Über die Gesetze der Entwicklung der menschlichen Kräfte
Bruchstück
Unter allen Bildern, welche die Geschichte darbietet, zieht wohl keines eine
allgemeinere und regere Aufmerksamkeit an sich, als das Bild des Menschen in der
Verschiedenheit seiner Lebensweise nach der verschiedenen Beschaffenheit der leblosen
und lebendigen Natur um ihn her, unter deren unaufhörlichem Einwirken er lebt.
Gefesselt von dem Interesse, das den Menschen jedes Erdstrichs und jedes Jahrhunderts
an den Menschen knüpft, stellt der betrachtende Forscher ferne, längst
hingeschwundene Geschlechter neben sich und seine Zeitgenossen, vergleicht mit
prüfendem Blik ihr inneres Dasein, ihre Empfänglichkeit für äussere Eindrükke, ihre
Fähigkeit den empfangenen Stoff in ihr Eigenthum zu verwandeln, und mit bereicherter
Ideenfülle, und verstärkter Empfindungskraft eigene Schöpfungen hervorzubringen, ihre
äussere Lage, die Welt, die sie umgiebt, und die Gestalt, zu der sie sie umbilden,
den Genuss, den sie aus den Gaben des Schiksals und aus den Früchten ihrer Thätigkeit
ziehen. Bald sieht er aus seiner Lage, mit seinen Gesichtspunkten auf die Vorzeit
hin, bald versezt ihn seine Phantasie selbst in dieselbe, und eignet ihm den
Gesichtspunkt, den ehmals ihre Wirklichkeit gab, und so wägt er unrichtiger oder
richtiger das Gute und Beglükkende jedes Jahrhunderts, geniesst jezt des frohen
Bewusstseins des eigenen Vorzugs, und jezt wieder des wehmüthigeren und dennoch süssen Gefühls, dass eine Treflichkeit hoher
beseligender Schönheit einmal blühte und nun nicht mehr ist! Wenn er auf diese Weise
die Schiksale der Nationen von Epoche zu Epoche verfolgt, so kann ihm der
Zusammenhang nicht entgehen, der, bald wirklich, bald scheinbar, jede Begebenheit mit
allen folgenden verbindet. Schon der eigenthümlichen Natur des menschlichen Geistes
nach, der unaufhörlich das Allgemeine sucht, und das Einzelne in ein Ganzes
zusammenzufassen strebt, wird er alle zerstreuten Züge in Ein Gemählde sammlen, und
der wechselnde Gang aller Schiksale der Erde und ihrer Bewohner wird in seinen Augen
zu Einer grossen, unzertrennbaren Einheit werden. Wenn gleich freilich kein einzelnes
Geschöpf die Umwandlungen dieses Ganzen in ihrer Folge erfährt, wenn selbst die
leblose Natur, die ihr Schauplaz ist, nicht unverändert bleibt, der Boden, der den
Enkel nährt, nicht mehr derselbe ist, den der Ayhnherr betrat, und selbst die
innerste Felsmasse unsrer Erdkugel vielleicht dem unaufhörlichen Flusse alles
Endlichen folgt; so schlingt sich doch mitten durch allen diesen Wechsel hindurch,
einer ununterbrochenen Kette gleich, die Reihe der auf einander folgenden
Menschengeschlechter, so erhält sich doch das, was, allein ewig und unvergänglich,
den hinfälligen Stoff seines Urhebers überlebt, der Vorrath von Ideen, den die
Vorwelt auf die Nachwelt vererbt. An diesen Fäden verfolgt der philosophische
Geschichtsforscher oft die Revolutionen des Menschengeschlechts, füllt mit Hypothesen
die Lükken, welche die Ueberlieferung lässt, sieht aus der Vergangenheit die
Gegenwart entspringen, ahndet aus dieser die nun neu sich entwikkelnde Zukunft, sucht
das Ziel zu bestimmen, dem diess ewig rege wirksame Ganze nachstrebt, und erklärt den
gleichen abgemessenen Fortschritt desselben entweder aus der Leitung einer weisen
Macht, oder aus der nach ewigen Gesezen ihrer Natur wirkenden Selbstthätigkeit der
einzelnen Kräfte. Unverkennbar ist es nun, dass diess Ganze nicht in seiner
Phantasie, oder in der Vernunft allein existirt, die ihre Gebilde so oft der
Wirklichkeit andichtet. Die wechselseitige Verschränkung aller Begebenheiten des
Menschengeschlechts ist klar, und jede folgende Generation tritt in keine andere Lage
der Dinge, als in die, welche die vorhergehenden bereiteten, empfängt keine andren
Ideen als die, welche diese erfanden oder modificirten. Mehr Schwierigkeit aber führt
die Frage mit sich: ob nun diese Verkertung von Begebenheiten Einem Ziele
entgegeneilt, oder das Ziel, das erreicht werden soll,
mit jedem einzelnen Menschen von dieser Erde scheidet, ob die längere Dauer derselben
eine erhöhetere Vollkommenheit, oder noch dasselbe Maass von Kräften, denselben Grad
des Genusses, nur in ewig wechselnden, unendlich mannigfaltigen Gestalten zeigen
wird? Dennoch führt nicht leicht eine andere Frage, welche das Leben und Wirken des
Menschen betrift, ein höheres Interesse mit sich, weil die Entscheidung derselben
zugleich eine genaue Würdigung alles dessen enthalten müsste, was wir unter den
Menschen gross, und gut, und wichtig nennen, und weil sie den mancherlei Führern,
Verbesserern und Regierern der Menschen zeigte, wie das Vorbild — dem ihre
ohnmächtige Kraft nur nachzuahmen strebt — das allwaltende Schiksal sie leitet.
Selbst wenn die Entscheidung nicht diesen Nuzen gewährte, bliebe dennoch immer die
Untersuchung in mehr als Einer Rüksicht wichtig. Denn sie muss — wenn sie auf Tiefe
und Genauigkeit mit Recht Anspruch machen will — versuchen, alle einzelne Kräfte
auseinanderzusezen, welche den Menschen gross und glüklich machen, so wie alles in
und äusser ihm, wodurch diese Kräfte Nahrung und Stärkung erhalten, und was sie
schwächt und vernichtet; sie muss ferner sogar die ewigen Geseze zu entdekken suchen,
nach welchen der Mensch durch den natürlichen Fortschritt seiner inneren Kraft,
verbunden mit den, bei einer ewig wechselnden, und doch im Ganzen immer sich selbst
gleichen Natur, ewig neuen und doch immer wiederkehrenden Begebenheiten, bald von
dieser, bald von jener Seite entwikkelt, bald von dieser, bald von jener beglükt
wird.
Ehe aber auch nur ein Versuch über ein Problem gewagt wird, dessen vollständige und
fehlerfreie Auflösung wohl niemand von menschlichen Kräften erwarten wird, erfordert
zuvörderst die Möglichkeit der Auflösung überhaupt eine eigene Untersuchung. Denn
wenn in dem Gange menschlicher Begebenheiten, ihrer wechselseitigen Verkettungen
ungeachtet, keine Einheit, kein gleichförmiges Gesez vorhanden ist, oder wenn
dasselbe auf Dingen beruht, welche menschliche Einsicht nicht zu durchschauen vermag,
so wird die Phantasie im eitlen Tlaschen nach dem, was nirgend existirt, Hypothesen
an die Stelle der Wahrheit sezen, und der erträglichste Erfolg des Unternehmens wird
die Ueberzeugung seiner Unausführbarkeit sein. Um nun aber hierüber erst zur
Gewissheit zu gelangen, dürfen wir uns nicht reiner Vernunftsäze und Schlüsse
bedienen. Gesezt auch, wir besässen irgend eine
Vernunftwahrheit, die auf die Nothwendigkeit eines gleichförmigen Gesezes führte; so
dürften wir dennoch dadurch über die Natur und die Beschaffenheit desselben keine
Aufschlüsse erwarten. Nur die Betrachtung der wirkenden Kräfte und ihrer Wirkungen,
nur also die Erfahrung, sei es die innere in unsrem eignen Bewusstsein, oder die
äussre durch Beobachrung, Ueberlieferung und Geschichte, kann hier Lehrmeisterin
sein. Der menschliche Geist hat die Geseze der Bewegung des Erdballs, und über seinen
Wohnsiz hinaus die Stellung und verschiedene Laufbahn der Körper des Sonnensystems
entdekt, zu dem er gehört, und mit Genauigkeit und Zuverlässigkeit weissagt er alle
Begebenheiten, die davon abhängen. Wunderbar ist es, dass er, vertraut mit den
Revolutionen millionenmeilen entfernter Sphären, ein Fremdling in den Veränderungen
ist, die ihn umgeben, auf die er selbst so mächtig wirkt, und deren Rükwirkung er
erfährt. Allein jene Geseze beruhen, wie fast alles, worüber wir zuverlässige
Theorien besizen, auf allgemeinen Ideen von Grössen und Verhältnissen des Raums und
der Zeit, und auf Beobachtungen, die meistentheils auch nur darauf hinauslaufen;
indess wir hier in einem Gebiete der Wissens sind, in dem alles von den wirklichen
Kräften, und dem Wesen der Dinge abhängt, in dem nur die Kenntniss des Individuums
der Wahrheit nähert, und jede allgemeine Idee immer gerade im Verhältniss der Menge
der Individuen, von denen sie abgezogen ist, von derselben entfernt. Dieser
Schwierigkeit und so vieler andren aber — unter welchen die einer in dem Grade
extensiv ausgebreiteten, und intensiv eindringenden Beobachtung, als hier eigentlich
erfordert würde, nicht vergessen werden muss — ungeachtet, ist dennoch soviel gewiss,
dass jegliche Veränderung auf der Erde eine Wirkung entweder der menschlichen Kräfte,
oder der übrigen lebendigen Geschöpfe, oder der leblosen Natur, oder vielmehr, da in
keinem dieser Theile der Schöpfung etwas vorgeht, das nicht einen, wenn gleich in den
nächsten Folgen nicht bemerkbaren Einfluss auf die übrigen hätte, ein Resultat der
Wirkungen und Rükwirkungen aller dieser Kräfte zusammengenommen ist. Nun sind die
Kräfte des Menschen im Ganzen genommen dieselben, die Nothwendigkeit ihrer Erhaltung
bringt dieselben Bedürfnisse hervor, und aus diesen, wie aus dem angenehmen Gefühl
ihrer Befriedigung entspringen ohngefehr dieselben Neigungen, Begierden und
Leidenschaften. Eben so hat auch die übrige Natur immer und überall im Ganzen einen
gleichen Vorrath von Mitteln, den Bedürfnissen des
Menschen zu genügen. Wie ihre Natur, so bleibt auch der gegenseitige Einfluss dieser
Eigenschaften sich gleich. So lässt die Gleichförmigkeit der Kräfte, als der
Ursachen, auf eine Gleichförmigkeit der Wirkungen, der Ereignisse des
Menschengeschlechts, schliessen. Eine andre Bestätigung dieses Schlusses liesse sich
aus der Geschichte selbst hernehmen. Allein so wichtig und nothwendig ihr Zeugniss
bei dem ganzen Gegenstande bleibt, den ich behandle; so vermeide ich doch mit Fleiss,
die eigentlichen Beweise in ihr zu suchen, vorzüglich hier bei der Prüfung der
Ausführbarkeit meines Unternehmens, wo es am wichtigsten ist, nicht durch Irrthümer
getäuscht zu werden. Denn wenn unsre Geschichte auch einen grösseren Zeitraum
umfasste, wenn ihr Zusammenhang durch wenige Lükken unterbrochen wäre, und ihre
Gewissheit weniger Zweifel litte, als es überhaupt der Fall ist; so würde es dennoch
immer dem Schlusse von dem, was geschehen ist, auf das, was geschehen wird, von dem
Gewöhnlichen auf das Nothwendige an Zuverlässigkeit mangeln. Es musste daher, auch
die Schwierigkeit noch abgerechnet, das Einfache, und Beständige in einer so
verwikkelten und wech selnden Masse, als wir durch die Ueberlieferung erhalten,
aufzusuchen, auf die Kräfte zurükgegangen werden, welche eigentlich alle
Veränderungen hervorbringen. Wenn wir nun auf diesem Wege die Wirklichkeit
gleichförmiger Geseze in den menschlichen Begebenheiten entdekt zu haben glauben; so
müssen wir jezt, um auch die Möglichkeit zu untersuchen, die Natur dieser Geseze zu
entwikkeln, die einzelnen Kräfte, deren zusammengesezte Resultate die Begebenheiten
sind, von einander trennen, und sehen, wie weit wir die Eigenthümlichkeiten einer
jeden zu erforschen vermögen. Die Kräfte des Menschen kennen wir aus unsrem eignen
Gefühle, und über das Maass derselben sowohl, als über ihren wechselseitigen Einfluss
auf einander, und auf die Natur, die sie umgiebt, haben die Weltweisen aller Zeiten
eine grosse Menge von Beobachtungen gesammelt. Freilich aber hat man noch, diese
einzelnen Kräfte auf die Einzige zurükzuführen, von der sie eigentlich nur
verschiedene Seiten sind, zu sehr versäumt, die Entwikkelung einzelner
hervorstechender oft der Entwikklung des ganzen Wesens, in allen Theilen, vorgezogen,
und die Wichtigkeit des Einflusses mancher Ideen, Sensationen, und Gefühle, gegen den
Einfluss andrer, den man über die Gebühr erhöhte, zu sehr verkannt. Indess ist doch
hier klar, dass angestrengte, und fortgesezte
Beobachtung seiner selbst und andrer und Vermeidung alles einseitigen und
partheiischen Raisonnements, wenn nicht wirklich zum Ziele, wenigstens demselben
immer näher führen müsse. Die Gattungen der Thiere, das Maass ihrer Kräfte, den
möglichen Einfluss derselben auf die Menschen, und der Menschen auf sie kennen wir
gleichfalls wenigstens im Ganzen, und so mangelhaft und dunkel unsre Kenntniss auch
ist; so ist dennoch hier noch einiges Licht. Völlig aber verschwindet diess bei der
leblosen Natur. Wohl lehrt uns eine lange Erfahrung ihre Erscheinungen, und —
wenigstens bei vielen — eine auf Erfahrung und Raisonnement gebaute Wissenschaft ihre
nothwendige oder gewöhnliche Folge. Allein, wenn wir gleich alle Dinge, uns selbst
nicht ausgenommen, nur als Erscheinung und nicht ihrem Wesen nach kennen, so vermögen
wir doch — unsre Vorstellung sei nun richtig oder nicht — uns gleichsam in die Natur
jedes lebendigen Wesens zu versezen, uns nicht bloss vorzustellen, wie es uns
erscheint, sondern auch, wie es wohl sich selbst in sich fühlt. Mit jedem lebendigen
Wesen sind wir gleichsam verwandt, und erwarten in ihm nichts, als wovon wir
wenigstens analoge Empfindungen haben. Allein mit der Vorstellung des Lebens verlässt
uns jede Vorstellung des Seins. Wie einem Volk auf einer durch weite Meere von andren
Nationen geschiedenen Insel ein Schiff fremder Ankömmlinge schreklich ist, so und
schreklicher sollte uns die leblose Natur sein, jedes Gebirge, das wir vor uns
erblikken, der Fussboden, den wir betreten. Was sichert uns, dass nicht das Gebürge
über uns herstürzt, und der Boden sich öfnet, und beide uns den Leichnamen
zugesellen, aus welchen ihre Masse besteht? Nur Gewohnheit und Erfahrung einer
Lebenszeit vermag unsre Besorgnisse zu schwächen. Allein so wahr auch diess im
Allgemeinen ist, so dürfen wir auf der andren Seite auch nicht vergessen, dass wir
mit den gewöhnlichen Erscheinungen auch der leblosen Natur, ihren Wirkungen auf uns,
und vielerlei Mitteln auch an ihr Veränderungen hervorzubringen vertraut sind, und
dass die grösseren nicht im Voraus zu berechnenden Revolutionen, ihre Seltenheit noch
abgerechnet, gewöhnlich nur kleinere Räume treffen. So wie aber hier die
Schwierigkeit kleiner erscheint, so ist bei denjenigen Veränderungen, welche aus
menschlichen Kräften entspringen, im Vorigen eine grössere übersehen worden. Wie
genau und rief man auch in die Natur der menschlichen Kräfte eingedrungen sein mag,
so kann und muss selbst zu dem gegenwärtigen, wie zu
jedem wissenschaftlichen Zwekke, diese Kenntniss nur immer allgemein sein. Nun aber
ist jede menschliche Handlung ein Resultat der ganzen Beschaffenheit der Kräfte des
Handlenden, in ihrer durchaus bestimmten Individualität, und welche Revolutionen eine
einzelne That eines einzelnen Menschen hervorzubringen vermag, davon ist die ganze
Geschichte ein lebendiges Zeugniss. Hieraus vorzüglich entspringt es, dass bisher
über die gegenwärtige Materie noch eigentlich nichts gesagt ist, das innere
Konsequenz hätte, und mit Sicherheit zu irgend einem Ziele führte. Man hat die
Geschichte im Ganzen betrachtet, und den Zustand des jezigen Jahrhunderts mit dem der
vorhergehenden verglichen. Natürlich mussten viele wahre und unleugbare Vorzüge des
ersteren in die Augen fallen, nicht minder manche scheinbare hinzukommen, so wie sich
beinah darthun lässt, dass jedes Zeitalter, das die Untersuchung anstellt, auch
selbst bei eitelkeitfreier Anspruchlosigkeit sich den Vorzug beimessen wird. Denn
jedes Zeitalter pflegt vorzüglich Eine Seite seiner Kraft zu üben, in dieser findet
es sich natürlich überlegen, und es wäre nicht auf diese vorzügliche Uebung gerathen,
wenn es nicht zugleich dieser den Preis vor andren zuerkennte. Vor allem aber konnte
niemandem die Menge der Mittel entgehen, die unser Jahrhundert zur höheren Bildung
des Menschen erfand, und die mannigfaltigen Arten diese Mittel auch wiederum der
Nachwelt zu sichern. Diess bestimmt denn auch gewöhnlich die meisten für ihre Enkel
noch grössere Vollkommenheit und ein höheres Glük zu hoffen, als sie selbst um sich
erblikken. Dagegen wenden andre die Beispiele aus der Geschichte ein, wo schnelle und
grosse Revolutionen dergleichen Mittel wenn nicht ganz zernichtet, dennoch der
Nachwelt auf lange Zeit hin vorenthalten haben; und nun beruht der Streit auf
Vermuthungen und Wahrscheinlichkeiten, die jeder leicht seinem Interesse gemäss
wenden kann, ungerechnet, dass hiebei noch immer unentschieden bleibt, ob nun auch
wirklich die Vollkommenheit und das Glük der Menschen im Verhältniss der Menge der
Mittel — vorzüglich derer, welcher unser Jahrhundert sich rühmt — wächst, und ob,
wenn es eine Armuth giebt, die jede Kraft niederdrükt, sich nicht auch ein Reichthum
denken lässt, bei dem sie mitten im schwelgenden Genusse dahinschwinden? Diess
warnende Beispiel lehrt uns daher einen andren Weg einschlagen; es wird aber nicht
uns von dem ganzen Unternehmen abzuschrekken vermögen. Denn wie ver- schieden in ihren Richtungen, und wie wichtig in ihren Einflüssen
die einzelnen menschlichen Handlungen auch sind, wie unmöglich es ist die Geseze zu
entdekken, nach welchen auch nur viele derselben auf einander folgen; so halten doch
die menschlichen Kräfte immer einen ihnen eigenthümlichen Gang. Auf einen bestimmten
Grad und eine bestimmte Richtung derselben kann wieder nur ein andrer gleich
bestimmter Grad, und eine andre gleich bestimmte Richtung folgen; und nichts, auch
die mächtigste physische Revolution, vermag diesen Gang zu verändern, sie kann nur
ihn beschleunigen oder zurükhalten. Diesem Raisonnement zufolge ist daher die
abgemessene Entwikklung der menschlichen Kräfte allemal das, was die Revolutionen
unsres Geschlechts vorzüglich bestimmt. Viele dieser Revolutionen sind unmittelbare
und alleinige Folgen derselben; bei den übrigen giebt es wenigstens bestimmte
Schranken, innerhalb welchen jene Kräfte allein von ihnen verändert werden können.
Nun aber ist es gerade die Entwikkelung dieser Kräfte, die wir am genauesten
erforschen können, gerade ihr Gang, der schon in mannigfaltigen Verhältnissen bekannt
ist, und dessen gänzliche genaue Entdekkung wenn gleich unendlich schwierig, doch
nicht unmöglich erscheint. Die Aufsuchung der Geseze der Entwikklung der
menschlichen Kräfte auf Erden wird demnach den genauer bestimmten
Gegenstand der gegenwärtigen Arbeit ausmachen. Diese Geseze können aufgesucht werden
bei dem einzelnen Menschen, sobald man ihm zugleich eine bestimmte Lage auf der Erde
anweist; bei ganzen Nationen, insofern gemeinschaftliche Lage, und verbundenes Leben
eine Gleichförmigkeit ihrer Kräfte hervorbringt; endlich bei auf einander folgenden
Menschengeschlechtern, insofern ihre Wirksamkeit nicht durch Revolutionen
unterbrochen worden, die den Wirkungen ihrer fortschreitenden Kräfte fremd sind,
sowohl den unmittelbaren, als denjenigen mittelbaren, welche zunächst zwar aus der
physischen Natur entspringen, indess doch nur aus derjenigen Form derselben, welche
sie selbst von jenen Kräften erhielt, insofern also keine nachfolgende Generation
etwas andres erfährt, als was die immer vorhergehende vorbereitete. Nicht leicht zwar
werden sich nun in der wirklichen Welt auch nur zwei Generationen genau in dieser
Lage befinden; genau werden also auch die auf diesem Wege noch so richtig entdekten
Geseze auf die Wirklichkeit nicht passen, mehr oder weniger möglich aber wird ihre
Anwendung sein, je mehr oder weniger sie dieser Lage
sich nähern. Revolutionen, welche jenen vorhergenannten Wirkungen fremd sind, können
entweder bloss ungewöhnliche physische, oder auch menschliche Unternehmungen und
einzelne Menschen und ganze Völker sein, welche mit denen, auf welche sie jezt
wirken, entweder ausser aller Verbindung standen, oder deren Art zu sein doch, sei es
in minderem oder höherem Grade, nicht durch die Verhältnisse dieser motivirt war, die
also, Theile einer Reihe für sich, sich in eine andre Reihe mischen. Wenn man sich
überhaupt alle Ereignisse des Menschengeschlechts als eine Menge einzelner Reihen
vorstellt, die sich zwar eine jede aus sich selbst entwikkeln, allein auch einander
mannigfaltig durchkreuzen, und sich mit einander verbinden, und durch die Berührung
und Verbindung den berührten und verbundenen andre Modifikationen mittheilen; so
lassen sich wohl — wenigstens scheint der Möglichkeit nichts entgegenzustehen, wenn
Geseze entdekken, nach welchen die einzelnen Theile einer gleich die Ausführung
selbst mancherlei erschwert — die Reihe auf einander folgen, und nach welchen eine
jede durch die Berührung einer andren — wofern nur diese gegeben ist — verändert
wird, allein unerforschbar menschlicher Einsicht möchten wohl die bleiben, nach
welchen das ganze Gewebe sich durch einander verschlingt. Je mehr also der einzelnen
Reihen, desto abgebrochner die Anwendung der entdekten Geseze, desto ausgebreiteter
aber, je mehr der verbundenen, und so möchten die leztverflossenen Jahrhunderte mit
Recht eine grössere Aufklärung erwarten, als die früheren. Da auch die hinterlassenen
Werke einer Generation nicht immer gleich von der nächstfolgenden, oft erst von einer
bei weitem späteren benuzt werden, und oft nicht von dieser ganzen, nicht einmal von
einzelnen ganzen Nationen, sondern nur einer, oder der andern ihrer Klassen, wenn
nicht gar Individuen; so kann die Reihe, die wir in dem gegenwärtigen Verstande Eine
nennen, nicht immer weder der Zeitfolge nachgehen, sondern muss oft mehrere
Jahrhunderte überspringen, noch den Massen der einzelnen Nationen, sondern kann oft
nur einzelne Mitglieder derselben berühren, je nachdem nemlich der Einfluss der
Fortschritte einer Generation diese mit der nächstfolgenden, oder einer späteren, mit
einer ganzen Nation, oder einzelnen Theilen derselben verbindet. Denn diese Reihen
sind — wie schon der Zusammenhang des Vorigen hinlänglich zeigt — nicht eigentlich
Reihen der Begebenheiten, sondern der physischen, intellektuellen, und
moralischen Kräfte der, durch den
gegenseitigen Einfluss dieser Kräfte mit einander verbundenen Generationen; der
Begebenheiten sind sie es nur insofern, als diese reine Wirkungen jener Kräfte sind.
Die Geseze, deren Aufsuchung uns beschäftigt, werden demnach eigentlich nur für die
Kräfte bestimmt sein, und auf die Schiksale des Menschengeschlechts überhaupt nur
Anwendung finden 1. insofern die Fortschritte einer Generation rein und ganz auf die
folgende übergehen, 2. Insofern die Begebenheiten selbst reine Wirkungen jener Kräfte
sind. Keine dieser beiden Bedingungen, am wenigsten beide zugleich treffen auch nur
Einmal in der wirklichen Welt ein; denn alle Kräfte, folglich auch die uns
unerforschbaren, sind in unaufhörlicher Wirksamkeit, und alles steht wiederum in
einem unzertrennbaren Zusammenhange. Auf jene Schiksale also werden unsre Geseze nur
immer mit sehr grossen Fehlern — obgleich freilich manchmal mit minderen — angewendet
werden können. Da nun einzelne Begebenheiten auch den Fortschritten der Kräfte oft
sehr unerwartete Wendungen geben, und jene Begebenheiten den entdekten Gesezen nur
sehr wenig unterworfen sein dürften; so wird die Anwendung derselben, auch auf die
Kräfte, viele Ausnahmen leiden. Allein so oft eine solche Begebenheit eintritt, ist
die Reihe — in dem Sinn, in dem oben davon geredet wurde — geendet, und für Eine
Reihe sollte ja das Gesez nur immer gelten; dann kann aber auch eine solche
Begebenheit den Fortschritt der Kräfte nur immer innerhalb bestimmter Gränzen
verändern. Denn selbst das allmächtige Schiksal vermag mit lebendigen Kräften nicht
nach seinem Gefallen zu walten; die Kräfte widerstreben, und das Resultat ist allemal
aus der Wirkung und Gegenwirkung zusammengesezt. Nun aber gehört die Gegenwirkung zu
dem Gebiet der uns erforschbaren Dinge. Freilich aber muss man gestehen, dass, wenn
man nicht unter den ebengenannten Begebenheiten nur die wichtigsten heraushebt,
sondern alle dahin rechnet, die nur überhaupt, wenn gleich in geringerem Grade,
Einfluss haben, eigentlich keine einzige Reihe der vorhinbeschriebenen Art vorhanden
ist, sondern das Ende der einen immer mit dem Anfange der andren zusammenfällt. Denn
das Zusammenwirken aller Kräfte ist ja unendlich und unaufhörlich. Auf die wirkliche
Welt dürften daher unsre Geseze ganz und gar keine Anwendung finden, wobei jedoch
auch in Betrachtung kommt, dass unsre Kenntniss der wirklichen Welt durch eigne und
fremde Erfahrung ebendenselben, aus der Natur unsrer
Seelenkräfte entspringenden Mangel hat, Individualitäten der Wirklichkeit in
Allgemeinheiten der Ideen zu verwandeln, durch welchen doppelten Fehler wir zwar
keine grössere Richtigkeit, allein doch eine grössere Uebereinstimmung erhalten. Wäre
diess aber auch nicht, so zerstört doch der eben gemachte Einwurf unsre Absicht
nicht; er leitet sie vielmehr nur dahin, wo sie allein Nuzen gewähren kann. Immer
nemlich werden wir aus der gegenwärtigen Untersuchung — insofern sie nur ihren Zwek
gehörig erreicht — den Gewinn ziehen, das Fortschreiten unsrer eignen, sich
entwikkelnden Kräfte, und ihre Verhältnisse zu den Dingen um sie her, wir mögen sie
oder diese Dinge Ursach oder Wirkung nennen, tiefer und vollständiger einzusehen.
Diese Einsicht aber muss überhaupt jedem denkenden Menschen und vorzüglich
demjenigen, der auf andre, vielleicht auf ganze Nationen wirken will, unendlich
wichtig sein. Denn wenn sie sich auch nicht anmaassen darf, ihnen die Mittel genau
anzuzeigen, welche ihnen die Erreichung ihrer Absichten sichern; so wird sie sie doch
hindern, nach dem Unmöglichen zu haschen, ihnen Ehrfurcht für dasjenige einflössen,
was sie zum Gegenstände ihrer Thätigkeit machten, und sie vielleicht gar veranlassen,
die Zügel aus den Händen zu legen, und selbstthätige Kräfte der Freiheit zu
übergeben, die allein ihrer würdig ist.