Rezension von Jacobis
Woldemar
Philosophie
Königsberg, b.
Nicolovius
:
Woldemar (vom
Hn. Geh.
Rath Jacobi
in Düsseldorf) 1794. I. Th. XXI S. Vorb.
u. 190 S. 2. Th. VI S. Vorb. u. 294 S. 8.
Wenn ein philosophisches System nach seiner inneren Consequenz und Uebereinstimmung
mit der selbsterkannten Wahrheit objectiv beurtheilt ist; kann es nunmehr auch
subjectiv mit dem Geiste und dem Charakter seines Urhebers verglichen, und untersucht
werden, mit welchem Grade der Nothwendigkeit es aus seiner Individualität entspringt,
und welche Eigenthümlichkeit diese in dieser Rücksicht an sich trägt. Je wichtiger
das einzige Ziel alles Philosophirens, die Erkenntniss aussersinnlicher Wahrheiten
und die strenge Prüfung der Festigkeit dieser Erkenntniss ist; desto interessanter
muss die Beschäftigung seyn, dem Gange, auf welchem mehrere Köpfe dahin zu gelangen
strebten, mit Aufmerksamkeit nachzuforschen. So wie aber diess Interesse weniger von
dem objectiven Werthe der Systeme an sich, als von der originellen Individualität
ihrer Urheber abhängt; eben so wird auch diese Beschäftigung selbst nicht sowohl
unmittelbar der Philosophie, als Wissenschaft, als vielmehr dem Philosophen
erspriesslich seyn, der sie vornimmt. Zwar kann das Ideal einer wahren Philosophie —
wenn diese nemlich die vollständige Ausmessung aller menschlichen Vermögen zum Grunde
legen muss, um darnach die Möglichkeit objectiver Erkenntniss zu bestimmen, und die
allgemeinen Gesetze der Thätig- keit jener Vermögen
zu entdecken — gewiss nur aus dem vereinten Streben aller menschlichen Kräfte
hervorgehn. Allein auch bei Systemen, denen man schlechterdings Wahrheit und
Allgemeingültigkeit abzusprechen genöthigt wäre, könnte der enge Zusammenhang mit der
Kraft, die sie schuf, die Aufmerksamkeit anhaltend fesseln. Erschiene daher auch je
der Zeitpunkt, in welchem alle denkende Köpfe sich über Eine Philosophie vereinigt
hätten; so würde dennoch das Studium der bisherigen Systeme schon in dieser Hinsicht
immer nothwendig bleiben. Am meisten aber würde diess der Fall bei den Systemen
solcher Männer seyn, die ihr ganzes höheres Daseyn in ihre philosophische
Ueberzeugung am innigsten verwebt haben; wie denn hierin, um ein Beispiel anzuführen,
vielleicht niemand die Griechen übertroffen
hat, deren Systeme fast durchaus die Frucht ihrer gesammten Kräfte in der grössesten
Harmonie ihres Strebens sind, und die niemand als Philosophen vollständig würdigen
wird, der sie nicht als Menschen aufzufassen Sinn genug hat. Hieraus ergiebt sich
also eine zwiefache und so verschiedene Behandlung der philosophischen Geschichte,
dass sie schwerlich von weniger, als zwei ganz verschieden gebildeten Köpfen mit
Hofnung des Erfolgs versucht werden darf. Denn wenn der eine das hier angenommene
einzig wahre System unausgesetzt vor Augen haben muss; so müssen dem andern mehr die
verschiednen möglichen Richtungen des philosophischen Geistes gegenwärtig seyn. Wenn
der eine mit unerbittlicher Strenge alles zurückweisen muss, was sich von seiner
einzigen Norm entfernt; so muss der andre mit einer liberaleren Vielseitigkeit sich
gänzlich seinen eignen Meynungen entreissen, und die fremde Vorstellungsart
schlechterdings nur als eine eigne, ganz und gar aber nicht — sey es auch noch so
sehr gegen seine eigne Ueberzeugung — als eine unrichtige betrachten. Giebt es nun
eine Philosophie, die auf Dingen beruht, über die sich nicht durch Beweis und
Gegenbeweis streiten lässt, sondern die nur ein übereinstimmendes oder
widersprechendes Gefühl bejahen oder verneinen kann; so wird bei dieser der
subjective Zusammenhang mit der Individualität ihres Urhebers auch für ihren Inhalt
selbst wichtig seyn. In gewisser Hinsicht aber muss dieser Fall bei jeder denkbaren
Philosophie eintreten. Denn jede muss zuletzt auf ein unmittelbares Bewusstseyn, als
auf eine Thatsache, fussen. Indess kann es auch philosophische Systeme geben, welche
mehrere solcher Thatsachen zum Grunde legen. Von dieser Art ist nun ganz und gar diejenige, welche der Herausgeber der
Briefsammlung Eduard Allwills als die
seinige schildert.
Was er erforscht hatte,
sagt er in der Vorrede zu
diesem Buche S. XV. von sich selbst,
suchte er sich selbst so einzuprägen,
dass es ihm bliebe. Alle seine wichtigsten Ueberzeugungen beruhten auf
unmittelbarer Anschauung; seine Beweise und Widerlegungen auf zum Theil (wie ihn
däuchte) nicht genug bemerkten, zum Theil noch nicht genug verglichenen
Thatsachen.
Bei einer solchen Theorie giebt es — und diess allein raubt
derselben gewiss noch nicht die Möglichkeit der Allgemeingültigkeit — keine andre Art
der Ueberzeugung, als dass ich den andern in eben die Lage versetze, in der ich
selbst einer solchen Anschauung theilhaftig, mir einer solchen Thatsache bewusst
wurde. Die Flamme, die hier leuchten soll, vermag nur die Flamme, die schon brennt,
zu entzünden. Sehr richtig fährt daher der
Vf. jener Stelle von sich weiter fort:
Er musste also, wenn er
seine Ueberzeugungen andern mittheilen wollte, darstellend zu Werke gehn.
Diess nun zu thun, hat der
Vf. in jenem
Werk, wie in diesem versucht, in welchem er (Th. 1. Vorb. S. XV.) ausdrücklich auf
die hier angeführte Stelle der früher erschienenen Schrift Anweisung giebt. Man muss
daher diese längere Abschweifung der Unmöglichkeit verzeihen, auf eine andre Weise
den Zweck des angezeigten Werks vollständig darzulegen, und zu der Eigenthümlichkeit
desselben gehörig vorzubereiten. In wiesern nun jede unmittelbare Anschauung alle
Erklärung ausschliesst, die niemals andre, als mittelbare Einsicht gewährt, und in
wiefern das, worauf diese Anschauungen und Thatsachen beruhen — wenn das, was sich
darauf gründet, auf Allgemeingültigkeit Anspruch machen soll — nicht Einem einzelnen,
sondern der Menschheit angehören muss — insofern bestimmt der
Vf. die Absicht seiner Schrift noch näher dahin:
Menschheit, wie sie ist, erklärlich oder unerklärlich, auf das
gewissenhafteste vor Augen zu legen.
Woldemar 1, XVI.
Gewiss nicht bloss ein erhabener Zweck, sondern auch ein schwieriges
Unternehmen! Wem es gelingen soll, der muss selbst eine hohe Menschheit in sich
tragen, muss oft und streng sich selbst geprüft, und mit ruhiger Beurtheilung das
Zufällige seines Wesens von dem Nothwendigen geschieden haben, wodurch er unmittelbar
mit der Menschheit in ihrer reinen idealischen Gestalt verwandt
ist. Nur solch ein Mann kann den Eindruck hervorzaubern, mit dem
der gleichgestimmte Leser so viele Stellen des
Woldemar verlassen
wird; und wenn andre literärische Produkte nur einzelne Talente des Schriftstellers
beweisen, so stellen solche, als das gegenwärtige, das ganze Daseyn des Menschen dar.
Doppelt erhöht wird dieser Reiz aber dadurch, dass in der vorliegenden Schrift nur
von praktischer Philosophie die Rede ist; dass jede Zeile das reinste, ächteste,
sittliche Gefühl, mit dem zartesten und beweglichsten Schönheitssinn auf das innigste
verbunden, athmet; und dass man weniger über Menschheit raisonniren hört, als
Personen, deren jede wenigstens in Einer Hinsicht ein Repräsentant der Menschheit
heissen kann, in interessanten Situationen selbst thätig erblickt.
Ein Paar seltene Charaktere, aus dem stärksten und zugleich feinsten Stoffe gebildet,
den die Menschheit ertragen, und in die edelste Form gegossen, die sie annehmen kann,
in einfachen, aber den Geist wie das Herz gleich stark anziehenden Lagen in Handlung
gesetzt, dienen dem Vf. zum Vehikel, an
ihnen den Begriff der ächten Tugend, und Moralität in ihrer Reinheit darzustellen.
Mit ausserordentlich günstigen Anlagen zu Erreichung einer hohen sittlichen
Schönheit, und mit natürlicher Stimmung zur Erfüllung jeder Pflicht des Wohlwollens,
der Selbstverläugnung und des Edelmuths gebohren, hat sich Woldemar gewöhnt, seine Moralität nicht bloss aus
sich selbst, aus der Kraft seiner praktischen Vernunft, sondern auch aus der Mitte
der Triebe hervorgehen zu sehen, mit deren Widerstand sie sonst am heftigsten zu
kämpfen hat. Zu dieser glücklichen Organisation gesellt sich bei ihm die, auf
Vernunftgründe gestützte Ueberzeugung, dass etwas so Hohes und Göttliches, als die
Tugend, auch nothwendig aus unvermittelter Selbstthätigkeit entspringen muss, und
weder von äusseren Formen und Vorschriften abhängig gemacht, noch durch Construction
von Begriffen zu Erreichung bestimmter Zwecke gleichsam künstlich aufgebaut werden
kann. Glühende Wärme des Gefühls, lebhafte Einbildungskraft, und vorzüglich eine
innige Harmonie seines ganzen Wesens, besonders eine enge Verbindung seiner denkenden
und empfindenden Kräfte, fesseln ihn überall unauflöslich an angeschaute Realität, an
freie Selbstthätigkeit, und entfernen ihn überall von bloss begriffener Idealität,
von auch nur scheinbarem Zwange. So bewirken alle diese Gründe vereint, dass er, bei
den richtigsten theoretischen Ueberzeugungen von dem Wesen der Tugend und Sittlichkeit, in der Ausübung mehr Pflichten erfüllt,
die er liebt, als sich Gesetzen unterwirft, die er achtet, dass Gehorsam ihm
überhaupt fremder ist, als es Menschen geziemt, und dass er die Vorschriften der
Tugend nur in den Handlungen des Tugendhaften aufsucht, der, nach seinem Ausdruck,
eben so der Sittlichkeit durch die That die Regel vorschreibt, als das Genie der
Kunst.
Woldemar 2, 163. 205.
Kein Wunder also, dass er nicht selten seinem sittlichen Gefühl, auch ohne
die nothwendige jedesmalige genaue Prüfung, zuviel einzuräumen, und den Eingebungen
seines Herzens in zu stolzem Vertrauen zu unbedingte Folge zu leisten Gefahr läuft.
Mit diesem Charakter tritt Woldemar in den
Kreis einer Familie, von der sein Bruder, Biderthal, ein Mitglied ist, und die sich nicht minder durch Bande der
Liebe, als der Verwandtschaft an einander gekettet sieht. Kleine Veranlassungen aus
den gewöhnlichen Begebenheiten des täglichen Lebens lassen Gespräche über das, was
schicklich und anständig, und wenn sich die Unterredung von der minder bedeutenden
Veranlassung zu allgemeineren Grundsätzen erhebt, über das, was sittlich und
tugendhaft ist, über die Unterschiede in der Moralität des jetzigen Jahrhunderts und
des Alterthums u. s. f. entstehen, in welchen — ausser dem wichtigen philosophischen
Gehalt — sich der Charakter Woldemars und
der übrigen auftretenden Personen wie von selbst vor dem Leser entwickelt. Unter
allen, die Woldemar umgeben, zieht Henriette, seines
Bruders noch unverheirathete Schwägerin, seine Aufmerksamkeit am
meisten auf sich. Sie stimmt seine vorherigen Begriffe über das andre Geschlecht
gänzlich um. Neben der ganzen und vollen Weiblichkeit findet er in ihr ein gewisses
Etwas, das er mit seiner allgemeinen Meynung über ihr Geschlecht nicht zu vereinigen
weiss, etwas Höheres und Grösseres; und nach und nach schlingen sich ihre Herzen bis
zur innigsten Verbindung an einander. In Woldemar hieng diese Freundschaft mit seinen wichtigsten und höchsten
Ideen, mit seinem eigensten Wesen zusammen. Mitten in dem Wechsel von Empfindungen
und Trieben, neben dem Entstehen und Untergehen mannigfaltiger Neigungen, fühlte er
auch etwas Festes und Unvergängliches in sich. In den Momenten, wo sein Inneres am
harmonischsten gestimmt war, wuchs auch diess Gefühl am lebhaftesten empor; und nur
auf diesem Unvergänglichen, Uebermenschlichen gleichsam konnte die ächte Tugend, die
Verwandtschaft des Sterblichen mit dem Gött- lichen,
beruhen. Dennoch war daneben die Veränderlichkeit der menschlichen Natur so sichtbar,
selbst das Gefühl jenes höheren Etwas wurde nicht selten dadurch verdunkelt, sein
Daseyn sogar war so unbegreiflich; es musste das dringendste Bedürfniss für ihn
werden, sich unumstössliche Gewissheit desselben zuzusichern. Woldemar, den diess alles noch stärker und
lebhafter, als gewöhnlich, bewegte, rang nach dieser Gewissheit auf seine Weise.
Gefühl, Anschauung, bestätigte Wirklichkeit giengen ihm über alles. In einem andern
Wesen musste er finden, was er in sich selbst ahndete. So musste er lernen,
dass seine Weisheit kein Gedicht sey.
Woldemar 2, 171.
Lange hatte er diess mit sich herumgetragen, lange gesucht, von glücklichem
Finden geträumt. Endlich deutete Henriette
den Traum, und wie nun seine Freundschaft nur aus dem höchsten Gefühl der reinsten
Tugend entsprang, so lehnte sich seine Tugend selbst wieder an die Freundschaft, als
an eine schwesterliche Stütze. Nicht zwar als hätte es ihr an eigner Stärke
gemangelt, aber weil vereinzelt gleichsam ihre Wesenheit entwich, und die
unumstössliche Gewissheit ihres wirklichen Daseyns verschwand. Mit starken, aber
gewiss unendlich feinen Fäden war in diese Empfindung der Freundschaft der Eindruck
verwebt, dessen Weiblichkeit und vorzüglich schöne Weiblichkeit auf den reizbar und
reingestimmten Mann niemals verfehlen kann. Mit einem Manne hätte Woldemars Freundschaft andre Modificationen
angenommen, überhaupt vermochte nur eine weibliche Seele jenen Traum ihm zu deuten,
und es bedarf mancher Mittelerläuterungen, wenn sein eignes Geständniss, dass
jeder weibliche Reiz an Henrietten ihm
sichtbarer, als allen andern gewesen, dass, wie Henriette, noch kein Mädchen ihm gefallen,
mit seiner
Versicherung, dass seine Empfindung zu ihr nichts mit ihrem Geschlechte zu
thun gehabt,
nicht in Widerspruch stehen soll.
Woldemar 2, 38.
Mit Bedauern sieht der Leser, der die Ahndungen seines Tactes um so lieber
bestätigt oder widerlegt fände, als schon die Feinheit des Gegenstandes seine
Ausmerksamkeit anzieht, dass die Geschichte die feineren Nüancen des Verhältnisses
unbestimmt lässt: nur mit Mühe entdeckt der Kundige hie und da leise Winke. Aber was
Woldemar suchte, und wie er es suchte,
konnte er nur in einer weiblichen Seele finden. Durch die Natur seines Wesens
nothwendig geleitet, und durch seine äussere Lage begünstigt, gehört das andre
Geschlecht grössten- theils dem inneren Leben und
Weben in eignen Ideen und Empfindungen an. Sich darauf in hoher Einfachheit
beschränkend, ist das weibliche Gemüth zwar vielleicht ein minder reiches und
starkes, aber gewiss ein reineres Bild desselben, als jedes andre, und daher am
meisten fähig, das zu gewähren, was Woldemar
schmerzlich entbehrte. Jener Trieb aber, nach dessen Gewissheit er so ängstlich
strebte, und der doch kein andrer ist, als den die Philosophie sonst den
uneigennützigen, die Aeusserung der praktischen Vernunft, zu nennen pflegt, ist als
blosser Trieb im Weibe schon um eben so viel reger und ununterbrochener lebhaft, als
diess alle Neigungen und Gefühle überhaupt in ihm sind. Allein auch in seiner höheren
Natur ist er deutlicher sichtbar. Unter allen Geschöpfen, die sich nach eignem Willen
bestimmen, sind die Weiber der steten, immer wiederkehrenden Ordnung der Natur
gleichsam am nächsten geblieben. Dadurch und durch die Mitwirkung ihres feineren
Schönheitssinnes sind alle ihre, auch eigennützigen Triebe reiner und harmonischer
gestimmt, und schon ihre sanfte Schwäche verhütet ein zu häufiges Einmischen der
heftigen, wechselnden Begierde. Endlich scheinen sie unmittelbar aus der Hand der
Natur zu kommen. Weniger, wie bei dem Manne, von eigenmächtigen Handlungen des bei
diesem stärkeren und thätigeren Willens durchkreuzt, ist der Inbegriff ihres Wesens
ein mehr durch die Natur und die Lage der Umstände gegebenes Ganze. Was man in
demselben antrift, ist sichrer aus ihrer inneren Beschaffenheit hervorgegangenes Werk
der Natur, als eigne Schöpfung. Wer aber vertraut nicht lieber dem Zeugniss des
Unvergänglichen, als der Stimme des immer wechselnden Menschen? So musste Woldemar sowohl durch die Eigenthümlichkeit seines
Charakters, als durch das, was er vermisste, fester an ein weibliches Geschöpf
gefesselt werden; und so überrascht in der That die Wahrheit jenes Geständnisses, das
er selbst von der Wirkung der weiblichen Reize Henriettens ablegt. Vielleicht hätte der Leser diess Verhältniss
schärfer durchdrungen, wenn diese Nüancen desselben in ein helleres Licht gesetzt
worden wären. Jetzt muss es ihm schwer werden, sich, vorzüglich von Henrietten, ein wahres und richtiges, besonders nur
ein bestimmtes Bild zu entwerfen, da er, wenigstens wenn er sich in Woldemars Seele versetzt, nicht genug veranlasst
wird, sie sich ganz so weiblich zu denken, als sie in der That ist. Oder soll er
vielleicht mit Fleiss ungewiss bleiben? soll er auf der andern Seite alles auf einen
Selbstbetrug in Woldemar schieben? soll er, um der Entwicklung der Geschichte
ungeduldiger entgegen zu sehen, unter der Freundschaft eigentliche Liebe vermuthen?
Allein gewiss wäre diese Vermuthung irrig, und Woldemars Zuneigung zu Henrietten würde im höchsten Verstande rein genannt werden können,
wenn Liebe ein Flecken heissen dürfte. Nicht bloss weil das, was ihn zuerst an
Henrietten fesselte, rein moralisch war,
muss von selbst jede sinnliche Begierde schweigen. Da das, wonach er sehnsuchtsvoll
ringt, gerade das absolute Gegentheil alles Vergänglichen, Wechselnden, Körperlichen
ist; muss ihn die leiseste Beimischung einer sinnlichen Empfindung empören. Wenn er
Gewissheit des nur dunkel Geahndeten erhalten will, darf er es nicht wieder in leicht
täuschender Verbindung mit fremdartigem Stoffe erblicken, muss er von diesem es
sorgfältig abscheiden, und geläutert seinem inneren Auge darstellen. Für den, der am
Unvergänglichen hängt, verliert das Vergängliche seinen Reiz. In Woldemar haben sich nicht die denkenden und
empfindenden Kräfte, beide für sich gebildet und gepflegt, erst in ihrer Reife
vereinigt; sie sind gleichsam von Kindheit an mit einander aufgewachsen, und
eigentlich haben die ersteren die letzteren erzogen. Denn die Einheit erstrebende
Vernunft — die sich immer leichter mit der Phantasie, von der sie ihren Ideen Symbole
leiht, verbindet — ist stärker in ihm, als der zergliedernde Verstand. Daher sein
Ringen nach allem Unvermittelten, Reinen, nach dem absoluten Daseyn. Von diesem allem
aber existirt in der Wirklichkeit nichts. Alles ist da vermittelt, gezeugt,
vermischt, nur bedingungsweis existirend. So entsteht in Charakteren dieser Gattung
Abneigung gegen die empirische Wirklichkeit, und in Rücksicht auf die
Empfindungsweise Abneigung gegen die Sinnlichkeit. Das Gefühl drängt sich mit
vermehrter Stärke zu den rein geistigen Empfindungen zurück; die Einbildungskraft
wächst zu ungewöhnlichen Graden; man erblickt das sonderbare Phänomen, dass die
übergrosse Stärke der Empfindung gegen die ursprünglichste aller, die äussere,
abstumpft. Ueberall wird man ungewöhnliche Glut der Phantasie mit Kälte der Sinne
gepaart finden. Am wenigsten aber hätte Henriette in Woldemar Liebe
zu entzünden vermocht. Wenn die Freundschaft nur Mannigfaltigkeit verlangt zu
gemeinschaftlicher Verstärkung; so fodert die Liebe Ungleichartigkeit zu
gegenseitiger Ergänzung. Woldemar aber und
Henriette, wie Woldemar sie ansah, waren gleich. Nach der Art, wie
sie auf ihn wirkte, nach dem, was er in ihr fand,
fiel vor seinen Augen der Unterschied des Geschlechts — so mächtig derselbe auch
mitgewirkt hatte, um es nur möglich zu machen, dass er diess fand — hinweg; und er
beurtheilt sich vollkommen richtig, wenn er sagt, dass ihm eine Verbindung mit
ihr eben so unmöglich sey, als der Gedanke, eine Person seines eigenen Geschlechts
zu heirathen.
Woldemar1, 170.
Mit tiefer psychologischer Einsicht und feiner poetischer Kunst hat der Vf. durch die Entwicklung der Eigenthümlichkeiten
Woldemars und die Darstellung seines
Verhältnisses mit Henrietten das sonderbar
scheinende Widerstreben, ihr seine Hand zu geben, nach und nach sorgfältig
vorbereitet. Der Leser begreift nicht bloss Woldemars Gemüthsstimmung; er fühlt es gleichsam mit ihm, wie
unmöglich es ihm seyn musste, da, wo er, nach Platos schönem Bilde,
Vgl. die mit S. 246a beginnenden Darlegungen im Phaidros.
Flügel suchte, sich in höhere Sphären zu schwingen, sich durch die
alltäglicheren Verhältnisse einer Ehe an die Erde fesseln zu lassen. Dennoch hätte
man wohl jenes sonderbare Gewebe scheinbar widerstreitender Empfindungen reiner
durchschaut, wenn es in dem Plane des Vf.
gelegen hätte, den Vorschlag der Verbindung auf eine andre Weise herbeizuführen, als
durch die, in der That beinahe zudringliche Sorgfalt der Freunde Woldemars. Zu leicht wird man veranlasst, einen
Theil der Abneigung auch dieser beizumessen. Etwas so Zartes, als das stille Bündniss
zweier Herzen, scheut jede, auch die leiseste Berührung. Nur aus sich will es
hervorgehen; nur in unentweihter Einsamkeit will es sich entwickeln, und die Hand,
die sich ihm naht, kann es vernichten, ehe sie es berührt. Henriette wird also nicht Woldemars Gattin; allein sie selbst verbindet ihn
mit ihrer vertrauten Freundin Allwina.
Entzückend schön ist das fortdauernde trauliche Zusammenleben dieser drei Menschen
geschildert. Wo wir, den einfachen Wegen der Natur folgend, mit allen ungetheilten
Kräften geniessen, da gewinnt der Genuss einen gewissen innern Gehalt, der, von
aussen gegeben, nur bearbeitet, nicht erst neugeschaffen zu werden braucht. Mit der
Anstrengung ist daher Erholung gepaart, und die eine führt die andre wechselweis
herbei. Diess empfand jetzt Woldemar. Er
hatte bis dahin mehr in Ideen und selbstgeschaffenen Gefühlen gelebt; ohne jenen
himmlischen Sphären fremder zu werden — sein Verhältniss mit Henrietten blieb ja das nemliche — kehrte er in Allwinens Armen, im Schoosse des glücklichsten
häuslichen Lebens, mehr zu der
menschlichen Erde zurück, und eine gewisse Befreundung mit Dingen dieser
Erde
— heisst es einmal (Th. 2. S. 68.) bei einer andern Gelegenheit sehr
gut — ist süsser, als die Weisen denken.
Aber noch war er nicht zu
dauernder Ruhe bestimmt. Es fehlte seinem Charakter an dem Einzigen, worauf sie
sicher gegründet werden kann, an strenger Zucht, an ernster Selbstbeherrschung. Er
hätte sie nur durch ein Geschenk des Zufalls genossen. Sehr gut bereiten die
ängstlichen Besorgnisse Biderthals, der
seines Bruders Betragen für eine
Entfernung von dem Gange der Natur ansieht, den man nie ungestraft verlässt, den
nahen Sturm vor. Bald darauf erscheint er selbst. Henriettens Vater hatte eine
tiefe Abneigung gegen Woldemar gefasst. Mit
einem, allein durch Gewohnheit und äussere Lagen gebildeten Charakter bemerkte er
Woldemars Abweichungen von der
gewöhnlichen Bahn, ohne sie zu begreifen; sah in ihnen bloss einen gänzlich
verkehrten Sinn, und sprach ihm geradezu allen Glauben an Gott und an Menschen ab.
Die Besorgniss, Henriette möchte ihm ihre
Hand geben, quälte ihn anhaltend, und als er an einer Krankheit tödtlich danieder
lag, verlangte er von ihr das feierliche Gelübde, sich nie mit ihm zu verbinden.
Nichts, selbst nicht die Versicherung, dass Woldemar schon mit Allwina
verlobt sey, vermochte ihm seine Unruhe zu benehmen. Henrietten empörte der Gedanke, gegen ihren Freund gleichsam in ein
Bündniss zu treten, und ihm feierlich zu entsagen. Aber der Anblick des sterbenden
Vaters, und die Ermattung selbst ihrer
körperlichen Kräfte in dem fürchterlichen Kampf zwangen ihren Lippen das Gelübde ab.
Der nunmehr beruhigte Vater verschied bald
darauf. Woldemarn blieb der Vorfall
verschwiegen. Erst einige Zeit nachher entdeckte er ihn durch einen Zufall. Er
bewegte ihn heftig, und, wiederholter Kämpfe ungeachtet, konnte er die Folgen dieser
Bewegung nicht ganz in sich unterdrücken. Ungefähr um dieselbe Zeit war Henriette durch nachtheilige Stadtgerüchte über ihr
Verhältniss mit Woldemar verstimmt worden.
Diess zufällige Zusammentreffen zwei verschiedener Eindrücke brachte in ihrem
gegenseitigen Betragen zwar keine Kälte, aber etwas Fremdes, Ungewohntes hervor, das
in jedem in dem Grade mehr zunahm, als er es in dem andern bemerkte. Henriette wagte endlich eine Erklärung. Sie bat
ihn, dass sie in ihrem äussern Betragen einige Schritte rückwärts thun möchten.
Woldemar, in dem sich diese Bitte mit dem
abgelegten Gelübde verband, wurde durch die vereinte
Wirkung von beidem auf das gewaltsamste erschüttert. Henriette, schien es ihm, sey auf seine Unkosten allzunachgiebig gegen
andre. Was muss ihr der seyn, den sie so leicht aufopfert?
Dieser Satz ist kein Zitat aus Woldemar.
Mit Meisterhand ist nun der Fortschritt gezeichnet, den dieser furchtbare
Zweifel an dem, was ihm das Heiligste und Liebste war, in Woldemars Seele machte; wie er auf Henrietten zurückwirkte; wie die Momente, wo einer
oder der andre den Knoten zu lösen oder zu zerschneiden entschlossen war, unbenutzt
vorübergiengen; wie die Art, wie jeder dem andern erschien, mit jedem Tage das
Misverständniss vermehrte, die Entwicklung verzögerte. Auf das heiterste und
glücklichste Leben folgte eine schreckliche, quaalenvolle Zeit. Glücklicher Weise
erfährt endlich Henriette, dass Woldemar um das Geheimniss des Gelübdes weiss.
Jetzt ist ihr auf einmal Woldemars
Umänderung klar. Nach einem Gespräche über Woldemars Charakter, über welchen der Leser hier die letzten
Aufschlüsse erhält, über Tugend und Moralität überhaupt, (einem Gespräche, das den
schönsten Theil dieser merkwürdigen Schrift ausmacht,) eilt Henriette zu Woldemar, beginnt ihm ihr Bekenntniss abzulegen, Verzeihung bei ihm zu
suchen. Bei diesen Worten fühlt sich Woldemar getroffen. Es fällt, wie ein Schleier, von seinen Augen; er
wird seiner Verirrung gewahr. Was sie von ihm erfleht, fühlt er, muss er von ihr
erhalten. Das stolze Selbstvertrauen, durch das er gefallen war, schwindet; wie er
ungerecht gegen Henrietten gewesen war,
läuft er jetzt Gefahr, es gegen sich zu werden. Aber auch hier kehrt er bald wieder
um. Die vorige Traulichkeit, der alte Friede kommen zurück, und Woldemar schliesst mit dem Ausspruch: Wer
sich auf sein Herz verlässt, ist ein Thor — Richtet nicht!
, dem Henriette
Fenelons Worte zur Seite stellt:
Vertrauet der Liebe. Sie nimmt alles; aber sie giebt alles.
Woldemar 2, 281.
Woldemar hatte sich gewöhnt, sich mit einer
gewissen Sicherheit seinem moralischen Gefühl zu überlassen, ohne Ausnahme den
Regungen seines Herzens zu folgen. Auch konnte er diess in den meisten Fällen ohne
Gefahr. Es ist sogar unläugbar ein höherer Grad der Tugend, wenn die Ausübung der
Pflicht selbst zur Gewohnheit wird, wenn sie in das Wesen der sonst
entgegenstrebenden Neigungen übergeht, und nicht jede pflicht- mässige Handlung erst eines neuen Kampfes bedarf. Wie edel auch
das Ringen des Pflichtgefühls gegen die Neigung seyn mag; so ist es doch immer ein
Zustand des Krieges, und wer segnet nicht mehr die wohlthätige Hand des Friedens?
Aber der Friede muss nicht durch Nachgiebigkeit erkauft seyn; er muss sein Entstehen
der Niederlage des Feindes, seine Dauer dem Bewusstseyn der fortdauernden Stärke
danken. Der wahrhaft tugendhafte Mann ist tugendhaft, weil seine Gesinnung es ist,
weil diese sich einmal durch alle seine Empfindungen und Neigungen ergossen hat. Aber
er hört darum nicht auf, wachsam zu seyn, er entnervt nicht seine Stärke. Sobald der
Fall der Gefahr eintritt, weiss er die Stimme der Sinnlichkeit zu verachten, allein
dem dürren Buchstaben des Gesetzes zu gehorchen. Und gegen diese Gefahr sichert
keine, noch so glückliche Organisation, keine, noch so feine geistige Ausbildung.
Diess zeigt Woldemars Beispiel auf eine sehr
treffende Weise. Seitdem er das Geheimniss von Henriettens Gelübde erfuhr, fühlte sich sein Stolz beleidigt, seine
Selbstsucht gekränkt. Ihm allein sollte sie angehören, für ihn sollte sie alles andre
vergessen; nun trat sie am Sterbebett ihres Vaters gleichsam einem Bündniss gegen ihn bei, nun konnte sie ihm
etwas verheimlichen, nun wollte sie etwas, das ihn betraf, fremden Rücksichten
aufopfern. Indess war seine Freundschaft zu ihr wirklich gross und selten. An ihr
zweifeln hiess ihm an dem Daseyn der Tugend, an seinem besten Selbst, an dem allein
Göttlichen im Menschen zweifeln. Daran knüpften sich die minder edlen Regungen seiner
Neigung. Der Abfall von ihm verwandelte sich in einen Abfall von dem besten Theile
der Menschheit. Nur unter dieser täuschenden Gestalt, nur indem er die Hülle der
Tugend selbst anzog, vermochte der eigennützige Trieb einen Woldemar zu verführen; allein unter dieser musste
es ihm auch gerade bei einem, nicht an Zucht und Gehorsam gewöhnten Woldemar gelingen. Dass er aus Stolz fiel, beweist
sein augenblickliches Zurückkehren, indem Henriette die Worte: Bekenntniss, Verzeihung
aussprach.
Diess ist ein tief aus der menschlichen Seele genommener Zug. Der ungerechte Stolz
einer nicht unedlen Seele sinkt, wenn er sich überbefriedigt sieht, plötzlich zur
Demuth herab. Sehr richtig warnt daher Woldemar vor allzusichrem Selbstvertrauen. Schön und weiblich setzt
Henriette
Fenelons Worte hinzu. Wer der Liebe
vertraut, wird weniger straucheln. Der Liebe geht die Demuth schwesterlich zur Seite,
und jede Abweichung von dem Wege der Pflicht
entspringt mehr oder minder aus Selbstsucht, also aus einer Art des Stolzes. Allein
sollte auch das Vertrauen auf Liebe überall eine sichere Schutzwehr seyn? Sie war es
in dem Fall, in dem sich Woldemar zu
Henrietten befand, und diess kann dem
Vf. hier genügen. Sonst würde auch er sie
gewiss nicht allgemein dafür anerkennen. Wie edel auch ein Trieb seyn mag, so ist er
immer etwas sinnlich Bedingtes, und nicht fähig, weder sichre — denn im Gebiete der
Sinnlichkeit sind tausendfältige, auch dem Wachsamsten nicht immer bemerkbare
Täuschungen möglich — noch weniger aber reine Moralität zu begründen. Allerdings ist der uneigennützige Trieb im Menschen
ein göttlicher Trieb. Allein er ist göttlich, insofern die Kraft
gleichsam übermenschlich ist, das Interesse des Individuums der Allgemeinheit des
Gesetzes unterzuordnen. Trieb ist er nur insofern, als das Göttliche eines Körpers
bedarf, um im Menschen zu wohnen.
Die Schwierigkeiten, mit welchen man gewöhnlich zu kämpfen hat, um einen, in ein
ästhetisches Gewand gekleideten philosophischen Inhalt rein abzuscheiden, fallen bei
der gegenwärtigen Schrift so gut als ganz hinweg. Was dem Vf. von philosophischen Ideen am Herzen gelegen
hat, ist mit so starken Zügen gezeichnet, drückt sich selbst in den geschilderten
Charakteren so unverkennbar aus, und geht schon aus dem Geiste, der das Ganze so
lebendig durchwaltet, so freiwillig hervor, dass der Leser keinen Augenblick
zweifelhaft bleiben kann. Wäre diess aber noch möglich, so dürfte er sich nur an die,
von dem Vf. in seinen frühern Schriften
geäusserten Ueberzeugungen wieder zurückerinnern. Denn — um diess beiläufig zu
bemerken — nur in den Schriften weniger Männer wird man eine solche bewundernswürdige
Einheit antreffen, als ein tiefes und anhaltendes Studium in den Schriften des
Vf. nirgends vermissen kann. Nach
meinem Urtheil
— heisst es einmal in den Briefen über die Lehre des
Spinoza (2te Aufl. S. 42.) — ist
das grösseste Verdienst des Forschers, Daseyn zu enthüllen, und zu offenbaren.
Erklärung ist ihm Mittel, Weg zum Ziele, nächster — niemals letzter Zweck. Sein
letzter Zweck ist, was sich nicht erklären lässt: das Unauflösliche, Unmittelbare,
Einfache.
Dieser Ueberzeugung, die den philosophischen Charakter des
Vf. auf das treffendste schildert,
getreu, geht er in dem System der praktischen Philosophie, das im
Woldemar seinem ganzen Wesen nach dargelegt ist, (Th. 1. S. 130.)
von einem
menschlichen Instinct
aus, auf dem alle Tugend zu-
letzt beruht,
der den Menschen zwingt, sich aus
den Tiefen seines Wesens dieselbe hervorzuschaffen.
Dieser Instinct der
menschlichen, oder überhaupt jeder sinnlich vernünftigen Natur ist ihm (vergl. Ed.
Allwills Briefsamml. Vorr. S. XVI. Anm.) diejenige Energie, welche
die Art und Weise ihrer Selbstthätigkeit, durch deren Kraft man sich jede ihrer
Handlungen als alleinthätig angefangen und fortgesetzt denken muss, ursprünglich
(ohne Hinsicht auf noch nicht erfahrne Lust oder Unlust) bestimmt.
Wörtlich lautet dort die Definition: Ich nenne Instinkt diejenige
Energie, welche die Art und Weise der Selbsttätigkeit, womit jede Gattung
lebendiger Naturen als die Handlung ihres eigentümlichen Daseins selbst
anfangend und alleintätig fortsetzend gedacht werden muß, ursprünglich (ohne
Hinsicht auf noch nicht erfahrene Lust und Unlust) bestimmt.
Insofern diese Naturen bloss in ihrer vernünftigen Eigenschaft betrachtet
werden, hat derselbe die Erhaltung und Erhöhung des persönlichen Daseyns, des
Selbstbewusstseyns, der Einheit des reflectirten Bewusstseyns mittelst
continuirlicher durchgängiger Verknüpfung: — Zusammenhang zum Gegenstande; und
insofern man in der höchsten Abstraction die vernünftige Eigenschaft rein absondert,
geht der Instinct einer solchen blossen Vernunft allein auf Personalität mit
Ausschliessung der Person und des Daseyns, weil beide hier nothwendig wegfallende
Individualität verlangen. Die reine Wirksamkeit dieses letzten Instincts könnte
reiner Wille, das Herz der blossen Vernunft heissen, und wenn man ihr, als einer
Indication, philosophisch nachgienge, würde sich aus ihr unter anderm auch die
Erscheinung eines unstreitig vorhandnen kategorischen Imperativs der Sittlichkeit
vollkommen begreiflich finden lassen. Dieser Instinct umfasst also die doppelte Natur
des Menschen. Er geht auf Erhaltung des Daseyns, wie jeder Trieb überhaupt; allein
als auch der vernünftigen Natur angehörend, nur auf Erhaltung des dem Menschen
eigenthümlichen Dasevns. Die eigenthümliche Natur des Menschen aber ist Vernunft und
Freiheit. Vermöge dieses Instincts ist sich der Mensch daher einer Kraft bewusst, mit
welcher er, allen Antrieben der Sinne entgegen, allein der Vernunft zu folgen vermag;
ja er fühlt sich sogar, diess zu thun, durch einen unaustilgbaren Trieb gedrungen.
Wie dieser Trieb entsteht, wie er wirkt, begreift er nicht; versucht er auch, wenn er
weise ist, nicht zu erklären. Denn erklären lässt sich nur das Abhängige,
Vermittelte; dieser Trieb aber ist das Letzte, Unvermittelte. Allein seines Da-
seyns und seiner höheren Natur ist er sich mit einer
über allen Zweifel erhabenen Gewissheit bewusst; er fühlt, dass er selbst nur durch
ihn mit allem Göttlichen verwandt, dass er
der Odem Gottes ist in dem Gebilde
von Erde.
Über die Lehre des Spinoza
S. XLIII.
Was dieser Trieb in seiner Reinheit schaft, ist Tugend; und weil Uebung der
Tugend nichts anders, als Wirksamkeit des Menschen in seinem eigenthümlichsten Daseyn
ist, so ist mit der Tugend zugleich unmittelbar Glückseligkeit verbunden. Denn
dasselbe Bewusstseyn, durch das wir den Ursprung der Tugend aus dem bessern Theil
unsers Wesens gewahr werden, lehrt uns auch,
dass die höchste Glückseligkeit
nicht eine gewisse Art des äusserlichen Zustandes, sondern eine Beschaffenheit des
Gemüths, eine Eigenschaft der Person ist.
(Th. 1. S. 124.) Und so ist es
die Tugend, welche
dem Menschen zugleich die Geheimnisse seiner Natur und
seiner Glückseligkeit heller offenbart.
(Th. 1. S. 130.) Auf diesem
Fundament ruht das System der praktischen Philosophie des
Vf. Wie ungewöhnlich nun auch mancher Ausdruck, wie
fremd die ganze Darstellungsart Lesern scheinen mag, welche sich einmal streng an die
bisherigen Systeme halten; so werden sie derselben nicht absprechen können, dass die
höchste Reinheit der Moralität darin unentweiht geblieben ist. Denn das Einzige,
worauf alles endlich zurückgeführt wird, ist die Kraft der praktischen Vernunft, die
uneingeschränkte Freiheit des Willens. Alle materialen Grundsätze sind gänzlich
entfernt; und derjenige, der zwar nirgends förmlich ausgedrückt ist, den aber die
ganze Ideenreihe deutlich anzeigt, ist lediglich formal, und allein in der Form der
menschlichen Vernunft enthalten, auf welcher des Menschen persönliches Daseyn beruht,
dessen Erhaltung und Erhöhung jener Instinct zum Gegenstande hat. Allein die Moral
ist, dieser Vorstellungsart zufolge, auch wiederum nicht bloss eine aus Formeln und
Vernunftsätzen bestehende Theorie, der es, wie consequent sie auch an sich seyn
möchte, noch immer an äussrer Wahrheit, an praktischer Nothwendigkeit mangeln könnte;
sie ist durch die festesten und in der Natur selbst sichtbarsten Bande mit der
Wirklichkeit verknüpft, und geht aus dem innersten Wesen des Menschen hervor. Wenn er
Mensch heissen, nicht die Stimme seines eignen Gefühls übertäuben will, muss er ihr
Gehorsam leisten. Jener Trieb ist unläugbar im Menschen vorhanden, und insofern
Instinct diejenige
innere bewegende Kraft ist, welche
ursprünglich mit der Eigenthümlichkeit eines Wesens gegeben ist, kann er auch mit
Recht Instinct genannt werden. Genau untersucht wird hier sogar nichts anders zum
Grunde gelegt, als eben das, wovon auch das rechtverstandene Moralsystem der
kritischen Philosophie ausgeht — sittliches Gefühl, Gewissen, Freiheit. Allein es ist
hier auf einem durchaus andern, völlig eignen Wege gefunden, und wird auf einem
andern herbeigeführt. Daher stellt es auch gerade seinen Ursprung in ein vorzüglich
helles Licht, zeigt noch klärer die Verbindung zwischen dem Moralgesetz, und der
wirklichen Natur des Menschen, enthüllt gleichsam noch mehr die Thatsachen der
Freiheit und des sittlichen Gefühls, und giebt dadurch selbst zur Aufbauung der
endlichen, von allen Seiten genügenden Philosophie die treflichsten Winke. Einen
solchen Wink glauben wir z. B. darin zu entdecken, dass dem Instinct, der allem zum
Grunde liegt, durchgängiger Zusammenhang zum Gegenstand gegeben, und also im Menschen
ein Grundtrieb nach innerer und äusserer Ueber einstimmung festgestellt wird, aus dem
sich — wenn es hier der Ort wäre, solchen Entwicklungen vorzugreifen — auch, unter
andern wichtigen Folgen für die theoretische und praktische Philosophie, der
nothwendige Zusammenhang der Glückseligkeit mit der Tugend streng beweisen lassen
würde. Allein die Einsicht dieses Zusammenhanges bleibt immer ein tiefer Blick in die
innerste Natur des Menschen. Den alten Philosophen, vorzüglich dem
Aristoteles, entgieng er nicht.
Vgl. Jacobis eigene
Auseinandersetzung der ethischen Prinzipien des Aristoteles im Woldemar 2, 242.
Ihnen war der Mensch zu sehr ein Ganzes; ihre Philosophie gieng zu sehr von
den dunklen, aber richtigen Ahndungen des Wahrheitssinnes aus. Sie verfielen aber zum
Theil in ein entgegengesetztes Extrem, und läugneten alle Abhängigkeit von der Hand
des Geschicks. Die neuere Philosophie hat zu sehr durch fremde Hand verknüpft, was,
seiner Natur nach, schon verschwistert ist. Es bleibt einer künftigen vorbehalten,
durch ein noch tieferes Eindringen in die Natur des sittlichen Gefühls, und seiner
Wirksamkeit in dem ganzen Wesen des Menschen, das streng darzuthun, wofür die
Empfindung des natürlichen, aber gutgestimmten Menschen von selbst so laut spricht.
Dass aber jenem Triebe, jenem ursprünglichen Instincte nicht etwa unbestimmte
Begriffe, oder dunkle Gefühle zum Grunde liegen,
beweisen unter mehreren merkwürdigen Stellen dieser Schrift vorzüglich die Worte
Woldemars (Th. 1. S. 135.) in dem
Gespräche mit
Biderthal. Nachdem er gezeigt
hat, wie der Begriff wichtiger und höher ist, als die Empfindung, und wie das ganze
menschliche Bestreben dahin geht, unsre Empfindungen in Begriffe zu verwandeln, kommt
er auf die Frage, worin die Vortreflichkeit des Menschen bestehe?
Die
Gaben,
antwortet er sich selbst,
sind mancherlei; aber jeder ist
vortreflich in seinem Maass, dessen Vernunft seine Empfindungen, Begierden und
Leidenschaften überschaut und beherrscht. Ich sage beherrscht! denn Empfindungen,
Begierden und Leidenschaften müssen da seyn, wenn menschliche Vernunft da seyn
soll. Aus stumpfen Sinnen werden nie helle Begriffe hervorgehen; und wo Schwäche
der Triebe und Begierden ist, da kann weder Tugend noch Weisheit eine Stelle
finden. Kein Volk; keine Obrigkeit! Keine Obrigkeit; keine Gemeine! Je zahlreicher
aber und je rüstiger die Menge, desto grösser das Fürstenthum! Und gleich einem
Fürstenthum ist die Vernunft, wovon ich rede. Ihr gehört jenes herrschende Gefühl,
jene herrschende Idee, wodurch allen übrigen Ideen und Gefühlen ihre Stelle
angewiesen wird, und ein höchster unveränderlicher Wille in die Seele kommt; von
ihr kommt jener auf unüberwindliche Liebe gegründeter unüberwindlicher Glaube,
und, mit diesem Glauben, jener heilige Gehorsam, welcher besser ist, denn
Opfer.
Das in dieser letzten Stelle über Liebe und Glauben Gesagte betrift
die Verbindung der Moral mit der Religion, und erhält seine vollkommene Aufklärung
aus den Briefen über die Lehre des
Spinoza.
Vorr. S. XLI—XLV. §. XXXIX—XLVI. Was also wohl das Resultat der ganzen Philosophie
des
Vf. überhaupt seyn dürfte, dass sie
nemlich Wahrheit und Daseyn, um seinem eignen Ausdruck zu folgen, scharf aufzufinden,
und klar zu enthüllen, die Thatsachen, von welchen ausgegangen werden muss,
darzustellen, und den Weg des ferneren Ganges im Ganzen zu zeigen, mehr als
vielleicht irgend eine andre, mit oft bewundernswürdigem Glücke bemüht ist; das ist
gewiss in noch höherem Grade das Resultat des in dem
Woldemar entworfenen Moralsystems. Allein wie bei seinen übrigen
philosophischen Aeusserungen, so möchte man auch hier manchmal wünschen, dass es ihm
gefallen haben möchte, die Begriffe noch genauer zu analysiren, die Sätze in
strengerer Folge aus einander herzuleiten, ja selbst hie und da dem Ausdruck eine
grössere Bestimmtheit zu
geben, um noch mehr jedem
möglichen Misverständniss zuvorzukommen. Ueberall würde der Vortrag dadurch mehr
Fasslichkeit und grössere philosophische Strenge erhalten; wo aber das System selbst
noch einer Prüfung bedarf, da würde eine solche Methode zugleich den Vortheil, auch
diese zu erleichtern, gewähren. Allein freilich könnte diess Unternehmen, wie schon
der
Vf. selbst einmal (Br. üb. d. Lehre d.
Spinoza. Vorr. S. XXIV.) bemerkt,
vollkommen nur in einem eignen sehr kritischen Werke geschehen, in welchem er sein
Gedankensystem von Grund aus, und im Zusammenhange mit allen seinen Folgen darlegte;
und wenn der Leser sich ihm schon zum lebhaftesten Dank für das, was er empfängt,
verpflichtet fühlt, ist er freilich nicht berechtigt, auch noch auf eine neue Gabe
Anspruch zu machen. So reich aber die gegenwärtige Schrift auch an philosophischem
Gehalt ist; so ist sie doch auf der andern Seite zugleich ein freies dichterisches
Product, und verdient vorzüglich als Kunstwerk, dass die prüfende Aufmerksamkeit
dabei verweile. Auch alle philosophische Absicht entfernt, ist das Ganze ein schönes,
anziehendes Gemählde interessanter Situationen; die Reihe der Begebenheiten geht, nur
durch sich selbst bestimmt, mit ungezwungener Leichtigkeit fort, und das Raisonnement
scheint wie von selbst und ohne Absicht hineinverwebt. Die Geschichte, welche dem
Ganzen zum Vehikel dient, ist nicht reich an Erfindung, noch ihr Faden verwickelt —
ein einfaches Familienleben in Verhältnissen, die fast durchaus mehr durch die
Empfindungsweise der handelnden Personen, als durch äussre Vorfälle bestimmt werden.
Allein gerade diess foderte auch sowohl die philosophische, als poetische Absicht des
Vf. Je weniger Abweichungen die
Dazwischenkunft äussrer Begebenheiten veranlasste, desto reiner konnten sich die
Charaktere aus ihrer Individualität entwickeln, und diese vollkommen zu schildern,
war unstreitig sein Hauptzweck. Und in der That verräth auch die Art ihrer Zeichnung,
ihrer Haltung, ihrer Auflösung, da wo die Verwicklung manchmal auf den höchsten Grad
steigt, eine seltne Feinheit der Beobachtung und eine gleich ungewöhnliche Gabe der
Darstellung. Es gehörte ein eigner grosser Gehalt dazu, die einzelnen Züge zu
Menschen, wie sie hier geschildert sind, zusammenzutragen, und reife psychologische
Einsicht, sie, der Natur entsprechend, in Ein Bild zu vereinigen. Denn die hier
gezeichneten Charaktere sind nicht bloss wegen ihrer wirklichen Vortreflichkeit
selten, sondern besitzen auch
einen Grad der
Originalität, der ihnen vor manchem, auch nicht ungeweihtem Auge etwas Fremdes, wenn
nicht gerade Unnatürliches geben kann. Zwar existiren gewiss, zum Glück und zur Ehre
der Menschheit, Individuen von gleich eindringendem Geiste, gleich grosser Wärme des
Gefühls, gleich zartem Schönheitssinn, Menschen, denen also eben so wenig weder das
Mühen nach äusseren Endzwecken, noch die blosse Thätigkeit der intellectuellen Kräfte
genügt, die sich eben so ein eignes und gerade das liebste Geschäft daraus machen,
gleichsam in der Mitte ihrer Empfindungen zu leben. Allein selten, und auch diess hat
die Natur mit Weisheit geordnet, werden sie von den äussern Gegenständen so wenig
gestört, und seltner noch von ihren Verhältnissen selbst so dringend veranlasst,
sich, wenn der Ausdruck erlaubt ist, so in ihren Gefühlen zu verlieren, so anhaltend
über ihnen zu verweilen, sie endlich so dauernd und so mächtig herrschend in sich
werden zu lassen, als man hier, vorzüglich in einigen Epochen, an
Woldemar und an seinen Freunden bemerkt. Was in der
Natur einzeln, in verschiedenen Lagen, in längeren Zeiten zerstreut ist, das ist hier
sehr natürlich näher zusammengerückt, und macht nur dadurch einen verschiednen,
weniger gewohnten Eindruck. Es würde daher kaum wunderbar scheinen dürfen, wenn
einige Situationen, z. B.
Woldemars
Abneigung, sich mit
Henrietten zu
verheirathen, und besonders die Art, wie beide sich, auf die Veranlassung eines
Misverständnisses, gegenseitig quälen, wo Eine einfache Erklärung sie verglichen
haben würde, einigen Lesern, vorzüglich beim ersten Anblick, nicht ganz natürlich
scheinen sollten. Nicht zwar als könnten dergleichen im wirklichen Leben nicht
vorkommen, da jeder Leser sich vielleicht nicht unähnlicher erinnern wird; nicht auch
als entsprängen sie nicht aus den Charakteren, wie sie einmal geschildert sind, oder
als wären die Umstände nicht gehörig auseinander gesetzt, die sie nicht bloss
möglich, sondern sogar nothwendig machten; sondern bloss weil es ein mächtiger
Unterschied ist, etwas in der wirklichen Natur und in der nachahmenden Schilderung zu
erblicken. Es ist damit gerade ebenso, als mit der Erscheinung, dass es Dinge giebt,
die beides zu komisch und zu tragisch sind, um z. B. auf dem Theater Glauben zu
finden, und die dennoch im Leben wirklich und sogar nicht selten vorkommen. Wie
nemlich die Natur immer die Gewissheit der Wirklichkeit unmittelbar mit sich führt,
so ist die Nachahmung zu leicht von einem gewissen Mistrauen gegen ihre
Treue begleitet. Von diesem veranlasst geht man leicht dem Wege
nach, auf dem sie eine Situation herbeiführt, um ihre Möglichkeit zu beurtheilen; und
wie streng und genau dieser gezeichnet seyn mag, so zerstreut, (noch ungerechnet,
dass es oft geheime, kaum bemerkbare Ursachen giebt, welche aller Darstellung
entschlüpfen,) schon diese Vergleichung die Beobachtung, und verändert den Eindruck.
Vorzüglich bei der Schilderung von Charakteren mag es also, auch innerhalb der
empirischen Wahrheit, noch eine gewisse Grenze der poetischen Wahrscheinlichkeit
geben; vorzüglich da mag nur eine gewisse Abweichung von der gewöhnlichen
Menschennatur, die dem Gefühl eines jeden zum Maassstabe des Natürlichen dient,
erlaubt seyn. So gefährlich aber auch die Klippe war, die dem
Vf., welcher, seiner Absicht gemäss, einmal keine
andre moralische Gestalten, als gerade die geschilderten, wählen konnte, hier drohte;
so glücklich hat er sie zu überwinden verstanden, und auch die Zweifel, von welchen
wir eben sprachen, werden gewiss bei tieferem Studium der gezeichneten Charaktere
verschwinden. Vertraut mit dem Wesen der poetischen Kunst, weiss er, auch was völlig
subjectiv scheint, noch an die nothwendigen Bedingungen der menschlichen Natur
anzuknüpfen; mit kluger Vorsicht lässt er jede neue Wendung des Charakters so
vollständig vorbereiten, und so lange verweilen, und mit meisterhaftem Talent
versucht er durch eine schöne, an mehr als Einer Stelle hinreissende Sprache den
Leser so in sein Interesse zu verweben, dass sein Gefühl in die gleiche Stimmung
übergeht. Nun ist ihm jeder folgende Schritt klar, nun theilt er ihn selbst. Immer
aber bleibt in Charakteren, wie
Woldemar und
Henriette, wie sie durch
Woldemar umgebildet ist, gleichsam eine gewisse
Schwierigkeit zurück. Wie schön und edel sie sind, wie tief sie ergreifen und
erschüttern; so spannen sie doch das Interesse auf eine beunruhigende Weise. Es
schmerzt, wenn man sieht, dass sie in der glücklichsten äusseren Lage, mit den besten
Kräften, die das Geschick seinen Günstlingen zu schenken vermag, ihre Zufriedenheit
und Thätigkeit durch Leiden unterbrechen, die man in die Versuchung kommen möchte,
selbstgeschaffen zu nennen. Sanft und schön ruht daher der Blick auf einigen andern
Gestalten aus, die mit weiser Oekonomie an ihre Seite gestellt sind. Welcher Leser
erinnert sich nicht hiebei an
Allwina, an
das liebenswürdige Geschöpf, das in der höchsten Anspruchlosigkeit, sich selbst
unbewusst, einen Schatz von Tiefe und Grösse des Charakters be-
wahrt, das schwere Verhältniss zwischen
Woldemar und
Henrietten allein durch Unbefangenheit des Sinnes fasst, und durch
hingebende Liebe in schönen Einklang auflöst? Auch
Henriettens beide verheirathete Schwestern haben in dieser Rücksicht
keinen unbeträchtlichen Antheil an der Wirkung des Ganzen; und selbst der alte
Hornich, wie er nur durch äussre
Verhältnisse gebildet ist, und nur im Aeussern lebt, trägt durch seine contrastirende
Gestalt wesentlich dazu bei, der Gruppe Mannigfaltigkeit zu geben, die von einer
andern Seite her Einheit erhält. Denn
Woldemar ist es, seine Art zu seyn, die sich nach und nach allen
übrigen mehr oder minder mittheilt, an welche sich alles andre anschliesst. Dass sein
Charakter sich entwickelte, dass er zu dem Grade der Ruhe und Festigkeit käme, der
ihm so sehr mangelte, und nach dem er sich so innig sehnte, ist das letzte Ziel
dieses schönen, mannigfaltig verflochtenen Ganzen. Diesem Ziele arbeitet alles in
grosser Einheit entgegen. So wie
Woldemar
auftritt, erregt sein Charakter bei dem Leser, wie bei seinen Freunden, Besorgnisse.
Wie er da ist, fühlt man lebhaft, ist er noch nicht zur Stätigkeit und Ruhe gediehen;
er muss noch viele Prüfungen bestehen, neue Umwandlungen erleiden. In der Folge
steigt die Verwicklung, und noch gerade den nächsten Augenblick vor der Auflösung hat
sie den höchsten Gipfel erreicht, so dass man sich durch diese doppelt überrascht
sieht. Dennoch ist es gerade diese Auflösung, mit welcher mancher Leser minder
zufrieden seyn dürfte. Wie man sich
Woldemar
bis dahin zu denken gewohnt gewesen ist, mit der Grösse und Festigkeit, mit dieser
eigentlichen Stärke des Charakters, hätte man ihn, wenn er je fallen konnte, lieber
sich durch eigne Kraft wieder aufrichten sehen, als an der Hand eines Dritten, sey es
auch die Hand der Geliebten. Es ist schwer zu beurtheilen, ob in dem Plane des
Vf. ein solcher Ausgang möglich war.
Allein in dem Charakter selbst, so wie er entwickelt ist scheint keine Unmöglichkeit
zu liegen. Wenn er auf dem Wege fortgieng, auf dem er war, wenn er, endlich an aller
Menschenwürde und Menschenkraft verzweifelnd, sich einem völligen Unglauben, einer
alles verachtenden Härte überliess; so mussten gerade durch diess Uebergewicht der
entgegengesetzten Gefühle jene sanfteren und natürlicheren nach eben dem Gesetz von
selbst wieder lebhaft werden, nach welchem jede Kraft gerade dann am regsamsten wird,
wenn ihr der gänzliche Untergang droht. Je schrecklicher die Einöde war, in welche
Woldemars Seele sich um-
geschaffen fühlte, desto mächtiger musste die leiseste Regung
dieser Empfindungen wirken; der Rückweg war nun schneller als die Verirrung; und
Woldemar kehrte so durch sich selbst zum
Glauben an Tugend und Menschheit, und mit ihm zum Glauben an
Henrietten zurück. Aber er dankte seine Rettung
nicht minder dem Gefühle der Liebe; Vertrauen auf Liebe trat nicht minder an die
Stelle des stolzeren Selbstvertrauens; der Sieg der Liebe war vielmehr um so grösser,
wenn sie nicht
Henriettens Wort, wenn sie
nur ihr Andenken, nur was
Henriette in
Woldemars Seele gestiftet hatte, zu Hülfe
zu rufen brauchte. Die einzelnen Rollen sind mit grosser Zweckmässigkeit unter die
auftretenden Personen vertheilt, und die Charaktere mit vieler Kunst gezeichnet und
durchgeführt. Der wichtigste ist
Woldemar
selbst. Von diesem ist aber schon in dem Versuche geredet worden, den wir oben
gemacht haben, einen Abriss der ganzen Schrift zu liefern, und zwar einen Abriss, der
gerade ihre Eigenthümlichkeiten, und nur diese darstellte, und gerade demjenigen
Leser vielleicht am meisten willkommen wäre, der das Werk selbst schon gelesen hätte.
Henriette ist zu genau mit
Woldemar verbunden, als dass dadurch nicht zugleich
auch die Schilderung ihres Charakters hinlänglich geprüft wäre. Indess ist dieser
fast unter allen der schwierigste, aber auch vor allen mit feiner Kunst behandelt. In
den Lagen, in welche sie durch
Woldemar
versetzt wird, kann es nicht fehlen, dass man nicht hie und da einen Augenblick die
ganze, volle Weiblichkeit in ihr vermissen sollte. Wir erinnern hier an ihre eigne
Weigerung, sich mit
Woldemar zu verbinden,
an die Gespräche, die länger, raisonnirender, belehrender sind, als wir sie von der
Anspruchlosigkeit der Frauen erwarten. Allein bei genauerer Untersuchung entdeckt
sich, dass gerade, was hier minder weiblich erscheint, sich durch die höchste
Weiblichkeit auflöst. Nur um ihren Freund ihrer Freundin zu schenken, thut sie selbst
Verzicht auf ihn; nur aus der höchsten Liebe zu ihm, einer Liebe, die beide Wesen in
ihrem ganzen Daseyn zusammenschmelzt, folgt sie ihm in dem ihm nun einmal
eigenthümlichen Ideengange; nur an dem letzten Gespräch, in dem es
Woldemars Rettung gilt, nimmt sie einen lebhaften
und mehr thätigen Antheil. Von
Allwina ist
schon im Vorigen gesprochen. Auch die übrigen Personen sind mit Bestimmtheit und
Sorgfalt gezeichnet, und aller Gleichheit ungeachtet, welche Freundschaft und
gemeinschaftliches Leben ihnen gegeben hat, unterscheidet sich der redliche, aber so
leicht
ängstlich besorgte
Biderthal sehr merklich von dem kühneren, mehr
raisonnirenden
Dorenburg. In der Schilderung
des alten
Hornich liegt eine eigne Natur und
Wahrheit, und es gehörte viel Kunst der Behandlung dazu, einen Charakter, der so
manche wirkliche Härten hat, dennoch bis auf einen gewissen Grad liebenswürdig
erscheinen zu lassen. — So wenig sich auch die Sprache des
Vf. in ihrer Eigenthümlichkeit mit wenigen Worten
charakterisiren lässt, so ist sie dennoch zu eindringend und schön, um sie ganz zu
übergehen. Vorzüglich glücklich ist er in dem, was gerade andern so selten gelingt,
in Schilderungen hoher und zarter Seelenstimmungen, wovon wir unter so vielen nur
folgende wenige Th. 1. S. 39. 40. S. 186—190. Th. 2. S. 17—19. S. 46. 47.ff. zu
Beweisen anführen wollen.
Gleichsam als bald längere, bald kürzere Episoden sind in diese Schrift theils eine
Menge treflicher psychologischer Bemerkungen, theils interessante Raisonnements über
wichtige Gegenstände aus dem Gebiete der Philosophie des Lebens verwebt. Vorzüglich
unter den letzteren zeichnen sich Th. 1. S. 24. u. 40. über Freundschaft und Liebe;
S. 51—63. über die Wahl der Gesellschaft; S. 80—103. über das Uebermaass in Pracht
und Einfachheit; Th. 2. S. 37—46. über das weibliche Geschlecht, und mehrere andre
aus. In dem letzten ausführlichen Gespräch über Tugend und Moralität giebt der
Vf. zugleich (Th. 2. S. 210—244. u. Beil.
S. 285—294.) einen körnigten Auszug aus der Moral des Aristoteles, der das Gedankensystem des Stagiriten in bündiger Kürze und mit philosophischer Präcision
darstellt, und den wir ebensowenig als die vortrefliche Uebersetzung eines schönen
Stücks aus dem Plutarch
Jacobi giebt dort einen knappen Auszug
aus den Biographieen des Agis und
Kleomenes.
(Th. 2. S. 178—205.) unerwähnt lassen können. Dass endlich die gegenwärtige
Schrift eine Vollendung einiger schon vor mehreren Jahren erschienenen Fragmente ist,
wird für den grössten Theil der Leser nicht erst einer Erwähnung bedürfen.