I.
(Gesichtspunkt bei Beurtheilung der alten Dichter überhaupt)
1.
Die alten Dichter überhaupt dürfen nicht anders, als mit Rücksicht auf ihre
individuelle Lage beurtheilt werden, wenn nicht bei der Bestimmung des
Charakters ihrer Producte die bloss zufälligen Züge mit den wahrhaft
eigenthümlichen verwechselt werden sollen.
(des Pindar insbesondre.)
2.
In einem ganz vorzüglichen Sinne findet diess beim Pindar Statt, da dieser zugleich eine
geheiligte und eine öffentliche Person war. —
Er war der bestellte Sänger des Phöbus
Pausanias
X
24.
— nahm Theil an den Geschenken, die der Gott empfieng,
Thomas Magister.
Gen. Pind.
16-18.
Pausanias
IX
23.
Plutarch.
De sera num. vind.
989
24.
Castellanus.
De festis Graec.
165.
— und sein ausgebreiteter Ruhm
Platon.
De LL.
3
590f.
Menon
16g.
Aeschines, cp. 4. Diogenes Laertius.
4
31
246
Ed. Amstel.
Dionysius Halic.
2
68
44
Ed. Wechel
Longinus.
De sublimitate
33.
Athenaios.
XIII
2
564d.
Horatius,
Carmina, IV, 2.
Plinius, Naturalis
Historia, II, 12, 9.
Quintilian.
X
1
740
Ed. Hack.
Macrobius.
5
17
50-51
Ed. Lugd.
machte ihn zum Organ jeder öffentlichen Feier bei Siegen und Festen im
ganzen Griechenland.
Thomas Magister. Solinus, c. 9. Aelianus, l. 4. c. 15.
Thomas Magister. Tzetzes in
Hesiodum.
104b
Ed. Heins.
Aeschines, cp. 4. Pausanias.
I
8
20.
3.
Daher entspringt die festliche Würde und Erhabenheit, die ihn so vorzüglich
auszeichnet, und die vermehrt wurde durch seinen nationellen Geschlecht und Herkunft.
Thom. Mag.
Pyth.
V, 99.
Pindars Bruder selbst Kämpfer.
Gen. Pind.
4-5.
und individuellen Charakter.
(Einfluss des Böotischen Charakters auf ihn.)
4.
Der Hauptzug des Böotischen Charakters ist unbehülfliche Schwere, und
körperliche Stärke. Dann Hang zur Musik, insbesondre der Flöte.
5.
Wenn man diess verbindet, scheint Hang zu körperlicher Thätigkeit und
körperlichem Genuss hervorzugehn. Ueberhaupt kann man wohl die Böotischen
Nationalzüge nach andern Nationen desselben Aeolischen Stammes beurtheilen. Im
Ganzen kam der Aeolische Charakter dem Dorischen unstreitig näher, als dem
Attischen. Schon die grössere Aehnlichkeit der Mundarten spricht dafür, so wie
dass beide Stämme soviele, und fast bloss lyrische Dichter besassen. Man darf
daher wohl den Aeoliern den Hauptzug der Dorier gleichfalls beilegen, vermöge
dessen diese weniger der Phantasie und einer müssigen Speculation, als der
Wirklichkeit und den reellen Verhältnissen des praktischen Lebens angehörten.
In den Doriern, wenigstens in den Lacedämoniern, aber hatten diese Züge eine sehr veredelte Gestalt gewonnen. Es
herrschte daher auf der einen Seite mehr Seelengrösse und Strenge der Sitten,
aber auf der andern auch mehr Rigidität und daher weniger Neigung zu
künstlerischem Talent. Von beiden das Gegentheil zeigen in Lesbos die
Aeolischen Sitten, und die Neigung zur Musik in den Thebanern deutet auf diese
Verwandtschaft hin, wenn gleich Himmelsstrich und Landesart diese künstlerische
Anlage in ungünstige Schranken einschloss.
6.
Nachdem es auf diese Weise, durch Hülfe der Lesbischen Dichterschule
begreiflich geworden ist, wie ein Pindar in Theben aufstehen konnte, sieht man zugleich, dass eine
entschieden lyrische Stimmung und Hang zu gemeinschaftlicher Freude bei
Familien und Bürgerfesten im Pindar
durch den Nationalcharakter bestätigt wurde. Ausserdem aber lassen sich auch
Spuren dieses letzteren in der gleichsam patriarchalischen Gesinnung des
Dichters, seiner fast austeren Frömmigkeit, der Bitterkeit in der häufigen
Erwähnung seiner Hasser
Diogenes Laert.
2, 46, 108, Amstel..
Schol. ad P.
II, 97,
131.
Suidas v. Bacchylides.
Steph. Byzant.
Ἰουλίς.
Athen.
10, 21, 455c.
Ibique Casaubonus.
und Neider, dem häufigeren Einmischen seiner eignen Person,
Plut.
De laude sui, 957, 539.
Ed. Francof.
dem ihm Schuld gegebenen Eigennutz, und der Feierlichkeit oder
Heftigkeit seines Ganges entdecken.
(Sein individueller Charakter.)
7.
Zu einem Herold der Götter und Helden passt auch Pindars individueller Charakter. Tiefe Ehrfurcht für
Seelengrösse und Tugend; mit edlem Stolz verbundenes Bewusstseyn seiner eignen
Würde; endlich der milde und heitre Frohsinn, welcher zum freien Erguss der
Empfindungen einladet, machen die Hauptzüge aus, welche seine Gedichte
verrathen.
8.
Zuerst zeichnet sich seine Frömmigkeit aus, die mehr Ernst, Würde und Furcht
zeigt, als man sonst bei Griechischen
Dichtern gewohnt ist. Daher seine Besorgniss, die Gottheit durch irgend einen Ausdruck zu beleidigen, und seine Vorsicht
in der Verwerfung unheiliger oder abgeschmackter Fabeln. — Historische
Beweise.
Thom. Mag. Bildsäule des
Apollon Boedromios und
Hermes Agoraeos.
Pausan.
9, 17.
Schol. Pind. ad
Pyth.
137.
Plut.
Numa
, 113,
Steph. 62c, Francof..
Contra Colot., 2022.
Plutarchus Ne suauiter
quidem vivi posse secundum Epicuri decreta, Francof., 1103a.
Philostratus, Umgang mit
Persephone.
Pausan.
9, 23.
Falsche Anekdote: Castor und
Pollux rufen ihn aus einstürzendem Haus. Solinus, 1. Ibique Salmasius.
9.
An diese schliesst sich zunächst die Verehrung der Helden der Vorzeit an, die
er oft als Mittelpersonen zwischen den Göttern und seinen Siegern braucht. In
diesen schätzt er am meisten gerade Tapferkeit und ofne Stärke. Daher sind
Herkules, Achill, Ajax, Jason mehrmals
bei ihm wiederkehrende Figuren; dagegen Ulyss selbst durch Homers Namen nicht gegen seinen Tadel geschützt wird.
10.
Ebenso ist seine ganze moralische Gesinnung
Hier ist die Anmerkung gestrichen: Plutarchus περὶ ψυχογονίας, 1893.
auf Offenheit, Treue und Genügsamkeit, auf Bürgereintracht,
Epigr. Leonidae. Ed.
Ox..
Friedfertigkeit und Familienglück, dabei aber auf ein edles Streben
nach grossen Thaten, nur verbunden mit Beschränkung unmässiger Wünsche
gerichtet. Neid, Selbstsucht und hinterlistige Gleissnerei erbittern ihn bis
zur Härte.
11.
Aber jede Grösse verschwindet umsonst, wenn nicht die Stimme des Nachruhms sie
verherrlicht. Diese ertönen zu lassen, ist er bestimmt; bei diesem Geschäft
stehn ihm die Musen vorzüglich bei;
und wenn er dem Haufen, der ihn nicht fasst, misfällt, so hat er doch den
Beifall der Weisen.
12.
In diesem ernsten, strengen, feierlichen Charakter herrscht doch durchaus milde
Sanftmuth und heitre Fröhlichkeit. Die Charitinnen sind es, welchen der Dichter am häufigsten opfert,
und wo er die wünschenswürdigsten Dinge nennt, vergisst er nie des sinnlichen Lebensgenusses, erhöht durch die Freuden
der Musik und des Gesanges. Diess schloss sich an seine Frömmigkeit an, da der
Gottesdienst zugleich immer mit Kunstgenuss verbunden war. — Gesang seiner
Töchter bei Nacht. Schöne Stimmen der Böotierinnen.
13.
Von Pindars sanfteren Gefühlen zeugt
seine Liebe zum schönen Theoxenus. So
viel sich einsehen lässt, beruhte sie auf dem begeisterten Gefühl einer
reizbaren und empfänglichen Seele für Schönheit und Jugend, und hat mit
Platoischer und Sokratischer Knabenliebe keine Aehnlichkeit.
In Theoxenus Armen und im Theater
starb er.
14.
Auf diese Weise war über Pindars
ganzes Leben ein Glanz verbreitet, in welchem Grösse und Anmuth sich gatteten.
Hieraus muss man es sich erklären, wenn er öfter auf das Lob des Reichthums in
seinen Gedichten zurückkommt, und wenn er die Macht der Könige höher erhebt,
als einem Griechen zu geziemen scheint.
Ueberhaupt war er wohl der eigentlichen Volksregierung nicht geneigt, und es
lässt sich aus dem Ganzen seines Charakters schliessen, dass er den ruhigen
Lebensgenuss in der Sicherheit des Friedens unsichern Gefahren unendlich
vorziehen musste. Vielleicht daher sein Abrathen vom Perserkrieg. Wenn an den
Anekdoten von seiner Begierde nach Reichthümern etwas Wahres ist, wie sich
alles wohl kaum abläugnen lässt, so gehört dieser Charakterzug hieher, und die
Tempel und Bildsäulen, die er weihte, zeigen wenigstens, wie diese Neigung mit
seinem Streben nach Ruhm und selbst mit seinen moralischen Gesinnungen
zusammenhieng.
15.
So ist Pindar, von dem es nicht
bekannt ist, dass er sonst ein bürgerliches Amt bekleidet hätte, im genauesten
Verstande als ein öffentlicher Sänger, und als ein heiliger Dichter, gleichsam
als Priester anzusehen. Dadurch und durch einen Antheil Böotischen und
Aeolischen Naturels bekommt er eine Würde, einen Ernst, und eine Strenge, die
ihn den Hebräischen Sängern auch im Charakter beinah ähnlich machen würde, wenn
nicht die Griechische Leichtigkeit,
Milde und Sinnlichkeit wieder alle Spur eigentlicher Gleichheit
verwischten.
16.
Ueber seine intellectuelle Ausbildung giebt die Geschichte so gut als keinen
Aufschluss. Indess sind seine Lehrer, Zeitgenossen zu erwähnen, sein Umgang mit
Aeschylos und seine Reisen zu
untersuchen. — Fortschreitung seiner Bildung; Zeitfolge der Oden.
(Aeussre Beschaffenheit seiner Gedichte;)
17.
Ausser der individuellen Lage des Dichters selbst muss zur Beurtheilung seines
poetischen Charakters auch noch die zufällige und äussre Beschaffenheit seiner
Gedichte hinzugenommen werden.
(aller lyrischen überhaupt)
18.
Alle lyrischen Gedichte waren für den Gesang, die meisten für eine Art
theatralischer Aufführung bestimmt, so dass sie
immer mit Musik, häufig mit Tanz begleitet waren. Der Dichter lehrte sie
diejenigen, welche sie aufführten, und meistentheils war er selbst der
Tonkünstler. Inwiefern gilt das alles auch von Pindar? Schickte er bloss seine Gedichte, oder unterrichtete
Chöre nach den auswärtigen Ländern, für die er dichtete?
19.
Daher kam so vieles auf den Vortrag und auf denjenigen Theil der Poesie an, der
sich auf denselben bezieht. Der Dichter musste mehr suchen dem sinnlichen Theil
der Kunst ein Genüge zu thun, und die höheren Foderungen wurden ihm williger
nachgelassen. Auch war er, als Grieche,
schon durch die Eigenthümlichkeit seines Nationalcharakters sich vorzugsweise
nach jener Seite zu wenden aufgefodert.
(aller lyrischen überhaupt)
20.
Aber Pindar kann überdiess nur nach
Einer Art seiner Gedichte von uns beurtheilt werden, und diese ist
unglücklicherweise in soviele zufällige Schranken eingeengt, dass der Einfluss
dieser aufs neue von seinem reinen Charakter geschieden werden muss. Wir
besitzen nur seine Siegshymnen. Diese waren nicht an wirklich grosse und
verdiente Männer gerichtet, sondern an Könige, deren reich genährte Gespanne,
oder an Athleten, die mit der Kraft ihrer Glieder den Preis gewannen. (Tiefere
Untersuchungen über die Wagenführer, und Athleten. Aristagoras in Nem. II. war
doch Prytane.) Selten also war die Person des Helden, und nie, insofern sie den
Sieg gewonnen hatte, merkwürdig. Nur das Vaterland, die Familie des Siegers und
der Sieg selbst konnte des Preises gewürdigt werden.
21.
Aber auch dieser Sieg selbst hatte an sich nichts Grosses und Wichtiges, weder
in dem Guten, das er schafte, noch in den Kräften, die ihn errangen. Er war die
Frucht des Reichthums im Wagen- und Pferderennen, körperlicher Kräfte und einer
anhaltenden, bis ans Illiberale gränzenden körperlichen Uebung in den übrigen
Kämpfen, und selbst wo der Wettkampf die Kunst
betrift (wovon im Pindar nur Ein
Beispiel vorkommt), ist es sehr zweifelhaft, ob der Preis mehr der Stärke oder
mehr dem Talent gebührte.
22.
Aber auf der andern Seite war der Preis, der in diesen Spielen errungen wurde,
der höchste, dessen ein Grieche sich
rühmen konnte; und gegen ihn blieb selbst das grösseste Bürgerverdienst und der
schönste Kampf fürs Vaterland zurück. Griechenland kannte für jede Grösse einen eignen Dank. Stille
Ehrfurcht, Liebe und Vertrauen belohnten das ächte Verdienst; aber lautes
Frohlocken, exaltirte Begeisterung, und ein Preis, an dem die Sinnlichkeit und
die Phantasie mehr, als Geist und Herz Antheil nahmen, erhoben den Sieger der
Kampfspiele.
23.
Ihre Feier war eine Feier der Phantasie. Alles was die so reizbare
Einbildungskraft des Griechen zu
befeuern vermochte, kam bei den Kampfspielen zusammen: die ungeheure Menge des
Volks, das nationale Vorurtheil, da nur Hellenen diese Feier theilen durften, die nahe Verbindung der
Spiele mit heiligen Gebräuchen, das ehrwürdige Alter der Einrichtung, das sich
bis in das Dunkel der Heldenzeit verlor, der Wettkampf verschiedener Griechischer Stämme in der Person ihrer
Kämpfer, endlich die Grösse des Schauspiels selbst, die Schönheit und Stärke
der Ringerkörper, die Pracht der Gespanne, die wetteifernde Anstrengung der
Kräfte.
24.
Diese sinnliche und phantastische Stimmung zu erhöhen, trug grade der Umstand
nicht wenig bei, dass der Wettkampf nicht ernsthaft, sondern ein blosses Spiel,
eine völlig freie Aeusserung der Kräfte war. Jeder ernstliche Kampf hätte durch
die Wichtigkeit seines Gegenstandes mehr den Verstand oder das Herz
interessirt, und die Phantasie niedergedrückt, oder zerstreut. Dieser hingegen
hob sie vielmehr in leichtem Spiel in die Höhe, da er nur gleichsam die Form
eines Kampfes behalten hatte, und der Sieger in ihm nur den blossen Schall des
Ruhmes verfolgte.
24. b.
Was den Ruhm in Kampfspielen noch vor jeder andern Gattung der Ehre
auszeichnete, und ihn besonders zu einem
Gegenstande der Phantasie und einer dichterischen Behandlung machte, war die
Art, wie er erworben wurde. Jeder andre Ruhm wird langsam, nach und nach, durch
mehrere zusammentreffende Handlungen und Umstände, die immer noch eine
ungleiche Beurtheilung und Würdigung zulassen, errungen; und wenn er einmal
erworben ist, muss er erhalten werden, er lebt nur in der fortdauernden Meynung
der Menschen, auf die also auch fortgewirkt werden muss. Bei den Kampfspielen
war nur Ein Schritt zu thun, und es war alles gewonnen. Der Sieg musste
errungen werden; diess geschah auf eine entschiedene unverkennbare Weise. Alle
Meynung des Ruhms hieng jetzt allein an der Meynung des Sieges und hier war
nicht mehr Ungleichheit der Beurtheilung oder Besorgniss des Verlustes zu
fürchten. (Zu untersuchen, ob nachheriges Unterliegen, oder irgend eine Art der
Aufführung und des Betragens die Ehre eines Olympioniken wieder zu schmälern
vermochte.) Dadurch wurde die Erkämpfung eines Kampfsieges so sehr einer
Vergötterung ähnlich, und diess hat Pindar vortreflich benutzt.
25
Ist aber der Ruhm, dessen die Sieger in den vier grossen Spielen genossen, nur
einmal aus der Reizbarkeit der Phantasie der Griechen, auf die hier von allen Seiten eingewirkt wurde,
erklärbar, so verwebte sich nun dieser Gedanke in alle gesellschaftliche und
bürgerliche Einrichtungen. Jetzt war der Ruhm des Siegers, durch den er
zugleich sein Vaterland verherrlichte, in der That etwas Grosses, und wie
gering sein wirkliches und persönliches Verdienst seyn mochte, so stand er
dennoch bloss durch den Platz, auf den er sich geschwungen hatte, auf einer
unendlichen Höhe. — Veränderungen in der Meynung von der Grösse der
Kampfspiele. Inwiesern schon zu Pindars Zeit?
26
Anstatt also dass die Geringfügigkeit des Gegenstandes dem Dichter hätte zu
schaflen machen sollen, hatte er vielmehr jede Kraft anzustrengen, demselben
gleich zu bleiben. Da indess die Grösse desselben nur eine sinnliche war, so
bestimmte diess zugleich den Charakter der Siegshymnen, und so stimmt dieser
Gegenstand nicht wenig mit dem individuellen und nationellen Charakter
Pindars, seiner Lebensart und
seiner Beschäftigungen überein — obgleich sich der ganze Umfang seines Genies
und Charakters nicht genau ausmessen lässt, da
die Behandlung dieser Gegenstände fast die einzige Quelle ist, aus der man
schöpfen kann.
II.
(Innere Natur und Beschaffenheit der Siegshymnen im Ganzen.)
27.
Pindars Dichtercharakter zu schildern
ist nur an den Siegshymnen möglich. Die Fragmente seiner übrigen Stücke geben
nur Muthmaassungen an die Hand. Die Siegshymnen sollten den errungenen Sieg
verkündigen, den Ruhm des Siegers verherrlichen, und vorzüglich als Ausdruck
der Freude und Anruf an die Gottheit die Feier des Sieges zu begehen
dienen.
28.
Die Stimmung, in welche der Dichter sich und die Zuhörer versetzen musste, war
daher aus Empfindungen der Grösse und der Freude vermischt. Diese
hervorzubringen gab der einzelne specielle Sieg nichts oder nur sehr wenig her;
dieser Gegenstand war allen Griechen zu
nah und zu bekannt, als dass der Dichter dabei hätte verweilen dürfen. Daher
kommt schlechterdings keine Schilderung der Kampfspiele selbst im Pindar vor; nur auf besondre einzelne
Umstände spielt er hie und da an. Das Einzige, was er von seinem Gegenstande
entlehnen kann, ist die allgemeine Idee des Ruhms und der Grösse, die mit den
Siegen verbunden war, und die Geschichte der Vorfahren und der Vaterstadt des
Siegers.
29.
Hier aber eröfnet sich ihm auch ein weites Feld für die Phantasie. Von der
Familie des Siegers oder seiner Vaterstadt geht er leicht zu den berühmtesten
Helden Griechenlands über. Durch diese
bahnt er sich den Weg zu den Göttern, und so knüpft er den Sieger zuletzt an
diese an. Nun ist er in dem Gebiete, welches mehr, als irgend ein anderes der
dichterischen Einbildungskraft, und besonders der begeisterten phantastischen
Stimmung angemessen ist, welche die Kampfspiele so ausgezeichnet begleiteten.
In diesem verweilt er daher auch am häufigsten und längsten, indess er dagegen
der grösseren und verdienstvolleren Thaten der
näheren Vorfahren, selbst des Kampfs für die Freiheit nur sparsam und
vorübergehend erwähnt.
30.
Dadurch also wird der Hauptcharakter des Dichters glänzend, erhaben und
feierlich. Aber indess er die Phantasie auf diese Weise leicht erhebt und
beschäftigt, mischt er der Empfindung zugleich noch einen grösseren und
würdigeren Gehalt bei. Der Sieg, der nicht anders als durch Kampf zu erringen
war, führte natürlich die Vorstellung der Anstrengung herbei, die er kostete,
und die schwindelnde Höhe, auf welcher der begeisterte Dichter den Sieger sah,
erinnerte an die Gefahr, sich des Sieges zu überheben. Aus diesen beiden
Quellen entspringen vorzüglich die ernsten Betrachtungen, durch welche das
Gefühl der Freude auf der einen Seite zwar gemässigt, aber auf der andern auch
würdiger und dauernd gemacht wird.
31.
Allein auch hier herrscht dieselbe Erhabenheit, welche den Dichter überall
auszeichnet. Die Unveränderlichkeit des Schicksals, die Vergleichung der
Nichtigkeit der Menschen mit der Macht und Grösse der Götter sind das oft in
mannigfaltiger Behandlung wiederkehrende Thema. So verbindet sich überall in
der Wirkung, die Pindar hervorbringt,
gehaltvolle Tiefe mit anmuthiger Fülle und Leichtigkeit. (
N. IV.
10—14.) Die Stimmung, in die seine besten Stücke den Leser versetzen, ist
gemeinschaftlich durch die grössesten und erhabensten Ideen der Vernunft, und
die glänzendsten und lachendsten Bilder der Phantasie bewirkt, und durch den
Gebrauch von beidem strebt er Einem und demselben Ziele entgegen.
32.
Diess Ziel ist nemlich ein Gefühl der Ruhe und Heiterkeit, dem aber eine sichre
und grosse Grundlage zur Stütze dient. Darum ergreift er zuerst das Gefühl
mächtig durch die ernste Vorstellung der furchtbaren Macht der Gottheit, und
der Wandelbarkeit des menschlichen Glücks, durch die Erinnerung an ungünstige
Schicksale, deren Erwähnung er oft sucht, statt sie zu vermeiden, und durch warnende Sentenzen; darum sucht er
selbst die Einbildungskraft so oft, sey es durch den Inhalt und den Gegenstand
seiner Schilderungen, oder durch die Darstellung und die Wahl des Ausdrucks,
mehr lebhaft zu erschüttern, als bloss angenehm zu bewegen. Aber am Ende werden
diese beunruhigenden Gefühle immer wiederum ausgeglichen und in eine
gleichförmige Stimmung aufgelöst, die, zufrieden mit dem steten Gange des
Schicksals und dem Willen der Götter, sich dem Genuss der Gegenwart, aber mit
weiser Mässigung überlässt. Mit dem Genuss wird immer zugleich auf edle
Thätigkeit hingewiesen, und innere Grösse und äusserer Ruhm immer als
wechselsweis sich erwerbend und belohnend dargestellt.
33.
Durch die Einmischung so ernster und würdiger Betrachtungen gewinnt Pindar, dass die Stimmung der Grösse, in die
er den Leser versetzt, mehr Würde und Feierlichkeit empfängt. Es ist keine
irrdische, sondern eine himmlische Höhe, auf die sich der Dichter versetzt
sieht. Diese aber mahlt er mehr für den äussern, als den
innern Sinn aus. Daher der strahlende Glanz, der über alle
seine Schilderungen ausgegossen ist, und die Fülle der Bilder und des
Ausdrucks, die mit erhabner Leichtigkeit dahinrollt. Daher verweilt er so gern
auch bei Gegenständen sinnlicher Pracht und Grösse; und der Glanz des Goldes,
die Macht der Könige, der Schall des Ruhms, lauter Objecte, auf die ihn der
Gegenstand seiner Dichtungen so nothwendig führen musste, verwebt er dadurch so
sehr in den Charakter seiner Poesie, dass er sie nicht von seinem Stoff zu
empfangen, sondern willkührlich zu wählen scheint.
34.
Die Grösse, deren Gefühl der Dichter hervorbringt, ist nicht gerade Grösse der
Gesinnungen, der Empfindungen, oder einzelner Thaten, es ist Grösse der
Existenz, des Daseyns, des Lebens überhaupt. Wer sie besitzt, geniesst
ungetrübte Ruhe, ist mit allem moralisch und physisch Grossen und Glänzenden
verwandt, einig mit den Göttern und mit dem Schicksal. Daher stammt die Ruhe,
die Heiterkeit, die strahlende Erhabenheit, die den Pindar vorzugsweise auszeichnet, und die sich
so ganz von jener andern Gattung des Erhabenen unterscheidet, welche die
moralische Grösse im Kampf gegen die physische
darstellt, und sonst von den lyrischen Dichtern oft gebraucht wird.
35.
Damit hängt es zusammen, dass ....
[III].
[40.]
.... vor allen andern Jason, und
Herkules beim Telamon. Auf ähnliche Weise sind auch alle
übrigen Gegenstände behandelt, die er aufführt, wenn sie auch nicht lebendige
Wesen sind. Alles tritt in einem gewissen Charakter auf; nichts wird bloss den
Sinnen, alles zugleich dem Gemüth und der Empfindung geschildert. Fast die
treflichste Charakterscene, der Gesang Apolls und der Musen in
der 1.
Pyth. Ode.
41.
Der Umfang, aus welchem die Pindarischen Charaktere genommen sind, ist freilich nicht gross.
Göttermacht, Heldengrösse, uneigennützige Ruhmbegierde, Verfolgung des Lasters,
Beschützung alles Guten, strenge Offenheit und Gerechtigkeit, Neigung zu
Bürgereintracht und Familienliebe, und fröhliche Stimmung zum Genuss des
Lebens, mit den Zügen, die diesen entgegengesetzt sind, umschliessen ihn
ziemlich genau. Dennoch fehlt es innerhalb dieses Kreises nicht an
Mannigfaltigkeit.
42.
Hauptfiguren Pindars. Die Götter: im
Allgemeinen, die höchste Macht, tadellose Weisheit, Gerechtigkeit und Güte,
aber furchtbarer und unerbittlicher Zorn gegen die, welche sie beleidigen.
Einzelne: Jupiter. der höchste
Inbegriff jenes Charakters. Apollon.
Durchaus jugendlich, mit grosser Heftigkeit, aber vor allen mit Kunst und
Weisheit begabt. Eine ganz eigne (ob sie wohl noch sonst irgendwo vorkommt?)
Vorstellung ist Apoll beim Chiron. Die Götternatur, ihre Kraft und
Weisheit ist hier mit der Unerfahrenheit sterblicher Jugend verknüpft, und der
weise Greis ehrt die eine, indem er die andre belehrt. Die Charitinnen, sanfte und liebliche Gestalten,
die Geberinnen alles Glänzenden, Lachenden und Fröhlichen. Einige allegorische
Figuren, z. B. Hesychia. Die übrigen Götter
nur im Vorbeigehn, nach ihren gewöhnlichen Charakteren erwähnt.
43.
Die Helden. Herkules, der Inbegriff
aller Kraft und Tapferkeit. Jason,
neben jenen Heldenvorzügen, vorzüglich zum Frieden geneigt, und von
uneigennützigem Edelmuth. Ajax, eine
merkwürdige, in gewissem Dunkel gehaltene Gestalt. Die Dioskuren, sanft, voll zärtlicher
Bruderliebe, zum Wohlwollen und zur Hülfe geneigt. Völlig friedliche, nur zum
Wohlthun bereite, und durch Weisheit hervorstechende Charaktere sind Chiron und Aeskulap. Vorzüglich ist der erstere schön und charakteristisch
geschildert. Gegenbilder dieser grossen und edlen Naturen geben die Titanen, Ixion, Pelias,
Odysseus und andre. Weibliche
Charaktere werden nur sehr wenig berührt. Ganz in den Heldencharakter
übergegangen ist die Weiblichkeit in der Kyrene. Wenige aber doch hübsch gezeichnete Züge der
Weiblichkeit kommen bei Gelegenheit der Koronis, Evadne, und
in dem Fragment an Xenophon über die
Korinthischen Mädchen vor. Indess
erhebt sich hier nichts über die gewöhnliche Änsicht. Wichtiger sind die
Schilderungen einiger Völker und Lebensarten, vorzüglich der Hyperboräer und des Lebens in den glücklichen Inseln. Hie und da scheinen
Charaktere, die besser hätten benutzt werden können, vernachlässigt, z. B.
Medea.
44.
Wo also die Einmischung des Epischen im Pindar wirklich gelungen ist, da stellt er einzelne Bilder —
wirkliche Personen und Charaktere oder Handlungen und Begebenheiten — auf, die,
indem sie die Phantasie beschäftigen, zugleich das Gemüth seiner lyrischen
Absicht gemäss stimmen. Die Eigenthümlichkeit des Dichters zeigt sich alsdann
darin, dass er auf der einen Seite der Phantasie ein ausführlicheres,
glänzenderes, reicheres Gemählde darbietet, und auf der andern dennoch das
Gemüth durch den festen und bestimmten Charakter seiner Züge stärker
erschüttert, so dass durch beides zusammengenommen die Stimmung, die er
hervorbringt, und in der extensiver Reichthum sich mit intensiver Stärke
verbindet, zwar minder heftig und plötzlich, aber voller, dauernder, und mehr
über die ganze Seele verbreitet ist, als bei andern lyrischen Dichtern. Fehler
hingegen, in welche er nicht selten verfällt,
sind theils epische Episoden da einzuweben, wo sie der lyrischen Absicht eher
schaden, als nützen, oder sie weiter, als in dieser Rücksicht vortheilhaft ist,
fortzuführen.
(Pindars didaktischer Theil,
seine Sentenzen.)
45.
Das zweite hauptsächliche Mittel, dessen sich der Dichter zu seiner Absicht
bedient, sind die Sentenzen. Diese braucht er zuweilen beinah mit zu
freigebiger Hand, und fast überall dienen sie ihm, die verschiedenen Theile
längerer Abschnitte seiner Gedichte, oder des Ganzen selbst zu verbinden.
46.
Ihr Inhalt ist nicht von sehr grossem Umfang und ganz aus der Sphäre genommen,
aus welcher er zugleich seinen epischen Stoff, insofern derselbe Charakter an
sich trägt, schöpft. Fast alle sind eigentliche Aussprüche der Weisheit, und
sagen oft nur in veränderten Formen die einfachen Verhältnisse aus, in welchen
der Mensch auf der einen Seite zu den Göttern und dem Schicksal, auf der andern
zu seinem Vaterlande, seinen Mitbürgern, seiner Familie steht. Nur sehr wenige
(näher zu untersuchende) beziehen sich auf mehr verborgne, nur gewissen
Vorstellungsarten eigenthümliche Meynungen. (Ol. II. v. 96—140. Nem. VI. v.
1—13.) Vorzüglich beschäftigt sich der Dichter häufig mit der gegenseitigen
Lage der Götter und Menschen, und indem er beide beständig einander nähert,
dennoch aber die Ueberlegenheit der ersteren unaufhörlich darstellt, erfüllt er
die Seele wechselsweis mit den Gefühlen von Würde und Ehrfurcht. Eigentlich
feine Sentenzen, intellectuelle Raisonnements, nüancirte Empfindungen sind ihm
durchaus fremd. Ueberall spricht ein gerader und schlichter, durch Erfahrung
geleiteter, scharf und tief in die wahren Verhältnisse der Dinge eindringender,
rein moralischer Sinn, nirgends ein grübelnder, spitzfindiger oder auch nur
vorzüglich entwickelnder Verstand.
47.
Nie also geben seine Sentenzen dem Geist eine abgesonderte Beschäftigung. Indem
sie an die wichtigsten Verhältnisse der menschlichen Natur erinnern, und ihre
wirkliche Beschaffenheit in einfacher Wahrheit aufdecken, rühren sie das ganze
Gemüth und diejenige Empfindung, die durch den
Einfluss der wirklichen Lage der Dinge entsteht, und wieder auf diese
zurückwirkt. Ihre Tendenz ist schlechterdings moralisch. Allein indem sie so
der Natur völlig nah bleiben, fehlt es ihnen dennoch nicht an idealischem
Schwunge. Denn sie stellen die Natur selbst in einer unendlichen Erweiterung,
einer in Stufen fortgehenden Erhöhung dar, die unter dem Bilde des Helden und
Göttercharakters der Phantasie näher gebracht wird. Der Totaleindruck wird nun
nur um so grösser, da die begeisterte Stimmung, in welche die Einbildungskraft
versetzt wird, durch die Wahrheit und Innigkeit des natürlichen Gefühls, an das
sich der Dichter zuerst wendet, mehr Gehalt und Dauer empfängt. Pindars Eigenthümlichkeit — denn im Ganzen
bezeichnet derselbe Charakter alle frühere Griechische Dichter — liegt hiebei darin, dass seine Weisheit
noch gediegener und kraftvoller, aber auch noch einfacher und auf einen noch
kleineren Kreis beschränkt, die Aussicht ins Idealische aber mehr für die
Phantasie und die Sinne, glänzender und lachender ausgemahlt ist.
(Einheit der Pindarischen
Gedichte.)
48.
Nichts musste bei den Siegshymnen so schwierig seyn, als in diesem Stoff ein
lyrisches Ganzes hervorzubringen. Der Sieger sollte gepriesen werden. Das Thema
war hier immer der Ruhm, die Hauptempfindung die Freude. Aber beides war zu
einförmig und unbestimmt, als dass leicht ein individuelles lyrisches Ganze
daraus hätte gebildet werden können. Auch giebt es mehrere Oden im Pindar, die im eigentlichsten Verstande
blosse Siegesfeier sind, einzelne poetische Schönheiten besitzen, aber im
Ganzen, und vor allem, von Musik entblösst, keine Wirkung machen. Auch findet
sich in sehr vielen eine gewisse Einförmigkeit der Anlage, die sie in drei
Stücke, eine Exposition, Verkündigung des Sieges, eine historische oder
sententiöse Digression, und ein Zurückkehren zu dem Sieger und seinem Lobe,
sehr natürlich abtheilt.
49.
An eine Einheit, wie man sie in andern lyrischen Dichtern findet, die eine
einzelne Empfindung, ein einzelnes Bild, einen
einzelnen Gedanken aufstellen, zu denken verbietet daher schon die
episch-lyrische Gattung, die uns allein von Pindar übrig ist. So wie seine Gedichte längere, durch
wechselnde Schilderungen und Gedanken fortlaufende Stücke sind, so erregen sie
auch eine Reihe von Empfindungen und Vorstellungen, in welcher zugleich auf die
Uebergänge von der einen zur andern, und auf das, was in allen herrschend ist,
bei der Beurtheilung geachtet werden muss.
50.
In den Uebergängen herrscht die grösseste lyrische Freiheit. Die Phantasie
allein bringt sie gewöhnlich herbei, und die blosse Erwähnung eines
Gegenstandes ist dem Dichter ein hinlänglicher Grund, um bei diesem zu
verweilen. Oft indess beruht auch die neue Wendung auf einer Sentenz, zu
welcher das Vorige führte, und die nun wieder für sich eines Beispiels zum
Belege bedarf. Manchmal sind die Uebergänge loser, als sich auf irgend eine
Weise vertheidigen lässt. Allein auch im Ganzen muss man keine strenge,
gebundene Folge erwarten. Der Dichter lässt seine Phantasie in der Stimmung, in
die er sich versetzt hat, frei herumschweifen; ergreift alles, was sich,
derselben gemäss, auf seinem Wege ihm darbietet, und bricht am Ende
willkührlich ab, wenn er sich zu weit verirrt hat.
51.
Indess ist hierin doch nicht ganz soviel Willkührliches, als es auf den ersten
Anblick vielleicht scheinen möchte. Zwar ist es gewiss, dass Pindars Gesänge keinen so künstlich
angelegten Plan, und nicht so sorgfältig einander angepasste Theile kennen, als
andre spätere lyrische Stücke; auch scheint es wohl, als hätte der Dichter sich
wenigstens oft begnügt, nur durch eine Reihe lose verbundener Schilderungen und
Betrachtungen, unterstützt von der Sprache und dem Rhythmus, die Gemüther der
Zuhörer zur Feier des Sieges zu stimmen, und als habe er nur allgemein das
Gebiet überschlagen, das ihm die jedesmalige Veranlassung öfnete, und hier mit
willkührlicher Freiheit die einzelnen Gegenstände gewählt. Indess wirken
dennoch wenn nicht alle, doch die schönsten Oden als ein Ganzes auf die
Einbildungskraft, indem entweder Ein Thema durchgeführt oder wenigstens Eine
dauernde Empfindung durch alle Theile des Stücks hindurch unterhalten ist.
Dieser letzten Art der Einheit bedient sich der Dichter oft mit vorzüglichem Glücke. Jede Ode hat in dieser Rücksicht
ihren eignen Ton, ihre eigne Haltung, bewegt sich schneller oder langsamer,
erhebt sich stärker oder fliesst sanfter dahin. Vorzüglich zeichnen sich hierin
einige aus, so wie andre, und nicht wenige, es wiederum so schwach andeuten,
dass es sich kaum mit Genauigkeit bestimmen lässt. (Pyth. I.)
52.
Sind also Pindars Gedichte selten als
Ausdrücke einzelner und bestimmter Empfindungen anzusehen, so sind sie doch
Ergiessungen der Seele in einzelnen und dauernden Stimmungen, die ihren
Charakter der Behandlung jedes Gegenstandes aufdrücken, den er berührt. Bei der
Einförmigkeit seines Stoffs lässt sich hier keine grosse Mannigfaltigkeit
erwarten. Feierliche Würde verbunden mit fröhlicher Anmuth verrathen sich so
gut als überall. Allein ausserdem, dass bald mehr die eine, bald die andre das
Uebergewicht hat, auch beide den Graden nach verschieden sind, so finden sich
auch ganz eigenthümliche heftigere oder sanftere Stimmungen. Die letzteren
zeichnen sich alsdann durch vorzüglichere Anmuth und Lieblichkeit aus, und
merkwürdig ist es, dass auch die ersteren, selbst wenn der Dichter gegen Neid
und Misgunst kämpft, diese Eigenschaften dennoch nie verläugnen.
(Diction.)
53.
Pindars Sprache hat einen
eigenthümlichen lyrischen Charakter. Kühne Metaphern, ungewöhnliche
Zusammensetzungen, neue Verbindungen der Sätze geben dem Vortrag eine ganz
eigne Farbe. In dem Vortrage selbst ist etwas Abgerissenes. Einzelne Theile
sind vollendet und prächtig dargestellt; andre um sie herum mehr
vernachlässigt. Daher wohl die nicht seltene Mattigkeit des Ausdrucks, selbst
in den schönsten Stücken. (Ueber den Periodenbau ist mehr nachzudenken.) Dem
Sinne schmiegt sich Pindars Sprache
erstaunlich an, und wie die Stimmung des Dichters wechselt, verändert sich auch
augenblicklich der Ton des Vortrags.
(Bestimmter Begriff der Siegshymnen, als Recapitulation des
Vorigen.)
54.
Ueber das Silbenmaass ist es schwer zu urtheilen, da wir es nur ohne
begleitende Musik kennen. Pindar ist
darin erstaunlich genau, und bewahrt nicht
bloss die Zahl und das Maass der Silben, sondern auch die einmal gewählten
Abschnitte in sehr vielen Silbenmaassen. Jede rhythmische Periode hat einen
sehr grossen Umfang, den unser Ohr kaum noch zu fassen vermag. Nie, ein
einzigesmal ausgenommen, haben zwei Oden dasselbe Silbenmaass. (Ueber den
Unterschied dieser Silbenmaasse von den kürzern, die ordentliche Kanons
geworden sind, und ihre Gründe ist genauer nachzusuchen, wie auch über alles
historische, was das Silbenmaass betrift.) Gewiss war jeder Rhythmus dem Ton
der Ode angemessen; einigermaassen lässt sich diess auch jetzt noch zeigen, und
man muss nie vergessen, dass es hier auf die Musik eigentlich ankam, und das
Silbenmaass sich nur insofern zur Beurtheilung brauchen lässt, als es mit der
Musik übereinstimmte.
(Rhythmus.)
55.
Am richtigsten stellt man sich daher die Pindarischen Siegshymnen als musikalisch-poetische Ganze vor, in
welchen der Dichter, ....