Pindar Humboldt Wilhelm von Editor and curator of the digital edition Silvia Berigüete Pastor Wilhelm von Humboldt: Schriften August 2025 Creative Commons Attribution-NonCommercial-ShareAlike 4.0 International (CC BY-NC-SA 4.0) https://www.wvh-schriften.de Humboldt Wilhelm von Wilhelm von Humboldts Werke. Erster Band Leitzmann Albert https://archive.org/details/gesammelteschrif01humbuoft/page/n5/mode/2up Königlich Preußische Akademie der Wissenschaften Berlin 1903

This digital edition follows the TEI P5 Guidelines. The text is based on the 1903 critical edition edited by Albert Leitzmann.

November 1795 Tegel Deutsch Essay Antike Literatur
<persName ref="gnd-118594427">Pindar</persName> <note type="footnote" n="1)" resp="gnd-118554727">Alte Schriftsteller über <persName ref="gnd-118594427">Pindar</persName>s Leben. Aristodemus. <bibl> <title>Schol. <persName ref="gnd-118594427">Pind</persName>. ad P. III 137.
Charakter und Lage — historisch. Schilderung seiner Gedichte und Beurtheilung ihrer einzelnen Theile — kritisch. Schilderung und Beurtheilung seines dichterischen Charakters überhaupt — rein philosophisch.
I.
<emph>(Gesichtspunkt bei Beurtheilung der alten Dichter überhaupt)</emph> 1.

Die alten Dichter überhaupt dürfen nicht anders, als mit Rücksicht auf ihre individuelle Lage beurtheilt werden, wenn nicht bei der Bestimmung des Charakters ihrer Producte die bloss zufälligen Züge mit den wahrhaft eigenthümlichen verwechselt werden sollen.

<emph>(des <persName ref="gnd-118594427">Pindar</persName> insbesondre.)</emph> 2.

In einem ganz vorzüglichen Sinne findet diess beim Pindar Statt, da dieser zugleich eine geheiligte und eine öffentliche Person war. — Er war der bestellte Sänger des Phöbus Pausanias X 24. — nahm Theil an den Geschenken, die der Gott empfieng, Thomas Magister. Gen. <persName ref="gnd-118594427">Pind</persName>. 16-18. Pausanias IX 23. Plutarch. De sera num. vind. 989 24. Castellanus. De festis Graec. 165. — und sein ausgebreiteter Ruhm Platon. De LL. 3 590f. Menon 16g. Aeschines, cp. 4. Diogenes Laertius. 4 31 246 Ed. Amstel. Dionysius Halic. 2 68 44 Ed. Wechel Longinus. De sublimitate 33. Athenaios. XIII 2 564d. Horatius, Carmina, IV, 2. Plinius, Naturalis Historia, II, 12, 9. Quintilian. X 1 740 Ed. Hack. Macrobius. 5 17 50-51 Ed. Lugd. machte ihn zum Organ jeder öffentlichen Feier bei Siegen und Festen im ganzen Griechenland. Thomas Magister. Solinus, c. 9. Aelianus, l. 4. c. 15. Thomas Magister. Tzetzes in Hesiodum. 104b Ed. Heins. Aeschines, cp. 4. Pausanias. I 8 20.

3.

Daher entspringt die festliche Würde und Erhabenheit, die ihn so vorzüglich auszeichnet, und die vermehrt wurde durch seinen nationellen Geschlecht und Herkunft. Thom. Mag. Pyth. V, 99. Pindars Bruder selbst Kämpfer. Gen. <persName ref="gnd-118594427">Pind</persName>. 4-5. und individuellen Charakter.

<emph>(Einfluss des Böotischen Charakters auf ihn.)</emph> 4.

Der Hauptzug des Böotischen Charakters ist unbehülfliche Schwere, und körperliche Stärke. Dann Hang zur Musik, insbesondre der Flöte.

5.

Wenn man diess verbindet, scheint Hang zu körperlicher Thätigkeit und körperlichem Genuss hervorzugehn. Ueberhaupt kann man wohl die Böotischen Nationalzüge nach andern Nationen desselben Aeolischen Stammes beurtheilen. Im Ganzen kam der Aeolische Charakter dem Dorischen unstreitig näher, als dem Attischen. Schon die grössere Aehnlichkeit der Mundarten spricht dafür, so wie dass beide Stämme soviele, und fast bloss lyrische Dichter besassen. Man darf daher wohl den Aeoliern den Hauptzug der Dorier gleichfalls beilegen, vermöge dessen diese weniger der Phantasie und einer müssigen Speculation, als der Wirklichkeit und den reellen Verhältnissen des praktischen Lebens angehörten. In den Doriern, wenigstens in den Lacedämoniern, aber hatten diese Züge eine sehr veredelte Gestalt gewonnen. Es herrschte daher auf der einen Seite mehr Seelengrösse und Strenge der Sitten, aber auf der andern auch mehr Rigidität und daher weniger Neigung zu künstlerischem Talent. Von beiden das Gegentheil zeigen in Lesbos die Aeolischen Sitten, und die Neigung zur Musik in den Thebanern deutet auf diese Verwandtschaft hin, wenn gleich Himmelsstrich und Landesart diese künstlerische Anlage in ungünstige Schranken einschloss.

6.

Nachdem es auf diese Weise, durch Hülfe der Lesbischen Dichterschule begreiflich geworden ist, wie ein Pindar in Theben aufstehen konnte, sieht man zugleich, dass eine entschieden lyrische Stimmung und Hang zu gemeinschaftlicher Freude bei Familien und Bürgerfesten im Pindar durch den Nationalcharakter bestätigt wurde. Ausserdem aber lassen sich auch Spuren dieses letzteren in der gleichsam patriarchalischen Gesinnung des Dichters, seiner fast austeren Frömmigkeit, der Bitterkeit in der häufigen Erwähnung seiner Hasser Diogenes Laert. 2, 46, 108, Amstel.. Schol. ad P. II, 97, 131. Suidas v. Bacchylides. Steph. Byzant. Ἰουλίς. Athen. 10, 21, 455c. Ibique Casaubonus. und Neider, dem häufigeren Einmischen seiner eignen Person, Plut. De laude sui, 957, 539. Ed. Francof. dem ihm Schuld gegebenen Eigennutz, und der Feierlichkeit oder Heftigkeit seines Ganges entdecken.

<emph>(Sein individueller Charakter.)</emph> 7.

Zu einem Herold der Götter und Helden passt auch Pindars individueller Charakter. Tiefe Ehrfurcht für Seelengrösse und Tugend; mit edlem Stolz verbundenes Bewusstseyn seiner eignen Würde; endlich der milde und heitre Frohsinn, welcher zum freien Erguss der Empfindungen einladet, machen die Hauptzüge aus, welche seine Gedichte verrathen.

8.

Zuerst zeichnet sich seine Frömmigkeit aus, die mehr Ernst, Würde und Furcht zeigt, als man sonst bei Griechischen Dichtern gewohnt ist. Daher seine Besorgniss, die Gottheit durch irgend einen Ausdruck zu beleidigen, und seine Vorsicht in der Verwerfung unheiliger oder abgeschmackter Fabeln. — Historische Beweise. Thom. Mag. Bildsäule des Apollon Boedromios und Hermes Agoraeos. Pausan. 9, 17. Schol. <persName ref="gnd-118594427">Pind</persName>. ad Pyth. 137. Plut. <persName ref="gnd-122673093">Numa</persName> , 113, Steph. 62c, Francof.. Contra Colot., 2022. Plutarchus Ne suauiter quidem vivi posse secundum <persName ref="gnd-118530585">Epicur</persName>i decreta, Francof., 1103a. Philostratus, Umgang mit Persephone. Pausan. 9, 23. Falsche Anekdote: Castor und Pollux rufen ihn aus einstürzendem Haus. Solinus, 1. Ibique Salmasius.

9.

An diese schliesst sich zunächst die Verehrung der Helden der Vorzeit an, die er oft als Mittelpersonen zwischen den Göttern und seinen Siegern braucht. In diesen schätzt er am meisten gerade Tapferkeit und ofne Stärke. Daher sind Herkules, Achill, Ajax, Jason mehrmals bei ihm wiederkehrende Figuren; dagegen Ulyss selbst durch Homers Namen nicht gegen seinen Tadel geschützt wird.

10.

Ebenso ist seine ganze moralische Gesinnung Hier ist die Anmerkung gestrichen: Plutarchus περὶ ψυχογονίας, 1893. auf Offenheit, Treue und Genügsamkeit, auf Bürgereintracht, Epigr. Leonidae. Ed. Ox.. Friedfertigkeit und Familienglück, dabei aber auf ein edles Streben nach grossen Thaten, nur verbunden mit Beschränkung unmässiger Wünsche gerichtet. Neid, Selbstsucht und hinterlistige Gleissnerei erbittern ihn bis zur Härte.

11.

Aber jede Grösse verschwindet umsonst, wenn nicht die Stimme des Nachruhms sie verherrlicht. Diese ertönen zu lassen, ist er bestimmt; bei diesem Geschäft stehn ihm die Musen vorzüglich bei; und wenn er dem Haufen, der ihn nicht fasst, misfällt, so hat er doch den Beifall der Weisen.

12.

In diesem ernsten, strengen, feierlichen Charakter herrscht doch durchaus milde Sanftmuth und heitre Fröhlichkeit. Die Charitinnen sind es, welchen der Dichter am häufigsten opfert, und wo er die wünschenswürdigsten Dinge nennt, vergisst er nie des sinnlichen Lebensgenusses, erhöht durch die Freuden der Musik und des Gesanges. Diess schloss sich an seine Frömmigkeit an, da der Gottesdienst zugleich immer mit Kunstgenuss verbunden war. — Gesang seiner Töchter bei Nacht. Schöne Stimmen der Böotierinnen.

13.

Von Pindars sanfteren Gefühlen zeugt seine Liebe zum schönen Theoxenus. So viel sich einsehen lässt, beruhte sie auf dem begeisterten Gefühl einer reizbaren und empfänglichen Seele für Schönheit und Jugend, und hat mit Platoischer und Sokratischer Knabenliebe keine Aehnlichkeit. In Theoxenus Armen und im Theater starb er.

14.

Auf diese Weise war über Pindars ganzes Leben ein Glanz verbreitet, in welchem Grösse und Anmuth sich gatteten. Hieraus muss man es sich erklären, wenn er öfter auf das Lob des Reichthums in seinen Gedichten zurückkommt, und wenn er die Macht der Könige höher erhebt, als einem Griechen zu geziemen scheint. Ueberhaupt war er wohl der eigentlichen Volksregierung nicht geneigt, und es lässt sich aus dem Ganzen seines Charakters schliessen, dass er den ruhigen Lebensgenuss in der Sicherheit des Friedens unsichern Gefahren unendlich vorziehen musste. Vielleicht daher sein Abrathen vom Perserkrieg. Wenn an den Anekdoten von seiner Begierde nach Reichthümern etwas Wahres ist, wie sich alles wohl kaum abläugnen lässt, so gehört dieser Charakterzug hieher, und die Tempel und Bildsäulen, die er weihte, zeigen wenigstens, wie diese Neigung mit seinem Streben nach Ruhm und selbst mit seinen moralischen Gesinnungen zusammenhieng.

15.

So ist Pindar, von dem es nicht bekannt ist, dass er sonst ein bürgerliches Amt bekleidet hätte, im genauesten Verstande als ein öffentlicher Sänger, und als ein heiliger Dichter, gleichsam als Priester anzusehen. Dadurch und durch einen Antheil Böotischen und Aeolischen Naturels bekommt er eine Würde, einen Ernst, und eine Strenge, die ihn den Hebräischen Sängern auch im Charakter beinah ähnlich machen würde, wenn nicht die Griechische Leichtigkeit, Milde und Sinnlichkeit wieder alle Spur eigentlicher Gleichheit verwischten.

16.

Ueber seine intellectuelle Ausbildung giebt die Geschichte so gut als keinen Aufschluss. Indess sind seine Lehrer, Zeitgenossen zu erwähnen, sein Umgang mit Aeschylos und seine Reisen zu untersuchen. — Fortschreitung seiner Bildung; Zeitfolge der Oden.

<emph>(Aeussre Beschaffenheit seiner Gedichte;)</emph> 17.

Ausser der individuellen Lage des Dichters selbst muss zur Beurtheilung seines poetischen Charakters auch noch die zufällige und äussre Beschaffenheit seiner Gedichte hinzugenommen werden.

<emph>(aller lyrischen überhaupt)</emph> 18.

Alle lyrischen Gedichte waren für den Gesang, die meisten für eine Art theatralischer Aufführung bestimmt, so dass sie immer mit Musik, häufig mit Tanz begleitet waren. Der Dichter lehrte sie diejenigen, welche sie aufführten, und meistentheils war er selbst der Tonkünstler. Inwiefern gilt das alles auch von Pindar? Schickte er bloss seine Gedichte, oder unterrichtete Chöre nach den auswärtigen Ländern, für die er dichtete?

19.

Daher kam so vieles auf den Vortrag und auf denjenigen Theil der Poesie an, der sich auf denselben bezieht. Der Dichter musste mehr suchen dem sinnlichen Theil der Kunst ein Genüge zu thun, und die höheren Foderungen wurden ihm williger nachgelassen. Auch war er, als Grieche, schon durch die Eigenthümlichkeit seines Nationalcharakters sich vorzugsweise nach jener Seite zu wenden aufgefodert.

<emph>(aller lyrischen überhaupt)</emph> 20.

Aber Pindar kann überdiess nur nach Einer Art seiner Gedichte von uns beurtheilt werden, und diese ist unglücklicherweise in soviele zufällige Schranken eingeengt, dass der Einfluss dieser aufs neue von seinem reinen Charakter geschieden werden muss. Wir besitzen nur seine Siegshymnen. Diese waren nicht an wirklich grosse und verdiente Männer gerichtet, sondern an Könige, deren reich genährte Gespanne, oder an Athleten, die mit der Kraft ihrer Glieder den Preis gewannen. (Tiefere Untersuchungen über die Wagenführer, und Athleten. Aristagoras in Nem. II. war doch Prytane.) Selten also war die Person des Helden, und nie, insofern sie den Sieg gewonnen hatte, merkwürdig. Nur das Vaterland, die Familie des Siegers und der Sieg selbst konnte des Preises gewürdigt werden.

21.

Aber auch dieser Sieg selbst hatte an sich nichts Grosses und Wichtiges, weder in dem Guten, das er schafte, noch in den Kräften, die ihn errangen. Er war die Frucht des Reichthums im Wagen- und Pferderennen, körperlicher Kräfte und einer anhaltenden, bis ans Illiberale gränzenden körperlichen Uebung in den übrigen Kämpfen, und selbst wo der Wettkampf die Kunst betrift (wovon im Pindar nur Ein Beispiel vorkommt), ist es sehr zweifelhaft, ob der Preis mehr der Stärke oder mehr dem Talent gebührte.

22.

Aber auf der andern Seite war der Preis, der in diesen Spielen errungen wurde, der höchste, dessen ein Grieche sich rühmen konnte; und gegen ihn blieb selbst das grösseste Bürgerverdienst und der schönste Kampf fürs Vaterland zurück. Griechenland kannte für jede Grösse einen eignen Dank. Stille Ehrfurcht, Liebe und Vertrauen belohnten das ächte Verdienst; aber lautes Frohlocken, exaltirte Begeisterung, und ein Preis, an dem die Sinnlichkeit und die Phantasie mehr, als Geist und Herz Antheil nahmen, erhoben den Sieger der Kampfspiele.

23.

Ihre Feier war eine Feier der Phantasie. Alles was die so reizbare Einbildungskraft des Griechen zu befeuern vermochte, kam bei den Kampfspielen zusammen: die ungeheure Menge des Volks, das nationale Vorurtheil, da nur Hellenen diese Feier theilen durften, die nahe Verbindung der Spiele mit heiligen Gebräuchen, das ehrwürdige Alter der Einrichtung, das sich bis in das Dunkel der Heldenzeit verlor, der Wettkampf verschiedener Griechischer Stämme in der Person ihrer Kämpfer, endlich die Grösse des Schauspiels selbst, die Schönheit und Stärke der Ringerkörper, die Pracht der Gespanne, die wetteifernde Anstrengung der Kräfte.

24.

Diese sinnliche und phantastische Stimmung zu erhöhen, trug grade der Umstand nicht wenig bei, dass der Wettkampf nicht ernsthaft, sondern ein blosses Spiel, eine völlig freie Aeusserung der Kräfte war. Jeder ernstliche Kampf hätte durch die Wichtigkeit seines Gegenstandes mehr den Verstand oder das Herz interessirt, und die Phantasie niedergedrückt, oder zerstreut. Dieser hingegen hob sie vielmehr in leichtem Spiel in die Höhe, da er nur gleichsam die Form eines Kampfes behalten hatte, und der Sieger in ihm nur den blossen Schall des Ruhmes verfolgte.

24. b.

Was den Ruhm in Kampfspielen noch vor jeder andern Gattung der Ehre auszeichnete, und ihn besonders zu einem Gegenstande der Phantasie und einer dichterischen Behandlung machte, war die Art, wie er erworben wurde. Jeder andre Ruhm wird langsam, nach und nach, durch mehrere zusammentreffende Handlungen und Umstände, die immer noch eine ungleiche Beurtheilung und Würdigung zulassen, errungen; und wenn er einmal erworben ist, muss er erhalten werden, er lebt nur in der fortdauernden Meynung der Menschen, auf die also auch fortgewirkt werden muss. Bei den Kampfspielen war nur Ein Schritt zu thun, und es war alles gewonnen. Der Sieg musste errungen werden; diess geschah auf eine entschiedene unverkennbare Weise. Alle Meynung des Ruhms hieng jetzt allein an der Meynung des Sieges und hier war nicht mehr Ungleichheit der Beurtheilung oder Besorgniss des Verlustes zu fürchten. (Zu untersuchen, ob nachheriges Unterliegen, oder irgend eine Art der Aufführung und des Betragens die Ehre eines Olympioniken wieder zu schmälern vermochte.) Dadurch wurde die Erkämpfung eines Kampfsieges so sehr einer Vergötterung ähnlich, und diess hat Pindar vortreflich benutzt.

25

Ist aber der Ruhm, dessen die Sieger in den vier grossen Spielen genossen, nur einmal aus der Reizbarkeit der Phantasie der Griechen, auf die hier von allen Seiten eingewirkt wurde, erklärbar, so verwebte sich nun dieser Gedanke in alle gesellschaftliche und bürgerliche Einrichtungen. Jetzt war der Ruhm des Siegers, durch den er zugleich sein Vaterland verherrlichte, in der That etwas Grosses, und wie gering sein wirkliches und persönliches Verdienst seyn mochte, so stand er dennoch bloss durch den Platz, auf den er sich geschwungen hatte, auf einer unendlichen Höhe. — Veränderungen in der Meynung von der Grösse der Kampfspiele. Inwiesern schon zu Pindars Zeit?

26

Anstatt also dass die Geringfügigkeit des Gegenstandes dem Dichter hätte zu schaflen machen sollen, hatte er vielmehr jede Kraft anzustrengen, demselben gleich zu bleiben. Da indess die Grösse desselben nur eine sinnliche war, so bestimmte diess zugleich den Charakter der Siegshymnen, und so stimmt dieser Gegenstand nicht wenig mit dem individuellen und nationellen Charakter Pindars, seiner Lebensart und seiner Beschäftigungen überein — obgleich sich der ganze Umfang seines Genies und Charakters nicht genau ausmessen lässt, da die Behandlung dieser Gegenstände fast die einzige Quelle ist, aus der man schöpfen kann.

II.
<emph>(Innere Natur und Beschaffenheit der Siegshymnen im Ganzen.)</emph> 27.

Pindars Dichtercharakter zu schildern ist nur an den Siegshymnen möglich. Die Fragmente seiner übrigen Stücke geben nur Muthmaassungen an die Hand. Die Siegshymnen sollten den errungenen Sieg verkündigen, den Ruhm des Siegers verherrlichen, und vorzüglich als Ausdruck der Freude und Anruf an die Gottheit die Feier des Sieges zu begehen dienen.

28.

Die Stimmung, in welche der Dichter sich und die Zuhörer versetzen musste, war daher aus Empfindungen der Grösse und der Freude vermischt. Diese hervorzubringen gab der einzelne specielle Sieg nichts oder nur sehr wenig her; dieser Gegenstand war allen Griechen zu nah und zu bekannt, als dass der Dichter dabei hätte verweilen dürfen. Daher kommt schlechterdings keine Schilderung der Kampfspiele selbst im Pindar vor; nur auf besondre einzelne Umstände spielt er hie und da an. Das Einzige, was er von seinem Gegenstande entlehnen kann, ist die allgemeine Idee des Ruhms und der Grösse, die mit den Siegen verbunden war, und die Geschichte der Vorfahren und der Vaterstadt des Siegers.

29.

Hier aber eröfnet sich ihm auch ein weites Feld für die Phantasie. Von der Familie des Siegers oder seiner Vaterstadt geht er leicht zu den berühmtesten Helden Griechenlands über. Durch diese bahnt er sich den Weg zu den Göttern, und so knüpft er den Sieger zuletzt an diese an. Nun ist er in dem Gebiete, welches mehr, als irgend ein anderes der dichterischen Einbildungskraft, und besonders der begeisterten phantastischen Stimmung angemessen ist, welche die Kampfspiele so ausgezeichnet begleiteten. In diesem verweilt er daher auch am häufigsten und längsten, indess er dagegen der grösseren und verdienstvolleren Thaten der näheren Vorfahren, selbst des Kampfs für die Freiheit nur sparsam und vorübergehend erwähnt.

30.

Dadurch also wird der Hauptcharakter des Dichters glänzend, erhaben und feierlich. Aber indess er die Phantasie auf diese Weise leicht erhebt und beschäftigt, mischt er der Empfindung zugleich noch einen grösseren und würdigeren Gehalt bei. Der Sieg, der nicht anders als durch Kampf zu erringen war, führte natürlich die Vorstellung der Anstrengung herbei, die er kostete, und die schwindelnde Höhe, auf welcher der begeisterte Dichter den Sieger sah, erinnerte an die Gefahr, sich des Sieges zu überheben. Aus diesen beiden Quellen entspringen vorzüglich die ernsten Betrachtungen, durch welche das Gefühl der Freude auf der einen Seite zwar gemässigt, aber auf der andern auch würdiger und dauernd gemacht wird.

31.

Allein auch hier herrscht dieselbe Erhabenheit, welche den Dichter überall auszeichnet. Die Unveränderlichkeit des Schicksals, die Vergleichung der Nichtigkeit der Menschen mit der Macht und Grösse der Götter sind das oft in mannigfaltiger Behandlung wiederkehrende Thema. So verbindet sich überall in der Wirkung, die Pindar hervorbringt, gehaltvolle Tiefe mit anmuthiger Fülle und Leichtigkeit. (N. IV. 10—14.) Die Stimmung, in die seine besten Stücke den Leser versetzen, ist gemeinschaftlich durch die grössesten und erhabensten Ideen der Vernunft, und die glänzendsten und lachendsten Bilder der Phantasie bewirkt, und durch den Gebrauch von beidem strebt er Einem und demselben Ziele entgegen.

32.

Diess Ziel ist nemlich ein Gefühl der Ruhe und Heiterkeit, dem aber eine sichre und grosse Grundlage zur Stütze dient. Darum ergreift er zuerst das Gefühl mächtig durch die ernste Vorstellung der furchtbaren Macht der Gottheit, und der Wandelbarkeit des menschlichen Glücks, durch die Erinnerung an ungünstige Schicksale, deren Erwähnung er oft sucht, statt sie zu vermeiden, und durch warnende Sentenzen; darum sucht er selbst die Einbildungskraft so oft, sey es durch den Inhalt und den Gegenstand seiner Schilderungen, oder durch die Darstellung und die Wahl des Ausdrucks, mehr lebhaft zu erschüttern, als bloss angenehm zu bewegen. Aber am Ende werden diese beunruhigenden Gefühle immer wiederum ausgeglichen und in eine gleichförmige Stimmung aufgelöst, die, zufrieden mit dem steten Gange des Schicksals und dem Willen der Götter, sich dem Genuss der Gegenwart, aber mit weiser Mässigung überlässt. Mit dem Genuss wird immer zugleich auf edle Thätigkeit hingewiesen, und innere Grösse und äusserer Ruhm immer als wechselsweis sich erwerbend und belohnend dargestellt.

33.

Durch die Einmischung so ernster und würdiger Betrachtungen gewinnt Pindar, dass die Stimmung der Grösse, in die er den Leser versetzt, mehr Würde und Feierlichkeit empfängt. Es ist keine irrdische, sondern eine himmlische Höhe, auf die sich der Dichter versetzt sieht. Diese aber mahlt er mehr für den äussern, als den innern Sinn aus. Daher der strahlende Glanz, der über alle seine Schilderungen ausgegossen ist, und die Fülle der Bilder und des Ausdrucks, die mit erhabner Leichtigkeit dahinrollt. Daher verweilt er so gern auch bei Gegenständen sinnlicher Pracht und Grösse; und der Glanz des Goldes, die Macht der Könige, der Schall des Ruhms, lauter Objecte, auf die ihn der Gegenstand seiner Dichtungen so nothwendig führen musste, verwebt er dadurch so sehr in den Charakter seiner Poesie, dass er sie nicht von seinem Stoff zu empfangen, sondern willkührlich zu wählen scheint.

34.

Die Grösse, deren Gefühl der Dichter hervorbringt, ist nicht gerade Grösse der Gesinnungen, der Empfindungen, oder einzelner Thaten, es ist Grösse der Existenz, des Daseyns, des Lebens überhaupt. Wer sie besitzt, geniesst ungetrübte Ruhe, ist mit allem moralisch und physisch Grossen und Glänzenden verwandt, einig mit den Göttern und mit dem Schicksal. Daher stammt die Ruhe, die Heiterkeit, die strahlende Erhabenheit, die den Pindar vorzugsweise auszeichnet, und die sich so ganz von jener andern Gattung des Erhabenen unterscheidet, welche die moralische Grösse im Kampf gegen die physische darstellt, und sonst von den lyrischen Dichtern oft gebraucht wird.

35.

Damit hängt es zusammen, dass ....

[III].
[40.]

.... vor allen andern Jason, und Herkules beim Telamon. Auf ähnliche Weise sind auch alle übrigen Gegenstände behandelt, die er aufführt, wenn sie auch nicht lebendige Wesen sind. Alles tritt in einem gewissen Charakter auf; nichts wird bloss den Sinnen, alles zugleich dem Gemüth und der Empfindung geschildert. Fast die treflichste Charakterscene, der Gesang Apolls und der Musen in der 1. Pyth. Ode.

41.

Der Umfang, aus welchem die Pindarischen Charaktere genommen sind, ist freilich nicht gross. Göttermacht, Heldengrösse, uneigennützige Ruhmbegierde, Verfolgung des Lasters, Beschützung alles Guten, strenge Offenheit und Gerechtigkeit, Neigung zu Bürgereintracht und Familienliebe, und fröhliche Stimmung zum Genuss des Lebens, mit den Zügen, die diesen entgegengesetzt sind, umschliessen ihn ziemlich genau. Dennoch fehlt es innerhalb dieses Kreises nicht an Mannigfaltigkeit.

42.

Hauptfiguren Pindars. Die Götter: im Allgemeinen, die höchste Macht, tadellose Weisheit, Gerechtigkeit und Güte, aber furchtbarer und unerbittlicher Zorn gegen die, welche sie beleidigen. Einzelne: Jupiter. der höchste Inbegriff jenes Charakters. Apollon. Durchaus jugendlich, mit grosser Heftigkeit, aber vor allen mit Kunst und Weisheit begabt. Eine ganz eigne (ob sie wohl noch sonst irgendwo vorkommt?) Vorstellung ist Apoll beim Chiron. Die Götternatur, ihre Kraft und Weisheit ist hier mit der Unerfahrenheit sterblicher Jugend verknüpft, und der weise Greis ehrt die eine, indem er die andre belehrt. Die Charitinnen, sanfte und liebliche Gestalten, die Geberinnen alles Glänzenden, Lachenden und Fröhlichen. Einige allegorische Figuren, z. B. Hesychia. Die übrigen Götter nur im Vorbeigehn, nach ihren gewöhnlichen Charakteren erwähnt.

43.

Die Helden. Herkules, der Inbegriff aller Kraft und Tapferkeit. Jason, neben jenen Heldenvorzügen, vorzüglich zum Frieden geneigt, und von uneigennützigem Edelmuth. Ajax, eine merkwürdige, in gewissem Dunkel gehaltene Gestalt. Die Dioskuren, sanft, voll zärtlicher Bruderliebe, zum Wohlwollen und zur Hülfe geneigt. Völlig friedliche, nur zum Wohlthun bereite, und durch Weisheit hervorstechende Charaktere sind Chiron und Aeskulap. Vorzüglich ist der erstere schön und charakteristisch geschildert. Gegenbilder dieser grossen und edlen Naturen geben die Titanen, Ixion, Pelias, Odysseus und andre. Weibliche Charaktere werden nur sehr wenig berührt. Ganz in den Heldencharakter übergegangen ist die Weiblichkeit in der Kyrene. Wenige aber doch hübsch gezeichnete Züge der Weiblichkeit kommen bei Gelegenheit der Koronis, Evadne, und in dem Fragment an Xenophon über die Korinthischen Mädchen vor. Indess erhebt sich hier nichts über die gewöhnliche Änsicht. Wichtiger sind die Schilderungen einiger Völker und Lebensarten, vorzüglich der Hyperboräer und des Lebens in den glücklichen Inseln. Hie und da scheinen Charaktere, die besser hätten benutzt werden können, vernachlässigt, z. B. Medea.

44.

Wo also die Einmischung des Epischen im Pindar wirklich gelungen ist, da stellt er einzelne Bilder — wirkliche Personen und Charaktere oder Handlungen und Begebenheiten — auf, die, indem sie die Phantasie beschäftigen, zugleich das Gemüth seiner lyrischen Absicht gemäss stimmen. Die Eigenthümlichkeit des Dichters zeigt sich alsdann darin, dass er auf der einen Seite der Phantasie ein ausführlicheres, glänzenderes, reicheres Gemählde darbietet, und auf der andern dennoch das Gemüth durch den festen und bestimmten Charakter seiner Züge stärker erschüttert, so dass durch beides zusammengenommen die Stimmung, die er hervorbringt, und in der extensiver Reichthum sich mit intensiver Stärke verbindet, zwar minder heftig und plötzlich, aber voller, dauernder, und mehr über die ganze Seele verbreitet ist, als bei andern lyrischen Dichtern. Fehler hingegen, in welche er nicht selten verfällt, sind theils epische Episoden da einzuweben, wo sie der lyrischen Absicht eher schaden, als nützen, oder sie weiter, als in dieser Rücksicht vortheilhaft ist, fortzuführen.

<emph>(<persName ref="gnd-118594427">Pindar</persName>s didaktischer Theil, seine Sentenzen.)</emph> 45.

Das zweite hauptsächliche Mittel, dessen sich der Dichter zu seiner Absicht bedient, sind die Sentenzen. Diese braucht er zuweilen beinah mit zu freigebiger Hand, und fast überall dienen sie ihm, die verschiedenen Theile längerer Abschnitte seiner Gedichte, oder des Ganzen selbst zu verbinden.

46.

Ihr Inhalt ist nicht von sehr grossem Umfang und ganz aus der Sphäre genommen, aus welcher er zugleich seinen epischen Stoff, insofern derselbe Charakter an sich trägt, schöpft. Fast alle sind eigentliche Aussprüche der Weisheit, und sagen oft nur in veränderten Formen die einfachen Verhältnisse aus, in welchen der Mensch auf der einen Seite zu den Göttern und dem Schicksal, auf der andern zu seinem Vaterlande, seinen Mitbürgern, seiner Familie steht. Nur sehr wenige (näher zu untersuchende) beziehen sich auf mehr verborgne, nur gewissen Vorstellungsarten eigenthümliche Meynungen. (Ol. II. v. 96—140. Nem. VI. v. 1—13.) Vorzüglich beschäftigt sich der Dichter häufig mit der gegenseitigen Lage der Götter und Menschen, und indem er beide beständig einander nähert, dennoch aber die Ueberlegenheit der ersteren unaufhörlich darstellt, erfüllt er die Seele wechselsweis mit den Gefühlen von Würde und Ehrfurcht. Eigentlich feine Sentenzen, intellectuelle Raisonnements, nüancirte Empfindungen sind ihm durchaus fremd. Ueberall spricht ein gerader und schlichter, durch Erfahrung geleiteter, scharf und tief in die wahren Verhältnisse der Dinge eindringender, rein moralischer Sinn, nirgends ein grübelnder, spitzfindiger oder auch nur vorzüglich entwickelnder Verstand.

47.

Nie also geben seine Sentenzen dem Geist eine abgesonderte Beschäftigung. Indem sie an die wichtigsten Verhältnisse der menschlichen Natur erinnern, und ihre wirkliche Beschaffenheit in einfacher Wahrheit aufdecken, rühren sie das ganze Gemüth und diejenige Empfindung, die durch den Einfluss der wirklichen Lage der Dinge entsteht, und wieder auf diese zurückwirkt. Ihre Tendenz ist schlechterdings moralisch. Allein indem sie so der Natur völlig nah bleiben, fehlt es ihnen dennoch nicht an idealischem Schwunge. Denn sie stellen die Natur selbst in einer unendlichen Erweiterung, einer in Stufen fortgehenden Erhöhung dar, die unter dem Bilde des Helden und Göttercharakters der Phantasie näher gebracht wird. Der Totaleindruck wird nun nur um so grösser, da die begeisterte Stimmung, in welche die Einbildungskraft versetzt wird, durch die Wahrheit und Innigkeit des natürlichen Gefühls, an das sich der Dichter zuerst wendet, mehr Gehalt und Dauer empfängt. Pindars Eigenthümlichkeit — denn im Ganzen bezeichnet derselbe Charakter alle frühere Griechische Dichter — liegt hiebei darin, dass seine Weisheit noch gediegener und kraftvoller, aber auch noch einfacher und auf einen noch kleineren Kreis beschränkt, die Aussicht ins Idealische aber mehr für die Phantasie und die Sinne, glänzender und lachender ausgemahlt ist.

<emph>(Einheit der <persName ref="gnd-118594427">Pindar</persName>ischen Gedichte.)</emph> 48.

Nichts musste bei den Siegshymnen so schwierig seyn, als in diesem Stoff ein lyrisches Ganzes hervorzubringen. Der Sieger sollte gepriesen werden. Das Thema war hier immer der Ruhm, die Hauptempfindung die Freude. Aber beides war zu einförmig und unbestimmt, als dass leicht ein individuelles lyrisches Ganze daraus hätte gebildet werden können. Auch giebt es mehrere Oden im Pindar, die im eigentlichsten Verstande blosse Siegesfeier sind, einzelne poetische Schönheiten besitzen, aber im Ganzen, und vor allem, von Musik entblösst, keine Wirkung machen. Auch findet sich in sehr vielen eine gewisse Einförmigkeit der Anlage, die sie in drei Stücke, eine Exposition, Verkündigung des Sieges, eine historische oder sententiöse Digression, und ein Zurückkehren zu dem Sieger und seinem Lobe, sehr natürlich abtheilt.

49.

An eine Einheit, wie man sie in andern lyrischen Dichtern findet, die eine einzelne Empfindung, ein einzelnes Bild, einen einzelnen Gedanken aufstellen, zu denken verbietet daher schon die episch-lyrische Gattung, die uns allein von Pindar übrig ist. So wie seine Gedichte längere, durch wechselnde Schilderungen und Gedanken fortlaufende Stücke sind, so erregen sie auch eine Reihe von Empfindungen und Vorstellungen, in welcher zugleich auf die Uebergänge von der einen zur andern, und auf das, was in allen herrschend ist, bei der Beurtheilung geachtet werden muss.

50.

In den Uebergängen herrscht die grösseste lyrische Freiheit. Die Phantasie allein bringt sie gewöhnlich herbei, und die blosse Erwähnung eines Gegenstandes ist dem Dichter ein hinlänglicher Grund, um bei diesem zu verweilen. Oft indess beruht auch die neue Wendung auf einer Sentenz, zu welcher das Vorige führte, und die nun wieder für sich eines Beispiels zum Belege bedarf. Manchmal sind die Uebergänge loser, als sich auf irgend eine Weise vertheidigen lässt. Allein auch im Ganzen muss man keine strenge, gebundene Folge erwarten. Der Dichter lässt seine Phantasie in der Stimmung, in die er sich versetzt hat, frei herumschweifen; ergreift alles, was sich, derselben gemäss, auf seinem Wege ihm darbietet, und bricht am Ende willkührlich ab, wenn er sich zu weit verirrt hat.

51.

Indess ist hierin doch nicht ganz soviel Willkührliches, als es auf den ersten Anblick vielleicht scheinen möchte. Zwar ist es gewiss, dass Pindars Gesänge keinen so künstlich angelegten Plan, und nicht so sorgfältig einander angepasste Theile kennen, als andre spätere lyrische Stücke; auch scheint es wohl, als hätte der Dichter sich wenigstens oft begnügt, nur durch eine Reihe lose verbundener Schilderungen und Betrachtungen, unterstützt von der Sprache und dem Rhythmus, die Gemüther der Zuhörer zur Feier des Sieges zu stimmen, und als habe er nur allgemein das Gebiet überschlagen, das ihm die jedesmalige Veranlassung öfnete, und hier mit willkührlicher Freiheit die einzelnen Gegenstände gewählt. Indess wirken dennoch wenn nicht alle, doch die schönsten Oden als ein Ganzes auf die Einbildungskraft, indem entweder Ein Thema durchgeführt oder wenigstens Eine dauernde Empfindung durch alle Theile des Stücks hindurch unterhalten ist. Dieser letzten Art der Einheit bedient sich der Dichter oft mit vorzüglichem Glücke. Jede Ode hat in dieser Rücksicht ihren eignen Ton, ihre eigne Haltung, bewegt sich schneller oder langsamer, erhebt sich stärker oder fliesst sanfter dahin. Vorzüglich zeichnen sich hierin einige aus, so wie andre, und nicht wenige, es wiederum so schwach andeuten, dass es sich kaum mit Genauigkeit bestimmen lässt. (Pyth. I.)

52.

Sind also Pindars Gedichte selten als Ausdrücke einzelner und bestimmter Empfindungen anzusehen, so sind sie doch Ergiessungen der Seele in einzelnen und dauernden Stimmungen, die ihren Charakter der Behandlung jedes Gegenstandes aufdrücken, den er berührt. Bei der Einförmigkeit seines Stoffs lässt sich hier keine grosse Mannigfaltigkeit erwarten. Feierliche Würde verbunden mit fröhlicher Anmuth verrathen sich so gut als überall. Allein ausserdem, dass bald mehr die eine, bald die andre das Uebergewicht hat, auch beide den Graden nach verschieden sind, so finden sich auch ganz eigenthümliche heftigere oder sanftere Stimmungen. Die letzteren zeichnen sich alsdann durch vorzüglichere Anmuth und Lieblichkeit aus, und merkwürdig ist es, dass auch die ersteren, selbst wenn der Dichter gegen Neid und Misgunst kämpft, diese Eigenschaften dennoch nie verläugnen.

<emph>(Diction.)</emph> 53.

Pindars Sprache hat einen eigenthümlichen lyrischen Charakter. Kühne Metaphern, ungewöhnliche Zusammensetzungen, neue Verbindungen der Sätze geben dem Vortrag eine ganz eigne Farbe. In dem Vortrage selbst ist etwas Abgerissenes. Einzelne Theile sind vollendet und prächtig dargestellt; andre um sie herum mehr vernachlässigt. Daher wohl die nicht seltene Mattigkeit des Ausdrucks, selbst in den schönsten Stücken. (Ueber den Periodenbau ist mehr nachzudenken.) Dem Sinne schmiegt sich Pindars Sprache erstaunlich an, und wie die Stimmung des Dichters wechselt, verändert sich auch augenblicklich der Ton des Vortrags.

<emph>(Bestimmter Begriff der Siegshymnen, als Recapitulation des Vorigen.)</emph> 54.

Ueber das Silbenmaass ist es schwer zu urtheilen, da wir es nur ohne begleitende Musik kennen. Pindar ist darin erstaunlich genau, und bewahrt nicht bloss die Zahl und das Maass der Silben, sondern auch die einmal gewählten Abschnitte in sehr vielen Silbenmaassen. Jede rhythmische Periode hat einen sehr grossen Umfang, den unser Ohr kaum noch zu fassen vermag. Nie, ein einzigesmal ausgenommen, haben zwei Oden dasselbe Silbenmaass. (Ueber den Unterschied dieser Silbenmaasse von den kürzern, die ordentliche Kanons geworden sind, und ihre Gründe ist genauer nachzusuchen, wie auch über alles historische, was das Silbenmaass betrift.) Gewiss war jeder Rhythmus dem Ton der Ode angemessen; einigermaassen lässt sich diess auch jetzt noch zeigen, und man muss nie vergessen, dass es hier auf die Musik eigentlich ankam, und das Silbenmaass sich nur insofern zur Beurtheilung brauchen lässt, als es mit der Musik übereinstimmte.

<emph>(Rhythmus.)</emph> 55.

Am richtigsten stellt man sich daher die Pindarischen Siegshymnen als musikalisch-poetische Ganze vor, in welchen der Dichter, ....

Bemerkungen zur Entstehungsgeschichte

Handschrift (34 halbbeschriebene Quartseiten, von denen S. 19—22 fehlen) im Archiv in Tegel. — Erster Druck (ohne die Anmerkungen: Sechs ungedruckte Aufsätze über das klassische Altertum von <persName ref="gnd-118554727">Wilhelm von Humboldt</persName> , herausgegeben von Albert Leitzmann S. 34—54 (1896).

In der Einsamkeit von Tegel wandte sich Humboldt im Herbst 1795 wieder eingehender antiken Studien zu und es entstand der Plan, die Resultate dieser Studien zu einem Aufsatz über die Griechen, ihre menschliche und dichterische Individualität zusammenzufassen, um damit zugleich Schillers Wunsch einer weiteren aktiven Teilnahme an den Horen genugzutun (an Körner, 1. August 1795; an Schiller, 6. November 1795; an Wolf, 9. November 1795). Unter Schillers Mahnung und Anregung kam der Gedanke bald zu deutlicherer Ausgestaltung: in einer Reihe einzelner Aufsätze sollte der griechische Dichtergeist in seinem Wesen und seiner Entwicklung dargestellt und dabei in Rücksicht auf die so viel schon erörterte Homerisch-epische Frage der Anfang mit der lyrischen Poesie gemacht werden; von dieser sollten nacheinander Pindar, die Chöre und die Fragmente nebst den Gedichten der Anthologie zur Behandlung kommen (an Körner, 23. November 1795; an Schiller, 27. November und 4. Dezember 1795). Schillers Teilnahme zeigte sich auch weiterhin durch die in seinen Briefen enthaltenen klärenden oder polemisierenden Bemerkungen, wie er denn z. B. ein andres Einteilungsprinzip für den Stoff vorschlug (Briefe 4, 342). Humboldt blieb indessen bei seiner erwähnten Disposition und schrieb in der Mitte des Dezembers in raschem Wurf die Charakteristik Pindars nieder (an Schiller, 14. Dezember 1795). Neue Anregungen Schillers und das für Humboldt typische rasche Unbefriedigtsein mit der eigenen Leistung ließen jedoch die Arbeit sehr bald ins Stocken geraten und das Dilemma, ob auf diesem spezielleren Wege fortgefahren oder nicht vielmehr die Aufgabe von allgemeineren Erörterungen ausgehend besser und fruchtbarer behandelt werden solle, brachte dann den ganzen Plan zu Falle (an Wolf, 5. Januar 1796; an Körner , 3. Mai 1796). Humboldt ist dann nicht wieder auf ihn zurückgekommen; der Plan einer Charakteristik des achtzehnten Jahrhunderts verdrängte seit dem Anfang des Jahres 1796 für längere Zeit die antiken Studien.

Leider ist das erhaltene Manuskript defekt: es fehlt der Eingang des dritten, philosophischen Teils der Abhandlung und der Schluß des Ganzen, beidemal die innere Hälfte eines in Quartformat gefalteten Bogens.