Rezension der Agnes von Lilien Humboldt Wilhelm von TEI enconding Silvia Berigüete Pastor Wilhelm von Humboldt: Schriften August 2025 Creative Commons Attribution-NonCommercial-ShareAlike 4.0 International (CC BY-NC-SA 4.0) https://www.wvh-schriften.de Humboldt Wilhelm von Wilhelm von Humboldts Werke. Zweiter Band Leitzmann Albert https://archive.org/details/gesammelteschrif02humbuoft/page/n1/mode/2up Königlich Preußische Akademie der Wissenschaften Berlin 1904

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1798 Paris Deutsch Rezension Literatur Philosophie
Rezension der Agnes von Lilien Bruchstück

Der schwerste Stoff, an dem sich der Künstler versuchen kann, ist die Individualität einer zarten und feinen Seele. Um sie zu schildern, muss man sie empfinden, um sie ganz zu empfinden, sie selbst besitzen; und nur bei dem glücklichsten Gleichgewichte der Kräfte von innen und einer seltnen Milde und Schonung des Schicksals von aussen gelingt es, die Empfindung und mit ihr den Charakter so edel und frei auszubilden, dass er nicht bloss Wahrheit und Recht zu achten, Güte und Liebe zu üben bereit ist, sondern dass Wahrheit und Recht, Güte und Liebe, unmittelbar aus ihm selbst herstammend, nur als ebensoviele verschiedene Ausdrücke seiner, sie alle umfassenden Kraft erscheinen. Der Künstler, der in diesem Felde arbeitet, stellt sich schon dadurch selbst auf eine höhere Stufe. Wenn die Natur in ihren äusseren Formen eine hohe und geheimnissvolle Bedeutung verbirgt und das Wesen der Kunst gerade darin besteht, beide so darzustellen, dass sie wechselseitig einander hervorrufen; so zeigt er, mehr als ein andrer, dass er in der anschaubaren Gestalt jenen Sinn nicht zu verlieren, und mit diesem zugleich noch jene festzuhalten versteht. Wie der Bildner und Maler die tausendfachen Formen der Natur, so muss dieser Dichter — denn nur der Dichtkunst kann diese Gattung vollkommen angehören — die ganze Mannigfaltigkeit der Empfindungen studirt, und viele in seinem eignen Busen bewegt haben; sein Gemüth muss reich und stark genug seyn, diese unverändert in sich aufzunehmen, jeder den ihr gebührenden Ton zu geben, und sie mit kühner Sicherheit rein und frei ausklingen zu lassen; sein Geist muss die einzelnen Bestrebungen der Menschen an ihre letzten Zwecke anzuknüpfen, ihren häufigen Streit an diesem Ziele auszugleichen wissen, und diesen langen und beschwerlichen Lauf von dem Wollen des Augenblicks bis zum letzten Zwecke des Daseyns oft und auf mannigfaltigen Wegen zurückgelegt haben; dann aber muss endlich seine Einbildungskraft sich den auf diese Weise gesammelten Stoff so zu eigen machen und bearbeiten, dass neue geistige Gestalten, lebendig, wie sie selbst, und in sich vollendet und geschlossen, wie die Natur — also wahre Gebilde der Kunst — aus ihr hervorgehen. Alsdenn erweitert die Kunst im eigentlichsten Verstande den Gesichtskreis der Menschheit, und hilft noch unmittelbarer, als sonst, dem philosophischen Forscher das menschliche Gemüth, das er studirt, in seinen verborgensten Tiefen zu erkennen, und das erkannte zu bilden.

Wem solche Schilderungen der innern Gestalt der Seele, solche feine Zergliederungen ihrer geheimsten Seiten werth sind, wer vorzugsweise die Werke aufsucht, die sie ihm darbieten, dem wird Agnes von Lilien Dieser bei seiner ersten anonymen Veröffentlichung in Schillers Horen 1796 und 1797 vielfach, besonders in den Kreisen der Romantiker Goethe zugeschriebene Roman Karolinens von Wolzogen war Berlin 1798 in Buchform erschienen. eine wohlthätige Erscheinung seyn. Er wird sich freuen eine Gestalt zu finden, die seine Empfindung mächtig anspricht, seinen Busen zugleich erhebt und erweitert, eine Ansicht der Menschheit und der Natur zu gewinnen, die, wenn sie auch nicht die seinige wäre, ihn dennoch mit Ruhe und Harmonie zu erfüllen, die streitenden Gefühle seines eignen Gemüths freundlich auszugleichen vermag. Denn offenbar gehört die vorliegende Dichtung der Gattung von Werken an, von der wir eben redeten, und fordert sogar unter ihnen selbst eine besondre und vorzügliche Stelle. Indem sie den Lebenslauf eines Mädchens darlegt, dessen Herz die ersten Keime schöner Weiblichkeit entfaltet, zeigt sie weniger die Verwicklung menschlicher Ereignisse und den Gang der Welt, als die eigenthümliche Gestalt, welche das Leben einem reinen und edlen Gemüth, und welche dieses dem Leben zurückgiebt; indem sie die anfangs durch mannigfaltige Stürme gestörte und endlich glückliche Liebe zweier seltner Naturen schildert, folgt sie nicht bloss dem Gange dieser Leidenschaft, sondern zeichnet die ganze innere Stimmung, aus der sie entstanden ist, und in die sie wieder verhallt; und stellt so einen schwereren Stoff dar, als die Hand der Kunst sonst leicht zu bearbeiten gewagt hat, das Gemälde einer hohen und feinen, weiblichen, liebenden Seele. Nie hat vielleicht dem Sinne des Dichters das Bild eines so vollendeten, harmonischen, zartgewebten Wesens vorgeschwebt, nie ist es vielleicht einem gelungen, durch den Zauber einer wunderbar ergreifenden, selbstgeschafnen Sprache, jenen unerklärbaren Regungen des Herzens Ton und Gestalt zu geben, für deren bewegliche Flut, nach Agnes eignem Geständniss, selbst das Gedächtniss keine Zeichen besitzt, und mit denen nur das geheimnissvolle Wesen der Musik noch einigermassen vertraut ist. Agnes von Lilien 2, 364 .

Von den ersten Seiten dieses Buches an fühlt sich der Leser in einen Kreis hoher und edler Naturen versetzt. Denn obgleich selbst die kleine Zahl von Charakteren, welche die Erzählung umfasst, durch mannigfaltige Abstufungen verschieden sind; so waltet doch über den Hauptpersonen derselbe Geist, dem sie alle, nur mehr oder minder, angehören, und dieser Geist ist mit dem Gepräge einer ausserordentlichen Hoheit und Würde der Gesinnung gestempelt. Wessen Blick gern auf der moralischen Eigenthümlichkeit der Menschen verweilt, der wird auch im Leben manchmal auf Naturen stossen, die ihn durch die ungewöhnliche Schönheit oder Erhabenheit ihrer geistigen Gestalt auf einmal in ein freudiges Erstaunen versetzen. Wie er sich in einer Gemäldesamlung durch die Werke der ersten Meister getroffen fühlt, wie sie von selbst vor den übrigen hervortreten, und ihn mit magischer Kraft fesseln, so wirken auch jene Charaktere auf ihn, und er empfindet eine wunderbare Verwandtschaft des Genies der Kunst und des Genies der Tugend, wenn der Ausdruck erlaubt ist. So oft die Erscheinung zurückkehrt, bemerkt er auch denselben Eindruck wieder, aber wenn es ihm unmöglich ist, an der Wirklichkeit desselben zu zweifeln, so wird es ihm schwer ihn sich zu erklären, zu begreifen, wie es jenen gleichsam von der Natur privilegirten Menschen gelingen kann, dem grossen und erhabnen Begriff der Menschheit in ihrem Wesen einen so reichen Gehalt und so lebendigen Ausdruck zu geben. In dieser Verlegenheit wird er gern eine Dichtung, wie die gegenwärtige, um Rath fragen. Denn gerade solche Naturen findet er hier dargestellt, und der Geist, der in ihnen herrscht, ist nicht bloss zufällig, weil er zu dem Stoff der Erzählung passte, sondern absichtlich als derjenige geschildert, in dem die Menschheit allein Befriedigung und Glückseligkeit zu finden vermag, sobald man nur, was leicht geschehen kann, davon absondert, was den einzelnen Personen, der Stimmung ihres Gemüths, der Lage und dem Augenblick angehört.

Die drei Haupteigenschaften, welche Agnes eignen Charakter, so wie das Ideal schöner Menschheit vor ihrer Phantasie vollenden, sind Klarheit, Wahrheit und Freiheit des Denkens und des Empfindens. In der That umschliessen sie auch alle Foderungen, die man an die Menschheit machen kann. Denn was ist der letzte Zweck des Lebens und des Menschendaseyns anders, als die innigste Berührung des Menschen mit dem Menschen, fruchtbar zur Gewinnung höherer Vollkommenheit und Schönheit ausser sich und in ihrem Innern? Ohne Klarheit aber kann der Mensch in seiner reinen Eigenthümlichkeit nicht vor sich selbst, ohne Wahrheit nicht vor andren, ohne Freiheit nicht in dem vollen Spiel seiner Kräfte erscheinen. Wo es an Klarheit der Gefühle und des Verhältnisses der äussern Gegenstände zu ihm fehlt, da muss diese Verworrenheit nicht nur ein beständiges Hinderniss seyn, unter den mannigfaltigen Formen des Lebens und den verschiednen Charakteren der Menschen seine eigentliche Stelle zu finden; sondern der Geist muss sich auch, von ewiger Dämmrung umgeben, niedergedrückt und in seinen besten Kräften gelähmt fühlen. Aus der Klarheit aber folgt wenigstens die Achtung der Freiheit schon von selbst. Indem sie jeden Gegenstand und jede Empfindung an ihren richtigen Platz verweist, befördert sie das Gleichgewicht, auf dem die Freiheit beruht. Denn die Freiheit ist nichts anders, als die Herrschaft der wahren Nothwendigkeit, das ungehinderte Wirken der ächten Kräfte der Dinge, in welchen allein zuletzt, wenn man alle nur scheinbaren absondert, die wahre Nothwendigkeit gegründet ist. Daher ist sie verletzt, wenn wir begehen, was uns nicht gemäss ist, und mit Verlust des schönen Gleichgewichts unsrer Seele zum Sklaven einer einzelnen Neigung werden ( 1, 28 .); oder wenn wir, nicht mehr stark genug uns selbst unabhängig von dem Laufe der Begebenheiten zu erhalten, uns von dem schnellen Strome des Lebens fortreissen lassen, statt es mit weisem und ruhigem Gemüth mit freier Kraft zu ergreifen ( 1,177.); endlich, wenn wir uns, sey es auch durch die dringendsten Rücksichten, bewegen lassen den gesetzmässigen Gang unsrer innersten reingestimmten Empfindung zu unterbrechen.

Dieser letzte und feinste Grad ist auf eine überaus treffende Weise in der Stelle gezeichnet, wo Alban Agnes bereden will, dem Untergange seines Bruders durch die Aufopfrung ihres Verhältnisses mit Nordheim zuvorzukommen. ( 2, 329.) Hier ist das Glück, selbst das Leben eines edlen, grossmüthigen Freundes mit der Stimme und was mehr als das ist, mit dem Rechte der Liebe in Streit; wie rein entscheidet hier Agnes hoher Sinn diesen Fall, wie wenig lässt sich ihre Empfindung selbst in diesem Augenblick der höchsten Bewegung, in dieser schweren Prüfung verwirren. Es ist hier nicht allein, sagt sie ihren Freunden, von Gefühlen, von Glück und Unglück die Rede, sondern von der Nothwendigkeit, von Recht und Unrecht. Ich gab Nordheim mein Wort, wie mein Herz. und in der Erzählung setzt sie hinzu: Wie manche Verwirrung richten gute Seelen im Leben an, wenn sie den Gesichtskreis edler Naturen mit ihren schwächern Augen beherrschen wollen! Nie ist in der That der Maassstab edler Naturen so richtig bestimmt worden. Denn nur edle Naturen können dies höhere Recht der innern Empfindung, diese Selbstständigkcit und Unabhängigkeit der eigentlichsten Persönlichkeit anerkennen und achten, indess die andern, nur auf Glückseligkeit und Nutzen bedacht, im Blinden umhertappen und immer die wahre Bahn verfehlen, weil ihnen weder die innere Stimme eines reinentschiednen Verlangens erschallt, noch das höchste Gesetz der wahren Nothwendigkeit klar wird.

Wo hingegen das Gemüth, klar und einig mit sich selbst, nur dem gesetzmässigen Gange seiner Empfindungen ohne Unterbrechung folgt, da muss nothwendig Gleichmuth in den Gefühlen, Mässigkeit in den Begierden herrschen; da muss die innere Harmonie auch auf das Verhältniss zu der Welt und dem Schicksale übergehen, und da kann zuletzt das nicht fehlen, was Agnes ( 2, 366 .) so treffend die bleibende Gestalt der Glückseligkeit nennt, das klare Gefühl unser Selbst in einem lebenreichen Ganzen — ein Ausdruck, der so erschöpfend und so erhaben ist, dass er das geheimnissvolle Räthsel unsres Herzens auf einmal zu lösen scheint, und dass ihn ganz durchdenken und vollkommen fassen fast das Ziel seines Daseyns finden, die streitenden Verlangen seines Busens ausgleichen heisst.

Zu diesem schönen Gleichgewicht, dieser vollendeten Harmonie sehen wir hier ein weibliches Gemüth durch die Hand eines freundlichen Schicksals geleitet. Was der Mensch sonst nur durch strengen Ernst, durch Selbstbesiegung und Entsagen gewinnt, dahin gelangt Agnes gleichsam von selbst mit Hülfe einer glücklichen Natur anlage, und einer weisen und milden Erziehung, durch das Vertrauen der Freundschaft, die Begeistrung der Liebe und den seelenvollen Genuss an der Schönheit der Natur. Nur gewohnt in dem Odem der Liebe zu leben, selbst in der leblosen Natur nur freundliche Geister erblickend, immer sich nahe fühlend einer ewigwirkenden Kraft in oder über der Natur, und wenn im Sturm der Leidenschaften und im Drange der Umstände dem Gemüthe auf Erden weiter fortzuleben versagt scheint, noch sicher, im Odem des Ewiglebenden wieder neu aufzublühen, strömt ihre Seele immer in ein anderes Wesen über, dem sie sich mit vertrauender Zuversicht und verlangender Sehnsucht hingiebt. Mit allem Schönen und Edlen verwandt, sucht sie es überall auf, und wo es ihr erscheint, in den lieblichen Formen der Natur, in den hohen Gestalten der Kunst, in der Gegenwart des Geliebten, oder in dem Gedanken der ewigen Urquelle alles Daseyns, da wendet sie sich sehnsuchtsvoll zu ihm hin und verliert sich in Anschauen und Liebe. Was ihren Sinn lebhaft bewegen, und auf ihr Wesen dauernd einwirken soll, muss seinen Weg durch ihre Phantasie und ihre Empfindung nehmen, und beide, enger, als gewöhnlich, verschwistert, wissen überall zwischen dem innern Wesen und dem äussern Erscheinen der Dinge ein unauflösliches Band zu knüpfen, nur eins in dem andern zu sehen, und durch die Verschmelzung beider Gestalten zu schaffen, für welche die Kunst keine Umrisse, die Sprache keinen Ausdruck besitzt, und die allein noch der innere Sinn zu halten vermag.

Ist aber gleich der glücklichen Stimmung ihrer holden Weiblichkeit die Strenge des Willens und die abgesonderte phantasielose Beschäftigung des Verstandes fremd, so erscheint darum die Tugend nur liebenswürdiger, die Wahrheit nur milder, nicht jene weniger sicher, diese weniger rein in ihr. Der festeste Standpunkt, einen richtigen und genauen Anblick der Welt, des Menschen und seiner Verhältnisse zu erhalten, ist der, auf welchen sie unmittelbar durch ihre Erziehung gestellt ist. Wenn diese Erzählung dazu bestimmt war, zu zeigen, wie ein natürlicher aber lein und hoch ausgebildeter Charakter entstehen, wie man ihm eine sichere Grundlage verschaffen kann, von welcher aus er sich, ohne Gefahr der Uebertreibung oder Ueberspannung, dem kühnsten Schwunge der Einbildungskraft und der Empfindung überlassen darf, so konnte man den Leser nicht besser dazu vorbereiten, als indem man ihn in das Haus des Pfarrers von Hohenfels führte. In dem Charakter und der Lage dieses Mannes vereinigt sich alles zugleich, was die Menschheit in ihrer einfachsten und ursprünglichsten Gestalt Edles und Ehrwürdiges hat. Durch das Leben mit ihm befindet sich Agnes mitten unter Menschen, die, nur mit den natürlichsten und nothwendigsten Verhältnissen der Menschheit vertraut, zwar für alles Höhere und Bessere, was sich daraus entwickeln kann, Sinn besitzen, aber deren reiner und gesunder Blick allem Verschrobenen und Ueberspannten verschlossen ist. Der weise Greis, dem ihr Herz mit kindlicher Ergebenheit anhängt, gewöhnt sie, von den ersten Zeiten ihres Lebens an, zur Ordnung und Geschäftigkeit, zeigt ihr, dass der physische Wohlstand, der durch beide erzeugt und erhalten wird, die einzige sichre Grundlage der Moralität ist, dass Tugend und Aufklärung nur aus dem gesunden Stamme eines ordentlichen reinlichen Lebens Nahrungssaft einsaugen, Agnes von Lilien 1, 40 . und lehrt sie so immer zuerst von dem Punkte zu beginnen, auf dem sie jedesmal steht. Er macht ihre Einbildungskraft mit den Werken der Dichter bekannt, aber die reine und einfache Harmonie der Gesänge Homers ist es vor allen andern, durch die er ihr Gemüth zu stimmen versucht; er übt ihren Sinn zur Empfänglichkeit für die Schönheit der Natur, und lehrt sie in der Mannigfaltigkeit ihrer Gestalten, Umwandlungen und Gaben, ein mächtiges und wohlthätiges Wesen mit Ehrfurcht zu erkennen, und mit Liebe zu umfassen. So sind es die grössesten aber auch die cinfachsten Dinge, welche, von früh an, ihren Geist und ihr Herz erfüllen: die Erhabenheit der Natur, die Schönheit der Kunst, die Milde eines sanften und friedlichen Glaubens, die nothwendige Ordnung einer auf physisches und moralisches Wohl berechneten Gesellschaft. Da sie jeden Gegenstand in seiner eigentlichen Gestalt erblickt, jeden Eindruck in seiner reinen Wahrheit aufnimmt, so hat sie auch überall nur für das Höchste Sinn, und ist allem Mittelmässigen, allem Zwitterartigen feind. Daher kommt es, dass sie sich mit Alban zuerst nur, durch den Zwang eines steifen ihr widerwärtigen Zirkels gleichsam genöthigt, verbindet, und auch nachher selbst an Julius weniger aus freier Sympathie als in dankbarer Rührung über seine aufopfernde Güte und seine treue Liebe hängt. Sie vermisst Selbstständigkeit und ruhige Kraft in ihm, die sichre Stärke ihrer Empfindung verträgt sich nicht mit dem Hin- und Herschwanken der seinigen, sein exaltirter Ausdruck gleitet an ihrer schlichten Einfachheit unerwiedert ab, und ihr reiner Sinn kennt zu sehr die Hoheit einer wahrhaft künstlerischen Einbildungskraft, um in den ohnmächtigen Versuchen der seinigen etwas anders als das dunkle und kraftlose Streben zu erkennen, mit dem die, welche weder die Wirklichkeit noch die Dichtung in ihrer wahren Gestalt zu ergreisen verstehn, immer beide vermischen, und in der wirklichen Welt des Lebens, wie in der idealischen der Kunst ewig Fremdlinge bleiben. Jede Kraft ihres Gemüths hat sich ihrer ursprünglichen Eigenthümlichkeit getreu ausgebildet, und so kann sie sich mit Sicherheit dem freien Zusammenwirken derselben überlassen, ohne durch ängstliches Mistrauen gegen sich selbst ihren reinen und vollen Einklang zu stören.

Denn nichts ist Agnes Charakter, und da sie ihre eigne Geschichte erzählt, dem Geiste dieser Schrift so sehr zuwider, als Mangel an Selbstvertrauen, ängstliches Ringen nach Tugend und mühseliges Kämpfen mit den ihr entgegenstehenden Neigungen. Wie in einem Kunstwerk die Schönheit aus der Mannigfaltigkeit und Harmonie der Formen, so soll im Charakter die Sittlichkeit aus dem freiwilligen Einklange der Empfindungen hervorgehn, und das Gemüth dem Guten und Edlen nicht anders, als seiner ursprünglichen und eigentlichen Natur getreu bleiben. Hier ist folgende längere Stelle, die nicht vollständig erhalten ist, gestrichen: Selbst den Ausdruck der Tugend wird man nur selten in diesen Blättern antreffen, und wenn sie einen Vorwurf erfahren sollten, so dürfte es wohl nicht am wenigsten der seyn, zum Nachtheil des männlichen Ernstes und des mühevollen Bestrebens, welche sicher durchs Leben führen, zu sehr Empfindungen zu empfehlen, die oft dunkel und schwankend, und nicht selten sogar verführerisch und gefährlich sind. Unstreitig ist in demselben Wahres mit Falschem gemischt, und hiebei, wie bei dem oft wiederkehrenden Streit zwischen der Reinheit und Schönheit der Sittlichkeit kommt alles allein auf die Unterscheidung der gemeinen und edlen, und wiederum der schönen und erhabenen Sittlichkeit an. Ob der Mensch das Sittengesetz aus seiner überirrdischen Höhe zu sich herabzieht, oder ob er fühlt, dass es der einzige Berührungspunkt ist, in dem seine beschränkte Natur mit der Unendlichkeit steht? — dies allein begründet den Unterschied zwischen einer gewöhnlichen und einer edeln Natur. Jeder rein sittlich gestimmte Mensch erkennt dasselbe als die einzige Richtschnur seiner Handlungen und Gesinnungen an, der er jede andre Rücksicht willig opfert, aber nur der edler gebildete ist sich bewusst, dass es aus seiner eignen Natur herstammt, und indem es Gehorsam fordert, zugleich einzig seine Freiheit begründet; nur in ihm ist die Unterwerfung nicht knechtisch, und die Achtung rein, und unvermischt mit Furcht. Es ist ein Vorrecht edler Naturen, allem, was sie in ihren Kreis ziehen, den Glanz mitzutheilen, der ihr eignes Inneres überstralt; da hingegen diejenigen, welche nicht zu ihnen gehören, auch den besseren Theil ihrer selbst mit dem minder edeln vermischen, oder ihn wenigstens nicht in seiner vollen Reinheit und seiner erhabenen Grösse anerkennen. Knüpfen sie daher auch nicht ihre Moralität an ungleichartige Beweggründe an, und folgen sie gleich ohne Nebenrücksichten den Grundsätzen ihrer Vernunft, so sehen sie dieselben doch nicht in ihrem wahren Lichte und ihrem vollkommnen Umfange, und scheiden nicht hinlänglich die Empfindung, mit welcher sie diesem höchsten Gesetze der Freiheit gehorchen, von der, mit welcher sie die untergeordneten befolgen, die allein aus den Verhältnissen des Lebens entspringen. Nicht begeistert von der Grösse der Idee, der sie zu genügen streben, und nicht durchdrungen von dem Gefühl der Würde, die .... mit einander verwandt, da die Schönheit sogleich in Erhabenheit übergeht, sobald das Gemüth des Betrachters durch die Unendlichkeit ihrer Grösse gerührt wird. Die beiden hier angeführten Arten der Sittlichkeit setzen sich daher nur dann eigentlich gegen einander ab, wenn jede nicht mehr vollkommen rein ist, die schöne zu einer bloss pathologischen Zartheit des Gefühls herabsinkt, die erhabene in Strenge und Rauhigkeit ausartet; in ihrer ächten Gestalt hingegen nähern sie sich unaufhörlich einander, und gehen nach Massgabe der Lagen und Stimmungen gegenseitig in einander über.

Daher sieht man hier die höchste und reinste Sittlichkeit zugleich mit allem bekleidet, was ihre Anmuth und ihre Würde zu erhöhen vermag. Es ist ein Vorrecht edler Naturen, dass der Glanz, der ihr Inneres überstralt, sich zugleich allem dem mittheilt, was sie in ihren Kreis hinüberziehen, und dass ihre zartesten und erhabensten Gesinnungen und Empfindungen durch ihre Handlungen, Reden und Gebehrden, selbst durch ihre Gestalt und ihr Aeussres überhaupt, wie durch ein feines Medium in ungeschwächter Reinheit durchblicken. Auf diese Weise fein, zart und seelenvoll gebildet kann nur derjenige seyn, der, nicht bloss auf die Gesetzmässigkeit der Gesinnungen, die jedem obliegt, bedacht, seinen Charakter wie ein freies und für sich selbst bestehendes Kunstwerk betrachtet und bearbeitet, und von dem tiefen Gefühl seiner Individualität durchdrungen, und mit dem allgemeinen Ideale der Menschheit vertraut, aus dem Innern seiner Einbildungskraft ein Bild schaft, dem er in seinem Aeussern und Innern zugleich Gültigkeit zu verschaffen bemüht ist. Diese wahrhaft idealische Bildung ist es, die noch über die moralische hinausgeht, weil sie nicht sowohl die davon an sich durchaus un- abhängige Moralität erst hervorzubringen, als dieselbe mit allen übrigen Kräften des Gemüths zu einer reinen und vollen Harmonie zu stimmen strebt; sie erheischt aber auch zugleich, ausser der Anstrengung des Willens, Begünstigung durch die Natur und das Schicksal in der innern Organisation und der äusseren Lage. Von allem, was der Mensch als Zweck seines Daseyns verfolgt, ist sie das höchste und letzte Ziel, da sie das Erhabenste der Menschheit, die Sittlichkeit, erst in unsrer Natur einheimisch macht und dadurch diese selbst zu einer ihr sonst unbekannten Höhe erhebt. Unter allem, was die Bemühungen der Menschen zu befördern vermögen, sollte man ihr am eifrigsten nachstreben, da sie, wo sie ist, sich auch von selbst weiter fortpflanzt. Denn auf das Gefühl und die Einbildungskraft wirkend weckt sie überall, wo nur lebendige Spuren ihres Daseyns zurückbleiben, nun ihr ähnliche Keime, und wenn irgend etwas von Geschlecht zu Geschlecht übergeht, so sollte es wohl das seyn, was am feinsten und tiefsten in die innerste und zarteste Organisation verwebt ist.

Bemerkungen zur Entstehungsgeschichte

Handschrift (12 halbbeschriebene Quartseiten, ohne Titel) im Archiv in Tegel.

Agnes von Lilien, anonym in Schillers Horen 1796 und 1797 zur Hälfte erschienen, hatte allgemeine Aufmerksamkeit und Bewunderung erregt. Während der kleine Kreis der Eingeweihten von Anfang an wußte, daß der Roman von Schillers Schwägerin Karoline von Wolzogen verfaßt war, riet man außerhalb dieses Kreises allgemein auf Schiller, oder Goethe als Verfasser (vgl. Schillers Briefe 5, 127 ; Karoline 1, 181 ; Briefwechsel zwischen Schiller und Cotta S. 193 Anm. 2. 223. 235 ). Um den zweiten Teil vermehrt, erschien das Werk Anfang 1798 in Ungers Verlag als Buch und fand auch Goethes lebhaften Beifall ( Briefe 13, 54. 58 ). Im Laufe des Frühjahrs oder Sommers 1798 kam das Buch nach Paris in die Hände Humboldts und Brinkmanns ( Karoline von Wolzogen , Literarischer Nachlaß 2 2, 290 ); in dasselbe Jahr gehört nach dem Wasserzeichen des Manuskripts auch der erhaltene Anfang einer Rezension Humboldts, die er für die jenaische Allgemeine Literaturzeitung bestimmt hatte (an Hufeland, 26. März 1798). Seit den Jugendjahren verband eine enge Freundschaft Humboldt und die Verfasserin, die beide ihr ganzes langes Leben hindurch mit unverminderter Wärme gegenseitiger Hingabe gepflegt haben; Karoline schien Humboldt die einzige Frau, die an schöner und tiefer Weiblichkeit mit seiner eigenen Gattin verglichen werden könne. Dieselbe rückhaltlose Bewunderung, die er hier dem Romane der Freundin widmet, hat er später als Greis ihrer Biographie Schillers entgegengebracht (an Karoline von Wolzogen, 29. Dezember 1830 und 4. Februar 1831; an Charlotte Diede, 6. Mai 1831).