Über die Gesetze der Entwicklung der menschlichen Kräfte Humboldt Wilhelm von TEI enconding Silvia Berigüete Pastor Wilhelm von Humboldt: Schriften August 2025 Creative Commons Attribution-NonCommercial-ShareAlike 4.0 International (CC BY-NC-SA 4.0) https://www.wvh-schriften.de Humboldt Wilhelm von Wilhelm von Humboldts Werke. Erster Band Leitzmann Albert https://archive.org/details/gesammelteschrif01humbuoft/page/n5/mode/2up Königlich Preußische Akademie der Wissenschaften Berlin 1903

This digital edition follows the TEI P5 Guidelines.

1791 Burgörner-Altdorf Deutsch Bruchstück Philosophie Geschichte
Über die Gesetze der Entwicklung der menschlichen Kräfte Bruchstück

Unter allen Bildern, welche die Geschichte darbietet, zieht wohl keines eine allgemeinere und regere Aufmerksamkeit an sich, als das Bild des Menschen in der Verschiedenheit seiner Lebensweise nach der verschiedenen Beschaffenheit der leblosen und lebendigen Natur um ihn her, unter deren unaufhörlichem Einwirken er lebt. Gefesselt von dem Interesse, das den Menschen jedes Erdstrichs und jedes Jahrhunderts an den Menschen knüpft, stellt der betrachtende Forscher ferne, längst hingeschwundene Geschlechter neben sich und seine Zeitgenossen, vergleicht mit prüfendem Blik ihr inneres Dasein, ihre Empfänglichkeit für äussere Eindrükke, ihre Fähigkeit den empfangenen Stoff in ihr Eigenthum zu verwandeln, und mit bereicherter Ideenfülle, und verstärkter Empfindungskraft eigene Schöpfungen hervorzubringen, ihre äussere Lage, die Welt, die sie umgiebt, und die Gestalt, zu der sie sie umbilden, den Genuss, den sie aus den Gaben des Schiksals und aus den Früchten ihrer Thätigkeit ziehen. Bald sieht er aus seiner Lage, mit seinen Gesichtspunkten auf die Vorzeit hin, bald versezt ihn seine Phantasie selbst in dieselbe, und eignet ihm den Gesichtspunkt, den ehmals ihre Wirklichkeit gab, und so wägt er unrichtiger oder richtiger das Gute und Beglükkende jedes Jahrhunderts, geniesst jezt des frohen Bewusstseins des eigenen Vorzugs, und jezt wieder des wehmüthigeren und dennoch süssen Gefühls, dass eine Treflichkeit hoher beseligender Schönheit einmal blühte und nun nicht mehr ist! Wenn er auf diese Weise die Schiksale der Nationen von Epoche zu Epoche verfolgt, so kann ihm der Zusammenhang nicht entgehen, der, bald wirklich, bald scheinbar, jede Begebenheit mit allen folgenden verbindet. Schon der eigenthümlichen Natur des menschlichen Geistes nach, der unaufhörlich das Allgemeine sucht, und das Einzelne in ein Ganzes zusammenzufassen strebt, wird er alle zerstreuten Züge in Ein Gemählde sammlen, und der wechselnde Gang aller Schiksale der Erde und ihrer Bewohner wird in seinen Augen zu Einer grossen, unzertrennbaren Einheit werden. Wenn gleich freilich kein einzelnes Geschöpf die Umwandlungen dieses Ganzen in ihrer Folge erfährt, wenn selbst die leblose Natur, die ihr Schauplaz ist, nicht unverändert bleibt, der Boden, der den Enkel nährt, nicht mehr derselbe ist, den der Ayhnherr betrat, und selbst die innerste Felsmasse unsrer Erdkugel vielleicht dem unaufhörlichen Flusse alles Endlichen folgt; so schlingt sich doch mitten durch allen diesen Wechsel hindurch, einer ununterbrochenen Kette gleich, die Reihe der auf einander folgenden Menschengeschlechter, so erhält sich doch das, was, allein ewig und unvergänglich, den hinfälligen Stoff seines Urhebers überlebt, der Vorrath von Ideen, den die Vorwelt auf die Nachwelt vererbt. An diesen Fäden verfolgt der philosophische Geschichtsforscher oft die Revolutionen des Menschengeschlechts, füllt mit Hypothesen die Lükken, welche die Ueberlieferung lässt, sieht aus der Vergangenheit die Gegenwart entspringen, ahndet aus dieser die nun neu sich entwikkelnde Zukunft, sucht das Ziel zu bestimmen, dem diess ewig rege wirksame Ganze nachstrebt, und erklärt den gleichen abgemessenen Fortschritt desselben entweder aus der Leitung einer weisen Macht, oder aus der nach ewigen Gesezen ihrer Natur wirkenden Selbstthätigkeit der einzelnen Kräfte. Unverkennbar ist es nun, dass diess Ganze nicht in seiner Phantasie, oder in der Vernunft allein existirt, die ihre Gebilde so oft der Wirklichkeit andichtet. Die wechselseitige Verschränkung aller Begebenheiten des Menschengeschlechts ist klar, und jede folgende Generation tritt in keine andere Lage der Dinge, als in die, welche die vorhergehenden bereiteten, empfängt keine andren Ideen als die, welche diese erfanden oder modificirten. Mehr Schwierigkeit aber führt die Frage mit sich: ob nun diese Verkertung von Begebenheiten Einem Ziele entgegeneilt, oder das Ziel, das erreicht werden soll, mit jedem einzelnen Menschen von dieser Erde scheidet, ob die längere Dauer derselben eine erhöhetere Vollkommenheit, oder noch dasselbe Maass von Kräften, denselben Grad des Genusses, nur in ewig wechselnden, unendlich mannigfaltigen Gestalten zeigen wird? Dennoch führt nicht leicht eine andere Frage, welche das Leben und Wirken des Menschen betrift, ein höheres Interesse mit sich, weil die Entscheidung derselben zugleich eine genaue Würdigung alles dessen enthalten müsste, was wir unter den Menschen gross, und gut, und wichtig nennen, und weil sie den mancherlei Führern, Verbesserern und Regierern der Menschen zeigte, wie das Vorbild — dem ihre ohnmächtige Kraft nur nachzuahmen strebt — das allwaltende Schiksal sie leitet. Selbst wenn die Entscheidung nicht diesen Nuzen gewährte, bliebe dennoch immer die Untersuchung in mehr als Einer Rüksicht wichtig. Denn sie muss — wenn sie auf Tiefe und Genauigkeit mit Recht Anspruch machen will — versuchen, alle einzelne Kräfte auseinanderzusezen, welche den Menschen gross und glüklich machen, so wie alles in und äusser ihm, wodurch diese Kräfte Nahrung und Stärkung erhalten, und was sie schwächt und vernichtet; sie muss ferner sogar die ewigen Geseze zu entdekken suchen, nach welchen der Mensch durch den natürlichen Fortschritt seiner inneren Kraft, verbunden mit den, bei einer ewig wechselnden, und doch im Ganzen immer sich selbst gleichen Natur, ewig neuen und doch immer wiederkehrenden Begebenheiten, bald von dieser, bald von jener Seite entwikkelt, bald von dieser, bald von jener beglükt wird.

Ehe aber auch nur ein Versuch über ein Problem gewagt wird, dessen vollständige und fehlerfreie Auflösung wohl niemand von menschlichen Kräften erwarten wird, erfordert zuvörderst die Möglichkeit der Auflösung überhaupt eine eigene Untersuchung. Denn wenn in dem Gange menschlicher Begebenheiten, ihrer wechselseitigen Verkettungen ungeachtet, keine Einheit, kein gleichförmiges Gesez vorhanden ist, oder wenn dasselbe auf Dingen beruht, welche menschliche Einsicht nicht zu durchschauen vermag, so wird die Phantasie im eitlen Tlaschen nach dem, was nirgend existirt, Hypothesen an die Stelle der Wahrheit sezen, und der erträglichste Erfolg des Unternehmens wird die Ueberzeugung seiner Unausführbarkeit sein. Um nun aber hierüber erst zur Gewissheit zu gelangen, dürfen wir uns nicht reiner Vernunftsäze und Schlüsse bedienen. Gesezt auch, wir besässen irgend eine Vernunftwahrheit, die auf die Nothwendigkeit eines gleichförmigen Gesezes führte; so dürften wir dennoch dadurch über die Natur und die Beschaffenheit desselben keine Aufschlüsse erwarten. Nur die Betrachtung der wirkenden Kräfte und ihrer Wirkungen, nur also die Erfahrung, sei es die innere in unsrem eignen Bewusstsein, oder die äussre durch Beobachrung, Ueberlieferung und Geschichte, kann hier Lehrmeisterin sein. Der menschliche Geist hat die Geseze der Bewegung des Erdballs, und über seinen Wohnsiz hinaus die Stellung und verschiedene Laufbahn der Körper des Sonnensystems entdekt, zu dem er gehört, und mit Genauigkeit und Zuverlässigkeit weissagt er alle Begebenheiten, die davon abhängen. Wunderbar ist es, dass er, vertraut mit den Revolutionen millionenmeilen entfernter Sphären, ein Fremdling in den Veränderungen ist, die ihn umgeben, auf die er selbst so mächtig wirkt, und deren Rükwirkung er erfährt. Allein jene Geseze beruhen, wie fast alles, worüber wir zuverlässige Theorien besizen, auf allgemeinen Ideen von Grössen und Verhältnissen des Raums und der Zeit, und auf Beobachtungen, die meistentheils auch nur darauf hinauslaufen; indess wir hier in einem Gebiete der Wissens sind, in dem alles von den wirklichen Kräften, und dem Wesen der Dinge abhängt, in dem nur die Kenntniss des Individuums der Wahrheit nähert, und jede allgemeine Idee immer gerade im Verhältniss der Menge der Individuen, von denen sie abgezogen ist, von derselben entfernt. Dieser Schwierigkeit und so vieler andren aber — unter welchen die einer in dem Grade extensiv ausgebreiteten, und intensiv eindringenden Beobachtung, als hier eigentlich erfordert würde, nicht vergessen werden muss — ungeachtet, ist dennoch soviel gewiss, dass jegliche Veränderung auf der Erde eine Wirkung entweder der menschlichen Kräfte, oder der übrigen lebendigen Geschöpfe, oder der leblosen Natur, oder vielmehr, da in keinem dieser Theile der Schöpfung etwas vorgeht, das nicht einen, wenn gleich in den nächsten Folgen nicht bemerkbaren Einfluss auf die übrigen hätte, ein Resultat der Wirkungen und Rükwirkungen aller dieser Kräfte zusammengenommen ist. Nun sind die Kräfte des Menschen im Ganzen genommen dieselben, die Nothwendigkeit ihrer Erhaltung bringt dieselben Bedürfnisse hervor, und aus diesen, wie aus dem angenehmen Gefühl ihrer Befriedigung entspringen ohngefehr dieselben Neigungen, Begierden und Leidenschaften. Eben so hat auch die übrige Natur immer und überall im Ganzen einen gleichen Vorrath von Mitteln, den Bedürfnissen des Menschen zu genügen. Wie ihre Natur, so bleibt auch der gegenseitige Einfluss dieser Eigenschaften sich gleich. So lässt die Gleichförmigkeit der Kräfte, als der Ursachen, auf eine Gleichförmigkeit der Wirkungen, der Ereignisse des Menschengeschlechts, schliessen. Eine andre Bestätigung dieses Schlusses liesse sich aus der Geschichte selbst hernehmen. Allein so wichtig und nothwendig ihr Zeugniss bei dem ganzen Gegenstande bleibt, den ich behandle; so vermeide ich doch mit Fleiss, die eigentlichen Beweise in ihr zu suchen, vorzüglich hier bei der Prüfung der Ausführbarkeit meines Unternehmens, wo es am wichtigsten ist, nicht durch Irrthümer getäuscht zu werden. Denn wenn unsre Geschichte auch einen grösseren Zeitraum umfasste, wenn ihr Zusammenhang durch wenige Lükken unterbrochen wäre, und ihre Gewissheit weniger Zweifel litte, als es überhaupt der Fall ist; so würde es dennoch immer dem Schlusse von dem, was geschehen ist, auf das, was geschehen wird, von dem Gewöhnlichen auf das Nothwendige an Zuverlässigkeit mangeln. Es musste daher, auch die Schwierigkeit noch abgerechnet, das Einfache, und Beständige in einer so verwikkelten und wech selnden Masse, als wir durch die Ueberlieferung erhalten, aufzusuchen, auf die Kräfte zurükgegangen werden, welche eigentlich alle Veränderungen hervorbringen. Wenn wir nun auf diesem Wege die Wirklichkeit gleichförmiger Geseze in den menschlichen Begebenheiten entdekt zu haben glauben; so müssen wir jezt, um auch die Möglichkeit zu untersuchen, die Natur dieser Geseze zu entwikkeln, die einzelnen Kräfte, deren zusammengesezte Resultate die Begebenheiten sind, von einander trennen, und sehen, wie weit wir die Eigenthümlichkeiten einer jeden zu erforschen vermögen. Die Kräfte des Menschen kennen wir aus unsrem eignen Gefühle, und über das Maass derselben sowohl, als über ihren wechselseitigen Einfluss auf einander, und auf die Natur, die sie umgiebt, haben die Weltweisen aller Zeiten eine grosse Menge von Beobachtungen gesammelt. Freilich aber hat man noch, diese einzelnen Kräfte auf die Einzige zurükzuführen, von der sie eigentlich nur verschiedene Seiten sind, zu sehr versäumt, die Entwikkelung einzelner hervorstechender oft der Entwikklung des ganzen Wesens, in allen Theilen, vorgezogen, und die Wichtigkeit des Einflusses mancher Ideen, Sensationen, und Gefühle, gegen den Einfluss andrer, den man über die Gebühr erhöhte, zu sehr verkannt. Indess ist doch hier klar, dass angestrengte, und fortgesezte Beobachtung seiner selbst und andrer und Vermeidung alles einseitigen und partheiischen Raisonnements, wenn nicht wirklich zum Ziele, wenigstens demselben immer näher führen müsse. Die Gattungen der Thiere, das Maass ihrer Kräfte, den möglichen Einfluss derselben auf die Menschen, und der Menschen auf sie kennen wir gleichfalls wenigstens im Ganzen, und so mangelhaft und dunkel unsre Kenntniss auch ist; so ist dennoch hier noch einiges Licht. Völlig aber verschwindet diess bei der leblosen Natur. Wohl lehrt uns eine lange Erfahrung ihre Erscheinungen, und — wenigstens bei vielen — eine auf Erfahrung und Raisonnement gebaute Wissenschaft ihre nothwendige oder gewöhnliche Folge. Allein, wenn wir gleich alle Dinge, uns selbst nicht ausgenommen, nur als Erscheinung und nicht ihrem Wesen nach kennen, so vermögen wir doch — unsre Vorstellung sei nun richtig oder nicht — uns gleichsam in die Natur jedes lebendigen Wesens zu versezen, uns nicht bloss vorzustellen, wie es uns erscheint, sondern auch, wie es wohl sich selbst in sich fühlt. Mit jedem lebendigen Wesen sind wir gleichsam verwandt, und erwarten in ihm nichts, als wovon wir wenigstens analoge Empfindungen haben. Allein mit der Vorstellung des Lebens verlässt uns jede Vorstellung des Seins. Wie einem Volk auf einer durch weite Meere von andren Nationen geschiedenen Insel ein Schiff fremder Ankömmlinge schreklich ist, so und schreklicher sollte uns die leblose Natur sein, jedes Gebirge, das wir vor uns erblikken, der Fussboden, den wir betreten. Was sichert uns, dass nicht das Gebürge über uns herstürzt, und der Boden sich öfnet, und beide uns den Leichnamen zugesellen, aus welchen ihre Masse besteht? Nur Gewohnheit und Erfahrung einer Lebenszeit vermag unsre Besorgnisse zu schwächen. Allein so wahr auch diess im Allgemeinen ist, so dürfen wir auf der andren Seite auch nicht vergessen, dass wir mit den gewöhnlichen Erscheinungen auch der leblosen Natur, ihren Wirkungen auf uns, und vielerlei Mitteln auch an ihr Veränderungen hervorzubringen vertraut sind, und dass die grösseren nicht im Voraus zu berechnenden Revolutionen, ihre Seltenheit noch abgerechnet, gewöhnlich nur kleinere Räume treffen. So wie aber hier die Schwierigkeit kleiner erscheint, so ist bei denjenigen Veränderungen, welche aus menschlichen Kräften entspringen, im Vorigen eine grössere übersehen worden. Wie genau und rief man auch in die Natur der menschlichen Kräfte eingedrungen sein mag, so kann und muss selbst zu dem gegenwärtigen, wie zu jedem wissenschaftlichen Zwekke, diese Kenntniss nur immer allgemein sein. Nun aber ist jede menschliche Handlung ein Resultat der ganzen Beschaffenheit der Kräfte des Handlenden, in ihrer durchaus bestimmten Individualität, und welche Revolutionen eine einzelne That eines einzelnen Menschen hervorzubringen vermag, davon ist die ganze Geschichte ein lebendiges Zeugniss. Hieraus vorzüglich entspringt es, dass bisher über die gegenwärtige Materie noch eigentlich nichts gesagt ist, das innere Konsequenz hätte, und mit Sicherheit zu irgend einem Ziele führte. Man hat die Geschichte im Ganzen betrachtet, und den Zustand des jezigen Jahrhunderts mit dem der vorhergehenden verglichen. Natürlich mussten viele wahre und unleugbare Vorzüge des ersteren in die Augen fallen, nicht minder manche scheinbare hinzukommen, so wie sich beinah darthun lässt, dass jedes Zeitalter, das die Untersuchung anstellt, auch selbst bei eitelkeitfreier Anspruchlosigkeit sich den Vorzug beimessen wird. Denn jedes Zeitalter pflegt vorzüglich Eine Seite seiner Kraft zu üben, in dieser findet es sich natürlich überlegen, und es wäre nicht auf diese vorzügliche Uebung gerathen, wenn es nicht zugleich dieser den Preis vor andren zuerkennte. Vor allem aber konnte niemandem die Menge der Mittel entgehen, die unser Jahrhundert zur höheren Bildung des Menschen erfand, und die mannigfaltigen Arten diese Mittel auch wiederum der Nachwelt zu sichern. Diess bestimmt denn auch gewöhnlich die meisten für ihre Enkel noch grössere Vollkommenheit und ein höheres Glük zu hoffen, als sie selbst um sich erblikken. Dagegen wenden andre die Beispiele aus der Geschichte ein, wo schnelle und grosse Revolutionen dergleichen Mittel wenn nicht ganz zernichtet, dennoch der Nachwelt auf lange Zeit hin vorenthalten haben; und nun beruht der Streit auf Vermuthungen und Wahrscheinlichkeiten, die jeder leicht seinem Interesse gemäss wenden kann, ungerechnet, dass hiebei noch immer unentschieden bleibt, ob nun auch wirklich die Vollkommenheit und das Glük der Menschen im Verhältniss der Menge der Mittel — vorzüglich derer, welcher unser Jahrhundert sich rühmt — wächst, und ob, wenn es eine Armuth giebt, die jede Kraft niederdrükt, sich nicht auch ein Reichthum denken lässt, bei dem sie mitten im schwelgenden Genusse dahinschwinden? Diess warnende Beispiel lehrt uns daher einen andren Weg einschlagen; es wird aber nicht uns von dem ganzen Unternehmen abzuschrekken vermögen. Denn wie ver- schieden in ihren Richtungen, und wie wichtig in ihren Einflüssen die einzelnen menschlichen Handlungen auch sind, wie unmöglich es ist die Geseze zu entdekken, nach welchen auch nur viele derselben auf einander folgen; so halten doch die menschlichen Kräfte immer einen ihnen eigenthümlichen Gang. Auf einen bestimmten Grad und eine bestimmte Richtung derselben kann wieder nur ein andrer gleich bestimmter Grad, und eine andre gleich bestimmte Richtung folgen; und nichts, auch die mächtigste physische Revolution, vermag diesen Gang zu verändern, sie kann nur ihn beschleunigen oder zurükhalten. Diesem Raisonnement zufolge ist daher die abgemessene Entwikklung der menschlichen Kräfte allemal das, was die Revolutionen unsres Geschlechts vorzüglich bestimmt. Viele dieser Revolutionen sind unmittelbare und alleinige Folgen derselben; bei den übrigen giebt es wenigstens bestimmte Schranken, innerhalb welchen jene Kräfte allein von ihnen verändert werden können. Nun aber ist es gerade die Entwikkelung dieser Kräfte, die wir am genauesten erforschen können, gerade ihr Gang, der schon in mannigfaltigen Verhältnissen bekannt ist, und dessen gänzliche genaue Entdekkung wenn gleich unendlich schwierig, doch nicht unmöglich erscheint. Die Aufsuchung der Geseze der Entwikklung der menschlichen Kräfte auf Erden wird demnach den genauer bestimmten Gegenstand der gegenwärtigen Arbeit ausmachen. Diese Geseze können aufgesucht werden bei dem einzelnen Menschen, sobald man ihm zugleich eine bestimmte Lage auf der Erde anweist; bei ganzen Nationen, insofern gemeinschaftliche Lage, und verbundenes Leben eine Gleichförmigkeit ihrer Kräfte hervorbringt; endlich bei auf einander folgenden Menschengeschlechtern, insofern ihre Wirksamkeit nicht durch Revolutionen unterbrochen worden, die den Wirkungen ihrer fortschreitenden Kräfte fremd sind, sowohl den unmittelbaren, als denjenigen mittelbaren, welche zunächst zwar aus der physischen Natur entspringen, indess doch nur aus derjenigen Form derselben, welche sie selbst von jenen Kräften erhielt, insofern also keine nachfolgende Generation etwas andres erfährt, als was die immer vorhergehende vorbereitete. Nicht leicht zwar werden sich nun in der wirklichen Welt auch nur zwei Generationen genau in dieser Lage befinden; genau werden also auch die auf diesem Wege noch so richtig entdekten Geseze auf die Wirklichkeit nicht passen, mehr oder weniger möglich aber wird ihre Anwendung sein, je mehr oder weniger sie dieser Lage sich nähern. Revolutionen, welche jenen vorhergenannten Wirkungen fremd sind, können entweder bloss ungewöhnliche physische, oder auch menschliche Unternehmungen und einzelne Menschen und ganze Völker sein, welche mit denen, auf welche sie jezt wirken, entweder ausser aller Verbindung standen, oder deren Art zu sein doch, sei es in minderem oder höherem Grade, nicht durch die Verhältnisse dieser motivirt war, die also, Theile einer Reihe für sich, sich in eine andre Reihe mischen. Wenn man sich überhaupt alle Ereignisse des Menschengeschlechts als eine Menge einzelner Reihen vorstellt, die sich zwar eine jede aus sich selbst entwikkeln, allein auch einander mannigfaltig durchkreuzen, und sich mit einander verbinden, und durch die Berührung und Verbindung den berührten und verbundenen andre Modifikationen mittheilen; so lassen sich wohl — wenigstens scheint der Möglichkeit nichts entgegenzustehen, wenn Geseze entdekken, nach welchen die einzelnen Theile einer gleich die Ausführung selbst mancherlei erschwert — die Reihe auf einander folgen, und nach welchen eine jede durch die Berührung einer andren — wofern nur diese gegeben ist — verändert wird, allein unerforschbar menschlicher Einsicht möchten wohl die bleiben, nach welchen das ganze Gewebe sich durch einander verschlingt. Je mehr also der einzelnen Reihen, desto abgebrochner die Anwendung der entdekten Geseze, desto ausgebreiteter aber, je mehr der verbundenen, und so möchten die leztverflossenen Jahrhunderte mit Recht eine grössere Aufklärung erwarten, als die früheren. Da auch die hinterlassenen Werke einer Generation nicht immer gleich von der nächstfolgenden, oft erst von einer bei weitem späteren benuzt werden, und oft nicht von dieser ganzen, nicht einmal von einzelnen ganzen Nationen, sondern nur einer, oder der andern ihrer Klassen, wenn nicht gar Individuen; so kann die Reihe, die wir in dem gegenwärtigen Verstande Eine nennen, nicht immer weder der Zeitfolge nachgehen, sondern muss oft mehrere Jahrhunderte überspringen, noch den Massen der einzelnen Nationen, sondern kann oft nur einzelne Mitglieder derselben berühren, je nachdem nemlich der Einfluss der Fortschritte einer Generation diese mit der nächstfolgenden, oder einer späteren, mit einer ganzen Nation, oder einzelnen Theilen derselben verbindet. Denn diese Reihen sind — wie schon der Zusammenhang des Vorigen hinlänglich zeigt — nicht eigentlich Reihen der Begebenheiten, sondern der physischen, intellektuellen, und moralischen Kräfte der, durch den gegenseitigen Einfluss dieser Kräfte mit einander verbundenen Generationen; der Begebenheiten sind sie es nur insofern, als diese reine Wirkungen jener Kräfte sind. Die Geseze, deren Aufsuchung uns beschäftigt, werden demnach eigentlich nur für die Kräfte bestimmt sein, und auf die Schiksale des Menschengeschlechts überhaupt nur Anwendung finden 1. insofern die Fortschritte einer Generation rein und ganz auf die folgende übergehen, 2. Insofern die Begebenheiten selbst reine Wirkungen jener Kräfte sind. Keine dieser beiden Bedingungen, am wenigsten beide zugleich treffen auch nur Einmal in der wirklichen Welt ein; denn alle Kräfte, folglich auch die uns unerforschbaren, sind in unaufhörlicher Wirksamkeit, und alles steht wiederum in einem unzertrennbaren Zusammenhange. Auf jene Schiksale also werden unsre Geseze nur immer mit sehr grossen Fehlern — obgleich freilich manchmal mit minderen — angewendet werden können. Da nun einzelne Begebenheiten auch den Fortschritten der Kräfte oft sehr unerwartete Wendungen geben, und jene Begebenheiten den entdekten Gesezen nur sehr wenig unterworfen sein dürften; so wird die Anwendung derselben, auch auf die Kräfte, viele Ausnahmen leiden. Allein so oft eine solche Begebenheit eintritt, ist die Reihe — in dem Sinn, in dem oben davon geredet wurde — geendet, und für Eine Reihe sollte ja das Gesez nur immer gelten; dann kann aber auch eine solche Begebenheit den Fortschritt der Kräfte nur immer innerhalb bestimmter Gränzen verändern. Denn selbst das allmächtige Schiksal vermag mit lebendigen Kräften nicht nach seinem Gefallen zu walten; die Kräfte widerstreben, und das Resultat ist allemal aus der Wirkung und Gegenwirkung zusammengesezt. Nun aber gehört die Gegenwirkung zu dem Gebiet der uns erforschbaren Dinge. Freilich aber muss man gestehen, dass, wenn man nicht unter den ebengenannten Begebenheiten nur die wichtigsten heraushebt, sondern alle dahin rechnet, die nur überhaupt, wenn gleich in geringerem Grade, Einfluss haben, eigentlich keine einzige Reihe der vorhinbeschriebenen Art vorhanden ist, sondern das Ende der einen immer mit dem Anfange der andren zusammenfällt. Denn das Zusammenwirken aller Kräfte ist ja unendlich und unaufhörlich. Auf die wirkliche Welt dürften daher unsre Geseze ganz und gar keine Anwendung finden, wobei jedoch auch in Betrachtung kommt, dass unsre Kenntniss der wirklichen Welt durch eigne und fremde Erfahrung ebendenselben, aus der Natur unsrer Seelenkräfte entspringenden Mangel hat, Individualitäten der Wirklichkeit in Allgemeinheiten der Ideen zu verwandeln, durch welchen doppelten Fehler wir zwar keine grössere Richtigkeit, allein doch eine grössere Uebereinstimmung erhalten. Wäre diess aber auch nicht, so zerstört doch der eben gemachte Einwurf unsre Absicht nicht; er leitet sie vielmehr nur dahin, wo sie allein Nuzen gewähren kann. Immer nemlich werden wir aus der gegenwärtigen Untersuchung — insofern sie nur ihren Zwek gehörig erreicht — den Gewinn ziehen, das Fortschreiten unsrer eignen, sich entwikkelnden Kräfte, und ihre Verhältnisse zu den Dingen um sie her, wir mögen sie oder diese Dinge Ursach oder Wirkung nennen, tiefer und vollständiger einzusehen. Diese Einsicht aber muss überhaupt jedem denkenden Menschen und vorzüglich demjenigen, der auf andre, vielleicht auf ganze Nationen wirken will, unendlich wichtig sein. Denn wenn sie sich auch nicht anmaassen darf, ihnen die Mittel genau anzuzeigen, welche ihnen die Erreichung ihrer Absichten sichern; so wird sie sie doch hindern, nach dem Unmöglichen zu haschen, ihnen Ehrfurcht für dasjenige einflössen, was sie zum Gegenstände ihrer Thätigkeit machten, und sie vielleicht gar veranlassen, die Zügel aus den Händen zu legen, und selbstthätige Kräfte der Freiheit zu übergeben, die allein ihrer würdig ist.

Bemerkungen zur Entstehungsgeschichte

Handschrift (10 Quartseiten, ohne Titel) im Archiv in Tegel.

Für dieses Bruchstück, Humboldts ersten Versuch auf dem Gebiete der Geschichtsphilosophie, und seine chronologische Stellung war aus den gleichzeitigen Briefquellen nichts zu gewinnen; ich habe es an dieser Stelle auf Grund des Wasserzeichens eingeordnet, das sich sonst nur in Briefen der ersten burgörnerschen Monate wiederfindet. So wenig man sonst oft bei literarhistorisch-chronologischen Fragen mit der Untersuchung der Wasserzeichen ausrichten kann, so ergiebig erwies sich mir diese Betrachtung bei Humboldt. Bei dem bis 1820 fast beständigen Ortswechsel hat Humboldt eine große Zahl verschiedener Papiersorten verwendet, deren Firmenzeichen beständig wechseln, und niemals, wie die sicher datierten Briefe zeigen, kehrt dasselbe Wasserzeichen in zwei zeitlich auseinanderliegenden Epochen wieder. Da nun auch die Abhandlungen, deren Entstehungszeit feststeht, ausnahmslos dieselben Wasserzeichen aufweisen wie die gleichzeitigen Briefe, so kann meines Erachtens mit völliger Sicherheit in den wenigen Fällen, wo für die Entstehung einer Abhandlung alle Daten fehlen, die chronologische Entscheidung auf Grund dieser Zeichen gefällt werden.