entbehren, blikt er nur auf das rein Intellekruelle und Moralische hin, und kein Schiksal vermag etwas über das Innere seiner Seele. Sein Geist fühlt sich durch Selbstgenügsamkeit unabhängig, durch die Fülle seiner Ideen, und das Bewusstsein seiner innren Stärke über den Wandel der Dinge gehoben. Wenn er nun in seine Vergangenheit zurükgeht, Schritt vor Schritt aufsucht wie er jedes Ereigniss bald auf diese, bald auf jene Weise benuzte, wie er nach und nach zu dem ward, was er jezt ist, wenn er so Ursach und Wirkung, Zwek und Mittel, alles in sich vereint sieht, und dann voll des edelsten Stolzes, dessen endliche Wesen fähig sind, ausruft:
wie müssen da in ihm alle die Ideen von Alleinsein, von Hülflosigkeit, von Mangel an
Schuz, und Trost, und Beistand verschwinden, die man gewöhnlich da glaubt, weine
persönliche, vernünftige, ordnende Ursach der Kette des Endlichen fehl?
So ist es, dünkt mich, unleugbar, dass Moralität und Religion ganz und gar nicht
nothwendig mit einander verbunden sind, dass jene ohne diese gleich rein und lauter,
gleich stark und fruchtbar sein kann. Denn weder das, was die Moral zur Pflicht
macht, noch das, was ihren Gesezen gleichsam die Sanktion giebt, was ihnen Interesse
für den Willen leiht, ist von Religionsideen abhängig. Die Beschaffenheit der
Handlungen, die wir Pflichten nennen, entspringt theils aus der innren Natur der
menschlichen Seele, theils aus der näheren Anwendung auf die Verhältnisse der
Menschen gegen einander. Die Wirksamkeit der Religion aber beruht ganz auf der
individuellen Beschaffenheit des Charakters, ist im strengsten Verstande subjektiv.
Der kalte, bloss nachdenkende Mensch, in dem die Erkenntniss nie in Empfindung
übergeht, dem es genug ist das Verhältniss der Dinge und Handlungen einzusehn, um
seinen Willen danach zu bestimmen, bedarf keines Religionsgrundes, um tugendhaft zu
handlen, und, soviel es seinem Charakter nach möglich ist, tugendhaft zu sein. Wo
hingegen die Fähigkeit zu empfinden sehr stark ist, wo jeder Gedanke leicht Gefühl
wird, wo die Seele einen starken Hang fühlt, aus sich heraus in andre überzugehn, an
andre sich anzuschliessen; da werden Religionsideen wirksame Triebfedern sein. Indess
doch auch da nur mit Ausnahme. Es giebt Charaktere, in welchen
Ich kehre nun zu dem Gegenstande zurük, von dem ich ausgieng, zu der Frage: inwiefern
der Gesezgeber sich der Religion zu seinen Absichten bedienen darf? Alle Gesezgebung
muss von dem Gesichtspunkte der Bildung des Bürgers, als Menschen, ausgehn. Denn der
Staat ist nichts, als ein Mittel, diese Bildung zu befördern, oder vielmehr die
Hindernisse wegzuräumen, die ihr im aussergesellschaftlichen Zustande im Wege stehn
würden. Das Ideal eines Staats wäre der, in welchem die natürliche Beschaffenheit
theils des Bodens und der Produkte, theils der Einwohner und ihres Charakters, dann
die künstlichen Anstalten theils zur Befriedigung der physischen Bedürfnisse, theils
zur Verfeinerung des Geschmaks, und Beförderung der Künste, theils endlich zur
Verbreitung wissenschaftlicher Kenntnisse, und Erhöhung der Sittlichkeit, in welchem,
sage ich, diese alle das gehörige absolute und relative Maass gegen einander hätten.
Wie viel oder wenig
Wenn jedoch gewisse Religionsgrundsäze auch nur gesezmässige Handlungen hervorbringen, ist diess nicht genug um den Staat zu berechtigen, sie, auch auf Kosten der allgemeinen Denkfreiheit, zu verbreiten? Die Absicht des Staats wird erreicht, wenn seine Geseze streng befolgt werden; und der Gesezgeber hat seiner Pflicht ein Genüge gethan, wenn er weise Geseze giebt und ihre Beobachtung von seinen Bürgern zu erhalten weiss. Ueberdiess passt jener aufgestellte Begriff von Tugend nur auf einige wenige Classen der Mitglieder eines Staats, nur auf die, welche ihre äussre Lage in den Stand sezt, einen grossen Theil ihrer Zeitund ihrer Kräfte dem Geschäfte ihrer innren Bildung zu weihen. Die Sorgfalt des Staats muss sich auf die grössere Anzahl erstrekken, und diese ist jenes höheren Grades der Moralität unfähig.
Ich erwähne hier nicht mehr der Säze, welchen ich den ersten Theil dieses Aufsazes
gewidmet habe, und die in der That den Grund dieser Einwürfe umstossen, der Säze
nemlich, dass die Staatseinrichtung an sich nicht Zwek, sondern nur Mittel zur
Bildung des Menschen ist, und dass es daher dem Gesezgeber nicht gnügen kann, seinen
Aussprüchen Autorität zu verschaffen, wenn nicht zugleich die Mittel, wodurch diese
Autorität bewirkt wird, gut, oder doch unschädlich sind. Es ist aber auch unrichtig,
dass dem Staate allein die Handlungen seiner Bürger, und ihre Gesezmässigkeit wichtig
sei. Ein Staat ist eine so zusammengesezte und verwikkelte Maschine, dass Geseze, die
immer nur einfach, allgemein, und von geringer Anzahl sein müssen, unmöglich allein
darin hinreichen können. Das Meiste bleibt immer den freiwilligen einstimmigen
Bemühungen der Bürger zu thun übrig. Man braucht nur den Wohlstand kultivirter und
aufgeklärter Nationen mit der Dürftigkeit roher und ungebildeter Völker zu
vergleichen, um von diesem Saze überzeugt zu werden. Daher sind auch die Bemühungen
aller, die sich je mit Staatseinrichttungen beschäftigt haben, immer dahin gegangen,
das Wohl des Staats zum eignen Interesse des Bürgers zu machen, und den Staat in eine
Maschine zu verwandeln, die durch die innere Kraft ihrer Triebfedern in Gang erhalten
würde, und nicht unaufhörlich neuer äussrer Einwirkungen bedürfte. Wenn die neueren
Staaten sich eines Vorzugs vor den alten rühmen dürfen; so ist es vorzüglich, weil
sie diesen Grundsaz mehr realisirten. Selbst dass sie sich der Religion als eines
Bildungsmittels bedienen, ist ein Beweis davon.
Nur dass man sich überzeugt hält: ohne bestimmte geglaubte Religionssäze könne auch
äussre Ruhe und Sittlichkeit nicht bestehn, ohne sie sei es der bürgerlichen Gewalt
unmöglich, das Ansehen der Geseze zu erhalten, macht, dass man jenen Betrachtungen
kein Gehör giebt. Und doch bedürfte der Einfluss, den Religionssäze, die auf diese
Weise angenommen werden, haben sollen, wohl erst einer strengeren und genaueren
Prüfung. Bei dem roheren Theile des Volks rechnet man von allen Religionswahrheiten
am meisten auf die Ideen künftiger Belohnungen und Bestrafungen. Diese mindern den
Hang zu unsittlichen Handlungen nicht, befördern nicht die Neigung zum Guten,
verbessern also den Charakter nicht; sie wirken bloss auf die Einbildungskraft, haben
folglich, wie Bilder der Phantasie überhaupt, Einfluss auf die Art zu handlen, ihr
Einfluss wird aber auch durch alles das vermindert und aufgehoben, was die
Lebhaftigkeit der Einbildungskraft schwächt. Nimmt man nun hinzu, dass diese
Erwartungen so entfernt, und darum, selbst nach den Vorstellungen der Gläubigsten, so
ungewiss sind, dass die Ideen von nachheriger Reue, künftiger Besserung, gehofter
Verzeihung – welche durch gewisse Religionsbegriffe so sehr begünstigt werden — ihnen
einen grossen Theil ihrer Wirksamkeit wieder nehmen; so ist es unbegreiflich, wie
diese Ideen mehr wirken sollten, als die Vorstellung bürgerlicher Strafen, die nah,
bei guten Polizeianstalten gewiss, und weder durch Reue, noch nachfolgende Besserung
abwendbar sind, wenn man nur die Bürger von Kindheit an eben so mit diesen, als mit
jenen Folgen sittlicher und unsittlicher Handlungen bekannt machte. Unleugbar aber
wirken freilich auch weniger aufgeklärte Religionsbegriffe bei einem grossen Theile
des Volks auf eine edlere Art. Der Gedanke, Gegenstand der Fürsorge eines
Wollte man aber auch weiter gehn, wollte man neue Beförderungsmittel hinzufügen; so
dürfte man doch nie einseitig vergessen, ihren Nuzen gegen ihren Schaden abzuwägen.
Wie vielfach aber der Schade eingeschränkter Denkfreiheit ist, bedarf wohl, nachdem
es so oft gesagt und wieder gesagt ist, keiner weitläuftigen Auseinandersezung mehr.
Erstrekte er sich bloss auf die Resultate der Untersuchungen, brächte er bloss
Unvollständigkeit oder Unrichtigkeit in unsrer wissenschaftlichen Erkenntniss hervor;
so möchte es vielleicht einigen Schein haben, wenn man den Nuzen, den man für den
Charakter davon erwartet – auch erwarten darf! — dagegen abwägen wollte. Allein so
ist der Nachtheil bei weitem beträchtlicher. Der Nuzen freier Untersuchung
Man glaube auch nicht, dass jene Geistesfreiheit und Aufklärung nur für einige Wenige
des Volks sei, dass für den grösseren Theil desselben, dessen Geschäftigkeit freilich
durch die Sorge für die physischen Bedürfnisse des Lebens erschöpft wird, sie unnüz
bleibe, oder gar nachtheilig werde, dass man auf ihn nur durch Verbreitung bestimmter
Säze, durch Einschränkung der Denkfreiheit wirken könne. Es liegt schon an sich etwas
die Menschheit Herabwürdigendes in dem Gedanken, irgend einem Menschen das Recht
abzusprechen, Mensch zu sein. Keiner steht auf einer so niedrigen Stufe der Kultur,
dass er zu Erreichung einer höheren unfähig wäre; und sollten auch die aufgeklärteren
religiösen und philosophischen Ideen auf einen grossen Theil der Bürger nicht
unmittelbar übergehn können, sollte man dieser Classe von Menschen, um sich an ihre
Ideen anzuschmiegen, die Wahrheit
Ich seze zu diesen Gründen nichts mehr hinzu, und habe überhaupt geglaubt, bei der Beantwortung der Einwürfe, welche man mir entgegenstellen könnte, mit Recht kürzer sein zu dürfen. Wenn der Saz: dass der Zwek des Menschen im Menschen liegt, in seiner innren moralischen Bildung, einmal unerschütterlich fest steht, wenn er Grundsaz alles Handlens gegen, alles Wirkens auf Menschen, folglich erstes und höchstes Princip alles Naturrechts, aller Erziehung und Gesezgebung geworden ist; so bedarf die Erhaltung der gränzenlosesten Freiheit zu denken, zu untersuchen, und die angestellten Untersuchungen, die gefundnen Resultate andren mitzutheilen keiner Vertheidigung mehr. Und diesen Saz aufzustellen, ihn von allen Seiten zu zeigen, ihn mit allen seinen Gründen auszuführen, war der einzige Zwek dieses Aufsazes.
Handschrift (22 Quartseiten, ohne Titel) im Archiv in
Der Aufsatz fällt in die Zeit zwischen dem