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Es wäre ein grosses und treffliches Werk zu liefern, wenn jemand die
eigenthümlichen Fähigkeiten zu schildern unternähme, welche die verschiedenen
Fächer der menschlichen Erkenntnis zu ihrer glücklichen Erweiterung voraussetzen;
den ächten Geist, in dem sie einzeln bearbeitet, und die Verbindung, in die sie
alle mit einander gesetzt werden müssen, um die Ausbildung der Menschheit, als ein
Ganzes, zu vollenden. Der Mathematiker, der Naturforscher, der Künstler, ja oft
selbst der Philosoph beginnen nicht nur jetzt gewöhnlich ihr Geschäft, ohne seine
eigentliche Natur zu kennen und es in seiner Vollständigkeit zu übersehen, sondern
auch nur wenige erheben sich selbst späterhin zu diesem höheren Standpunkt und
dieser allgemeineren Uebersicht. In einer noch schlimmeren Lage aber befindet sich
derjenige, welcher, ohne ein einzelnes jener Fächer ausschließend zu wählen, nur
aus allen für seine Ausbildung Vortheil ziehen will. In der Verlegenheit der Wahl
unter mehreren, und aus Mangel an Fertigkeit, irgend eins, aus den engeren
Schranken desselben heraus, zu seinem eignen allgemeineren Endzweck zu benutzen,
gelangt er nothwendig früher oder später dahin, sich allein dem Zufall zu
überlassen und was er etwa ergreift, nur zu untergeordneten Absichten, oder bloss
als ein zeitverkürzendes Spielwerk zu gebrauchen. Hierin liegt einer der
vorzüglichsten Gründe der häufigen und nicht
Im Mittelpunkt aller besonderen Arten der Tätigkeit nämlich steht der Mensch, der ohne alle, auf irgendetwas Einzelnes gerichtete Absicht, nur die Kräfte seiner Natur stärken und erhöhen, seinem Wesen Werth und Dauer verschaffen will. Da jedoch die blosse Kraft einen Gegenstand braucht, an dem sie sich üben, und die blosse Form, der reine Gedanke, einen Stoff, in dem sie, sich darin ausprägend, fortdauern könne, so bedarf auch der Mensch einer Welt außer sich. Daher entspringt sein Streben, den Kreis seiner Erkenntnisse und seiner Wirksamkeit zu erweitern, und ohne dass er sich selbst deutlich dessen bewusst ist, liegt es ihm nicht eigentlich an dem, was er von jener erwirbt, oder vermöge dieser außer sich hervorbringt, sondern nur an seiner inneren Verbesserung und Veredlung, oder wenigstens an der Befriedigung der innren Unruhe, die ihn verzehrt. Rein und in seiner Endabsicht betrachtet, ist sein Denken immer nur ein Versuch seines Geistes, vor sich selbst verständlich, sein Handeln ein Versuch seines Willens, in sich frei und unabhängig zu werden, seine ganze äußere Geschäftigkeit überhaupt aber nur ein Streben, nicht in sich müßig zu bleiben. Bloss weil beides, sein Denken und sein Handeln nicht anders, als nur vermöge eines Dritten, nur vermöge des Vorstellens und des Bearbeitens von etwas möglich ist, dessen eigentlich unterscheidendes Merkmal es ist, Nicht-Mensch, d. i. Welt zu sein, sucht er, so viel Welt, als möglich zu ergreifen, und so eng, als er nur kann, mit sich zu verbinden.
Die letzte Aufgabe unseres Daseyns: dem Begriff der Menschheit in unsrer Person,
sowohl während der Zeit unsres Lebens, als auch noch über dasselbe hinaus, durch
die Spuren des lebendigen Wirkens, die wir zurücklassen, einen so großen Inhalt,
als möglich, zu verschaffen, diese Aufgabe löst sich allein durch die Verknüpfung
unsres Ichs mit der Welt zu der allgemeinsten, regesten und freiesten
Wechselwirkung. Dies allein ist nun auch der eigentliche Massstab zur Beurteilung
der Bearbeitung jedes Zweiges menschlicher Erkenntnis. Denn nur diejenige Bahn
kann in jedem die richtige sein, auf welcher das Auge ein unverrücktes
Die Verknüpfung unsres Ichs mit der Welt scheint vielleicht auf den ersten Anblick nicht nur ein unverständlicher Ausdruck, sondern auch ein überspannter Gedanke. Bei genauerer Untersuchung aber wird wenigstens der letztere Verdacht verschwinden, und es wird sich zeigen, dass, wenn man einmal das wahre Streben des menschlichen Geistes (das, worin ebensowohl sein höchster Schwung, als sein ohnmächtiger Versuch enthalten ist) aufsucht, man unmöglich bei etwas Geringerem stehen bleiben kann.
Was verlangt man von einer Nation, einem Zeitalter, von dem ganzen Menschengeschlecht, wenn man ihm seine Achtung und seine Bewunderung schenken soll? Man verlangt, dass Bildung, Weisheit und Tugend so mächtig und allgemein verbreitet, als möglich, unter ihm herrschen, dass es seinen innern Werth so hoch steigern, dass der Begriff der Menschheit, wenn man ihn von ihm, als dem einzigen Beispiel, abziehen müsste, einen großen und würdigen Gehalt gewönne. Man begnügt sich nicht einmal damit. Man fordert auch, dass der Mensch den Verfassungen, die er bildet, selbst der leblosen Natur, die ihn umgibt, das Gepräge seines Werthes sichtbar aufdrücke, ja dass er seine Tugend und seine Kraft (so mächtig und so allwaltend sollen sie sein ganzes Wesen durchstrahlen) noch der Nachkommenschaft einhauche, die er erzeugt. Denn nur so ist eine Fortdauer der einmal erworbenen Vorzüge möglich, und ohne diese, ohne den beruhigenden Gedanken einer gewissen Folge in der Veredlung und Bildung, wäre das Daseyn des Menschen vergänglicher, als das Daseyn der Pflanze, die, wenn sie hinwelkt, wenigstens gewiss ist, den Keim eines ihr gleichen Geschöpfs zu hinterlassen.
Beschränken sich indess auch alle diese Forderungen nur auf das innere Wesen des
Menschen, so dringt ihn doch seine Natur beständig von sich aus zu den
Gegenständen außer ihm überzugehen, und hier kommt es nun darauf an, dass er in
dieser Entfremdung nicht sich selbst verliere, sondern vielmehr von allem, was er
außer sich vornimmt, immer das erhellende Licht und die wohltätige Wärme in sein
Innres zurückstrahle. Zu dieser Absicht aber muss er die Masse der Gegenstände
sich selbst näher bringen, diesem Stoff die Gestalt seines Geistes aufdrücken und
beide einander ähnlicher machen. In ihm ist vollkommene Ein-
Was also der Mensch nothwendig braucht, ist bloss ein Gegenstand, der die Wechselwirkung seiner Empfänglichkeit mit seiner Selbsttätigkeit möglich mache. Allein wenn dieser Gegenstand genügen soll, sein ganzes Wesen in seiner vollen Stärke und seiner Einheit zu beschäftigen; so muss er der Gegenstand schlechthin, die Welt sein, oder doch (denn dies ist eigentlich allein richtig) als solcher betrachtet werden. Nur um der zerstreuenden und verwirrenden Vielheit zu entfliehen, sucht man Allheit; um sich nicht auf eine leere und unfruchtbare Weise ins Unendliche hin zu verlieren, bildet man einen, in jedem Punkt leicht übersehbaren Kreis; um an jeden Schritt, den man vorrückt, auch die Vorstellung des letzten Zwecks anzuknüpfen, sucht man das zerstreute Wissen und Handeln in ein geschlossenes, die blosse Gelehrsamkeit in eine gelehrte Bildung, das bloss unruhige Streben in eine weise Tätigkeit zu verwandeln.
Dies aber nun würde gerade durch ein Werk, wie das oben erwähnte auf die
kräftigste Weise befördert werden. Denn bestimmt, die mannigfaltigen Arten
menschlicher Tätigkeit in den Richtungen, die sie dem Geiste geben, und den
Forderungen, die
Zugleich aber lernt der, welcher eine einzelne Arbeit verfolgt, nur da sein Geschäft in seinem echten Geist und in einem großen Sinne ausführen. Er will nicht mehr bloss dem Menschen Kenntnisse oder Werkzeuge zum Gebrauch zubereiten, nicht mehr nur einen einzelnen Teil seiner Bildung befördern helfen; er kennt das Ziel, das ihm gesteckt ist, er sieht ein, dass, auf die rechte Weise betrieben, sein Geschäft dem Geiste eine eigne und neue Ansicht der Welt und dadurch eine eigne neue Stimmung seiner selbst geben, dass er von der Seite, auf der er steht, seine ganze Bildung vollenden kann; und dies ist es, wohin er strebt. Wie er aber nur für die Kraft und ihre Erhöhung arbeitet, so tut er sich auch nur Genüge, wenn er die seinige vollkommen in seinem Werk ausprägt. Nun aber wird das Ideal größer, wenn man darin die Anstrengung, die es erreichen, als wenn man den Gegenstand ausmisst, den es darstellen soll. Überall hat das Genie nur die Befriedigung des innern Dranges zum Zweck, der es verzehrt, und der Bildner z. B. will nicht eigentlich das Bild eines Gottes darstellen, sondern die Fülle seiner plastischen Einbildungskraft in dieser Gestalt ausdrücken und heften. Jedes Geschäft kennt eine ihm eigentümliche Geistesstimmung, und nur in ihr liegt der echte Geist seiner Vollendung. Äußere Mittel es auszuführen gibt es immer mehrere, aber die Wahl unter ihnen kann nur jene, nur ob sie geringere oder vollere Befriedigung findet, bestimmen.
Das Verfahren unseres Geistes, besonders in seinen geheimnisvolleren Wirkungen,
kann nur durch tiefes Nachdenken und anhaltende Beobachtung seiner selbst
ergründet werden. Aber es
Allein nur, indem man dies schrittweise verfolgt und am Ende im Ganzen überschaut, gelangt man dahin, sich vollkommne Rechenschaft abzulegen, wie die Bildung des Menschen durch ein regelmäßiges Fortschreiten Dauer gewinnt, ohne doch in die Einförmigkeit auszuarten, mit welcher die körperliche Natur, ohne jemals etwas Neues hervorzubringen, immer nur von neuem dieselben Umwandlungen durchgeht.
Handschrift (8 halbbeschriebene Quartseiten, ohne Titel) im Archiv in