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Der schwerste Stoff, an dem sich der Künstler versuchen kann, ist die Individualität
einer zarten und feinen Seele. Um sie zu schildern, muss man sie empfinden, um sie
ganz zu empfinden, sie selbst besitzen; und nur bei dem glücklichsten Gleichgewichte
der Kräfte von innen und einer seltnen Milde und Schonung des Schicksals von aussen
gelingt es, die Empfindung und mit ihr den Charakter so edel und frei auszubilden,
dass er nicht bloss Wahrheit und Recht zu achten, Güte und Liebe zu üben bereit ist,
sondern dass Wahrheit und Recht, Güte und Liebe, unmittelbar aus ihm selbst
herstammend, nur als ebensoviele verschiedene Ausdrücke seiner, sie alle umfassenden
Kraft erscheinen. Der Künstler, der in diesem Felde arbeitet, stellt sich schon
dadurch selbst auf eine höhere Stufe. Wenn die Natur in ihren äusseren Formen eine
hohe und geheimnissvolle Bedeutung verbirgt und das Wesen der Kunst gerade darin
besteht, beide so darzustellen, dass sie wechselseitig einander hervorrufen; so zeigt
er, mehr als ein andrer, dass er in der anschaubaren Gestalt jenen Sinn nicht zu
verlieren, und mit diesem zugleich noch jene festzuhalten versteht. Wie der Bildner
und Maler die tausendfachen Formen der Natur, so muss dieser Dichter — denn nur der
Dichtkunst kann diese Gattung vollkommen angehören — die ganze Mannigfaltigkeit der
Empfindungen studirt, und viele in seinem eignen Busen bewegt haben; sein Gemüth muss
reich und stark genug seyn,
Wem solche Schilderungen der innern Gestalt der Seele, solche feine Zergliederungen ihrer geheimsten Seiten werth sind, wer vorzugsweise die Werke aufsucht, die sie ihm darbieten, dem wird
deren bewegliche Flut, nach
selbst das Gedächtniss keine Zeichen besitzt, und mit denen nur das geheimnissvolle Wesen der Musik noch einigermassen vertraut ist.
Von den ersten Seiten dieses Buches an fühlt sich der Leser in einen Kreis hoher und
edler Naturen versetzt. Denn obgleich selbst die kleine Zahl von Charakteren, welche
die Erzählung umfasst, durch mannigfaltige Abstufungen verschieden sind; so waltet
doch über den Hauptpersonen derselbe Geist, dem sie alle, nur mehr oder minder,
angehören, und dieser Geist ist mit dem Gepräge einer ausserordentlichen Hoheit und
Würde der Gesinnung gestempelt. Wessen Blick gern auf der moralischen
Eigenthümlichkeit der Menschen verweilt, der wird auch im Leben manchmal auf Naturen
stossen, die ihn durch die ungewöhnliche Schönheit oder Erhabenheit ihrer geistigen
Gestalt auf einmal in ein freudiges Erstaunen versetzen. Wie er sich in einer
Gemäldesamlung durch die Werke der ersten Meister getroffen fühlt, wie sie von selbst
vor den übrigen hervortreten, und ihn mit magischer Kraft fesseln, so wirken auch
jene Charaktere auf ihn, und er empfindet eine wunderbare Verwandtschaft des Genies
der Kunst und des Genies der Tugend, wenn der Ausdruck erlaubt ist. So oft die
Erscheinung zurückkehrt, bemerkt er auch denselben Eindruck wieder, aber wenn es ihm
unmöglich ist, an der Wirklichkeit desselben zu zweifeln, so wird es ihm schwer ihn
sich zu erklären, zu begreifen, wie es jenen gleichsam von der Natur privilegirten
Menschen gelingen kann, dem grossen und erhabnen Begriff der Menschheit in ihrem
Wesen einen so reichen Gehalt und so
Die drei Haupteigenschaften, welche mit weisem und ruhigem Gemüth mit freier Kraft zu ergreifen
(
Dieser letzte und feinste Grad ist auf eine überaus treffende Weise in der Stelle
gezeichnet, wo Es ist hier nicht allein,
sagt sie ihren Freunden,
von Gefühlen, von Glück und Unglück die Rede, sondern von der
Nothwendigkeit, von Recht und Unrecht. Ich gab
und in der Erzählung
setzt sie hinzu: Wie manche Verwirrung richten gute Seelen im Leben an, wenn
sie den Gesichtskreis edler Naturen mit ihren schwächern Augen beherrschen
wollen!
Nie ist in der That der Maassstab edler Naturen so richtig
bestimmt worden. Denn nur edle Naturen können dies höhere Recht der innern
Empfindung, diese Selbstständigkcit und Unabhängigkeit der eigentlichsten
Persönlichkeit anerkennen und achten, indess die andern, nur auf Glückseligkeit und
Nutzen bedacht, im Blinden umhertappen und immer die wahre Bahn verfehlen, weil ihnen
weder die innere Stimme eines reinentschiednen Verlangens erschallt, noch das höchste
Gesetz der wahren Nothwendigkeit klar wird.
Wo hingegen das Gemüth, klar und einig mit sich selbst, nur dem gesetzmässigen Gange
seiner Empfindungen ohne Unterbrechung folgt, da muss nothwendig Gleichmuth in den
Gefühlen, Mässigkeit in den Begierden herrschen; da muss die innere Harmonie auch auf
das Verhältniss zu der Welt und dem Schicksale übergehen, und da kann zuletzt das
nicht fehlen, was das
klare Gefühl unser Selbst in einem lebenreichen Ganzen
— ein Ausdruck, der
so erschöpfend und so erhaben ist, dass er das geheimnissvolle Räthsel unsres Herzens
auf einmal zu lösen scheint, und dass ihn ganz durchdenken und vollkommen fassen fast
das Ziel seines Daseyns finden, die streitenden Verlangen seines Busens ausgleichen
heisst.
Zu diesem schönen Gleichgewicht, dieser vollendeten Harmonie
Ist aber gleich der glücklichen Stimmung ihrer holden Weiblichkeit die Strenge des
Willens und die abgesonderte phantasielose Beschäftigung des Verstandes fremd, so
erscheint darum die Tugend nur liebenswürdiger, die Wahrheit nur milder, nicht jene
weniger sicher, diese weniger rein in ihr. Der festeste Standpunkt, einen richtigen
und genauen Anblick der Welt, des Menschen und seiner Verhältnisse zu erhalten, ist
der, auf welchen sie unmittelbar durch ihre Erziehung gestellt ist. Wenn diese
Erzählung dazu bestimmt war, zu zeigen, wie ein natürlicher aber lein und hoch
ausgebildeter Charakter entstehen, wie man ihm eine sichere Grundlage verschaffen
kann, von welcher aus er sich, ohne Gefahr aus dem gesunden
Stamme eines ordentlichen reinlichen Lebens Nahrungssaft einsaugen,
Denn nichts ist Hier ist folgende längere Stelle, die nicht vollständig erhalten ist,
gestrichen: Selbst den Ausdruck der Tugend wird man nur selten in diesen
Blättern antreffen, und wenn sie einen Vorwurf erfahren sollten, so dürfte
es wohl nicht am wenigsten der seyn, zum Nachtheil des männlichen Ernstes
und des mühevollen Bestrebens, welche sicher durchs Leben führen, zu sehr
Empfindungen zu empfehlen, die oft dunkel und schwankend, und nicht selten
sogar verführerisch und gefährlich sind. Unstreitig ist in demselben Wahres
mit Falschem gemischt, und hiebei, wie bei dem oft wiederkehrenden Streit
zwischen der Reinheit und Schönheit der Sittlichkeit kommt alles allein auf
die Unterscheidung der gemeinen und edlen, und wiederum der schönen und
erhabenen Sittlichkeit an. Ob der Mensch das Sittengesetz aus seiner
überirrdischen Höhe zu sich herabzieht, oder ob er fühlt, dass es der
einzige Berührungspunkt ist, in dem seine beschränkte Natur mit der
Unendlichkeit steht? — dies allein begründet den Unterschied zwischen einer
gewöhnlichen und einer edeln Natur. Jeder rein sittlich gestimmte Mensch
erkennt dasselbe als die einzige Richtschnur seiner Handlungen und
Gesinnungen an, der er jede andre Rücksicht willig opfert, aber nur der
edler gebildete ist sich bewusst, dass es aus seiner eignen Natur herstammt,
und indem es Gehorsam fordert, zugleich einzig seine Freiheit begründet; nur
in ihm ist die Unterwerfung nicht knechtisch, und die Achtung rein, und
unvermischt mit Furcht. Es ist ein Vorrecht edler Naturen, allem, was sie in
ihren Kreis ziehen, den Glanz mitzutheilen, der ihr eignes Inneres
überstralt; da hingegen diejenigen, welche nicht zu ihnen gehören, auch den
besseren Theil ihrer selbst mit dem minder edeln vermischen, oder ihn
wenigstens nicht in seiner vollen Reinheit und seiner erhabenen Grösse
anerkennen. Knüpfen sie daher auch nicht ihre Moralität an ungleichartige
Beweggründe an, und folgen sie gleich ohne Nebenrücksichten den Grundsätzen
ihrer Vernunft, so sehen sie dieselben doch nicht in ihrem wahren Lichte und
ihrem vollkommnen Umfange, und scheiden nicht hinlänglich die Empfindung,
mit welcher sie diesem höchsten Gesetze der Freiheit gehorchen, von der, mit
welcher sie die untergeordneten befolgen, die allein aus den Verhältnissen
des Lebens entspringen. Nicht begeistert von der Grösse der Idee, der sie zu
genügen streben, und nicht durchdrungen von dem Gefühl der Würde, die ....
mit einander verwandt, da die Schönheit sogleich in Erhabenheit übergeht,
sobald das Gemüth des Betrachters durch die Unendlichkeit ihrer Grösse
gerührt wird. Die beiden hier angeführten Arten der Sittlichkeit setzen sich
daher nur dann eigentlich gegen einander ab, wenn jede nicht mehr vollkommen
rein ist, die schöne zu einer bloss pathologischen Zartheit des Gefühls
herabsinkt, die erhabene in Strenge und Rauhigkeit ausartet; in ihrer ächten
Gestalt hingegen nähern sie sich unaufhörlich einander, und gehen nach
Massgabe der Lagen und Stimmungen gegenseitig in einander über.
Daher sieht man hier die höchste und reinste Sittlichkeit zugleich mit allem
bekleidet, was ihre Anmuth und ihre Würde zu erhöhen vermag. Es ist ein Vorrecht
edler Naturen, dass der Glanz, der ihr Inneres überstralt, sich zugleich allem dem
mittheilt, was sie in ihren Kreis hinüberziehen, und dass ihre zartesten und
erhabensten Gesinnungen und Empfindungen durch ihre Handlungen, Reden und Gebehrden,
selbst durch ihre Gestalt und ihr Aeussres überhaupt, wie durch ein feines Medium in
ungeschwächter Reinheit durchblicken. Auf diese Weise fein, zart und seelenvoll
gebildet kann nur derjenige seyn, der, nicht bloss auf die Gesetzmässigkeit der
Gesinnungen, die jedem obliegt, bedacht, seinen Charakter wie ein freies und für sich
selbst bestehendes Kunstwerk betrachtet und bearbeitet, und von dem tiefen Gefühl
seiner Individualität durchdrungen, und mit dem allgemeinen Ideale der Menschheit
vertraut, aus dem Innern seiner Einbildungskraft ein Bild schaft, dem er in seinem
Aeussern und Innern zugleich Gültigkeit zu verschaffen bemüht ist. Diese wahrhaft
idealische Bildung ist es, die noch über die moralische hinausgeht, weil sie nicht
sowohl die davon an sich durchaus un-
Handschrift (12 halbbeschriebene Quartseiten, ohne Titel) im Archiv in