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Nichts vollendet so sehr den absoluten Werth eines Gedichts, als wenn es, neben seinen übrigen eigenthümlichen Vorzügen, zugleich den sichtbaren Ausdruck seiner Gattung und das lebendige Gepräge seines Urhebers an sich trägt. Denn wie gross auch die einzelnen Schönheiten seyn mögen, durch welche ein Kunstwerk zu glänzen im Stande ist, wie regellos die Bahnen, welche selbst das ächte Genie manchmal verfolgt; so bleibt es doch immer gewiss, dass dasselbe da, wo es in seiner vollen Kraft thätig ist, auch immer in einer reinen und entschiedenen Individualität auftritt und sich eben so wieder in einer reinen und bestimmten Form ausprägt. Wenn daher andere Producte der Kunst nur eine einseitige Bewunderung oder eine flüchtig aufbrausende Begeisterung hervorbringen; so sind es allein die, welche jenen Grad der Vollkommenheit besitzen, in welchen der Leser seine volle und dauernde Befriedigung findet, und aus denen er wieder die Stimmung zu schöpfen vermag, die ihnen selbst das Daseyn gab. Vorzüglich aber sind sie ein dankbarer Gegenstand für die ästhetische Beurtheilung. Denn sie erheben zugleich mit sich auch ihren Beurtheiler empor und führen von selbst eine Art der Kritik herbei, die in dem einzelnen Beispiel zugleich die Gattung, in dem Werke zugleich den Künstler schildert.
Eine solche Beurtheilung schien mir Das Epos war im Oktober 1797 in Viewegs Verlag erschienen.
Die kritische Zergliederung dieses Werks zu übernehmen, hiess in einem noch eigentlicheren Verstande, als es die ästhetische Beurtheilung immer thun muss, in das Wesen der dichterischen Einbildungskraft einzudringen; und so trieb mich die Begierde, dieser geheimnissvollsten unter allen menschlichen Kräften mit Begriffen näher zu kommen, nicht weniger, als die Liebe zu diesem Gedicht, den Versuch zu wagen, aus dem diese Schrift entstand.
Diesem Gesichtspunkte, von dem ich ausging, habe ich mich bemüht, in der Ausführung getreu zu bleiben. Ich habe die Betrachtung des Gedichts so wenig als möglich von der Betrachtung des Dichters getrennt und dasselbe, so viel ich immer konnte, nur als den lebendig dargestellten Gedanken einer individuellen dichterischen Einbildungskraft beurtheilt. Denn die Natur eben dieser Einbildungskraft zu studiren, war mein hauptsächlichster Endzweck.
Diess bitte ich den Leser nicht aus den Augen zu verlieren, wenn er vielleicht finden sollte, dass ich mich bisweilen zu sehr von meinem Gegenstande entferne, zu hoch zu allgemeinen Grundsätzen erhebe oder zu weit auf andre Dichtungsarten und Dichternaturen verbreite. Beides war auf dem Wege, den ich einmal nahm, unvermeidlich. Denn um zu zeigen, dass diess Gedicht die allgemeine Natur der Poesie und der Kunst reiner, als nicht leicht ein andres, sich zum besondern Charakter aneignet, musste ich nothwendig, das Wesen der Kunst in ihren ersten Gründen aufsuchend, bis auf die höchsten Principien der Elementar-Aesthetik zurückgehn; und um demselben, so wie dem Dichter selbst, die ihnen gebührende Stelle unter den übrigen Kunstwerken und Künstlern anzuweisen, eben so nothwendig die verschiedenen Nebenarten aufführen, welche dieselbe Gattung mit ihnen befasst.
Ich wählte aber diese Methode, immer zugleich bei meinem Gegenstande etwas Allgemeineres, die Poesie und die Dichternatur überhaupt, im Auge zu haben, nicht ohne Absicht. Jede philosophische Beurtheilung kann auf einen zwiefachen Endzweck hinarbeiten, mehr auf die objective Beschaffenheit des Werks, das sie zu würdigen versucht, oder mehr auf den Geist Rücksicht nehmen, der nothwendig war, es hervorzubringen. In dem ersteren Fall befördert sie die Gesetzmässigkeit unsrer Thätigkeit; in dem letzteren bildet sie die ihr günstige Stimmung unsres Gemüths. In dem Gemüthe des Menschen aber sind die Anlagen zu jeder Art der Kraftäusserung mit einander verwandt, und jede einzelne entwickelt sich freier und vollkommner, wenn sie durch die verhältnissmässige Ausbildung der übrigen unterstützt wird. Von welchem Gegenstande man daher immer reden mag, so kann man ihn auf den Menschen und zwar auf das Ganze seiner intellectuellen und moralischen Organisation beziehen. Bei jeder eigenthümlichen Philosophie, jedem weitumfassenden System der Naturforschung, jeder grossen politischen Einrichtung kann man untersuchen, was dadurch der philosophische, naturhistorische, politische Geist allein und in ihrer Verbindung gewonnen haben. Man kann an diese Untersuchung die noch allgemeinere anknüpfen, um wie viel dadurch der menschliche Geist überhaupt dem letzten Ziele seines Strebens näher gerückt ist, dem Ziele nemlich: die ganze Masse des Stoffs, welchen ihm die Welt um ihn her und sein inneres Selbst darbietet, mit allen Werkzeugen seiner Empfänglichkeit in sich aufzunehmen und mit allen Kräften seiner Selbstthätigkeit umzugestalten und sich anzueignen und dadurch sein Ich mit der Natur in die allgemeinste, regste und übereinstimmendste Wechselwirkung zu bringen. Man muss sogar immer beides, sobald man einen hohen praktischen Endzweck verfolgt, und man darf es wenigstens nie ganz vernachlässigen, wenn man von der Kunst spricht, die aus dem Innersten des menschlichen Gemüths selbst entspringt, und von einem Kunstwerke, das mit dem Gepräge einer grossen Eigenthümlichkeit gestempelt ist.
Erwählt man nun diesen höheren Standpunkt, so bezieht man seinen einzelnen
Gegenstand auf einen allgemeinen, ausser demselben liegenden Mittelpunkt und
arbeitet an einem mehr oder minder beträchtlichen Theil eines weiten und erhabenen
Gebäudes. Dieser Mittelpunkt ist nemlich: die Bildung des Menschen; diess Gebäude:
Es giebt keine freie und kraftvolle Aeusserung unsrer Fähigkeiten ohne eine
sorgfältige Bewahrung unsrer ursprünglichen Naturanlagen; keine Energie ohne
Individualität. Deswegen ist es so nothwendig, dass eine Charakteristik, wie die
eben geschilderte, dem menschlichen Geiste die Möglichkeit vorzeichne,
mannigfaltige Bahnen zu verfolgen, ohne sich darum von dem einfachen Ziel
allgemeiner Vollkommenheit zu entfernen, sondern demselben vielmehr von
verschiedenen Seiten entgegenzueilen. Nur auf eine philosophisch empirische
Menschenkenntniss lässt sich die Hofnung gründen, mit der Zeit auch eine
philosophische Theorie der Menschenbildung zu erhalten. Und doch ist diese
letztere nicht bloss als allgemeine Grundlage zu ihren einzelnen Anwendungen, der
Erziehung und Gesetzgebung, (die selbst erst von ihr durchgängigen Zusammenhang in
ihren Principien erwarten dürfen), sondern auch als ein sicherer Leitfaden bei der
freien Selbstbildung jedes Einzelnen ein allgemeines und besonders in unserer Zeit
dringendes Bedürfniss. Je grösser die Anzahl der Richtungen ist, welche ihm offen
liegen, je reichhaltiger der Stoff, welchen unsre Cultur ihm darbietet, desto mehr
fühlt sich auch der bessere Kopf verlegen, unter dieser Mannigfaltigkeit eine
verständige Wahl zu treffen und auch nur Mehreres davon mit einander zu verbinden.
Ohne diese Verbindung aber geht die Cultur selbst verloren. Denn wenn die Cultur
des Menschen die Kunst ist, sein Gemüth durch Nahrung fruchtbar zu machen, so muss
er dazu seine Organe so harmonisch stimmen und eine solche
Eine solche
Der Rückblick auf diesen entfernteren Zweck aber hat mich genöthigt, einen Gang zu wählen, der, wie ich fürchte, vielen zu lang und zu beschwerlich scheinen wird. Mein Raisonnement ist nemlich für die Individualität meines Gegenstandes vielleicht zu allgemein, für seine Anschaulichkeit zu philosophisch geworden. Wenn ich mir auch schmeicheln könnte, den Aesthetiker einigermassen befriedigt zu haben, so darf ich nicht auch hoffen, dem Dichter unmittelbar bei seinem Geschäft nützlich zu werden. Die philosophische Höhe, zu der ich mich von meinem Standpunkte aus nothwendig erheben musste, ist dem ausübenden Künstler weder bequem noch fruchtbar; er braucht mehr specielle und empirische Regeln. Wenn diese dem Philosophen zu eng und individuell sind, so er scheint ihm dagegen dasjenige, was für diesen gehörigen Gehalt und Tauglichkeit zum allgemeinen Gesetz hat, immer hohl und leer. So stehen beide in einem nothwendigen und unvermeidlichen Widerstreit mit einander.
Aber die Philosophie der Kunst ist auch nicht hauptsächlich für den Künstler und
wenigstens nie für den Augenblick der Hervorbringung bestimmt. Es ist ein Vorzug
und ein Unglück der Philosophie überhaupt, immer nur den Menschen, nie die
Ausübung zum unmittelbaren Endzweck zu haben. Der Künstler
Zwar wird ihm auch diese immer nur einzelne Bruchstücke zu liefern im Stande seyn,
abgerissene Regeln, denen es nicht bloss an Vollständigkeit, sondern auch an
Allgemeingültigkeit fehlt. Dessenungeachtet wäre es nicht minder wichtig,
dieselben zu sammeln und zu ordnen, und jeder, welchem sein Talent die Bahn der
Kunst mit entschiedenem Erfolge zu wandeln erlaubt, sollte sorgfältig aufzeichnen,
was er auf derselben an sich selbst bewährt gefunden hat. Es würde dadurch nicht
bloss der Kunst, sondern auch der Philosophie ein wesentlicher Dienst geleistet.
Denn der Aesthetiker benutzt diese poetischen Geständnisse eben so, als der
Psycholog die moralischen, und freut sich, die Künstlernatur, die er sonst nur mit
Mühe aus ihren Werken ahndet, nun durch unmittelbare Anschauung zu erkennen. Diess
ist es, was
Der Abstand, welcher sich zwischen dem allgemeinen Gesetz und dem individuellen Kunstwerk befindet, hindert oft, dass das letztere sogleich vollkommen als der einzelne Fall erscheine, in welchem das erstere dargestellt ist. Sehr leicht könnte sich daher der Leser in der Folge dieser Versuche zu der Beschuldigung veranlasst finden, dass ich den Charakter des beurtheilten Gedichts nicht treu genug vor Augen gehabt und meine Behauptungen nicht durch vollkommen passende Beispiele gerechtfertigt hätte. Ehe er indess ein solches Verdammungsurtheil ausspricht, muss ich ihn bitten, sich mit dem Geiste des Ganzen recht vertraut zu machen und diesen auch bei einzelnen Stellen nie aus dem Gesicht zu verlieren. Denn auch mir hat immer der Totaleindruck vorgeschwebt, und ich kenne in ästhetischen Beurtheilungen keine andre Absonderungs-Methode, als diejenige, welche die einzelne Eigenschaft, auch zu einem augenblicklichen Gebrauche getrennt, noch immer durch das Ganze, mit dem sie verbunden ist, modificirt betrachtet.
Bei der Bestimmung der Dichtungsart, zu welcher
Die Entwicklung philosophischer Theorieen an einzelnen zum Grunde gelegten
Beispielen führt gewöhnlich mehr als Einen Nachtheil mit sich. Entweder leidet
dadurch die Allgemeinheit der Theorie, oder es wird auch in den einzelnen Fall,
von dem man ausgeht, mehr hineingelegt, als sich sonst natürlich darin gefunden
hätte. So wie ich in dieser Einleitung den Zweck auseinandergesetzt habe, auf den
ich hinarbeitete, glaube ich keinen dieser beiden Vorwürfe mehr befürchten zu
dürfen. Bei der
Sollte übrigens der geschmackvolle Kunstrichter die Resultate dieser Untersuchungen mit minderer Ausführlichkeit und mit einer gedrängteren Kürze dargestellt wünschen; so fühle ich vielleicht lebhafter, als irgend einer meiner Leser, die Billigkeit dieser Forderung, in so fern sie den Styl und den Vortrag ausschliessend betrift. Für einen grossen Theil des Publicums hingegen glaub' ich meinen philosophischen Raisonnements sowohl mehr Klarheit, als mehr überzeugende Kraft dadurch ertheilt zu haben, dass ich sie unmittelbar an die Zergliederung eines vollendeten Kunstwerks angeschlossen; und ich habe der Versuchung nicht widerstehen können, manche sonst nicht unwichtige Rücksichten dem höheren Interesse aufzuopfern, welches ein so allgemein beliebtes Meisterstück jedem nicht ganz mislungenen Versuch, seine Schönheiten zu entwickeln, unstreitig zu ertheilen vermag.
Die schlichte Einfachheit des geschilderten Gegenstandes und die Grösse und Tiefe
der dadurch hervorgebrachten Wirkung, diese beiden Stücke sind es, welche in
Der Dichter erzählt die Verbindung eines Sohns aus einer wohlhabenden
Bürgerfamilie mit einer Ausgewanderten; er thut nichts, als die einzelnen Momente
dieser Handlung, die einzelnen Theile dieses Stoffs auseinanderlegen, die Reihe
der Umstände entwickeln, wie sie natürlich und nothwendig aus einander
entspringen; er ist nie mit etwas andrem, als mit seinem Gegenstande beschäftigt;
alle Hindernisse, durch die er den Knoten der Handlung schürzt, alle Mittel, durch
die er ihn wieder löst, sind allein aus diesem und aus den Charakteren der
handelnden Per-
Was seinem Herzen das Wichtigste ist, sein Nachdenken und seine Beobachtung am anhaltendsten beschäftigt, sieht er mit wenigen, aber meisterhaften Zügen in überraschender Wahrheit geschildert — den Wechsel der Alter und Zeiten, die fortschreitende Umänderung in Sitten und Denkungsart, die Hauptstufen menschlicher Cultur und vor allem das Verhältniss häuslicher Bürgertugend und stillen Familienglücks zu dem Schicksal von Nationen und dem Strome ausserordentlicher Ereignisse. Indem er nur den Begebenheiten einer einzelnen Familie zuzuhören glaubt, fühlt er seinen Geist in ernste und allgemeine Betrachtungen versenkt, sein Herz zu wehmuthsvoller Rührung hingerissen, sein ganzes Gemüth hingegen zuletzt wieder durch einfache, aber gediegene Weisheit beruhigt. Denn die wichtige Frage, die sich in unsrer Zeit überall jedem aufdrängen muss: wie soll bei dem allgemeinen Wechsel, in welchem Meynungen, Sitten, Verfassungen und Nationen fortgerissen werden, der Einzelne sich verhalten? findet er nicht allein in den mannigfaltigsten Gestalten aufgeworfen, sondern auch so beantwortet, dass die Antwort ihm mit der Belehrung zugleich Kraft zum Handeln und Muth zum Ausharren in die Seele haucht.
Aus der Mitte aller Verhältnisse seiner Zeit und seines Vaterlandes sieht er sich in eine Welt versetzt, in die er sonst nur, von der Erinnerung an die einfachsten und frühesten Menschenalter erfüllt, an der Hand der Alten einzugehen pflegt. Denn indem ihn der Dichter bei der ganzen Individualität seines Wesens ergreift, führt er ihn zu den reinen und ursprünglichen Naturformen zurück; und indem er in der Wirklichkeit alles vertilgt, was sie zur blossen Wirklichkeit und untauglich zum Gebrauch für die Phantasie macht, benutzt er noch bis auf den kleinsten Zug ihre Individualität.
So rein dichterisch hat er seinen Stoff erfunden und ausgeführt.
Nichts ist ein so zuverlässiger Beweis des ächt dichterischen Charakters, als die Verbindung des Einfachsten und des Höchsten, des durchaus Individuellen und vollkommen Idealischen (dieser beiden Hauptbestandtheile aller künstlerischen Wirkung) in derselben Schilderung und derselben Gestalt.
Denn durch einzelne Bilder der Phantasie den Geist auf einen hohen und weitumschauenden Standpunkt zu führen, ist die schöne Bestimmung des Dichters, vermittelst durchgängiger Begränzung seines Stoffs eine unbegränzte und unendliche Wirkung hervorzubringen, durch ein Individuum einer Idee Genüge zu leisten und von Einem Punkt aus eine ganze Welt von Erscheinungen zu eröfnen.
Zwar kann es leicht scheinen, als sey das Geschäft, das ihm dadurch aufgelegt wird, nur die übertriebene Forderung eines undichterischen Zeitalters, das, indem es überall nach philosophischen Begriffen hascht, auch überall nur Ideen sucht und das blosse und leichte Spiel der Sinne und der Einbildungskraft verschmäht. Man darf aber nur seine nächste und eigentlichste Bestimmung genau untersuchen, und man wird unläugbar finden, dass, indem er dieser vollkommen zu genügen strebt, er sich zugleich auf dem Wege befindet, jenes zu erreichen, sich zu Idealen zu erheben und eine gewisse Totalität zu erlangen.
Diess liegt uns jetzt zu zeigen ob. Denn wenn das Gedicht, das wir zu beurtheilen
im Begriff sind, wirklich einen so rein dichterischen Eindruck zurücklässt, als
wir soeben beschrieben haben, so wird uns nichts so sicher, als die Erörterung des
Wesens der Dichtkunst selbst bei
Haben wir diesen vollendet, so bleibt uns dann nur noch übrig,
Denn nur, indem wir diese doppelte Beurtheilung mit einander verbinden, können wir gewiss seyn, weder der Originalität des Dichters noch den gerechten Ansprüchen der Theorie der Kunst zu nahe zu treten.
Das Feld, das der Dichter als sein Eigenthum bearbeitet, ist das Gebiet der
Einbildungskraft; nur dadurch, dass er diese beschäftigt, und nur in so fern, als
er diess stark und ausschliessend thut, verdient er Dichter zu heissen. Die Natur,
die sonst nur einen Gegenstand für die sinnliche Anschauung abgiebt, muss er in
einen Stoff für die Phantasie umschaffen.
Um hierin glücklich zu seyn, hat der Künstler nur Einen Weg einzuschlagen. Er muss in unsrer Seele jede Erinnerung an die Wirklichkeit vertilgen und nur die Phantasie allein rege und lebendig erhalten. An seinem Objecte darf er dem Gehalt und selbst der Form nach nur wenig ändern; wenn man die Natur in seinem Bilde wiedererkennen soll, so muss er sie streng und treu nachahmen; es bleibt ihm also nichts übrig, als sich an das Subject zu wenden, auf das er wirken will. Liesse er auch den Gegenstand selbst, bis auf seine kleinsten Flecken, gerade so, wie er in der Natur ist, so hätte er denselben nichts desto weniger zu etwas durchaus Verschiedenem gemacht; denn er hätte ihn in eine andre Sphäre versetzt. In der Wirklichkeit schliesst immer eine Bestimmung jede andere aus; was sie also dem Gegenstande durch ihre Beschaffenheit giebt, das nimmt sie ihm wieder durch ihr ausschliessendes Daseyn; vor der Phantasie hingegen fällt diese Beschränkung, die nur aus der Natur der Wirklichkeit herfliesst, von selbst hinweg, da die Seele, von der Phantasie begeistert, sich über die Wirklichkeit erhebt.
Diese allgemeinste und einfachste Wirkung aller Kunst beweisen am besten
diejenigen Gemählde, die sich begnügen, leblose Naturgegenstände darzustellen.
Eine Pflanze, eine Frucht ist gerade so gemahlt, wie sie in der Natur vor uns
daliegt, es ist nichts ausgelassen, nichts hinzugesetzt; warum macht sie dennoch
einen anderen Eindruck, als der wirkliche Gegenstand? warum ist ein solches Stück
in Rücksicht auf den allgemeinen Begriff der Kunst durchaus von demselben Werth in
seiner Gattung wie jede andere Vorstellung in der ihrigen? Bloss darum, weil es
gerade
Bis so weit ist die Kunst mehr beschrieben, als definirt; ihr Wesen mehr empirisch erläutert, als philosophisch entwickelt worden. Eine wahre Definition muss sich, wenn sie nicht willkührlich scheinen soll, auf eine Ableitung aus Begriffen gründen. Eine solche kann für die Kunst nur aus der allgemeinen Natur des Gemüths Statt finden.
Wir unterscheiden drei allgemeine Zustände unserer Seele, in denen allen ihre sämmtlichen Kräfte gleich thätig, aber in jedem Einer besondern, als der herrschenden, untergeordnet sind. Wir sind entweder mit dem Sammeln, Ordnen und Anwenden blosser Erfahrungskenntnisse oder mit der Aufsuchung von Begriffen, die von aller Erfahrung unabhängig sind, beschäftigt; oder wir leben mitten in der beschränkten und endlichen Wirklichkeit, aber so, als wäre sie für uns unbeschränkt und unendlich.
Der letztere Zustand kann, das begreift man leicht, nur der Einbildungskraft angehören, der einzigen unter unsern Fähigkeiten, welche widersprechende Eigenschaften zu verbinden im Stande ist. Was in demselben vorgeht, muss eine zwiefache Eigenschaft in sich vereinigen. Es muss 1., ein reines Erzeugniss der Einbildungskraft seyn; und 2., immer eine gewisse, äussere oder innere Realität besitzen. Ohne das erstere wäre die Einbildungskraft nicht herrschend; ohne das andere wären die übrigen Kräfte unsrer Seele nicht zugleich thätig. Da aber die Realität, von der hier die Rede ist, sich nicht auf ein Daseyn in der Wirklichkeit beziehen darf, so kann dieselbe nur auf Gesetzmässigkeit beruhen.
Aus diesem Zustande nun entspringt das Bedürfniss der Kunst.
Daher ist die Kunst
Die Einbildungskraft durch die Einbildungskraft zu entzünden, ist das Geheimniss
des Künstlers. Denn um die unsrige zu nöthigen,
Das Reich der Phantasie ist dem Reiche der Wirklichkeit durchaus entgegengesetzt;
und eben so entgegengesetzt ist daher auch der Charakter dessen, was dem einen
oder dem andern dieser beiden Gebiete angehört. Mit dem Begriff des Wirklichen
unzertrennbar verbunden ist es, dass jede Erscheinung einzeln und für sich da
steht, dass keine als Grund oder Folge von der anderen abhängt. Denn nicht allein,
dass eine solche Abhängigkeit niemals wirklich angeschaut, immer nur durch
Schlüsse eingesehen werden kann, macht auch der Begriff des Wirklichen selbst das
Aufsuchen derselben überflüssig. Die Erscheinung ist da: diess ist genug, jeden
Zweifel zurückzuweisen; wozu braucht sie sich noch durch ihre Ursache oder ihre
Wirkung zu rechtfertigen? Sobald man hingegen in das Gebiet des Möglichen
übergeht, so besteht nichts mehr, als durch seine Abhängigkeit von etwas andrem;
und alles, was nicht anders, als unter der Bedingung eines durchgängigen inneren
Zusammenhanges gedacht werden kann, ist daher im strengsten und einfachsten Sinne
des Worts
Auf diese Weise idealisirt muss daher alles werden, was die Hand der Kunst in das reine Gebiet der Einbildungskraft hinüberführt.
Wohin der Mensch nur immer seine Blicke richten mag, da sucht er den Begriff eines gegenseitigen Zusammenhanges, einer innern Organisation geltend zu machen. Ueberall den Zufall zu verbannen, zu verhindern, dass in dem Gebiete des Beobachtens und Denkens er nicht zu herrschen scheine, im Gebiete des Handelns nicht herrsche, ist das Streben der Vernunft. Dadurch allein schon bewährt er, dass er sich mit Recht einer höheren Abkunft rühmt, als die übrigen Geschöpfe, dass er in ein besseres Land, als das der Wirklichkeit, dass er in das Land der Ideen gehört.
Dahin auch die ganze Natur, treu und vollständig beobachtet, mit sich
hinüberzutragen, d.h. den Stoff seiner Erfahrungen dem Umfange der Welt gleich zu
machen; diese ungeheure Masse
Da jedoch diese Betrachtung in ihrer Allgemeinheit unserm Gegenstande fremd ist, so bleiben wir hier nur bei dem Antheile stehen, den an dieser grossen Arbeit die Einbildungskraft und der Künstler insbesondere nimmt. Wir erinnern überhaupt nur daran, um zu zeigen, dass die Kunst nicht zu den mechanischen und untergeordneten Geschäften gehört, durch die wir uns zu unsrer eigentlichen Bestimmung bloss vorbereiten, sondern zu den höchsten und erhabensten, durch die wir sie selbst unmittelbar erfüllen.
Dadurch, dass der Dichter seinen Gegenstand, selbst wenn er ihn unmittelbar aus der Natur entlehnt, doch immer von neuem durch seine Einbildungskraft erzeugt, wird die Gestalt bestimmt, die er demselben über seine wirkliche Beschaffenheit oder auch ausser derselben giebt. Denn er tilgt nun jeden Zug in ihm aus, der nur in Zufälligkeiten seinen Grund hat, macht jeden von dem andern und das Ganze nur von sich selbst abhängig; und die Einheit, die dadurch in ihm herrschend wird, ist dennoch keine Einheit des Begriffs, sondern durchaus nur eine Einheit der Form. Denn nur unter der doppelten Bedingung völliger Selbstbestimmung und völliger Formalität ist die Einbildungskraft im Stande, ihn sich selbst zu bilden. Gelingt ihm diese Arbeit so stellt er zuletzt lauter reine Charakterformen auf, blosse Gestalten, welche die lautre, nicht durch einzelne wechselnde Umstände entstellte Natur an sich tragen; so ist jede mit dem Gepräge ihrer Eigenthümlichkeit gestempelt, und diese Eigenthümlichkeit liegt bloss in der Form, kann nie anders, als durch Anschauen gefasst, nie aber in einem Begriff ausgedrückt werden.
Nun erst wird die Natur durch die Kunst verschönt und veredelt, nun erst erhält der Begriff des Idealischen seine höhere Bedeutung dessen, was keine Wirklichkeit erreichen und kein Ausdruck erschöpfen kann.
Auch hier muss man sich indess sorgfältig in Acht nehmen, weder die Art, wie der Künstler hierbei verfährt, zu verkennen, noch etwa gar in den Irrthum zu verfallen, als dürfe er nur grosse, nur fehlerfreie Charaktere schildern. Welches auch die Eigenthümlichkeit sey, die sie an sich tragen, wenn sie nur ganz und allein in ihnen erscheint, wenn sie nur als ein reines Object der Einbildungskraft behandelt ist — diess ist die einzige Forderung, der ihm Genüge zu leisten obliegt. Um aber diese zu erfüllen, hat er nicht eben Züge wegzulassen oder hinzuzufügen; wenigstens wird nur selten gerade darauf das Wesentliche seiner Wirkung beruhen. Selbst bei der sklavischsten Anhänglichkeit an die Natur kann er diese noch in ihrem ganzen Umfang erreichen. Denn sie hängt nicht von einzelnen Zügen, einzelnen Umänderungen, nur von der Farbe, von dem Glanze ab, den er seinem Werke überhaupt leiht, nur davon, dass er ihm eine Einheit und eine Formalität giebt, die unmittelbar zu unsrer Phantasie spricht, ihn uns unmittelbar als ein reines Werk der Einbildungskraft und als vollkommen real, durchaus übereinstimmend mit den Gesetzen der Natur und unsers Gemüths, also idealisch zeigt. Wodurch er indess eigentlich diese Uebereinstimmung der Form unsrer Einbildungskraft mit der Form der Natur bewirkt, vermöchte er selbst nicht zu sagen; und so wie man es zu beschreiben versucht, geräth man immer in die Gefahr, es in eine bloss mechanische Arbeit zu verwandeln.
Der Ausdruck, dass der Dichter die Natur erhöht, muss daher immer mit Behutsamkeit gebraucht werden. Denn genau genommen ist er schlechterdings uneigentlich. Das Werk des Künstlers und das Werk der Natur stehen nicht mehr in demselben Gebiet und erlauben daher auch nicht mehr denselben Maassstab.
Der Gebrauch, den man vom Idealischen im Intellectuellen und Moralischen macht, verleitet sehr leicht, sich darunter immer etwas durch den Verstand Gedachtes oder durch das Herz Empfundenes vorzustellen. Aber dieser Begriff ist ebensowohl auf bloss sinnliche Gegenstände anwendbar, und man darf sich nur an das vorhin gegebene Beispiel, den einfachsten Fall der Kunst, die blosse Nachahmung der Natur erinnern, um sich hiervon zu überzeugen.
An einer schön gemahlten Frucht bemerkt man ein Schwellen der Contoure, eine
Zartheit des Fleisches, eine flaumartige Weich-
Selbst der unläugbare Widerspruch, der in diesen beiden Eigenschaften enthalten ist, beweist, dass alle Wirkung der Kunst nur durch die Stimmung des Empfindenden hervorgebracht wird. Denn sonst ist es offenbar klar, dass der Umriss, der bestimmt, zugleich begränzt, dass, indem er angiebt, wie weit eine Linie, eine Fläche gehen soll, er zugleich alles Fernere ausschliesst; aber die Phantasie begränzt nie, sie geht immer ins Unendliche fort, und sobald also das Genie des Künstlers sie begeistert, verbindet sie ihre Unendlichkeit mit den Formen, die er ihr vorlegt, ohne sich um einen Widerspruch zu bekümmern, der zwar den Verstand und die blosse sinnliche Anschauung, nicht aber sie angeht.
Eben daher kommt es auch, dass die Kunst uns immer in uns zurück versenkt, da die Wirklichkeit uns aus uns herausführt, unsre Begierde zum Genuss, unsre Thätigkeit zum Handeln weckt. Das Werk der Kunst ist zu edel für den Genuss und erregt zu sehr die innersten Kräfte des Menschen, um sie plötzlich in Bewegung zu setzen; es flösst die höchste und schönste Begeisterung zu grossen Thaten ein, aber erst indem es den Menschen sich selbst giebt, schenkt es ihn der Welt. Es spricht gar nicht zu demjenigen Theile seines Wesens, mit dem er der Wirklichkeit angehört.
Sobald man das Wesen der Kunst in den Gesetzen der Phantasie, durch die sie allein wirksam ist, aufsucht, gelangt man nothwendig auf den Begriff des Idealischen.
Denn so unbegreiflich auch das Verfahren des Künstlers ist, so gewiss darin immer Etwas — und gerade das Wesentliche — übrigbleibt, das der Dichter selbst nicht zu verstehen und der Kritiker nie auszusprechen vermag; so ist indess doch immer so viel gewiss, dass der Künstler zuerst von nichts anderm ausgeht, als nur etwas Wirkliches in ein Bild zu verwandeln; dass er aber bald erfährt, dass diess nicht anders, als durch eine Art lebendiger Mittheilung, nur dadurch möglich ist, dass er gleichsam einen elektrischen Funken aus seiner Phantasie in die Phantasie andrer überströmen lässt, und diess zwar nicht unmittelbar, sondern so, dass er ihn einem Object ausser sich einhaucht.
Diess ist der einzige Weg, der ihm offen liegt, und ohne es irgend zu wollen, bloss indem er seinen Dichterberuf erfüllt und die Ausführung seines Geschäfts der Phantasie überlässt, hebt er die Natur aus den Schranken der Wirklichkeit empor und führt sie in das Land der Ideen hinüber, schaft er seine Individuen in Ideale um.
Der Begriff des Idealischen, als etwas über die Wirklichkeit Erhabenen, erinnert
an das Gesetz der
Zwar hat man sich bemüht, dieser Unbestimmtheit auf eine doppelte Weise
abzuhelfen. Man hat dem Künstler empfohlen, nur die
Die andre Zweideutigkeit, welche der Ausdruck der Nachahmung veranlasst, hat man
dadurch vermeiden wollen, dass es keine
Die einzige Art, diesen Streit zu schlichten, bleibt daher der subjective Weg, den
wir gewählt haben und der dennoch nicht weniger zu einer vollkommen objectiven
Definition der Kunst führt. Denn da der Künstler die Natur (unter der wir den
Inbegriff alles dessen, was für uns Realität haben kann, verstehen) zu einem
Gegenstande der Phantasie macht; so ist die Kunst
Diese Darstellung kann nun nicht anders, als schön seyn; denn sie ist ein Werk der Einbildungskraft. Sie muss eine Umwandlung der Natur enthalten; denn sie versetzt dieselbe in eine andre Sphäre. Die Definition selbst aber fasst die Bestimmung in sich, welche Schönheit ihr angehören, welche Umwandlung die Natur erfahren soll; keine andre nemlich, als welche jene Versetzung in ein fremdartiges Medium von selbst mit sich bringt.
Wir haben nunmehr gezeigt, wie der Dichter zur
Die Welt, als der geschlossene Kreis alles Wirklichen, lässt sich auf eine zwiefache Weise betrachten: einmal von den Gegenständen aus, die sie umfasst; dann von den Organen aus, womit der Mensch dieselben in sich aufnimmt. Denn nur insofern er entsprechende Organe besitzt, kann eine Aussenwelt für ihn vorhanden seyn.
Der Dichter kann daher die Totalität, nach der er strebt, auch auf diese doppelte Weise erreichen, in dem er entweder den Kreis der Objecte oder den Kreis der Empfindungen durchläuft, die sie hervorbringen. Das erstere ist gewöhnlich der Weg des beschreibenden, das letztere der des lyrischen Dichters, obgleich beide auch diese Methode umtauschen können, da es nicht auf die unmittelbare, sondern nur auf die letzte Wirkung ankommt, die sie zurücklassen.
Auf keinem von beiden Wegen ist es ihm schwer, zu diesem Ziel zu gelangen. Alle verschiedenen Zustände des menschlichen Wesens und schon darum, weil diess der Standpunkt ist, aus dem wir die Natur betrachten, auch alle Kräfte der Natur sind so nahe mit einander verwandt, halten und tragen sich so gegenseitig unter einander, dass es kaum möglich ist, eine derselben lebendig darzustellen, ohne auch zugleich den ganzen Kreis mit in seinen Plan aufzunehmen. Für den beschreibenden Dichter insbesondere ist das Leben so reich an Verhältnissen, und es wird ihm so leicht, dieselben wiederum auf eine für den Menschen bedeutende Weise darzustellen, dass er nur einen selbst zufällig aufgenommenen Stoff näher zu entwickeln, nur die angelegten Figuren mehr zu individualisiren braucht, um immerfort auf Lagen zu stossen, die er dem Gemüth wichtig machen kann, und um bald nach und nach die ganze Masse von Gegenständen zu erschöpfen, welche sich seinem Blick von seinem Standpunkte aus darbieten.
In dieser Kunst, das ganze Leben der Phantasie vorzuführen oder den ganzen
Menschen in seinem Innersten zu erschüttern und also immer auf einmal alles zu
umfassen, was ihn zu rühren vermag, hat niemand die Alten übertroffen. Jede Hymne
des Pindar, jeder grössere Chor der Tragiker, jede Ode des
Daher die beruhigende Wirkung, die jedes rein gestimmte Gemüth bei der Lesung der
Alten erfährt; daher, dass sie auch den leidenschaftlichsten Zustand heftiger
Aufwallung oder erliegender Verzweiflung allemal zur Ruhe herab und zum Muthe
hinaufstimmen. Denn diese Kraft einhauchende Ruhe fehlt niemals, sobald nur der
Mensch sein Verhältniss zu der Welt und dem Schicksale
Aber es hängt nicht bloss von der oft zufälligen Wahl des Gegenstandes, nicht von der Individualität des Dichters ab, sich dieser Totalität zu versichern und auf einmal aller Empfindungen seines Zuhörers Meister zu werden. Er muss es immer und durchaus, sobald er nur im absoluten Verstande Dichter zu heissen verdient, d.i. sobald er es versieht, die Einbildungskraft herrschend und selbstthätig zu machen.
Denn weder die Zahl der Objecte, die er in seinen Plan aufnimmt, ist hierbei vorzüglich wichtig, noch auch die Nähe, in welcher dieselben zu dem höchsten Interesse der Menschheit liegen; beides, wie sehr es auch die Wirkung seiner Arbeit verstärken kann, ist für ihren künstlerischen Werth gleichgültig; alles, was er hierbei zu thun hat, ist nur seinen Leser in einen Mittelpunkt zu stellen, von welchem nach allen Seiten hin Stralen ins Unendliche ausgehen, und von dem er daher alle die grossen und einfachen Naturformen überschauen kann, die sogleich da stehen, als man die wirklichen Gegenstände ihrer zufälligen Eigenthümlichkeiten entkleidet.
Es kommt daher gar nicht darauf an, alles, was an sich unmöglich wäre, oder auch
nur vieles, was manche Gattungen der Kunst ausschliessen würde, wirklich zu
Es ist nemlich hier wieder derselbe Fall, den wir vorhin bei der Erreichung des
Idealischen fanden. Der Dichter versetze uns, wie er seinem ersten und einfachsten
Berufe nach zu thun verbunden ist, ausserhalb den Schranken der Wirklichkeit, und
wir befinden uns unmittelbar von selbst in der Region, in welcher jeder Punkt das
Centrum des Ganzen und mithin dieses schrankenlos und unendlich ist. Absolute
Totalität muss eben so sehr der unterscheidende Charakter alles Idealischen seyn,
als das gerade Gegentheil davon der unterscheidende Charakter der Wirklichkeit
ist. Sobald also der Dichter nur dahin gelangt, in uns jede auf die Kenntniss der
Wirklichkeit gerichtete Stimmung zu unterdrücken und alle sonst damit
beschäftigten Kräfte unsres Geistes allein der Einbildungskraft unterzuordnen, so
hat er seinen Zweck erreicht. Denn nun ist diese letztere allein herrschend; nun
knüpft sie auf einmal alles zusammen, worin sie eine für sich bestehende
Mehr aber als das
Auch ist die Erfüllung derselben im genauesten Verstande nur das Werk der ächten
Künstlernatur. Denn statt dass, wie man vielleicht zu glauben geneigt ist, nur der
ernste, grosse, gehaltreiche Dichter am besten diese Totalität erreicht, führt uns
gerade der ihr am nächsten, welchem der Genius der Kunst seine grösseste
Leichtigkeit verliehen hat, der die Einbildungskraft am zartesten und leisesten zu
bewegen versteht, dessen Tönen sie am üppigsten entgegenschwillt, der sie mit
einer unendlichen Sehnsucht nach immer neuen Verbindungen, immer neuen Flügen
erfüllt. Denn darin eben besteht diess
Es ist nicht mehr schwer, eine Welt zu bewegen, wenn man einen Punkt ausserhalb derselben gefunden hat, auf den man mit Sicherheit fussen kann.
Ist die Seele einmal künstlerisch gestimmt, hat ihr der Dichter einmal jene zarte Empfänglichkeit, jene leise Erregbarkeit mitgetheilt, so hängt es allein von seiner Willkühr ab, wie viele einzelne Objecte er ihr wirklich vorführen, wie viele einzelne Empfindungen er in ihr rege machen will. Diess bestimmt die Natur seiner Gattung, die Wahl seines Stoffs, endlich seine Individualität. Dass es ihm nicht schwer werden kann, aus jeglichem Stoff eine grosse Mannigfaltigkeit von Figuren zu entwickeln, ist schon im Vorigen gezeigt worden; aber es ist auch noch mehr. Die Art, wie er auch nur eine einzige dichterisch aufstellen muss, bereitet die Phantasie von selbst zu, nicht bloss mehrere, sondern gerade so viele andre an dieselbe anzuknüpfen, als mit dieser einen geschlossenen Kreis bilden.
Dadurch, dass die Einbildungskraft das Aehnliche mit dem Aehnlichen verknüpft und
selbst zwischen das Unähnliche noch verbindende Mittelglieder einschiebt, bringt
sie nur Mannigfaltigkeit, nicht Totalität hervor. Zu dieser letzteren muss sie und
ihr Object dichterisch gestimmt und zubereitet seyn, und diess ist der Fall, wenn
der Dichter
Zu beidem, zu dem Idealischen und zur Totalität erhebt er sich nur in dem Gebiete der Einbildungskraft, nur nachdem er das beschränkte und getrennte Daseyn der Wirklichkeit, wie durch einen Machtspruch, aufgehoben hat. Beides muss daher in genauer Verbindung mit einander stehen. Auch beruht das Idealische offenbar auf der Möglichkeit der Totalität; denn das Unterscheidende des Ideals besteht gerade darin, dass es sich alles, aber alles nur auf seine Weise aneignet. Und wiederum begränzt das Idealische die Totalität, da es die Menge der einzelnen Bestandtheile immer in Massen zusammenschliesst, die, aus Einem Punkt betrachtet, ein Ganzes für den Verstand oder die Anschauung bilden.
Wir nennen ein Ideal die Darstellung einer Idee in einem Individuum. Wir fordern
daher von demselben eine Eigenthümlichkeit ohne Einseitigkeit. Eine solche aber
erhalten wir nicht anders, als indem wir alles, was einem gewissen Charakter (der
jeder idealischen Figur immer zum Grunde liegen muss) wesentlich
Durch diese Aehnlichkeit, die nie zur Einerleiheit, und diese Verschiedenheit, die nie zur Unverträglichkeit ausartet, sondert sich nun die ganze Welt vor dem idealisirenden Blick in eine unendliche Zahl einzelner Massen ab. Die Individuen treten in Gruppen, kleinere unter diesen in grössere, alle in ein Ganzes zusammen. Nicht anders ergeht es dem Dichter. Auch er zeigt nichts als Massen. Sein ganzer Stoff verbindet eine solche Beweglichkeit mit solchem Streben nach Form, dass er, wo man nur einschneidet, überall in organische Massen auseinanderflieht, wo man verbindet, sich wieder zu solchen zusammenrollt.
An demselben Faden nun, an dem das Genie des Dichters diese mannigfaltigen Gruppen aus einander entwickelt, an demselben geht die Phantasie seines Lesers von der einen zur andern über; und sobald einmal eine einzige idealisch gezeichnete Figur da steht, nöthigt sie von selbst, andre und wieder andre und so viele hervorzurufen, bis sie einen Kreis vollendet hat, der für den jedesmaligen Grad der künstlerischen Stimmung hinlänglich gross und umfassend ist.
Alle Gestalten nun, die der Dichter aufführen kann, haben einen gemeinsamen Verbindungspunkt, ihre Beziehung auf die menschliche Natur. Von diesem Mittelpunkt aus kann er schlechterdings alle bewegen und beherrschen. Viele aber sind noch bei weitem näher mit einander verwandt und bilden eine noch viel enger geschlossene Sphäre.
Wenn nun beides, die Einbildungskraft so gestimmt und der Gegenstand so bearbeitet ist, dass die erstere bei keinem einzelnen Punkt stehen bleiben und der letztere sie auf keinen einzelnen heften will; so kann nicht anders, als erst mit der Vollendung des ganzen Kreises, mit vollkommner Totalität Stillstand und Ruhe eintreten.
Wie ist es z.B. möglich, das Alter des Jünglings lebendig zu schildern, ohne dass
der Phantasie zugleich das Kind, aus dem
Ein Zustand führt immer von selbst die übrigen herbei, durch welche nur gemeinschaftlich der einzelne Mensch oder die ganze Menschheit bestehen kann; und diess ist eben der grosse Gewinnst, den die künstlerisch gestimmte Einbildungskraft auch dem moralischen Menschen gewährt, dass sie ihn gewissermassen alle Epochen des Lebens zu vereinigen, die verflossene noch fortzusetzen und die nächstfolgende schon anzufangen lehrt, ohne dass er darum doch der gegenwärtigen weniger eigenthümlich angehört.
In keiner Art menschlicher Thätigkeit ist es möglich das Höchste zu erreichen, als nur innerhalb der Schranken ihrer Gattung. Nur dadurch, dass er dasjenige vollkommen geltend macht, was er ist, erreicht der Mensch überhaupt und der Einzelne insbesondre seine letzte allgemeine und individuelle Bestimmung. Nicht anders der Dichter. Sein Geschäft ist es, die Einbildungskraft herrschend und productiv zu machen, und indem er diess Geschäft vollendet, gelangt er zu Idealen und erreicht er Totalität.
Diess glauben wir im Vorigen bewiesen zu haben; und wenn der Weg, den wir gingen,
lang und unsrem nächsten Geschäft fremd schien, so wählten wir ihn dennoch nicht
ohne Ursache. Nichts ist bei Beurtheilungen jeder Art von Arbeiten so wichtig, als
die Forderungen streng vor Augen zu haben, deren genaue
Freilich verträgt nicht jedes Gedicht eine solche Beurtheilung; aber unverzeihlich würde es seyn, eine andre bei demjenigen anzuwenden, welches so grosse nothwendige und wesentliche Tugenden besitzt und so sehr alles fremden und erborgten Schmuckes entbehrt.
Wir sind bei der Entwickelung des Wesens der Kunst bisher mehr einem
raisonnirenden Gange gefolgt und haben uns nur selten auf die Erfahrung berufen.
Um uns indess von den aufgestellten Behauptungen auch noch auf eine sinnliche
Weise zu überzeugen, dürfen wir nur die Wirkung in uns zurückrufen, welche jedes
vollendete Kunstwerk immer in uns hervorbringt: die Stimmung, in die uns der
Belvederische
Alle Fäden menschlicher Gefühle sind alsdann in uns aufgezogen; wir empfinden die
menschliche Natur zugleich in allen ihren Berührungspunkten; nie gehen wir leiser
von einer Empfindung zu einer andren über; nie ist jede, auch sonst heftige Regung
so milde und so gehalten; zugleich aber spiegelt sich alsdann in uns die Welt, die
uns umgiebt, und setzt dieselbe Stimmung in uns fort. Denn die Vollendung und
Harmonie, die wir vor uns erblicken, gehen in uns selbst über und offenbaren sich
durch
Wenn man nunmehr den Weg übersieht, welchen der Dichter (und mit ihm jeder Künstler) durchläuft, so erstaunt man bei der Betrachtung, von welchem einfachen Ziel aus er sich zu welcher unbegreiflichen Höhe schwingt.
Den wirklichen Gegenstand nur gleichsam zum Spiel in ein Object der Phantasie zu verwandeln, fängt er an und hört damit auf, das grösseste und schwerste Geschäft, was dem Menschen als seine letzte Bestimmung aufgegeben ist, sich und die Aussenwelt um ihn her auf das innigste mit einander zu verknüpfen, diese erst als einen fremden Gegenstand in sich aufzunehmen, dann aber als einen frei und selbst organisirten wieder zurückzugeben, auf seine Weise und mit den ihm angewiesenen Organen auszuführen.
Denn den ganzen Stoff, den ihm die Beobachtung darreicht, organisirt er zu einer idealischen Form für die Einbildungskraft, und die Welt um ihn her er scheint ihm nicht anders, als wie ein durchgängig individuelles, lebendiges, harmonisches, nirgends beschränktes noch abhängiges, nur sich selbstgenügendes Ganzes mannigfaltiger Formen. So hat er seine eigne innerste und beste Natur in sie übergetragen und sie zu einem Wesen gemacht, mit dem er nun vollkommen zu sympathisiren vermag.
Ob der Dichter bis zu diesem Gipfel der Kunst gelangt, ob er seine Leser mit sich bis zu dieser Höhe erhebt? diess ist also der einzige ächte Prüfstein seines wahren ästhetischen Werths. Denn an diesem Ziele müssen sich alle mit einander vereinigen, welche den Namen eines Künstlers mit Recht tragen wollen, wie verschieden auch der Weg sey, den sie, gezwungen durch die Gattung, die sie gewählt haben, oder eingeladen durch die Verschiedenheit ihrer Individualität, dahin einschlagen. Eine Nation, die noch nicht lebendig empfindet, dass dort allein die künstlerische Vollendung gesucht werden darf, eine Sprache, die es ihren Dichtern nicht leicht macht, diese Bahn mit Glück zu verfolgen, sind von dem grossen Styl in der Poesie noch entfernt und entbehren noch aller der wohlthätigen Folgen, die damit für die Bildung überhaupt und den Charakter verbunden sind.
Denn allerdings giebt es ausser jenem grossen und hohen Styl in der Kunst noch einen andern, der dem von Natur minder reinen oder durch Verwöhnung verdorbenen Geschmack sogar noch gefälliger schmeichelt und daher sehr oft mit jenem allein ächten verwechselt wird. Ja, da beide gewissermassen in zwei verschiedenen Regionen liegen, so kann selbst die Kritik zwischen zwei Kunstwerken zweifelhaft seyn, von denen das eine in jenem minder hohen Styl mehr leistet, als das andre auf seinem besseren, aber auch steileren und gefahrvolleren Pfade.
Unter allen Künsten aber ist keine der Versuchung, ihre eigenthümliche Schönheit
durch erborgten Schmuck zu entstellen, so nahe, als die Dichtkunst. Denn ausserdem
dass sie, wie jede andre Kunst, statt die Einbildungskraft völlig frei und
selbstthätig zu erhalten, statt sie entschieden zu nöthigen, ein bestimmtes Object
hervorzubringen, sie bloss mit angenehmen und gefälligen Bildern erfüllen, sie mit
einem bunten, aber unbedeutenden Farbenspiel umgeben kann; so hat sie auch noch
einen andren Abweg zu fürchten, der nur ihr allein angehört. Da sie durch die
Sprache, also durch ein Mittel wirkt, das, ursprünglich nur für den Verstand
gebildet, erst einer Umarbeitung bedarf, um auch bei der Phantasie Eingang zu
finden; so schweift sie leicht in das Gebiet
Auf diesen Abwegen nun artet die Dichtkunst von ihrer eigentlichen und höheren Natur aus, sucht abwechselnd durch mahlerische Bilder zu gefallen und durch glänzende und rührende Sentenzen zu erstaunen und zu erschüttern, und sinkt von der Geburt des Genies zu einem blossen Werk des Talents herab. Zwar ist sie auch so noch immer einiger und unter den Händen grosser Meister (die man auch hier nicht verkennen darf) noch sogar einer grossen Wirkung fähig; sie kann zugleich die Einbildungskraft in Bewegung setzen und sich des Geistes und des Herzens bemächtigen; sie kann durch Blitze des Genies Bewunderung und Rührung erregen; aber immer wird man seine erleuchtende und erwärmende Flamme entbehren, immer in dem Mangel jener innigen Begeisterung, jener hohen und harmonischen Ruhe die Gegenwart der ächten Kunst vermissen.
Denn die Einbildungskraft, die hier nie frei und allein wirkt, vermag uns nicht aus dem Kreise aller Wirklichkeit hinaus in das Land der Ideale zu versetzen, und ohne das ist, welche Mittel man auch sonst anwenden möchte, niemals eine ächt künstlerische Wirkung denkbar.
Wenn wir uns bisher bemühten, den grossen oder vielmehr den reinen und ächt
dichterischen Styl demjenigen entgegenzusetzen, der nur mit Unrecht diesen Namen
führt; so war es in der That nicht, bloss zu beweisen, dass das vorliegende
Gedicht ungezweifelt dem ersteren angehört; diesen Beweis hätte uns die
Was das letzte Ziel jedes künstlerischen Bemühens ist, dahin hat diess Gedicht in
der That ein auffallendes und entschiedenes Streben, dahin gelangt es mit dem
glücklichsten Erfolge. Der ächte Dichter, haben wir gesehn, wirkt allein auf die
Einbildungskraft; er bestimmt sie, frei und gesetzmässig einen Gegenstand aus sich
selbst zu erzeugen; er stellt einzelne Gestalten vor ihr auf und zeigt ihr in
ihnen die Welt und die Menschheit in ihren letzten und grössesten Verbindungen.
Gerade dasselbe erfährt auch der Leser
Nicht Worte sind es, die seinem Ohre nachhallen, nicht einzelne Gedanken und Aussprüche, die sich, aus dem Ganzen herausgerissen, seiner Seele eingeprägt haben; so vieles ihm auch davon noch gegenwärtig geblieben ist, das die Erinnerung bei ähnlichen Vorfällen des Lebens zurückführen wird, so sind in dem Momente, wo er dem Dichter bis ans Ende gefolgt ist, es doch nur die Sache, die Handlung, die Personen, die lebendig vor ihm dastehen.
Er sieht den Jüngling, dessen Gefühle bis dahin unentfaltet, ihm selbst unbewusst,
gebunden schlummerten, durch eine plötzlich auflodernde Leidenschaft von den
Banden befreit, die sein Inneres hemmten, sieht, da dieser Zauber in ihm gelöst
ist, die edelsten und höchsten Entschlüsse in ihm aufkeimen, sieht ihn beim ersten
Blicke das Mädchen erkennen, das die Natur für ihn bestimmt hat, und sich mit
reinem Vertrauen dieser Empfindung überlassen; sieht das Mädchen, das, muthig und
thätig, in eigner Bedrängniss noch hülfreich ist, eitlen Hofnungen nicht träge
vertraut, in wahrer Noth nicht feige verzweifelt, edler Liebe nicht unempfänglich
stille Wünsche im bescheidenen Busen birgt, aber,
So vollkommen objectiv hat der Dichter seinen Stoff behandelt. So ist es immer Ein Gegenstand, der ihn beschäftigt, und dieser Eine rein erzeugt durch die Einbildungskraft.
Kein Begriff ist in der Theorie der Kunst so wichtig, als der der Objectivität; keiner erfordert zugleich eine so genaue und ausführliche Erörterung.
Denn eines Theils ist das Object der Kunst nie ein wirkliches Object und trägt daher immer nur gewissermassen uneigentlich diesen Namen. Die Kunst bleibt allein innerhalb des Kreises der Einbildungskraft, also innerhalb unsres Gemüths; es ist daher immer nur ein ideales Beziehen derselben Kraft auf die Natur und die Sache oder auf den Menschen und die Person. Von dieser Seite muss man sich zuerst vor Verwechslung und Irrthum hüten.
Dann aber ist dieser Begriff auch andren Theils von sehr verschiedenem Umfange. Denn obgleich jeder Künstler ohne Ausnahme objectiv seyn muss, so ist doch dem einen diess Gesetz noch strenger vorgeschrieben, als dem andren; es giebt einige, denen man, in Vergleichung mit andren, sogar die entgegengesetzte Benennung geben könnte; und man muss daher immer genau unterscheiden, in welchem Umfange der Begriff der Objectivität genommen, welchem andren er gerade an der Stelle, wo er vorkommt, entgegengesetzt ist.
Diese Vorsicht ist um so nothwendiger, als jene Vieldeutigkeit des Begriffs nicht
von einem irrigen Gebrauche desselben herrührt, sondern in der That in der Sache
selbst wesentlich gegründet ist. Der Künstler soll den Menschen mit der Natur in
die engste und mannigfaltigste Verbindung bringen. Um diess Geschäft ganz zu
vollenden, muss er bald den äussern Gegenstand, bald die innere Stimmung stärker
geltend machen. Ja selbst ohne diess zu wollen, kann er es kaum vermeiden. Da er,
um einen Gegenstand durch die Einbildungskraft zu erzeugen, zugleich
Dennoch müssen sie alle eine gewisse Gränze bewahren. Schon im Allgemeinen dürfen sie weder den wirklichen Gegenstand selbst zeigen noch die Empfindung unmittelbar und anders, als durch die Einbildungskraft berühren; und noch engere Schranken bestimmen ihnen einzelne Gattungen der Kunst. Diese allgemeine Aehnlichkeit macht jenen besondren Unterschied fein und schwer zu entdecken.
Diese Betrachtungen war es nothwendig vorauszuschicken, um im Folgenden Misdeutungen vorzubeugen. Denn die Entwicklung der reinen Objectivität unsres Gedichts ist es, die uns jetzt zunächst beschäftigen muss.
Schon die Totalwirkung desselben beweist, wie emsig unser Dichter bemüht ist, bloss und allein die Form Eines Gegenstandes zu zeichnen. Im Einzelnen lässt sich diess nicht vollständiger zeigen, als dadurch dass man diese Objectivität von Stufe zu Stufe beschreibt und genauer beschränkt.
Bisher haben wir nur der ersten erwähnt, nur derjenigen, auf welcher sich diess Gedicht als ein grosses und ächtes Kunstwerk bewährt, der Bestimmtheit, mit der es einen rein durch die Einbildungskraft erzeugten Gegenstand hinstellt.
Aber wie viel mehr ist das, was wir bei genauerer Betrachtung gewahr werden! Wenn
wir länger bei demselben verweilen, wenn wir ihm in allen seinen einzelnen Theilen
folgen, wenn wir dann sehen, wie vollendet alle Umrisse sind, wie fest sich jede
Gestalt unsrer Phantasie einprägt, wie klar jede sich an die andre
Wir sehen daher hier eine höhere Stufe der Objectivität; wir erblicken
Alle Künste umschlingt ein gemeinschaftliches Band; alle haben sie dasselbe Ziel, die Phantasie auf den Gipfel ihrer Kraft und ihrer Eigenthümlichkeit zu erheben. Sie haben sich nur getrennt, weil jede für sich etwas besitzt, wodurch sie diese allgemeine Wirkung auf eine eigne Art zu erreichen vermag und was den andern, in Vergleichung mit ihr, mangelt. So fehlt der Mahlerei die Vollendung der Form, der Bildhauerkunst die Wirkung der Farben, beiden die lebendige Bewegung, der Musik die Schilderung der Gestalten, der Dichtkunst die Anschaulichkeit und die Stärke, mit welcher die mannigfaltigen Bestandtheile, die sie in sich vereinigt, jeder einzeln für sich, erscheinen.
Der Mensch, dem es daran liegt, die Kunst mit allen Sinnen in sich aufzunehmen,
muss es verstehen, sich in eine Mitte von allen zu stellen, mit dichterischem Sinn
das Werk des Mahlers,
Der Künstler hat also zweierlei Ansprüche zu befriedigen, die Ansprüche der Kunst
überhaupt und die der besondren, die er gewählt hat. Die erstere verlangt, dass
er, ihre allgemeinen Forderungen streng im Auge, alle Mittel, die seine Kunst ihm
in die Hände giebt, nur dazu anwende, diese zu befriedigen, nicht aber sie selbst
einseitig glänzen zu lassen; die letztere fordert dagegen mit gleichem Recht, dass
er alle Vorzüge, die sie ihm darbietet, auch in ihrem ganzen Umfange und in ihrer
vollen Stärke geltend mache. Gegen die erstere Regel verstösst der Mahler, welcher
dem Colorit ein verhältnisswidriges Uebergewicht über die Schönheit der Formen und
die Anordnung des Ganzen erlaubt; gegen die zweite der, welcher dagegen, das
Colorit vernachlässigend, die Lebhaftigkeit und Stärke verkennt, welche Farbe,
Licht und Schatten seinem Werke zu geben im Stande sind. Endlich kann der
Künstler, um die Aufzählung der Abwege, welche er, von diesem Standpunkt aus
betrachtet, zu vermeiden hat, vollständig zu machen, auch drittens weder die Kunst
überhaupt noch seine eigne besondre, sondern eine dritte, ihm fremde,
So wie der Künstler objectiv irren kann, indem er das wahre Verhältniss zwischen der Kunst überhaupt, seiner eignen insbesondre und ihren Schwestern verfehlt, so kann er es auch subjectiv in Rücksicht auf das Verhältniss seiner Individualität, der Natur des Künstlers überhaupt und der Eigenthümlichkeit anderer Künstler. Er kann der ersteren zu viel oder zu wenig einräumen oder sie endlich ganz aufgeben und gegen eine fremde vertauschen.
Ueberall, wo er sich zu einseitig bloss auf seinen einzelnen Standpunkt
beschränkt, da verfällt er ins
Diess sind alle möglichen Abwege, auf welche der Künstler in Rücksicht auf den allgemeinen Charakter seiner Werke gerathen kann, und es war nothwendig, dieselben vorher vollständig aufzuzählen, um über das Folgende ein helleres Licht zu verbreiten. Wir kehren jetzt zu unsrem Gedicht zurück.
Wir haben schon oben bemerkt, dass der Dichter, gerade weil er auch unmittelbar auf den Verstand und das Herz einzuwirken vermag, mehr als ein anderer Künstler Gefahr läuft, weniger ausschliessend die Einbildungskraft zu beschäftigen. Wenn er aber auch diesen Fehler vermeidet und sich streng in dem Gebiete der Kunst erhält, so hat er es doch immer in seiner Gewalt, mehr den Geist und die Empfindung in Bewegung zu setzen und die leichte und reine Wirkung auf die Sinne zu verschmähen. Von beiden Seiten betrachtet, kann er sich daher gegen den Künstler überhaupt und gegen den bildenden insbesondere in einer Art von Gegensatze befinden.
Wir erwähnen hier der Kunst überhaupt und der bildenden insbesondere als beinahe
gleichbedeutend; wir scheuten uns schon im Vorigen nicht, den Styl unsres Dichters
dem Styl der bildenden
Unstreitig liegt der Grund hiervon darin, dass er mehr, als ein andrer die bildende Kraft der Phantasie in Bewegung zu setzen, mehr bloss den Gegenstand hinzustellen und damit seine ganze Wirkung hervor zubringen versteht. Indess ist diess immer noch nicht bestimmt und klar genug; auch andere Dichter sind gleich treue Mahler der Natur, ohne dass man ihnen doch darum diesen Vorzug in gleichem Grade einräumen darf. Man muss auch hier auf die Stimmung des Gemüths, in dem Dichter und in seinem Leser, zurückgehn; in ihr, in der Empfindung, mit der wir diesen Dichter und einen andren verlassen, liegt der feine, aber wichtige Unterschied. Auch hier zeigt es sich wieder, dass man es als den Grundirrthum aller bisherigen falschen ästhetischen Raisonnements ansehen kann, dass man im Objecte aufgesucht hat, was allein im Subjecte verborgen ist, wenigstens nur an diesem eigentlich beschrieben, in jenem bloss empfunden werden kann.
Da, wo ein solcher allgemeiner Kunstsinn vorwaltet, ist es durchaus klar, heiter,
ruhig und leicht in der Seele; die Phantasie allein ist thätig und hier auf den
äussern Sinn bezogen, wie er,
Das Eigenthümliche der Behandlung in dem einen und dem andren Falle zu zeigen, ist, wie wir schon im Vorigen bemerkten, schwer; indess giebt es doch Einen hierbei äusserst wichtigen Punkt, der schon bei einiger Aufmerksamkeit leicht ins Auge fällt. Wenn man die Poesie mit der Sculptur vergleicht, als welche am meisten dem reinen Begriffe der Kunst entspricht, so ist Ein Unterschied in beiden sogleich auf den ersten Anblick sichtbar. Die Sculptur (vorzüglich in dem einfachsten Fall, bei dem wir hier stehen bleiben, wo sie bloss eine einzelne Figur aufstellt) kann allein durch die Form, und da die Form immer nur auf der ganzen Gestalt ruht, allein durch das Ganze wirken; und wenn bei einer Statue wirklich nur ein einzelner Theil, ein Arm oder ein Fuss, gut gearbeitet, das Uebrige aber vernachlässigt ist, so gilt sie nur als ein schöner Arm, ein schöner Fuss, und der Begriff des Schönen wird nicht von diesem einzelnen Theil auf das Ganze übergetragen.
Der Dichter hingegen braucht nicht die ganze Figur hinzustellen; er kann nur den
Theil zeichnen, und indem er die Schilderung desselben der Empfindung seines
Lesers wichtig macht, diesen nöthigen, das Fehlende selbst auszumahlen. Sobald es
ihm nun gelingt, z.B. in der Schilderung einer weiblichen Gestalt durch einen
einzelnen Zug das Herz desselben zu gewinnen, so
Was wird daher der Dichter thun müssen, wenn er dem allgemeinsten und reinsten Begriff der Kunst treu bleiben will? Er wird das Ganze und nicht bloss einzelne Theile schildern, den Gegenstand zeichnen, nicht die Empfindung erregen müssen. Zwar thut er diess letztere doch und will es auch thun, allein nur durch den Eindruck des Ganzen, nicht durch den Effect einzelner Theile, nur durch den Gegenstand selbst, nicht unmittelbar durch einzelne ihm abgewonnene Züge; und gerade dadurch geschieht es reiner und besser.
Um zu sehen, wie unser Dichter die Aufgabe einer wahrhaft künstlerischen Schilderung gelöst hat, wollen wir einmal das Gemählde vergleichen, das er uns von Dorotheens Gestalt giebt.
Nachdem Herrmann sie nur mit wenigen Zügen (S. 29.) so gezeichnet hat, wie er sie
zuerst antraf, wie sie ihre schwangre Verwandte rettet und die Ochsen lenkt, die
den Wagen führen
sagt er,
Also nur nach den Kleidern wird die Gestalt geschildert. Dadurch gewinnt der
Dichter einen doppelten Vortheil. Er ist
Allein diess ist ihm noch nicht genug; er will sie der Einbildungskraft nicht
bloss zeigen, er will sie ihr unauslöschlich fest einprägen. Er verändert also die
Stellung. Jetzt haben wir sie im Gehen gesehn; eine Strecke weiter zeichnet er sie
uns (S. 140.) sitzend.
Die Wirkung, welche nun der Dichter durch diese einfache Schilderung hervorbringt,
ist unendlich grösser, als wenn er unmittelbar in dieselbe mehr Gehalt gelegt,
mehr das Herz seines Lesers dafür interessirt, mehr, wie sonst der Dichter so oft
thut, bei der Gestalt zugleich auch den innern Charakter beschrieben hätte. Man
kann es nicht genug wiederholen: die Hoheit, die Grösse, der innre Gehalt, das,
was man in einem Gedicht eigentlich
Der Dichter hat es daher immer nur mit diesen beiden
Ehe wir aber diese Stelle verlassen, müssen wir noch einen Augenblick bei den einzelnen Beiwörtern verweilen, mit welchen die einzelnen Theile der Gestalt bezeichnet sind. Kein einziges derselben hat für sich ein grosses und unverhältnissmässiges Gewicht; alle sind von der Art, wie sie sich für das blosse ruhige und uneingenommene Beschauen des blossen Sinnes schicken; alle zeigen die Bildung des Mädchens nur in reinlicher Zierlichkeit, in freier und heiterer Anmuth. Selbst die Stärke, die, mit der Leichtigkeit verbunden, den Hauptcharakter desselben ausmacht, ist gerade dahin verlegt, wo sie nur auf die Rüstigkeit des physischen Baus und ganz und gar auf keine Nebenvorstellung führen kann: in die Wölbung der Brust, die trefliche Grösse, die Länge und Schönheit des Haars. Dadurch ist die Stimmung, welche diese, so wie überhaupt der Ton in allen Schilderungen dieses Gedichts hervorbringt, derjenigen ähnlich, in der wir gleichsam mit naturhistorischem, physiologischem Blick die Natur betrachten; und diese Stimmung ist ungleich poetischer, als die ihr entgegengesetzte sentimentale, bei der wir in der Natur eigentlich nur uns selbst sehen. Denn sie führt eine zwar langsamer, aber inniger eindringende Wärme und eine minder feurige, aber höhere und dauerndere Begeisterung mit sich.
Fragen wir aber weiter nach: wie kam der Dichter dazu, dass er gerade diese Art
der Schilderung wählte? so ist die einfache Antwort die: weil es ihm nicht möglich
war, eine andere anzu-
Dass diess aber so ist, dass Herrmann diesen Charakter hat, ist wieder in andren Umständen, in andren Charakteren gegründet und diese wieder in andren und in dem Ganzen, so dass diese einzelne Schilderung mit allem zusammenhängt und durch alles bestimmt wird. Derselbe Geist also, den sie athmet, beseelt auch das Ganze, und was wir von ihr bewiesen haben, gilt zugleich von allen übrigen und von dem ganzen Gedicht selbst.
Dass der Dichter, welcher den wesentlichen Forderungen der Kunst ein Genüge thut, zugleich das Wesen der Poesie in ihrem vollen Gehalte benutzt, versteht sich von selbst. Denn er hat geleistet, was die Kunst überhaupt verlangt, und keine andren Mittel gehabt, als welche seine besondre ihm darbot. In so fern bedürfte daher die aufgeworfene Frage keiner weitern Erörterung.
Allein das Wesen der Dichtkunst bietet demjenigen, der es ganz zu benutzen versteht, noch so reiche und eigenthümliche Hülfsquellen dar, dass, um das Verdienst des Dichters vollkommen zu schätzen, es nicht möglich ist, dieselben mit Stillschweigen zu übergehen.
Wir reden jetzt nicht von dem Gehalte, welchen er den Gestalten unterlegen kann, die er gleichsam von der bildenden Kunst entlehnt; wir bleiben noch für jetzt allein bei dem Vorzug der Objectivität stehen, welchen er sich in einem bei weitem vollkommneren Grade, als jeder andre Künstler zu verschaffen im Stande ist.
Die Bildhauerkunst besitzt bloss Formen, die Mahlerei nur diese und Colorit; beiden fehlt unmittelbare Bewegung, die sie nie anders, als durch eine Art der Täuschung hervorbringen können. Beide stellen also nur im Raum einen Gegenstand dar, haben nur Objectivität für die Sinne, die im Raume wirken. Durch die Macht, mit der die blosse Form hervortritt, erhält die Sculptur eine Einfachheit, die an Armuth zu gränzen scheint, und selbst der Mahler ist nur auf die Vorstellung gewisser Gegenstände und selbst noch in der Darstellung dieser beschränkt.
Der Dichtkunst ist die Bewegung so eigenthümlich, dass sie eigentlich keinen Ausdruck für das Stillstehende hat. Nur dadurch, dass sie das Auge die Umrisse der Figur durchlaufen lässt, kann sie eine Gestalt zeichnen. Diess aber prägt dieselben der Einbildungskraft nur um so fester ein, da der Dichter sie nun vor ihr selbst erzeugt, sie im eigentlichsten Verstande nöthigt, sie selbst zu beschreiben. Sie wirkt ganz in der Zeit, greift dadurch tiefer, als die immer kältere bildende Kunst in unsre Empfindung ein und beseelt ihre Schilderungen mit einem volleren Leben. Ihre Gemählde sind nicht bloss Gruppen, in denen sich Gestalt an Gestalt anschliesst; sie gleichen auch vollkommen gegliederten Ketten, in welchen Bewegung aus Bewegung, Figur aus Figur entspringt.
Der Dichter vermag die Gestalt nur eben so uneigentlich, als der bildende Künstler die Bewegung zu schildern. Aber der wichtige Unterschied zwischen beiden ist der, dass die Bewegung eine grössere Lebhaftigkeit mit sich führt, dass sie daher die Einbildungskraft besser stimmt, jenem Mangel aus eignem Vermögen abzuhelfen. Benutzt also der Dichter seinen ganzen Vortheil, so erlangt er eine grössere Objectivität, als dem bildenden Künstler möglich ist. Denn er bemeistert sich mehr aller Organe, durch die wir einen Gegenstand erfassen, derer, die im Raum, und derer, die in der Zeit wirken.
Es ist nicht bloss, dass er Gestalten schildert und Handlungen beschreibt. Sein Schildern der Gestalt ist selbst eine Handlung, und seine Handlung wird zur Gestalt. Denn jeder vorige Zug, den ein nachfolgender verdrängt, bleibt doch in der ganzen Gruppe stehen. Wir sehen nun wirklich vor uns, was wir bei dem Gemählde immer nur unvollkommen hinzudenken, wie nemlich der vorgestellte Moment entstanden ist und wohin er übergeht.
Selbst die grosse sinnliche Realität, welche die bildende Kunst durch das
wirkliche Aufstellen des Objectes besitzt, schadet ihr in
Wie in jedem Verstande dichterisch nun die Objectivität ist, welche in
Wir haben die Dichtkunst im vorigen Abschnitt mehr, in so fern sie von der bildenden verschieden, als in so fern sie ihr entgegengesetzt ist, betrachtet. Von dieser letzteren Seite könnten wir auch dieselbe füglich ganz mit Stillschweigen übergehen, da sie von dieser das gegenwärtige Gedicht nicht berühren kann. Um indess die ganze Materie vollständiger zu erschöpfen, sey uns noch diese Abschweifung erlaubt. Je mehr man die Natur der Dichtkunst, als einer bloss redenden Kunst erörtert, desto klarer wird man begreifen, wie es möglich ist, sie als bildende zu behandeln.
Die Poesie ist die
Die Sprache ist das Organ des
In beiden Fällen hat sie die Schwierigkeiten der Sprache zu überwinden und sich der Vorzüge zu erfreuen, die sie gerade dadurch geniesst, dass diese und daher der Gedanke das Organ ist, durch das sie wirkt; allein wenn es die inneren Formen sind, die sie zu ihrem Objecte wählt, dann findet sie in der Sprache einen ganz eignen Schatz neuer und vorher unbekannter Mittel. Denn nunmehr ist diese der einzige Schlüssel zu dem Gegenstande selbst; die Phantasie, die sonst gewöhnlich den Sinnen folgt, muss sich nun an die Vernunft anschliessen; und wenn schon auf der einen Seite der Geist durch die Grösse und den Gehalt des Gegenstandes hingerissen wird, so muss noch ausserdem auch die Kunst einen noch höheren und rascheren Aufflug nehmen, um auch noch in diesem Gebiet die Einbildungskraft allein herrschend zu erhalten, zumal wenn sie nicht Empfindungen, sondern Ideen behandelt und also mehr intellectuell, als sentimental ist.
Diese Gattung, in der uns das Beispiel der Alten fast gänzlich verlässt, ist, sie mag nun rein oder vermischt mit andern erscheinen, der eigentliche Gipfel der neueren Poesie und kann ihr eigenthümlich genannt werden. Je entschiedner sich dieselbe jedoch von der andern trennt, desto weiter entfernt sie sich auch von dem leichtesten und einfachsten Begriffe der Kunst.
Jeder ächte Dichter nun wird dem einen der beiden hier geschilderten Charaktere
eigenthümlicher angehören, mehr geneigt seyn, entweder die individuelle Natur der
Sprache für die Kunst
In dieser letzteren engeren Bedeutung nun Dichter zu seyn, ist der Gattung, zu
welcher
Wenn man dasjenige, was wir bisher über
Wir haben im Vorigen seine hohe Objectivität zu schildern angefangen; wir haben gezeigt, wie es bloss sinnliche Gegenstände und diese in ihren vollständigen Umrissen, in den reinen Formen der Einbildungskraft zeichnet. Allein wenn es uns auch vollkommen gelungen wäre, dadurch zu beweisen, dass es, von einem reineren und allgemeineren Kunstsinn, als andre beseelt, sich näher, als sie an die Werke der bildenden Kunst anschliesst; so sind dadurch noch kaum die äussersten Linien des Charakters desselben gezeichnet; so ist es noch immer zu wenig aus der Masse beschreibender Gedichte herausgehoben, und so reicht diess noch bei weitem nicht hin, seine eigenthümliche Wirkung, die lichtvolle Klarheit, zu der es die Phantasie, die energische Ruhe, zu der es das Gemüth erhebt, auch nur im Ganzen und der Gattung nach zu erklären.
Die Objectivität der bildenden Künste überhaupt ist noch selbst von zu verschiedener Natur; es herrscht z.B. offenbar eine so ganz andre in den einfachen Werken der Bildhauerkunst und vorzüglich in einigen der Mahlerei, dass die allgemeine Verwandtschaft des Styls eines Gedichts mit dem Styl der bildenden Kunst diese feinen Unterschiede noch bei weitem nicht bestimmt genug angiebt.
Wo der höchste Grad der Objectivität erreicht ist, da steht schlechterdings nur Ein Gegenstand vor der Einbildungskraft da; wie viele sie auch derselben unterscheiden möchte, so vereinigt sie sie doch immer nur in Ein Bild; da ist der Stoff bis auf seine kleinsten Theile besiegt; da ist alles Form und durch das Ganze hin nur Ein und eben dieselbe. Gleich deutlich kündigt sich diese hohe Treflichkeit durch den Eindruck an, den sie zurücklässt. Wir fühlen uns von einer Klarheit umgeben, von der wir sonst keinen Begriff haben; wir empfinden eine Ruhe, die nichts zu stören vermag, weil wir alles, wofür wir nur irgend Sinn haben, in diesem Einen Gegenstande und dort in vollkommener Harmonie antreffen; alle Kräfte unsres Gemüths gehören der Phantasie und diese ausschliessend der Einen reinen, hohen und idealischen Form an, die aus einem solchen Kunstwerke uns entgegenstralt.
Am deutlichsten sehen wir diess bei den Werken der Sculptur. Wenn die Hand des
Bildners den Marmor bearbeitet, so verschlingt der kleine Fleck, auf welchem sein
Meissel geschäftig ist, zugleich seine ganze Aufmerksamkeit. Wochen, Monate und
Jahre halten ihn diese engen Gränzen gefangen; immer das Bild, das er darstellen
will, vor Augen, findet er in ihnen eine Welt, welcher seine
Der reicheren Mannigfaltigkeit, des weiteren Umfangs der lebendigen Bewegung
endlich, die seine Kunst ihm darbietet, ungeachtet, ist der Dichter eines gleich
bildenden Sinns, sein Werk einer gleich hohen Objectivität fähig. Wo er nun einen
solchen Sinn besitzt, da ist es ihm nicht genug, bloss sinnliche Gegenstände,
bloss reine Formen überhaupt aufzustellen, da strebt er immer, die
Einbildungskraft auf ein einziges Object zu heften, nur für dieses zu
interessiren, auf diess allein alles andere zurückzuführen. Sein Charakter besteht
dann ganz eigentlich darin,
Die Einbildungskraft entschieden zu nöthigen, auf eine bestimmte Weise thätig und
productiv zu seyn, ist zugleich seine einfachste Aufgabe und sein höchstes Ziel.
Um dieser Forderung Genüge zu leisten, muss er derselben drei mit einander
verwandte Eigenschaften zugleich mittheilen: lebendige Stärke, vollkommene
Freiheit und durchgängige Gesetzmässigkeit. Zu den beiden Stufen der Objectivität,
die wir bis jetzt geschildert haben, sind mehr die beiden ersten Stücke
erforderlich; zu der dritten aber, die wir jetzt näher betrachten, erhebt man sich
nur durch das letztere, durch vollkommne und strenge
Um nun zu zeigen, dass unser Gedicht auch diese letzte und höchste Stufe der Objectivität erreicht, wollen wir es mit einer zwiefachen Gattung beschreibender Gedichte vergleichen. Wir werden dadurch noch ausserdem den Vortheil gewinnen, dass, wenn wir es bis jetzt nur als ein ächtes Kunstwerk und als ein beschreibendes Gedicht überhaupt charakterisirten, wir nun auf den bestimmten Platz kommen werden, den es unter diesen letzteren sich ausschliesslich zueignet.
Alle beschreibenden Gedichte stellen eine Reihe von Bildern, ein verbundenes
Ganzes von Gestalten auf. Der Unterschied, den
Auf diese Weise lässt sich dieser Unterschied objectiv angeben; subjectiv bestimmt läuft er darauf hinaus, ob es dem Dichter mehr auf eine gewisse bestimmte Thätigkeit der Einbildungskraft oder nur auf Thätigkeit überhaupt ankam? ob ihm mehr daran lag, dass sie gerade nur dieses oder jenes Bild oder bloss überhaupt in einem gewissen Ton und Rhythmus Bilder erzeugte?
Man sieht leicht, dass hier bloss die Frage ist: ob er mehr
Um diese zwiefache Gattung unmittelbar in einem Beispiel wiederzuerkennen,
vergleiche man den
Und doch welche ungeheure Verschiedenheit; wie stark gezeichnet vorzüglich der
eben geschilderte Unterschied! Im
Aber dieser Unterschied liegt bei weitem nicht bloss in der Composition des
Ganzen; wir finden ihn eben so gut in jeder einzelnen Schilderung, in jeder
einzelnen Stanze wieder.
Beide besitzen einen hohen Grad der Objectivität, beide zeichnen sinnliche und
lebendige Gestalten; aber nur in
Der so eben geschilderte Contrast muss jedem Leser
Gerade aber dann ist ein Charakterunterschied unter zwei Künstlern derselben Gattung ächt und fehlerfrei, wenn beide, wie hier, denselben Reichthum besitzen und ihn nur auf verschiedene Weise geltend machen, ihn zu verschiedenem Gebrauch und unter verschiedenem Stempel ausprägen.
Wenn
Denn was wir Colorit Der
Begriff des Colorits ist hier in einem eingeschränkten Sinne gebraucht. Um
dem Misverständnisse vorzubeugen, das unfehlbar entstehen müsste, wenn man
ihm einen allgemeineren unterlegte, sey es erlaubt, noch folgende
Erläuterung hinzuzufügen. Die Mahlerei (von der man natürlich, so oft von
Colorit die Rede ist, immer ausgehn muss) hat ein zwiefaches Mittel, ihren
Gegenstand darzustellen: den Wenn die Phantasie bei der Einwirkung der Kunst
auf dieselbe ganz in Thätigkeit gesetzt werden soll, so muss immer zugleich
objectiv und subjectiv auf sie eingewirkt werden. Man muss einen Gegenstand
vor ihr bilden und ihre Kraft stimmen. Darum sagten wir, dass jede Kunst ihr
Doch muss man bei dieser ganzen Materie nie vergessen,
dass hier nur zum Behuf der Untersuchung getrennt wird, was in der
Wirklichkeit schlechterdings unzertrennlich verbunden ist.
Dass dieser Begriff des Colorits in der That der richtige ist, sehen wir, wenn wir
ihn da aufsuchen, wo er ursprünglich hingehört, in der Mahlerei. Die Farbe, wenn
sie nicht bloss die Form besser heraushebt, (und wir reden hier vom Colorit nur
insofern, als dasselbe sich allein und für sich hervordrängt), kann der Phan-
In den Arbeiten mittelmässiger Mahler drängt sich das Colorit bloss hervor, um die Sinne zu ergötzen und das Auge zu blenden; aber es gäbe auch einen höheren Styl für die bloss auf das Colorit berechnete Mahlerei, die alsdann nach rhythmischen Gesetzen behandelt werden müsste, und noch weit mehr ist diess bei der Dichtkunst der Fall.
Dass
Wir finden daher hier den allgemeinen Unterschied alter und neuer Dichtkunst
wieder; aus
Der Dichter fasst einen Gegenstand auf; von ihm geht seine Begeisterung aus; er ist allein mit demselben beschäftigt, er strebt nach nichts andrem, als ihn so zu zeichnen, wie er in der Natur wirklich ist oder wie er seyn müsste, wenn er zu ihr gehörte; er kann nicht aufhören, bis derselbe vollendet ist, und ist fertig, sobald er den letzten Pinselstrich daran gethan hat. Sein Zuhörer hat, wie er, seine Blicke nur fest auf denselben geheftet; er interessirt sich nur langsam und nach und nach für ihn; aber mit jedem Augenblick steigt die Wärme, mit der er ihn umfasst, bis sie zuletzt zu der höchsten Innigkeit anwächst; er glaubt bloss ausser sich und in ihm zu leben und bemerkt erst zuletzt mit frohem Erstaunen, dass indess und durch ihn in ihm selbst eine mächtige Veränderung vorgegangen, sein Gemüth bis in sein Innerstes erschüttert, erhöht und idealisch umgestimmt ist. Oder der Dichter fühlt seine Phantasie in unruhiger Bewegung; seine Begeisterung geht von dieser Regung aus; er sucht und schaft sich einen Gegenstand; indem er ihn ausbildet, folgt er dem Gange dieser innern Stimmung; er kann nicht aufhören, er muss Stoff aus Stoff erzeugen, so lange diese fortdauert, und er kann nicht fortfahren, sobald sie ihn verlassen hat. Sein Zuhörer ist von derselben Begeisterung mit fortgerissen; er ist überhaupt von einem rascheren und gleich anfangs lebendigeren Feuer beseelt; diese Regung aber kann nicht durch die Folge hindurch immer steigend wachsen, sie muss sich in einem mannigfaltig wechselnden Tanze fortbewegen und endlich nach und nach aufhören; das Ende dieser Laufbahn kann nicht mit einer so tiefen und überraschenden Rührung bezeichnet seyn, da das Gemüth nicht so plötzlich in sich zurückkehrt, vielmehr immer von innen heraus auf die Welt übergegangen ist.
Mit der höheren Objectivität ist eine strengere
Diese beiden Gattungen von Gedichten sind so sehr von einander geschieden, dass
jede ihren eignen Versbau erfordert und diess die eigentliche Gränzlinie ist, wo
in beschreibenden Gedichten
Es bedarf nicht erst eines Beweises, welchen von diesen beiden Charakteren Herrmann und Dorothea an sich trägt.
Der Dichter hat es nie mit etwas andrem, als mit seinem Gegenstande zu thun; sein
Gang ist lebendig und kräftig, aber ruhig, gleichförmig und von immer schnellerer
steigender Bewegung gegen das Ende des Gedichts; der Leser lebt allein in der
Begebenheit, die er vor sich sieht, er ist, wie der Dichter, klar und gleichförmig
gestimmt, aber zuletzt tief gerührt und von den höchsten Gefühlen durchdrungen.
Nicht seine Sinne, nicht seine
Davon überzeugt man sich vorzüglich dann, wann man die Mittel genauer untersucht, durch welche der Dichter seine Gestalten dem Leser in die Seele prägt. Wir haben schon im Vorigen an einem Beispiel gesehn, dass er sie nicht ängstlich beschreibt, sondern nur ihre Umrisse zeichnet; aber selbst das thut er nur selten, nur da, wo die Veranlassung ihn schlechterdings dazu nöthigt. Er kennt ein andres, tiefer eingreifendes Mittel sie aufzuführen und wichtig zu machen; die Kunst nemlich, sie durch den Grund herauszuheben, auf dem sie auftreten, die Einbildungskraft durch die gehörige Stimmung zu nöthigen, sie von selbst und in der Grösse zu erzeugen, die er ihnen mittheilen will.
Dadurch erhält er ihre Umrisse, ohne ihrer Bestimmtheit zu schaden, dennoch immer gränzenlos und unendlich: sie wachsen in der That immerfort vor der Phantasie, so wie allmählig die eigne Stimmung derselben fortschreitend erhöht wird; das Ganze knüpft sich fester zusammen, wenn immer ein Theil den andren und nicht jedesmal der Dichter jeden besonders zu bilden scheint; und die ganze Wirkung wird um so viel dichterischer und künstlerischer, als sie reiner und selbstthätiger bloss durch die Einbildungskraft vollendet wird.
Dieselbe Eigenthümlichkeit epischer Schilderung finden wir auch im
Welche einzelne Scene man etwa aus der Iliade und Odyssee herausheben mag, so
findet man diese Bemerkung bestätigt. Man nehme z.B.
Wie sie die Verbindungen ihrer Väter erzählen, ist man plötzlich in alle ihre
Empfindungen versetzt, weil diese Empfindungen insgesammt nur rein menschliche
sind; man fühlt den muthigen Stolz des Jünglings, den sein Vater ermahnt hat,
seines Heldengeschlechts nicht unwürdig zu seyn; man theilt gern
Von allen diesen Bildern auf einmal gerührt, wer begleitet sie nicht da, wenn sie
nun, nach Handschlag und Waffentausch, sich wieder in das Getümmel der Schlacht
versenken, mit wehmüthiger Rührung? wer ist nicht von dem tiefen Gefühl für die
Grösse und den Edelmuth, aber zugleich für die Ohnmacht und Verblendung des
Menschen durchdrungen, durch die er nur als
Unser Dichter hat keinen so grossen und glänzenden Schauplatz, keine so reiche Anzahl von Nebenfiguren, durch welche die Hauptfiguren von selbst hervortreten, keine Helden und Heldengeschlechter, welche die Phantasie von selbst, und ohne dass es dazu nur eines Winkes bedarf, in die Vergangenheit zurückführen; unbekannt und von Unbekannten abstammend, müssen die Personen, die er uns zeigt, allein durch sich selbst gelten. Wie hat er es nun angefangen, um ihnen den Adel und die Grösse zu geben, ohne welche keine tiefe dichterische Wirkung möglich ist?
Der glückliche Sänger der Vorzeit konnte vor den Sinnen und der Einbildungskraft einen reichgestickten, farbigen Teppich voll der mannigfaltigsten Gestalten in üppigem Reichthum abrollen; er, welcher durch seine Zeit, seine Sprache und seinen Stoff dieses Vorzugs entbehrte, musste seine Mittel mehr in dem Innern des Gemüths und der Stimmung desselben aufsuchen: was jener in der Natur und der Welt fand, musste dieser unmittelbar in den Menschen legen.
Wo also die Figur auftritt, sie mit dem hohen Styl zu zeichnen, der die Seele zugleich erstaunt und fesselt; sie mit entschiednen und kräftigen Zügen, ohne dass eine Absicht errathen werden kann, auf den Vordergrund des Ganzen hinzustellen; den Leser durch auffallende Wirkungen, die sie hervorgebracht hat, wie durch ein Licht, das, von ihr ausstralend, ihr Daseyn, noch ehe sie selbst erscheint, schon verkündigt, auf sie vorzubereiten; sie selbst selten zu zeigen und doch sogar abwesend ihre Gegenwart immer und ununterbrochen wirksam zu erhalten; ihr Bild dadurch immer wachsen zu lassen, dass die Höhe des Tons und der Stimmung im Ganzen zunimmt; und sie überhaupt immer mehr in dem Widerschein ihres Wesens, als unmittelbar in diesem selbst zu zeigen — war alles, was ihm unter diesen Umständen übrig blieb, und diess hat er so treflich zu benutzen verstanden, dass sich der Leser nun dennoch der ganzen und vollen Wirkung erfreut.
Herrmann und Dorothea sind beide durchaus so gehalten, dass keine dieser beiden Gestalten vor der andern hervortritt. Wie sie in der Handlung, in der sie der Dichter zeigt, Eins sind, wie ihre ganze Seele nur gegenwärtig mit einander beschäftigt ist, so sind sie auch nur gleichsam als ein einziges Individuum geschildert. Ueberall erscheinen sie nur immer in Beziehung auf den andren, überall sieht man in dem einen auch den andren zugleich mit, und ihre beiderseitige Natur schmilzt eben so fest und vollkommen zusammen, als ihre Herzen unzertrennlich verbunden sind.
Aber (denn auch darin ist die Ordnung der Natur so schön beobachtet) Herrmann tritt überhaupt mehr und von Anfang allein auf; wir lernen Dorotheen nur durch ihn kennen, durch das ganze Gedicht erscheint sie immer nur als ihm bestimmt oder angehörend, und wenn sie am Ende einen Augenblick eine eigne Selbstständigkeit gewinnt, so geschieht es nur, um durch diesen Muth und diese Kraft der weiblichen Anhänglichkeit noch mehr Adel und Würde zu geben. Darum bleiben wir hier nur bei Dorotheens Schilderung stehen. Herrmann, als die Hauptfigur des Gedichts, zeichnet sich von selbst; indess werden wir doch bald sehen, dass auch er seine eigentliche Grösse von der Einbildungskraft des Lesers nur dadurch gewinnt, dass wir seine Gestalt in Dorotheens Wesen, wie in einem reineren Medium, wieder erblicken.
So tragen und heben beide Figuren sich immer nur gegenseitig; und indem die Phantasie, den fixen Punkt aufsuchend, an dem das Ganze befestigt ist, immer von der einen zur andren hinüberschwanken muss, indem das Bild beider, wie ein Licht zwischen zwei Spiegeln, immerfort von der einen in die andre zurückgeworfen wird, erhalten sie immer schwellende und unendliche Umrisse.
Was diesem ganzen
Fast nirgends fällt diess so lebhaft ins Auge, als bei dem ersten Erscheinen Dorotheens. (S. 29.) Ihr Bild ist da mit so sichrer Meisterhand hingestellt, dass es in dem Gemüthe, wie festgewurzelt, haftet.
Man glaubt eine der hohen Gestalten zu sehen, die man bisweilen auf den Werken der Alten, auf geschnittenen Steinen erblickt. Man fühlt sich betroffen und hält inne; man begreift nicht, wodurch und womit diess gemacht ist. Der Dichter hat bloss die einfache Handlung erzählt; aber man kann sich nicht enthalten, dieser Erscheinung noch einen Augenblick zuzusehen. Sie steht zu auffallend da.
Von der Erzählung im vorigen Gesänge (S. 13.) her
Nach dieser ersten Einführung ist der zweite Moment des Erscheinens der Jungfrau
erst in der Stelle, die wir im Vorigen genauer geprüft haben. Aber auch indess
verlässt sie den Schauplatz nicht; von diesem ersten Augenblick an bleibt sie dem
Leser gegenwärtig und wirkt vor ihm in Herrmanns Seele, in seinen Reden und
Entschlüssen fort. Ja, noch ehe sie der Dichter wirklich auftreten lässt, erschien
sie schon in der Umwandlung seiner Gestalt und seines Wesens, welche die bei
seinen Eltern versammelten Freunde gleich beim Hereintreten an ihm bemerken. (S.
27)
Die Schönheit des Moments, wo in der beginnenden Reife des Jünglingsalters ein
Gegenstand sich plötzlich der Seele bemeistert, weil in Einem Augenblick eine
Leidenschaft angefacht wird, die für das ganze übrige Leben fortdauern soll, wird
durch diese Stelle und die ganze Schilderung der nun erst erwachenden Gefühle
Herrmanns in allem ihrem Reize vor das Gemüth des Lesers gebracht. Die
Veränderung, die er in seinem Wesen erfährt, erinnert an die wohlthätige Kraft,
mit der
Durch eine so wundervolle Umwandlung Herrmanns auf ihre nur erst dunkel geahndete
Ursach, durch die kraftvollen Worte, durch die sein Vater das Schicksal seines
Vaterlandes und das Glück seiner Familie (S. 22.)
Nachdem Herrmann seine Erzählung geendigt hat, entspinnt sich ein Gespräch zwischen ihm, seinen Eltern und seinen Freunden. Die Handlung geht fort: sein Vater macht ihm Vorwürfe über sein zu blödes und stilles Betragen; der bescheidene Sohn weicht den Vorwürfen aus und verlässt das Zimmer. Der Leser ist nun in das Interesse gezogen; er sieht eine Begebenheit anfangen, die ihm durch die darin verwebten Charaktere wichtig wird. Mit inniger Theilnahme folgt er der Mutter, wie sie dem Sohne nachgeht. Sie findet ihn auf dem Hügel, der Gränze ihrer Besitzungen, unter einem Baume sitzend.
Diess ist wieder eine der Stellen, in welchen der Dichter seine Kunst offenbart,
durch die Stimmung der Einbildungskraft des Lesers seinen Figuren Grösse und
Charakter zu geben. Mit dem Rücken gegen die Mutter gekehrt, sitzt Herrmann, auf
den Arm gestützt, und scheint in die Gegend zu schauen, jenseits nach dem Gebirge.
Wie er sich zur Mutter umwendet, sieht sie ihm Thränen im Auge. So überraschen wir
ihn mitten in seinen einsamen Selbstbetrachtungen, und schon der Ort, auf dem wir
ihn antreffen, macht uns diesen Moment bedeutender. Am Ende des langen Weges, den
wir, unruhig suchend, mit der Mutter zurückgelegt haben, auf einer Höhe, von der
wir auf das Städtchen und die Wohnung hinabschauen, die wir eben verliessen,
mitten in einem kräftig flutenden Kornfelde, steht ein Baum, dessen Alter
Welchem Leser werden hier nicht Augenblicke seines Lebens einfallen, wo er sich in ähnlichen Stimmungen, in ähnlichen Lagen befand; wer wird sich nicht erinnern, wie alsdann ein Gebirge, das sich am äussersten Horizont hinzieht, den Blick einladet, von Gipfel zu Gipfel zu schweifen, wie das bewegte Herz eine unwiderstehliche Sehnsucht befällt, auch jenseits hinüberzuschauen, auch jenseits und drüben zu seyn, als wäre eine andere und bessere Welt durch diese Mauer von uns geschieden!
Aber es ist nur wenig, wenn der Dichter solche Stimmungen und Empfindungen in uns weckt: seine hohe und meisterhafte Kunst besteht darin, mitten aus ihnen und durch sie den Gegenstand in seiner lebendigen Wirklichkeit hervorgehn zu lassen; und gerade diess hat der unsrige hier erreicht. Statt dass wir Herrmann verlassen und uns Erinnerungen hingeben sollten, ist er es allein, der vor unsern Augen gegenwärtig ist; aber zugleich schwellen jene Erinnerungen unsern Busen, erfüllen sie unser Herz; wir sind uns ihrer nicht einzeln bewusst, aber ihre Wirkung ist in uns lebendig und trägt sich auf den Gegenstand über.
So kommt es schlechterdings nur darauf an, welche Richtung der Dichter unsrer Einbildungskraft zuerst gegeben, welchen Ton er angestimmt hat. Ist diese Richtung einmal entschieden objectiv, geht sie gerade darauf hin, Gestalten zu mahlen, nicht Gefühle zu er wecken, so mag er unser Inneres erschüttern, rühren, aufregen, so stark und mächtig es nur in seiner Kraft steht; alles wirkt doch nur dahin, die Welt, die er uns zeichnet, lebendiger vor uns hinzustellen, uns noch tiefer und mit noch mehr entschiedener Selbstvergessenheit in dieselbe zu versenken.
Wenn wir hier einen Augenblick bei dem Eindruck verweilten, den Herrmanns
Schilderung macht, so entfernten wir uns darum nicht von Dorotheen. Denn dieser
Eindruck, die heftige Bewegung,
Herrmann ist auf einmal aus allen gewohnten Gleisen seines Lebens herausgeworfen; das Erste, nach welchem er fasst, als er den engen Kreis seines bisherigen Lebens verlasse, ist auch das Höchste: das Schicksal seines Vaterlandes, seiner Nation, der Welt; es ist ihm zuwider, noch ferner unthätig zu seyn, er will wirken; er fühlt, dass es vergeblich seyn wird, aber sein Leben soll auch vergebens dahingehn.
Eine natürliche Wirkung der heftigen Leidenschaft. Sobald das bisherige Leben einmal unschmackhaft geworden ist, kann eine kräftige Natur nichts andres, als das gerade Gegentheil wollen; sie darf nicht einmal ihrer Thätigkeit einen andren, als einen unglücklichen Erfolg wünschen. Sich vergeblich aufzureiben, ist das Streben aller Verzweiflung. Sogar der Selbstmörder, der den Faden seines Lebens in diesem Zustand abschneidet, thut es nicht, um eines Daseyns los zu werden, dessen er müde ist, sondern um Kräfte, die etwas wirken könnten und die das Schicksal nun einmal nicht nach seiner Weise wirken lassen will, nun auch absichtlich umsonst wegzuwerfen. Solche Verzweiflung aber erregt bloss die Unmöglichkeit, dasjenige zu erreichen, was uns durchaus gemäss ist. Sobald diess nicht der Fall ist, giebt uns das Entbehren dessen, was wir umsonst zu besitzen wünschen, wohl eine andere Richtung, aber schleudert uns nicht in das gerade Gegentheil hin. Diess ist Ein Punkt.
Ein zweiter ist folgender. Herrmann geht mit seiner Mutter zum Vater, dessen Einwilligung zur Verbindung mit Dorotheen zu suchen. Wie er die Worte ausgesprochen hat:
erkennt auch der Geistliche, dass diese Worte in einem Augenblick gesagt sind, der besser, als alle Berathung über das Leben und das Geschick des Menschen entscheidet. Was wir nur wünschen, worüber wir rathschlagen, dessen können wir noch entbehren. Was uns unentbehrlich und nothwendig ist, was unsre Natur unmittelbar fordert, das spricht ein einziger Augenblick aus. Ein solcher ist jetzt für Herrmann gekommen.
Aber bei ihm kann man (und diess ist der dritte Punkt) noch sicherer seyn; was er begehrt, das ist ihm gemäss und das hält er fest.
Wenn es uns gelungen ist, den Leser durch die bisherigen Betrachtungen auf den rechten Standpunkt zu führen, den Charakter dieses Gedichts treu und wahr aufzufassen; so muss derselbe bereits fühlen, dass unser Dichter nie unbestimmt nach dem Grossen, Starken, Erhabenen, sondern immer nach dem Vollkommnen und Vollendeten strebt, dass er nicht auf die Erreichung eines hohen Grades, sondern des Absoluten ausgeht. Diess beweist, mehr als eine andre, die hier ausgehobene Stelle.
Ein anderer Dichter hätte sich begnügt, die Treflichkeit des Mädchens in der blossen Stärke der Wirkung zu schildern, die es auf den Jüngling gemacht hat, und diess Mittel wäre auf keine Weise verwerflich gewesen. Der unsrige thut zugleich weniger und mehr. Er scheint anfangs wenig darum bekümmert, den Eindruck zu mahlen, den Herrmann erfahren hat; er lässt ihn in seiner Erzählung keinen Augenblick aus seinem ruhigen, einfachen, beschreibenden Ton herausgehen; aber er führt die Umstände so, dass er unwiderstehlich darthut, dass Dorothea ganz und gar und nur sie dem Wesen des Jünglings angemessen ist, dass sie sein werden muss und dass er aus seiner ganzen Natur herausgehoben ist, wenn er sie nicht besitzt.
Wie viele Vortheile gewinnt er nun auf einmal! Alles, wodurch Herrmanns Charakter
überhaupt geschildert ist, wirkt nun auf diesen einzigen Moment und dieser wieder
darauf zurück. Dorothea erscheint nicht bloss in einer unbestimmten Grösse, in
einer Wirkung, aus der sich der Gegenstand, der sie hervorgebracht hat, immer nur
schwankend erkennen lässt; sie steht in den bestimmtesten Umrissen da. Denn wir
kennen Herrmann, und sie ist das Mädchen, das ein solcher Jüngling bedarf. Dadurch
ist sie zugleich gerade in der Gattung von Treflichkeit gezeichnet, die am besten
zu dem Geist des ganzen Gedichts passt:
Aber nachdem der Dichter die Umrisse seiner beiden Hauptfiguren so bestimmt gezeichnet, sie uns so fest eingeprägt, unser Herz so innig für sie erwärmt hat, giebt er auf einmal unsrer Einbildungskraft einen kühneren Schwung, versetzt er den Gegenstand, der uns, noch immer abwesend, so einzig beschäftigt, plötzlich wie in höhere Sphären.
ruft Herrmann aus,
Das Schicksal der Welt knüpft sich nun an das ihrige an und leiht ihr einen neuen befremdenden Glanz.
Die Stelle, wo Dorothea zum erstenmal selbst auftritt und wo wir mit ihr unter den Ihrigen verweilen, soll das Bild, das wir uns schon von ihr gemacht haben, weder erhöhen noch vergrössern; diess ist jetzt noch nicht nöthig und bei dieser Veranlassung nicht mehr möglich; sie soll uns nur damit vertraut machen und es in uns befestigen.
Das Mädchen, das wir bisher bloss in dem Spiegel des Eindrucks sahen, den es gemacht hatte, glich noch zu sehr jenen zauberischen Schattenbildern, die wie aus einer andren Welt zu uns herüberstralen; sie soll jetzt zur Wirklichkeit, ins Leben herabgeführt werden; wir sollen ihr näher treten, ihre Schicksale kennen, sie nicht mehr bloss mit dem bezauberten Blick der Liebe, sondern mit dem natürlichen Auge des blossen Beobachters ansehen. Herrmann ist zurückgeblieben, und wir sind nur in der Gesellschaft seiner unpartheiischen Freunde.
Wir finden Dorotheen noch eben so gut und brav, als vorher; aber der Zauber ist
hinweggenommen, der sie bis dahin, wie ein leiser Hauch, überkleidete. Ihre
hülfreiche Thätigkeit, die erst etwas Heroisches hatte, ist mehr zu dienstbarer
und gefälliger Geschäftigkeit geworden; sie erscheint als Weib und als Mädchen, da
wir sie vorher gern in Herrmanns Seele in der Sprache
Der Dichter weiss, dass der Mensch immer das Grosse, Erhabene, Uebermenschliche sucht, aber dass er, um es festzuhalten, es sich aneignen, es menschlich machen muss; darum führt er ihn erst in kühnen Flügen dazu hin und lässt ihm hernach Zeit, es unter veränderten Formen sich näher zu bringen. Er wechselt die Töne, um aus seinem Werke ein Ganzes zu machen, das dem wirklichen Leben selbst gleich sey.
Zwar ist es gerade hier, wo die Heldin unsres Gedichts am meisten heroisch
erscheint, wo wir durch die Erzählung des
Allein wenn diese Stelle dazu bestimmt wäre, das Bild, das wir uns schon bis dahin von ihrem Muth und ihrer Stärke gemacht haben, noch beträchtlich zu vergrössern, so hätte sich der Dichter in seiner Berechnung betrogen. Er hat sie uns auf eine ganz andre, bei weitem sinnlichere und poetischere Weise in die Einbildungskraft einzuprägen verstanden, als dass eine einzelne Handlung, und die wir überdiess nur aus dem Munde eines Dritten vernehmen, dazu noch viel hinzuzusetzen im Stande wäre.
Dennoch ist dieser Zug auf keine Weise müssig. Es musste etwas da seyn, wodurch
Dorothea auch ganz und allein für sich aus der Masse der übrigen Figuren
herausgehoben wurde; wir mussten sieDer erste Druck hat „sie sehen“.
So unläugbar es indess auch nothwendig war, Dorotheen durch einen eigenthümlichen
Zug hier herauszuheben, so ist es doch eine andere Frage, ob der Dichter hierin
den rechten gewählt hat? Wenigstens müssen wir offenherzig gestehen, dass, so oft
wir noch
Die Einbildungskraft kann nicht anders, als sich das Bild der Handlung vorstellen wollen, in der die Jungfrau gezeigt wird. Sie muss sie, den Säbel in der Hand, die Feinde vertreibend, vor sich hinzeichnen. Zu diesem Bilde aber von demjenigen, das sie bisher von ihr gehabt hat, überzugehen und von da aus zu diesem zurückzukehren, macht ihr Mühe; sie findet etwas Grelles, einen Sprung darin. Und wenn diess wirklich der Fall ist, so hat auch der Dichter gefehlt. Denn die dichterische und vorzüglich die epische Wirkung beruhet gerade darauf, dass man in allen verschiednen Lagen und Stellungen derselben Figur immer sie selbst klar wiedererkennt, dass es wirklich nur dieselbe Gestalt ist, die sich bloss verschiedentlich bewegt, und dass die Einbildungskraft mit vollkommen ungehinderter Leichtigkeit immer von jeder auf alle übergehen kann. Dadurch allein erlangt sie wahrhaft unendliche Umrisse, verbindet sie alles Wechselnde und Mannigfaltige in Ein Bild, dass sie, sich immer im Mittelpunkte erhaltend, von da aus diese Uebergänge wirklich versucht und überall zwar bestimmt, aber leise, überall fest, aber mit schon wieder weiter gleitendem Fusse auftritt.
Der weibliche Heroismus ist überhaupt und besonders in unserer Zeit
schwer und zart zu behandeln. Zwar wäre es vielleicht möglich, auch noch
jetzt eigentliche Amazonencharaktere mit dennoch rein bewahrter Weiblichkeit
zu zeichnen; aber zu diesen gehört Dorothea nicht. Dorothea kann einen Mord,
selbst den eines übermüthigen Feindes, nie im mindesten aus freiem
Entschluss, immer nur durch die äusserste
Goethe verteidigt das hier
besprochene Motiv gegen Humboldts Tadel in einem Gespräch mit
Eckermann vom 23. März 1829
(
Bis hierher hat der Dichter seine Hauptwirkung nur vorbereitet; jetzt heben erst seine höchsten und glänzendsten Momente an, jetzt auch kann erst Dorotheens Gestalt in dem ganzen Reiz ihrer Schönheit erscheinen.
Dieser Punkt ist durch ein vollkommen neues und trefliches Gleichniss auf eine bedeutende Weise bezeichnet. Wie der Wandrer das Bild der sinkenden Sonne, noch nach ihrem Verschwinden, vor seinen Augen schweben sieht, so sieht Herrmann das Bild seiner Geliebten, und wie er sich umdreht, steht sie selbst vor ihm da.
Diese so natürliche und doch so nahe ans Wunderbare gränzende Erscheinung versetzt den Leser auf einmal in eine höhere, mehr phantastische Stimmung, die nun bis ans Ende des Gedichts, nur immer steigend und wechselnd, fortdauert. So wie er hier ihr Scheinbild und ihre wahre Gestalt dicht neben einander erblickt, so wird sie ihm nun immerfort bald in der ruhigen Besonnenheit, in der thätigen Gewandtheit, die heiter und glücklich durchs Leben führt, bald in der schwärmerischen Grösse, in der hohen Begeisterung gezeigt, die über das Leben hinausgeht.
Der Ton, den der Dichter jetzt, da er noch reiner und stärker, als bisher auf die blosse Phantasie einwirken will, zuerst anstimmt, ist der der Heiterkeit und Anmuth. Dadurch erhält er sie leicht und künstlerisch bewegt, dadurch macht er, dass, wenn er zuletzt kühner in die Saiten seiner Leier eingreift, vollere und mächtigere Accorde anschlägt, sein Lied doch nur immer ein schönes Spiel der Kunst bleibt, nie zur drückenden Wahrheit wird.
Am Brunnen sehen wir das liebende Paar:
erscheint die Jungfrau; auf der Mauer des Quells sitzend, sehen sie sich im Spiegel des Wassers und grüssen sich dreister und freundlicher in diesem Bilde, als ihre wirklichen Blicke es wagen. Welche Wahrheit und Lieblichkeit in dieser Schilderung! welche schöne Bilder ruft diese Zusammenkunft am Brunnen aus jener patriarchalischen Zeit zurück, wo Fürstentöchter selbst Wasser zu schöpfen kamen und der Bund der Liebe und Ehe oft am rieselnden Quell geschlossen wurde!
In diesem Ton ist auch die ganze Unterredung gehalten. Vorzüglich erscheint immer das Mädchen leicht, gewandt und besonnen; sie kommt dem Jüngling immer gefällig und freundlich zuvor; aber wo er, dessen Herz immer von seinen Gefühlen schwer und gepresst ist, seine Empfindungen reden lassen will, da schneidet sie ihm immer, und immer natürlich und gerade, ohne künstlich auszuweichen, auf eine kurze, heitre und verständige Weise den Weg dazu ab. Es ist ihm unmöglich, von Liebe zu sprechen;
Welche treffende Schilderung der schönen Leichtigkeit des weiblichen Charakters, mit welcher die Weiber, durch ihr ganzes Wesen idealischer und künstlerischer gestimmt, die Liebe nur wie ein anmuthiges Spiel behandeln und an diess Spiel dennoch reiner und wahrer ihr ganzes Daseyn hingeben, als der schwerfälligere Mann an den feierlichen Ernst seiner Gefühle.
Haben wir Dorotheen bis hierher rüstig und thätig, muthvoll und entschlossen,
lieblich und heiter gesehen, so tritt sie nun gross und erhaben auf. Nicht dass
der Dichter ihrem Bilde gerade neue Züge hinzufügte; aber er weiss unsrer
Einbildungskraft einen andren Schwung zu geben. Der Tag neigt sich zum Abend, die
Sonne geht unter, Gewitterwolken hängen drohend vom Himmel herab, und, wie die
Natur um sie her, werden auch die Gefühle der beiden Liebenden düstrer und
schwerer. Hier wachsen ihre Gestalten vor unsren Augen von Schritt zu Schritt, ein
schöner
Jede dieser Schilderungen ist über allen Ausdruck dichterisch und in allen zusammen lebt eine so ächt darstellende Kunst, dass sie den Gegenstand nicht allein in allen seinen Umrissen, sondern zugleich immer in der Grösse und der Farbe mahlen, welche die Stimmung der Einbildungskraft in dem jedesmaligen Augenblick fordert. Alle drei sind von den herrlichsten Naturbeschreibungen begleitet; erst stralt noch die Sonne hier und da aus dem Wolkenschleier, in den sie verhüllt ist, hervor und wirft mit glühenden Blicken eine ahndungsvolle Beleuchtung über das Feld; dann in dem Augenblick, wo sie ruhig unter dem Birnbaum sitzen, ist es Nacht, aber der Mond glänzt voll vom Himmel herunter, und in Massen geschieden liegen Lichter, hell wie der Tag, und Schatten dunkeler Nächte; endlich überblickt auch dieser sie nur noch mit schwankenden Lichtern und lässt sie zuletzt, vom Gewitter umhüllt, in völligem Dunkel.
In diesem letzten Moment, wo die Gefühle der beiden Liebenden, die überhaupt im Menschen so gern und leicht die Farbe des Tags und der Natur annehmen, den äussersten Gipfel erreicht haben. Herrmann mit qualvoller Ungeduld der Entscheidung seines Schicksals und der Auflösung der Verwirrung, die er angerichtet hat, entgegensieht, Dorothea durch die Stille der Natur um sie her und das freundliche Gespräch mit dem Jüngling, den sie liebt, ihre sehnsuchtsvollsten Hofnungen belebt fühlt, kommt alles zugleich zusammen, auch das Gemüth des Lesers aufs höchste zu spannen und in seinem Innersten zu bewegen. Man sieht nicht mehr Herrmann und Dorotheen allein, man erblickt in ihnen die männliche und weibliche Grösse selbst, in ihren vollsten Gefühlen, von den höchsten Kräften gehalten.
So wie in dem letzten Augenblick auf den Stufen des Weinbergs das Dunkel der Nacht die beiden Liebenden umgiebt, so liegt auch über ihren Gefühlen selbst eine dumpfe Schwermuth verbreitet. Der Moment, in welchem sie, der eigentlichen Entwicklung zueilend, in das Haus der Eltern treten, muss sie in lichtvoller Klarheit zeigen; und dieser kommt nun heran.
Eine solche Klarheit plötzlich um sie zu giessen, macht der Dichter eine Pause und ändert den Ton seines Gesanges. Dass der Eindruck jener letzten Situation nicht zu drückend werde, dass er nicht aus dem Gebiete der Kunst und der Einbildungskraft herausgehe, ruft er die Musen, diese Wesen der Phantasie, an; und der Stärke gewiss, mit der er sich des Zuhörers bemächtigt hat, scheut er sich nicht, ihn selbst daran zu erinnern, dass es nicht Wahrheit, sondern nur ein Spielwerk der Kunst ist, was er ihm zeigt. Hierauf lässt er ein Gespräch im Hause der Eltern folgen und setzt an das Ende desselben eine herrliche Stelle über den Werth und die Fülle des Lebens in der Natur — den Ausdruck der schönen und menschlichen Gesinnung, die in allen Perioden des Alters nur das aufsucht, was sie zu höherem und vollerem Wirken vereinigen, wodurch sich Leben im Leben vollenden kann.
Bei diesen Worten betritt das Paar die Schwelle. Nun drängt sich in der Einbildungskraft des Lesers auf Einmal alles zusammen, sie in lichtvoller Grösse hinzustellen; nun scheint die Thüre zu klein, die hohen Gestalten einzulassen. Zugleich aber sieht man sie so sehr für einander bestimmt und geschaffen, dass das Höchste, was der Dichter über die Bildung der Braut zu sagen weiss, nur das ist, dass sie des Bräutigams Bildung vergleichbar sey.
In dieser Einfachheit liegt in der That etwas erstaunlich Erhabenes. Statt uns
durch eine andre Vergleichung von den beiden Figuren, die uns allein beschäftigen
sollen, zu entfernen, drängt er uns mit Gewalt zu ihnen zurück; und indem er, wie
die Natur selbst, den Mann zum Maassstabe annimmt, führt er uns gleich zu der
wahrsten und einfachsten Ansicht der Menschheit und entfernt jede kleinliche
Vorstellung, welche eine verzärtelte Cultur
Aber weniger gross und erhaben durfte er uns auch Dorotheen nicht darstellen, wenn der letzte Theil der Begebenheit, welcher das ganze Gedicht beschliesst, seine volle Wirkung ausüben, wenn neben dem Adel und der Grösse der Gesinnungen, welche Dorothea ausspricht, und bei der erschütternden Naturscene, die uns der Dichter zugleich schildert, dem rollenden Donner, den herabschlagenden Regengüssen, dem sausenden Sturm, nicht das Mädchen selbst und seine Gestalt vor unsrer Einbildungskraft verschwinden sollte.
Wer nach dieser Schilderung Dorotheens, der wir mit Fleiss Schritt für Schritt gefolgt sind, ihr Bild in den verschiednen Momenten, die wir bezeichnet haben, zurückruft und sich dann an dasjenige erinnert, was wir diesem Gedicht eigenthümlich nannten, der wird sich nicht enthalten können, unsre Behauptung aufs pünktlichste und genaueste wahr zu finden.
Der Dichter hat die Gestalt des Mädchens nirgends eigentlich beschrieben; er hat sie selbst vor uns hingestellt. Er hat nie einzelne Theile für sich herausgehoben, sondern immer nur auf die Schilderung des Ganzen hingearbeitet; er hat nirgends überflüssige Farben aufgetragen, sondern immer nur die Umrisse der Formen gezeichnet; er hat nie gesucht, Viel und Mannigfaltiges, sondern immer nur Eins und ein Ganzes darzustellen. Dadurch hat er die Einbildungskraft seines Lesers genöthigt, sich ganz in den Gegenstand zu versenken, und ihr weder Freiheit noch Zeit gelassen, sich mit etwas andrem oder mit sich selbst zu beschäftigen, sie gezwungen, denselben durchaus rein und allein aus sich selbst zu erzeugen.
Um diess Letztere in vollem Maasse zu erreichen, hat er ihr den Grad und die Farbe
ihrer Stimmung von Augenblick zu Augenblick vorgeschrieben und doch dabei
verstanden, weder sich selbst je von seinem Stoff zu entfernen noch auch sie je
von demselben ab in sich zurückzuführen. Denn statt, wie der lyrische Dichter da,
wo er Schilderungen braucht, zu thun pflegt, un-
Die Kunst, wodurch er der Einbildungskraft seines Lesers diese vollkommne
Objectivität und Gesetzmässigkeit einflösst und doch eigentlich mehr sie zu
stimmen, als seinen Gegenstand ängstlich und Zug für Zug zu beschreiben
beschäftigt ist, besteht bloss darin, seine eigne zu erwärmen und zu begeistern.
Sobald seine Natur dichterisch genug ist, d.h.
Dadurch gelangt er zu der reinen und hohen Objectivität, die wir nun stufenweis beschrieben haben; dadurch nöthigt er unsre Einbildungskraft, nicht bloss überhaupt bildend zu verfahren, nicht bloss überhaupt sinnliche Gestalten hervorzurufen, sondern ununterbrochen fort allein an der Erzeugung des Einen Gegenstandes zu arbeiten, der ihn selbst begeistert, und sich mit ihm nur durch die vollendete Darstellung dieser Einen Form zu befriedigen.
Die erste Eigenschaft, die wir bis jetzt vorzugsweise an
Beide sind gewissermassen mit einander verwandt. Die erstere beruht auf einem rein beobachtenden und bestimmt bildenden Sinn, auf der Fähigkeit, die Natur in aller ihrer Wahrheit aufzufassen und in der ganzen Bestimmtheit ihrer Formen, der ganzen Festigkeit ihres Zusammenhanges wieder darzustellen. Einem solchen äussern Sinn muss ein ähnlicher innrer entsprechen. So wie jener sich in der äussern Natur vorzugsweise an ihrer Gesetzmässigkeit und ihrer Realität erfreut, so muss dieser dieselben Eigenschaften in dem Innern des Gemüths und dem Charakter der Menschheit aufsuchen. Er kann daher nur bei ihren grössesten, einfachsten und wesentlichsten Formen verweilen.
Wer sich in dieser Stimmung befindet, wird überall nur die Natur mahlen, nur sie in ihrem innern Charakter und ihrer äussern Gestalt. Er wird daher auch den Menschen am liebsten von den Seiten betrachten, von welchen er geradezu mit ihr übereinstimmt, lieber da, wo er als Gattung erscheint, als da, wo er in einer entschiedenen Eigenthümlichkeit auftritt. Die Einfachheit des Stoffs, den er schildert, wird auf seine Schilderung selbst übergehen. Er wird immer innerhalb des Tons ruhiger Darstellung bleiben, immer nur, indem er einen Theil an den andern anfügt, das Ganze hinzustellen bemüht seyn, nie mit seinem Ausdruck hinter der Sache zurückbleiben, aber auch nie mit demselben darüber hinausgehn. Er wird immer den treffendsten und kräftigsten in seiner Macht haben, nie aber einen bloss kühnen oder glänzenden suchen.
Das Gepräge einer solchen Einfachheit und Wahrheit nun trägt das gegenwärtige Gedicht in einem auffallenden Grade an sich. Es ist überall nur die Sache, die wir vor uns erblicken, und sie immer in ihrer wahren und nackten Gestalt. Aber noch mehr, als im Ton und der Sprache fällt diese Einfachheit in den Gesinnungen und Charakteren auf.
Es ist kaum möglich, ein einzelnes Beispiel für eine Behauptung herauszuheben, für
die eigentlich alles zugleich spricht. Allein wenn es dennoch eines Beispieles
bedarf, so erinnere man sich an die Schilderung der Mutter Herrmanns. Unter allem,
was in der Natur einfach genannt werden kann, ist kaum etwas andres, was diesen
Namen in höherem Grade verdiente, als die Liebe einer Mutter zu ihrem Kinde. Aus
der natürlichsten Verbindung entsprungen, durch die natürlichsten Verhältnisse
fortgepflanzt, auf
Aber wieviel einfacher wird dieses Bild mütterlicher Zärtlichkeit noch unter den Händen unseres Dichters! Er schildert nicht den Zustand heftiger Leidenschaft, nicht die qualvolle Furcht vor einem drohenden oder den zerreissenden Schmerz über einen erlittnen Verlust; auch bei ihm ist das mütterliche Herz um das Glück des Sohnes besorgt, aber diese Besorgniss entspringt mehr aus der Aengstlichkeit der Liebe, als aus der dringenden Lage der Umstände. Er zeigt uns nicht die Sorgfalt für die ersten Jahre der Kindheit, für den erst stammelnden Säugling — eine Lage, die durch die zarte Unschuld, die liebliche Anmuth, die abhängige Hülflosigkeit dieses Alters einen eigenthümlichen Reiz gewinnt. Er schildert uns die Mutter mit dem erwachsenen Sohn, also in Verhältnissen und Empfindungen, die, um unsrem Herzen wichtig zu werden, nichts als ihre einfache Wahrheit, ihre tiefe Innigkeit besitzen. In dem Charakter dieser Mutter selbst hat er alle Einfalt einer schönen und reinen, aber schlichten Natur vereinigt, sie überall sonst nur als die hülfreiche Gattin, die geschäftige Hausfrau gezeichnet und diess Bild noch durch die Züge verstärkt, die er von einer gewissen kindischen Naivetät in ihrer früheren Jugend erzählt.
Gerade aber durch diese Kühnheit, seinen Gegenstand schlechterdings da
aufzunehmen, wo er bloss Natur ist, führt er ihn auf eine Stufe einfacher
Erhabenheit, von der wir sonst kaum einen Begriff haben. Wenigstens erinnern wir
uns bei keinem andren Dichter einer Schilderung einer Mutter, die an Natur und
Wahrheit, an Grösse und Schönheit der Gesinnung mit dieser verglichen werden
dürfte. Wie gross und edel irgend einer der
Darum ist die Liebe dieser Mutter nicht bloss stark und innig, sondern zugleich auch so zart, darum ihr Sinn so fein, die innersten Gefühle ihres Herrmanns mitten aus seinen halb verstellten, halb verwirrten Worten zu enträthseln, darum ihre Schonung für jede Denkungsart so schön, ihr Sinn für jede Eigenthümlichkeit in der Menschheit so gross und menschlich. Zu der Liberalität, die sonst nur Philosophie und Nachdenken, zu der Feinheit, die nur mühsam erworbene Menschenkenntniss verschaft, gelangt sie allein auf dem Wege der einzigen Empfindung, welcher sie ganz und ausschliesslich angehört.
Einer solchen Liebe der Mutter muss eine gleiche Zärtlichkeit des Sohnes entsprechen. Diese hat uns auch der Dichter gezeichnet; wir sehen seine starke Anhänglichkeit, sein grosses und zuversichtliches Vertrauen; aber er scheut sich sogar nicht, uns hier in das kleinste Détail einzuführen, uns zu erzählen, dass z.B. der Sohn sich nie vom Hause entfernte, ohne seine Mutter vorher davon zu unterrichten.
ass Züge dieser Art nicht kleinlich, nicht gemein werden, ist das Verdienst der Kunst und hierin besteht ihre Grösse. Zwar pflegt man das Einfache an sich gross zu nennen. Aber es ist diess nie von selbst, immer allein durch die Ansicht oder die Behandlung, immer nur dadurch, dass man es als Natur, also in der Wahrheit, der Realität, dem Zusammenhange darstellt, welche dieser eigen sind.
Wovon wir also zuerst ausgingen, darauf allein kommt alles an, überall, im
Aeussern und Innern, in den sinnlichen Formen und in den Veränderungen unsres
Gemüths, nur die
Dadurch nun, dass unser Dichter, immer hiermit beschäftigt, das menschliche Gemüth
und seine Gesinnungen so klar und offen darlegt, erlangt er eine Einfachheit und
Wahrheit, bringt er uns seinen Stoff mit einer Innigkeit ans Herz, die nur ihm
allein
Wir bleiben schlechterdings in demselben Kreise, in welchem wir einmal zu leben gewohnt sind; aber wir werden mit diesem ganzen Kreise auf eine ungewohnte Höhe erhoben: die Wirklichkeit in und um uns leidet kaum eine Veränderung in ihrer Beschaffenheit; aber sie ist gar nicht mehr Wirklichkeit, sie ist nur reines Erzeugniss der dichterischen Einbildungskraft.
Die vollendete Darstellung der Menschheit durch die Einbildungskraft kann nicht anders, als mit Hülfe der beiden Eigenschaften gelingen, die wir bis jetzt betrachtet haben, nicht ohne einen ruhig bildenden Sinn und eine gewisse Anhänglichkeit an die einfache Wahrheit der Natur. Auf diesen beiden Stücken beruht daher vorzüglich aller Künstlerberuf.
Diese glückliche Dichteranlage nun, dieser ächte Kunstsinn, der sich, wo er selbst
ist, auch auf Andre forterzeugt, war keinem Volk in so hohem Grade, als den
Das undurchdringliche Geheimniss der Kunst, man möchte sagen, die Technik, wodurch
die Alten diese Wirkung zu Wege
auf der natürlichen Zusammenfügung aller Theile zum Ganzen, in der, wie in der organischen Schöpfung selbst, jeder aus dem andern frei und doch nothwendig hervorgeht;
auf der Grösse und Reinheit der Elemente, aus welchen sie ihre Formen zusammensetzten; und endlich
auf einer gewissen kühnen Manier, mit der sie nie kleinlich und ängstlich dem Auge mahlten, sondern vielmehr die Phantasie nur mit Begeisterung und Kraft ausrüsteten, den bloss angelegten Umriss selbst zu vollenden.
Die Einbildungskraft war so mächtig in ihnen, so mit ihrer ganzen Natur in Eins verschmolzen, dass, wenn sie sich bei uns so oft durch die Heftigkeit der Begeisterung und ein gewissermassen gewaltsames Feuer ankündigt, sie bei ihnen mit allen den Eigenschaften verschwistert war, welche den Menschen weise und ruhig durch das Leben führen, mit dem streng organisirenden Verstande, dem ruhig aufnehmenden Blick und dem schönen Gleichgewicht aller Neigungen und Gemüthskräfte.
Dass dieser Geist, mehr als in irgend einem andren neueren Gedicht, in dem gegenwärtigen herrscht, haben wir im Vorigen bewiesen. Schon die Blicke, die wir bisher auf einzelne Theile desselben geworfen haben, reichen hin, die Einheit des Plans, die reine und volle Natur, die aus allen darin handelnden Charakteren und dem Geiste des Ganzen spricht, und die Festigkeit der Zeichnung, in der so oft ein einzelnes Beiwort auf einmal ein ganzes Bild zu vollenden genug ist, im Allgemeinen zu zeigen. Die sichere Kraft, die zugleich auf einem ruhig beobachtenden Sinn und einem überlegt anordnenden Verstande beruht, und die innige Wärme, die nur dann da ist, wann sich das ganze Herz gerührt fühlt, sind überall gleich sichtbar und wirksam.
Wie
Wenn wir so eben von einer gewissen Aehnlichkeit
Den ersten Unterschied treffen wir in der Art der Darstellung und dem Tone des Vertrags an.
Die Alten zeichnen fast durchaus nur Gestalten, Bewegung und Handlung; ihre ganze
Kunst ist lebendig, mannigfaltig und sinnlich. Die Begebenheiten, welche sie
schildern, haben immer etwas Grosses und Glänzendes; sie reissen durch das
Heroische in den Unternehmungen und die Wichtigkeit des Erfolgs zu
enthusiastischer Bewunderung mit sich fort. Der Glanz, worin sie schon dadurch
erscheinen, wird noch durch die beständige Mitwirkung überirrdischer Mächte
erhöht. Menschen und Götter sind auf demselben Schauplatz mit einander vermischt;
der natürliche Lauf der Ereignisse wird alle Augenblicke durch überraschende
Wunder unterbrochen; und als wäre der
Die Personen, die sie aufführen, theilen nicht allein grossentheils zugleich
denselben Glanz, sind Heroen, die zwischen dem
Könnte indess den Alten auch so noch etwas an sinnlichem Glanz und Reichthum mangeln, so wäre ihre Sprache allein mehr als hinlänglich, es zu ersetzen. So mahlerisch ist dieselbe in allen ihren Ausdrücken, so voll und üppig in dem Fluss ihrer Perioden, so wohlklingend in ihren rhythmischen Verhältnissen.
Alles diess zusammengenommen giebt der alten Kunst ein Leben und eine Fülle, eine sinnliche und einfache Grösse, eine so helle und glänzende Beleuchtung, dass ihr hierin die neuere niemals gleichzukommen vermag, wenn sie uns auch vielleicht dafür durch einen reicheren Gehalt für den Verstand und die Empfindung, eine feinere geistige Individualität und durch Töne, die unmittelbarer in unser Inneres eingreifen, entschädigen sollte.
Zwar kennen wir einige neuere Dichter, und unter diesen steht wiederum
Um den Vorzug dieser Objectivität, dieser Bestimmtheit und lichtvollen Klarheit
der Schilderungen nun kann unser Dichter mit jedem andren streiten; mit jedem hält
er in diesem Punkt die Vergleichung aus. Aber stellen wir ihn unmittelbar
demjenigen zur Seite, an den seine Gattung und sein Ton sonst am nächsten
erinnert, dem
Er hat nicht Götter und Heroen, er hat nur Menschen hinzustellen; er hat keine
Handlung, die das Glück von Nationen, von verschiedenen Völkerstämmen, das
Schicksal der ganzen bekannten Welt entscheidet, an der Himmel und Erde zugleich
Theil nehmen und über die der
In den Personen, welche der Dichter uns darstellt, herrscht zwar Bestimmtheit der Zeichnung und Mannigfaltigkeit der Gestalten. Aber nicht allein dass jede einzelne sich in ein anspruchloseres und bescheidneres Gewand hüllen muss, so kann er auch überhaupt nicht nur keine grosse Anzahl derselben in Handlung setzen, sondern, indem er auf Reichthum der Figuren Verzicht thun muss, auch nur eine schöne Stufenfolge von Charakteren schildern.
Seine Sprache endlich ist zwar durchaus dichterisch und ausdrucksvoll, und wo der
Gegenstand es verlangt, auch gross und
Vermag er indess nicht, den Alten gleich, durch sinnlichen Reichthum zu glänzen, so hat er es in seiner Gewalt, desto mehr durch einfache Wahrheit zu gelten; kann er die Sinne nicht gleich mächtig reizen, so kann er seine Dichtung desto tiefer in unsre Empfindung verweben, und wie viel er durch diesen Vorzug wiedergewinnt, werden wir gleich sehen, wenn wir nur erst noch jenen wenigstens scheinbaren Mangel in einem einzelnen Beispiel näher betrachtet haben. Dann wird sich zugleich unfehlbar zeigen, wie dieser letztere gerade durch jene höhere Vortreflichkeit nur noch sichtbarer hervortreten muss.
Seinen grössesten und sinnlichsten Glanz erhält der epische Dichter durch die
Einmischung des
Auch unser Dichter hat sich diess Wunderbare zu eigen gemacht. Zwar konnte er es nicht gebrauchen, um seinem Stoff dadurch Würde und Grösse zu geben. Aber er konnte es nicht entbehren, weil der Mensch, dessen Schilderung sein Geschäft ist, nicht ohne dasselbe seyn kann, weil er der Empfindung, die es hervorbringt, so sehr bedarf, dass sie bei jedem, mitten in dem einfachsten Lebenskreise, nur seltner oder öfter zurückkehrt.
Das Leben wäre von der langweiligsten Einförmigkeit, wenn
Diess hat unser Dichter zu benutzen verstanden, und wenn nun bei anderen neueren
Dichtern das Wunderbare immer kalt und unnatürlich ist, weil es sich auf Kräfte
bezieht, die uns fabelhaft oder kindisch er scheinen, so hat er es unmittelbar aus
uns selbst geschöpft und ihm dadurch nichts von seiner überraschenden Wirkung
benommen. Allein freilich verliert es dadurch an der Grösse und dem Glanz, den es
sonst vor der Phantasie besitzt, und bleibt seiner eigentlichen Natur nur noch in
seinem ursprünglichen Begriff, in dem des
Wir haben schon im Vorigen zwei Stellen berührt, wo das eben Gesagte sehr sichtbar
ist, die Umwandlung, die der Geistliche in Herrmanns Wesen bemerkt, und die
plötzliche Erscheinung Dorotheens am Brunnen. Aber es ist noch eine dritte (S.
194.), noch mehr in den Faden der Erzählung verwebte übrig: die, wo Dorothea auf
den Stufen des Weinbergs ausgleitet und die üble Vorbedeutung, die sie daraus
zieht, durch die Verwirrung bei ihrem Eintritt ins Haus erfüllt wird.
Was die Alten also ausserhalb der Gränzen der Erde im
Wer
Wenn er den geringeren sinnlichen Reichthum, von dem wir im Vorigen redeten, nicht
als einen störenden Mangel empfindet, so wird er daran erkennen, dass der Dichter
sich auf einem andern
Und diess ist in der That auch der Fall. Wenn die Alten mehr die Natur in ihrer sinnlichen Pracht und Grösse mahlen, so legt er mehr das Innre der Mensch heit dar. Beide Gegenstände haben eine unwidersprechliche Grösse, der erstere ist ausserdem dem Wesen der Kunst mehr angemessen; aber wenn dieselbe auch in dem letzteren ihre ganze Schönheit erhält, so besitzt diess für uns, die wir mehr in Gedanken und Empfindungen, als in Anschauungen und Handlungen leben, vielleicht einen noch eigenthümlicheren Reiz.
Was unser Gemüth beständig beschäftigt, den Gedanken und das Gefühl, finden wir hier auf eine wunderbar grosse Weise behandelt und ausgebildet. Ueber die wichtigsten menschlichen Verhältnisse hören wir entgegengesetzte Meynungen mit einander ausgleichen; das Erhabenste, was über die Begebenheiten unserer Zeit gedacht werden kann, finden wir in seiner ganzen einfachen Grösse und vollkommen dichterisch ausgedrückt; unser Geist schwingt sich zu einer Höhe der Gedanken, die, man muss es offenherzig gestehen, den Alten schlechterdings fremd war. Es ist nicht, dass wir sie je in dem Gehalte gediegener Weisheit übertreffen, je die letzten Resultate besser und fester zusammenknüpfen könnten; aber es ist nur, dass sie den Gedanken, der doch auch so einer vollkommen künstlerischen Behandlung fähig ist, nie rein und für sich verfolgen und daher auch unserer Seele nicht den intellectuellen Schwung mitzutheilen vermögen, von welchem diess immer begleitet ist.
Auf eine ähnliche Weise verhält es sich mit der Empfindung. Wenn wir Herrmann und
Dorothea auf ihrem Wege zur Wohnung der Eltern begleiten, wie innig gehen wir da
in ihre Gefühle ein, wie durchdringen wir sie bis auf die innersten Falten ihres
Herzens, und wie tief führt uns diess in unsre eigne Brust, in die ganze
Menschheit zurück! Niemand kommt den Alten in der Wahrheit und Stärke gleich, mit
der sie Gefühle und Leidenschaften schildern. Aber wieder weil sie sich auch in
diess Gebiet nicht so einsam einschliessen, weil sie die Empfindung mehr im Ganzen
und in ihren Aeusserungen zeichnen, als im Einzelnen und für sich ent-
Dadurch sind zugleich alle Charaktere, nicht zwar in Rücksicht auf die natürliche Kraft und Schönheit, aber in Rücksicht auf eine gewisse feinere Bildung um eine Stufe höher gestellt. So einfach und ächt antik z.B. Dorothea geschildert ist, so besitzt das Alterthum dennoch keine weibliche Gestalt, die ihr an innerer Zartheit gleichkäme. Selbst in Herrmann ist etwas, wofür die Helden der Alten keinen Sinn haben würden; und wenn die Mutter schöner und grösser gehalten ist, als wir es in irgend einem andern alten oder neueren Dichter finden, wodurch ist diess geschehen, als dadurch, dass ihr ein zarterer und doch gleich reiner Begriff von Weiblichkeit untergelegt ist?
Wir sind darum weit entfernt zu behaupten, dass dieser moderne Charakter, an sich genommen, einen Vorzug vor dem antiken besässe, und noch mehr, dass diess in Ansehung der Forderungen der Kunst der Fall wäre. Aber, da demselben gemäss zwar keine bessere und kräftigere, wohl aber eine höhere und feinere menschliche Natur aufgestellt wird und die Verfeinerung auf dem Wege liegt, den das Schicksal unsrer Ausbildung vorgezeichnet hat, so verdient er, wenn er nur (worauf es immer zuerst ankommt) die Ansprüche der Kunst vollkommen, befriedigt, eine eigenthümliche Stelle und würde mit Recht sogar eine vorzüglichere verlangen, wenn es ihm nicht dabei zugleich an andren Vorzügen mangelte.
Um gewiss zu seyn, dass wir unserem Dichter nicht etwas Fremdes unterschieben, seine rein antike Dichtung nicht bloss mit modernem Sinne betrachten, wollen wir, zur Bestätigung unsrer Behauptung, noch ein Paar einzelne Stellen aus dem Ganzen herausheben.
Wir haben im Vorigen gesehen, dass der Unterschied des antiken und modernen
Charakters, von dem wir hier reden, vorzüglich darin besteht, dass in diesem
letzteren das Feld der Betrachtung und der Empfindung mehr abgesondert bearbeitet
wird, wodurch denn natürlich die hierauf gerichteten Kräfte eine höhere
Beide nun, die über das Leben und die unmittelbare Wirklichkeit hinausgehende Betrachtung und Empfindung, waren in dem gegenwärtigen Gedichte schwer und zart zu behandeln. Der Stoff sowohl, als die Personen desselben sind ganz und gar aus der blossen und wahren Natur genommen, es sind reine und kraftvolle, aber immer und ganz in der äussern Wirklichkeit lebende Charaktere; was zur eigentlichen Cultur gehört, durfte nur in gewissem Grade darin Platz finden; auch hätte alles, was darauf hinausgegangen wäre, den Menschen in einer Art von Gegensatz mit der Natur zu zeigen, gegen das Wesen der epischen Dichtung verstossen, die gerade diese beiden Gegenstände harmonisch zu verknüpfen bestimmt ist, nie, wie die lyrische, plötzlich abbrechen darf, sondern alle aufgeregten Bewegungen wieder beruhigen, alle angeschlagenen Misklänge auflösen muss. Wo sich also der Dichter in dieser Gattung zum Idealischen erhebt, da muss er es immer zur Wirklichkeit zurückführen, und dadurch verknüpft er die innere Idealität zugleich mit der ausseren Wahrheit.
Es giebt vielleicht keine rührendere und erhabnere Stelle, keine, aus welcher die
Erfahrung aller Jahrhunderte und die Eigenthümlichkeit unserer Zeit deutlicher
spricht, als die Worte, welche der Dichter dem unglücklichen früheren Verlobten
Dorotheens über die welterschütternden Bewegungen, von denen wir in diesen letzten
Jahren Augenzeugen gewesen sind, (S. 224.) in den Mund legt. Alles regt
sich einmal,
sagt er; keine Form, wie heilig sie sey, kein Band,
wie fest Freundschaft oder Liebe es geknüpft habe, ist mehr dauerhaft. Darum
setze überall nur leicht den beweglichen Fuss auf; darum schätze das Leben
nicht höher, als ein anderes Gut, und alle Güter sind trüglich.
Welche
natürliche und rührende Betrachtung! die aber freilich nur dem geläufig seyn kann,
der mehr in Ideen, als in der Wirklichkeit lebt, der, erhaben über die Freuden des
Lebens und die Güter der Welt, sein Glück nicht auf die Dauer des ersteren und an
den Genuss der letzteren knüpft und leicht bereit, das, was er besass, für etwas
Neues aufzugeben, jenes mit minder rüstigem Muthe bewahrt und vertheidigt. Wer
wird läugnen, dass diess
Wie schön nimmt Herrmann diess auf, wie rein lässt er alles daran fahren, was seiner kraftvollen Natur nicht gemäss ist, und hält sich allein an das Eine fest, wodurch der Mensch sich dicht an die Wirklichkeit anschliessen, seine Forderungen mit den Fügungen des Schicksals vereinigen kann!
sagt er,
Nicht also mit Kummer zu bewahren und mit Sorge zu geniessen geziemt sich,
sondern mit Muth und Kraft zu vertheidigen, was man besitzt.
Von den sentimentalen Stellen heben wir nur zwei aus, über die unstreitig jeder Leser mit uns einig seyn wird, dass sie in einem alten Dichter keinen Platz gefunden hätten.
Die erste ist die, wo Herrmann in dem Gespräche mit seiner Mutter (S. 89.) die Einsamkeit und die Leere schildert, die sein Herz oft, von Sehnsucht gepresst, empfindet.
Aber dass man nicht Empfindungen vermuthe, welche dem Sohne der Natur fremd sind, nicht aus dem Charakter der Person und des Gedichts herausgehe, so schildern die unmittelbar hierauf folgenden Worte:
auf einmal die ganze Einfachheit und Natürlichkeit seines Wunsches. Sie sind um so
ausdrucksvoller, als sie, verbunden mit dem Vorhergehenden, die Empfindungen
schildern, die er mit einem Verhältniss verknüpft, dessen Entbehren ihm jeden
Genuss und sein ganzes Leben unschmackhaft macht, und als sie sein höheres,
zarteres, idealischeres Wesen in Vergleichung mit seinem Vater zeigen, der, (S. S.
40. 46.) eine frohe, gutmüthige und thätige, aber gewöhnlichere Natur, in dem
Augenblick, da er das Mädchen sah, das ihm gefiel, den Entschluss es zu besitzen
fasste und denselben mit munterem Scherz auch sogleich auszuführen begann.
Diese schwermüthige Stimmung einer unerfüllten, sich selbst nicht recht
verständlichen Sehnsucht war den Alten und besonders den
Die zweite Stelle, die wir anführen wollten, ist von ganz anderer Natur. Sie ist
nicht den Alten überhaupt, nur ihren frühesten Mustern fremd und müsste, wenn der
Dichter sie nicht so fest dem Ganzen einverleibt hätte, zu der Gattung der
Dieser Einfall, ein Medium dazwischenzuschieben, in welchem sich die Blicke des
Jünglings und des Mädchens dreister, als in der Wirklichkeit begegnen, beruht
schon auf etwas Aehnlichem mit dem, was wir so eben ausführten, auf einer gewissen
Schüchternheit, einer Ungewissheit des Gelingens; es ist schon etwas, das aus der
blossen Natur hinausgeht und eine eigne Stimmung der Einbildungskraft voraussetzt.
Die späteren
Allein Stellen dieser Art könnten nicht anders, als die Einheit des Ganzen stören, wenn nicht diess selbst eine solche eben beschriebene Richtung hätte. Diese Richtung aber ist durchaus unverkennbar. Wie wir im Vorigen die Schilderung Dorotheens vom Anfange bis zum Ende des Gedichts verfolgten, stiessen wir eigentlich nur immer auf andre und andre Entwicklungen ihres Charakters; und so ist es überall nichts anders, als das innere und geistige Wesen der verschiednen Personen, das überall, nur immer lebendig und immer sinnlich gestaltet, vor uns dasteht. Es sind nicht so sehr ihre Handlungen, an und für sich genommen, es sind mehr ihre Charaktere, die, aber immer bloss in diesen Handlungen, uns anziehen, uns auf die verschiednen Formen der Menschheit überhaupt, auf das, was sie unterscheidet und wieder zu einem Ganzen zusammenschliesst, aber immer mit der reinen Thätigkeit unsrer Einbildungskraft, immer vollkommen künstlerisch und bildend gestimmt, überführt.
Wenn sich daher unser Dichter der vollkommenen Objectivität der Alten, der ganzen Bestimmtheit ihrer Formen bemeistert hat, so kleidet er in diess Gewand einen Gehalt, welcher ihnen so wenig eigen ist, dass sie uns nicht einmal veranlassen, denselben bei ihnen zu suchen.
Je mehr wir unsre intellectuellen Kräfte auf die Betrachtung und Bearbeitung der Welt ausser uns anwenden, je mehr wir unsre geistige Natur auf sie übertragen, desto mehr vervielfältigen wir unsre Beziehungen auf dieselbe. Die Gegenstände um uns her erscheinen uns nur als das, was unser Verstand in ihnen unterscheidet; selbst unsre Sinne bedürfen erst seiner Leitung, mit der Erweiterung unsrer Einsicht wächst daher auch das Gebiet derselben; in der That ist die Natur mit jedem Jahrhundert reicher an Individuen für uns geworden, und wenn der Ungebildete in einer ganzen Menge von Objecten nur eine einförmige und ungeschiedene Masse erblickt, so unterscheidet der kenntnissvolle Beobachter in einem einzigen Punkt noch eine ganze Welt von Erscheinungen.
So wie diese Thätigkeit unsrer geistigen Kräfte das sinnliche Gebiet der Natur erweitert, eben so bereichert sie innerhalb unsres Gemüths die Masse unsrer Gedanken und Empfindungen. Auch hier steht es in unserer Willkühr, die Mannigfaltigkeit der Verhältnisse bis ins Unendliche hin zu vermehren; wir dürfen nur auch hier immer das Zusammengesetzte in seine Bestandtheile auflösen, nur auch hier das Einzelne immer in andre und andre Verbindungen bringen. Was in der Natur und vor unsren Sinnen einfach erscheint, können wir durch den Gedanken zerlegen und für das Resultat, das wir auf diesem, bloss intellectuellen Wege erhalten, dennoch wieder unsre Empfindung erwärmen, da diese sich eben so leicht auf unsinnliche, als auf sinnliche Gegenstände bezieht. Mit der Empfindung kann sich die Einbildungskraft verbinden, und so können wir uns durch die Hülfe von beiden eine eigene Welt schaffen, die, durchaus unabhängig von der Wirklichkeit und den Sinnen, doch eben so, als jene auf uns einwirkt, durchaus nur unsre eigne Schöpfung ist, aber dennoch für uns die vollkommne Realität der Natur besitzt.
Wir geben diesem ganzen Verfahren unsres Verstandes den Namen der
Diese Verfeinerung hat mit den frühsten Zeiten der Menschheit angefangen, sie ist immer nothwendig zugleich mit dem Begriffe derselben gegeben; aber es ist Ein Punkt in derselben, der sich so merklich darin unterscheidet, dass er allein vorzugsweise diesen Namen an sich trägt.
Der Mensch kann nemlich entweder in harmonischem Bunde mit der Natur fortgehen,
seinen Geist mit ihrer Beobachtung, seine Einbildungskraft mit ihren Formen
beschäftigen, seine Empfindung auf Gegenstände richten, die sie ihm darbietet, die
Befriedigung seiner Neigungen ganz und allein in ihr finden; oder er kann sich
einsamer in sein Gemüth verschliessen, seine Vernunft abgesonderter beschäftigen,
seine Einbildungskraft mehr mit einem Stoffe nähren, den er allein aus sich selbst
nimmt, seiner Empfindung eigen geschaffene Gegenstände geben. Natürlich werden
alsdann seine Neigungen auch nicht selten auf etwas gerichtet seyn, wofür ihm die
Natur keine Befriedigung darbietet, und er wird sogar manchmal ein Ziel verfolgen
können, was ihm in ihr zu erreichen unmöglich ist. Diese Absonderung unsres Wesens
und der Natur ist eine natürliche Folge der erhöhten Thätigkeit unsres Geistes,
welche, die sinnlichen Formen verlassend, sich allein an den reinen Gedanken hält.
Aber sie wird zugleich manchmal durch zufällige, nicht immer günstige Umstände
veranlasst. Eine minder helle, freundliche, glückliche Stimmung kann uns gleichsam
gezwungen in uns selbst verschliessen, und diese beiden Gründe wirken nothwendig
zusammen, sobald die Menschheit ihr erstes Jünglingsalter verlässt. Aus diesem
Zustande nun entspringt die Empfindung und die Stimmung, die man, im Gegensatz der
naiven, die
Diese Trennung konnte nicht anders, als auch auf die Kunst einen entschiedenen
Einfluss ausüben; sie musste einen modernen Charakter annehmen, wenn sie von
modern gebildeten Individuen bearbeitet wurde. Auch wäre es ein niederschlagender
Gedanke, wenn die Folge so vieler und thatenreicher Jahrhunderte uns nichts
Wenn daher in unsrem Gedichte ein eigenthümlicher und in seiner Gattung nicht minder treflicher Geist, als der ist, welchen wir in den Alten wahrnehmen, waltet, so ist diess eben jene höhere und feinere Sentimentalität, jener reichere Gehalt für den Verstand und die Empfindung, der uns zu einem freieren Schwunge der Gedanken begeistert und unser Gefühl leiser und zarter bewegt. Diess ist der moderne Charakter, den es deutlich und unverkennbar an der Stirn trägt.
Dieser Charakter ist unserm Dichter so eigenthümlich, dass wir ihn in allen seinen Werken wiedererkennen; aber er weiss ihn auf eine so grosse und wunderbare Weise zu behandeln, ihn wiederum so dicht an den der Alten anzuschliessen, dass er es wagen konnte, ihn sogar einem ächt antiken Stoff, seiner Iphigenie aufzudrücken, ohne dass wir darin einen störenden Misklang vernehmen. Und diese Behandlung ist es, die hier noch einige Erörterung verdient.
Das Erste, was bei der Verfeinerung des Gedankens und der Empfindung zu leiden
Gefahr läuft, ist die natürliche Wahrheit und die schlichte Einfalt. Doch sind es
gerade diese beiden Eigenschaften, welche
Was wir mit Recht Verfeinerung nennen, kann an sich nicht der Natur widersprechen; nichts ist so natürlich, als was rein menschlich ist, und es ist der Menschheit wesentlich eingepflanzt, sich von der bloss sinnlichen Ansicht der Dinge zu einer höheren zu erheben. Wenn es der Verfeinerung also an Natur zu mangeln scheint, so ist es nur, weil wir in ihr nicht gleich die Realität wahrnehmen, die uns an dieser ins Auge fällt, weil ihr nicht geradezu ein sinnlicher Gegenstand entspricht, weil sie mehr das Werk der Energie einzelner menschlicher Kräfte, vielleicht nur in einzelnen Stimmungen, als der menschlichen Natur überhaupt scheint, und weil wir nicht sogleich absehen, wie der Weg, auf den sie führt, mit dem allgemeinen Wege der Natur und der Menschheit zusammentreffen, zu demselben Ziele gelangen kann. Es kommt daher nur darauf an, ihr diese Realität zu verschaffen, sie wirklich als Natur, nur als eine höhere und wahrhaft verfeinerte, aufzustellen.
Wir haben im Vorigen (XXXVIII.) gesehen, dass unser Dichter einen rein beobachtenden und bestimmt bildenden Sinn besitzt; wir haben gefunden, dass einem solchen äussern ein ähnlicher innerer entsprechen muss, der dieselbe Wahrheit und Festigkeit in dem innern Charakter sucht, welche jener in der äusseren Natur wahrnimmt. Dass derselbe nun diesen Sinn mir jener Verfeinerung, jener hohen Sentimentalität verbindet, darauf beruht seine Eigenthümlichkeit, darauf das Geheimniss, dass er uns einen ächt modernen Charakter zeigt, ohne dass wir darum in ihm das schöne Gepräge antiker Einfachheit und Wahrheit vermissen.
Zwar scheint in dieser Verbindung auf den ersten Anblick etwas Widersprechendes zu liegen. Jener Sinn sucht die grossen und hellen Massen der Natur, also im Menschen, was der Gattung, der ganzen Menschheit angehört. Diese sentimentale Stimmung steigt in die dunkeln Tiefen des Gemüths hinab, verweilt innerhalb der engen Gränzen eines kleinen Gebiets und sogar vorzugsweise bei dem, was nur Einzelnen eigen ist. Aber es kommt nur darauf an, diess letztere gross genug zu behandeln, um diesen Widerspruch sogleich wieder aufzuheben, und diess ist es, was unsern Dichter vor anderen auszeichnet.
Wo er den Zustand des Gemüths darlegt (und eigentlich ist er überall damit
beschäftigt), wo er auch den ungewöhnlichsten und leidenschaftlichsten schildert,
verfährt er dennoch, gerade wie bei der Beschreibung der äussern Natur, immer
ruhig und bildend und fügt alle einzelnen Theile des Ganzen fest in einander. Er
lässt die Individualität, die er darstellt, aus allen Kräften der Seele zugleich
hervorgehn, verwebt sie in alle Gedanken, alle Empfindungen, alle Aeusserungen des
Charakters, zeigt denselben Charakter in Verbindung mit andern und führt ihn
unsrer Einbildungskraft so in seinem ganzen Seyn und Wesen vor, dass wir ihn nicht
bloss in einem einzelnen Augenblick, einer einzelnen Stimmung, sondern so
erblicken, wie er überhaupt immer ist, seine Entwicklungen verfolgen, seine
Fortschritte beurtheilen können. Er lässt nicht nach, genau und vollkommen zu
erforschen, wie eine ungewöhnliche Eigenthümlichkeit, die sich ihm auf seinem Wege
dichterischer Erfindung darbietet, in einem menschlichen Gemüthe als reine
Wahrheit bleibend fortdauern, wie sie sich zu den übrigen nothwendigen und rein
menschlichen Empfindungen verhalten, wie sich an andre Eigenthümlichkeiten
anschliessen, wie durch die Verbindung mit ihnen und ihr eignes natürliches
Fortschreiten
Es kommt nur darauf an, recht menschlich gestimmt zu seyn, um das
Ausserordentlichste und das Einfachste in denselben Kreis einzuschliessen. Nur für
den, welchem es, wie bei den Alten nothwendig noch der Fall seyn musste, an
Reichthum und Mannigfaltigkeit der innern Erfahrung fehlt, liegen gewisse
Richtungen, welche die Empfindung manchmal nimmt, ausser den Schranken der
natürlichen Wahrheit; nur der, welchem es, wie so oft uns Neueren, an jener hohen
Einfachheit des Sinnes mangelt, weiss jenen seltnen Erscheinungen keinen allgemein
verständlichen Ausdruck zu geben. Darum ist unser Dichter in einem höheren Grade,
als irgend ein andrer wahrhaft
Wer einzelne Beispiele für diese, nur ihm angehörende Eigenthümlichkeit verlangt, der erinnere sich, in welchem vorher unbekannten Sinn er den Umgang mit der Natur geschildert, welchen neuen Charakter er der Liebe, welche Tiefe und Zartheit der Weiblichkeit gegeben, wie er das Geheimniss verstanden hat, in
In keinem alten Dichter wird man diese hohe, feine und idealische Sentimentalität,
in keinem neueren, verbunden mit diesen
Wir haben nunmehr die einzelnen Eigenschaften des Gedichts entwickelt, von dessen Wirkung wir Rechenschaft zu geben versuchen. Wir haben gefunden, dass es in der rein objectiven Darstellung den Werken der Alten gleichkommt, dass es in diese Form einen für den Geist und die Empfindung so reichen Gehalt kleidet, als wir ihn nur bei neueren Dichtern anzutreffen gewohnt sind, dass es aber denselben dennoch wieder durchaus zu der einfachen und natürlichen Wahrheit der Alten zurückführt. Wir brauchen jetzt nur diese einzelnen Bestandtheile mit einander zu verbinden, um den ganzen Charakter desselben vollkommen darzustellen.
Jeder epische oder auch nur überhaupt beschreibende Dichter müsste sich die rein künstlerische Form zu eigen machen, die wir im Anfange dieses Aufsatzes so ausführlich geschildert haben; jeder neuere müsste streben, unsern Geist und unser Herz auf die Weise zu beschäftigen, mit den Ideen und Empfindungen zu nähren, die unserer Zeit, den Erfahrungen, die wir gesammelt, den Fortschritten, die wir gemacht haben, angemessen sind. Aber in der Art, wie unser Dichter beides thut, liegt auch mitten in dieser allgemeinen Treflichkeit sein individueller und unterscheidender Charakter.
Zuerst ist er ganz und allein wahrer Künstler. Seine Poesie ist rein darstellend,
sie ist noch mehr als das, sie ist vollkommen episch; sie bleibt dem allgemeinen
Begriffe der Kunst, einen Gegenstand durch die Einbildungskraft zu erzeugen, immer
vollkommen nah; sie ist mit dem Style der bildenden eng verschwistert und benutzt
zugleich alle ihr selbst durch Bewegung und Ausdruck eigenthümliche Vorzüge. Die
Gedanken und Empfindungen, welche sie schildert, sind nur die
Indem wir aber nur diesen Gestalten zuzusehen glauben und überall Bewegung und
Umrisse vor uns erblicken, werden wir
Dadurch dass Gestalt und Charakter in ihnen immer so genau für einander passen, dass bald jener nur um dieses, bald dieser nur um jenes willen dazustehen scheint, sehen wir bei ihnen immer den ganzen Menschen in seiner natürlichen Wahrheit. Er nimmt ihn in seiner besten und höchsten Eigenthümlichkeit auf und giebt dann diesem Stoff das sichtbarste Gepräge der Kunst, da er ihn durch ein doppeltes Verfahren den Werken der Alten ähnlich macht, einmal, indem er ihn zu der einfachen Wahrheit der Natur zurückführt, und dann, indem er ihm jene rein darstellende Objectivität mittheilt.
Wer den
Er ist nicht bloss durchaus objectiv und ächt künstlerisch, sondern auch im genauesten Verstande immer bildend und episch; was er zeichnet, ist Gestalt und Bewegung, ist sinnlich anschaulich, ein reines Erzeugniss der bildenden Phantasie.
Sein Stoff, das, was sich in seinen Schilderungen eigentlich darstellt, was aus ihnen, wie aus einem feinen Schleier, immer hervorblickt, was wir immerfort, aber nie anders, als in sinnlicher Gestalt und in lebendiger Bewegung sehen, ist die innere Menschheit, die Masse von Gedanken und Gefühlen, zu denen das Gemüth gelangt, wenn es in seinen vollen Kräften sich selbst und die Natur ausser sich umfasst, die Menschheit in ihrer höchsten Vollendung und ihrer einfachsten Wahrheit.
Die hohe Wirkung, die einerseits durch den Gehalt, den
Verliert nun unser Dichter, wie wir in einem der vorigen Abschnitte (XL.) gezeigt haben, auf der einen Seite gegen die Werke der Alten an sinnlichem Reichthum, so erlangt er diess auf der andren in gleichem Grade und zwar durch eine Kühnheit wieder, durch die er auf einmal alles aufzugeben scheint. Denn nichts droht auf den ersten Anblick aller Kunst so grosse Gefahr, als die schlichte Wahrheit, die so leicht zu dem bloss Prosaischen heruntersinkt, als die Innigkeit, die zu tief in uns herabzusteigen, zu sehr in unser wirkliches Gefühl einzugreifen scheint, um sich noch wieder von da zu einem idealischen und künstlerischen zu erheben. Gerade hier aber zeigt sich die Stärke des Dichters und das gerechte Vertrauen zu seiner Kraft. Nicht indem er seiner Stimmung einen heftigen und leidenschaftlichen Schwung giebt, sondern indem er seinem Gegenstande dadurch, dass er alles in ihm zusammenfasst, eine unendliche Ausdehnung ertheilt, hebt er ihn aus der Wirklichkeit empor; nicht dadurch, dass er ihn von der Natur entfernt, sondern dadurch, dass er ihn ganz in ihr, aber sie selbst mit ihm in ihrer wahren und ursprünglichen Gestalt auffasst, erhält er ihn innerhalb des Gebiets der Einbildungskraft.
Um die besondre Stelle kennen zu lernen, die wir selbst einnehmen, haben wir immer zugleich auf zwei Punkte zu sehen: auf das Alterthum und das Ausland. Es sey uns erlaubt, auch unsern Dichter noch einen Augenblick in dieser doppelten Beziehung zu betrachten.
Er verweilt, wie wir gesehen haben, nicht nur vorzugsweise bei der Schilderung des
inneren Menschen, des Gemüths in seinen
Aber die inneren Regungen des Geistes und des Herzens sind sehr verschiedener Töne
fähig und unter diesen zeichnen sich vorzüglich zwei aus, die gleichsam zwei
Extreme bilden — der hohe und starke und der stille und sanft gehaltene. Der
Gedanke gewinnt eine andre Gestalt, wenn er aus dem blossen, von keiner äussern
Erfahrung unterstützten Nachdenken hervorgeht oder, durch die Phantasie geformt,
als glänzende Sentenz auftritt, und wenn er in einfacher Wahrheit eine Menge von
Erfahrungen zusammenfasst und daraus gediegene Weisheit zieht. Das Herz fühlt
andre Regungen, wenn es von heftigen Leidenschaften durchstürmt und wenn es,
nachdem es alles, was es nur von der Natur zu erfassen vermag, in seinen Kreis
gezogen hat, von lauter mächtigen und unendlichen, aber immer mit einander
zusammenstimmenden Gefühlen harmonisch durchdrungen, still, aber tief bewegt ist.
Diese letztere Stimmung ist es, in der uns
Dieser zwiefache Gegensatz vollendet, man kann es mit stolzer Freude behaupten,
seinen
Wenn wir indess hier diesem Gedicht und der neueren Poesie überhaupt etwas zuschreiben, was sie vor der älteren auszeichnet; so ist diess kein Vorzug, der das Wesen der Kunst angeht. In diesem bleiben die Alten immer die Meister und werden nie auch nur erreicht, viel weniger übertroffen werden. Das eigenthümliche Verdienst, von dem wir hier reden, ist nur, die Bahn eröfnet zu haben, den ganzen Reichthum an Gedanken und Empfindungsgehalt der neueren Zeit in das ächt künstlerische Gewand zu kleiden, das man sonst nur bei ihnen antrift.
Auf Darstellung, auf Darstellung durch die Einbildungskraft, auf Darstellung des ganzen Menschen in seiner äussern Gestalt und seinem innern Wesen geht unser Dichter aus und diesen Zweck erreicht er in einem bewundernswürdigen Grade. Er ist nie bemüht, unsre Phantasie absichtlich weder zu ergötzen noch zu spannen noch überhaupt auf diese oder jene Weise zu bewegen; er hat ein wahres und eigentliches, ein grosses und unermessliches Geschäft, das alle seine Kräfte, seine ganze Energie an sich reisst — die Menschheit und die Natur, die seinem künstlerischen Blick einmal nicht anders, als durchaus dichterisch geformt erscheint, auch uns wieder in derselben Gestalt zu zeigen.
Dadurch weckt er zuerst und hauptsächlich unsern bildenden Sinn; wir suchen und finden überall Festigkeit, Ordnung, Zusammenhang; wir schaffen uns eine durchaus übereinstimmende, durchaus organisirte Natur; die äussern Formen, die wir vor uns erblicken, haben vollkommne Anschaulichkeit, die innern durchgängige Wahrheit; überall erhebt sich die Begeisterung unsrer Einbildungskraft und unsers Gefühls von einem fest zubereiteten Grunde. Nirgends ist etwas Verwirrtes oder Ueberspanntes; alles ist vollkommen klar und natürlich.
Aber es ist auch noch mehr. Die Hauptwirkung jedes Kunstwerks beruht auf der
Verbindung seiner Gestalt mit seinem Charakter. Gerade darin liegt am meisten
dasjenige, was sich niemals aussprechen oder erklären lässt, weil es allein von
dem einfachen Gedanken abhängt, den der Künstler auf eine unbegreifliche Weise
seinem Werk einprägt und dadurch zugleich auf uns hinüberträgt. Dass nun in unsrem
Gedicht die äussern und inneren Formen so eng auf einander passen, dass sie sich
gerade gegenseitig nur bekleiden und erfüllen, dadurch wird der Charakter
desselben in dem reinsten und vollsten Sinne, reiner als bei andern modernen und
voller als bei den alten Dichtern:
Wir sind jetzt bei dem Ziele angelangt, das wir durch die bisherigen Betrachtungen
zu erreichen strebten; wir haben den Charakter
Zweierlei Vorzüge sind es, durch deren innige
die
die
Seinen Stoff zu einem reinen Erzeugniss der dichterischen und zwar der bildenden
Einbildungskraft zu machen, ist sein
Er nimmt aber seinen Stoff immer so, wie er einen überwiegend grossen Gehalt für den innern Sinn hat und doch zugleich für den äussern vollkommen gültig ist. Von dem Menschen und der Natur mahlt er die Seele, aber sie immer gestaltet und lebendig. Daher seine Sentimentalität, das mehr sanfte als glänzende Licht seiner Gemählde, ihre grössere Wirkung auf den Geist und das Herz.
Durch beides, dadurch, dass er die Natur da aufnimmt, wo ihr Zusammenhang am festesten, die Verwandtschaft ihrer Elemente am sichtbarsten ist (in ihrer geistigen Gestalt), und dass er sie darin ganz objectiv behandelt, wird er im eminenten Verstande bildend, im eminenten Verstande nach Bestimmtheit der Umrisse, Einheit des Ganzen und Ebenmaass der Theile strebend. Denn er geht mit aller seiner Kraft bloss darauf aus, die Formen eines grossen Ideals aufzustellen, eines Ideals, das dem Geist der Menschheit und der Natur (der im Grunde nur Einer und ebenderselbe ist) gleich sey.
Von den Mustern des Alterthums unterscheidet er sich durch einen geringeren Gehalt für die Sinne und die Phantasie, aber durch einen vielfacheren und feineren für den Geist und die Empfindung; und wenn er diess mehr oder weniger mit allen neueren Dichtern gemein hat, so zeichnet er sich vor diesen wieder dadurch aus, dass er in dieser Verschiedenheit selbst durch Objectivität, Harmonie und die Totalität, die sich in dem Leser durch Ruhe ankündigt, den Alten ungleich näher kommt, als irgend einer von jenen.
Die Seite seines Charakters, von welcher aus derselbe zum Fehlerhaften ausarten
kann und wirklich vielleicht manchmal darein verfällt, ist die
Wenn er in der Reinheit der Formen und dem Seelenvollen des Ausdrucks eine
auffallende Aehnlichkeit mit
Um diesen Charakter unsers Dichters so kurz und bestimmt, als es unsre Absicht war, zeichnen und diese Schilderung zugleich rechtfertigen zu können, glaubten wir den langen Weg einschlagen zu müssen, den wir nunmehr zurückgelegt haben. Da wir auf demselben vorzüglich zwei Dinge zu erörtern hatten, den einfachen Kunstsinn und den hohen intellectuellen und sentimentalen Gehalt des Dichters, so widmeten wir natürlich dem ersteren, als dem Wesentlichsten, zuerst und am ausführlichsten unsre Sorgfalt.
Wir gingen daher von dem Wesen aller Kunst überhaupt aus, und da diess in nichts
andrem besteht, als in der Auflösung der Aufgabe: das Wirkliche in ein Bild zu
verwandeln; so suchten wir diejenige dichterische Methode auf,
Zu diesem Behuf schränkten wir die verschiedene Möglichkeit, dieser Forderung Genüge zu leisten, nach und nach ein und setzten:
den ächt
2., denjenigen
denjenigen
Nachdem wir darauf bei jedem dieser drei Punkte mit Beispielen bewiesen hatten, welcher dieser Style dem gegenwärtigen Gedicht eigen ist, und hierin, so wie in der einfachen Wahrheit des Vortrags (XXXVIII. XXXIX.) seine Aehnlichkeit mit den Werken der Alten gezeigt hatten; so konnten wir nunmehr von der Art seines Stoffs, von der Eigenthümlichkeit reden, durch die es sich wieder von jenen unterscheidet (XL—XLVII.), und damit die Schilderung seines individuellen Charakters vollenden.
Vielleicht aber scheint es, als hätten wir uns in dem Vorigen zu viel mit dem Künstler überhaupt und mehr, als mit seinem neuesten vorliegenden Werke beschäftigt. Wenn dieser Vorwurf gegründet ist, so zeigt er nur, wie rein sich die ganze Individualität desselben gerade in diesem seinem Werke spiegelt. Und diess ist in der That der Fall. Kein andres der Göthischen Gedichte stellt den ganzen Inbegriff seines Dichtercharakters so sichtbar dar, obgleich einzelne Seiten desselben in andern natürlich und gerade darum, weil es die früheren waren, stärker und glänzender erscheinen. Allein wenn jenes Ganze selbst auftreten sollte, musste es sich durch die Zeit und mannigfaltige Uebung sammeln und reinigen und die Stimmung, welche diess Product hervorzubringen vermochte, musste erst durch Erfahrung und Reife vorbereitet werden. Diess fühlt man sehr deutlich, sobald man sich diese Stimmung auch nur einigermassen vorzustellen versucht.
Denn wenn es je einen Mann gab, dem die Natur ein ofnes Auge verliehen hatte,
alles, was ihn umgiebt, rein und klar und
Auch konnte ein solches Product nur aus der Reife eines erfahrungsreichen Lebens hervorgehn; was so geschildert ist, muss mit eignen Augen gesehn seyn, und was hierbei vorzüglich Bewunderung erregt, ist mit dieser Reife zugleich diese jugendliche Frische der Phantasie, diess Leben in der Darstellung, diese Zartheit und Lieblichkeit in der Schilderung von Empfindungen gepaart anzutreffen.
Jedes Kunstwerk nemlich kann, wie der Künstler selbst, der es hervorbringt, als ein eignes Individuum angesehen werden. Es ist ein lebendiges Ganzes, es hat eine eigne innere Kraft, ein Lebensprincip, durch welches es eine bestimmte Wirkung äussert. So haben wir
Aber ausser dieser seiner innern Natur gehört jedes Gedicht auch noch, seiner äussern Beschaffenheit nach, zu einer besondern Gattung von Kunstwerken und hat in dieser Hinsicht besondren Forderungen Genüge zu leisten, besondre Regeln zu befolgen. Mit diesen Regeln haben wir daher das unsrige noch jetzt zu vergleichen. Denn nur beides zusammengenommen, sein innrer Charakter und seine äussre Regelmässigkeit bestimmt die Vortreflichkeit desselben.
Die erstere Art der Beurtheilung kann man bei Kunstwerken, in einem vorzüglicheren
Sinne dieses Worts, die
Dass man beide zu selten mit einander verbindet, ist grossentheils an einer gewissen ästhetischen Einseitigkeit Schuld. Denn die mechanischen Köpfe, welche nur für Regeln Sinn haben, vernachlässigen immer den ursprünglichen Gehalt an Originalität und Kraft und die heftigen und regellosen setzen sich beständig über die nothwendige Achtung der Technik hinaus.
Dass
Was ästhetische Beurtheilungen in der That schwierig macht, ist der Mangel einer
vollständigen, gar nicht (das wäre zu viel verlangt) allgemeingültigen, aber nur
consequenten und mit den gerechten Ansprüchen eines ächten Kunstsinns
zusammenstimmenden Aesthetik, auf deren Gesetze man sich mit wenigen Worten
beziehen könnte. So lange man eine solche entbehrt, befindet man sich immer in der
unangenehmen Verlegenheit, die einzelne Beurtheilung durch die Entwicklung
theoretischer Grundsätze unterbrechen zu müssen, und so müssen auch wir hier
Fast bei keiner andern Dichtungsart ist man so sehr um eine genügende Definition
verlegen, als bei der epischen. Die mannigfaltigen Gattungen erzählender und
beschreibender Gedichte sind so nahe mit einander verwandt und scheinen sich sich
so wenig wesentliche Merkmahle von einander zu unterscheiden, dass es schwer ist,
dasjenige zu bestimmen, was die eigentliche Epopee charakterisirt. Diese
Schwierigkeit wächst noch dadurch, dass die vorhandenen Muster dieser Dichtungsart
genau genommen so wenig mit einander gemein haben und höchstens bloss darin, dass
sie insgesammt Erzählungen von Handlungen sind, kaum aber nur darin, dass jedes
derselben auch nur die Darstellung einer
Aber diese Unbestimmtheit, die wir so eben rügten, war auch auf dem Wege, den man bisher immer einschlug, nicht leicht zu vermelden. Man blieb nemlich immer nur bei dem Objecte, bei dem Producte des Dichters Stehen, und wir haben schon im Vorigen bemerkt und mit einigen Beispielen bewiesen, dass man bei ästhetischen Untersuchungen sich vielmehr an die Stimmung seines Geistes und an die Natur der Einbildungskraft wenden muss.
Besonders aber sollte man sich bei verschiednen Gattungen von Gedichten oder
Dichternaturen schlechterdings nicht begnügen, die Erklärungen derselben aus
wirklichen vorhandenen Mustern zu beweisen. Diese Muster selbst müssen ja erst
nach ihnen geprüft und beurtheilt werden.
Diess also ist die Quelle, zu welcher man immer zurückkehren muss. Der
Eintheilungsgrund aller wesentlich verschiednen Dichtungsarten ist allein die
Natur der dichterischen Einbildungs-
Wenden wir diese eben beschriebene Methode auf unsern Gegenstand an, so sind die Hauptbestandtheile der Wirkung, welche der epische Dichter hervorbringt, lebendige sinnliche Thätigkeit, fortreissendes Interesse an der Entwicklung der dargestellten Begebenheit, uneigennützige Ruhe und ein weiter und grosser Ueberblick über die Natur und die Menschheit und ihr gegenseitiges Verhältniss gegen einander.
Daher verlangt man objectiv eine wichtige und merkwürdige Handlung, welche eine Masse von Individuen in grosse Bewegung setzt, heroische Personen und Theilnahme höherer Naturen, wodurch der Einbildungskraft der nöthige Schwung ertheilt wird, und einen gewissen Umfang des Plans, innerhalb dessen man durch eine gewisse Menge von Objecten geführt wird. Das Charakteristische der epischen Dichtung scheint also darin zu liegen, dass sie uns ihren Gegenstand auf das lebendigste und sinnlichste darstellt, dass sie durch denselben unserm Blick grosse und weite Aussichten eröfnet und uns in einer solchen Höhe über demselben erhält, in der wir nur theilnehmende Beobachter sind, ihn selbst aber immer als etwas Fremdes ausser uns ansehen.
Alles diess nun trift in derjenigen Stimmung zusammen, in welcher sich unser Gemüth in dem Zustande ruhiger, aber lebendiger Beschauung befindet; dieser Zustand ist es daher, der in dem epischen Gedicht seine Befriedigung sucht, und wir dürfen folglich mit Recht hoffen, durch die genauere Untersuchung desselben unserm Ziele näher zu kommen.
Es giebt offenbar in dem menschlichen Gemüthe zwei Zustände, welche sowohl in
Rücksicht auf ihren Gegenstand, als in Rücksicht auf die Veränderungen, die sie in
uns hervorbringen, unter allen am weitesten von einander verschieden sind und alle
übrigen, deren dasselbe fähig ist, wie unter zwei grosse Classen zusammenordnen:
den Zustand
In dem einen herrscht das Object, in dem andern das Subject. Jener, in seiner grössesten Vollkommenheit genommen, entsteht durch die Verbindung der äussern Sinne mit unsrem intellectuellen Vermögen, das mit ihnen darin übereinkommt, dass es sich von dem Gegenstande vollkommen scharf und deutlich absondert und diesen letzteren bloss in Beziehung auf ihn selbst und ohne alle eigennützige Absicht auf eigenen Gebrauch oder Genuss betrachtet. Dieser entspringt aus der verbundenen Thätigkeit des Gefühls und des Begehrungsvermögens, und alle Objecte werden in demselben auf das eigne Bedürfniss oder die eigne Neigung bezogen. Jener zeichnet sich in Rücksicht auf den Gegenstand durch Umfang und Totalität, in Rücksicht auf die innere Stimmung durch Ruhe aus; wer sich in demselben befindet, sucht in der Menge der Objecte durch Beschränkung der einen durch die andern die individuelle Form eines jeden, in ihrer Verbindung Zusammenhang, in ihren Beziehungen Wechselwirkung, in ihrem Seyn und Wesen überhaupt Wirklichkeit und durch die Festigkeit ihrer gegenseitigen Verbindungen wenigstens bedingte Nothwendigkeit. Die Empfindung hingegen, die immer von dem bestimmten Verhältniss ihres Zwecks zu ihrer Begierde ausgeht, flieht alle Beschränkung, kennt nur Einen Gegenstand, welchem alles andre weichen muss, strebt nach einseitiger Befriedigung, lebt in der Möglichkeit und sucht bloss Wirklichkeit.
In dem Zustande der Beschauung liegt von selbst immer etwas Allgemeines und
Idealisches, da unsre intellectuelle Natur, die nie auf etwas andres hinausgehen
kann, darin hauptsächlich thätig ist. Die Empfindung behält auch dann noch, wenn
sie durch die praktische Vernunft oder die Einbildungskraft zu voll-
Wenn daher die Kunst diese beiden Zustände dichterisch benutzen will, so hat sie in jedem zweierlei zu vertilgen: in dem ersteren das prosaische Détail der von Phantasie entblössten Beobachtung und die Trockenheit der intellectuellen Ansicht, in dem letzteren die eigennützige Beziehung auf den wirklichen Besitz und die daraus entstehende Beschränkung des Gegenstandes selbst. Jenem muss sie die lebendige Sinnlichkeit, diesem die idealische Leichtigkeit der Phantasie einhauchen.
Wenn wir den Zustand der Beschauung als einen besondren vor demjenigen allgemeinen, in welchem uns überhaupt die Kenntniss der Natur ausser uns beschäftigt, herausheben; so ist es, weil er sich durch zwei nur ihm eigenthümliche Merkmahle von allen ähnlichen unterscheidet — durch die gleichmüthige Stimmung der Seele, mit welcher dieselbe, allein durch das allgemeine Interesse des Objects geleitet, ihre beobachtende Aufmerksamkeit gleichmässig auf alle Punkte vertheilt, und durch den Umfang der Ansicht, da wir alsdann jeden Gegenstand und jede Masse von Gegenständen und so nach und nach das Ganze bis zu seinen äussersten Gränzen verfolgen. Daher ist er eben so sehr von dem Zustande der Untersuchung, in dem wir immer auf einen einzelnen bestimmten Punkt losgehn und mehr in eine Tiefe eindringen, als uns über eine Fläche verbreiten, als von demjenigen verschieden, wo wir die Natur, durch einen Zufall oder einen bestimmten Zweck geführt, nur theilweise erforschen.
In allen diesen Modificationen sind unsere Sinne auf verschiedne Weise gestimmt,
und diess unterscheidet schon der gewöhnliche Sprachgebrauch durch sehr bedeutende
Ausdrücke. Denn wer gern in der Natur lebt, sie mit klarem, ruhigem und heitrem
Auge überschaut, auf Formen, Einheit und Harmonie achtet, dem schreiben wir
Lebendigkeit des
Auf diese Weise bestimmt, kann dieselbe eigentlich nicht mehr, als zwei verschiedene Gegenstände haben, die physische und die moralische Welt, die Natur und die Menschheit, und auf beide angewandt, bringt sie zwei Wissenschaften, die Naturbeschreibung und die Geschichte, zu Stande. Denn der Geschichtschreiber, der sehr wohl von dem Geschichtsforscher und dem blossen Erzähler geschehener Begebenheiten zu unterscheiden ist, muss, gerade wie wir es in jenem Zustande schilderten, das Ganze seines Stoffs übersehen, alle Verbindungen desselben aufsuchen, immerfort unpartheiisch vor ihm dastehn und für alle mannigfaltigen menschlichen Empfindungen und Lagen Sinn haben, um jede, die er vor sich erblickt, in ihrer Eigenthümlichkeit zu verstehen.
Wenn nun die dichterisch gestimmte Einbildungskraft einen solchen, so wesentlich
von allen anderen unterschiedenen, so bestimmt charakterisirten Zustand in der
Seele vorfindet, so kann sie nicht anders, als versuchen, diesem in ihrem Gebiet
eine entsprechende Form zu schaffen; und dieser Versuch ist es, durch welchen
Objectivität, Partheilosigkeit und Umfang der Ansicht waren die Hauptmerkmahle jener beschauenden Stimmung unsres Gemüths. So lange dasselbe es aber bloss mit wirklichen Gegenständen zu thun hat, fühlt es immer einen zwiefachen Mangel, den einen in Rücksicht auf seine Intellectualität — dass es nie alle Seiten seines Objects übersehen, nie alle Verbindungen daran auffinden, es nie als ein nur durch sich selbst bestehendes, von allem andren unabhängiges Ganzes betrachten kann — den andren in Rücksicht auf die Sinnlichkeit — dass nicht allein die Beobachtung immerfort Lücken lässt, welche nur der Verstand durch Schlüsse ausfüllen kann, sondern dass auch die Verbindung des Ganzen immer nur auf einem Zusammenhang nach Begriffen, nicht auf sinnlicher Einheit beruht.
Diesen beiden Mängeln hilft die dichterische Einbildungskraft auf einmal ab, indem sie den Gegenstand, ihn zugleich der Wirklichkeit und dem Begriff entziehend, zu einem idealischen Ganzen macht. Da nun nichts mehr übrig bleiben kann, was nicht durchaus sinnlich wäre, und nichts mehr, was nicht, als Theil des Ganzen, mit allem Uebrigen in Verbindung stände; so findet jene beschauende Gemüthsstimmung nirgends so sehr, als in ihr ihre vollkommne und genügende Befriedigung.
Die höchste Objectivität fordert die lebendigste Sinnlichkeit und jene
Allgemeinheit der Uebersicht ist unmöglich, wenn man sich nicht zu einer gewissen
Höhe über seinen Gegenstand erhebt und ihn von da aus gleichsam beherrscht. Daher
sind die beiden Hauptbestandtheile in dem Begriff der Epopee:
Der Begriff der Handlung ist dem epischen Gedicht so wesentlich, dass wir noch
einen Augenblick bei demselben verweilen müssen. Er ist auf der einen Seite dem
eines blossen
Daher kommt es, dass der Roman, der immer Begebenheiten darstellt, ob er gleich in
Absicht seines Umfangs und der Verknüpfung seiner Theile zum Ganzen eine
unverkennbare Aehnlichkeit mit dem epischen Gedicht an sich trägt, dennoch so
wesentlich von demselben verschieden ist, dass, da diess auf der höchsten Stufe
aller darstellenden Poesie steht, es von ihm noch unausgemacht ist, ob er nur
überhaupt ein wahres Gedicht und ein reines Kunstwerk genannt werden kann.
Wenigstens wird man
Weiter ist es daher nicht möglich, den Begriff der Epopee zu verfehlen, als wenn man die Nothwendigkeit der Handlung in ihr abläugnet und ihr statt derselben Begebenheiten unterschieben will.
Was nun aber diese Handlung und die Erzählung derselben so individualisirt, dass
sie die Epopee vor allen übrigen Gattungen erzählender Gedichte in ihrer
Eigenthümlichkeit bezeichnen, ist die Natur
Wenn der Künstler die innre Harmonie des Gemüths nicht durch Misklänge stören
will, so darf er seinen Gegenstand auf keine andre, als auf eine der Stimmung, auf
die er überhaupt hinarbeitet, analoge Weise behandeln. Diese nun ist bei dem
epischen Gedicht der Zustand klarer, ruhiger, aber sinnlicher Betrachtung. Je
sinnlicher dieselbe ist (und davon hängt doch ihr künstlerischer Werth ab), desto
mehr muss sie Leben, Bewegung und Handlung suchen; aber indem sie ausser sich
Thätigkeit zu sehen verlangt, kann sie keine andere fordern, als die, welche in
ihr zugleich neben ihr selbst, ohne sie zu zerstören, bestehen könnte. Es muss
daher eine solche seyn, die entweder über die ihr im Wege liegenden Hindernisse
den Sieg erhält oder sich wenigstens, wenn sie auch unterliegt, nicht in allem
ihrem Beginnen gehemmt, sondern nur eine andre Richtung zu nehmen genöthigt fühlt.
Der Kampf, in welchem der epische Dichter den Menschen mit dem Schicksal zeigt und
ohne den es nie eine grosse sinnliche Bewegung giebt, muss sich in Sieg oder in
Frieden und Versöhnung, nicht in Niederlage und Verzweiflung endigen. Denn sonst
wird die
Allein wenn der epische Dichter sich hüten muss, jene Ruhe zu zerstören, so muss er sich noch mehr in Acht nehmen, sie gar nicht in Gefahr zu bringen. Denn gerade dieselbe energisch zu machen, aus der Verbindung derselben mit lebendiger Thätigkeit männlichen Muth hervorgehn zu lassen, ist er vorzugsweise vor allen andren bestimmt. Was wir vorhin sagten, braucht er daher nur im Ganzen zu erreichen; im Einzelnen kann er seine Leser erschüttern, wie stark und nah er will, an den Abgrund der Furcht und des Entsetzens führen; vielmehr, je besser er diess zu thun versteht, desto stärker ist seine letzte endliche Wirkung. Seine Kunst, das Gemüth zu beruhigen, muss eigentlich die seyn, es mannigfaltig genug zu erschüttern, es von einer Bewegung zur andern zu führen, eine Empfindung durch die andre zu modificiren und so jede einzelne zu hindern, sich des Gemüths ausschliesslich zu bemächtigen.
Aus der
Die dichterische Einbildungskraft hat dem Stoff des epischen Dichters, um ihn in
seiner ganzen Stärke wirken zu lassen, zwei Eigenschaften mitzutheilen:
Dieser besteht darin, dem Zuhörer die Welt in ihrem ganzen Zusammenhange vor die Augen zu legen, in ihm allein seine beschauenden Kräfte herrschend zu erhalten, dieselben aber zu der höchsten Stärke und zu vollkommener Harmonie anzuspannen und diess alles endlich allein durch die Einbildungskraft auszuführen. Er hat daher nur Gestalt und Bewegung zu suchen, darf sich nicht einmal begnügen, nur die eine oder die andre, sondern muss immer beide mit einander vereint, lauter bewegte Gestalten aufstellen, muss immer allein für das Auge und den Sinn arbeiten oder, wenn er andre Sinne und andre Empfindungen ins Spiel zieht, doch ihre Wirkung immer jenem Haupteindruck unterordnen.
Aber das Auge will nicht bloss durch bestimmte Formen, durch sorgfältig gezeichnete Umrisse gehörig geleitet, es will auch belebt werden. Er muss daher die Trockenheit einer blossen Zeichnung vermeiden, Licht und Schatten, Farben, mit Einem Wort Colorit suchen, aber diess Colorit wieder nur der Eigenthümlichkeit seiner Gattung gemäss gebrauchen. Der Sinn, wenn er episch gestimmt ist, lebt in der freien, heitren Natur; der epische Dichter kann also nie genug Licht, genug Sonne, nie eine hinlängliche Fülle von Gestalten, nie genug lebendige Bewegung derselben, nie genug reiche und mannigfaltige Farbengebung erlangen. Aber mitten in diesem üppigsten Reichthum muss nicht nur überhaupt die Form, sondern in ihm selbst auch durchgängige Harmonie herrschen; ein Ton muss den andern mildern, keiner muss sich schreiend hervordrängen; die Sinne müssen ergötzt, aber nicht in verwirrendem Taumel mit fortgerissen werden. Der epische Dichter hat daher alles Bunte und Schreiende, alles Grelle und Contrastirende zu vermeiden.
Allein diess, wovon wir bis jetzt redeten, sind nur erst die
Der bloss und ruhig beschauende Sinn ist nie, da er nie von einer einzelnen Absicht noch einer einzelnen Empfindung ausgeht, auf Einen Gegenstand ausschliessend geheftet; er schweift immer auf andre, immer auf alles über, was er zugleich vor sich erblickt, sucht immer eine Menge von Objecten oder, wenn er in seiner besten Stimmung ist, immer ein Ganzes derselben. Das Werk des epischen Dichters muss daher, indem es bestimmt ist, auf die ganze Natur eine freie Aussicht zu öfnen, eine Menge von Objecten, eine Mannigfaltigkeit einzelner Gruppen umfassen, und in diesen muss nun jede Gestalt in ihren einzelnen Theilen, jede Gruppe in ihren einzelnen Gestalten, endlich das Ganze in seinen einzelnen Gruppen durch nirgends unterbrochene Umrisse eine einzige Form bilden. Aber diese Stetigkeit wird auch noch ausserdem durch die erforderliche Bewegung nothwendig. Denn jede Unterbrechung derselben würde eben so gut ein Stillstand in dieser, als eine Lücke in der Gestalt seyn.
Jedes epische Gedicht muss daher am Ende eine vollkommene Einheit aufstellen; und da diess keine Einheit nach Begriffen (wie in der Naturbeschreibung und Geschichte) seyn darf, so muss es eine Einheit der Gestalt und der Handlung seyn. Es darf daher nicht mehr als Eine Handlung und muss diese als ein sinnliches, durch sich allein vollständiges, von allem ausser sich unabhängiges Ganzes schildern.
Wie sich die epische Einheit noch besonders von der Einheit andrer Dichtungsarten unterscheidet, diess können wir bequemer in der Folge entwickeln, als hier, wo wir es noch nicht sowohl mit den Gesetzen, als nur mit dem Begriff des epischen Gedichts zu thun haben.
Wenn, wie wir im Vorigen gezeigt haben, jede eigne Dichtungsart dadurch entsteht,
dass sich in dem menschlichen Gemüth eine eigne Stimmung vorfindet, deren sich nur
die dichterische Einbildungskraft zu ihrem Gebrauche bedient (obgleich in dem
Augenblick, wo diess geschieht, immer sie es ist, welche dieselbe hervorruft), so
kann das volle Wesen derselben nicht anders, als durch die
Wir haben jetzt in Rücksicht auf die Epopee beide, die beschauende Stimmung des Gemüths und die auf sie bezogene Einbildungskraft, einzeln untersucht. Die erstere zeichnete sich durch Objectivität, durch Totalität und durch Einheit, die aber freilich eine Einheit nach Begriffen war, aus; die letztere trug im Ganzen denselben Charakter an sich, auch Objectivität, auch Totalität, auch Einheit, nur aber eine sinnliche, und nur alle diese Eigenschaften, da sie es nicht mit der, immer an sich beschränkten und uns nie ganz verständlichen Wirklichkeit zu thun hat, in grösserer Vollkommenheit und Reinheit.
Da also die Einbildungskraft hier eine Stimmung des Gemüths bearbeitet, die ihrer
eignen Natur schon von selbst nahe kommt, so ist es natürlich, dass alle jene
Eigenschaften in doppelter Stärke auftreten müssen; aber das Wichtigste ist dabei
das, was gerade aus dem Umstande selbst entspringt, dass sie sich an einem, ihr
selbst
aus der Partheilosigkeit, welche jeder bloss betrachtenden Stimmung eigen ist;
aus der Idealität und der Einheit der Kunst;
endlich aus der Anwendung der Kunst auf jene Stimmung, als einen ihr ähnlichen Stoff.
Aber in Rücksicht der Materie ist diese Aehnlichkeit nicht in gleichem Grade
vorhanden, da die beschauende Stimmung ver-
Die
So wie der epische Dichter von dem höchsten Leben beseelt ist, so mahlt er auch eigentlich die ganze Dauer desselben, da hingegen der lyrische (um unter diesem Namen alles zusammenzufassen, was jenem entgegensteht) nur einzelne Zustände schildert. Denn er allein bringt eine Stimmung hervor, welche durch das ganze Leben fortdauern kann.
Wie wir es in unsrer eignen Erfahrung wirklich, aber nur dann antreffen, wann wir
eine längere Zeit in unsre Erinnerung zurückrufen, so giebt er unsrer Empfindung
immer neue Modificationen, lässt dieselben durch die leisesten Uebergänge auf
einander folgen und versteht die Kunst, uns die ganze Tonleiter des Gefühls von
Saite zu Saite durchzuführen, abstechende Töne durch Zwischentöne zu mildern,
erschütternde allmählig vorzubereiten und ruhig verhallen zu lassen. Sowohl
objectiv in seinem Gegenstande, als subjectiv in unsrer Einbildungskraft und
Empfindung bringt er eine stetige und ununterbrochen zusammenhängende Folge
hervor. Wenn der lyrische und tragische Dichter (welche in so fern in Eine Classe
gehören) uns oft stossweise führen und uns zuletzt plötzlich auf einer steilen
Höhe verlassen; so durchläuft
Eine entschiedene Richtung zur epischen Dichtkunst kann daher niemand, als demjenigen eigen seyn, der lieber in der äussern Wirklichkeit, als abgesondert und zurückgezogen in sich lebt, der sich mehr mit dem wirklichen sinnlichen Daseyn der Dinge, als mit dem abgezogenen Gedanken und der von aller unmittelbaren sinnlichen Gültigkeit entblössten Empfindung beschäftigt; und wiederum, wer hierzu einen entschiedenen Hang hat und damit dichterisches Genie verbindet, dessen Richtung kann nicht anders, als gleichfalls entschieden episch genannt werden. Dadurch begreift man noch besser, wie sich in dem epischen Gedicht auf einmal alles vereinigt, woraus die klarste Objectivität, die lebendigste Sinnlichkeit, der thätigste Muth, die grösseste Fülle der Kraft, die allgemeinste Harmonie hervorgeht, und wie sich diese Gattung nothwendig auf den Umfang der Welt und die Dauer des ganzen Lebens ausdehnt. Denn die auf Einen bestimmten Punkt gerichtete Empfindung (um die Natur der epischen Stimmung an derjenigen, die ihr geradezu entgegengesetzt ist, zu zeigen) ist immer ein Zustand der Spannung und Anstrengung, der nicht anders, als nur Momente lang währen kann.
Wenn man das epische Gedicht seines dichterischen Gewandes entkleidet, so bleibt
dasjenige übrig, was die Geschichte in ihrer geistvollsten Behandlung und die
Naturbeschreibung in ihrer grössten Allgemeinheit gewährt — ein vollkommner
Ueberblick über die Menschheit und die Natur in ihrer Verbindung. Der wesentliche
Unterschied liegt nur in dem, was ein reines Werk der Einbildungskraft ist, darin
nemlich, dass der Dichter, um zu einem so allgemeinen Ueberblick zu führen, nicht,
wie jene, wirklich der ganzen Vollständigkeit der Objecte bedarf, sondern einen
subjectiven Weg kennt, auch vermittelst eines einzigen Objects gerade dasselbe und
in der That noch mehr zu leisten, da er das Gemüth in eine gleichsam unendliche
Stimmung versetzt, in der sie über jede, möglicherweise gegebene Anzahl von
Zugleich aber kommt keine andre Dichtungsart dem einfachsten und reinsten Begriff
der Kunst, der bildlichen Darstellung der Natur, so nahe und verbindet damit so
vollkommen auch den eigenthümlichen Vorzug der Dichtkunst, die Schilderung der
Folge der Erscheinungen und der innern Natur der Gegenstände. Mehr als irgend eine
andre giebt sie zugleich der Musik
Aber diese Bewegung ist immer nur in dem Gegenstande, sie reisst nicht auch
zugleich den Dichter und den Leser mit sich fort. Daher ist die Stimmung in beiden
immer mehr verweilend, mehr bildend, da hingegen der lyrische Dichter noch in
einem buchstäblicheren Sinn, als in welchem
Denn in der That folgt er selbst dem Wirbel der Empfindung, den er schildert, und eilt, statt bei einzelnen zu verweilen, immer von Bild zu Bild, von Empfindung zu Empfindung fort. Der epische Dichter hält alles, das, woran er schon vorübergegangen ist, und das, wozu er eben erst gelangt, zugleich fest und vereinigt es in Ein Ganzes; der lyrische bewahrt das, was er hinter sich zurücklässt, nur noch in der Wirkung auf, die es auf das zunächst Folgende ausübt.
Wir glauben jetzt die Stimmung, aus welcher die Epopee entsteht und die sie
hervorbringt, hinlänglich geschildert zu haben;
Aber darin gerade liegt eine nicht geringe Schwierigkeit. Zwar ist es offenbar,
dass die Epopee die dichterische Darstellung einer Handlung durch Erzählung ist,
auch könnte man noch leicht die Bestimmung hinzufügen, dass die Handlung als ein
sinnliches, für sich selbst bestehendes, von allem ausser sich unabhängiges Ganzes
geschildert seyn muss, wenn diess nicht von selbst schon in den Worten:
Aber immer fehlt noch gerade dasjenige darin, was die epische Stimmung
eigenthümlich charakterisirt, das rein Darstellende, die Totalität, die Freiheit
von dem Uebergewicht einer einzelnen, alleinherrschenden Empfindung. Alle diese
Eigenschaften sind aufs höchste nur dunkel in dem einzigen Ausdruck:
Jenen eigentlich epischen Charakter durch objective nähere Bestimmungen der epischen Handlung und der epischen Erzählung auszudrücken, scheint unmöglich. Denn die letztere hat in dieser Hinsicht nicht, was sich einzeln als eine objective Eigenschaft angeben liesse, und bei der ersteren kommt es nicht sowohl auf die Art (da wir bald sehen werden, dass man jede, sogar eine entschieden tragische benutzen kann), als allein auf die Behandlung an. Es bleibt also nichts übrig, als die eigenthümliche subjective Wirkung eben so in die Definition des epischen Gedichts mit aufzunehmen, als man dieselbe in der Definition der Tragödie in der Erregung der Furcht und des Mitleids schon lange zu sehen gewohnt ist.
Hiernach könnte man daher das epische Gedicht als
Denn nun braucht man nur diesen Zustand genau zu entwickeln, um sogleich zu allen
jenen wesentlichen Eigenschaften der Epopee: der reinen Objectivität, der
lebendigen Sinnlichkeit, der vollkommenen Totalität und der Abwesenheit aller
solcher
Die Hauptmerkmahle in dieser Definition sind, wie man leicht gewahr wird, der
Begriff der
Unter den übrigen Dichtungsarten giebt es vorzüglich drei, welche leicht mit der
Epopee verwechselt werden können: die
Die
Ueber den Begriff der Tragödie ist man ungleich früher, als über den der Epopee einig gewesen. Dass die tragische Handlung auf eine einzige Katastrophe hingeht, dass diese Katastrophe den Menschen im Kampf mit dem Schicksale zeigt und in dem Zuschauer Furcht und Mitleid zu erregen bestimmt ist, sind fast allgemein angenommene Merkmahle desselben. Offenbar war indess der Begriff der Tragödie auch leichter zu entdecken, als der des epischen Gedichts, da jener sich nur auf die Stimmung des Gemüths zu einer einzelnen Empfindung, dieser auf einen ganzen allgemeinen Zustand desselben gründet.
Denn darin liegt gerade der grosse und mächtige Unterschied, dass die Tragödie auf Einen Punkt versammelt, was der epische Dichter auf eine unendliche Fläche ausdehnt. Beide kommen im Begriff der Handlung und folglich der Objectivität, beide in den allgemeinen Forderungen der Kunst mit einander überein; um also in ihren Resultaten so weit auseinanderzugehen, müssen sie in der ursprünglichen Gemüthsstimmung verschieden seyn, welche die Einbildungskraft nur dichterisch bearbeitet, und gerade da ist es auch in der That, wo ihre contrastirende Individualität allein anzutreffen ist.
Dem epischen Gedicht haben wir den Zustand der
Dieser Unterschied ist überaus fühlbar, wenn wir die Erwartung vergleichen, welche die Lösung des furchtbaren Räthsels, woran Oedipus Schicksal hängt, und welche der Kampf Hektors und Achills in uns erregt. Wie ungleich ängstlicher und qualvoller ist jene, wie vielmehr bloss rührend und wehmüthig diese! In beiden Fällen ist unsre Furcht, unser Mitleid gleich stark. Aber der Ton dieser Empfindungen ist anders, da in jenem der Ausgang noch nicht entschieden ist, noch er selbst, in diesem nur seine Erzählung erwartet wird, er selbst aber längst da gewesen ist. Hat der Dichter in diesen beiden Fällen diese Verschiedenheit wohl zu benutzen verstanden, so befinden wir uns in dem ersteren in der vollkommensten Ungewissheit, selbst dann, wann der Erfolg uns schon vorher bekannt war, und empfinden in dem letzteren, auch noch völlig unbekannt mit der Begebenheit, nur die sanfte Schwermuth, in die uns eine traurige Vergangenheit versenkt, wenn die Erinnerung sie wieder zurückruft.
Diese verschiedene Einwirkung erklärt sich natürlich aus der verschiedenen Form
beider Dichtungsarten, dass die eine uns zum
Der Zustand einer bestimmten Empfindung ist also derjenige, auf welchen der
tragische Dichter hinarbeitet, und die Tragödie ist in so fern nur eine besondre,
aber zugleich die höchste Gattung der lyrischen Poesie
Will man nunmehr den Unterschied beider Dichtungsarten, nachdem man sich desselben
im Allgemeinen nach der Erfahrung und dem wirklichen Eindruck versichert hat, auf
durchaus bestimmte Begriffe zurückführen, so muss man zuerst auf die Entstehung
jeder Dichtungsart, darauf nemlich, dass die dichterische Einbildungskraft einen
Zustand bearbeitet, den sie in dem Gemüthe schon vorfindet, zurückgehn und hernach
genau dasjenige absondern, was beide, sowohl in der ihnen zum Grunde liegenden
Stimmung, als in ihren letzten Resultaten mit einander gemein haben. Denn nicht
darauf, dass die eine einseitiger oder weniger vermögend wäre, sondern nur darauf,
dass bei beiden in dem
Mit einander gemein nun haben beide:
dass, wenn die Stimmung, aus der sie hervorgehn, vollkommen seyn soll, in derselben der ganze Mensch, sein empfindendes Wesen eben so wohl, als sein betrachtendes thätig seyn muss;
dass es dieselbe Einbildungskraft, dieselbe Kunst ist, welche beide bildet und deren Gepräge sie gleich stark an sich tragen sollen.
Verschieden aber sind sie hingegen dadurch:
dass, obgleich beide alle unsre Kräfte in Bewegung setzen, diese doch bei
jeder in andrem Verhältniss und auf andre Weise gemischt sind, jeder also
ein verschiedner Gemüthszustand, der Epopee der der Beschauung, in dem das
dass diese beiden, so wie sie an sich verschieden sind, eben so sich auch verschieden zu der Natur der Kunst verhalten und daher, von ihr bearbeitet, wieder verschiedene Resultate geben.
Der Zustand der blossen Betrachtung führt nothwendig Ruhe und (in so fern als unser Verstand darin eine bedeutende Rolle spielt) ein Streben nach Totalität mit sich; aber er lässt unser Gefühl sehr unbeschäftigt, unsre Sinne selbst wirken nicht lebendig, unter ihnen vorzüglich nur der kälteste, das Auge, mit.
In dem Zustande der Empfindung haben wir unmittelbar Einen Gegenstand im Auge und befinden uns nothwendig in einer gewissen Spannung und Unruhe; aber der ganze sinnliche Theil unsres Wesens ist in starker und lebendiger Mitwirkung.
Wenn nun die Einbildungskraft diese beiden Zustände in dichterische Stimmungen
umwandeln will, so hat sie dem ersteren ihre
Denn der erstere ist ihr der Form nach ähnlich, der Materie nach aber unähnlich; sie muss ihn daher mit neuer Kraft ausrüsten; aber die Ruhe und Totalität, die sie immer mit sich führt, gehen doppelt stark und fühlbar daraus hervor.
Beide aber soll sie auch in dem andern, der, gerade umgekehrt, in der Materie ihr ähnlich, aber in der Form ihr entgegengesetzt ist, geltend machen. Hier braucht sie also eine andre Art der Kraft, eine solche, welche aus widersprechenden Elementen selbst etwas Neues zu schaffen vermag.
Hierbei müssen also auch durchaus andre Resultate entstehen.
Um neben der unabänderlichen Einseitigkeit der Empfindung nicht ihre Anforderungen
an
Um bei der unruhigen Anspannung, die mit der Empfindung immer verbunden ist, noch
die ihr eigenthümliche
Da nemlich hier in dem ursprünglichen Zustande des Gemüths und in dem, welchen die Kunst herrschend machen will, nicht, wie bei dem epischen Dichter, von selbst Harmonie vorhanden ist, so können beide nur durch die Lösung des Widerspruchs verbunden werden, in dem sie stehen, und in der Stimmung, die hierdurch bewirkt wird, bleibt immer etwas Gewaltsames und Heftiges übrig. Diess aber wird in dem Grade gemildert werden, in welchem der Dichter mehr seine Natur, als jenen ursprünglichen Zustand, die Heftigkeit der Leidenschaft, heraushebt; und wie sehr es ihm hierin gelingen kann, lehrt uns das Beispiel der Alten.
Ein scharfsinniger und geistvoller Kritiker hat bemerkt, dass die Werke der Alten
eine hohe und würdige Ruhe hervorbringen, da uns die der Neuem hingegen in einer
unruhigen Spannung lassen;Gemeint ist wohl Winckelmanns
Erörterung in den
Die Alten bringen allerdings mehr Harmonie und Ruhe hervor:
weil sie durchaus mehr episch, als lyrisch sind;
weil sie die reine Natur der Kunst vollkommner darstellen;
weil sie sich diese Arbeit weniger, als die Neueren durch einen an Gedanken- und Empfindungs-Gehalt zu reichen Stoff erschweren.
Noch weniger, als die Tragödie ist die
Unter dem Namen der Idylle pflegt man den ganzen Theil der Poesie
zusammenzufassen, welcher mehr ein häusliches Familienleben, als eine Existenz in
grösseren Verhältnissen, mehr ruhige, als unternehmende Charaktere, mehr sanfte
und friedliche Gesinnungen, als heftige Aufwallungen und Leidenschaften schildert
und vorzugsweise bei der Freude an der Natur und in dem engen, aber lieblichen
Kreise unschuldiger Sitten und einfacher Tugenden verweilt. Wo also diese Einfalt
und Unschuld herrscht, dahin versetzt uns der Idyllendichter, in das
Erstlingsalter der Menschheit, in die Welt der Hirten und Pflüger. Mit der Epopee
hingegen verbinden wir vor allem nur den Begriff der Darstellung
Die einzigen Unterschiede, die sich hiernach festsetzen liessen, wären also bloss die, dass die Idylle wenigstens nie einen heroischen Stoff oder heroische Charaktere aufnimmt und dass sie nicht, wie die Epopee, nothwendig Handlung braucht. Allein auch von dem epischen Gedicht ist es wenigstens noch nicht ausgemacht (und wir werden diesen Punkt gleich in der Folge berühren), ob es nothwendig einen heroischen Stoff darstellen muss; und die Idylle kann durchaus voll Handlung seyn, ohne darum weniger Idylle zu bleiben. Um daher auf völlig bestimmte Gränzen zu kommen, muss man einen andren und mehr methodischen Weg einschlagen.
Des Ausdrucks der Idylle bedient man sich nicht bloss, um eine eigne
Wo wir diess im Leben wirklich antreffen, da erscheint es uns als eine
Beschränkung, obgleich, da sie gerade die lieblichste und anmuthigste Seite der
Menschheit, ihre Verwandtschaft mit
Denn offenbar sind in dem moralischen Menschen zwei verschiedene Naturen sichtbar, eine, die mit seinem physischen Daseyn geradezu übereinstimmt, und eine, die sich zuerst von demselben losmacht, um reicher und gebildeter dazu zurückzukehren. Vermöge der ersteren ist er gleichsam an dem Boden festgewurzelt, der ihn erzeugt hat, und gehört selbst als ein Glied zur physischen Natur, nur dass er nicht aus Noth an sie gefesselt, sondern freiwillig durch Liebe mit ihr verbunden ist. Die Idylle nun behandelt nie mehr, als die erstere, so wie sie immer nur aus einer ihr angehörenden Stimmung entspringt. Sie hat daher einen engeren Kreis, in den sie aber darum nicht weniger Gehalt für den Geist und die Empfindung, nicht weniger Seele zu legen vermag.
Diesem Unterschiede in der Wirkung, welche beide Dichtungsarten hervorbringen, entspricht zugleich ein analoger in ihren Objecten oder wenigstens in der Behandlung derselben.
Das Natur-Daseyn des Menschen kann sich nicht durch einzelne Handlungen, sondern
nur durch den ganzen Kreis der gewöhnlichen Thätigkeit, durch die ganze Art des
Lebens beweisen. Der Pflüger, der Hirt, der stille Bewohner einer friedlichen
Hütte überhaupt kann nur selten (und dann geht er schon immer aus diesem Kreise
heraus) auf einzelne bedeutende Unternehmungen stossen; was ihn bezeichnet, ist
nicht, dass er heute dieses oder jenes gethan hat, sondern dass er es morgen
wiederholt, dass er so zu leben und zu handeln gewohnt ist; man kann nicht von ihm
erzählen, man muss ihn beschreiben. Das Object der Idylle ist daher immer ein
Daher ist alles, was nur durch gewaltsame Unternehmungen zu Stande kommt, so wie alles, was aus dem gewöhnlichen Kreise der Existenz und des Lebens herausgeht, Krieg und Blutvergiessen, jede heftige Leidenschaft, die unruhige Thätigkeit der Wissbegierde, ja der ganze Forschungsgeist überhaupt, welcher der Kenntniss der Gegenstände manchmal ihr Daseyn aufzuopfern bereit ist, der Idyllenstimmung zuwider. Wie sollte der Mensch, dessen ganzes Wesen in der reinsten Harmonie mit sich selbst, seinen Brüdern und der Natur besteht, auch nur des Gedankens an eigenmächtige Zerstörung fähig seyn? wie sollte er, der alles, wessen er bedarf, in der Nähe um sich herum findet, unruhig in eine weite Ferne schweifen? was könnte er endlich noch bedürfen, ausser dem ruhigen Daseyn, dem Genuss und der Freude am Leben und dem stillen Bewusstseyn eines schuldlosen und unbefleckten Gewissens, ausser dem Glück überhaupt, welches die Natur und sein eignes Gemüth ihm von selbst und freiwillig darbieten? Wie die Natur selbst, muss sein Daseyn in ununterbrochener Regelmässigkeit hinfliessen, wie die Jahrszeiten selbst, müssen alle Perioden seines Lebens sich von selbst die eine aus der andern entwickeln, und wie gross der Reichthum und die Mannigfaltigkeit von Gedanken und Empfindungen sey, die er in diesem einfachen Kreise zu bewahren weiss, so muss doch darin die Harmonie das Uebergewicht behaupten, die sich nie in einer einzelnen Aeusserung zeigt, sondern deren Gepräge immer nur dem ganzen Leben, dem ganzen Daseyn aufgedrückt ist.
Der Idyllendichter schildert daher immer, seiner Natur nach, nur Eine Seite der
Menschheit, und sobald er uns in den Standpunkt stellt, von dem wir auch die andre
gleich klar übersehen, geht er aus seinem Gebiet heraus, und je nachdem er mehr
einen ruhigen und allgemeinen Ueberblick oder durch die Vergleichung beider eine
bestimmte Empfindung erregt, in das der Epopee oder das der Satyre über. Denn
diese beiden Gattungen, die Idylle und die Satyre, die auf den ersten Anblick
einander gerade entgegengesetzt scheinen, sind auf gewisse Weise nahe mit einander
verwandt; und gerade in Satyrendichtern findet man die rührendsten und schönsten
Stellen über die Reinheit und Unschuld des einfachen Naturlebens, die sonst allein
der Idylle eigenthümlich sind. Beide, die Idylle sowohl als die Satyre, schildern
das Ver-
Denn der Idyllendichter steht (und diess bildet wiederum einen mächtigen Unterschied zwischen ihm und dem epischen) offenbar dem lyrischen näher. Da er Einer Seite der Menschheit einen partheiischen Vorzug vor der andern ertheilt, so erregt er dadurch mehr die Empfindung, als er das intellectuelle Vermögen in Thätigkeit setzt, das, immer allgemein und unpartheiisch, immer auch ein Ganzes umfasst.
Je mehr wir die Epopee von denjenigen Dichtungsarten absondern, welche mit ihr in gewissen Punkten übereinkommen, desto reiner erhalten wir ihren eignen Begriff, desto klarer springt ihre Bestimmung ins Auge, das Gemüth in dem Zustande sinnlicher Betrachtung und zwar in einem solchen zu befriedigen, in welchem diese Betrachtung sich das weiteste Feld gewählt hat und die dichterische Einbildungskraft ihren Gegenstand auf das sinnlichste darstellt.
Die Tragödie und Idylle unterscheiden sich von ihr der Gattung nach, indem sie auf eine bestimmte Empfindung hinarbeiten; andre gleichfalls erzählende Dichtungsarten theils eben dadurch, theils nur gleichsam dem Grade nach durch ihren geringeren Umfang und ihre geringere dichterische Individualität. Bei diesen letzteren müssen wir um so mehr noch einen Augenblick stehen bleiben, als wir selbst von einem Gedichte zu reden haben, das sich von der grossen und heroischen Epopee zu sichtbar entfernt, um nicht von Vielen dieser eben genannten Gattung blosser Erzählungen beigeschrieben zu werden.
Diese Gattung nun ist ihrer Natur nach so gross und umfasst so verschiedene Arten
von Gedichten, dass es schwer ist, dieselben unter Einen allgemeinen Begriff zu
bringen. Allein da die meisten derselben, wie z.B. die Ballade, Romanze, Legende,
die blosse Erzählung u.s.f. so himmelweit von der Epopee verschieden sind, dass
sie auf keine Weise damit verwechselt werden können; so
Wir haben im Vorigen das epische Gedicht mit der Geschichte verglichen; wir haben zu finden geglaubt, dass der Zustand des Gemüths, in welchem es ein Bedürfniss der Geschichte (im eigentlichsten und höchsten Sinne dieses Worts) empfindet, demjenigen ähnlich ist, in welchem mit Hülfe der Einbildungskraft und der Kunst die Epopee entsteht. Wie sich nun die Geschichte (welche ihren Stoff immer als ein Ganzes behandelt) von der blossen historischen Erzählung (welche sich begnügt, die Begebenheiten als eine blosse Reihe darzustellen) unterscheidet, so unterscheidet sich die Epopee von dem bloss historischen Gedicht. Diess letztere, das der ersten und höchsten Bedingung jedes Kunstwerks, ein in sich vollendetes, unabhängiges Ganzes zu seyn, widerspricht, konnte sich nicht über die Kindheit der Poesie hinaus erhalten und hat nachher immer nur in den Zeiten des Verfalls des Geschmacks einige seltne Anhänger gefunden. Es steht ungefähr auf der gleichen Stufe mit denjenigen Gedichten, die man philosophische oder wissenschaftliche nennen kann, wie wir z.B. noch einige Fragmente aus den Werken alter Philosophen besitzen, und die sich eben so wesentlich von der didaktischen, einer Gattung, deren Wesen bis jetzt noch fast gar nicht erörtert ist, unterscheiden.
So lange jene historischen Gedichte noch das reine Werk der Natur, nicht das
Product eines ausgearteten Geschmacks waren, so lange besassen sie einen eignen
Reiz und eine eigne Schönheit. Diess sehen wir noch jetzt an
Um von dem historischen Gedichte zur Epopee überzugehen, bedurfte es vielleicht
nur eines freundlicheren Himmels, einer glücklicheren Organisation, eines helleren
Blicks, eines mehr durch die Natur begünstigten Dichtergenies, und vielleicht war
nur diess der Unterschied zwischen im
Winter beschwerlich und beschwerlich im Sommer,
Ἄσκρῃ, χεῖμα κακῇ,
θέρει ἀργαλέῃ, οὐδέ ποτ᾽ ἐσθλῇ
Wer bloss erzählt, hat mehr oder weniger nur die Absicht, eine Begebenheit vor die
Augen zu stellen; er verbindet damit allenfalls noch die andre, entweder eine
Lehre einzuschärfen, und dann nähert sich die Erzählung der Fabel, oder eine
bestimmte Empfindung zu erregen, und dann ist sie mehr lyrisch. Aber er geht auf
nichts Allgemeines, auf nichts, was dem Menschen irgend das Ganze seiner Lage und
seiner Bestimmung vor die Seele
Diess nun finden wir auch in allen den Gedichten, von denen wir eben sprachen, bestätigt. In
Indess erfordert die gerechte Beurtheilung dieser einzelnen Stücke eine nicht
geringe Vorsicht. Da die Einheit der Epopee, wie wir gleich noch näher sehen
werden, von der Art ist, dass dieselbe eben so wohl aus einzelnen, vorher für sich
bestehenden Theilen zusammengesetzt, als auf einmal als ein Ganzes gebildet werden
kann; da es mehr als wahrscheinlich ist, dass selbst die vorzüglichsten epischen
Gedichte, die wir besitzen, die Homerischen, auf diese Weise entstanden sind; so
kann der epische Charakter jener einzelnen Stücke grossentheils erst durch ihre
Zusammensetzung entspringen oder wenigstens gewiss erst in ihr vollkommen
Bei solchen nicht epischen Erzählungen ist nun — und diess führt uns auf den zweiten Unterschied derselben von der Epopee — der Dichter in dem Augenblick, da seine Phantasie sie hervorbringt, nicht von der hohen Begeisterung hingerissen, welche, die ganze Seele mit sich erhebend, ihr nicht mehr erlaubt, bei einzelnen Gestalten stehen zu bleiben, sondern ihr erst, wenn sie das Ganze mit ihrem Sinn und ihrer Empfindung umfasst, eine energische Ruhe gewährt. Wo der Dichter wirkt, ist es immer die Einbildungskraft, die allein geschäftig ist, welche die Stimmung seiner Seele hervorruft, die ihr selbst analog ist, die ihn höher hinaufführt oder auf einer niedrigeren Stufe verweilen lässt. Wenn wir im Vorigen bei Gelegenheit der Methode der Ableitung aller Dichtungsarten den Zustand der Seele im Allgemeinen von derjenigen Modification absonderten, welche ihm die Einbildungskraft und die Kunst giebt; so darf man sich darum nicht vorstellen, dass dieselbe diesen Zustand schon vorfand und nur bearbeitete. Vielmehr ist sie es allein, welche ihn hervorbringt, aber freilich darin der individuellen Natur des Gemüths folgt, die eben dadurch auch die ihrige ist.
Kein erzählendes Gedicht, das, wie wir im Vorigen sagten, unter der Epopee steht, wird daher die hohe dichterische Schönheit besitzen, welche dieser immer eigen ist, keins in diesem Verstande ein vollkommnes, in sich geschlossenes Ganzes bilden. Zwar wird ihm die Einheit nicht fehlen dürfen, welche jedes Kunstwerk erst zu einem ächten Product der Einbildungskraft macht; aber es wird nicht eine so vollendete, so sorgfältig ausgebildete, in allen ihren Theilen organisirte Gruppe darstellen, es wird nicht in dem reinen und hohen objectiven Sinne gearbeitet seyn, weil es nicht aus einer so reinen und hohen objectiven Stimmung entspringt.
Zwischen dieser ganzen Gattung erzählender Gedichte und der Epopee ist daher ein
fester und bestimmter Unterschied. Sie sollen das Gemüth bloss belehren, rühren,
ergötzen oder beschäf-
Wir haben nunmehr den Begriff des epischen Gedichts hinlänglich entwickelt, um nun auch die Frage, in wie fern
„
Eine solche oder eine ähnliche Sprache dürfte ein grosser Theil unsrer Leser führen, und diese Einwürfe, die auf einmal die ganze Untersuchung über eine Frage abschneiden würden, die sich hiernach auf den ersten Anblick von selbst entscheidet, sind zu wichtig, um sie mit Stillschweigen zu übergehen. Sie verdienen vielmehr in mehr als Einer Hinsicht eine strenge und ausführliche Prüfung, da es eben so wenig gleichgültig ist, bloss um leicht erkennbare Merkmahle zu bekommen, unwesentliche in die Definition der Dichtungsarten aufzunehmen, als ein Gedicht, das sich gerade durch seine trefliche innere Organisation auszeichnet, zu einer blossen Mittelgattung herabzuwürdigen.
Muss die Epopee nothwendig einen heroischen Stoff behandeln? und an welchen sichren und untrüglichen Kennzeichen lässt sich ein solcher von jedem andern unterscheiden? — diess sind, sieht man leicht, die beiden Fragen, auf welche allein alles hinausläuft. Denn der Mangel heroischer Charaktere und Handlungen ist das Einzige, wodurch sich
Der Ausdruck des Heroischen ist ohne hinzugefügte nähere Bestimmung mehr als Einer
Deutung fähig: er kann theils mehr auf die sinnliche Grösse, theils mehr auf die
innere Erhabenheit bezogen werden; er lässt ferner verschiedene Grade zu.
Allgemein kann man den
Der
Jene erstere Gattung ist immer nothwendig in der Tragödie in Handlung gesetzt, in der bürgerlichen sowohl, als in der eigentlich heroisch genannten; in dieser kommt nur auch die zweite zugleich hinzu. Diese letztere aber ist es, die wir, allein oder zugleich mit der ersteren, in allen bekannten Epopeen antreffen und in unserm Dichter gerade vermissen.
Bei Dingen, die mehr durch Zufall, als nach Grundsätzen entstanden sind, entfernt
man sich immer von dem Gegenstande, wenn man genau in den Begriff eingeht; und so
sind auch wir hier, gerade da wir dem Wesen der Epopee, so wie es uns die
Sie verlangen eine Handlung, die aus der Geschichte entlehnt sey, eine grosse innere Wichtigkeit und einen beträchtlichen äussern Umfang habe; ferner Vorfälle, welche viel sinnliche Bewegung mit sich führen, starke und mannigfaltige Leidenschaften in Thätigkeit setzen, mithin überhaupt einen Stoff, bei dem weniger Individuen, als Nation und die Menschheit überhaupt interessirt sind, wodurch die handelnden Hauptpersonen natürlich zu Königen und Fürsten, überhaupt zu solchen werden müssen, die auf das Schicksal andrer einen mächtigen Einfluss ausüben; sie verlangen ausserdem (wenn auch weniger einstimmig) die Mitwirkung höherer Wesen, die Einmischung der Fabel und des Wunderbaren und endlich — was, wie wir gleich näher zeigen werden, nicht weniger hierher gehört — die Ankündigung des Gegenstandes und den Anruf der den Gesang beschützenden Gottheit in dem Eingange des Gedichts.
Alle diese Eigenschaften, die letzte allein ausgenommen, sind indess
gewissermassen unbestimmt und einige unter denselben tragen unläugbar das Gepräge
des Unwesentlichen und Zufälligen an sich. Der aus der Geschichte entlehnte Stoff
kann mehr oder minder bekannt seyn, in dem letzteren Fall nähert er sich einem
bloss von dem Dichter erfundenen; die Wichtigkeit und Grösse der Handlung, die
sinnliche Bewegung ihrer einzelnen Theile ist durchaus relativ; die Einmischung
der Fabel und des Wunderbaren kann doch nicht anders, als durch die Stimmung
wirken, die sie hervorbringt, durch die höhere Feierlichkeit, durch die grössere
Ehrfurcht, die sie in der Seele des Lesers weckt, und es hängt also von der Zeit,
Dieser Unbestimmtheit ungeachtet ist indess die Wichtigkeit aller dieser Stücke
zusammengenommen nicht zu läugnen; es giebt der Seele offenbar einen höheren
Schwung, wenn sie sich
Es kann schwerlich je eine grössere und mehr epische Situation gedacht werden, als die ist, mit welcher der dreizehnte Gesang der
Zeus sitzt auf dem Gipfel des Ida. Er hat eben dem Waffenglück im Kampf bei dem
Lager der
Derselbe Gedanke, die beiden Extreme der menschlichen Natur, die heftige und
unruhige Thätigkeit, mit welcher der Mensch immer nach etwas Neuem und Höherem
strebt, und die stille Genügsamkeit, mit der er sich immer nur in demselben Kreise
herumdreht und nur diesen mit Segen und Gedeihen zu erfüllen
Es ist daher unläugbar gewiss: die Sphäre, woraus der Stoff, die Handlung, die Personen der Epopee genommen sind, ist für die Wirkung auf den Leser auf keine Weise gleichgültig.
Aber wenn diess nicht auf einen unbestimmten Begriff von bloss relativer Grösse
der Begebenheit und Mannigfaltigkeit der Bewegung hinauslaufen oder der Dichter
nicht gezwungen seyn soll, bloss und allein die vorhandenen Muster nachzuahmen und
schlechterdings dieselben Mittel, sie mögen nun jetzt noch dieselbe Kraft der
Wirkung besitzen oder nicht, zu gebrauchen; wenn es möglich seyn soll, dem
Merkmahl des
Und in der That ist es dieser Heroismus, zu welchem die einfachsten und höchsten Muster der Epopee, die
Nichts charakterisirt den epischen Sänger so sehr, als die Gewissheit, mit der er auftritt; und in dieser Rücksicht gehört, wenn man einmal bloss von der grossen und heroischen Epopee spricht, die Ankündigung des Gegenstandes und der Anruf der Muse im Eingange des Gedichts gar nicht so sehr zu den unwesentlichen Erfordernissen derselben, als es vielleicht scheinen könnte.
Nicht bloss dass der Dichter die Aufmerksamkeit des Lesers stärker erregt, je feierlicherer beginnt, und dass diese Zuversicht selbst seinen Sängerberuf bewährt, so muss er auch von selbst, erfüllt von einer grossen, folgenreichen, allgemein bekannten Begebenheit und in der Stimmung der Einbildungskraft, in der sie alles ins Grosse, ins Glänzende, ins Reich-Sinnliche mahlt und lauter Gegenstände um sich versammelt, die dieser Behandlung fähig sind, auf einen solchen Eingang gerathen. Er muss nicht genug eilen können, das auszusprechen, wovon er selbst überströmt, und ehe er die einzelnen Theile seines Gemähldes besonders schildert, wenigstens zuerst nur mit den Hauptumrissen das Ganze hinzustellen. Mitten unter dieser Fülle von Gegenständen und in dem Drange seiner Empfindung muss er Beistand und Hülfe, aber er kann sie nur bei der Gottheit suchen, mit der er wirklich in diesem Augenblicke näher verwandt ist, da er, wie sie, über der Welt und der Menschheit, über der Vorzeit und der Gegenwart schwebt.
Auch sind alle eigentlich sogenannten epischen Dichter hierin dem Beispiel
Unser Dichter befindet sich in einem noch andern Fall. Sein Stoff ist von der Art, dass er ihm mit Sicherheit die Theilnahme jedes gefühlvollen Lesers verspricht, aber er trägt diese nicht unmittelbar an der Stirn, man muss erst tiefer in ihn eingehn, um mit ihm vertraut zu werden, ihn erst kennen lernen, um ihn lieb zu gewinnen. Nach und nach also und schrittweise muss der Dichter den Leser in sein Interesse verweben, einfach und anspruchlos beginnen, um sich am Schlüsse desto gewisser des vollen Siegs zu erfreuen. Selbst der Anruf an die Muse konnte ihm daher weder eine höhere Kraft zu erlangen noch die, welche er besitzt, zu bewähren dienen; er konnte ihn, wie wir im Vorigen gesehn haben, nur dazu brauchen, seinen Stoff innerhalb des Gebietes der Kunst in dem Augenblick zu erhalten, da er in das der Wirklichkeit überzugehen droht, seine physische Wirkung zu schwächen, um seine ästhetische zu erhöhen.
Indess bringt er doch auch bei ihm unläugbar zugleich noch eine andre und dem
epischen Gedicht mehr eigenthümliche Wirkung hervor. Dadurch dass er die Handlung
einen Augenblick in ihrem ununterbrochenen Fortschreiten anhält, dass der Dichter
an dieser Stelle in wenige Worte zusammenfasst, was er bisher geleistet hat und
was ihm noch zu besingen übrig bleibt, bildet sich der Stoff des Gedichts vor
unsrer Einbildungskraft sinnlicher als ein Ganzes, das einem bestimmten Ziele
zueilt. Dadurch dass er einen Augenblick ausruhen und neue Kräfte sammeln muss,
dass er eines Beistandes zu bedürfen glaubt, um zum Ziel zu gelangen, erscheint
sein Geschäft uns bedeutender, die Bewegung in der er sich befindet, grösser und
lebendiger. Selbst die Vorstellung der Muse, wenn wir uns auch unter diesem Namen
nicht mehr jene ehrwürdige Gottheit des Alterthums denken, wenn wir es auch klar
empfinden, dass sich der Dichter bloss an seine eigne Begeisterung wendet und
dieser nur jene sinnliche Einkleidung leiht, trägt dennoch dazu bei, den
dichterischen Schwung unsrer Stimmung zu erhöhen. Denn erkennen wir gleich nicht
mehr die Ehrfurcht
Dass also zwischen allen übrigen bisher bekannten epischen Gedichten und unsrem gegenwärtigen in der That ein wichtiger Unterschied vorhanden ist, dass derselbe in dem heroischen Charakter liegt, welcher jenen eigen ist und diesem fehlt, und dass dieser Charakter allerdings dazu beiträgt, die eigentlich epische Wirkung zu modificiren und zu verstärken — sind die Resultate unsrer bisherigen Untersuchung.
Durch diese aber wird der bisher festgesetzte Begriff der Epopee keinesweges umgestossen. Diesem ist schlechterdings Genüge geleistet, sobald unser Gemüth auf eine dichterische Weise in den Zustand lebendiger und allgemeiner sinnlicher Betrachtung versetzt ist. Niemand wird läugnen können, dass diess eben so wohl durch einen bürgerlichen, als einen heroischen Stoff, durch eine erdichtete, als durch eine allgemein bekannte und welthistorische Begebenheit, durch Ereignisse, die nur einige wenige Personen betreffen, als durch solche, die ganze Nationen in Bewegung setzen, geschehen kann, wenn es auch in dem einen Falle leichter gelingen sollte, als in dem andern. Welchen Gegenstand er auch zur Bearbeitung wählt, so muss der Dichter immer von ihm aus auf einen allgemeinen Standpunkt führen können; wenn ihm auch sein Stoff wenig sinnlichen Reichthum darbietet, muss er ihm doch immer Gestalt und Bewegung, also sinnliches Leben mittheilen können. Alsdann aber hat er sein Geschäft vollendet und die epische Wirkung ist unläugbar vorhanden. Verbindet man mit der Epopee Nebenbegriffe von dem Umfange des Gedichts und der Grösse der Handlung, mischt man unwesentliche Dinge, wie die Fabel und das Wunderbare hinein, so ist das allein der Fehler der Kritik. Alle diese Forderungen fliessen nicht aus dem Wesen des epischen Gedichts, sie sind bloss von den vorhandenen Mustern, welche unmöglich allen künftigen Erweiterungen Gränzen vorschreiben können, hergenommen und sind endlich nicht einmal an und für sich fest und sicher bestimmt.
Indess lassen sich dieselben dennoch auf etwas Bestimmtes zurückführen; sie kommen alle darin überein, dass der Stoff der Epopee ins Glänzende, Sinnlich-Reiche bearbeitet werden muss; und zwischen einem Gedicht, in welchem diess geschehen ist, und einem andren, in dem, wie z.B. in dem unsrigen, eine grössere Einfachheit und ein geringerer sinnlicher Reichthum herrscht, ist ein unverkennbarer Unterschied. Wenn es daher auch leicht ist, jene Anforderungen einzeln zurückzuweisen und es sogar mit Recht lächerlich zu machen, wenn man nur Könige und Helden und diese in einem feierlichen und majestätischen Aufzuge auf dem Schauplatz des Dichters sehen will, so bleibt es darum nicht weniger gewiss, dass, wenn der Dichter sich mit lauter sinnlich grossen Gegenständen umgiebt, er auch unsre Einbildungskraft in einen höheren und sinnlicheren Schwung versetzt, als wenn er sich nicht über den gewöhnlichen Kreis unsers Lebens erhebt. Sobald man sich an diese verschiedene Stimmung der Phantasie hält und nicht gerade auf diese oder jene Beschaffenheit des Stoffes dringt, so wird man den grossen Unterschied beider Behandlungen nicht allein nie verkennen, sondern auch fühlen, wie wichtig es ist, beide nicht mit einander zu verwechseln.
Ginge dieser Unterschied den Begriff des
Wenn wir daher auch unsern Begriff der Epopee selbst nicht umzuändern brauchen, so müssen wir doch zwei wesentlich verschiedene Gattungen derselben unterscheiden, von denen wir nur die eine, gerade weil es an Mustern derselben fehlte, noch nicht gehörig zu nennen im Stande waren. So wie es ein bürgerliches Trauerspiel im Gegensatz des heroischen giebt, eben so und noch mehr, da dieser mehr sinnliche Schwung der Phantasie, wie wir gesehen haben, in der That den Begriff der Epopee näher angeht, als den Begriff der Tragödie, müssen wir auch eine ähnliche Art der Epopee annehmen; und eine solche ist
Diese beiden Gattungen nun kommen in dem wesentlichen Begriff des epischen Gedichts schlechterdings mit einander überein, gehen beide von der Darstellung einer einzelnen Handlung aus, zeigen beide den Menschen und die Welt in ihrer Verbindung und versetzen beide das Gemüth in den Zustand der sinnlichsten, aber allgemeinsten Betrachtung, sind aber in der Art, wie sie diese Wirkung erreichen, von einander verschieden.
Die
Die
Wir sagten im Vorigen, dass das epische Gedicht, mehr als jede andre Dichtungsart,
den Gestalten, die sonst ausschliessend der bildenden Kunst angehören,
Des Beweises, dass
Es ist natürlich, dass diese Grösse nicht im ersten Augenblick in die Augen fallen kann, dass sie sogar eben deswegen, weil sich ihr Bild erst nach und nach vor unserm Geiste gestaltet, eine eigen modificirte Empfindung hervorbringt. Es ist ganz etwas anders, mit der Ankündigung eines schon vorher bekannten Gegenstandes oder mit der Sache selbst anzuheben; ganz etwas anders, als epischer Sänger, als lebendiges Organ des Rufs und der Geschichte oder als einfacher Erzähler, als blosser Dichter aufzutreten. In dem ersteren Fall erhebt sich die Einbildungskraft des Lesers auf den blossen Ton, den sie anstimmen hört, wird, noch ohne dass der Gegenstand selbst wirkt, von dem Feuer mit ergriffen, das den Dichter begeistert; in dem letzteren muss erst der Geist und das Herz den Stoff selbst umfassen, ehe das Interesse daran sich ihr ganz mitzutheilen vermag. Natürlich muss also dort das Gefühl einer glänzenderen, mehr phantastischen, aber eben so natürlich hier das einer gehaltvolleren und innigeren Grösse entstehen. Und so finden wir es auch in der That. Die ersten Verse des Dichters wecken bloss Neugierde und Theilnahme in uns, aber bei den letzten Gesängen sind wir von dem Höchsten und Besten durchdrungen, was wir je in unsern glücklichsten Momenten dachten oder empfanden.
Das grösseste Geheimniss besonders des epischen Dichters besteht in der Kunst, den Boden zuzubereiten, auf welchem seine Figuren erscheinen, ihnen den Hintergrund zu geben, vor dem sie hervortreten sollen. Diese Kunst hat unser Dichter auf eine ausnehmende Weise verstanden. Die Personen seines Gedichts sind allein sein Werk; sie haben keinen andern Werth, keine andere Wichtigkeit, als die er ihnen mitgetheilt hat, aber die Begebenheiten, die Zeitumstände, in die er ihre Schicksale verwebt, das, was er eigentlich durch sie darstellt, was, indess wir sie sehen, in ihrer Gestalt, in ihren Handlungen auf uns einwirkt, das hat für sich und unabhängig von seiner Bearbeitung ein grosses, ein allgemeines, ein hinreissendes Interesse.
Gleich in dem ersten Gesange zeigen sich uns zwei bedeutende, sichtbar von
einander geschiedene Gruppen: im Vordergrunde einige einzelne Charaktere,
Menschen, die Gleichheit des Wohnorts,
Mit diesem Contrast ist zugleich das Hauptthema des ganzen Gedichts aufgegeben. Wie ist intellectuelles, moralisches und politisches Fortschreiten mit Zufriedenheit und Ruhe? wie dasjenige, wonach die Menschheit, als nach einem allgemeinen Ziele streben soll, mit der natürlichen Individualität eines jeden? wie das Betragen Einzelner mit dem Strom der Zeit und der Ereignisse? wie endlich überhaupt das, was der Mensch selbst in sich schaffen und umwandeln kann, mit demjenigen, was, ausser den Gränzen seiner Macht, mit ihm selbst und um ihn her vorgeht, so vereinbar, dass jedes wohlthätig auf das andre zurück und beides zu höherer allgemeiner Vollkommenheit zusammenwirkt?
Diese Fragen sind in den Gesprächen des Wirths mit seinen beiden Freunden, in dem Streite der beiden Eltern über die Unzufriedenheit des Vaters mit dem Betragen des Sohns, in der entschlossenen Aeusserung Herrmanns über den thätigen Antheil an der allgemeinen Gefahr, endlich in der Gegeneinanderstellung seiner Meynung und der des früheren Verlobten Dorotheens über die Zeitumstände überhaupt, um nur dieser vorzüglichsten Stellen zu gedenken, nach einander aufgeworfen oder beantwortet.
Die Antwort selbst ist zugleich die richtigste für die philosophische Prüfung, die
genügendste für das praktische Leben und die tauglichste zu dem dichterischen
Gebrauch. Alle jene Dinge, zeigt uns der Dichter, sind vereinbar durch die
Beibehaltung und Ausbildung unsres natürlichen und individuellen Charakters,
dadurch dass man seinen geraden und gesunden Sinn mit festem
Diess nun, die Menschheit selbst in ihren, zugleich durch ihre innre Kraft und die
äussere Bewegung bewirkten Fortschritten, hat unser Dichter unsrer
Einbildungskraft darzustellen verstanden. Er hat diesem Stoff dadurch mehr
dichterische Idealität gegeben, dass er zu den Charakteren lauter rein
menschliche, durch keine Cultur verzärtelte und doch der Cultur nicht
verschlossene Naturen gewählt, seinen Hauptpersonen aber sogar etwas Heroisches,
etwas, das an
In den Charakteren ist gerade immer dasjenige herausgehoben, was poetisch und
praktisch die grösseste Wirkung thut; es herrscht immer darin eine doppelte Art
der Stärke, einmal die ursprüngliche der Natur und dann die, welche aus dem
Zusammenwirken aller verschiedenen Eigenthümlichkeiten entspringt. Denn durchaus
waltet die menschliche Empfindung darin vor, dass nichts gut ist, was nicht
natürlich ist, dass alles Natürliche mit
Die Charaktere der Hauptpersonen sind wirklich für sich selbst von der Art, dass sie sich allem, was nur an sich gut ist, anschliessen und mit allem eine wohlthätige Wechselwirkung unterhalten können: einige andre, denen diese Eigenschaft nicht so eigen ist, helfen diess noch in ein helleres Licht stellen, und wo das Gespräch (das fast immer diese Materie behandelt) den moralischen Werth und die Gesinnungen der Menschen berührt, da wird immer nur bewiesen, dass, wenn sich Leben im Leben vollenden soll, das Natürliche nicht unterdrückt und das Mannigfaltige nicht einförmig gemacht werden muss. Von scheinbaren Fehlern unsrer Natur aus wird in diesen Gesprächen immer gezeigt, wie sie nur Veranlassungen sind, sich zum Besseren und Höheren zu erheben, streitende Neigungen werden freundlich mit einander ausgeglichen und die Menschheit wird so sehr in ihrem Ganzen umfasst, dass es nur wenig bedeutende Züge in ihrem Bilde geben wird, die hier nicht berührt wären. Am einfachsten, allgemeinsten und schönsten ist sie in der Stelle geschildert, wo (S. 100.) der thätige und rastlose Umsegler des Meers und der Erde mit dem stillen und ruhigen Bürger verglichen wird.
So herrscht also in dem ganzen Gedicht der schöne Geist der Billigkeit, welcher alle Dinge nur von der Seite aufnimmt, von der sie gut und erhebend scheinen; so werden wir, auf eine wahrhaft epische Weise, auf den allgemeinen Standpunkt geführt, von dem wir alles und alles mit gleich grossem, partheilosem Interesse ansehn, und so schiebt sich, ohne dass wir es selbst bemerken, das ungeheure Bild der ganzen Menschheit den wenigen Personen unter, die wir vor uns handelnd erblicken.
Weniger ruhig und befriedigend, aber gleich gross und kräftig ist das Bild der
Begebenheiten. Die merkwürdigste, die vielleicht die ganze Geschichte aufweist,
die französische Revolution, ist von ihren drei grössesten Seiten, von dem edeln
Freiheits-Enthusiasmus, der ihren Anfang bezeichnete, von dem Kriege mit dem
Auslande und von der Auswanderung einer so zahlreichen Menge von Familien gezeigt.
Gerade diese drei sind es auch, welche sich dem Interesse der Leser am meisten
empfehlen müssen: die erste
Allein das, was diese Begebenheiten allein und unmittelbar für sich enthalten, ist noch bei weitem nicht alles; es ist vielmehr noch wenig, bloss das verwirrte Gedränge des Zuges, bloss das mannigfaltige Elend der Flüchtlinge, die Gräuel und das Verderben des Kriegs vor sich zu erblicken; die Hauptwirkung entsteht erst durch die Vergleichung dieser Zeit mit der Vergangenheit aller Jahrhunderte, durch den unsichern und ahndungsvollen Blick in die Zukunft. “Unsre Zeit, heisst es, vergleicht sich den seltensten Zeiten; in der heiligen und in der gemeinen Geschichte findet sich nichts, was ihr ähnlich wäre; wer in diesen Tagen gelebt hat, hat schon Jahre gelebt; so drängen sich alle Geschichten. Die Verhältnisse der Gesellschaft sind so umgekehrt, die Stützen, auf denen eines jeden sicheres Daseyn ruhte, so umgestürzt worden, dass einzelne Menschen, mitten in unsern gebildeten und culivirten Staaten, ganze Schaaren ohne Heimath und Wohnort herumführen und dadurch an jene frühesten Zeiten erinnern, wo ganze Nationen durch Wüsten und Irren herumwanderten. Und wo ist das Ende dieses Unheils zu sehen? Man täusche sich nicht mit betrüglicher Hofnung!
So stellt uns der Dichter zugleich die höchste Unruhe, die äusserste Zerrüttung, eine wahrhaft rettungslose Verzweiflung, aber neben derselben auch das sicherste Gegenmittel, die beste Quelle des Trostes und der Hofnung dar. Wenn die Bande der Welt sich lösen, so sind wir es, die sie wieder zu knüpfen vermögen. Hierin schliesst sich das ganze Gedicht zusammen, darin vereinigen sich alle einzelnen Eindrücke, die es auf uns gemacht hat. Aus dem Untergang und der Zerstörung sehen wir neues Leben, aus der Verwirrung der Völker das Glück und die fortschreitende Veredlung einer Familie hervorgehn.
Herrmann und Dorothea sind es, die uns von Anfang an allein beschäftigen, allein
unsre ganze Aufmerksamkeit erschöpfen.
Um beide bilden sich von dem Anfange des Gedichts an zwei verschiedenartige Gruppen. Dorothea gehört zu demjenigen Theil unsrer Nation, der durch den Umgang mit unsern mehr verfeinerten Nachbarn eine höhere Cultur und mehr äussre Bildung erhalten und durch eben diese Nachbarschaft auch an den neueren philosophischen Ideen mehr Antheil genommen hat; sie befindet sich zugleich in dem Zustande höherer Spannung, in welchen jede ausserordentliche Begebenheit die Seele immer versetzt; diese Stimmung wird noch durch ihre erste unglückliche Liebe und die schwermüthige Erinnerung daran vermehrt; und diess alles zusammengenommen und in einem weiblichen Charakter mit einander verschmolzen macht sie zu einem feineren, höheren, idealischeren Wesen, als Herrmann ist, zu einem Wesen, mit dem wir noch herzlicher und inniger sympathisiren. Dagegen lässt Herrmanns Charakter nichts an männlicher Stärke und natürlicher Einfachheit vermissen, und beide vereinigt geben nun das lebendigste Bild einer fortschreitenden Veredlung unsres Geschlechts. Denn ihre Aehnlichkeit ist so vollkommen, dass sie sich auf das innigste an einander anschliessen können, und ihre beiderseitige Verschiedenheit gerade von der Art, dass jeder von dem andern, was ihm selbst mangelt, empfängt.
Ein furchtbares Ereigniss, das ganze Völkerschaften aus ihrer Heimath vertreibt,
führt also eine schönere und edlere Natur in eine entfernte, noch minder
cultivirte Gegend; es führt sie gerade
Wer erinnert sich nun nicht hierbei der frühesten Zeiten unsrer Geschichte, wo wohlthätige Pflanzvölker in weit entfernte Länder Menschlichkeit und Gesetzesliebe und die ersten Keime der Wissenschaft und Kunst hinübertrugen? und der späteren, wo einzelne Königstöchter, von dem Zauber sanfter Weiblichkeit und der Macht der Liebe unterstützt, barbarischen Völkern die milden Gesinnungen einer menschlicheren Religion einflössten? wem scheint das Bild, das ihm der Dichter darstellt, nicht darum noch erhebender, als jene, weil der Stamm, der hier noch veredelt werden soll, schon selbst so gesunde und trefliche Früchte trägt? wer rettet sich nicht gern und mit einer gewissen stillen Andacht aus den Gräueln der Jahre, die wir durchlebt haben, zu Scenen dieser Art hin, die ihm allein nur noch zuzurufen scheinen, dass sich nicht darum alles bewegt und umkehrt, um alles auf einmal in derselben Verwirrung zu begraben, sondern um die Welt und die Menschheit neu und besser zu gestalten?
Vorzüglich hat unser Dichter der bildenden Kraft des weiblichen Geschlechts ein schönes und rührendes Denkmahl gesetzt. Denn wenn Herrmann sanfter und menschlicher, vielseitiger und empfänglicher ist, als sein Vater, können wir darin den wohlthätigen Einfluss des stillen und einfachen Wesens seiner liebenden Mutter auf seine Natur verkennen? wenn er schon in dem Augenblick, in dem wir ihn zuerst handeln sehen, einen höheren und edleren Enthusiasmus gewonnen hat, ist es nicht Dorotheens Gestalt, die ihn dazu entflammt? und sehen wir nicht deutlich an der Macht, welche sie auf alle ausübt, die sich ihr nähern, die schönere Bildung, die sich von ihr aus auf ihre Familie, auf die ganze Gemeine, die ganze Gegend verbreiten wird?
Auch hierin bleibt der Dichter der Natur unverbrüchlich treu.
Die fortschreitende Veredlung unsres Geschlechts, geleitet durch die Fügung des Schicksals, macht also, in einer einzelnen Begebenheit dargestellt, den Stoff unsres Gedichts aus. Sieht man denselben nunmehr von dieser Seite an, so wird man ihm gewiss weder Grösse noch Umfang noch endlich epische Tauglichkeit absprechen können. Nur liegt die Grösse desselben freilich nicht so, wie bei der heroischen Epopee, in der Begebenheit selbst, sondern in dem, was sich in ihr darstellt. Wer diess verkennt oder wer auf der andern Seite nicht vollkommen fühlt, dass derselbe dennoch durchaus künstlerisch, objectiv und episch behandelt ist, der wird immer entweder dem allgemeinen oder dem künstlerischen und in beiden Fällen dem epischen Werth des Gedichts zu nahe treten.
Das Hauptresultat des Begriffs der Epopee läuft darauf hinaus, dass dieselbe unter
allen Dichtungsarten die am meisten
Vorzugsweise ist die höchste Sinnlichkeit ein Eigenthum der heroischen Epopee, die eben so gleichsam ein Maximum des epischen Gedichts, als dieses selbst ein Maximum aller darstellenden Kunst überhaupt genannt werden kann. Daher gehören unter dieses Gesetz die gewöhnlichen Regeln von der Grösse der Handlung, der Einmischung des Wunderbaren, der Mitwirkung der Götter, der Ankündigung [des Gegenstandes] des Gesanges und des Anrufs der Muse. Da die entgegengesetzte Art der Epopee sich gerade hierin von der heroischen unterscheidet, so muss sie sich sehr hüten, nicht durch eine zu wenig sinnliche Behandlung gar unter dem Epischen oder dem Dichterischen überhaupt zu bleiben.
Dem epischen Dichter wird die Beobachtung einer vollkommenen Stetigkeit auf
eine doppelte Weise durch den Begriff der Handlung und den der Erzählung zur
Pflicht. Für den tragischen, der seine Handlung unmittelbar darstellt, hat
diess Gesetz eine bei weitem andre Bedeutung. Er schildert das wirkliche
Leben mit allen den Lücken, den Unterbrechungen, den Ueberraschungen, die
wir in jeder Begebenheit wahrnehmen, von der wir unmittelbare Augenzeugen
sind, die aber der epische Dichter, wie der Geschichtschreiber, nothwendig
ausfüllt und überarbeitet, indem er das Ganze in Eine Erzählung verknüpft.
Die Handlung muss also ununterbrochen fortgehn; kein Umstand darf
absichtlich hingestellt scheinen; unabhängig von dem Zweck, zu dem er
gebraucht ist, muss er schon für sich selbst als eine nothwendige Folge aus
dem Vorigen herfliessen; der Zusammenhang des Plans muss so fest und so
innig seyn, dass der Leser selbst ihn nicht anders hätte entwickeln, so
übereinstimmend mit den
Diess ist die sinnliche objective Stetigkeit der Handlung und des Plans. Aber um die subjective in dem Gemüthe des Lesers hervorzubringen, welche eigentlich von ihm gefordert wird, muss der epische Dichter noch mehr thun. Ueberall nemlich, wo er eine Mannigfaltigkeit von Bestimmungen in den Charakteren, Gesinnungen, Empfindungen anwendet, muss er sie gerade eben so durch unendlich kleine allmählige Abstufungen von einander trennen, allen grellen Contrast vermeiden und in ihrer Verschiedenheit selbst immer nur den Reichthum und den Umfang der Gattung darstellen, zu der sie alle gemeinschaftlich gehören. Denn darin besteht die wahre Stetigkeit einer Reihe von Gliedern, dass durch die Verschiedenheit der einzelnen nur die Einheit noch klarer wird, die sie alle in eine zusammenhängende Kette verbindet.
Die Empfindung nemlich, deren Erregung der Hauptzweck des tragischen
Dichters ist, kennt nur Einen Gegenstand und auf diesen Begriff wahrhaft
numerischer Einheit wendet nun der Dichter den milderen und höheren des
Kunstganzen an. Der betrachtende Sinn hingegen, der in der Epopee
dichterisch bearbeitet wird, nimmt vielmehr immer vieles zugleich auf und
verknüpft es nur
Der Schluss seines Gedichts ist nicht nothwendig ein wirkliches Ende, über das hinaus sich nun nichts mehr hinzufügen liesse; es ist genug, wenn nur alle einzelnen Theile des Ganzen darin auf eine befriedigende Weise zusammenkommen, und es hängt sehr häufig nur von dem Dichter ab, ihn in einen blossen Ruhepunkt zu verwandeln, sobald es ihm nemlich gefällt, den Faden der Erzählung noch weiter fortzuspinnen.
Doch kann er seinen Plan nicht nach Willkühr ins Unbestimmte hin ausdehnen.
Die Gränze ist auch hier scharf geschnitten; er darf nemlich nicht weiter
gehen, als bis dahin, wo sein Stoff aufhören würde, eine
Die drei bis jetzt entwickelten Gesetze fliessen alle aus dem Begriff der Darstellung einer Handlung her; sie sind im Ganzen eben so gut der Tragödie eigen und nehmen nur durch den epischen Gebrauch eigne Bestimmungen an, Die folgenden entspringen mehr aus der eigenthümlichen Natur der Epopee, den betrachtenden Sinn unsres Gemüths und zwar denselben in seiner höchsten Allgemeinheit zu beschäftigen. In dieser Hinsicht zeigt sich uns zuerst:
Aber vor allem hat er dafür zu sorgen, dass sich keine Empfindung ausschliessend oder auch nur mit auffallendem Uebergewicht unsrer Seele bemeistre. Daher würde z.B. ein eigentlich tragischer Stoff einer wahrhaft epischen Behandlung grosse Schwierigkeiten in den Weg setzen, da neben der Herrschaft, welche die Gefühle der Furcht und des Mitleids über uns ausüben, leicht nicht noch etwas andres emporkommen kann. Auch ist ein solcher von epischen Dichtern fast nie behandelt worden; denn das Tragische der Messiade z.B. löst sich wenigstens am Ende in Sieg und Triumph auf.
Indess darf man darum dennoch auch einen solchen Stoff nicht ganz und gar
aus dem Gebiete der Epopee verbannen. Bei keiner Dichtungsart kommt es
eigentlich auf das Object, bei allen nur auf die Art an, wie dasselbe
bearbeitet wird. Selbst die vollkommenste Tragödie, um sogleich das
auffallendste Beispiel zu wählen, liesse sich auch an einer durchaus
glücklichen und gelingenden Begebenheit ausführen. Die höchsten und
heftigsten Bewegungen der Freude, Bewunderung und Entzücken, sind einer eben
so grossen Macht über die Seele fähig und nehmen im Ganzen denselben
heftigen und beschleunigten Gang, als die höchsten Bewegungen der Trauer und
des Schmerzes; und wenn ein Dichter glücklich genug wäre, einen Stoff zu
finden, in welchem der gelingende Erfolg, der das Ende krönte, einen
Sterblichen auf einmal zu einem beinahe göttlichen Wohlthäter seines
Geschlechts erhöbe, in dem der, welchem diese Auszeichnung zu Theil würde,
ein Charakter wäre, der mit der kraftvollsten Energie und dem edelsten
Enthusiasmus das reinste und einfachste Gefühl der Unwürdig-
Die Behandlung ähnlicher Stoffe, nur mehr ins Sinnlich-Grosse, als ins Moralisch-Erhabene, mehr phantastisch als pragmatisch bearbeitet, giebt, um diess im Vorbeigehen zu bemerken, den höchsten und vollkommensten Begriff der ernsten und feierlichen Oper.
Es ist ein schöner Vorzug der Kunst, uns von den inneren
Der Epopee indess kann es auch an der Menge der Objecte nicht fehlen; keine Methode ist so fruchtbar, als die der höchsten Objectivität: denn um eine Gestalt herauszuheben, braucht man andre, die ihr zur Seite stehen, um eine Bewegung zu schildern, die, welche vor ihr vorhergehn und auf sie folgen. Den grössesten Reichthum derselben wird man indess freilich nur bei der heroischen antreffen.
Die
Diess aber ist das Gebiet des epischen Dichters. Seine Kunst geht aus der Fülle des Lebens hervor und führt eben so auch dahin zurück. Er flieht daher alle gleichsam übermässige Verfeinerung in Gedanken und Empfindungen, alle verwickelten und schwer zu ergründenden Charaktere und Empfindungen; was damit verwandt ist, kommt ihm unnatürlich und kleinlich zugleich vor. Er braucht grosse und helle Massen, und Gegenstände jener Art vertragen das sonnichte Licht nicht, das er über seinen Gegenstand auszugiessen gewohnt ist. Er will ausserordentliche Menschen mahlen, aber doch nur solche, die es durch den Grad ihrer Kraft, durch die Reinheit ihres Wesens, nicht gleichsam durch eine seltne Organisation sind; im Ganzen sollen sie mit allem, was nur überall das Menschlichste und Natürlichste ist, in dem vollkommensten Einklange stehen; was er darstellt, muss der blosse gesunde und gerade Sinn durchaus zu fassen und sich anzueignen im Stande seyn. Diess auch allein ist der reinen objectiven Darstellung fähig, von der er sich niemals entfernt.
Dessenungeachtet kann er indess nicht weniger auch einen Gegenstand, der nah
an das bloss Idealische gränzt, aus jener gleichsam fremden Welt in seine
Dichtung hinüberführen; und wir haben im ersten Theile dieser Abhandlung
gesehn, dass die Eigenthümlichkeit der neueren Poesie und besonders die
unsers Dichters grossentheils hierauf beruht. Nur muss er alsdann nicht
versäumen, dagegen das Gemüth seines Lesers vollkommen pragmatisch zu
stimmen und dadurch wieder den Misklang aufzulösen, den sonst ein solcher
Gegenstand in dieser Gattung nothwendig bewirken müsste. Ist er aber hierin
glücklich, so erhöht er den Reiz seiner Dichtung, da er ihre Gränzen
erweitert, ohne ihrem Charakter zu schaden. Denn wenn es eine Hauptregel für
den
Die heroische Epopee läuft weniger Gefahr, gegen diess Gesetz zu verstossen, als die ihr entgegengesetzte. Aber je genauer auch diese es beobachtet, je mehr sie hohen und feinen Charaktergehalt zugleich mit dieser natürlichen Einfachheit zu verbinden weiss, je mehr sie originelle Individualität in einer Dichtungsart geltend macht, die immer, selbst in den Individuen, nur die Gattung zu zeigen strebt, desto grösser ist ihre Wirkung.
Denn der Mensch ist nie schöner, als wenn er sich dasjenige, was er ausschliesslich durch seine eigne Kraft gebildet hat, dergestalt aneignet, dass es in ihm als eine allgemeine Eigenschaft der ganzen Menschheit erscheint.
Diess sind die vorzüglichsten Gesetze der epischen Dichtkunst. Sie sind alle
eigentlich nur verschiedene Ausdrücke der lebendigsten Objectivität, Anwendungen
des allgemeinen Begriffs der Epopee auf die einzelnen Forderungen, welche an den
Dichter ergehen. Daher liessen sie sich vielleicht auch noch unter andre
Benennungen bringen; uns schien es indess die allgemeine Uebersicht am meisten zu
erleichtern, zuerst diese Regeln festzusetzen, welche der Dichter bei allen
einzelnen Theilen seines Verfahrens beobachten muss, und dann diese letzteren
selbst durchzugehen. Mit diesem letzten Geschäft wollen wir nunmehr noch diese,
nur vielleicht zu ausführliche Beurtheilung beschliessen und den
Der
In dem Ende selbst schliessen sich alle Theile, die der Dichter vorher einzeln gezeigt hat, vollkommen zusammen; alle vorher aufgeregten Empfindungen finden darin ihre genügende Befriedigung. Herrmanns Wunsch Dorotheen zu besitzen ist erfüllt; die Naturen, die für einander bestimmt schienen, haben sich gefunden und beginnen nun ein neues und schöneres Leben. Indess bleibt es doch immer, nach wahrhaft epischer Weise, mehr ein Schluss des Dichters, als ein Ende der Handlung selbst. Wenn auch das Mädchen eingewilligt hat, wenn die Eltern ihre Zustimmung gegeben haben; so könnte in der Wirklichkeit doch noch mehr als Ein Hinderniss unerwartet dazwischen treten und die wirkliche Verbindung, die noch nicht geschehen ist, aufschieben. Wäre es möglich, diesen Stoff als Tragödie zu behandeln, so würde sogar erst hier der Knoten geschürzt werden, erst hier die Handlung angehen müssen. So mächtig aber ist die Stimmung, in welche der Dichter unser Gemüth versetzt, so ganz hat er dasselbe in seiner Gewalt, dass, wenn wir alsdann mit Gewissheit plötzliche Schwierigkeiten erwarten würden, wir hier die eigentliche Vollziehung der Verbindung selbst nur als eine nothwendige Folge ansehen, die der Dichter bloss darum nicht mit in seinen Plan aufnimmt, weil sie sich nunmehr natürlich von selbst versteht.
Bei einem Stoff, wie ihn unser Dichter wählte, musste nothwendig ein grosser Theil
seines Gedichts in Gesprächen bestehen; eine gewisse Armuth an Handlung kann ihm
bei einem solchen
In der That werden nur wenige auch unter den grösseren Gedichten so viele und so grosse sinnliche Gegenstände aufstellen; das einzige, was man vermissen kann, ist bloss, dass es nicht möglich war, auch nur alle bedeutenden unter denselben zugleich in Handlung zu setzen. Aber diess ändert nicht sowohl die Stärke, als nur die Art der Wirkung; es macht nicht, dass wir weniger, nur dass wir mit andren Augen sehen. Dadurch ist das Feld des Dichters nicht verengt, nur sein Ton verändert worden.
Wo derselbe indess nun wirklich Handlung dargestellt hat, da geht sie auch
ununterbrochen fort, steht sie vom ersten Gesänge an keinen Augenblick stille. So
oft wir auch bloss Zuhörer der Unterredungen der aufgeführten Personen sind, so
vertreten dieselben doch nie die Stelle der Handlung, sondern sind immer
vollkommen an ihrem Platz. Statt also dass ihre häufige Wiederkehr ein Fehler des
Plans wäre, ist sie nur eine unvermeidliche Folge des einmal gewählten Stoffs. Sie
dienen noch ausserdem eine gewisse Weile zu bewirken, den Gang der Handlung bald
anzuhalten, bald zu beschleunigen. Denn nirgends bewegt sich
Was aber diesem Gange vorzüglich Leichtigkeit und Natürlichkeit giebt, ist die
Menge der einzelnen Momente, in welche sie vertheilt ist und deren man in diesem
kleinen Umfange, ohne nur irgend zu sehr einzuschneiden, gewiss gegen Hundert
zählen könnte. Wie wichtig dieser Umstand ist, beweist uns
Bei der Anordnung des Détails ist kein Umstand, der aus einem andern, vorher
angegebenen natürlich herfliesst, ausgelassen und kein angeführter unbenutzt
geblieben, und eben so wenig findet man einen, dessen der Dichter bedurft hätte
und der nicht schon durch die einmal vorausgesetzten Verhältnisse mit gegeben
gewesen wäre. Wie in einer vollkommen ausgearbeiteten Bildsäule nichts mehr
blosser Stoff ist, wie auch der kleinste Raum, über den der Finger hinweggleitet,
seine eigne Form und seine eigne
Gerade nun dadurch zeichnet sich das ächte Dichtergenie in der Composition aus,
dass es seinen Gegenstand gleich dergestalt in die Phantasie auffasst, dass sich
alles davon absondert, was keiner poetischen Wirkung fähig ist, alles hingegen,
was diese vermehren kann, sich von selbst darin findet. Ohne nur irgend zu suchen,
muss der Dichter in dem Stoff, den ihm die Begeisterung zuführte, selbst
verwundert, alles vereint und nur das antreffen, was er bedarf; er muss bloss
entwickeln, was ihm, gleich als wäre es das Geschenk eines glücklichen Ungefährs,
sein Genius, ohne sein Bemühen, nur durch die Kraft seiner Natur gab. Diess ist
hier um so auffallender, da ein so einfacher Stoff und im Grunde nur ein einziges
Verhältniss aufgestellt wird. Der Dichter kann hier nicht, wie z.B.
Die Wahl des Augenblicks, in welchem der Dichter die Handlung aufnimmt, gehört zu den vorzüglichsten Beweisen seiner Geschicklichkeit in der Behandlung derselben. Denn von ihm hängt das Interesse ab, das sogleich und unmittelbar in uns erregt werden soll. Daher ist es beinah zur Regel geworden, den Zuhörer gleich in die Mitte der Begebenheit zu versetzen, und in der That ist jeder Anfang zu leer und unbestimmt; es bleibt zu ungewiss, was man sich von dem Erfolge versprechen darf, als dass schon da eine bedeutende Theilnahme entstehen könnte. Auch unser Dichter ist dieser Regel getreu geblieben, er hatte aber hierzu noch einen andern und wichtigern Grund.
Der Anfang seiner Handlung ist Herrmanns Fahrt nach dem Zuge der Ausgewanderten
und die Vertheilung der Geschenke, mit welchen ihn seine Eltern hingesendet
hatten. Diese ganze
Auf diesem Zuge ist es ferner, dass Dorothea zuerst ihrem Herrmann erscheint, und der Dichter erreicht nun auf einmal einen doppelten Zweck, wenn er mit der Begebenheit selbst auch den Eindruck schildert, den sie in ihm zurückgelassen hat. Endlich schliesst sich die Zeit der ganzen Handlung kürzer und schöner zusammen, wenn das Gespräch über Herrmanns Verheirathung, das den eigentlichen Anfang der Verwickelung macht, auch gleich in den ersten Gesängen anhebt, wenn es die erste bedeutende Scene ist, die wir vor unsern Augen vorgehen sehen.
Drei Hauptwendungen sind es vorzüglich, durch welche die Handlung eine
entschiedene Richtung erhält: der Streit zwischen
Der Vorwurf des Vaters beschleunigt den Gang der Handlung, die sonst nicht so leicht zur Entscheidung gekommen wäre; Herrmanns Gemüth musste durch sie so bewegt, seine zärtliche Mutter um ihn so besorgt, sein Herz durch ihre liebevolle Sorgfalt so tief gerührt werden, wenn er, der sich sonst so schwer entschloss, sich so schnell entdecken, so plötzlich die entscheidenden Schritte zu wagen entschliessen sollte. Zugleich aber ist es so natürlich, dass der Vater in einer Stunde, wo er heiter gestimmt, aber durch die Begebenheiten der Zeit ernsthafter bewegt ist, der Verheirathung seines Sohnes gedenkt, die ihm schon lange am Herzen lag, und dass der Anblick so vieler Unglücklichen, welche das Schmerzliche einer traurigen Flucht darum noch bittrer empfanden, weil ihre Frauen und Kinder es mit ihnen theilten, das Gespräch überhaupt auf diese Materie lenkt.
Von dem Begegnen beider Liebenden am Brunnen haben wir schon im Vorigen gesprochen; es gehört zu den Ereignissen, in welchen gerade das Wunderbare und Ueberraschende natürlicher ist, als das Gegentheil. Kein Zustand einer stärkeren Leidenschaft, einer höheren Spannung der Seele wird je ohne ein solches ungefähre Zusammentreffen bloss zufälliger Umstände gefunden werden, sey es nun, dass wir alsdann nur diese Umstände schärfer herausheben und dauernder in unserer Empfindung aufbewahren, oder sey es wirklich, dass eine geheime und unbegreifliche Sympathie der Seele diejenigen zusammenführt, die in ihren innersten Empfindungen Eins sind, oder dass dieselbe Gemüthsstimmung ihnen wenigstens ähnliche Richtungen gebe, in welchen sie sich öfter und leichter begegnen.
Die Schürzung des Hauptknotens endlich entspringt sehr natürlich aus Herrmanns und
Dorotheens Charakter. Er, feierlich gestimmt und tief bewegt und aus mehr als
Einem Grunde, aber
In der That hätte der Dichter kein glücklicheres Mittel finden können, seine
Wirkung zugleich hinzuhalten und zu verstärken. Wie schön wird nun der Rückweg der
beiden Liebenden durch diess Misverständniss, das Dorotheen die ganze Freiheit in
ihren Aeusserungen gegen Herrmann erhält, welche das Bewusstseyn anerkannter
Gefühle nothwendig raubt! Welche liebliche Zweideutigkeit bringt es in die Worte
des Jünglings, mit denen er, immer zweifelnd, aber auch immer bald mehr, bald
weniger hoffend, ihr seine Besitzungen, das Haus seiner Eltern, diess Fenster der
Kammer zeigt, die er bisher einsam bewohnt hat und nun doppelt glücklich an ihrer
Seite bewohnen wird. Wie gern hören wir ihn hier, nicht mehr im Stande seine
Empfindung ganz an sich zu halten, ihr sagen, dass diese Kammer künftig die ihrige
seyn wird, aber auch gleich durch den Zusatz:
Die letzte von denen, welche wir hier zusammen anführten und welche die
Entwickelung noch am Schluss einen Augenblick verzögert, thut uns, wie sich nur
wenige Leser werden abläugnen können, auf gewisse Weise wehe. Wir haben einen so
innigen Antheil an Herrmanns und Dorotheens Gefühlen genommen, dass wir die
Verwirrung, die, wenn sie uns bis jetzt selbst ergötzte, nun für beide drückend
werden kann, gern unmittelbar gelöst
Aber er hätte auch seinen epischen Vortheil nur wenig verstanden, wenn er sie,
durch eine falsche Delikatesse verleitet, hätte aufgeben wollen. Denn gerade diese
minder sorgfältige Achtung zarter Gefühle, diese Stimmung, in der wir andre nicht
für verwundbarer ansehen, als uns selbst und daher ohne weitere Rücksicht unsern
Launen oder Einfällen folgen, vielmehr an absichtlich angerichteten Verwirrungen
und Misverständnissen, von denen wir doch voraussehen, dass sie sich zuletzt in
einen bloss heitern Scherz auflösen müssen, eine sichtbare Freude haben, ist den
eigentlich natürlichen, rein realistischen und also durch beides wahrhaft epischen
Charakteren am meisten eigen. Daher findet man auch Stellen dieser Art nirgends so
häufig, als in den Alten und herzzerschneidende Worte
, die vorzüglich in der
κερτομίοις ἐπέεσσιoder
κερτομίοισιbegegnet
So wie diese einzelnen sind die meisten oder, genau ge-
als Folgen des vorher Gegebenen;
als Mittel zum Zweck des Ganzen;
endlich als die tauglichsten Werkzeuge zur Hervorbringung einer wahrhaft epischen Wirkung, und daran, dass dieses alles immer unzertrennlich zusammengeht, sieht man, dass das Ganze aus einer einzigen rein dichterischen Anschauung entstanden ist. Diess durch alle Theile des Gedichts hindurch einzeln zu zeigen, würde eine überflüssige Arbeit seyn, da gewiss alle in ihrer ganzen Verkettung dem Leser gegenwärtig sind. Auch haben wir im Vorigen (XXX—XXXVI.) schon eine Veranlassung gefunden, die uns beinah durch das ganze Gedicht vom Anfange bis zum Ende geführt hat. Wir können uns daher hier begnügen, nur noch ein Paar allgemeine Bemerkungen hinzuzufügen.
Die Quellen, aus welchen der epische Dichter alle seine Mittel schöpft, sind
allein der Lauf der Begebenheit und die Natur der Charaktere, die er darstellt.
Der unsrige, der in dem ersteren keine grosse Hülfe finden konnte, musste sich
vorzugsweise an die letztere halten; indess hat er der eigentlichen Begebenheit
etwas andres unterzuschieben gewusst, wovon er mehr, als vielleicht bisher ein
andrer Dichter treflichen Nutzen gezogen hat — den
Beide bestimmt er mit unermüdlicher Sorgfalt, bei beiden vernachlässigt er
schlechterdings keine Beziehung, die sie auf die Handlung oder die Personen haben
können und dadurch gruppiren sich nun in diesen Umgebungen die Figuren noch
dichter und schöner zusammen. Die
Hin- und Herziehn.
Nicht weniger sorgfältig macht er uns mit dem
Aber unsrem Dichter macht es auch die Eigenthümlichkeit seines Stoffs mehr, als einem andren zur Pflicht, die äussern Verhältnisse seiner Personen nicht zu vernachlässigen. Da sie immer weniger durch ihre einzelnen Handlungen, als durch ihren Charakter, ihre Gesinnungen, ihre Lebensart interessiren können, so darf er nicht weniger Sorgfalt darauf verwenden, diese Dinge, die sie täglich umgeben, als sie selbst zu zeigen.
So hat sein Plan den festesten Zusammenhang, so durchgängige Stetigkeit der Bewegung und vollkommene Einheit des Ganzen. Aber er verbindet mit diesen Vorzügen noch einen andern, der, wenn er auch nicht seine epische Tauglichkeit vermehrt, doch die Wirkung des Gedichts sehr angenehm verstärkt, nemlich eine gewisse regelmässige, man darf es sagen, absichtliche Symmetrie. Sie kann dem aufmerksamen Leser von selbst nicht entgangen seyn und auch wir haben sie schon an mehr als Einer Stelle in dem Bisherigen berührt. Sie giebt der ganzen Production eine gewisse Lieblichkeit und Zierlichkeit, die nur der Kunst angehört und den Werken derselben um so sichtbarer eigen seyn muss, als es ihnen an grossem Umfang und an eigentlicher Erhabenheit abgeht. Wo sie fehlt, wird das Ernste leicht feierlich, das Pathetische leicht drückend; wo sie übertrieben ist, geht alle Wahrheit und aller Eindruck auf die Empfindung verloren. So, wie unser Dichter, hierin die Mittelstrasse zu halten, die höchste und einfachste Natur, so ganz ohne ihr das Mindeste ihrer Wahrheit zu entziehn, mit dem sichtbaren Gepräge der Kunst zu stempeln, ist vielleicht der sicherste Beweis einer ächten Künstlernatur.
Eben die Stetigkeit und Einheit, die in dem Plan des Gedichts herrscht, finden wir
auch in den Empfindungen, die nach einander erregt werden, wieder. Alle kommen in
der reinsten und menschlichsten Theilnahme an der Bildung und an dem Glücke der
Menschheit, in der Gesinnung mit einander überein, die, billig in der Beurtheilung
Andrer, uns bloss streng gegen uns selbst macht, aber uns doch immer in
ununterbrochener Thätigkeit und heitrem Muthe erhält. Im Einzelnen läuft jede
immer sanft in die andere über. Wenn das Gespräch eine zu ernsthafte oder rührende
Gestalt annimmt, so giebt ihm der Apotheker eine leichte und lustige Wendung; wenn
dieser uns zu sehr in seinen Kreis herabzieht, so führt uns der Geistliche zu
einer allgemeineren philosophischen Ansicht. Besonders findet sich dieser
Uebergang vom Pathetischen durch das Komische zur blossen Betrachtung eben so
häufig, als
Nur in einer einzigen Stelle ist ein sichtbarer Sprung, ein gewissermassen greller Contrast; aber da ist er auch nothwendig, da fordert ihn die Veranlassung selbst mitten in der sonst nirgends unterbrochenen Stetigkeit der epischen Gattung. Unsre Leser errathen gewiss, dass wir von dem Mittel gegen die Ungeduld reden wollen, das der Apotheker noch im Alter seinem seligen Vater verdankt; keiner von ihnen wird über diese Stelle leicht ohne allen Anstoss weggelesen, jeder sich gefragt haben, was es eigentlich ist, das ihn so sonderbar daran trift. Wir wollen versuchen, an unsrem Theil von dem Verfahren des Dichters Rechenschaft zu geben.
Herrmanns Eltern sassen unruhig mit den beiden Freunden da und erwarteten mit Ungeduld die Ankunft ihres Sohns und den Ausgang der Begebenheit. Die Wichtigkeit dieser Entscheidung liess kein andres Gespräch aufkommen; die Mutter vermehrte das Uebel noch durch laute Klagen, durch Hin- und Herlaufen und durch Vorwürfe, die sie den Freunden machte, die ihn allein gelassen hatten. Besonders wuchs dadurch der Unmuth des schon heftigen Vaters. So müssen wir uns die Lage in dem Zimmer denken und so schildert sie uns der Dichter.
In dieses Zimmer soll nun, wenige Augenblicke nachher, das liebende Paar
eintreten. Soll jetzt der Dichter diesen Augenblick durch das Unangenehme dieser
allgemeinen Verstimmung verderben? Unmöglich. Er muss vielmehr ihren Empfang
vorbereiten; man muss an dem vollen Eindruck auf alle Gemüther fühlen, dass es
Herrmann und Dorothea sind, die hereintreten. Was giebt es aber für einen
Uebergang aus diesem Zustande in einen andern, ehe noch die Ursache desselben
aufgehört hat? Offenbar keinen andern, als einen gewaltsamen. Wodurch kann er
bewirkt werden? Offenbar nur durch etwas Grosses und in die Augen Fallendes, nur
durch einen grellen und harten Contrast. Denn da die Aufmerksamkeit immer allein
auf die beiden Hauptfiguren gerichtet bleiben soll, so muss der Dichter suchen,
die Veränderung hervorzubringen, ohne doch dem Gegenstande, den er dazu braucht,
eine eigne Wichtigkeit einzuräumen. Gerade die
Wenn man die Aufgabe auf diese Weise stellt, so bewundert man mit Recht, wie
glücklich der Dichter das Mittel gefunden hat, sie zu lösen. Das Bild des
Wie treflich sind aber auch hier wieder alle übrigen Umstände behandelt! Wie anschaulich sehen wir, dem Apotheker gegenüber, die Wohnung des Tischlers; wie geschäftig arbeiten Meister und Gesellen; wie passend ist die sonderbare Erzählung dem Apotheker, die herrliche Anwendung dem Geistlichen in den Mund gelegt; wie hübsch ist die ganze Fabel ersonnen! Denn was könnte in der That besser den Ungeduldigen zurechtweisen, als die Nähe des Todes und die Schnelligkeit der Zeit, die sein thörichter Unverstand noch gewaltsam vor sich wegzutreiben eilt?
Die wahre und natürliche und zugleich feste und bestimmte Zeichnung der
Alle Charaktere unsres Gedichts gehören sämmtlich zu Einer Gattung; denn alle Personen sind aus derselben Classe, aus dem wohlhabenden Theil des Bürgerstandes genommen. Was wir in allen schon auf den ersten Anblick bemerken, ist ein Uebergewicht der ursprünglichen Natur über die erworbenen Kenntnisse und Fähigkeiten, der natürlichen Kräfte über die Cultur. Der Geistliche und der Apotheker besitzen zwar auch einen höheren Grad von dieser; aber in dem letzteren ist es eine schiefe und halbe, die ihm, ohne übrigens seiner natürlichen Gutmüthigkeit zu schaden, einen gewissen komischen Anstrich giebt; in dem Geistlichen ist sie vorzugsweise auf die moralische Bildung und das Glück des Menschen, also wieder auf das Einfachste und Natürlichste bezogen, was gedacht werden kann. In allen finden wir daher einen schlichten und geraden Sinn, reine und natürliche Empfindungen, menschliche und billige Gesinnungen; in allen mit Einem Wort einen sehr gesunden Menschenverstand und eine gewisse wackre Gutmüthigkeit. Im Apotheker allein kann man gegen beide einige Einwürfe erheben; in ihm ist der erstere hie und da durch Halbcultur verschroben und die letztere mehr Schwäche, als Verdienst. In dem Geistlichen sind beide durch mehr Nachdenken und Kenntnisse zugleich erhöht und verändert. Aber am reinsten herrscht dieser Charakter in Herrmann, in seinen Eltern und Dorotheen.
Bei allen andern findet sich ferner ein Zusatz, der sie in den Kreis gewöhnlicher
Menschen herabzieht und sie manchmal näher an das Gemeine, Platte und Rohe bringt.
Der Vater wird bisweilen einseitig und hart; der Geistliche ist oft pedantisch,
der Apotheker lächerlich. Nur Herrmann, seine Mutter und Dorothea bleiben durchaus
gut und edel; sie sind eigentlich durchaus von gleichem absoluten Werthe, nur sind
auch unter ihnen wieder die Nüancen fein und schön angegeben. Die Mutter ist von
der thätigsten Bravheit, der reinsten Güte, der zartesten Feinheit; aber sie ist
es gleichsam ohne ihr eignes Verdienst und ohne es selbst zu wissen. Alles liegt
allein in ihrer Weiblichkeit und ihrem Muttergefühl; immer stellt sie sich nur
hinter ihren Herrmann zurück; immer sieht sie sich allein nur in ihm. Herrmann hat
die schönste Anlage zu allem Besten und Höchsten, aber sie
Im Ganzen, sehen wir an dieser allgemeinen Uebersicht, kommen die Charaktere
unsres Dichters sehr mit den Homerischen überein. Auch in das Unrecht hasset und Unbill,
Arbeit den Arm und die Füsse mächtig gestärket;
Kein epischer Dichter nemlich kann das Heldenmässige in den Charakteren entbehren.
Denn wenn der lyrische und der tragische nur einzelne Empfindungen und
Leidenschaften brauchen, so braucht er hingegen das ganze Wesen des Menschen.
Dieses ganze Wesen also muss auch nothwendig etwas Dichterisches besitzen, ausser
seiner innern und eigentlichen Treflichkeit zugleich ein taugliches Object für die
Einbildungskraft abgeben. Diess aber, wozu vor allem andern Selbstständigkeit und
Natur gehört, ist es
Daher ist nichts dem epischen Geist in so hohem Grade zuwider, als die blosse
Alle Cultur nemlich ist ein Werk des abgesondert wirkenden Verstandes. Nun üben,
ohne die Ausbildung desselben, die Dinge um uns her eben so wohl ihren Einfluss
auf unsre Empfindungen aus, erregen eben so wohl unsre Neigungen und
Leidenschaften. Aus beidem aber entstehen unsre Gesinnungen. Es ist also ein
Charakter möglich, auf dessen Bildung der blosse Verstand gar keinen bedeutenden
Einfluss gehabt hat; die reine Natur hat allein auf den reinen Menschen
eingewirkt. Wir empfinden und begehren eben so gut, als nachher; aber das, was auf
uns ein- und was aus uns zurückwirkt, und die Art, wie diess geschieht, ist uns
einzeln nicht klar und verständlich. Diess ist
Unser Verstand entwickelt sich, eine tiefere Einsicht beginnt, wir unterscheiden
uns deutlicher von dem Objecte und ein Object von dem andern. Wir verstehen
besser, was mit uns vorgeht, aber wir lassen auch unsern Empfindungen weniger
natürliche Freiheit, und so lange also unsre Cultur noch unvollständig und
einseitig ist, verderben und verdrehen wir unser gesundes und gerades Gefühl.
Diess ist
Unsre Einsicht erweitert sich, wir geben uns, besser über uns selbst belehrt,
unsre natürliche Freiheit wie der, kehren von den Verirrungen, zu denen uns eine
einseitige Cultur verführt hatte, auf die Spur der Natur zurück; wir werden nun
wieder zu eben dem, was wir waren, ehe wir ausgingen, aber wir selbst und die Welt
sind uns nun verständlich und klar und diess bessere und vollere Verstehen hat
zugleich unserm Gefühl und unsern Neigungen eine andre Gestalt mitgetheilt: sie
sind verfeinert worden, ohne eigentlich in ihrem Wesen verändert zu werden. Diess
ist
In dieser letzten Periode kann nun zwar der epische Dichter den Menschen wieder aufnehmen und so auf einmal den doppelten Vorzug der Natur und der Cultur vereinigen. In gewissem Grade thut er diess auch wirklich. So hat der unsrige z.B. Dorotheen und dem Richter eine sehr hohe, aber eine durch Begebenheiten und Erfahrung, nicht durch Wissen und Studium hervorgebrachte gegeben. Doch abgerechnet, dass durch eine solche Beimischung einer mannigfaltigeren Bildung die dichterische Wirkung nur wenig gewinnt, so wird er auch noch, sich jenes Vortheils ganz zu bedienen, durch etwas Andres verhindert.
Das Uebergewicht der Cultur giebt unsrer ganzen Lebensart eine gewissermassen
unnatürliche und künstliche Gestalt und einen ähnlichen Charakter tragen auch die
Begebenheiten unsrer Zeit an sich. Da sie eine Menge neuer Bedürfnisse weckt und
vor allem darauf ausgeht, die möglichst grosse Zahl der Zwecke mit dem möglichst
kleinen Aufwande von Mitteln zu erreichen, so hat sie zwischen die Kraft des
Menschen und das Werk, das er dadurch hervorbringt, eine Menge von Werkzeugen und
Mittelgliedern gesetzt, vermöge deren ein Einziger mit geringerer Anstrengung eine
grosse Masse bewegen kann. Der Mensch erscheint also seltner als die einzige
Ursache einer Begebenheit und noch seltner als die unmittelbare. Er handelt nicht
allein oder nicht frei oder wenigstens nicht selbst und geradezu. Das Zusammen-
Bei dieser unpoetischen Lage unsrer Zeit hat der Dichter nichts Eiligeres zu thun, als uns von da weg in eine Welt zu retten, die uns dem glücklicheren Alterthume näher führt; er muss daher seinen Stoff aus demjenigen Theil der Gesellschaft hernehmen, in welchem die ursprüngliche Natur noch die Cultur überwiegt, und ihn überhaupt mehr im bürgerlichen, als im öffentlichen Leben aufsuchen; und diess ist es, wodurch die heroische Epopee jetzt beinah zu einer unmöglichen Aufgabe wird.
Einen antiken Stoff dürfte der epische Dichter nicht leicht, so wie der tragische
wählen; dieser hat nur einen einzelnen Vorfall, eine einzelne Leidenschaft zu
schildern, der er, da sie durch alle Zeiten hin gleich menschlich bleibt, immer
die Farbe der Wahrheit geben kann, und gewinnt nun einen, schon vor ihm in dem
Geiste seiner Zuschauer poetisch gebildeten Stoff. Jenem aber, der das ganze Leben
seiner Helden zugleich mit allem, was sie umgiebt, schildern soll, der bei weitem
nicht mit der gleichen Willkühr Züge aus seinem Bilde weglassen oder andre
hinzufügen darf, würde es auf diesem Boden immer an Natur und pragmatischer
Wahrheit mangeln. Wo aber findet er nun in der neuem
Bis also das epische Genie durch die That das Gegentheil beweist, kann man schon hiernach, ohne noch an das Wunderbare, dessen sie schwerlich entbehren könnte, zu denken, die heroische Epopee in unsern Tagen mit vollkommenem Recht unter die Zahl der Unmöglichkeiten rechnen; und es bleibt daher so lange nichts andres übrig, als alle epischen Stoffe immer nur aus dem Privatleben und zwar aus derjenigen Menschenclasse zu nehmen, die wirklich auch jetzt noch natürlicher, einfacher und antiker lebt. Dass hierbei in der That in Rücksicht auf die Charaktere kein Verlust ist, kann schon
Den höchsten Gehalt in die einfachste Naturform einzuschliessen, ist die Aufgabe, welcher der Dichter bei der Bildung seiner Charaktere volle Genüge leisten muss, wenn er den Geist und die Einbildungskraft seiner Leser in gleichem Grade befriedigen will.
Hierin gleich glücklich zu seyn, wäre dem unsrigen unmöglich geblieben, wenn er nicht einen weiblichen Charakter gewählt hätte, die Hauptrolle in seiner Charakteristik zu spielen, den eigentlichen Ton darin zu bestimmen. Denn nur in der weiblichen Natur steht die natürlichste und die höchste Bildung in einer so sichtbaren Nähe neben einander; nur in ihr Verschaft sich die ursprüngliche Eigenthümlichkeit immer einen vollen und leichten Sieg; nur auf sie übt die Verschiedenheit der Stände und Beschäftigungen eine minder fühlbare Macht aus. Zugleich aber konnte der Dichter auch, wie wir im Vorigen gesehn haben, seiner Hauptwirkung unbeschadet, Dorotheen eine feinere Bildung und einen freieren Schwung der Seele einräumen. In ihr konnte er daher am besten neben einer schönen Individualität zugleich das reine Bild der Gattung aufstellen.
Denn so viele Schilderungen weiblicher Charaktere wir auch schon
Die Stelle über die allgemeine Bestimmung des Weibes (S. 172.)
Nicht weniger weiblich und mädchenhaft, als jener Zug ist die anscheinende Kälte, mit der Dorothea bald die Empfindungen des Jünglings zurückscheucht, bald seine halb und dunkel gewagten Aeusserungen kurz abfertigt; dass sie überall verständig, gewandt und besonnen, aber nur selten bewegt und gerührt erscheint. Die geschäftige Lebhaftigkeit der Phantasie in den Weibern, ihre grössere Aufmerksamkeit auf die Dinge, welche sie umgeben, die schöne Leichtigkeit, mit der sie, wenn sie sich auch einem Gedanken, einer Empfindung überlassen, darum nicht alles Uebrige aus den Augen verlieren, constrastirt sehr gut mit der Heftigkeit, dem Tiefsinn und der Feierlichkeit des Mannes, und der Contrast wird noch auffallender, wenn, wie hier, die Individualität des Charakters, statt ihn zu mildern, ihn noch erhöht. Ausserdem aber sind diese Eigenschaften zugleich die, welche sich in Dorotheens Lage am natürlichsten entwickeln mussten und die am meisten einer noch höheren und feineren Ausbildung fähig sind.
Durch diese Schilderung Dorotheens hat der Dichter gezeigt, wie genau er
natürliche Wahrheit mit ächter Idealität zu verbinden weiss. Dorothea ist in der
That ganz das, was sie selbst von sich sagt:
Auf eine vielleicht noch auffallendere Weise finden wir indess diess Idealische in
der Schilderung des Vaters. Ganz wie er da ist, könnte ein solcher Charakter in
der Natur existiren und alsdann würden wir ihn wohl manchmal angenehm und
ergötzend, aber gewiss nicht liebenswürdig im Ganzen finden. Wodurch kann er nun
in den Händen des Dichters auf Idealität Anspruch machen? Bloss durch seine reine
Eigenthümlichkeit, bloss dadurch, dass alles in ihm durchaus zusammenhängt, sich
durchaus gegenseitig bestimmt, dass er das Gepräge einer reinen Geburt der
Phantasie an sich trägt. Wodurch versichert er sich hier unsres ungetheilten
Beifalls? warum lässt er hier einen andern Eindruck, als in der Wirklichkeit
zurück? Wieder eben dadurch, dass wir ihn hier nur mit unsrer Einbildungskraft
anschauen, dass wir dort einen Menschen sehen, der, weil er einem beschränkten
Charakter bleibend angehört, dadurch minder vollkommen ist, hier nur einen
Charakter sinnlich dargestellt, der zwar im Leben manchmal vorkommt, hier aber nur
als ein einzelner Zug in dem grossen Bilde der Menschheit erscheint; nur dadurch
dass wir in dem Gebiete der Wirklichkeit unsre Aufmerksamkeit mit einer
Wie gut das Verhältniss der verschiednen Personen unter einander beobachtet ist, haben wir schon weiter oben bemerkt. Wir haben schon oben gezeigt, wie treflich sich unter allen der Jüngling und die Jungfrau hervorheben, wie alle andern sich immer in dem Grade, in welchem sie ihnen näher verwandt sind, auch näher und dichter ihnen zur Seite stellen, wie natürlich sich Herrmann und seine Eltern in das Bild Einer Familie, sie und die beiden Freunde in das Bild benachbarter Bewohner desselben Orts, sie alle endlich mit der ausgewanderten Gemeine, dem Richter und Dorotheen in das Bild derselben, nur in mehrere an Gestalt und Bildung verschiedene Stämme getheilten Nation zusammenschliessen.
Ueberall treffen wir daher das schönste Gleichgewicht, vollkommene Totalität, die natürlichste pragmatische Wahrheit, überall den ächten und reinen Charakter der epischen Dichtkunst an.
Die Schönheit der
In keiner Stelle dieses ganzen Gedichts wird man einen überflüssigen Schmuck, eine müssige Metapher, überhaupt einen Ausdruck antreffen, der stärker oder prächtiger wäre, als der Gegenstand ihn verlangt. Nichts kann dem oratorischen Styl in der Poesie, den wir vorzüglich in den Werken der Ausländer so oft bemerken, mehr entgegengesetzt seyn, als der Vortrag unseres Dichters. Ueberall schildert er nur die Sache, aber überall auch diese in ihrem ganzen und vollen Gehalt.
Wo er grosse Naturscenen beschreibt, ist sein Ausdruck. sinnlich, prächtig und
kühn. Herrmann und Dorothea gehen am
Denn dies ist die grosse und schöne Eigenthümlichkeit seines Vertrags. So wie er,
wie wir im ersten Theil dieses Aufsatzes sahen, überhaupt immer zugleich und in
Eins verbunden die Gestalt mit der Gesinnung darstellt, eben so wählt er auch
immer einen Ausdruck, der zugleich beides, die erstere in aller ihrer
Individualität, die letztere in aller ihrer Wahrheit zeigt. Daher besitzt er eine
so eigenthümliche Kunst, viel durch einzelne Beiwörter auszurichten, am meisten
durch die, welche auf den ersten Anblick und aus dem Zusammenhang herausgerissen
äusserst einfach scheinen, wie der
Wo er Empfindungen mahlt oder Wahrheiten ausführt, da vermeidet er jedes Wort, das
übertrieben oder künstlich scheinen oder mit dem nur überhaupt das einfachste und
schlichteste Gefühl nicht sympathisiren könnte; dagegen knüpft er immer alles das
auf einmal zusammen, was mit dieser Einfachheit verträglich ist. Dadurch bekommt
jeder seiner Aussprüche ein gewisses ge-
So ist die Sprache unsres Dichters durchaus einfach, wahr und kräftig, durchaus in Harmonie mit seinem dichterischen Charakter, wie wir ihn im Vorigen schilderten, und mit den Forderungen der epischen Dichtkunst. Kein einzelner Ausdruck, keine Wendung, kein einziger Vers in dem Ganzen ist weder didaktisch noch lyrisch.
Der Vorwurf aber, dem diess Gedicht schwerlich ganz entgehn wird, ist der einer zu grossen Einfachheit der Darstellung, einer solchen, die manchmal wenigstens matt und prosaisch wird. Bis auf einen gewissen Punkt ist dieser Tadel gegründet; es hätte in der That hie und da ein minder gewöhnlicher Ausdruck gewählt, der Gang der Perioden durch das Hinwegschneiden müssiger Partikeln rascher gemacht oder, ohne auch hierin etwas zu ändern, durch den Bau des Verses dem kleinen Uebelstand abgeholfen werden können.
Grösstentheils aber entsteht jener Vorwurf nur aus einer einseitigen Ansicht
derer, die ihn erheben. Einmal darf ein Gedicht, wie das gegenwärtige, nicht
stellenweis, es muss im Ganzen beurtheilt werden. Nur wenn der Eindruck, des
Ganzen matt und prosaisch ist oder wenn Leser, die mit vollkommener Theilnahme an
dem Gegenstande ihre Aufmerksamkeit durchaus auf das Ganze richten, durch einzelne
prosaische Stellen gestört werden, nur dann ist jener Tadel gegründet. Sonst aber
ist es sehr natürlich, dass, um dem Ganzen das nöthige Gleichgewicht zu erhalten,
um nicht überhaupt in einen Schwung zu gerathen, der dieser Gattung nicht
Dann giebt es auch bei der Beurtheilung dessen, was die einen matt und die andern
nur einfach und natürlich nennen, offenbar zwei verschiedene Standpunkte. Die
einen nemlich gehen bei dem Dichter mehr von dem Begriff des
Diese beiden Ansichten näher zu prüfen und zu würdigen, die Zeiten und Sprachen zu
vergleichen, in welchen die eine oder die andre mehr gegolten hat, würde unläugbar
zu wichtigen Resultaten führen. Es würde uns lehren, dass erst die vollkommene
Scheidung der poetischen und prosaischen Sprache das Zeichen der vollendeten
Bildung des Styls ist und dass für diese Vollendung bei uns, wenn nicht die Poesie
zu prosaisch, doch die Prosa noch zu poetisch ist. Allein da diess eigne und
weitläufige Untersuchungen erforderte, da es uns offenbar nöthigen würde, tief in
die Sprache
Der Periodenbau ist so meisterhaft, dass er ein eignes Studium verdiente. Er
schildert überall den Gegenstand selbst, folgt ihm in allen seinen Bewegungen,
besitzt dabei einen so vollen Numerus des Wohlklangs, schlingt sich so schön durch
alle Theile des Rhythmus und durch die Verse hin und verbindet mit allen diesen
Vorzügen eine so ungezwungene und natürliche Leichtigkeit, dass er dadurch allein
gewiss sehr viel zu der Objectivität beiträgt, die wir mit so vielem Recht an
diesem Gedichte bewundern. Sich hiervon im Einzelnen zu überführen, vergleiche man
nur die Beschreibung des verwirrten Gepäcks auf den Wagen der Ausgewanderten und
des Umschlagens eines derselben. (S. 16.)
Unter den Constructionen sind mehrere, welche eine Grammatik, die streng am alten
Gebrauch hängt, Neuerungen nennen würde. So hat der Dichter z.B. die Trennung des
Genitivs von dem Substantivum, das ihn regiert, sehr häufig und an einigen Stellen
sehr glücklich gebraucht. Wer fühlt z.B. nicht den grösseren Nachdruck, den durch
diese Wendung folgende Worte der Mutter erhalten:
Die Behandlung der Verse gäbe einer Kritik, die ins Einzelne eingehen wollte, zu
mancherlei Bemerkungen Stoff. Es ist nicht
Die blosse einfache Schilderung des Gegenstandes hat in seiner Seele vor der rhythmischen Form einen gewissen Vorzug behauptet. Daher ist der Bau der Perioden besser behandelt, als der Bau der Verse, der Numerus besser, als der Rhythmus, weither letztere nicht nur reicher, sondern auch reiner seyn könnte. Sein Stoff hat sich ihm nicht gleich bei dem ersten Wurf hinlänglich rhythmisch geformt dargestellt und sein nachheriger offenbar sichtbarer Fleiss hat diesem Mangel nicht überall nachhelfen können. Die Vorzüge also, die ihm der Versbau darbot, hat er nicht eben so, als alle übrigen geltend gemacht; er hat nicht einmal hier durch strenge Beobachtung der Regeln die nothwendige Correctheit erlangt. Dass er aber diese Regeln anerkennt, dass er nicht, wie wohl Andre, glaubt, es sey genug, wenn die Verse fliessend und wohlklingend sind, sie möchten übrigens Hexameter seyn oder nicht, oder gar dass es andre Hexameter gebe, als die uns die Alten überliefert haben, beweist er genug dadurch, dass unter allen Hexametern, die wir ihm verdanken, diese nicht nur bei weitem die besten, sondern auch grossentheils regelmässig und tadelfrei, sehr viele derselben musterhaft und vortreflich sind. Sollte er aber auch in der Folge dahin gelangen, alle kleinen Nachlässigkeiten zu vermeiden, so wird er doch schwerlich je dahin kommen, dass sich die Schönheit und Pracht des Verses, der Reichthum des Rhythmus mit einem gewissen Uebergewicht in seinen Productionen ankündigen sollte; und wer ihn tiefer studirt hat, wird diess nicht einmal wünschen können.
Nimmt man daher alles zusammen, was die Diction, den Numerus und den Rhythmus unsres Dichters betrift, so erscheint er auch hier in durchgängiger Harmonie mit sich selbst und lässt auch von dieser Seite, im Ganzen genommen, nichts zu verlangen übrig. Im Einzelnen aber werden wir freilich hier kleine Flecken und Nachlässigkeiten gewahr, welche die einen minder, die andern mehr stören werden, je nachdem einige wirklich strenger und zarter oder, was vielleicht eben so oft der Fall ist, kleinlicher und pedantischer in ihren Forderungen sind.
Aber selbst diese Nachlässigkeiten verdienen kaum diesen Namen, da sie fast alle
wieder kleine Vorzüge mit sich führen.
Wir haben nunmehr die zwiefache Beurtheilung beendigt, welcher wir dieses Gedicht unterwerfen wollten.
Wenn wir unsern Blick noch einmal auf dieselbe zurückwenden, so finden wir den subjectiven Charakter des Dichters mit den objectiven Gesetzen der Gattung, die er behandelt hat, in durchgängiger Uebereinstimmung.
In ihm fanden wir vorzugsweise rein dichterische Darstellungsgabe, Natur und Wahrheit, Ruhe und Einfachheit, Kraft und diejenige Fülle des Gehalts, welche alle Kräfte des Gemüths, den ganzen Menschen befriedigt. Eben diese Eigenschaften fordert aber auch das epische Gedicht und gerade in eben der Mischung und Stimmung diejenige besondre Art desselben, der wir
Durch diese Uebereinstimmung nun musste nothwendig das entstehen, wovon wir, als
der Totalwirkung des ganzen Gedichts, im Anfange (I.) ausgingen:
Wenn uns die Auseinandersetzung unsrer Gedanken gelungen ist, so muss der Leser
nicht nur jetzt einsehen, wie diess zugegangen ist, sondern auch auf das
deutlichste verstehen, wie es bloss dadurch möglich war,
Da wir jetzt nichts mehr über unsern Gegenstand hinzuzufügen haben, so sey es uns erlaubt, noch einen allgemeinen Blick auf die Aesthetik überhaupt zu werfen.
Wir haben in unsrer Untersuchung auf die ersten Grundsätze derselben zurückgehn,
wir haben die Frage vorlegen müssen:
Wir haben uns bei dieser Veranlassung genauer über das Wesen und die Methode der
Aesthetik im Allgemeinen geprüft
Diesen Grundsätzen sind wir bei der gegenwärtigen Beurtheilung gefolgt und sie würde ihren Zweck ganz erreicht haben, wenn sie Anspruch darauf machen dürfte, als ein Fragment einer so ausgearbeiteten Theorie der Kunst betrachtet zu werden.
Die vollständige Ausführung einer solchen Theorie aber dürfte nie erwünschter, als jetzt erscheinen, da sie die Kunst, sie immer auf den Menschen und sein innres Wesen beziehend, mit der moralischen Bildung in nähere Verbindung setzen würde, als bisher geschehen ist, und es nie nöthiger war, die innern Formen des Charakters zu bilden und zu befestigen, als jetzt, wo die äussern der Umstände und der Gewohnheit mit so furchtbarer Gewalt einen allgemeinen Umsturz drohen.
Wirkung des Gedichts im Ganzen — Es lässt einen rein dichterischen Eindruck in dem Gemüthe zurück
Hauptbestandtheile aller dichterischen Wirkung — Plan dieser Beurtheilung im Allgemeinen
Einfachster Begriff der Kunst
Höhe der Wirkung, zu der die Kunst sich erhebt — Idealität — Erster Begriff des Idealischen, als des Nicht—Wirklichen
Zweiter und höherer Begriff des Idealischen, als eines Etwas, das alle Wirklichkeit übertrift
Nothwendigkeit, in der sich jeder ächte Künstler befindet, immer das Idealische zu erreichen
Nachahmung der Natur
Zweiter Vorzug der Kunst in ihrer letzten Vollendung: Totalität — Zwiefacher Weg, dieselbe zu erhalten
Diese Totalität ist allemal eine nothwendige Folge der vollkommnen Herrschaft der dichterischen Einbildungskraft
Einfluss des Idealischen in der Darstellung auf die Totalität
Uebersicht des ganzen Weges, welchen der Dichter von seinem ursprünglichen Zweck bis zu seinem höchsten Ziele zurücklegt
Unterscheidung des hohen und ächten Styls in der Dichtkunst von dem Afterstyl in derselben
Anwendung des Vorigen auf
Zweite Stufe der Objectivität unsres Gedichts — Verwandtschaft seines Styls mit dem Styl der bildenden Kunst
Verwandtschaft aller Künste unter einander — Doppeltes Verhältniss jedes Künstlers zur Kunst überhaupt und zu seiner besondren
Mittel, wodurch unser Dichter diese, der bildenden Kunst nahe kommende Objectivität erlangt
Erläuterung des Gesagten an der Schilderung der Gestalt Dorotheens
In wie fern macht unser Dichter, bei seiner Verwandtschaft mit der bildenden Kunst, die besondren Vorzüge der Dichtkunst geltend
Eigentliche Natur der Dichterkunst, als einer redenden Kunst
Dritte und letzte Stufe der Objectivität des Gedichts
Zwiefache Gattung beschreibender Gedichte in Rücksicht auf ihre grössere
oder geringere Objectivität — erläutert an
Colorit
Einfluss dieser Verschiedenheit beschreibender Gedichte auf die Wahl der Versart
Zu welcher jener beiden Gattungen unser Dichter gehört, beweist er durch die Zeichnung seiner Figuren
Vergleichung unsers Dichters mit
Schilderung Herrmanns und Dorotheens
Erste Einführung Dorotheens durch Herrmanns Erzählung von ihr
Schilderung der Jungfrau in ihrer Wirkung auf Herrmann
Die Wirkung des Mädchens auf den Jüngling ist nicht in einer unbestimmten Grösse, sondern in dem bestimmten Begriff der vollkommnen Angemessenheit beider Naturen gezeichnet
Dorotheens eignes Erscheinen
Erzählung des heroischen Muths der Jungfrau — Ob der Dichter gut that, gerade diesen Zug aus ihrem Leben herauszuheben
Dorotheens Zusammenkunft mit Herrmann — erst am Brunnen, dann auf dem Wege zu seinen Eltern
Eintritt der beiden Liebenden in das Zimmer der Eltern — Dorotheens Benehmen bis zum Schlüsse des Gedichts — Anruf der Muse
Kurze Vergleichung dieser Schilderung mit dem im Vorigen Gesagten — Reine Objectivität derselben — so wie des ganzen Gedichts
Schlichte Einfalt und natürliche Wahrheit unsres Gedichts
Die Verbindung reiner Objectivität mit einfacher Wahrheit macht diess Gedicht den Werken der Alten ähnlich
Verschiedenheit unsres Gedichts von den Werken der Alten — Mangel an sinnlichem Reichthum
Dieser Mangel an sinnlichem Reichthum zeigt sich auffallend in der Behandlung des Wunderbaren
Der Unterschied dieses Gedichts von den Werken der Alten offenbart sich auch in einem ihm eigenthümlichen Vorzug
Erläuterung des Vorigen durch einige Beispiele
Reicher Gehalt dieses Gedichts für den Geist und die Empfindung — Eigenthümliche Behandlung desselben
Eigenthümlichkeit unsres Gedichts in der Verbindung dieses wahrhaft modernen Gehalts mit jener ächt antiken Form
Vaterländischer Charakter unsres Dichters, in seiner Vergleichung mit den alten und den neueren Dichtern andrer Nationen gezeigt
Einfluss der geschilderten Eigenthümlichkeit des Gedichts auf die Totalwirkung desselben
Resultate — Allgemeiner Charakter unsres Dichters
Rechtfertigung des bei der Zeichnung dieses Charakters gewählten Ganges
Flüchtiger Blick auf das Verhältniss des Charakters unsers Dichters überhaupt zu dem besondern dieses Gedichts
Zwiefache Beurtheilung eines Kunstwerks
Epische Dichtung — Unbestimmtheit des gewöhnlichen Begriffs derselben
Methode der Ableitung der verschiedenen Dichtungsarten
Allgemeiner Charakter der Epopee — Aus welcher Stimmung der Seele das Bedürfnis zur epischen Dichtung herfliesst
Zustand allgemeiner Beschauung entgegengesetzt dem Zustande einer bestimmten Empfindung
Besondere Schilderung jenes allgemein beschauenden Zustandes
Verbindung des Zustandes allgemeiner Beschauung mit der Thätigkeit der dichterischen Einbildungskraft — Entstehung des epischen Gedichts
Eigenschaften des Zustandes allgemeiner Beschauung
Eigenschaften der dichterischen Einbildungskraft in Beziehung auf jenen Zustand
In der Verbindung des Zustandes allgemeiner Beschauung und der dichterischen Einbildungskraft treten der Form nach gleichartige Eigenschaften mit einander in Wechselwirkung — Einfluss, welchen diess auf die epische Stimmung ausübt
Weitere Schilderung einer rein epischen Stimmung
Definition der Epopee
Unterschied zwischen der Epopee und der Tragödie
Die Tragödie erregt eine bestimmte Empfindung und ist daher lyrisch
Worin beide Dichtungsarten mit einander übereinkommen, und worin sie von einander abweichen
Warum die Werke der Alten vorzugsweise eine so grosse Ruhe hervorbringen
Unterschied zwischen der Epopee und der Idylle — Charakter der letzteren in Rücksicht auf die Stimmung, aus der sie herfliesst
Charakter der Idylle in Rücksicht auf den Gegenstand, den sie schildert
Unterschied zwischen der Epopee und andern erzählenden, aber nicht epischen Gedichten
Diese Gattung beschreibender Gedichte hat einen beschränkteren Zweck, als die Epopee und steht ihr in dichterischer Vollendung nach
Einwurf gegen die Anwendung des Begriffs der Epopee auf das gegenwärtige Gedicht
Beantwortung dieses Einwurfs — Begriff des Heroischen
Gewöhnlicher Begriff der grossen Epopee — Seiner Unbestimmtheit ungeachtet liegt ihm Wahrheit zum Grunde
Beweis des Gesagten durch ein Beispiel aus der
Jener unbestimmte Begriff der Epopee wird bestimmt, sobald man ihn auf den des Heroischen zurückführt
Ankündigung des Gegenstandes und Anruf der Muse in der Epopee
Zwiefache Gattung der Epopee
Eigenthümliche Grösse des Gegenstandes unsres Gedichts
Hauptthema des Gedichts
Grösse in den darin aufgeführten Charakteren und Begebenheiten
Resultat des Ganzen — Eigentlicher Stoff des Gedichts
Gesetze der Epopee — Gesetz der höchsten Sinnlichkeit
Gesetz durchgängiger Stetigkeit
Gesetz der Einheit
Gesetz des Gleichgewichts
Gesetz der Totalität
Gesetz pragmatischer Wahrheit
Plan des Gedichts — Gang der Handlung
Aecht dichterische Erfindung des Ganzen
Augenblick, in welchem die Handlung anhebt
Entscheidende Umstände, durch welche die Handlung ihre Hauptwendungen erhält
Benutzung des Orts und der Zeit
Stetigkeit in den nach einander erregten Empfindungen — Ausnahme davon — Mittel des Apothekers gegen die Ungeduld
Charaktere des Gedichts — Allgemeine Gattung, zu der dieselben gehören — Ihre Aehnlichkeit mit den Homerischen
Verhältniss der Cultur und einer cultivirten Zeit zu dem epischen Gebrauch
Möglichkeit der heroischen Epopee in unsrer Zeit
Darstellung einfacher Weiblichkeit in Dorotheen
Idealität in der Charakter-Schilderung — Verhältniss der Charaktere zu einander
Diction
Einfachheit der Diction
Periodenbau
Versbau und Rhythmus
Uebereinstimmung des besondren Charakters des Gedichts mit dem allgemeinen der Gattung, zu der es gehört
Schluss
Erster Druck:
Zu
Völlig unerwartet für ganz im Geschmacke der wohlseligen
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