Musée des petits Augustins
An Goethe.
[Erster Brief.]
Unter allen hiesigen Kunstsammlungen hat mich kaum eine andre so angezogen, als
das Museum der Französischen
Denkmäler
Museum der
Französischen Denkmäler
verbessert aus Musée Français
. in der
Strasse des petits Augustins. Sie wissen,
dass man dort alle Kunstwerke zusammengebracht hat, die bisher in Kirchen,
öffentlichen Gebäuden und auf Plätzen zerstreut standen, und die es möglich
gewesen ist den Händen der muthwilligen Zerstörung während der Revolution zu
entreissen. Der Aufseher Lenoir
Genaueres über Alexandre Marie Lenoir (1761-1839) und seine Tätigkeit für Erhaltung der
mittelalterlichen Kunstdenkmäler Frankreichs gibt
Nagler
, Neues allgemeines
Künstlerlexikon
7, 430
. Seine Déscription historique et
chronologique des monuments de sculpture, réunis au musée erschien
Paris
1795. Seit der Aufhebung des Museums im Jahre 1816 befinden sich die hier beschriebenen Denkmäler an
verschiedenen Orten, größtenteils im Louvre und in St.
Denis. hat sie, soviel es ihm die Enge des Raums
verstattete, nach der Zeitfolge geordnet und es ist in der That ein einziger
Anblick, in wenigen Sälen die Fortschritte der Kunst mehrere Jahrhunderte hindurch
verfolgen zu können.
Für mich, gestehe ich, besitzt diese
Reihe von Denkmälern noch einen andren und höheren Reiz.Nach Reiz
gestrichen: Wem
die Beobachtung des Menschen werth ist, wer in der Geschichte gern der
Bildung seines Geistes und seines Charakters nachspürt, und die Gesetze
aufsucht, nach welchen in ihren einzelnen Verschiedenheiten allgemeine
Aehnlichkeit, in ihren Fortschritten zusammenhängende Folge ist, in dem muss
der Wunsch, einen lebendigen Blick in entfernte Jahrhunderte zu werfen, oft
bis zur quälenden Sehnsucht steigen.
Bei der Beobachtung des Menschen kommt alles auf das anschauliche Bild
des Gegenstandes an; das Deuten und Erklären von Handlungen, das Entziffern von
Reden und Schriften selbst ist nur wenig ohne den wirklichen Anblick der Person.
Ist es nun unmöglich einen lebendigen Blick in die Vorzeit zu werfen, so führt uns
die bildende Kunst wenigstens einzelne bedeutende Gestalten zurück. Die
Einbildungskraft heftet sich an ihnen fest, und findet wenigstens so einige
Anleitung, das Bild jener Jahrhunderte zu zeichnen. Es ist nicht, dass man gerade
dadurch neue Angaben empfienge, vorher unbekannte Seiten kennen lernte; aber man
lernt besser verstehen und vollständiger zusammenfügen, was der todte Buchstabe
der Geschichte nur unvollkommen und einzeln zu liefern vermag. In den Handlungen
und noch mehr in den Gedanken und Empfindungen der Menschen sind Abstufungen,
Schattirungen und Feinheiten, für welche die Sprache kaum mehr Zeichen
besitztNach
besitzt
gestrichen: oder die wenigstens bei der
Uebersetzung aus einer in die andre verloren gehen. Und eine Uebersetzung
findet nicht bloss bei Sprachen verschiedner Nationen, sondern auch bei
derselben Sprache in verschiedenen Zeiten Statt. Ja im Grunde ist alles
Verstehen nur ein Uebersetzen von der Mundart des einen in die des
andern.
und die durch die Ueberlieserung verloren gehen.
Diese füllt der Anblick der Gestalt und der Mine aus, bringt dadurch unsre
Kenntniss der Vergangenheit der näher, die wir von der Gegenwart haben, und macht
nun erst eine vollständige und zweckmässige Vergleichung beider möglich.
Vorzüglich also in physiognomischer Rücksicht bin ich diese Säle durchwandert, in welchen die Statuen, Büsten oder
Reliefs vieler der merkwürdigsten Menschen Frankreichs von Chlodovigs bis zu Ludwigs XV.
Zeiten versammelt sind. Ich habe die
einzelnen Köpfe, die mir am meisten bemerkenswerth schienen, genau betrachtet,
ihren Charakter in ihren Zügen und dem Ausdruck ihrer Physiognomie studirt, sie in
Gedanken auf mannigfaltige Weise an einander gestellt, und verglichen, bald in der
Mannigfaltigkeit der Zeiten das Allgemeine der Nation, bald hierin die
Verschiedenheit der Jahrhunderte aufgesucht.
Physiognomische Studien sollten vielleicht eher physiogno- mische Träume heissen. Indess kann doch niemand die
Thatsache abläugnen, dass zwischen gewissen Gesichtszügen bis in die festesten
Theile hinein und gewissen Charakteren eine so offenbare Aehnlichkeit liegt, dass
jeder an dieselbe erinnert wird. Die Physiognomik
Die Physiognomik
verbessert aus
Diese Kunst (wenn Sie ihr
diesen Namen gönnen wollen)
ist nur dadurch so verdächtig
geworden, dass man sie zu einem Mittel herabgewürdigt hat, das Innre des Menschen
in seinem Aeussern zu lesen, und dadurch der eigentlichen, Zeit und Gelegenheit
kostenden Prüfung zuvorzukommen — ein sonderbarer Vorschlag in der That, die
zuverlässige
zuverlässige
verbessert aus sichre
und dieses
aus einfache
. und deutliche Sprache der Handlungen und
selbst der Reden gegen die zweideutige
zweideutige
verbessert aus
zusammengesetzte
. und dunkle einiger so oder anders
gekrümmter Umrisse zu vertauschen. Gerade umgekehrt ist sehr oft die auf andern
Wegen erlangte Kenntniss des inneren Charakters nothwendig, um die Gesichtsbildung
nur zu entziffern und zu verstehen; auf alle Fälle muss das Studium beider immer
Hand in Hand gehen, und wenigstens ist die echte Physiognomik für die Bedürfnisse
der gewöhnlichen Menschenkenntniss eben so zweckwidrig, als sie für die höhere
unentbehrlich ist. Der gewöhnliche Menschenbeobachter, so wie ihn das thätige
Leben fordert, sucht nur die auffallenden, praktisch wichtigen Eigenschaften auf,
Vorzüge und Fehler, die aus mannigfaltigen Ursachen entstehen, fremd angenommen
oder in der Anlage vorhanden, nachher aber unterdrückt seyn können. Für diesen ist
die Sprache der wahren Physiognomik bei weitem zu fein. Was für ihn gerade die
Hauptseiten sind, davon zeigt sie ihm entweder keine Spur, oder sie zeigt sie in
andern eigenthümlichern Eigenschaften, die ihre entfernte Quelle ausmachen, und
aus welchen man sie nur mit Mühe ableiten würde. Er braucht daher besonders nur
die Kenntniss des Minenspiels und das Mehrere, was er ausser diesem Gebiete dazu
erwerben wollte, brächte ihn nur in Gefahr sich zu verwickeln und zu
verwirren.
So bleibt also die eigentliche, theoretische Physiognomik immer nur ein Geschäft
für müssige Grübler, und gleichsam ein Luxus des menschlichen Verstandes. Dennoch
können zwei Personen einen hohen und würdigen Gebrauch von ihr machen, der
Philosoph und der Künstler. Der Philosoph studirt den Menschen bis in seine
kleinsten Seiten hinein, und achtet auch noch auf die Fein- heiten der Feinheiten. Denn seine Absicht ist die geistige
Bildung desselben, in allen ihren Verhältnissen, in ihrer vollkommnen Einheit. und
daher giebt es nichts, was er ungestraft vernachlässigen dürfte. Hier dient ihm
nun die Physiognomik auf eine doppelte Weise. Sie giebt ihm eine Anleitung auf den
ersten Anblick, orientirt ihn, und weist ihm ohngefähr die Classe an, in die er
das Individuum zu setzen hat; hernach aber, wenn er sich eine gewissermassen
hinreichende Kenntniss des innren Charakters verschaft hat, wird sie ihm ein
nothwendiger Vergleichungspunkt, und lehrt ihn vorzüglich, nicht zu sehr durch die
Beobachtung zu trennen, was in der Natur verbunden, nicht zu übersehen, was in ihr
nur schwach angedeutet, und selbst das nicht zu verlieren, was in ihr nur in der
Anlage vorhanden ist. Von dem, was er nur in Begriffen erkannt hat, giebt sie ihm
ein Bild und führt dadurch alle Vortheile der Anschaulichkeit mit sich.
Allein immer, muss man gestehen, wird die Kenntniss des Charakters öfter dazu
dienen die Gesichtsbildung, als diese jenen verständlich zu machen, und der wahre
Zweck der Physiognomik sollte also kein andrer, als die Kenntniss der menschlichen
Physiognomien, unabhängig von allem innern Charakterstudium, seyn. Die
Gesichtszüge und die ganze äussere Bildung des Menschen sind einmal ebensogut ein
Theil der Natur, als seine innere Einrichtung; es sind Formen, in welchen, Spiele
des Zufalls abgerechnet, offenbar eine gewisse Regelmässigkeit obwaltet. An der
Aufsuchung dieser den Geist zu üben, wäre schon an sich ein hinreichender Zweck,
einen Gegenstand mehr zu erhalten, der uns ein verständlicher und durchaus in
Gedanken übersetzbarer Stoff ist, wäre an sich wichtig, es wäre es um so mehr, als
dies Studium (wenn Sie ihm diesen Namen vergönnen) uns überall hin begleiten,
jeden Augenblick ausfüllen kann, und keiner andern Beschäftigung einen einzigen zu
entziehen braucht. Aber es empfiehlt sich noch mehr dadurch, dass es uns ein neues
und anschauliches Bild der Menschheit giebt. Denn mit dem Worte wie mit dem
Begriff der Physiognomik ist nothwendig immer der Ausdruck und die Bedeutung der
Züge verbunden, und alles, was man zu vermeiden hat, ist nur diese Bedeutung den
Sinn der Hieroglyphe — und ihre Kenntniss zum Endzweck zu machen.Nach machen
gestrichen: weil man sonst Gefahr läuft dem Charakter oder den Zügen
anzudichten, was sie an sich nicht besitzen
. An dieses Bild
reiht man und mit ihm vergleicht man den
intellektuellen, aus andern Quellen geschöpften Begriff und setzt so das ganze
Individuum in seinen Gedanken aus dieser doppelten Art des Erscheinens zusammen.
Es kommt nicht darauf an, die innere Bildung aus der äusseren zu errathen, allein
der Mensch ist höher und schöner, wenn die erstere auch seine Mine und seine
Gestalt lebendiger durchstralt.
Wenn es mir gelingt, die Physiognomik ganz in das Feld der Naturbeobachtung
hinüberzuziehen, so bin ich
Ihrer Theilnahme gewiss. Denn in diesem
Gebiet, und besonders wie der Künstler dessen zu seinem Geschäfte bedarf, ist kein
PunktNach
Punkt
gestrichen: wie unbedeutend er auch
schiene
.
Ihnen gleichgültig.Nach gleichgültig
gestrichen:
Wer, wie Sie, so viele und
mannigfaltige Kunstwerke gesehen hat, dem können
. Auch
Ihnen nun sind gewiss die Fehler,
welche selbst grosse Künstler in dem physiognomischen Theil ihrer Werke begehen,
nicht unbemerkt geblieben. Ich will hier
nicht wiederholen, was Lavater einigemal
sehr scharfsinnig gezeigt hat, dass sie hie und da Züge in demselben Gesichte mit
einander verbinden, die in der Natur nie zusammen angetroffen werden. Grobe
Widersprüche dieser Art können nur den unaufmerksamsten Beobachtern der Natur
begegnen, und die feineren bleiben auch dem Kenner verborgen. Allein was ich vorzüglich vermisse, ist Einheit in mehrern
zusammengehörenden Physiognomieen, Mannigfaltigkeit in verschiedenen, und
Naturcharakter in jeder einzelnen. Kann man auch den Künstler nur selten
eigentlicher Versehen zeihen, (wozu schon der Sinn der Zuschauer bei weitem mehr
für diesen Gegenstand geschärft seyn müsste) so muss man doch meistentheils
gestehen, dass er in einen und in einen nicht unwichtigen Theil seines Werkes
nicht genug Gehalt gelegt hat, und ich
weiss kaum, welcher dieser beiden Mängel störender ist. Der physiognomische Theil
eines Gemäldes wäre einer grossen Wirkung fähig und bringt gewöhnlich nur eine
sehr kleine hervor. Dadurch aber entsteht ein störendes Misverhältniss im Ganzen,
und man sucht vergebens in diesem Theil die Einheit, Mannigfaltigkeit und Wahrheit
der Natur.
Was soll man z. B. dazu sagen, wenn man in demselben Bilde, ja in derselben
Familie antike und moderne Gesichtsbildungen neben einander antrift, ein Fehler,
dessen einige, und nicht mit Unrecht einige
Gemälde Davids
Jacques Louis
David (1748-1825), der
Begründer der neueren französischen
Malerschule, während der Revolution Jakobiner, Mitglied des Nationalkonvents
und Freund Robespierres, nach dessen Sturz er längere Zeit in Gefangenschaft
saß, wurde dann unter Napoleon trotz
seiner antikisierenden Richtung der offizielle Maler des Kaisertums und seiner
glänzenden Feste. Eine Beschreibung seines Gemäldes Versöhnung der
Römer und Sabiner aus
der Feder Karolinens von Humboldt hat
Goethe in Überarbeitung in die
Propyläen (3, 1, 117) aufgenommen.
beschuldigen. Ausserdem dass man dadurch unmittelbar an den Künstler und sein
Ideal
Ideal
verbessert aus Modell
. erinnert wird, so kann die
Einbildungskraft nicht mehr ungestört von einer Gestalt zu der andern übergehen,
von der Mutter zur Tochter hinab- und von ihr zu dem Vater hinaufsteigen. Zwar
lassen sich allerdings auch in der Wirklichkeit dergleichen Sprünge aufzeigen.
Allein der Künstler soll die Natur, nicht den Zufall, also nicht ihre Ausnahmen,
sondern ihre Gesetzmässigkeit nachahmen. Ein andrer höchst gewöhnlicher Fehler ist
es, dass fast jeder Maler seine Lieblingsphysiognomien hat, die er immer, oder
wenigstens oft in verschiedenen Lagen, und nur mit unbedeutenden Abänderungen
wiederbringt. Hierzu werden Ihnen die
Belege augenblicklich von selbst einfallen. Es ist nicht zu läugnen, dass dieser
Fehler besonders bei Köpfen, die an das Idealische gränzen, schwer zu vermeiden
ist, aber es ist darum nicht minder gewiss, dass er die Wahrheit der Natur auf
eine sehr unangenehme Weise stört.
Was aber, wenn man die höchste Wirkung der Kunst verlangt, am meisten Schaden
thut, ist wenn die Mine von der Physiognomie, die augenblickliche Lage der
Gesichtszüge von der habituellen nicht deutlich unterschieden ist. Dieser Fehler
kann fast in allen Künsten statt finden, und man wird besonders in Frankreich auf denselben aufmerksam gemacht, da
es der beständige und beinahe charakteristische der Französischen Theaterdichter und Schauspieler ist, bei denen immer
der individuelle Charakter in der allgemeinen Leidenschaft untergeht. Er ist in
den bildenden Künsten, die wirklich immer nur Einen Augenblick darstellen, sogar
minder störend, aber er bleibt nichts desto weniger immer eine tadelnswürdige
Unvollkommenheit. Man darf nicht lange suchen, um hiefür Beispiele aufzufinden.
Ich erinnere Sie nur an Eins, an Katharine von Medicis, wie sie Rubens
in dem Augenblick nach ihrer Niederkunft
darstellt.Gemeint ist die
Königin Maria von Medici, die Gemahlin
König Heinrichs IV.; eins der
allegorisierenden Gemälde von Rubens
im pariser Louvre, die eine Reihe von Szenen aus ihrem
Leben darstellen, hat die Geburt Ludwigs
XIII. zum Gegenstand. Man hat gerade dies Stück
vorzugsweise als ein Muster des Ausdrucks an geführt, und es ist wenigstens unter
französischen Kunstrichtern Sitte
geworden, über diese Vermischung des Ausdrucks schmerzhafter Ermattung und
mütterlicher Liebe in Bewunderung auszubrechen. Was ich aber hier vermisse, ist der Ausdruck des eigentlichen und
bleibenden Charakters, der nur hier in diese Gefühle übergeht, ich vermisse ihn um so mehr, als es nothwendiger
war, eine Lage, die überhaupt schwer auf eine künstlerische Weise behandelt werden
kann, und einen Moment, in dem die Seele nothwendig und zum Theil körperlich
abgespannt ist, durch eine höhere Würde zu halten und zu erheben. Dagegen sehe
ich hier mehr eine gebährende Mutter,
als die Königin, die Millionen einen neuen Beschützer und Wohlthäter schenkt.
Vielleicht schaden auch der Hauptfigur die Nebenfiguren. Von lauter allegorischen,
übermenschlichen Gestalten umgeben, erscheint Katharine auf ihrem Sessel
hingestreckt minder gross und erhaben. Ueberhaupt aber sollte wohl bei allen
sanften oder gar abspannenden Leidenschaften der Charakterausdruck
hervorstechender seyn, als bei den entgegengesetzten, da diese letztem schon für
sich die Züge mehr heben, und auch weniger etwas anders neben sich ertragen.
Was ich in diesen verschiedenen Fällen
tadle, ist also eigentlich Mangel an der Wahrheit und dem Reichthum der Natur.
Wenn ich auf der Strasse gehe, wenn
ich eine Wachparade vorbeimarschiren
sehe, wenn ich mich unter einer
versammelten Volksmasse befinde, so geniesse ich nicht nur eines angenehmen und ergötzenden Schauspiels, sondern
das Bild der Menschheit in meiner Phantasie gewinnt auch neue und interessante
Seiten mehr, besonders wenn, wie hier in Frankreich, auch die untersten Volksklassen, durch einen höhern
Grad der Kultur, eine grössere Individualität der Gesichtszüge besitzen. Erinnern
Sie Sich wohl oft dasselbe bei einem
GemäldeNach
Gemälde
gestrichen: mit vielen Figuren
.
erfahren zu haben? Ich zweifle sehr. Zum
Theil entsteht dies freilich sehr natürlich daher, dass die Handlung, die in dem
historischen Gemälde das Herrschende ist, dem
Ganzen eine Einheit giebt, die selbst den Zuschauer hierauf zu achten und
gleichsam müssig unter den handelnden Personen umherzuschweifen verhindert. Aber
es ist nicht das allein; untersuchen Sie
nur die einzelnen Bildungen genauer, und Sie werden nur selten in Einer den eigentlichen Naturcharakter
finden, den Charakter, der Ihnen den
Menschen, wie er Ihnen im Leben begegnet,
nur als ein Ganzes der Phantasie, vors Auge bringt.
Freilich ist die Sache auch in hohem Grade schwierig. Für die Gesichtsbildung
lässt sich selten ein Modell finden, der Künstler kann also nur selten nach der
Natur arbeiten. Will er erfinden, so fällt ihm, möchte ich wetten, meistentheils zuerst die Handlung,
der Ausdruck ein, danach bestimmt er die Mine, nach der Mine die Züge und so wird
natürlich, was das erste seyn sollte, das Letzte und Unbestimmteste, und entsteht,
statt aus der Natur genommen zu seyn, nach einem Begriff. Ein Beweis dieses
Vorwaltens des moralischen Ausdrucks scheint mir noch folgender zu seyn. Gehen
Sie in Gedanken die vorzüglichsten
Weiberköpfe durch, die Sie Sich erinnern
auf Gemälden gesehen zu haben, und ich
müsste mich sehr irren, oder Sie werden
in ihnen weniger Mannigfaltigkeit finden, als in den männlichen. Eben so in den
Jünglingsköpfen weniger als in den ausgebildeten, und am besten gerathen immer die
alten. Schwerlich würden Sie dasselbe von
den weiblichen Physiognomieen z. B. in der Natur behaupten wollen. Der Unterschied
kommt also wohl nur daher, dass die meisten Maler ihre Gesichter mehr nach dem
moralischen Ausdruck, als nach den physischen Formen variiren, und diesem Ausdruck
in der sanftern und harmonischeren Weiblichkeit natürlich weniger Herrschaft
einräumen können.
Nicht also als moralische Hieroglyphen, sondern als reine Naturformen (mit oder
ohne Bedeutung) muss man die Gesichtsbildungen betrachten, wenn die Physiognomik
dem Künstler brauchbar werden soll. Ihre Ausgabe ist nur die: wie verfährt die
Natur bei Bildung derjenigen menschlichen Formen, welche die innere allgemeine
Organisation gleichgültig lässt? und schon diese Aufgabe selbst zeigt deutlich
genug, auf welchen Boden der Physiognomiker auftritt, nemlich auf einen solchen,
wo wenigstens scheinbar der Zufall regiert.
Statt des letzten Satzes hinter dem Fragezeichen hieß
es ursprünglich:
und diese Aufgabe kann allein durch eine genaue,
sorgfältig angestellte Beobachtung und eine zweckmässige Ordnung des
Beobachteten aufgelöst werden.
Der Zusatz, den ich so eben
hinzufügte, dass die Physiognomik nur diejenigen Formen angeht, die
durch die Gesetze der Organisation nicht bestimmt sind, muss mit den
gehörigen Einschränkungen verstanden werden. Wäre die individuelle
Organisation eines Menschen vollständig bekannt, so würde sich
unstreitig aus derselben seine ganze äussere Bildung, als nothwendig
in ihr gegründet, erklären lassen. Hier aber sind nur die allgemeinen
Organisationsgesetze verstanden, so wie unsre Versuche und unser
Nachdenken sie erforschen können. Der Zusatz ist nur nothwendig, damit
man gleich sieht, auf welchen Boden der Physiognomiker auftritt,
nemlich auf einen solchen, der scheinbar vom Zufall regiert wird, und
auf dem sich kein eigentliches Gesetz, das nemlich die Nothwendigkeit
einer gewissen Bildung aus Begriffen erklärte, aufstellen
lässt.“
Vielleicht wundern Sie Sich,
wundern Sie Sich
verbessert aus
machen Sie mir ferner den
Einwurf
. dass ich
die Bildung der Gesichtszüge bloss der Natur zuschreibe, da doch der Geist, der
dieselben belebt, offenbar einen so grossen und mächtigen Einfluss darauf ausübt.
Allein wenn Sie das abrechnen, was bloss
Mine (pathognomisch) ist, bloss willkührliche Bewegung eines beweglichen und der
Willkühr unterworfenen Muskels, so kann der Geist selbst seinen Einfluss nur in
Theilen zeigen, deren Umwandlungen ganz und gar den allgemeinen Gesetzen der
körperlichen Natur folgen. Die Veränderungen, die er in ihnen hervorbringt, müssen
jenen Gesetzen gemäss seyn, und so kann man seine Einwirkung geradezu auch als
Natur ansehen, weil sie durch die Gesetzmässigkeit dieser modificirt wird.
Ich darf nicht fürchten, dass Sie auch nur die ersten Grundzüge einer
theoretischen Physiognomik hier von mir erwarten. Bin ich
Bin ich
verbessert aus Aber wenn ich auch dem Vorwurf entgegensehe, dass
ich
. aber auch
schon zu tief in die Theorie eingegangen, so müssten Sie mir doch noch, ehe ich
von meiner Abschweifung zurückkehre, Eine Bemerkung erlauben.
Der Physiognomiker muss darauf Verzicht thun, Gesetze aufzustellen. Er kennt nur
Typen. Der Unterschied zwischen Typus und Gesetz ist freilich wohl kein andrer,
als, dass wir uns begnügen müssen in seiner Gestalt als wirklich zu erkennen, was
es uns unmöglich ist, aus Begriffen als nothwendig einzusehen; allein er ist darum
für uns nicht weniger wesentlich. Was man also zuerst zu thun hat, ist die
verschiednen Typen der menschlichen Physiognomien aufzusuchen, und wo möglich ihre
Zahl und Unterordnung zu bestimmen.Nach bestimmen
gestrichen: Freilich ein unermessliches Geschäft und dessen Vollendung
nie und unter keinerley Umständen ganz möglich ist eine Betrachtung, die
aber schlechterdings nicht von der Unternehmung desselben abschrecken darf,
da auch jeder vollendete Theil desselben schon seinen Nutzen
bringt.
Ohne auf die Unterschiede der Racen, Nationen, und
Familien, die immer feiner sind und denen man leicht Einbildungen beimischt, Acht
zu geben, muss man seinen ganzen Vorrath beobachteter Physiognomien nur durchgehn,
und ordnen, grössere und kleinere Klassen absondern, die Individuen auszeichnen,
die als Muster einer oder der andern gelten können, und die nicht vergessen, die
zwischen zweien in der Mitte stehen.
Erst auf die so beobachtete Form darf das Studium des Ausdrucks folgen. Denn der
Ausdruck lässt sich nie von der Physiognomie trennen, das was sie recht eigentlich
zur Physiognomie macht, das Ganze, liegt sogar nur darin, und ist nur dadurch zu
bezeichnen. Nur muss sich der Physiognomiker nicht darum bekümmern, ob das
Individuum selbst in seinem Charakter die Seiten besitzt, die dieser Ausdruck
andeutet, oder nicht. Diess ist eigentlich der Physiognomik überhaupt, und
wenigstens ihm jetzt noch schlechterdings fremd. Der Ausdruck liegt weniger in der
Form, als in den kleinen mit Worten nicht mehr auszudrückenden Zügen, dem Licht
und Schatten u. s. f. Man muss ihn mit der Form vergleichen und untersuchen, ob,
wenn auch an sich jeder mit jeder Form vereinbar ist, doch nicht gewisse
vorzügliche Wahlverwandtschaften unter beiden Statt finden.
Wären die Gesichtsbildungen auf diese Weise als reine Naturformen beobachtet, so
könnte man nachher die Art durchgehn, wie sie in der Wirklichkeit angetroffen
werden, als Charaktere der Nationen, Familien, Stände, Beschäftigungen u. s. f.
und endlich auch ihr Verhältniss zur innern Gesinnung bestimmen, wobei man indess
nie einzelne Züge mit einzelnen Eigenschaften, immer nur die ganze Gesichtsbildung
mit dem ganzen Charakter vergleichen dürfte, um daraus die vollständige
Individualität zusammenzusetzen.
Diese allgemeinen Bemerkungen glaubte ich
vorausschicken zu müssen, wenn Ihnen das
Folgende ganz klar seyn sollte. Denn überall, werden Sie finden, habe ich auf
den Typus der Physiognomien und darauf geachtet,
ob die Natur dieselben mehrere Jahrhunderte hindurch, in denselben oder
verschiednen Familien in einer gewissen und regelmässigen Folge bildet.
Ausserdem dass der Mensch in seinem geistigen Fortschreiten einen freien, durch
keine Regel zu bestimmenden Gang nimmt, entwickelt er sich zugleich nach
allgemeinen Gesetzen der Natur, und wohl allein auf diese Weise entsteht das, was
man den allgemeinen Charakter der Familien, Nationen und Jahrhunderte nennt. Nur
die Untersuchung des gegenseitigen Einflusses dieser doppelten Einwirkung kann
einigermassen den Zusammenhang erklären, in welchem mehrere Menschenalter mit
einander stehen, und der Lösung der grossen Aufgabe näher führen, auf welche Weise
sich der Einzelne so auszubilden vermag, dass er am dauerhaftesten und
zweckmässigsten auf sein Zeitalter, seine Nation und endlich durch diese und eine
Menge andrer mittlerer Stufen hindurch auf das ganze Menschengeschlecht einwirkt?
Keine andre hat daher für die allgemeine Geschichte der menschlichen Bildung eine
so grosse und ausgebreitete Wichtigkeit.
Allein ich kehre zu meinem Gegenstande
zurück. Doch scheue ich mich, auf diese
allgemeinen Betrachtungen einige einzelne und zerstreute Beobachtungen folgen zu
lassen. Ich schliesse also für heute und
verspare die Beschreibung des Museums, die ich
Ihnen versprach, auf ein andermal.
Zweiter Brief.
Das Kloster der kleinen Augustiner ist ein kleines, und zu dem Zweck, zu dem man
es jetzt bestimmt hat, wenig bequemes Gebäude. Der Raum ist für die Menge der
Denkmäler, die man darin aufstellen will, bei weitem zu eng, die Säle haben nicht
Höhe und Licht genug, und die schönsten Statuen und Monumente verlieren dadurch an
Grösse und Würde.
In der Mitte des viereckten Klostergebäudes ist ein kleiner Garten, um denselben
herum gehen vier Kreuzgänge, und an diese stossen mehrere grössere und kleinere
Säle. Ausserdem hat das Gebäude zwei Höfe und einen grösseren, zum Theil mit
Bäumen besetzten Platz. Die Denkmäler, Bildsäulen und Büsten sind in diesen
verschiedenen Abtheilungen zum Theil wirklich
aufgestellt; grossentheils aber liegen sie noch in den Kreuzgängen und besonders
auf den Höfen in sonderbarer Verwirrung umher. Denn ausser dem Garten und zwei
Kreuzgängen sind erst vier Säle so gut als gänzlich vollendet. An den andern wird
noch gearbeitet.
Es war ein glücklicher Gedanke, diese in so vielen zum Theil abgelegenen Kirchen
zerstreuten Kunstwerke zusammenzubringen und in chronologischer Folge
aufzustellen.Nach
aufzustellen
gestrichen: Oft in dunkeln
Winkeln
. Sobald sie aufhörten als historische Denkmäler, oder
als Gegenstände religiöser Ehrfurcht geachtet zu werden, konnte nur der Schutz der
Kunst sie vor künftigen Mishandlungen sichern, und bei der jetzigen Einrichtung
gewinnt man noch ausserdem den Vortheil alle auf einmal zu übersehen. Auch muss
man gestehn, dass für die schrecklichen Auftritte, welche Paris und die umliegende Gegend in diesen letzten
zehn Jahren erlebt hat, bei weitem mehr, als man denken sollte, den Händen der
Zertrümmerer entrissen worden ist. Desto mehr aber ist es zu bedauern, dass man
die neue Aufstellung nicht gleich nach einem grösseren Plan und in einem schöneren
Gebäude angefangen hat. In glücklicheren Zeiten, wo es wieder möglich seyn wird,
grössere Summen auf die Kunst zu wenden, wird man es schwerlich ertragen können,
diese Denkmäler auf eine ihrer so wenig würdige Art aufgestellt zu sehen, und eine
Veränderung führt alsdann neue Kosten, neuen Zeitverlust, sogar Gefahr für die
Kunstwerke selbst mit sich. Indess ist es immer unbegreiflich viel, dass diese
Anstalt bis jetzt auch nur soweit gediehen ist, und das Publikum verdankt es
allein dem unermüdlichen Eifer des Aufsehers Lenoir, der sich ganz und gar der Einrichtung dieses Museums
gewidmet zu haben scheint.
Der kleine Klostergarten ist wie ein Elysium angelegt. Auf Rasenplätzen erheben
sich unter dem Schatten von Cypressen und Pappeln ältere und neuere Grabmäler. Der
Connetable Bertrand du Guesclin an der
Seite seines Freundes, Leon von Lusignan,
letzter König von Klein Armenien, und
andere ruhen hier neben einander, und in der Mitte sieht man ein Ueberbleibsel von
Héloisens Grabstein neben einem
Denkmal auf Rohault, Descartes's Freund, und einem andern eines
Französischen Schauspielers, der im
Anfang der Revolution starb. Wenn auch dieser Platz ganz und gar weder den
feierlichen Ernst, noch die melancholische Ruhe
verkündigt, die man ihm hat geben wollen, und man gleich gestehn muss, dass es
nicht der Mühe werth war, die Zeitfolge der Denkmäler zu unterbrechen, um diese
Wirkung hervorzubringen, so machen die Statuen mitten unter dem Laub der Bäume,
das sie zum Theil bedeckt, immer einen guten und überraschenden Effekt. An den
Wänden des Klostergebäudes ranken sich Weinstöcke herauf, und zwischen ihnen steht
auf Consolen eine Reihe von Büsten. Unter diesen im Garten selbst sind Bildsäulen
von Heiligen und einigen allegorischen Figuren aufgestellt, unter welchen einige
gut gearbeitete sind. Auf den Rasenplätzen in der Mitte endlich befinden sich die
Grabmäler. Aber ich kehre zu dem Gebäude
zurück, um die verschiednen Kunstwerke der Zeitfolge nach flüchtig zu
durchlaufen.
Der Saal des dreizehnten Jahrhunderts ist der erste. Ein nicht grosses, ziemlich
dunkles, in der Mitte von zwei Pfeilern unterstütztes Kreuzgewölbe enthält die
Cenotaphe der Vorgänger Ludwigs 9., die
meistentheils unter seiner Regierung und auf seinen Befehl gearbeitet sind. Die
Verzierungen dieses Saals sollen dem Zeitalter analog seyn. Die Thüren sind in
Gothischer Form, mit Gothischen Inschriften, die Fenster mit gemahlten
Glasscheiben, und in der Mitte hängen einige Grablampen. Die einzelnen Stücke, die
man zu diesen Verzierungen gebraucht hat, sind zum Theil selbst Alterthümer und
ausNach aus
gestrichen: ganz oder zum Theil
. jetzt zerstörten
Gebäuden genommen. So ist z. B. die Einfassung der Thüren aus St. Denis. Obgleich diese Verzierungen im Ganzen
ziemlich gut angeordnet sind, so sind sie doch, wie fast alle in diesem Museum,
nicht frei von kleinlichem, modern-französischem Geschmack, durchaus zu bunt, und schaden daher der
Wirkung, die man hat erreichen wollen.
Die Cenotaphe sind von mehrern Königen aus den ersten drei Französischen Königsgeschlechtern von Chlodovig bis auf Philipp den Schönen. Ihre Statuen, sämmtlich (die Philipps des Kühnen und seiner Gemalin allein ausgenommen, die von
schwarzem Marmor sind) in Sandstein ausgehauen, liegen auf den Grabsteinen, neben
ihnen ruhen meistentheils bei den früheren zur Rechten, bei den späteren zur
Linken ihre Gemahlinnen, und zu ihren Füssen sieht man kleine Löwen oder Hunde.
Alle diese Arbeiten sind wenn nicht von demselben Meister, doch zu derselben Zeit
ge- macht. Indess scheint es beinahe, als habe
der Künstler eine Art der Täuschung hervorbringen und ein Fortschreiten der Kunst
andeuten wollen. Wenigstens sind die Gewänder, obgleich alle der ältern Könige
dieselbe Kleidung tragen, bei den frühesten ganz einfach und geradeheruntergehend,
bei den spätern hingegen reicher, seiner geschlagen, und mit mehreren und
mannigfaltigeren Falten. Die Frauen sind fast ganz ebenso gekleidet, als die
Männer, und der weibliche Körperbau ist besonders bei den ältesten nur äusserst
schwach angedeutet.
Die meisten dieser Grabmäler sind aus St.
Denis hiehergebracht worden. Die Statuen sind fast alle mehr oder
weniger verstümmelt und beschädigt. Doch rührt dies nicht allein aus den Zeiten
der Revolution her. Zur Zeit der Ligue drangen die Ligueurs in die Abtei
St. Denis ein und verstümmelten viele
der Denkmäler, die sie dort fanden. Auch ist der an sich lockre Sandstein
unstreitig von selbst verwittert.
Weder in Rücksicht der Arbeit, noch der Physiognomie zeichnen sich unter diesen
Statuen einzelne aus. Unter allen herrscht, ob es ihnen gleich nicht an
Individualität fehlt, doch im Ganzen dieselbe Gesichtsform. Es sind grosse
länglichte, sehr knochenstarke Gesichter, mit wenigem, höchstens frommem und
gutmüthigem Ausdruck. Ihr langer Bart vermehrt noch das Sonderbare ihres Anblicks
und sie gleichen nicht wenig den steifen Königsfiguren, die man auf alten
Holzschnitten und noch jetzt auf unsern Karten sieht.
Nur Chlodovig unterscheidet sich merklich
von allen andern. Seine Statue, die allein auf seinem Grabmal liegt, ist nicht aus
St. Denis, sondern aus der Kirche
Généviève hierhergebracht worden. Sie ist zwar gewiss nichtNach nicht
gestrichen:
unmittelbar
. aus seinem Jahrhundert, aber, wie es
scheint, auch nicht mit den übrigen unter Ludwig
9. gearbeitet. Da diese Kirche nach den Zerstörungen, die sie im
9ten Jahrhundert erlitten hatte, unter Robert dem
Weisen wieder hergestellt ist, so vermuthet man, dass sie bald nach
dieser Zeit verfertigt worden sey. Der Künstler scheint gefühlt zu haben, dass er
die Bildsäule eines grossen Mannes zu machen hatte; wenigstens treten die Züge bei
weitem klarer und mächtiger, als selbst in den spätern Statuen, aus einander, und
besonders ruht auf der Stirn, den Augenbraunen, und dem Anfang der Nase (denn die
Spitze ist restaurirt) eine gewisse
unverkennbare Grösse. Seine Kleidung ist wie die der übrigen Könige, nur hat er
auf dem Kopf ein Diadem, und im Gürtel einen Almosenbeutel.
Das Gesicht Ludwigs 9. in der Statue, die
in diesem Sale steht, und noch nicht die beste von denen seyn soll, die man ehmals
von ihm hier gehabt hat, trägt unverkennbare Züge der Schwäche und Gutmüthigkeit,
besonders um den Mund und das Kinn herum an sich. Wenn man sie mit den Kupfern
vergleicht, die nach Siegeln und Münzen gemacht sind, so ist sie diesen sehr
ähnlich und hat nur einen bessern und angenehmern Ausdruck.
Zwischen den Pfeilern, die in der Mitte des Saals das Gewölbe tragen, steht das
Grabmal der beiden Söhne Ludwigs 9.
Ludwig und Johann, die beide jung starben. An dem Küssen, auf welchem der Kopf des
einen, wahrscheinlich Ludwigs, des ältesten, der nach seiner Grossmutter Tode, in
der Abwesenheit seines Vaters, die Regentschaft vertrat, ruht, knieen 2 Engel, wie
Chorknaben gekleidet. An den Seiten des Cenotaphs sind Basreliefs, die Ludwigs
Leichenbestattung vorstellen. Es sind bloss einzelne Figuren vermuthlich aus dem
Zuge, welcher der Leiche folgte, die wie in einem gothischen Bogengange, jede in
einem einzelnen Bogen, allein, stehen. Fast bei allen sind die Köpfe abgeschlagen,
aber man sieht an dem Wurf der Gewänder, bei denen das verschiedne Costüme der
Stände und Würden beobachtet ist, dass die Arbeit für die Zeit, in der sie gemacht
war, nicht ohne Werth gewesen seyn kann.
Noch hängen in diesem Saal drei andere Basreliefs, von denen ich Ihnen ein Wort sagen muss.
Eins besteht aus zwei zusammengehörenden Tafeln von Sandstein und stellt die
Gründung des Klosters der Heiligen Katharine im Val des
écoliers
Nach écoliers
gestrichen: durch Ludwig 9.
nach dem Siege
bei der Brücke von Bovines (im Jahre
1200)Der Tag der Schlacht
ist der 27. Juli 1214. vor. Es ist
eigentlich kein Basrelief. Denn die Figuren sind nicht erhoben gearbeitet, sondern
ihre Umrisse sind in den Stein gegraben, und diese Vertiefungen ehmals, wie man
noch deutlich sieht, mit Farben und Gold ausgefüllt gewesen. Auf dem einen Stein
stehen 2 Krieger und ein Mönch, auf dem andern wieder 2 Krieger und Ludwig der Heilige. An allen diesen 6 Figuren
sind bloss die Umrisse und diese sehr roh und
ohne alle Beobachtung der Perspective gezeichnet. Sie stehen einzeln, und es würde
unmöglich seyn ihre Verbindung und den Sinn der ganzen Vorstellung zu errathen,
wenn der Künstler nicht dafür durch eine doppelte Inschrift gesorgt hätte. Der
Grund ist nicht leer gelassen, sondern mit bunten, aber regelmässigen den Lilien
ähnlichen Figuren angefüllt. Das Ganze ist daher eigentlich ein Gemälde, wo die
Farbe in eingegrabnen Vertiefungen aufgetragen ist, nur ohne Licht und Schatten,
und ohne alles, was die eigentliche Kunst charakterisirt.
Eine andre Tafel, gleichfalls in Sandstein, stellt die Marter des Heiligen Hippolytus vor. Der Heilige ist nackt, nur mit einem Tuch um die
Lenden zwischen zwei Reutern ausgespannt, die ihre Pferde nach verschiednen Seiten
hin sprengen. Dicht über dieser Gruppe heben zwei Engel den Märtyrer, nach überstandener Marter, in einem
Tuch, aus welchem er betend und knieend mit halbem Leibe hervorblickt, zum Himmel
empor. Dies Stück ist bloss wegen der sonderbaren Symmetrie in der Composition
merkwürdig. Die Reuter und die Engel bilden vollkommen ein verschobenes Viereck,
in ihrer Mitte hängt der knieende Heilige
herab, und auch an beiden Enden des Basreliefs sind symmetrisch gestellte Figuren.
Es erinnert an einige ähnlich geordnete Compositionen auf Etrurischen und andern
antiken Gefässen.
Das dritte ist bei weitem besser, als dies gearbeitet, ob es gleich noch einen
vollkommnen Mangel an allem Begriff von Composition verräth. Auf derselben Tafel
und ohne alle Abtheilung dazwischen sind mehrere heilige Gegenstände vorgestellt.
In der Mitte die Kreuzigung, dann zu beiden Seiten Märtirer, und andere
Vorstellungen. Vorzüglich zeichnet sich Graf Hubert von Thüringen aus. Er kniet,
der bekannten Erzählung zufolge, vor dem Hirsch, den er gejagt hat, und da dicht
hinter ihm sein Pferd steht, so macht dies eine wirklich wunderbare und
charakteristische Gruppe, bei der man nur bedauert, dass der Heilige wie mehrere
Figuren auf diesem Stück seinen Kopf eingebüsst hat. Die Gewänder dieses Reliefs
sind für sein Alter sehr gut gearbeitet und kommen in der Manier mit denen auf dem
Grabmal der Söhne Ludwigs überein; bei weitem weniger gut hingegen ist das Nackte,
bei dem die Muskeln kaum angedeutet sind.
Die Denkmäler des 14ten und 15ten Jahrhunderts haben kaum einen andren, als
historischen Werth. Sie sind zwar alle, nur einige wenige ausgenommen, von Marmor,
aber in keinem zeichnet sich die Arbeit so aus,
dass es besonders herausgehoben zu werden verdiente. Die Form der Königsgrabmäler
ist noch im Ganzen dieselbe mit der, die wir so eben gesehen haben. Die Statuen
liegen bekleidet, nur einzeln, nicht die Königinnen zur Seite ihrer Gemahle, auf
den Grabsteinen.
Die Physiognomien würde man, auch die Kleidung und die Nebensachen abgerechnet,
leicht von selbst in diese Jahrhunderte der Rohheit und Unwissenheit setzen, in
denen kaum ein schwacher Funke eines werdenden Lichts aufdämmert. Fast alle tragen
in ihren Zügen die Spuren abergläubischer Frömmigkeit und mönchischer
Beschränktheit, und da sie einzeln hinlängliche Individualität besitzen, so
scheint dies nicht die Schuld des Künstlers zu seyn. Um wenigstens die Reihe der
Könige, die in diesem Museum nicht alle vorhanden sind, vollständig durchzugehen,
habe ich die Sammlungen ihrer Abbildungen
auf dem hiesigen Kupferstichkabinette verglichen, unter welchen besonders eine
nach alten Siegeln, Münzen, illuminirten vignetten in Manuscripten u. s. f.
verfertigte, von historischer Glaubwürdigkeit ist. Auch hier habe ich den Charakter, wie ich ihn so eben beschrieb, wiedergefunden.
Nichts Grosses, nichts Freies, selten sogar nur die Kraft und Kühnheit, die noch
neben der Rohheit bestehen kann, vor allem aber Mangel an Adel und Hohheit. Die
Theile, welche am sichtbarsten das Gepräge des Geistes und der Menschlichkeit
tragen, die Stirn, und die Augen sind unbedeutend, und kündigen sich auf keine
Weise an, da hingegen die stark hervortretenden Backenknochen die Hauptparthie des
Gesichts ausmachen. Auch fehlt es den einzelnen Theilen an Einheit und man trift
hier die bizarresten Formen an.
So muss es nicht leicht eine wunderbarere Hässlichkeit geben können, als die
Carls 6. ist. Das Gesicht ist mager
und spitz, der Stirnknochen über der Nase steht weit hervor, die Nase ist
ungeheuer lang, hat einen grossen Höcker und geht so tief herab, dass ihre Spitze
fast auf der stark aufgeworfenen Oberlippe aufliegt. So ist nemlich die
Physiognomie auf Münzen und auf einem Kupfer nach einem Stück aus dem Cabinet de Du Val, Sécretaire du
Roi es langues Orientales.
Jean Baptiste
Duval († 1632) gab Paris
1619 eine vermehrte Bearbeitung von Vicos Imagines imperatorum et
augustorum heraus; als Orientalist unbedeutend, war er ein
hervorragender Kenner französischer
Münzen und Medaillen. Die Statue ist ganz anders. Indess sieht man offenbar, dass das Kupfer ähnlicher ist, da
man noch in Carl 7. dieselbe Nase, nur
minder stark und hässlich wiedererkennt.
Selbst der Enkel, Ludwig 11., kann diese
Züge nicht verläugnen. Doch ist sein Gesicht in dieser Reihe das am meisten
ausgearbeitete. Er hat einen eben so
aufgeworfenen Mund, als sein Grossvater,
aber eine kürzere, mehr vorstehende Nase, überhaupt ein kürzeres Gesicht, und
tiefe, grosse, und scharfblickende Augen. Ein grosser Ausdruck von Klugheit ist in
seinen Zügen unverkennbar, doch ist es mehr Verschlagenheit und List, als Stärke
des Geistes und das gerade Gegentheil von Grösse und Würde. Seine StatueIn St.
Denis war keine von ihm vorhanden. Eine andre, die, ich erinnere mich jetzt nicht wo, stand, ist
zertrümmert worden. ist nicht im Museum, aber ein guter Kupferstich von
ihm, nach einem Gemälde in Fontainebleau,
auf dem Kupferstichkabinet.
Eine Karrikatur andrer Art, als Carl 6.
ist Johann der Gute. Ein ungewöhnlich
langes und doch dabei breites Gesicht, eine lange und dicke Nase, gar schmale,
langgeschnittene Augen dicht zusammenstehend an der Nase. Diese letztem sind es
besonders, die dem Gesicht einen ganz eignen Charakter und einen solchen Ausdruck
von Einfalt geben, als man sich schwerlich je gesehen zu haben erinnern wird —
eine im eigentlichsten Verstande reine Einfalt, ohne Gutmüthigkeit und sogar ohne
Eigensinn.
Wo sich in den Formen dieser Zeit Muth und Kraft ankündigt, da ist der Ausdruck
bloss derb und fest, aber ohne Feuer und ohne Grösse, das Kraftvolle liegt allein
in der Stärke des Knochenbaus und der Muskeln. So ist z. B. die Physiognomie des
bekannten Grasen von Dunois, des Bastards Ludwigs von Orléans. Ein kurzes
vierecktes Gesicht, eine gerade und kleine Nase, und stark hervorstehende
Backenknochen, die Muth und Kraft, aber ohne Adel und Feuer andeuten. Dieser Form
mehr oder weniger ähnlich findet man die meisten der berühmten Krieger dieser
Zeit.
Dass indess auch jene Zeit der Bildung einen schönen und edlen Charakter zu geben
fähig war, dass natürliche Sanftmuth und Milde, verbunden mit stiller und
anspruchloser Frömmigkeit, sich auf eine zugleich rührende und erhebende Weise in
den Zügen spiegeln konnte, dies zeigt uns diese Sammlung wenigstens in einem
weiblichen Kopfe. Sie erinnern Sich
vielleicht aus älteren Beschreibungen von
Paris, dass es in der Kirche der
Celestiner eine reiche Kapelle gab, die man die Orléanssche nannte. Der bekannte
Herzog Ludwig von Orléans, Bruder
Karls 6., berüchtigt durch seine
Ausschweifungen und seine Bigotterie, seine Streitigkeiten mit seinem Onkel, dem
Herzog von Bourgogne, und seinen
unglücklichen Tod, hatte sie gestiftet, und Ludwig
12., sein Enkel, liess darin ihm und seiner Familie ein Grabmal
errichten, welches sich jetzt, obgleich noch nicht zusammengesetzt, in dem Museum
befindet. Ich sage Ihnen nichts von der Anordnung dieses Grabmals
und den Statuen des Herzogs und seiner beiden Söhne. Sie können die ausführliche Beschreibung derselben in Millins antiquités nationales. (Th. I. nr. III.
S. 77.) finden, einem Werke, das jeder Freund der Kunst und der Alterthümer gern
zur Hand haben wird.Es
erschien in fünf Bänden Paris
1790-95. Nur ein Paar Worte über
Ludwigs Gemahlin, Valentina von Mailand.
Ich werde nie vergessen, wie ich, bald nach meiner Ankunft hier, als die
Denkmäler in diesem Museum noch ungeordneter lagen, auf diese Gestalt stiess, in
welches freudige Erstaunen ich versetzt
wurde, als ich, mitten unter den theils
gemeinen, theils bizarren Figuren, auf einmal diese wahrhaft idealischen und doch
der Natur so augenscheinlich treu nachgebildeten Züge erblickte, und immer wird
dieser Kopf für mich zu den Formen gehören, in welchen die Einbildungskraft einen
idealisch schönen Charakter auf eine menschliche Weise, und mit bestimmter
Andeutung individueller Verhältnisse wiedererkennt.
Es ist eine liegende bekleidete Statue wie alle auf den Grabmälern dieser Zeit,
mit einem Hunde zu ihren Füssen. Das Gewand, dessen Costüme ein wenig von den
übrigen gleichzeitigen abweicht, ist gut gearbeitet, doch zeichnet sich weder
hierin, noch in der übrigen Figur gerade etwas aus; das Merkwürdige ist allein der
Charakter der Physiognomie, und gehört vielleicht mehr dem Originale, als dem
Künstler an.
Das Gesicht ist mehr rund, als länglicht, die Stirn frei und schön gewölbt, die
Augenbraunen und Augenknochen sind mit wunderbarer Bestimmtheit und Reinheit
gezeichnet; die Augen gross, aber weder tiefliegend, noch vorstehend, die Nase
edel und gerade absteigend. Der Punkt, der einem zuerst in diesem Gesicht
auffällt, und auf den man immer zurückkehrt, ist die Stirn zwischen den Augen. Von da breitet sich über das ganze übrige Gesicht
ein unbegreiflicher Schatz weiblicher Reinheit, Sanftmuth und Stille aus, und nur
selten erblickt man eine so schöne Symmetrie, und einen so harmonischen Ausdruck,
als in dieser Stirnwölbung und in diesen Augen herrscht.
Was mir aber diesen Kopf eigentlich merkwürdig macht, ist gerade das. wodurch er
zum Ideal des Künstlers untauglich wird. Denn unläugbar trägt diese Physiognomie
Spuren des Drucks jenes Jahrhunderts an sich. In der volleren Dicke der Backen, in
den schwer geschlossnen Augenliedern, selbst in der vollmondartigen Ründung des
Gesichts liegt etwas Phlegmatisches, Melancholisches, ein Ausdruck einer gewissen
dumpfen Verworrenheit des Sinns. Es ist keine reine und schlanke Natur, wie die
Alten uns bildeten; der Charakter allein ist es, der sich unmittelbar zuerst aus
diesen Zügen hervordrängt, und darum noch rührender auf uns einwirkt, weil wir
eine schöne und edle Seele zu sehn glauben, die über sich selbst nicht klar zu
werden, sich nicht rein zu entwickeln vermag. Es ist kein Ideal der Kunst, aber
ein Ideal einer schönen Menschheit in den Fesseln und unter dem Druck eines
abergläubischen und ungebildeten Zeitalters.
Wieviel in diesen Zügen historisch wahr seyn mag? ist schwer zu entscheiden und in
künstlerischer Hinsicht kaum wichtig. Der Statue selbst nach zu urtheilen, wäre
sie unmittelbar nach der Natur gemacht, da sie weit mehr fleissige Nachahmung
dieser, als Genie des Künstlers verräth. Allein es ist historisch gewiss, dass sie
beinah 100 Jahre
Valentine starb 1408. und 1504. liess Ludwig 12. dies Grabmal aufrichten.
nach Valentinens Tode versertigt
ist.Nach
ist
gestrichen: so ist es nicht glaublich, dass der
Künstler mehr als Gemälde vor sich gehabt hat.
Fragt man die
Geschichtschreiber um Rath, so urtheilen sie nicht günstig über Valentinen. Ihre Verbindung mit Ludwig konnte unmöglich sehr eng seyn, da sie
seinen Verhältnissen mit seiner Schwägerin Isabelle
von Baiern mit vieler Gleichgültigkeit zusah. Der Eifer, mit dem sie
auf Rache seines Todes drang, und der Gram, der sie, wie sie erzählen, in Blois
über ihre vergeblichen Bemühungen verzehrte, entstand vielmehr aus Hass gegen die
Herzoge von Bourgogne, und aus Eifersucht gegen die Herzogin, die, als ihre Tante,
den Rang vor ihr hatte. Der Hauptzug ihres Charakters war nach ihnen Stolz und
Ehrgeiz. Indess erzählen sie doch auch, dass sie
allein Mitleid mit des unglücklichen Karls
6. Wahnsinn bezeigte, sie allein im Stande war, ihn einigermassen zu
besänftigen, und sie allein in der fürchterlichen Krise seiner Krankheit 1405., wo er beinah 6 Monate ohne sich ausziehn zu wollen
blieb, und sich heimlich ein Stück Eisen in das Fleisch gebohrt hatte, wo alle,
selbst seine Frau, ihn verliessen, oft um ihn war, und ihn wartete. Wenn man die
Geschichte dieser unglücklichen Regierung wieder liest, wenn man sich an die
wunderbaren und fürchterlichen Vorfälle erinnert, mit denen sie angefüllt war, so
begreift man, wie vorzüglich fromme und abergläubische Gemüther von dumpfem
Schrecken getroffen seyn mussten. Der plötzliche Ausbruch der Wuth des Königs, wo
er mit eigner Hand drei seiner Officire ermordete, von zufälligen aber wunderbaren
Umständen begleitet, die fernem Anfälle derselben, wenn man sich ihm nicht anders,
als durch einen Harnisch gegen den Dolch, den er immer trug, geschützt, und in
abentheuerlicher Gestalt, um ihn zu schrecken, nahen durfte, der Auftritt bei der
Maskerade, wo der Herzog von Orléans
unvorsichtigerweise mehrere als Satyrn in haarichten Pechkleidern maskirte,
zusammengekettete Personen, und mit ihnen den König selbst in Brand steckte, die
grausame Ermordung dieses Prinzen durch Meuchelmörder, dazu das Elend des Volks,
die allgemeine Verwirrung des Landes, die abergläubische Stimmung des Herzogs und
Valentinens selbst, da beide viel mit
Zeichendeutern und Wahrsagern umgingen, und ersterer barfuss die Strassen von
Paris durchwallte und sich bei den
Celestinern zur Busse geisselte, die fürchterlichen Ausschweifungen und Laster,
denen er und die andern Grossen sich ergaben — wie mussten alle diese
schreckensvollen Bilder auf das Gemüth eines armen unglücklichen Weibes wirken,
die mehr als einmal angeklagt wurde, den König bezaubert zu haben, und der man es
selbst zum Verbrechen anrechnete, dass er sich nur durch sie besänftigen liess,
weil sie allein ihm mit Güte begegnete.Nach begegnete
gestrichen: wie
mussten sie es in dumpfe Verworrenheit senken, so dass sie, auch ohne gerade
Ludwig zu lieben, auf die Rache seines Todes, wie auf die Erfüllung einer
heiligen Pflicht drang, wirklich aus Gram über ihn ihm ein Jahr später ins
Grab folgte, und mit inniger und rührender Wahrheit dem Thränengefäss, das
sie zur Devise nahm, die Worte [vgl. im Text] zur Inschrift
gab.
Wie natürlich ist es, dass in einer solchen Zeit die Seele
in dumpfe Verworrenheit versinkt und bei abergläubischer Frömmigkeit ihre Zuflucht sucht, wie viel, statt dem Strudel der
Verderbniss zu folgen, noch die Tugenden der Wohlthätigkeit zu üben, zu denen die
Gelegenheit sich darbietet, wie verzeihlich wären da einige weibliche Schwächen,
und wie still und sanft muss das Gemüth, wie milde die Phantasie gestimmt seyn,
die mitten im Gram über den Tod eines Gatten und den vergeblichen Versuch seinem
Schatten Genugthuung zu verschaffen ein so einfaches und rührendes Denkzeichen
wählt als ein Thränengefäss und die Worte sind
Nichts ist mir mehr,
mehr ist mir nichts.
Wenn in Frankreich je hätte ein
Shakespeare aufstehen können, so hätte das Leben Karls 6. ihm eine Reihe
tragischer und wahrhaft theatralischer Scenen dargeboten. Nur in jenen dunkeln
Jahrhunderten schienen Gottes Gerichte unmittelbar die frevelnde Menschheit zu
verfolgen, weil ihre schwarze und gespensterreiche Einbildungskraft sie ewig auf
sich herabrief, nur sie sind voll von ungewöhnlichen und schauderhaften
Auftritten, weil die Unmässigkeit roher Begierden, weder durch Vernunft gezügelt,
noch durch Geschmack geleitet, auf ungewöhnliche Befriedigungsmittel verfiel.
Gerade die Art der Schönheit und des Interesses, die mich in dieser Statue
anzieht, finde ich auch in der rohen aber
oft ausdrucksvollen Dichtkunst dieser und selbst noch der spätern Zeit bis gegen
das 17te Jahrhundert hin. Diese Zeiten konnten nicht die freien und edlen
Schönheiten des Alterthums besitzen, aber sie kennen einen so naiven Ausdruck des
menschlichen Gefühls und der menschlichen Schwäche, dass sie an Tiefe und Rührung
gewinnen, was ihnen an Glanz und an Grösse abgeht.
Ich finde nirgends angezeigt, von welchem
Künstler dies Grabmal der Orleans verfertigt ist. Ueberhaupt ist es wunderbar,
dass man in einem Lande, wie Frankreich,
so wenige und unvollkommene Untersuchungen über die Geschichte der vaterländischen
Kunst angestellt hat. Alle Schriften, die ich über diesen Gegenstand habe auftreiben können, fangen nur mit
Jean Cousin und Jean Goujeon an,
Jean
Cousin (1501-1590), der
französische Michelangelo genannt, wirkte als Bildhauer
und Maler im Renaissancegeschmack und hat auch kunsttheoretische Arbeiten
hinterlassen. Jean Goujon (etwa 1510-1566), der französische Phidias
genannt, war als Bildhauer und Architekt im römisch-antiken Geschmack tätig. und alles, was
ich von Bild- hauernVon
Mahlern dieser Zeit, die indess bloss Portraitmahler gewesen zu seyn scheinen,
findet man ein ziemlich langes Namensverzeichniss in dem
abregé de la vie des peintres.
Paris
. 1699. 8. S. 457.
vor dieser Zeit aufgefunden, sind nur zwei Namen: Jean Jüste und François Gentil. Beide lebten in Troyes
zwischen 1540. und 1550. Mit ihnen zugleich
arbeitete für Ludwig 12. Der Florentiner Paul
Ponce
Paul Ponce Trebati (etwa 1500-1565), vielleicht ein Schüler Michelangelos, war seit
1530 in Paris, meist in
Verbindung mit Goujon tätig.
und vermuthlich rührt auch dies Grabmal von diesem her.
Von Paul Ponce muss ich noch eines Basreliefs an dem Grabmale
Philipps von Commines erwähnen. Es
stellt den Kampf des Ritters George mit dem Drachen vor. Der Ritter sprengt eben
auf das Ungeheuer los und durchbohrt ihm den Hals; in der Ferne kniet die
Prinzessin, die er davon befreit, und betet für das Gelingen seiner Unternehmung.
In dem Ritter, seinem Streitross und dem Ungeheuer ist viel Charakter, das Ganze
ist gut gearbeitet, und dies Stück ist offenbar das Erste, welches, wenn man der
Zeitfolge nachgeht, in Absicht der Kunst Aufmerksamkeit verdient.
Dritter Brief.
Mit Ludwig 12. beginnt eine neue Form von
Grabmälern. Die Statuen der Könige liegen nicht mehr bekleidet, sondern nackt, als
Leichname abgebildet auf den Särgen. Nur der Unterleib ist bei den Königinnen
grösstentheils, bei den Königen nur um die Hüften herum mit einem Tuche
bedeckt.
Das Grabmal Ludwigs 12., das an den
Verzierungen und Nebenfiguren sehr viel gelitten hat, wird in diesem Augenblick
eben wieder zusammengesetzt. Sie finden
eine ausführliche Beschreibung desselben in Lenoirs Verzeichniss der Denkmäler dieses Museums. Die Hauptfiguren
sind von Paul Ponce Trebati, sie haben
durch die Zertrümmerer nur ein Paar Finger und Zehen verloren, die man jetzt
wieder restaurirt hat.
Wer alles Schreckliche und Schauderhafte des Todes auf ein- mal sehen will, muss bei diesen beiden Bildsäulen verweilen.
Der Künstler hat die Natur sklavisch nachgeahmt; er hat einen Leichnam abbilden
wollen, wie er, ohne allen mildernden oder erhebenden Ausdruck, das Werk und das
wahre Bild des Todes, in der Wirklichkeit daliegt, die Menschheit unterliegend im
Kampf mit der physischen Natur, ohne alle, auch nur die leiseste Erinnerung an
ihre innere und eigenthümliche Stärke. Seine Einbildungskraft scheint ihn sogar
noch über die Natur hinausgeführt zu haben. Denn nur selten wird man in der
Wirklichkeit so schreckliche, so, möchte ich sagen, von Menschen und Göttern verlassene Leichname erblicken.
Leiteten vielleicht, während er arbeitete, religiose
religiose
verbessert aus
abergläubische
. Vorstellungen seinen Meissel? glaubte
er vielleicht die Hohheit der Königswürde lebendiger unter dem allgemeinen Loose
der Menschheit niedergebeugt darzustellen, wenn er die Personen, die sie zu dem
Gipfel ihrer Grösse erhob, in diesen fürchterlichen Momenten dem Niedrigsten und
Verlassensten unter den Sterblichen gleichmachte? oder fand er diese Entsetzen
erregenden Züge wirklich in den Originalen, die er abbilden sollte, und entlehnte
er sie unmittelbar aus der Natur? Dann muss uns ein Jahrhundert mit Wehmuth
erfüllen, in dem auch ein wohlwollender und geliebter König dem Tode nicht mehr
ruhige Heiterkeit oder standhaften Muth entgegenzusetzen wusste.
Ludwig 12. trägt noch die lebhaften
Spuren eines schmerzhaften Todeskampfs an sich. Sein Kopf ist ein wenig empor
gegen ein Kissen gelehnt, die Hände über der Brust gefaltet. Man glaubt ihn zu
sehen, wie er sich zum letztenmal emporgerichtet hat, wie er, schon besinnungslos,
mit den Augen vor sich hinstarrt, und die letzten Zuckungen des Todes sein Gesicht
entstellen.Nach
entstellen
gestrichen: man glaubt das
fürchterliche
. Der Mund ist krampfhaft geöfnet, und die
hagern zurückgezognen Lippen lassen beide Reihen der Zähne unbedeckt. Gleich
krampfhafte Anstrengung ist in den übrigen Gliedern. Der Ausdruck des Gesichts ist
durchaus gemein, der Mensch, der so stirbt, kann gut, redlich und wohlwollend
gewesen seyn, aber nie hat er einen Funken höhern Muths in der Seele getragen;
sklavisch hat er einem fremden Gesetz gehorcht, aber fremd sind ihm eigne
unabhängige Kraft und freier Schwung der Phantasie gewesen.
Solche die Menschheit entstellende Verzerrungen, wie sie uns in jenen Zeiten sogar
die Kunst noch zeigt, werden, wie es mir scheint, jetzt auch in der Wirklichkeit
seltner. Statt dass damals die Schreckbilder des Aberglaubens auch den Starken
niederdrückten, setzen jetzt selbst gewöhnlichere Seelen dem Schicksal mehr
Fassung und ruhigen Muth entgegen. Diese schönere Milde wirkt auf die Physiognomie
ein, und so lässt sich eine fortschreitende Veredlung der Menschengestalt, in
ihren festen Zügen, wie in ihrem beweglichen Minenspiel mit Wahrscheinlichkeit
annehmen. Selbst in der Erfahrung glaube ich nicht unbedeutende Spuren davon zu erblicken.Statt dieses Absatzes stand
zuerst folgender: In jenen Jahrhunderten des Aberglaubens drückten die
Schreckbilder der Religion gerade in den entscheidendsten Momenten auch den
Starken nieder. Es ist eine wohlthätige Folge der neueren Aufklärung, dass
selbst gewöhnlichere Seelen dem Schicksal eine grössere Fassung und
ruhigeren Muth entgegensetzen. Diese edlere Milde wirkt nothwendig auch auf
die Physiognomie ein, und die Menschheit entstellende Verzerrungen, wie sie
uns in jenen Zeiten sogar die Kunst noch zeigt, werden jetzt auch in der
Wirklichkeit seltner.
Anna von Bretagne, Ludwigs Gemahlin, hat einen andern Charakter.
Der Kopf ist hinten über gebeugt, das losgebundne Haar sinkt unordentlich und
sträubend an der Scheitel herab; Arme und Füsse sind starr ausgestreckt. Sie
gleicht einer Unglücklichen, die an der Ecke eines Waldes von Räubern erschlagen
und ausgeplündert ist. Sie giebt uns nicht mehr den schrecklichen Anblick einer
Sterbenden, aber den unangenehmen eines entstellten Leichnams. Wunderbar ist es
noch, dass Arme und Füsse einen durchaus männlichen Charakter haben, dieselbe
Stärke der Knochen und Muskeln, nichts Schwächres oder Weichres. Würde man nicht
durch die mit fast ekelhafter Wahrheit behandelte Brust an das Geschlecht
erinnert, so hielte man es für die Bildsäule eines männlichen Leichnams.
Noch muss ich bei beiden Statuen
erinnern, dass sie in einzelnen Theilen nur sehr wenig bearbeitet sind, und kaum
beendigt scheinen. So ist Anna‘s Kopf mehr angelegt, als fertig zu nennen.
Ich würde mich nicht so lang bei diesen
scheuslichen Bildern aufgehalten haben, wenn ich
Sie nicht dabei hätte an einen Stil in
der Kunst erinnern wollen, den man, dünkt mich, auch in der Poesie wiederfindet.
Was diese Statuen in der Sculptur sind, das scheinen mir die Meistersänger in der
Dichtkunst. Es ist eine bloss handwerksmässige
Behandlung der Kunst, in den bildenden Künsten eine bloss sklavische Nachahmung
der Natur, in der Poesie der blosse Ausdruck des Gedankens in Reime gebracht. Es
kann in beiden Verstand, Einsicht, Witz, sogar Empfindung sichtbar seyn; allein
das Wesen der Kunst fehlt ihnen, der leise Hauch der Einbildungskraft, der auf
einmal seinen Gegenstand mit einem sonst unbekannten Glanze überkleidet. Wenn man
den Gothischen Stil dem Griechischen
entgegensetzt, den Stil des Wirklichen dem Stil des Idealischen, so sind dies
recht eigentlich Gothische Werke, ein solches Darstellen der einzelnen Züge, als
sollten sie in der That nur einzeln dastehn, ohne alle Verschmelzung, ohne die
höhere des Geistes in Einen Gedanken, ohne die leibliche der Phantasie in Eine
Gestalt.
Auffallend ist es, dass wir diesen Stil noch in Künstlern finden, die offenbar
eine tiefere Einsicht in ihre Kunst und eine nicht gemeine Geschicklichkeit in der
Ausübung derselben besassen. Auch die beiden ebenbeschriebnen Statuen verrathen
einen geübten, in der Anatomie erfahrnen Künstler. Sie sind sogar nicht bloss mit
Kenntniss und Einsicht, sondern auch mit Kraft und Kühnheit gemacht; es sind nicht
die unsichren Umrisse, die unausgearbeiteten Formen der anfangenden Kunst.
Trebati stand unläugbar auf einer
höhern Stufe derselben, wenn sie ihm gleich ihre holdeste und lieblichste Gabe
versagt hatte. Diese Erscheinung finden wir, soviel ich weiss, nur bei den neueren Künstlern. Bei den Griechen ging freilich die Kunsterfahrenheit auch
einen stufenweisen und sogar langsamen Gang; aber Geschmack und Phantasie
begleiteten sie harmonischer. Selbst die älteren Italiänischen Mahler haben mehr Lieblichkeit, als die
gleichzeitigen Deutschen, sind ihnen
diese auch, wie es mir offenbar scheint, an Kraft und Mannigfaltigkeit des
Ausdrucks überlegen.
Was man in Ludwigs Statue vermisst, das
findet man mit reichlichem Gewinn in der schönen und meisterhaft gearbeiteten
Franz 1. Auch er ist als Leichnam
abgebildet; auch bei ihm ist die Natur nicht wesentlich verschönert, noch
veredelt, der Anblick des Todes und das tief zurückgebeugte Haupt machen immer,
und auch hier vorzüglich auf den ersten Anblick einen unangenehmen und sogar
widrigen Eindruck. Aber wie anders hat Gougeon’s Meissel diesen Formen Charakter zu geben verstanden. Wie
edel und harmonisch ist hier, selbst noch im Tode, der Ausdruck des Gesichts und
der Gestalt. Diese Statue ist in der That keiner
Beschreibung fähig, man muss sie selbst sehen und studiren. Nie ist vielleicht
wieder ein Kunstwerk so bis auf die letzten kleinsten Züge fertig gearbeitet
worden. Der Kopf allein, mit dem wunderschönen Barte, müsste, denkt man, Jahre
erfordert haben, um diesen Grad der Vollendung zu erhalten.
Es ist ein erhebender Anblick zu sehen, wie die Kunst gerade zu derselben Zeit
einen bedeutenden Fortschritt gewinnt, da auch die Menschheit selbst einen höhern
und edlern Ausdruck erhält. Denn in der That fängt, so viel ich diesen Gang habe in Statuen und
Kupferstichen verfolgen können, mit Franz
1. Zeitalter in Frankreich
eine schönere und geistreichere Gesichtsbildung an.
Ludwig 12. ist noch in Form und Ausdruck
des Gesichts ganz und gar den Bildungen des zunächst vorhergehenden Jahrhunderts
ähnlich, und wenn es mir nicht wichtiger geschienen hätte, die verschiednen
Epochen in der Reihe dieser Denkmäler, nach der Verschiedenheit ihrer Form, als
nach physiognomischen Grillen abzusondern, so hätte ich, statt diesen Abschnitt mit ihm anzufangen, den vorigen mit ihm
beschliessen müssen. Eine knieende Statue, die, äusser jener auf seinem Grabmal,
hier von ihm vorhanden ist, kommt in der Aehnlichkeit der Züge ganz und gar mit
den besten nach Originalgemälden von ihm gemachten Kupferstichen überein, und nach
diesen hat er, wie sein Vater und
Grossvater, eine sehr gewöhnliche
Physiognomie, ein rundes, fast eben so breites als langes Gesicht, eine kleine
gerade Nase, starke aber unbedeutende Züge, die höchstens Redlichkeit und
Gutmüthigkeit ankündigen. Er trägt, soviel ich bemerken kann, nichts Nationelles in seiner Bildung, undNach und
gestrichen: gleicht mit seinem schlichten, abgeschnittnen Haar einem
Deutschen
. das
rund geschnittne, glatt gekämmte Haar giebt ihm noch einen Ausdruck schlichter
Einfalt mehr.
Von Franz 1. hingegen an, gewinnen die
Gesichtsbildungen unläugbar mehr Würde und Schönheit. Der Hauptausdruck liegt
nicht mehr in der Knochen- und Muskelstärke, und die Backenknochen sind weniger
vorstehend; dagegen werden die Stirn und die Augen bedeutender, die Nase gebogner
und edler, das ganze Gesicht länger und schmaler.
Franz 1. selbst muss zu den schönsten
männlichen Bildungen gehört haben. Geist und
Edelmuth sprechen aus jedem seiner Züge, und es gattet sich mit ihnen eine Stärke,
die an ein heldenmässigeres Jahrhundert, als das jetzige ist, erinnert. Der
KnochenbauDie Franzosen
nennen diess mit einem sehr guten Ausdruck la charpente du
visage. Es ist nicht unmerkwürdig die verschiednen Bezeichnungen der
Mannigfaltigkeit der Gesichtsbildungen in verschiedenen Sprachen zu
vergleichen. Unter den neueren Europäischen ist die Spanische vorzüglich reich an malenden und ausdrucksvollen
Wörtern in dieser Gattung. des Kopfes ist stark und ins Auge fallend;
das Gesicht hat ungeachtet seiner Länge viel Breite, und ebenso Stirn und Wangen.
Es ist, als hätten die festen und starken Züge seiner Ahnherrn in ihm durch einen
höhern eigenthümlichen Geist schönere Umrisse und eine edlere Gestalt gewonnen.
Gewiss erinnern Sie Sich gute Abbildungen
von ihm gesehen zu haben, und dann haben Sie unstreitig in der hohen und prächtig gewölbten Stirn, dem
feurigen Blick, der langen, starken, mit einer mässigen Ausbeugung
Ausbeugung
verbessert aus Höcker
. schön herabsteigenden Nase, in der
Bestimmtheit und Schärfe der Züge überhaupt eben den Ausdruck von Festigkeit,
Edelmuth und Klugheit gefunden, der mir das Gesicht vor den meisten andern werth
macht. Das Einzige, was man tadeln könnte, wären die länglichten, im Verhältniss
des Uebrigen zu wenig geöfneten Augen. Die Statue hat diesen Zug nicht, dagegen
finde ich ihn sehr deutlich in einer
bronzenen Büste in diesem Museum, die man Jean
Cousin zuschreibt, auf einer von demselben gemahlten Glasscheibe aus
Vincennes, und auf einem nach einem Gemälde in Fontainebleau gemachten Kupferstich, so dass Gougeon hier die Natur verlassen zu haben
scheint. Das Gemälde in Fontainebleau
soll von Raphael herrühren. Dies scheint
mir sehr unwahrscheinlich, da Raphael und
Franz nie zusammengekommen sind, da
ich es aber nicht selbst gesehn, so
kann ich nicht darüber entscheiden.
Das Grabmal der Valois ist noch nicht zusammengesetzt. Cathérine Médicis liess es bekanntermassen nach
Philibert de Lorme’s Zeichnungen durch
Germain Pilon
Der Bildhauer Germain Pilon lebte 1535-1590. verfertigen. Man findet von ihr und Heinrich 2. drei von diesem Künstler verfertigte
Statuen in diesem Museum, eine kniende in Bronze, und eine unbekleidete liegende,
welche beide zum Grabmal gehören, die dritte kniend in der Königskleidung.
Heinrichs 2. Gesichtsbildung gleicht
offenbar der seines Vaters. Doch ist das
Gesicht länger und schmaler; die Züge sind weniger bestimmt und edel, haben
weniger Harmonie, und gehen mehr aus einander. Es fehlt ihnen die auf sich selbst
beruhende Festigkeit, und sie versammeln sich nicht so, wie bei Franz 1. in Einen Mittelpunkt. Dadurch verliert
die Physiognomie an Stärke und Geist und erhält einen bloss gutmüthigen, frommen,
beinahe leidenden Ausdruck.
Die Bildsäulen Katharinens scheinen mir
nichts Vorzügliches zu haben; und eben so wenig ihr Gesicht, das länglicht,
fleischig,Nach
fleischig
gestrichen: in den Wangen
.
und unbedeutender im Ausdruck ist. Nur die langen, nah an der Nase stehenden Augen
sind mir aufgefallen, die hier eben das sind, was in Johann dem Guten als Karrikatur erscheint.
An Heinrich 2. und Franz 1. lassen Sie mich gleich Heinrich
4. anschliessen, weil er (wunderbar genug, da er nur entfernt und
nur durch seine Mutter und Grossmutter mit ihnen verwandt ist) eine
offenbare Aehnlichkeit mit ihnen in der Physiognomie besitzt. Es sind in dem
Museum eine Büste von Prieur
Der Bildhauer Barthelémy Prieur, ein Schüler Pilons und Trebatis, wirkte 1550-90 in
Paris. und einige Statuen
von ihm. Unter den letzteren ist die von Francheville
Pierre
Francheville (1548-1618),
Maler und Bildhauer, Schüler Johanns von
Bologna, lebte seit 1601 am pariser Hofe. merkwürdig, weil sie nach
Lenoirs Zeugniss (S. 152. seines
Katalogs) äusserst ähnlich seyn soll. Lenoir hatte nemlich von der Convention den Auftrag erhalten, bei
der Oefnung der Gräber in St. Denis über
die Erhaltung der Kunstwerke und Denkmäler zu wachen. Er sah also die Särge dieser
langen Königsreihe vor sich öfnen; sah die Costüme so verschiedner Jahrhunderte,
und konnte sogar noch eine und die andre Gesichtsbildung ganz oder zum Theil
erkennen — ein einziger Anblick, mehr, als irgend etwas andres, dazu gemacht, die
Einbildungskraft in jene entfernten Zeiten zurückzuversetzen. Schade dass die Lage
und die Zeitumstände ihm nicht erlaubten, die mindeste kleine Zeichnung zu
entwerfen, da sich sonst unstreitig über das Costüme der frühem Zeiten
interessante Entdeckungen hätten machen lassen. Heinrichs 4. Züge waren noch so gut erhalten, dass er die
Aehnlichkeit mit der Statue seines Museums genau bemerken konnte, und auch
Ludwig 13. war noch durchaus
erkennbar.
Vergleicht man Heinrichs 4.
Gesichtsbildung mit der Franz 1., so sind
die Züge kleiner, schärfer, spitziger, und gedrängter. Die heroenmässige Stärke
ist gewichen, aber es ist mehr Feinheit und Munterkeit an die Stelle getreten. In
der That giebt es wohl nur wenig geistreichere und feinere Physiognomien, als die
seinige.
Ich erinnere mich ein Paar Holzschnitte
von Heinrichs Vater und Mutter gesehen zu haben, die mir sehr viel Freude gemacht haben.
Anton von Navarra hat ein merkwürdiges und ausdrucksvolles Gesicht. Die
Profillinie steigt sehr stark von hinten nach vorn herab; die Stirn ist knöchern
und einwärtsgebogen, die Nase stark an ihr abgesetzt, spitzig und mit einem
grossen Höcker versehen, die Wangen hager, das Kinn spitzig. Aber auf der Stirn
und in den Augen ruht ein seltner und rührender Ausdruck einer schönen und rein
menschlichen Sorge.Nach
Sorge
gestrichen: in der man schon
Heinrichs
. Die Mutter ist ihrem Sohne ähnlicher; ihr tiefliegendes Auge verräth männliche Klugheit
und Festigkeit; aber ihr Gesicht ist finstrer, und zeigt nicht so lebendige Spuren
geistreicher Feinheit und fröhlichen Witzes.
In wenigen Wochen befinde ich mich
wahrscheinlich in den Zimmern, wo Heinrich
4. geboren ist. Noch bis zum Anfange der Revolution hatte man in dem
Schlosse zu Pau die Anordnung der Zimmer, die Meublen, die Familiengemählde, kurz
alles noch eben so gelassen, als es zu seiner Zeit war. Man sah sogar noch die
Muschel, die ihm (ein hübscher Einfall) zur Wiege gedient hatte.
Bei Heinrich 4. darf ich seiner Freunde, Sully’s und Sarrede de Vic d’Ermenonville’s
nicht vergessen. Sully hat, wie schon
sonst bemerkt worden ist, eine unverkennbare Aehnlichkeit mit Heinrich 4., vielleicht noch mehr Festigkeit in
dem breiten Gesicht und der stärker gewölbten Stirn, aber mindre Lebhaftigkeit. In
Sarrede, der seinem Könige aus Gram zu Grabe folgte, liegt ein Ausdruck tiefen
Wohlwollens. Die Büsten, die sich von beiden in diesem Museum befinden, sind von
unbekannten Meistern und nicht vorzüglich.
Mit Heinrich 2. haben die Grabmäler mit
Statuen in St. Denis aufgehört. Von
seinen drei Söhnen sind, soviel ich
weiss, nicht einmal je Bildsäulen oder Büsten vorhanden gewesen. Auffallend war es
mir, aus ihren Kupferstichen zu sehn, dass sie, Heinrich 3. ausgenommen, gar keine Aehnlichkeit mit ihrem Vater und Gross- vater zeigen. Es ist eine
ganz andre, kleine und runde Gesichtsform. Franz
2. hat eine regelmässige, recht eigentlich schöne, beinah weibliche
Physiognomie. Der Ausdruck im Gesicht Carls
9. ist zwar unbedeutend, aber gefällig, lebhaft und verständig. Wenn
man sein Bildniss sieht, oder an seine Liebe zur Dichtkunst und seinen Umgang mit
den vorzüglichsten Dichtern seiner Zeit denkt, begreift man wenigstens eher, als
wenn man die Begebenheiten seiner Regierung liest, wie der alte Ronsard die Stirn haben konnte, ihm zu
sagen:
Denn niemand ist dir gleich,
Als Franz, dein Ahnherr nur; ja wenns
die edle Schaam
l'honneste honte, ein schöner Ausdruck, der an die
Homerische αἰδώς erinnert.
erlaubte, sagt ich, dass dein Herz ihn übertrift,
soviel als unser Alter besser ist als seins,
die Gegenwart, mehr als die Vorzeit, Ruhm verdient.Die Stelle findet sich in Ronsards Antwortgedicht an König Karl IX. auf Verse, die dieser 1578 an ihn gerichtet hatte, Vers 8 (
Oeuvres complètes
3, 256
).
Da Frankreich im 16ten Jahrhundert einige
grosse Bildhauer besass, so ist dieser Theil des Museums vorzüglich reich an
schönen Arbeiten. Ich nenne Ihnen nur noch das Grabmal des Admiral Chabot von Cousin, eine marmorne Säule
zu Ehren Timoleons de Cossé, eine andre gewundene auf Anne de Montmorency, an der Barthélemi Prieur aus Dankbarkeit gegen seinen
Wohlthäter 20 Jahre arbeitete, endlich die Grazien, welche Katharinens und Heinrichs 2. Herz tragen. An dies Meisterstück Pilons, das gleichfalls bei den Celestinern
stand, brauche ich
Sie nur zu erinnern, da es allgemein
bekannt ist.
Man kann sich in der That nichts Gefälligeres und Reizenderes denken, als die
Gruppirung und Verbindung dieser drei himmlischen Gestalten. Der Ausdruck der
körperlichen und sittlichen Grazie ist so rein und innig in ihnen verschmolzen,
dass man ihn vergebens zu trennen versuchen würde, und welche religiöse und
moralische Begriffe ein Zeitalter hätte, so müsste es in ihnen das Bild der
feinsten Blüthe menschlicher Veredlung anerkennen. Daher ist es thöricht zu
streiten, ob sie die Grazien der Alten darstellen oder Sinnbilder christlicher
Tugenden seyn sollen, und eine Gränze zu ziehen, an die der Künstler sogar die
Erinnerung vertilgt hat.
Ich habe Sie im Vorigen darauf aufmerksam gemacht, dass mit Franz 1. eine neue Gesichtsform anfängt, und
ich glaube mit Sicherheit hinzusetzen
zu können, dass das 16te Jahrhundert seine eigenthümliche, leicht erkennbare
Physiognomie hat. In der ehemaligen Französischen Königsfamilie ist dies offenbar; aber wenn ich es nur an dieser hier zeigte, weil von ihr
gerade merkwürdigere Kunstwerke vorhanden sind, so scheint es mir darum auch
übrigens allgemein wahr. Einzelne Beispiele können freilich eine solche Bemerkung
weder bestätigen, noch widerlegen. Aber man blättre eine chronologisch geordnete
Kupferstichsammlung durch und man wird sich leicht von ihrer Wahrheit überzeugen.
In den Formen sind die Gesichtsbildungen des 16ten Jahrhunderts schmaler, länger
und spitziger, mit schärfern und zum Theil auch feinem Zügen. Der Ausdruck ist
minder gemein, und beschränkt, verräth mehr Geist und Munterkeit, mehr Freiheit
und Rittermuth.
Ich erinnere mich besonders vier
Kupferstiche aus der Familie der Thomassins gefunden zu haben, die mir in dieser
Rücksicht merkwürdig schienen. Sie gingen vom Vater zum Sohn, der Urgrossvater war
1424. gestorben, sein Urenkel lebte bis in die Mitte des 16ten Jahrhunderts. Der
Urgrossvater hatte ein kurzes und dickes Gesicht, starke Backenknochen, eine kurze
und gerade Nase. Sein Sohn flachere Züge und eine längere Gesichtsform, aber bei
beiden war der Ausdruck unbedeutend und gemein. Der Enkel näherte sich der
Physiognomie Heinrichs 2. Ein sehr langes
Gesicht, starke Stirnknochen, tiefe Augen, eine gerade und lange Höckernase. Der
Ausdruck nachdenkend und fest, aber etwas traurig und dunkel. Der Urenkel endlich
hatte ein kürzeres Gesicht, gebogene Stirn und Nase, kleine näher zusammen
gerückte Augen, weniger Stärke, aber mehr Munterkeit und einen lebhaftern Geist im
Ausdruck.