Über das Studium des Alterthums, und des griechischen insbesondre
1.
Das Studium der Ueberreste des Alterthums – Litteratur und Kunstwerke – gewährt
einen zwiefachen Nuzen, einen materialen und einen formalen. Einen
materialen, indem es andren Wissenschaften Stoff darbietet, den
sie bearbeiten. Insofern ist dasselbe, und sind also die humanistischen
Wissenschaften Hülfswissenschaften
„Besser alte classische Litteratur. So zE. kann ja Geschichte eine
Hülfswissenschaft zur Medicinischen Gelehrsamkeit oder zur Jurisprudenz
seyn. So kann wieder medicinische Gelehrsamkeit subsidiarisch werden fur
alte Litteratur selbst. So alles — wie in der Welt — Zweck und Mittel.“
Wolf.
von jenen, und wie wichtig dieser Nuzen auch an sich sein mag, so ist er
ihnen eigentlich fremd.
2.
Der formale Nuzen kann wiederum zwiefach sein, einmal insofern man
die Ueberreste des Alterthums an sich und als Werke der Gattung, zu der sie gehören, betrachtet, und also allein auf sie selbst
sieht; und zweitens indem man sie als Werke aus der Periode, aus welcher sie
stammen, betrachtet, und auf ihre Urheber sieht.Dies Unterscheide ich noch.
„Dahin vorzüglich die äussere Litteratur-Geschichte.“ Wolf.
Der erste Nuzen ist der ästhetische; er ist überaus wichtig,
aber nicht der Einzige. Darin dass man ihn oft für den einzigen gehalten hat,
liegt eine Quelle mehrerer falscher Beurtheilungen der Alten.
3.
Aus der Betrachtung der Ueberreste des Alterthums in Rüksicht auf ihre Urheber
entsteht die Kenntniss der Alten selbst, oder der Menschheit im
Alterthum. Dieser Gesichtspunkt ist es, welcher allein in den folgenden
Säzen aufgefasst werden soll, theils seiner innren Wichtigkeit wegen, theils weil
er seltner genommen zu werden pflegt.
4.
Das Studium einer Nation gewährt schlechterdings alle diejenigen Vortheile, welche
die Geschichte überhaupt darbietet, indem dieselbe durch Beispiele von Handlungen
und Begebenheiten die Menschenkenntniss erweitert, die Beurtheilungskraft schärft,
den Charakter erhöht und verbessert; aber es thut noch mehr. Indem es nicht sowohl
dem Faden auf einander folgender Begebenheiten nachspürt, als vielmehr den Zustand
und die gänzliche Lage der Nation zu erforschen versucht, liefert es gleichsam
eine Biographie derselben.
5.
Das Auszeichnende einer solchen Biographie ist vorzüglich das, dass, indem der
ganze politische, religiöse und häusliche Zustand der Nation geschildert wird,
ihr Charakter nach allen seinen Seiten, und in seinem ganzen
Zusammenhange entwikkelt, nicht bloss die gegenseitigen Beziehungen der
einzelnen Charakterzüge unter einander, sondern auch ihre Relationen zu den
äussren Umständen, als Ursachen oder Folgen, einzeln untersucht werden;
und die Vortheile dieses charakteristischen Kennzeichens eines solchen Studiums
verfolge ich hier allein, mit Uebergehung jener übrigen, öfter berührten.
6.
Man pflegt Menschenkenntniss nur zum Umgange mit Menschen nothwendig zu halten,
und man pflegt es Menschenkenntniss zu nennen, wenn man eine Menge einzelner
Menschen beobachtet und dadurch eine Fertigkeit erworben hat, aus ihren äussren
Handlungen ihre inneren Absichten zu errathen, und umgekehrt durch künstlich ihnen
gegebene Beweggründe sie zu Handlungen zu bestimmen, und in einem gewissen
politischen Sinne mag beides wahr sein. Allein im philosophischen kann
Menschenkenntniss – Kenntniss des Menschen überhaupt, wie der einzelnen wirklichen
Individuen – nichts anders heissen, als die Kenntniss der verschiedenen
intellektuellen, empfindenden, und moralischen menschlichen Kräfte, der
Modifikationen, die sie durch einander gewinnen, der möglichen Arten ihres
richtigen und unrichtigen Verhältnisses, der Beziehung der äusseren Umstände
auf sie, dessen, was diese in einer gegebnen Stimmung unausbleiblich
wirken müssen, und was sie nie zu wirken vermögen, kurz der Geseze der
Nothwendigkeit der von innen, und der Möglichkeit der von aussen gewirkten
Umwandlungen. Diese Kenntniss ist, oder vielmehr das Streben nach dieser
– da hier nur Streben möglich ist – führt zur wahren Menschenkenntniss, und diess
ist jedem Menschen, als Menschen, und lebte er auch ganz von Menschen abgesondert,
nur in verschiedenen Graden der Intension und Extension unentbehrlich.
7.
Zuerst – um vom Leichtesten anzufangen – dem handelnden Menschen, dem
ich in der Folge den nur mit Ideen Beschäftigten, so wie endlich beiden den bloss
Geniessenden entgegensezen werde. Alles praktische Leben, vom Umgange in der
gleichgültigsten Gesellschaft bis zu dem Regierendes grössesten Staats, bezieht
sich mehr oder minder unmittelbar auf den Menschen; und wer seiner moralischen
Würde wahrhaft eingedenk ist, wird in keinem dieser Verhältnisse des höchsten
Zweks aller Moralität, der Veredlung und steigenden Ausbildung des Menschen
vergessen. Dazu ist jene Kenntniss ihm unentbehrlich, theils um jenen Zwek zu
befördern, theils, wenn sein Geschäft so heterogen ist – wie es denn auch sehr
achtungswürdige dieser Art geben kann – dass es
ihm von gewissen Seiten Einschränkungen in den Weg stellen muss, doch immer das
höchst mögliche Minimum dieser Einschränkungen zu bewahren. So lehrt sie ihn, was
er moralisch unternehmen dürfe und politisch mit Erfolg unternehmen könne, und
leitet dadurch seinen Verstand. – Aber auch zweitens seinen Willen, indem sie
allein wahre Achtung des Menschen erzeugt. Alle Unvollkommenheiten lassen sich auf
Misverhältnisse der Kräfte zurükbringen. Indem nun jene Kenntniss das Ganze zeigt,
werden diese gleichsam aufgehoben, und es erscheint zugleich die Nothwendigkeit
ihres Entstehens und die Möglichkeit ihrer Ausgleichung, so dass das, vorher
einseitig betrachtete Individuum durch diesen allseitigen Ueberblik gleichsam in
eine andre höhere Klasse versezt wird.
8.
Der mit Ideen Beschäftigte ist – da ich mich hier der Genauigkeit logischer
Eintheilungen überheben kann – Historiker im allerweitesten Sinne des Worts, oder
Philosoph, oder Künstler. Der Historiker, insofern ich von dem im
eigentlichsten Verstande – dem Beschreiber der Menschen und menschlichen
Handlungen – abstrahire, bedarf jener Kenntniss vielleicht am wenigsten. Wenn
indess auch der Forscher des am mindesten mit Menschenähnlichkeit begabten Theils
der Natur nicht bloss die äussren Erscheinungen aufzählen, sondern auch den innern
Bau erspähen will; so kann er derselben schlechterdings nicht gänzlich entbehren.
Denn nicht bloss dass alle unsre Ideen von Organisation ursprünglich vom Menschen
ausgehen; so herrscht auch durch die ganze Natur eine Analogie wie der äussren
Gestalten, so des inneren Baues. Es lässt sich daher kein tiefer Blik in die
Beschaffenheit der Organisation auch der leblosen Natur ohne physiologische
Kenntniss des Menschen thun, und diese ist wiederum nicht ohne psychologische
möglich; und ebenso steigt umgekehrt mit dem Umfange dieser lezteren die Schärfe
jenes ersten Bliks, wenn gleich freilich in oft sehr kleinen Graden. Endlich muss
ich bemerklich machen, dass ich hier den Blik auf den Zusammenhang der ganzen
Natur, und die Beziehung der leblosen auf die menschliche – die kein grosser
Naturkündiger versäumen wird – ganz übergehe, wie es denn überhaupt meine Absicht
ist, nur zu versuchen, das für sich minder Klare in ein helleres Licht zu
stellen.
9.
Diesem Grundsaze getreu, bleibe ich bei dem Philosophen nur bei dem
abstraktesten Metaphysiker stehen. Aber wenn auch dieser das ganze
Erkenntnissvermögen ausmessen soll, wenn es ferner von dem Gebiete der
Erscheinungen in das Gebiet der wirklichen Wesen keinen andren Weg, als durch die
praktische Vernunft giebt, wenn Freiheit und Nothwendigkeit eines allgemein
gebietenden Gesezes allein zu Beweisen für die wichtigsten, übersinnlichen
Principien führen können; so muss die mannigfaltigste Beobachtung der, in andren
und andren Graden gemischten menschlichen Kräfte auch diess Geschäft um vieles
erleichtern, und am sichersten das sehen lassen, was allgemein ist und sich in
jeder Mischung gleich erhält.
10.
Des Künstlers einziger Zwek ist Schönheit. Schönheit ist das
allgemeine, nothwendige, reine Wohlgefallen an einem Gegenstand ohne Begriff. Ein
Wohlgefallen, das nicht durch Ueberzeugung erzwungen werden kann und doch
abgenöthigt sein soll, das allgemein sein muss, und dessen Gegenstand nicht durch
den Begriff reizt, muss sich nothwendig auf die ganze Seelenstimmung des
Empfindenden in ihrer grössesten Individualität beziehen, wie auch schon die
unendliche Verschiedenheit in Geschmaksurtheilen zeigt. Wer es also hervorbringen
will, muss sein Wesen mit den feinsten und verschiedenartigsten Wesen gleichsam
identificirt haben, und wie ist diess ohne tiefes und anhaltendes Studium
möglich?
„Künstler und Dichter Genie eines Schakespears, Ossians, Homers und so
mancher andern waren durch kein anhaltendes Studium gebildet. Diese Männer
würden durch anhaltendes Studium an Vollendung gewonnen an Kraft aber —
etwas verlohren haben. Dem ungeachtet bin ich überzeugt dass ihre Werke
vollkommener geworden wären — wenn sie mehr jedoch nicht zuviel studieret
hätten. Allzuvieles Studium fremder Muster macht ängstlich; und der Funken
des eignen Genius erlischt alsdann.“ Dalberg. — Dalbergs
Anmerkungen berühren sich hie und da in Wendungen und Beispielen, worauf
hier nicht im einzelnen eingegangen werden soll, mit einigen Ausführungen
seiner „Commentatio de illustratione et amplificatione humani
intellectus", die 1776 und 1777 in den Acta academiae
clectoralis moguntinae scientiarum utilium, quae Erfurti est erschien; vgl. auch
den kurzen Auszug bei Beaulieu-Marconnay,
Karl von Dalberg und seine
Zeit 2, 301.
– Auch ausser dieser, zwar allgemein beweisenden, aber auch abstrakteren
Erörterung, gehört der Künstler gleichsam zur
Klasse der praktischen Menschen, und bedarf umsomehr alles desjenigen, was jenen
unentbehrlich ist, als er unmittelbar auf das Höchste und Edelste wirkt. Nicht
also bloss um als Mensch moralisch, sondern auch um als Künstler mit Erfolg zu
wirken, muss er den Gegenstand tief kennen, auf welchen er wirkt. – Endlich ist
sein Geschäft entweder Ausdruk oder Schilderung. Das Erstere bezieht sich allein
und unmittelbar, das Leztere, da die Schilderung sonst nicht gefasst wird,
mittelbar auf Empfindung, und so bleibt diese und der empfindende Mensch überhaupt
immer sein Hauptstudium.
11.
Von dem bloss Geniessenden endlich liesse sich eigentlich nichts
sagen, da der Eigensinn des Genusses keine Regel annimmt. Aber ich stelle mich
billig hier in die Stelle nicht gerade der edelsten Menschen, aber der Menschen
überhaupt in ihren edleren. Momenten. In diesen nun sind die Freuden der höchsten
Gattung die, welche man durch sich und andre empfängt, durch Selbstbeobachtung,
Umgang in allen Abstufungen, Freundschaft, Liebe. Je höher diese sind, desto eher
sind sie zerstört ohne ein scharfes Auffassen des wahren Seins seiner selbst und
andrer.
„Der Geschmack des tiefdenkenden forschenden Kunstkenners ist feiner und
zuverlässiger als der Geschmack desjenichen der sich immer und lediglich
denjenichen Eindrücken überlassen hat, so die Gegenstände durch zufällige
Einwürkungen und seine eigne weesentliche innere Anlage in ihm erregen.
Allein das Gefühl des erstern wird in sehr vielen Fällen nicht so innig,
nicht so lebhaft seyn, als das Gefühl des letzten. In der Dunkelheit,
Unbestimtheit seiner Begriffen legt dieser grenzenlosen Werth auf den
geliebten Gegenstand. Das Studium zeigt jenem durch Vergleichung und
Nachforschung die Grenzen und Unvollkommenheiten des geliebten Gegenstandes,
die Zauberkraft der Leidenschaft ist verschwunden; sein Verstand hat an
Erkentnis gewonnen; sein Herz hat an Empfindsamkeit verlohren. In Beziehung
auf ruhige Zufriedenheit hat er durch Studium gewonnen. Dann Kenntnisse
führen auf Wahrheit; Leidenschaft auf Abgründe von Irrthümern. Und deswegen
verdient das Studium des Menschen Empfehlung.“ Dalberg.
Diess aber ist nie möglich, ohne tiefes Studium des Men schen überhaupt. –
Diesen Freuden an die Seite treten nicht unbillig diejenigen, welche der
ästhetische Genuss der Werke der Natur und der Kunst gewährt. Diese wirken
vorzüglich durch Erregung der Empfindungen, welche durch die äussren Gestalten,
gleichsam als durch Symbole gewekt werden. Je mehr lebendige Ansichten möglicher
menschlicher Empfindungen nun das Studium des Menschen verschaft hat, desto mehr äussrer Gestalten ist die Seele empfänglich.
– Da ich des, aus der eignen Thätigkeit entspringenden Genusses schon mit dieser
Thätigkeit selbst im Vorigen erwähnt habe (7-10.), so bleibt mir nur noch der
sinnliche übrig. Aber auch dieser wird, indem die Phantasie ihm das reiche
Schauspiel seiner möglichen Mannigfaltigkeit nach der Verschiedenheit des
geniessenden Individuums zugesellt, und indem sie so gleichsam mehrere Individuen
in Eins vereint, vervielfacht, erhöht und verfeinert. – Endlich mindert sich durch
eine solche Ansicht das Gefühl auch des wirklichen Unglüks. Das Leiden, wie das
Laster, ist eigentlich nur partiell. Wer das Ganze vor Augen hat, sieht, wie es
dort erhebt, wenn es hier niederschlägt.
12.
Ich habe bis jezt den Menschen mit Fleiss abgesondert in einzelnen Energien
betrachtet. Zeigte sich aber auch in keiner die Unentbehrlichkeit der Kenntniss,
von der ich hier rede, so würde sie sich doch gerade dadurch bewähren, dass
sie vorzüglich nothwendig ist, um das einzelne Bestreben zu Einem Ganzen und
gerade zu der Einheit des edelsten Zweks, der höchsten, proportionirlichsten
Ausbildung des Menschen zu vereinen.
„Sollte nicht von dem Fortschritt der menschlichen Kultur ohngefehr eben
das gelten, was wir bey jeder Erfahrung zu bemerken Gelegenheit haben? Hier
aber bemerkt man 3 Momente. 1. Der Gegenstand steht ganz vor uns, aber
verworren und ineinander fliessend. 2. Wir trennen einzelne Merkmale und
unterscheiden. Unsere Erkenntniss ist deutlich aber vereinzelt und borniert.
3. Wir verbinden das Getrennte und das Ganze steht abermals vor uns, aber
jetzt nicht mehr verworren sondern von allen Seiten beleuchtet. In der
ersten Periode waren die Griechen.
In der zweyten stehen wir. Die dritte ist also noch zu hoffen, und dann wird
man die Griechen auch nicht mehr
zurück wünschen.“ Schiller. — Diese
Bemerkung Schillers, die Humboldt als eine genievolle
ldee
in einem Briefe vom 31. März
1793
Wolf mitteilt, wurde schon 1838
durch Varnhagen aus eben diesem
Briefe veröffentlicht und seitdem unter dem Titel „Kulturstufen“ in
Schillers Werke aufgenommen;
vgl. Sämmtliche Schriften 9, 404. Eine ähnliche
Anschauungsweise kehrt bei Schiller
häufig wieder; vgl. besonders Sämmtliche Schriften 10, 255.
294. 451. 484. Der Schlußgedanke klingt schon in der Vorlesung über
Universalgeschichte (ebenda 9, 99) an.
Denn das Beschäftigen einzelner Seiten der Kraft bewirkt leicht mindere
Rüksicht auf den Nuzen dieses Beschäftigens,
als Energie, und zu grosse auf den Unzen des Hervorgebrachten, als eines Ergon,
und nur häufiges Betrachten des Menschen in der Schönheit seiner Einheit führt den
zerstreuten Blik auf den wahren Endzwek zurük.
13.
So wirkt jene Kenntniss, wenn sie erworben ist, gleichsam als Material; aber
gleich heilsam und vielleicht noch heilsamer wirkt gleichsam ihre Form, die
Art sie zu erwerben. Um den Charakter Eines Menschen und noch mehr einer
noch vielseitigeren Nation in seiner Einheit zu fassen, muss man auch sich selbst
mit seinen vereinten Kräften in Bewegung sezen.
„Für den Lehrer humanistischer Wissenschaften, einen Wolf
Ernesti und s. w. ist dieses
Studium Hauptgeschäft — für den Man der sich dem thätigen Leben witmet; ist
es wie mir dünkt Nebensache. Anhaltendes Nachdenken kann leidenschaftliches
Vergnügen werden; und dann ist die Betriebsamkeit des practischen
Geschäftsmanns geschwächt. Literatur ist auch für ihn Hülfswissenschaft;
aber so viel er braucht kann er in der Jugend erlernt haben. Und allemahl
ist es für ihn in Nebenstunden angenehme Erhohlung und zuzeiten Stärkung
seines Geistes; aber nicht anhaltendes Studium.“ Dalberg.
Der Auffassende muss sich immer dem auf gewisse Weise ähnlich machen, das
er auffassen will. Daher entsteht also grössere Uebung, alle Kräfte gleichmässig
anzuspannen, eine Uebung, die den Menschen so vorzüglich bildet. – Wer sich mit
diesem Studium anhaltend beschäftigt, fasst ferner eine unendliche
Mannigfaltigkeit der Formen auf, und so schleifen sich gleichsam die Ekken seiner
eignen ab,
„Wenn alle Ecken abgeschliffen sind so wird alles glat rund und einförmig
werden. Hierin ist die Kunst der Ausbildung mit der Kunst des
Steinschleifers vergleichbar; der Diamant wird in seiner [Form] dadurch
verschönert: dass er viele Faceten erhaltet ohne ganz abgerundet zu werden.
Allzulanges Nachahmen, und Hineindenken in fremde Gesinnungen und Kunstwerke
verwischt das Eigenthümliche des Caracters ganz. Auch hierin est modus in
rebus. Scaliger, Casaubon, Salmasius waren die grösten Humanisten. Was sie
selbstgedachtes schrieben, ware sehr mitelmässig.“ Dalberg. — „Est modus in rebus, sunt certi
denique fines“ Horaz,
Satiren 1, 1, 106.
und aus ihr, vereint mit den aufgenommenen, entstehen ewig wiederum neue.
– So ist jene Kenntniss gerade darum heilsam, warum jede andre mangelhaft sein
würde, darum, dass sie, nie ganz erreichbar, zu unaufhörlichem Studium zwingt, und
so wird die höchste Menschlichkeit durch das tiefste Studium des Menschen
gewirkt.
14.
Das bis jezt betrachtete Studium des Menschen überhaupt an dem Charakter einer
einzelnen Nation, aus den von ihr hinterlassenen Denkmälern, ist zwar bei einer
jeden Nation in gewissem Grade möglich, in einem vorzüglicheren aber bei einer
oder der andren nach folgenden vier Momenten: 1., je nachdem die von ihr
vorhandnen Ueberreste ein treuer Abdruk ihres Geistes und ihres Charakters
sind, oder nicht. Jedes Produkt der Wissenschaft oder der Kunst hat
seine eigne, durch seine Natur bestimmte, gleichsam objektive, idealische
Vollkommenheit,
„Sollte es nicht wahr seyn dass Jeder diejeniche Nation vorzüglich
studieren muss auf die er als Lehrer, Schriftsteller, Geschäftsman oder als
Hausvatter würken will? Sonst mögte es ihm gehen [wie] dem berühmten Reisken
der wuste wie es in Arabien aussahe
und Leipzig nicht kannte woh er
wohnte. Eine Vernunft Vorstellung (1.dealisches Gedanken Bild) muss er sich
aus streng erwiesnen Gründen in seinem Geist zusammen setzen nach welchem er
in einzlen Fällen die besondre Eigenheiten beurtheilt. (Diese Eigenheiten
sind im Grund jedesmahl Vollkommenheiten oder Unvollkommenheiten.) Das
Hauptstudium in Literatur ist wie mir dünkt für den Teutschen teutsche Literatur; für den Engländer Englische
Literatur u. s. w. Die Griegische
Literatur ist allerdings sehr oft ein Gegenstand wichtiger scharfsinniger
Vergleichungen; doch ohnmassgeblich niemahlen Hauptsache.“ Dalberg.
aber selbst bei dem äussersten Annähern an diese Vollkommenheit prägt sich
dennoch die Individualität des Geistes, der es hervorbringt, mehr oder minder
darin aus, am meisten aber freilich da, wo am mindesten absichtlich auf die
Erreichung jener Vollkommenheit gesehen ist. Daher der objektive Werth und die
Individualität eines Geistesprodukts nicht selten im umgekehrten Verhältnisse
stehen. Am auffallendsten ist dieser Unterschied bei den eigentlichen
Geistesprodukten, weniger bei den Künsten, und unter diesen mehr bei den
energischen (Musik, Tanz) als bei den bildenden (Mahlerei, Bildhauerkunst).
15.
2., je nachdem der Charakter einer Nation Vielseitigkeit und Einheit
– welche im Grunde Eins sind
„bedürfte noch einer nähern Erklärung. Vielseitigkeit kann einem grossen
Theil unsrer Zeitgenossen nicht abgesprochen werden — aber Einheit?“,
Schiller. — Vgl. die
Ausführungen über Einheit und Mannigfaltigkeit in den Ästhetischen Briefen
(Sämmtliche Schriften 10, 282).
– besizt. Einzelne grosse und schöne Charakterzüge und ihre
Betrachtung hat ihren unbestrittenen, aber
hieher nicht gehörigen Nuzen. Das Studium des Menschen überhaupt an einem
einzelnen Beispiel erfordert Mannigfaltigkeit der verschiednen Seiten des
Charakters, und Einheit ihrer Verbindung zu Einem Ganzen.
16.
3., je nachdem eine Nation reich ist an Mannigfaltigkeit der verschiedenen
Formen. Es kommt also hier wieder nicht sowohl darauf an, ob die Nation,
deren Studium jenen Nuzen gewähren soll, auf einem vorzüglichen Grade der
Ausbildung oder der Sittlichkeit stehe, sondern bei weitem mehr darauf, ob sie von
aussen reizbar, und von innen beweglich genug ist, eines grossen Reichthums der
Gestalten empfänglich zu sein.
17.
4., je nachdem der Charakter einer Nation von der Art ist, dass er
demjenigen Charakter des Menschen überhaupt, welcher in jeder Lage, ohne
Rüksicht auf individuelle Verschiedenheiten da sein kann und da sein sollte, am
nächsten kommt. Verschiedenheiten dieser Art unter Nationen zeigt auch
eine oberflächliche Vergleichung; Nationen, die eine so lokale Ausbildung haben,
dass ihr Studium mehr Studium einer einzelnen Menschengattung, als der
Menschennatur überhaupt ist,
„Indier, Chinesen.“ Wolf.
und Nationen, in welchen sich auf der andren Seite diese Menschennatur
hauptsächlich austrugt. Das, wovon ich hier rede, kann aus doppeltem Grunde
entstehen, einmal durch Mangel der Individualität, durch Nichtigkeit, zweitens
durch Einfachheit des Charakters. Nur das Leztere ist heilsam. – Das Studium des
Menschen gewönne am meisten durch Studium und Vergleichung aller Nationen aller
Länder und Zeiten. Allein ausser der Immensität dieses Studiums kommt es mehr auf
den Grad der Intension an, mit dem Eine Nation, als auf den der Extension, mit
welchem eine Menge von Nationen studirt wird. Ist es also rathsam, bei Einer oder
einem Paar stehen zu bleiben; so ist es gut, diejenigen zu wählen, welche
gleichsam mehrere andre repräsentiren.
18.
Dass nach diesen 4 Momenten die alten Nationen die sind, deren Studium jenen hier
allein ausgeführten Nuzen der Kenntniss und
Bildung des Menschen am reichsten gewähret, soll die Folge zu zeigen bemüht sein.
– Alte nenne ich hier ausschliessend die Griechen, und unter diesen oft ausschliessend die Athener. Die
Gründe hievon werde ich, wenn sie sich nicht durch die Folge des Raisonnements von
selbst entdekken, weiter unten noch mit Einem Worte berühren. – l. Moment. (14.)
Die Ueberreste der Griechen tragen die
meisten Spuren der Individualität ihrer Urheber an sich. Die beträchtlichsten sind
die litterarischen. In diesen fällt der Betrachtung zuerst die Sprache auf. In
einer Sprache entstehen Abweichungen von der Individualität der Sprechenden
vorzüglich aus folgenden 3 Gründen: 1., durch Entlehnen von Wörtern oder
Redensarten aus fremden Sprachen. 2., durch das Bedürfniss, völlig allgemeine und
abstrakte Begriffe, worauf sich vorhandene Wörter nicht gut anwenden lassen
wollen, entweder durch völlig neugebildete, oder gewaltsam übertragene Ausdrükke
zu bezeichnen, wobei die Abweichung des neuen Ausdruks immer in dem Grade grösser
ist, als ein Volk weniger reizbare und schaffende Phantasie besizt, den abstrakten
Begriff unter einem, aus seinem bisherigen Vorrath genommenen sinnlichen Bilde zu
fassen. 3., durch Nachdenken über die Natur der Sprache überhaupt, und die
Analogie der eignen insbesondre, woraus viele Abänderungen des durch den
Sprachgebrauch Eingeführten, und näher mit der Individualität der Lage der
Redenden Verknüpften vorzüglich im Syntax und in der Grammatik überhaupt
entspringen. Nun waren die Griechen mit
keinem einzigen höher gebildeten Volke vor oder neben ihnen in allgemeiner und
vertrauter Bekanntschaft;
„Die Geschiche enthaltet sichere Spuhren dass die Tirier den wilden Griegen zum gesitteten Menschen bildeten.“
Dalberg.
es finden sich daher in ihrer Sprache nur fremde Wörter, und auch diese
gegen das Ganze nur in unbedeutender Anzahl, von fremden Beugungen und
Konstruktionen wenigstens keine deutliche Spur. So fällt jener erste Grund hinweg.
Nicht minder aber die beiden lezteren, da in Vergleichung mit der sehr frühen
Ausbildung der Sprache sehr spät eine bestimmtere Philosophie und noch später
Philosophie der Sprache entstand,
„Hierin hat wie mir dünkt die Griegische Literatur keinen besondern Vorzug; dann alle diese
Züge kann man wie mir dünkt auch auf teutsche Literatur anwenden. Wer
Otfrieden, die Minesinger,
Bragur
Adelung Heinatz u. a. studieren
will wird sich davon überzeugen. Die Literar-Geschichte einer jeden Sprache
eines jeden Volks hat die nemliche Stufen erstiegen.“ Dalberg. — Gräters und Böckhs
„Bragur, ein literarisches Magazin der deutschen
und nordischen Vorzeit“ begann 1791 zu
erscheinen; vgl. darüber
Raumer
, Geschichte der germanischen
Philologie
S. 285.
und in Rüksicht auf den zweiten Grund
insbesondre kein Volk leicht eine so reiche Phantasie im Schaffen metaphorischer
Ausdrücke besizt, als den Griechen eigen
war. – Einzelne Beispiele in Absicht der Bildung der Wörter, der Beugungen und
Verbindungen könnten hier die Uebereinstimmung der Sprache der Griechen mit ihrem Charakter zeigen.
19.
Die Geistesprodukte selbst sind Geschichte, Dichtung (wozu ich hier Kunst
überhaupt rechne) und Philosophie. – Die Geschichte ist grossentheils Griechische, und wo sie es auch nicht ist, sind
wenigstens die früheren griechischen
Geschichtschreiber noch zu wenig gewohnt, mehrere Völker zu vergleichen,
„Der älteste Geschichtschreiber der Griegen ist Herodot
der die Thatsachen aller Völker und Gegenden aufzufassen suchte.“ Dalberg.
und Eignes und Fremdes von einander abzusondern, auch zu sehr mit allem
Vaterländischen beschäftigt, als dass nicht sehr oft der Grieche durchblikken
sollte. In der Griechischen Geschichte
selbst aber macht eine Zusammenkunft mehrerer Umstände, wozu ich vorzüglich den
grösseren Einfluss einzelner Personen auf die öffentlichen Angelegenheiten, die
Verbindung des religiösen Zustandes mit dem politischen, und des häuslichen mit
dem religiösen,
„Unsre alten Croniken und Schriftsteller des Mitelalters sind in kleinen
Zügen noch weit reichhaltiger: und manche z. B. die Schweitzer Croniken stehen in Zügen des
Edelmuths keiner Geschichte nach.“ Dalberg.
ferner den kleinen Umfang der Geschichte selbst, der ein grösseres Détail
erlaubte, endlich die noch mehr kindischen Ideen von Merkwürdigkeit und
Wichtigkeit rechne, dass die alte Geschichte unendlich mehr Charakter- und
Sittenschilderungen enthält, als die neuere.
20.
Wenn Dichtung und Geschichte gesondert sein soll, so sezt diess schon
bestimmtere Ideen über Möglichkeit und Unmöglichkeit, Wahrscheinlichkeit und
Unwahrscheinlichkeit, mit Einem Worte Kritik voraus. Diese erhielten die
Griechen erst spät, und vorzüglich
durch die Verbindung ihrer Fabel mit Religion und Nationalstolz später, als sich
sonst hätte erwarten lassen. Sehr lange ist also
Dichtung und Geschichte gar nicht gesondert, und als sie wirklich sich mehr von
einander trennten, durfte der Künstler, der nicht sowohl für Kenner und
Dilettanten der schönen Künste, als für ein Volk arbeitete, das in dem Kunstwerk
nicht die Kunst allein, auch sich und seinen Ruhm sehen wollte, sich nicht von dem
entfernen, was Eindruk auf diess Volk zu machen im Stande und also mit seiner
Individualität nah verwandt war. Wie hätten auch wirkliche Abänderungen der Fabel
durch den Künstler nicht wieder im höchsten Grade Griechisch werden sollen, da er keine fremde Muster vor sich
hatte,
„Höchstwahrscheinlich hatten die Griegen Egiptische
Muster vor sich; welche hohen Geschmack und Ebenmaass in manche Werke
brachten, wie Winkelman sehr
scharfsinnig gezeigt hat.“ Dalberg.
— Vgl. Winckelmann,
Geschichte der Kunst des Altertums S. 39 Lessing.
und selbst die eigentliche Theorie der Künste erst später entstand? –
Ferner entsprangen alle vorzüglichste Arten der Dichtung – epische, tragische,
lyrische – bei den Griechen aus Sitten und
öffentlichen Einrichtungen, bei Gastmählern, Festen, Opfern, und so behielten sie
bis in die spätesten Zeiten einen Anstrich dieses historischen, nicht eigentlich
ästhetischen Ursprungs.
„Überhaupt bin ich mit dem
Herrn Verfasser überzeugt dass
in Beziehung auf Geschmack bildende Künste und wahre Begriffe von Schönheit
die Griegen eine sehr hohe Stufe der
Vollkommenheit erreicht haben; und hierin ihre Werke der wichtigste
Gegenstand eines Hauptstudiums sind.“ Dalberg.
21.
Die Philosophie sollte am wenigsten Spuren der Eigenthümlichkeit des
Philosophirenden tragen. Aber die praktische zeigte bei den Griechen immer in einem sehr hohen Grade den
Griechen, und die spekulative that
diess wenigstens auch sehr lange.
„Auch in der Philosophie entlehnten die Griegen sehr viel von Egiptern; wie Brucker und andre gezeigt haben.“ Dalberg. — Vgl. Brucker, Historia critica
philosophiae a mundi incunabulis ad nostram usque aetatem deducta
1, 364.
Gegenblik auf moderne Nationen. – Ihre Sprache (18.) durch Entlehnen von fremden,
und Philosophie in hohem Grade umgebildet. – Selbst ihre vaterländische Geschichte
(19.) durch Vertrautheit mit allen Zeiten und Erdstrichen, und andre
zusammenkommende Ursachen minder individuell erzählt. – Ihre Dichtung (20.) fast
ganz aus fremder Mythologie genommen, und nach ob-
jektiven allgemeinen Theorien geformt. – Ihre Philosophie (21.) abstrakt und
allgemein.
22.
2. Moment. (15.) Der Grieche in der Periode, wo wir die erste vollständigere
Kenntniss von ihm haben, steht noch auf einer sehr niedrigen Stufe der
Kultur. In diesem Zustande wird, da der Bedürfnisse und
Befriedigungsmittel nur wenige sind, immer weit mehr Sorgfalt auf die Entwicklung
der persönlichen Kräfte, als auf die Bereitung und den Gebrauch von Sachen
verwandt. Der Mangel dieser Hülfsmittel macht auch jene Entwicklung nothwendiger.
Da überhaupt noch keine Veranlassung vorhanden ist, einzelne Seiten vorzüglich zu
beschäftigen, da der Mensch nur schlechthin dem Gange der Natur folgt; so ist, wo
er handelnd oder leidend wird, sein ganzes Wesen um so mehr vereint in Thätigkeit,
als er vorzüglich durch Sinnlichkeit afficirt wird, und gerade diese am stärksten
das ganze Wesen ergreift. Es ist daher bei Nationen auf einer niedrigeren
Stufe der Kultur verhältnissmässig mehr Entwikklung der Persönlichkeit in ihrem
Ganzen, als bei Nationen auf einer höheren.
„Ganz gewiss, weil (gelehrt) kultivirte Nationen durch Regeln, die immer
etwas allgemeines sind, Naturvölker durch Gefühle sich bestimmen. Die
Vernunft erzeugt Einheit und darum oft Einförmigkeit; der Sinn bringt
Mannigfaltigkeit.“ Schiller. — Vgl.
Sämmtliche Schriften 10, 284.
23.
„Dieser § braucht und verdient Erläuterung. Es wird auch nöthig seyn zu
bestimmen, wann eigentlich die erste Periode gesezt wird.“ Schiller.
Bei den Griechen zeigt sich aber ein
doppeltes, äusserst merkwürdiges, und vielleicht in der Geschichte einziges
Phänomen. Als sie noch sehr viele Spuren der Rohheit anfangender Nationen
verriethen, besassen sie schon eine überaus grosse Empfänglichkeit für jede
Schönheit der Natur und der Kunst, einen feingebildeten Takt, und einen
richtigen Geschmack, nicht der Kritik, aber der Empfindung, und finden
sich Instanzen gegen diesen Takt und diesen Geschmak so ist wenigstens jene
Reizbarkeit und Empfänglichkeit unläugbar; und wiederum als die Kultur schon
auf einen sehr hohen Grad gestiegen war, er-
hielt sich dennoch eine Einfachheit des Sinns und Geschmaks, den man sonst nur
in der Jugend der Nationen antrift.
„Die Kultur der Griechen war bloss
ästhetisch und davon glaube ich müsste man ausgehen, um dieses Phänomen zu
erklären. Auch muss man nicht vergessen, dass die Griechen es auch im Politischen nicht über
das Jugendliche Alter brachten, und es ist sehr die Frage ob sie in einem
männlichen Alter dieses Lob noch verdient haben würden.“ Schiller. — Vgl. die ähnlichen Urteile
Sämmtliche Schriften 9, 156. 160. 173. 10, 289.
Die Entwikklung der Ursachen hievon gehört nicht hieher. Genug das
Phänomen ist da. In seinem ersten Lallen verräth der Grieche feines und richtiges
Gefühl; und in dem reifen Alter des Mannes verliert er nicht ganz seinen ersten
einfachen Kindersinn. Hierin, dünkt mich, liegt ein grosser Theil des eigentlich
Charakteristischen der Nation.
24.
„Diese ganze fürtrefliche Stelle ist mit so zarten und zugleich so richtig
bestimten Zügen gezeichnet dass man daran erkennt wie sehr der edle
Verfasser seinen sanften und schönen Geist mit denen lieblichsten Früchten
genährt hat welche die schönste Zeiten Athens erzeugten. Können aber diese Früchten als allgemeine
Nahrung empfohlen werden für den roheren aber auch kraftvollern ernsthaftern
Geist des Tertschen? Würden ihm nicht die gegenwärtige Zeiten, und der Geist
seiner Zeitgenossenen aneklen? Derjeniche der in griegischem Geist empfinden denken handlen würde mögte wohl
von seinen Zeitgenossenen miskant, und unwürksam werden. Meines Erachtens
sollte für den Teutschen die
teutsche Literatur Hauptstudium
seyn, und die Schönheit griegischer
Blumen diene dazu dasjeniche auszuschmücken was der teutsche männliche
starke Sinn nach eignen und gegenwärtigen Verhältnissen und Bedürfnissen
erzeugt.“ Dalberg.
Da sich die den Griechen eigenthümliche
Reizbarkeit für das Schöne (23.) mit der, bei allen minder kultivirten Nationen
gewöhnlichen grösseren Aufmerksamkeit auf die Entwikklung der persönlichen, und
vorzüglich der körperlichen Kräfte (22.) und mit dem in griechischem Klima besonders stark wirkenden Hange
zur Sinnlichkeit verband; musste Sorgfalt für die Ausbildung des Körpers zu Stärke
und Behendigkeit um so nothwendiger entspringen, als auch die äussere Lage beides
unentbehrlich machte, und der Ausdruk von beidem in dem Aeussren der Bildung bei
einem leicht beweglichen Schönheitssinn Achtung und Liebe gewinnen. Aber auch da
die Kultur sehr hoch gestiegen war, und längst die vorzügliche Achtung der
körperlichen Kraft verdrängt hatte, erhielt sich dennoch immer mehr, als bei
irgend einem andren Volke die Sorgfalt für die Ausbildung der körperlichen Stärke, Behendigkeit und Schönheit. Wo nun noch
allgemeine und abstrakte Begriffe selten sind, und die Empfänglichkeit für das
Schöne in so hohem Grade prädominirt, da muss man sich auch die bloss geistigen
Vorzüge natürlich zuerst unter diesem Bilde darstellen, und in einer griechischen Seele verschmolz körperliche und
geistige Schönheit so zart in einan der, dass noch jezt die Geburten jenes
Verschmelzens, z.B. die Raisonnements über Liebe in Platon ein wahrhaft entzükkendes Vergnügen gewähren. War aber auch
diese Stimmung in diesem Grade nur einzeln und individuell, so lässt sich doch
soviel überhaupt als historisches Faktum aufstellen, dass die Sorgfalt für
die körperliche und geistige Bildung in Griechenland sehr gross und vorzüglich von Ideen der Schönheit
geleitet war.
25.
„Diese schöne für mich sehr lehrreiche Stelle beweist dass ganz gewiss die
Griegen in Beziehung auf
Schönheit die vollkommenste Werke erzeugen, welche mit Recht [als]
ästetische Muster empfohlen werden.“ Dalberg.
Wenn nun irgend eine Vorstellung menschlicher Vollkommenheit Vielseitigkeit und
Einheit hervorzubringen im Stande ist; so muss diess diejenige sein, die von dem
Begriff der Schönheit und der Vorstellung der sinnlichen ausgeht. Dieser
Vorstellungsart zufolge darf es dem moralischen Menschen ebensowenig am richtigen
Ebenmaasse der einzelnen Charakterseiten mangeln, als einem schönen Gemählde oder
einer schönen Statue an dem Ebenmaasse ihrer Glieder; und wer, wie der Grieche,
mit Schönheit der Formen genährt, und so enthusiastisch, wie er, für Schönheit und
vorzüglich auch für sinnliche gestimmt ist, der muss endlich gegen die moralische
Disproportion ein gleich feines Gefühl besizen, als gegen die physische. Aus allem
Gesagten ist also eine grosse Tendenz der Griechen, den Menschen in der möglichsten Vielseitigkeit und
Einheit auszubilden, unläugbar.
Bemerken muss ich hier – und zwar gerade hier, weil hier am leichtesten der
Einwurf entstehen kann, dem die Bemerkung begegnen soll – dass, was hier von dem
Charakter der Griechen gesagt ist, zwar
unmöglich von einer ganzen Nation in allen ihren einzelnen Individuen buchstäblich
wahr sein kann. Gewiss ist es aber doch, dass es
einzelne Individuen der beschriebnen Stimmung wirklich gab, dass diese nicht
allein häufiger, als anderswo existirten, sondern dass auch gleichsam Nüancen
dieser Stimmung in der ganzen Nation verstreut waren, und dass die Schriftsteller,
vorzüglich die Dichter und Philosophen – gleichsam der Abdruk des Geistes des
edelsten Theils der Nation – auf solche Charaktere vorzüglich führen; und mehr ist
nicht nothwendig, um die Erreichung des Zweks möglich zu machen, zu welchem hier
das Studium der Alten empfohlen wird.
26.
Diese Sorgfalt für die Ausbildung und diese Art der Ausbildung des Menschen zu
befördern, trugen noch andre, in der äussren Lage der Griechen gegründete Umstände bei. Zu diesen rechne ich vorzüglich
folgende; 1., die Sklaverei. Diese überhob den Freien eines grossen
Theils der Arbeiten, deren Gelingen einseitige Uebung des Körpers und des Geistes
– mechanische Fertigkeiten – erfordert.
„Es ist aber doch sonderbar, dass die Sklaverey im Mittelalter keine
einzige Spur eines ähnlichen Einflusses zeigt. Die Verschiedenheit der
übrigen Umstände erklärt zwar viel aber nicht alles.“ Schiller. — Vgl. die Ausführungen über
diesen Gegenstand in den Sämmtlichen Schriften 9, 230.
Er hatte nun Musse, seine Zeit zur Ausbildung seines Körpers durch
Gymnastik, seines Geistes durch Künste und Wissenschaften, seines Charakters
überhaupt durch thätigen Antheil an der Staatsverfassung, Umgang, und eignes
Nachdenken zu bilden. – Dann erhob auch den Freien die Vorstellung seiner Vorzüge
vor dem Sklaven, die er nicht bloss dem Glük zu danken glaubte, sondern auf die er
durch persönliche Erhabenheit, und – bei der, freilich durch ihren Stand
entsprungnen Herabwürdigung der Sklaven – mit Recht, Anspruch machte;
„Gegen diese Bemerken lässt sich wie mir dünkt manches einwenden: auch
Sclaven witmeten sich oft denen schönen Künsten. Die Sklaven waren
gröstentheils Kriegsgefangene von sehr edlem Ursprung u. s. w.“ Dalberg.
die er auch zum Theil, wie bei der Vertheidigung des Vaterlandes, mit
Gefahren und Beschwerden erkaufte, die der Sklave nicht mit ihm theilte. – Hieraus
zusammengenommen bildete sich die Liberalität, die sich bei keinem Volke wieder in
dem hohen Grade findet, d.i. diese Herrschaft edler, grosser, eines Freien
wahrhaft würdiger Gesinnungen in der Seele, und dieser lebendige Ausdruk derselben
in der Stattlichkeit der Bildung und der Grazie der Bewegungen des Körpers.
27.
2., die Regierungsverfassung und politische Einrichtung überhaupt.
Die einzige eigentlich gesezmässige Verfassung in Griechenland war die republikanische, an welcher jeder Bürger mehr
oder minder Antheil nehmen konnte. Wer also etwas durchzusezen wünschte, musste,
da ihm Gewalt fehlte, Ueberredung gebrauchen. Er konnte also Studium der Menschen,
und Fähigkeit sich ihnen anzupassen, Gewandtheit des Charakters, nicht entbehren.
Aber das oft überfein ausgebildete Volk verlangte noch mehr. Es gab nicht bloss
der Stärke oder der Natur der Gründe nach, es sah auch auf die Form, die
Beredsamkeit, das Organ, den körperlichen Anstand. Es blieb also beinah keine
Seite übrig, welche der Staatsmann ungestraft vernachlässigen durfte. Dann
erforderte die Staatsverwaltung noch nicht abgesonderte weitläuftige Fächer von
Kenntnissen, noch Talente dieser Art. Die einzelnen Theile derselben waren noch
nicht so getrennt, dass man sich ausschliessend für sein Leben nur Einem gewidmet
hätte. Dieselben Eigenschaften, die den Griechen zum grossen Menschen machten, machten ihn auch zum
grossen Staatsmann.
„Es gab bey den Griechen kein
herrschendes Verdienst. Die geringste Virtuosität erhielt Huldigung, und der
Komödiant war unsterblich wie der Feldherr. Bey den Römern verschlang der Staatsmann alle
Aufmerksamkeit der Nation.“ Schiller.
So fuhr er, indem er an den Geschäften des Staats Theil nahm, nur fort,
sich selbst höher und vielseitiger auszubilden.
28.
3., die Religion. Sie war ganz sinnlich,
„nicht bloss sinnlich, sondern die freieste Tochter der Phantasie. Es war
kein Kanon vorhanden, der der Dichtungskraft Fesseln anlegte.“ Schiller. — Ähnlich heißt es von den
Griechen in der Abhandlung über
das Naive (Sämmtliche Schriften 10, 444): „Ihre Götterlehre
selbst war die Eingebung eines naiven Gefühls, die Geburt einer fröhlichen
Einbildungskraft.“
beförderte alle Künste, und erhob sie durch ihre genaue Verbindung mit der
Staatsverfassung zu einer bei weitem höheren Würde und grösseren
Unentbehrlichkeit. Dadurch nährte sie nicht allein das Schönheitsgefühl, von dem
ich oben sprach (24.), sondern machte es auch, da an ihren, immer von den Künsten
begleiteten Cärimonien das ganze Volk Theil nahm, allgemeiner. Indem nun, wie ich
vorhin (25.) zu zeigen versucht, diess Schönheitsgefühl die richtige und gleichmässige Ausbildung des Menschen beförderte,
trug sie mittelbar hiezu ganz vorzüglich bei.
29.
4., den Nationalstolz. Wie der Grieche überhaupt einen hohen Grad von
Lebhaftigkeit und Reizbarkeit besass, so drukte sich diese vorzüglich stark in dem
Gefühl für Ehre und Nachruhm aus, und bei der engen Verbindung des Bürgers mit dem
Staat in Gefühl für Ehre der Nation. Da nun der Werth der Nation auf dem Werthe
ihrer Bürger beruhte, und von diesem vorzüglich ihre Siege im Kriege und ihre
Blüthe im Frieden abhieng, so verdoppelte dieser Nationalstolz die Aufmerksamkeit
auf die Ausbildung des persönlichen Werths. – Dann eignete sich der Ruhm der
Nation jedes Verdienst oder Talent eines Einzelnen ihrer Mitbürger zu. Die Nation
nahm also jedes in Schuz, und hieraus entstand ein neuer Grund der Achtung für
Künste und Wissenschaften.
30.
5., die Trennung Griechenlands in
mehrere kleine Staaten.
„Sehr wichtig.“ Dalberg.
Wenn ein Staat allein und für sich existirt; so nimmt die Ausbildung
seiner Kräfte den Weg, den eine einzelne Kraft nehmen muss. Sie erhöht sich in
sich, und wenn sie ein gewisses Maass erreicht hat, artet sie in etwas andres aus.
Ihre Ausartungen sind aber immer in ihr allein motivirt, und damit ist allemal
Einseitigkeit, nur mehr oder minder, verbunden. In Griechenland aber machte die gegenseitige Gemeinschaft der
verschiednen Nationen, die fast alle auf verschiednen Graden der Kultur standen,
und eine sehr verschiedne Art der Ausbildung besassen, dass sich von einer Nation
auf die andre manches übertrug, und wenn auch, bei der Einrichtung der alten
Nationen, das Fremde nur schwer bei ihnen Eingang finden konnte, so gieng doch
immer mehr über, als wenn jede abgesondert existirt hätte. Diess geschah aber um
so mehr, als doch alle immer Griechen, und
also in der ursprünglichen Anlage der Charaktere einander gleich waren, so dass
dadurch Uebergänge der Sitten von der einen zur andren erleichtert wurden. – Ja
wenn auch diese nicht Statt fanden, machte dennoch das blosse neben einander
Existiren und die gegenseitige Eifersucht, dass die eine Vorzüge nicht
vernachlässigen durfte, durch welche die andre
überlegen werden konnte, und aufs mindeste sezte diese Eifersucht die Kräfte einer
jeden in thätigere Bewegung.
„Diese schöne Bemerkung ist wie mir dünkt auch auf Teutschland und die Europäische Republick einicher maassen
anwendbar.“ Dalberg.
31.
3. Moment. (16.) Viele zusammenkommende Ursachen brachten zwar bei den Alten sehr
entschiedene Nationalcharaktere und daher weniger Diversität in dem Charakter und
der Ausbildung der einzelnen Bürger hervor, und so herrschte unter diesen von
dieser Seite eine verhältnissmässig geringere Mannigfaltigkeit, als unter den
Neueren. Allein auf der andren Seite machten doch auch hievon die mehr
wissenschaftlich gebildeten Nationen eine beträchtliche Ausnahme, und ausserdem
kamen 2 Umstände zusammen, jene Mannigfaltigkeit wieder, und vielleicht um mehr zu
befördern, als sie von jener Seite her litt. 1., die Phantasie des
Griechen war so reizbar von aussen,
und er selbst in sich so beweglich, dass er nicht bloss für jeden
Eindruk in hohem Grade empfänglich war, sondern auch jedem einen grossen Einfluss
auf seine Bildung erlaubte, durch den wenigstens die ihm an sich eigenthümliche
eine veränderte Gestalt annahm.
32.
2., die Religion übte schlechterdings keine Herrschaft über den Glauben und
die Gesinnungen aus, sondern schränkte sich auf Cärimonien ein, die
jeder Bürger zugleich immer von der politischen Seite betrachtete; und
ebensowenig legten die Ideen von Moralität dem Geiste Fesseln an, da
dieselbe nicht auf einzelne Tugenden und Laster, nach dem Maasse einer einseitig
abgewägten Nüzlichkeit oder Schädlichkeit beschränkt war, sondern vielmehr
überhaupt nach Ideen der Schönheit und Liberalität bestimmt wurde.
33.
4. Moment. (17.) Ein den Griechischen
Charakter vorzüglich auszeichnender Zug ist, wie oben (23.) bemerkt worden, ein
ungewöhnlicher Grad der Ausbildung des Gefühls und der Phantasie in einer noch
sehr frühen Periode der Kultur, und ein treueres Bewahren der kindlichen
Einfachheit und Naivetät in einer schon ziemlich
späten.
„Diese Stelle enthaltet die sehr fruchtbare Wahrheit, dass man die
Aufmerksamkeit in neuern Zeiten viel zu wenig auf innern Lebensgenus
richtet. Ein fürtrefliches Studium bestehet wie mir dünkt in Beobachtung der
Kinder und ihrer fortschreitenden Entwiklung, da liest man täglich im
lebendigen Buch der Natur und lernt den Menschen in seiner weesentlichen
Anlage kennen.“ Dalberg.
Es zeigt sich daher in dem Griechischen Charakter meistentheils der ursprüngliche Charakter
der Menschheit überhaupt, nur mit einem so hohen Grade der Verfeinerung
versezt, als vielleicht nur immer möglich sein mag; und vorzüglich ist der Mensch,
welchen die Griechischen Schriftsteller
darstellen, aus lauter höchst einfachen, grossen und – wenigstens aus gewissen
Gesichtspunkten betrachtet – immer schönen Zügen zusammengesezt. Das Studium eines
solchen Charakters muss in jeder Lage und jedem Zeitalter allgemein heilsam auf
die menschliche Bildung wirken, da derselbe gleichsam die Grundlage des
menschlichen Charakters überhaupt ausmacht.
„Aber gar nicht zu reden von den wissenschaftlichen Vorzügen der Griechen!!“ Wolf.
Vorzüglich aber muss es in einem Zeitalter, wo durch unzählige vereinte
Umstände die Aufmerksamkeit mehr auf Sachen, als auf Menschen, und mehr auf Massen
von Menschen, als auf Individuen, mehr auf äussren Werth und Nuzen, als auf innere
Schönheit und Genuss gerichtet ist, und wo hohe und mannigfaltige Kultur sehr weit
von der ersten Einfachheit abgeführt hat, heilsam sein, auf Nationen
zurükzublikken, bei welchen diess alles beinah gerade umgekehrt war.
34.
Ein zweiter vorzüglich charakteristischer Zug der Griechen ist die hohe Ausbildung des
Schönheitsgefühls und des Geschmaks und vorzüglich die allgemeine Ausbreitung
dieses Gefühls unter der ganzen Nation, wovon sich Beispiele in Menge
aufzählen lassen.
„fürtreflich. und sehr richtig.“ Dalberg.
Nun aber ist keine Art der Ausbildung in allen Zeiten und Erdstrichen so
unentbehrlich, als gerade diese, die das ganze Wesen des Menschen, wie es an sich
beschaffen sein möge, erst gleichsam in Eins vereint, und ihm die wahre Politur
und den wahren Adel ertheilt; und nun ist auch gerade keine jezt und bei uns so
nothwendig, als diese, da es bei uns so eine Menge von Tendenzen giebt, die geradezu von allem Geschmak und Schönheitsgefühl
entfernen müssen.
35.
„Nach meiner Überzeugung muss der Mensch diejeniche Gegenstände am
genauesten kennen am sorgfältigsten studieren die ihm am nächsten liegen;
weilen eigentlich diese Gegenstände diejenichen sind welche unaufhörlich auf
ihn würken, und auf die er unaufhörlich zurückwürkt; weilen in würken und
rückwürken der Gebrauch menschlicher Kräften und der Entzweck des
menschlichen Daseyns ist; und weilen die menschliche Vernunft diese Würkung
alsdann auf die möglichst zweckmässigste Weiss leitet, wenn er diejeniche
Gegenstände durch anhaltendes Studium am genauesten kennt auf welche er
vermög Zeit und Glücks Umständen und innern Anlagen am meisten würken kann
und wechselweiss nach diesen nemlichen Umständen auf ihn würken. Nach diesem
Grundsatz stehen die Gegenstände der Studien für den Menschen in folgendem
Verhältniss von Wichtigkeit. 1.) Selbstkentniss. 2.) Kenntniss seiner
Berufgeschäften und Wissenschaften. 3.) Kenntnis der Personen welche seine
Familien Verhältnis ausmachen. 4.) Kentnis derjenichen Menschen mit welchen
er vermöge seiner Berufs-Geschäften zu thun hat. Mithin 5.) Kenntniss seiner
Landsleuten; ihrer Sitten Begrifen, Neigungen, u. s. w. und zu dieser
Kenntnis ist das Studium der Literatur seiner Mutersprache ein wichtiges
Hülfsmittel. 6.) Andre Kenntnisse sind ihm in dem Verhältniss wichtig als
sie in seinem Würkungs-Kreiss ihm selbsten als Mitelpunct nah liegen. 7.)
Nach diesem Maassstab verdient meines Erachtens die Griegische Literatur nur in so weit einen
Vorzug als sie die vollkommenste Muster des besten Geschmacks enthaltet; und
zu der ästetischen Ausbildung des Geistes beytragen kann.“ Dalberg.
So ist die Stimmung des Charakters der Griechen nach allen oben aufgezählten Momenten überaus
vortheilhaft für das Studium des Menschen überhaupt an derselben, als einem
einzelnen Beispiele. Aber diess Studium ist auch bei ihnen vorzüglich
möglich aus folgenden 2 Umständen: 1., hat sich eine überaus
beträchtliche Menge von Denkmälern der Griechischen Welt erhalten, vorzüglich eine Menge litterarischer,
welche in jeder Rüksicht zu dem gegenwärtigen Zwekke die wichtigsten sind. 2.,
erfordert das Studium einer Nation, und vorzüglich aus ihren Denkmälern, ohne
lebendiges Anschauen, wenn es irgend gelingen soll, sowohl an sich einen
entschiedenen Nationalcharakter, als auch überhaupt abgeschnittene, mit denen des
Studirenden kontrastirende Züge. Nun aber geht die Bildung des Menschen in Massen
immer der Bildung der Individuen voraus, und darum und aus andren hinzukommenden
Ursachen haben alle anfangende Nationen sehr entschiedene und abgeschnittene
Nationalcharaktere. Bei den Griechen aber
vereinigten sich, diess zu befördern, noch andre, ihnen eigenthümliche
Umstände.
36.
Giebt man zu, dass man in der That zu dem hier ins Licht gestellten Endzwek des
Studiums Einer Nation vorzugsweise bedarf; so lässt sich nun auch bald
entscheiden: ob leicht eine andre an die Stelle der Griechischen treten könne? Es müssten
nemlich von einer solchen alle hier aufgestellte Gründe und zwar, welches wohl zu
bemerken ist, zusammengenommen gelten, oder die mangelnden durch andre gleich
wichtige ersezt werden. Die stärksten unter denselben aber beruhten alle mittelbar
und unmittelbar darauf, dass die Griechen,
wenigstens für uns, eine anfangende Nation sind.
„Anfangend ist keine Nation. Die Griegen schöpften von Tirier und Egipter,
die Römer von Griegen, wir von Römern; die Amerikaner von uns.“ Dalberg.
(18-23. 33. 35.) Diess Erforderniss wird also auch unumgänglich nothwendig
und unerlasslich sein. Ob sich nun in irgend einem noch unentdekten Erdstrich eine
solche Nation zeigen wird,Vergl.
Kants Krit. d.
Urtheilskraft. S. 258—260.
Dieses falsche Zitat ist zuerst von Walzel in der Zeitschrift für die österreichischen Gymnasien 48, 895
richtiggestellt worden: gemeint ist die Erörterung über die ästhetische
Normalidee und ihre nationelle Verschiedenheit in der
Kritik der Urteilskraft
S. 58
.
welche mit dieser Eigenthümlichkeit die übrigen, oder ähnliche, oder
höhere Vorzüge, als die Griechische,
verbände, oder ob genauere Bekanntschaft mit den Chinesern und Indianern
diese als solche Nationen zeigen wird? ist im Voraus zu entscheiden nicht möglich.
Dass aber weder die Römische, noch gar
eine neuere Nation an ihre Stelle treten könne, bewirkt schon der einzige Umstand,
dass diese alle aus den Griechen mittelbar
und unmittelbar schöpften; und von den übrigen, mit den Griechen gleich alten Nationen haben wir zu wenig
Denkmäler übrig. Meines Erachtens werden also die Griechen immer in dieser Rüksicht einzig bleiben; nur dass diess
nicht gerade ein ihnen eigner Vorzug, sondern mehr eine Zufälligkeit ihrer und
unsrer relativen Lage ist.
37.
Wenn das Studium der Griechen in der
Absicht unternommen wird, die ich hier dargestellt habe, so erfordert es natürlich
seine eignen allgemeinen und besondren Vorschriften. Die allgemeinsten und hauptsächlichsten möchten etwa folgende sein:
1., der Nuzen eines solchen Studiums kann nie durch eine, auch von dem
gelehrtesten Manne und dem grössesten Kopfe entworfene Schilderung der Griechen erreicht werden. Denn einmal wird
dieselbe immer, wenn sie völlig treu sein soll, nicht individuell genug sein
können, und wenn sie völlig individuell sein soll, wird es ihr an Treue mangeln
müssen; und zweitens besteht auch der grösseste Nuzen eines solchen Studiums nicht
gerade in dem Anschauen eines solchen Charakters, als der Griechische war, sondern in dem eignen Aufsuchen
desselben. Denn durch dieses wird der Aufsuchende selbst auf eine ähnliche Weise
gestimmt; Griechischer Geist geht in ihn
über; und bringt durch die Art, wie er sich mit seinem eignen vermischt, schöne
Gestalten hervor.
„schön und wahr; und auf alle Studien anwendbar.“ Dalberg.
Es bleibt daher nichts, als eignes Studium übrig, in unaufhörlicher Rüksicht
auf diesen Zwek unternommen.
„Wozu der Umgang mit Menschen, da man die Art des menschlichen Umgangs ja
schildern kann? Wäre ebenso.“ Wolf.
38.
2., muss das Studium der Griechen
selbst nach einer gewissen systematischen, und auf diesen Endzwek bezogenen
Ordnung vorgenommen werden.
„Ordnung des Studii hiezu??“ Wolf.
Denn wenn gleich alle Schriftsteller in Rüksicht auf diesen Zwek wichtig
sind; so hält man sich doch billig fürs erste allein an die reichsten, und wählt
in diesen eine feste Ordnung, die aber hier schwer zu finden ist, da, wenn man auf
die Materien sehen will, man hier eigentlich nicht die Gattung der Schriftsteller,
sondern der Sachen, die sie behandeln, betrachten müsste, und wenn man der Zeit
folgen will, es schwer ist, nur zu bestimmen, ob man auf die Periode des Lebens
des Schriftstellers,
„Hierauf! Wenigstens bei Dichtern. Aber bei Historicis das letztere. Mein Autoren-Plan muss also so seyn,
dass gleich neben älteste Dichter späte Historici
treten, zE. Diodor, Apollodor, Homer, Hesiod,
Herodot, Thucydides, Xenophon.“ Wolf.
oder auf die der von ihm behandelten Gegenstände, oder auf beides
gewissermaassen zugleich sehen solle?
39.
3., muss man am längsten nicht allein bei den Perioden verweilen, in welchen
die Griechen am schönsten und
gebildetsten waren, sondern auch gerade im Gegentheil ganz vorzüglich bei den
ersten und frühesten. Denn in diesen liegen eigentlich die Keime des
wahren Griechischen Charakters;
„Aus dem ästetischen Gesichtspunct würde ich die vollkommensten
Schriftsteller wählen. Von dem Nutzen der andern Gesichts-Punkten kann ich
mich nicht überzeugen. In jener Hinsicht verdient meines Erachtens das
Studium der teutschen Literatur für einen Teutschen den Vorzug.“ Dalberg.
und es ist leichter und interessanter in der Folge zu sehen, wie er nach
und nach sich verändert, und endlich ausartet. – Auch passen mehrere der im
Vorigen ausgeführten Gründe (22. 23. 33.) ganz vorzüglich nur auf diese frühen
Perioden.
40.
Die Hülfsmittel zu diesem Studium und insbesondre in der hier entwikkelten Absicht
sind vorzüglich folgende: 1., unmittelbare Bearbeitung der Quellen selbst
durch Kritik und Interpretation.
„Critick und Interpretation sind wichtige Beschäftigungen für den
Sprachforscher, minder wichtig für den Man der in der Literatur nach
Lebensweissheit und Menschenkentnis strebt.“ Dalberg. — „Keine Stelle benutzen, ohne den ganzen Autor gnau
zu kennen.“ Wolf.
Diese verdient natürlich die erste Stelle.
41.
2., Schilderung des Zustandes der Griechen,
Griechische Antiquitäten im weitesten
Sinne des Worts, welchem der hier aufgestellte Endzwek die höchste
Ausdehnung giebt. Diese Hülfsarbeit ist nothwendig theils zum Verständniss der
einzelnen Quellen, theils zur allgemeinen Uebersicht, und zur Einleitung in das
gesammte Studium überhaupt.
„Dieses Studium erfordert das ganze Leben eines Manns, ist sehr schätzbar
für einen Man wie Heine und
Wolf, nicht practisch für den
Geschäftsman.“ Dalberg.
Jeder Schriftsteller behandelt nur einen einzelnen Gegenstand, und man ist
das Einzelne nicht im Stande in seiner ganzen Anschaulichkeit aufzufassen, ohne
von der Lage überhaupt gehörig unterrichtet zu sein.
42.
3., Uebersezungen. Diese können in Absicht des übersezten
Schriftstellers einen dreifachen Nuzen haben. 1., ihn diejenigen kennen zu lehren,
die sein Original nicht selbst zu lesen im Stande sind. 2., für denjenigen, der
das Original selbst liest, zum Verständniss desselben zu dienen. 3., denjenigen,
der das Original zu lesen im Begriff ist, vorläufig mit ihm bekannt zu machen, ihn
in seine Manier, seinen Geist einzuweihen. Bestimmt man die Wichtigkeit dieses
verschiednen Nuzens nach dem hier genommenen Gesichtspunkt, so ist der 1ste der
kleinste und geringfügigste; der 2te wichtiger, aber immer klein, da gerade hiezu
Uebersezungen die schlechteren Hülfsmittel sind; der 3te aber der wichtigste, da
durch ihn die Uebersezung zum Lesen des Originals reizt, und bei dem Leser selbst
auf eine höhere Art unterstüzt, indem sie nicht einzelne Stellen verständigt,
sondern den Geist des Lesers gleichsam zum Geist des Schriftstellers stimmt, auch
der leztere noch klarer erscheint, wenn man ihn in dem zwiefachen Medium zwei
verschiedner Sprachen erblikt. Die Erreichung dieses lezten Nuzens muss allein auf
die Schäzung des Originals führen, und so ist der höchste Nuzen einer Uebersezung
derjenige, welcher sie selbst zerstört. Die Haupterfordernisse einer Uebersezung
wechslen nun nach diesem dreifachen Zwekke. Zu dem 1sten wird Anpassung des
übersezten alten Schriftstellers auf den modernen Leser, also oft absichtliche
Abweichung von der Treue erfordert;
„So Wieland." Wolf.
zu dem 2ten Treue der Worte und des Buchstabens;
„So Voss.“ Wolf.
zu dem 3ten Treue des Geistes, wenn ich so sagen darf, und des Gewandes,
worin er gekleidet ist, wobei also vorzüglich viel auf die Nachahmung der Diktion
bei Prosaikern und des Rhythmus und des Versbaues bei Dichtern ankommt.
„fürtreflich!“ Dalberg.
43.
„Ich muss gestehen dass ich der Meinung des Pops beystime. Wer aus dem Hipocren
trinken will der schöpfe recht tief, oder lasse es gar seyn; Halbgelarte
sind verstimmte Menschen, nathürliche Anmuth ist in solchen Menschen
verschwunden und edle Vollendung in Ausbildung des Geschmacks kann nur
durch anhaltendes Studium erreicht werden.“ Dalberg. — „Drink deep or taste not the pierian spring“
Pope, Essay on
criticism 2, 16.
Um den im Vorigen dargestellten Nuzen in seiner ganzen Grösse
hervorzubringen, erfordert das Studium des Alterthums die grösseste, ausgebreitetste, und genaueste Gelehrsamkeit,
die sich natürlich nur bei sehr Wenigen finden kann. Allein der Nuzen ist immer,
wenn gleich in geringeren Graden auch da vorhanden, wo man sich nur überhaupt,
wenn gleich mit minderem Streben nach Gründlichkeit, mit diesem Studium
beschäftigt; und er theilt sich endlich auch sogar allen denen mit, welchen diess
Studium auch ewig ganz fremd bleibt. Denn in der Verbindung einer hoch kultivirten
Gesellschaft kann im genauesten Verstande jede Kenntniss eines Einzelnen ein
Eigenthum Aller genannt werden.