Über die gegenwärtige französische tragische Bühne
Aus Briefen
Paris im August 1799.
— Besonders über die Schauspielkunst hatte ich Ursache viel zu denken und es ist mir über sie manches neue Licht aufgegangen.
Ich bin weit entfernt zu behaupten, dass die
hiesigen Schauspieler, auch die bessern, mehr und etwas Höheres wären, als unsere
guten, oder wenigstens als diese seyn würden, wenn bei uns diese Kunst mehr
begünstigt wäre; aber die Mimik ist hier mit den bildenden Künsten in genauere
Verbindung gebracht. Wenn sie bei uns nur zur Einbildungskraft, zur Empfindung
spricht, so gewährt sie hier auch dem blossen Auge einen grössern Reiz. Da man in dem
Französischen Schauspieler zugleich den
Mahler, den Bildhauer und den pantomimischen Tänzer vereinigt sieht, da auch
derjenige Theil seines Spiels, der an sich nicht bedeutend ist, künstlerische
Harmonie und Schönheit besitzt; so glaubt man einen engern Bund aller Künste zu
erblicken und ahndet eine, vielleicht minder grosse und tiefe, aber gewiss eine
ästhetische Stimmung. Der Mensch, bloss als Mensch betrachtet, hat unstreitig bei dem
hiesigen Theater einen kleinem Genuss; allein einen desto höhern der Künstler.
Besonders würde der fremde Schauspieler gezwungen
werden hier über seine Kunst nachzudenken, zu reflectiren, da er hier deutlichere
Spuren des Kunstfleisses, als bei uns entdecken müsste.
Freilich aber ist die Französische tragische
Bühne jetzt eigentlich wenig; was ich hier
sage, habe ich bloss von einem einzigen
Schauspieler abstrahirt, von Talma.
François
Joseph Talma (1763-1826), in der
französischen Schauspielkunst
besonders durch seine realistische Spielweise und durch die Einführung des
historischen Kostüms epochemachend, trat zuerst 1787 im
Théâtre français
auf; später begründete er das
Théâtre de la republique
; bekannt ist Napoleons Vorliebe für ihn.
Was die übrigen betrift, so kann man nur bei einigen die Vorzüge dieses Mannes in
sehr mässigem Grade, bei andern, was in ihm vielleicht Element eines Fehlers genannt
werden könnte, in Karrikatur sehen. Zwar giebt es noch sehr gute Schauspieler für die
Komödie, Molé, Fleury,
Mlle Contat, Baptiste, Dugazon, Grandmesnil, von welchen nachher einige Worte
besonders. Gegenwärtig von den tragischen Schauspielern.
Talma ist erst seit 11 bis 12 Jahren auf dem
Theater, er hat le Kain
Henri Louis
Lekain (1728-1778), besonders von
Voltaire als Darsteller grosser
Leidenschaften sehr hoch geschätzt, war seit 1752
Mitglied der
Comédie
française
gewesen. nicht mehr gesehen, und niemand zum
Muster nehmen können. Er spielt jetzt, und schon seit der Revolution, sehr oft, da
man die alten Stücke selten giebt, Rollen, die vor ihm nie gespielt worden sind, und
die er neu hat schaffen müssen. Er hatte also einige Freiheit und nähere
Veranlassung, sich einen eignen Stil zu bilden, und ob es gleich für den, der die
ältern und besten Französischen Schauspieler
nicht mehr gesehen hat, bedenklich ist eine solche Behauptung zu wagen; so glaube
ich doch mit Grunde sagen zu können, dass
die Französische Schauspielkunst durch ihn
eine Erweiterung gewonnen hat. In der malerischen Schönheit der Stellungen und
Bewegungen kann er nicht leicht von jemand übertroffen worden seyn, da ihn für diesen
Theil der Kunst schon die Natur so sehr begünstigt hat.
Zwar ist er eher klein, als gross, und so geht ihm etwas allerdings für den Ausdruck
der Würde verloren; allein sonst ist er eine der wohlgebildetsten und harmonischsten
Gestalten, die man sehen kann. Sein Gesicht ist zugleich von feinem und kraftvollem
Ausdruck, ein kleines rundliches Oval, eine kleine, an der Stirn etwas eingebogne,
aber fein geschnittne Nase, schwarze, feurige Augen,
sehr ausgearbeitete und ausdrucksvolle Wangenzüge, besonders um den Mund herum. Sein
Wuchs ist schlank und fein, die Arme, auf die es beim Heldencostüme, wo man sie oft
nackt sieht, sehr ankommt, gut gebildet, die Lenden, Schenkel und Füsse von
musterhafter Schönheit.
Mit dieser Gestalt verbindet er offenbar eine sehr malerische Einbildungskraft. Er
hat, wie seine Kunst überhaupt, so insbesondre das Costüme sehr sorgfältig und nach
den besten Hülfsmitteln studirt. Er zeichnet selbst, und man sieht ihm an, dass jede
Situation, die er sich denkt, auch vor seiner Phantasie als malerische Gestalt
dasteht. Auf dem Theater ist jede seiner Bewegungen schön und harmonisch, sein
Anstand durchaus edel und graziös. Er mag sitzen, stehen, niederknien, so wird es der
Maler immer werth finden diese Stellungen zu studiren. Wenn man bei andern
Schauspielern wohl hie und da einzeln ein schönes Gemälde, wie man es hier nennt,
bemerkt, so zeigt sein Spiel eine ununterbrochne Folge derselben, einen harmonischen
Rhythmus aller Bewegungen, wodurch denn das Ganze wieder zur Natur zurückkehrt, aus
der diese Art zu spielen, einzeln genommen, schlechterdings heraustritt.
In diesem Theil der Kunst mag indess Talma
seine Vorgänger nur erreicht oder übertroffen haben, eigen ist wohl sein Studium des
Costüme, in welchem er unstreitig unübertrefbar ist, so wie auch dass er dasjenige,
was die übrigen vielleicht nur als blossen Anstand und Heldenwürde angesehen haben,
auf eine ächt künstlerische Weise, als schöne und malerische Natur, behandelt.
Worin er aber vorzüglich um einige Schritte weiter gegangen zu seyn scheint, ist die
Wahrheit und Stärke des Ausdrucks. Man sieht, dass er nicht, wie es sonst die Art der
hiesigen Schauspieler ist, welche die meisten ihrer Rollen durch Tradition empfangen,
nur andre Schauspieler, sondern dass er die Natur selbst studirt hat, und es ist
nicht unwahrscheinlich, dass ihm die Begebenheiten der Revolution hierzu einen
reichen Stoff dargeboten haben.
Sein Minenspiel ist erstaunlich ausdrucksvoll, seine Gebehrden natürlich und minder
regelmässig abgemessen. Er lässt den Zuschauer nie kalt, sondern reisst ihn hin und
erschüttert ihn. Das bloss Rührende würde ihm, glaube ich, weniger gelingen.
Er nimmt sich mehr Freiheiten, als es die Französische Bühne sonst erlaubt. Er spricht wirklich mit den
Personen des Stücks, nicht, wie es hier noch meistentheils geschieht, mit den
Zuschauern. Er thut, wenn es Gelegenheit giebt,
einige Schritte gegen den Hintergrund des Theaters und zeigt den Zuschauern den
Rücken, er hält nie, wie andre, in einzelnen Gemälden, auch wenn ihn der Beifall des
Publikums unterbricht, so statuenhaft inne, mit Einem Wort er ist bei weitem
ungebundener und natürlicher.
Einige haben behaupten wollen, dass er sich nach der Englischen Bühne gebildet habe, aber dies Vorgeben scheint keinen
Grund zu haben. Zwar ist er grösstentheils in England erzogen worden, doch da er sich damals noch nicht zum
Schauspieler bestimmte, so hat er, wie ich
ihn selbst bedauern hörte, das dortige Theater nicht benutzen können. Seinen
eigentlichen Schauspielerunterricht hat er in der école
dramatique, die es hier ehmals vor der Revolution gab, erhalten, und sein
besondrer Lehrer ist Dugazon gewesen, ein
guter komischer Schauspieler, der auch sonst viel Theaterkenntniss besitzen soll.
Seine gewöhnlichen Rollen, soviel ich sie
kenne, sind: Titus im Brutus, Nero im Britannicus, und in dem neuen Legouvé’schen Stück
Néron et
Epicharis, Orest in der
Iphigenie von
de la Touche, Aegisth im
Agamemnon,
Macbeth und Othello in den Umarbeitungen dieser Stücke von
Ducis,
Carl 9. in
Cheniers Stück, Moncassin in den
Vénitiens von
Arnault
(einem Stück, das viel tragisches Talent verräth) u. s. f.
Brutus ist von Voltaire (1731),
Britannicus von Racine
(1669), Agamemnon von Lemercier (1795;
Legouvés Epicharis ou la mort de Neron kam 1793 auf
die Buhne, Delatouches Iphigénie en Tauride 1757, Ducis’ Bearbeitungen des Macbeth und
Othello
1784 und 1792, Chéniers Karl IX.
1789, Arnaults
Blanche et Montcassin ou les Vénitiens
1798.
Carl 9. hat ihm zuerst Namen verschaft, ob er gleich auch vorher, wo
er wegen seiner Jugend nur Nebenrollen erhielt, schon einige von diesen sehr
herauszuheben verstand.
Sein Organ, das vielleicht keinen sehr grossen Umfang hat, weiss er sehr geschickt zu
brauchen, und an sich hat es einen unendlich tragischen Ton, der unmittelbar das
Innerste ergreift.
Talma’s Stärke überhaupt liegt wohl in dem
Ausdruck der hochtragischen, finstem und melancholischen Momente, wo der Geist und
die Leidenschaft über sich selbst brüten, und die letztere noch verhalten ist.
Wenigstens hat er auf mich in diesen Stellen
einen grösser Eindruck gemacht, als in denen, wo die Leidenschaft in Heftigkeit
ausbricht, ob er gleich auch da nicht allein das
nöthige Feuer besitzt, sondern sich immer mit Weisheit mässigt und beherrscht. Ob ihm
das bloss Zärtliche und Rührende gut gelingen würde? möchte ich nicht sagen.
Ich habe erst hier ein sehr sonderbares
Stück kennen lernen,
Abufar von
Ducis.
Abufar
ou la famille arabe erschien Paris
1795. Theils des Mangels an Handlung, theils der
Entwicklung wegen, ist es kaum eine Tragödie zu nennen; aber es mangelt ihm nicht an
tragischem Stoff.
In der Familie eines Anführers einer Arabischen Horde verlieben sich Bruder und
Schwester in einander. Der Bruder entflicht, um seiner Leidenschaft zu entgehen,
allein eben dieselbe treibt ihn wieder zurück; und da er auch jetzt nicht hoffen
kann, auf irgend eine Weise in seiner Liebe glücklich zu seyn, so entschliesst er
sich endlich zu einer neuen Flucht. Er entdeckt es seiner geliebten Zulima und sein
Vater Abufar erfährt nun das Geheimniss. Es zeigt sich jetzt, dass Zulima nur ein
angenommenes Kind, nicht dessen Tochter ist, und beide Liebende werden mit einander
verbunden.
Dies ist der einfache Plan dieses sonderbaren, aber an schönen Versen und
dichterischen Naturbeschreibungen reichen Stücks, das durch eine Episode noch
einigermassen verwickelt wird.
Talma spielt die Rolle des Pharan, des
entflohnen und zurückkehrenden Sohnes, und sie gelingt ihm vortreflich. Er weiss die
fürchterliche und schwarze Stimmung, welche der Seele die hofnungslose Verzweiflung
einer von Göttern und Menschen gemisbilligten Leidenschaft, das Verlassen eines
geliebten und, nach den Sitten seines Volks, beinah göttlich verehrten Vaters, und
der Entschluss zu einer Flucht in die Wüste, bei der er sich jeden Gedanken an
Rückkehr abschneidet, einflösst, auf eine solche Art zu schildern, dass man sich ganz
in diese Lage versetzt und in die Empfindung mit fortgerissen fühlt.
Er wird auch hier sehr gut durch die Schauspielerin, welche Zulima spielt,
unterstützt.
Mlle
Vanhove besitzt ein vorzügliches tragisches Talent, das besonders in
einigen Rollen eine bewundernswürdige Wirkung hervorbringt. Am besten finde ich sie in der Cassandra in Lemerciers
Agamemnon, einer Rolle,
die ihr auch ganz eigenthümlich angehört, da bisher auf der
Französischen Bühne keine ähnliche vorhanden
war.
Mit grossem Vergnügen habe ich neulich auch
Talma im Cid gesehen. Er hatte, was viel sagen will, Würde genug, um das
Gigantische dieses Stücks nicht lächerlich erscheinen zu lassen. Die Scene, wo er
zwischen Liebe und Ehre kämpft, die Scene, wo er in Chimenes Haus tritt, und andere
spielte er meisterhaft. Was soll man überhaupt zu diesem Stücke sagen! Es gehört doch
etwas dazu, einen solchen Stoff, und zum Theil eine solche Ausführung zu wagen, und
noch jetzt hier Theilnahme und Bewunderung zu erregen.
Es ist äusserst schwer, bei einer so schnell vorübergehenden Kunst, wie die Mimik
ist, Vergleichungen zwischen zwei verschiedenen Stilen anzustellen, wenn man den
einen unmittelbar vor sich hat und den andern bloss im Gedächtniss trägt. Wie man in
einer Gallerie von dem Bilde eines Meisters zu dem eines andern übergeht, so habe
ich oft gewünscht, mich in wenig Minuten
von hier auf ein Deutsches oder Englisches Theater versetzen zu können.
Die Französische Bühne hat indess doch
einige sehr auffallende Eigenthümlichkeiten, und ich glaube nicht zu irren, wenn ich folgende Züge charakteristisch an ihr nenne.
Der französische tragische Schauspieler hat
durchaus einen mehr leidenschaftlichen Ausdruck, als der Deutsche. Er spielt, wenn ich so sagen darf, mehr die Leidenschaft, als den Charakter, hält den
Zuschauer mehr bei dem augenblicklichen Zustand seines Gemüths fest, lässt ihn
weniger in das Innere seiner Seele und das Ganze seiner Empfindungsart schauen. Daher
ist in verschiedenen Rollen weniger Abwechslung und weniger Individualität. Man
könnte ein Bild eines tragischen Helden im Allgemeinen entwerfen, und würde in
einzelnen Rollen dasselbe Bild, mit ziemlicher Vollständigkeit, wiederfinden.
Ebendaher ist, ungeachtet der bei guten Schauspielern freilich sehr künstlich
berechneten Steigerung des Affekts, doch der Ausdruck, auch gleich von Anfang herein,
bewegter und leidenschaftlicher, als bei uns.
Bei seinem ersten Hereintreten sieht man es dem Schauspieler an, dass er von
Leidenschaften bestürmt, mit schrecklichen Ereignissen im Kampf seyn werde. Der
Ausdruck der Leidenschaft selbst ist weit mehr der physische der Natur, als der
höhere und idealische. Die Leidenschaft ist vorzüglich von der Seite des Erliegens
unter einer fremden Gewalt genommen, und es ist vergessen, dass sie auf der andern
Seite, in edlen und grossen Indi- viduen, aus einer
Tiefe herstammt, die wir selbst nicht ergründen können, und dass sie dort selbst mit
unsern höchsten Kräften, sogar mit der Vernunft in Uebereinstimmung stehen kann, der
sie nur, entweder in einzelner Anwendung, oder in dem, was wir uns mit Begriffen
deutlich zu machen und zu entziffern verstehen, widerspricht.
Der Französische Schauspieler fühlt nicht,
und lässt den Zuschauer nicht empfinden, dass die Leidenschaft oft Ausbruch einer
Seele ist, die, aus Unvermögen entwickelnder Kräfte, also aus Dumpfheit, oder aus
Fülle und Grösse der Kraft, wo alsdann der Moment der Leidenschaft zugleich der
Moment der höchsten Klarheit ist, sich sonst nicht verständlich zu machen weiss.
Was ich bei den hiesigen Schauspielern
Naturausdruck von Leidenschaft nenne, kann ich Ihnen durch einige Beispiele deutlich machen.
Unter den Schauspielerinnen zeigt jetzt
Mlle Raucour
Françoise Clairien
(Saucerotte), genannt Raucourt (1753-1815), spielte seit 1772 am
Théâtre français
die
heroisch-tragischen Rollen. unstreitig am meisten die Reste der ehmaligen
grossen Talente. Niemand kann ihr absprechen, dass sie ihre Rollen mit vieler
Einsicht behandelt, dass sie den Ausdruck der Leidenschaft in ihrer Gewalt hat, dass
sie mit dem spielt, was man hier âme nennt, und was
ich zu schwach mit
Empfindung und nicht ganz richtig mit Seele übersetzen
würde, da dies letztere Wort bei uns eine sanftere und feinere Bedeutung hat.
Ich habe sie meistentheils stolze,
ehrgeizige und heftige Rollen spielen sehen. Ihre Gestalt und ihr jetzt zu starkes,
männliches Organ machen sie dazu vorzüglich geschickt; aber stellenweise findet sich
manches Anstössige. Plötzliche und rasch veränderte Beugungen der Stimme, abgebrochne
Bewegungen der Arme, ein uns wenigstens oft widriges Werfen des Kopfs, ein
affectirter Gang, und besonders ein Ton der Stimme, der nur der Ton des heftig
geäusserten Affects, nicht der einer tief empfundenen Leidenschaft ist, kurz wenn man
es stark ausdrücken soll: wie man es bei wirklich schlechten Schauspielern sieht, ein
stolzes und anmaassliches Wesen, das unmittelbar ans Gemeine gränzt.
Ich bescheide mich, dass Clairon und Dumesnil
Claire Josephe Hippolyte Leyris de la Tude, genannt
Clairon (1723-1803), seit 1743 an der
Comédie française
, und Marie Françoise Marchand Dumesnil (1713-1803), seit 1737 am
Théâtre français
,
waren die beiden bedeutendsten tragischen Darstellerinnen in Paris
um die Mitte des 18. Jahrhunderts. noch
weniger in diese Fehler verfallen sind; aber Gattung
und Stil müssen im Ganzen immer dieselben gewesen seyn.
Bei kämpfenden Leidenschaften fehlt dem hiesigen Spiel, wie mich dünkt, vorzüglich
der Ausdruck des Punkts, aus dem sie im Innern der Seele gemeinschaftlich
entspringen. Zu häufig wird hier die eine als wahre innre Empfindung dargestellt, die
andre, als entstünde sie aus Betrachtung des fremden Urtheils, und so verliert das
Ganze an Idealität.
So erinnere ich mich, dass z. B. die
Raucour jene Stelle in der
Phädra, wo diese in eine Art wahnsinniger Träumerei versinkt,
meisterhaft spielte, und vorzüglich die schönen Verse:
Dieux! que ne suis-je assise aux ombres des forêts !
Quand pourrai-je au travers d'une noble poussière
Suivre de l'oeil un char fuyant dans la carrière.
Racine
, Phèdre
Vers 176
.
vortreflich sagte.
Wie sie nun aber wieder zu sich kam, waren Ton und Gebehrde zu brusque, gar nicht
mehr auf die innere Empfindung, nur auf das äussere Urtheil berechnet.
Statt innern Schmerzes und innerer Verwirrung über diese unglückliche Zerrüttung
ihres Gemüths, schien sie nur in Verdruss auszubrechen, sich so verrathen zu haben,
und das höhere und idealische Gefühl wurde dem kleinlichen aufgeopfert. Freilich
zeigte ihr der Dichter hier selbst das Spiel an; allein die wahrhaft seelenvolle
Schauspielerin würde den Contrast hier lieber gemildert haben, statt ihn
herauszuheben.
An Talma würde man so etwas nicht sehen. Er
ist durchaus edel, und zeigt die echte Würde des Charakters, nicht den bloss
angeerbten Heldenstolz. Er ist in allem natürlicher und freier, aber auch in ihm ist
der Naturausdruck der Leidenschaft stärker, als wir es werigstens immer wünschen. Die
Arbeit seines Gemüths zeigt sich oft für uns zu stark in seinen Athemzügen und seinen
Stellungen; seine Gesichtszüge verrathen ganz eigentliches Leiden, und wenn Homers Helden sich nicht scheuen zu weinen, so
scheut der Französische Schauspieler sich
nicht die physische Anstrengung der Leidenschaft zu zeigen, sollte auch das Erliegen
unter derselben ins Unmännliche übergehen. Ja er
hütet sich sogar nicht immer vor unästhetischen Verzerrungen des Gesichts. Sein Spiel
drückt also mehr Leidenschaft, als Charakter und Gemüth aus, die Leidenschaft mehr in
ihren physischen Aeusserungen, als in ihrer innern Gestalt, ihren Wirkungen auf die
Empfindung. Er stellt weniger den idealischen, als den Naturmenschen dar.
Wird diese Manier übertrieben, so ist sie entsetzlich und weder Natur noch Idealität,
sondern die mit sichtbarer und daher natürlicherweise manierirter Kunst nachgeahmte
gemeine Wirklichkeit.
Ist sie durch natürliches Gefühl und ästhetischen Sinn gemässigt, so macht sie eine
grosse und starke Wirkung; aber ich habe
wenigstens immer dabei zu empfinden geglaubt, dass die Seele nicht ganz befriedigt
wird, und dass noch etwas Höheres erwartet wird.
Doch sind bei den guten Schauspielern die Schattirungen natürlich sehr sein, und es
fehlt da nur die letzte Vollendung der innern Harmonie der Empfindung. Die Wirkung
ist nur nicht so geistig, als man wünschte, sie setzt unser Gemüth nicht in eine so
energische und fruchtbare Bewegung.
In dem Gebehrdenspiel ist der Französische
Schauspieler, wie schon oben bemerkt worden, mehr malend, als der Deutsche, der nur fast ausdrückende Gebehrden kennt;
doch lässt sich bei guten Schauspielern hierin nur selten eine Uebertreibung
wahrnehmen.
Es sind nicht die häufigen Gesten der mittäglichen Völker, aber es sind zum Theil,
der Zahl und der Art nach, von dem Sinn der Rede wenigstens nicht nothwendig
hervorgebrachte Bewegungen. Es scheint vielmehr, als müsse der Rhythmus und die
Cadence der Verse zugleich durch eine eben solche Folge von Bewegungen begleitet
werden, die nur da, wo der Sinn mehr Gewicht bekommt, eigentlich bedeutend werden.
Dies hängt genau mit der Versification der Stücke zusammen, mit der Feierlichkeit der
ganzen Composition einer Tragödie, und mit der Art der Declamation.
Die Declamation ist zwar ganz frei, der Reim wird sogar absichtlich versteckt, und
der Vers in andre Glieder zertheilt, als ihm die Scansion anweist; allein da die
Französische Sprache und Declamation
keinen Silbenaccent kennt, da die Franzosen
im Lesen mit einer besondern Eigenthümlichkeit, die, soviel ich weiss, keine andre Nation hat, nicht ihre
Accente nach dem Sinngewicht der Worte, oder doch
wenigstens nicht beständig und regelmässig vertheilen, sondern hierin mehr einem
durch Gebrauch und Wohlklang bestimmten Rhythmus folgen, nach welchem oft das
Adjectivum vor dem Substantivum, oft eine Partikel vor beiden, und meistentheils das
unbedeutende Endwort eines Commas vor seinen bedeutenden Vorgängern den Vorzug
erhält, da in der poetischen Declamation gewöhnlich in jedem Vers Ein Wort
herausgehoben wird, so muss auch das Gebehrdenspiel, das die Declamation begleitet,
solchen Gesetzen folgen.
In dieses mischt sich nun aber vornemlich das Bestreben nach malerischen Bewegungen,
das überall auf der Bühne herrschend ist, daher sieht man auch oft Attitüden
verlängern, die bei uns schneller wechslen würden. So geht der Schauspieler, nach
einer bedeutenden Scene, mit einer gleichsam verlängerten Gebehrde von der Bühne ab,
da wir es nicht billigen würden, wenn sich jemand z. B. mit aufgehobenen Armen
entfernen und, bis er vor dem Zuschauer verschwindet, so bleiben wollte.
Wenn es bei uns geschähe, würde es wenigstens mit Heftigkeit und Schnelligkeit
geschehen, hier behält es noch immer die zögernde Ruhe, die allen ästhetischen
Stellungen eigen ist.
Das Malerische des Spiels macht hier einen wichtigen Theil aus, und hierin muss man,
glaub’ ich, einen Vorzug selbst über das
zugestehen, was wir von unsern Schauspielern auch nur wünschen.
Dies für uns fremdartige Gebehrdenspiel mag, ob ich es gleich historisch nicht weiss, verschiedne Stufen durchgegangen
seyn. Anfangs war es vielleicht bloss Ausdruck pathetischer Würde, und man bewegte
die Arme vermuthlich eben so regelmässig, als man die Alexandriner nach ihren
Abschnitten herrollen liess. Nachher mischte sich einerseits der Verstand hinein und
brachte das Malen hervor, und anderseits gab der besser gebildete ästhetische Sinn
Rhythmus und gefällige Harmonie, spät erst haben Empfindung und Ausdruck ihr Recht
erhalten.
Was mir
Talma’s Spiel so werth macht, ist dass er
dies alles so gut verbunden hat, dass er das Malerische der Stellungen, den Ausdruck
der Empfindung und die Feierlichkeit, die man der Französischen tragischen Bühne schlechterdings nicht nehmen darf,
weil einmal die Dichtungen selbst alle darauf berechnet sind, vollkommen mit einander
zu verschmelzen weiss.
Der letzte charakteristische Zug der Französischen Schauspieler scheint
mir endlich der, dass sie mehr, als
unsre, an das Publikum denken. Wie unsre Schriftsteller oft nur für sich schreiben,
so spielen auch unsre Schauspieler oft nur für sich, und glücklich genug, wenn sie
nur noch an die Personen denken, mit denen sie reden. Dies wird dem Franzosen nie begegnen, aber er verfällt in den
entgegengesetzten Fehler, viel zu viel gegen das Publikum zu reden.
Ueber die Art, wie sie sich im Gespräch gegen einander stellen, liesse sich
überhaupt, besonders wenn man im Ganzen, nicht bloss von den besten, redet,
mancherlei aussetzen.
Sobald sie mit einander in Uneinigkeit sind, so wenden sie sich leicht auf eine
wirklich unhöfliche Weise von einander ab, und drehen sich, soviel sie nur können,
den Rücken zu, als wollten sie nun auch gar nichts mehr von einander wissen und
hören.
Im Ganzen scheint es mir also, als gäbe uns
zwar die Französische Schauspielkunst ein
weniger hohes und idealisches Bild von dem Menschencharakter, als das ist, nach dem
wir bei uns streben, aber sie trägt offenbar mehr den Charakter der Kunst im besten
Verstande an sich, ist immer ästhetisch, und benutzt mehr die Vorzüge der ihr
verwandten Künste.
Wir Ausländer pflegen ihr Unwahrheit und Unnatur zuzuschreiben, und unstreitig nicht
ohne Grund. Die Franzosen selbst glauben
hingegen jetzt der Natur so nahe zu seyn, als es nur immer möglich ist, ihr zu
kommen. Wie soll man diesen Widerspruch auflösen?
Eine Auflösung ist eigentlich nicht möglich, erklären lässt er sich aber vielleicht
dadurch, dass jede Nation einen eignen Begriff von Natur hat, dass sie
das so nennt, was ihr leicht und gewöhnlich ist. Kein Begriff ist bei der Kenntniss
nationeller Verschiedenheiten so wichtig, und keiner vielleicht müsste zum Behuf der
Charakterbildung so sorgfältig bestimmt werden. Denn wer sich den reinsten und
würdigsten Begriff von dem, was man Natur nennt, zu eigen gemacht hat, ist unstreitig
auch der gehaltvollste Mensch, da man immer von selbst alsdann zu einer solchen Natur
hinstrebt.
Die Franzosen verbinden mit dem Ausdruck:
Natur fast ausschliessend den Begriff des Einfachen, Leichten,
durchaus Gehaltnen. Da sie nun auch die Kunst nur fast von eben dieser Seite, der
Seite des Geschmacks, der sich nichts Anstössiges
erlaubt, kennen, so verbinden sich diese beiden Begriffe leicht mit einander, und so
ist es begreiflich, dass sie ihr Spiel durchaus natürlich nennen, weil es nach ihrem
Geschmack nichts Uebertriebnes enthält, wenn wir gleich, was aber freilich mehr die
Schuld der Dichter, als der Schauspieler ist, den Gehalt, die Wahrheit und die auf
sich selbst beruhende Freiheit der Natur vergebens darin aufsuchen. An einen reinen
Gegensatz der Natur und Kunst ist, so scheint es, bei ihnen nicht zu denken; aber
weil sie einen sehr leicht gereizten Ekel vor der rohen und selbst der derben
Wirklichkeit haben, so erscheinen sie oft ästhetischer, als sie eigentlich sind.
Ist aber der Begriff der Kunst und Natur irgendwo schwer zu unterscheiden, so ist er
es in der Schauspielkunst, welche die Kunst der Kunst, nicht die Darstellung der
Natur, sondern die Darstellung einer andern vorhergegangenen künstlerischen
Darstellung ist.
Welche Veränderung geht eigentlich mit der Natur vor, wenn sie zum Kunstwerk gemacht
wird? Sie wird in einen Gedanken umgeschaffen, dadurch erhält sie
zweierlei: sie wird der menschlichen Natur ähnlicher gemacht, da menschliche Kräfte
sie in ihrer Vorstellung zusammenfassen, und sie erhält eigne, einschränkende Grenzen
und wechselseitige Bestimmung ihrer Theile von der Phantasie, weil aus dem
unermesslichen All der Natur Ein Stück herausgerissen und in ein selbstständiges
Ganzes verwandelt ist.
In der Natur ist immer mehr, als in der Kunst, immer etwas Unendliches, aber diesen
Charakter uns mit unsrer Einbildungskraft vorzustellen, kann uns nur ein Kunstwerk
begeistern, weil es uns an einem Theil der Natur ein Bild der Harmonie und Vollendung
zeigt, welche sie zwar in der Wirklichkeit, aber nur in ihrem für uns unübersehbaren
Ganzen an sich trägt. Die Kunst führt nie wieder auf die Kunst, sondern nur auf die
Natur hin, und niemanden wird es einfallen, sich bei Lesung einer Tragödie die
Schauspieler, und nicht die handelnden Personen zu denken.
Da alle Kunst, ihrem Wesen nach, Nachahmung ist, so hat der Künstler immer ein
Vorbild, das er auf seine Weise darstellt. Das Vorbild des Schauspielers nun ist
nicht gerade die Natur, sondern ein vor ihm und sogar unabhängig von ihm gemachtes
Kunstwerk, die Tragödie des Dichters. Seine Kunst ist daher gebundner, als andre, und das Natürliche oder Unnatürliche
seines Spiels darf daher nicht mehr durch eine unmittelbare Vergleichung mit der
Natur, sondern durch eine mittelbare mit der Behandlung derselben durch den Dichter
beurtheilt werden. Man darf nicht fragen: könnte Agamemnon, könnte Clytemnestra diese Bewegungen machen? sondern: könnte es der Agamemnon, der diese Gesinnungen äussert, diese
Worte sagt?
Die Kunst verräth sich durch zweierlei als Kunst, durch ihre höhere, über die
Wirklichkeit hinausgehende Idealität und durch das, was in ihr, als einem Machwerk
des Menschen, an Willkühr und Convention erinnert. Je mehr Conventionelles nun das
Werk des Dichters enthält, einen desto grössem Antheil davon wird man auch im
Schauspieler ertragen, ohne sein Spiel unnatürlich zu nennen, ja man wird es von ihm
fodern, weil sonst offenbar die nothwendige Harmonie gestört ist. Darum können die
Franzosen, die einmal, aus andern
Gründen, ihre Tragödie natürlich finden, unmöglich von ihren Schauspielern ein
entgegengesetztes Urtheil fällen. Sie können sie nicht einmal da übertrieben nennen,
wenn sie uns so erscheinen. Denn es gehört mit zu der, durch den Dichter und mit
Bewilligung des Zuschauers, festgesetzten Uebereinkunft, dass der tragische Held ein
andrer Mensch ist, als der gewöhnliche Mensch und daher auch stärkere Aeusserungen
seiner Empfindung hat, wozu denn die grössere natürliche Lebhaftigkeit der Nation
noch ausserdem das Ihrige beiträgt.
Gegen den Dichter gehalten, ist dann der Schauspieler wieder mehr Natur, mehr
Wirklichkeit, da er uns das Werk des Dichters anschaulich macht, und dies neue
Verhältniss bringt auch neue Momente in unsrer Beurtheilung hervor. Bei allem
Kunstgenuss macht die Einbildungskraft allein die Unkosten, es ist nie das Kunstwerk
selbst und allein, das uns entzückt, es ist das Bild, das wir, durch dieselbe
begeistert, vielleicht ebensosehr in dasselbe hinein, als aus ihm heraussehen. Nun
zerfallen alle darstellenden Künste in zwei Klassen, solche, wo die Einbildungskraft
den Gegenstand selbst, ganz oder zum Theil, bilden muss, und solche, die ihn selbst
unmittelbar hinstellen und wo sie nur gleichsam das Idealische darin mithervorbringen
hilft. Die letztem, glaube ich mit
Sicherheit behaupten zu können, müssen einen weit höhern Grad der Vollkommenheit
besitzen, um einen gleich starken Eindruck zu machen. Von einem Gemälde und von einer
Statue z. B., die gleich mittelmässig sind, wird doch das erstere noch mehr interessiren, weil es uns doch wenigstens das
Geschäft auferlegt, uns die dargestellte Scene, die dort nur in Umrissen und Farben
gezeichnet ist, wirklich vorzustellen.
Die Statue lässt uns durchaus kalt, und ist uns dann nicht mehr, als der rohe Stein.
Der schlechte Schauspieler geräth sogar in Gefahr, uns Ekel zu erregen, und je
reizbarer der Zuschauer gegen die rohe Wirklichkeit ist, desto mehr muss sich jener
auf der Linie der Kunst halten. Die Franzosen nun besitzen nicht nur diese Reizbarkeit in hohem Grade,
sondern sie suchen auch in der Kunst weniger die hoch idealisirte Natur, als nur die
Kunstmanier, die Regelmässigkeit, Zierlichkeit und Symmetrie, die den Künstler
verräth. Sie nennen daher die letzte Linie natürlich, von der man nicht tiefer
herabsteigen dürste, ohne, ihren Begriffen nach, dem Kunstcharakter zu schaden — eine
Linie, die wir ganz anders bestimmen würden.
Der Deutsche Schauspieler, könnte man
vielleicht sagen, setzt mehr, nur auf seine Weise, bloss die Arbeit des Dichters
fort; die Sache, die Empfindung, der Ausdruck sind ihm das Erste, oft das Einzige,
worauf er sieht. Der Französische verbindet
mehr mit dem Werke des Dichters das Talent des Musikers und des Malers, darum ist er
aber auch weniger stark in dem Charakterausdruck und macht eine weniger tiefe
Wirkung. Allein eigentlich ist selbst dies nur die Schuld des Dichters, der wieder
auch hier mehr Kunstmanier, als künstlerisch dargestellte Natur hat.
Wenn man sich ein Ideal eines Schauspielers denkt, so ist kein Zweifel, dass derselbe
beide Vorzüge mit einander verbinden sollte. Er soll den handelnden Menschen, und
zwar in seiner ganzen Persönlichkeit darstellen, und wenn gleich in der Natur gewiss
nicht alle Stellungen und Bewegungen selbst des am meisten idealisch gebildeten
Menschen immer edel und graziös sind, so ist der Schauspieler dafür
Künstler, dass er sich diese Ungleichheiten der Natur nicht zu
Schulden kommen lassen soll. Da er als Künstler die Natur durch eigne Mittel
nachahmt, so ist er verbunden, was er hinzufügt, vollkommen künstlerisch zu
verarbeiten, und in durchgängige Harmonie zu bringen.
In der Wirklichkeit kann und muss vieles unbedeutend bleiben, man verzeiht sogar eins
um des andern willen, und compensirt das Einzelne gegen einander, indem man sich
allein an das Resultat hält. In der Kunst hingegen ist nichts gleichgültig, kann
nichts auf Verzeihung oder Entschuldigung rechnen. Auf dem Theater besonders, wo das ganze Leben eines Menschen in wenige Stunden
zusammengedrängt wird, muss alles bedeutend seyn, alles sich wechselseitig halten und
tragen. Gerade wenn der Schauspieler auch nur einen einzigen Augenblick seine Natur
sehen lässt, erinnert er daran, dass der Ueberrest Kunst ist. Diese Bedeutung jedes,
auch des kleinsten, einzelnen Theils, diese enge Verbindung aller, dieses genaue
Zusammenschliessen derselben in Ein eng beschränktes Ganzes giebt gerade das
nothwendige und wesentliche Gepräge eines Kunstwerks, den feinen glänzenden Hauch,
der es bekleiden muss, wenn der feiner Gebildete, denn der andre bemerkt ihn nicht,
oder liebt ihn nicht einmal, einen ächt künstlerischen Genuss daran finden soll.
Dass die Franzosen dies mehr und strenger
fodern, würde wirklich mehr ästhetischen Sinn in ihnen beweisen, wenn sie theils das
innere Wesen der Kunst tiefer fühlten, theils stark genug beleidigt würden, wenn
jener höhere Glanz der Kunst nicht mehr bloss als die natürliche Blüthe eines
jugendlichen und kraftvollen Körpers, sondern als willkührlich aufgetragene Schminke
erscheint. Denn gewiss ist die Gränzlinie hier fein gezogen und der Geschmack sehr
selten, welchen die manierirte Kunst ebenso anekelt, als die rohe Natur.
Uns Deutschen kann man, glaub’ ich, den Vorwurf machen, dass wir auf diesen
eigentlichen Kunstglanz zu wenig Gewicht legen. Die Ursach mag darin zu suchen seyn,
dass wir nicht sinnlich genug ausgebildet sind, unser Ohr nicht musikalisch, unser
Auge nicht malerisch genug. Mir ist oft
aufgefallen, dass der Deutsche in
Vergleichung mit dem Franzosen, ich möchte sagen mit dem Ausländer, aber ich wage es nicht, über meine Beobachtung hinaus zu
gehen, weniger die Nothwendigkeit der Zeichen kennt, dass er unmittelbar
und unabhängig von denselben auf die Sache zu gehen strebt.
Der Franzose, dies giebt schon die gemeinste
Beobachtung, hat für jeden Gedanken einen fertigen Ausdruck, auch der ungebildete
spricht geläufig, klar und präcis; der Deutsche sucht seinen Ausdruck mit Mühe, stockt nicht selten, und
auch der Fertigste spricht nicht immer so rund, als er wünscht. Jener zählt bloss
sein Geld, dieser prägt sich seine Münze selbst. Daher giebt der Franzose, weil in diesem Tauschhandel kein Wechslen
gilt, bald mehr, bald weniger, als er sollte, und ohne es zu wissen, da der
Deutsche sich immer bewusst ist, wie
vollwichtig oder nicht seine Münze sey.
Wollen Sie andre Beweise, so nehmen Sie den verschiednen Geist beider Sprachen, auf
deren Bildung nichts so viel Einfluss gehabt hat, als diese Eigenthümlichkeit. Nehmen
sie, wie der Franzose im Gespräch, bei
seinen Schriftstellern, seinen Dichtern immer beim Ausdruck zuerst stehen bleibt,
daran krittelt und klaubt, oft nicht tiefer eingeht, und nicht selten der gemeinsten
Empfindung, dem gewöhnlichsten Gedanken wegen einer glücklichen Wendung Eingang
verstattet; wie gutmüthig dagegen der Deutsche immer gleich nach dem Sinn hascht, Dunkelheit und selbst
Unkorrektheit verzeiht, wenn nur sein Herz und sein Geist Befriedigung findet.
Nehmen Sie, wie die Französische
Metaphysik, wenn es eine solche giebt, fast einzig in dem
Einfluss der Zeichen auf die Begriffe das ganze Geheimniss der Philosophie
vergraben glaubt, und alles auf Wortstreit zurückführen will — ein Wahn, den bei uns
nur die Populärphilosophie gehegt, unter unsern eigentlichen Philosophen aber nur
Mendelssohn in seinen letzten Zeiten begünstigt hat.
Der Deutsche möchte unmittelbar mit seinem
Geist und seiner Empfindung vernehmen, er möchte die Kluft überspringen, die Seyn von
Seyn und Kraft von Kraft so trennt, dass sie sich nur durch vermittelnde Zeichen
verständlich machen können. Was er fühlt und denkt, stellt sich nicht sogleich im
Ausdruck dar, dem Sprechenden nicht in bestimmten Worten, dem Dichter nicht immer in
Harmonie und Rhythmus, dem Maler und Bildner nicht sogleich in Gestalt, und vor allen
dem Schauspieler, weil wir wirklich eine sehr gebehrdenlose Nation sind, nicht
sogleich in Mine und Gebehrde. Er hat in der That weniger Sprache, als andre
Nationen, und doch, ich sage es frei, weil
ich es einmal nicht anders empfinden
kann, hätte er sich so viel Mehr und Besseres zu sagen.
Der Kunst kann diese Stimmung ohne Zweifel nachtheilig werden. Sie macht, dass unsre
Dichter z. B. meistentheils in dem Reichthum und der Schönheit des Rhythmus, in der
sinnlichen Pracht der Diction nicht nur den alten, sondern oft auch den neuern
nachstehen, und dadurch wenn nicht geringere Kraft, doch wenigstens geringern
poetischen Schwung besitzen.
Es ist, dies im Vorbeigehen zu bemerken, wunderbar, dass ein ächt Deutsch
gebildetes Genie, dass ein Mann, der, wenn gleich mit allen Musen des Auslands
vertraut, gewiss keiner nachahmend gehuldigt hat, dass gerade Voss hierin die
Ausnahme macht. Wenn man erst, was jetzt noch lange der Fall nicht ist, dahin
gekommen seyn wird, allgemein zu verstehen, was er fordert und leistet, so muss in
diesem Punkt eine Revolution entstehen, die um so wohlthätiger seyn wird, als sie
bloss uns selbst angehört.
Wie unendlich mehr ist aber von dieser Seite an unserm Schauspiel zu vermissen! Man
hat oft geklagt, dass es auf unsrer Bühne an edlem, freiem und graziösem Anstand
fehle; allein, was ich hier meyne, ist noch
mehr und etwas andres.
Es geschieht bei unsrer Tragödie überhaupt nicht genug für das Auge, nicht genug in
ästhetischer, und noch weniger in sinnlicher Rücksicht. Und doch wäre wenigstens das
Erstere durchaus nothwendig. Wir verlangen ja von einer guten malerischen
Composition, dass die verschiednen Gruppen, auch nur als Massen und Formen und ohne
Rücksicht auf den Sinn der Darstellung betrachtet, in angenehmen Verhältnissen stehen
und gefällige Umrisse bilden sollen. Die gleiche Forderung ergeht an die rhythmischen
Verhältnisse der Perioden bei dem Dichter und selbst dem Prosaiker, und sogar von
einer Reihe nach einander erregter Empfindungen wollen wir noch, dass sie, wie eine
Reihe zusammenstimmender Töne, eine harmonische Folge ausmache. Es giebt mit einem
Wort eine eigne Energie unsrer Einbildungskraft, vermöge welcher sie bloss mit leeren
Formen spielt, und die blossen Theile des Raumes und der Zeit in gefälligen
Verhältnissen an einander zu reihen strebt, und dies rein ästhetische Bedürfniss
unsrer Phantasie fordert bei jedem Werke Befriedigung, das irgend einen Anspruch auf
Kunst zu machen wagt. Diese Befriedigung darf auch der Schauspieler dem Zuschauer
nicht versagen, und er, der bestimmt ist, zugleich als redender und als bildender
Künstler zu wirken, leistet nur das Erstere, wenn er jenen Vorzug vernachlässigt.
Selbst den bloss sinnlichen Theil der Kunst sollte man weniger verachten. Decoration,
Costüme und, wenn der Schauspielkunst eine eigne Erziehung gewidmet würde, vor allem
die Bildung des Körpers selbst, sollten mit mehr Sorgfalt behandelt werden. Freilich
müssten dann auch unsre Tragödien um eine Stufe höher steigen, und sich in ein Gewand
kleiden, das auch auf den blossen Sinn einen grössern Eindruck machte. Ein Schritt geschieht schon dadurch, dass die Versification zu
einem wesentlichen Erforderniss gemacht wird, auf diesen können die andern leicht
folgen.
Aber für den Schauspieler bleibt immer das Wesentliche das, dass er das Dichterische
und Malerische seiner Kunst nicht trenne, und noch weniger dem letztem den Vorzug
einräume, denn sonst sinkt er nicht bloss vom Gipfel der wahren Kunst herab, sondern
versperrt sich auch auf ewig allen Rückweg dazu. Keine Kunst ist der Schauspielkunst
in gewisser Rücksicht so nahe verwandt, als der Tanz. Wie nun der gute Tänzer sich
nie begnügt, einzelne Schönheiten zu zeigen, sondern nach Schönheit und Harmonie im
Ganzen strebt, wie er nie einzelne edle und graziöse Bewegungen, sondern einen Körper
zeigen will, der sich nicht anders, als edel und graziös zu bewegen vermag, wie er
den Zuschauer endlich dahin bringt, nichts als die innere organische Kraft zu
bewundern, die sich in tausend mannigfaltigen Gestalten entwickelt, und alle
beherrscht, und in allen ästhetisch harmonisch erscheint; so muss der Schauspieler
die Einbildungskraft seines Zuschauers allein auf die Seele versammlen, die ihn
belebt, und die zugleich aus seiner Stimme, seinen Minen und Gebehrden
hervorstralt.
Dies thut der Französische nie, und kann es
nicht, bis sein Spiel die Werke andrer Dichter begleitet. Er zeigt und malt den
ganzen Zustand der Seele, die Empfindung, die Leidenschaft, den Entschluss, aber
nicht das von Empfindungen zerrissne, von Leidenschaften bestürmte, zu kühnen und
raschen Entschlüssen gestählte Herz selbst.
Wie könnte aber der Schauspieler darstellen, was seinem Wesen nach nicht darstellbar
ist? Freilich kann er uns nur die Aeusserungen zeigen, aber es giebt unläugbar eine
Stimmung im Menschen, wo, in der engsten Verbindung aller Empfindungen und
Gesinnungen, jeder sein individuelles Wesen ganz und rein fühlt. Wenn sich der
Schauspieler in diese Stimmung versetzt, wenn er Stimme, Mine, Gebehrde allein nur
aus ihr abfliessen lässt, so erregt er dieselbe Stimmung in uns, und es entsteht nun
wirklich, was bei jedem grossen Kunsteffect der Fall ist, dass der Zuschauer mehr
sieht, als der Künstler unmittelbar darzustellen vermag.
Es ist in der That eine ungeheure Aufgabe, alle Gefühle der Menschheit zu erregen,
die tiefsten und mächtigsten Kräfte der Natur zu
beschwören, und sie doch nur als Kunst wirken zu lassen und ästhetisch zu
beherrschen. Und dies ist doch, was wir vom Schauspieler verlangen, dessen
Kunstsprache, wenn ich so sagen darf, das
ganze menschliche Empfinden, Reden und Handeln ist. Das Studium seiner Kunst führt
auf die äussersten Feinheiten der Psychologie. Wie jeder Künstler ist er verbunden zu
idealisiren, sein Idealisiren aber besteht darin, dass er seiner Rolle durchaus
Charakter giebt, dass er alle Eigenschaften, die ihr der Dichter
beilegt, als Individualität darstellt. Wie individuell auch die Poesie sey, so hat
sie immer, als blosses Gedankenbild, etwas Vages und Unbestimmtes; dies soll der
Schauspieler fixiren, und zwar fixiren in seiner wirklichen Person, die ihm oft fast
unübersteigliche Hindernisse in den Weg legt. Was er also zu studiren hat, ist die
Form des Charakters, die Art, wie der Mensch durchgängige Einheit und Nothwendigkeit
besitzen kann.
In der Wirklichkeit wäre diese Aufgabe unausführbar, denn sie hiesse nichts anders,
als ein idealisch gebildeter Mensch und noch dazu in einer fremden Individualität
seyn. Er soll sie aber vor der Einbildungskraft und durch dieselbe ausführen, machen,
dass alle seine einzelnen Aeusserungen aus einer Einheit herzustammen scheinen, und
uns veranlassen diese zu suchen, zu ahnden, und zu finden. Das Letzte ist ohne
Täuschung nicht möglich, und diese Täuschung hervorzubringen, ist das Geheimniss des
Schauspielers. Er muss in allem, was Ausdruck von Gedanken, Empfindungen und
Gesinnungen ist, die Kraft und die Wahrheit der Natur zeigen, ganz darin zu leben,
damit allein beschäftigt scheinen und im Zuschauer alles wecken, was darauf Bezug
hat; zugleich aber muss sein Spiel durchaus künstlerisch berechnet seyn, Stimme, Mine
und Gebehrde müssen die Einheit, die Nothwendigkeit, die Wechselbestimmung des
gebundensten Kunstwerks besitzen; beides muss er so eng verbinden, dass auch der
geübteste Zuschauer es nicht mehr trennen kann. Diese Verbindung wird ihm unfehlbar
gelingen, sobald er in seinem Studium ganz Künstler ist, in der Ausführung aber nur
den Menschen zu zeigen sucht, alsdann ist der Zuschauer ganz und gar, wie bei den
Franzosen fast nie der Fall seyn kann,
mit der Gesinnung und dem Charakter der handelnden Personen, also mit dem
Wesentlichen des Gedichts beschäftigt und glaubt die Einheit und Nothwendigkeit, die
eigentlich in der gebundnen Form des Kunstvortrags liegt, in diesem zu erblicken, und
so ist die Idealisirung geschehen, welche der
Schauspieler der Idealisirung durch den Dichter hinzufügt.
Denn hinzufügen soll er, nicht bloss den Dichter begleiten. Versäumt er die feinere
Kunstform, die Regelmässigkeit und Schönheit seines Spiels, so thut er im besten
Falle nichts, als die Wirkung des Dichters durch den lebendigen Vortrag verstärken.
Geht er aber darin noch einen Schritt weiter, so wirkt er gar nicht mehr als
Künstler, sondern so wie es der Anblick der Natur, wenn man sie ohne künstlerische
Absicht bloss nachahmte, thun würde, und verlässt entweder den Dichter, oder zieht
ihn mit zu sich herab.
An eine eigentliche Verschmelzung des Menschen mit dem Künstler im Schauspieler ist
in Frankreich nicht zu denken, vielmehr
sucht er, so wie sein Publikum, hier immer nur eine blosse Verbindung
deklamatorischer, musikalischer, mimischer und malerischer Schönheiten. Darum ist
auch das hiesige Spiel so oft manierirt, ein Fehler, von dem selbst die besten
Schauspieler nicht frei sind. Bald sind sie manierirt in dem malerischen Theile, man
sieht Stellungen, welche der Sinn der Rede nicht fordert, oder Verlängerungen andrer,
welche die Natur nicht verträgt, oder ein plötzliches Abbrechen und Wechslen, das dem
hiesigen Geschmack vielleicht piquant vorkommt, aber den, der alle Bewegungen nur aus
Einer Quelle will herfliessen sehen, nur stört. Eine andre Art des Manierirten ist
die Uebertreibung und nicht gehörig abgemessene Abstufung des Ausdrucks; eine dritte,
die zwar bei guten Schauspielern am seltensten vorkommt, mir aber auch am meisten widersteht, ist die
Wiederholung gewisser Tiraden von Gesten, wenn ich so sagen darf, die ein Schauspieler dem andern nachmacht, und die
gleichsam Theatergewohnheit sind. Vorzüglich in Momenten des heftigsten Affects
fällt, habe ich bemerkt, manchmal ein Punkt
ein, wo derjenige, der an die hiesige Bühne gewöhnt ist, nun die ganze Folge von
Zuckungen und Verzerrungen voraussieht, die ihm bevorsteht.
Wie unsre Bühne und besonders, wie unsre dramatischen Dichter auf der einen Seite den
sinnlichen Schwung und Glanz, auf der andern die rein ästhetische Freiheit und
Vollendung, die uns im Ganzen, meiner Meynung nach, noch fehlen, erlangen können,
glaube ich deutlich einzusehen. Es ist dazu
nur ein Fortschreiten nöthig. Wie dagegen die Französische Tragödie zur Kraft und Wahrheit der Natur, zu einer
seelenvollen und idealischen Darstellung der
Menschheit kommen solle, sehe ich nicht ab.
Ich glaube in der That, sie müssen erst
zum Drama zurück, und von da zur bürgerlichen Tragödie, ehe sie wieder an eine
heroische denken können. Ein solches Umkehren aber ist ein saurer Schritt; denn
offenbar ist das Drama, das sie jetzt haben könnten, ihre Tragödie nicht werth.
Indess glaube ich doch in ihren neuen
Stücken eine Tendenz dahin zu bemerken, und dies macht, dass ich am meisten Lemercier's
Agamemnon liebe, weil er
mir noch das reinste Bild der ehmaligen Gattung
giebt.
Wunderbar ist es, dass die sonst so verschiedenen Griechen einen ähnlichen Weg
gingen; denn ich stimme ganz Ihrer Meynung
bei, dass einige Stücke des Euripides sich
zum Drama hinneigen.
Goethe hatte am 20. Mai
1799 an Humboldt geschrieben
(
Briefe
14, 103
): Da Sie bei Gelegenheit des kotzebuischen Stücks etwas über das Drama äussern, so fallt
mir ein, was wir neulich bei
Durchlesung der euripidischen Stücke
zu bemerken glaubten: dass sich nämlich zu der Zeit dieses Autors der Geschmack
schon offenbar nach dem, was wir Drama nennen, hinneigte.
Es ist
nicht mehr die furchtbare Herrschaft des Schicksals, es sind mehr menschliche
Leidenschaften und Gesinnungen, es sind nicht mehr die tragische Furcht und das
Schrecken, es ist mehr Rührung, es ist endlich nicht mehr der rasche gebundene Gang,
es ist mehr Laxität und Breite. Ich finde
schon im Euripides nicht mehr die Kraft und
Grösse seiner Vorgänger, ich sehe nicht, wie
man nach ihm in diesen noch hätte weiter kommen können. Ewig schade, dass Agathon
Nach Aristoteles'
Bericht im neunten Kapitel seiner Poetik hatte Agathon es gewagt, in seiner Tragödie Ἄνθος einen freierfundenen Stoff zu behandeln.
und andre für uns verloren sind, und dass wir kein Stück haben, dessen Stoff selbst
dem Dichter angehört, wie sie deren besassen.
Wie überall, so kommt es auch bei dem Schauspieler ausserordentlich darauf an, in
welchen Gesichtspunkt er sich stellt. Immer zwar hat er eine ihm vom Dichter gegebene
Rolle vor einem Publikum vorzutragen; allein sein Spiel ist anders, je nachdem er
sich einen oder den andern Theil dieses Geschäfts mehr oder minder deutlich
denkt.
Der Französische Schauspieler ist weit mehr
Deklamator seiner Rolle, d. h. er geht mehr davon aus, und bleibt strenger dabei
seine Rolle herzusagen und mit Gebehrden zu begleiten, und spielt weniger frei aus
sich heraus, um eigentlich den Charakter, der ihm angewiesen ist, darzustellen. Er
äussert mehr Achtung für den Dichter, und hebt jede
einzelne Schönheit sorgfältiger in ihm heraus, als der Deutsche, der nur zu oft dem Dichter Unrecht thut und bloss auf den
Effect im Ganzen hinarbeitet. Ausser dem den Franzosen, wie ich schon
oben äusserte, eigenthümlichen grössern Respect für den Ausdruck, thut dazu die
gebundne Form der Dichter sehr viel. Es ist ganz etwas anders Prosa, als Verse, und
wieder gereimte Alexandriner, als Jamben vorzutragen. Der Französische Schauspieler geht wirklich in Fesseln,
in denen sich nur eine ausserordentliche Kraft noch mit Freiheit und Leichtigkeit
bewegen kann.
Wahrscheinlich aber kommt es von der Gewohnheit dieses Zwanges, dass die Französischen Schauspieler so wenig im Drama
befriedigen. Ich wenigstens gestehe gern,
dass ich hier auch bei den guten, wie z. B.
Molé, Monvel, der Contat (Talma spielt es nur ausserordentlich selten) bald
Stücke tragischen, bald komischen Spiels, nirgends aber Einheit und Harmonie gefunden
habe. Sobald überhaupt keine Gelegenheit mehr zu malerischen Schönheiten da ist, und
sich auch nicht die gesellschaftliche, ganz unpathetische Leichtigkeit der guten
Comödie, in der sie wohl unübertroffne Meister sind, zeigen kann, so verliert ihre
Kunst den grössten Theil ihrer Vorzüge. So kann z. B. zwar niemand läugnen, dass
Monvel
Jacques Marie Boutet de
Monvel (1745-1811) wirkte seit 1772 am
Théâtre français
als tragischer Schauspieler. mit
grosser Kunst und Einsicht spielt, dass seine Declamation und sein Minenspiel eine
ungewöhnliche Stärke und Wahrheit besitzen, dass er auf der Französischen Bühne sich seinen eignen Charakter
geschaffen hat, und in diesem allein dasteht; aber weil er alt ist, weil er ein
unangenehmes Organ, eine wahre Grabstimme hat, weil er nichts Malerisches in seinen
Stellungen und Bewegungen besitzt, so erscheint sein Spiel doch trocken und hart,
bringt nur heftige Erschütterung hervor, oder zwingt uns kalte Bewundrung ab. Wir
sehen ihn gern, aber vorzüglich nur, weil wir ihn immer studiren können, er hat
einige Hauptvorzüge seiner Nation aufgegeben, und auf der andern Seite doch nicht das
Höchste erreicht, es fehlt ihm besonders an Schönheitssinn, an ästhetischer Harmonie
und Milde.
Ein sehr merklicher Unterschied zwischen den Deutschen und Französischen
Schauspielern ist es noch, wie ich schon
oben sagte, dass bei diesen letztem das Gefühl der Gegenwart des Publikums immer gleich lebhaft ist, da die erstem dieselbe
wirklich manchmal zu vergessen scheinen. Sie erinnern Sich vielleicht, dass Diderot vorgiebt seinen natürlichen
Sohn gesehen zu haben, wie ihn die handelnden Personen, als die
Wiederholung einer wirklichen Begebenheit spielten.In dem kurzen Vorwort zum Fils
naturel. Er lässt deutlich merken, dass er nur da eigentlich
Natur und Wahrheit gesehen habe, dass da der Dichter und Schauspieler gleich viel
hätten lernen können. Es mag eine erbauliche Sittenübung seyn, eine interessante
Scene des Lebens gleichsam theatralisch zu wiederholen, was das aber für ein
Kunstwerk seyn könnte, das auf keinen Zuschauer berechnet wäre, begreife ich nicht und ebensowenig, was Diderot, als Künstler, in seiner Ecke, in der er
versteckt sass, daraus lernen konnte; er sah wenigstens gewiss weder Natur noch
Kunst, und ein drittes ist doch nun einmal nicht zu finden.
In Paris indess begreift man es dennoch, wie
Diderot auf diesen bizarren Einfall
gerathen konnte, denn unter allen Misbräuchen der hiesigen Bühne ist das Buhlen um
das Beifallklatschen des Publikums der unangenehmste in meinen Augen. Indess ist auch
das Publikum selbst Schuld daran. Auf der einen Seite zwar ist es offenbar
kritischer, als das unsrige, und kommt grösstentheils um den Dichter, den
Schauspieler zu beurtheilen, aber diesen trennt es von seiner Rolle, ergötzt sich an
tours de force. Es bleibt mit seinem Beifall und Tadel bei
dem Einzelnen stehen, und übersieht das Spiel nicht im Ganzen. Der eigentliche Genuss
wird selbst durch das häufige, lange und entsetzliche Klatschen mir wenigstens auf eine unleidliche Weise gestört;
aber diese starken Äeusserungen des Beifalls gehören zur Lebhaftigkeit der Nation.
Man klatscht hier auch in einer Gesellschaft, wo jemand singt, spielt, oder ein
Gedicht hersagt, man klatscht in den öffentlichen Versammlungen des Instituts, wo man
doch nicht die Rechte des Theaterpublikums hat, kurz sehr oft da, wo bei uns ein so
dreist ertheilter und lärmender Beifall unanständig scheinen würde.
Wenn man von den Mängeln spricht, die allen Schauspielern eines Volks
gemeinschaftlich sind, so klagt man eigentlich mit Unrecht sie an. Der Schauspieler
steht so gedrängt und gebunden zwischen dem Dichter und der Nation, dass er nur den
Richtungen folgen darf, die beide ihm geben. Er kann keine andern Charak- tere zeigen, als er vom Dichter empfängt, und diese
nicht anders darstellen, als die Nation sich selbst darstellt. Wenn der Französische nur Leidenschaft, und fast niemals
eigentlichen Charakter schildert, so ist das die Schuld seiner Dichter, die auch nur
Leidenschaft zeichnen, und fast nie lebendige Individuen schaffen, die Schuld der
Philosophen, die, fast nur mit dem logischen Theil ihrer Wissenschaft beschäftigt,
das Gebiet der Empfindung und der Gesinnungen nicht genug in seiner Mannigfaltigkeit
beobachten und bearbeiten, die Schuld der Metaphysiker, die nie auf das zurückgehen,
nie das anerkennen wollen, was ursprünglich und unerklärbar ist.
Wenn die Französischen Schauspieler oft
manierirt sind, wenn sie, auch noch in pathetischen Stellen, das Frappirende und
Contrastirende suchen und überhaupt zum Nachtheil des Ganzen das Einzelne
herausheben, so ist es die Schuld der Nation, die das will, und oft selbst thut.
Ebenso liessen sich die Fehler der unsrigen erklären, nur mit dem Unterschiede, dass
die Französische Bühne wohl ihr mögliches
Ziel erreicht hat, da die unsrige hinter den Fortschritten der übrigen Künste zurück
zu seyn scheint.
An eine vollständige Zergliederung der Schauspielkunst einer Nation müsste sich also
eine gleich ausführliche ihrer Dichtkunst und ihres Charakters überhaupt
anschliessen. Um ganz zu begreifen, wie die Französischen Schauspieler diesen hohen Grad von Vollkommenheit
besitzen und doch zu keinem höhern hinaussteigen, müsste man aus dem Leben und den
Schriftstellern, vorzüglich aus denen, welche Empfindungen und Charaktere schildern
und zergliedern, ein Bild der Französischen
Empfindungsweise zusammentragen: aber ich
erschrecke vor dem Umfange eines solchen Geschäfts und breche eine Erörterung ab, die
schon bei weitem zu lang für einen Brief ist.