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Wie man in der vergleichenden Anatomie die Beschaffenheit des menschlichen Körpers durch die Untersuchung des thierischen erläutert; ebenso kann man in einer vergleichenden Anthropologie die Eigenthümlichkeiten des moralischen Charakters der verschiedenen Menschengattungen neben einander aufstellen und vergleichend beurtheilen.
Geschichtschreiber, Biographen, Reisebeschreiber, Dichter, Schriftsteller aller Art, selbst den speculativen Philosophen nicht ausgenommen, enthalten Data zu dieser Wissenschaft. Auf Reisen, wie zu Hause, im geschäftigen, wie im müssigen Leben bietet sich überall die Gelegenheit dar, sie zu bereichern und zu benutzen, und unter allen Studien ist kein anderes in so hohem Grade unser beständiger Begleiter, als das Studium des Menschen. Es kommt nur darauf an, den reichen Stoff, den das ganze Leben hergiebt, zu sammeln, zu sichten, zu ordnen und zu verarbeiten.
Diess zu thun ist die vergleichende Anthropologie bestimmt, welche, indem sie sich auf die allgemeine stützt, und den Gattungs-Charakter des Menschen als bekannt voraussetzt, nur seine individuellen Verschiedenheiten aufsucht, die bloss zufälligen und vorübergehenden von den wesentlichen und bleibenden absondert, die Beschaffenheit dieser erforscht, ihren Ursachen nachspürt, ihren Werth beurtheilt, die Art sie zu behandeln bestimmt, und den Fortgang ihrer Entwicklung vorhersagt.
Es giebt kein praktisches Geschäft im menschlichen Leben, das nicht der Kenntniss des Menschen bedürfte, und zwar nicht bloss des allgemeinen, philosophisch gedachten, sondern des individuellen, wie er vor unsern Augen erscheint. Es ist schwer bei der Erwerbung dieser Kenntniss den doppelten Fehler zu vermeiden, sich weder einen zu unbestimmten und allgemeinen, noch auch einen zu particulairen Begriff von dem Individuum zu bilden; es weder zu sehr bloss nach seinen möglichen Anlagen, noch zu sehr mit allen bloss zufälligen Beschränkungen zu betrachten. Durch den ersteren beraubt gewöhnlich der bloss speculirende Philosoph seine Grundsätze ihrer praktischen Anwendbarkeit; durch den letzteren der blosse Geschäftsmann seine Einrichtungen ihrer längeren Dauer und ihres wohlthätigen Einflusses auf die Aufklärung und den innern Charakter.
Um zugleich den Menschen mit Genauigkeit zu kennen, wie er ist, und mit Freiheit zu beurtheilen, wozu er sich entwickeln kann, müssen der praktische Beobachtungssinn und der philosophirende Geist gemeinschaftlich thätig seyn. Diese Verbindung aber wird beträchtlich erleichtert, wenn die individuelle Charakterkenntniss in einer vergleichenden Anthropologie zu einem Gegenstände des wissenschaftlichen Nachdenkens erhoben wird, und wenn man in derselben von den Eigenthümlichkeiten verschiedener Menschenclassen, und dem gewöhnlichen Einfluss äusserer Lagen auf den innern Charakter bestimmte und getreue Schilderungen antrift. Der allgemeine Typus, den sie angiebt, kann alsdann mit Hülfe eigner Erfahrung weiter ausgezeichnet; in der Sphäre, welche sie einem Charakter überhaupt als möglich anweist, kann die Stelle bestimmt werden, welche er in dem jedesmaligen Moment wirklich einnimmt.
Der Gesetzgeber, hat man immer gesagt, muss seine Nation, ihren Geist und ihre
Gesinnung studirt haben, wenn er mit Fortgang auf sie einwirken will. Wie aber ist
es möglich den Charakter Einer Nation vollständig zu kennen, ohne nicht zugleich
auch die andern erforscht zu haben, mit welchen jene in den nächsten Beziehungen
steht, durch deren contrastirende„contrastirende“ verbessert aus „charakteristische“.
Um einzelnen Zügen gleichsam gewisse Kunstgriffe der Regierungskunst abzulernen, um einzusehen, dass man den Franzosen nicht pedantisch, den Engländer nicht sichtbar despotisch behandeln muss, bedarf es freilich so grosser Zurüstungen nicht. Mittel die empfindlichen Stellen des menschlichen Charakters zu schonen, und seine Schwächen zu benutzen, giebt auch eine oberflächliche Beobachtung leicht an die Hand.
Aber es soll etwas ganz andres geschehen. Die individuellen Charaktere sollen so
ausgebildet werden, dass sie eigenthümlich bleiben, ohne einseitig zu werden, dass
sie der Erfüllung der allgemeinen Foderungen an allgemeine idealische„contrastirende“ verbessert aus „charakteristische“.
Denn nur gesellschaftlich kann die Menschheit ihren höchsten Gipfel erreichen, und sie bedarf der Vereinigung vieler nicht bloss um durch blosse Vermehrung der Kräfte grössere und dauerhaftere Werke hervorzubringen, sondern auch vorzüglich um durch grössere Mannigfaltigkeit der Anlagen ihre Natur in ihrem wahren Reichthum und ihrer ganzen Ausdehnung zu zeigen. Ein Mensch ist nur immer für Eine Form, für Einen Charakter geschaffen, ebenso eine Classe der Menschen. Das Ideal der Menschheit aber stellt soviele und mannigfaltige Formen dar, als nur immer mit einander verträglich sind. Daher kann es nie anders, als in der Totalität der Individuen erscheinen.
Man nehme in Gedanken aus der Reihe der Europäischen Nationen eine hinweg, die
keinen im Ganzen sehr beträchtlichen Antheil an der Kultur und den Fortschritten
dieses Welttheils genommen hat, und nicht einmal ein eigner Stamm, nur ein Zweig
einer andern Nation ist, ich meyne die Schweizerische, und es würde auf einmal in
dem kultivirten, üppigen, von der ersten
Wir haben mit Fleiss den schweitzerischen Charakter zum Beispiel gewählt, der wenigstens zum Theil der Natur so nah verwandt ist, dass niemand seine Eigenthümlichkeiten anders als mit innigem Mitgefühl untergehn sehen könnte. Denn sonst ist nicht freilich gleich jede Verschiedenheit des Aufbewahrens werth, und seltner gerade ist diess eine nationelle, die durch die Verbindung so vieler bloss zufälliger Umstände entspringt.
Aber gerade weil nicht jede Varietät empfehlungswürdig, ja viele sogar tadelhaft sind, und es doch (um nur diess Eine hier in Betrachtung zu ziehen) schon physisch unmöglich ist, die Menschen auf Einmal und gänzlich aus ihrem gewohnten Gleise herauszuheben, ihre Individualität zu vernichten und sie zu andern Menschen zu machen, muss man ihre Verschiedenheiten studiren, und was sich aus ihnen entwickeln lässt, überschlagen.
Der Mensch soll seinen Charakter, den er einmal durch die Natur und die Lage empfangen hat, beibehalten, nur in ihm bewegt er sich leicht, ist er thätig und glücklich. Darum soll er aber nicht minder die allgemeinen Foderungen der Menschheit befriedigen und seiner geistigen Ausbildung keinerlei Schranken setzen. Diese beiden einander widersprechenden Foderungen mit einander verbinden und beide Aufgaben zugleich lösen soll der praktische Menschenkenner, und wie kann er in diesem Geschäfte glücklich seyn, ohne die allgemeinen möglichen Verschiedenheiten der menschlichen Natur, und die allgemeinen Verhältnisse einzelner Eigenthümlichkeiten zum Ideal der Gattung sorgfältig erforscht zu haben?
Den Menschen zu bilden ist aber nicht bloss der Erzieher, der Religionslehrer, der Gesetzgeber bestimmt. So wie jeder Mensch neben allem, was er noch sonst seyn kann, zugleich immer noch Mensch ist, so hat er auch die Obliegenheit auf sich, neben allen Geschäften, die er sonst immer betreiben mag, zugleich auf die intellectuelle und moralische Bildung seiner und andrer praktische Rücksicht zu nehmen.
Es ist das allgemeine Gesetz, das die Vernunft aller Gemein-
Am wenigsten kann sich von dieser Verpflichtung der Gesetzgeber lossagen, da er die grösseste und gefährlichste Macht in Händen hat, auf die Menschen zu wirken. Die ganze Politik, vorzüglich die innere, wird dadurch einem Gesichtspunkte untergeordnet, der ihr an sich eigentlich fremd ist. Denn da sie für sich eigentlich nichts anders zu thun hat, als nur die Aufgabe zu lösen, wie der letzte Zweck aller bürgerlichen Vereinigung, die Sicherheit der Person und des Eigenthums am kürzesten und gewissesten erhalten werden kann? so muss sie nun bei jeder Veranstaltung, die sie vorschlägt, erst nach dem Einflusse fragen, welchen dieselbe auf den Charakter der Bürger, als Menschen, ausüben wird? und jede erst nach diesem Maassstabe prüfen. Da noch überdiess beide Gesichtspunkte fast überall auf ganz entgegengesetzte Resultate führen müssen, der rein politische auf Zwang, der erweiterte moralische auf Freiheit, so wird es ihr schwierigstes Geschäft seyn, diese beiden streitenden Foderungen mit einander zu vereinigen, und diese Schwierigkeit wird dadurch noch grösser, dass sie, sobald von einer Anwendung die Rede ist, einen individuellen Charakter zu schonen und zu leiten, also noch mehr particulaire Umstände in Acht zu nehmen hat.
Die gewöhnliche Theorie über diesen Gegenstand ist grossen Misbräuchen ausgesetzt. Sie lehrt den Gesetzgeber, die Eigenthümlichkeiten zu benutzen, um die Nation dadurch leichter zu lenken und zu beherrschen. Aber wie leicht führt dieser bloss politische Gesichtspunkt, ohne die höheren moralischen, in die Gefahr, auch offenbare Schwächen und Blössen absichtlich zu unterhalten.
Eine neue Schwierigkeit mehr findet der Staatsmann der neueren Zeit, wo mehrere
Nationen nicht nur, wie auch vormals oft, unter Einem Scepter vereinigt sind,
sondern auch im genauesten Verstande als Eine Masse wirken sollen. Soll diess mit
Die Religion scheint am wenigsten Einfluss von der Eigenthümlichkeit ihrer Bekenner leiden zu dürfen. Sie lehrt Wahrheit und die Wahrheit ist durchaus objectiv und allgemein. Dennoch ist gerade bei ihr die Sorgfalt, sie immer und Schritt vor Schritt die Umänderungen des Geistes begleiten zu lassen, am meisten nothwendig, wenn die doppelte Gefahr eines drückenden Gewissenszwanges, oder religiöser Gleichgültigkeit vermieden werden soll.
Die übrigen Geschäfte des Lebens haben selten einen nahen und grossen Einfluss auf die innre Individualität. Es ist hinreichend grobe Fehler zu vermeiden, um der Gefahr nachtheiliger Einwirkungen zu entgehen.
Desto mächtiger aber wirkt auf die eigenthümliche Charakterbildung der freie und alltägliche Umgang in engeren und weiteren Verbindungen: in der Ehe, der Freundschaft, kleineren und grösseren gesellschaftlichen Cirkeln. Die Kunst dieses Umgangs, wenn sie nicht, wie bisher immer geschehn ist, zu einem blossen Talent zu gefallen und zu gewinnen herabgewürdigt werden soll, beruht ganz und gar auf Charakterkenntniss und Charakterbildung.
Sie strebt zuerst jeden Umgang so wichtig für die Cultur und den Charakter zu
machen, ihm soviel Seele zu geben, als nur immer möglich ist, dann aber noch in
jedem die verschiedenen Individualitäten so einzeln zu stellen und in Massen zu
gruppiren, dass sie dem Betrachter das Bild einer lehrreichen Mannigfaltigkeit
geben, einander selbst aber durch ihre zweckmässige Berührung zugleich
empfänglicher und eigenthümlicher machen. Beides will sie jedoch nicht anders, als
unter der Bedingung einer voll-
Die Grundlinien dieser Kunst zu entwerfen, wäre zugleich nützlich und unterhaltend, aber es könnte nur die Arbeit eines Mannes seyn, der einen grossen und vielseitigen eignen Charakter mit einer ausgebreiteten Kenntniss fremder Individualitäten verbände, und ebensoviel Gedanken- und Empfindungsgehalt besässe, ein enges Verhältniss interessant zu machen, als Leichtigkeit und Beweglichkeit, in den Cirkeln der grossen Welt eine Rolle zu spielen.
Gerade also zu dem, was als ein alltägliches Bedürfniss immer wiederkehrt, bedürfen wir am meisten einer individualisirenden Menschenkenntniss, und mit ihrer Hülfe können wir gerade die Stunden, die wir gewöhnlich leer und verloren achten, zu den inhaltvollsten unsres Lebens machen.
Der Erziehung ist im Vorigen nicht erwähnt worden. Es liegt zu sehr am Tage, wie unentbehrliche Vorarbeiten ihr Untersuchungen, wie die gegenwärtige seyn müssen. Andre Beziehungen sind der Kürze wegen übergangen. So muss z.B. der Arzt nothwendig auf den moralischen und gerade, da nur diesen ihm zu kennen wichtig seyn kann, auf den individuellen Charakter achten.
Die vergleichende Anthropologie ist daher zu einem doppelten Zweck und zu einem doppelten Geschäfte nützlich. Sie erleichtert die Kenntniss der Charaktere, und giebt zugleich eine philosophische Anleitung, ihren Werth zu beurtheilen, ihre ferneren Entwicklungen zu berechnen, und die Möglichkeit zu überschlagen, wie sie mit andern als ein Ganzes zusammenzuwirken fähig sind. Sie dient dem Geschäftsmann, der den Menschen benutzen und beherrschen will, und zugleich dem Erzieher und Philosophen, der ihn zu bessern und zu bilden bemüht ist.
Aber sie ist ausserdem die unterhaltendste Beschäftigung des menschlichen Geistes.
Denn er findet in ihr 1. den erhabensten Gegenstand, den die Natur darbietet, am
genauesten und vollständigsten geschildert; 2. eine Mannigfaltigkeit, die nicht
bloss durch das bunte Farbenspiel des Gemähldes die Einbildungskraft und die Sinne
vergnügt, sondern durch die Feinheit der Züge zugleich den Geist und die
Empfindung bereichert, und die 3. immer zugleich so behandelt ist, dass nicht
bloss jede einzelne Eigen-
Nicht genug, dass eine vergleichende Anthropologie die Verschiedenheit menschlicher Charaktere kennen lehrt; sie trägt auch selbst dazu bei, eine grössere hervorzubringen, und die schon wirklich vorhandene zweckmässiger zu leiten.
Ob das Erstere aber nun ein Vortheil zu nennen sey, oder ob nicht vielmehr eine noch grössere Mannigfaltigkeit der Charakterformen der allgemeinen Richtigkeit und der Objectivität der Kultur, des Geschmacks und der Sitten Hindernisse in den Weg lege? diess dürfte in den Augen der Meisten noch so ausgemacht nicht seyn. Alle Werke, welche der Mensch hervorbringt, gewinnen durch eine allgemeine und von Subjectivität Einzelner unabhängige Behandlung einen besseren Fortgang, und selbst die Arbeiten des Geistes können hievon nur in gewisser Rücksicht ausgenommen werden. Ebenso wird den Verfassungen und den praktischen Verhältnissen unter den Menschen Dauer und Sicherheit mehr durch Gleichförmigkeit der Sitten, als durch die unregelmässigeren Einwirkungen ungewöhnlicher Individuen verbürgt.
Dagegen hängt Kraft, Erfindungsgeist, Enthusiasmus von Originalität ab, und ohne ausserordentliche und eigen gewählte Bahnen des Geistes würde nie etwas Grosses entstanden seyn.
Ueberhaupt ist Verschiedenheit der Charakterformen, wenn sie auch sogar schädlich seyn sollte, dennoch einmal schlechterdings unvermeidlich, und die Frage ist bloss die, ob man dieselbe blindlings dem Zufall überlassen, oder durch vernünftige Leitung zur Eigenthümlichkeit umschaffen soll? Auf diese aber kann die Antwort unmöglich anders, als Eine seyn.
Die vergleichende Anthropologie sucht den Charakter ganzer Classen von Menschen
auf, vorzüglich den der Nationen und der Zeiten. Diese Charaktere sind oft
zufällig; sollen denn auch diese erhalten werden? soll der Philosoph, der
Geschichtschreiber, der Dichter, der Mensch seinen Namen, seine Nation, sein
Zeitalter, sein Individuum endlich sichtbar an sich tragen? — Allerdings, nur
recht verstanden. Der Mensch soll alle Verhältnisse, in denen
Der Mensch kann wohl vielleicht in einzelnen Fällen und Perioden seines Lebens, nie aber im Ganzen Stoff genug sammeln. Je mehr Stoff er in Form, je mehr Mannigfaltigkeit in Einheit verwandelt, desto reicher, lebendiger, kraftvoller, fruchtbarer ist er. Eine solche Mannigfaltigkeit aber giebt ihm der Einfluss vielfältiger Verhältnisse. Je mehr er sich demselben öfnet, desto mehr neue Seiten werden in ihm angespielt, desto reger muss seine innere Thätigkeit seyn, dieselben einzeln auszubilden, und zusammen zu einem Ganzen zu verbinden. Das Zweckwidrige und Verderbliche ist bloss das unthätige Hingeben an einen einzelnen. Daraus entstehen die plumpen National- und Familiencharaktere, die uns in der Wirklichkeit unaufhörlich begegnen; daran aber ist die innere Schlaffheit und Trägheit, nicht die äussere Mannigfaltigkeit Schuld. Nach der Anleitung einer richtigen Bildungstheorie wird kein Mitglied einer Nation dem andern so auffallend ähnlich sehen; der National Charakter wird sich in allen Einzelnen spiegeln, aber gerade weil er in jedem durch den Einfluss aller übrigen Verhältnisse, und vorzüglich durch die prüfende und richtende Vernunft gemildert wird, so wird er im Ganzen nicht so plump und handgreiflich, dagegen reiner, eigenthümlicher, feiner und vielseitiger erscheinen.
Der Mensch ist allein genommen schwach, und vermag durch seine eigne kurzdauernde
Kraft nur wenig. Er bedarf einer Höhe, auf die er sich stellen; einer Masse, die
für ihn gelten; einer Reihe, an die er sich anschliessen kann. Diesen Vortheil
erlangt er aber unfehlbar, je mehr er den Geist seiner Nation, seines Geschlechts,
seines Zeitalters auf sich fortpflanzt. Was war ein Römer schon allein dadurch,
dass
Aber von der subjectiven Kenntniss der Natur zu ihrer objectiven Beschaffenheit scheint ein mächtiger Sprung zu seyn. Wie kann die Erweiterung und Verfeinerung der ersteren unmittelbar die Veredlung der letzteren befördern? — Unläugbar dadurch, dass beides: das Beobachtende und das Beobachtete hier der Mensch ist, dass dieser sich überall, selbst ohne es immer zu bemerken, seiner inneren Geistesform anpasst, und dass die Masse herrschender Begriffe sich immer endlich auf eine uns selbst oft unbegreifliche Weise, nicht bloss den Menschen, sondern sogar die todte Natur unterwirft.
Dass eine erweiterte Kenntniss der Charaktereigenthümlichkeit Charaktere richtiger beurtheilen, und zweckmässigere Methoden ihrer Behandlung auffinden lehrt, versteht sich hiebei von selbst. Aber auch bloss dadurch, dass man feinere Nüancen in dem Charakter entdeckt, modificirt sich derselbe in der That auf eine mannigfaltigere Weise; dadurch dass man einzelne Gattungen studirt und ihre Formen so individuell, als sie sind, und so idealisch, als sie werden können, aufstellt, entwickeln sie sich wirklich reiner und bestimmter.
Der Charakter entsteht nicht anders, als durch das beständige Einwirken der Thätigkeit der Gedanken und Empfindungen. Dadurch dass diese gewisse Anlagen unaufhörlich, und andere niemals oder selten beschäftigen, werden die einen entwickelt und die andern unterdrückt, und so geht nach und nach die bestimmte Charakterform hervor. Durch diese durchgängige Correspondenz unsrer Art zu seyn und unsrer Art zu urtheilen, unsrer praktischen und unsrer theoretischen Beschaffenheit wird es uns möglich, bloss durch die Idee und von unserm Geiste aus thätig und praktisch auf uns einzuwirken. Man kann nichts durch den Verstand begreifen, was nicht auf irgend eine Weise in dem Gebiet der Sinne und der Empfindung angespielt ist; aber man kann auch nichts in sein Wesen aufnehmen, was nicht durch Begriffe einigermaassen vorbereitet ist. Man kann nicht einsehen, wofür man keinen Sinn hat, wozu der Stoff mangelt; aber man kann auch nichts seyn, wovon man gar keinen Begriff hat, wozu die Form fehlt.
Die Achtsamkeit auf das Charakteristische leistet aber noch mehr. Einestheils
nimmt sie jeden Gegenstand zuerst und vorzüglich in seiner Beziehung auf das
innere Wesen; anderntheils weckt sie den Charakter und erregt seine Thätigkeit.
Sobald aber
Vorzüglich aber bildet sich der Charakter gesellschaftlich zur Reinheit und
Bestimmtheit aus, wenn er mit reinen und bestimmten Charakteren in Verbindung
kommt. Es ist nicht die Aehnlichkeit allein, zu welcher sich einer dem andern
anartet, es ist auch der Kontrast, in welchem sie sich einander entgegensetzen.
Denn der moralischen, wie der physischen Organisation ist ein assimilirender
Bildungstrieb eigen, der aber, sobald nur der eigne Charakter erst einige
Bestimmtheit erlangt hat, nicht geradezu auf Aehnlichkeit, sondern auf eine
verhältnissmässige Stellung der beiderseitigen Individualitäten gegen einander
herausgeht. So wird der männliche Charakter reiner und männlicher, wenn ihm der
weibliche gegenübergestellt ist, und umgekehrt. Uebrigens aber bemerkt man diese
Eigenthümlichkeit freilich mehr bei einzelnen Individuen, als ganzen Gattungen.
Vorzüglich wird sie noch bei
Das Studium der Charaktere in ihrer Individualität vermehrt also diese letztere selbst. Dass aber von dieser, von der Mannigfaltigkeit der Charakterformen die Veredlung der Gattungen abhängt, davon ist auch ausser der menschlichen Natur ein merkwürdiges Beispiel vorhanden — das bekannte Phänomen nemlich, dass die Hausthiere mehr Rassen, mehr Varietäten, und endlich auch mehr individuelle Merkmale zeigen, als alle übrige Thiergattungen.
Das Bestreben der vergleichenden Anthropologie geht dahin, die mögliche Verschiedenheit der menschlichen Natur in ihrer Idealität auszumessen; oder, was dasselbe ist, zu untersuchen, wie das menschliche Ideal, dem niemals Ein Individuum adäquat ist, durch viele dargestellt werden kann.
Was sie sucht, ist also kein Gegenstand der Natur, sondern etwas Unbedingtes, — Ideale, die aber auf Individuen, auf empirische Objecte so bezogen werden, dass man sie als das Ziel ansieht, dem diese sich nähern sollen.
Könnte sie diesen Zweck erreichen, ohne zu der Beobachtung der wirklichen Natur
herabzusteigen, so würde sie eine rein philosophische und speculative Wissenschaft
bleiben. Und in gewissem Verstande kann sie diess in der That. Sie kann bloss bei
dem
Aber um jene oben aufgestellte Foderung ganz zu erfüllen, muss die vergleichende Anthropologie sich nothwendig an eine strenge Beobachtung der Wirklichkeit gewöhnen, und sogar durchaus überall von dieser zuerst ausgehn. Denn
1. würde jenes mehr speculative Verfahren eine überaus nachtheilige Dürftigkeit, sowohl in der Mannigfaltigkeit aller Formen, als in der Bestimmtheit jeder einzelnen mit sich führen. Auch mit der glücklichsten Anstrengung würde es nicht möglich seyn, von da aus in eine nur irgend grosse Individualität herabzusteigen.
2. bedarf die Aufstellung des Ideales selbst einer gewissenhaften Beobachtung der Wirklichkeit. Denn diess Ideal ist nichts anders, als die nach allen Richtungen hin erweiterte, von allen beschränkenden Hindernissen befreite Natur.
3. leidet sie nur dann, wenn sie sich unmittelbar an die empirische Beobachtung hält, praktische Anwendung auf das wirkliche Leben, da sie sonst vergebens hohe Ideale aufstellen würde, wenn es ihr an Mitteln fehlte, dieselben an die Wirklichkeit anzuknüpfen.
Der Mensch entwickelt sich nur nach Maassgabe der physischen Dinge, die ihn
umgeben. Umstände und Ereignisse, die auf den ersten Anblick seinem Innern völlig
heterogen sind, Klima, Boden, Lebensunterhalt, äussere Einrichtungen u. s. f.
bringen in ihm neue, und oft die feinsten und höchsten moralischen Erscheinungen
hervor. Durch ein physisches Mittel, durch Zeugung und Abstammung, wird die einmal
erworbene moralische Natur übertragen und fortgepflanzt, und dadurch nehmen die
intellectuellen und moralischen Fortschritte, die sonst vielleicht vorübergehend
Noch deutlicher, als bei einzelnen Individuen, ist diess bei der Betrachtung des ganzen Menschengeschlechts. Grosse Massen, Stämme und Nationen, behalten Jahrhunderte hindurch einen gemeinsamen Charakter, und selbst, wo derselbe grosse Veränderungen erleidet, sind noch die Spuren seines Ursprungs sichtbar. Gleiche Ursachen bringen durch alle Zeiten hindurch gleiche Wirkungen hervor, und durchaus wird man daher im Ganzen ziemlich dieselben Resultate ähnlicher Kräfte finden, denselben Einfluss der äusseren Lagen, dasselbe Spiel der Leidenschaften, dieselbe Macht des Guten und Wahren, mit dem es aus dem verworrensten Gewebe von Begebenheiten und in den mannigfaltigsten Gestalten hervorgeht. Ueberall verrathen die Handlungen der Einzelnen eine eigenmächtige Willkühr der Neigung, indess die Schicksale der Masse das unverkennbare Gepräge der Natur an sich tragen. Wieviel bestimmter und klarer noch würden wir diess einsehen, wenn wir uns nicht immer nur auf einen so kurzen Zeitraum berufen müssten, und auch bei diesem nicht so oft durch die Unvollständigkeit unsrer Kenntniss aufgehalten würden.
Dadurch nun wird die vergleichende Anthropologie genöthigt, nicht bloss von der Erfahrung auszugehen, sondern sich so tief als möglich in dieselbe zu versenken. Sie muss die bleibenden Charaktere der Geschlechter, Alter, Temperamente, Nationen u. s. w. eben so sorgfältig aufsuchen, als der Naturforscher bemüht ist, die Racen und Varietäten der Thierwelt zu bestimmen. Ob es ihr gleich eigentlich und an sich durchaus nur darauf ankommt, zu wissen, wie verschieden der idealische Mensch seyn kann, muss sie den Anschein annehmen, als wäre es ihr darum zu thun, zu bestimmen, wie verschieden der individuelle Mensch in der That ist?
Ihre Eigenthümlichkeit besteht daher darin, dass sie einen empirischen Stoff auf eine speculative Weise, einen historischen Gegenstand philosophisch, die wirkliche Beschaffenheit des Menschen mit Hinsicht auf seine mögliche Entwicklung behandelt.
Bei der Verbindung einer naturhistorischen und einer philosophischen Beurtheilung
leidet zwar gewöhnlich die erstere; hier indess drohet eine nicht minder grosse
Gefahr auch der letzteren. Da die vergleichende Anthropologie die Charaktere von
Menschen-
Hier indess ist diese Klippe bei weitem weniger gefährlich. Denn unsre Absicht hier ist bloss die, überhaupt individuelle Verschiedenheiten aufzusuchen, und zwar solche, die auch noch mit idealischen Foderungen verträglich sind; nicht aber die, das Menschengeschlecht naturhistorisch zu classificiren. Diess Letztere brauchen wir nur als Mittel zur Erreichung jenes Zwecks, theils um den Individuen selbst näher zu treten, das Dauernde und Wesentliche sicherer zu erkennen, und uns durch vorübergehende Zufälligkeiten weniger irre führen zu lassen, theils um den Gang der Natur selbst besser zu beobachten, auf welchem diese vermöge der Aehnlichkeit der Gattungen die Originalität der Individuen befördert, indem sie sie benutzt, dieselben zu bestimmen, ohne doch ihre Freiheit zu binden.
Möchten also auch Geschlechts- Temperaments- und Nationalcharaktere noch weniger bestimmt seyn, als sie es in der That sind, so ist diess kein Einwurf gegen das Gelingen einer vergleichenden Anthropologie. Denn dieser ist es genug, nur auf wesentliche Verschiedenheiten geführt worden zu seyn, und dasjenige, was sich nun immer im Object wirklich findet, für den praktischen Gebrauch gehörig geprüft und gewürdigt zu haben.
Die vergleichende Anthropologie ist nach dem Vorigen ein Zweig der philosophisch-praktischen Menschenkenntniss. Wie diese wird sie daher die Empirie, so wie die blosse Speculation vermeiden, und sich allein und durchaus auf Erfahrung stützen. Auch wird sie die Hauptregeln anerkennen, und befolgen, welche diese aufstellt. Sie wird demnach:
1. die Data zu ihren Charaktergemählden aus den Aeusserungen
2. unter diesen vorzüglich auf diejenigen Züge achten, welche recht eigentlich den Charakter, und zwar denselben da, wo er individuell verschieden zu seyn pflegt, bezeichnen — auf das Verhältniss und die Bewegung der Kräfte.
3. immer nur auf die innere Beschaffenheit und Vollkommenheit, nie bloss oder auch nur hauptsächlich auf die Tauglichkeit zu äusseren Zwecken sehen.
4. den Charakter soviel als möglich genetisch schildern.
5. von den Thatsachen und Aeusserungen aus zu den allgemeinen Eigenschaften, und von da zum eigentlichen innern Wesen übergehen.
6. die zufälligen Eigenschaften von den wesentlichen genau absondern, und nach den verschiednen Graden ihrer Zufälligkeit ordnen.
7. den bisher mehr nach einzelnen Seiten betrachteten Charakter in die höchste Einheit zusammenziehn, aus dem vollständig gezeichneten Bilde den Begriff herausnehmen, — was dadurch am besten geschieht, dass man die Art, wie er zu den höchsten und ganz allgemeinen Zwecken des Menschen gelangt, auf einmal auszusprechen versucht.
Ihre besondre Tendenz, nicht bloss, wie die Menschenkenntniss überhaupt, den Menschen im Allgemeinen, oder einzelne gerade interessante Individuen zu studiren, sondern den Umfang der, ohne Verletzung der Idealität, möglichen Verschiedenheit im Menschengeschlecht zu erforschen, durch welche sie zugleich auf die Untersuchung von Gattungscharakteren geführt wird, fügt den vorigen Regeln noch folgende hinzu:
1. da es ihr vorzüglich darum zu thun ist, zu erforschen, wie die idealische Vollkommenheit, die Einem Individuum unerreichbar ist, sich in mehreren gesellschaftlich ausdrückt, so wird sie hauptsächlich durch diese Absicht bei der Wahl der Charaktere zu ihrem Studium geleitet werden. Sie wird soviel als möglich solche aufsuchen, die entweder den Begriff der Menschheit erweitern, oder sich so gegenseitig gegen einander verhalten, dass sie Züge, die zusammen nicht in gleicher Stärke verträglich seyn würden, einzeln darstellen.
2. da sie sich auf ihrem Wege besonders an Gattungscharak-
3. dagegen wird sie sich aber auch sorgfältig hüten, durch einen zu festen und engen Begriff der Gattung die Freiheit der Individuen zu beschränken.
Der Umfang der vergleichenden Anthropologie würde eigentlich dem des ganzen menschlichen Geschlechts gleich seyn, wenn nicht zwei Ursachen sie hinderten, ihre Grenzen so weit auszudehnen.
Der Mensch bedarf eines gewissen, nicht geringen Grades der Cultur, um eine individuelle Form zu erlangen. Seine erste Ausbildung ist durchaus nur in Massen, nur in rohen, noch durch wenige Züge bestimmten Formen. Dieser Grad der Cultur muss schon zu einer beträchtlichen Höhe gestiegen seyn, wenn der Charakter so verfeinert, und seine Form so bestimmt seyn soll, dass er auch nur einzelne Züge zeigt, welche eine Erweiterung des Begriffs der Menschheit in ihrer Vollendung erwarten lassen, noch mehr aber dass er als eine Bahn erscheine, in welcher der Mensch sich dieser Vollendung auf eine zweckmässige Weise nähern kann. Denn die ersten Eigenthümlichkeiten noch roherer Völker sind meistentheils entweder nur äussre, oder zufällige und unbedeutende, oder gar fehlerhafte Verschiedenheiten; auf diese folgen einzelne mehr oder weniger versprechende Züge; und erst die letzte Stufe ist es, wenn die Eigenthümlichkeit sich über alle Kräfte verbreitet, und einen durchaus individuellen Charakter zu bilden anfängt.
Selbst in unserm cultivirten Europa finden wir noch alle diese Stufen neben einander. Auf jener höchsten stehen unstreitig Franzosen, Engländer u. s. f.; Pohlen, Spanier und Portugiesen wohl nur auf der mittleren; und gewiss auf der untersten noch Russen und Türken. Wer möchte es unternehmen, von dieser letzteren einen individuell-idealischen Charakter aufzustellen, wer nur überhaupt, nach Abzug der äussern oder zufälligen Verschiedenheiten, einen individuellen Charakter, der sich noch von dem allgemeiner menschlichen auf eine irgend für die Betrachtung dankbare Weise unterschiede?
Wenn aber auch gegen die Tauglichkeit des Objects selbst nichts eingewendet werden
kann, so gehört eine tiefe und genaue
Nur von sehr wenigen Menschengattungen ist es also möglich auch nur den Versuch zu
wagen, ein vollständiges Bild ihrer innern und wesentlichen Eigenthümlichkeit zu
geben. Denn zu dem vollkommnen Gelingen ist vielleicht, wenn man die Hindernisse,
die im Object und in unserer Kenntniss desselben liegen, zusammennimmt, nicht eine
einzige reif. Dennoch kann sich eine philosophische„eine philosophische“ verbessert aus „die vergleichende“.
Was die Anordnung der Theile betrift, so wird der Schilderung der einzelnen Charaktere eine allgemeine Einleitung vorangehen müssen, um 1. die Möglichkeit, die Ursachen und den Werth der Verschiedenheit überhaupt, 2. die Natur der Gattungscharaktere im Allgemeinen, 3. die Natur einzelner unter denselben, z. B. der Geschlechter, Nationen u. s. f. insbesondre abzuhandeln.
Wenn der individuelle Charakter des Menschen zum Behuf seiner möglichen
Idealisirung erforscht, und dieser Stoff nicht fragmentarisch bloss an einzelnen
Fällen, sondern in allgemeinen Sätzen, als eine Theorie, bearbeitet werden soll;
so muss seine
Der Mensch, auch als Gattung betrachtet, ist offenbar ein Glied in der Kette der physischen Natur. Er artet, wie die übrigen Thiere, in Rassen aus, diese Rassen pflanzen ihre Eigenthümlichkeiten fort, und erzeugen mit einander halbschlächtige Blendlinge. Hier und in andern ähnlichen Fällen sind offenbar Naturwirkungen, die nicht zurückgewiesen werden können, nur benutzt und geleitet werden müssen. In dieser Rücksicht gehört der Mensch schlechterdings der Natur an. Er kann, wie sie, beobachtet werden, und, was das eigentlich charakteristische Kennzeichen hiebei ist, es ist möglich, mit ihm zu experimentiren. Der Naturnothwendigkeit im Menschen am meisten entgegen steht seine Willkühr. Vermöge dieser beginnt und endigt er Handlungen, ohne weder durch Naturzwang, noch auch gerade durch Vernunftnöthigung getrieben zu werden. Er folgt, wie man zu sagen pflegt, dem Zufall, äusseren Einwirkungen, oder inneren augenblicklichen Antrieben. Was er auf diese Weise thut, ist zwar oft physisch, da es auch nicht einmal mittelbar aus Vernunft entspringt, es ist aber doch immer das Resultat physischer oder andrer Veränderungen auf eine freie Natur, und daher weder nach Naturgesetzen zu berechnen, noch auch eines Experimentes fähig. Von dieser Seite kann der Mensch bloss historisch erkannt werden. So ist er; so ward er. Das Warum? erlaubt keine befriedigende Antwort.
Natur und Willkühr werden verknüpft in der ächt menschlichen Freiheit durch Vernunft. Denn die Vernunft bringt eine ebensogrosse Nothwendigkeit nach Gesetzen hervor, als die Natur, aber sie thut der Freiheit nicht den mindesten Eintrag, da sie sich selbst das Gesetz giebt. Hier sind also Gesetze, und zwar solche, die, ausserhalb des Gebiets der Erscheinungen, aus einer selbstständigen Kraft emaniren. Hier beginnt demnach das Gebiet der philosophischen und ästhetischen Beurtheilung.
Jede theoretische Bearbeitung eines Stoffs setzt eine Beurtheilung nach Gesetzen voraus, und nur insofern der menschliche Charakter einer solchen fähig ist, verstattet er eine wissenschaftliche Behandlung.
Die organische Natur des Menschen lässt allerdings Gesetze sehen, die regelmässig
und unfehlbar eintreffen. So ist es z. B. ein allgemeines Naturgesetz, dass ein
Theil der Individualität der
Die grösseste Strenge und Gesetzmässigkeit verstattet die philosophische Beurtheilung, allein auch mehr da, wo sie dem Menschen für seine Gesinnungen Regeln vorschreibt, als da, wo sie zum Behuf der Erweiterung seines Wissens den wirklichen Zusammenhang zwischen seinen Kräften aufzudecken bemüht ist. Zwar wird sie einzelne Verhältnisse unfehlbar richtig bestimmen und aufklären, aber da diese nie ganz allein und vereinzelt vorhanden, also die Fälle nie rein gegeben sind, so werden die innern intellectuellen und moralischen Verhältnisse nie ganz fehlerlos dargestellt, oder vollständig erschöpft werden können.
Am wenigsten Gesetzmässigkeit zeigt ein bloss historisch behandelter Stoff. Alles Einzelne erscheint in demselben eben so regellos, als der Zufall und die Willkühr, die es hervorbringen. Dennoch kehren auch hier, sobald man nur grosse Massen auf einmal ins Auge fasst, gleiche Ereignisse in einer gewissen, obgleich weniger strengen und schwerer zu beobachtenden Regelmässigkeit zurück.
Der Stoff, den die vergleichende Anthropologie darbietet, ist daher nicht gerade
einer wissenschaftlichen, ja nicht einmal durchaus einer theoretischen Behandlung
fähig. In wie hohem Grade er indess auch empirisch seyn mag, so zeigen doch die
einzelnen Erscheinungen immer eine gewisse Stätigkeit, Folge und Gesetzmässigkeit,
und diese letztere muss nothwendig sowohl mit der Erweiterung unsrer Kenntniss,
als mit der Veredlung der menschlichen Natur selbst, noch mit dem Fortschritte der
Zeit immer höher steigen. Der Bearbeiter hat sich daher zwar zunächst so genau als
möglich an die Wirklichkeit anzuschliessen, aber mit
Wer hierin glücklich seyn, und die individuelle Menschenkenntniss wahrhaft erweitern will, der muss gewissermaassen die verschiedenen Geistesstimmungen des Naturbeobachters, des Historikers und des Philosophen in sich vereinigen. Wie der erstere muss er überall von dem Begriff der Organisation ausgehen, durchgängig vollkommene Gesetzmässigkeit voraussetzen, alles aus den innern und eignen Kräften des Wesens erklären, in diesen jede zugleich als Zweck und als Mittel betrachten, und nie zu andern als physischen Erklärungen seine Zuflucht nehmen. Wie dem zweiten liegt es ihm ob, mit der antheillosesten Gleichgültigkeit bloss nach dem, was geschehen ist? Zu fragen, und das Ganze, zu dem die einzelnen von ihm beobachteten Thatsachen gehören, weder als ein Naturprodukt, noch auch als ein reines Willensprodukt anzusehen, damit er auch nicht einmal versucht werde, von Ursachen und Gesetzen auf die einzelnen Erscheinungen, sondern immer von diesen auf jene überzugehen. Denn das ist es gerade, was den Historiker, wenn man ihn nemlich dem Naturbeobachter und Philosophen entgegensetzt, auszeichnet, dass er es einzig und allein mit dem, was geschehen ist, zu thun hat, und das Feld, auf dem er thätig ist, weder als das Gebiet der Natur, noch als das Gebiet eines reinen Willens, sondern als das Reich des Schicksals und des Zufalls betrachtet, von dessen Launen wenigstens im Einzelnen niemand Rechenschaft zu geben fähig ist. Wie der Philosoph endlich darf er nicht vergessen, dass ein freies und selbständiges Wesen der Gegenstand seiner Betrachtung ist, bei dem er erste, nothwendige, ausserhalb der Erscheinungen liegende Ursachen voraussetzen, und das er streng nach Gesetzen, nach Vernunftidealen beurtheilen muss.
Was das Schwierigste ist, so dürfen diese drei so verschiedenen Geistesstimmungen
nicht einmal immer, wenn auch freilich oft, einzeln bei einzelnen Theilen der
Charakterkenntniss thätig, sie müssen sehr häufig sehr nahe mit einander verbunden
seyn. Denn da der Mensch ein freies Wesen in der Kette der Natur ist, so wird auch
dasjenige, was durchaus selbstständig aus ihm entspringt, leicht zu einer Art von
Organisation, und wenn daher der Stoff
Die gehörige Mischung, in welcher die in so hohem Grade ungleichartigen Anlagen
mit einander zu einer richtigen Menschenkenntniss verbunden seyn müssen, künstlich
und regelmässig zu finden, dürfte schwer, wo nicht unmöglich seyn. Auch findet man
in der That meistentheils entweder zu empirische oder zu speculative
Menschenbeobachter. Die beste Schule für die Menschenkenntniss ist daher das
Leben, und derjenige wird am besten in derselben gelingen, dessen Charakter selbst
in vorzüglichem Grade kultivirt ist, der zugleich formenreich und hinlänglich
gewöhnt ist, sich nach Gesetzen zu beurtheilen. Denn demjenigen, der selbst die
nothwendige Freiheit und Gesetzmässigkeit in sich verbindet,
Der erste Unterschied, den wir unter mehreren Menschen bemerken, und der auch dem flüchtigsten Blick nicht entgeht, ist die Verschiedenheit der Gegenstände ihrer Beschäftigung, der Producte ihres Fleisses, der Art, ihre Bedürfnisse zu befriedigen, und das Leben zu geniessen. An diese in die Augen fallenden Dinge heftet sich zuerst der Begriff der Eigenthümlichkeit bei einzelnen Individuen, wie bei ganzen Nationen, unter welchen letzteren man noch von sehr vielen gerade nur soviel, nur ihre Kleidung, Beschäftigungen, Vergnügungen, Lebensart u. s. f. kennt.
Die zweite Classe von Kennzeichen der Verschiedenheit unter Menschen geht schon näher ihre Persönlichkeit an, wenn sie auch gleich das Innre derselben noch nicht geradezu und unmittelbar schildert. Man kann dahin alles Aeussre in dem Körperbau und dem Betragen rechnen, Gestalt, Farbe des Gesichts und des Haars, Physiognomie, Sprache, Gang und Gebehrden überhaupt. Diese Gattung von Kennzeichen ist hauptsächlich wichtig, da sie auf der einen Seite dem Menschen selbst näher führt, als die vorige, und auf der andern ein wahreres und treueres Bild giebt, als dasjenige ist, was man unmittelbar von dem Innern doch immer mehr schliesst, als geradezu sieht. Daher bleibt nicht allein der gesunde und natürliche Tact, der, wenn auch manchmal im Einzelnen, doch selten im Ganzen grosse Fehlgriffe thut, schlechterdings bei diesen stehen, sondern auch der philosophischste Menschenkenner behält dieselben unverrückt vor Augen, um an ihnen, als an unmittelbaren Thatsachen, seine tiefer eingehenden Urtheile zu prüfen und zu berichtigen.
Von diesen beiden Gattungen der Kennzeichen aus kann man endlich auf die innern
Verschiedenheiten selbst übergehen. Diese trift man alsdann zwar nicht in den
Kräften selbst, da das ganze Menschengeschlecht durchaus mit denselben
ausgestattet ist, wohl aber in ihrem Grade, da sie bei dem einen eine Höhe
erlangen, zu der sich der andre nie emporschwingt, in ihrem Verhältniss, wenn bei
dem einen die Phantasie, bei dem andern der Ver-
Aber alle diese Verschiedenheiten, so einzeln, als sie hier dastehn, betrachtet, beweisen mehr Verschiedenheiten in einzelnen Aeusserungen, als in dem Charakter selbst. Solange man sie einzeln betrachtet, bleibt es immer ungewiss, ob sie nicht mehr bloss aus einer Verschiedenheit der äussern Lagen und Umstände, als aus einer innern Charakterform entspringen, aus welcher das Individuum entweder gar nicht oder doch nicht ganz herauszugehen im Stande ist. Nur in diesem letzteren Falle aber ist doch eine eigentliche Charakterverschiedenheit vorhanden, und um daher auf diese zu kommen, bedarf es noch andrer und tiefer eingreifender Beobachtungen.
Diese Thatsache ist der Unterschied der Geschlechter, welche die Natur zu einer so unverkennbaren Eigenthümlichkeit eines jeden für sich, und einer sich so scharf entgegengesetzten Verschiedenheit bestimmt hat, dass vernünftiger Weise auch nicht einmal der Gedanke entstehen kann, den Charakter des einen mit dem des andern zu vertauschen, oder die Individualität beider durch eine dritte zu vertilgen. Ueberall, wo von individuellen Unterschieden die Rede ist, kann daher derselbe zum Muster dienen, an dem die Art, die Entstehung, die Entwicklung und das Verhältniss solcher Eigenthümlichkeiten unter einander und zur Gattung auf die auffallendste Weise sichtbar ist. Bei allem aber, was sich auf Naturbeobachtung gründet, ist es ein Haupterfoderniss einer guten Methode, jeden einzelnen Punkt gerade da aufzusuchen, wo er sich am sichtbarsten zeigt.
Unter beiden Geschlechtern selbst ist es hier, wo es darauf ankommt, die Einheit
in den einzelnen Eigenthümlichkeiten zu bestimmen, welche dazu gehört, um eine
eigentliche
Betrachten wir nun die einzelnen Züge der Natur der Weiber in Vergleichung mit den Männern, so finden wir:
1. ihren Körperbau kleiner, schwächer und zarter; ihre Knochen feiner und biegsamer; die Muskelkraft mehr zum langsamen Ausdauern, als zur plötzlichen Anstrengung geschickt; ihre Gestalt von weichen, fliessenden Umrissen begränzt, voll Fülle und Anmuth; ihren Ausdruck in der Ruhe und der Bewegung mehr mannigfaltig, sprechend und sanft, als gerade, fest und bestimmt; ihre Schönheit überhaupt mehr durch die Freiheit des Stoffs in der Anmuth, als durch die Herrschaft der Form in der Bestimmtheit der Züge hervorstechend; ihre physische Organisation endlich durch eine überwiegende Reizbarkeit und Thätigkeit des Nervensystems, und eine gewisse Passivität, vermöge welcher sie Uebeln länger widerstehn, und leichter grosse Veränderungen erleiden kann, ausgezeichnet.
2. in Rücksicht auf ihre intellectuellen Fähigkeiten eine entschiedene Neigung zur
Betrachtung der Natur und alles dessen, was einen unmittelbaren Werth und Gehalt
besitzt, verbunden mit einer fast gleichen Abneigung gegen alles bloss Mittelbare
und Symbolische; eine bewundernswürdige Stärke in demjenigen Theile der
Erforschung der Wahrheit, welcher lebhafte und bewegliche Reizbarkeit, leichtes
und schnelles Auffassen und Verknüpfen fodert, dagegen eine nicht minder
auffallende Schwäche und einen fast noch grösseren Widerwillen gegen denjenigen,
der mehr auf Selbstthätigkeit und scheidender Strenge beruht. Daher ist es den
Frauen in so hohem Grade eigen, ihr forschendes Streben überall nach dem wahren
Wesen der Dinge zu richten; aber ebendaher erreichen sie doch diess letztere so
selten in seiner objectiven Reinheit. Sie behandeln ihren Gegenstand nicht so
willkührlich, als nicht selten der Mann; dagegen aber mit einer nachsichtsvolleren
Schonung, als die Foderung ihn zu durchschauen und vollkommen in ihn einzudringen
verstattet. Ueber dem Geiste der Wahrheit verfehlen sie ihren Buchstaben. So
wenden sie sich bei Objecten der Beobachtung gewiss immer unmittelbar an die
Wirklichkeit selbst, aber da sie sich mehr den Eindrücken, welche dieselbe in
ihnen hervorbringt, überlassen, als sie aufzudecken, zu zerlegen, und ihr mit
Versuchen nachzugehen geneigt sind, so gelingt es ihnen nur selten, sie genau zu
Das Unterscheidende dieser intellectuellen Eigenthümlichkeit des andern Geschlechts beruht grösstentheils auf der Reizbarkeit und Lebhaftigkeit der Phantasie, welche den übrigen Kräften, am wenigsten dem Verstande und der Vernunft, nicht leicht abgesondert zu wirken verstattet, aber dagegen auch selbst nicht so willkührlich, als oft im Manne verfährt, sondern den Sinnen und dem Gefühl folgsamer getreu bleibt.
Nicht also gerade baaren Gewinn an einzelnen Kenntnissen oder Wahrheiten darf man von dem Geiste der Frauen erwarten; er leistet mehr, und seine Bestimmung ist höher und edler. Das Höchste und Beste in der allgemeinsten Geistesthätigkeit überhaupt, das Umfassen eines mannigfaltigen Reichthums, das treue Anhalten an die Natur und den unmittelbaren Gehalt, das Streben, alles und überall zu verknüpfen, das Bedürfniss, das eigne Ich und die umgebende Welt nicht nur immer auf einander zu beziehn, sondern auch durchaus in Eins zu verschmelzen, ist unmittelbar durch seine Natur selbst gegeben. Es fehlt ihm nur, dass er auch das Einzelne immer hinreichend sichre.
Darum wirkt gerade der weibliche Geist so wohlthätig auf den männlichen. Wo der
letztere durch willkührliche Einfälle
3. in Rücksicht auf den ästhetischen Charakter des Geschlechts.
Wenn der Schönheitssinn lebhaft und rege seyn soll, so muss die Energie des
Geistes in einer gewissen mittleren Richtung zwischen der Thätigkeit der
Sinnlichkeit und der des reinen Verstandes gehalten, kein Gegenstand weder von der
Seite seines physischen Gebrauchs, noch von der seines Begriffs allein betrachtet
werden; vielmehr ist es nothwendig, immer beide zugleich zusammenzunehmen und
gleichsam zu vertauschen, und die Materie sowohl als den Begriff desselben bloss
als Gestalt d. i. als etwas zwar sinnliches, aber doch unkörperliches zu
behandeln. Diesem Verbinden heterogener Gemüthskräfte, diesem mittleren Schweben
zwischen der Wirklichkeit und der reinen Geistigkeit ist nun die ganze
intellectuelle Anlage der Frauen in hohem Grade günstig. Sie sind bei gleichen
Graden der Kultur durchaus mehr als der Mann auf das Höchste und Idealische
gerichtet (theils weil sie überhaupt mehr nach Einheit streben, theils weil die in
ihnen vorzugsweise herrschende Phantasie dieselbe Richtung hat, theils endlich
weil sie in einer niedrigeren Sphäre die Befriedigung durch reine
Verstandesbeschäftigung weniger kennen) und trennen sich doch zu ungern so weit
von der sinnlichen Wirklichkeit, um in dem Gebiete abgezogener Vernunftideen
anhaltend zu verweilen. Nichts kann ihnen daher so willkommen seyn, als eine
Beurtheilung, die so sehr, als nur irgend eine andre, Allgemeinheit und
Nothwendigkeit mit sich führt, und doch nicht nach deutlich erkannten, vollkommen
ausgesprochnen Grundsätzen bloss mechanisch geschieht. Dazu kommt die äussere
Anmuth und Schönheit, welche die weibliche Gestalt selbst besitzt und die sie
anzunehmen
Aber von diesem unbestimmteren Schönheitssinn ist noch ein weiter Weg bis zum
eigentlichen Kunstgefühl, und noch mehr bis zum Kunstgenie. In allem, was der
Kunst angehört, lässt sich das Technische, das bloss auf logischen Regeln beruht,
von der Wahrheit in der Nachahmung der Natur und diese wiederum von dem eigentlich
Künstlerischen oder Poetischen, der reinen Erzeugung der selbstthätigen Phantasie,
abscheiden. Die Richtigkeit des Urtheils über das erste Erfoderniss hängt ganz und
gar von einer bestimmt darauf gerichteten Verstandescultur ab. Weiblich wird es
indess seyn, es hiemit nicht allzustreng zu nehmen, sondern vielmehr sogar
bedeutendere Fehler anderen Schönheiten zu verzeihen. Ueber das zweite
Erforderniss werden die Frauen vermöge der Feinheit ihres Beobachtungsgeistes und
der Zuverlässigkeit ihres Taktes vortrefliche Richterinnen seyn. Selbst der Natur
so nah, ist ihnen kein Zug fremd, der aus ihr entlehnt wird; in so hohem Grade
reizbar und beweglich, werden sie nicht leicht für eine Empfindung, welche der
Dichter in ihnen weckt, den entsprechenden Ton in ihrem Innern vermissen. So
werden sie ihn tiefer und inniger verstehen; aber sie werden ihn auch strenger
beurtheilen. Denn da sie ihrem natürlichen Gefühle, frei Nach „Charakter“ gestrichen: „durch seine eigne Natur schon an sich“.
Bei weitem schwieriger schon ist das eigne Schaffen, das Kunstgenie. Das Genie
überhaupt kann zwar, als der freieste und höchste Schwung des menschlichen
Geistes, nur der Individualität angehören, und muss in dem Gattungscharakter
allemal Hindernisse antreffen; es fragt sich nur, in welchem mehr oder weniger?
Ein gewisser Theil nun in der Ausübung der Kunst gelingt den Frauen unläugbar in
hohem Grade. Ihre Productionen besitzen vorzugsweise Leichtigkeit und Anmuth, sind
lieblich und gefällig, und wenigstens gewiss immer in einzelnen Zügen wahr und
tief
Ueberhaupt muss die Weiblichkeit schon eine gewisse Läuterung erfahren haben, ehe wissenschaftliche oder dichterische Productionskraft möglich wird. Ohne diese fehlt es ihr, selbst in den vorzüglichsten Subjecten, an der hinlänglichen Klarheit und Ruhe, und noch mehr an der Kraft, und selbst an der Neigung eine Reihe einzelner Gedanken oder Empfindungen von der ganzen Masse abzusondern, und für sich zu bearbeiten.
4. in Rücksicht auf das Empfindungsvermögen und den Willen.
Um das weibliche Geschlecht von seiner eigenthümlichsten Seite zu sehen, muss man
von dem moralischen Charakter ausgehen. Wie bei den Männern der Geist, so ist bei
den Frauen die Gesinnung am meisten rege und thätig. Was sie irgendwoher
aufnehmen, wird in dieselbe verwandelt; alles geht in sie über; alles entspringt
wieder aus ihr. Dadurch ist ihnen eine so entschiedene und beständige Richtung
nach der Wirklichkeit eigen. Denn indess der Geist, wenigstens seinen letzten
Zwecken nach, immer im Gebiet der Allgemeinheit und Nothwendigkeit und die
Der erste und ursprüngliche Grund hievon liegt in der Naturbestimmung des Geschlechts. Um Leben und Daseyn zu geben und zu erhalten, muss es der Natur und der Wirklichkeit treu bleiben, und sich streng an sie binden. Zwar beruht diess zunächst nur auf der physischen Organisation; aber der Einfluss davon verbreitet sich unmittelbar auch auf den moralischen Charakter. Denn da sich mit dem Bedürfniss der Natur zugleich in der Liebe die menschlichsten und geistigsten Gefühle verknüpfen, so ergiesst sich diese Empfindung durchaus durch das ganze Wesen, und theilt demselben ihre Eigenthümlichkeit mit. Dasselbe ist zwar auch in dem Manne der Fall, aber der wichtige Unterschied ist der, dass die Frauen der empfangende und bewahrende Theil sind, dass nur ihnen das durchaus eigne Gefühl angehört, Mutter zu seyn, und dass der Charakter des Geschlechts überhaupt inniger in ihre Persönlichkeit verwebt ist.
Die weibliche Empfindung zeichnet sich vor der männlichen zwar durch grössere Reizbarkeit, aber noch mehr durch grössere Innigkeit aus. Nicht dass nicht auch in die Seele des Mannes ein einzelnes Gefühl so tief eindringen könnte, dass es alle Kräfte und Triebfedern des Gemüths auf einmal anspannt; eine Eigenthümlichkeit, die ihm vielmehr sogar ausschliessend eigen ist. Aber in der Seele der Frauen erklingen (wenn das Bild erlaubt ist) von den Schwingungen einer einzelnen Saite immer zugleich alle übrigen; ihr Gemüth gleicht dem stillen und klaren Wasser, in dem die leiseste Bewegung von Welle zu Welle bis an die äussersten Gränzen fortzittert. Daher ist ihre Innigkeit mehr von Leichtigkeit und Wärme, die des Mannes mehr von Heftigkeit, Feuer und Anstrengung begleitet.
Aus der Innigkeit entspringt die weibliche Schaam, so wie aus dieser die weibliche
Züchtigkeit. Die Empfindung der Schaam entsteht immer, wenn man sich in sich
versenkt, Ueberlegung und Verstand nicht kaltblütig genug von Gefühl und Neigung
gesondert fühlt, und durch den Anblick des entgegengesetzten Zustandes in einem
andern auf diesen Contrast des eignen aufmerksam gemacht wird. Weil nun der Mann,
seiner Natur nach, kälter und besonnener ist, so ist die weibliche Schaam am
meisten sichtbar im Verhältniss gegen das andre Geschlecht. Die physische
Organisation des Weibes ist ebenso zum Aufnehmen und
Schlechterdings eigenthümlich ist den Weibern das Muttergefühl, vorzüglich ehe die Frucht noch gebohren ist. Eine Liebe, die durchaus durch keinen Eindruck der Individualität hervorgebracht (denn die Zuneigung zum Vater verstärkt und verändert nur, erzeugt aber nicht diese Empfindung) und doch mit der unbedingtesten Aufopferung verbunden ist, die allein darauf beruht, dass ein fremdes Wesen mit dem eignen in so durchgängiger Mittheilung, so inniger Berührung steht, dass es selbst nur einen Theil desselben ausmacht, und diess Wesen doch ein lebendiges und menschliches ist, das nur, um einem unabhängigen Daseyn entgegenzureifen, auf eine kurze Zeit an ein fremdes geknüpft ist — eine solche Liebe, die noch dazu mehr als bloss in der Anlage auch denen eingepflanzt ist, die sie nie aus eigner Erfahrung kennen, und die gewiss nicht bloss ihren physischen Endzweck erfüllt, sondern sich mit ihren Einflüssen über den ganzen Charakter verbreitet, öfnet den Frauen einen ganz anderen Sinn der Aneignung, und lehrt sie einen ganz anderen Weg kennen, äussre Objecte mit sich zu verknüpfen, in sich aufzubewahren, und wieder von sich zu scheiden, als wofür der Mann nur einen Begriff hat. Daher stammt es, dass in der weiblichen Seele jede tiefere Empfindung, jede eigenthümliche Idee ein Theil ihrer selbst wird, die sie nur mit Mühe und gleichsam mit Schmerzen aus sich loswindet, und dass sie eine Freude der entbehrenden und selbst der schmerzensvollen Aufopferung kennt, die der Mann nur selten und in einzelnen leidenschaftlichen Momenten empfindet.
Lebhafte Reizbarkeit der Empfindung und Anhänglichkeit an die einmal gefasste
Meynung bringen natürlich einen leidenschaftlichen, leicht erregbaren und heftigen
Charakter hervor. Da aber die intellectuelle Cultur die Einseitigkeit des
Verstandes, und die ästhetische die Materialität der Empfindung vermindert; so
verschwindet diese Leidenschaftlichkeit auch in gebildeten Frauen wiederum bis auf
ihre letzten kaum noch erkennbaren Spuren. Das Gemüth erfährt in ihnen seltner
jene ungleichen, stürmischen „Spannung” verbessert aus „Stimmung”.
Nichts ist der Weiblichkeit so sehr zuwider, als moralische Gleichgültigkeit. In den gemeineren Naturen kündigt sich diess durch Härte und Intoleranz an; in den besseren und höheren herrscht zwar die freieste und schönste Liberalität, aber sie unterscheidet sich von der männlichen dennoch dadurch, dass, wenn Dingen, die das sittliche Gefühl beleidigen, andere sonst achtungswerthe Eigenschaften zur Seite stehen, die Schätzung dieser der Geringschätzung jener nicht das mindeste abzieht, da hingegen der Mann hierin leicht zu weit geht, und den Fehler, den er bloss toleriren will, selbst mit theilt. Ueberhaupt sind Frauen — wenigstens gilt diess gewiss von den edleren — bei weitem strenger bei Beurtheilung der Grundsätze, als ihrer Anwendung in einzelnen Momenten, und es ist selbst weiblich, die Milde oder die Inconsequenz (denn beides ist sehr häufig der Fall) bei dieser sogar zu übertreiben.
Wenn man die Frage aufwirft, ob die sinnliche, ästhetische oder moralische
Empfindung im Ganzen genommen bei den Frauen die Oberhand behauptet, so lässt sich
dieselbe bei keiner einzelnen vorzugsweise bejahen. Ueberwiegende und heftige
Sinnlichkeit ist den Weibern in der Regel und bei einer natürlichen Ausbildung so
wenig eigen, dass der berüchtigte Streit über die Kälte oder die
Leidenschaftlichkeit des Geschlechts in diesem Punkte ohne Zweifel zum Vortheil
der ersteren Behauptung entschieden werden muss; die ästhetische wird, wo es auf
Gefühl und Charakter ankommt, wenigstens nicht im Widerspruch mit der moralischen
siegen; und der trockne und zugleich dürftige Ernst der mora-
Die Harmonie, welche die Frauen in der ganzen Summe ihrer Empfindungen fodern, die Totalität, auf die sie bei jedem Gegenstande dringen, dem sie sich mit einer gewissen Wärme widmen sollen, und die Tiefe und Innigkeit ihres Gefühls müssen zusammengenommen in hohem Grade dasjenige hervorbringen, was man stäte und dauernde Gesinnungen nennt, und auf der einen Seite dem Wechsel der Laune, auf der andern der absichtlichen Wirkungsart des Willens entgegensetzt. Daher ruht die weibliche Moralität mehr auf der Natur, als auf Ueberlegung und Charakterstärke, und daher gewährt das weibliche Gemüth so oft das schöne Schauspiel einer freiwilligen Herrschaft edler Gesinnungen, da das männliche mehr das erhabene einzelner glücklich errungener Kämpfe darbietet. Dass es dem andern Geschlechte indess ebensowenig nothwendig an der Kraft gebricht, welche zu diesen erfodert wird, zeigen häufige Beispiele, nur dass freilich die unverbrüchliche Anhänglichkeit an reine Sittlichkeit mehr aus einmal in die Natur selbst übergegangenen Gesinnungen, als aus unmittelbarer Achtung für das Gesetz hervorgehen wird.
Handschrift (43 Quartseiten) im Archiv in
Dieser Entwurf gehört nach den Wasserzeichen (vgl. Bemerkungen zum