Das achtzehnte Jahrhundert Humboldt Wilhelm von TEI enconding Silvia Berigüete Pastor Wilhelm von Humboldt: Schriften August 2025 Creative Commons Attribution-NonCommercial-ShareAlike 4.0 International (CC BY-NC-SA 4.0) https://www.wvh-schriften.de Humboldt Wilhelm von Wilhelm von Humboldts Werke. Zweiter Band Leitzmann Albert https://archive.org/details/gesammelteschrif02humbuoft/page/n1/mode/2up Königlich Preußische Akademie der Wissenschaften Berlin 1904

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1797 Jena Deutsch Essay Geschichte Philosophie
Das achtzehnte Jahrhundert

An dem Schlusse eines vollendeten Jahrhunderts bietet sich unserm Nachdenken sehr natürlich die Frage dar: wo stehn wir? welchen Theil ihres langen und mühevollen Weges hat die Menschheit zurückgelegt? befindet sie sich in der Richtung, welche zum letzten Ziel hinführt? und wie weit ist es ihr gelungen, in dieser Richtung bereits fortzuschreiten?

Die Beantwortung dieser inhaltvollen Fragen fodert nichts Geringeres, als eine Charakteristik der Zeit, in der wir leben, verbunden mit einer pragmatischen Herleitung unsers Zustandes aus seinen in früheren Begebenheiten und Umständen verborgenen Ursachen, mithin eine Schilderung des Jahrhunderts, das wir zurückgelegt haben. Was wir sind, muss vollständig und bestimmt gezeichnet, aber wir müssen nicht als ein todtes Bild aus dem ganzen Gemählde der Zeit herausgerissen, wir müssen vorgestellt werden als ein lebendiges Glied einer zusammenhängenden Reihe gemeinschaftlich wirkender Ursachen, zugleich als das Product von Kräften, die vor uns thätig waren, und als eine Quelle andrer neuer, die es nach uns seyn werden.

Um diesen Gesichtspunkt genau im Auge zu behalten, und dem Bilde nichts von dem frischen Leben zu rauben, durch das es allein für die Betrachtung fruchtbar wird, ist es nothwendig den Charakter der Menschheit in seiner ganzen unzertrennten Totalität aufzufassen. Nicht bloss die Seiten, die wirklich ausgebildet sind. sollen geschildert werden, auch diejenigen, welche es seyn sollten oder seyn könnten. Nicht bloss die vorhandene Kraft will man geschätzt wissen; auch den Grad der Rüstigkeit und Stärke, mit der dieselbe weiter emporstrebt. Zwei Bedingungen werden daher durchaus unerlasslich seyn: einmal alles Einzelne immer unter wenigen abgesonderten Hauptpunkten zu Einer Gestalt zusammenzudrängen; dann jeden Grad und jede Modifikation der thätigen Kräfte als Theile einer unendlichen Grösse anzusehen, die in Gränzen, die auch einem feinen Auge entgehen, mit ihren Nachbarn zusammenstossen.

Es wird daher nicht nothwendig seyn, jeden einzelnen Zug mit mühsamem Fleiss ängstlich zusammenzutragen, aber auch nicht hinlänglich, durch eine solche Nachbildung der Aussenseite der Gegenstände ihren blossen Umriss zu zeichnen. Ihr Geist, ihr Charakter muss dargestellt seyn; aber es bedarf keines Pinselstrichs mehr, sobald er einmal dasteht. Dieser Endzweck bestimmt auch die Ordnung des Vortrags. Die am meisten charakteristische Eigenthümlichkeit muss vorangehn, und um sie müssen sich die andern versammeln. Das Gemählde muss zugleich Wahrheit mit Leben in sich vereinigen. Das letztere wird ihm nie mangeln, sobald es, statt bloss die todte Form der Natur nachzuahmen, ihren Geist athmet; die erstere muss sich dadurch bewähren, dass jeder aufgestellte Charakterzug auch unmittelbar einen Belag aus der Reihe der Thatsachen aufzuweisen hat. Der beobachtende Verstand und die dichtende Einbildungskraft müssen in harmonischem Bunde stehn. Jener muss nur darum Begriffe und Thatsachen sammeln, damit diese sie in ihre Form giessen, und zu einem Ganzen umschaffen möge; sie hingegen muss jedem Stoff, den nicht er herbeigeführt hat, ihr Gepräge versagen. Die Probe des Gelingens ist der Versuch, ob das entworfene Bild die Kraft begeisternd erweckt, und lenkend richtet, welches beides es nicht kann, wenn es nicht wahr und lebendig zugleich ist.

Die zweite Bedingung hängt genau mit dieser ersten zusammen. Das Lebendige unterscheidet sich vorzüglich dadurch von dem Todten, dass es in sich und durch sich beweglich, wechselnd und vorschreitend ist, dass es nie aus einem einzelnen Zustand, nur aus der Kraft begriffen werden kann, welche jene alle begründet. Diess zeigt auch der äussere Änblick. Daher entsteht die weiche Biegsamkeit, der fliessende Glanz, das duftende Ansehn der grünenden Pflanze, des lebenden Thiers; dagegen die harte Rigidität, das Starre und Erloschene in dem Verwelkten und Todten. Um das Innre der Menschheit so als ein lebendes, sich aus sich selbst entwickelndes Wesen zu schildern, muss man ihre ganze vielgestaltete Form gegenwärtig in der Seele tragen, und jedes Bild, das die Beobachtung dargiebt, gleichsam an ihr versuchen. Es ist hier nicht von der Idee der Menschheit die Rede, die überall nach Maass und Art bestimmt, und immer nur Eine ist. Zwar dürfen wir auch diese intensive idealische Grösse nie aus dem Gesichte verlieren, aber wir bedürfen hier noch ausserdem jenen extensiven möglichen Umfang des Charakters der Menschheit, der alles, was je aus menschlichen Anlagen und Neigungen entsprang, umschliesst, in keinem Punkte bestimmt, aber in jedem bestimmbar ist. Mit dem Möglichen muss das Wirkliche verglichen werden, um zu beurtheilen, wie es sich dem Nothwendigen zu nähern vermöge.

Woher aber jene Summe des Möglichen nehmen, da die Wirklichkeit sie nicht erschöpfend enthalten kann, und aus der Idee wir sie nicht vollständig abzuleiten im Stande sind? In der That und wirklich alle Möglichkeiten aufzählen zu wollen, wäre vergeblich und unnütz; der Kraft und dem Erfolge nach wird dennoch das ganze Gebiet des Möglichen umfasst, wenn durchaus die Maxime herrscht, nirgends eine einseitige Grenze zu setzen, jede neue Form in ihrer Eigenthümlichkeit zu prüfen, und von ihr aus neue Verbindungen mit allen übrigen, und einen Weg zum Ideale zu finden. Nur darum und nur insofern ist es nothwendig, mit dem Charakter der Menschheit in seinem weitesten Umfang innig vertraut zu seyn, nur um die Fähigkeit zu erlangen und zu erhöhen, schnell und leicht die feine Verwandtschaft verschiedner Anlagen und Neigungen zu entdecken, und, durchdrungen von der Idee der höchsten Vollkommenheit, in jeder neuen Gestalt scharf und fest zu bestimmen, was als gut und rein beibehalten, was als zufällig und verwerflich vertilgt werden muss. Um dahin zu gelangen müssen wir speculatives Nachdenken mit praktischer Beobachtung verknüpfen. Ohne jenes lernen wir, wie die gemeine Menschenkenntniss, nur gewisse Aeusserungen der Charaktere, nicht, wie die philosophische, ihr inneres Wesen selbst kennen; ohne diese finden wir nur, durch Eintheilung des Begriffs der Menschheit a priori, die obersten, weitumfassendsten Gattungen derselben, nicht ihre besondern Arten, noch weniger Individuen.

So also, wie hier beschrieben ist, soll das Jahrhundert geschildert werden. Einmal so, dass der raisonnirende Verstand aus den einzelnen Thatsachen, welche die Beobachtung ihm liefert, allgemeine Resultate herleitet, aber die Phantasie diese abgezognen Begriffe zu einem anschaulichen Bilde zusammenstellt. Zweitens so, dass nicht unser Stillstehn in einem bestimmten Zustande, sondern unser Forteilen zu einem andern geschildert werde; dass der Weg der ganzen Menschheit offen vor uns daliege, und die Stelle der jetzigen auf demselben bezeichnet sey; dass wir die Fussstapfen sehen, die wir verlassen haben, und diejenigen ahnden, in die wir treten werden.

Was heisst aber, das Jahrhundert schildern? Was sagt dieser seinem Begriff und seinem Umfange nach vieldeutige Ausdruck, wenn er genauer bestimmt wird?

Seinem Begriff nach kann er einen doppelten Sinn haben, die Menschen des Jahrhunderts, oder die Menschheit in demselben zu schildern. Jenes wäre allein das Werk der Geschichte, diess des philosophischen Raisonnements über dieselbe. Hier ist nur von diesem letzteren die Rede. Es interessirt uns daher hier nicht den physischen, moralischen und politischen Zustand der einzelnen Nationen und Länder in den verschiednen Epochen ihrer Umbildung durchzugehn. Wir fragen nur, welchen Charakter die Menschheit überhaupt, ob neue, vorher unbekannte Nüancen, ob erhöhte oder verminderte Grade gezeigt hat? So müssen wir einzelne Menschen, bei denen diess der Fall ist, herausheben, und können ganze Nationen, die in dieser Rücksicht nicht merkwürdig sind, mit Stillschweigen übergehen. Wie wir bei der Schätzung der Fortschritte einer Kunst, z. B. der Musik, wenigstens ohngefähr den Grad bestimmen können, der überhaupt erreicht, und die Anzahl der Gattungen, die mit Glück versucht worden ist, wie hernach, um eine spätere Periode zu würdigen, nur untersucht werden darf, ob und inwiefern dieser dem Grad und den Arten nach bestimmte Umfang abgeändert worden, oder derselbe geblieben ist, ebenso ist es auch mit dem Charakter in seiner Totalität. Aber dieser Charakter ist für sich ein blosser Collectivbegriff, und zeigt sich allein in einer Menge einzelner Formen, unter welchen der Forscher, da er unmöglich alle aufstellen kann, eine Wahl zu treffen genöthigt ist. Nach seinem Endzweck, die jetzige Menschheit der ganzen überhaupt, seine Zeit aller Zeit charakterisirend entgegenzusetzen, werden die Formen, welche seine Wahl vorzugsweise treffen wird, die neuen, die weit verbreiteten, und die sonst für die Periode, in der sie auftreten, charakteristischen seyn.

I.<note type="footnote" n="i)" resp="gnd-116890657"> <p>Auf zwei besonderen Blättern hat sich <persName ref="gnd-118554727">Humboldt</persName> „<persName ref="gnd-118607626">Schiller</persName>s mündliche Urtheile über das 18. Jahrhundert“ notiert; die Bemerkungen betreffen aber nur den ersten und dritten Abschnitt. Über den ersten Abschnitt lautet <persName ref="gnd-118607626">Schiller</persName>s Urteil:</p> <p>„Die Einführung hat einen doppelten Fehler. Sie ist moralisch und scheint mehr auf Welt- als auf Selbstverbesserung zu gehen. Beides muss vermieden, und die Nothwendigkeit für das Individuum, sich dem Ganzen anzupassen, als ein eigentliches Bedürfniss, folglich physisch praktisch aufgestellt werden. Man muss es an die Erfahrung eines jeden anknüpfen, und wenn es möglich wäre, lieber sogar von einem einzelnen Factum ausgehen. Wie es jetzt ist, hat es den Fehler, dass das Moralische dem Menschen immer gewissermaassen fremd bleibt, und dass er sich davon loszumachen weiss. Auch kann es so misverstanden werden, als würden dadurch die Weltverbesserer, z. B. Fichte und Consorten begünstigt. Nicht also als eine Aufgabe der Vernunft, sondern als ein Bedürfniss der Natur muss es erscheinen. Die strenge Eigenthümlichkeit ist wichtig; aber sie wird zur Einseitigkeit; um Totalität in sich zu erhalten, muss sie die übrigen mit ihr verwandten Gattungen aufsuchen und sich in Verhältniss zu ihnen stellen. — Auch müsste nicht übergangen werden, dass die Nothwendigkeit, sich dem Ganzen anzupassen, nur unter uns Modernen entstanden ist. Bei uns muss sich das Individuum in der Gattung aufsuchen, weil der Mensch nur in ihr erscheint. Unter den <placeName ref="geo-390903">Griech</placeName>en war diess nicht nothwendig, weil der Mensch schon durch das Individuum repräsentirt wurde.</p> <p>Der Stil ist zu lehrend; zwar klar und nicht verwickelt, aber er hat noch die Haupteigenthümlichkeit meiner älteren Sachen, dass nicht hinlängliche Gruppirungen und Massen gemacht sind, dass jeden Satz zu ängstlich alle Einschränkungen begleiten.</p> <p>Technische Ausdrücke der Philosophie, z. B. Form der Vernunft müssen noch mehr vermieden werden.“</p> </note> Allgemeines Bedürfniss der Menschheit sich von Zeit zu Zeit von den Umwandlungen ihres Charakters Rechenschaft zu geben.

Das Menschengeschlecht kann als ein grosses Ganzes betrachtet werden, dessen einzelne Glieder sich durch eine planmässige Ausbildung ihrer verschiedenen Kräfte Einem gemeinschaftlichen Ziele nähern. — Dieser Idee gemäss zu handeln, ist dem Menschen durch seine Vernunft aufgegeben, um die höchste Uebereinstimmung in seine Handlungen zu bringen, und überall den Zufall zu verbannen. — Um dieser Foderung der Vernunft zu folgen, müssen wir uns von Zeit zu Zeit auf unserm Wege orientiren. — Hieraus entsteht das Bedürfniss, eine Charakteristik des Zeitalters vorzunehmen, in dem man lebt. — Die Erfordernisse und Schwierigkeiten einer solchen Charakteristik zu prüfen, ist der Zweck dieser Abhandlung.

Das allgemeinste Bestreben der menschlichen Vernunft ist auf die Vernichtung des Zufalls gerichtet. Im Gebiete des Willens soll er nie herrschen; im Reiche der Natur nirgends zu herrschen scheinen. Was in jenem geschieht, soll aus festen Grundsätzen herfliessen; was man in diesem beobachtet, soll aus deutlich erkannten Ursachen nach nothwendigen Gesetzen abgeleitet werden. Je höher die sittliche Ausbildung des Menschen, desto weniger Zufälliges ist in seinen Handlungen, je ausgebreiteter seine historische Kenntniss und je tiefer seine philosophische Einsicht, desto mehr Regelmässigkeit und Nothwendigkeit erscheint ihm in dem Laufe der Natur. Daher beruht der ununterbrochene Fortschritt der Vollkommenheit des Menschen durch die Thätigkeit seiner Vernunft auf der Annahme zweier Sätze, die nie bewiesen werden können, aber nie geläugnet werden dürfen. Der Inbegriff aller unsrer Handlungen, auch die kleinste nicht ausgenommen, kann durch die Kraft unsers Willens allein von den Grundsätzen unsrer Vernunft abhängig gemacht; und jede Erscheinung in der Natur, ohne Ausnahme, kann nach nothwendigen Gesetzen aus den Umständen erklärt werden, die sie begleiten oder vor ihr vorhergehn. Wer einen dieser beiden Sätze zu läugnen versuchte, würde dem Menschen eine seiner beiden wesentlichen Eigenschaften absprechen, und entweder der Strenge seiner Sittlichkeit, oder der Unendlichkeit seiner Erkenntniss willkührliche Grenzen setzen. Wo also nur immer der Zufall zu herrschen scheint, da muss die Vernunft die Rechtmässigkeit seines Besitzes zu prüfen versuchen, und nur dann geräth sie in Gefahr zu irren, wenn sie, statt bei jedem besondern Falle stehen zu bleiben, sich allgemeine Urtheile erlaubt, und statt (wie jene beiden Sätze aussagten) in der Natur keinen Zufall vorauszusetzen, ihn derselben abzusprechen wagt.

Nirgends nun scheint demselben soviel Willkühr vergönnt, als in dem Laufe menschlicher Schicksale und Begebenheiten. Da dieselben zugleich ein Resultat fremder Naturveränderungen und eigner menschlicher Willkühr sind, so sucht der Beobachter umsonst nach einem leitenden Faden, und verzweifelt bald gänzlich, Ordnung und Licht in ein so verworrenes Gewebe zu bringen. Die Veränderungen der Natur, auch die kleinsten und scheinbar zufälligsten, lassen noch eher, eben darum, weil sie der Natur angehören, einige Hofnung übrig, die Ursachen und die Gesetze ihres Erscheinens ergründen zu können. Wenigstens kann es hier nur an der mangelhaften Einsicht des Forschers liegen; in ihnen selbst, daran zweifeln wir nicht, ist durchaus Ordnung und Nothwendigkeit. Ganz anders aber ist es mit der Willkühr menschlicher Laune beschaffen. Diese ist ihrem Wesen nach frei, und die Umstände, deren Einfluss ihre Bestimmung bewirken hilft, sind so vielfach und zusammengesetzt, und bleiben sich so wenig in ihrer Wirksamkeit gleich, dass man es, wenigstens in jedem einzelnen Falle, schlechterdings aufgeben muss, selbst durch die genaueste Berechnung auch hier den Zufall noch auszuschliessen. Aus diesem Grunde vorzüglich wird es so schwer, in der Geschichte des Menschengeschlechts eine bestimmte Folge zu entdecken, und daher geräth derjenige immer in Verlegenheit, der, wieviel auch sonst für ihn spricht, aus der Erfahrung darthun will, dass die Menschheit, auch im Ganzen, sich einem höchsten und letzten Ziele in gleichförmigen Fortschritten nähert.

Dennoch muss das Gebot der Vernunft, überall mit Verbannung des Zufälligen feste Gesetze zu suchen und aufzustellen, auch hier seine Anwendung finden. Die verwickelte Reihe der Weltbegebenheiten liegt nicht bloss als der würdigste Gegenstand einer müssigen Betrachtung vor unsern Augen da; der Mensch steht auch mit allem, was ihn umgiebt, in so naher Berührung, dass viele seiner Handlungen einen grossen und sichtbaren, alle aber wenigstens einigen, wenn gleich schwachen Einfluss auf die entferntesten Punkte menschlicher Thätigkeit ausüben. Er kann die Bande nicht lösen, die ihn mit allen übrigen seiner Mitgeschöpfe verbinden, den erschütternden Stoss nicht aufhalten, den seine Handlungen der ganzen Masse mittheilen. Sein Wirkungskreis ist, wie er sich auch dagegen sträuben möge, unendlich, und sollte auch der thätige Einfluss seines Daseyns endlich eben so verschwinden, als der geworfene Stein nur auf eine gewisse Weite hin sichtbare Kreise im Wasser bildet, so kann er doch diese Weite niemals berechnen, und muss sie, um sich nicht auf eine gefahrvolle Weise zu irren, lieber zu gross als zu klein annehmen. Es bleibt ihm daher nichts anders übrig, als die Form seiner Vernunft auch an diesem Stoff zu versuchen. Als Betrachter muss er entweder gerade den schönsten und anziehendsten Gegenstand seines Nachdenkens aufgeben, oder zur blossen Befriedigung einer spielenden Neugier herabwürdigen, oder auf Gesetze sinnen, deren leitende Hand ihn durch diess Labyrinth verwickelter Ereignisse führe. Als handelnder Theilnehmer muss er entweder alle seine Handlungen in Rücksicht auf diesen höchsten Gesichtspunkt, ihren Einfluss auf das Ganze der Menschheit, dem blossen Zufall überlassen, oder annehmen, dass es auch hier ein festes Ziel und einen bestimmten Weg, es zu verfolgen, gebe, dass die ganze Menschheit diesen Einen Gang nehmen, und er seine Thätigkeit demselben anpassen müsse.

Betrachtung und Nachdenken sind mehr ein Vorrecht, als eine Verpflichtung des Menschen; aber zu handeln kann er nicht unterlassen, selbst wenn es ihm einfallen könnte, es zu wollen. Daher ist die letztere Rücksicht bei weitem wichtiger, als die erstere. Ob wir in der uns bis jetzt bekannten Geschichte Zusammenhang und Ordnung finden, oder nicht? kann uns nur für unsre Erkenntniss interessiren. Ja, es würde sogar der Untersuchung schaden, schon im Voraus dem Resultat eine grössere und mehr unmittelbare Wichtigkeit beizulegen. Aber dass wir in unsern Handlungen dem Zufalle keinen Raum verstatten, darauf beruht unsre Sittlichkeit und Menschlichkeit selbst, und hier dürfen wir daher weder müssig noch gleichgültig seyn. Auch braucht die Vernunft hier nicht erst die Erfahrung um Rath zu fragen. Wo sie Grundsätze für unsre Handlungen aufstellt, hängt sie von niemand, als von sich selbst ab. Mag immerhin in den sechstausend Jahren, von denen wir Nachrichten übrig haben, nicht der mindeste Zusammenhang in den Begebenheiten zu entdecken seyn; vielleicht waren nur die Bemühungen der bisherigen Generationen vergeblich, vielleicht sind erst wir bestimmt durch ein regelmässigeres Zusammenwirken eine sichtbarere Ordnung (denn eine versteckte, von höheren Absichten geleitete war gewiss auch bis jetzt schon da) neu hervorzubringen. Allein die Hofnung, die Mannigfaltigkeit menschlicher Bemühungen zu einem Ganzen zu vereinigen, wird sogar durch andere wichtige und nahliegende Gründe unterstützt, und dieser Punkt ist zu wesentlich, um nicht länger bei ihm zu verweilen, und auch diese noch zu berühren.

Den menschlichen Kräften ist es vorzugsweise eigen, ein- ander entgegenzuarbeiten, und gemeinschaftlich zu unterstützen, in Vereinigung mit andern, gleichen oder verschiedenen, mehr Thätigkeit und Stärke zu gewinnen, und diese Wirksamkeit nicht bloss in einem eng beschränkten Kreise, sondern auf weite Entfernungen und in späte Jahrhunderte hin auszuüben. Verschieden in ihren Anlagen und Fähigkeiten, theilen alle Menschen das gleiche Interesse mit einander, und verfolgen dasselbe Ziel; nichts ist daher so wichtig, als ein zweckmässiges, vernünftig geleitetes Zusammenwirken aller ihrer Bestrebungen. Nur dadurch wird es unserm Geschlechte möglich von Stufe zu Stufe der Kultur fortzuschreiten, und wollten wir auch unsre Aufmerksamkeit bloss auf die Ausbildung der Einzelnen richten, so hängt auch diese zugleich davon ab. Denn nur durch das Entgegenwirken fremder Kräfte kann der Wachsthum der eignen gedeihen, und nur an der Stelle, die ihm seine eigenthümlichen Anlagen anweisen, kann jeder mit wohlthätigem Fortgange thätig seyn. Zwar sind nur Wenige bestimmt, auch noch der Nachwelt zu geben und Epoche in der Geschichte der Menschheit zu machen. Aber von der Vorwelt und Mitwelt empfangen, könnte doch wenigstens ein jeder, und auch der, welchem es nur gelingt, den Platz in seiner Zeit auszufüllen, die Bedürfnisse des Tages befriedigen zu helfen, und seine Genüsse zu theilen, sollte sich immer als ein thätiges und leidendes Glied in der ganzen Kette der Menschheit betrachten. Er sollte einen so weiten Kreis, als ihm seine Lage nur immer verstattet, umfassen, und zu durchschauen versuchen, und nach dem Bedürfnisse der Zeit und dem Maass seiner Kräfte den Standpunkt seiner Thätigkeit wählen. Liefe er alsdenn auch vielleicht Gefahr sich durch die Unermesslichkeit des Gegenstandes in seiner Berechnung getäuscht zu sehen, so wäre er doch wenigstens gewiss, den Foderungen seiner Vernunft Genüge geleistet, und an Menschenkenntniss für seinen Geist, an Planmässigkeit seiner Handlungsweise für seinen Charakter gewonnen zu haben.

Unläugbar trägt jede Epoche und in jeder einzelnen jede Classe des Menschengeschlechts einen eigenthümlichen Charakter an sich. Mit wieviel unbedeutenden und zufälligen Eigenschaften auch mehrere dieser Charaktere überladen seyn mögen, so giebt es doch gewiss nur sehr wenige, deren Verlust für die Kenntniss und Ausbildung des Menschen völlig unwichtig wäre, und die zu dem vollständigen Gemählde der Menschheit auch nicht Einen wesentlichen Zug hinzufügen sollten, der ohne ihr Daseyn unbekannt geblieben seyn würde. Vielmehr greifen viele auf eine so zweckmässige Weise in einander ein, dass sie bestimmt scheinen, nur mit einander ein vollständiges Ganzes zu bilden, und bei noch mehreren liesse sich eine solche Uebereinstimmung durch eine höhere und richtigere Ausbildung hervorbringen, oder befördern. Denn wenn diejenigen, welche das Schicksal auf denselben Schauplatz gestellt hat, immerfort durch strenge Entwicklung ihrer natürlichen Anlagen die Bestimmtheit des Charakters zu erhöhen, und durch allgemeine Ausbildung des Geistes die Einseitigkeit zu vermindern bemüht wären; so würde durchaus eine grössere und selbstständigere Uebereinstimmung der Richtungen die gemeinschaftliche Thätigkeit vermehren. Man darf nur einen Blick auf die vier kultivirtesten unter den Europäischen Nationen werfen, und man wird ohne Mühe bemerken, wie die Verschiedenheit der Englischen, Französischen, Italiänischen und Deutschen Literatur z. B. eine Mannigfaltigkeit von Formen in sich fasst, ohne die es nie möglich gewesen wäre, weder im Gebiete des Geschmacks noch der Philosophie so beträchtliche Fortschritte zu machen. Man wird sich hievon noch mehr überzeugen, wenn man hiemit auch den Einfluss der Alten vergleicht, welche durch die Achtung, die sie sich bei uns erworben, gleich einer lebenden Nation auf uns wirken. Und doch darf man nicht vergessen, dass alle diese Nationen nicht absichtlich, sondern nur zufällig, wie ihre Natur und ihre Lage sie veranlasste, einander in ihren Bemühungen unterstützten, und (was gerade die verderblichste von allen Methoden ist) eine die andere nachahmten, statt alle, nur auf verschiedenen Wegen, nach Einem gemeinschaftlichen Ziele zu streben.

Der Gedanke, dass nun auf eine ähnliche Weise alle diejenigen, welche eine entschiedene Eigenthümlichkeit auszeichnet, einander zu gemeinschaftlicher Wirksamkeit die Hände böten, dass die Vorzüge des einer die Mängel des andern ausfüllten, und dass mit Einem Wort alle einzelne Glieder des Menschengeschlechts in allen Zeiten und Nationen, in Einen grossen Bund vereinigt, die unendliche Mannigfaltigkeit menschlicher Züge, deren Verbindung in Einem Individuum unmöglich ist, gesellschaftlich darstellten, ist zwar allerdings unermesslich, aber er enthält an und für sich nichts Unmögliches, noch weniger etwas, das ihn, als ein leeres Hirngespinst, einer ernsthaften Betrachtung unwerth machte. Denn der Umfang von Eigenschaften und Abstufungen, welche der menschliche Charakter in sich begreift, ist zu weit, als dass je, auch die grösseste Menge der Individuen ihn zu erschöpfen im Stande wäre; und die Macht der Vernunft und des durch sie gebildeten Charakters über die äussere Lage ist, zwar nicht in einem einzelnen Falle, aber im Ganzen zu wirksam, als dass sie nicht nach und nach endlich immer ihren Endzweck erreichen sollte. Wie sehr auch irgend eine moralische Richtung, welche das Menschengeschlecht jetzt nähme, derselben widersprechen möchte, so ist kaum zu zweifeln, dass es nicht, wenn es nur anhaltend genug in derselben beharrte, zuletzt alle physische Hindernisse unfehlbar besiegen würde.

Es ist indess nicht nöthig, hier an die wirkliche Ausführung einer solchen planmässigen Erziehung des Menschengeschlechts zu denken; es kommt hier bloss darauf an, ob die Vernunft sich eine solche Ausbildung desselben, als eines Ganzen, zum Behuf einer leitenden Idee vorstellen soll oder nicht? und diese Frage muss unstreitig bejaht werden. Wenn die Vernunft jedem Einzelnen vorschreibt, sich zugleich durch Bestimmtheit und Vielseitigkeit des Charakters fähig zu machen, mit den Kräften, die zunächst mit ihm in Verbindung stehn, gemeinschaftlich thätig zu seyn, wenn sie die Kreise dieser Mitwirkung, je nachdem es die Fähigkeiten und die Umstände verstatten, nach und nach erweitert, so kann sie, ihrer Natur nach, nicht eher befriedigt seyn, als bis sie in dem letzten und grössesten die ganze Menschheit zusammenfasst. Sie folgt hiebei nicht bloss einem allgemeinen und unbestimmten Trieb nach Erweiterung, sie bedarf dieser Vollständigkeit zur Berichtigung und Feststellung ihrer Grundsätze selbst. Denn vermöge der Verbindung, in welcher alle Einrichtungen und Fortschritte des Menschen unter einander stehen, und vermöge der Einheit des Geistes, welcher alles, was menschlich genannt werden kann, beherrscht, macht z. B. die Beurtheilung der Staaten und ihrer Verfassungen, die Betrachtung ihrer noch grösseren Verhältnisse unter einander, und die Prüfung der Lage der Individuen die Untersuchung der Staaten u. s. f. nothwendig, und eben so lässt sich die Stelle, welche ein Zeitalter wirklich einnimmt, und die, welche es einnehmen sollte, nur durch die Vergleichung mit den vorhergehenden bestimmen. Um also die Grundsätze der allgemeinen und individuellen Charakterbildung bestimmt und vollständig aufzustellen, ist es nicht genug, bloss von dem einzelnen Menschen zu den grössesten Verbindungen derselben vorwärts, sondern gleich nothwendig von diesen zu jenem zurückzugehen. Der Charakter der Einzelnen bestimmt, was das Ganze vermag; aber der Zweck und die gemeinsame Thätigkeit des Ganzen weist hinwiederum den Einzelnen ihren Platz an.

Von der Zahl der Foderungen, welche die Vernunft an den moralischen Menschen macht, kann daher auch diejenige nicht ausgeschlossen werden, die Richtung seiner Thätigkeit dem Gange der ganzen Menschheit anzupassen, und nicht bloss ein Bürger seines Staats und seiner Zeit, sondern zugleich auch ein Bürger der Welt zu seyn.

Zwar hat man nicht selten gefunden, dass so weit umfassende und hohe Gesichtspunkte als dieser, wie sehr sie auch den Geist erweitern und die Gesinnung erheben mögen, dennoch gegen das wahrhaft Nothwendige und den nächsten Beruf kalt und gleichgültig machen, und die fruchtbarste und einfachste Lebensweisheit schränkt die Zahl unserer Pflichten nur auf einen engen und leicht übersehbaren Kreis ein. Aber jenes höchste Gebot der Vernunft verlangt nicht, dass der Mensch unmittelbar und mit eigentlich darauf gerichteter Absicht an einem Fortschreitungsplan seines ganzen Geschlechts wirklich arbeiten solle. Vielmehr würde ein so riesenhaftes Unternehmen, bei welchem kaum das letzte Ziel noch deutlich zu erkennen, viel weniger die Mittel mit Sicherheit zu berechnen wären, unfehlbar zu thöricht und vermessen scheinen müssen, um selbst in der edelsten und reinsten Begeisterung für Tugend und Menschenwohl nur einige Beschönigung zu finden. Nur unser Geist soll von dem erhabenen Gedanken eines allgemeinen Zusammenwirkens aller Wesen und Kräfte durchdrungen seyn, nur die leitenden Grundsätze unsers Verhaltens sollen wir, um der allgemeinsten Uebereinstimmung unter ihnen gewiss zu seyn, auch an diesem Probirstein prüfen, nur unsere Einbildungskraft mit diesen grossen Bildern begeisternd beschäftigen; dann aber bloss in dem beschränkten Wirkungskreise thätig seyn, welcher unsern Kräften gewachsen ist. Nie kann man die äussere Thätigkeit des Menschen genug in die Schranken des Nothwendigen zurückrufen, nie seinen Geist genug in das Gebiet der Unendlichkeit einladen. Wenn die Verbesserung unsers äusseren Zustandes mit den Erweiterungen unsers Geistes noch immer so ungleichen Schritt gehalten hat, so müssen wir vorzüglich den doppelten Fehler anklagen, dass man bald die unmittelbar praktische Thätigkeit, über die Gränzen der Ausführbarkeit hinaus, idealischen Mustern anzupassen, bald auch den kühnen Flug des Geistes in den engen Bezirk der Wirklichkeit einzuschliessen versucht hat. Nicht die schnellste, aber die sicherste und dauerhafteste Verbesserung fängt allein von der Ausbildung des Geistes an. Die Gestalt, welche derselbe, und durch ihn der ganze Charakter empfängt, theilt sich auf eine, in jedem Augenblick unmerkliche, aber im Ganzen entscheidend wirksame Weise den Handlungen und der äussern Thätigkeit mit, und ohne absichtlich und gewaltsam auf sie zu wirken, nimmt die Natur durch den leisen, aber unaufhörlichen Einfluss, den der Mensch auf sie ausübt, von selbst das Gepräge seiner innersten Eigenthümlichkeit an. Indem er sich umstimmt, beherrscht er auch sie, und die Macht, die er über sie besitzt, hängt von dem Charakter und der Consequenz ab, die er in seine eigene Handlungsweise zu bringen versteht.

Auch hier wird daher von dem Menschen nicht mehr gefodert, als dass er in seinem Geiste die Menschheit als ein Ganzes und sich als einen Theil desselben betrachte, dass er ihren Weg mit seinen Gedanken erspähe, dann aber seinen eignen schmalen Fusspfad gleich bescheiden, aber mit festeren und besser verstandenen Schritten wandle. Wie an dem Tage einer Schlacht jeder Einzelne die Entwürfe des Feldherrn zweckmässiger unterstützen wird, wenn er zugleich, ausser seiner eigenen Rolle, auch von dem Plane des Ganzen unterrichtet ist, eben so ist es auch hier mit der vereinten Wirksamkeit des ganzen Menschengeschlechts. Wie dort den strengen Befehl des Heerführers, so wird auch hier jeder nur dasjenige ausführen, wozu ihn sein innerer Trieb und die äussere Lage drängt, aber die Art, der Geist, in dem beide selbst diesen Punkt ihrer Wirksamkeit ausfüllen, wird verschieden seyn, wenn sie zugleich auch die Sphäre des Ganzen übersehen.

Der neuere Dichter, den sein eigenthümlicher Charakter auf einer den Alten, die wir als Muster anzusehen gewohnt sind, fremden Bahn, von der blossen Schilderung der Gegenstände abwärts, mehr auf die Würdigung und philosophische Betrachtung derselben führt, wird zwar diesem Hange mit der dem Genie eignen Sicherheit folgen. Allein in Stunden kälterer Ueberlegung wird er über eine Abweichung zweifelhaft werden, deren Grund er nicht vollkommen einsieht, diese Zweifel werden auch auf die Momente der Begeisterung wirken, und er wird Gefahr laufen, seinen Charakter aus Schüchternheit zu verlieren, oder aus trotziger Vermessenheit zu übertreiben, wenn er nicht seine Blicke zugleich auf den Gang der ganzen Dichtkunst richtet, die verschiedenen Eigenthümlichkeiten des Dichtergeistes vergleicht, und dadurch sich selbst seinen Platz anweist, und den Werth und die Grenzen seines Charakters bestimmt. Der gefühlvolle Kenner des Alterthums, der die harmonische Ausbildung aller Kräfte, die edle Freiheit der Gesinnungen, die Entfernung von allen niedrigen Beschäftigungen, den edlen Müssiggang und die hohe Schätzung des inneren Menschen unter den Griechen mit frohem Erstaunen bewundert, wird nicht ohne Schaam und Niedergeschlagenheit bemerken, dass unter uns fast jeder nur einzelne Anlagen einseitig entwickelt, dass die Freiheit des Geistes mancherlei Fesseln erduldet, dass eine mühselige Geschäftigkeit einen grossen Theil unsers Lebens hinwegnimmt, und die innere Ausbildung nicht selten der äussern Wirksamkeit nachgesetzt wird. Er wird in den Aufwallungen eines edlen Eifers diese Richtung unsers Zeitalters verdammen, und jene glücklichere Periode zurückwünschen. Untersucht er aber die stufenweise Entwicklung des menschlichen Geistes, von seinen ersten Fortschritten an, so wird er finden, dass der Mensch nothwendig immer von der Charaktereinheit, die nur der Einbildungskraft und der Empfindung angehört, durch die einseitige Entwicklung einzelner Kräfte zu der wahren Vollendung durch Vernunft vorzuschreiten vermag, und er wird nun den Nutzen, aber auch das Maass der scheinbaren Einseitigkeit kennen lernen, welche unserm Zeitalter so oft zum Vorwurf gemacht wird.

Wie in diesen wenigen Beispielen, eben so lässt sich die Eigenthümlichkeit einer jeden Kraftäusserung nur durch Vergleichung mit den übrigen derselben Gattung vollkommen durchschauen und bestimmen. Wer daher die ihm in der Welt angewiesene Sphäre mit der höchsten Richtigkeit und in der grössesten Ausdehnung kennen will, kann sich der mühevollen Arbeit nicht überheben, in den Charakter und die Bedürfnisse seiner Zeit und dadurch in die Geschichte des Menschengeschlechts überhaupt prüfend einzugehen.

Die Vernunft, haben wir gesehen, strebt überall den Zufall zu verbannen; am eifrigsten ist sie bemüht, demselben in dem Gebiet unsrer Handlungen keinen Einfluss zu verstatten, und um durch die völlige Unterwerfung dieser unter bestimmte Grundsätze strenge und durchgängige Sittlichkeit in uns hervorzubringen, giebt sie uns die Idee eines allgemeinen und planmässigen Zusammenwirkens der Menschheit, als eines Ganzen, zur Prüfung und Leitung auf. Die Hofnung, an der Ausführung dieser Idee mit Glücke zu arbeiten, wird durch die Betrachtung erhöht, wie leicht die menschlichen Kräfte sich gesellschaftlich zu unterstützen, und wie eng die einzeln mangelhaften Anlagen sich zu einem vollkommnen Ganzen zu verbinden fähig sind. Der Nachtheil aber, den die Unermesslichkeit dieses Ziels allerdings besorgen lässt, verschwindet bei einer richtigen Methode, die, ohne unmittelbare Anwendung zu verlangen, nur den Geist des Menschen auf diesen höchsten aller Standpunkte führt. Bis hieher hat uns das bisherige Raisonnement geleitet.

Soll aber der Mensch, dieser ihm von seiner Vernunft aufgegebenen Idee zufolge, mit seinem ganzen Geschlecht, auf einem sichern und wohlberechneten Wege, Einem Ziele zugehn, und die Kräfte, die vor ihm waren, oder noch neben ihm sind, nicht unbenutzt lassen, noch für die Bedürfnisse des Tages verschwenden, so muss er das Ziel im Auge haben, das er verfolgt, und den Ort kennen, auf dem er steht. Jenes ist einfach und immer dasselbe, und kann, da es das Werk einer Vernunftldee ist, nur aus dem Innern der menschlichen Natur geschöpft werden. Dieser begreift eine Menge von Gegenständen in sich, die einzeln untersucht und mit einander verglichen werden müssen, verändert sich mit den Fortschritten der Bildung und dem Laufe der Zeit, und kann aus keiner andern Quelle erkannt werden, als aus einer philosophisch angestellten und benutzten Erfahrung. Das Nachdenken über das letzte und entfernteste Ziel führt uns allemal auf die Untersuchung unsers gegenwärtigen Zustandes zurück. Denn da jenes allein in die höchste, bestimmteste und übereinstimmendste Ausbildung aller menschlichen Kräfte gesetzt werden kann; so verweist es unaufhörlich von der Gattung zu den Einzelnen, von demjenigen, was künftig geschehen soll, zu demjenigen zurück, was schon jetzt nothwendig ist. Jede Bemühung für die Fortschritte des Menschengeschlechts, die nicht von der Ausbildung der Individuen ausgienge, würde schlechthin fruchtlos und chimärisch seyn; wird hingegen für diese gesorgt, so erfolgt jener Einfluss auf das Ganze von selbst und ohne ausdrücklich darauf gerichtete Absicht. Damit aber der Einzelne seinen Charakter allgemein erweitere und individuell bestimme, (denn auf diese beiden höchsten Foderungen lassen sich zuletzt alle Gesetze der Charakterbildung zurückführen), muss er zuerst sich in dem vollsten Sinn des Ausdrucks kennen, und wegen der innigen Berührung, in der er mit allem steht, was ihn umgiebt, nicht bloss sich, sondern seine Mitbürger, seine Lage, sein Zeitalter. Auf diese Weise vereinfacht sich daher das Geschäft der Menschenbildung, auch in seiner weitesten Ausdehnung genommen, auf eine wunderbare Weise. Nur an uns selbst dürfen wir arbeiten, nur unsre gegenwärtige Lage kennen, und diese Kenntniss in uns fruchtbar werden lassen. Aber auf diesen letzten Punkt drängt sich nun auch die ganze Wichtigkeit und die ganze Hofnung des Gelingens der Unternehmung desto stärker zusammen. Nicht bloss der einzelne Mensch in seinem Privatleben, auch die ganze Menschheit in ihrem weiten und verwickelten Lauf muss von Zeit zu Zeit still stehen, und sich orientiren.

Das erste und nothwendigste Geschäft für alle, die sich zu so hohen Standpunkten zu erheben fähig sind, ist daher, ihr Zeitalter zugleich vollständig und genau, besonders aber in Vergleichung und im Zusammenhang mit den vorhergehenden zu studiren; das zweite, für jeden Einzelnen insbesondre den Platz aufzusuchen, auf welchem er in seinem Zeitalter steht. Das einzige Mittel, diesem Endzweck näher zu kommen, und die erste Hand an einen so weit umfassenden Plan zu legen, ist ein Versuch einer Charakterisirung des Zeitalters, in welchem man lebt — einer Charakterisirung, welche zugleich die allgemeine Beschaffenheit desselben im Zusammenhange mit den vorhergegangenen Umständen schildert, und den verschiedenen Antheil der einzelnen Menschenklassen an derselben besonders vertheilt.

Die Nothwendigkeit einer philosophischen Charakterisirung unsers Zeitalters ist hier an die Verbindlichkeit angeknüpft worden, die uns die Vernunft auflegt, unsre Thätigkeit mit der Thätigkeit unsrer Zeitgenossen planmässig zu verbinden, und einem gemeinschaftlichen Ziele entgegerzurichten. Unter allen Rücksichten, die hier genommen werden konnten, ist diese unstreitig die weiteste und höchste; aber nicht immer ist es gut von den höchsten Standpunkten auszugehen, und am wenigsten empfiehlt sich diese Methode den meisten unter den Lesern. Ueberall ist es zweckmässiger, nur den nächsten zu wählen, und im müssigen Raisonnement, wie im handelnden Leben erfährt derjenige gerechten Tadel, der mehr leistet, als seine jedesmalige Absicht erfodert. Hier aber kam es darauf an, durch den Zweck dieser Charakterisirung zugleich ihre Beschaffenheit zu bestimmen, und darum war es nicht möglich, einen kürzeren oder leichteren Gang zu nehmen. An sich liesse sich eine solche Charakterisirung auf sehr verschiedene Weise und zu mannigfaltigen Zwecken anstellen. Soll sie aber, wie hier, dazu dienen, der Thätigkeit des Menschen ihre Richtung zu geben, und ihm zu zeigen, was er noch an sich und seiner Lage zu verändern und zu ergänzen hat, so erfodert sie eine völlig eigenthümliche Behandlung, und wie wir gleich in der Folge näher sehen werden, eine solche Methode, welche den vorhandenen Zustand immer nur in Rücksicht auf die Möglichkeit einer fernem Entwicklung zu einer höhern Vollkommenheit betrachtet, und um diess überzeugender darzuthun, war es nothwendig, auch den blossen Gedanken eines solchen Unternehmens durch seinen praktischen Nutzen einzuführen.

Verlässt man indess diess strengere Raisonnement, so bedarf es kaum einer Erinnerung, wie viele reizende Seiten eine Charakterisirung des Zeitalters der ernsten Betrachtung, wie der spielenden Neugier darbietet. Eine so grosse Mannigfaltigkeit von Gegenständen aus wenigen gut gewählten Standpunkten zu übersehen, gewährt dem Geist den seltenen Genuss, zugleich durch den Reichthum und die Verschiedenheit des Einzelnen die Sinne und die Einbildungskraft, und durch die Einheit der Anordnung und die Zweckmässigkeit der Verbindungen die höheren Foderungen der Vernunft befriedigt zu sehen. Der Mensch erscheint auf diesem Schauplatz in seiner schönsten und erhabensten Gestalt. Die Flecken, die das Individuum entstellen, verschwinden; er ist mit der Stärke aller vereinten Kräfte seiner Gattung ausgerüstet, und da sein Bild nicht todt und einzeln aus dem Zusammenhang des Ganzen herausgerissen, da er hervorgehend aus der Vergangenheit und fortschreitend in die Zukunft dargestellt wird, so verlieren sich die Schranken seines Wesens in einer unendlichen Ferne. In dem allgemeinen Bilde sucht jeder die Stellung auf, die er und seine einzelne Beschäftigung zum Ganzen hat, und den Antheil, den auch er an den Fortschritten desselben nimmt, und jemehr die Zweige der Erkenntniss und der Beschäftigungen des Lebens einzeln vertheilt sind, desto nothwendiger wird es, ihre gegenseitigen Verhältnisse aufzusuchen, und Verbindungen unter ihnen zu knüpfen. Gewiss aber ist die Menge der Gegenstände jetzt mannigfaltig genug, um einen solchen Versuch reizend und anziehend, hoffentlich auch die philosophische Einsicht gründlich und tief genug, um ihn möglich zu machen. Vorzüglich aber ist die Vergleichung mehrerer Zeitalter untereinander ein anziehender Stoff zur Betrachtung. Denn schon die gemeinste Erfahrung lehrt, dass auch das gesellschaftliche Gespräch über Verfassungen, Literatur und Sitten immer unvermerkt auf die Gegeneinanderstellung unsrer und der vorigen Zeiten zurückkommt.

So wichtig und anziehend ist die Aufgabe, sein Zeitalter historisch zu schildern, und philosophisch zu würdigen. Aber es würde vermessen seyn, sich an die Auflösung einer solchen Aufgabe zu wagen, ohne vorher die Foderungen, welche sie an den Forscher macht, und die Hindernisse, die ihm auf seinem Wege begegnen müssen, einer strengen Prüfung zu unterwerfen. Diese also vorzunehmen, und so nur vorläufig einige Bahn zu brechen, sind die nachfolgenden Untersuchungen bestimmt.

II. Nothwendigkeit und Zweckmässigkeit einer Charakteristik des achtzehnten Jahrhunderts insbesondre.

Das achtzehnte Jahrhundert begünstigt, theils durch seine eigenthümliche Beschaffenheit an sich, theils durch seine relative Lage gegen die übrigen Zeitalter der Menschheit, den Versuch, den Charakter desselben zu erforschen und zu beurtheilen. — Auch fodert der Zweck des im vorigen Abschnitt geschilderten Unternehmens, dass, ausser dem eigentlichen heutigen Zustande der Menschheit, die Charakteristik des ganzen gegenwärtigen Jahrhunderts geliefert werde — und diese ist es also eigentlich, welcher diese Bogen zur Einleitung dienen sollen. — Plan der folgenden Untersuchungen.

Um die Eigenthümlichkeiten eines Zeitalters zu schildern, muss man es mit andern, vor ihm vorhergegangnen vergleichen. Ehe man bestimmen kann, bis an welches Ziel eine gewisse Periode den Menschen geführt hat, muss schon vorher bestimmt seyn, auf welcher Stufe sie ihn bei ihrem Anfange fand. Ein Zeitalter sollte daher dem andern als ein Vermächtniss die Resultate desjenigen aufgezeichnet hinterlassen, was es für die Mensch- heit gethan, und was es nicht zu leisten vermocht hätte; und nur unter der Bedingung einer solchen fortwährend gegebenen Rechenschaft liesse sich eine vollständige vergleichende Würdigung der Fortschritte aller Generationen denken. Aber die Natur der Sache verbietet von selbst so ausserordentliche Foderungen; nicht einmal von dem letztverflossenen Jahrhundert lässt sich ein Versuch aufweisen, der auch nur in Rücksicht auf seinen Umfang hier zu einer allgemeinen Grundlage dienen könnte. Desto mehr aber findet man durch alle Denkmäler der Geschichte und Literatur hindurch zerstreute Materialien, und sogar die Art, wie jedes Zeitalter sich selbst betrachtete, lässt sich zur Genüge beurtheilen. Denn in allen Dichtern, Geschichtschreibern und Philosophen, von Homer und Herodot an, herrscht ein beständiges Streben, die Vorzeit mit der Gegenwart zu vergleichen, und aus beiden die Zukunft zu errathen.

Es fehlt daher nicht an einem hinlänglichen Vorrath bis auf einen gewissen Grad verarbeiteter Thatsachen, um die mannigfaltigen Charakterzüge der Menschheit aufzufinden, und in Ein Bild zu vereinigen; und je mehr vorzüglich diess letztere Geschäft bisher versäumt worden ist, desto höher steigt die Nothwendigkeit, es jetzt vorzunehmen. Es muss endlich zu irgend einer Zeit ein Anfang gemacht werden, und eine kurze Betrachtung wird zeigen, dass die gegenwärtige dazu sogar vorzugsweise geschickt ist.

Zwar scheint die Menge der Begebenheiten und die Grösse des Zeitraums, der übersehen werden muss, auf den ersten Anblick auch den kühneren Muth zurückzuschrecken. Denn weil vielleicht kein andres Jahrhundert so sehr, als das unsrige, durch den Einfluss aller vorhergehenden gebildet ist, da nicht leicht in irgend einem andern eine gleich geschäftige Wissbegierde so weit umherschweifte, noch eine gleich bildsame Bestimmbarkeit die Möglichkeit so verschiedener Einwirkungen verstattete; so kann der gegenwärtige Zustand der Menschheit nicht einzig und allein aus dem Studium der nächst vorhergegangenen Zeit geschöpft werden. Auch ihre vorige Lage bedarf erst einer neuen Untersuchung, und so muss der Lauf der Geschichte weiter hinauf verfolgt „der Lauf der Geschichte weiter hinauf verfolgt“ verbessert aus „die Geschichte aller Jahrhunderte zu Hülfe gerufen“. werden. Allein gerade dieser Umstand führt auch ein Erleichterungsmittel herbei, da mit der Grösse der Masse der Gegen- stände auch die Möglichkeit wächst, Regelmässigkeit in ihnen zu entdecken und den Anschein des Zufälligen zu verbannen. Aehnliche Kräfte haben nur einen bestimmten Kreis ihrer Wirkungen, ähnliche Triebe nur eine gewisse Zahl ihrer Richtungen, und die Sphäre, die alle einzelne Verschiedenheiten umfasst, entdeckt sich dem Blick mit geringerer Mühe, sobald die Menge der gegebenen Fälle so gross ist, dass die Abweichungen von der Regel auf der einen Seite durch gleich viele auf der andern aufgehoben werden. Je ausgebreiteter die Beobachtung ist, desto sichrer ruht das auf sie gegründete Raisonnement, und wenn die Geschichte ihre Grenzen nicht verkennen, und nicht, wie jetzt gemeinhin geschieht, bald in das Feld der Philosophie, bald in das der Dichtung hinausschweifen wollte, so sollte sie sich einzig begnügen, durch die Erweiterung und kritische Läuterung des Gebiets der Erfahrung der philosophischen Theorie der Menschen-Beurtheilung und Bildung den Grund vorzubereiten. Was daher dem Versuche einer Schilderung unsers Jahrhunderts entgegenzustehen schien, dass die Beschaffenheit desselben zugleich aus allen vorigen geschöpft werden muss, erschwert zwar auf der einen Seite die Arbeit, verbürgt aber auf der andern desto gewisser das Gelingen derselben.

Allein nicht bloss, dass das achtzehnte Jahrhundert (denn auf diesen ganzen Zeitraum müssen wir unsere Schilderung ausdehnen, wenn wir uns nicht der Gefahr aussetzen wollen, auf eine zu kleine Masse der Thatsachen ein einseitiges Raisonnement zu gründen) ein spätes, und mit allen Perioden der Vorzeit in Verbindung stehendes Jahrhundert ist: so trägt es auch ausserdem Eigenthümlichkeiten an sich, die dem gegenwärtigen Zweck noch besonders günstig sind. Ohne hier der Vorzüge zu erwähnen, die man ihm nur zu oft und vielleicht mit zu freigebiger Hand zuzutheilen pflegt, ohne der fortschreitenden Erweiterung der Wissenschaften, und der philosophischen Richtung des Geistes zu gedenken, wollen wir nur an zwei Umstände erinnern, welche hier vorzüglich erwogen zu werden verdienen.

Erstlich: unser Zeitalter scheint uns aus einer Periode, die eben vorübergeht, in eine neue nicht wenig verschiedene überzuführen.

Der Schluss eines Jahrhunderts ist schon an sich ein so sinnlicher Abschnitt in den Begebenheiten des Menschengeschlechts, dass er von selbst die Betrachtung zu verweilen einladet; aber für uns scheinen noch wesentlichere Verschiedenheiten und Ereig- nisse diese Epoche zu bezeichnen. Nach „bezeichnen“ gestrichen: „Mit schnellen und unaufhaltsamen Schritten haben sich unter unsern Augen selbst in unsern Sitten, unsrer Literatur, und sogar in demjenigen, was am wenigsten der leichtsinnigen Willkühr eines grübelnden Scharfsinns unterworfen seyn sollte, in unsern Verfassungen grosse und merkwürdige Veränderungen zugetragen.“ Zwar ist eine ähnliche Ueberzeugung wohl jedem Zeitalter eigen, jedes glaubt sich durch wichtige Eigenthümlichkeiten vor den vorherigen auszuzeichnen, und wähnt, mit sich eine neue Reihe der Dinge anfangen zu sehen. Besonders ist diess alsdenn der Fall, wenn irgend eine ungewöhnliche und merkwürdige Begebenheit, deren Folgen noch die Zukunft verbirgt, die Aufmerksamkeit an sich zieht. Aus dem Zusammenhange herausgerissen, erscheint alsdenn dieser einzelne Gegenstand in einer vergrösserten Gestalt, wir messen nach demselben Maassstab auch seine künftigen Wirkungen, und vergessen, dass die Zeit das Grosse wie das Kleine in Einem Strome hinwegrafft, und das ewige Entgegenstreben der übrigen Kräfte die Summe aller Ereignisse in Eine im Ganzen völlig gleichförmige Masse verwandelt, in welcher nichts Einzelnes zu sehr hervorragen darf. Aber es ist hier auch weder von einer gänzlichen, noch von einer plötzlichen Veränderung die Rede, am wenigsten von einer solchen, die sich durch äussere wichtige Erscheinungen ankündigt. Die philosophische Charakteristik der Zeiten verfolgt die stillen und wenig bemerkbaren Fortschritte und Richtungen des Geistes und der Gesinnungen, und für sie ist eine wesentliche Veränderung, die sie hier antrift, eine bei weitem wichtigere Epoche, als selbst die grösseste, folgenreichste und erschütterndste äussere Erscheinung, die im besten Fall (und der wohl nie ganz rein und ohne alle Beimischung fremder Ursachen Statt findet) nur Wirkung einer länger vorhergegangenen veränderten Geistesrichtung, meist aber die übereilte Frucht einer vorschnellen Weisheit, oder bloss physische Folge physischer Kräfte ist. Nach „ist“ gestrichen: „die demjenigen, welcher das Innere der Dinge durchschaut, gewiss unendlich wichtig seyn würde, aber für die beschränkte...“

Und eine solche Epoche nun, eine Veränderung in der Ansicht und der Würdigung der Dinge, in der Wahl der Gegenstände des Nachdenkens und der Untersuchung, in der Richtung des Geschmacks, und der Unterordnung der Empfindungen unter einander scheint unser Zeitalter zwar langsam aber mächtig vorzubereiten. Es würde schwer seyn, diese Behauptung, die hier mehr zur Prüfung hingeworfen, als eigentlich bewiesen werden soll, streng darzuthun, und schon jetzt die Gewissheit zu erzwingen, die erst aus der vollendeten Charakterschilderung unsrer Zeit hervorgehen kann; aber wer auch nur mit flüchtiger Aufmerksamkeit den heutigen Zustand der Dinge mit dem vor funfzehn bis zwanzig Jahren vergleicht, der wird nicht läugnen, dass eine grössere Ungleichheit darin, als in dem doppelt so langen Zeitraum am Anfange dieses Jahrhunderts herrscht. Nach herrscht gestrichen: Bis in den Ton unsrer Gesellschaften, und die unbedeutenden Abwechslungen der Mode hin kehrt dieselbe Erscheinung zurück, und man darf nicht weit um sich blicken, um die Aelteren über die Verderbniss der Zeit, die jede Regel scheut, klagen, die Jüngeren die vernünftige Freiheit loben zu sehen, die sich einem willkührlich aufgelegten Zwange entzieht. Die minder gebundne Freiheit der Meynungen hat nach und nach die vielfachen Fesseln der Form und Gewohnheit zu lösen angefangen, und die Dinge mehr in ihr einfaches und natürliches Licht gestellt. Ueberhaupt ist der ursprünglich in dem Menschen selbst gegründete Streit zwischen der Herrschaft der Form und der Freiheit der Natur (die indess freilich ebensowohl die gefährliche der Willkühr, als die wohlthätige der Vernunft umfasst) nie so anhaltend und lebhaft, und nie so sehr zum Nachtheil der ersteren, als unter unsern Augen geführt worden. Häusliche und bürgerliche Verfassungen werden nach und nach immer mehr einer raisonnirenden Prüfung unterworfen, der philosophische Gesichtspunkt, wie irgend eine Einrichtung am bessten von neuem getroffen würde, verdrängt, bald mit Recht, bald mit Unrecht, immer mehr den bloss rechtlichen, wie sie nach den Umständen ihrer Begründung betrachtet werden muss, und die moralische Würdigung der Dinge nimmt, wie oft sie sich auch hierin irren mag, das Ansehen an, mit Wegwerfung aller erdichteten, nur auf Meynung beruhenden Schätzung, bloss dem innern und wahren Werth ihren Beifall zu schenken. Eine gleiche Freiheit macht sich die Empfindung zu eigen, und entzieht sich ohne Mühe dem Zwange äussrer Verhältnisse, wenn sie dafür nur in sich an Tiefe und innrer Stärke gewinnt. An wohlthätigen und an verderblichen Folgen, an heilsamem Gebrauch und an gefährlichem Misbrauch sind überall diese Richtungen sichtbar, die den alltäglichen Stoff des Tadels und der Lobpreisungen unsers Zeitalters ausmachen. Der kalte und partheilose Beobachter freut sich des ernsthafteren Strebens nach Wahrheit und Natur, aber wenn er des heilsamen Einflusses gedenkt, den die Bande einer selbst ursprünglich leeren Form, des blossen Herkommens und der Gewohnheit ausüben, er des heilsamen .... ausüben verbessert aus: ihm seine Phantasie immer mehr und mehr der Bollwerke, welche Form, Herkommen und Gewohnheit bisher aufgeführt, zertrümmert zeigt. so erinnert er sich auch mit geheimem und ahndungsvollem Schauder, dass die edelsten Vorzüge des Menschen nie grössere Gefahr laufen, als wenn die Freiheit den kühnen Schritt wagt, sich mit Abschüttlung jedes Joches am höchsten und eigenmächtigsten emporzuschwingen.

dass die edelsten .... emporzuschwingen verbessert aus: der Worte des Dichters: Nimmer darf der Freie den Freien zum Führer sich nehmen, Nur was in ruhiger Form sicher und ewig besteht.

Das Zitat stammt aus Schillers Spaziergang Vers 187 in der ursprünglichen Fassung in den Horen; der Hexameter heißt dort: „Nimmer der Freie den Freien zum bildenden Führer sich nehmen.“

Und sollte man auch Mehreres unter dem bisher Angeführten für eine flüchtige und vorübergehende Erscheinung erklären, so ist dennoch wohl im Ganzen das Bestreben unläugbar, überall mehr und tiefern Gehalt hervorzubringen, den erborgten Schein zu verbannen, und den leeren zu erfüllen. Dieses Bestreben ist es, wodurch unsre wissenschaftlichen Fortschritte und unsre Werke des Geschmacks sich vor den früheren auszeichnen. In jenen bemerkt man mehr Gründlichkeit und Tiefe und einen gediegneren Gedankenreichthum; die Wahl der Beschäftigungen selbst fällt mehr auf diejenigen Zweige der Wissenschaft, die einen grösseren und wesentlicheren Gegenstand haben, indess andre, grösstentheils oder ganz formelle mehr und mehr von ihrem Ansehn herabsinken. Diese empfinden den Einfluss derselben Richtung in gleich starkem Grade, obgleich schwerlich schon für jetzt mit gleich wohlthätigem Erfolge. Denn wenn auch der Begriff des Schönen richtiger und deutlicher bestimmt worden ist, und das Gefühl desselben an Stärke und Wahrheit gewonnen hat, so ist diess nicht ohne Aufopferung auf Seiten der Leichtigkeit und der bloss gefälligen Anmuth geschehen. Alles diess ist indess erst im Werden begriffen, der vorige Zustand und die neue Umbildung stehen noch im Kampf mit einander, und wenn der Sieg auch nicht zweifelhaft seyn sollte, so ist er wenigstens noch nicht entschieden.

Gerade darum aber ist eben diess der Zeitpunkt, in welchem sich die ganze Folge der Umänderung genau übersehen lässt. Nur derjenige, der zwischen zwei verschiedenen Epochen in der Mitte steht, ist ein durchaus gültiger Zeuge der Art ihres Uebergangs. Denn nur er kann sich von dem einseitigen Einflusse jeder vollkommen frei erhalten, dem derjenige, welcher nur Einer angehört, immer mehr oder weniger unterliegt.

Zweitens: das achtzehnte Jahrhundert nimmt in der Geschichte aller Zeiten den günstigsten Platz ein, seinen Charakter zu erforschen und zu würdigen. Denn in dem Griechischen Alterthum sieht es ein Ideal zur Vergleichung vor sich, und in dem Mittelalter findet es den Ursprung der meisten seiner Verfassungen, die es auf diesem Wege bis nah zu ihrer Entstehung hinauf verfolgen kann.

In der Reihe der Begebenheiten des Menschengeschlechts zeichnen sich vorzüglich drei merkwürdig von einander verschiedne Perioden aus: 1., das Griechische und Römische Alterthum; 2., der Zeitraum von dem Verfall des Geschmacks und der wissenschaftlichen Kultur bis zu dem volleren und dauerhafteren Aufblühen derselben, den man, weil er die Alten und die Neueren durch eine grosse Kluft von einander scheidet, die Werke der ersteren zerstörte, und die Fortschritte der letzteren vorbereitete, mit dem sehr schicklichen Namen des Mittelalters belegt, vom 4ten Jahrhundert n. Chr. bis in die Mitte des 16ten hin, da erst um diese Zeit die Folgen der um mehr als hundert Jahre früher geschehenen Wiederherstellung der Wissenschaften recht sichtbar zu werden anfiengen; 3., die Periode, die eine Frucht der vereinten Wirksamkeit der beiden vorigen ist, durch eine höhere und weiter verbreitete Geistesbildung, weisere und dauerhaftere Verfassungen, und eine grössere Zahl von Gegenständen der Thätigkeit und des Genusses bezeichnet wird, und die sich in dem achtzehnten Jahrhundert, als zu dem die beiden zunächst vorhergehenden eigentlich nur den Grund sicherten, am stärksten und eigenthümlichsten darstellt. Wir geniessen daher in unserm Standpunkte den grossen Vorzug, die beiden ersten Zeiträume, deren eigentliche Folgen und zweckmässiges Zusammenwirken erst der dritte recht anschaulich macht, ganz und vollständig zu übersehn, und auch in diesem letzten weit genug vorgerückt zu seyn, um über seinen Charakter nicht länger zweifelhaft bleiben zu können.

Die Griechische Vorwelt dient uns zu einem Ideal. Die Neueren bekommen durch den Einfluss der Alten einen wichtigen und eigenthümlichen Charakterzug mehr; sie sehen in ihnen ein Zeit- alter vor sich, dem sie an Fortschritten in allen Fächern der Erkenntniss, an Gründlichkeit und Tiefe des philosophischen Forschungsgeistes, an erfindungsreicher Gewandtheit und Klugheit in allen Geschäften, mit Einem Wort an vollendeter Reise, und in der Erwerbung und dem Besitz aller Güter und einzelnen Fähigkeiten, die das Leben reizend und anziehend machen, bei weitem überlegen sind, dem sie aber auf der andern Seite an Feinheit und Richtigkeit des Sinns, an Stärke und Feuer der Einbildungskraft, an Beweglichkeit und Lebhaftigkeit der Empfindung, an fruchtbarem Genie zur bildenden Kunst und zur Dichtung, an edler Freiheit der Gesinnungen, an schöner Einheit des Gemüths, kurz an einfacher Weisheit das Leben unmittelbar zu benutzen und zu geniessen so weit nachstehn, dass sie dadurch, da sie einmal auch diese Ansprüche nicht aufgeben können, zu einem unaufhörlichen Wettstreit aufgefodert werden. Dasjenige, was in beiden sich so mächtig entgegensetzt, ist so tief in der menschlichen Natur gegründet, dass es jeder, sobald er einen gewissen Grad der Ausbildung erreicht, auch in sich allein empfindet, es ist die Natur und die Freiheit selbst, die unmittelbare Nachahmung und die Anhänglichkeit an die erstere, und das Streben der letzteren eigne und vielfache Wege zu gehn. Die Empfindungen, mit welchen wir auf die Alten zurücksehen, sind denjenigen ähnlich, welche der Anblick der schönen Natur überhaupt, die Betrachtung des einfachen, zarten und vielumfassenden Charakters des andern Geschlechts, oder der aufblühenden Jugend in uns erweckt. Es ist eine vollendete Form, die sich uns zur Nachbildung darbietet, und wir empfinden es lebhaft, dass der Werth alles Gehalts, den wir zu erwerben oder besitzen vermöchten, nur auf der Möglichkeit beruht, ihn zu einer ähnlichen zu vereinen. Aber weder die Schönheit, noch die Wichtigkeit einer solchen Form fällt eher hinlänglich in die Augen, ehe nicht zugleich auch dasjenige vorhanden ist, was ihr gegenübersteht, ein grosser und mannigfaltiger Gehalt, und gerade darin, dass unser Zeitalter mit dem Besitze von diesem einen lebhaften Sinn für jene verbindet, besteht sein unläugbarer Vorzug. Daher war es auch nur ihm vorbehalten, die Griechischen und Römischen Muster zweckmässig zu studiren und wahrhaft zu benutzen. In den ersten Zeiten nach der Wiederherstellung der Wissenschaften, wo man noch so wenig vorgearbeitet fand, und Dürftigkeit an Materialien mit Mangel an Sinn für ein schönes und vollkommenes Ganze zusammentraf, griff man begierig nach den Werken der Alten, um aus ihnen Belehrungen über einzelne Gegenstände zu schöpfen. Späterhin hat man glücklicherweise diese undankbare Bahn verlassen, man hat gefühlt, dass die Alten nicht eigentlich bestimmt sind, belehrend, sondern begeisternd zu wirken; dass man in ihnen wenigstens nie hauptsächlich nach Aufklärungen über einzelne Theile der Wissenschaften, wohl aber nach Maximen für das Leben, nach Beispielen für die Gesinnung, nach Mustern für den Geschmack, nach stärkenden und erhebenden Bildern für die Phantasie zu suchen hat, und dass man ihre wissenschaftlichen Fortschritte, ihre Sprache, ihre Verfassungen und Sitten nicht gerade um dieser einzelnen Gegenstände selbst, sondern um des Charakters der Menschen willen, denen sie angehörten, studiren muss. Erst der letzteren Hälfte unsers Jahrhunderts sind diese Richtungen eigen, und also erst seitdem die Philologie diesen ihren höchsten Gesichtspunkt zu kennen angefangen hat, wirkt das Studium der Griechen und Römer reiner und zweckmässiger, die übermässige Bewunderung verschwindet ebenso, als die thörichte Geringschätzung, man fängt an, auch in andrer, als bloss künstlerischer Hinsicht, ein Griechisches Ideal zu fixiren, und diess lässt man in vollem Maass, aber auch nicht weiter als in dem Kreise gelten, in welchem die Alten überhaupt als Muster dienen können, und den man immer genauer zu bestimmen bemüht ist.

Wie die Griechen, ebenso sehen wir auch das Mittelalter erst jetzt aus dem richtigen Gesichtspunkte an. Nur erst seitdem das Chaos zufälliger Einrichtungen und Verbindungen sich zu planmässigen Verfassungen geordnet, und der Forschungsgeist an eine ächt pragmatische Behandlung der Geschichte gewöhnt hat, war es möglich die Wichtigkeit des Einflusses jener Jahrhunderte der Barbarei und Unwissenheit vollkommen richtig zu schätzen. Denn wenn die blühendste Periode Griechenlands und Roms zeigte, was der Mensch in seiner Freiheit vermag, so erblicken wir in dem Mittelalter die minder reizende und erhebende, aber dauerhaftere Macht der Verfassungen. Daher gingen die Werke der ersteren mit den Kräften unter, die sie hervorgebracht hatten, indess die des letzteren gewiss noch lange der Vergänglichkeit trotzen. Denn unaufhörlich empfinden wir im Laufe des täglichen Lebens die noch wirksamen physischen Folgen von Einrichtungen des Mittelalters, da der Grieche und Römer sich nur der minder sichtbaren, aber freilich schöneren und edleren Herrschaft über unsern Geist und unsre Empfindung erfreut. Wie die Begebenheiten des Menschengeschlechts jetzt vor uns da liegen, so verdanken wir alles, was wir sind, im Ganzen zwei Völkerstämmen: den Griechischen und den Germanischen. Beide haben der alten und der neuen Zeit das Gepräge ihrer Eigenthümlichkeit sichtbar ausgedrückt. Jene, phantasiereich, genievoll und heldenmüthig, haben der Bewunderung der Nachwelt Gesänge, Lehren und Thaten hinterlassen, aber sie waren nicht gemacht, um durch gleichförmige Beharrlichkeit dauerhafte Gebäude aufzuführen; die innere Kraft, die aus ihnen so mächtig hervorstrahlt, wirkt wieder nur auf die innere zurück. Diese legten durch ihren Muth und ihre Festigkeit, durch ihre weite Verbreitung ihre weite Verbreitung verbessert aus ihr ungebundnes Umherziehn. und ihre kühne Freiheitsliebe, und vorzüglich durch die beschränkte Gleichförmigkeit, die nur für Eine Lebensweise Sinn hatte, und ewig in Einer beharrte, den Grund zu der heutigen politischen Verfassung Europas. Da es ihren Sitten gemäss war, dass immer eine Menge kleiner Gemeinheiten in einem gewissen Grade gegenseitiger Abhängigkeit und Unabhängigkeit neben einander bestanden, so erhielt sich dadurch mehr Bewegung und Mannigfaltigkeit, und da das Schicksal mehr als vorher Begebenheiten herbeiführte, die auf einmal eine ganze Masse von Stämmen und Nationen erschütterten, so nahm der Verkehr unter den Menschen, und mit diesem die Menge der Bedürfnisse und der Befriedigungsmittel zu. So sind die Verhältnisse dauerhafter, und die Gegenstände des Besitzes zahlreicher und vielfacher geworden, und die mittlere Zeit hat einen eben so mächtigen und ausschliessenden Einfluss auf den äusseren Zustand, als die alte auf die innere Bildung der Menschheit ausgeübt.

Dass wir nun diesen doppelten Einfluss in zweckmässiger Entfernung ganz, und noch ausserdem seine ferneren Folgen in der neuern Zeit eine ziemliche Strecke weit vor Augen haben, diess setzt uns vorzugsweise in den Stand, uns selbst zu erforschen und zu würdigen. Denn wenn das Streben der Menschheit nach höherer Vollkommenheit nicht mislingen soll, so muss sie ihre Aufmerksamkeit immer zugleich auf den äussern Zustand und die innere Bildung richten. Die Art, wie beide theils einzeln bearbeitet, theils gemeinschaftlich in Berührung gebracht und einander untergeordnet werden, bestimmt, wie uns die Folge lehren wird, vorzüglich den Charakter und die Schätzung eines Zeitalters. Denn ohne durch jenen für die einfache Beharrlichkeit und Wahrheit, und durch diese für den Adel und die Grösse der menschlichen Natur zu sorgen, muss entweder ihr erhabenster Schwung ohne bleibende Früchte, oder ihre beharrlichste Gleichförmigkeit ohne innern und idealischen Werth seyn.

Wenn das allgemeine Bedürfniss einer Charakterschilderung der Zeit mit einer so günstigen Lage einer bestimmten Epoche zusammentrift, so darf die Ausführung nicht länger durch den Umstand zurückgehalten werden, dass eine solche Schilderung eigentlich kein Beispiel vor sich hat, und es daher an schon festgesetzten Resultaten fehlt, von denen man ausgehen könnte. Ohne dass das Gelingen des Unternehmens dadurch Gefahr leidet, wird nur die Schwierigkeit vermehrt, es zu vollenden. Denn freilich kann man sich hier nicht begnügen, bloss den heutigen augenblicklichen Zustand der Menschheit aus der ganzen Masse menschlicher Begebenheiten herzuleiten, man muss auch ausserdem den besondern Charakter des ganzen gegenwärtigen Jahrhunderts bestimmen. Zwar scheint diese letztere Arbeit vielleicht für die im vorigen Abschnitt bestimmte Absicht, uns auf dem Wege, den wir in den Fortschritten unsrer Entwicklung nehmen, zu orientiren, und uns unserm letzten Ziel in der kürzesten und geradesten Richtung zu nahen, überflüssig. Die Geschichte jedes Jahrhunderts zeigt eine Menge von Schritten auf, wozu entweder das Bedürfniss des Tages zwang, oder die eine irrige Berechnung anrieth, die ganz und gar vergeblich waren, oder wohl gar noch zurückgethan werden mussten; die leblosen Kräfte der Natur und die für uns gleich unverständlichen Fügungen des Schicksals führen Hindernisse herbei, die erst aus dem Wege geräumt werden müssen, ehe man weiter fortschreiten kann; die Zügellosigkeit der Leidenschaft verleitet zu planlosem Herumschweifen; eine grübelnde Vernunft verfehlt die gerade und natürliche Bahn; ja, wenn auch diess alles nicht wäre, so lässt die Anstrengung keiner Kraft sich gerade da einen Stillstand gebieten, wo sie den Gipsel ihrer Wirksamkeit erreicht hat, es muss ihr Zeit vergönnt werden, sich nach und nach wieder herabzustimmen, oder gar erst zu Extremen überzugehen. Alle Richtungen aber, die auf diese Weise genommen werden, führen wenigstens nur mittelbar zur Erreichung des eigentlichen Zwecks; sie sind Umschweife und Nebenwege, freilich nothwendig in dem einmaligen Zusammenhange der Dinge, und oft wohlthätig für die innre Uebung der Kräfte, aber immer die An- näherung zum letzten Ziele verzögernd. In der Würdigung des Ganges menschlicher Begebenheiten im Grossen scheint daher ihre Erwähnung überflüssig; nur was die Menschheit wahrhaft weiter geführt hat, ist baarer Gewinn, alles übrige gleicht einem blossen Gerüst, das nur den Anblick des Gebäudes erschwert, oder wohl gar gefährlicher Weise seine Höhe und seinen Umfang scheinbar vergrössert. Auch im Privatleben halten wir ja alle Bestrebungen für verloren, die nur mit Schwierigkeiten zu kämpfen, Hindernisse wegzuräumen, vorübergehende Bedürfnisse zu befriedigen dienen; nur diejenige Zeitanwendung, nur diejenige Kraftäusserung freut uns, durch welche wir uns unsrer wahren Vollendung in der That näher gerückt fühlen, und der ernsthafteste Kummer des denkenden Mannes ist der, zu sehen, wie wenige Zeit und Kraft diesem wahren Endzweck gewidmet wird, indess den ganzen grossen Ueberrest die blosse Erhaltung des Daseyns und der bestimmten Lage oder unglückliche Verirrung hinwegnimmt.

Fallen indess auch alle vergebliche Bemühungen dieser Art in der blossen Herzählung der wirklichen Fortschritte des menschlichen Geistes billig hinweg, und ist es gleich da nur nöthig, die einzelnen nach und nach erstiegenen Stufen zu bezeichnen, ohne der mancherlei mislungnen Versuche, der fruchtlos verschwendeten oder nur mittelbar wichtigen Bestrebungen zu erwähnen, so erfordert dennoch der gegenwärtige Endzweck eine grössere Ausführlichkeit, und sollte daher auch das achtzehnte Jahrhundert bei einer genaueren Untersuchung eine Menge von Thatsachen aufweisen, die nach einer strengen Berechnung dessen, was es für die Menschheit geleistet, nothwendig als Spreu ausgeworfen werden müssten, so muss dennoch hier die individuelle Geschichte der Zeit geschildert, oder doch wenigstens das Brauchbare von dem Unbrauchbaren mit grosser und gewissenhafter Vorsicht abgeschieden werden. Denn wäre auch irgend eine Begebenheit nicht auf die Folge und dauernd wirksam, so übt sie doch vielleicht noch in dem gegenwärtigen Augenblick einen entscheidenden Einfluss aus, und da die Kenntniss der Gegenwart hier zu künftiger Vervollkommnung benutzt werden soll; so ist es daher nicht genug bloss nach dem, was bis jetzt geschehen und unterlassen ist, dasjenige zu bestimmen, was ferner geschehen muss; es wird vielmehr ein tieferes und genaueres Studium selbst der zufälligen und augenblicklichen Richtungen des Geistes und des Charakters erfodert, um wenigstens mit einiger Wahrscheinlichkeit auch die Möglichkeit der Ausführung zu berechnen. Auch wächst die Wichtigkeit einer Begebenheit mit dem Grade der Nähe, in dem wir uns zu ihr befinden. Wie dürftig an merkwürdigen Folgen sie auch im Ganzen seyn möchte, sie ist immer wichtig, so lange ihre Wirksamkeit noch fortwährt. Solange ist auch ihr Einfluss nie mit Sicherheit zu berechnen. Wir wissen, dass die letztverflossenen Jahre, die wir so reich an merkwürdigen Begebenheiten sahen, die Saat zu der Ernte ausgestreut haben, die unsern Kindern und Enkeln einst reifen soll. Wer aber möchte es sich anmaassen, das unfruchtbare Saamenkorn von dem fruchtbaren zu unterscheiden? Der letzte und dem Betrachter nächste Zeitpunkt in der Geschichte sollte daher immer weniger raisonnirend, und mehr mit diplomatisch ängstlicher Genauigkeit historisch behandelt werden. Nicht dass der philosophische Untersuchungsgeist sich gänzlich gefangen geben, und unthätig die Aufschlüsse künftiger Erfahrung abwarten sollte; er muss vielmehr immer wachsam und thätig seyn, immer verbinden, schliessen, Gesetze aufstellen. Aber er muss auch den Boden kennen, den er betritt, sich hier mehr auf die Möglichkeit des Irrthums gefasst machen, und sich sorgfältiger durch genaue Aufbewahrung aller Thatsachen die Fähigkeit sichern, ihn künftig zu verbessern. In der älteren Geschichte müssen endlich Begebenheiten von Begebenheiten geschieden, die wichtigen mit dem Stempel der Unvergänglichkeit bezeichnet, die übrigen der Vergessenheit übergeben werden. Soll der Geist nicht einer unendlichen Masse von Gegenständen unterliegen, so muss er endlich einmal Resultate ziehn, sichten und aufräumen. In der neuesten hingegen kann er nie genug sammeln, nie sorgfältig genug aufbewahren. Denn hier kann er bloss zusammentragen, ordnen, vermuthen, das letzte und entscheidende Urtheil bleibt immer erst der Nachwelt anheimgestellt.

Die Charakteristik unsrer Zeit, die sich ohnehin sehr oft genöthigt sehn wird, ihre Aussprüche künftiger Prüfung hinzugeben, darf daher nur dasjenige gänzlich auswerfen, was offenbar auf gehört hat zu der Reihe der auf das Ganze bedeutend wirkenden Ursachen zu gehören, und kann aus diesem Grunde eine ausführliche Schilderung des ganzen achtzehnten Jahrhunderts keinesweges entbehren. Sie besteht vielmehr sogar überdiess in dieser Schilderung selbst. Denn die Geistesform, die Handlungsweise und die Sitten mehrerer Nationen zeigen nur in einer so langen Folge von Begebenheiten eine gewisse Gleichförmigkeit, dass die Dauer eines Jahrhunderts kaum noch Raum genug dazu darbietet. Soll also der im Vorigen aufgestellte Endzweck erreicht werden, so muss der Zustand der Menschheit beim Anfange dieses Jahrhunderts an der Hand der frühem Geschichte geschildert, darauf der Weg, den sie während des Laufes desselben genommen, gezeichnet, und endlich die Stufe bestimmt werden, auf der es sie wieder verlässt.

Diese Bogen haben, wie vorhin gesagt worden ist (I, 13.), nur die Absicht, die Erfordernisse und Schwierigkeiten einer Charakteristik der Zeit überhaupt auseinanderzusetzen. Ungeachtet dieser allgemeinen Beziehung aber schien es nicht unzweckmässig, zugleich kurz auf die Eigenthümlichkeiten des besondern Zeitraumes aufmerksam zu machen, dessen Schilderung sie als Einleitung vorauszugehn bestimmt sind, und auch in der Folge wird daher immer vorzugsweise auf dieselben Rücksicht genommen werden. In dieser nun zeigt der Gegenstand selbst ohne Mühe die Anordnung der einzelnen Theile, von welchen gehandelt werden muss. Es werden nemlich das Wesen und die Erfordernisse, die Schwierigkeiten, und der Plan und die Methode einer Charakteristik unsers Jahrhunderts nach einander geprüft werden müssen. In allen diesen drei Untersuchungen, vornemlich aber in der ersteren, wird es nicht füglich vermieden werden können, nicht zugleich einen beträchtlichen Theil der allgemeinen Theorie der Menschenkenntniss und Menschenbeurtheilung mitzunehmen. Da es indess ohnehin bisher an einer philosophischen Entwicklung der Grundsätze dieser Theorie zu mangeln scheint, so werden diese Abschweifungen vielleicht eher einige Entschuldigung verdienen, und wenigstens werden sie gewiss den Nutzen haben, dass die künftige Charakteristik selbst alsdenn weniger allgemeines Raisonnement wird einmischen dürfen, als sonst unfehlbar hätte geschehn müssen.

III.<note type="footnote" n="ix)" resp="gnd-116890657"> <p>Über diesen Abschnitt lautet <persName ref="gnd-118607626">Schiller</persName>s Urteil (vgl. oben S. 5 Anm. 1):</p> <quote> <p>zu S. 21 [43]. Die Nachahmungssucht ist eine zu permanente Erscheinung in dem <placeName ref="geo-2921044">Deutsch</placeName>en Charakter, um sich ganz in ein idealisches Streben nach Vielseitigkeit aufzulösen, und als Fehler bloss zufällig zu seyn. Der Grund davon mag grösstentheils in der politischen Verfassung liegen.</p> <p>In dem ganzen Abschnitt könnten die Materien zweckmässiger geordnet seyn. Der Leser übersieht den Gang nicht leicht genug. Es würde gut seyn ein recht genau specificirtes Schema zu machen, um nur über die Anordnung bestimmter urtheilen zu können.</p> <p>In Absicht des Stils bemerkte er noch, dass die so häufig beigebrachten Einschränkungen der allgemein ausgedrückten Sätze nicht gerade immer hinter den Sätzen, sondern da stehen sollten, wo der Leser ihrer bedarf. Früher sind sie überflüssig, und schaden, indem sie auf Seitenwege abführen.</p> </quote> </note> Wesen und Begriff der nothwendigen Charakteristik unsrer Zeit.

Diese Charakteristik ist bestimmt, die wirkliche Gegenwart nach einem Vernunftideal zu beurtheilen. — Begriff dieses Ideals. — Aus jener Bestimmung und diesem Begriff herfliessende Beschaffenheit derselben. Inwiefern sie historisch oder philosophisch? — speculativ oder praktisch ist?

Jede Art der Erkenntniss wirkt nur insofern auf unsre Bildung, als sie durch Annahme der Form unsers Geistes der Natur desselben ähnlich gemacht wird. Indem sie aber diese Umwandlung erfährt, ist es unvermeidlich, dass sie nicht zugleich an ihrer eigenthümlichen Beschaffenheit, von der sie nothwendig einen Theil aufopfern muss, also an objectiver Wahrheit leiden sollte. An dieser doppelten Klippe sehen wir insbesondre sehr häufig die Geschichte scheitern, die in den Händen ängstlicher und pedantischer Sammler zu einem unfruchtbaren Verzeichniss von Jahrzahlen und Namen herabsinkt, aber dagegen nicht selten an Treue und Genauigkeit verliert, wenn ein genievoller Bearbeiter sie durch eine pragmatische Behandlung in ein Ganzes für den Verstand, oder durch eine ästhetische in ein Ganzes für das Gefühl und die Einbildungskraft umzuschaffen versucht. Wer den nachtheiligen Einfluss dieses zwiefachen Fehlers, und in unsern Tagen besonders den des letztem gehörig beobachtet hat, der wird nicht ohne Grund von Mistrauen gegen das gegenwärtige Unternehmen erfüllt werden. Nach dem im Vorigen Gesagten wird es ihm nicht völlig klar seyn, ob er hier mehr eine historische oder philosophische Arbeit zu erwarten hat, er wird vielmehr nur zu leicht eine Vermischung beider besorgen müssen, die hier um so gefährlicher seyn würde, als es hier zuletzt auf die Feststellung von Grundsätzen, mithin auf eine praktische Absicht ankommt. Die Beurtheilung der Weltgeschichte nach allgemeinen Zwecken, so ein grosser und ächt philosophischer Gedanke sie ist, so ein grosser . . . . ist verbessert aus „ein grosser und des Kopfes würdiger Gedanke, der ihn zuerst unter uns einführte“. — Gemeint ist Kant. hat sich durch so viele misrathene Versuche von Bearbeitern, welche ebensowenig das Ansehen der Geschichte zu ehren, als die Tiefen der Philosophie zu ergründen verstanden, nicht wenig verdächtig gemacht, und man fürchtet daher vielleicht auch hier, die schöne Mannigfaltigkeit des wirklichen Lebens in der Einförmigkeit einiger wenigen Vernunftldeen untergehen zu sehn.

Aber der hier aufgestellte Zweck kann nur durch die gewissenhafteste Achtung gegen historische Wahrheit und durch eine solche Behandlung der Thatsachen erreicht werden, welche ihnen schlechterdings nichts von ihrer eigenthümlichen Gestalt entzieht. Unbekümmert um die Planmässigkeit, welche der bisherige Lauf der Begebenheiten zeigen oder nicht zeigen möchte, begnügt man sich hier bloss den gegenwärtigen Zustand der Dinge zu schildern, und die Arbeit, die insofern nur historisch ist, wird nun durch die Absicht philosophisch, in der wir sie unternehmen. Denn diese ist freilich nicht auf die Befriedigung einer blossen Wissbegierde, oder auf eine geordnete Zusammenstellung von Thatsachen zu künftigem etwannigen Gebrauche gerichtet, sondern auf eine zum Behuf grösserer Vervollkommnung angestellte Beurtheilung des gegenwärtigen individuellen Zustandes nach dem idealischen. Insofern ein einzelner Zustand, nicht eine Folge von Veränderungen, geprüft und beschrieben werden soll, gehört das Geschäft in das Gebiet der Statistik, allein freilich nicht nach derjenigen Behandlung dieser Wissenschaft, die jetzt üblich geworden ist. Was man jetzt unter diesem Namen begreift, und was in einer ermüdenden Menge einzelner zerstreuter Angaben über einige wenige Theile der Verfassung einer Nation, mit Uebergehung andrer bei weitem wichtigerer, besteht, ist nur sehr wenig im Stande, den gegen- wärtigen Zweck zu befördern. Verstände man hingegen unter der Statistik, wie man eigentlich sollte, die systematische Beschreibung der physischen Beschaffenheit, der politischen und häuslichen Verfassung, der Sitten und äussern Handlungsweise einer Nation, so hätte man alsdenn gerade alles dasjenige beisammen, was man hier an historischen Angaben braucht, und worauf nun mit Sicherheit gefusst werden könnte. Aus der äussern Beschaffenheit wäre alsdann nur der innere Charakter, aus der wirklichen Aeusserung der Kräfte der Umfang der möglichen Anlagen, aus dem gegenwärtigen Gange die nächste Richtung nach den blossen Erfahrungsgrundsätzen einer philosophischen Menschenkenntniss herzuleiten. Denn dass das Aeussere auf das Innere bezogen, dass aus dem, was der Mensch thut, dasjenige hergeleitet werde, was er ist, bleibt unumgänglich nothwendig, um ihn, der Hauptabsicht gemäss, nach einem Ideal zu beurtheilen.

Gerade aber diese Beurtheilung nach einem Ideal muss hier unfehlbar neue Besorgnisse wegen der natürlichen und unpartheiischen Anordnung und Deutung des historischen Stoffes erregen. Die Geschichte wird immer nicht rein, noch ihrem Wesen gemäss behandelt, sobald ihr ein andrer Zweck, als der ganz einfache, das Geschehene aufzustellen, untergeschoben wird, und es scheint einerlei, ob das Bestreben, planmässige Zweckmässigkeit in einer Reihe von Begebenheiten, oder dasjenige, Uebereinstimmung mit einem bestimmten Ideal in einem einzelnen Zustand zu finden, die leitende Idee sey. Die Vorstellung eines bestimmten Ziels muss, scheint es, nothwendig auch auf bestimmte Gesichtspunkte führen, und die Ansicht der Dinge von der Natur des Ideals abhängig machen, und da es unmöglich ist, diese Zweifel geradezu zurückzuweisen, so kann nur eine nähere Beleuchtung dessen, was wir hier als das Ideal ansehn müssen, vielleicht noch dieselben zerstreuen.

(muss deutlicher auseinandergesetzt werden)

Dasjenige, was uns bei der Bildung unsrer selbst und andrer die meisten Schwierigkeiten in den Weg legt, und den Grund der auffallendsten Verschiedenheit der Meynungen über sittliche Gegenstände enthält, ist die eigenthümliche Sinnes- und Handlungsart eines Menschen, die uns, da sie der Beurtheilung ihres Werths und ihrer Folgen einen sehr weiten Raum verstattet, in der Behandlung desselben schwankend und unschlüssig macht. Gewisse Aeusserungen, gewisse Seiten sind von der Art, dass sie uns keinen Augenblick zweifelhaft lassen. Wenn wir jemanden die Gesetze der Sittlichkeit übertreten, oder gegen die Richtigkeit der Begriffe auffallend anstossen, oder offenbar einen falschen Geschmack verrathen sehen, so sprechen wir ohne Anstand unser Verwerfungsurtheil aus, und arbeiten, soviel wir können, diesen Fehlern entgegen. Die Richtigkeit des moralischen Gefühls, des gesunden Verstandes und des Geschmacks erlassen wir schlechterdings niemanden, und sie ist die nothwendige Basis, auf welche sich unsre moralische Achtung immer zunächst gründen muss, und von wo aus erst sie sich weiter erheben kann. Ganz anders aber ist es mit Charakteren beschaffen, die zwar an sich sehr gut mit dieser Richtigkeit bestehen können, aber dennoch durch ihre ungewöhnliche Eigenthümlichkeit bei eingeschränkten, oder sehr entschieden anders gesinnten Menschen Besorgnisse vor Verirrungen erregen. Diese, die sich z. B. durch ein grosses Uebergewicht der Einbildungskraft, eine ungewöhnliche Reizbarkeit der Gefühle, eine heftige Lebhaftigkeit der Sinnlichkeit, oder auf der andern Seite durch einen Hang zu geistiger Schwärmerei, oder zu abgezognem Grübeln u. s. w. äussern können, erfahren nicht allein von verschiedenen, sondern auch von denselben Menschen eine sehr verschiedene Behandlung, und die Politik der liberaleren Erzieher, die aber doch nicht Fähigkeit genug besitzen, sich über den Werth und die Gränzen eines solchen Charakters bestimmt zu entscheiden, besteht nun einzig und allein darin, dem, was nach ihrem Sinn ein Extrem ist, vorzubeugen, daher bald nachzusehn, bald entgegenzuarbeiten, und dasjenige, was nun nach diesen Bemühungen noch übrig ist, theils als ein Mittel zu ihren übrigen Zwecken zu benutzen, theils als etwas, das sich nun einmal nicht mehr ausrotten lässt, zu toleriren. So unrichtig und unzusammenhängend nun diese Methode auch ist, bei der sich der Zögling nur darum noch leidlich wohl befindet, weil die Natur sich immer am Ende selbst durcharbeitet, so beweist doch diess Schwanken wenigstens soviel, dass selbst die eingeschränktere und peinlichere Beurtheilung dem Menschen nicht Ein Ideal aufzudrängen wagt, sondern ihm vielmehr, wenn nur gewisse unerlassliche Foderungen erfüllt sind, eine grosse Freiheit in der Annahme eines bestimmten Charakters erlaubt.

Und in der That würde es auch im entgegengesetzten Fall sehr schlimm um die Fortschritte unsrer Ausbildung aussehn. Sey es nun durch eine Verschiedenheit der ursprünglichen Anlagen oder der Umstände, in welche der Mensch zuerst versetzt wurde, so zeigen sehr viele Individuen (und bei einer gehörigen Erweckung und Anspannung der Kräfte würden es gewiss alle thun) einen eigenthümlichen, nur ihnen angehörenden Charakter. Dieser müsste entweder vernichtet, oder gegen einen andern vertauscht werden. Im ersteren Fall würden alle zu einer durchgängigen Mittelmässigkeit herabsinken, und da sie nicht mehr auf ihre Weise thätig seyn dürften, überhaupt aufhören, es zu seyn. Im letztem würde, wenn wir die günstigste Lage annehmen, dass ein ausserordentlich energischer Wille mit unermüdeter Beharrlichkeit durch eine fremde Natur die eigne zu verdrängen arbeitete, doch nur ein endloser Kampf entstehen, in dem der Wille vielleicht nie unterläge, der sich aber dennoch nie mit dem Erfolg eines gänzlichen Gelingens, und noch weniger des zu dem Gedeihen aller Kräfte so nöthigen frohen und heitern Muthes gekrönt sähe; ohne je dem Ziele beträchtlich näher zu rücken, würden alle Kräfte nur an der Besiegung von Hindernissen verschwendet, und nie ist es weise, sich selbst zu einem unnützen Kample herauszufodern, wie gross auch die darin bewiesene Stärke seyn möchte. Schreibt uns indess auch das Ideal menschlicher Vollkommenheit keine bestimmte Regel über die Annahme dieses oder jenes Charakters vor, wie es schon allein darum nicht kann, weil es einen so grossen Umsang mannigfaltiger Vorzüge umfassen muss, als niemals Ein Individuum auf einmal in ungetheilter Stärke, sondern immer nur mehrere gemeinschaftlich und theilweise darzustellen vermögen, so verlangt es doch ausdrücklich, dass wir irgend einen in entschiedener Bestimmtheit, und zwar denjenigen annehmen sollen, der in unsrer Natur ursprünglich angezeigt ist. Ein individueller Charakter entsteht durch nichts anders, als durch die Neigung aller unsrer Anlagen und Fähigkeiten nach Einem Punkt; und keine Kraft hat ein freies Spiel, als in ihrer natürlichen ungezwungenen Aeusserung. Ohne einen bestimmten Charakter also können wir uns keiner ungetheilten, ohne denjenigen, der uns ausschliessend eigenthümlich ist, keiner vollen und reinen Wirkung unsers Wesens erfreuen.

Sind wir aber einmal glücklich genug gewesen, diesen aufzufinden, oder da er nicht sowohl gesucht, als nur nicht verloren seyn will, uns nicht von ihm zu entfernen, so bleibt uns nichts weiter übrig, als mit Stätigkeit in demselben zu beharren. Diese Beharrlichkeit ist nicht allein dazu nothwendig, die schon einmal erlangten Vorzüge des Charakters zu erhalten, sondern sie dient auch zugleich zur Erhöhung derselben. Denn es ist unmöglich, dass irgend eine Eigenthümlichkeit, wenn sie eine lange Zeit hindurch auf demselben Wege fortgeht, nicht dasjenige, was entweder an sich nicht gut, oder ihr fremd ist, immer mehr von sich ausstossen, und sich so nach und nach immer mehr durch sich selbst reinigen sollte.

Alles was man daher, dem Studium des Ideals zufolge, von dem einzelnen Menschen fodern kann, besteht nur allgemein in einer mit möglichst grosser Stärke und Thätigkeit begabten Kraft, die in durchgängiger Richtigkeit, streng bewahrter Eigenthümlichkeit und stetiger Beharrlichkeit wirke. Jeder Charakter, der nach diesen Merkmalen die Prüfung besteht, kann sich zuversichtlich allen übrigen an die Seite stellen. Denn obgleich Unterschiede des innern Werths unter verschiednen Charakteren unläugbar sind, so ist es doch ein alltäglicher und nicht genug beachteter Fehler zu leicht einen gegen den andern zu verwerfen, oder mit ihm zu vertauschen, anstatt vielmenr den vorhandnen nur durch die gehörigen Mittel zu reinigen und zu stärken, wodurch wir den doppelten Vortheil einer natürlicheren Wahrheit für das Individuum und einer grösseren Mannigfaltigkeit für die Gesellschaft gewinnen würden. Wer den Begriff der Menschheit bis zum Ideale erhöht, ohne darum weder ihrer Freiheit noch ihrer Vielseitigkeit Schranken zu setzen, dem kann es nur auf die grösseste Summe der Stärke und der Thätigkeit ankommen, und er kann nichts anders von ihr verlangen, als dass sich die Kraft ihres Wesens weder durch Widerspruch mit sich selbst zerstöre, noch durch unstätes Uebergehn von einer Aeusserung zur andern zerstreue. Auch gegen sich selbst wird er daher mit schonender Achtung verfahren; er wird das üppigste Leben und die regeste Bewegung seiner Gedanken und Empfindungen mittelbar und unmittelbar durch ungebundne Freiheit und von allen Seiten her gesammelten Stoff auf alle Weise begünstigen; aber was in ihm aufkeimt, wird er nie versäumen, nach den ewigen Gesetzen des Guten, Wahren und Schönen zu richten, und selbst was vor diesem Richterstuhl besteht, wird er alsdenn noch seiner übrigen Eigenthümlichkeit in consequenter Stätigkeit anpassen. Durch ein genaues Studium seiner selbst, und durch die Schärfung seines Sinnes für jede Art der Eigenthümlichkeit wird er verhindern, dass nichts Disharmonisches und Unzusammenhängendes in ihm aufsteige, und sich die vollendete Einheit und Bestimmtheit der Charakterzüge verschaffen, in welcher sich das Schöne mit dem Interessanten verbindet, und die immer nur den höchsten Grad sittlicher Verfeinerung bezeichnet. Zu diesem Ziele gelangt man aber nur durch eine Methode, bei der die Freiheit der Neigung, die Stärke des Willens und die Schärfe der Beobachtung in gleichmässiger und gehöriger Vertheilung geschäftig sind; nur wenn wir uns selbst, und jede innere oder äussere Veränderung, die mit uns vorgeht, unaufhörlich mit prüfendem und richtendem Nachdenken verfolgen, alles in uns wissen und würdigen, aber nie anders an uns bilden oder handeln, als wenn wir durch dringende Nothwendigkeit dazu vermocht werden.

Was der einzelne Mensch für sich nicht vermag, das kann durch die Vereinigung aller gesellschaftlich bewirkt werden. Der Einzelne kann das Ideal menschlicher Vollkommenheit nur von Einer Seite, nur nach Maassgabe seiner Eigenthümlichkeit darstellen, aber durch die vergleichende Betrachtung vieler dieser einseitigen und verschiedenen Darstellungen nähern wir uns einer anschaulichen Vorstellung von der Vollständigkeit desselben, als eines Ganzen. Mannigfaltigkeit der Charaktere ist daher die erste Foderung, welche an die Menschheit ergeht, wenn wir sie uns als ein Ganzes zu höherer Vollkommenheit fortschreitend denken. Mannigfaltigkeit reizt die Kräfte zum Kampf und zum Wetteiser, hindert das verderbliche Stocken der Thätigkeit, das immer sehr leicht die Folge einer ermüdenden Gleichförmigkeit ist, und vermehrt unmittelbar und mittelbar, indem sie die äussern Verhältnisse selbst schwieriger und verwickelter macht, Bewegung und Leben. Ist sie noch ausserdem zugleich eine Mannigsaltigkeit vorzüglicher Fähigkeiten, und sind es, nach dem so eben näher bestimmten Begriff, idealisch gebildete Individuen, die sich einander in gegenseitiger Berührung begegnen, so erhöht sie nicht bloss die Stärke der Kraftäusserung, sondern auch ihre wohlthätige Zweckmässigkeit. Denn anstatt dass die contrastirenden Seiten sonst mit einander kämpfen, greifen sie vielmehr hier in einander ein, und die Verschiedenheit, die sonst nur trennt und zerstört, verbindet hier mehrere für sich mangelhafte Theile zu einem vollkommenen Ganzen. Sehr häufig dürfen wir zwar dieses Ganze nur in dem Geiste des Beobachters aufsuchen, der die einzelnen einseitigen Extreme in seiner Betrachtung vergleichend verknüpft; aber man braucht nur mehrere und oft auf diese Betrachtung zurückzuführen, und sie wird sich gewiss auch praktisch nützlich erweisen.

Zu dieser nun giebt kein andres Land einen so reichlichen Stoff her, als das heutige Europa. In keinem andern Welttheil und zu keiner andern Zeit haben so viele und verschiedene Stämme und Nationen in so naher Berührung mit einander gestanden, ein Vortheil, den wir der vereinten Wirkung der schon sonst in dieser Rücksicht bemerkten, überall eingeschnittenen busenreichen geographischen Lage unsers Welttheils (vorzüglich in seinem vordersten kultivirtesten Theile), die eine so grosse Küstenfläche darbietet, seiner politischen Verfassung und der seit einigen Jahrhunderten durch Handel, Wissenschaften und Künste bewirkten Verbindung schuldig sind. Da die Hauptnationen sich dennoch in abgesonderter Eigenthümlichkeit ausbilden, so verrathen sie auffallende Verschiedenheiten, die aber der Geist des Beobachters zu einem Ganzen verknüpfen kann. So macht z. B. der heitre Frohsinn des Französischen Charakters, welcher den dichterischen Werken dieser Nation anziehenden Reiz und leichte Zierlichkeit, so wie ihrem Umgange gefällige Anmuth leiht, selbst dem streng wissenschaftlichen Vortrag fruchtbaren Eingang verschaft, und alle Verhältnisse des Lebens ihrer drückenden Schwere beraubt, aber auch Gefahr läuft den Geist zu oberflächlicher Seichtigkeit und die Gesinnungen zu frevelndem Leichtsinn zu verführen, einen scharfen Gegensatz gegen den nachdenkenden Ernst des Englischen, der sich in dem Gebiet des Geschmacks bis zur höchsten Schönheit emporschwingt, in den Wissenschaften die letzten Tiefen ergründet, und im handelnden Leben mit männlicher Würde unverrückt festen Grundsätzen folgt, aber auch leicht in schwärmerische Schwermuth, leere Feierlichkeit und zurückstossende Kälte ausartet. Beide aber zusammengenommen zeigen den Grad ernster Würde und gefälliger Leichtigkeit, die in dem idealischen Menschen immer zugleich mit einander gemischt seyn sollten. So macht z. B. . . . . sollten verbessert aus: So macht z. B. die Geneigtheit des Deutschen, sich der Individualität aller fremden Nationen, selbst mit Verläugnung der eignen, zu nähern, einen scharfen Gegensatz gegen die Hartnäckigkeit des Engländers, der auch nicht einmal die Zufälligkeiten der seinigen aufzuopfern bereit ist. Beide aber zusammengenommen zeigen den Grad der Stätigkeit und Biegsamkeit, die in dem idealischen Menschen gemischt seyn sollten. Durch wissenschaftliche Ausbildung und gesellschaftliche Verfeinerung schleifen sich diese contrastirenden Verschiedenheiten indess auch in der Wirklichkeit nach und nach ab, und in den gebildetsten Cirkeln Europens offenbart sich daher eine Gleichförmigkeit, durch welche die eingeschränkten und unthätigen Köpfe freilich ihr Unvermögen, irgend einen bestimmten Charakter anzunehmen, aber die guten und energischen ihr seltnes Talent, jede Eigenthümlichkeit für ihre Bildung zu benutzen, verrathen. Eine solche auf Erfahrung und Weltkenntniss gegründete vielseitige Cultur findet sich jedoch, wie manNach man gestrichen: wenn man dem Zeitalter nicht unverdiente Lobsprüche beilegen. sich billigerweise nicht verläugnen darf, immer noch zu ausschliessend allein in der äussern Verfeinerung der Sitten, höchst selten hingegen in der innern Geistesform, und dem eigentlichen Charakter, daher auch die Schriftsteller aller Nationen noch immer zu sehr entweder eine einseitige Originalität, oder eine zweckwidrige Nachahmung irgend einer einzelnen fremden Manier an sich tragen. Je mehr die ächte Ausbildung zunimmt, desto mehr hören die Contraste der verschiedenen Individualitäten auf, mit einander in Streit zu stehen, und daher ist unter den minder ausgebildeten Classen einer Nation die Abneigung ebensogross, als unter den feineren die Neigung, aus ihrem Kreise herauszugehn, und sich mit andern Nationen zu vermischen.

Es bedarf also nur einer hinlänglichen Freiheit, die ungebundne Entwicklung der Eigenthümlichkeit zu begünstigen, und der nothwendigen Strenge, um dieselbe nicht über die allgemeinen Gesetze des Rechts und der Sittlichkeit, von deren Herrschaft keine Individualität irgend einer Art sich loszusprechen vermag, hinausschweifen zu lassen, um ein vollkommnes Ganze zu bilden, in welchem eine reiche Mannigfaltigkeit sich zu schöner Einheit zusammenschliesst. Denn wenn die idealische Ausbildung des einzelnen Menschen einzig und allein auf der reinen und strengen Entwicklung der innern Eigenthümlichkeit beruht, so hängt die idealische Vollkommenheit des Ganzen nur von dem stärksten und thätigsten Zusammenwirken der grössesten Menge solcher Individuen ab, und alle Foderungen, welche der philosophische Beurtheiler an sein Zeitalter machen kann, vereinigen sich allein in dem Grade der Ausbildung der Einzelnen, der nahen Verbindung aller mit allen, und der Zweckmässigkeit der Stellung eines jeden an dem Platze, von welchem aus er auf sich und auf andre am wohlthätigsten wirken kann. So weist uns demnach die Vorstellung des Ideals überall zu der Aufsuchung der ursprünglichen Eigenthümlichkeit, und der vollkommenere Zustand, den wir hervorzubringen wünschen, zu dem wirklich vorhandnen zurück, und die philosophische Beurtheilung nach dem Ideal, statt den Geist mit einer bestimmten Form zu erfüllen, und ihm dadurch die wahren Gesichtspunkte zu verrücken, bindet ihn vielmehr unverbrüchlich an die gewissenhafteste Beobachtung der Natur und der Gegenwart.

Nachdem nunmehr der Begriff des Ideals hinlänglich festgesetzt ist, lässt sich das Wesen der gegenwärtigen Charakteristik leicht daraus ableiten. Die schwer zu lösende, aber wichtige Aufgabe besteht nun in ihrem letzten und einfachen Resultate darin, die mannigfaltigen Eigenthümlichkeiten jeder Gattung, welche das Zeitalter aufstellt, zuerst einzeln zu erforschen, und dann in Gedanken mit einander zu verknüpfen, um das aus ihrem gemeinschaftlichen Zusammenwirken hervorgehende Ganze nach den Foderungen des Ideals zu beurtheilen, zuletzt aber auf diese Weise die individuelle Beschaffenheit zu schildern, welche unser Jahrhundert vor allen vorigen auszeichnet. Classische Richtigkeit, Uebereinstimmung mit den Gesetzen, welche aus der Natur unserer Seelenkräfte selbst unmittelbar herfliessen, und die höhere und originelle Vollkommenheit, welche dem Geist und dem Gefühl erst ihren wahren Schwung ertheilt und oft für wirkliche Fehler entschädigt, müssen hier immer zugleich der Beurtheilung zur Richtschnur dienen. Je strenger eine Kraft innerhalb der Schranken gehalten wird, welche ihr ihr Wesen selbst anweist, desto reiner und stärker ergiesst sie ihr belebendes Feuer, und je eigenthümlichere Richtungen sie nimmt, desto mehr befreit sie sich von eingebildeten und ihr zwecklos aufgebürdeten Regeln. Nur weil es willkührliche Regeln erweitert, scheint auch das ächte Genie so oft regellos, und nur weil eine ohnmächtige Kraft ihre eingebildete Stärke bloss in der Uebertretung ihrer eignen Gränzen zu beweisen versteht, erscheint auch das wahre Gesetz als ein einengender Zwang. Wie das allgemeine Gesetz und die besondre Eigenthümlichkeit sich gegenseitig verfeinern und erweitern, wie dadurch mit Aushebung aller Einförmigkeit alles Aehnliche mannigfaltig und contrastirend, und mit Aufhebung alles Widerstreits alles Contrastirende übereinstimmend und zusammenwirkend gemacht wird, diess muss eine Charakteristik zeigen, welche den Gang der Menschheit zu verfolgen bestimmt ist.

Aber diess Ziel wird nie ganz, und auch theilweise immer nur spät erreicht. Indess arbeitet sie auch nicht, um den Gebrechen des Tages abzuhelfen, überhaupt nicht um an künftiger Verbesserung oder künftigem Fortschreiten selbst praktisch thätig zu seyn. Zugleich bescheidner und stolzer will sie nur auf den Geist und die Erkenntniss wirken, aber hier den Blick in entferntere Perioden hinausführen. Sie heftet sich daher nur auf die grossen und wesentlichen Charakterzüge, nur auf diejenigen, die, wenn sie auch nicht unverändert fortdauern, doch wenigstens immer wirksam, und immer, wenn gleich unter andern Gestalten sichtbar sind. Was gänzlich und offenbar vorübergehend ist, lässt sie ganz und gar unbekümmert zur Seite liegen, und nur dasjenige, was, wenn es auch nicht eigentlich bleibend und wesentlich heissen kann, doch einen grösseren und länger dauernden Einfluss ausübt, oder dessen Wirksamkeit noch zu unentschieden ist, nimmt sie noch auf, stellt es jedoch in die nothwendige Entfernung von jenen grossen und hauptsächlichen Massen, in die seine mindere Wichtigkeit es billig versetzt. Daher darf man von ihr keine Zeichnung der Art erwarten, wie der Gegenstand dem Auge auf den ersten Anblick erscheint, sondern vielmehr nur die Bestimmung dessen, was er für den zergliedernden Geist noch dann ist, wenn er nach Entfernung alles falschen Scheins, aller fremden Bekleidung, und aller zufälligen Nebenzüge in ächter, aber nackter Wahrheit übrigbleibt. Diess zugleich im höchsten und strengsten Verstande und doch zugleich so zu thun, dass selbst die feinsten Züge der wirklichen Eigenthümlichkeit nicht verwischt werden, ist der schwierigste Theil ihrer Aufgabe.

Und dennoch darf sie hier schlechterdings keine Nachsicht verlangen. Wer, wie z. B. der Geschichtschreiber einen Helden, den er so eben von der Bühne abtreten lässt, einen vollendeten und völlig geschlossenen Gegenstand schildert, der übersieht mit leichter Mühe, welche seiner Charakterseiten wichtig oder unwichtig waren, und es schadet nicht viel, wenn er die letzteren mangelhaft oder unrichtig schildert. Aber die Menschheit ist ein nie vollendeter, ist ein unendlicher Gegenstand, und die gegenwärtige Charakteristik darf sie nicht anders als wie einen solchen betrachten. In ihrem Laufe muss sie ihr folgen, und darf den innigen Zusammenhang, der den gegenwärtigen, vergangenen und künftigen Zustand verknüpft, nur so wenig als möglich zerreissen. Dieselbe Schilderung wird, aus diesem Standpunkte unternommen, eine andre und gänzlich verschiedne. Wenn sonst jeder Zug als bleibend und fertig geschildert wird, so erscheinen hier alle als flüchtig und vorübergehend, wenn der Einfluss der einzelnen Seiten sonst nach ihrer Beziehung auf ein gleichzeitiges Ganzes abgemessen wird, so sehen wir sie hier nach ihrem Verhältniss zu einer in derselben Eigenthümlichkeit beharrenden Fortdauer geschätzt, und wenn die mannigfaltigen Verbindungen mehrerer Eigenschaften sonst nur berührt werden, um diese letzteren genauer kennen zu lehren, so bekommen sie hier eine eigne und ursprüngliche Wichtigkeit, da sie den Quell neuer Veränderungen und Uebergänge enthalten. Der Deutsche, tadelt man gemeinhin, ahmt, mit Verläugnung seiner innern Originalität, andern Nationen zu sklavisch nach, und giebt ihnen selbst, indem er den Kampf muthwillig auf ein ihm fremdes Gebiet versetzt, einen leichten Sieg in die Hände. Für den gegenwärtigen Augenblick ist nichts gegen diesen Vorwurf zu sagen. Aber bei einem weiter aussehenden Blick zeigt sich diese Nachahmung als eine vorübergehende Erscheinung und als ein Extrem einer sonst Bewunderung und Nacheiferung verdienenden Eigenschaft, und erscheint vielmehr, da sie nicht aus Mangel an Kraft, sondern nur aus Mangel an einer entscheidenden Naturbestimmung entsteht, welcher der Beurtheilung des Verstandes und der Stärke des Willens ein wohlthätiges Uebergewicht erlaubt, als ein edles Streben nach idealischer Vielseitigkeit. So verweilt die philosophische Charakteristik nur bei den ächten und grossen Charakterseiten, die sich dauernd erhalten und reinigen, und blickt über vorübergehende Lücken und Mängel hinweg.

Auf die Ergründung des eigentlichen Charakters und seiner inneren Bildung ist daher ihr ganzes Bemühen unablässig gerichtet, aber sie verbindet hiermit eine ununterbrochene Aufmerksamkeit auf die äussere Lage. Denn immer wirken beide, ebenso als der physische und moralische Mensch selbst, gegenseitig auf einander ein, und ein unverhältnissmässiger Vorsprung der einen oder der andern ist, wie das Beispiel der Alten lehrt, deren Geist sich offenbar zu einer grössern Verfeinerung erhoben hatte, als wozu ihre Lage Stoff und Sicherheit darbot, allemal von verderblichen Folgen, oder wenigstens von schnellem Untergange begleitet. Die selbstständige Kraft des Menschen drückt der physischen Lage, die ihn umgiebt, mit leichter Mühe das Gepräge ihrer eigenen Form auf, und wird dann wieder durch sie in dieser dauernder zu beharren veranlasst; indem sie ihr Reichthum, Mannigfaltigkeit und Verfeinerung mittheilt, empfängt sie wieder von ihr Nahrung, Sicherheit und Beharrlichkeit zurück.

Was demnach hier eigentlich abgezweckt wird, ist eine auf genaue historische Kenntniss gegründete philosophische Darstellung des Charakters unsers Jahrhunderts und der hauptsächlichsten einzelnen Erscheinungen in demselben in seiner wesentlichen und dauernden Eigenthümlichkeit, in Verbindung mit seinem vorigen Zustand und seiner künftigen Entwicklung, und mit durchaus gleich vertheilter Rücksicht auf die innere moralische Bildung und die äussere physische Lage.

Der Geschichtschreiber kann sich, wenn er die Begebenheiten eines Zeitraums in ihrer natürlichen Folge dargelegt hat, begnügen, das Urtheil darüber allein dem Leser zu überlassen, und er gewinnt vielmehr, wenn er durch eine vollkommen unveränderte und unverrückte Aufstellung aller Thatsachen eine völlig freie Wahl des Standpunkts möglich macht, aus dem sie betrachtet werden müssen. Denn da es einmal sein Geschäft ist, das, was die Zeit verwischt, für die Ewigkeit aufzubewahren, und den Gang der menschlichen Schicksale dem wankenden Gedächtniss und dem wechselnden Urtheil der Menschen zu entziehn; so handelt er geradezu seinem Endzweck entgegen, wenn er dem reinen und völlig objectiven Gegenstand seine veränderliche Eigenthümlichkeit beimischt. Wer dagegen einen Charakter zu zeichnen versucht, befindet sich in der gerade entgegengesetzten Lage; er muss einen bestimmten Gesichtspunkt, eine eigne Meynung fassen und mittheilen, und kann die Geschichte nur dazu benutzen, sie richtig zu schöpfen, und hinlänglich zu beweisen. Denn er kann den Charakter, der nie unmittelbar in die Sinne fällt, nur erst durch eine neue Arbeit aus der Summe der betrachteten Aeusserungen abscheiden. Er geht daher nicht von diesem seinem Stoffe, sondern immer von der Bearbeitung desselben aus, legt nicht gerade alle Aeusserungen seines Gegenstands, noch auch die, welche er auserwählt, gerade in ihrer natürlichen Folge dar, sondern nachdem er nur sich diesen Stoff, auf den er fussen muss, vollkommen zu eigen gemacht hat, heftet er sich unmittelbar an die am meisten charakteristische Seite, reiht an diese die übrigen an, und beruft sich zuletzt auf die Thatsachen nur als auf recht- fertigende Beweise. Bei diesen aber wird er immer mit einiger Ausführlichkeit in die Geschichte selbst eingehn, um diese Gelegenheit nicht zu verabsäumen, den Geist zu gewöhnen, beständig nur von dem Gebiet der Erfahrung aus zum Raisonnement aufzusteigen, und immer von diesem wieder zu jenem zurückzukehren. Denn nichts ist einer richtigen Menschenkenntniss so schädlich, als von irgend einer beobachteten Eigenschaft des Charakters, unmittelbar, und ohne durch eine besondre Erfahrung unterstützt zu werden, aus allgemeinen Gründen auch auf die Gegenwart einer andern, damit verwandten, zu schliessen. Freilich müssen allerdings auch in der Menschenkenntniss, da die Erfahrung unmöglich alles einzeln belegen kann, analogische Schlüsse erlaubt seyn, allein einestheils auf eine ganz eigenthümliche und vorsichtigere Weise, anderntheils aber nur da, wo die vorhandne Lücke nothwendig ausgefüllt werden muss, und nur solange, bis diess durch die Erfahrung geschehn kann. Bis also diese letztere (und bei noch fortwirkenden Gegenständen, wie hier, kann diess nie der Fall seyn) nicht schlechterdings vollständig angestellt ist, darf man die Kenntniss nie als geschlossen annehmen, immer muss der folgende Tag die Irrthümer des vorigen verbessern, und nirgends sonst hat man so, wie hier, das Gewebe seines Raisonnements immerfort von neuem zu weben, nur dass bei einem methodischen Verfahren die neue Beobachtung nur immer einzelne Fehlschlüsse berichtigen, aber das über das Ganze gefällte allgemeine Urtheil nothwendig immer bestätigen und mit neuen Beweisen bestärken muss.

Es ist eine merkwürdige Erscheinung, die sich vornemlich in unsern Tagen, wo mehr als sonst in der politischen und moralischen Welt neue und vorher unerhörte Dinge aufgestanden sind, gezeigt hat, dass die Richtigkeit der Beurtheilung von Begebenheiten und Menschen fast im umgekehrten Verhältnisse mit der Reife des Alters steht. Wir haben die Erwartungen, die Hofnungen und Besorgnisse von Jünglingen eintreffen sehen, indess die Weissagungen von Greisen unerfüllt geblieben sind. Diese Erscheinung findet in dem Vorigen ihre Erklärung. Die Jugend mit ofneren Sinnen, einer lebhafteren Beobachtungsgabe, und geringer Neigung in dem dürren Gebiete des Verstandes und der Vernunft anhaltend zu verweilen, hat eine grössere Achtung für den Augenschein und die Gegenwart; sie urtheilt leicht und vorschnell, aber sie nimmt auch bei veränderten Umständen ebenso leicht ihr Urtheil wieder zurück. Das überhaupt rigidere Alter vertraut zu sehr auf seine einmal gesammelte Erfahrung, raisonnirt lieber, als es beobachtet, schliesst seine Rechnung zu früh, und beraubt sich muthwillig des Vortheils, die grössere Zahl seiner Jahre zu benutzen. Kommt nun ängstliche Besorgniss vor den gefährlichen, oder stolze Verachtung der dauernden und bedeutenden Folgen neuer Grundsätze oder Ereignisse hinzu, so sieht es sich eben so oft in seiner mistrauischen Furcht, als in seiner gefährlichen Sicherheit getäuscht.

Nach dem im Vorigen Gesagten kann es jetzt nicht mehr zweifelhaft seyn, welchen verschiedenen Antheil die Geschichte und die Philosophie an der gegenwärtigen Arbeit nehmen; aber eine andre gleich wichtige und bisher weniger entschiedene Frage ist die, inwiefern dieselbe speculativ oder praktisch zu nennen ist?

Wenn man die mannigfaltigen Urtheile der Menschen über Handlungen und Charaktere mit einander vergleicht, so findet man überall zwei durchaus entgegengesetzte Partheien, die sich einander gegenseitig die Richtigkeit oder die gründliche Zuverlässigkeit ihrer Menschenkenntniss streitig machen, und von denen die eine sich mehr auf wirkliche Beobachtung, die andre mehr auf philosophisches Raisonnement beruft, jene gelungene Versuche und glückliche Erfolge, diese sichere und ihrer Meynung nach unwiderlegbare Vernunftgründe zu Beweisen für sich anführt. Zu der erstem Classe gehören gewöhnlich diejenigen, welche man Welt- und Geschäftsleute zu nennen pflegt, vorzüglich die, welche in angesehenen Posten wichtige Angelegenheiten betreiben, oder durch Reisen und die Beobachtung fremder Sitten ihre Menschenkenntniss geschärft haben; zu der letzteren mehr die einsamen Denker, welche jedoch kein zu abgesondertes Feld der Wissenschaften, sondern dieselben Fächer, nur zu einer theoretischen Behandlung gewählt haben, welche jene praktisch beschäftigen. Da die meisten Schriftsteller aus der Zahl dieser letztem hervorgehn, so entsteht hieraus der nachtheilige, aber sehr fühlbare Widerstreit, in welchem der handelnde und der bloss denkende und schreibende Theil des Publikums mit einander stehn, und der gegenseitige Vorwurf, den beide einander machen, indem der Politiker und Geschäftsmann den theoretischen Schriftsteller über eben diese Gegenstände, und der Mann, den sein Privatleben in mannigfaltige interessante und feine Verhältnisse verwickelt hat, den Dichter, der eben solche Verhältnisse aus der Fülle seiner Einbildungskraft hervorruft, der Unkunde der wirklichen Welt beschuldigen, diese aber jenen mit gleich stolzer Verachtung erwiedern, dass sie zwar vielleicht die Geburten des Tages, und die Verderbtheit ihrer Zeit kennen, aber nicht den innern und wahren, besseren und höheren Menschen durchschauen.

Ohne Zweifel ist in diesem gegenseitigen Tadel zugleich Wahres und Falsches mit einander gemischt, und indess jeder Theil den Mangel des andern richtig aufdeckt, verbirgt er darin seine eigne Einseitigkeit. Die wahre Menschenkenntniss beruht auf Erfahrung. Die Erfahrung aber setzt eine zwiefache Thätigkeit der Seele voraus, die Beobachtung des Vorhandnen oder Geschehnen, und die Bearbeitung dieses Stoffes zu einem Resultat des Verstandes. Die einzelne Erscheinung für sich ist immer etwas Unvollständiges und Abgerissenes, Unerklärtes und Unverständliches; erst durch Verknüpfung mit andern Erscheinungen oder Begriffen wird sie in unserm Geiste zu einem theoretischen oder praktischen Satze verarbeitet, welcher unsre Kenntniss oder unsre Weisheit bereichert. Je nachdem nun ein Individuum nach Maassgabe seiner Eigenthümlichkeit mehr dem einen oder dem andern Theil dieser doppelten Thätigkeit das Uebergewicht verstattet, weicht er von dem Gange einer richtigen Erfahrung auf einem zu empirischen oder zu speculativen Wege ab, und dieselben verschiedenen Partheien finden sich daher in allen Erfahrungswissenschaften, vorzüglich auch in der physischen Naturkunde, wieder.

Es würde leicht seyn, zur Vermeidung dieses Fehlers eine gehörige Vermischung beider Fähigkeiten vorzuschlagen, aber abgerechnet, dass Rathschläge dieser Art schwerer zu befolgen als zu ertheilen sind, so finden sich auch ausserdem unglücklicher Weise im handelnden Leben zwei nothwendige Geschäfte, die gerade ebenso, als jene Geistesrichtungen selbst verschieden sind, und da eine vollkommene Verbindung dieser letztem ohne allen Verlust an Stärke mit Recht unerreichbar scheint, unaufhörlich eine Theilung derselben nothwendig machen. Diese kann man, wenn es erlaubt ist, auf einen Augenblick einen hartscheinenden Ausdruck zu gebrauchen, die Bildung und die Beherrschung des Menschen nennen. Was man irgend mit Menschen im Leben vornehmen mag, so besteht es immer entweder darin sie für sich und aus innerer freier Kraft zu höherer Vollkommenheit zu leiten, oder sie, mit oder ohne Rücksicht hierauf, zu einer bestimmten Meynung oder Handlung zu lenken, ein Verfahren, das, da es allemal mit physischem oder moralischem Zwange verbunden ist, immer den Namen der Beherrschung verdient.

Und um in diesem geschickt zu seyn, muss man eine durchaus auf Beobachtung gegründete Menschenkenntniss besitzen. Der Moment ist es, auf den gewirkt werden soll, und den man daher mit allen seinen Zufälligkeiten kennen muss, an die keine Berechnung reicht, und die nur der unmittelbare Augenschein selbst erforschen kann. Wenn die Seite entdeckt ist, auf welcher die Wirkung geschehn kann, müssen zugleich die Mittel gewählt werden, und diese können sich nur durch vielfache gelungene Versuche bewähren. Alles kommt hier einzig auf die Erreichung eines einzelnen und bedingten Endzwecks an, und man nimmt daher den Menschen bloss, wie er wirklich in diesem Augenblick erscheint; ohne zu untersuchen, was künitig sich aus ihm entwickeln wird, behandelt man seinen Charakter als geschlossen und vollendet. Man braucht daher hier nur mit Scharfblick den Punkt aufzufinden, worauf, und das Mittel, wodurch man wirken kann, und in diesem doch eigentlich nur mechanischen Geschäft (in welchem ein bedingter Zweck durch bestimmte Mittel erreicht wird) wird nicht gerade der grösseste und vielumfassendste Kopf, sondern vielmehr derjenige am besten gelingen, welcher sich am ausschliessendsten auf jenen Punkt zu beschränken versteht. Was man daher im Leben gewöhnlich und nicht mit Unrecht eine kunstvolle Geschicklichkeit in der Behandlung der Menschen nennt, ist nicht immer ein Zeichen einer grossen und ausgebreiteten Menschenkenntniss; es beweist vielmehr oft bloss eine Bekanntschaft mit den einzelnen, und im Durchschnitt fast bei allen Individuen ziemlich ähnlichen Seiten, auf die sie eine leichte Wirkung verstatten, eine gewisse Gewandtheit in der Anwendung vielfacher Mittel, und ein Talent, das aber manchmal an Genie gränzen kann, den Augenblick zu kennen und zu benutzen. Nur erst, wenn diese Geschicklichkeit bei vielen unter einander verschiednen, und in sich originellen Subjecten die Prüfung besteht, und wenn sie zugleich mit der sichern und feinen Beurtheilung verbunden ist, die sich die Gründe ihres Verfahrens anzugeben, und die Erfolge zu erklären versteht, wird sie zu der seltnen und erhabenen Eigenschalt, die wir nur in wenigen wahrhaft grossen Staatsmännern und Heerführern antreffen, die aber auch alsdann sie und ihr Geschäft so unendlich weit über jedes andre in unserer Schätzung emporhebt.

Die so eben beschriebene Gattung der Menschenkenntniss zweckt dahin ab, den Menschen zu lenken; die andre ihr entgegengesetzte ist mehr bemüht, ihn zu beurtheilen, und zu bilden. Jenes ist leichter, als dieses, da es oft entweder an der Begünstigung des Zufalls eine Hülfe, oder an den unüberwindlichen Hindernissen desselben eine Entschuldigung findet, auch nicht das ganze Subject zu umfassen braucht, sondern bei einzelnen Seiten stehen bleiben kann. Um nun auch in dem schwereren Geschäft der Beurtheilung und Bildung zu gelingen, muss man zwar von der augenblicklichen Beschaffenheit der Gegenwart ausgehn, darf sich aber nicht auf dieselbe allein beschränken. Indem man das Wesentliche und Bleibende darin aufsucht, kann man die Zufälligkeiten derselben übergehen. Wie daher die durch Umgang und Geschäfte erworbene Menschenkenntniss einen zu engen und zu sehr bestimmten Begriff von dem Subjecte bildet, so verfällt die mehr durch Nachdenken erlangte leicht in einen zu unbestimmten und allgemeinen. Das Urtheil jener wird nicht leicht auf das ganze Leben des Individuums und auf seine Gesinnungen passen, aber die Aussprüche dieser werden leicht durch einzelne Fälle und Handlungen desselben widerlegt werden. Jene ist unstreitig dem Ziele näher, das sie sich steckt, aber diese hat ein weiteres und wichtigeres vor Augen und befindet sich auf dem richtigen Wege, es zu erreichen.(Grosses Uebel aus der doppelten Unkenntniss des Menschen und der Zeit.)

Auch bei Schriftstellern, um diess im Vorbeigehen zu bemerken, treffen wir denselben Unterschied an. Einige suchen den Leser mehr bei den Zufälligkeiten, andre mehr bei den wesentlichen Eigenschaften seines Charakters zu ergreifen. Jene sichern sich einen gewisseren und allgemeineren Beifall ihrer Zeit; diese arbeiten mehr für die Ewigkeit. Voltaire und Rousseau liefern hiezu ein passendes und merkwürdiges Beispiel.

Wie diese beiden verschiednen Arten, die Menschen zu studiren, mit einander vermischt seyn müssen, um den Geist zu einer ächten Menschenkenntniss zu leiten, und im handelnden Leben die Politik mit der Moral durchaus fest und dauernd zu verknüpfen? bedarf hier keiner besondern Erörterung. Die speculative und empirische Menschenkenntniss mussten nur darum in der ganzen Stärke ihres Contrastes hier aufgestellt werden, um durch die Bestimmung, welcher von beiden die gegenwärtige Arbeit sich mehr nähert, den Argwohn zu vernichten, den dieselbe sonst nothwendig bei einer von jenen beiden Partheien erregen musste. Bestimmt, eine höhere und fortschreitende Ausbildung des Menschen zu bewirken, wird sie nun allerdings die bleibende und wesentliche Natur des Zeitalters erforschen, Nachdenken und Raisonnement zu Hülfe rufen, allgemeine Aussprüche fällen und daher insofern speculativ seyn müssen. Da sie jedoch das Nachdenken nie an die Stelle der Beobachtung setzen, sondern es nur dazu benutzen darf, diese zu leiten, zu ordnen, und zu erklären, so verdient sie doch ebensowenig jene einseitige Benennung, als man sie auf der andern Seite gleichfalls nicht empirisch heissen darf. Vielmehr muss sie bemüht seyn, sich durchaus auf ächte und wahre Erfahrung zu stützen, und ist daher im eigentlichsten Verstande praktisch, und dient zu einem praktischen Nutzen. Denn wenn sie auch demjenigen, welcher im handlenden Leben auf Menschen zu wirken bestimmt ist, nicht geradezu und unmittelbar zu diesem Geschäfte behülflich seyn wird; so kann er sie doch in einer doppelten Absicht benutzen. Da sie die Schilderung des Zeitalters bloss in Rücksicht auf die fortschreitende Ausbildung desselben vornimmt, so führt sie ihn beständig auf diesen höchsten Endzweck zurück, dem auch er alle seine Schritte unterzuordnen verpflichtet ist; und durch das allgemeine Bild, das sie von der ächten und eigenthümlichen Beschaffenheit des Jahrhunderts entwirft, lehrt sie ihn zugleich die einzelnen Erscheinungen in demselben, in dem Moment, wo er zur Thätigkeit aufgerufen wird, gründlicher und besser verstehen.

Wer nicht bloss in historischer, sondern in philosophischer Absicht einen Charakter, besonders seinen eignen, oder doch einen solchen, auf dessen Ausbildung er einwirken will, studirt, der kann sich nicht mit einer blossen Aufzählung der Erscheinungen und einer Herleitung ihrer Ursachen begnügen. Er muss sich selbst in die Eigenthümlichkeiten desselben versetzen, und von diesem Standpunkte aus thätig seyn. In noch vorzüglicherem Grade ist diess bey dem Charakter des Zeitalters der Fall, in welchem jedes Individuum den seinigen wiederfindet, und auf den jedes zurückzuwirken durch die Natur genöthigt, und durch die Vernunft verpflichtet ist. Nirgends ist es daher so nothwendig, als hier, dem Geiste einen Begriff zu geben, der zugleich auf das genaueste bestimmt, und so wenig beschränkt sey, dass er auf allen Seiten, und nach allen Richtungen hin Erweiterungen ver- stattet — die einzige Methode, bei welcher sich die nothwendige Thätigkeit zur eignen Mitwirkung gegründeter Weise verbürgen lässt. Denn keine moralische Kraft bedarf hiezu mehr als eines bestimmten Antriebes und einer ungebundnen Freiheit zu wirken.

Damit aber die verlangte Charakteristik den Geist in diese glückliche und thätige Stimmung versetze, muss sie ausser der Natur ihres Gegenstandes auch noch seiner eignen im genauesten Verstande ähnlich gemacht seyn, und ihren Stoff zu einer solchen philosophischen und ästhetischen Einheit verarbeiten, dass er dadurch zugleich belehrt und begeistert wird. Wie diess nun am zweckmässigsten geschehen kann, und welche einzelne Eigenschaften die gegenwärtige Charakteristik in dieser Rücksicht haben muss? erfodert daher noch eine eigne Erörterung, in welcher vorzüglich die Fragen: worin zuletzt eigentlich der Charakter besteht, und nach welchem Maassstab das Zufällige desselben von dem Wesentlichen abgeschieden werden kann? eine ernsthafte und verweilende Betrachtung verdienen.

IV. Bemerkungen über einige schwer zu erfüllende Erfordernisse jeder Charakteristik überhaupt. — Erörterung der Frage, worin der Charakter eigentlich besteht?

Die Kenntniss menschlicher Charaktere ist bisher nicht genug bearbeitet worden. — Bedeutung des Worts Charakter. — Gewöhnlicher Fehler die Verschiedenheit der Charaktere in verschiedenen Graden der absoluten Kraft aufzusuchen. Der Charakter beruht auf dem Verhältniss — und der Bewegung der Kräfte. — Daher muss er nach seiner subjectiven Beschaffenheit, nicht nach seiner objectiven Brauchbarkeit beurtheilt — und jene nach der Art ihrer Entwicklung und ihrer Thätigkeit genetisch gezeichnet werden. — Bei jeder Charakterschilderung muss man von den Aeusserungen und Thatsachen, die eine unmittelbare Beobachtung verstatten, zu den innern Eigenschaften, die nur mittelbar wahrgenommen werden können, übergehen. — Inwiefern auch die physische Beschaffenheit und die äussre Gestalt, ästhetisch und physiognomisch betrachtet, als eine Erkenntnissquelle für den innern Charakter gelten kann? — Einwurf gegen die Tauglichkeit der hier aufgestellten Gattung der Menschenkenntniss zur Schilderung und Beurtheilung einer ganzen Periode der Menschheit im Grossen, und Beantwortung desselben.

Unter allen Studien sind wenige bisher so sehr vernachlässigt worden, als das Studium menschlicher Charaktere. Da man dasselbe immer nur zum Behufe eines fremden Zwecks, nie aber für sich selbst zu bearbeiten pflegt, so hat es das ungünstige Schicksal erfahren, immer zu einseitig, von den Philosophen auf eine zu allgemeine, von denen, die allein der unmittelbaren Beobachtung vertrauen, auf eine zu particulaire Weise behandelt zu werden. Die Moralisten, Geschichtschreiber und Dichter waren es vorzüglich, in deren Händen sich die Charakterschilderung befand. Die ersteren, unter denen Theophrast und seine Französischen Nachfolger mit Recht die erste Stelle einnehmen, haben einzelne Seiten mit treffender Richtigkeit, nirgends aber ganze Charaktere, am wenigsten eigenthümliche und ungewöhnliche, oder auch nur sehr individuelle gezeichnet.Eine Ausnahme hievon machen die Aphorismen des H. Prof. Platner, deren zweiter Theil mehrere überaus glückliche Charakterschilderungen enthält, die eben so viel feine Beobachtungsgabe, als philosophischen Scharfsinn verrathen. Platners Philosophische Aphorismen nebst einigen Anleitungen zur philosophischen Geschichte erschienen zuerst Leipzig 1776-82; von einer veränderten Bearbeitung war der erste Teil Leipzig 1793 herausgekommen. Der Geschichtschreiber entfernt sich zu leicht aus seinem Gebiet, wenn er zu tief in die Individualität der Charaktere eingeht; denn er kann es nicht vermeiden, die Lücken, bei welchen ihn seine Quellen verlassen, als Dichter auszufüllen, wenn er einmal eine vollständige Schilderung entwerfen will. Die Muster in dieser Gattung dürften daher unter allen am schwersten zu finden seyn. Plutarch, der so lange dafür galt, besitzt bloss das Verdienst, dass er zuerst deutlicher einsah, dass der Charakter sich mehr in dem täglichen Privatleben, als in glänzenden und schimmernden Thaten zeigt. Zur ächten Charakterschilderung fehlt es ihm eben so sehr an Genie als an philosophischem Geiste.

Die einzigen, die hier etwas Wichtiges geleistet haben, sind daher die Dichter, vorzüglich die dramatischen und die des neueren Romans. Da sie ihre Charaktere neu schaffen, und für die Einbildungskraft schaffen mussten, so durften sie, gleich dem bildenden Künstler, keinen Zug unvollendet lassen, und mussten alles bis auf Mine, Ton und Gebehrde berechnen. Indess kommen auch hier, in Absicht auf die vollständige Zeichnung ganzer Charaktere in ihrer lebendigen Bewegung, nur wenige in Betrachtung. Der griechischen Bühne war diese Kunst, ihrer grossen Vorzüge ungeachtet, fast gänzlich fremd. Die Helden der griechischen Tragödie haben fest gezeichnete und scharf bestimmte Charakterzüge, aber sie treten, als eben so viele einmal übliche Formen, mit einzelnen Leidenschaften, Gesinnungen und Maximen auf, die unmittelbar aus ihrer Lage und der Geschichte entlehnt sind. So ist Antigone immer nur von den zärtlichen und muthvollen Gefühlen für ihren Bruder beseelt; Elektra immer mit nieerbarmender Rache ihres gemordeten Vaters beschäftigt; in Eteokles und Polynices herrscht bloss eifersüchtiger Ehrgeitz; Ajax fühlt nur die erlittene Schmach; Dejanira (der feinste und originellste Charakter der griechischen Dichtkunst) nur die treuste, reinste und zarteste Liebe für ihren abwesenden Gatten. Die Griechen, deren ächt ästhetischer Sinn immer die reinen, man kann manchmal sagen, die nackten Formen jeder Gattung aufstellte, sahen ein, dass die Macht des Trauerspiels auf der Katastrophe beruht, dass in ihm das Schicksal den Menschen verdrängt; daher verschwindet Oedipus Charakter vor dem Gemüthe des Lesers in seinem Unglück. Die ältere Comödie der Griechen hat eine Menge charakteristischer Züge, aber keine ausgezeichneten Charaktere; die neuere, soviel sich aus den Nachbildungen der Römer schliessen lässt, glänzte vorzüglich durch diese, aber sie glichen den vorher berührten moralischen. Es waren einzelne, obgleich durch alle ihre Erscheinungen durchgeführte Leidenschaften, Tugenden, Laster.

Der eigentliche Schöpfer der ächten Kunst dichterischer Charakterschilderung ist erst Shakespeare und an ihn schliessen sich zunächst die besten Englischen Romanendichter an. Allein unglücklicher Weise ist diese Bahn nur erst spät wieder betreten worden. Die französische und italiänische Literatur hat in diesem Fach so gut als nichts geleistet. Ihre Romane sind, nur mit einigen Ausnahmen, sehr ungetreue Schilderungen des wirklichen Lebens, und in Rücksicht ihrer Bühne haben sich diese beiden Nationen ganz an die Griechen angeschlossen, ohne jedoch ihre Vorzüge erreichen zu können, oder nur ihre Eigenthümlichkeit gehörig zu durchschauen. Ein grosser Theil der Englischen Dramatiker und die früheren unter den Deutschen befinden sich in demselben Fall. Nur erst vor kurzem hat man wieder angefangen, einen Weg einzuschlagen, der dem Geist unsers Zeitalters angemessener ist, und vielseitige und originelle Charaktere in dem ganzen Umfange ihrer Thätigkeit aufgeführt. Wer mit unserer Literatur nur einigermaassen vertraut ist, wird nicht lange zweifelhaft seyn, wem unter unsern Dichtern dieselbe diesen Vorzug am meisten verdankt.Gemeint ist zweifellos Goethe.

Der Dichter aber, wie sehr es ihm auch gelingen möchte, ahmt unmittelbar das Leben selbst nach; er zeichnet den Charakter, aber er zergliedert ihn nicht; für die raisonnirende Analyse desselben, von der wir hier reden, ist also durch seine Bemühungen nur wenig und nur so viel gewonnen, dass er freilich einen mehr geläuterten, schon durch den Geist bearbeiteten und eigen zurechtgelegten Stoff liefert. Wer indess von einem Charakter Rechenschaft geben, die Ursachen von Handlungen daraus herleiten, oder über seine Ausbildung Rathschläge ertheilen soll, befindet sich immer in derselben Verlegenheit. Er vermisst hinreichende und sichre Kennzeichen, unter der Menge verschiedener Charakterzüge gerade diejenigen auszuwählen, welche die leitenden, bestimmenden und eigentlich charakteristischen sind, und stösst vorzüglich auf die, dem ersten Anblick nach, unüberwindliche Schwierigkeit, dass seine Ueberzeugung von einem Charakter im Grunde auf einem Ganzen aller dunkel empfundenen Aeusserungen des Subjects beruht, welches er doch zu zerstören genöthigt ist, wenn er es in deutliche Begriffe zerlegen will.

Eine eigentliche theoretische Methode hierbei anzugeben, würde schon darum überflüssig seyn, weil die grösseste Schwierigkeit erst in der Befolgung derselben liegt. Da indess doch einige bedeutende Fehler bei dem gewöhnlichen Verfahren zu auffallend sind, und es für das gegenwärtige Geschäft zu wichtig bleibt, sich im Voraus über die Foderungen zu verständigen, die man an eine gute Charakteristik macht; so sey es erlaubt, hier nur einige abgerissene Regeln aufzustellen, welche vorzüglich dazu dienen sollen, der Unbestimmtheit, Seichtigkeit und Einseitigkeit der gewöhnlichen Charakterschilderungen entgegenzuarbeiten.

Der Ausdruck: Charakter wird, dem gewöhnlichen Sprachgebrauche nach, fast ausschliessend nur auf die Sitten und die Gesinnungen eines Menschen bezogen, und als ein Maassstab zur Beurtheilung seiner Moralität angesehen; dehnt man ihn auf die Beschaffenheit des Geistes und des Geschmacks aus, so bezeichnet man ihn vorzugsweise mit dem Beiworte des intellectuellen oder ästhetischen. In einem andern Verstande deutet man dadurch die ausdauernde Beharrlichkeit in der einmal angenommenen Denkungs- und Handlungsweise an, und alsdann heisst: Charakter haben, soviel als einen consequenten Charakter zeigen. In diesem Sinn spricht man sehr vielen Menschen allen Charakter ganz und gar ab. Keine dieser beiden Bedeutungen ist einer philosophischen Theorie der Menschenkenntniss, deren erste Grundlinien wir hier zeichnen, angemessen. Diese begreift unter dem Charakter alle diejenigen Eigenthümlichkeiten zusammen, welche den Menschen, als ein physisches, intellectuelles und moralisches Wesen betrachtet, sowohl überhaupt, als auch insbesondre einen vor dem andern auszeichnen; und da nun kein Mensch ohne alle, ihm ausschliessend angehörende Züge selbst nur gedacht werden kann, diese aber in der ganzen Natur des Individuums zerstreut liegen, so kann sie weder ein Subject völlig charakterlos erklären, noch auch sich auf irgend einen einzelnen Theil der Beschaffenheit desselben beschränken.

Je grösser aber die Zahl der Gegenstände ist, die sich dem Geist auf einmal darbietet, desto leichter verliert sich, wenigstens anfangs, die Bestimmtheit des Bildes. Er befindet sich in Verlegenheit, wobei unter so vielem er stehen bleiben soll, und geräth sehr leicht in Gefahr, statt der mehr eigenthümlichen und bestimmter bezeichnenden Züge nur die auffallendsten und hervorstechenden aufzufassen. Hierbei wäre nun zwar an sich nur wenig verloren, wenn es nur möglich wäre, die bei diesem Verfahren nothwendig übrigbleibenden Lücken nach und nach auszufüllen. Aber das Schlimme in der Menschenkenntniss ist gerade das, dass jede Lücke zugleich eine Unrichtigkeit ist, und dass man einen Charakter nie von einer einzigen Seite vollkommen richtig kennt, solange man ihn nicht zugleich auch von allen andern durchschaut. Um daher hier die rechte Bahn nicht zu verfehlen, muss man die Kunst besitzen, in dem Mannigfaltigen selbst mit Schnelligkeit gerade dasjenige Gemeinsame aufzufinden, wodurch das Ganze zu einer eignen und abgesonderten Gestalt wird.

Denn das Eigenthümliche macht den Charakter des Individuums aus, und das ganze Geschäft der Menschenbeobachtung besteht daher in der zwiefachen Bemühung, die unterscheidenden Merkmale eines Subjects vor dem andern aufzusuchen, und aus ihnen die Natur eines jeden herzuleiten. Worin aber liegt diese Eigenthümlichkeit? welches ist eigentlich der Sitz des Charakters, durch den sich ein Mensch vor dem andern unterscheidet? welches ist der Punkt, auf den sich der Blick, wenn ihn die Mannigfaltigkeit der Erscheinungen zerstreut, mit sichrer Hofnung des Erfolges zu sammeln vermag?

Die gewöhnliche Antwort auf diese wichtige Frage, deren Auflösung die unverkennbare Gleichheit des Menschengeschlechts eben so grosse Schwierigkeiten entgegensetzt, als die mannigfaltige Verschiedenheit desselben, ist die, dass der Grad der innern Kraft vorzüglich ein Subject vor dem andern auszeichnet. Fast alle Urtheile über Menschen im gewöhnlichen Leben beziehen sich auf diese Verschiedenheit, und nicht genug, dass man bei einer und eben derselben Kraftäusserung verschiedene Abstufungen bestimmt, so setzt man auch eine Thätigkeit, eine Kraft selbst der andern vor, bald nach ihrer Tauglichkeit zu äussern Zwecken, bald richtiger nach der innern Anstrengung, die sie kosten. Der Mensch ist einmal von selbst zu geneigt, vergleichend zu schätzen und auch das Verschiedne nach Einem Maassstab zu messen, und die Bedürfnisse des Lebens führen ihn zu oft zu dieser Beschäftigung zurück, als dass er sich nicht sehr schwer an eine freie und unabhängige Würdigung gewöhnte. Denn sonst ist es sehr offenbar, dass der Grad ein höchst untauglicher Bestimmungsgrund menschlicher Charaktere ist. Nur das vollkommen Gleiche kann eigentlich mit einander verglichen werden; und der Grad geäusserter Kraft dient daher wohl zur Vergleichung verschiedner Zustände desselben Charakters, nicht aber zur Vergleichung verschiedner Charaktere unter einander. Auch liegt immer etwas Anmaassliches darin, über die Gränze absprechen zu wollen, die ein Charakter in seiner Entwicklung erreichen kann, und was hier das wichtigste ist, niemals kann man durch diese Bestimmung die eigentliche und ursprüngliche Natur einer Individualität entdecken. Denn seiner wesentlichen Beschaffenheit nach ist jeder Charakter nothwendig unendlich; keine Kraft schreibt sich selbst einen Stillstand in ihrer Entwicklung vor; alle Gränzen, die sie sich setzt, hindern sie nur, in eine fremde Bahn überzugehen, oder sind vielmehr nur Anlagen, ausschliessend und mit Festigkeit in der eigenen zu beharren; in dieser können nur äussere Umstände sie zurückhalten, und selbst diese letzteren wird sie noch, wenn ihr nur hinlängliche Zeit zu wirken verstattet ist, unfehlbar besiegen.

Es zeigt sich hier wieder der im vorigen Abschnitt bemerkte Unterschied zwischen der speculativen und empirischen Menschenkenntniss. Diese muss, ihrer Absicht gemäss, ihre Aufmerksamkeit hauptsächlich auf den Grad der Kraft richten, mit welcher ein Individuum thätig ist. Sie hat bestimmte Zwecke in bestimmten Zeiten zu erfüllen, und muss daher das Verhältniss der Kraft zur Wirkung berechnen. Jene sieht ausschliessend auf das ursprüngliche Wesen des Charakters in der ganzen Dauer seiner Wirksamkeit, und da sie sich an keinen einzelnen Zustand heftet, so findet sie nirgends Veranlassung, verschiedene Grade zu bestimmen. Die wahrhaft praktische steht wieder zwischen beiden in der Mitte. Sie ist weit entfernt, in dem absoluten Grade der Kraft eines Charakters sein Wesen auszusuchen, und noch mehr, ihm irgendwo eigenmächtig einen Stillstand gebieten zu wollen; sie betrachtet jeden als eine unendliche Grösse, und legt immer die Überzeugung zum Grunde, dass auch der unscheinbarste und mangelhafteste, sobald er nur Zeit und Gelegenheit zu seiner Entwicklung erhält, sich zu seiner ersten und ursprünglichen Reinheit herzustellen vermag. Da sie aber immer von einem bestimmten Zustand ausgeht und zu einem bestimmten zurückkehrt, so übersieht sie darum den wirklichen, wenn auch zufälligen Grad der Kräfte nicht, welchen sie in diesem einzelnen Zeitpunkt erreicht haben.

Die Verschiedenheit jener beiden Ansichten hat sich in unsrer Zeit bei der Behandlung der öffentlichen Geschäfte der Nationen auf eine merkwürdige Art gezeigt. Kühne, ausschliessend an speculative Betrachtungen gewöhnte, vielleicht auch schwärmerische Köpfe haben Plane erfunden, und vermöge der Eigenheit der letztverflossenen Jahre, wo wir die Rollen so sonderbar vertauscht, und Männern, die zu ganz andern Geschäften berufen schienen, die Führung von Nationen anvertraut sahen, zum Theil wirklich ausgeführt, die wohl auf die menschliche Natur überhaupt, nicht aber auf ihren individuellen Zustand in dem gegenwärtigen Augenblick berechnet waren. Dagegen haben andre, vermöge der Eingeschränktheit ihres Gesichtskreises, oder der ängstlichen Besorglichkeit ihres Charakters, und indem sie die vorübergehenden Schranken des Zufalls mit den ewigen der Natur verwechselten, die Menschheit an eine Stufe der Ausbildung binden wollen, auf der sie nicht einmal jetzt noch durchgehends steht, und die sie wenigstens eben zu verlassen im Begriff ist. Es ist schwer zu bestimmen, welche von beiden ihrem Zeitalter mehr geschadet haben. Statt uns hierüber ein Urtheil zu erlauben, sey es uns genug, zu bemerken, dass das Unheil, welches die ersteren stifteten, dadurch vermindert wurde, dass die Ausführung selbst sie zwang, sich den Umständen der Zeit biegsamer anzuschmiegen, der Nachtheil aber, den die letzteren anrichteten, das Widerstreben der Natur selbst mässigte, die sich immer nur bis auf einen gewissen Grad und eine gewisse Zeit hindurch beschränken und einengen lässt.

Dem so eben gerügten Fehler, alles, auch das Unähnliche unter einander zu vergleichen, überall nach Graden abgemessene Abstufungen zu bestimmen, und schlechterdings nur Eine Klasse zu kennen, ist der andre, in unsern Tagen vielleicht gleich häufige entgegengesetzt, jedes einzelne Individuum zu einer besondern Klasse zu erheben, jede Varictät, sollte ihre Eigenthümlichkeit auch bloss auf ihrer Unvollkommenheit beruhen, eigen, und jede Eigenheit interessant zu finden. Jenen treffen wir gewöhnlich bei gemeinen und eingeschränkten Köpfen an, diesen bei reizbaren und geistvollen Personen, die aber nicht gehörig an richtige Beurtheilung und strenges Nachdenken gewöhnt sind. Um nun mit Vermeidung dieses doppelten Fehlers den richtigen Maassstab zur Schätzung verschiedener Charaktere zu finden, muss man zuvörderst festbestimmte Gattungen derselben absondern. Diese dürfen nicht bloss durch Lücken, die ausgefüllt, oder Mängel, die verbessert werden können, von einander verschieden seyn, sondern müssen vermöge dauernder und wesentlicher Merkmale auch in ihrer höchsten Ausbildung noch immer, nur feiner unterschieden bleiben. Ist diess der Fall, so lassen sie sich nicht mit einander vergleichen, sondern nur jede nach den idealischen, und durchaus formellen Foderungen beurtheilen, welche an jede Individualität ergehen, und die wir im vorigen Abschnitt (III, 2.) berührt haben; nur insofern ein Subject diese in seiner Art mehr oder weniger als ein andres erfüllt, kann es demselben vorgezogen oder nachgestellt werden. Der Unterschied dieser Gattungen, und mithin aller gesetzmässigen Charakterverschiedenheit beruht nicht auf einer Verschiedenheit der Kräfte an sich, da hierin die ganze Menschheit sich durchaus gleich ist; ebensowenig auf dem absoluten Grade derselben, da sie hier nur in ihrer ganzen Dauer betrachtet werden, für die sich der Grad nicht berechnen lässt; er kann demnach nur in zwei noch übrigen Stücken liegen, in denen wir also auch einzig dasjenige zu suchen haben, was wir im genauesten Verstande dieses Worts den Charakter nennen. Diese sind das Verhältniss und die Bewegung der Kräfte. Beide fodern, da nicht allen sogleich klar seyn dürfte, was hier unter denselben verstanden wird, noch eine kurze Erläuterung.

Erstlich: So gewöhnlich es ist, das Uebergewicht einer Kraft oder die Herrschaft einer Neigung als ein fehlerhaftes und schädliches Extrem zu erblicken, so selten treffen wir das eine oder das andre in vollkommen glücklich organisirten Charakteren als einen Vorzug an. Das Bemühen, durch Erhaltung eines richtigen Gleichgewichts Einheit zu bewirken, drängt das zu freie Streben einer einzelnen Neigung zurück, und der grössere Spielraum, den man Einer Kraft verstattet, artet zu leicht in eine Unterdrückung der übrigen aus. Wird indess dieser Nachtheil auch nur so weit vermieden, dass die Reinheit der Moralität unverletzt bleibt, und die Bestimmtheit der Grundsätze und die Richtigkeit des Geschmacks nicht zu beträchtlich leiden, so entstehen auf diesem Wege gerade die interessantesten Charaktere, die eigenthümlichsten und mannigfaltigsten Gestalten. Indem die Natur immer eine überwiegende Kraft begünstigt, und die bildende Vernunft zugleich den übrigen ihre freie Wirksamkeit sichert, verbinden sich alle fester und inniger mit einander, lernen gleichsam eine die Bahn der andern gehen, und bringen neue Verbindungen und Formen hervor. Freilich giebt es auf diesem Wege auch verderbliche Verirrungen, und im Gebiete der Wissenschaften z. B. haben dichterische Philosophen, und philosophirende Dichter zur Genüge gezeigt, dass das ächte Genie lieber Einen Pfad entschieden und ausschliessend wählt, als auf eine widernatürliche Weise zwei streitende Stoffe mit einander vermischen zu wollen. Leidet indess bei Verbindungen dieser Art keine der einzelnen thätigen Kräfte in ihrer Freiheit, wird in dem soeben gebrauchten Beispiel die Strenge, Reinheit und Bestimmtheit der philosophischen Begriffe unverletzt erhalten, so kann nur eine einseitige Beschränktheit des Geistes es misbilligen, wenn der Arbeit des Verstandes und der Vernunft auch das Werk der dichterischen Einbildungskraft beigesellt wird. In je mehr Formen vielmehr derselbe Stoff gegossen, je mehr er auf neue und vorher unversuchte Weise bearbeitet wird, desto mehr gewinnt er, nicht zwar an objectivem, aber an subjectivem Werthe für den Bearbeiter, desto fruchtbarer wird er für den menschlichen Geist.

Wo durch das Uebergewicht eines einzelnen Seelenvermögens eine eigenthümliche Charakterform auf eine, allen Foderungen des Ideals entsprechende Weise entsteht, da wird sie dem Gehalte nach keine andern Handlungen, keine andern Maassregeln hervorbringen, als welche, ohne alle Rücksicht auf individuelle Ansicht, die Natur der Sachen selbst anrathen muss; in der Beschaffenheit der Handlungsweise allein, in dem Geist und der Gesinnung, die aus ihr spricht, wird der ganze, aber wichtige Unterschied liegen. Diess ist es, wodurch vorzügliche Menschen sich von gewöhnlichen unterscheiden, diess Gepräge der Eigenthümlichkeit, womit wir ihre Handlungen, ihre Worte, ihre Gebehrden bezeichnet finden. Diess entspringt allemal aus dem Uebergewicht einer Kraft, einer Neigung. oder einer Ansicht der Dinge, und je weniger dasselbe den Gehalt der Gedanken, Empfindungen und Grundsätze verändert, je mehr es bloss ihre Form und ihre Manier bestimmt, desto reiner und schöner ist die Stärke und das Feuer, die es hervorbringt.

An nichts heftet sich daher das Studium des Charakters mit so günstigem Erfolge, als an die Aufsuchung dieser herrschenden Seite. Welche andre es auffassen könnte, so läuft es beständig Gefahr, etwas zu finden, wodurch das bestimmte Individuum entweder nicht ganz. oder nicht ausschliessend bezeichnet wird. An edlem, emporstrebendem Ehrgeitz, an feiner und tiefer Staatsklugheit, in der Kunst, die Menschen ohne Mühe nach dem Winke ihres Willens zu beherrschen, in dem genievollen Talent, auf dem Thron und in der Schlacht den entscheidenden Augenblick zu benutzen, mögen Alexander, Cäsar und Friedrich einander im Ganzen und bis auf schwer zu bestimmende Grade vielleicht ähnlich genug seyn. Aber wie scharf sind sie durch die herrschenden Züge unterschieden, welche aus dem individuellen Charakter eines jeden hervorleuchten? Alexander , phantasiereich und dichterisch, wähnte nach Art der alten Heroen seiner Nation, in die Fussstapfen fabelhafter Gottheiten zu treten, und suchte, unbekümmert um die Dauer seiner Werke, nur durch ungeheure und riesenmässige Thaten in dem Munde der Nachwelt zu leben. Cäsar , mehr staatsklug und ernst als er, verfolgte nicht leere Träume seiner Einbildungskraft, sondern wesentliche und wirkliche Zwecke, aber indem er sich durch tief berechnete und kühn ausgeführte Plane zur Alleinherrschaft emporschwang, arbeitete er nur für sich, für die Befriedigung der Leidenschaft, die keinen Nebenbuhler ertrug, und liess keine wohlthätigen Spuren seines Andenkens hinter seinem Namen zurück. Friedrich dagegen, beseelt von dem edlen Eifer, mit welchem ausserordentliche Menschen sich berufen fühlen, durch Leitung der Menschheit Wohlthäter derselben zu werden, verschaffte seiner Monarchie Macht, Sicherheit, und Einfluss auf das Staatssystem von Europa, um zugleich mit erleuchteter Liberalität und weiser Vorsicht physischen Wohlstand, bürgerliche Sicherheit und geistige Freiheit mit einander zu verknüpfen, und Stifter eines Jahrhunderts zu werden, in welchem ein weiser Zwang das Menschengeschlecht nach und nach zu seiner höchsten Ausbildung führte. Treffender als in diesen drei in ihrer Art gleich bewundernswürdigen Männern kann die Verschiedenheit des dichterischen Schwungs des Griechischen, des Ernstes und der eigensüchtigen Leidenschaftlichkeit des Römischen, und der philosophischen Würde des modernen Charakters nirgends geschildert werden.

Zweitens: Da der Charakter in einer fortwährenden Thätigkeit ist, so verändert sich mit jedem Augenblick das Verhältniss seiner Fähigkeiten. Daher ist jede Schilderung, die von der Beschaffenheit der Kräfte hergenommen wird, immer insofern falsch, als sie einen Stillstand voraussetzt, der in der Natur nirgends vorhanden ist. Dagegen giebt die Thätigkeit des Bestrebens, mit welcher ein Mensch in seinen Gedanken, Empfindungen und Handlungen fortschreitet, ein der Wirklichkeit getreueres Bild seiner Individualität, und gewährt ausserdem den Vortheil, dass sich nach derselben auch zugleich die Art seiner fortwährenden Umänderungen richtiger beurtheilen lässt. Diese Thätigkeit ist es, die wir oben die Bewegung der Kräfte nannten, und in der wir, nebst dem Verhältniss derselben, den Sitz des eigentlichen Charakters zu finden glaubten. Dass schon die alltäglichste Charakterbezeichnung sehr häufig Merkmale dieser Gattung wählt, zeigen die Ausdrücke eines trägen oder lebhaften, langsamen oder heftigen, gleichen oder ungleichen, in sich gekehrten oder heitern Gemüths u. s. f. Hier aber werden freilich noch weit mehrere Verschiedenheiten und schlechterdings alle diejenigen unter dem einzigen Ausdruck der Bewegung zusammen- gefasst, welche die Art der Wirksamkeit der menschlichen geistigen Kräfte nach allen ihren möglichen Bestimmungen bezeichnen können, sowohl in Rücksicht auf ihr Verhältniss zur Wirkung, ihrer Stärke oder Schwäche, als in Rücksicht auf ihr Verhältniss zur Zeit, ihrer Schnelligkeit oder Langsamkeit; sowohl in Beziehung auf die Folge ihrer Aeusserungen allgemein genommen, als in Beziehung auf die Folge verschiedner Gattungen derselben insbesondre; ferner sowohl in Betreff ihrer Richtung überhaupt, nach aussen hin, auf fremde Gegenstände, oder nach innen auf sich selbst zurück, als in Betreff ihres ausdauernden Beharrens in Einer und ebenderselben Richtung; endlich sowohl insofern als der menschliche Geist als Eine ungetheilte Kraft wirkt, als insofern er aus verschiedenen Fähigkeiten besteht, von welchen eine einzelne bestimmte Wirksamkeit einen grössern oder geringeren Theil in Bewegung setzt.

Dem aufmerksamen Beobachter wird es freilich nicht entgehen, dass alle diese, die Bewegung der Kräfte bezeichnenden Eigenschaften auch zugleich, nur mehr oder weniger, das Verhältniss derselben schildern. In dem lebhaften Charakter wird unfehlbar die Einbildungskraft und das Gefühl, in dem langsamen der Verstand und die Ueberlegung herrschen; in dem heitern wird die Neigung, in der Wirklichkeit, in dem in sich gekehrten der Hang, in Ideen zu leben, überwiegend seyn. Man würde sich indess auch zugleich gänzlich von dem Wege einer richtigen Naturbeobachtung entfernen, wenn man dasjenige, was nur als eine zwiefache Ansicht Einer und ebenderselben Sache abgesondert wird, auch an sich in der Natur getrennt glauben wollte. Nur weil in dem menschlichen Charakter eine bestimmte Kraft in einer gewissen Art, gleichsam einem gewissen Rhythmus wirkt, scheint es bequem jenen Stoff und diese Form jedes für sich zu betrachten. An sich sind beide vollkommen Eins und lassen sich gegenseitig aus einander erklären.

Die Hauptsache ist nur die, dass man den Menschen nicht sowohl, wie jetzt gemeinhin geschieht, nach einzelnen Aeusserungen, oder auch einzelnen Kräften zu charakterisiren suche, nach dem Maass seines Verstandes, seiner Phantasie u. s. f., sondern mehr nach allgemeineren Eigenschaften, welche alle Kräfte in allen ihren Aeusserungen an sich tragen, und die man gleichsam als die Formen ansehen kann, in die sie gegossen sind, oder als die Bahnen, in welchen sie sich bewegen; ob es sich gleich von selbst versteht, dass die Schilderung der einzelnen Kräfte hernach immer noch hinzukommen muss. Diese allgemeinen Eigenschaften nun werden sich alle entweder auf das verschiedene Verhältniss oder auf die verschiedene Bewegung der Kräfte zurückbringen lassen, einige ausgenommen, welche aus beiden zusammengesetzt sind. Beispiele der beiden ersteren Gattungen sind im Vorigen angeführt worden; zu einem der letzteren kann die Klarheit oder Verworrenheit des Charakters dienen.

Niemand wird abläugnen, dass diese Eigenschaft sich durch alle Thätigkeiten des Gemüths hindurch erstreckt. Der Beobachter der Natur ist klar, wenn er alles, aber nichts anders sieht, als was wirklich vor seinen Augen in der Natur daliegt; der Philosoph, wenn er sich von dem Zusammenhang seiner Sätze deutliche Rechenschaft zu geben versteht; der Dichter, wenn er die Einbildungskraft des Lesers nöthigt, sich scharf begränzte, und bestimmt geschiedene Bilder zu entwerfen; der empfindende Mensch, wenn er sich des Zwecks und der Art seiner Gefühle, und ihrer Möglichkeit nach den allgemeinen Bedingungen der Natur bewusst ist. Diese glückliche Klarheit nun, welche die Bedingung aller dauerhaften Zufriedenheit und aller fruchtbaren Thätigkeit ist, beruht einestheils auf einem richtigen Verhältniss der Kräfte. Gerade diejenige muss immer die Herrschaft besitzen, welche für den jedesmaligen Gegenstand ihrem Wesen nach geeignet ist. Dennoch hängt sie auch anderntheils von einer gehörigen Bewegung derselben ab. Denn ihre einzelnen Aeusserungen müssen 1., die nothwendige Stärke besitzen; 2., in gleichmässiger und hinlänglicher Weile auf einander folgen; 3., in Absicht ihrer Richtung das glückliche Mittel zwischen der Zerstreuung nach aussen und der Reflexion nach innen treffen, das wir durch den Ausdruck der Besonnenheit bezeichnen. Denn die sinnliche Begierde, die in den Gegenstand, und die schwärmerische, die in sich selbst vertieft ist, sind beide gleich dunkel und verworren. Wie die steigende Vollkommenheit der physischen Organisation sich dadurch ankündigt, dass alle Theile deutlicher dargelegt, und bestimmter abgesondert sind, und wie der Ausdruck und der Adel der Gesichtszüge in dem Maasse grösser ist, in welchem sie fester begränzt sind, ebenso beruht auch die geistige Klarheit, die man als die erste Bedingung zur Tauglichkeit eines Subjects zu allen möglichen beliebigen Zwecken ansehen kann, darauf, dass sowohl die neben einander bestehenden Kräfte, als ihre auf einander folgenden Aeusserungen jede in ihrer eignen und gehörig bestimmten Sphäre wirken.

Schon der doppelte Vorzug, dass die, von der Thätigkeit der Kräfte hergenommene Charakterschilderung der Wahrheit der Natur getreuer ist, und alle Eigenthümlichkeiten der Individualität vollständiger umfasst, macht sie dem Beobachter in hohem Grade empfehlungswürdig. Aber sie führt noch ausserdem einen dritten mit sich, welcher jene beide noch beinah überwiegt. Indem sie die Art zeichnet, wie der Mensch sich im gewöhnlichen Leben geschäftig erweist, giebt sie nicht, wie wenn man einzelne Eigenschaften aufzählt, dem Verstande abgezogne Begrifte, sondern bestimmt die Einbildungskraft, selbst ein vollendetes sinnliches Bild zu entwerfen. Denn sehr viele Ausdrücke, deren sie sich gewöhnlich bedient, haben auf körperliche Verrichtungen Bezug, und werden ursprünglich nur von diesen gebraucht. Immer aber ist es ein wichtiger Vorzug, wenn man, ohne der Bestimmtheit der Begriffe zu schaden, bei dem Studium der Menschenkenntniss die Phantasie mit ins Spiel ziehen kann. Der Verstand, als solcher, nimmt immer nur allgemeine Begriffe auf, und bedarf, um sie zu individualisiren, eines neuen ihm von der Erfahrung gegebenen Stoffs. Die Einbildungskraft hingegen ist denselben Gesetzen unterworfen, welchen auch die sinnliche Wahrnehmung folgt; ihre Geburten sind also freie, aber immer in einigem Grade treue Nachahmungen der Natur. Es kann ihr daher nie an analogen Zügen fehlen, durch die sie aus dem Schatze ihrer gesammelten Bilder eine unvollkommen angedeutete Gestalt zu ergänzen im Stande ist. Nur muss sie freilich zu diesem Behufe gewöhnt seyn, sich einem unermüdet thätigen und genauen Beobachtungsgeist willig unterzuordnen. Daher wird es dem Dichter so schwer, zugleich dichterisch zu seyn und vollkommen wahr und natürlich zu bleiben, da seine Einbildungskraft, um diesen Gipfel der Kunst zu erreichen, noch mitten im strengsten Gehorsam ihre Freiheit bewahren muss.

Ein nahe liegendes Beispiel wird diese verschiedene Tauglichkeit des Verstandes und der Phantasie zum Gebrauch für die Menschenkenntniss ohne Mühe erläutern. Bei der Schilderung des Nationalcharakters der Franzosen pflegt man ein auffallendes Uebergewicht ihrer Phantasie als den eigenthümlichsten Zug anzuführen. Und wenn man die Schnelligkeit betrachtet, mit welcher diese Nation so oft grosse Entschlüsse genommen, und mit kühner Heftigkeit ausgeführt hat, wenn man auf die Leichtigkeit sieht, mit welcher sie nicht selten, fast ohne alle sichtbare Revolution von einem Zustand zu einem ganz entgegengesetzten übergieng, auf den frohen Muth, den sie in den furchtbarsten Unglücksfällen, die heitre Geistesgegenwart, die sie in den dringendsten Gefahren beibehielt, wenn man die Freiheit des Gemüths bedenkt, mit der sie selbst in den heftigsten Aufwallungen der Leidenschaft noch für die Bemerkung einer lächerlichen Seite, oder eines witzigen Einfalls offen ist, so findet man diess Urtheil in der That in hohem Grade bestätigt, und erinnert sich zugleich, dass auch die ersten Keime der neueren gefälligeren Poesie in den Troubadours unter diesem Volke aufsprossten, und selbst das Ritterwesen des rohen Mittelalters, das in Spanien in einer bloss abentheuerlichen, in Deutschland in einer furchtbaren und barbarischen Gestalt erschien, in Frankreich einen zierlichen, leichten und romantischen Charakter annahm. Dagegen wollen andre, die sich eine noch tiefere Kenntniss dieser Nation zutrauen, ihre auffallendste Eigenthümlichkeit gerade in der überwiegenden Herrschaft des Verstandes entdecken. Weder die Schönheit eines Gegenstandes, sagen sie, macht einen so lebhaften Eindruck auf ihre Phantasie, noch die moralische Güte auf ihr Gefühl, als die Richtigkeit eines Raisonnements oder der Witz eines Einfalls auf ihre Urtheilskraft; weder dichterisch, noch empfindsam, sind sie überall nur raisonnirend, die bildenden Künste haben nie einen ausserordentlichen und originellen Schwung unter ihnen genommen, ihre dichterischen Werke verrathen zweckmässige Anordnung, genaue Regelmässigkeit, und gesunde Lebensphilosophie, aber nirgends jene Tiefe und jenen Reichthum der Einbildungskraft, welche die Griechen und die Engländer charakterisiren, und im täglichen Leben handeln sie zwar nicht nach lange zuvor angelegten, aber durchaus nach fein berechneten Planen, und verfallen eher in den Fehler der Kleinlichkeit, als in den der Ueberspannung. Was hingegen die blosse Schärfe, Schnelligkeit und Gewandtheit des Verstandes vermag, darin sind sie unbezweifelte Meister. So beruht ihr wissenschaftlicher Ruhm vorzugsweise auf dem mathematischen Genie, auf der Beobachtung der Natur, und derjenigen Art der praktischen Philosophie, welche ihren Stoff mehr aus dem Leben sammelt, als aus dem Innern des Menschen mühsam abzieht, darum ist es ihrer Politik fast zu allen Zeiten und unter den verschiedensten Gestalten gelungen, eine überwiegende Rolle unter den Mächten Europens zu spielen, und vorzüglich sind sie dadurch Muster in allen Dingen des täglichen gesellschaftlichen Lebens geworden, weil nirgends so sehr, als hier das Talent erfodert wird, viele und mannigfaltige Zwecke durch die kürzesten Mittel und mit scheinbarer Leichtigkeit zu erlangen. Auch diese entgegengesetzte Behauptung stützt sich auf zu triftige Gründe, als dass man ihr seinen Beifall versagen könnte, und ob man gleich sicht, dass die beiden geschilderten Urtheiler dadurch fehlen, dass sie die Gattung der Phantasie und des Verstandes, die sie meynen, nicht bestimmt genug bezeichnen, so wird es schwer, ohne neue und mehrere Data diesen Mangel zu ergänzen. Der Fehler von beiden liegt darin, dass sie mehr die einzelnen Triebfedern des Charakters schildern, als den Charakter selbst. Schlägt man einen gänzlich verschiedenen Weg ein, und verfolgt man mehr die Art der Thätigkeit, als die Bestandtheile des Charakters, so wird man ein klares und bestimmtes Bild nicht verfehlen. Der Französische Nationalcharakter, wird man alsdann etwa sagen, besitzt eine nicht gerade lang anhaltende, aber leicht erregte und schnell wirkende Heftigkeit, die aber mit kalter und besonnener Gewandtheit verbunden ist, und sich mehr nach aussen hin zum Handeln, als nach innen zum grübelnden Nachdenken, Dichten oder Empfinden neigt. So unvollkommen auch diese Bestimmung, die mehr die zuerst auffallenden Seiten des Charakters, als das Wesen desselben angeben soll, unläugbar noch ist, so lassen sich doch daraus schon jene beiden Beschreibungen hinlänglich berichtigen. Denn mit nur irgend geübtem Takte fühlt man jetzt bald, dass in einem solchen Charakter nothwendig der Verstand überwiegend seyn muss, aber freilich nicht derjenige, welcher im Denken die Tiefen der Dinge ergründet, und im Handeln nach langsamer Ueberlegung verfährt, sondern der, welcher schnell auffasst, treffend bemerkt, mit Gewandtheit Mittel auffindet, mit Klugheit sie dem Zweck anpasst, und mit rücksichtsloser Kälte seine Entschlüsse ins Werk richtet. Man fühlt ferner, dass ein solcher Charakter allerdings auch eines hohen Grades der Phantasie nicht entbehren kann, aber nur derjenigen nicht, welche dem Gedächtniss, der praktischen Urtheilskraft, und dem täglichen Lebensgenuss dient, da ihm die starke und unabhängige des Dichters, oder des zu empfindsamer Schwärmerei Geneigten vielmehr nothwendig fremd seyn muss.

Die Bezeichnungsarten, auf die man geräth, wenn man den zuletzt vorgeschlagenen Weg versucht, und die an körperliche Eigenschaften, des Leichten und Schweren, des Hohen und Tiefen, Langsamen und Schnellen u. s. f. erinnern, schildern gleichsam die äussre Handlungsweise der Seelenkräfte. Selbst ohne dass man es sich bereits ganz deutlich machen kann (wobei man aber freilich nie stehen bleiben darf), empfindet man schon ohngefähr, welche Art von Verstand, Urtheilskraft, Phantasie, oder Gefühl sich mit dem Begriff der Langsamkeit oder Schnelligkeit, Heftigkeit oder Ruhe u. s. w. verträgt, und was besonders wichtig ist, in welchem gegenseitigen Einfluss diese Kräfte stehen müssen. Wie man daher bei der Beschreibung eines Gesichts besser damit anfängt, den allgemeinen Ausdruck desselben, und erst nachher die einzelnen Theile zu schildern, so geht man auch in der Zeichnung der moralischen Gestalt immer besser von jenen allgemeinen Eigenschaften und Aeusserungsarten zu den besondern einzelnen Anlagen über.

Doch muss man freilich auf diesem Wege die schwankende Unbestimmtheit vermeiden, in die man so leicht geräth, wenn man es sich einfallen lässt, das Körperliche und Geistige gegenseitig durch einander erklären oder erforschen zu wollen. Dieser Gefahr aber völlig zu entgehen, ist es nie möglich, so oft man Fragen, welche die ungetheilte und ganze Natur des Menschen betreffen, auf eine durchaus befriedigende Weise zu beantworten unternimmt. Uebertriebene Scheu vor Unbestimmtheit und Schwärmerei, eine solche, die auch schon die Gefahr, nicht bloss das Uebel selbst flicht, führt, man kann es bei einem Gegenstand, wie der gegenwärtige ist, nicht oft genug wiederholen, zu dürftiger Einseitigkeit. Wer glücklich genug ist, sich vor diesem, so wie vor dem entgegengesetzten Extrem gänzlich zu hüten, besitzt dasjenige, was man vorzugsweise Geist nennt, die beneidenswerthe Lage der Gemüthskräfte, in welcher Sinne, Phantasie und Vernunft immer gemeinschaftlich und immer in richtigem Verhältniss zusammenwirken. Hier aber wird überdiess nichts weiter verlangt, als dass man 1., solche Eigenschaften zur Charakterschilderung wähle, welche sich über die Thätigkeit aller Kräfte erstrecken, und daher den ganzen Menschen zeichnen; und 2., diese so, wie sie erscheinen, aufstelle, um auch der Phantasie zugleich ein sinnliches Bild zu geben. Diess letztere ist auf diesem Wege um so leichter möglich, da selbst die körperlichen Bewegungen eines Menschen mit seiner geistigen Thätigkeit in einer beständigen Analogie zu stehen pflegen, die wir schon im täglichen Gespräch so oft bemerken hören. Ueberhaupt scheint die Bewegung der Seelenkräfte sehr tief in dem Wesen des Individuums, und selbst in der Beschaffenheit seines Körpers gegründet. Sie ist es, durch die sich die verschiedenen, so genau mit physischen Eigenthümlichkeiten verbundnen Temperamente am auffallendsten unterscheiden, und je genauer man dieselbe untersucht, desto mehr findet man den ursprünglichen, noch nicht durch Erziehung und Bearbeitung umgeänderten Charakter. Die Bildung schleift vorzüglich hier die Extreme ab, beschleunigt den zu langsamen, hemmt den zu raschen, giebt dem ungleichen und unterbrochnen Gange die nothwendige Gleichförmigkeit. Wenn es richtig ist, dass die Erziehung den Menschen nur veranlassen soll, sich selbst zu bilden, so kann sie beinahe nichts Angemesseneres thun, als hauptsächlich diesen Rhythmus der Thätigkeit im Denken, Empfinden und Handeln zu leiten suchen. Indem sie ihn zwingt, in einer festen Bahn einen gleichförmigen Gang zu nehmen, stimmen sich die Kräfte von selbst in ihr richtiges und natürliches Verhältniss.

Zugleich bildet sich der Mensch fast in keinem andern Punkt so leicht nach einem fremden Muster, als in Absicht des Ganges und des Grades seiner Thätigkeit. Wer Gelegenheit hat z. B. zwei Menschen von langsamer Gedankenfolge, die viel und vertraut mit einander leben, zu verschiedenen Zeiten zu sehen, der wird bei jeder neuen Beobachtung diese Unvollkommenheit mehr als irgend eine ähnliche unter denselben Umständen gewachsen finden. Indess kommt diess auch zum Theil schon daher, dass diejenigen, welche einander in der Weile ihrer Gedanken und Empfindungen ursprünglich ähnlicher sind, sich begieriger aussuchen und fester mit einander verbinden. Denn die grösseste Verschiedenheit in Meynungen oder in Ansichten der Dinge schmälert nicht so sehr das Vergnügen einer raisonnirenden Unterredung, als eine bei weitem kleinere Ungleichheit in der schnelleren oder langsameren Folge, oder in der verschiedenen Verknüpfung der Ideen, wo z. B. der eine der Freiheit der Phantasie folgt, der andere sich an die strengen Regeln des logischen Zusammenhangs bindet. Ein langsamer und ein schneller Kopf können nie anders, als unter einem gewissen Zwang mit einander umgehn; und man sieht verständige und geschmackvolle Menschen selbst die geistreichsten fliehen, wenn sie ihnen zu lange bei einer Sache verweilen, oder zu flüchtig zu viel umfassen, obgleich jenes Verweilen oft nur von einem tieferen Ergründen, und diese Flüchtigkeit von einem schnelleren Begreifen herrührt. Noch mehr aber ist diess bei Verhältnissen der Fall, die Gefühl und Leidenschaft fodern. Wenn da die Empfindung des einen zu rasch zuvoreilt, indess der andere zu langsam zurückbleibt, oder wenn der eine schnell, aber flüchtig begeistert, der andre nach und nach, aber wenig erwärmt wird, so fühlen sich beide verlassen und einsam, und ringen vergebens nach dem höchsten Gipfel des Genusses, zu dem sie sich beide von Moment zu Moment wechselsweis hätten emportragen müssen.

Was sich in der Seele des Menschen bewegt, seine Gedanken, Empfindungen, Neigungen und Entschlüsse, und wie, in welcher Folge und Verknüpfung sie wirken, sind also die Punkte, worin sein Charakter besteht — das Verhältniss und die Bewegung seiner Kräfte, zugleich und als Eins gedacht. Denn darin liegt die Schwierigkeit der Kunst der Menschenbeobachtung, dass der Stoff und die Form des Geistes (Ausdrücke, die nach dem Vorigen nicht mehr dunkel seyn können) zugleich und als Eins vorgestellt werden müssen, eine Operation, bei welcher der Verstand und die Phantasie in Einer und ebenderselben Seelenthätigkeit gegenseitig auf einander bezogen werden müssen. Darum kann diese Kunst nicht nach Regeln erlernt werden. Das Genie besitzt sie von selbst; und wem die Natur diess versagt hat, der muss sie durch vielfache Uebung mühsam erwerben.

Die erste Regel jeder Charakterschilderung, die sich nach den bisherigen Betrachtungen beinah von selbst darbietet, ist die, dass der Charakter vorzüglich nach seinem subjectiven Werthe, und seinem innern Zusammenhange, nicht aber nach seiner äussern Tauglichkeit zu diesem oder jenem Zwecke, ja nicht einmal, wenigstens nicht ausschliessungsweise, nach der objectiven Güte seiner Producte beurtheilt, der Mensch nicht mit seinen Werken verwechselt werde.

Nur was wir sind, ist vollkommen unser Eigenthum, was wir thun, hängt von dem Zufall und den Umständen ab. Jeder Mensch, pflegt man mit Recht zu sagen, ist mehr als sein Werk, weil es ihm nie gelingt, das Ideal, das er im Kopf trägt, zu erreichen; obgleich in einem andern Sinn auch wiederum das Werk mehr ist als er, da es eine Frucht seiner gesammelten und exaltirten Kräfte ist, die sonst nur zerstreut und minder thätig wirken. Die gewöhnliche Beurtheilungsart, welche, unbekümmert um die Ursachen und Absichten der Handlungen, nur ihren objectiven Werth prüft, ist praktisch sehr nützlich, weil sie Gesetzmässigkeit befördert mit Strenge leere Entschuldigungen zurückweist, und doch nicht mit Argwohn bei guten Handlungen nach unedlen Absichten spürt; aber sie ist moralisch verwerflich, weil sie Schuld und Verdienst nicht abwägt, und philosophisch völlig unbrauchbar, weil sie nur das Betragen, nicht den Charakter untersucht. Die Menschenkenntniss kann als ein Zweig der Naturkunde angesehen werden, ihr einziger Zweck ist, den Menschen zu kennen, und zwar das Individuum, nicht bloss die Gattung; Aeusserungen, Geistesproducte, moralische Handlungen selbst dienen ihr daher nur als Data, nicht als Richtschnuren ihrer Beurtheilung. In unsern Tagen indess, wo man häufiger als sonst Passivität und Schlaffheit mit Bildung und Geistesfähigkeit vereint antrift, ist der Werth einer ausser sich productiven Kraft schon zu sehr herabgesunken, und durch übertriebene Vorstellungen von demjenigen, was der Mensch, unabhängig von aller äussrer Thätigkeit, seyn könne, verdrängt worden. Man vergisst, dass die menschlichen Kräfte wirklicher Lagen bedürfen, um sich zu ihrer wahren Stärke zu sammeln, dass eine unbestimmte Ausbildung so gut als gar keine ist, und dass wir tiefer in menschliche Verhältnisse eingehen (das einzige Mittel wahrer Cultur), wenn wir uns durch selbstthätigen Antheil an einen kleinen Kreis fesseln, als wenn wir uns durch kaltes Zurückziehn die Freiheit bewahren, uns jedem zu nahen. Selbst unsre Einbildungskraft schlummert, und wir bedenken nicht, dass ein Leben, das keine grosse That, kein wichtiges Werk, nicht einmal das Andenken an eine nützliche Geschäftigkeit unter einer grössern Anzahl unsrer Mitbürger hinterlässt, ein verlornes und vergebens verschwendetes Leben ist. Es war nothwendig, dieses Abweges hier warnend zu erwähnen, da gerade das Studium der Menschenkenntniss leicht verführen kann, ein bloss beschauendes Leben zu allzugrossem Nachtheil eines thätigen zu begünstigen, und über der Schätzung der blossen innern Anlagen und Gesinnungen der Menschen den Werth äusserer Brauchbarkeit und Nützlichkeit unrichtigerweise herabzusetzen.

Gewöhnlich wird man auf die subjective Beurtheilung von Menschen durch die objective ihrer Producte geleitet. Die Tragödiendichter verschiedner Nationen z. B. vergleicht man gewöhnlich bei Gelegenheit allgemeiner Untersuchungen über das Trauerspiel, und alsdann beschäftigt man sich freilich natürlicher mit den objectiven Foderungen, die sie erfüllt oder nicht erfüllt haben, als mit den interessanten Geistesanlagen, die sie ihrem nationellen oder individuellen Charakter nach einer vor dem andern verrathen. Auf den ersten Anblick sollte man sogar denken, dass die letztere Rücksicht der allgemeinen Untersuchung nachtheilig seyn könnte. Dennoch bemerken wir gerade das Gegentheil. Die Urtheilskraft ist, im Ganzen genommen, geschäftiger in uns als der Erfindungsgeist, und wir sind mehr gemacht, ein uns gegebnes Gebiet zu reinigen, als zu erweitern. Wir laufen daher nie so grosse Gefahr, durch die begierige Aufsuchung neuer, selbst fehlerhafter Varietäten einen verderbten, als durch die strenge Beurtheilung jeder Eigenthümlichkeit nach Einer Regel einen dürftigen und einseitigen Geschmack zu bekommen. Richtigkeit ist das Werk der Vernunft, Reichthum ein Seegen der Natur. Die Thätigkeit der Vernunft steht in unsrer Gewalt, die Gaben der Natur müssen wir erwarten. Dem Wege, von dem wir hier reden, entgegengesetzt ist der, wo man von der Beurtheilung der Menschen aus zu der ihrer Producte übergeht. Dieser ist es, den man in diesem Werke durchgängig gewählt finden wird. Richtig verfolgt müssen beide an dasselbe Ziel führen: zu vollkommener objectiver Richtigkeit in entschiedener subjectiver Eigenthümlichkeit. Natürlicherweise wird indess auf dem einen die nothwendige Uebereinstimmung, auf dem andern die erlaubte Verschiedenheit mehr ins Licht gestellt werden, und darum muss man jeden besonders, mithin beide nach einander einschlagen. Auch wird jeder Kopf von Natur nur für den einen gebohren seyn, und sich nur durch Studium auch an den andern gewöhnen.

Wir können diese Betrachtung nicht zweckmässiger beschliessen, als mit der Erinnerung an einen wichtigen Charakterzug, durch den sich die Deutsche Nation von allen früheren und gleichzeitigen und das Ende dieses Jahrhunderts von dem Anfange desselben unterscheidet. Es mag dahingestellt bleiben, ob man den Deutschen eben so jetzt die entscheidende Stimme in der Kritik, insbesondre der ästhetischen (bei der wir hier zur Erläuterung unsers Satzes stehen bleiben können) beimessen dürfe, als man sie den Franzosen unter Ludwig XIV. und noch späterhin einstimmig zugestand. Wenn es erlaubt ist, diess einen Augenblick anzunehmen, so könnte das Urtheil beider unmöglich mehr und auffallender entgegengesetzt seyn. Die Franzosen jener Periode kannten schlechterdings nur Eine, zugleich nach den Mustern der Alten und den Gränzen ihrer Individualität gemodelte Form, dieser Einen Regel unterwarfen sie alles, ohne Schonung irgend einer Eigenthümlichkeit, in die sie nicht einmal einzugehen werth achteten. Es ist nicht möglich, um den mildesten Ausdruck zu brauchen, befremdendere Urtheile über die Griechen und über Shakespeare zu lesen, als Voltaire, der nicht mit Unrecht für den Repräsentanten jener Kritiker gilt. so oft ausspricht, und selbst diejenigen, welchen die Alten ein Gegenstand des täglichen Studiums und der Verehrung waren, vermögen es nicht, nur auf einen Augenblick aus dem Standpunkte ihrer Zeit und ihrer Nation (denn der Einfluss von beiden kommt hier zusammen) herauszutreten. Barthelemy's Anarcharsis Barthélemys berühmter Roman Voyage du jeune Anarcharsis en <placeName ref="geo-390903">Grèce</placeName> vers le milieu du quatrième siècle avant l’ère vulgaire erschien zuerst Paris 1788. liefert hierzu fast auf jeder Seite die neuesten Beispiele. Wir hingegen gewöhnen uns jetzt die Eigenthümlichkeiten jeder Zeit und jeder Nation zu studiren, so viel wie möglich in dieselben einzugehen, und diese Kenntniss zum Mittelpunkt unsrer Beurtheilung zu machen. Wenn jenes erstere Verfahren zugleich, wie die Uebermacht des Französischen Geistes so lange that, die andern Nationen in knechtischer Unterdrückung zurückhielt, und die Gemeinschaft mit ihnen erschwerte, wenn es ausserdem noch den freien Blick auf die Menschheit hinderte und verfälschte, so muss dieses letztere nothwendig zugleich alle Kräfte wecken, die erwachten in Berührung bringen, und die vollständigste Uebersicht über alle Theile des Menschengeschlechts zur Hervorbringung der reinsten und höchsten Humanität verstatten. In der That giebt es keinen ehrwürdigern Charakterzug, der unserer Zeit, und man darf es mit Stolz hinzusetzen, unsrer Nation so ausschliessend angehörte, und so beruhigende und erhebende Hofnungen für die Zukunft gewährte, als dieser. Da die Fortschritte der Erdkunde, der philosophischen Aufklärung, und des gelehrten Forschungsgeistes zugleich thätig waren, um ihn hervorzubringen, da fast alle Eigenthümlichkeiten dieses Jahrhunderts mit ihm in Verbindung stehen, und der grösste Theil der wohlthätigen Folgen, die ein solcher Vorzug hervorbringen muss, erst künftig zu erwarten sind, so wird sich ein sehr grosser Theil dieser Charakteristik einzig damit beschäftigen, diese Charakterseite gehörig zu entwickeln, und aus ihren ächten Ursachen zu erklären.

Die so eben aufgestellte Regel verweist den Beobachter des Menschen an die innere und subjective Beschaffenheit seiner Seelenkräfte; die zweite, die unmittelbar zunächst aus der vorigen herfliesst, verlangt, dass er auch diese noch so viel als möglich nach der Art ihrer Entwicklung und ihrer Thätigkeit (genetisch) zeichne, und mehr den Gang, als das Resultat ihrer Ausbildung und ihrer Wirksamkeit schildre.

Alle Vorzüge, die denjenigen Beschreibungen überhaupt eigenthümlich sind, welche das Wesen eines Gegenstandes von seinem Ursprunge herleiten, und in seiner Entstehungsart seine Beschaffenheit zeigen, treffen bei der Schilderung eines Charakters in doppelt hohem Grade zusammen. Denn die eigne Mitwirkung des Geistes, die immer auf diesem Wege lebhafter und dauernder erregt wird, ist nirgends so nothwendig, als hier, wo der Gegenstand niemals durch Begriffe vollkommen ausgemessen werden kann, und wo es nicht möglich ist, ihn genau und richtig aufzufassen, ohne ihn gleichsam selbst, nur nach den beobachteten Datis, erst neu zu bilden. Jeder gute Beobachter wird daher schon im täglichen Gespräch, wenn er die Schilderung eines Charakters entwirft, denselben, mehr wie der Dichter, handelnd und redend einführen, als gleich dem Moralisten seine Eigenschaften einzeln herzählen; und selbst der schlechteste Kopf wird sich sehr bald durch die Schwierigkeit, für die verschiedenen Modificationen der Gemüthsstimmungen und ihrer Grade angemessene Ausdrücke aufzufinden, zu demselben Verfahren genöthigt sehen. Denn dem Mangel an bestimmten und entsprechenden Bezeichnungen, der in allen Sprachen wenigstens in Vergleichung mit der Menge der zu bezeichnenden Gegenstände sehr gross ist, und den Fortschritten der raisonnirenden Menschenkenntniss eine so grosse Schwierigkeit entgegensetzt, ist es kaum möglich anders, als durch ausführliche Umschreibungen zweckmässig abzuhelfen. Die Methode, neue Wörter zu bilden, oder alten eine bestimmtere Bedeutung unterzulegen, so empfehlungswürdig sie auch an sich ist, muss hier mit doppelter Vorsicht angewandt werden.

Alle Wörter, welche moralische Eigenschaften bezeichnen, können nur immer bis auf einen gewissen Grad, nie aber ganz, den Dingen, die sie bezeichnen, entsprechen. Sie drücken, wie alle Wörter überhaupt, Begriffe aus, welche feste und bestimmte Gränzen haben, da ihre Objecte, vermöge der unauflösbaren Verbindung, in welcher alle Theile der moralischen Welt unter einander stehen, ohne alle eigentlich bemerkliche Gränzen in einander überfliessen. Dieser Verlegenheit hilft der Sprachgebrauch ab, indem er, ohne sich so genau an den logischen Begriff eines Worts zu halten, die Anwendung desselben mehr den Aussprüchen eines geübten Gefühls unterwirft. Daher pflegen alle diese Ausdrücke eine doppelte Sphäre zu haben. eine logische, nach den Gränzen des Begriffs, den sie bezeichnen, und eine praktische, welche die Gewohnheit und der Sprachgebrauch bestimmt. Der wahre Unterschied zwischen beiden müsste auf demjenigen beruhen, welcher immer zwischen dem durch den Verstand gemachten Begriff, und dem durch den Sinn und das Gefühl aufgefassten Bilde eines Gegenstandes ist, welche beide, da wir mehr und feiner wahrnehmen und fühlen, als denken, nie vollkommen zusammenfallen. Der wirkliche Unterschied in den meisten Sprachen hingegen hängt freilich mehr von Zufall und Vorurtheil ab. Man darf nur bei einigen solcher Ausdrücke, wie z. B. Witz, Feinheit, Schwärmerei u. s. f. den Umfang des Sprachgebrauchs mit den besten und bestimmtesten Definitionen derselben vergleichen, um sich zu überzeugen, dass der erstere bald grösser, bald kleiner ist, als der letztere. Daher drückt sich ein Anfänger in einer Sprache so oft uneigentlich aus, ohne doch geradezu falsch zu reden, darum nehmen die Menge der Synonvmen immer mit dem Grade der Ausbildung der Sprache ab, und darum erkennt von diesen der raisonnirende Sprachforscher noch immer mehrere an, als der Gebrauch der feinsten und gebildetsten Schriftsteller. Wird nun ein Wort neu geformt, oder doch seine Bedeutung neu gestempelt, so hat es fürs erste wenigstens bloss die eine, logische Sphäre des dadurch bezeichneten Begriffs. Es stellt daher nur diesen dem Verstande dar, die Phantasie und das Gefühl lässt es unberührt; denn da es durch eine freie Verstandeshandlung, nicht bei Gelegenheit und auf Veranlassung einer Wahrnehmung des Takts entstanden ist, und der Gebrauch noch keine Nebenvorstellungen damit verknüpft hat, so haben beide nichts, woran sie es festhalten könnten. Daher sind viele und vorsätzlich gemachte neue Worterfindungen nur in völlig speculativen oder technischen Wissenschaften empfehlungswürdig, wo man es mit blossen reinen Verstandesbegriffen, nicht mit wirklichen Dingen zu thun hat, oder wo es genug ist, diese nach einzelnen Eigenschaften zu unterscheiden; in dem Gebiete der praktischen Philosophie hingegen, wo es darauf ankommt, in der Erfahrung gegebene moralische Gegenstände nicht bloss nach gewissen Kennzeichen zu denken, sondern sie nach ihrer natürlichen Beschaffenheit ganz vorzustellen, muss man mit diesem Hülfsmittel viel sparsamer und vorsichtiger umgehn, wenn man nicht Gefahr laufen will, seinem Raisonnement allen Geist und alle Fruchtbarkeit zu benehmen. Zwar vermindert die Gewohnheit, die sich. selbst bei dem neuesten Ausdruck, nach und nach bildet, mit der Zeit einen Theil des geschilderten Nachtheils, aber immer bleibt bei vorsätzlichen Sprachbereicherungen dieser Art ein zu grosses Uebergewicht, wenn nicht der Willkühr, doch der Selbstthätigkeit des Verstandes da übrig, wo man die Empfänglichkeit der Beobachtungsgabe frei und unabhängig wirken lassen soll.

Ohne also noch auf höhere Vorzüge Anspruch zu machen, nöthigt schon die Armuth und Unbestimmtheit der Sprache, die es pedantisch und zweckwidrig seyn würde, in einer Kunst, welche nur als die freie Beschäftigung des gesellschaftlichen Gesprächs und des täglichen Lebens gedeiht, wissenschaftlich und systematisch berichtigen zu wollen, zu ausführlicheren Umschreibungen seine Zuflucht zu nehmen. Allein auch ausserdem dringt man nie tief in das Wesen eines Charakters ein, wenn man nicht das Geheimniss seiner Verrichtungen zu enthüllen versucht. Nur dann versetzt man sich ganz in den Mittelpunkt seines Objects, und läuft nie Gefahr, dasselbe aus einem fremden Standpunkt falsch oder einseitig anzusehn. Diese Foderung aber ist freilich noch nicht erfüllt, wenn, wie wir oben sagten, der Charakter selbst redend und handelnd eingeführt wird, wodurch man doch nur immer bei seiner Aussenseite stehen bleibt. Das innere Spiel der Kräfte muss aufgedeckt, die Beziehungen derselben auf einander müssen gezeigt, die Triebfedern der Handlungen auseinandergelegt werden.

Man soll also schildern, was nirgends und niemals den Blicken unmittelbar erscheint: man soll in mehrere Kräfte zerlegen, was immer nur als Eine ungetheilt wirkt; was die Menschenkenntniss auf diesem Wege an philosophischer Tiefe gewinnt, scheint sie wiederum nothwendig an natürlicher Wahrheit zu verlieren.

Hieraus fliesst eine dritte, äusserst wichtige Regel her: dass man bei jeder Charakterschilderung immer dasjenige, was unmittelbar in die Sinne fällt, die Handlungen und Aeusserungen überhaupt, vorausschicke, und von da nach und nach zu demjenigen, was weniger deutlich sichtbar ist, bis zu der innern Beschaffenheit des Charakters übergehe, die gar nicht mehr wahrgenommen, sondern allein geschlossen werden kann.

Alles, was nur immer über einen vollständig gezeichneten Charakter gesagt werden kann, lässt sich in drei Classen bringen, die in Absicht auf ihre mittelbare oder unmittelbare Evidenz stufenweis von einander unterschieden sind. In die erste kommen die eigentlichen Thatsachen, auf welche sich alles übrige nothwendig stützen muss, die Reden, Handlungen und Aeusserungen überhaupt, die physische Beschaffenheit des Subjects, seine Mine und seine Gestalt; in die zweite die allgemeinen Eigenschaften, welche sich aus jenen Thatsachen unmittelbar ergeben, und auf die jeder ohne weiteres Studium sogleich schliesst, als er jene wahrnimmt; in die dritte endlich der eigentliche innere Charakter in seiner wesentlichen Beschaffenheit, das Verhältniss und die Bewegung seiner Kräfte, die Art ihres Zusammenwirkens in der Thätigkeit ihrer Verrichtungen.

Wenn man auf diese Weise die verschiedenen Charakterbestimmungen, deren sich ein Beobachter bedienen kann, nach dem Grade ihrer Evidenz von einander absondert, wenn man alle oft unter einander vergleicht, und die Thatsachen lieber als Grundlagen vorausschickt, denn als Beweise nachfolgen lässt, so hat man nicht leicht zu besorgen, die Natur gerade dann zu verfehlen, wenn man ihr Innerstes zu durchspähen versucht. Auch fehlt es nicht an mancherlei Hülfsmitteln die Schwierigkeiten zu vermeiden, welche sich der Erforschung des Gemüths in der Thätigkeit seiner Verrichtungen selbst entgegensetzen. Zu diesen pflegt man wohl, vorzüglich in moralischen oder psychologischen Schriften, die allgemeinen Charakterformen zu rechnen, in denen man nach einer willkührlich angenommenen Seite, einem Temperament oder einer Leidenschaft, die übrigen analogisch bestimmt. Diese aber sind dem Studium der Menschenkenntniss vielmehr nur nachtheilig. Sie gewöhnen, bei zu allgemeinen, nicht genug individualisirten Beschreibungen stehen zu bleiben, und ganze Charaktere zu sehr von einzelnen Seiten zu betrachten. Auch haben sie immer ein so einförmiges und systematisches Ansehn, dass nur die einseitigsten und gewöhnlichsten Charaktere in der Wirklichkeit damit zusammentreffen, oder mahlen bloss, wie das komische Theater so oft, Einen einzigen Zug durch alle seine kleinlichen Aeusserungen hindurch aus. Daher ist die Tragödie, wo der Dichter die Charaktere nach den Handlungen und Begebenheiten bestimmt, soviel fruchtbarer für die Menschenkenntniss, als die Komödie, wo er gewöhnlich den umgekehrten Weg nimmt, und die Fabel aus den früher entworfenen Charakteren hernimmt. Ueberhaupt ist die Schwierigkeit zu gross, ganze Charaktere aus eigner Erfindung, und doch raisonnirend, nicht dichterisch, zusammenzusetzen. Viel zweck- mässiger beschränkt man sich auf die Untersuchung einzelner Gemüthskräfte, Leidenschaften, Stimmungen u. s. f., erforscht, welche Gestalt eine Kraft annimmt, wenn sie diesen oder jenen Grad des Uebergewichts über die übrigen erlangt, mit welchen andern sie wohl Verbindungen eingeht, ob leicht oder schwer, ob flüchtig oder dauernd, ob sie alsdann meist herrschend oder untergeordnet ist, und welche Erscheinungen sie in allen diesen verschiedenen Fällen hervorbringt. Für diese einzelnen Fälle kann man in seiner Erfahrung lebendige Beispiele auffinden, man kann sich Charaktere auszeichnen, welche einzelne Eigenschaften im Extrem zeigen, und dadurch zum Maassstab für geringere Grade dienen, andre, welche sich durch ihre Aehnlichkeit, andre, welche sich durch ihren Gegensatz erklären u. s. f., und diess allein ist es, worauf alles ankommt, so wenig als möglich allgemeine Begriffe des Verstandes, oder schwankende Bilder der Phantasie, sondern immer wahre Natur, und wirkliche Beobachtungen gegenwärtig zu haben.

Die Kunst einer vollkommen praktischen Menschenkenntniss beruht allein auf drey verschiedenen Punkten: richtige und vollkommen individuelle Beobachtungen zu machen, aus denselben das Wesen des Charakters, das in den Aeusserungen nur theilweise erscheint, gehörig und ganz zu abstrahiren, und sich von der Beobachtung zu dem Begriff, und von diesem zu jener mit vollkommener Leichtigkeit hin- und herüber zu bewegen, um beide durch einander gegenseitig zu berichtigen. Wem das Talent eigen ist, diese drei Handlungen zugleich so unabhängig als möglich von einander vorzunehmen, und einander dennoch so nah zu bringen, dass, indem er die eine verrichtet, er zugleich die andre schon vorbereitet, der allein besitzt das ächte Genie zur Menschenbeobachtung.

Zu den bestrittensten Punkten in Absicht auf die Menschenkenntniss gehört ohne Zweifel die Frage: welchen Einfluss man der Beobachtung der äussern Gestalt und Mine auf das Urtheil über den innern Charakter verstatten müsse? Je nachdem die Gefahr, auf einem zu empirischen Wege in Schwärmerei und Chimären zu versinken, oder die, sich mit gänzlicher Abweichung von der Natur in grübelnde Speculation zu verlieren, grössere Besorgnisse erregt, pflegt man diesen Einfluss entweder gänzlich zurückzuweisen, oder zu hoch anzuschlagen. Wir wollen versuchen, diesen Streit durch eine einfache Regel zu schlichten, und glauben als solche mit Gewissheit folgende aufstellen zu können.

Vierte Regel: Man darf die physische und physiognomische Beschaffenheit eines Subjects niemals geradezu als eine Erkenntnissquelle für den innern Charakter betrachten; aber man muss dieselbe genau und vollständig studiren, um die auf andern Wegen erhaltenen Resultate Schritt vor Schritt mit derselben zu vergleichen, und durch sie theils zu berichtigen, theils genauer zu bestimmen.

Unter der physischen Beschaffenheit muss man jedoch mehr, als gewöhnlich geschieht, zusammenbegreifen. Sie umfasst die ganze physische Natur des Subjects, nach der Art, wie dieselbe innerlich ist, und äusserlich erscheint. Die einzelnen Punkte, auf die es bei derselben ankommt, sind ohngefähr folgende:

die gleichsam mechanische Lage der Theile des Gesichts und des Körpers, von deren verschiedenem Verhältniss, Grösse und Beschaffenheit die innere Tauglichkeit und Stärke und das äussere Ansehen desselben abhängt. der Eindruck auf den ästhetischen Beobachter, die Schönheit oder Hässlichkeit. der Eindruck auf den physiognomischen Beobachter, der Charakterausdruck in der Ruhe und der Bewegung. die eigenthümliche Natur der physiologischen Verrichtungen, durch deren individuelle Verschiedenheit der physische Unterschied mehrerer Menschen im Zustande der Gesundheit entspringt. die pathologische Eigenthümlichkeit, die Anlage des Körpers zu gewissen Gattungen der Krankheiten, und das Verhalten der Natur im Kampf mit denselben.

Würde ein einziges auch sogar in sich unbedeutendes Individuum nach allen diesen Rücksichten physisch und hernach auch nach den vorher erwähnten moralisch erkannt, so gewänne die Menschenkenntniss dadurch auf einmal so ungeheure Fortschritte, dass alle ihre bisherigen als Nichts dagegen verschwänden. Es würde auf einmal der ganze Zusammenhang der innern und äussern Natur des Menschen vollkommen durchschaut, und man besässe die Form seines Wesens, die alsdenn auf alle übrige Subjecte eine leichte Anwendung leiden würde. Aber es ist offenbar unmöglich, je zu diesem Ziel zu gelangen, und nicht darum, um alles zu ergründen, sondern nur darum, um in dem Wenigen, was wir erspähen, nicht allzugrosse Fehler zu begehn, ist es nothwendig unsre Blicke nach so verschiedenen Seiten zu richten.

Die Physiognomik pflegt seit einiger Zeit als ein trügliches und chimärisches Studium verworfen zu werden. Ohne sie gegen diesen Vorwurf retten zu wollen, sey es uns genug zu bemerken, dass sie denselben gerade ihren Beschützern verdankt, und dem Bemühen, sie von einer Kunst, die mehr zur Schärfung des Blicks des Beobachters, als zur Ergründung des beobachteten Gegenstandes zu dienen, mehr uns im ersten Augenblick zu leiten, als in überlegten Entschlüssen den Ausschlag zu geben bestimmt ist, zu einer Wissenschaft zu erheben. Woher käme sonst der Widerspruch, dass auch diejenigen, welche sie als Theorie entschieden verwerfen, dennoch im Leben täglich Gebrauch von ihr machen? Der Fehler der neuern Physiognomiker besteht darin: 1., die äussre Gestalt nicht bloss zu einer Erkenntnissquelle überhaupt, sondern zur besten und fast einzigen des ganzen innern Charakters zu machen; 2. Resultate, die sich aufs höchste aus dem lebendigen Anblick der ganzen Gestalt ergeben können, aus einzelnen Umrissen in Bildern und Schattenrissen zu ziehen, überhaupt der Grösse und dem Verhältniss der einzelnen und festen Theile zu grosse Wichtigkeit beizumessen, den Eindruck des Ganzen und die beweglichen Züge hingegen zu sehr zu vernachlässigen. Alles, was sich der mathematischen Methode nur von fern nähert, tödtet den Geist der ächten praktischen Physiognomik, die sich aber freilich nicht so glänzender Erfolge rühmen kann, als jene theoretische und wissenschaftliche.Es ist in der That zu verwundern, wie ein wenigstens oft so scharfsinniger Kopf, als Lavater, und ein so treflicher Naturforscher, als Camper, so lange dabei verweilen können, die Aehnlichkeit jener eines Löwen und eines Apollokopfes, dieser eines Vogels und eines Pferdes u. s. f. durch die Entfernung oder Näherung zweier Linien in nach und nach erweiterten oder verkleinerten Winkeln zu zeigen. Sie scheinen gemeint zu haben, hierin eine Aehnlichkeit der Bildung ganz verschiedener Wesen zu entdecken, die, wenn sie wirklich ausser uns (zufällig durch die Natur oder absichtlich durch den Schöpfer) vorhanden wäre, allerdings Bewunderung und Prüfung verdiente. Aber diese Einförmigkeit rührt einzig und allein von uns selbst her, aus der nothwendigen Form unsrer sinnlichen Anschauung. Da uns jeder Körper in einem begränzten Raum, in einer gewissen Gestalt erscheint, und die Gränzen dieser Gestalt auf den einfachen Dimensionen des Raums (nach der Länge, Breite und Höhe) beruhen, so ist es sehr begreiflich, dass durch die verschiedene Zusammensetzung und Neigung der Linien, welche diese Dimensionen bezeichnen, alle mögliche Gestalten auf einander zurückgebracht werden können. — Die Gleichförmigkeit des Baues der ganzen animalischen und zum Theil auch der vegetablen Natur ist allerdings bewundernswürdig, aber sie muss in der physischen und chemischen Beschaffenheit der Theile und ihren physiologischen Verrichtungen, nicht in der Aehnlichkeit ihrer Gestalt aufgesucht werden.

Die Aufsuchung des physiologischen und pathologischen Charakters ist das Geschäft des denkenden Arztes. Aber dieser Gegenstand ist leider noch in einem zu grossen Dunkel verhüllt, und die Natur desselben versagt uns sogar die Hofnung, ihn je bis zu dem Grade aufklären zu können, dass er auch auf den moralischen Charakter ein wohlthätiges Licht zurückzuwerfen vermöchte. Indess sind doch einige Züge hier zu auffallend, um übersehen zu werden. So ist es z. B. in unsern Tagen eine unläugbare Erscheinung, dass besonders bei dem andern Geschlecht und in den höhern Ständen nicht bloss Nervenkrankheiten sehr häufig sind, sondern dass sich auch durchaus eine grosse Nervenreizbarkeit äussert, welche ein offenbares Uebergewicht der Nervenkraft verräth. Die wichtige Frage, ob die Kultur unsre physische Constitution schwächt, und ob nur eine falsche und einseitige, oder ob überhaupt jede, auch die beste und gleichförmigste, dadurch dass sie, indem sie das ganze menschliche Wesen mehr verseinert und höher spannt, auch den Körper in eine grössere und mehr verwickelte Thätigkeit, die sich daher auch leichter aufreibt, versetzt? — kann nicht anders als mit der sorgfältigsten Rücksicht auf die physiologische Beschaffenheit des Menschen beantwortet werden. Schon die alte, nur zu sehr durch Hypothesen entstellte, und zu wenig durch Beobachtungen aufgehellte Lehre von den Temperamenten ist aus diesem Gebiet hergenommen. Dennoch hat man diesem Gegenstand noch immer zu wenig Aufmerksamkeit gewidmet. Der moralische Erzieher versucht doch immer, ein allgemeines Bild des ganzen Charakters seines Zöglings, unabhängig von einzelnen Vorzügen oder Fehlern, seiner Neigung zu diesem oder jenem Extrem u. s. f. zu erlangen. Ebenso sollte der philosophische Arzt noch angelegener streben, sich mit dem allgemeinen philosophischen Charakter eines Subjects, auch im gesunden Zustande, mit dem Verhältniss seiner verschiedenen organischen Kräfte, dem Gange der Thätigkeit ihrer Verrichtungen, der Geneigtheit zu Krankheiten, die sich aus innern organischen Fehlern oder Misverhältnissen erzeugen, und dem Grade der Empfänglichkeit zur Aufnahme fremder Krankheitsstoffe bekannt zu machen. Eine solche Kenntniss gäbe alsdann Grundlage zur Kurart im kranken und noch mehr zur nothwendigen Diät im gesunden Zustande ab. Allein so praktisch diese Arbeit seyn würde, wenn eine grosse und sichre Hofnung ihres Gelingens vorhanden wäre, so sehr wird sie durch die Unmöglichkeit, je weit darin vorzudringen, zu einer blossen speculativen Beschäftigung, und der praktische Arzt hütet sich daher mit Recht vor der Gefahr, dadurch in seinem, bei weitem ehrwürdigeren und nützlicheren Geschäfte gestört zu werden. Jeder irgend denkende Mensch aber sollte sich, was ohne grossen Zeitaufwand geschehen kann, die allgemeinen wissenschaftlichen Kenntnisse von dem Bau und den Verrichtungen des menschlichen Körpers verschaffen, und nun an sich selbst Versuche und Beobachtungen anstellen, und überhaupt, was auch in andrer Hinsicht sehr heilsam seyn würde, mehr auf eine richtige Behandlung seiner Gesundheit bedacht seyn, und es würde alsdann nicht fehlen, dass auf diesem Wege nicht in Kurzem eine Menge von Erfahrungen gesammelt werden sollten.

Die soeben genannten Hülfsmittel zur Menschenkenntniss sind daher, wie man leicht einsieht, nicht von der Art, dass sie unmittelbar wichtige und genau bestimmte Resultate versprechen sollten. Aber sie leisten dagegen einen noch mehr ausgebreiteten und wichtigeren Nutzen. Indem die Seele des Beobachters sich die Gestalt, die physische Beschaffenheit und sogar (denn auch diess muss hieher gerechnet werden) die äussre Lage des beobachteten Individuums einzuprägen sucht, macht sie sich genauer mit demselben bekannt, und kommt mehr in den Stand, sich an die Stelle desselben zu versetzen. Der Takt, von dem in der Menschenkenntniss so viel abhängt, kann und muss durch ein doppeltes Mittel unterstützt werden. Das erste besteht darin, die Aussprüche desselben immer auf deutliche Begriffe zurückzubringen und nach den Regeln des Verstandes zu prüfen, das zweite ist aber das, wovon wir hier reden, die äussre Erscheinungsart des Subjects genau zu beobachten und sich lebendig einzuprägen. Jenes berichtigt seine Fehler, nachdem er sehr thätig gewesen ist; diess leitet ihn während seiner Wirksamkeit selbst, und ist daher insofern noch wichtiger, als das erstere. Es ist mit diesen Hülfsmitteln gerade ebenso, als mit dem des Reisens. Bei dem heutigen Zustand unsrer Literatur ist das Reisen selten nothwendig, um eigentliche Nachrichten über die Länder einzuziehen, die man besucht; diess kann in der Regel zu Hause, unter einer tüchtigen Menge guter Bücher besser und bequemer geschehen. Aber es führt den Geist unmittelbar in die verschiedene Lage der Nationen ein und macht ihn mit ihren Sitten und ihrer Lebensart (wenn er dieselbe auch theoretisch schon vorher vollkommen kennt) vertraut, und nützt selbst dann, wenn man ganz andere Gegenden besucht, als diejenigen, welche man studiren will, indem es die Gewandtheit befördert, sich in verschiedne Lagen zu versetzen. Daher ist es dem feineren Beobachter des Menschen so unentbehrlich; darum reist aber auch nur der schon sehr tief Unterrichtete mit eigentlichem Vortheil. Wer auf der Reise erst lernen will, ist in jeder Rücksicht verloren; man muss bloss sehen, was man schon weiss.

Nicht also für eine Erkenntnissquelle des innern Charakters kann die Beobachtung der äussern physischen Beschaffenheit gelten, nur für ein Hülfsmittel, den Beobachter sichrer bei der Natur zu erhalten, die anderswoher gefundnen Resultate zu prüfen, und sich anfangs einigermaassen zu orientiren. Sie muss die leeren Momente ausfüllen, in welchen noch nichts Wichtigeres geschehen kann, und ohne sich noch ein Urtheil zu erlauben, ohne nur ein Raisonnement zu wagen, muss man fürs erste bloss sehen und auffassen. Erst wenn man auf zuverlässigeren Wegen schon Resultate gefunden hat, darf die Vergleichung mit dem physiognomischen Eindruck beginnen. Trift man eine Verschiedenheit an, so muss eine sorgfältige Prüfung diesen oder jene berichtigen. Kommen beide mit einander überein, so muss der letztere die ersteren in ihren feineren Modifikationen und in ihren Graden bestimmen. Die Gestalt und die Mine thut alsdann dasjenige, was bei dem begleiteten Gesang die Musik leistet. Wie diese dem Sinn der Worte zwar immer getreu bleibt, aber denselben bald verstärkt, bald mildert, oder den Uebergang der Gedanken, welcher im Ausdruck immer loser und abgebrochener wird, fester und stetiger macht, ebenso geschieht es auch hier. Der Blick des Auges, der Schnitt des Mundes, die Falten der Stirn z. B. mahlen in ihren feineren Nüancen und Graden die leidenschaftliche Heftigkeit des Charakters, welche sich ausserdem in einzelnen Handlungen und dem ganzen Betragen verräth.

Nicht selten sind gewisse Züge der Physiognomie so auffallend und hervorstechend, dass man sich nicht erwehren kann, ihnen nicht eine entsprechende moralische Bedeutung zuzuschreiben, die man doch in der übrigen sichrer begründeten Charakterkenntniss entweder vermisst, oder gar widerlegt antrift. Es entsteht alsdann die Frage: wem man in diesem Fall das Versehen beimessen soll? ob der physiognomischen oder der innern intellectuellen Beobachtung? Wäre man gewiss, sich nicht in der ersten zu irren, so müsste man die Schuld unmittelbar auf die letztere schieben. Denn dass ein stark gezeichneter Zug ganz bedeutungslos sey, lässt sich auf keine Weise annehmen, und man kann nie einem zuverlässigeren Führer folgen. als dem Ausdruck der Natur. Deswegen und weil doch auch wiederum jene Gewissheit nie vollkommen erlangt werden kann, wird der feine Menschenbeobachter in solchen Fällen sein Urtheil aufschieben; wird er aber genöthigt, sich für eine Meynung zu erklären, so wird es einzig und allein, und ohne dass sich eine Regel dafür angeben liesse, von seinem Genie abhängen, ob er die richtige oder die falsche erwählt:

Gewisse Eigenschaften des Menschen werden unläugbar in hohem Grade durch die physische Natur bestimmt; andere sind mehr ein Eigenthum seiner Vernunft und Freiheit. Die erstern drücken sich natürlich auch deutlicher in der Gestalt und der körperlichen Beschaffenheit aus, als die letzteren. Daher kann es stark angedeutete Züge geben, deren moralische Bedeutung die Kultur und Moralität so gut als gänzlich verlöscht haben. Auch giebt es ganze Charaktere und einzelne Fälle, in welchen die physische Natur eine stärkere Gewalt ausübt, und in denen man daher auch ihrem Ausdruck mehr Gewicht beimessen muss. Zu diesen gehören die des Geschlechts, der Alter, zum Theil der Nationen, ja einzelner Individuen, welche der Herrschaft ihres Temperaments mehr unterworfen sind, ferner die sinnlichen Kräfte des Menschen, seine Neigungen und Triebe mehr als die intellectuellen und moralischen, endlich die Momente, in welchen die Heftigkeit der Leidenschaft die Ruhe des Gemüths und die vernünftige Ueberlegung verdrängt. Was in diesen Fällen vom Naturcharakter auch nur schwach durchscheint, wird der gute Beobachter sich immer merken; denn der wirkliche Charakter ist nicht und darf nicht der blosse und reine Willenscharakter, er ist und muss immer ein Zusammengesetztes von beiden seyn: die ursprüngliche Natur berichtigt und gebilligt durch die Vernunft und die Freiheit.

Der Begriff einer ächten Charakterschilderung ist nunmehr zur Genüge entwickelt.

Sie muss alle Eigenthümlichkeiten des Individuums, aber nichts weiter als diese enthalten, und das innere Wesen desselben vollständig und getreu darstellen, nach dem Verhältniss und der Bewegung seiner Kräfte, in der Thätigkeit seiner Verrichtungen, in Beziehung auf seine fortschreitende Entwicklung, nach der innern Beschaffenheit und dem äussern Ausdruck desselben in dem Körper und der Gestalt.

Ist diess aber, dürfte man nicht mit Unrecht fragen, die Art der Charakterschilderung, mit der man es wagen kann, grosse Perioden der Menschheit und ganze Jahrhunderte zu zeichnen, oder ist nicht vielmehr eine so ausführliche, feine, raisonnirende Methode nur für einzelne Subjecte oder gar nur für einzelne Lagen des wirklichen Lebens geeignet? Der Dichter, welcher individuelle Scenen darstellt, muss in die wechselnden Gemüthsbewegungen, Gefühle und Leidenschaften eingehn, er muss seinem Takt und seinem Genie die nothwendige Freiheit gewähren. Aber der Geschichtschreiber bedarf eines andern, mehr einfachen und zuverlässigeren Führers. In einem Jahrhundert verschwinden die Menschen, und nur ihre Werke bleiben zurück. Wer also diess zu zeichnen unternimmt, muss die Menschheit nicht sowohl denkend oder empfindend, sondern handelnd schildern; und wie ist es möglich, den grossen, sichern, einfachen, politischen Blick zu behalten, wenn der Geist durch eine Menschenbeobachtung, wie die oben geschilderte, zu sehr verfeint und verzärtelt worden ist?

Allerdings ist der Schilderung der Menschheit im Grossen nichts so nachtheilig, als eine solche Verzärtelung, und unläugbar ist diese kränkelnde Gemüthsstimmung auch unserm Zeitalter, mehr als den vorigen, sogar unsrer Nation, mehr als den auswärtigen, eigen. Sie ist es, welche den philosophischen Forscher so oft begieriger nach verborgenen Feinheiten, als nach offenbaren grossen und fruchtbaren Wahrheiten suchen, den Dichter verwickelte und seltne Gefühle den gewöhnlichen und natürlichen vorziehen lässt, und uns überhaupt im Leben mehr raisonnirend und empfindsam, als handelnd und thätig macht. Freilich besitzen wir auch, um eine grosse Periode kennen zu lernen, fast nur die Handlungen und Werke der Menschheit, aus welchen sich bei weitem nicht alles das herleiten lässt, was im Vorigen zu einem vollständigen Charaktergemählde verlangt wird.

Indess ist es dennoch nicht unmöglich einen vollkommnen, pragmatischen und politischen Blick, welcher die Menschen im Ganzen und als Massen betrachtet, und auf äussre Thätigkeit und fest gegründete Dauer sieht, mit einem gleich psychologischen zu verbinden, der überall individuelle Verschiedenheiten aufsucht, und nur auf die innere Kraft und die höchste und edelste Anstrengung seine Aufmerksamkeit richtet. Wenigstens ist diese Verbindung zur Erreichung des ursprünglichen Endzwecks: durch die Betrachtung der Menschheit im Ganzen den Einzelnen ihr Verhältniss zu demselben verständlich zu machen, schlechterdings unentbehrlich. Wenn grosse Foderungen nicht vollkommen erfüllt werden können, ist es darum nie gut, bei kleineren stehen zu bleiben. Wer ein ganzes Jahrhundert zu zeichnen unternimmt, müsste seinen Gegenstand schlechterdings nicht studirt haben, wenn er nicht deutlich fühlen sollte, dass er da, wo er schon der Menge der Objecte beinah unterliegt, nur grosse, einfache und gewisse Resultate aufstellen darf, dass er seinen Stoff aufhellen und vereinfachen, nicht aber durch ein unzeitiges Haschen nach feinen und verborgenen Zügen verwirren und vervielfachen muss. Ist nun, neben dieser Ueberzeugung, sein Geist mit den höchsten Foderungen der vollständigsten Charakterschilderung vertraut, hat er seine Menschenkenntniss nicht bloss aus dem Gebiet der Geschichte und dem weiten Kreis des öffentlichen Lebens, sondern auch aus den engeren Cirkeln des vertrauten Umgangs geschöpft, ist er nicht bloss politisch, sondern auch moralisch und psychologisch gebildet, so wird er auf keiner Seite zu weit gehen, und es wird seiner Schilderung weder an Klarheit und Treue, noch an Feinheit und Vollständigkeit mangeln.

Die Beweise, aus welchen wir ein ganzes Jahrhundert zu erkennen im Stande sind, müssen freilich zum Theil mangelhaft und einseitig seyn. Wenn indess von unserm eignen gegenwärtigen Jahrhundert die Rede ist, so giebt es auch eine Menge vollgültiger und lebendiger Zeugen. Vermöge des verschiednen Alters der Menschen, mit denen wir umgehn, der stufenweisen Entwicklung der Nationen, und der dauernden Spuren, welche jede Generation ihren Werken aufdrückt, übersehen wir einen bei weitem grösseren Zeitraum, als wir ohne diese Hülfsmittel eigentlich mit unsrer unmittelbaren Erfahrung zu begleiten im Stande wären. Wenn wir genau erwägen, wie wenig eigentlich dasjenige ist, was wir unmittelbar erfahren, so erschrecken wir vor der Beschränktheit unsrer ursprünglich gewissen Erkenntniss, und gerathen in Versuchung, an den ungeheuern Fortschritten des menschlichen Geistes, selbst dem klaren Augenscheine zuwider, zu zweiflen. Aber ausser dem Vermögen unsers Verstandes. dasjenige, was wir mittelbar empfangen, zu prüfen, zu berichtigen und zu verknüpfen, besitzt unsre Einbildungskraft, wenn sie nur gehörig geleitet und gestärkt wird. eine wunderbare Fähigkeit, das auf jene Weise und also nur symbolisch Erkannte auch sinnlich und anschaulich zu machen, und dadurch gewissermaassen die Stelle der wirklichen Beobachtung zu vertreten.

V. Erörterung der Frage, wie das Zufällige im Charakter von dem Wesentlichen desselben unterschieden werden kann?

Rückblick auf das durch die bisherigen Untersuchungen Geleistete. — Man ist dem eigentlichen Charakter bloss näher gerückt, ohne ihn jedoch selbst wirklich auszufinden. — Er ist verschieden von den Handlungen und von allen Aeusserungen des Individuums, ist die gemeinschaftliche Ursache derselben, das ursprüngliche Ich, die mit dem Leben zugleich gegebne Persönlichkeit, und insofern ist es sogar unmöglich, ihn unmittelbar aufzufassen und auszusprechen. — Widerlegung eines doppelten Einwurfs. — Die bisherige Behandlung hat der philosophischen Beurtheilung nur einen sorgfältig ausgewählten und gesonderten Stoff in die Hände geliefert. — Was jetzt noch übrig bleibt, ist 1., die Absonderung des Zufälligen und Wesentlichen im Charakter. — 2., die Zusammenziehung seiner mannigfaltigen Eigenthümlichkeiten in den möglichst kurzen und einfachen Ausdruck. — Der gegenwärtige Abschnitt beschäftigt sich bloss mit dem ersten Erforderniss. — Begriff des Zufälligen im Charakter in seinem weitesten Umfange. — Abweichung desselben von dem gewöhnlichen Begriff. Doppelte Gefahr, zufällige Mängel für wesentliche Züge, oder wesentliche Unvollkommenheiten für zufällige Schwächen zu erklären. — Nothwendigkeit einer richtigen Unterscheidung beider um den Begriff der Idealität mit dem der Individualität zu verbinden, an zwei Beispielen gezeigt. — Verschiedene Grade der Zufälligkeit gewisser Charaktereigenschaften. — Relativität dieses Begriffs und Verschiedenheit seines Umfangs nach der Art der anzustellenden Beurtheilung. — Methode der Absonderung des Zufälligen nach dem nunmehr entwickelten Begriff. — Menge der Zufälligkeiten in dem Charakter einer Zeit überhaupt und in dem der unsrigen insbesondre.

Keine Art der Behandlung philosophischer Gegenstände ist der Erforschung der Wahrheit nachtheiliger, als wenn man das wahre und ursprüngliche Wesen der Dinge übersieht und dasjenige, was in seiner wahren Gestalt schlechterdings nicht erkannt werden kann, mit Begriffen ausgemessen und erschöpft zu haben wähnt, und kein Vorwurf kann für einen Schriftsteller niederschlagender seyn, als der, die beschränkten Gränzen seines Kopfs auch seinem Stoff auszubürden. Unbestimmtheit im Raisonnement, Unzulänglichkeit in Beweisen, Lücken in Schlussketten können mit der Zeit berichtigt oder ausgefüllt werden; wer sich ihrer schuldig macht, beweist sich als einen unsystematischen, vielleicht sogar als einen verwirrten Kopf, aber es fehlt ihm darum noch nicht an Sinn und an Geist, die Wahrheit zu sehen und zu entdecken, wenn auch an Fähigkeit, sie darzustellen und zu beweisen; er wird das Gebiet seiner Wissenschaft nie aufräumen, aber er ist nicht unfähig, es zu erweitern. Wer hingegen wirkliches und unverkennbares Daseyn hinwegläugnet, der entrückt der Betrachtung ihren eigentlichen Gegenstand, verschliesst den Weg ihn zu finden und giebt uns leere Worte, indem er uns den inhaltvollen Stoff raubt.

Der widrigste und für den Verfasser beschämendste Eindruck, welchen der soeben beendigte Abschnitt in dem Gemüthe des Lesers zurücklassen könnte, wäre daher der, wenn jemand sich einbildete, nunmehr im Besitz der Mittel zu seyn, den eigentlichen Charakter des Menschen vollständig und in seiner wahren Gestalt zu erkennen, und das menschliche Gemüth, gleich einer Maschine, erklären und berechnen zu können. In einen so thörichten Misverstand wird indess auch niemand verfallen, welcher die Kenntniss menschlicher Charaktere zu seiner eignen Beschäftigung zu machen gewohnt ist; von einem solchen haben wir vielmehr ganz im Gegentheil den Vorwurf zu erwarten, dass wir, trotz aller unsrer Bemühungen, doch um die wahren und eigentlichen Triebfedern des Charakters nur im Kreise herumgegangen sind, sie selbst aber nirgends aufgedeckt haben, und dass schon die Vielfachheit der empfohlnen Hülfsmittel zur Genüge beweist, dass dasjenige, worauf es in der That und zuletzt ankommt, ganz und gar nicht auf einem einfachen Wege gefunden werden kann, sondern nur von fern und von allen Seiten her ausgespäht und errathen werden muss.

Und in der That verhält es sich nicht anders. Der Mensch ist mehr und noch etwas anders, als alle seine Reden und Handlungen, und selbst als alle seine Empfindungen und Gedanken; und wie genau man auch ein Individuum kennen mag, so versteht man immer nur einzelne seiner Aeusserungen und leistet sich niemals ein Genüge, wenn man nunmehr alles zusammennehmen, dasjenige, was es eigentlich ist, und diess auf einmal aussprechen will. Bis auf einen gewissen Punkt lassen sich alle Plane und Raisonnements eines Menschen ohne grosse Schwierigkeit entwickeln und auseinanderlegen; kommt man aber dahin, wo der Gedanke oder der Entschluss zuerst entstand, so befindet man sich auf einmal wie an den Gränzen einer unbekannten Welt, aus der nur einzelne und abgerissene Erscheinungen plötzlich hervorspringen, indess sie selbst in undurchdringlichem Dunkel verhüllt liegt. Und doch sind es gerade diese ersten Triebfedern, diese innern Kräfte, die das eigentliche Wesen des Individuums ausmachen und ursprünglich alles in Bewegung setzen, in welchen das, was den Menschen am meisten adelt, Seelengrösse, Tugend und Heroismus, seinen Sitz hat, und aus welchen allein jede grosse That und jeder genievolle Gedanke hervorgeht.

Sowohl in den Denkmälern der Geschichte, als in dem Kreise seines eignen Privatlebens wird jeder leicht sich an Personen erinnern, die, ohne sonst je eine mehr als gewöhnliche Kraft oder Energie zu verrathen, in kritischen und gefahrvollen Lagen auf einmal eine ausdauernde Beharrlichkeit oder eine muthvolle Entschlossenheit zeigten, die sie über sich selbst und ihre sonstige Mittelmässigkeit plötzlich emporzuheben schien. Wem schwebt nicht aus den furchtbaren Scenen der französischen Revolution mehr als Ein Beispiel dieser Art nur noch zu lebhaft vor Augen? Vergebens sucht man alsdann diesen höheren Charakter aus den bekannten Grundsätzen und Maximen der Menschen, die ihn zeigen, zu erklären; nirgends, so weit man auch nachspüren mag, findet man etwas, das zu den Erwartungen einer solchen Grösse berechtigte. Auch pflegt man nicht selten zu sagen, dass alsdann die ungewöhnliche Lage den Geist erweckt und befeuert, aber dazu wird doch nothwendig eine schon vorhandene Kraft erfodert, die einer solchen Erweckung fähig sey. Es ist daher nichts anders, als der innere, verborgene Charakter, der schlechterdings nicht durch die Masse seiner bis zur Deutlichkeit entwickelten Begriffe oder seiner gewöhnlichen Empfindungen ausgemessen werden kann, der vielleicht lange schlummert, aber dann, wenn die Gelegenheit sich darbietet, auch plötzlich rege wird und in seiner ganzen Stärke auftritt. Dieser Charakter ist so wenig ein blosses Resultat der Grundsätze des Verstandes oder ein Werk des Raisonnements, und so sehr blosse und ursprüngliche Natur, dass vielmehr umgekehrt jene Grundsätze selbst unter seinem Einflusse stehen, und dass wir ihn fast in umgekehrtem Verhältnisse mit der Ausbildung des Verstandes und mit der Menge der Kenntnisse antreffen. So ist er in der Regel und unter übrigens gleichen Umständen stärker bei dem weiblichen, als bei dem männlichen Geschlecht, in roheren, als unter gebildeten Nationen, und in diesen unter den niedrigeren, als unter den vornehmeren Klassen. Die Kultur scheint seine Triebfedern gewissermaassen abzuspannen, ob es sich gleich von selbst versteht, dass diess nur ein sie gewöhnlich begleitender, nicht ein nothwendig in ihr gegründeter Nachtheil ist. Das beständige Nachforschen nach der Verbindung zwischen Grund und Folge, das Aufsuchen des Zwecks aller Handlungen und Ereignisse schwächt sehr leicht die Energie, mit der man einen Gegenstand, ohne Rücksicht auf allen Zweck, bloss um sein selbst willen, liebt oder verabscheuet, und da diese den edelsten und rein moralischen Neigungen zugleich mit denen, die bloss auf Vorurtheil und Laune beruhen, eigen ist, so wird sie durch die Kultur nicht selten, statt nur auf die gehörigen Objecte gerichtet zu werden, gänzlich vernichtet. Auch die moralischen Neigungen sind ursprünglich im Menschen instinctartig da, und es geschieht sehr leicht, dass die Kultur durch Vernunft, die nur hindern soll, dass sie nicht auch bloss instinctartig bleiben, sie verfälscht und verunreinigt. Es ist daher unläugbar, dass wir sehr häufig in dem Menschen Erscheinungen antreffen, die wir aus allen seinen noch so sorgfältig und vollständig beobachteten Aeusserungen nicht zu verstehen, noch weniger zu erklären im Stande sind; und diess führt uns nothwendig auf eine innere und ursprüngliche Kraft in ihm, die sein eigentliches Ich, seinen wahren Charakter ausmacht und der wir uns auf dem im vorigen Abschnitt gezeigten Wege wohl nähern können, die wir aber nie ganz zu enthüllen hoffen dürfen.

Eben diese Kraft ist es, welche auch in der Erziehung so oft unsre Erwartungen täuscht oder unsre Bemühungen fruchtlos macht. Das ursprüngliche Naturell, der angebohrne Charakter des Zöglings widersteht jedem Versuche, ihn auszurotten oder wesentlich umzustimmen, und es ist eine sehr gewöhnliche Erscheinung, dass Geschwister, die eine durchaus gleiche Erziehung genossen, dennoch in den Jahren ihrer Reife noch dieselbe Verschiedenheit der Charaktere zeigen, die sie schon in ihrer frühesten Kindheit verriethen. Keine lebendige Kraft verhält sich gegen fremdes Einwirken bloss leidend; wie sehr man sie auch von aussen stärken, leiten und unterstützen mag, so ist dennoch alles, was in ihr geschieht, nur das Werk ihrer eignen und innern Energie, und wenn wir uns über den Widerstand beklagen, welchen die menschliche Natur auch einer weisen Bildung entgegensetzt, so dürfen wir nicht vergessen, dass ohne eine solche Kraft des Zurückstossens auch nicht ein solches Vermögen der Aneignung möglich war. Diese innere Selbstständigkeit, die wir durch die ganze organische Natur hindurch antreffen, besitzt der Mensch in einem noch vorzüglicheren Verstande. Die Sphäre der in ihm möglichen Wirkungen ist in ihm grösser, aber die Gesetze, deren Gewissheit allein den Erfolg verbürgen kann, sind weniger fest und bestimmt. Die Freiheit lässt sich nicht, gleich der Natur, berechnen, und ausser der allgemeinen Beschaffenheit des Menschen überhaupt muss noch die besondre Eigenthümlichkeit des Individuums in Anschlag kommen. Denn auch das Individuum trägt einen ursprünglichen Charakter an sich, und wollten wir auch selbst mit der Sorgfalt unsrer Erziehung bis zu dem Augenblick der Geburt zurückgehn, so würden wir auch da schon vorhandnen Eigenthümlichkeiten begegnen.

Es ist daher ein schlechterdings vergebliches Bemühen, das Wesen eines Menschen vollständig aus den Umständen, die auf ihn eingewirkt haben, herleiten und durchaus begreifen und darstellen zu wollen. Wie tief man eindringen, wie nah man zur Wahrheit gelangen möchte, so bleibt immer doch Eine unbekannte Grösse zurück: die primitive Kraft, das ursprüngliche Ich, die mit dem Leben zugleich gegebne Persönlichkeit. Auf ihr beruht die Freiheit des Menschen, und sie ist daher sein eigentlicher Charakter.

Ehe wir aber diese Betrachtung weiter fortsetzen, müssen wir bei dem soeben aufgestellten Resultate einen Augenblick verweilen, um ein Paar Einwürfen zu begegnen, die hier sehr leicht gemacht werden können. Da von einer primitiven Kraft geredet worden ist, so scheint es, als wollten wir eine ursprüngliche und angebohrne moralische Verschiedenheit unter den Menschen behaupten, und da wir diese Kraft als unvertilgbar und jeder äussern Einwirkung unbesiegbar vorgestellt haben, so entsteht eine nicht geringe Verlegenheit, diese innern Hindernisse mit den völlig allgemeinen Foderungen der Moral zu vereinigen.

Ob ein Mensch im genauesten und strengsten Verstande von Natur von dem andern verschieden ist, oder ob die anfangs durchaus gleiche Beschaffenheit aller nur durch die individuelle Lage eines jeden verändert und individualisirt wird, ist eine Frage, die gänzlich ausser dem Gebiete unsrer Erfahrung und unsrer Einsicht liegt. Wir sehen den Menschen nicht eher, als bis er einen, zwar nicht der Länge der Dauer, aber der Grösse der Fortschritte nach, beträchtlichen Theil seiner Laufbahn zurückgelegt hat, und da alles, worüber wir zu urtheilen vermögen, immer nur Resultate der gemeinschaftlichen Wirksamkeit äusserer Umstände und der innern Kräfte sind, so können wir diese beiden für uns immer zugleich thötigen Stoffe niemals genau von einander unterscheiden. Alles, was wir mit Sicherheit zu behaupten im Stande sind, ist nur soviel, dass irgend eine Kraft, sey es nun eine gleiche oder ungleiche (obschon diess letztere, wenn man sich einmal ein Urtheil, zu dem man nicht befugt ist, erlauben will, eine grössere Wahrscheinlichkeit hat), zuerst und unabhängig von allen sie umgebenden Umständen vorhanden ist, weil ja sonst nichts da wäre, worauf von aussen eingewirkt werden könnte. Uebrigens aber ist es für uns gerade ebenso, als ob die Verschiedenheit, die wir zwischen mehreren Menschen bemerken, in der That von Natur und ursprünglich vorhanden wäre. Denn da sich das Kind, ehe es noch den Schooss seiner Mutter verlässt, schon in einer bestimmten Lage befindet, da diese und die Beschaffenheit des Körpers, die es empfängt, einen durch das ganze Leben hindurch fortdauernden Einfluss auf seinen Charakter ausüben, diese ganze Reihe der Ursachen aber ausserhalb des Kreises unsrer Erfahrung liegt, so sehen wir auch diese in der That von aussen her bewirkte Verschiedenheit mit Recht als ursprünglich und wesentlich an.

Den moralischen Menschen, gleich dem physischen, zum Gegenstande einer wissenschaftlichen Beobachtung zu machen und ihn dadurch gleichsam in die Reihe blosser Naturwesen zu ver- setzen, ist allemal ein bedenkliches Unternehmen, das einen nicht geringen Grad der Vorsicht erfodert. Denn ausserdem dass der Beobachter nicht selten veranlasst wird, uneingedenk der selbstständigen Würde seines Objects, dasselbe als ein blosses Werkzeug dem Endzweck seiner Forschungen unterzuordnen, es willkührlich und zum Behuf seiner Absichten zu behandeln; so werden auch leicht Erscheinungen, die vielleicht oft und gewöhnlich wiederkehren, der moralischen Natur als feste und unveränderliche Naturgesetze aufgedrungen, da doch dieselbe vollkommen frei seyn muss und nichts dem Gebote der Vernunft und des Willens widerstehen darf. So oft wir uns aber in philosophischen Untersuchungen dem unergründlichen Geheimniss der Freiheit nahen, fühlen wir uns in unzählige Schwierigkeiten und scheinbare Widersprüche verstrickt. Auf der einen Seite dürfen wir nicht läugnen, dass jeder Charakter, den uns die Natur eingeprägt haben könnte, unter der Macht unsers Willens stehen muss, dass es möglich seyn muss ihn zu vertilgen, sobald es unmoralisch würde, ihn länger zu behalten. Auf der andern Seite können wir es uns nicht verbergen, dass ein wahrhaft ursprünglicher und angebohrener Charakter auf keine Weise ausgerottet werden kann, dass wir ihn zu schwächen, zu verändern, nie aber so aufzuheben vermögen, dass er nicht in jeder Umänderung noch sichtbar bliebe. Wie nun, wenn uns die Natur einen Charakter mittheilte, welcher mit der moralischen Ausbildung unsers Geistes schlechterdings unverträglich wäre? Wäre der Mensch, wie einige Philosophen uns zu überreden versucht haben, das Resultat eines blossen Naturmechanismus, hienge er einzig und allein von den Lagen ab, in die das Schicksal ihn schleudert, so wäre jener Widerspruch in der That unauflösbar und diese Gefahr unvermeidlich. Es stünde allein in der Gewalt des Zufalls, uns ebenso gut zu Bösewichtern, als jetzt uns zu Wahnsinnigen zu machen. Aber schon diese abgeschmackte und vernunftwidrige Folge zeigt, dass in dem Menschen ursprünglich eine Kraft wohnt, welche sich der äussern Einwirkungen nur bemeistert, um dieselben, ihrer Natur gemäss, zu gebrauchen; und diese Kraft, die wir freilich erst spät als eine moralische kennen lernen, ist vom ersten Augenblick seines Daseyns an dieselbe, die sich uns hernach in einer so erhabenen Gestalt zeigt. Der Mensch ist von seinem ersten Odemzuge an Mensch, und sein ursprünglicher Charakter ist kein andrer als der Charakter seiner Persönlichkeit, von welcher dasjenige, was wir Vernunft nennen, nichts anders als eine Form ist, unter der wir sie selbst. die an sich unergründlich ist, am deutlichsten und bestimmtesten erkennen. Wo also irgend ein individueller Charakter der Moralität Hindernisse in den Weg zu legen scheint, da können dieselben immer nur von zufälligen Beschaffenheiten desselben herrühren, nie in seinem Wesen gegründet seyn; und man kann es als einen festen Grundsatz annehmen, dass die Natur der Vernunft (in dem Sinn nämlich, in dem man beide einander gegenüberstellen kann, da die Zweideutigkeit des Ausdrucks: Natur eigentlich allein diess ganze Misverständniss veranlasst) niemals unübersteigliche Hindernisse entgegensetzt.

Freilich aber ist diess nur insofern richtig, als die Vernunft sich selbst getreu bleibt und nur dem moralisch Nothwendigen unbedingt, übrigens aber bloss dem physisch Erreichbaren nachstrebt. Dem thörichten Unternehmen, mit Vertilgung des eignen Charakters einen durchaus fremden anzunehmen, würde sich die Natur allerdings und mit entschiedenem Erfolg widersetzen, da sie hingegen das Bemühen, den eignen zu reinigen und zu erhöhen, allemal unterstützt.

So findet man auch hier die beiden Hauptregeln aller geistigen Ausbildung bestätigt, die eine für die Bildung seiner selbst, sich bei seiner eignen moralischen Bearbeitung schlechterdings keine schonende Rücksicht auf scheinbare Hindernisse des Körpers, des Temperaments oder der Gewohnheit u. s. f. zu erlauben, und die andre für die Bildung andrer, die Eigenthümlichkeiten ihrer Individualität aufzusuchen und denselben mit strenger Anhänglichkeit getreu zu bleiben. Die Beherzigung dieser beiden Regeln ist um so nothwendiger, als die feige Schwäche, zufälligen Schwierigkeiten der Umstände und der physischen Natur nachzugeben, und das einseitige Verlangen, alle Naturen Einer Richtschnur zu unterwerfen, nur zu allgemein verbreitet sind.

Die im vorigen Abschnitt aufgezählten Hülfsmittel zur Kenntniss individueller Charaktere führen uns demnach noch nicht gänzlich zum Ziel. Sie sammeln die Aeusserungen des Charakters, sondern die unwichtigen von den wichtigen ab, ordnen die letzteren unter gewisse Gesichtspunkte und geben dadurch zwar der Phantasie ein vollständiges und bestimmtes Bild, das zum praktischen Lebensgebrauch hinreicht, bereiten auch wohl die strengere philosophische Beurtheilung vor; aber immer lassen sie etwas als unbekannt und unausgesprochen zurück, und man kann es sich keinesweges verbergen, dass diess gerade das ist, worauf es am meisten ankommen würde, das eigentliche Ich, die individuelle Persönlichkeit.

Der Charakter (darauf haben wir schon im Vorigen (IV. 4.) aufmerksam gemacht) kann als eine Kraft betrachtet werden, die mit einer gewissen Beschaffenheit (Materie) in einer gewissen Art (Form) wirkt. Beide aber, seine Materie und seine Form, bestimmen sich gegenseitig durch einander, und er gleicht hierin (wenn wir ein kühnes Bild wagen dürfen) den rollenden Weltkörpern, welche durch die anziehenden Kräfte ihrer Stoffe die Richtungen ihrer Bahnen und durch ihre Bahnen wiederum ihre Gestalt und Dichtigkeit erhalten. Die Materie haben wir durch das Verhältniss, die Form durch die Bewegung der Kräfte auszudrücken gesucht. Aber obschon diese Methode der Wahrheit allerdings näher zu führen scheint, als die bisherigen, so bedarf es dennoch nicht erst einer Erinnerung, wie unvollkommen dasjenige, was Eine und eine ungetheilte Kraft ist, durch unsre, bloss vermöge der Abstraction gemachte Zerlegung in viele, wie untreu eine rein geistige Energie durch Analogien körperlicher Bewegung, und wie dürftig überhaupt ein lebendiges und unaufhörlich thätiges Wesen durch abgezogene Begriffe und todte Worte geschildert wird. Diese Fehler im Einzelnen möchten indess noch erträglich seyn; das Schlimmste und Schwierigste ist die Verbindung der Materie und Form, die Kunst beide, die nur wir willkührlich trennen, als Eins und ebendasselbe zu denken. Diess kann nur durch eine Handlung der selbstthätigen Einbildungskraft geschehen, die auf der einen Seite sich keine Willkühr erlauben soll und auf der andern keine äussere Erfahrung (da diese nur immer die Wirkungen, nie das Wesen der Kräfte zeigt) zu ihrer Leitung nehmen kann, von inneren aber nur die Erfahrung der eignen Persönlichkeit vor sich hat, die ihr, indem sie sich eine fremde vorstellen will, nur von sehr mittelbarem Gebrauche seyn kann. Indess leuchtet doch hieraus deutlich hervor, in wie hohem Grade eine eigene vielseitige Bildung die intuitive Kenntniss fremder Eigenthümlichkeiten befördert.

Alles was wir bisher gethan haben, ist daher nur ein Annähern zur Wahrheit, kein eigentliches Ergründen derselben.

Diess Ergründen ist aber auch schlechterdings unmöglich. Wir sehen den Charakter nur allein in seinen Aeusserungen, und da er nicht bloss in keiner einzelnen derselben, sondern nicht ein- mal in ihrem Total. insoweit wir nämlich diess übersehen, ganz, noch auch in irgend einer allein und von allem Einfluss äussrer und fremdartiger Ursachen gereinigt erscheint, da er ferner eine freie und selbstthätige Kraft ist, die nicht, wie die Naturkräfte, sichre analogische Schlüsse von einem Theil ihrer Bahn auf den Ueberrest erlaubt; so ist es nie möglich, ihn eigentlich und in seiner wahren Gestalt zu kennen, noch weniger auszusprechen, immer nur, ihn aus seinen Wirkungen zu schliessen und zu errathen.

Und zu diesem Behufe nun scheint die im vorigen Abschnitt aufgestellte Methode in hohem Grade empfehlungswürdig, die jedoch bloss den untergeordneten Zweck hat, alles, aber nur das, was ein Subject charakteristisch von dem andern unterscheidet, vollständig zu sammeln, mehr ein Gemählde des Charakters zu entwerfen, als den Begriff desselben festzusetzen, und der philosophischen Beurtheilung nur zuerst einen zweckmässig ausgewählten und eigen zurechtgelegten Stoff in die Hände zu liefern. Für diese ist indess jetzt noch eine andre Arbeit nothwendig. Die philosophische Beurtheilung will nämlich das Verhältniss eines einzelnen Individuums zum Ideale bestimmen. überschlagen, wie mehrere Individuen zweckmässig zusammenwirken können, um ihre allgemeine und eigenthümliche Ausbildung zu befördern und Vorzüge, die ein Einzelner nicht in sich zu vereinigen vermöchte, gesellschaftlich darzustellen. Um nun diese schwierige Vergleichung zu erleichtern, muss sie die Form jedes Charakters theils in vollkommener Reinheit, theils in dem möglichst einfachen Ausdruck zu erhalten bemüht seyn. Die unbehülfliche Masse der einzelnen charakteristischen Züge liesse sich weder unter einander, noch nach Einem Maassstab mit dem Ideale vergleichen.

Ihr erstes nunmehr noch übriges Geschäft ist daher die Absonderung der zufälligen Beschaffenheiten von den wesentlichen Eigenschaften des Charakters.

Das zweite der Versuch, die Mannigfaltigkeit der wahrgenommenen Eigenthümlichkeiten in einen möglichst kurzen und einfachen Ausdruck zusammenzuziehen. Diess aber geschieht vielleicht am natürlichsten dadurch, dass man auf die letzten und einfachen Bestrebungen zurückgeht, in welchen alle Menschen durchaus mit einander übereinkommen, und die Art untersucht, wie diese sich in verschiedenen Individuen verschieden modificiren. Auf diese Weise gelingt es vielleicht am besten, die Formen der höchsten und ursprünglichsten Verschiedenheiten unter der Menschheit zu entdecken. So erhebt sich also die philosophische Menschenkenntniss von einer Stufe zur andern und zieht ihren Stoff, gleichsam in pyramidalischer Gestalt, immer mehr und mehr zusammen. Unten ruht er auf der breiten Basis der beobachteten Thatsachen und Aeusserungen, und oben endigt er sich in dem einfachsten Ausdruck, welcher noch die Charaktereigenthümlichkeit zu bezeichnen vermag.

Jeder aufmerksame Beobachter menschlicher Charaktere muss es an sich und an andern sehr häufig wahrnehmen, wie Wenigen, und wie auch diesen Wenigen nur in seltnen und glücklichen Augenblicken es gelingt, ihr innres Wesen vollkommen rein zu empfinden, oder noch mehr vollkommen rein ausser sich darzustellen. In den meisten Perioden unsers Lebens fühlen wir uns entweder durch einengende Hindernisse niedergedrückt oder durch zufällige und fremdartige Ursachen von unsrer eigenthümlichen Bahn abgeführt und vermissen das hohe und schöne Gefühl, welches die Thätigkeit unsrer Kräfte in ihrer vollen und natürlichen Energie immer begleitet.

Aeussere Ursachen kommen hier mit innern zusammen und überladen den Charakter mit sehlerhaften und nicht einmal immer bloss vorübergehenden Zufälligkeiten. Die Beschaffenheit unsers Körpers, die Lage, in der wir uns befinden, der Lauf unsrer gewöhnlichen Geschäfte, der aufmunternde Beifall oder der zurückschreckende Tadel andrer geben dem Geist einseitige und fremdartige Richtungen, oder halten ihn wenigstens in seinen natürlichen Fortschritten auf. Bei weitem mächtiger aber wirken noch in dieser Hinsicht die inneren Ursachen, die Herrschaft gewisser Neigungen, das schädliche Uebergewicht einzelner Anlagen, die Macht des Eindrucks, durch welchen eine einzelne Handlung, ja ein einzelner Gedanke manchmal grosse und plötzliche Umänderungen in uns hervorbringt, die Trägheit, welche der Gewohnheit nachgiebt, und vor allem der gefährliche Hang, eine einmal glücklich geübte Eigenthümlichkeit nun auch bis zum gänzlichen Misverhältniss zu übertreiben oder aus Ueberdruss und Liebe zum Wechsel plötzlich gegen eine entgegengesetzte vertauschen zu wollen. Denn das Bestreben, mit dem wir an uns selbst zu arbeiten bemüht sind, vermehrt, was das schlimmste ist, noch sehr oft diese Nachtheile, und nicht selten verdrehen wir in uns durch Künsteleien der Vernunft die Natur, die wir nur besser entwickeln und ausbilden sollten. Von unsrer Kindheit an stehen wir unter dem Einflusse bestimmender Umstände; mit den Veränderungen, die sie in uns hervorbringen, werden auch die Standpunkte unsrer Betrachtung verrückt; wie schwer ist es daher aus diesem verwirrten Chaos sich rein herauszufinden und wie viel schwerer sich rein zu erhalten. Je eifriger wir nach diesem Ziele ringen, desto mehr laufen wir Gefahr dasselbe zu verfehlen. Denn unsre Vernunft, die immer unruhig ist, immer zweifelt, ob der gewählte Weg auch der richtige sey? eilt alsdann sehr leicht dem langsamen, immer mehr im Ganzen, als im Einzelnen sichtbaren Gange der Natur zu vorschnell zuvor, und schreitet, ohne den Erfolg und die Erfahrung sorgfältig genug abzuwarten, von Aenderung zu Aenderung hinüber.

Diese Zufälligkeiten nun soll die philosophische Menschenkenntniss von dem eigentlichen Wesen des Charakters abscheiden; sie soll denselben in seiner ächten und eigenthümlichen Gestalt aufsuchen, ehe sie sich ein Urtheil über seinen Werth erlaubt oder ihm eine Stelle in der Reihe menschlicher Charaktere überhaupt anweist. Diese Absonderung aber ist von einer Menge von Schwierigkeiten begleitet; denn wenn die Ursachen so verschieden sind, welche dem Charakter zufällige Züge beimischen, wenn diese oft so dauernd und herrschend angetroffen werden, wo soll man alsdann die hinlänglichen Kennzeichen auffinden, dieselben von den wesentlichen mit Sicherheit zu unterscheiden? Auch muss die Natur des Gegenstandes und die Verschiedenheit des Zwecks der Absonderung auf den Begriff des Zufälligen selbst nothwendig einen nicht geringen Einfluss ausüben, da z. B. dasjenige, was in Rücksicht auf das ganze Leben eines Menschen mit Recht zufällig heisst, bei der Beurtheilung einer einzelnen Periode desselben vielleicht nicht mehr so genannt werden darf.

Um aber, ehe wir in diese einzelnen Verschiedenheiten eingehen, den Begriff des Zufälligen im Charakter in seinem weitesten Umfang aufzusuchen, müssen wir unsern Blick auf die höchsten Aeusserungen seiner Kräfte richten. Was mit voller Energie, mit der ganzen Anstrengung des Gemüths geschieht, kann nicht anders, als aus seiner eigenthümlichen Natur entspringen. Nun aber wird sich jeder bessere Mensch einzelner Momente bewusst seyn, in welchen er sein Wesen in einer ungewöhnlichen vollendeten Stärke fühlte; auf diese wird er zurückblicken, wenn er sich ein Bild seiner ächten Natur zu entwerfen versucht, und nur in ihnen wird er sich ganz, in allen übrigen bloss zerstückt und theilweise wiederfinden. Man suche daher das Beste und Höchste auf, was irgend ein Subject nach allen verschiedenen Richtungen hin geleistet hat, man knüpfe diess in Eins zusammen, und nehme diess so gestaltete Ganze als seine eigenthümliche und wesentliche Beschaffenheit an. Alles, was diesem Begriff nicht entspricht, wird nun zufällig heissen können, es sey nun, dass es wirklich fremdartige Eigenschaften, oder nur geringere Grade oder einseitige Aeusserungen jener Eigenthümlichkeit zeige.

Wenn hier die Begriffe des Wesentlichen und Zufälligen in Charakteren so gestellt sind, dass dieses eigentlich überall, jenes nur äusserst selten erscheint, so darf uns diess auf keine Weise irre machen. Denn wenn man erforschen will, was die Menschheit eigentlich zu leisten vermag, so darf man sich nicht an lange Strecken und ganze Perioden, nur an einzelne Kraftäusserungen und einzelne Momente heften. Alle übrigen sind hinlänglich gerechtfertigt, wenn sie nur langsam dazu beitrugen, jene ans Licht zu rufen, und überall in der todten und lebendigen Natur sehen wir wenige und einzelne, aber grosse und wohlthätige Früchte durch die Vereinigung vieler, lange ununterbrochen fortwirkender Kräfte reifen.

Unläugbar weicht indess der soeben aufgestellte Begriff des Zufälligen im Charakter von demjenigen ab, welcher im täglichen Leben üblich ist, und den man, dem ersten Anblick nach, auch hier natürlich erwarten müsste. Dort nämlich wird das Zufällige als gleichbedeutend mit dem Fremdartigen und Vorüber gehenden angesehn, da es hier nicht allein dauernd, sondern sogar, zwar nicht dem ganzen Wesen des Individuums, aber doch einer einzelnen Beschaffenheit desselben eigenthümlich seyn kann. Der Unterschied beider Vorstellungsarten beruht darauf, dass man bei der einen von der besten, bei der andern von der gewöhnlichen Natur des Subjects ausgeht. Das Letztere mag in einiger Rücksicht natürlicher scheinen, aber nur das Erstere kann den Begriff durchaus erschöpfen und dem gegenwärtigen Endzweck ein Genüge leisten, bei dem es hauptsächlich darauf ankommt, den Umfang dessen zu zeigen, was irgend eine Kraft möglicherweise zu leisten und zu welcher Höhe sie ihre Individualität zu steigern vermag.

Gerade aber dasjenige, was hier zufällig genannt wird, dient sehr häufig am besten das Individuum, dem es angehört, zu charakterisiren. Denn nicht leicht wird es einen wichtigen Charakterzug geben, welcher nicht, wenn man ihn entweder übertreibt oder ihm eine einseitige Herrschaft erlaubt, in einen Fehler oder wenigstens in eine Schwäche ausarten sollte, und von jedem irgend interessanten Subject lassen sich daher zwei durchaus verschiedene Gemählde entwerfen, eins, worin dasselbe in der besten und verhältnissmässigsten Stimmung seiner Kräfte auftritt, und ein anderes, worin es nach allen den einseitigen Zügen und Misverhältnissen geschildert ist, die immer sogleich hervorkommen, als nicht eine gewisse höhere Begeisterung das Ganze beseelt. Ihrer grossen Verschiedenheit ungeachtet werden doch beide aus einander gegenseitig erklärbar seyn, und dem aufmerksamen Beobachter werden auch bei der glücklichsten Stimmung die Punkte nicht entgehen, von wo aus, wenn jenes schöne Gleichgewicht verschwindet, sich der Charakter in einseitige Extreme verliert. Das letztere Bild zeichnet bloss fehlerhafte und im eigentlichsten Sinne zufällige Züge, da das erstere, nicht weniger treue, hinlänglich beweist, dass der Charakter von denselben frei bleiben kann, aber doch immer Züge solcher Art, die es nicht möglich ist, zu vernachlässigen, da sie in so vielen Zuständen des Subjects wirksam sind, haben, und selbst die grössere oder geringere Seltenheit ihres Erscheinens in dem eigentlichen Wesen gegründet seyn muss.

Wie alle Extreme überhaupt, so fallen auch diese Züge am sichtbarsten ins Auge, und sie sind es daher, welche die gemeine Menschenbeobachtung immer zuerst auffasst, und bei denen sie sogar überhaupt stehen bleibt. Die philosophische begeht dagegen leicht den entgegengesetzten Fehler, der nicht minder gross und vielleicht, da er zu einer noch schlimmeren Unkunde der Wirklichkeit verleitet, noch gefährlicher ist. Die Kunst, einen Charakter in seiner Vollendung durchaus zu begreifen und in seiner Individualität bestimmt allen andern entgegenzusetzen, ist in mehr als Einer Hinsicht schwer und erfodert zugleich lange Beobachtung und reifes Nachdenken, Scharfsinn im Trennen und Geist im Verbinden der Züge. Bei weitem leichter ist es dagegen, mehrere Eigenthümlichkeiten an einzelnen hervorstechenden Extremen, die schon eine flüchtige Aufmerksamkeit entdecken kann, zu unter scheiden, und es ist daher kein Wunder, dass diese letztere Methode bei der Charakterisirung der Geschlechter, Nationen und Individuen im gewöhnlichen Gebrauche die allgemeingültige ist, das Weib durchaus schwach und unbeständig, der Mann fest und eigensinnig, der Engländer tiefsinnig und schwärmerisch, der Franzose witzig und leichtsinnig, der Italiäner rachgierig und üppig, der Deutsche pedantisch und nachahmend heisst. Für die ächte Menschenkenntniss ist indess hierdurch noch so viel als gar nichts gewonnen; ihr ist es wenig, Gestalten nur bloss unterschieden zu haben, wenn es ihr nicht zugleich gelingt, die mannigfaltigen Züge jeder einzelnen auch zu einem Ganzen zu verbinden.

Nie ist der Charakter daher vollständig gezeichnet, wenn nicht in der Schilderung seiner höchsten Natur zugleich die Anlässe seiner Verirrungen, und nicht umgekehrt in diesen letzteren zugleich die Möglichkeit jener ersteren erscheint, wenn er nicht, im Fall er ein einzelnes Subject darstellt, ebensogut seinen besten, als seinen ungünstigsten Moment erklärt, und im Fall er das Bild einer Gattung entwirft, nicht ebensowohl auf das unbedeutendste, als auf das vorzüglichste Individuum derselben passt.

Je schwerer es ist, den Begriff der Idealität mit dem der Individualität zu verbinden, desto nothwendiger wird die Trennung des Zufälligen im Charakter (nach der soeben bestimmten Bedeutung dieses Worts) von dem Wesen desselben. Denn der vorzüglichste Grund, warum man so häufig gegen die individuellen Charaktere der Nationen, ja selbst gegen den moralischen Unterschied der Geschlechter Klagen erhebt, warum man gern alle Völker in Eine Form giessen und die Weiber zu Männern umschaffen möchte, ist gerade der, dass man die fehlerhaften Charakterzüge, welche die Individualität nur veranlasst, für nothwendig und wesentlich mit ihr verbunden ansieht. Jede Eigenthümlichkeit neigt sich, da sie immer eine gewisse Einseitigkeit mit sich führt, zu einem Extreme hin, aber da diess Extrem ohne Verlust an ächter Originalität vermieden werden kann, so darf es in Rücksicht auf den Begriff der Charaktergattung nie anders als zufällig heissen.

Man pflegt es dem weiblichen Geschlechte zum Vorwurf zu machen, dass es die Welt um sich her zu sehr aus sich und seinem Standpunkte heraus ansieht, und statt sie rein und einfach auszufassen, sich in dieselbe überträgt. Auch muss man in der That gestehen, dass diess nicht selten der Fall ist. Denn so viel treuer auch die Frauen die Natur mit ihren Blicken zu begleiten scheinen, so ist ihnen die eigentliche Objectivität, die Stimmung, die überall zuerst den trocknen und blossen Buchstaben, völlig abgesondert vom Geist und Wesen, auffasst, dennoch, genau genommen, in hohem Grade fremd. Sie eilen zu leicht dem Resultate zuvor, verbinden früher, als das Einzelne gehörig gesammelt ist, und knüpfen selbst die unmittelbarste und einfachste Beobachtung zu gern, nicht gerade an ganz individuelle, aber doch an subjective Verhältnisse des Gefallenden oder Misfallenden, Schönen oder Hässlichen u. s. w. Daher folgen sie nur mit Mühe einem abstracteren Raisonnement, das, ohne sogleich das Ziel zu zeigen, in einer Reihe von Folgerungen fortgeht, glauben schwerer der Ueberzeugung, die der blosse Verstand durch Gründe erzwingt, mistrauen selten ihrem Gefühl und ihrer Ansicht und entscheiden sich nur sehr schwer gegen ihre Neigung durch das Gewicht reiner Vernunftgründe. Mit einer so starken Einmischung der Empfindung in die Geschäfte der übrigen Seelenkräfte kann eine vollkommene Klarheit auf keine Weise bestehen; auch fehlt dieselbe den Frauen um so eher, als ihr Gefühl einen ausgezeichnet hohen Grad der Innigkeit, Stärke und Tiefe besitzt; aus dem Mangel an Klarheit aber entspringen nothwendig, nur nach Verschiedenheit der Lagen und der Personen, bald wahre Verirrungen, bald die innern unfruchtbaren Schmerzen und Spannungen, mit welchen die Seele, ohne ein äusseres Object, bloss weil sie mit sich nicht Eins zu werden vermag, sich vergeblich quält. Von dem Anblick dieses Fehlers und seiner nachtheiligen Folgen verleitet, hat man es versucht, das andre Geschlecht auf einmal und gänzlich vor diesem Abwege zu verwahren, ihm alle feinere Kultur seines Empfindungsvermögens zu entziehen, ihm jede Nahrung der Schwärmerei abzuschneiden, und aus Verzweiflung, es in einer kühnen Höhe bleibend zu erhalten, ihm lieber jeden Aufflug versagen wollen. Zu diesem Irrthum konnte nur die Verwechselung des Zufälligen und Wesentlichen im Geschlechtscharakter verführen. Mit dem Uebergewicht der Empfänglichkeit muss zwar ein Hinneigen zur Subjectivität nothwendig verbunden seyn; Phantasie und Gefühl werden daher immer eine höhere Herrschaft in dem andern Geschlechte, als in dem unsrigen ausüben. Allein die Empfindung sowohl als die Empfänglichkeit überhaupt wird nur durch die höchste Realität vollkommen befriedigt, und man nähert sich der Wahrheit ebenso gut, wenn man das Gemüth zu ihrer unverfälschten Aufnahme vorbereitet, als wenn man mit grösserer Selbstthätigkeit den Stoff absondert, zurechtlegt und bearbeitet. Nicht also in dem Gelingen des Bemühens wird ein nothwendiger Unterschied liegen, nur in den Mitteln dazu, in dem Zweck und den Gegenständen, zu dem und an welchen es sich äussert. Auch sehen wir Männer vielleicht noch öfter durch vorgefasste Begriffe, als Frauen durch willkührlich eingemischte Bilder der Phantasie irren. Nur werden diese letztem freilich ihren Endzweck in eben dem Grade schwerer und seltner erreichen, als es seltner gelingt, sein ganzes Wesen zu einer gewissen Verrichtung zu stimmen, als, wie der Mann thut, einzelne Kräfte einseitig anzuspannen. Aber dafür erreichen sie auch unvergleichbar mehr, da sie die Natur in demselben Moment, in dem sie sie beobachten, schon auch sich aneignen.

Nur ein überwiegendes Streben, an die äussere Beobachtung auch unmittelbar und zugleich die innere Individualität zu knüpfen, die Wahrheit mehr durch Sinn, Takt und Empfindung in sich aufzunehmen, als durch den Verstand und das Abstractionsvermögen zu erspähen, und die Neigung mit der Pflicht überall in friedlicher Harmonie auszugleichen, ist demnach eine wesentliche Eigenschaft des weiblichen Charakters. Dagegen ist es eine blosse Zufälligkeit einzelner Individuen, wenn das Object sich in dem Subjecte verliert, die Wahrheit der Einbildung weicht und die Ueberzeugung von der Neigung beherrscht wird.

Wenn schon die Ungerechtigkeit gegen vollendete Charaktere nachtheilig ist, so ist es noch bei weitem gefährlicher, solche zu verkennen, die sich erst auf dem Wege ihrer Entwicklung befinden. Darum ist die Absondrung der reinen Eigenthümlichkeit für den Erzieher so nothwendig, aber auch zugleich so schwierig. Denn die Jugend zeigt ebenso wie das höhere Alter, da in beiden der innern Charakterkraft die nothwendige Reife und Stärke mangelt, eine beträchtliche Anzahl theils bloss vorübergehender, theils tiefer gegründeter Zufälligkeiten. In einer Zeitperiode ganzer Nationen kommen beide Fehler zusammen, da eine solche, weil die Einwirkungen der Vorzeit noch fortdauern, indem schon die Eigenthümlichkeiten der folgenden aufkeimen, immer die beiden äussersten Stufen des individuellen Lebens in sich vereinigt.

Ein interessantes Beispiel einer solchen falschen Beurtheilung der Zeit giebt in unsern Tagen die häufige Klage, die man in so mannigfaltigen Gestalten über Abspannung und Schlaffheit des Charakters führen hört. In der politischen Welt, sagt man, fehlt es, wenige Ausnahmen abgerechnet, an der lebendigen Energie der Nationen, die selbst das Mittelalter noch hie und da aufwies, überall hat das Privatinteresse das öffentliche erstickt, und vorzüglich vermisst man einzelne Individuen, die durch die Uebermacht ihres Geistes dem Laufe der Begebenheiten eine entscheidende Richtung ertheilten. In dem Reiche der Wissenschaften giebt, ungeachtet aller unläugbaren Fortschritte und Erweiterungen, doch gerade derjenige Theil die kärgste Ausbeute, welcher das feurigste Gefühl und das productivste Genie erfodert, die bildende und dichtende Kunst. Da aber auch hievon einzelne bewundernswürdige Ausnahmen vorkommen, und Talente, die immer nur Einzelnen angehören, keinen Schluss auf eine ganze Zeit erlauben, so ist die Erscheinung noch sichtbarer in den Massen des Volks. Die Regierungen der Staaten sind weniger als je den Fähigkeiten und dem Charakter von Einzelnen anvertraut; in feste Formen gegossen, gehen sie einen sichreren, weniger von persönlichen Kräften und Gesinnungen abhängigen, aber auch weniger auf sie zurückwirkenden Gang. Religionsschwärmerei, wenn sie auch noch hie und da einzeln erscheint, ist gewiss weniger allgemein verbreitet, aber auch der reine und edle Religionseifer in hohem Grade erkaltet. Die Philosophie hat die sichersten Wege zur Erforschung der Wahrheit gewählt und sich bescheidener, als sonst, innerhalb der Gränzen der menschlichen Vernunft gehalten; zugleich ist es ihr gelungen, ihre Herrschaft weiter, als je, zu verbreiten, und so hat sie dem Geiste unläugbar eine gewisse Kälte und Nüchternheit mitgetheilt. Bei allen politischen, wissenschaftlichen und selbst mechanischen Arbeiten sind die mannigfaltigen Geschäfte so sehr unter dem Fleisse vieler Einzelnen vertheilt, dass keiner eigentlich die Kraft fühlt, die erfodert wird, solche Massen in Umschwung zu bringen, keiner seine Thätigkeit anspannt, in diesem Bestreben zu gelingen, keiner seinen Muth gegen den Widerstand stärkt, den sie ihm entgegensetzen. Im gesellschaftlichen Leben stösst man häufiger auf Verbindungen, welche gemeinschaftliches Interesse, Gleichheit in Beschäftigungen oder in Meynungen stiftete, höchst selten aber auf solche, die freie Neigung und der eigentliche Charakter knüpfte. Selbst die jenige Leidenschaft, welche am meisten gemacht ist, die ursprüngliche Kraft des Menschen zu erwecken, zeigt, sogar in ihren Verirrungen, bei weitem eher weichliche Schwäche und kränkelnde Reizbarkeit, als kühne Energie.

Allerdings leiden auch von der andern Seite alle hier angeführte Beweise wichtige Ausnahmen, aber es bleibt unläugbar, dass alle Eigenthümlichkeiten unserer Zeit uns mehr zum Raisonniren als zum Empfinden und Handeln führen, und nichts auf der Welt wirkt so feindselig gegen Heroismus und Enthusiasmus als ein übermässiger Hang zum Raisonnement. Auch sind viele der Einrichtungen, die sonst einen mächtigen Einfluss auf die Phantasie und das Gefühl ausübten, durch die Länge der Zeit und die veränderte Richtung des menschlichen Geistes zu todten Formen geworden, die, statt energisch und belebend zu wirken, nun bloss als einschränkende Hindernisse dastehn. Dagegen hat der neuer entstandene Hang zu einer philosophirenden Beurtheilung aller Dinge das Ansehn der Meynung geschmälert, häufigere Zweifel erregt, und zugleich den Abscheu vor Gegenständen der Misbilligung mit der Anhänglichkeit an Gegenstände der Billigung vermindert, den heftigen Hass und die leidenschaftliche Liebe seltner gemacht. Sie hat derjenigen Stimmung das Uebergewicht verschaft, die alles in ein Object ihrer zergliedernden Betrachtung verwandelt, und es ist unvermeidlich, dass diese Stimmung, indem sie den intellectuellen Menschen befriedigt, nicht den moralischen gleichgültig machen sollte.

Alter und Jugend der Zeit kommen daher zusammen, die Triebfedern unsers Charakters zugleich abzuspannen. Wenn man indess die Ursachen dieser Abspannung genauer erwägt, so ist dasjenige, was wir verlieren, nur gleichsam die Stärke und Heftigkeit des Instincts, da wir der Stärke der Vernunft vielmehr jetzt erst entgegenreifen. Zwar ist es schwer von einem ganzen Zeitalter das zu behaupten, was selbst dem Einzelnen nur selten gelingt. Allein gewiss ist es doch, dass nicht bloss einzelne Vorurtheile, sondern die ganze Richtung des Geistes, welche der Herrschaft von Vorurtheilen leicht Raum giebt, in hohem Grade vermindert worden ist, und dass die Schlaffheit und Abspannung, die unmittelbar auf einen solchen Zustand freilich erfolgen muss, nicht anders als vorübergehend und augenblicklich gedacht werden kann. Die einzelnen sowohl, als die vereinten Kräfte unsers Zeitalters sind mit zu entschiedenem Glücke den besten und höchsten Zwecken zugerichtet; die Fortschritte der Vernunft sind zu sicher gegründet und die Wissenschaften aller Art haben ihr Gebiet zu sehr erweitert, als dass bei diesen Zeichen einer blühenden und kraftvollen Gesundheit des Geistes auch nur der Verdacht einer wesentlichen und bleibenden Schwäche entstehen könnte. Es mag allerdings die Entzündbarkeit der Phantasie und der Empfindung fehlen, die sich leicht und plötzlich zu grossen Thaten entflammt, es mögen selbst viele der Gegenstände jetzt unwirksam geworden seyn, welche sie bisher zu erregen pflegten; das Interesse an dem Glück und der Veredlung der gesammten Menschheit aber ist einmal zu allgemein verbreitet, es wird durchaus richtiger, als sonst verstanden und liberaler beurtheilt, und dieser Gegenstand ist schlechterdings zu gross, als dass er nicht auch sinnlich auf die Einbildungskraft und das Gefühl mit Macht einwirken und einen hohen und erleuchteten Enthusiasmus erzeugen sollte.

Jene Schlaffheit und Kraftlosigkeit, von welcher freilich bedeutende Anzeichen nicht abgeläugnet werden können, ist daher nur zufällig in der Lage des Augenblicks, nicht wesentlich in der Beschaffenheit des ganzen Zeitalters gegründet, sie wird nicht, wie sie sonst unfehlbar müsste, wachsen, sondern vielmehr wieder verschwinden, und alles, was man allenfalls zugeben kann, ist, dass auch die künftige Zeit, vergleichungsweise mit der vorigen, weniger auffallende und grosse Kraftäusserungen Einzelner, weniger heldenmüthige Thaten und Bewunderung erregende Aufopferungen aufweisen, oder vielmehr (denn auch diess ist schon zu viel zugestanden) dass man den einseitig auflodernden Enthusiasmus und die Heftigkeit des Gemüths seltner, als ehemals antreffen wird, die immer durch eine wachsende Kultur in gewissem Grade zurückgedrängt werden. Dagegen werden gewiss Geist und Charakter durch ganz andre Beweise die ächte und rüstige Stärke zeigen, von welchen jene einzelnen leuchtenden Erscheinungen sehr oft nur unsichre Zeugen sind.

Wenn eine Eigenschaft so tief, als es in den beiden vorigen Beispielen der Fall war, in dem Charakter gegründet ist, so dient sie, wenn sie auch nach genauer Untersuchung dennoch zufällig genannt werden muss, mehr als irgend eine andre dazu, die wesentliche Natur desselben aufzudecken. Um daher diese nicht zu verfehlen, ist es nothwendig, Zügen solcher Art eine vorzügliche Aufmerksamkeit zu widmen, und folglich die verschiedenen Grade der Zufälligkeit sorgfältig von einander abzusondern. Da alles, was aus der ächten Eigenthümlichkeit des Individuums herfliesst, demselben durchaus wesentlich ist, so muss alles Zufällige entweder nicht aus der wahren oder nicht aus der ganzen Individualität entspringen, und diese Eintheilung erschöpft in der That alle Gattungen desselben.

Was von aussen eingewirkt wird und also gewissermaassen dem Charakter immer fremdartig bleibt, ist entweder bloss vorübergehend oder bleibend. Von der ersten Art sind die Zufälligkeiten, welche einzelne Individuen von einzelnen Perioden ihres Lebens, Personen ihres Umgangs, Büchern ihrer Lectüre u. s. f., ganze Nationen von einzelnen Thaten oder Begebenheiten, temporärem Verkehr mit einer benachbarten oder dergl., Zeiten endlich von dem Einflusse einzelner Menschen oder Ereignisse annehmen. Die Zufälligkeiten der letztem Art macht schon ihr länger dauerndes Fortwirken auf den innern Charakter bedeutender. Zu ihnen gehören die Eigenthümlichkeiten, welche Staatsmänner, Schriftsteller, Menschen überhaupt durch ihren Stand, ihre Nation, ihre Zeit gegen ihre ursprünglichen Anlagen empfangen. So drückt z. B. Shakespearen unläugbar die Unkultur und die Geschmacklosigkeit seines Zeitalters, aber ebenso kann auch ein Charakter durch diese Zugabe manchmal, statt zu verlieren, vielmehr gewinnen. So ist es z. B. zweifelhaft, ob nicht der abentheuerliche Leichtsinn und die jugendliche Unbesonnenheit Franz I. schlechthin tadelnswerth, selbst seine gerade und zuversichtliche Offenheit wenigstens unbedeutend scheinen würde, wenn er nicht von dem Ritterwesen seiner Zeit einen mehr romantischen, glänzenderen Schimmer erborgte.

Am tiefsten endlich gehen in den Charakter diejenigen Zufälligkeiten ein, welche ihm zwar im genauesten Verstande eigenthümlich, aber einseitige Extreme seiner sonst höhern und edleren Natur sind. Ohne gerade durch bestimmte äussere Anlässe hervorgebracht zu werden, können dieselben durch allgemeine Schwäche und Unthätigkeit entstehen, indem, wenn alsdann das Gleichgewicht verloren geht, die überwiegende Anlage eine verhältnisswidrige Herrschaft erlangt. Dieser ist es möglich auf einem doppelten Weg zu begegnen, entweder von aussen dadurch, dass man dem Geiste eine Beschäftigung giebt, durch die er schlechterdings, alle seine Kräfte zu sammeln, genöthigt wird, oder von innen, indem man die Fähigkeiten desselben absichtlich zu ihrem wahren Verhältniss stimmt. Die letztere Methode setzt eine genaue, ächt philosophische, d. h. aus Gründen hergeleitete und auf die mögliche künftige Entwicklung berechnete Kenntniss seiner selbst voraus; die erstere mehr indirekte hingegen ist, vorzüglich bei der Bildung andrer, bei weitem anwendbarer und praktischer. Sie dient zugleich zu einem treflichen Mittel die wahre Eigenthümlichkeit, der man auf dem unmittelbaren Wege am schwersten nahkommt, selbst erst auszudecken, da man (was sogar durch planlos angestellte Versuche geschehen kann) nur dasjenige auffinden darf, worin ein gegebnes Individuum mit der glücklichsten Leichtigkeit thätig ist, und wodurch es sich am stärksten auch für ähnliche künftige Productionen begeistert fühlt.

Von jeder der hier genannten drei Gattungen der Zufälligkeiten im Charakter hat unser Zeitalter mehr als Ein Beispiel aufzuweisen. Die erstere muss ihrer Natur nach äusserst häufig wiederkehren, und es ist kaum nöthig einzelne Beispiele aus ihr herauszuheben. Auch wirkt sie meistentheils nur auf kleinere Theile des Ganzen, nicht aber auf dieses selbst. Indess gehört hierher, um nur bei Einer Thatsache stehen zu bleiben, das Glück, welches vorgebliche, geheimnissvolle Kenntnisse nicht allgemein verbreiteter Wissenschaften, eingebildete Wunderkraft, Geisterbeschwörungen u. s. f. selbst noch in unsern Tagen gemacht haben. Die Fortschritte der Wissenschaften sind zu gross, das Streben nach Wahrheit zu ernstlich, als dass diese Erscheinung nicht hätte nur vorübergehend seyn sollen, aber auf der andern Seite hängt sie doch äusserst genau mit der Eigenthümlichkeit unsers Jahrhunderts zusammen, in welchem der entschiedne Hang, alles mit eignen Augen zu sehen und selbst durch Versuche zu prüfen, sich auf jede Behauptung einlässt, und nichts für unmöglich hält, weil es aus allgemeinen Gründen unbegreiflich scheint, und die allen Zeitaltern gemeinschaftliche Freude am Ungewöhnlichen und Wunderbaren, verbunden mit der Leichtgläubigkeit Einzelner, dennoch dem Betrug oder der Seichtigkeit um so eher Gehör giebt, als schwerlich je oberflächliche Vielwisserei und darauf gegründete Zuversicht des eignen Urtheils so allgemein, als jetzt, verbreitet war.

Zu der zweiten Gattung zufälliger Züge in dem Charakter unsers Jahrhunderts muss man die Herrschaft rechnen, welche Frankreich seit so langer Zeit in Geschmack, Sprache und Sitten über den grössesten Theil der kultivirten Welt ausübt. Die ganze Art ihres Entstehens und Fortdauerns kündigt sie als fremdartig und aufgedrungen an, und die Eigenthümlichkeit des Französischen Nationalcharakters ist dem Geiste unsers Zeitalters zu wenig entsprechend, als dass man sie als eine Modification be- trachten könnte, die er aus sich selbst frei entwickelt haben würde.

Als jene Herrschaft entstand, war der grösste Theil von Europa noch zu barbarisch, und späterhin ein nicht geringer philosophisch und ästhetisch zu hoch kultivirt, als dass sie sich ohne fühlbaren Zwang hätte behaupten können; eben dadurch aber wurde sie in so hohem Grade wohlthätig, da sie jene Barbarei wenigstens die Form der Kultur anzunehmen nöthigte, und dieses bessere und edlere Streben dennoch zu stark war, um sich von ihr zurückdrängen zu lassen. Die zufällige Ursache ihres Entstehens war die politische Uebermacht Frankreichs, aber sie hängt doch insofern mit den wesentlichsten Charakter-Eigenthümlichkeiten zusammen, dass nur diese Nation so herrschen, nur diess Jahrhundert eine solche Herrschaft so schnell aufnehmen konnte. Das Bedürfniss eines nahen und ununterbrochenen Verkehrs unter allen Nationen war schon im Anfange desselben bis auf einen beträchtlichen Grad gestiegen; unter den Mächten Europens hatte sich nach und nach ein gemeinschaftliches politisches System gebildet; die Verfassung fast aller Staaten und noch mehr die Richtung des Geistes aller Einzelnen war noch im höchsten Verstande monarchisch, von dem Lehnswesen her war man noch an eine strenge Form stufenweiser Unterordnung und an ein steifes Cärimoniell gewöhnt. Unter diesen Umständen hatte nun Frankreich nicht bloss ein politisches Uebergewicht, sondern, was bei weitem wichtiger ist, zugleich auch durch den Glanz seines Hofes, die Feinheit seiner Sitten, die Leichtigkeit und Eleganz seiner Literatur ein gesellschaftliches. Wenn daher, wie es jetzt anfieng, alle Höfe Europas Eine grosse, durch Gesandten und Reisende immerfort in Verbindung unter einander stehende Gesellschaft ausmachten, so mussten sie sich natürlich vorzugsweise nach dem Punkte des grössesten Schimmers hinwenden und von dort aus Gesetze empfangen. Von ihnen aber breitete sich dieser Einfluss auf die übrige Nation aus. So war die äussere Lage. Im Innern gährte überall ein Verlangen nach höherer und feinerer Kultur. Nationenweis, wo jeder Schritt mit so vielen Hindernissen umgeben war, hätte sich diess nur spät und langsam, wenn auch vielleicht am Ende besser und vielseitiger ausbilden können. Natürlich folgte daher jeder gern dem Volke, das, vermöge seines Charakters selbst, seine Vorzüge immer am leichtesten und schnellsten entwickelt und nichts abgesondert und für sich bearbeitet, sondern immer alles in ein Eigenthum der Gesellschaft zu allgemeinem Nutzen und allgemeinem Genuss verwandelt. Der Gallomanie (wenn es erlaubt ist, noch eine Bemerkung hinzuzufügen, die nicht ganz hieher gehört) folgte bald die Anglomanie nach, und diese beiden Nationen theilten dem übrigen Europa die Zwietracht mit, welche sie beide unter einander spaltet, bis auf und durch diese endlich die bessere und partheilosere Kultur durchzubrechen begann, der wir uns jetzt erfreuen, und welche den Deutschen in einem nicht wenig ehrwürdigen Lichte zeigt. — Auf diese Weise war zwar die Herrschaft Gallischer Sitten dem Charakter unsers Jahrhunderts ursprünglich fremd, aber wenn ihr Einfluss auch zufällig anfieng, so dauerte er dennoch sichtbar in bleibenden Folgen fort.

Für die letzte und bedeutendste Klasse der Zufälligkeiten im Charakter kann dasjenige zu einem Beispiel dienen, was im Vorigen von der Schlaffheit und Abspannung unsrer Zeit gesagt ist. Die abgesonderte Ausbildung des raisonnirenden Verstandes und das unläugbare Bestreben, die trocknen Aussprüche der blossen kalten Vernunft an die Stelle der tiefer in das Innre des Menschen greifenden Herrschaft der Meynung und der Gewohnheit, des Gefühls und des Enthusiasmus zu setzen und den Willen, mit der ungebundensten Freiheit von dem Einflusse aller sinnlichen Triebfedern, nur auf den Gehorsam gegen Grundsätze zu beschränken, hat ein gewisses Maximum erreicht, durch welches unser Jahrhundert in seinen Vorzügen selbst zugleich auch seine Einseitigkeit beweist.

Wie genau man auch den Begriff des Zufälligen im Charakter bestimmen möge, so hört er nie auf ein relativer zu seyn, und zwar wird er immer weiter und umfassender, je grösser die Entfernung ist, in welche sich der Beurtheiler, seinem jedesmaligen Endzweck gemäss, von dem Gegenstande seiner unmittelbaren Betrachtung stellt. Wer geradezu nur eine einzelne Handlung oder ein einzelnes Product würdigt, kann nichts davon zufällig nennen, was nicht schlechterdings ausserhalb des Einflusses seines Urhebers lag; wer hingegen über den ganzen Charakter eines Menschen, einer Nation, einer Zeit einen Ausspruch wagt, muss sehr oft vieles übergehen, das er nur mit Unrecht in den Kreis seiner Beurtheilung ziehen würde, da auch der einzelne Mensch sich nicht immer gleich bleibt, von äussern Anlässen irre geführt wird oder sich innerlich gehn lässt. Der Hauptunterschied beruht hier darauf, ob die Prüfung mehr in historischer oder philosophischer Rücksicht unternommen wird, ob sie mehr den Werth des Objects oder die Fähigkeit des Subjects vor Augen hat. Der Historiker sucht durchaus nur das Individuelle; der Gegenstand hat diese und diese Beschaffenheiten; diess ist ihm genug. Mögen sie ihm zufällig oder wesentlich angehören, genug sie sind ihm einmal eigen und dienen, ihn von andern unterscheidend zu charakterisiren. Den Philosophen interessirt in dem Individuellen nur das Allgemeine; auch in dem einzelnen Menschen forscht er nur nach der Form der Menschheit überhaupt, welche in demselben ausgeprägt ist. Findet er diese in ihrer vollen Energie auch nur in einem einzigen Augenblick, so heftet er sich an diesen und es kümmert ihn nicht, ob das Individuum ihr auch in allen übrigen treu geblieben ist oder nicht?

Die philosophische Menschenkenntniss hält, wie oben weitläuftiger ausgeführt worden ist, eine gewisse mittlere Richtung zwischen jenen beiden Extremen. Sie begnügt sich nicht bloss an dem, was in der Gegenwart wirklich vorhanden ist, aber sie will diess doch ganz und vollkommen wahr sehn. Sie zählt alle Erscheinungen sorgfältig auf, ohne irgend andre, als die offenbar unbedeutenden, zu übergehen, aber sie sondert sie auch nach ihrer Beziehung auf die innerste Eigenthümlichkeit des Subjects in verschiedene Klassen ab. Ihr Zweck ist es, dem vorhandenen Charakter zu der Vollendung, die er erreichen kann, den Weg zu zeigen; es ist ihr daher gleich wichtig, Keime und Anlagen, deren Entwicklung durch zufällige Umstände unterdrückt ist, nicht zu vernachlässigen, als bei einer zu liberalen Beurtheilung nicht wesentliche Mängel nur für zufällig und vorübergehend zu erklären. Indem sie aber auf diese Weise am meisten bei der wesentlichen Eigenthümlichkeit ihres Gegenstandes verweilt, geniesst sie zugleich die wohlthätige Freude, gerade den schönsten und edelsten Theil ihres Stoffes auch am längsten im Gesicht zu behalten.

Die Kunst, das Zufällige von dem Wesentlichen des Charakters zu unterscheiden, so schwer sie auch manchmal in der Ausübung seyn mag, braucht und verstattet dennoch keine andern Regeln, als diejenigen, welche überhaupt zu einer richtigen Menschenkenntniss führen. Es kommt nur darauf an, die wahre und die ganze Individualität des Subjects zu kennen, und es wird nicht mehr schwer seyn, zu entscheiden, was aus ihrem Innern herfliesst oder nur von aussen an sie angeknüpft ist, was aus ihrem Ganzen oder nur aus einzelnen Theilen derselben hervor geht. Bei diesem wie bei jenem Geschäft ist die Hauptsache die, sich in die Mitte seines Gegenstandes zu versetzen, alle seine Leistungen und seine Erscheinungsarten, so wie alle Umstände, die bedeutend auf ihn einwirken, lebendig zu umfassen, alle mit einander zu vergleichen und aus allen durch Gefühl und Einbildungskraft ein anschauliches Bild, durch den Verstand aber einen deutlichen Begriff herauszuziehen, die Aussprüche des Takts durch das Raisonnement zu berichtigen, die Resultate dieses letzteren durch die Feinheit des erstem zu ergänzen, mit Einem Wort den Scharfblick zu üben, der unter einer Menge gleichgültiger Merkmale sogleich die bedeutenden, unter vielen gemeinsamen die unterscheidenden, und unter diesen letzteren wiederum diejenigen auffasst, die nicht Einem Moment oder Einer Stimmung, sondern allen ohne Ausnahme und mithin der eigenthümlichen Natur angehören.

Wenn die Zergliederung eines Charakters durchaus gelungen ist, so muss der Zusammenhang dessen, was wesentlich und zufällig genannt wurde, klar seyn und die Art, wie das letztere aus dem erstem entstehen, und wie dieses sich doch von dem Einflusse jenes befreien kann, deutlich vor Augen liegen. Man muss bestimmt einsehen, dass das Zufällige dem reinen und vollendeten Begriff der Individualität fremd ist; aber man muss auch in diesem die Keime nicht verkennen, aus welchen es bei geringerer innerer Energie oder bei weniger sorgfältig bewachtem Gleichgewichte hervorsprosst.

Die meisten Zufälligkeiten entstehen da, wo ein individueller Charakter zugleich durch mehrere Gattungscharaktere specificirt wird. In jedem Menschen kommen eine Menge allgemeiner Ursachen zusammen, welche seiner individuellen Charakterform besondre Bestimmungen mittheilen oder dieselbe vielmehr zusammengenommen selbst bilden: Geschlecht, Alter, Temperament, Nation, Stand, Beschäftigung u. s. f. Jede dieser Ursachen bestimmt das Individuum und wird wiederum selbst durch dasselbe bestimmt, so dass es oft gleich schwer ist, aus mehrern Individuen den Gattungscharakter, als unter dem Einfluss verschiedener Gattungscharaktere das Individuum herauszufinden. Von der gegenseitigen Einwirkung beider nun hängt es ab, welche von ihnen die Oberhand gewinnt, und so muss z. B. manchmal die nationelle Form in einem Subjecte für bloss zufällig, manchmal hingegen für wesentlich und herrschend erklärt werden. So schaft sich bei Weibern manchmal die Individualität durch das Geschlecht hindurch Raum, indess in andren das Geschlecht das Individuum besiegt. Wenn diese Schwierigkeit schon bei der Beurtheilung einzelner Menschen eintritt, so ist sie noch bei weitem grösser bei der Beurtheilung einer ganzen Zeit. Denn der Charakter eines Zeitalters erscheint nicht anders, als an Individuen, deren jedes ausser vielfachen Gattungsformen noch seine ihm eigenthümliche an sich trägt, und kann daher nur erst, wenn alles, was jenem angehört, abgesondert ist, klar und bestimmt gesehen werden. Diese Schwierigkeit, die auf den ersten Anblick beinah unüberwindlich scheint, werden wir im zweiten Theile dieser Schrift näher zu betrachten haben.

Je weitumfassender ein Charakter ist, je mehr Seiten er hat, die eine fernere Entwicklung verstatten, je grösser die Zahl der Gegenstände ist, die auf ihn einwirken, desto mehr läuft er Gefahr, sich von seiner natürlichen und eigenthümlichen Bahn auf zufällige Nebenwege zu verlieren. Daher bleiben Frauen, wenn man auf die ganze Charakterform, nicht auf einzelne Launen und Stimmungen achtet, sich mehr gleich, als Männer, ein rohes Zeitalter mehr als ein kultivirteres, dasjenige, in welchem Natur und Gefühl noch ursprünglicher herrschen, mehr als dasjenige, das mehr für die Erkenntniss und durch den Verstand gebildet ist. Diesen letzten Charakter trägt nun gerade unser Jahrhundert in vorzüglichem Grade an sich. Weniger als irgend ein vorhergegangenes zeigt es einen einzelnen und engen Naturweg, vielmehr zeichnet es sich gerade dadurch aus, dass es sich vielfache Bahnen gebrochen und die Fähigkeit bewahrt hat, jede zu verfolgen. Bei der Beurtheilung einer solchen Periode war es daher doppelt nothwendig, der gegenwärtigen Materie eine verweilende Aufmerksamkeit zu schenken.

Bemerkungen zur Entstehungsgeschichte

Zu Beginn des Jahres 1796 war in Humboldts Geiste ein riesenhafter Plan zu einem großen anthropologisch-psychologischen Werke über den Geist der Menschheit aufgegangen, den er dem intimsten Freunde und Kenner seines Geisteslebens alsbald brieflich entwickelte (an Schiller, 2. Februar 1796). Bei Gelegenheit eines nicht näher bestimmbaren mittelmäßigen Buches über den Geist des 18. Jahrhunderts war ihm die Idee gekommen, daß gerade jetzt der geeignete Zeitpunkt sei, die tatsächlichen und die noch notwendigen und möglichen Fortschritte des menschlichen Geistes im Zusammenhang zu prüfen und zu erwägen, das Ideal der Menschheit mit ihrem faktischen Zustande zu vergleichen und aus dieser Vergleichung praktische Vorschriften zu entwickeln. Daß ein solcher Plan die Kräfte eines einzelnen bei weitem überstieg, war von vornherein klar und so dachte auch Humboldt an ein Zusammenarbeiten mit andern in der Weise, daß einzelne Teile oder Gesichtspunkte, von verschiedener Hand bearbeitet, etwa in den Horen vorgelegt werden sollten. Als persönliches Arbeitsgebiet ersah er sich eine Charakteristik seiner Zeit, d. h. des eben ablaufenden 18. Jahrhunderts, und beschloß zunächst durch Ausarbeitung einer allgemeineren Abhandlung über die Schilderung und Würdigung des Charakters eines bestimmten Zeitalters überhaupt jener mehr historischen Darstellung eine breite philosophische Grundlage zu geben, selbst auf die richtig vorausgeahnte Gefahr hin, zu der eigentlichen Charakteristik vielleicht niemals zu kommen (an Wolf, 16. Juli und 23. Dezember 1796; an Körner, 7. März 1797). So spannen sich die Ideen der Horenaufsätze und der Anthropologie, die sich um das Geheimnis des menschlichen Charakters als um ihren Mittelpunkt bewegt hatten, in dem neuen Plane weiter. Frühjahr und Sommer 1796 vergingen mit dem Sammeln und Ordnen des weitschichtigen und mannigfaltigen Stoffes, ohne daß die Feder zur Ausarbeitung angesetzt wurde; außerdem unterbrachen mannigfache Störungen den ruhigen Fluß der Studien, so Krankheiten in der Familie, das dem Ende zuneigende Siechtum der Mutter, die große Reise nach Norddeutschland. Zur Zeit der Rückkehr nach Jena im Herbst 1796 war ein Punkt erreicht, bei dem Humboldt fast ganz an der Möglichkeit der Ausführung verzweifelte, und es kostete große Mühe, die entstandenen Zweifel zu beseitigen (an Brinkmann, 9. Dezember 1796). Doch kam im Winter auf 1797 in der jenaischen Stille trotz der Störungen, die der Tod der Mutter und die Geburt eines Sohnes mit sich brachten, die produktive Stimmung in Gang: im Februar war ein Kapitel fertig, dann trat jedoch wiederum eine durch die allzu schwer zu bewegenden Stoffmassen bedingte Stockung ein (an Brinkmann, 13. Februar 1797). Bis zu der Ende April erfolgten Abreise nach Berlin wurde noch mindestens das zweite und dritte Kapitel abgeschlossen, wie aus Schillers mündlichen Bemerkungen über das letztere sich ergiebt. Dann begann Humboldts große Reise, die ihn nach vorübergehenden Aufenthalten in Dresden, Wien, München und der Schweiz im November nach Paris führte. Vielleicht in Dresden ( Briefwechsel zwischen <persName ref="gnd-118607626">Schiller</persName> und <persName ref="gnd-11856448X">Körner</persName> 4, 37 ), wenn nicht etwa schon in Jena oder Berlin vor Antritt der Reise, dürfte das vierte und fünfte Kapitel geschrieben sein, worauf die Arbeit liegen blieb, wenn auch in Dresden wie in Paris die Fülle neuer Eindrücke von Land und Leuten vielfache Anknüpfung an die im Fluß befindliche Ideenmasse darbot (an Brinkmann, 10. Juli 1797; an Gentz, 29. November 1797; an Goethe, April 1798). In der Einleitung der Schrift über Hermann und Dorothea klingt dann noch einmal das große Programm vom Februar 1796 an, das nun dieser konkreteren Aufgabe endgültig hatte weichen müssen. Schiller lernte jeden fertigen Abschnitt der Abhandlung unmittelbar kennen und gab im mündlichen Gespräch sein Urteil darüber ab, das in gleicher Weise den Inhalt wie die stilistische Form betraf: ein glücklicher Zufall hat uns in ein paar Blättern von Humboldts Hand wenigstens einige Reflexe aus diesen Gesprächen aufbewahrt. Goethe hat den Entwurf wohl nie zu sehen bekommen; dagegen wurde er in Dresden Körner mitgeteilt, der ihn wie immer mit nüchterner Schärfe beurteilte: in den Ideen sei viel richtiges und fruchtbares, aber noch wolle sich kein klares Resultat finden, was ja aber auch nur im Moment des Sieges über den Stoff möglich sei, während Humboldt noch kämpfe ( Briefwechsel zwischen <persName ref="gnd-118607626">Schiller</persName> und <persName ref="gnd-11856448X">Körner</persName> 4, 37. 49 ). Auch die romantischen Kreise hatten von dem Plane Kenntnis, brachten ihm aber wie überhaupt der Persönlichkeit Humboldts nur geringe Sympathieen entgegen ( <persName ref="gnd-118588893">Novalis</persName>' Briefwechsel mit <persName ref="gnd-118607987"> <persName ref="gnd-118607960">Schlegel</persName> </persName>s S. 45. 49 ).