Ideen über Staatsverfassung, durch die neue Französische Constitution veranlasst
Aus einem Briefe an einen Freund vom August
1791
Ich beschäftige mich in meiner Einsamkeit
Nachdem Humboldt den juristischen
Staatsdienst verlassen und am 29. Juni 1791
geheiratet hatte, verlebte er den Rest des Jahres auf seinem Landgut Burgörner bei Mansfeld
mehr mit politischen Gegenständen, als ich es je bei den häufigen
Veranlassungen dazu, die das geschäftige Leben darbietet, gethan habe. Ich lese die
politischen Zeitungen regelmässiger als sonst und ob ich gleich nicht sagen kann,
dass sie ein grosses Interesse in mir erwekten, so reizen mich doch noch am meisten
die Französischen Angelegenheiten. Es fällt
mir dabei alles Kluge und Einfältige ein, was ich seit zwei Jahren darüber gehört
habe, und am Ende komme ich gewöhnlich auf Sie, lieber *, und den lebhaften Antheil, den Sie an diesen Gegenständen nahmen,
Über Gentzens Interesse für die
Entwicklung der französischen Bewegung
vgl. seine Briefe an Garve S. 58. 100
und Guglia, Friedrich von Gentz S. 97.
zurück. Mein eignes Urteil — wenn ich, um mir doch selbst von mir
Rechenschaft zu geben, mich eins zu fällen zwinge — stimmt dann mit keinem andren
geradezu überein; es mag sogar paradox scheinen, aber Sie sind ja einmal mit meinen Paradoxien vertraut, und wenigstens sollen Sie in
der gegenwärtigen auch Konsequenz mit den übrigen nicht vermissen.
Was ich am häufigsten, und, ich kann es nicht läugnen, mit dem meisten Interesse
über die Nationalversammlung und ihre
Gesezgebung hörte, war Tadel, nur leider ein Tadel, für den die Abfertigung immer so
nah lag. Bald Mangel an Sachkenntniss, bald Vorurtheil, bald ein kleingeistiger
Schauder vor allem Neuen und Ungewöhnlichen, und wer weiss was noch für leicht zu
widerlegende Irrthümer; und hielt auch einmal ein Tadel jede Widerlegung aus; so
blieb doch immer der leidige Entschuldigungsgrund, dass zwölfhundert auch weise
Menschen doch immer nur Menschen sind. Mit dem Tadel, wie überhaupt mit dem
Beurtheilen einzelner Anordnungen kommt man also schwerlich ins Reine. Dagegen giebt
es, dünkt mich, ein ganz offenbares, kurzes, von jedermann anerkanntes Faktum,
welches schlechterdings alle Data zur gründlichen Prüfung des ganzen Unternehmens
vollständig enthält.
Die constituirende Nationalversammlung hat es
unternommen, ein völlig neues Staatsgebäude, nach blossen Grundsäzen der Vernunft,
aufzuführen. Diess Faktum muss jedermann, und sie selbst muss es einräumen. Nun aber
kann keine Staatsverfassung gelingen, welche die Vernunft — vorausgesezt, dass sie
ungehinderte Macht habe, ihren Entwürfen Wirklichkeit zu geben — nach einem
angelegten Plane gleichsam von vornher gründet; nur eine solche kann gedeihen, welche
aus dem Kampfe des mächtigeren Zufalls mit der entgegenstrebenden Vernunft
hervorgeht. Dieser Saz ist mir so evident, dass ich ihn nicht auf Staatsverfassungen
allein einschränken möchte, sondern ihn gern auf jedes praktische Unternehmen
überhaupt ausdehne. Für einen so rüstigen Vertheidiger der Vernunft indess, als
Sie sind, möchte er dieselbe Evidenz
nicht haben. Ich verweile daher länger dabei.
Ehe ich jedoch zu den Gründen übergehe, noch vorher ein Paar Worte zur näheren
Bestimmung desselben. Zuvörderst, sehen Sie, lasse ich den Entwurf der Nationalversammlung zu einer Gesezgebung für den
Entwurf der Vernunft selbst gelten. Zweitens will ich auch nicht sagen, dass die
Grundsäze ihres Systems zu spekulativ, nicht auf die Ausführung berechnet sind. Ich
will sogar voraussezen, alle Gesezgeber zusammen hätten den wirklichen Zustand
Frankreichs und seiner Bewohner auf das
anschaulichste vor Augen gehabt, und die Grundsäze der Vernunft diesem Zu- stande, soviel als es nur überhaupt, und jenem Ideal
unbeschadet, möglich war, angepasst. Endlich rede ich nicht von den Schwierigkeiten
der Ausführung. Wie wahr und wizig es auch sein mag qu’il ne faut pas donner des leçons d’anatomie sur un corps vivant
(="Anatomieunterricht muss man nicht auf
einem lebenden Körper geben."); so müsste doch erst der Erfolg zeigen, ob
nicht dennoch das Unternehmen Dauer gewinnt, und nicht festgegründetes Wohl des
Ganzen vorübergehenden Uebeln Einzelner vorgezogen zu werden verdient? Ich gehe also
bloss von den simpeln Säzen aus: 1. die Nationalversammlung wollte eine völlig neue Staatsverfassung gründen,
2. sie wollte dieselbe in allen ihren einzelnen Theile nach den reinen, wenn gleich
der individuellen Lage Frankreichs
angepassten Grundsäzen der Vernunft bilden. Ich nehme diese Staatsverfassung — für
den Augenblik — als völlig ausführbar, oder wenn man will, auch als schon wirklich
ausgeführt an. Dennoch, sag' ich, kann eine solche Staatsverfassung nicht gedeihen.
Eine neue Verfassung soll auf die bisherige folgen. An die Stelle eines Systems, das
allein darauf berechnet war, soviel Mittel, als möglich, aus der Nation zur
Befriedigung des Ehrgeizes und der Verschwendungssucht eines Einzigen zu ziehen, soll
ein System treten, das nur die Freiheit, die Ruhe, und das Glük jedes Einzelnen zum
Zwek hat. Zwei ganz entgegengesezte Zustände sollen also auf einander folgen. Wo ist
nun das Band, das beide verknüpft? Wer traut sich Erfindungskraft und Geschiklichkeit
genug zu, es zu weben? Man studire noch so genau den gegenwärtigen Zustand, man
berechne noch so genau darnach das, was man auf ihn folgen lässt, immer reicht es
nicht hin. Alles unser Wissen und Erkennen beruht auf allgemeinen, d. i. wenn wir von
Gegenständen der Erfahrung reden, unvollständigen und halbwahren Ideen, von dem
Individuellen vermögen wir nur wenig aufzufassen, und doch kommt hier alles auf
individuelle Kräfte, individuelles Wirken, Leiden, und Geniessen an. Ganz anders ist
es, wenn der Zufall wirkt, und die Vernunft ihn nur zu lenken strebt. Aus der ganzen,
individuellen Beschaffenheit der Gegenwart — denn diese von uns unerkannten Kräfte
heissen uns doch nur Zufall — geht dann die Folge hervor, die Entwürfe, welche die
Vernunft dann durchzusezen bemüht ist, erhalten, wenn auch ihre Bemühungen gelingen,
von dem Gegenstande selbst noch, auf den sie angelegt sind, Form und Modifikation. So
können sie Dauer gewinnen, so Nuzen stiften. Auf jene Weise, wenn sie auch ausgeführt
werden, bleiben sie ewig unfruchtbar. Was im Menschen
gedeihen soll, muss aus seinem Innren entspringen, nicht ihm von aussen gegeben
werden, und was ist ein Staat, als eine Summe menschlicher wirkender und leidender
Kräfte?
Auch fordert jede Wirkung eine gleich starke Gegenwirkung, jedes Zeugen ein gleich
thätiges Empfangen. Die Gegenwart muss daher schon auf die Zukunft vorbereitet sein.
Darum wirkt der Zufall so mächtig. Die Gegenwart reisst da die Zukunft an sich. Wo
diese ihr noch fremd ist, da ist alles todt und kalt. So, wo Absicht hervorbringen
will. Die Vernunft hat wohl Fähigkeit, vorhandnen Stoff zu bilden, aber nicht Kraft,
neuen zu erzeugen. Diese Kraft ruht allein im Wesen der Dinge, diese wirken, die
wahrhaft weise Vernunft reizt sie nur zur Thätigkeit, und sucht sie zu lenken.
Hierbei bleibt sie bescheiden stehen. Staatsverfassungen lassen sich nicht auf
Menschen, wie Schösslinge auf Bäume pfropfen. Wo Zeit und Natur nicht vorgearbeitet
haben, da ists, als bindet man Blüthen mit Fäden an. Die erste Mittagssonne versengt
sie.
Indess entsteht hier noch immer die Frage, ob die Französische Nation nicht hinlänglich vorbereitet ist, die neue
Staatsverfassung aufzunehmen? Allein für eine, nach blossen Grundsäzen der Vernunft,
systematisch entworfene Staatsverfassung kann nie eine Nation reif genug sein. Die
Vernunft verlangt ein vereintes, und verhältnissmässiges Wirken aller Kräfte. Ausser
dem Grade der Vollkommenheit jeder einzelnen, hat sie noch die Festigkeit ihrer
Vereinigung, und das richtigste Verhältniss einer jeden zu den übrigen vor Augen.
Wenn aber auf der einen Seite die Vernunft nur durch das vielseitigste Wirken
befriedigt wird, so ist auf der andren Seite das Loos der Menschheit Einseitigkeit.
Jeder Augenblik übt nur Eine Kraft in Einer Art der Aeusserung. Häufige Widerholung
geht in Gewohnheit über, und diese Eine Aeusserung dieser Einen Kraft wird nun mehr
oder minder, länger oder kürzer, Charakter. Wie der Mensch auch ringen mag, die
einzelne, in jedem Moment wirkende Kraft durch die Mitwirkung aller übrigen
modificiren zu lassen; so erreicht er es nie, und was er der Einseitigkeit abgewinnt,
das verliert er an Kraft. Wer sich auf mehrere Gegenstände verbreitet, wirkt
schwächer auf alle. So stehen Kraft und Bildung ewig in umgekehrtem Verhältniss. Der
Weise verfolgt keine ganz, jede ist ihm zu lieb, sie ganz der andren zu opfern. So
ist auch in dem höchsten Ideale menschlicher Natur, das die glühende Phantasie sich
zu bilden vermag, jeder Augen- blik der Gegenwart eine
schöne, aber nur Eine Blüthe. Den Kranz vermag nur das Gedächtniss zu flechten, das
die Vergangenheit mit der Gegenwart verknüpft. Wie mit dem einzelnen Menschen, so mit
ganzen Nationen. Sie nehmen auf einmal nur Einen Gang. Daher ihre Verschiedenheiten
unter einander, daher ihre Verschiedenheiten in ihnen selbst in verschiedenen
Epochen. Was thut nun der weise Gesezgeber? Er studirt die gegenwärtige Richtung,
dann, je nachdem er sie findet, befördert er sie, oder strebt ihr entgegen; so erhält
sie eine andre Modifikation, und diese wieder eine andre, und so fort. So begnügt er
sich, sie dem Ziele der Vollkommenheit zu nähern. Was aber muss entstehen, wenn sie
auf einmal nach dem Plane der blossen Vernunft, nach dem Ideale, arbeiten, wenn sie
nicht mehr genügsam Eine Treflichkeit verfolgen, sondern zu gleicher Zeit nach allen
ringen soll? Schlaffheit und Unthätigkeit. Alles, was wir mit Wärme und Enthusiasmus
ergreifen, ist eine Art der Liebe. Wenn nun nicht Ein Ideal mehr die Seele füllt, so
ist Kälte, wo ehemals Glut war. Ueberhaupt vermag mit Energie nie der zu wirken, der
mit allen Kräften auf Einmal gleichmässig wirken soll. Mit der Energie aber schwindet
jede andre Tugend hin. Ohne sie wird der Mensch Maschine. Man bewundert, was er thut;
man verachtet, was er ist.
Lassen Sie uns einen Blik auf die Geschichte der Staatsverfassungen werfen, und wir
werden in keiner einen nur irgend hohen Grad der Vollkommenheit finden, allein von
den Vorzügen, die das Ideal eines Staats alle vereinen müsste, werden wir auch in den
verderbtesten immer einen, oder den andren entdekken. Die erste Herrschaft schuf das
Bedürfniss. Man gehorchte nie länger, als man entweder den Herrscher nicht entbehren,
oder ihm nicht widerstehen konnte. Diess ist die Geschichte aller, auch der
blühendsten alten Staaten. Eine dringende Gefahr nöthigte die Nation einem Herrscher
zu gehorchen. War die Gefahr vorüber, so strebte sie das Joch abzuschütteln. Allein
oft hatte sich der Herrscher zu sehr festgesezt, ihr Ringen war vergebens. Dieser
Gang ist auch der menschlichen Natur völlig angemessen. Der Mensch vermag ausser sich
zu wirken, und sich in sich zu bilden. Bei dem Ersteren kommt es bloss auf Kraft, und
zwekmässige Richtung derselben an; bei dem Lezteren auf Selbstthätigkeit. Daher ist
zu diesem Freiheit, zu jenem, da mehrere Kräfte nie besser gerichtet werden, als wenn
Ein Wille sie lenkt, Unterwürfigkeit nothwendig. Diess
Gefühl unterwarf die Menschen der Herrschaft, sobald sie wirken wollten; aber das
höhere Gefühl ihrer innren Würde erwachte, wenn dieser Zwek nun erreicht war. Ohne
diese Betrachtung würde es auch nie begreiflich sein, wie derselbe Römer in der Stadt
dem Senat Geseze vorschrieb, und im Lager seinen Rükken willig den Streichen der
Centurionen darbot. Aus dieser Beschaffenheit der alten Staaten entspringt es, dass,
wenn man unter Systemen absichtliche Plane versteht, sie eigentlich gar kein
politisches System hatten, und dass, wenn wir jezt bei politischen Einrichtungen
philosophische, oder politische Gründe angeben, wir bei ihnen immer nur historische
finden. Diese Verfassung dauerte bis ins Mittelalter hin. Zu dieser Zeit, da die
tiefste Barbarei alles überdekte, musste, sobald sich mit dieser Barbarei Macht
vereinte, der ärgste Despotismus entstehn, und billig hätte man der Freiheit ihren
gänzlichen Untergang verkündigen sollen. Allein der Kampf der Herrschsüchtigen unter
einander erhielt sie. Nur konnte freilich, bei dieser gewaltsamen Lage der Sachen,
niemand selbst frei sein, der nicht zugleich Unterdrükker der Freiheit der andren
war. Das Lehnssystem war es, in welchem die ärgste Sklaverei, und ausgelassene
Freiheit unmittelbar neben einander existirte. Denn der Vasall trozte dem Lehnsherrn
nicht weniger, als er seine Unterthanen unmenschlich bedrükte. Die Eifersucht der
Regenten auf die Macht der Vasallen schuf diesen ein Gegengewicht in den Städten und
dem Volk, und endlich gelang es ihm, sie zu unterdrükken. Statt dass nun ehemals doch
Ein Stand Dépot der Freiheit gewesen war, war
jezt alles Sklave. Der Adel verband sich mit dem Regenten, das Volk zu unterdrükken,
und von hier aus hebt die Verderblichkeit des Adels an, der immer nur ein
nothwendiges Uebel war, und jezt ein überflüssiges geworden ist.
Dieser Satz über den Adel fehlt im ersten Druck; er fiel vermutlich der Zensur
des Herausgebers Biester zum
Opfer.
Seitdem diente nun alles den Absichten des Regenten allein. Dennoch gewann
die Freiheit. Denn das das Volk mehr dem Regenten, als dem Adel unterworfen war; so
verschafte schon die weitere Entfernung von jenem mehr Luft. Dann konnten jene
Absichten auch nicht sowohl mehr, wie sonst, unmittelbar durch die physischen Kräfte
der Unterthanen — woraus vorzüglich die persönliche Sklaverei entstand — erreicht
werden. Es war ein Mittel nothwendig, das Geld. Alles
Streben gieng nun also dahin, von der Nation, soviel als möglich, Geld aufzubringen.
Diese Möglichkeit beruhte aber auf zwei Dingen. Die Nation musste Geld haben, und man
musste es von ihr bekommen. Jenen Zwek nicht zu verfehlen, mussten ihr allerlei
Quellen der Industrie eröfnet werden; diesen am besten zu erreichen, musste man
mannigfaltige Wege entdekken, theils um nicht durch aufbringende Mittel zu Empörungen
zu reizen, theils um die Kosten zu vermindern, welche die Hebung selbst verursachte.
Hierauf grünen sich eigentlich alle unsre heutigen politischen Systeme. Teil aber, um
den Hauptzwek zu erreichen, also im Grunde nur als untergeordnetes Mittel, Wohlstand
der Nation beabsichtet wurde, und man ihr, als unerlassbare Bedingung dieses
Wohlstandes, einen höheren Grad der Freiheit zugestand; so kehrten gutmüthige
Menschen, vorzüglich Schriftsteller, die Sache um, nannten jenen Wohlstand den Zwek,
die Erhebung der Abgaben nur das nothwendige Mittel dazu. Hie und da kam diese Idee
auch wohl in den Kopf eines Fürsten, und so entstand das Princip, dass die Regierung
für das Glük und das Wohl, das physische und moralische, der Nation sorgen muss.
Gerade der ärgste und drükkendste Despotismus. Denn weil die Mittel der Unterdrükkung
so verstekt, so verwikkelt waren; so glaubten sich die Menschen frei, und wurden an
ihren edelsten Kräften gelähmt. Indess entsprang aus dem Uebel auch wieder das
Heilmittel. Der auf diesem Wege zugleich entdekte Schaz von Kenntnissen, die
allgemeiner verbreitete Aufklärung belehrten die Menschheit wieder über ihre Rechte,
brachten wieder Sehnsucht nach Freiheit hervor. Auf der andren Seite wurde das
Regieren so künstlich, dass es unbeschreibliche Klugheit und Vorsicht erheischte.
Gerade in dem Lande nun, in welchem Aufklärung die Nation zur furchtbarsten für den
Despotismus gemacht hatte, vernachlässigte sich die Regierung am meisten, und gab die
gefährlichsten Blössen. Hier musste also auch die Revolution zuerst entstehen, und
nun konnte kein andres System folgen, als das System einer gemässigten, aber doch
völligen und unumschränkten Freiheit, das System der Vernunft, das Ideal der
Staatsverfassung.
Im ersten Druck lautet dieser Satz: „ . . . . und nun konnte bei der bekannten
Unfähigkeit der Menschen, die Mittelwege zu finden, und besonders bei dem
raschen und feurigen Charakter der Nation kein andres System folgen als das,
worin man die grösstmögliche Freiheit beabsichtigte . . . ." Stil und Inhalt
zeigen in gleicher Weise, daß wir es hier mit keiner authentischen Korrektur,
sondern wohl mit einem Zusatz Biesters
zu tun haben.
Die Menschheit hatte an einem Extrem gelitten, in einem
Extrem musste sie ihre Rettung suchen. Ob diese Staatsverfassung Fortgang haben wird?
Der Analogie der Geschichte nach, Nein! Aber sie wird die Ideen aufs neue aufklären,
aufs neue jede thätige Jugend anfachen, und so ihren Segen weit über Frankreichs Gränzen verbreiten. Sie wird dadurch den
Gang aller menschlichen Begebenheiten bewähren, in denen das Gute nie an der Stelle
wirkt, wo es geschieht, sondern in weiten Entfernungen der Räume oder der Zeiten, und
in denen jene Stelle ihre wohlthätige Wirkung wieder von einer andren, gleich fernen,
empfängt.
Ich kann mich nicht enthalten, dieser lezten Betrachtung noch einige Beispiele
hinzuzufügen. In jeder Periode hat es Dinge gegeben, die, verderblich an sich, der
Menschheit ein unschäzbares Gut retteten. Was erhielt die Freiheit in den Zeiten des
Mittelalters? Das Lehnssystem. Was Aufklärung und Wissenschaften in den Zeiten der
Barbarei? Das Mönchswesen. Was die edle Liebe zum andren Geschlecht in den Zeiten der
Herabwürdigung dieses Geschlechts bei den Griechen, um auch aus dem häuslichen Leben ein Beispiel zu wählen?
Die Knabenliebe. Ja, wir bedürfen nicht einmal der Geschichte; der Gang des
Menschenlebens überhaupt ist das treffendste Beispiel. In jeder Epoche desselben ist
Eine Art des Daseins Hauptfigur in dem Gemälde, indess alle übrigen ihr, als
Nebenfiguren, dienen. In einer andren Epoche wird sie zur Nebenfigur, und eine von
jenen tritt auf den Vordergrund. So danken wir allen bloss heitren, sorgenfreien
Genuss der Kindheit; allen Enthusiasmus für das empfundene Schöne, alle Verachtung
der Arbeit und Gefahr, es zu erringen, dem blühenden Jünglingsalter; alle sorgsame
Ueberlegung, allen Eifer aus Gründen der Vernunft der Reife des Mannes; alle
Gewöhnung an den Gedanken der Hinfälligkeit selbst, alle wehmüthige Freude an der
Betrachtung, das war, und ist nun nicht mehr! dem Hinwelken des Greises. In jeder
Periode existirt der Mensch ganz. Aber in jeder schimmern nur Ein Funke seines Wesens
hell und leuchtend: bei der andren ists der matte Schein, bald des schon
halbverloschnen, bald des erst künftig aufflammenden Lichts. Eben so ists in jedem
einzelnen Menschen, mit jeder seiner Fähigkeiten und
Empfindungen. Allein ein Individuum Einer Art erschöpft selbst in der Folge aller
Zustände nicht alle Gefühle. Der Mann z. B. bei den Menschen, ewig beschäftigt ausser
sich zu wirken, ewig strebend nach Freiheit und Herrschaft, besizt nur selten die
Sanftmuth, die Güte, den Wunsch, auch durch das Glük zu beglükken, das man empfindet,
nicht immer durch das, was man giebt — welches alles dem Weibe so eigen ist. Dagegen
fehlt es dem Weibe so oft an Stärke, Thätigkeit, Muth. Um daher die volle Schönheit
des ganzen Menschen zu fühlen, muss es ein Mittel geben, das beider Vorzüge, wenn
auch nur auf Momente, und in verschiednen Graden vereint fühlen lässt, und diess
Mittel muss des schönsten Lebens schönsten Genuss bewahren.
Was folgt nun aus diesem allem? dass kein einzelner Zustand der Menschen und Dinge
Aufmerksamkeit verdient an sich, sondern nur im Zusammenhang mit dem vorhergehenden
und folgenden Dasein; dass die Resultate an sich nichts sind, alles nur die Kräfte,
die sie hervorbringen, und die das aus ihnen entspringen.
Und nun genug für heute, lieber *. Leben Sie wohl!