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An dem Schlusse eines vollendeten Jahrhunderts bietet sich unserm Nachdenken sehr natürlich die Frage dar: wo stehn wir? welchen Theil ihres langen und mühevollen Weges hat die Menschheit zurückgelegt? befindet sie sich in der Richtung, welche zum letzten Ziel hinführt? und wie weit ist es ihr gelungen, in dieser Richtung bereits fortzuschreiten?
Die Beantwortung dieser inhaltvollen Fragen fodert nichts Geringeres, als eine Charakteristik der Zeit, in der wir leben, verbunden mit einer pragmatischen Herleitung unsers Zustandes aus seinen in früheren Begebenheiten und Umständen verborgenen Ursachen, mithin eine Schilderung des Jahrhunderts, das wir zurückgelegt haben. Was wir sind, muss vollständig und bestimmt gezeichnet, aber wir müssen nicht als ein todtes Bild aus dem ganzen Gemählde der Zeit herausgerissen, wir müssen vorgestellt werden als ein lebendiges Glied einer zusammenhängenden Reihe gemeinschaftlich wirkender Ursachen, zugleich als das Product von Kräften, die vor uns thätig waren, und als eine Quelle andrer neuer, die es nach uns seyn werden.
Um diesen Gesichtspunkt genau im Auge zu behalten, und dem Bilde nichts von dem
frischen Leben zu rauben, durch das es allein für die Betrachtung fruchtbar wird,
ist es nothwendig den Charakter der Menschheit in seiner ganzen unzertrennten
Es wird daher nicht nothwendig seyn, jeden einzelnen Zug mit mühsamem Fleiss ängstlich zusammenzutragen, aber auch nicht hinlänglich, durch eine solche Nachbildung der Aussenseite der Gegenstände ihren blossen Umriss zu zeichnen. Ihr Geist, ihr Charakter muss dargestellt seyn; aber es bedarf keines Pinselstrichs mehr, sobald er einmal dasteht. Dieser Endzweck bestimmt auch die Ordnung des Vortrags. Die am meisten charakteristische Eigenthümlichkeit muss vorangehn, und um sie müssen sich die andern versammeln. Das Gemählde muss zugleich Wahrheit mit Leben in sich vereinigen. Das letztere wird ihm nie mangeln, sobald es, statt bloss die todte Form der Natur nachzuahmen, ihren Geist athmet; die erstere muss sich dadurch bewähren, dass jeder aufgestellte Charakterzug auch unmittelbar einen Belag aus der Reihe der Thatsachen aufzuweisen hat. Der beobachtende Verstand und die dichtende Einbildungskraft müssen in harmonischem Bunde stehn. Jener muss nur darum Begriffe und Thatsachen sammeln, damit diese sie in ihre Form giessen, und zu einem Ganzen umschaffen möge; sie hingegen muss jedem Stoff, den nicht er herbeigeführt hat, ihr Gepräge versagen. Die Probe des Gelingens ist der Versuch, ob das entworfene Bild die Kraft begeisternd erweckt, und lenkend richtet, welches beides es nicht kann, wenn es nicht wahr und lebendig zugleich ist.
Die zweite Bedingung hängt genau mit dieser ersten zusammen. Das Lebendige
unterscheidet sich vorzüglich dadurch von dem Todten, dass es in sich und durch
sich beweglich, wechselnd und vorschreitend ist, dass es nie aus einem einzelnen
Zustand, nur aus der Kraft begriffen werden kann, welche jene alle begründet.
Diess zeigt auch der äussere Änblick. Daher entsteht die weiche Biegsamkeit, der
fliessende Glanz, das duftende Ansehn der
Woher aber jene Summe des Möglichen nehmen, da die Wirklichkeit sie nicht
erschöpfend enthalten kann, und aus der Idee wir sie nicht vollständig abzuleiten
im Stande sind? In der That und wirklich alle Möglichkeiten aufzählen zu wollen,
wäre vergeblich und unnütz; der Kraft und dem Erfolge nach wird dennoch das ganze
Gebiet des Möglichen umfasst, wenn durchaus die Maxime herrscht, nirgends eine
einseitige Grenze zu setzen, jede neue Form in ihrer Eigenthümlichkeit zu prüfen,
und von ihr aus neue Verbindungen mit allen übrigen, und einen Weg zum Ideale zu
finden. Nur darum und nur insofern ist es nothwendig, mit dem Charakter der
Menschheit in seinem weitesten Umfang innig vertraut zu seyn, nur um die Fähigkeit
zu erlangen und zu erhöhen, schnell und leicht die feine Verwandtschaft
verschiedner Anlagen und Neigungen zu entdecken, und, durchdrungen von der Idee
der höchsten Vollkommenheit, in jeder neuen Gestalt scharf und fest zu bestimmen,
was als gut und rein beibehalten, was als zufällig und verwerflich vertilgt werden
muss. Um dahin zu gelangen müssen wir speculatives Nachdenken mit praktischer
Beobachtung verknüpfen. Ohne jenes lernen wir, wie die gemeine Menschenkenntniss,
nur gewisse Aeusserungen der Charaktere, nicht, wie die philosophische, ihr
inneres Wesen selbst kennen; ohne diese finden wir nur, durch Eintheilung des
Begriffs der Menschheit
So also, wie hier beschrieben ist, soll das Jahrhundert geschildert werden. Einmal so, dass der raisonnirende Verstand aus den einzelnen Thatsachen, welche die Beobachtung ihm liefert, allgemeine Resultate herleitet, aber die Phantasie diese abgezognen Begriffe zu einem anschaulichen Bilde zusammenstellt. Zweitens so, dass nicht unser Stillstehn in einem bestimmten Zustande, sondern unser Forteilen zu einem andern geschildert werde; dass der Weg der ganzen Menschheit offen vor uns daliege, und die Stelle der jetzigen auf demselben bezeichnet sey; dass wir die Fussstapfen sehen, die wir verlassen haben, und diejenigen ahnden, in die wir treten werden.
Was heisst aber, das Jahrhundert schildern? Was sagt dieser seinem Begriff und seinem Umfange nach vieldeutige Ausdruck, wenn er genauer bestimmt wird?
Seinem Begriff nach kann er einen doppelten Sinn haben, die Menschen des
Jahrhunderts, oder die Menschheit in demselben zu schildern. Jenes wäre allein das
Werk der Geschichte, diess des philosophischen Raisonnements über dieselbe. Hier
ist nur von diesem letzteren die Rede. Es interessirt uns daher hier nicht den
physischen, moralischen und politischen Zustand der einzelnen Nationen und Länder
in den verschiednen Epochen ihrer Umbildung durchzugehn. Wir fragen nur, welchen
Charakter die Menschheit überhaupt, ob neue, vorher unbekannte Nüancen, ob erhöhte
oder verminderte Grade gezeigt hat? So müssen wir einzelne Menschen, bei denen
diess der Fall ist, herausheben, und können ganze Nationen, die in dieser
Rücksicht nicht merkwürdig sind, mit Stillschweigen übergehen. Wie wir bei der
Schätzung der Fortschritte einer Kunst, z. B. der Musik, wenigstens ohngefähr den
Grad bestimmen können, der überhaupt erreicht, und die Anzahl der Gattungen, die
mit Glück versucht worden ist, wie hernach, um eine spätere Periode zu würdigen,
nur untersucht werden darf, ob und inwiefern dieser dem Grad und den Arten nach
bestimmte Umfang abgeändert worden, oder derselbe geblieben ist, ebenso ist es
auch mit dem Charakter in seiner Totalität. Aber dieser Charakter ist für sich ein
blosser Collectivbegriff, und zeigt sich allein in einer Menge einzelner Formen,
unter welchen der Forscher, da er unmöglich alle aufstellen kann, eine Wahl zu
treffen genöthigt ist. Nach seinem Endzweck, die jetzige Menschheit der ganzen
überhaupt, seine Zeit aller Zeit charakterisirend entgegenzusetzen, werden die
Formen, welche
Auf zwei besonderen Blättern hat sich
„Die Einführung hat einen doppelten Fehler. Sie ist moralisch und scheint
mehr auf Welt- als auf Selbstverbesserung zu gehen. Beides muss
vermieden, und die Nothwendigkeit für das Individuum, sich dem Ganzen
anzupassen, als ein eigentliches Bedürfniss, folglich physisch praktisch
aufgestellt werden. Man muss es an die Erfahrung eines jeden anknüpfen,
und wenn es möglich wäre, lieber sogar von einem einzelnen Factum
ausgehen. Wie es jetzt ist, hat es den Fehler, dass das Moralische dem
Menschen immer gewissermaassen fremd bleibt, und dass er sich davon
loszumachen weiss. Auch kann es so misverstanden werden, als würden
dadurch die Weltverbesserer, z. B. Fichte und Consorten begünstigt. Nicht
also als eine Aufgabe der Vernunft, sondern als ein Bedürfniss der Natur
muss es erscheinen. Die strenge Eigenthümlichkeit ist wichtig; aber sie
wird zur Einseitigkeit; um Totalität in sich zu erhalten, muss sie die
übrigen mit ihr verwandten Gattungen aufsuchen und sich in Verhältniss zu
ihnen stellen. — Auch müsste nicht übergangen werden, dass die
Nothwendigkeit, sich dem Ganzen anzupassen, nur unter uns Modernen
entstanden ist. Bei uns muss sich das Individuum in der Gattung
aufsuchen, weil der Mensch nur in ihr erscheint. Unter den
Der Stil ist zu lehrend; zwar klar und nicht verwickelt, aber er hat noch die Haupteigenthümlichkeit meiner älteren Sachen, dass nicht hinlängliche Gruppirungen und Massen gemacht sind, dass jeden Satz zu ängstlich alle Einschränkungen begleiten.
Technische Ausdrücke der Philosophie, z. B. Form der Vernunft müssen noch mehr vermieden werden.“
Das Menschengeschlecht kann als ein grosses Ganzes betrachtet werden, dessen
einzelne Glieder sich durch eine planmässige Ausbildung ihrer verschiedenen
Kräfte Einem gemeinschaftlichen Ziele nähern. — Dieser Idee gemäss zu handeln,
ist dem Menschen durch seine Vernunft aufgegeben, um die höchste
Uebereinstimmung
Das allgemeinste Bestreben der menschlichen Vernunft ist auf die Vernichtung des Zufalls gerichtet. Im Gebiete des Willens soll er nie herrschen; im Reiche der Natur nirgends zu herrschen scheinen. Was in jenem geschieht, soll aus festen Grundsätzen herfliessen; was man in diesem beobachtet, soll aus deutlich erkannten Ursachen nach nothwendigen Gesetzen abgeleitet werden. Je höher die sittliche Ausbildung des Menschen, desto weniger Zufälliges ist in seinen Handlungen, je ausgebreiteter seine historische Kenntniss und je tiefer seine philosophische Einsicht, desto mehr Regelmässigkeit und Nothwendigkeit erscheint ihm in dem Laufe der Natur. Daher beruht der ununterbrochene Fortschritt der Vollkommenheit des Menschen durch die Thätigkeit seiner Vernunft auf der Annahme zweier Sätze, die nie bewiesen werden können, aber nie geläugnet werden dürfen. Der Inbegriff aller unsrer Handlungen, auch die kleinste nicht ausgenommen, kann durch die Kraft unsers Willens allein von den Grundsätzen unsrer Vernunft abhängig gemacht; und jede Erscheinung in der Natur, ohne Ausnahme, kann nach nothwendigen Gesetzen aus den Umständen erklärt werden, die sie begleiten oder vor ihr vorhergehn. Wer einen dieser beiden Sätze zu läugnen versuchte, würde dem Menschen eine seiner beiden wesentlichen Eigenschaften absprechen, und entweder der Strenge seiner Sittlichkeit, oder der Unendlichkeit seiner Erkenntniss willkührliche Grenzen setzen. Wo also nur immer der Zufall zu herrschen scheint, da muss die Vernunft die Rechtmässigkeit seines Besitzes zu prüfen versuchen, und nur dann geräth sie in Gefahr zu irren, wenn sie, statt bei jedem besondern Falle stehen zu bleiben, sich allgemeine Urtheile erlaubt, und statt (wie jene beiden Sätze aussagten) in der Natur keinen Zufall vorauszusetzen, ihn derselben abzusprechen wagt.
Nirgends nun scheint demselben soviel Willkühr vergönnt, als in dem Laufe
menschlicher Schicksale und Begebenheiten. Da dieselben zugleich ein
Resultat fremder Naturveränderungen
Dennoch muss das Gebot der Vernunft, überall mit Verbannung des Zufälligen
feste Gesetze zu suchen und aufzustellen, auch hier seine Anwendung finden.
Die verwickelte Reihe der Weltbegebenheiten liegt nicht bloss als der
würdigste Gegenstand einer müssigen Betrachtung vor unsern Augen da; der
Mensch steht auch mit allem, was ihn umgiebt, in so naher Berührung, dass
viele seiner Handlungen einen grossen und sichtbaren, alle aber wenigstens
einigen, wenn gleich schwachen Einfluss auf die entferntesten Punkte
menschlicher Thätigkeit ausüben. Er kann die Bande nicht lösen, die ihn mit
allen übrigen seiner Mitgeschöpfe verbinden, den erschütternden Stoss nicht
aufhalten, den seine Handlungen der ganzen Masse mittheilen. Sein
Wirkungskreis ist, wie er sich auch dagegen sträuben möge, unendlich, und
sollte auch der thätige Einfluss seines Daseyns endlich eben so
verschwinden, als der geworfene Stein nur auf eine gewisse Weite hin
sichtbare Kreise im Wasser bildet, so kann er doch diese Weite niemals
berechnen, und muss sie, um sich nicht auf eine gefahrvolle Weise zu irren,
lieber zu gross als zu klein annehmen.
Betrachtung und Nachdenken sind mehr ein Vorrecht, als eine Verpflichtung des Menschen; aber zu handeln kann er nicht unterlassen, selbst wenn es ihm einfallen könnte, es zu wollen. Daher ist die letztere Rücksicht bei weitem wichtiger, als die erstere. Ob wir in der uns bis jetzt bekannten Geschichte Zusammenhang und Ordnung finden, oder nicht? kann uns nur für unsre Erkenntniss interessiren. Ja, es würde sogar der Untersuchung schaden, schon im Voraus dem Resultat eine grössere und mehr unmittelbare Wichtigkeit beizulegen. Aber dass wir in unsern Handlungen dem Zufalle keinen Raum verstatten, darauf beruht unsre Sittlichkeit und Menschlichkeit selbst, und hier dürfen wir daher weder müssig noch gleichgültig seyn. Auch braucht die Vernunft hier nicht erst die Erfahrung um Rath zu fragen. Wo sie Grundsätze für unsre Handlungen aufstellt, hängt sie von niemand, als von sich selbst ab. Mag immerhin in den sechstausend Jahren, von denen wir Nachrichten übrig haben, nicht der mindeste Zusammenhang in den Begebenheiten zu entdecken seyn; vielleicht waren nur die Bemühungen der bisherigen Generationen vergeblich, vielleicht sind erst wir bestimmt durch ein regelmässigeres Zusammenwirken eine sichtbarere Ordnung (denn eine versteckte, von höheren Absichten geleitete war gewiss auch bis jetzt schon da) neu hervorzubringen. Allein die Hofnung, die Mannigfaltigkeit menschlicher Bemühungen zu einem Ganzen zu vereinigen, wird sogar durch andere wichtige und nahliegende Gründe unterstützt, und dieser Punkt ist zu wesentlich, um nicht länger bei ihm zu verweilen, und auch diese noch zu berühren.
Den menschlichen Kräften ist es vorzugsweise eigen, ein-
Unläugbar trägt jede Epoche und in jeder einzelnen jede Classe des
Menschengeschlechts einen eigenthümlichen Charakter an sich. Mit wieviel
unbedeutenden und zufälligen Eigenschaften auch mehrere dieser Charaktere
überladen seyn mögen, so giebt es doch gewiss nur sehr wenige, deren Verlust
für die Kenntniss und Ausbildung des Menschen völlig unwichtig wäre, und die
zu dem vollständigen Gemählde der Menschheit auch nicht Einen
Der Gedanke, dass nun auf eine ähnliche Weise alle diejenigen, welche eine
entschiedene Eigenthümlichkeit auszeichnet, einander zu gemeinschaftlicher
Wirksamkeit die Hände böten, dass die Vorzüge des einer die Mängel des
andern ausfüllten, und dass mit Einem Wort alle einzelne Glieder des
Menschengeschlechts in allen Zeiten und Nationen, in Einen grossen Bund
vereinigt, die unendliche Mannigfaltigkeit menschlicher Züge, deren
Verbindung in Einem Individuum unmöglich ist, gesellschaftlich darstellten,
ist zwar allerdings unermesslich, aber er enthält an und für sich nichts
Unmögliches, noch weniger etwas, das ihn, als ein leeres Hirngespinst, einer
ernsthaften Betrachtung unwerth machte. Denn der Umfang von Eigenschaften
und Abstufungen,
Es ist indess nicht nöthig, hier an die wirkliche Ausführung einer solchen
planmässigen Erziehung des Menschengeschlechts zu denken; es kommt hier
bloss darauf an, ob die Vernunft sich eine solche Ausbildung desselben, als
eines Ganzen, zum Behuf einer leitenden Idee vorstellen soll oder nicht? und
diese Frage muss unstreitig bejaht werden. Wenn die Vernunft jedem Einzelnen
vorschreibt, sich zugleich durch Bestimmtheit und Vielseitigkeit des
Charakters fähig zu machen, mit den Kräften, die zunächst mit ihm in
Verbindung stehn, gemeinschaftlich thätig zu seyn, wenn sie die Kreise
dieser Mitwirkung, je nachdem es die Fähigkeiten und die Umstände
verstatten, nach und nach erweitert, so kann sie, ihrer Natur nach, nicht
eher befriedigt seyn, als bis sie in dem letzten und grössesten die ganze
Menschheit zusammenfasst. Sie folgt hiebei nicht bloss einem allgemeinen und
unbestimmten Trieb nach Erweiterung, sie bedarf dieser Vollständigkeit zur
Berichtigung und Feststellung ihrer Grundsätze selbst. Denn vermöge der
Verbindung, in welcher alle Einrichtungen und Fortschritte des Menschen
unter einander stehen, und vermöge der Einheit des Geistes, welcher alles,
was menschlich genannt werden kann, beherrscht, macht z. B. die Beurtheilung
der Staaten und ihrer Verfassungen, die Betrachtung ihrer noch grösseren
Verhältnisse unter einander, und die Prüfung der Lage der Individuen die
Untersuchung der Staaten u. s. f. nothwendig, und eben so lässt sich die
Stelle, welche ein Zeitalter wirklich einnimmt, und die, welche es einnehmen
sollte, nur durch die Vergleichung mit den vorhergehenden bestimmen. Um also
die Grundsätze der allgemeinen und individuellen Charakterbildung bestimmt
und vollständig aufzustellen, ist es nicht genug, bloss von dem einzelnen
Menschen zu den grössesten Verbindungen
Von der Zahl der Foderungen, welche die Vernunft an den moralischen Menschen macht, kann daher auch diejenige nicht ausgeschlossen werden, die Richtung seiner Thätigkeit dem Gange der ganzen Menschheit anzupassen, und nicht bloss ein Bürger seines Staats und seiner Zeit, sondern zugleich auch ein Bürger der Welt zu seyn.
Zwar hat man nicht selten gefunden, dass so weit umfassende und hohe
Gesichtspunkte als dieser, wie sehr sie auch den Geist erweitern und die
Gesinnung erheben mögen, dennoch gegen das wahrhaft Nothwendige und den
nächsten Beruf kalt und gleichgültig machen, und die fruchtbarste und
einfachste Lebensweisheit schränkt die Zahl unserer Pflichten nur auf einen
engen und leicht übersehbaren Kreis ein. Aber jenes höchste Gebot der
Vernunft verlangt nicht, dass der Mensch unmittelbar und mit eigentlich
darauf gerichteter Absicht an einem Fortschreitungsplan seines ganzen
Geschlechts wirklich arbeiten solle. Vielmehr würde ein so riesenhaftes
Unternehmen, bei welchem kaum das letzte Ziel noch deutlich zu erkennen,
viel weniger die Mittel mit Sicherheit zu berechnen wären, unfehlbar zu
thöricht und vermessen scheinen müssen, um selbst in der edelsten und
reinsten Begeisterung für Tugend und Menschenwohl nur einige Beschönigung zu
finden. Nur unser Geist soll von dem erhabenen Gedanken eines allgemeinen
Zusammenwirkens aller Wesen und Kräfte durchdrungen seyn, nur die leitenden
Grundsätze unsers Verhaltens sollen wir, um der allgemeinsten
Uebereinstimmung unter ihnen gewiss zu seyn, auch an diesem Probirstein
prüfen, nur unsere Einbildungskraft mit diesen grossen Bildern begeisternd
beschäftigen; dann aber bloss in dem beschränkten Wirkungskreise thätig
seyn, welcher unsern Kräften gewachsen ist. Nie kann man die äussere
Thätigkeit des Menschen genug in die Schranken des Nothwendigen zurückrufen,
nie seinen Geist genug in das Gebiet der Unendlichkeit einladen. Wenn die
Verbesserung unsers äusseren Zustandes mit den Erweiterungen unsers Geistes
noch immer so ungleichen Schritt gehalten hat, so müssen wir vorzüglich den
doppelten Fehler anklagen, dass man bald die unmittelbar praktische
Thätigkeit,
Auch hier wird daher von dem Menschen nicht mehr gefodert, als dass er in
seinem
Der neuere Dichter, den sein eigenthümlicher Charakter auf einer den Alten,
die wir als Muster anzusehen gewohnt sind, fremden Bahn, von der blossen
Schilderung der Gegenstände abwärts, mehr auf die Würdigung und
philosophische Betrachtung derselben führt, wird zwar diesem Hange mit der
dem Genie eignen Sicherheit folgen. Allein in Stunden kälterer Ueberlegung
wird er über eine Abweichung zweifelhaft werden, deren Grund er nicht
vollkommen einsieht, diese Zweifel werden auch auf die Momente der
Begeisterung wirken, und er wird Gefahr laufen, seinen Charakter aus
Schüchternheit zu verlieren, oder aus trotziger
Wie in diesen wenigen Beispielen, eben so lässt sich die Eigenthümlichkeit einer jeden Kraftäusserung nur durch Vergleichung mit den übrigen derselben Gattung vollkommen durchschauen und bestimmen. Wer daher die ihm in der Welt angewiesene Sphäre mit der höchsten Richtigkeit und in der grössesten Ausdehnung kennen will, kann sich der mühevollen Arbeit nicht überheben, in den Charakter und die Bedürfnisse seiner Zeit und dadurch in die Geschichte des Menschengeschlechts überhaupt prüfend einzugehen.
Die Vernunft, haben wir gesehen, strebt überall den Zufall zu verbannen; am
eifrigsten ist sie bemüht, demselben in dem Gebiet unsrer Handlungen keinen
Einfluss zu verstatten, und um durch die völlige Unterwerfung dieser unter
bestimmte Grundsätze strenge und durchgängige Sittlichkeit in uns
hervorzubringen,
Soll aber der Mensch, dieser ihm von seiner Vernunft aufgegebenen Idee
zufolge, mit seinem ganzen Geschlecht, auf einem sichern und wohlberechneten
Wege, Einem Ziele zugehn, und die Kräfte, die vor ihm waren, oder noch neben
ihm sind, nicht unbenutzt lassen, noch für die Bedürfnisse des Tages
verschwenden, so muss er das Ziel im Auge haben, das er verfolgt, und den
Ort kennen, auf dem er steht. Jenes ist einfach und immer dasselbe, und
kann, da es das Werk einer Vernunftldee ist, nur aus dem Innern der
menschlichen Natur geschöpft werden. Dieser begreift eine Menge von
Gegenständen in sich, die einzeln untersucht und mit einander verglichen
werden müssen, verändert sich mit den Fortschritten der Bildung und dem
Laufe der Zeit, und kann aus keiner andern Quelle erkannt werden, als aus
einer philosophisch angestellten und benutzten Erfahrung. Das Nachdenken
über das letzte und entfernteste Ziel führt uns allemal auf die Untersuchung
unsers gegenwärtigen Zustandes zurück. Denn da jenes allein in die höchste,
bestimmteste und übereinstimmendste Ausbildung aller menschlichen Kräfte
gesetzt werden kann; so verweist es unaufhörlich von der Gattung zu den
Einzelnen, von demjenigen, was künftig geschehen soll, zu demjenigen zurück,
was schon jetzt nothwendig ist. Jede Bemühung für die Fortschritte des
Menschengeschlechts, die nicht von der Ausbildung der Individuen ausgienge,
würde schlechthin fruchtlos und chimärisch seyn; wird hingegen für diese
gesorgt, so erfolgt jener Einfluss auf das Ganze von selbst und ohne
ausdrücklich darauf gerichtete Absicht. Damit aber der Einzelne seinen
Charakter allgemein erweitere und individuell bestimme, (denn auf diese
beiden höchsten Foderungen lassen sich zuletzt alle Gesetze der
Charakterbildung
Das erste und nothwendigste Geschäft für alle, die sich zu so hohen Standpunkten zu erheben fähig sind, ist daher, ihr Zeitalter zugleich vollständig und genau, besonders aber in Vergleichung und im Zusammenhang mit den vorhergehenden zu studiren; das zweite, für jeden Einzelnen insbesondre den Platz aufzusuchen, auf welchem er in seinem Zeitalter steht. Das einzige Mittel, diesem Endzweck näher zu kommen, und die erste Hand an einen so weit umfassenden Plan zu legen, ist ein Versuch einer Charakterisirung des Zeitalters, in welchem man lebt — einer Charakterisirung, welche zugleich die allgemeine Beschaffenheit desselben im Zusammenhange mit den vorhergegangenen Umständen schildert, und den verschiedenen Antheil der einzelnen Menschenklassen an derselben besonders vertheilt.
Die Nothwendigkeit einer philosophischen Charakterisirung unsers Zeitalters
ist hier an die Verbindlichkeit angeknüpft worden, die uns die Vernunft
auflegt, unsre Thätigkeit mit der Thätigkeit unsrer Zeitgenossen planmässig
zu verbinden, und einem gemeinschaftlichen Ziele entgegerzurichten. Unter
allen Rücksichten, die hier genommen werden konnten, ist diese unstreitig
die weiteste und höchste; aber nicht immer ist es gut von den höchsten
Standpunkten auszugehen, und am wenigsten empfiehlt sich diese Methode den
meisten unter den Lesern. Ueberall ist es zweckmässiger, nur den nächsten zu
wählen, und im müssigen Raisonnement, wie im handelnden Leben erfährt
derjenige gerechten Tadel, der mehr leistet, als seine jedesmalige Absicht
erfodert. Hier aber kam es darauf an, durch den Zweck dieser
Verlässt man indess diess strengere Raisonnement, so bedarf es kaum einer
Erinnerung, wie viele reizende Seiten eine Charakterisirung des Zeitalters
der ernsten Betrachtung, wie der spielenden Neugier darbietet. Eine so
grosse Mannigfaltigkeit von Gegenständen aus wenigen gut gewählten
Standpunkten zu übersehen, gewährt dem Geist den seltenen Genuss, zugleich
durch den Reichthum und die Verschiedenheit des Einzelnen die Sinne und die
Einbildungskraft, und durch die Einheit der Anordnung und die
Zweckmässigkeit der Verbindungen die höheren Foderungen der Vernunft
befriedigt zu sehen. Der Mensch erscheint auf diesem Schauplatz in seiner
schönsten und erhabensten Gestalt. Die Flecken, die das Individuum
entstellen, verschwinden; er ist mit der Stärke aller vereinten Kräfte
seiner Gattung ausgerüstet, und da sein Bild nicht todt und einzeln aus dem
Zusammenhang des Ganzen herausgerissen, da er hervorgehend aus der
Vergangenheit und fortschreitend in die Zukunft dargestellt wird, so
verlieren sich die Schranken seines Wesens in einer unendlichen Ferne. In
dem allgemeinen Bilde sucht jeder die Stellung auf, die er und seine
einzelne Beschäftigung zum Ganzen hat, und den Antheil, den auch er an den
Fortschritten desselben nimmt, und jemehr die Zweige der Erkenntniss und der
Beschäftigungen des Lebens einzeln vertheilt sind, desto nothwendiger wird
es, ihre gegenseitigen Verhältnisse aufzusuchen, und Verbindungen unter
ihnen zu knüpfen. Gewiss aber ist die Menge der Gegenstände jetzt
mannigfaltig genug, um einen solchen Versuch reizend und anziehend,
hoffentlich auch die philosophische Einsicht gründlich
So wichtig und anziehend ist die Aufgabe, sein Zeitalter historisch zu schildern, und philosophisch zu würdigen. Aber es würde vermessen seyn, sich an die Auflösung einer solchen Aufgabe zu wagen, ohne vorher die Foderungen, welche sie an den Forscher macht, und die Hindernisse, die ihm auf seinem Wege begegnen müssen, einer strengen Prüfung zu unterwerfen. Diese also vorzunehmen, und so nur vorläufig einige Bahn zu brechen, sind die nachfolgenden Untersuchungen bestimmt.
Das achtzehnte Jahrhundert begünstigt, theils durch seine eigenthümliche Beschaffenheit an sich, theils durch seine relative Lage gegen die übrigen Zeitalter der Menschheit, den Versuch, den Charakter desselben zu erforschen und zu beurtheilen. — Auch fodert der Zweck des im vorigen Abschnitt geschilderten Unternehmens, dass, ausser dem eigentlichen heutigen Zustande der Menschheit, die Charakteristik des ganzen gegenwärtigen Jahrhunderts geliefert werde — und diese ist es also eigentlich, welcher diese Bogen zur Einleitung dienen sollen. — Plan der folgenden Untersuchungen.
Um die Eigenthümlichkeiten eines Zeitalters zu schildern, muss man es mit
andern, vor ihm vorhergegangnen vergleichen. Ehe man bestimmen kann, bis an
welches Ziel eine gewisse Periode den Menschen geführt hat, muss schon
vorher bestimmt seyn, auf welcher Stufe sie ihn bei ihrem Anfange fand. Ein
Zeitalter sollte daher dem andern als ein Vermächtniss die Resultate
desjenigen aufgezeichnet hinterlassen, was es für die Mensch-
Es fehlt daher nicht an einem hinlänglichen Vorrath bis auf einen gewissen Grad verarbeiteter Thatsachen, um die mannigfaltigen Charakterzüge der Menschheit aufzufinden, und in Ein Bild zu vereinigen; und je mehr vorzüglich diess letztere Geschäft bisher versäumt worden ist, desto höher steigt die Nothwendigkeit, es jetzt vorzunehmen. Es muss endlich zu irgend einer Zeit ein Anfang gemacht werden, und eine kurze Betrachtung wird zeigen, dass die gegenwärtige dazu sogar vorzugsweise geschickt ist.
Zwar scheint die Menge der Begebenheiten und die Grösse des Zeitraums, der
übersehen werden muss, auf den ersten Anblick auch den kühneren Muth
zurückzuschrecken. Denn weil vielleicht kein andres Jahrhundert so sehr, als
das unsrige, durch den Einfluss aller vorhergehenden gebildet ist, da nicht
leicht in irgend einem andern eine gleich geschäftige Wissbegierde so weit
umherschweifte, noch eine gleich bildsame Bestimmbarkeit die Möglichkeit so
verschiedener Einwirkungen verstattete; so kann der gegenwärtige Zustand der
Menschheit nicht einzig und allein aus dem Studium der nächst
vorhergegangenen Zeit geschöpft werden. Auch ihre vorige Lage bedarf erst
einer neuen Untersuchung, und so muss der Lauf der Geschichte weiter hinauf
verfolgt
Allein nicht bloss, dass das achtzehnte Jahrhundert (denn auf diesen ganzen Zeitraum müssen wir unsere Schilderung ausdehnen, wenn wir uns nicht der Gefahr aussetzen wollen, auf eine zu kleine Masse der Thatsachen ein einseitiges Raisonnement zu gründen) ein spätes, und mit allen Perioden der Vorzeit in Verbindung stehendes Jahrhundert ist: so trägt es auch ausserdem Eigenthümlichkeiten an sich, die dem gegenwärtigen Zweck noch besonders günstig sind. Ohne hier der Vorzüge zu erwähnen, die man ihm nur zu oft und vielleicht mit zu freigebiger Hand zuzutheilen pflegt, ohne der fortschreitenden Erweiterung der Wissenschaften, und der philosophischen Richtung des Geistes zu gedenken, wollen wir nur an zwei Umstände erinnern, welche hier vorzüglich erwogen zu werden verdienen.
Erstlich: unser Zeitalter scheint uns aus einer Periode, die eben vorübergeht, in eine neue nicht wenig verschiedene überzuführen.
Der Schluss eines Jahrhunderts ist schon an sich ein so sinnlicher Abschnitt
in den Begebenheiten des Menschengeschlechts, dass er von selbst die
Betrachtung zu verweilen einladet; aber für uns scheinen noch wesentlichere
Verschiedenheiten und Ereig-
Und eine solche Epoche nun, eine Veränderung in der Ansicht und der
Würdigung der Dinge, in der Wahl der Gegenstände des Nachdenkens und der
Untersuchung, in der Richtung des Geschmacks, und der Unterordnung der
Empfindungen unter einander scheint unser Zeitalter zwar langsam aber
mächtig vorzubereiten. Es würde schwer seyn, diese Behauptung, die hier mehr
Das Zitat stammt aus herrscht
gestrichen: Bis in den Ton unsrer
Gesellschaften, und die unbedeutenden Abwechslungen der Mode hin kehrt
dieselbe Erscheinung zurück, und man darf nicht weit um sich blicken,
um die Aelteren über die Verderbniss der Zeit, die jede Regel scheut,
klagen, die Jüngeren die vernünftige Freiheit loben zu sehen, die sich
einem willkührlich aufgelegten Zwange entzieht.
er des heilsamen .... ausüben
verbessert aus: ihm
seine Phantasie immer mehr und mehr der Bollwerke, welche Form,
Herkommen und Gewohnheit bisher aufgeführt, zertrümmert
zeigt.
dass die edelsten .... emporzuschwingen
verbessert aus: der Worte des Dichters:
Gerade darum aber ist eben diess der Zeitpunkt, in welchem sich die ganze
Folge der Umänderung genau übersehen lässt.
Zweitens: das achtzehnte Jahrhundert nimmt in der Geschichte aller Zeiten
den günstigsten Platz ein, seinen Charakter zu erforschen und zu würdigen.
Denn in dem
In der Reihe der Begebenheiten des Menschengeschlechts zeichnen sich
vorzüglich drei merkwürdig von einander verschiedne Perioden aus: 1., das
Die
Wie die ihre weite Verbreitung
verbessert aus ihr
ungebundnes Umherziehn
.
Dass wir nun diesen doppelten Einfluss in zweckmässiger Entfernung ganz, und
noch ausserdem seine ferneren Folgen in der neuern Zeit eine ziemliche
Strecke weit vor Augen haben, diess setzt uns vorzugsweise in den Stand, uns
selbst zu erforschen und zu würdigen. Denn wenn das Streben der Menschheit
nach höherer Vollkommenheit nicht mislingen soll, so muss sie ihre
Aufmerksamkeit immer zugleich auf den äussern Zustand und die innere Bildung
richten. Die Art, wie beide theils einzeln bearbeitet, theils
gemeinschaftlich in Berührung gebracht und einander untergeordnet werden,
bestimmt, wie uns die Folge lehren wird, vorzüglich den Charakter und die
Schätzung eines Zeitalters.
Wenn das allgemeine Bedürfniss einer Charakterschilderung der Zeit mit einer
so günstigen Lage einer bestimmten Epoche zusammentrift, so darf die
Ausführung nicht länger durch den Umstand zurückgehalten werden, dass eine
solche Schilderung eigentlich kein Beispiel vor sich hat, und es daher an
schon festgesetzten Resultaten fehlt, von denen man ausgehen könnte. Ohne
dass das Gelingen des Unternehmens dadurch Gefahr leidet, wird nur die
Schwierigkeit vermehrt, es zu vollenden. Denn freilich kann man sich hier
nicht begnügen, bloss den heutigen augenblicklichen Zustand der Menschheit
aus der ganzen Masse menschlicher Begebenheiten herzuleiten, man muss auch
ausserdem den besondern Charakter des ganzen gegenwärtigen Jahrhunderts
bestimmen. Zwar scheint diese letztere Arbeit vielleicht für die im vorigen
Abschnitt bestimmte Absicht, uns auf dem Wege, den wir in den Fortschritten
unsrer Entwicklung nehmen, zu orientiren, und uns unserm letzten Ziel in der
kürzesten und geradesten Richtung zu nahen, überflüssig. Die Geschichte
jedes Jahrhunderts zeigt eine Menge von Schritten auf, wozu entweder das
Bedürfniss des Tages zwang, oder die eine irrige Berechnung anrieth, die
ganz und gar vergeblich waren, oder wohl gar noch zurückgethan werden
mussten; die leblosen Kräfte der Natur und die für uns gleich
unverständlichen Fügungen des Schicksals führen Hindernisse herbei, die erst
aus dem Wege geräumt werden müssen, ehe man weiter fortschreiten kann; die
Zügellosigkeit der Leidenschaft verleitet zu planlosem Herumschweifen; eine
grübelnde Vernunft verfehlt die gerade und natürliche Bahn; ja, wenn auch
diess alles nicht wäre, so lässt die Anstrengung keiner Kraft sich gerade da
einen Stillstand gebieten, wo sie den Gipsel ihrer Wirksamkeit erreicht hat,
es muss ihr Zeit vergönnt werden, sich nach und nach wieder herabzustimmen,
oder gar erst zu Extremen überzugehen. Alle Richtungen aber, die auf diese
Weise genommen werden, führen wenigstens nur mittelbar zur Erreichung des
eigentlichen Zwecks; sie sind Umschweife und Nebenwege, freilich nothwendig
in dem einmaligen Zusammenhange der Dinge, und oft wohlthätig für die innre
Uebung der Kräfte, aber immer die An-
Fallen indess auch alle vergebliche Bemühungen dieser Art in der blossen
Herzählung der wirklichen Fortschritte des menschlichen Geistes billig
hinweg, und ist es gleich da nur nöthig, die einzelnen nach und nach
erstiegenen Stufen zu bezeichnen, ohne der mancherlei mislungnen Versuche,
der fruchtlos verschwendeten oder nur mittelbar wichtigen Bestrebungen zu
erwähnen, so erfordert dennoch der gegenwärtige Endzweck eine grössere
Ausführlichkeit, und sollte daher auch das achtzehnte Jahrhundert bei einer
genaueren Untersuchung eine Menge von Thatsachen aufweisen, die nach einer
strengen Berechnung dessen, was es für die Menschheit geleistet, nothwendig
als Spreu ausgeworfen werden müssten, so muss dennoch hier die individuelle
Geschichte der Zeit geschildert, oder doch wenigstens das Brauchbare von dem
Unbrauchbaren mit grosser und gewissenhafter Vorsicht abgeschieden werden.
Denn wäre auch irgend eine Begebenheit nicht auf die Folge und dauernd
wirksam, so übt sie doch vielleicht noch in dem gegenwärtigen Augenblick
einen entscheidenden Einfluss aus, und da die Kenntniss der Gegenwart hier
zu künftiger Vervollkommnung benutzt werden soll; so ist es daher nicht
genug bloss nach dem, was bis jetzt geschehen und unterlassen ist, dasjenige
zu bestimmen, was ferner geschehen muss; es wird vielmehr ein tieferes und
genaueres Studium selbst der zufälligen und augenblicklichen Richtungen des
Geistes und des Charakters erfodert, um wenigstens mit einiger
Wahrscheinlichkeit auch die
Die Charakteristik unsrer Zeit, die sich ohnehin sehr oft genöthigt sehn
wird, ihre Aussprüche künftiger Prüfung hinzugeben, darf daher nur dasjenige
gänzlich auswerfen, was
Diese Bogen haben, wie vorhin gesagt worden ist (I, 13.), nur die Absicht,
die Erfordernisse und Schwierigkeiten einer Charakteristik der Zeit
überhaupt auseinanderzusetzen. Ungeachtet dieser allgemeinen Beziehung aber
schien es nicht unzweckmässig, zugleich kurz auf die Eigenthümlichkeiten des
besondern Zeitraumes aufmerksam zu machen, dessen Schilderung sie als
Einleitung vorauszugehn bestimmt sind, und auch in der Folge wird daher
immer vorzugsweise auf dieselben Rücksicht genommen werden. In dieser nun
zeigt der Gegenstand selbst ohne Mühe die Anordnung der einzelnen Theile,
von welchen gehandelt werden muss. Es werden nemlich
einer Charakteristik unsers Jahrhunderts nach einander geprüft werden
müssen. In allen diesen drei Untersuchungen, vornemlich aber in der
ersteren, wird es nicht füglich vermieden werden können, nicht zugleich
einen beträchtlichen Theil der allgemeinen Theorie der Menschenkenntniss und
Menschenbeurtheilung mitzunehmen. Da es indess ohnehin bisher an einer
philosophischen Entwicklung der Grundsätze dieser Theorie zu mangeln
scheint, so werden diese Abschweifungen vielleicht eher einige
Entschuldigung verdienen, und wenigstens werden sie gewiss den Nutzen haben,
dass die künftige Charakteristik selbst alsdenn weniger allgemeines
Raisonnement wird einmischen dürfen, als sonst unfehlbar hätte geschehn
müssen.
Über diesen Abschnitt lautet
zu S. 21 [43]. Die Nachahmungssucht ist eine zu permanente Erscheinung in dem
Deutsch en Charakter, um sich ganz in ein idealisches Streben nach Vielseitigkeit aufzulösen, und als Fehler bloss zufällig zu seyn. Der Grund davon mag grösstentheils in der politischen Verfassung liegen.In dem ganzen Abschnitt könnten die Materien zweckmässiger geordnet seyn. Der Leser übersieht den Gang nicht leicht genug. Es würde gut seyn ein recht genau specificirtes Schema zu machen, um nur über die Anordnung bestimmter urtheilen zu können.
In Absicht des Stils bemerkte er noch, dass die so häufig beigebrachten Einschränkungen der allgemein ausgedrückten Sätze nicht gerade immer hinter den Sätzen, sondern da stehen sollten, wo der Leser ihrer bedarf. Früher sind sie überflüssig, und schaden, indem sie auf Seitenwege abführen.
Diese Charakteristik ist bestimmt, die wirkliche Gegenwart nach einem Vernunftideal zu beurtheilen. — Begriff dieses Ideals. — Aus jener Bestimmung und diesem Begriff herfliessende Beschaffenheit derselben. Inwiefern sie historisch oder philosophisch? — speculativ oder praktisch ist?
Jede Art der Erkenntniss wirkt nur insofern auf unsre Bildung, als sie durch
Annahme der Form unsers Geistes der Natur desselben ähnlich gemacht wird.
Indem sie aber diese Umwandlung erfährt, ist es unvermeidlich, dass sie
nicht zugleich an ihrer eigenthümlichen Beschaffenheit, von der sie
nothwendig einen Theil aufopfern muss, also an objectiver Wahrheit leiden
sollte. An dieser doppelten Klippe sehen wir insbesondre sehr häufig die
Geschichte scheitern, die in den Händen ängstlicher und pedantischer Sammler
zu einem unfruchtbaren Verzeichniss von Jahrzahlen und Namen herabsinkt,
aber dagegen nicht selten an Treue und Genauigkeit verliert, wenn ein
genievoller Bearbeiter sie durch eine pragmatische Behandlung in ein Ganzes
für den Verstand, oder durch eine ästhetische in ein Ganzes für das Gefühl
und die Einbildungskraft umzuschaffen versucht. Wer den nachtheiligen
Einfluss dieses zwiefachen Fehlers, und in unsern Tagen besonders den des
letztem gehörig beobachtet hat, der wird so ein grosser . . . . ist
verbessert aus „ein
grosser und des Kopfes würdiger Gedanke, der ihn zuerst unter uns
einführte
“. — Gemeint ist
Aber der hier aufgestellte Zweck kann nur durch die gewissenhafteste Achtung
gegen historische Wahrheit und durch eine solche Behandlung der Thatsachen
erreicht werden, welche ihnen schlechterdings nichts von ihrer
eigenthümlichen Gestalt entzieht. Unbekümmert um die Planmässigkeit, welche
der bisherige Lauf der Begebenheiten zeigen oder nicht zeigen möchte,
begnügt man sich hier bloss den gegenwärtigen Zustand der Dinge zu
schildern, und die Arbeit, die insofern nur historisch ist, wird nun durch
die Absicht philosophisch, in der wir sie unternehmen. Denn diese ist
freilich nicht auf die Befriedigung einer blossen Wissbegierde, oder auf
eine geordnete Zusammenstellung von Thatsachen zu künftigem etwannigen
Gebrauche gerichtet, sondern auf eine zum Behuf grösserer Vervollkommnung
angestellte Beurtheilung des gegenwärtigen individuellen Zustandes nach dem
idealischen. Insofern ein einzelner Zustand, nicht eine Folge von
Veränderungen, geprüft und beschrieben werden soll, gehört das Geschäft in
das Gebiet der Statistik, allein freilich nicht nach derjenigen Behandlung
dieser Wissenschaft, die jetzt üblich geworden ist. Was man jetzt unter
diesem Namen begreift, und was in einer ermüdenden Menge einzelner
zerstreuter Angaben über einige wenige Theile der Verfassung einer Nation,
mit Uebergehung andrer bei weitem wichtigerer, besteht, ist nur sehr wenig
im Stande, den gegen-
Gerade aber diese Beurtheilung nach einem Ideal muss hier unfehlbar neue Besorgnisse wegen der natürlichen und unpartheiischen Anordnung und Deutung des historischen Stoffes erregen. Die Geschichte wird immer nicht rein, noch ihrem Wesen gemäss behandelt, sobald ihr ein andrer Zweck, als der ganz einfache, das Geschehene aufzustellen, untergeschoben wird, und es scheint einerlei, ob das Bestreben, planmässige Zweckmässigkeit in einer Reihe von Begebenheiten, oder dasjenige, Uebereinstimmung mit einem bestimmten Ideal in einem einzelnen Zustand zu finden, die leitende Idee sey. Die Vorstellung eines bestimmten Ziels muss, scheint es, nothwendig auch auf bestimmte Gesichtspunkte führen, und die Ansicht der Dinge von der Natur des Ideals abhängig machen, und da es unmöglich ist, diese Zweifel geradezu zurückzuweisen, so kann nur eine nähere Beleuchtung dessen, was wir hier als das Ideal ansehn müssen, vielleicht noch dieselben zerstreuen.
Dasjenige, was uns bei der Bildung unsrer selbst und andrer die meisten
Schwierigkeiten in den Weg legt, und den Grund der auffallendsten
Verschiedenheit der Meynungen über sittliche Gegenstände enthält, ist die
eigenthümliche Sinnes- und Handlungsart eines Menschen, die uns, da sie der
Beurtheilung ihres Werths und ihrer Folgen einen sehr weiten Raum
verstattet, in der Behandlung desselben schwankend und unschlüssig macht.
Und in der That würde es auch im entgegengesetzten Fall sehr schlimm um die
Fortschritte unsrer Ausbildung aussehn. Sey
Sind wir aber einmal glücklich genug gewesen, diesen aufzufinden, oder da er
nicht sowohl gesucht, als nur nicht verloren seyn will, uns nicht von ihm zu
entfernen, so bleibt uns nichts weiter übrig, als mit Stätigkeit in
demselben zu beharren. Diese Beharrlichkeit ist nicht allein dazu
nothwendig, die schon
Alles was man daher, dem Studium des Ideals zufolge, von dem einzelnen
Menschen fodern kann, besteht nur allgemein in einer mit möglichst grosser
Stärke und Thätigkeit begabten Kraft, die in durchgängiger Richtigkeit,
streng bewahrter Eigenthümlichkeit und stetiger Beharrlichkeit wirke. Jeder
Charakter, der nach diesen Merkmalen die Prüfung besteht, kann sich
zuversichtlich allen übrigen an die Seite stellen. Denn obgleich
Unterschiede des innern Werths unter verschiednen Charakteren unläugbar
sind, so ist es doch ein alltäglicher und nicht genug beachteter Fehler zu
leicht einen gegen den andern zu verwerfen, oder mit ihm zu vertauschen,
anstatt vielmenr den vorhandnen nur durch die gehörigen Mittel zu reinigen
und zu stärken, wodurch wir den doppelten Vortheil einer natürlicheren
Wahrheit für das Individuum und einer grösseren Mannigfaltigkeit für die
Gesellschaft gewinnen würden. Wer den Begriff der Menschheit bis zum Ideale
erhöht, ohne darum weder ihrer Freiheit noch ihrer Vielseitigkeit Schranken
zu setzen, dem kann es nur auf die grösseste Summe der Stärke und der
Thätigkeit ankommen, und er kann nichts anders von ihr verlangen, als dass
sich die Kraft ihres Wesens weder durch Widerspruch mit sich selbst
zerstöre, noch durch unstätes Uebergehn von einer Aeusserung zur andern
zerstreue. Auch gegen sich selbst wird er daher mit schonender Achtung
verfahren; er wird das üppigste Leben und die regeste Bewegung seiner
Gedanken und Empfindungen mittelbar und unmittelbar durch ungebundne
Freiheit und von allen Seiten her gesammelten Stoff auf alle Weise
begünstigen; aber was in ihm aufkeimt, wird er nie versäumen, nach den
ewigen Gesetzen des Guten, Wahren und Schönen zu richten, und selbst was vor
diesem Richterstuhl besteht, wird er alsdenn noch seiner übrigen
Eigenthümlichkeit in consequenter Stätigkeit anpassen. Durch ein genaues
Studium seiner selbst, und durch die Schärfung seines Sinnes für jede Art
der Eigenthümlichkeit wird er verhindern, dass nichts Disharmonisches und
Unzusammenhängendes in ihm aufsteige, und
Was der einzelne Mensch für sich nicht vermag, das kann durch die
Vereinigung aller gesellschaftlich bewirkt werden. Der Einzelne kann das
Ideal menschlicher Vollkommenheit nur von Einer Seite, nur nach Maassgabe
seiner Eigenthümlichkeit darstellen, aber durch die vergleichende
Betrachtung vieler dieser einseitigen und verschiedenen Darstellungen nähern
wir uns einer anschaulichen Vorstellung von der Vollständigkeit desselben,
als eines Ganzen. Mannigfaltigkeit der Charaktere ist daher die erste
Foderung, welche an die Menschheit ergeht, wenn wir sie uns als ein Ganzes
zu höherer Vollkommenheit fortschreitend denken. Mannigfaltigkeit reizt die
Kräfte zum Kampf und zum Wetteiser, hindert das verderbliche Stocken der
Thätigkeit, das immer sehr leicht die Folge einer ermüdenden
Gleichförmigkeit ist, und vermehrt unmittelbar und mittelbar, indem sie die
äussern Verhältnisse selbst schwieriger und verwickelter macht, Bewegung und
Leben. Ist sie noch ausserdem zugleich eine Mannigsaltigkeit vorzüglicher
Fähigkeiten, und sind es, nach dem so eben näher bestimmten Begriff,
idealisch gebildete Individuen, die sich einander in gegenseitiger Berührung
begegnen, so erhöht sie nicht bloss die Stärke der Kraftäusserung, sondern
auch ihre wohlthätige Zweckmässigkeit. Denn anstatt dass die contrastirenden
Seiten sonst mit einander kämpfen, greifen sie vielmehr hier in einander
ein, und die Verschiedenheit, die sonst nur trennt und zerstört, verbindet
hier mehrere für sich mangelhafte Theile zu einem vollkommenen Ganzen. Sehr
häufig dürfen wir zwar dieses Ganze nur in dem Geiste des Beobachters
aufsuchen, der die einzelnen einseitigen Extreme in seiner Betrachtung
vergleichend verknüpft; aber man braucht nur mehrere und oft auf diese
Betrachtung
Zu dieser nun giebt kein andres Land einen so reichlichen Stoff her, als das
heutige So macht z. B. . . . . sollten
verbessert aus: So macht z. B. die Geneigtheit des
man
gestrichen: wenn man dem Zeitalter nicht
unverdiente Lobsprüche beilegen
.
Es bedarf also nur einer hinlänglichen Freiheit, die ungebundne Entwicklung
der Eigenthümlichkeit zu begünstigen, und der nothwendigen Strenge, um
dieselbe nicht über die allgemeinen Gesetze des Rechts und der Sittlichkeit,
von deren Herrschaft keine Individualität irgend einer Art sich
loszusprechen vermag, hinausschweifen zu lassen, um ein vollkommnes Ganze zu
bilden, in welchem eine reiche Mannigfaltigkeit sich zu schöner Einheit
zusammenschliesst. Denn wenn die idealische Ausbildung des einzelnen
Menschen einzig und allein auf der reinen und strengen Entwicklung der
innern Eigenthümlichkeit beruht, so hängt die idealische Vollkommenheit des
Ganzen nur von dem stärksten und thätigsten Zusammenwirken der grössesten
Menge solcher Individuen ab, und alle Foderungen, welche der philosophische
Beurtheiler an sein Zeitalter machen kann, vereinigen sich allein in dem
Grade der Ausbildung der Einzelnen, der nahen Verbindung aller mit allen,
und der Zweckmässigkeit der Stellung eines jeden an dem Platze, von welchem
aus er auf sich und auf andre am wohlthätigsten wirken kann. So weist uns
demnach die Vorstellung
Nachdem nunmehr der Begriff des Ideals hinlänglich festgesetzt ist, lässt sich das Wesen der gegenwärtigen Charakteristik leicht daraus ableiten. Die schwer zu lösende, aber wichtige Aufgabe besteht nun in ihrem letzten und einfachen Resultate darin, die mannigfaltigen Eigenthümlichkeiten jeder Gattung, welche das Zeitalter aufstellt, zuerst einzeln zu erforschen, und dann in Gedanken mit einander zu verknüpfen, um das aus ihrem gemeinschaftlichen Zusammenwirken hervorgehende Ganze nach den Foderungen des Ideals zu beurtheilen, zuletzt aber auf diese Weise die individuelle Beschaffenheit zu schildern, welche unser Jahrhundert vor allen vorigen auszeichnet. Classische Richtigkeit, Uebereinstimmung mit den Gesetzen, welche aus der Natur unserer Seelenkräfte selbst unmittelbar herfliessen, und die höhere und originelle Vollkommenheit, welche dem Geist und dem Gefühl erst ihren wahren Schwung ertheilt und oft für wirkliche Fehler entschädigt, müssen hier immer zugleich der Beurtheilung zur Richtschnur dienen. Je strenger eine Kraft innerhalb der Schranken gehalten wird, welche ihr ihr Wesen selbst anweist, desto reiner und stärker ergiesst sie ihr belebendes Feuer, und je eigenthümlichere Richtungen sie nimmt, desto mehr befreit sie sich von eingebildeten und ihr zwecklos aufgebürdeten Regeln. Nur weil es willkührliche Regeln erweitert, scheint auch das ächte Genie so oft regellos, und nur weil eine ohnmächtige Kraft ihre eingebildete Stärke bloss in der Uebertretung ihrer eignen Gränzen zu beweisen versteht, erscheint auch das wahre Gesetz als ein einengender Zwang. Wie das allgemeine Gesetz und die besondre Eigenthümlichkeit sich gegenseitig verfeinern und erweitern, wie dadurch mit Aushebung aller Einförmigkeit alles Aehnliche mannigfaltig und contrastirend, und mit Aufhebung alles Widerstreits alles Contrastirende übereinstimmend und zusammenwirkend gemacht wird, diess muss eine Charakteristik zeigen, welche den Gang der Menschheit zu verfolgen bestimmt ist.
Aber diess Ziel wird nie ganz, und auch theilweise immer nur spät erreicht. Indess arbeitet sie auch nicht, um den Gebrechen des Tages abzuhelfen, überhaupt nicht um an künftiger Verbesserung oder künftigem Fortschreiten selbst praktisch thätig zu seyn. Zugleich bescheidner und stolzer will sie nur auf den Geist und die Erkenntniss wirken, aber hier den Blick in entferntere Perioden hinausführen. Sie heftet sich daher nur auf die grossen und wesentlichen Charakterzüge, nur auf diejenigen, die, wenn sie auch nicht unverändert fortdauern, doch wenigstens immer wirksam, und immer, wenn gleich unter andern Gestalten sichtbar sind. Was gänzlich und offenbar vorübergehend ist, lässt sie ganz und gar unbekümmert zur Seite liegen, und nur dasjenige, was, wenn es auch nicht eigentlich bleibend und wesentlich heissen kann, doch einen grösseren und länger dauernden Einfluss ausübt, oder dessen Wirksamkeit noch zu unentschieden ist, nimmt sie noch auf, stellt es jedoch in die nothwendige Entfernung von jenen grossen und hauptsächlichen Massen, in die seine mindere Wichtigkeit es billig versetzt. Daher darf man von ihr keine Zeichnung der Art erwarten, wie der Gegenstand dem Auge auf den ersten Anblick erscheint, sondern vielmehr nur die Bestimmung dessen, was er für den zergliedernden Geist noch dann ist, wenn er nach Entfernung alles falschen Scheins, aller fremden Bekleidung, und aller zufälligen Nebenzüge in ächter, aber nackter Wahrheit übrigbleibt. Diess zugleich im höchsten und strengsten Verstande und doch zugleich so zu thun, dass selbst die feinsten Züge der wirklichen Eigenthümlichkeit nicht verwischt werden, ist der schwierigste Theil ihrer Aufgabe.
Und dennoch darf sie hier schlechterdings keine Nachsicht verlangen. Wer,
wie z. B. der Geschichtschreiber einen Helden, den er so eben von der Bühne
abtreten lässt, einen vollendeten und völlig geschlossenen Gegenstand
schildert, der übersieht mit leichter Mühe, welche seiner Charakterseiten
wichtig oder unwichtig waren, und es schadet nicht viel, wenn er die
letzteren mangelhaft oder unrichtig schildert. Aber die Menschheit ist ein
nie vollendeter, ist ein unendlicher Gegenstand, und die gegenwärtige
Charakteristik darf sie nicht anders als wie einen solchen betrachten. In
ihrem Laufe muss sie ihr folgen, und darf den innigen Zusammenhang, der den
gegenwärtigen, vergangenen und künftigen Zustand verknüpft, nur so wenig als
möglich zerreissen. Dieselbe Schilderung wird, aus diesem Standpunkte
unternommen,
Auf die Ergründung des eigentlichen Charakters und seiner inneren Bildung
ist daher ihr ganzes Bemühen unablässig gerichtet, aber sie verbindet
hiermit eine ununterbrochene Aufmerksamkeit auf die äussere Lage. Denn immer
wirken beide, ebenso als der physische und moralische Mensch selbst,
gegenseitig auf einander ein, und ein unverhältnissmässiger Vorsprung der
einen oder der andern ist, wie das Beispiel der Alten lehrt, deren Geist
sich offenbar zu einer grössern Verfeinerung erhoben hatte, als wozu ihre
Lage Stoff und Sicherheit darbot, allemal von verderblichen Folgen, oder
wenigstens von schnellem Untergange begleitet. Die selbstständige Kraft des
Menschen drückt der physischen Lage, die ihn umgiebt, mit leichter Mühe das
Gepräge ihrer eigenen Form auf, und wird dann wieder durch sie in dieser
dauernder zu beharren
Was demnach hier eigentlich abgezweckt wird, ist
Der Geschichtschreiber kann sich, wenn er die Begebenheiten eines Zeitraums
in ihrer natürlichen Folge dargelegt hat, begnügen, das Urtheil darüber
allein dem Leser zu überlassen, und er gewinnt vielmehr, wenn er durch eine
vollkommen unveränderte und unverrückte Aufstellung aller Thatsachen eine
völlig freie Wahl des Standpunkts möglich macht, aus dem sie betrachtet
werden müssen. Denn da es einmal sein Geschäft ist, das, was die Zeit
verwischt, für die Ewigkeit aufzubewahren, und den Gang der menschlichen
Schicksale dem wankenden Gedächtniss und dem wechselnden Urtheil der
Menschen zu entziehn; so handelt er geradezu seinem Endzweck entgegen, wenn
er dem reinen und völlig objectiven Gegenstand seine veränderliche
Eigenthümlichkeit beimischt. Wer dagegen einen Charakter zu zeichnen
versucht, befindet sich in der gerade entgegengesetzten Lage; er muss einen
bestimmten Gesichtspunkt, eine eigne Meynung fassen und mittheilen, und kann
die Geschichte nur dazu benutzen, sie richtig zu schöpfen, und hinlänglich
zu beweisen. Denn er kann den Charakter, der nie unmittelbar in die Sinne
fällt, nur erst durch eine neue Arbeit aus der Summe der betrachteten
Aeusserungen abscheiden. Er geht daher nicht von diesem seinem Stoffe,
sondern immer von der Bearbeitung desselben aus, legt nicht gerade alle
Aeusserungen seines Gegenstands, noch auch die, welche er auserwählt, gerade
in ihrer natürlichen Folge dar, sondern nachdem er nur sich diesen Stoff,
auf den er fussen muss, vollkommen zu eigen gemacht hat, heftet er sich
unmittelbar an die am meisten charakteristische Seite, reiht an diese die
übrigen an, und beruft sich zuletzt auf die Thatsachen nur als auf recht-
Es ist eine merkwürdige Erscheinung, die sich vornemlich in unsern Tagen, wo
mehr als sonst in der politischen und moralischen Welt neue und vorher
unerhörte Dinge aufgestanden sind, gezeigt hat, dass die Richtigkeit der
Beurtheilung von Begebenheiten und Menschen fast im umgekehrten Verhältnisse
mit der Reife des Alters steht. Wir haben die Erwartungen, die Hofnungen und
Besorgnisse von Jünglingen eintreffen sehen, indess die Weissagungen von
Greisen unerfüllt geblieben sind. Diese Erscheinung findet in dem Vorigen
ihre Erklärung. Die Jugend mit ofneren Sinnen, einer lebhafteren
Beobachtungsgabe, und geringer Neigung in dem dürren Gebiete des Verstandes
und der Vernunft anhaltend zu verweilen, hat eine grössere Achtung für den
Augenschein und die Gegenwart; sie urtheilt leicht und vorschnell, aber sie
nimmt auch bei veränderten Umständen ebenso leicht ihr Urtheil wieder
Nach dem im Vorigen Gesagten kann es jetzt nicht mehr zweifelhaft seyn, welchen verschiedenen Antheil die Geschichte und die Philosophie an der gegenwärtigen Arbeit nehmen; aber eine andre gleich wichtige und bisher weniger entschiedene Frage ist die, inwiefern dieselbe speculativ oder praktisch zu nennen ist?
Wenn man die mannigfaltigen Urtheile der Menschen über Handlungen und
Charaktere mit einander vergleicht, so findet man überall zwei durchaus
entgegengesetzte Partheien, die sich einander gegenseitig die Richtigkeit
oder die gründliche Zuverlässigkeit ihrer Menschenkenntniss streitig machen,
und von denen die eine sich mehr auf wirkliche Beobachtung, die andre mehr
auf philosophisches Raisonnement beruft, jene gelungene Versuche und
glückliche Erfolge, diese sichere und ihrer Meynung nach unwiderlegbare
Vernunftgründe zu Beweisen für sich anführt. Zu der erstem Classe gehören
gewöhnlich diejenigen, welche man Welt- und Geschäftsleute zu nennen pflegt,
vorzüglich die, welche in angesehenen Posten wichtige Angelegenheiten
betreiben, oder durch Reisen und die Beobachtung fremder Sitten ihre
Menschenkenntniss geschärft haben; zu der letzteren mehr die einsamen
Denker, welche jedoch kein zu abgesondertes Feld der Wissenschaften, sondern
dieselben Fächer, nur zu einer theoretischen Behandlung gewählt haben,
welche jene praktisch beschäftigen. Da die meisten Schriftsteller aus der
Zahl dieser letztem hervorgehn, so entsteht hieraus der nachtheilige, aber
sehr fühlbare Widerstreit, in welchem der handelnde und der bloss denkende
und schreibende Theil des Publikums mit einander stehn, und der gegenseitige
Vorwurf, den beide einander machen, indem der Politiker und Geschäftsmann
den theoretischen Schriftsteller über eben diese Gegenstände, und der Mann,
den sein Privatleben in mannigfaltige interessante und feine Verhältnisse
verwickelt hat, den Dichter, der eben solche Verhältnisse aus der Fülle
seiner Einbildungskraft hervorruft, der Unkunde der wirklichen Welt
Ohne Zweifel ist in diesem gegenseitigen Tadel zugleich Wahres und Falsches mit einander gemischt, und indess jeder Theil den Mangel des andern richtig aufdeckt, verbirgt er darin seine eigne Einseitigkeit. Die wahre Menschenkenntniss beruht auf Erfahrung. Die Erfahrung aber setzt eine zwiefache Thätigkeit der Seele voraus, die Beobachtung des Vorhandnen oder Geschehnen, und die Bearbeitung dieses Stoffes zu einem Resultat des Verstandes. Die einzelne Erscheinung für sich ist immer etwas Unvollständiges und Abgerissenes, Unerklärtes und Unverständliches; erst durch Verknüpfung mit andern Erscheinungen oder Begriffen wird sie in unserm Geiste zu einem theoretischen oder praktischen Satze verarbeitet, welcher unsre Kenntniss oder unsre Weisheit bereichert. Je nachdem nun ein Individuum nach Maassgabe seiner Eigenthümlichkeit mehr dem einen oder dem andern Theil dieser doppelten Thätigkeit das Uebergewicht verstattet, weicht er von dem Gange einer richtigen Erfahrung auf einem zu empirischen oder zu speculativen Wege ab, und dieselben verschiedenen Partheien finden sich daher in allen Erfahrungswissenschaften, vorzüglich auch in der physischen Naturkunde, wieder.
Es würde leicht seyn, zur Vermeidung dieses Fehlers eine gehörige
Vermischung beider Fähigkeiten vorzuschlagen, aber abgerechnet, dass
Rathschläge dieser Art schwerer zu befolgen als zu ertheilen sind, so finden
sich auch ausserdem unglücklicher Weise im handelnden Leben zwei nothwendige
Geschäfte, die gerade ebenso, als jene Geistesrichtungen selbst verschieden
sind, und da eine vollkommene Verbindung dieser letztem ohne allen Verlust
an Stärke mit Recht unerreichbar scheint, unaufhörlich eine Theilung
derselben nothwendig machen. Diese kann man, wenn es erlaubt ist, auf einen
Augenblick einen hartscheinenden Ausdruck zu gebrauchen, die Bildung und die
Beherrschung des Menschen nennen. Was man irgend mit Menschen im Leben
vornehmen mag, so besteht es immer entweder darin sie für sich und aus
innerer freier Kraft zu höherer Vollkommenheit zu leiten, oder sie, mit oder
ohne Rücksicht hierauf, zu einer bestimmten Meynung oder Handlung zu lenken,
ein Verfahren, das, da es
Und um in diesem geschickt zu seyn, muss man eine durchaus auf Beobachtung gegründete Menschenkenntniss besitzen. Der Moment ist es, auf den gewirkt werden soll, und den man daher mit allen seinen Zufälligkeiten kennen muss, an die keine Berechnung reicht, und die nur der unmittelbare Augenschein selbst erforschen kann. Wenn die Seite entdeckt ist, auf welcher die Wirkung geschehn kann, müssen zugleich die Mittel gewählt werden, und diese können sich nur durch vielfache gelungene Versuche bewähren. Alles kommt hier einzig auf die Erreichung eines einzelnen und bedingten Endzwecks an, und man nimmt daher den Menschen bloss, wie er wirklich in diesem Augenblick erscheint; ohne zu untersuchen, was künitig sich aus ihm entwickeln wird, behandelt man seinen Charakter als geschlossen und vollendet. Man braucht daher hier nur mit Scharfblick den Punkt aufzufinden, worauf, und das Mittel, wodurch man wirken kann, und in diesem doch eigentlich nur mechanischen Geschäft (in welchem ein bedingter Zweck durch bestimmte Mittel erreicht wird) wird nicht gerade der grösseste und vielumfassendste Kopf, sondern vielmehr derjenige am besten gelingen, welcher sich am ausschliessendsten auf jenen Punkt zu beschränken versteht. Was man daher im Leben gewöhnlich und nicht mit Unrecht eine kunstvolle Geschicklichkeit in der Behandlung der Menschen nennt, ist nicht immer ein Zeichen einer grossen und ausgebreiteten Menschenkenntniss; es beweist vielmehr oft bloss eine Bekanntschaft mit den einzelnen, und im Durchschnitt fast bei allen Individuen ziemlich ähnlichen Seiten, auf die sie eine leichte Wirkung verstatten, eine gewisse Gewandtheit in der Anwendung vielfacher Mittel, und ein Talent, das aber manchmal an Genie gränzen kann, den Augenblick zu kennen und zu benutzen. Nur erst, wenn diese Geschicklichkeit bei vielen unter einander verschiednen, und in sich originellen Subjecten die Prüfung besteht, und wenn sie zugleich mit der sichern und feinen Beurtheilung verbunden ist, die sich die Gründe ihres Verfahrens anzugeben, und die Erfolge zu erklären versteht, wird sie zu der seltnen und erhabenen Eigenschalt, die wir nur in wenigen wahrhaft grossen Staatsmännern und Heerführern antreffen, die aber auch alsdann sie und ihr Geschäft so unendlich weit über jedes andre in unserer Schätzung emporhebt.
Die so eben beschriebene Gattung der Menschenkenntniss zweckt dahin ab, den
Menschen zu lenken; die andre ihr entgegengesetzte ist mehr bemüht, ihn zu
beurtheilen, und zu bilden. Jenes ist leichter, als dieses, da es oft
entweder an der Begünstigung des Zufalls eine Hülfe, oder an den
unüberwindlichen Hindernissen desselben eine Entschuldigung findet, auch
nicht das ganze Subject zu umfassen braucht, sondern bei einzelnen Seiten
stehen bleiben kann. Um nun auch in dem schwereren Geschäft der Beurtheilung
und Bildung zu gelingen, muss man zwar von der augenblicklichen
Beschaffenheit der Gegenwart ausgehn, darf sich aber nicht auf dieselbe
allein beschränken. Indem man das Wesentliche und Bleibende darin aufsucht,
kann man die Zufälligkeiten derselben übergehen. Wie daher die durch Umgang
und Geschäfte erworbene Menschenkenntniss einen zu engen und zu sehr
bestimmten Begriff von dem Subjecte bildet, so verfällt die mehr durch
Nachdenken erlangte leicht in einen zu unbestimmten und allgemeinen. Das
Urtheil jener wird nicht leicht auf das ganze Leben des Individuums und auf
seine Gesinnungen passen, aber die Aussprüche dieser werden leicht durch
einzelne Fälle und Handlungen desselben widerlegt werden. Jene ist
unstreitig dem Ziele näher, das sie sich steckt, aber diese hat ein weiteres
und wichtigeres vor Augen und befindet sich auf dem richtigen Wege, es zu
erreichen.
Auch bei Schriftstellern, um diess im Vorbeigehen zu bemerken, treffen wir
denselben Unterschied an. Einige suchen den Leser mehr bei den
Zufälligkeiten, andre mehr bei den wesentlichen Eigenschaften seines
Charakters zu ergreifen. Jene sichern sich einen gewisseren und
allgemeineren Beifall ihrer Zeit; diese arbeiten mehr für die Ewigkeit.
Wie diese beiden verschiednen Arten, die Menschen zu studiren, mit einander
vermischt seyn müssen, um den Geist zu einer ächten Menschenkenntniss zu
leiten, und im handelnden Leben die Politik mit der Moral durchaus fest und
dauernd zu verknüpfen? bedarf hier keiner besondern Erörterung. Die
speculative und empirische Menschenkenntniss mussten nur darum in der ganzen
Stärke ihres Contrastes hier aufgestellt werden, um durch die Bestimmung,
welcher von beiden die gegenwärtige
Wer nicht bloss in historischer, sondern in philosophischer Absicht einen
Charakter, besonders seinen eignen, oder doch einen solchen, auf dessen
Ausbildung er einwirken will, studirt, der kann sich nicht mit einer blossen
Aufzählung der Erscheinungen und einer Herleitung ihrer Ursachen begnügen.
Er muss sich selbst in die Eigenthümlichkeiten desselben versetzen, und von
diesem Standpunkte aus thätig seyn. In noch vorzüglicherem Grade ist diess
bey dem Charakter des Zeitalters der Fall, in welchem jedes Individuum den
seinigen wiederfindet, und auf den jedes zurückzuwirken durch die Natur
genöthigt, und durch die Vernunft verpflichtet ist. Nirgends ist es daher so
nothwendig, als hier, dem Geiste einen Begriff zu geben, der zugleich auf
das genaueste bestimmt, und so wenig beschränkt sey, dass er auf allen
Seiten, und nach allen Richtungen hin Erweiterungen ver-
Damit aber die verlangte Charakteristik den Geist in diese glückliche und thätige Stimmung versetze, muss sie ausser der Natur ihres Gegenstandes auch noch seiner eignen im genauesten Verstande ähnlich gemacht seyn, und ihren Stoff zu einer solchen philosophischen und ästhetischen Einheit verarbeiten, dass er dadurch zugleich belehrt und begeistert wird. Wie diess nun am zweckmässigsten geschehen kann, und welche einzelne Eigenschaften die gegenwärtige Charakteristik in dieser Rücksicht haben muss? erfodert daher noch eine eigne Erörterung, in welcher vorzüglich die Fragen: worin zuletzt eigentlich der Charakter besteht, und nach welchem Maassstab das Zufällige desselben von dem Wesentlichen abgeschieden werden kann? eine ernsthafte und verweilende Betrachtung verdienen.
Die Kenntniss menschlicher Charaktere ist bisher nicht genug bearbeitet worden.
— Bedeutung des Worts Charakter. — Gewöhnlicher Fehler die Verschiedenheit der
Charaktere in verschiedenen Graden der absoluten Kraft aufzusuchen. Der
Charakter beruht auf dem Verhältniss — und der Bewegung der Kräfte. — Daher
muss er nach seiner subjectiven Beschaffenheit, nicht nach seiner objectiven
Brauchbarkeit beurtheilt — und jene nach der Art ihrer Entwicklung und ihrer
Thätigkeit genetisch gezeichnet werden. — Bei jeder Charakterschilderung muss
man von den Aeusserungen und Thatsachen, die eine unmittelbare Beobachtung
verstatten, zu den innern Eigenschaften, die nur mittelbar wahrgenommen werden
können, übergehen. — Inwiefern
Unter allen Studien sind wenige bisher so sehr vernachlässigt worden, als
das Studium menschlicher Charaktere. Da man dasselbe immer nur zum Behufe
eines fremden Zwecks, nie aber für sich selbst zu bearbeiten pflegt, so hat
es das ungünstige Schicksal erfahren, immer zu einseitig, von den
Philosophen auf eine zu allgemeine, von denen, die allein der unmittelbaren
Beobachtung vertrauen, auf eine zu particulaire Weise behandelt zu werden.
Die Moralisten, Geschichtschreiber und Dichter waren es vorzüglich, in deren
Händen sich die Charakterschilderung befand. Die ersteren, unter denen
Theophrast und seine
Die einzigen, die hier etwas Wichtiges geleistet haben, sind
Der eigentliche Schöpfer der ächten Kunst dichterischer Charakterschilderung
ist erst
Der Dichter aber, wie sehr es ihm auch gelingen möchte, ahmt unmittelbar das Leben selbst nach; er zeichnet den Charakter, aber er zergliedert ihn nicht; für die raisonnirende Analyse desselben, von der wir hier reden, ist also durch seine Bemühungen nur wenig und nur so viel gewonnen, dass er freilich einen mehr geläuterten, schon durch den Geist bearbeiteten und eigen zurechtgelegten Stoff liefert. Wer indess von einem Charakter Rechenschaft geben, die Ursachen von Handlungen daraus herleiten, oder über seine Ausbildung Rathschläge ertheilen soll, befindet sich immer in derselben Verlegenheit. Er vermisst hinreichende und sichre Kennzeichen, unter der Menge verschiedener Charakterzüge gerade diejenigen auszuwählen, welche die leitenden, bestimmenden und eigentlich charakteristischen sind, und stösst vorzüglich auf die, dem ersten Anblick nach, unüberwindliche Schwierigkeit, dass seine Ueberzeugung von einem Charakter im Grunde auf einem Ganzen aller dunkel empfundenen Aeusserungen des Subjects beruht, welches er doch zu zerstören genöthigt ist, wenn er es in deutliche Begriffe zerlegen will.
Eine eigentliche theoretische Methode hierbei anzugeben, würde schon darum überflüssig seyn, weil die grösseste Schwierigkeit erst in der Befolgung derselben liegt. Da indess doch einige bedeutende Fehler bei dem gewöhnlichen Verfahren zu auffallend sind, und es für das gegenwärtige Geschäft zu wichtig bleibt, sich im Voraus über die Foderungen zu verständigen, die man an eine gute Charakteristik macht; so sey es erlaubt, hier nur einige abgerissene Regeln aufzustellen, welche vorzüglich dazu dienen sollen, der Unbestimmtheit, Seichtigkeit und Einseitigkeit der gewöhnlichen Charakterschilderungen entgegenzuarbeiten.
Der Ausdruck:
Je grösser aber die Zahl der Gegenstände ist, die sich dem Geist auf einmal darbietet, desto leichter verliert sich, wenigstens anfangs, die Bestimmtheit des Bildes. Er befindet sich in Verlegenheit, wobei unter so vielem er stehen bleiben soll, und geräth sehr leicht in Gefahr, statt der mehr eigenthümlichen und bestimmter bezeichnenden Züge nur die auffallendsten und hervorstechenden aufzufassen. Hierbei wäre nun zwar an sich nur wenig verloren, wenn es nur möglich wäre, die bei diesem Verfahren nothwendig übrigbleibenden Lücken nach und nach auszufüllen. Aber das Schlimme in der Menschenkenntniss ist gerade das, dass jede Lücke zugleich eine Unrichtigkeit ist, und dass man einen Charakter nie von einer einzigen Seite vollkommen richtig kennt, solange man ihn nicht zugleich auch von allen andern durchschaut. Um daher hier die rechte Bahn nicht zu verfehlen, muss man die Kunst besitzen, in dem Mannigfaltigen selbst mit Schnelligkeit gerade dasjenige Gemeinsame aufzufinden, wodurch das Ganze zu einer eignen und abgesonderten Gestalt wird.
Denn das Eigenthümliche macht den Charakter des Individuums aus, und das ganze Geschäft der Menschenbeobachtung besteht daher in der zwiefachen Bemühung, die unterscheidenden Merkmale eines Subjects vor dem andern aufzusuchen, und aus ihnen die Natur eines jeden herzuleiten. Worin aber liegt diese Eigenthümlichkeit? welches ist eigentlich der Sitz des Charakters, durch den sich ein Mensch vor dem andern unterscheidet? welches ist der Punkt, auf den sich der Blick, wenn ihn die Mannigfaltigkeit der Erscheinungen zerstreut, mit sichrer Hofnung des Erfolges zu sammeln vermag?
Die gewöhnliche Antwort auf diese wichtige Frage, deren Auflösung die
unverkennbare Gleichheit des Menschengeschlechts eben so grosse
Schwierigkeiten entgegensetzt, als die mannigfaltige Verschiedenheit
desselben, ist die, dass der Grad der innern Kraft vorzüglich ein Subject
vor dem andern auszeichnet. Fast alle Urtheile über Menschen im gewöhnlichen
Leben beziehen sich auf diese Verschiedenheit, und nicht genug, dass man bei
einer und eben derselben Kraftäusserung verschiedene Abstufungen bestimmt,
so setzt man auch eine Thätigkeit, eine Kraft selbst der andern vor, bald
nach ihrer Tauglichkeit zu äussern Zwecken, bald richtiger nach der innern
Anstrengung, die sie kosten. Der Mensch ist einmal von selbst zu geneigt,
vergleichend zu schätzen und auch das Verschiedne nach Einem Maassstab zu
messen, und die Bedürfnisse des Lebens führen ihn zu oft zu dieser
Beschäftigung zurück, als dass er sich nicht sehr schwer an eine freie und
unabhängige Würdigung gewöhnte. Denn sonst ist es sehr offenbar, dass der
Grad ein höchst untauglicher Bestimmungsgrund menschlicher Charaktere ist.
Nur das vollkommen Gleiche kann eigentlich mit einander verglichen werden;
und der Grad geäusserter Kraft dient daher wohl zur Vergleichung
verschiedner Zustände desselben Charakters, nicht aber zur Vergleichung
verschiedner Charaktere unter einander. Auch liegt immer etwas Anmaassliches
darin, über die Gränze absprechen zu wollen, die ein Charakter in seiner
Entwicklung erreichen kann, und was hier das wichtigste ist, niemals kann
man durch diese Bestimmung die eigentliche und ursprüngliche Natur einer
Individualität entdecken. Denn seiner wesentlichen Beschaffenheit nach ist
jeder Charakter nothwendig unendlich; keine Kraft schreibt sich selbst einen
Stillstand in ihrer Entwicklung vor; alle Gränzen, die sie sich setzt,
hindern sie nur, in eine fremde Bahn überzugehen, oder sind
Es zeigt sich hier wieder der im vorigen Abschnitt bemerkte Unterschied zwischen der speculativen und empirischen Menschenkenntniss. Diese muss, ihrer Absicht gemäss, ihre Aufmerksamkeit hauptsächlich auf den Grad der Kraft richten, mit welcher ein Individuum thätig ist. Sie hat bestimmte Zwecke in bestimmten Zeiten zu erfüllen, und muss daher das Verhältniss der Kraft zur Wirkung berechnen. Jene sieht ausschliessend auf das ursprüngliche Wesen des Charakters in der ganzen Dauer seiner Wirksamkeit, und da sie sich an keinen einzelnen Zustand heftet, so findet sie nirgends Veranlassung, verschiedene Grade zu bestimmen. Die wahrhaft praktische steht wieder zwischen beiden in der Mitte. Sie ist weit entfernt, in dem absoluten Grade der Kraft eines Charakters sein Wesen auszusuchen, und noch mehr, ihm irgendwo eigenmächtig einen Stillstand gebieten zu wollen; sie betrachtet jeden als eine unendliche Grösse, und legt immer die Überzeugung zum Grunde, dass auch der unscheinbarste und mangelhafteste, sobald er nur Zeit und Gelegenheit zu seiner Entwicklung erhält, sich zu seiner ersten und ursprünglichen Reinheit herzustellen vermag. Da sie aber immer von einem bestimmten Zustand ausgeht und zu einem bestimmten zurückkehrt, so übersieht sie darum den wirklichen, wenn auch zufälligen Grad der Kräfte nicht, welchen sie in diesem einzelnen Zeitpunkt erreicht haben.
Die Verschiedenheit jener beiden Ansichten hat sich in unsrer Zeit bei der
Behandlung der öffentlichen Geschäfte der Nationen auf eine merkwürdige Art
gezeigt. Kühne, ausschliessend an speculative Betrachtungen gewöhnte,
vielleicht auch schwärmerische Köpfe haben Plane erfunden, und vermöge der
Eigenheit der letztverflossenen Jahre, wo wir die Rollen so sonderbar
vertauscht, und Männern, die zu ganz andern Geschäften berufen schienen, die
Führung von Nationen anvertraut sahen, zum Theil wirklich ausgeführt, die
wohl auf die menschliche Natur überhaupt, nicht aber auf ihren individuellen
Zustand in dem gegenwärtigen Augenblick berechnet waren. Dagegen haben
andre, vermöge der Eingeschränktheit ihres Gesichtskreises, oder der
ängstlichen Besorglichkeit ihres Charakters, und indem sie die
vorübergehenden
Dem so eben gerügten Fehler, alles, auch das Unähnliche unter einander zu
vergleichen, überall nach Graden abgemessene Abstufungen zu bestimmen, und
schlechterdings nur Eine Klasse zu kennen, ist der andre, in unsern Tagen
vielleicht gleich häufige entgegengesetzt, jedes einzelne Individuum zu
einer besondern Klasse zu erheben, jede Varictät, sollte ihre
Eigenthümlichkeit auch bloss auf ihrer Unvollkommenheit beruhen, eigen, und
jede Eigenheit interessant zu finden. Jenen treffen wir gewöhnlich bei
gemeinen und eingeschränkten Köpfen an, diesen bei reizbaren und geistvollen
Personen, die aber nicht gehörig an richtige Beurtheilung und strenges
Nachdenken gewöhnt sind. Um nun mit Vermeidung dieses doppelten Fehlers den
richtigen Maassstab zur Schätzung verschiedener Charaktere zu finden, muss
man zuvörderst festbestimmte Gattungen derselben absondern. Diese dürfen
nicht bloss durch Lücken, die ausgefüllt, oder Mängel, die verbessert werden
können, von einander verschieden seyn, sondern müssen vermöge dauernder und
wesentlicher Merkmale auch in ihrer höchsten Ausbildung noch immer, nur
feiner unterschieden bleiben. Ist diess der Fall, so lassen sie sich nicht
mit einander vergleichen, sondern nur jede nach den idealischen, und
durchaus formellen Foderungen beurtheilen, welche an jede Individualität
ergehen, und die wir im vorigen Abschnitt (III, 2.) berührt haben; nur
insofern ein Subject diese in seiner Art mehr oder weniger als ein andres
erfüllt, kann es demselben vorgezogen oder nachgestellt werden. Der
Unterschied dieser Gattungen, und mithin aller gesetzmässigen
Charakterverschiedenheit beruht nicht auf einer Verschiedenheit der Kräfte
an sich, da hierin die ganze
Wo durch das Uebergewicht eines einzelnen Seelenvermögens eine eigenthümliche Charakterform auf eine, allen Foderungen des Ideals entsprechende Weise entsteht, da wird sie dem Gehalte nach keine andern Handlungen, keine andern Maassregeln hervorbringen, als welche, ohne alle Rücksicht auf individuelle Ansicht, die Natur der Sachen selbst anrathen muss; in der Beschaffenheit der Handlungsweise allein, in dem Geist und der Gesinnung, die aus ihr spricht, wird der ganze, aber wichtige Unterschied liegen. Diess ist es, wodurch vorzügliche Menschen sich von gewöhnlichen unterscheiden, diess Gepräge der Eigenthümlichkeit, womit wir ihre Handlungen, ihre Worte, ihre Gebehrden bezeichnet finden. Diess entspringt allemal aus dem Uebergewicht einer Kraft, einer Neigung. oder einer Ansicht der Dinge, und je weniger dasselbe den Gehalt der Gedanken, Empfindungen und Grundsätze verändert, je mehr es bloss ihre Form und ihre Manier bestimmt, desto reiner und schöner ist die Stärke und das Feuer, die es hervorbringt.
An nichts heftet sich daher das Studium des Charakters mit so günstigem
Erfolge, als an die Aufsuchung dieser herrschenden Seite. Welche andre es
auffassen könnte, so läuft es beständig Gefahr, etwas zu finden, wodurch das
bestimmte Individuum entweder nicht ganz. oder nicht ausschliessend
bezeichnet wird. An edlem, emporstrebendem Ehrgeitz, an feiner und tiefer
Staatsklugheit, in der Kunst, die Menschen ohne Mühe nach dem Winke ihres
Willens zu beherrschen, in dem genievollen Talent, auf dem Thron und in der
Schlacht den entscheidenden Augenblick zu benutzen, mögen
Dem aufmerksamen Beobachter wird es freilich nicht entgehen, dass alle diese, die Bewegung der Kräfte bezeichnenden Eigenschaften auch zugleich, nur mehr oder weniger, das Verhältniss derselben schildern. In dem lebhaften Charakter wird unfehlbar die Einbildungskraft und das Gefühl, in dem langsamen der Verstand und die Ueberlegung herrschen; in dem heitern wird die Neigung, in der Wirklichkeit, in dem in sich gekehrten der Hang, in Ideen zu leben, überwiegend seyn. Man würde sich indess auch zugleich gänzlich von dem Wege einer richtigen Naturbeobachtung entfernen, wenn man dasjenige, was nur als eine zwiefache Ansicht Einer und ebenderselben Sache abgesondert wird, auch an sich in der Natur getrennt glauben wollte. Nur weil in dem menschlichen Charakter eine bestimmte Kraft in einer gewissen Art, gleichsam einem gewissen Rhythmus wirkt, scheint es bequem jenen Stoff und diese Form jedes für sich zu betrachten. An sich sind beide vollkommen Eins und lassen sich gegenseitig aus einander erklären.
Die Hauptsache ist nur die, dass man den Menschen nicht sowohl, wie jetzt
gemeinhin geschieht, nach einzelnen Aeusserungen, oder auch einzelnen
Kräften zu charakterisiren suche, nach dem Maass seines Verstandes, seiner
Phantasie u. s. f., sondern mehr nach allgemeineren Eigenschaften, welche
alle Kräfte in allen ihren Aeusserungen an sich tragen, und die man
gleichsam als die Formen ansehen kann, in die sie gegossen sind, oder als
die Bahnen, in welchen sie sich bewegen; ob es sich gleich von selbst
versteht, dass die Schilderung der einzelnen Kräfte hernach immer
Niemand wird abläugnen, dass diese Eigenschaft sich durch alle Thätigkeiten des Gemüths hindurch erstreckt. Der Beobachter der Natur ist klar, wenn er alles, aber nichts anders sieht, als was wirklich vor seinen Augen in der Natur daliegt; der Philosoph, wenn er sich von dem Zusammenhang seiner Sätze deutliche Rechenschaft zu geben versteht; der Dichter, wenn er die Einbildungskraft des Lesers nöthigt, sich scharf begränzte, und bestimmt geschiedene Bilder zu entwerfen; der empfindende Mensch, wenn er sich des Zwecks und der Art seiner Gefühle, und ihrer Möglichkeit nach den allgemeinen Bedingungen der Natur bewusst ist. Diese glückliche Klarheit nun, welche die Bedingung aller dauerhaften Zufriedenheit und aller fruchtbaren Thätigkeit ist, beruht einestheils auf einem richtigen Verhältniss der Kräfte. Gerade diejenige muss immer die Herrschaft besitzen, welche für den jedesmaligen Gegenstand ihrem Wesen nach geeignet ist. Dennoch hängt sie auch anderntheils von einer gehörigen Bewegung derselben ab. Denn ihre einzelnen Aeusserungen müssen 1., die nothwendige Stärke besitzen; 2., in gleichmässiger und hinlänglicher Weile auf einander folgen; 3., in Absicht ihrer Richtung das glückliche Mittel zwischen der Zerstreuung nach aussen und der Reflexion nach innen treffen, das wir durch den Ausdruck der Besonnenheit bezeichnen. Denn die sinnliche Begierde, die in den Gegenstand, und die schwärmerische, die in sich selbst vertieft ist, sind beide gleich dunkel und verworren. Wie die steigende Vollkommenheit der physischen Organisation sich dadurch ankündigt, dass alle Theile deutlicher dargelegt, und bestimmter abgesondert sind, und wie der Ausdruck und der Adel der Gesichtszüge in dem Maasse grösser ist, in welchem sie fester begränzt sind, ebenso beruht auch die geistige Klarheit, die man als die erste Bedingung zur Tauglichkeit eines Subjects zu allen möglichen beliebigen Zwecken ansehen kann, darauf, dass sowohl die neben einander bestehenden Kräfte, als ihre auf einander folgenden Aeusserungen jede in ihrer eignen und gehörig bestimmten Sphäre wirken.
Schon der doppelte Vorzug, dass die, von der Thätigkeit der Kräfte hergenommene Charakterschilderung der Wahrheit der Natur getreuer ist, und alle Eigenthümlichkeiten der Individualität vollständiger umfasst, macht sie dem Beobachter in hohem Grade empfehlungswürdig. Aber sie führt noch ausserdem einen dritten mit sich, welcher jene beide noch beinah überwiegt. Indem sie die Art zeichnet, wie der Mensch sich im gewöhnlichen Leben geschäftig erweist, giebt sie nicht, wie wenn man einzelne Eigenschaften aufzählt, dem Verstande abgezogne Begrifte, sondern bestimmt die Einbildungskraft, selbst ein vollendetes sinnliches Bild zu entwerfen. Denn sehr viele Ausdrücke, deren sie sich gewöhnlich bedient, haben auf körperliche Verrichtungen Bezug, und werden ursprünglich nur von diesen gebraucht. Immer aber ist es ein wichtiger Vorzug, wenn man, ohne der Bestimmtheit der Begriffe zu schaden, bei dem Studium der Menschenkenntniss die Phantasie mit ins Spiel ziehen kann. Der Verstand, als solcher, nimmt immer nur allgemeine Begriffe auf, und bedarf, um sie zu individualisiren, eines neuen ihm von der Erfahrung gegebenen Stoffs. Die Einbildungskraft hingegen ist denselben Gesetzen unterworfen, welchen auch die sinnliche Wahrnehmung folgt; ihre Geburten sind also freie, aber immer in einigem Grade treue Nachahmungen der Natur. Es kann ihr daher nie an analogen Zügen fehlen, durch die sie aus dem Schatze ihrer gesammelten Bilder eine unvollkommen angedeutete Gestalt zu ergänzen im Stande ist. Nur muss sie freilich zu diesem Behufe gewöhnt seyn, sich einem unermüdet thätigen und genauen Beobachtungsgeist willig unterzuordnen. Daher wird es dem Dichter so schwer, zugleich dichterisch zu seyn und vollkommen wahr und natürlich zu bleiben, da seine Einbildungskraft, um diesen Gipfel der Kunst zu erreichen, noch mitten im strengsten Gehorsam ihre Freiheit bewahren muss.
Ein nahe liegendes Beispiel wird diese verschiedene Tauglichkeit des
Verstandes und der Phantasie zum Gebrauch für die Menschenkenntniss ohne
Mühe erläutern. Bei der Schilderung des Nationalcharakters der
Die Bezeichnungsarten, auf die man geräth, wenn man den zuletzt
vorgeschlagenen Weg versucht, und die an körperliche Eigenschaften, des
Leichten und Schweren, des Hohen und Tiefen, Langsamen und Schnellen u. s.
f. erinnern, schildern gleichsam die äussre Handlungsweise der Seelenkräfte.
Selbst ohne dass
Doch muss man freilich auf diesem Wege die schwankende Unbestimmtheit
vermeiden, in die man so leicht geräth, wenn man es sich einfallen lässt,
das Körperliche und Geistige gegenseitig durch einander erklären oder
erforschen zu wollen. Dieser Gefahr aber völlig zu entgehen, ist es nie
möglich, so oft man Fragen, welche die ungetheilte und ganze Natur des
Menschen betreffen, auf eine durchaus befriedigende Weise zu beantworten
unternimmt. Uebertriebene Scheu vor Unbestimmtheit und Schwärmerei, eine
solche, die auch schon die Gefahr, nicht bloss das Uebel selbst flicht,
führt, man kann es bei einem Gegenstand, wie der gegenwärtige ist, nicht oft
genug wiederholen, zu dürftiger Einseitigkeit. Wer glücklich genug ist, sich
vor diesem, so wie vor dem entgegengesetzten Extrem gänzlich zu hüten,
besitzt dasjenige, was man vorzugsweise
Zugleich bildet sich der Mensch fast in keinem andern Punkt so leicht nach
einem fremden Muster, als in Absicht des Ganges und des Grades seiner
Thätigkeit. Wer Gelegenheit hat z. B. zwei Menschen von langsamer
Gedankenfolge, die viel und vertraut mit einander leben, zu verschiedenen
Zeiten zu sehen, der wird bei jeder neuen Beobachtung diese Unvollkommenheit
mehr als irgend eine ähnliche unter denselben Umständen gewachsen finden.
Indess kommt diess auch zum Theil schon daher, dass diejenigen, welche
einander in der Weile ihrer Gedanken und Empfindungen ursprünglich ähnlicher
sind, sich begieriger aussuchen und fester mit einander verbinden. Denn die
grösseste Verschiedenheit in Meynungen oder in Ansichten der Dinge schmälert
nicht so sehr das Vergnügen einer raisonnirenden Unterredung, als eine bei
weitem kleinere Ungleichheit in der schnelleren oder langsameren Folge, oder
in der verschiedenen Verknüpfung der Ideen, wo z. B. der eine der Freiheit
der Phantasie folgt, der andere sich an die strengen Regeln des logischen
Zusammenhangs bindet. Ein langsamer und ein schneller Kopf können nie
anders, als unter einem gewissen Zwang mit einander umgehn; und man sieht
verständige und geschmackvolle Menschen selbst die geistreichsten fliehen,
wenn sie ihnen zu lange bei einer Sache verweilen, oder zu flüchtig zu viel
umfassen, obgleich jenes Verweilen oft nur von einem tieferen Ergründen, und
diese Flüchtigkeit von einem schnelleren Begreifen herrührt. Noch mehr aber
ist diess bei Verhältnissen der Fall, die Gefühl und Leidenschaft fodern.
Was sich in der Seele des Menschen bewegt, seine Gedanken, Empfindungen, Neigungen und Entschlüsse, und wie, in welcher Folge und Verknüpfung sie wirken, sind also die Punkte, worin sein Charakter besteht — das Verhältniss und die Bewegung seiner Kräfte, zugleich und als Eins gedacht. Denn darin liegt die Schwierigkeit der Kunst der Menschenbeobachtung, dass der Stoff und die Form des Geistes (Ausdrücke, die nach dem Vorigen nicht mehr dunkel seyn können) zugleich und als Eins vorgestellt werden müssen, eine Operation, bei welcher der Verstand und die Phantasie in Einer und ebenderselben Seelenthätigkeit gegenseitig auf einander bezogen werden müssen. Darum kann diese Kunst nicht nach Regeln erlernt werden. Das Genie besitzt sie von selbst; und wem die Natur diess versagt hat, der muss sie durch vielfache Uebung mühsam erwerben.
Die erste Regel jeder Charakterschilderung, die sich nach den bisherigen Betrachtungen beinah von selbst darbietet, ist die, dass der Charakter vorzüglich nach seinem subjectiven Werthe, und seinem innern Zusammenhange, nicht aber nach seiner äussern Tauglichkeit zu diesem oder jenem Zwecke, ja nicht einmal, wenigstens nicht ausschliessungsweise, nach der objectiven Güte seiner Producte beurtheilt, der Mensch nicht mit seinen Werken verwechselt werde.
Nur was wir sind, ist vollkommen unser Eigenthum, was wir thun, hängt von
dem Zufall und den Umständen ab. Jeder Mensch, pflegt man mit Recht zu
sagen, ist mehr als sein Werk, weil es ihm nie gelingt, das Ideal, das er im
Kopf trägt, zu erreichen; obgleich in einem andern Sinn auch wiederum das
Werk mehr ist als er, da es eine Frucht seiner gesammelten und exaltirten
Kräfte ist, die sonst nur zerstreut und minder thätig wirken. Die
gewöhnliche Beurtheilungsart, welche, unbekümmert um die Ursachen und
Absichten der Handlungen, nur ihren objectiven Werth prüft, ist praktisch
sehr nützlich, weil sie Gesetzmässigkeit befördert mit Strenge leere
Entschuldigungen zurückweist, und doch nicht
Gewöhnlich wird man auf die subjective Beurtheilung von Menschen durch die
objective ihrer Producte geleitet. Die Tragödiendichter verschiedner
Nationen z. B. vergleicht man gewöhnlich bei Gelegenheit allgemeiner
Untersuchungen über das Trauerspiel, und alsdann beschäftigt man sich
freilich natürlicher mit den objectiven Foderungen, die sie erfüllt oder
nicht erfüllt haben, als mit den interessanten Geistesanlagen, die sie ihrem
nationellen oder individuellen Charakter nach einer vor dem
Wir können diese Betrachtung nicht zweckmässiger beschliessen, als mit der
Erinnerung an einen wichtigen Charakterzug, durch den sich die
Die so eben aufgestellte Regel verweist den Beobachter des Menschen an die
innere und subjective Beschaffenheit seiner Seelenkräfte; die zweite, die
unmittelbar zunächst aus der vorigen herfliesst, verlangt, dass er auch
diese noch so viel als möglich nach
Alle Vorzüge, die denjenigen Beschreibungen überhaupt eigenthümlich sind, welche das Wesen eines Gegenstandes von seinem Ursprunge herleiten, und in seiner Entstehungsart seine Beschaffenheit zeigen, treffen bei der Schilderung eines Charakters in doppelt hohem Grade zusammen. Denn die eigne Mitwirkung des Geistes, die immer auf diesem Wege lebhafter und dauernder erregt wird, ist nirgends so nothwendig, als hier, wo der Gegenstand niemals durch Begriffe vollkommen ausgemessen werden kann, und wo es nicht möglich ist, ihn genau und richtig aufzufassen, ohne ihn gleichsam selbst, nur nach den beobachteten Datis, erst neu zu bilden. Jeder gute Beobachter wird daher schon im täglichen Gespräch, wenn er die Schilderung eines Charakters entwirft, denselben, mehr wie der Dichter, handelnd und redend einführen, als gleich dem Moralisten seine Eigenschaften einzeln herzählen; und selbst der schlechteste Kopf wird sich sehr bald durch die Schwierigkeit, für die verschiedenen Modificationen der Gemüthsstimmungen und ihrer Grade angemessene Ausdrücke aufzufinden, zu demselben Verfahren genöthigt sehen. Denn dem Mangel an bestimmten und entsprechenden Bezeichnungen, der in allen Sprachen wenigstens in Vergleichung mit der Menge der zu bezeichnenden Gegenstände sehr gross ist, und den Fortschritten der raisonnirenden Menschenkenntniss eine so grosse Schwierigkeit entgegensetzt, ist es kaum möglich anders, als durch ausführliche Umschreibungen zweckmässig abzuhelfen. Die Methode, neue Wörter zu bilden, oder alten eine bestimmtere Bedeutung unterzulegen, so empfehlungswürdig sie auch an sich ist, muss hier mit doppelter Vorsicht angewandt werden.
Alle Wörter, welche moralische Eigenschaften bezeichnen, können nur immer
bis auf einen gewissen Grad, nie aber ganz, den Dingen, die sie bezeichnen,
entsprechen. Sie drücken, wie alle Wörter überhaupt, Begriffe aus, welche
feste und bestimmte Gränzen haben, da ihre Objecte, vermöge der
unauflösbaren Verbindung, in welcher alle Theile der moralischen Welt unter
einander stehen, ohne alle eigentlich bemerkliche Gränzen in einander
überfliessen. Dieser Verlegenheit hilft der Sprachgebrauch ab, indem er,
ohne sich so genau an den logischen Begriff eines Worts zu halten, die
Anwendung desselben mehr den Aussprüchen eines
Ohne also noch auf höhere Vorzüge Anspruch zu machen, nöthigt schon die Armuth und Unbestimmtheit der Sprache, die es pedantisch und zweckwidrig seyn würde, in einer Kunst, welche nur als die freie Beschäftigung des gesellschaftlichen Gesprächs und des täglichen Lebens gedeiht, wissenschaftlich und systematisch berichtigen zu wollen, zu ausführlicheren Umschreibungen seine Zuflucht zu nehmen. Allein auch ausserdem dringt man nie tief in das Wesen eines Charakters ein, wenn man nicht das Geheimniss seiner Verrichtungen zu enthüllen versucht. Nur dann versetzt man sich ganz in den Mittelpunkt seines Objects, und läuft nie Gefahr, dasselbe aus einem fremden Standpunkt falsch oder einseitig anzusehn. Diese Foderung aber ist freilich noch nicht erfüllt, wenn, wie wir oben sagten, der Charakter selbst redend und handelnd eingeführt wird, wodurch man doch nur immer bei seiner Aussenseite stehen bleibt. Das innere Spiel der Kräfte muss aufgedeckt, die Beziehungen derselben auf einander müssen gezeigt, die Triebfedern der Handlungen auseinandergelegt werden.
Man soll also schildern, was nirgends und niemals den Blicken unmittelbar erscheint: man soll in mehrere Kräfte zerlegen, was immer nur als Eine ungetheilt wirkt; was die Menschenkenntniss auf diesem Wege an philosophischer Tiefe gewinnt, scheint sie wiederum nothwendig an natürlicher Wahrheit zu verlieren.
Hieraus fliesst eine dritte, äusserst wichtige Regel her: dass man bei jeder Charakterschilderung immer dasjenige, was unmittelbar in die Sinne fällt, die Handlungen und Aeusserungen überhaupt, vorausschicke, und von da nach und nach zu demjenigen, was weniger deutlich sichtbar ist, bis zu der innern Beschaffenheit des Charakters übergehe, die gar nicht mehr wahrgenommen, sondern allein geschlossen werden kann.
Alles, was nur immer über einen vollständig gezeichneten Charakter gesagt
werden kann, lässt sich in drei Classen bringen, die in Absicht auf ihre
mittelbare oder unmittelbare Evidenz
Wenn man auf diese Weise die verschiedenen Charakterbestimmungen, deren sich
ein Beobachter bedienen kann, nach dem Grade ihrer Evidenz von einander
absondert, wenn man alle oft unter einander vergleicht, und die Thatsachen
lieber als Grundlagen vorausschickt, denn als Beweise nachfolgen lässt, so
hat man nicht leicht zu besorgen, die Natur gerade dann zu verfehlen, wenn
man ihr Innerstes zu durchspähen versucht. Auch fehlt es nicht an mancherlei
Hülfsmitteln die Schwierigkeiten zu vermeiden, welche sich der Erforschung
des Gemüths in der Thätigkeit seiner Verrichtungen selbst entgegensetzen. Zu
diesen pflegt man wohl, vorzüglich in moralischen oder psychologischen
Schriften, die allgemeinen Charakterformen zu rechnen, in denen man nach
einer willkührlich angenommenen Seite, einem Temperament oder einer
Leidenschaft, die übrigen analogisch bestimmt. Diese aber sind dem Studium
der Menschenkenntniss vielmehr nur nachtheilig. Sie gewöhnen, bei zu
allgemeinen, nicht genug individualisirten Beschreibungen stehen zu bleiben,
und ganze Charaktere zu sehr von einzelnen Seiten zu betrachten. Auch haben
sie immer ein so einförmiges und systematisches Ansehn, dass nur die
einseitigsten und gewöhnlichsten Charaktere in der Wirklichkeit damit
zusammentreffen, oder mahlen bloss, wie das komische Theater so oft, Einen
einzigen Zug durch alle seine kleinlichen Aeusserungen hindurch aus. Daher
ist die Tragödie, wo der Dichter die Charaktere nach den Handlungen und
Begebenheiten bestimmt, soviel fruchtbarer für die Menschenkenntniss, als
die Komödie, wo er gewöhnlich den umgekehrten Weg nimmt, und die Fabel aus
den früher entworfenen Charakteren hernimmt. Ueberhaupt ist die
Schwierigkeit zu gross, ganze Charaktere aus eigner Erfindung, und doch
raisonnirend, nicht dichterisch, zusammenzusetzen. Viel zweck-
Die Kunst einer vollkommen praktischen Menschenkenntniss beruht allein auf drey verschiedenen Punkten: richtige und vollkommen individuelle Beobachtungen zu machen, aus denselben das Wesen des Charakters, das in den Aeusserungen nur theilweise erscheint, gehörig und ganz zu abstrahiren, und sich von der Beobachtung zu dem Begriff, und von diesem zu jener mit vollkommener Leichtigkeit hin- und herüber zu bewegen, um beide durch einander gegenseitig zu berichtigen. Wem das Talent eigen ist, diese drei Handlungen zugleich so unabhängig als möglich von einander vorzunehmen, und einander dennoch so nah zu bringen, dass, indem er die eine verrichtet, er zugleich die andre schon vorbereitet, der allein besitzt das ächte Genie zur Menschenbeobachtung.
Zu den bestrittensten Punkten in Absicht auf die Menschenkenntniss gehört
ohne Zweifel die Frage: welchen Einfluss man der Beobachtung der äussern
Gestalt und Mine auf das Urtheil über den innern Charakter verstatten müsse?
Je nachdem die Gefahr, auf einem zu empirischen Wege in Schwärmerei und
Chimären zu versinken, oder die, sich mit gänzlicher Abweichung von der
Natur in grübelnde Speculation zu verlieren, grössere Besorgnisse erregt,
pflegt man diesen Einfluss entweder gänzlich zurückzuweisen, oder zu hoch
anzuschlagen. Wir wollen versuchen, diesen Streit durch eine einfache Regel
zu schlichten,
Vierte Regel: Man darf die physische und physiognomische Beschaffenheit eines Subjects niemals geradezu als eine Erkenntnissquelle für den innern Charakter betrachten; aber man muss dieselbe genau und vollständig studiren, um die auf andern Wegen erhaltenen Resultate Schritt vor Schritt mit derselben zu vergleichen, und durch sie theils zu berichtigen, theils genauer zu bestimmen.
Unter der physischen Beschaffenheit muss man jedoch mehr, als gewöhnlich geschieht, zusammenbegreifen. Sie umfasst die ganze physische Natur des Subjects, nach der Art, wie dieselbe innerlich ist, und äusserlich erscheint. Die einzelnen Punkte, auf die es bei derselben ankommt, sind ohngefähr folgende:
Würde ein einziges auch sogar in sich unbedeutendes Individuum nach allen diesen Rücksichten physisch und hernach auch nach den vorher erwähnten moralisch erkannt, so gewänne die Menschenkenntniss dadurch auf einmal so ungeheure Fortschritte, dass alle ihre bisherigen als Nichts dagegen verschwänden. Es würde auf einmal der ganze Zusammenhang der innern und äussern Natur des Menschen vollkommen durchschaut, und man besässe die Form seines Wesens, die alsdenn auf alle übrige Subjecte eine leichte Anwendung leiden würde. Aber es ist offenbar unmöglich, je zu diesem Ziel zu gelangen, und nicht darum, um alles zu ergründen, sondern nur darum, um in dem Wenigen, was wir erspähen, nicht allzugrosse Fehler zu begehn, ist es nothwendig unsre Blicke nach so verschiedenen Seiten zu richten.
Die Physiognomik pflegt seit einiger Zeit als ein trügliches und
chimärisches Studium verworfen zu werden. Ohne sie gegen diesen Vorwurf
retten zu wollen, sey es uns genug zu bemerken, dass sie denselben gerade
ihren Beschützern verdankt, und dem Bemühen, sie von einer Kunst, die mehr
zur Schärfung des Blicks des Beobachters, als zur Ergründung des
beobachteten Gegenstandes zu dienen, mehr uns im ersten Augenblick zu
leiten, als in überlegten Entschlüssen den Ausschlag zu geben bestimmt ist,
zu einer Wissenschaft zu erheben. Woher käme sonst der Widerspruch, dass
auch diejenigen, welche sie als Theorie entschieden verwerfen, dennoch im
Leben täglich Gebrauch von ihr machen? Der Fehler der neuern Physiognomiker
besteht darin: 1., die äussre Gestalt nicht bloss zu einer Erkenntnissquelle
überhaupt, sondern zur besten und fast einzigen des ganzen innern Charakters
zu machen; 2. Resultate, die sich aufs höchste aus dem lebendigen Anblick
der ganzen Gestalt ergeben können, aus einzelnen Umrissen in Bildern und
Schattenrissen zu ziehen, überhaupt der Grösse und dem Verhältniss der
einzelnen und festen Theile zu grosse Wichtigkeit beizumessen, den Eindruck
des Ganzen und die beweglichen Züge hingegen zu sehr zu vernachlässigen.
Alles, was sich der mathematischen Methode nur von fern nähert, tödtet den
Geist der ächten praktischen Physiognomik, die sich aber freilich nicht so
glänzender Erfolge rühmen kann, als jene theoretische und
wissenschaftliche.
Die Aufsuchung des physiologischen und pathologischen Charakters ist das
Geschäft des denkenden Arztes. Aber dieser Gegenstand ist leider noch in
einem zu grossen Dunkel verhüllt, und die Natur desselben versagt uns sogar
die Hofnung, ihn je bis zu dem Grade aufklären zu können, dass er auch auf
den moralischen Charakter ein wohlthätiges Licht zurückzuwerfen vermöchte.
Indess sind doch einige Züge hier zu auffallend, um übersehen zu werden. So
ist es z. B. in unsern Tagen eine unläugbare Erscheinung, dass besonders bei
dem andern Geschlecht und in den höhern Ständen nicht bloss
Nervenkrankheiten sehr häufig sind, sondern dass sich auch durchaus eine
grosse Nervenreizbarkeit äussert, welche ein offenbares Uebergewicht der
Nervenkraft verräth. Die wichtige Frage, ob die Kultur unsre physische
Constitution schwächt, und ob nur eine falsche und einseitige, oder ob
überhaupt jede, auch die beste und gleichförmigste, dadurch dass sie, indem
sie das ganze menschliche Wesen mehr verseinert und höher spannt, auch den
Körper in eine grössere und mehr verwickelte Thätigkeit, die sich daher auch
leichter aufreibt, versetzt? — kann nicht anders als mit der sorgfältigsten
Rücksicht auf die physiologische Beschaffenheit des Menschen beantwortet
werden. Schon die alte, nur zu sehr durch Hypothesen entstellte, und zu
wenig durch Beobachtungen aufgehellte Lehre von den Temperamenten ist aus
diesem Gebiet hergenommen. Dennoch hat man diesem Gegenstand noch immer zu
wenig Aufmerksamkeit gewidmet. Der moralische Erzieher versucht doch immer,
ein allgemeines Bild des ganzen Charakters seines Zöglings, unabhängig von
einzelnen Vorzügen oder Fehlern, seiner Neigung zu diesem oder jenem Extrem
u. s. f. zu erlangen. Ebenso sollte der philosophische Arzt noch angelegener
streben, sich mit dem allgemeinen philosophischen Charakter eines Subjects,
auch im gesunden Zustande, mit dem Verhältniss seiner verschiedenen
organischen Kräfte, dem Gange der Thätigkeit ihrer Verrichtungen, der
Geneigtheit zu Krankheiten, die sich aus innern organischen Fehlern oder
Misverhältnissen erzeugen, und dem Grade der Empfänglichkeit zur Aufnahme
fremder Krankheitsstoffe
Die soeben genannten Hülfsmittel zur Menschenkenntniss sind daher, wie man
leicht einsieht, nicht von der Art, dass sie unmittelbar wichtige und genau
bestimmte Resultate versprechen sollten. Aber sie leisten dagegen einen noch
mehr ausgebreiteten und wichtigeren Nutzen. Indem die Seele des Beobachters
sich die Gestalt, die physische Beschaffenheit und sogar (denn auch diess
muss hieher gerechnet werden) die äussre Lage des beobachteten Individuums
einzuprägen sucht, macht sie sich genauer mit demselben bekannt, und kommt
mehr in den Stand, sich an die Stelle desselben zu versetzen. Der Takt, von
dem in der Menschenkenntniss so viel abhängt, kann und muss durch ein
doppeltes Mittel unterstützt werden. Das erste besteht darin, die Aussprüche
desselben immer auf deutliche Begriffe zurückzubringen und nach den Regeln
des Verstandes zu prüfen, das zweite ist aber das, wovon wir hier reden, die
äussre Erscheinungsart des Subjects genau zu beobachten und sich lebendig
einzuprägen. Jenes berichtigt seine Fehler, nachdem er sehr thätig gewesen
ist; diess leitet ihn während seiner Wirksamkeit selbst, und ist daher
insofern noch wichtiger, als das erstere. Es ist mit diesen Hülfsmitteln
gerade ebenso, als mit dem des Reisens. Bei dem heutigen Zustand unsrer
Literatur ist das Reisen selten nothwendig, um eigentliche Nachrichten über
die Länder einzuziehen, die man
Nicht also für eine Erkenntnissquelle des innern Charakters kann die Beobachtung der äussern physischen Beschaffenheit gelten, nur für ein Hülfsmittel, den Beobachter sichrer bei der Natur zu erhalten, die anderswoher gefundnen Resultate zu prüfen, und sich anfangs einigermaassen zu orientiren. Sie muss die leeren Momente ausfüllen, in welchen noch nichts Wichtigeres geschehen kann, und ohne sich noch ein Urtheil zu erlauben, ohne nur ein Raisonnement zu wagen, muss man fürs erste bloss sehen und auffassen. Erst wenn man auf zuverlässigeren Wegen schon Resultate gefunden hat, darf die Vergleichung mit dem physiognomischen Eindruck beginnen. Trift man eine Verschiedenheit an, so muss eine sorgfältige Prüfung diesen oder jene berichtigen. Kommen beide mit einander überein, so muss der letztere die ersteren in ihren feineren Modifikationen und in ihren Graden bestimmen. Die Gestalt und die Mine thut alsdann dasjenige, was bei dem begleiteten Gesang die Musik leistet. Wie diese dem Sinn der Worte zwar immer getreu bleibt, aber denselben bald verstärkt, bald mildert, oder den Uebergang der Gedanken, welcher im Ausdruck immer loser und abgebrochener wird, fester und stetiger macht, ebenso geschieht es auch hier. Der Blick des Auges, der Schnitt des Mundes, die Falten der Stirn z. B. mahlen in ihren feineren Nüancen und Graden die leidenschaftliche Heftigkeit des Charakters, welche sich ausserdem in einzelnen Handlungen und dem ganzen Betragen verräth.
Nicht selten sind gewisse Züge der Physiognomie so auffallend und
hervorstechend, dass man sich nicht erwehren kann, ihnen nicht eine
entsprechende moralische Bedeutung zuzuschreiben,
Gewisse Eigenschaften des Menschen werden unläugbar in hohem Grade durch die physische Natur bestimmt; andere sind mehr ein Eigenthum seiner Vernunft und Freiheit. Die erstern drücken sich natürlich auch deutlicher in der Gestalt und der körperlichen Beschaffenheit aus, als die letzteren. Daher kann es stark angedeutete Züge geben, deren moralische Bedeutung die Kultur und Moralität so gut als gänzlich verlöscht haben. Auch giebt es ganze Charaktere und einzelne Fälle, in welchen die physische Natur eine stärkere Gewalt ausübt, und in denen man daher auch ihrem Ausdruck mehr Gewicht beimessen muss. Zu diesen gehören die des Geschlechts, der Alter, zum Theil der Nationen, ja einzelner Individuen, welche der Herrschaft ihres Temperaments mehr unterworfen sind, ferner die sinnlichen Kräfte des Menschen, seine Neigungen und Triebe mehr als die intellectuellen und moralischen, endlich die Momente, in welchen die Heftigkeit der Leidenschaft die Ruhe des Gemüths und die vernünftige Ueberlegung verdrängt. Was in diesen Fällen vom Naturcharakter auch nur schwach durchscheint, wird der gute Beobachter sich immer merken; denn der wirkliche Charakter ist nicht und darf nicht der blosse und reine Willenscharakter, er ist und muss immer ein Zusammengesetztes von beiden seyn: die ursprüngliche Natur berichtigt und gebilligt durch die Vernunft und die Freiheit.
Der Begriff einer ächten Charakterschilderung ist nunmehr zur Genüge entwickelt.
Sie muss alle Eigenthümlichkeiten des Individuums, aber nichts weiter als diese enthalten, und das innere Wesen desselben vollständig und getreu darstellen, nach dem Verhältniss und der Bewegung seiner Kräfte, in der Thätigkeit seiner Verrichtungen, in Beziehung auf seine fortschreitende Entwicklung, nach der innern Beschaffenheit und dem äussern Ausdruck desselben in dem Körper und der Gestalt.
Ist diess aber, dürfte man nicht mit Unrecht fragen, die Art der Charakterschilderung, mit der man es wagen kann, grosse Perioden der Menschheit und ganze Jahrhunderte zu zeichnen, oder ist nicht vielmehr eine so ausführliche, feine, raisonnirende Methode nur für einzelne Subjecte oder gar nur für einzelne Lagen des wirklichen Lebens geeignet? Der Dichter, welcher individuelle Scenen darstellt, muss in die wechselnden Gemüthsbewegungen, Gefühle und Leidenschaften eingehn, er muss seinem Takt und seinem Genie die nothwendige Freiheit gewähren. Aber der Geschichtschreiber bedarf eines andern, mehr einfachen und zuverlässigeren Führers. In einem Jahrhundert verschwinden die Menschen, und nur ihre Werke bleiben zurück. Wer also diess zu zeichnen unternimmt, muss die Menschheit nicht sowohl denkend oder empfindend, sondern handelnd schildern; und wie ist es möglich, den grossen, sichern, einfachen, politischen Blick zu behalten, wenn der Geist durch eine Menschenbeobachtung, wie die oben geschilderte, zu sehr verfeint und verzärtelt worden ist?
Allerdings ist der Schilderung der Menschheit im Grossen nichts so nachtheilig, als eine solche Verzärtelung, und unläugbar ist diese kränkelnde Gemüthsstimmung auch unserm Zeitalter, mehr als den vorigen, sogar unsrer Nation, mehr als den auswärtigen, eigen. Sie ist es, welche den philosophischen Forscher so oft begieriger nach verborgenen Feinheiten, als nach offenbaren grossen und fruchtbaren Wahrheiten suchen, den Dichter verwickelte und seltne Gefühle den gewöhnlichen und natürlichen vorziehen lässt, und uns überhaupt im Leben mehr raisonnirend und empfindsam, als handelnd und thätig macht. Freilich besitzen wir auch, um eine grosse Periode kennen zu lernen, fast nur die Handlungen und Werke der Menschheit, aus welchen sich bei weitem nicht alles das herleiten lässt, was im Vorigen zu einem vollständigen Charaktergemählde verlangt wird.
Indess ist es dennoch nicht unmöglich einen vollkommnen, pragmatischen und politischen Blick, welcher die Menschen im Ganzen und als Massen betrachtet, und auf äussre Thätigkeit und fest gegründete Dauer sieht, mit einem gleich psychologischen zu verbinden, der überall individuelle Verschiedenheiten aufsucht, und nur auf die innere Kraft und die höchste und edelste Anstrengung seine Aufmerksamkeit richtet. Wenigstens ist diese Verbindung zur Erreichung des ursprünglichen Endzwecks: durch die Betrachtung der Menschheit im Ganzen den Einzelnen ihr Verhältniss zu demselben verständlich zu machen, schlechterdings unentbehrlich. Wenn grosse Foderungen nicht vollkommen erfüllt werden können, ist es darum nie gut, bei kleineren stehen zu bleiben. Wer ein ganzes Jahrhundert zu zeichnen unternimmt, müsste seinen Gegenstand schlechterdings nicht studirt haben, wenn er nicht deutlich fühlen sollte, dass er da, wo er schon der Menge der Objecte beinah unterliegt, nur grosse, einfache und gewisse Resultate aufstellen darf, dass er seinen Stoff aufhellen und vereinfachen, nicht aber durch ein unzeitiges Haschen nach feinen und verborgenen Zügen verwirren und vervielfachen muss. Ist nun, neben dieser Ueberzeugung, sein Geist mit den höchsten Foderungen der vollständigsten Charakterschilderung vertraut, hat er seine Menschenkenntniss nicht bloss aus dem Gebiet der Geschichte und dem weiten Kreis des öffentlichen Lebens, sondern auch aus den engeren Cirkeln des vertrauten Umgangs geschöpft, ist er nicht bloss politisch, sondern auch moralisch und psychologisch gebildet, so wird er auf keiner Seite zu weit gehen, und es wird seiner Schilderung weder an Klarheit und Treue, noch an Feinheit und Vollständigkeit mangeln.
Die Beweise, aus welchen wir ein ganzes Jahrhundert zu erkennen im Stande
sind, müssen freilich zum Theil mangelhaft und einseitig seyn. Wenn indess
von unserm eignen gegenwärtigen Jahrhundert die Rede ist, so giebt es auch
eine Menge vollgültiger und lebendiger Zeugen. Vermöge des verschiednen
Alters der Menschen, mit denen wir umgehn, der stufenweisen Entwicklung der
Nationen, und der dauernden Spuren, welche jede Generation ihren Werken
aufdrückt, übersehen wir einen bei weitem grösseren Zeitraum, als wir ohne
diese Hülfsmittel eigentlich mit unsrer unmittelbaren Erfahrung zu begleiten
im Stande wären. Wenn wir genau erwägen, wie wenig eigentlich dasjenige ist,
was wir unmittelbar erfahren, so erschrecken wir vor der Beschränktheit
Rückblick auf das durch die bisherigen Untersuchungen Geleistete. — Man ist dem
eigentlichen Charakter bloss näher gerückt, ohne ihn jedoch selbst wirklich
auszufinden. — Er ist verschieden von den Handlungen und von allen Aeusserungen
des Individuums, ist die gemeinschaftliche Ursache derselben, das ursprüngliche
Ich, die mit dem Leben zugleich gegebne Persönlichkeit, und insofern ist es
sogar unmöglich, ihn unmittelbar aufzufassen und auszusprechen. — Widerlegung
eines doppelten Einwurfs. — Die bisherige Behandlung hat der philosophischen
Beurtheilung nur einen sorgfältig ausgewählten und gesonderten Stoff in die
Hände geliefert. — Was jetzt noch übrig bleibt, ist 1., die Absonderung des
Zufälligen und Wesentlichen im Charakter. — 2., die Zusammenziehung seiner
mannigfaltigen Eigenthümlichkeiten in den möglichst kurzen und einfachen
Ausdruck. — Der gegenwärtige Abschnitt beschäftigt sich bloss mit dem ersten
Erforderniss. — Begriff des Zufälligen im Charakter in seinem weitesten
Umfange. — Abweichung desselben von dem gewöhnlichen Begriff. Doppelte Gefahr,
zufällige Mängel für wesentliche Züge, oder wesentliche Unvollkommenheiten für
zufällige Schwächen zu erklären. — Nothwendigkeit einer richtigen
Unterscheidung beider um den Begriff der Idealität mit dem der Individualität
zu verbinden, an zwei
Keine Art der Behandlung philosophischer Gegenstände ist der Erforschung der Wahrheit nachtheiliger, als wenn man das wahre und ursprüngliche Wesen der Dinge übersieht und dasjenige, was in seiner wahren Gestalt schlechterdings nicht erkannt werden kann, mit Begriffen ausgemessen und erschöpft zu haben wähnt, und kein Vorwurf kann für einen Schriftsteller niederschlagender seyn, als der, die beschränkten Gränzen seines Kopfs auch seinem Stoff auszubürden. Unbestimmtheit im Raisonnement, Unzulänglichkeit in Beweisen, Lücken in Schlussketten können mit der Zeit berichtigt oder ausgefüllt werden; wer sich ihrer schuldig macht, beweist sich als einen unsystematischen, vielleicht sogar als einen verwirrten Kopf, aber es fehlt ihm darum noch nicht an Sinn und an Geist, die Wahrheit zu sehen und zu entdecken, wenn auch an Fähigkeit, sie darzustellen und zu beweisen; er wird das Gebiet seiner Wissenschaft nie aufräumen, aber er ist nicht unfähig, es zu erweitern. Wer hingegen wirkliches und unverkennbares Daseyn hinwegläugnet, der entrückt der Betrachtung ihren eigentlichen Gegenstand, verschliesst den Weg ihn zu finden und giebt uns leere Worte, indem er uns den inhaltvollen Stoff raubt.
Der widrigste und für den Verfasser beschämendste Eindruck, welchen der
soeben beendigte Abschnitt in dem Gemüthe des Lesers zurücklassen könnte,
wäre daher der, wenn jemand sich einbildete, nunmehr im Besitz der Mittel zu
seyn, den eigentlichen Charakter des Menschen vollständig und in seiner
wahren Gestalt zu erkennen, und das menschliche Gemüth, gleich einer
Maschine, erklären und berechnen zu können. In einen so thörichten
Misverstand wird indess auch niemand verfallen, welcher die Kenntniss
menschlicher Charaktere zu seiner eignen Beschäftigung zu machen gewohnt
ist; von einem solchen haben wir vielmehr ganz im Gegentheil den Vorwurf zu
erwarten, dass wir, trotz aller unsrer Bemühungen, doch um die wahren und
eigentlichen Triebfedern des Charakters nur im Kreise herumgegangen sind,
sie selbst aber
Und in der That verhält es sich nicht anders. Der Mensch ist mehr und noch etwas anders, als alle seine Reden und Handlungen, und selbst als alle seine Empfindungen und Gedanken; und wie genau man auch ein Individuum kennen mag, so versteht man immer nur einzelne seiner Aeusserungen und leistet sich niemals ein Genüge, wenn man nunmehr alles zusammennehmen, dasjenige, was es eigentlich ist, und diess auf einmal aussprechen will. Bis auf einen gewissen Punkt lassen sich alle Plane und Raisonnements eines Menschen ohne grosse Schwierigkeit entwickeln und auseinanderlegen; kommt man aber dahin, wo der Gedanke oder der Entschluss zuerst entstand, so befindet man sich auf einmal wie an den Gränzen einer unbekannten Welt, aus der nur einzelne und abgerissene Erscheinungen plötzlich hervorspringen, indess sie selbst in undurchdringlichem Dunkel verhüllt liegt. Und doch sind es gerade diese ersten Triebfedern, diese innern Kräfte, die das eigentliche Wesen des Individuums ausmachen und ursprünglich alles in Bewegung setzen, in welchen das, was den Menschen am meisten adelt, Seelengrösse, Tugend und Heroismus, seinen Sitz hat, und aus welchen allein jede grosse That und jeder genievolle Gedanke hervorgeht.
Sowohl in den Denkmälern der Geschichte, als in dem Kreise seines eignen
Privatlebens wird jeder leicht sich an Personen erinnern, die, ohne sonst je
eine mehr als gewöhnliche Kraft oder Energie zu verrathen, in kritischen und
gefahrvollen Lagen auf einmal eine ausdauernde Beharrlichkeit oder eine
muthvolle Entschlossenheit zeigten, die sie über sich selbst und ihre
sonstige Mittelmässigkeit plötzlich emporzuheben schien. Wem schwebt nicht
aus den furchtbaren Scenen der
Eben diese Kraft ist es, welche auch in der Erziehung so oft unsre Erwartungen täuscht oder unsre Bemühungen fruchtlos macht. Das ursprüngliche Naturell, der angebohrne Charakter des Zöglings widersteht jedem Versuche, ihn auszurotten oder wesentlich umzustimmen, und es ist eine sehr gewöhnliche Erscheinung, dass Geschwister, die eine durchaus gleiche Erziehung genossen, dennoch in den Jahren ihrer Reife noch dieselbe Verschiedenheit der Charaktere zeigen, die sie schon in ihrer frühesten Kindheit verriethen. Keine lebendige Kraft verhält sich gegen fremdes Einwirken bloss leidend; wie sehr man sie auch von aussen stärken, leiten und unterstützen mag, so ist dennoch alles, was in ihr geschieht, nur das Werk ihrer eignen und innern Energie, und wenn wir uns über den Widerstand beklagen, welchen die menschliche Natur auch einer weisen Bildung entgegensetzt, so dürfen wir nicht vergessen, dass ohne eine solche Kraft des Zurückstossens auch nicht ein solches Vermögen der Aneignung möglich war. Diese innere Selbstständigkeit, die wir durch die ganze organische Natur hindurch antreffen, besitzt der Mensch in einem noch vorzüglicheren Verstande. Die Sphäre der in ihm möglichen Wirkungen ist in ihm grösser, aber die Gesetze, deren Gewissheit allein den Erfolg verbürgen kann, sind weniger fest und bestimmt. Die Freiheit lässt sich nicht, gleich der Natur, berechnen, und ausser der allgemeinen Beschaffenheit des Menschen überhaupt muss noch die besondre Eigenthümlichkeit des Individuums in Anschlag kommen. Denn auch das Individuum trägt einen ursprünglichen Charakter an sich, und wollten wir auch selbst mit der Sorgfalt unsrer Erziehung bis zu dem Augenblick der Geburt zurückgehn, so würden wir auch da schon vorhandnen Eigenthümlichkeiten begegnen.
Es ist daher ein schlechterdings vergebliches Bemühen, das Wesen eines Menschen vollständig aus den Umständen, die auf ihn eingewirkt haben, herleiten und durchaus begreifen und darstellen zu wollen. Wie tief man eindringen, wie nah man zur Wahrheit gelangen möchte, so bleibt immer doch Eine unbekannte Grösse zurück: die primitive Kraft, das ursprüngliche Ich, die mit dem Leben zugleich gegebne Persönlichkeit. Auf ihr beruht die Freiheit des Menschen, und sie ist daher sein eigentlicher Charakter.
Ehe wir aber diese Betrachtung weiter fortsetzen, müssen wir bei dem soeben
aufgestellten Resultate einen Augenblick verweilen, um ein Paar Einwürfen zu
begegnen, die hier sehr leicht
Ob ein Mensch im genauesten und strengsten Verstande von Natur von dem
andern verschieden ist, oder ob die anfangs durchaus gleiche Beschaffenheit
aller nur durch die individuelle Lage eines jeden verändert und
individualisirt wird, ist eine Frage, die gänzlich ausser dem Gebiete unsrer
Erfahrung und unsrer Einsicht liegt. Wir sehen den Menschen nicht eher, als
bis er einen, zwar nicht der Länge der Dauer, aber der Grösse der
Fortschritte nach, beträchtlichen Theil seiner Laufbahn zurückgelegt hat,
und da alles, worüber wir zu urtheilen vermögen, immer nur Resultate der
gemeinschaftlichen Wirksamkeit äusserer Umstände und der innern Kräfte sind,
so können wir diese beiden für uns immer zugleich thötigen Stoffe niemals
genau von einander unterscheiden. Alles, was wir mit Sicherheit zu behaupten
im Stande sind, ist nur soviel, dass irgend eine Kraft, sey es nun eine
gleiche oder ungleiche (obschon diess letztere, wenn man sich einmal ein
Urtheil, zu dem man nicht befugt ist, erlauben will, eine grössere
Wahrscheinlichkeit hat), zuerst und unabhängig von allen sie umgebenden
Umständen vorhanden ist, weil ja sonst nichts da wäre, worauf von aussen
eingewirkt werden könnte. Uebrigens aber ist es
Den moralischen Menschen, gleich dem physischen, zum Gegenstande einer
wissenschaftlichen Beobachtung zu machen und ihn dadurch gleichsam in die
Reihe blosser Naturwesen zu ver-
Freilich aber ist diess nur insofern richtig, als die Vernunft sich selbst getreu bleibt und nur dem moralisch Nothwendigen unbedingt, übrigens aber bloss dem physisch Erreichbaren nachstrebt. Dem thörichten Unternehmen, mit Vertilgung des eignen Charakters einen durchaus fremden anzunehmen, würde sich die Natur allerdings und mit entschiedenem Erfolg widersetzen, da sie hingegen das Bemühen, den eignen zu reinigen und zu erhöhen, allemal unterstützt.
So findet man auch hier die beiden Hauptregeln aller geistigen Ausbildung bestätigt, die eine für die Bildung seiner selbst, sich bei seiner eignen moralischen Bearbeitung schlechterdings keine schonende Rücksicht auf scheinbare Hindernisse des Körpers, des Temperaments oder der Gewohnheit u. s. f. zu erlauben, und die andre für die Bildung andrer, die Eigenthümlichkeiten ihrer Individualität aufzusuchen und denselben mit strenger Anhänglichkeit getreu zu bleiben. Die Beherzigung dieser beiden Regeln ist um so nothwendiger, als die feige Schwäche, zufälligen Schwierigkeiten der Umstände und der physischen Natur nachzugeben, und das einseitige Verlangen, alle Naturen Einer Richtschnur zu unterwerfen, nur zu allgemein verbreitet sind.
Die im vorigen Abschnitt aufgezählten Hülfsmittel zur Kenntniss
individueller Charaktere führen uns demnach noch nicht gänzlich zum Ziel.
Sie sammeln die Aeusserungen des Charakters, sondern die unwichtigen von den
wichtigen ab, ordnen die letzteren unter gewisse Gesichtspunkte und geben
dadurch zwar der Phantasie ein vollständiges und bestimmtes Bild, das zum
praktischen Lebensgebrauch hinreicht, bereiten auch wohl die strengere
philosophische Beurtheilung vor; aber immer lassen sie etwas als unbekannt
und unausgesprochen zurück, und man kann es sich
Der Charakter (darauf haben wir schon im Vorigen (IV. 4.) aufmerksam gemacht) kann als eine Kraft betrachtet werden, die mit einer gewissen Beschaffenheit (Materie) in einer gewissen Art (Form) wirkt. Beide aber, seine Materie und seine Form, bestimmen sich gegenseitig durch einander, und er gleicht hierin (wenn wir ein kühnes Bild wagen dürfen) den rollenden Weltkörpern, welche durch die anziehenden Kräfte ihrer Stoffe die Richtungen ihrer Bahnen und durch ihre Bahnen wiederum ihre Gestalt und Dichtigkeit erhalten. Die Materie haben wir durch das Verhältniss, die Form durch die Bewegung der Kräfte auszudrücken gesucht. Aber obschon diese Methode der Wahrheit allerdings näher zu führen scheint, als die bisherigen, so bedarf es dennoch nicht erst einer Erinnerung, wie unvollkommen dasjenige, was Eine und eine ungetheilte Kraft ist, durch unsre, bloss vermöge der Abstraction gemachte Zerlegung in viele, wie untreu eine rein geistige Energie durch Analogien körperlicher Bewegung, und wie dürftig überhaupt ein lebendiges und unaufhörlich thätiges Wesen durch abgezogene Begriffe und todte Worte geschildert wird. Diese Fehler im Einzelnen möchten indess noch erträglich seyn; das Schlimmste und Schwierigste ist die Verbindung der Materie und Form, die Kunst beide, die nur wir willkührlich trennen, als Eins und ebendasselbe zu denken. Diess kann nur durch eine Handlung der selbstthätigen Einbildungskraft geschehen, die auf der einen Seite sich keine Willkühr erlauben soll und auf der andern keine äussere Erfahrung (da diese nur immer die Wirkungen, nie das Wesen der Kräfte zeigt) zu ihrer Leitung nehmen kann, von inneren aber nur die Erfahrung der eignen Persönlichkeit vor sich hat, die ihr, indem sie sich eine fremde vorstellen will, nur von sehr mittelbarem Gebrauche seyn kann. Indess leuchtet doch hieraus deutlich hervor, in wie hohem Grade eine eigene vielseitige Bildung die intuitive Kenntniss fremder Eigenthümlichkeiten befördert.
Alles was wir bisher gethan haben, ist daher nur ein Annähern zur Wahrheit, kein eigentliches Ergründen derselben.
Diess Ergründen ist aber auch schlechterdings unmöglich. Wir sehen den
Charakter nur allein in seinen Aeusserungen, und da er nicht bloss in keiner
einzelnen derselben, sondern nicht ein-
Und zu diesem Behufe nun scheint die im vorigen Abschnitt aufgestellte Methode in hohem Grade empfehlungswürdig, die jedoch bloss den untergeordneten Zweck hat, alles, aber nur das, was ein Subject charakteristisch von dem andern unterscheidet, vollständig zu sammeln, mehr ein Gemählde des Charakters zu entwerfen, als den Begriff desselben festzusetzen, und der philosophischen Beurtheilung nur zuerst einen zweckmässig ausgewählten und eigen zurechtgelegten Stoff in die Hände zu liefern. Für diese ist indess jetzt noch eine andre Arbeit nothwendig. Die philosophische Beurtheilung will nämlich das Verhältniss eines einzelnen Individuums zum Ideale bestimmen. überschlagen, wie mehrere Individuen zweckmässig zusammenwirken können, um ihre allgemeine und eigenthümliche Ausbildung zu befördern und Vorzüge, die ein Einzelner nicht in sich zu vereinigen vermöchte, gesellschaftlich darzustellen. Um nun diese schwierige Vergleichung zu erleichtern, muss sie die Form jedes Charakters theils in vollkommener Reinheit, theils in dem möglichst einfachen Ausdruck zu erhalten bemüht seyn. Die unbehülfliche Masse der einzelnen charakteristischen Züge liesse sich weder unter einander, noch nach Einem Maassstab mit dem Ideale vergleichen.
Ihr erstes nunmehr noch übriges Geschäft ist daher die Absonderung der zufälligen Beschaffenheiten von den wesentlichen Eigenschaften des Charakters.
Das zweite der Versuch, die Mannigfaltigkeit der wahrgenommenen
Eigenthümlichkeiten in einen möglichst kurzen und einfachen Ausdruck
zusammenzuziehen. Diess aber geschieht vielleicht am natürlichsten dadurch,
dass man auf die letzten und einfachen Bestrebungen zurückgeht, in welchen
alle Menschen durchaus mit einander übereinkommen, und die Art untersucht,
wie diese sich in verschiedenen Individuen verschieden modificiren. Auf
diese Weise gelingt es vielleicht am besten, die Formen der
Jeder aufmerksame Beobachter menschlicher Charaktere muss es an sich und an andern sehr häufig wahrnehmen, wie Wenigen, und wie auch diesen Wenigen nur in seltnen und glücklichen Augenblicken es gelingt, ihr innres Wesen vollkommen rein zu empfinden, oder noch mehr vollkommen rein ausser sich darzustellen. In den meisten Perioden unsers Lebens fühlen wir uns entweder durch einengende Hindernisse niedergedrückt oder durch zufällige und fremdartige Ursachen von unsrer eigenthümlichen Bahn abgeführt und vermissen das hohe und schöne Gefühl, welches die Thätigkeit unsrer Kräfte in ihrer vollen und natürlichen Energie immer begleitet.
Aeussere Ursachen kommen hier mit innern zusammen und überladen den
Charakter mit sehlerhaften und nicht einmal immer bloss vorübergehenden
Zufälligkeiten. Die Beschaffenheit unsers Körpers, die Lage, in der wir uns
befinden, der Lauf unsrer gewöhnlichen Geschäfte, der aufmunternde Beifall
oder der zurückschreckende Tadel andrer geben dem Geist einseitige und
fremdartige Richtungen, oder halten ihn wenigstens in seinen natürlichen
Fortschritten auf. Bei weitem mächtiger aber wirken noch in dieser Hinsicht
die inneren Ursachen, die Herrschaft gewisser Neigungen, das schädliche
Uebergewicht einzelner Anlagen, die Macht des Eindrucks, durch welchen eine
einzelne Handlung, ja ein einzelner Gedanke manchmal grosse und plötzliche
Umänderungen in uns hervorbringt, die Trägheit, welche der Gewohnheit
nachgiebt, und vor allem der gefährliche Hang, eine einmal glücklich geübte
Eigenthümlichkeit nun auch bis zum gänzlichen Misverhältniss zu übertreiben
oder aus Ueberdruss und Liebe zum Wechsel plötzlich gegen eine
entgegengesetzte vertauschen zu wollen. Denn das Bestreben, mit dem wir an
uns selbst zu arbeiten bemüht sind, vermehrt, was das schlimmste ist, noch
Diese Zufälligkeiten nun soll die philosophische Menschenkenntniss von dem eigentlichen Wesen des Charakters abscheiden; sie soll denselben in seiner ächten und eigenthümlichen Gestalt aufsuchen, ehe sie sich ein Urtheil über seinen Werth erlaubt oder ihm eine Stelle in der Reihe menschlicher Charaktere überhaupt anweist. Diese Absonderung aber ist von einer Menge von Schwierigkeiten begleitet; denn wenn die Ursachen so verschieden sind, welche dem Charakter zufällige Züge beimischen, wenn diese oft so dauernd und herrschend angetroffen werden, wo soll man alsdann die hinlänglichen Kennzeichen auffinden, dieselben von den wesentlichen mit Sicherheit zu unterscheiden? Auch muss die Natur des Gegenstandes und die Verschiedenheit des Zwecks der Absonderung auf den Begriff des Zufälligen selbst nothwendig einen nicht geringen Einfluss ausüben, da z. B. dasjenige, was in Rücksicht auf das ganze Leben eines Menschen mit Recht zufällig heisst, bei der Beurtheilung einer einzelnen Periode desselben vielleicht nicht mehr so genannt werden darf.
Um aber, ehe wir in diese einzelnen Verschiedenheiten eingehen, den Begriff
des Zufälligen im Charakter in seinem weitesten Umfang aufzusuchen, müssen
wir unsern Blick auf die höchsten Aeusserungen seiner Kräfte richten. Was
mit voller Energie, mit der ganzen Anstrengung des Gemüths geschieht, kann
nicht anders, als aus seiner eigenthümlichen Natur entspringen. Nun aber
wird sich jeder bessere Mensch einzelner Momente bewusst seyn, in welchen er
sein Wesen in einer ungewöhnlichen vollendeten
Wenn hier die Begriffe des Wesentlichen und Zufälligen in Charakteren so gestellt sind, dass dieses eigentlich überall, jenes nur äusserst selten erscheint, so darf uns diess auf keine Weise irre machen. Denn wenn man erforschen will, was die Menschheit eigentlich zu leisten vermag, so darf man sich nicht an lange Strecken und ganze Perioden, nur an einzelne Kraftäusserungen und einzelne Momente heften. Alle übrigen sind hinlänglich gerechtfertigt, wenn sie nur langsam dazu beitrugen, jene ans Licht zu rufen, und überall in der todten und lebendigen Natur sehen wir wenige und einzelne, aber grosse und wohlthätige Früchte durch die Vereinigung vieler, lange ununterbrochen fortwirkender Kräfte reifen.
Unläugbar weicht indess der soeben aufgestellte Begriff des Zufälligen im
Charakter von demjenigen ab, welcher im täglichen Leben üblich ist, und den
man, dem ersten Anblick nach, auch hier natürlich erwarten müsste. Dort
nämlich wird das Zufällige als gleichbedeutend mit dem Fremdartigen und
Vorüber gehenden angesehn, da es hier nicht allein dauernd, sondern sogar,
zwar nicht dem ganzen Wesen des Individuums, aber doch einer einzelnen
Beschaffenheit desselben eigenthümlich seyn kann. Der Unterschied beider
Vorstellungsarten beruht darauf, dass man bei der einen von der
Gerade aber dasjenige, was hier zufällig genannt wird, dient sehr häufig am besten das Individuum, dem es angehört, zu charakterisiren. Denn nicht leicht wird es einen wichtigen Charakterzug geben, welcher nicht, wenn man ihn entweder übertreibt oder ihm eine einseitige Herrschaft erlaubt, in einen Fehler oder wenigstens in eine Schwäche ausarten sollte, und von jedem irgend interessanten Subject lassen sich daher zwei durchaus verschiedene Gemählde entwerfen, eins, worin dasselbe in der besten und verhältnissmässigsten Stimmung seiner Kräfte auftritt, und ein anderes, worin es nach allen den einseitigen Zügen und Misverhältnissen geschildert ist, die immer sogleich hervorkommen, als nicht eine gewisse höhere Begeisterung das Ganze beseelt. Ihrer grossen Verschiedenheit ungeachtet werden doch beide aus einander gegenseitig erklärbar seyn, und dem aufmerksamen Beobachter werden auch bei der glücklichsten Stimmung die Punkte nicht entgehen, von wo aus, wenn jenes schöne Gleichgewicht verschwindet, sich der Charakter in einseitige Extreme verliert. Das letztere Bild zeichnet bloss fehlerhafte und im eigentlichsten Sinne zufällige Züge, da das erstere, nicht weniger treue, hinlänglich beweist, dass der Charakter von denselben frei bleiben kann, aber doch immer Züge solcher Art, die es nicht möglich ist, zu vernachlässigen, da sie in so vielen Zuständen des Subjects wirksam sind, haben, und selbst die grössere oder geringere Seltenheit ihres Erscheinens in dem eigentlichen Wesen gegründet seyn muss.
Wie alle Extreme überhaupt, so fallen auch diese Züge am sichtbarsten ins
Auge, und sie sind es daher, welche die gemeine Menschenbeobachtung immer
zuerst auffasst, und bei denen sie sogar überhaupt stehen bleibt. Die
philosophische begeht dagegen leicht den entgegengesetzten Fehler, der nicht
minder gross und vielleicht, da er zu einer noch schlimmeren Unkunde der
Wirklichkeit verleitet, noch gefährlicher ist. Die Kunst, einen Charakter in
seiner Vollendung durchaus zu begreifen und in seiner Individualität
bestimmt allen andern entgegenzusetzen, ist in mehr als Einer Hinsicht
schwer und erfodert zugleich lange Beobachtung und reifes Nachdenken,
Scharfsinn im Trennen und Geist im Verbinden der Züge. Bei weitem leichter
ist es dagegen, mehrere Eigenthümlichkeiten an einzelnen hervorstechenden
Extremen, die schon eine flüchtige Aufmerksamkeit entdecken kann, zu unter
scheiden, und es ist daher kein Wunder, dass diese letztere Methode
Nie ist der Charakter daher vollständig gezeichnet, wenn nicht in der Schilderung seiner höchsten Natur zugleich die Anlässe seiner Verirrungen, und nicht umgekehrt in diesen letzteren zugleich die Möglichkeit jener ersteren erscheint, wenn er nicht, im Fall er ein einzelnes Subject darstellt, ebensogut seinen besten, als seinen ungünstigsten Moment erklärt, und im Fall er das Bild einer Gattung entwirft, nicht ebensowohl auf das unbedeutendste, als auf das vorzüglichste Individuum derselben passt.
Je schwerer es ist, den Begriff der Idealität mit dem der Individualität zu verbinden, desto nothwendiger wird die Trennung des Zufälligen im Charakter (nach der soeben bestimmten Bedeutung dieses Worts) von dem Wesen desselben. Denn der vorzüglichste Grund, warum man so häufig gegen die individuellen Charaktere der Nationen, ja selbst gegen den moralischen Unterschied der Geschlechter Klagen erhebt, warum man gern alle Völker in Eine Form giessen und die Weiber zu Männern umschaffen möchte, ist gerade der, dass man die fehlerhaften Charakterzüge, welche die Individualität nur veranlasst, für nothwendig und wesentlich mit ihr verbunden ansieht. Jede Eigenthümlichkeit neigt sich, da sie immer eine gewisse Einseitigkeit mit sich führt, zu einem Extreme hin, aber da diess Extrem ohne Verlust an ächter Originalität vermieden werden kann, so darf es in Rücksicht auf den Begriff der Charaktergattung nie anders als zufällig heissen.
Man pflegt es dem weiblichen Geschlechte zum Vorwurf zu machen, dass es die
Welt um sich her zu sehr aus sich und seinem Standpunkte heraus ansieht, und
statt sie rein und einfach auszufassen, sich in dieselbe überträgt. Auch
muss man in der That gestehen, dass diess nicht selten der Fall ist. Denn so
viel treuer auch die Frauen die Natur mit ihren Blicken zu begleiten
Nur ein überwiegendes Streben, an die äussere Beobachtung auch unmittelbar und zugleich die innere Individualität zu knüpfen, die Wahrheit mehr durch Sinn, Takt und Empfindung in sich aufzunehmen, als durch den Verstand und das Abstractionsvermögen zu erspähen, und die Neigung mit der Pflicht überall in friedlicher Harmonie auszugleichen, ist demnach eine wesentliche Eigenschaft des weiblichen Charakters. Dagegen ist es eine blosse Zufälligkeit einzelner Individuen, wenn das Object sich in dem Subjecte verliert, die Wahrheit der Einbildung weicht und die Ueberzeugung von der Neigung beherrscht wird.
Wenn schon die Ungerechtigkeit gegen vollendete Charaktere nachtheilig ist, so ist es noch bei weitem gefährlicher, solche zu verkennen, die sich erst auf dem Wege ihrer Entwicklung befinden. Darum ist die Absondrung der reinen Eigenthümlichkeit für den Erzieher so nothwendig, aber auch zugleich so schwierig. Denn die Jugend zeigt ebenso wie das höhere Alter, da in beiden der innern Charakterkraft die nothwendige Reife und Stärke mangelt, eine beträchtliche Anzahl theils bloss vorübergehender, theils tiefer gegründeter Zufälligkeiten. In einer Zeitperiode ganzer Nationen kommen beide Fehler zusammen, da eine solche, weil die Einwirkungen der Vorzeit noch fortdauern, indem schon die Eigenthümlichkeiten der folgenden aufkeimen, immer die beiden äussersten Stufen des individuellen Lebens in sich vereinigt.
Ein interessantes Beispiel einer solchen falschen Beurtheilung der Zeit
giebt in unsern Tagen die häufige Klage, die man in so mannigfaltigen
Gestalten über Abspannung und Schlaffheit des Charakters führen hört. In der
politischen Welt, sagt man, fehlt
Allerdings leiden auch von der andern Seite alle hier angeführte Beweise wichtige Ausnahmen, aber es bleibt unläugbar, dass alle Eigenthümlichkeiten unserer Zeit uns mehr zum Raisonniren als zum Empfinden und Handeln führen, und nichts auf der Welt wirkt so feindselig gegen Heroismus und Enthusiasmus als ein übermässiger Hang zum Raisonnement. Auch sind viele der Einrichtungen, die sonst einen mächtigen Einfluss auf die Phantasie und das Gefühl ausübten, durch die Länge der Zeit und die veränderte Richtung des menschlichen Geistes zu todten Formen geworden, die, statt energisch und belebend zu wirken, nun bloss als einschränkende Hindernisse dastehn. Dagegen hat der neuer entstandene Hang zu einer philosophirenden Beurtheilung aller Dinge das Ansehn der Meynung geschmälert, häufigere Zweifel erregt, und zugleich den Abscheu vor Gegenständen der Misbilligung mit der Anhänglichkeit an Gegenstände der Billigung vermindert, den heftigen Hass und die leidenschaftliche Liebe seltner gemacht. Sie hat derjenigen Stimmung das Uebergewicht verschaft, die alles in ein Object ihrer zergliedernden Betrachtung verwandelt, und es ist unvermeidlich, dass diese Stimmung, indem sie den intellectuellen Menschen befriedigt, nicht den moralischen gleichgültig machen sollte.
Alter und Jugend der Zeit kommen daher zusammen, die Triebfedern unsers
Charakters zugleich abzuspannen. Wenn man indess die Ursachen dieser
Abspannung genauer erwägt, so ist dasjenige, was wir verlieren, nur
gleichsam die Stärke und Heftigkeit des Instincts, da wir der Stärke der
Vernunft vielmehr jetzt erst entgegenreifen. Zwar ist es schwer von einem
ganzen Zeitalter das zu behaupten, was selbst dem Einzelnen nur selten
gelingt. Allein gewiss ist es doch, dass nicht bloss einzelne Vorurtheile,
sondern die ganze Richtung des Geistes, welche der Herrschaft von
Vorurtheilen leicht Raum giebt, in hohem Grade vermindert worden ist, und
dass die Schlaffheit und Abspannung, die unmittelbar auf einen solchen
Zustand freilich erfolgen muss, nicht anders als vorübergehend und
augenblicklich gedacht werden kann. Die einzelnen sowohl, als die vereinten
Kräfte unsers Zeitalters sind mit zu entschiedenem Glücke den besten und
höchsten Zwecken zugerichtet; die Fortschritte der Vernunft sind zu sicher
gegründet und die Wissenschaften aller Art haben ihr Gebiet zu sehr
erweitert, als dass bei diesen Zeichen einer blühenden und kraftvollen
Gesundheit des Geistes auch nur der Verdacht einer
Jene Schlaffheit und Kraftlosigkeit, von welcher freilich bedeutende Anzeichen nicht abgeläugnet werden können, ist daher nur zufällig in der Lage des Augenblicks, nicht wesentlich in der Beschaffenheit des ganzen Zeitalters gegründet, sie wird nicht, wie sie sonst unfehlbar müsste, wachsen, sondern vielmehr wieder verschwinden, und alles, was man allenfalls zugeben kann, ist, dass auch die künftige Zeit, vergleichungsweise mit der vorigen, weniger auffallende und grosse Kraftäusserungen Einzelner, weniger heldenmüthige Thaten und Bewunderung erregende Aufopferungen aufweisen, oder vielmehr (denn auch diess ist schon zu viel zugestanden) dass man den einseitig auflodernden Enthusiasmus und die Heftigkeit des Gemüths seltner, als ehemals antreffen wird, die immer durch eine wachsende Kultur in gewissem Grade zurückgedrängt werden. Dagegen werden gewiss Geist und Charakter durch ganz andre Beweise die ächte und rüstige Stärke zeigen, von welchen jene einzelnen leuchtenden Erscheinungen sehr oft nur unsichre Zeugen sind.
Wenn eine Eigenschaft so tief, als es in den beiden vorigen Beispielen der
Fall war, in dem Charakter gegründet ist, so dient sie, wenn sie auch nach
genauer Untersuchung dennoch zufällig genannt werden muss, mehr als irgend
eine andre dazu, die wesentliche Natur desselben aufzudecken. Um daher diese
nicht zu verfehlen, ist es nothwendig, Zügen solcher Art eine vorzügliche
Aufmerksamkeit zu widmen, und folglich die verschiedenen Grade der
Zufälligkeit sorgfältig von einander abzusondern. Da alles, was aus der
ächten Eigenthümlichkeit des Individuums herfliesst, demselben durchaus
wesentlich ist, so muss alles Zufällige entweder nicht aus der wahren oder
nicht aus der ganzen
Was von aussen eingewirkt wird und also gewissermaassen dem Charakter immer fremdartig bleibt, ist entweder bloss vorübergehend oder bleibend. Von der ersten Art sind die Zufälligkeiten, welche einzelne Individuen von einzelnen Perioden ihres Lebens, Personen ihres Umgangs, Büchern ihrer Lectüre u. s. f., ganze Nationen von einzelnen Thaten oder Begebenheiten, temporärem Verkehr mit einer benachbarten oder dergl., Zeiten endlich von dem Einflusse einzelner Menschen oder Ereignisse annehmen. Die Zufälligkeiten der letztem Art macht schon ihr länger dauerndes Fortwirken auf den innern Charakter bedeutender. Zu ihnen gehören die Eigenthümlichkeiten, welche Staatsmänner, Schriftsteller, Menschen überhaupt durch ihren Stand, ihre Nation, ihre Zeit gegen ihre ursprünglichen Anlagen empfangen. So drückt z. B. Shakespearen unläugbar die Unkultur und die Geschmacklosigkeit seines Zeitalters, aber ebenso kann auch ein Charakter durch diese Zugabe manchmal, statt zu verlieren, vielmehr gewinnen. So ist es z. B. zweifelhaft, ob nicht der abentheuerliche Leichtsinn und die jugendliche Unbesonnenheit Franz I. schlechthin tadelnswerth, selbst seine gerade und zuversichtliche Offenheit wenigstens unbedeutend scheinen würde, wenn er nicht von dem Ritterwesen seiner Zeit einen mehr romantischen, glänzenderen Schimmer erborgte.
Am tiefsten endlich gehen in den Charakter diejenigen Zufälligkeiten ein,
welche ihm zwar im genauesten Verstande eigenthümlich, aber einseitige
Extreme seiner sonst höhern und edleren Natur sind. Ohne gerade durch
bestimmte äussere Anlässe hervorgebracht zu werden, können dieselben durch
allgemeine Schwäche und Unthätigkeit entstehen, indem, wenn alsdann das
Gleichgewicht verloren geht, die überwiegende Anlage eine verhältnisswidrige
Herrschaft erlangt. Dieser ist es möglich auf einem doppelten Weg zu
begegnen, entweder von aussen dadurch, dass man dem Geiste eine
Beschäftigung giebt, durch die er schlechterdings, alle seine Kräfte zu
sammeln, genöthigt wird, oder von innen, indem man die Fähigkeiten desselben
absichtlich zu ihrem wahren Verhältniss stimmt. Die letztere Methode setzt
eine genaue, ächt philosophische, d. h. aus Gründen hergeleitete und auf die
mögliche künftige Entwicklung berechnete Kenntniss seiner selbst voraus; die
erstere mehr indirekte hingegen ist, vorzüglich
Von jeder der hier genannten drei Gattungen der Zufälligkeiten im Charakter hat unser Zeitalter mehr als Ein Beispiel aufzuweisen. Die erstere muss ihrer Natur nach äusserst häufig wiederkehren, und es ist kaum nöthig einzelne Beispiele aus ihr herauszuheben. Auch wirkt sie meistentheils nur auf kleinere Theile des Ganzen, nicht aber auf dieses selbst. Indess gehört hierher, um nur bei Einer Thatsache stehen zu bleiben, das Glück, welches vorgebliche, geheimnissvolle Kenntnisse nicht allgemein verbreiteter Wissenschaften, eingebildete Wunderkraft, Geisterbeschwörungen u. s. f. selbst noch in unsern Tagen gemacht haben. Die Fortschritte der Wissenschaften sind zu gross, das Streben nach Wahrheit zu ernstlich, als dass diese Erscheinung nicht hätte nur vorübergehend seyn sollen, aber auf der andern Seite hängt sie doch äusserst genau mit der Eigenthümlichkeit unsers Jahrhunderts zusammen, in welchem der entschiedne Hang, alles mit eignen Augen zu sehen und selbst durch Versuche zu prüfen, sich auf jede Behauptung einlässt, und nichts für unmöglich hält, weil es aus allgemeinen Gründen unbegreiflich scheint, und die allen Zeitaltern gemeinschaftliche Freude am Ungewöhnlichen und Wunderbaren, verbunden mit der Leichtgläubigkeit Einzelner, dennoch dem Betrug oder der Seichtigkeit um so eher Gehör giebt, als schwerlich je oberflächliche Vielwisserei und darauf gegründete Zuversicht des eignen Urtheils so allgemein, als jetzt, verbreitet war.
Zu der zweiten Gattung zufälliger Züge in dem Charakter unsers Jahrhunderts
muss man die Herrschaft rechnen, welche
Als jene Herrschaft entstand, war der grösste Theil von
Für die letzte und bedeutendste Klasse der Zufälligkeiten im Charakter kann dasjenige zu einem Beispiel dienen, was im Vorigen von der Schlaffheit und Abspannung unsrer Zeit gesagt ist. Die abgesonderte Ausbildung des raisonnirenden Verstandes und das unläugbare Bestreben, die trocknen Aussprüche der blossen kalten Vernunft an die Stelle der tiefer in das Innre des Menschen greifenden Herrschaft der Meynung und der Gewohnheit, des Gefühls und des Enthusiasmus zu setzen und den Willen, mit der ungebundensten Freiheit von dem Einflusse aller sinnlichen Triebfedern, nur auf den Gehorsam gegen Grundsätze zu beschränken, hat ein gewisses Maximum erreicht, durch welches unser Jahrhundert in seinen Vorzügen selbst zugleich auch seine Einseitigkeit beweist.
Wie genau man auch den Begriff des Zufälligen im Charakter bestimmen möge,
so hört er nie auf ein relativer zu seyn, und zwar wird er immer weiter und
umfassender, je grösser die Entfernung ist, in welche sich der Beurtheiler,
seinem jedesmaligen Endzweck gemäss, von dem Gegenstande seiner
unmittelbaren Betrachtung stellt. Wer geradezu nur eine einzelne Handlung
oder ein einzelnes Product würdigt, kann nichts davon zufällig nennen, was
nicht schlechterdings ausserhalb des Einflusses seines Urhebers lag; wer
hingegen über den ganzen Charakter eines Menschen, einer Nation, einer Zeit
einen Ausspruch wagt, muss sehr oft vieles übergehen, das er nur mit Unrecht
in den Kreis seiner Beurtheilung ziehen würde, da auch der einzelne Mensch
sich nicht immer gleich bleibt, von äussern Anlässen irre geführt wird oder
sich innerlich gehn lässt. Der Hauptunterschied beruht hier darauf, ob die
Prüfung mehr in historischer oder
Die philosophische Menschenkenntniss hält, wie oben weitläuftiger ausgeführt worden ist, eine gewisse mittlere Richtung zwischen jenen beiden Extremen. Sie begnügt sich nicht bloss an dem, was in der Gegenwart wirklich vorhanden ist, aber sie will diess doch ganz und vollkommen wahr sehn. Sie zählt alle Erscheinungen sorgfältig auf, ohne irgend andre, als die offenbar unbedeutenden, zu übergehen, aber sie sondert sie auch nach ihrer Beziehung auf die innerste Eigenthümlichkeit des Subjects in verschiedene Klassen ab. Ihr Zweck ist es, dem vorhandenen Charakter zu der Vollendung, die er erreichen kann, den Weg zu zeigen; es ist ihr daher gleich wichtig, Keime und Anlagen, deren Entwicklung durch zufällige Umstände unterdrückt ist, nicht zu vernachlässigen, als bei einer zu liberalen Beurtheilung nicht wesentliche Mängel nur für zufällig und vorübergehend zu erklären. Indem sie aber auf diese Weise am meisten bei der wesentlichen Eigenthümlichkeit ihres Gegenstandes verweilt, geniesst sie zugleich die wohlthätige Freude, gerade den schönsten und edelsten Theil ihres Stoffes auch am längsten im Gesicht zu behalten.
Die Kunst, das Zufällige von dem Wesentlichen des Charakters zu
unterscheiden, so schwer sie auch manchmal in der Ausübung seyn mag, braucht
und verstattet dennoch keine andern Regeln, als diejenigen, welche überhaupt
zu einer richtigen Menschenkenntniss führen. Es kommt nur darauf an, die
wahre und die ganze Individualität des Subjects zu kennen, und es wird nicht
mehr schwer seyn, zu entscheiden, was aus ihrem Innern herfliesst oder nur
von aussen an sie angeknüpft ist, was aus
Wenn die Zergliederung eines Charakters durchaus gelungen ist, so muss der Zusammenhang dessen, was wesentlich und zufällig genannt wurde, klar seyn und die Art, wie das letztere aus dem erstem entstehen, und wie dieses sich doch von dem Einflusse jenes befreien kann, deutlich vor Augen liegen. Man muss bestimmt einsehen, dass das Zufällige dem reinen und vollendeten Begriff der Individualität fremd ist; aber man muss auch in diesem die Keime nicht verkennen, aus welchen es bei geringerer innerer Energie oder bei weniger sorgfältig bewachtem Gleichgewichte hervorsprosst.
Die meisten Zufälligkeiten entstehen da, wo ein individueller Charakter
zugleich durch mehrere Gattungscharaktere specificirt wird. In jedem
Menschen kommen eine Menge allgemeiner Ursachen zusammen, welche seiner
individuellen Charakterform besondre Bestimmungen mittheilen oder dieselbe
vielmehr zusammengenommen selbst bilden: Geschlecht, Alter, Temperament,
Nation, Stand, Beschäftigung u. s. f. Jede dieser Ursachen bestimmt das
Individuum und wird wiederum selbst durch dasselbe bestimmt, so dass es oft
gleich schwer ist, aus mehrern Individuen den Gattungscharakter, als unter
dem Einfluss verschiedener Gattungscharaktere das Individuum herauszufinden.
Von der gegenseitigen Einwirkung beider nun hängt es ab, welche von ihnen
die Oberhand gewinnt, und so muss z. B. manchmal die nationelle Form in
einem Subjecte für bloss zufällig, manchmal hingegen für
Je weitumfassender ein Charakter ist, je mehr Seiten er hat, die eine fernere Entwicklung verstatten, je grösser die Zahl der Gegenstände ist, die auf ihn einwirken, desto mehr läuft er Gefahr, sich von seiner natürlichen und eigenthümlichen Bahn auf zufällige Nebenwege zu verlieren. Daher bleiben Frauen, wenn man auf die ganze Charakterform, nicht auf einzelne Launen und Stimmungen achtet, sich mehr gleich, als Männer, ein rohes Zeitalter mehr als ein kultivirteres, dasjenige, in welchem Natur und Gefühl noch ursprünglicher herrschen, mehr als dasjenige, das mehr für die Erkenntniss und durch den Verstand gebildet ist. Diesen letzten Charakter trägt nun gerade unser Jahrhundert in vorzüglichem Grade an sich. Weniger als irgend ein vorhergegangenes zeigt es einen einzelnen und engen Naturweg, vielmehr zeichnet es sich gerade dadurch aus, dass es sich vielfache Bahnen gebrochen und die Fähigkeit bewahrt hat, jede zu verfolgen. Bei der Beurtheilung einer solchen Periode war es daher doppelt nothwendig, der gegenwärtigen Materie eine verweilende Aufmerksamkeit zu schenken.