Der Montserrat bei Barcelona Humboldt Wilhelm von TEI enconding Silvia Berigüete Pastor Wilhelm von Humboldt: Schriften Juli 2026 Creative Commons Attribution-NonCommercial-ShareAlike 4.0 International (CC BY-NC-SA 4.0) https://www.wvh-schriften.de Humboldt Wilhelm von Wilhelm von Humboldts Werke. Dritter Band Leitzmann Albert https://archive.org/details/gesammelteschrif03humbuoft/mode/2up Königlich Preußische Akademie der Wissenschaften Berlin 1904

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November 1799 Madrid Deutsch Brief Reisen
Der <placeName key="geo-3116235">Montserrat</placeName> bei <placeName key="geo-3128760">Barcelona</placeName> [An <persName key="gnd-118540238">Goethe</persName>].

Sie wünschen, lieber Freund, dass ich fortfahre, Ihnen etwas Ausführlicheres über meine Spanische Wanderung zu sagen, so wie ich es im Anfange derselben, bis Madrid hin, that;Vgl. Humboldts Brief an Goethe vom 28. November 1799 und Goethes Antwort (Briefe 15, 10). und ich erfülle Ihren Wunsch um so lieber, als ich ohnehin jetzt damit beschäftigt bin, meine auf der Reise gesammelten Materialien noch einmal durchzugehen, und mit Spanischen und ausländischen Schriften zu vergleichen. Mir von fremdartiger Eigenthümlichkeit einen anschaulichen Begriff zu verschaffen, war, was ich vorzüglich bei meinem Reisen beabsichtigte. Um das Ausland wissenschaftlich zu kennen, ist es nur selten nöthig, es selbst zu besuchen; Bücher und Briefwechsel sind dazu weit sichrere Hülfsmittel, als eignes Einholen immer unvollständiger und selten zuverlässiger Nachrichten. Aber um eine fremde Nation eigentlich zu begreifen, um den Schlüssel zur Erklärung ihrer Eigenthümlichkeit in jeder Gattung zu erhalten, ja selbst nur um viele ihrer Schriltsteller vollkommen zu verstehen, ist es schlechterdings nothwendig, sie mit eignen Augen gesehen zu haben.

Auch die treuesten und lebendigsten Schilderungen ersetzen diesen Mangel nicht. Wer nie einen Spanischen Eseltreiber mit seinem Schlauch auf einem Esel sah, wird sich immer nur ein unvollständiges Bild Sancho Pansa's machen; und Don Quixote (gewiss ein unübertrefliches Muster wahrer Naturbeschreibung) wird doch nur immer demjenigen ganz verständlich sein, der selbst in Spanien war, und sich selbst unter Personen der Classen befand, welche ihm Cervantes schildert. Der andere wird oft, statt der wahren Gestalten, nur Carricaturen sehen; und da er bloss die Züge verbinden kann, welche der Dichter abgesondert heraushob, so werden ihm die meisten ergänzenden und mildernden Nebenzüge mangeln.

Denn darauf gerade kommt es an, jede Sache in ihrer Heimath zu erblicken, jeden Gegenstand in Verbindung mit den andern, die ihn zugleich halten und beschränken.

Wie sichtbar ist dies nicht sogar bei der leblosen Natur! was ist eine Pflanze, die, ihrem vaterländischen Boden entrissen, auf fremden verpflanzt ist? was ein Orangenbaum oder eine Dattelpalmein unsern Treibhäusern und künstlichen Gärten, und was in den beglückten Fluren Valencia’s und in den Palmenhainen von Elche?

Es giebt eine grosse Menge von Verrichtungen im Leben, zu welchen der bloss durch Ueberlieferungerhaltne Begriff hinreicht; aber wenn Gefühl und Einbildungskraft in uns rege werden sollen, so wird immer mehr und etwas Lebendigeres erfordert. Ueberhaupt begnügen sich wohl alle untergeordneten Kräfte des Menschen, der sammelnde Fleiss, das aufbewahrende Gedächtniss, der ordnende Verstand an dem Zeichen, dem Begriff oder dem Bilde. Aber die höchsten und besten in ihm, diejenigen, welche seine eigentliche Persönlichkeit bilden, die Phantasie, die Empfindung, der tiefere Wahrheits- und Schönheitssinn, bedürfen zu ihrer kräftigeren Nahrung auch der Sache, der Anschauung und der leben- digen Gegenwart.

Wenn nur wenige Reisende eigentlich diesen Gesichtspunkt, sich von jedem Gegenstand, der ihre Aufmerksamkeit an sich zieht, ein vollkommen individuelles Bild zu verschaffen, sein Daseyn und seine Natur aus den Dingen, die ihn umgeben, und auf ihn ein¬ wirken, zu begreifen, und diesen anschaulichen Begriff wiederum andern gleich vollständig und lebendig zu überliefern — wenn, sag' ich, nur Wenige diesen Gesichtspunkt gefasst haben, oder doch nur die Beschreibungen Weniger in dieser Rücksicht grossen Nutzen gewähren: so scheint mir dies nicht sowohl daher zu rühren, dass es ihnen an Empfänglichkeit mangelte, einen fremden Eindruck rein und unverändert aufzunehmen, sondern daher, dass sie sich dieser Empfänglichkeit nicht genug überliessen. Bei dem Eintritte in ein fremdes Land fallen dem Reisenden immer eine Menge von Fragen ein, die er sich künftig einmal vorlegen könnte; auf alle sucht er die genügende Antwort, und eigne Erfahrung hat mich gelehrt, dass man darüber oft dasjenige versäumt, was man hernach nie wieder nachholen kann. Man vergisst zu leicht, dass man auf einer (nicht zu einer einzelnen Untersuchung bestimmten) Reise, die immer ein Abschnitt im thätigen Leben und allein dem beschauenden gewidmet ist, bloss herumstreifen, Menschen sehen und sprechen, leben und geniessen, jeden Eindruck ganz empfangen, und den empfangnen bewahren soll.

Dies habe ich zu thun versucht, aber wenn ich mich freilich meistentheils nur an das hielt, was ich selbst sah, so bin ich doch auch oft daneben von dem gegenwärtigen Zustand des Landes in den ehemaligen zurückgegangen, da das Bild des Menschen immer erst in einer Folge von Zeiten vollständig ist. Auch habe ich die Schriftsteller der Nation sorgfältig verglichen, um wo möglich auch in ihnen nichts vorbeizulassen, was vorzüglich charakteristisch scheinen könnte.

Wir umfassen mit unsrer unmittelbaren Erfahrung nur eine so kleine Spanne des Raums und der Zeit, und doch können wir es uns nicht verläugnen, dass wir nur dann das Leben vollkommen geniessen und benutzen, wenn wir uns bemühen, den Menschen in seiner grössesten Mannigfaltigkeit, und in dieser lebendig und wahr zu sehen.

Sollte es daher nicht der Mühe werth seyn, mehr als bisher geschehen ist, Gestalten der Natur und der Menschheit aufzufassen und zu zeichnen? zu sehen, was die ersteren wirken, und wozu sich die letzteren ausbilden können?

Freilich giebt es nicht gerade ein einzelnes Fach weder der Wissenschaften, noch der Beschäftigungen, in welches diese Bemühung unmittelbar eingreifen könnte. Für die Menschenkenntniss, welche das geschäftige Leben fordert, dürfte sogar diese allgemeine den Sinn nur verwirren und abstumpfen.

Aber dem Künstler und dem Menschen überhaupt, jenem um sein Werk, diesem um sich selbst zu bilden, müsste, dünkt mich, ein solcher Versuch höchst erwünscht seyn; und ich darf daher hoffen, dass Ihnen meine Schilderungen gerade darum willkommner seyn werden, weil sie von diesem Gesichtspunkte ausgehn.

Für heute wünsche ich Sie in eine Gegend zu führen, mit der wohl nur aufs höchste noch ein Paar andre in Europa verglichen werden können, wo die Natur und ihre Bewohner in wunderbarer Harmonie mit einander stehen, und wo selbst der Fremde, sich auf einige Augenblicke abgesondert wähnend von der Welt und den Menschen, mit sonderbaren Gefühlen auf die Dörfer und Städte hinabblickt, die in einer unabsehlichen Strecke zu seinen Füssen liegen — in die Einsiedlerwohnungen des Montserrats bei Barcelona.

Ich habe zwei unvergesslich schöne Tage dort zugebracht, in denen ich unendlich oft Ihrer gedachte. Ihre Geheimnisse schwebten mir lebhaft vor dem Gedächtniss. Ich habe diese schöne Dichtung, in der eine so wunderbar hohe und menschliche Stimmung herrscht, immer ausserordentlich geliebt, aber erst, seitdem ich diese Gegend besuchte, hat sie sich an etwas in meiner Erfahrung angeknüpft; sie ist mir nicht werther, aber sie ist mir näher und eigner geworden.

Wie ich den Pfad zum Kloster hinaufstieg, der sich am Abhange der Felsen langsam herumwindet, und noch ehe ich es wahrnahm, die Glocken desselben ertönten, glaubte ich Ihren frommen Pilgrimm vor mir zu sehn; und wenn ich aus den tiefen grünbewachsnen Klüften emporblickte, und Kreuze sah, welche heiligkühne Hände in schwindelnden Höhen auf nackten Felsspitzen aufgerichtet haben, zu denen dem Menschen jeder Zugang versagt scheint, so glitt mein Auge nicht, wie sonst, mit Gleichgültigkeit an diesem durch ganz Spanien unaufhörlich wiederkehrenden Zeichen ab. Es schien mir in der That das,

zu dem viel tausend Geister sich verpflichtet, zu dem viel tausend Herzen warm gefleht!Goethe, Die Geheimnisse Vers 59.

Und wie sollt' es auch anders seyn? Die Grösse der Natur und die Tiefe der Einsamkeit erfüllen das Herz mit Gefühlen, die selbst der leersten Hieroglyphe bedeutenden Inhalt zu geben vermöchten: und wie wir auch über eine Meynung oder einen Glauben denken mögen, so steht immer, als Vermittler zwischen uns und ihm der Mensch, aus dessen Empfindungen er entsprang. In dem Getümmel der Welt vergessen wir das oft, und urtheilen rasch und hart darüber ab; aber milder gestimmt in der Stille der Einsamkeit, ist uns alles, was menschlich ist, auch näher verwandt.

Lange hab' ich mich nicht losreissen können von dem Gipfel dieses wunderbaren Berges, lange hab’ ich wechselsweise meine Blicke auf die weite Gegend vor mir, die hier von dem Meere und einer schneebedeckten Gebirgskette umgränzt ist, dort sich ins Unabsehliche hin verliert, bald auf die waldigten Gründe unter mir geworfen, deren tiefe Stille nur von Zeit zu Zeit der Ton einer Einsiedlerglocke unterbricht. Ich habe mich nicht erwehren können, diesen Platz als den Zufluchtsort stiller Abgeschiedenheit von der Welt anzusehen, wo die gewiss nur Wenigen ganz fremde Sehnsucht, mit sich und der Natur allein zu leben, volle und ungestörte Befriedigung genösse; und sollte nicht billigerweise jeder rein menschlichen Empfindung auf Erden ein von der Natur besonders für sie begünstigter Ort geheiligt seyn, zu welchem der Mensch, wenn nicht sich selbst, doch wenigstens seine Einbildungskraft und seine Gedanken retten könnte?

Aber ich kehre zurück, Ihnen meine Wanderung von Anfang an zu beschreiben.

Der Montserrat liegt nordwestlich von Barcelona (2' 6“ westlicher Länge von Paris; 41° 36' 15“ der Breite), und der Fuss desselben ist etwa neun kleine StundenHerr Méchain schätzt diese Entfernung in gerader Linie, und die Krümmungen des Wegs abgerechnet, ungefähr auf 20000 Toisen. von dieser Stadt entfernt. Es führen zwei Wege zu dem Kloster, das ein wenig über der Mitte der Höhe des Berges liegt; ein kürzerer und steiler, den man nur gehen oder reiten kann, und ein andrer, auf dem man zu Wagen bis in den Hof des Klosters gelangt, aber einen halben Tag mehr Zeit braucht. Männer wählen gewöhnlich den ersteren.

Etwa zwei Stunden weit, bis an die lange und prächtige Brücke des Llobregat (des Rubricatus der Alten) ist der Weg derselbe mit dem nach Valencia. Ich sage Ihnen nichts von diesem Theile. Sie haben unstreitig die neulich erschienene FischerscheReise von <placeName key="geo-2759794">Amsterdam</placeName> über <placeName key="geo-3117735" >Madrid</placeName> und <placeName key="geo-2520600">Cadix</placeName> nach <placeName key="geo-3176219">Genua</placeName> in den Jahren <date when="1797">1797</date> und <date when="1798">1798</date> von Christian August Fischer. Berlin bei Unger. 1799. 8. Reisebeschreibung gelesen, die neben andern Vorzügen vor ihren Vorgängern besonders den treuer und anziehender Naturbeschreibungen hat, und kennen daher alle Reize der Katalonischen Gegenden, die liebliche Abwechslung waldigter Hügel mit schön bebauten Thälern, die sorgfältige und doch nicht kleinliche Cultur des Landes. die Reinlichkeit und Zierlichkeit der Dörfer und Landhäuser in dieser Nähe der Stadt, die überall Wohlstand und Fröhlichkeit athmen.

Wie man den Laubengang verlässt, den dicht an der Brücke die an der Chaussée hin gepflanzten Bäume über dem Wege bilden, und auf der Brücke steht, sieht man den Fluss hinauf den Weg vor sich, den man nehmen muss. Denn unmittelbar hinter derselben wendet man sich rechts, und bleibt nunmehr immer am rechten Ufer des Flusses.

Der Llobregat ist hier von beträchtlicher Breite. Er wälzt sich, wie die meisten Spanischen Flüsse, die, als Gebirgströme, im Sommer unbedeutend scheinen, aber im Winter und Frühjahr, oft zu nicht geringer Gefahr des Reisenden, plötzlich anschwellen, in einem weiten Bette hin. Zu seiner Linken sind anmuthige Wiesen. Aber zur Rechten ist der Weg nach dem Montserrat meistentheils von Bergen eingeschränkt. Erst gegen Martorell hin öfnet sich im Nordwesten ein weites romantisches Thal, und in der Mitte desselben erhebt sich der Montserrat, den man hier zum erstenmal erblickt.

Er steht wie eine hohe und lange Wand vor der Gegend vor, und da er sich überall von der freien Ebne emporhebt, ohne mit einem andern Gebirge zusammenzuhängen, so giebt ihm dies ein noch majestätischeres Ansehen. Er ist (wie es sein Name sagt) sägenförmig eingeschnitten, und zeigt eine Menge wunderbarer Ecken. Aber da die Entfernung dem Auge die kleineren zuckerhutähnlichen Spitzen verbirgt, die ihm, besonders auf den karrikaturähnlichen Holzschnitten der Jungfrau des Montserrats, beinahe das Ansehen eines Gletschers geben, so erscheint er von hier größer und ernster, als in der Nähe.

Vor dem Eintreten in Martorell besuchte ich die Brücke, die hier über den Fluss geht, und welcher das Volk den Namen der Teufelsbrücke giebt. Sie ist offenbar neu, und Gothischer Bauart; sie bildet ein hohes, spitzig zulaufendes Gewölbe, und in ihrer Mitte ist ein kleiner Bogen angebracht, um das Hinüberfahren zu verhindern, das ohnedies wegen der Steile sehr beschwerlich seyn würde. An dem der Stadt gegenüber liegenden Ende der Brücke steht ein alter, auf den Seiten sichtbar zerstörter Bogen, von grosser und fester, aber so einfacher Bauart, dass es unmöglich ist, einen bestimmten Stil daran zu erkennen.

Man nennt diesen Bogen gewöhnlich einen Triumphbogen, welchen Hannibal seinem Vater Hamilcar zu Ehren errichtete, ohne dass ich eine andre Autorität für diese Meynung kenne, als die in DillonsTravels through <placeName key="geo-2510769" >Spain</placeName> by John Talbot Dillon. London. 2. ed. 1782. 4. p. 382. Reise abgedruckte Spanische Inschrift der Brücke. Etwas, das ihn als einen Triumphbogen charakterisirte, hat er schlechterdings nicht, und standCellarius (Geogr. ant. T. 1. p. 147.) setzt an die Stelle des heutigen Martorells das alte Telobis (Τηλοβίς), dessen Ptolemaeus (l. 2. c. 6.) und Pomponius Mela (l. 2. c. 6.), in dessen neuesten Ausgaben es aber nach besseren Handschriften Tolobis geschrieben wird, erwähnen. Diese Bestimmung rührt von Petrus de Marca her, der es (Limes Hispan. l. 2. c. 23. §. 11.) für einerlei mit dem Orte hält, den das itinerarium Antonins unter dem Namen Fines um 20000 Schritte von Barcelona entfernt setzt. Andre geben ihm eine andre Lage. Florez in seiner España sagrada (T. 24. p. 20.) bemerkt sehr richtig, dass bei der kleinen Entfernung, in welcher alle Oerter, die hier in Betrachtung kommen können, von einander liegen, nicht eher mit Sicherheit hierüber entschieden werden könne, als bis man eine Inschrift, oder ein andres ähnliches Document darüber auffinde. — Gewiss scheint es, dass die ganze umliegende Gegend des Montserrats ehemals von den Lacetanern (wie sie die Römischen) oder den Jaccetanern (wie sie die Griechischen Schriftsteller nennen) bewohnt wurde, welche Hannibal vor seinem Zuge nach Italien besiegte, und in deren Gebiet hauptsächlich der Krieg zwischen Sertorius und Pompejus geführt wurde. wirklich schon ehemals, wie es wahrscheinlich ist, eine Stadt an der Stelle des jetzigen Martorell’s, und gieng dieselbe, weiter nach Barcelona hin, bis dicht an die Brücke heran, so machte dieser Bogen vielleicht das äussere Stadtthor aus, oder war auch eine blosse Brückenverzierung, wie die Bögen an der Brücke von St. Chamas über die Touloubre zwischen Aix und Arles, und an der über die Charente bei Saintes. Freilich aber sind dort zwei Bögen, einer zu jeder Seite der Brücke, da hier auf der andern Seite keine Spur von Trümmern zu sehen ist. Auffallend bleibt es indess, dass nicht die mindeste Verzierung und keine Spur einer Inschrift an demselben zu sehen ist, und dieser Grund reichte vielleicht hin, ihn über die Römerzeiten hinauszusetzen, wenn man sonst irgend ein Werk Karthagischer Baukunst in Spanien mit Sicherheit aufweisen könnte.

Die Brücke ist im Jahr 1768. wieder hergestellt worden, und ich weiss nicht, inwiefern man ihre vorige Gestalt beibehalten hatIn dem 1735. von Carl Christian Schramm in Leipzig herausgegebenen Historischen Schauplatz, in welchem die merkwürdigsten Brücken der Welt u. s. w. vorgestellt sind soll sich eine Abbildung dieser Brücke befinden, aus welcher dies klar seyn müsste. Ich habe aber dies Werk hier nicht auftreiben können.. Jetzt steht sie auf den Ueberbleibseln der Pfeiler einer alten, die mit dem Bogen von gleicher Bauart gewesen zu seyn scheint, auf, und ist etwa 4 Schuh schmaler, als der Bogen, der, nach einer ungefähren Schätzung, 18 Schuh Breite und 40 Schuh Höhe haben mag.

In Martorell sah ich denselben Fleiss, der fast alle Katalonischen Städte auszeichnet. Vor allen Thüren sitzen Weiber und Mädchen, und verfertigen Spitzen. Oft finden Sie ganze Familien, Mütter mit vier bis fünf Kindern, bei dieser Arbeit versammelt.

Hinter Martorell reitet man durch die Noya, die sich hier mit dem Llobregat vereinigt. Das Land fängt nun schon an, allmählig aufzusteigen, und der Montserrat zeigt sich jetzt immer mehr und mehr in seiner wahren Gestalt. Seine hundertfältigen Spitzen kommen nun deutlicher ins Gesicht, und zwischen ihnen sieht man weisse Punkte schimmern, über die man lange zweifelhaft bleibt, bis man nach und nach erkennt, dass es die Einsiedeleien sind, welche fromme Schwärmerei auf Gipfel und in Felsspalten hingepflanzt hat, welche vorher gewiss auch ein einzelner Wandrer nur mit Mühe besucht hätte. Allein auch die nächsten Gegenstände um den Weg her sind nichts weniger, als uninteressant. Er läuft in beständiger Abwechslung von Fruchtfeldern, Wiesen und Gebüschen hin, und vorzüglich hübsch nehmen sich in der Ferne einige Gruppen und Wäldchen von Pinien mit ihren palmenartig ästelosen Stämmen und ihren kuglichten Kronen aus.

Einige Stellen dieses Weges fielen mir besonders durch ihre Schönheit auf, ein Hohlweg zwischen Felsen, über denen immer grünes Gesträuch romantisch herüberhängt, und ein Standpunkt, wo das Auge von einer kleinen Anhöhe das Thal des schlängelnden Llobregats mit seinen reizenden Aeckern, Wiesen und Gebüschen eine weite Strecke hin verfolgt. In den letzten Tagen des Märzes, in welchen ich diese Gegend besuchte, erreicht dort gerade der Frühling den kurzdauernden, aber entzückenden Moment, wo sein jugendliches Aufknospen in seine volle Pracht übergeht. Ich würde Ihnen vergebens zu schildern versuchen, welch eine bezaubernde Mannigfaltigkeit der Farben die zahllosen Blüthen gewährten, mit welchem unnachahmlich zarten Grün, wie mit einem feinen Duft, die Bäume umgeben waren, deren Laub sich eben erst aus der Knospe entfaltete, wie schön dies mit dem Dunkel der immergrünen Gewächse abstach, deren das südliche Clima eine bewunderswürdige Menge erzeugt. Die reinere Luft und der reichliche Thau, der doch an dem kräftigeren Strale der Sonne so leicht wieder verduftet, geben allen Pflanzen in diesem glücklichen Himmelsstrich eine üppige Frische, eine unbeschreibliche Feinheit und Zartheit der Farben, einen Glanz, der die Sinne augenblicklich entzückt und sich der Phantasie dauernd einprägt.

Colbaton ist das letzte Dorf auf diesem Wege. Es ist klein und schlecht gebaut, und liegt nur noch etwa eine Viertelstunde von dem eigentlichen Fusse des Berges entfernt.

Man steigt etwa zwei Stunden von hier bis zum Kloster auf. Der Fusssteig ist in Schlangenlinien um die Seite des Berges herumgeführt, aber dennoch stellenweise sehr steil. Wenigstens fanden meine Reisegesellschafter und ich es für rathsamer, unsre Maulthiere zu verlassen, und zu Fuss hinaufzugehen.

Man behält auf diesem Wege immer die Höhe des Berges zur Linken, zur Rechten aber den Abgrund. Der erste Theil ist nicht interessant. Der Berg hat überhaupt erst gegen den Gipfel zu mehr Dammerde und einen schöneren Pflanzenwuchs. Zwar geniesst man auch hier bereits einer weiten Aussicht. Aber was sind diese Aussichten, wo nicht einzelne Gegenstände sich herausheben, und nicht ein schöner Vorgrund den ungeheuren Gesichtskreis zu einem Gemälde beschränkt?

Wir fiengen schon an, die nicht hinlänglich belohnte Beschwerde des Steigens unangenehm zu empfinden, als der Pfad sich plötzlich um eine Ecke drehte, und uns in einen weiten Busen des Berges führte. Nie hab’ ich einen gleichen Anblick genossen! Stellen Sie Sich zwei lieblich geformte Vorhügel vor, die sich zu beiden Seiten von dem Berge aus in die Ebne erstrecken; bekränzen Sie dieselben, so romantisch Ihre Phantasie es vermag, mit Gebüschen, und denken Sie Sich dazwischen im Thale zu Ihren Füssen den Lauf des Llobregats bis zum Meere hin, das sich majestätisch am Horizonte erhebt. Ich verweilte lange an dem Stamme einer Eiche, die in der Mitte dieses Busens steht, und in der That vereinigt dieser Standpunkt alles, was einer Landschaft Grösse und Schönheit zu geben vermag. Die Seiten des Berges sind wild und abentheuerlich durch die Pyramiden- und Cylinderförmigen Massen, die man erst hier in ihrer ganzen Sonderbarkeit sieht; die Vorhügel und die nächsten Ufer des Flusses geben das Bild einer anmuthigen und freundlichen Natur, und hinten verliert sich der Blick auf der unbegränzten Fläche des Meeres.

Man hat ein wenig hinabsteigen müssen, um in die Mitte dieser Falte des Berges zu kommen, man steigt jetzt wieder ebensoviel bis zu ihrem andern Ende hinauf, wendet sich um eine Ecke, und sieht bald darauf das Kloster vor sich liegen.

Es ist ein weitläuftiges Gebäude, und gleicht mit allen andern dazu gehörenden einer kleinen Stadt. Das Kloster selbst ist hoch, hat eine Menge kleiner Fenster und ist von gelblicher Farbe. In dem neueren Theile desselben ist ein kleiner runder Thurm. Der Eingang ist besonders finster und wunderbar. Auf zwei Säulen von ehrwürdigem Alter stehen der Heilige Benedictus und seine Schwester, die Heilige Scholastica. Letztere hält ein Buch in der Hand, auf der ein Vogel sitzt, den man leicht für einen Papagey halten kann, der aber unstreitig eine Taube vorstellen soll, weil, nach Gregors Erzählung, der Heilige Benedict in einer Erscheinung die Seele seiner Schwester in Gestalt einer Taube gen Himmel fliegen sah. Architektonische Schönheit muss man hier nicht suchen; das Ganze hat bloss eine sonderbare Gestalt, passt aber dadurch nur noch besser zu der Stelle, auf der es steht.

Nichts kann in der That sonderbarer seyn, als dieser Platz, den der Berg absichtlich geöfnet zu haben scheint, um dort Menschenwohnungen in seinen Schooss aufzunehmen. Die Gebäude stehen nach der Ebne zu an einem furchtbar schroffen Abgrund: der Haupteingang des Klosters aber ist an der Bergseite, und hier ist vor den Gebäuden ein länglicht schmaler Platz, den vorn und zu beiden Seiten ungeheure Felsen einschliessen. Neugierig späht das Auge des Reisenden an ihren glatten und senkrechten Wänden umher, und sucht vergebens nach einem Zugange zu den Einsiedeleien, deren er einige unmittelbar über sich im eigentlichen Sinne des Worts in den Lüften schwebend erblickt; und mit ängstlicher Beklemmung fühlt sich seine überraschte Phantasie auf einmal zwischen ungeheuern Naturmassen, und einer finstern, Schwermuth erregenden Mönchswohnung eingeengt.

Zur rechten Seite des Klosters tritt ein grosser Felscylinder beträchtlich über seine Grundfläche über, und dass die schauderhafte Empfindung, welche eine solche überhängende Masse erregt, nicht ungegründet ist, beweisen einige Beispiele hier wirklich heruntergefallener Felsstücke. So finde ich unter andern in einer Portugiesischen ReisebeschreibungChorographia de algunas Lugares que stam em hum caminho, que fez <persName key="gnd-124893783" >Gaspar Barreiros</persName> ó anno de <date when="1546">1546</date>. commeçãdo na cidade de <placeName key="geo-2521420">Badajoz</placeName> te á de <placeName key="geo-3173435">Milam</placeName> em <placeName key="geo-3175395">Italia</placeName>. Coimbra. 1561. 4. f. 116. aus dem 16. Jahrhundert erzählt, dass im März 1546. eines auf das Hospital des Klosters stürzte, und 9 Personen tödtete und mehr als 40 verwundete.

Auf diesem übertretenden Felsen sollen, wie mir ein Mönch sagte, Reste von Mauern und ein Kreuz stehen, zu denen aber der Zugang gefährlich sey. Die Volkssage leitet diese Ueberbleibsel von der Wohnung des Teufels her, der hier, wie ich Ihnen gleich erzählen werde, den frommen Vater Guarin verführte.

Die Zahl der Menschen, welche diese Einöde versammelt, beträgt etwa dritthalbhundert, unter denen sich einige siebzig Mönche befinden. Die übrigen sind Laienbrüder, Chorknaben, Aufwärter und Personen, welche die Oekonomie besorgen.

Der Ursprung des Klosters des Montserrats ist mit Dunkelheit umhüllt, und die Geschichtschreiber, welche desselben erwähnen, weichen um beinahe 200 Jahre von einander ab. Kirchen und Kapellen scheinen schon seit den ältesten Zeiten, und wenigstens gewiss im Laufe des 9. Jahrhunderts auf dem Berge gewesen zu seyn; sichere Spuren eines Klosters aber findet man erst in der Mitte des 11. Jahrhunderts, wo es der Benedictinerabtei von Ripoll einverleibt war. Im 14. Jahrhundert fieng es an, sich nach und nach von dieser unabhängig zu machen, und im Jahr 1410. erhob der Pabst Benedict 13. das Priorat des Montserrats förmlich zu einer unabhängigen, nur dem Römischen Stuhle unterworfenen Abtei, und Martin 5. und Eugen 6.Es ist festzustellen, dass es noch keinen Papst Eugen VI. gab. Humboldt muss sich also wohl geirrt haben. Stattdessen meinte er wahrscheinlich den Papst Eugen IV. bestätigten diese Erhebung. Damals hatte das Kloster nur 12 Mönche und so dauerte es bis 1493. fort, wo es der Benedictiner-Congregation von Valladolid einverleibt wurde, und die Zahl der Mönche nun seitdem bis auf die jetzige anwuchs. Diese Verbesserung bewirkte vorzüglich der damalige Abt des Klosters Garuá de Cisneros, der Neffe des Cardinals Ximenes, welcher auch der geistliche Reformator und Stifter der jetzigen Disciplin des Klosters wurde.

Die erste Veranlassung zu einem Kirchen- und Klosterbau in dieser Gegend soll die Auffindung des Bildes der Mutter Gottes gegeben haben, das noch jetzt dort verwahrt wird. Man setzt dieselbe gewöhnlich in das Ende des 9. Jahrhunderts. Schäferknaben sahen in der Nacht Lichter im Berge und hörten melodische Stimmen, wie von Engeln. Sie hinterbrachten es dem Bischof in dem nahegelegenen Manresa, und nach geschehener Nachsuchung fand man das Wunderbild. Man wollte es nach Manresa bringen, allein als es auf der Stelle des heutigen Klosters ankam, widersetzte es sich allen Versuchen, es von da wegzunehmen.

Zu gleicher Zeit entdeckte sich die Ursach der Vorliebe, welche das Bild für diese Stelle bewies.

Wifred 2. mit dem Beinamen: der Zottige (el velloso), damaliger Graf von Barcelona, hatte nemlich mehrere Jahre vorher seine besessene Tochter Riquilda zu einem frommen Mann Johann Guarin gebracht, der als Einsiedler im Montserrat lebte, und dieselbe — der Gegenvorstellungen Guarins, der seiner Stärke mistraute, ungeachtet — bei ihm gelassen, um neun Tage mit ihm allein in seiner Höle zu leben. Guarin war, besonders durch die Zuredungen des Teufels (der sich in der Gestalt eines andern Einsiedlers neben ihm angebaut hatte, und von dessen Wohnung jene ersterwähnten Trümmer herrühren sollen) sicher gemacht, der Versuchung unterlegen, und hatte der Jungfrau Gewalt angethan. Er klagte es seinem Freunde, und dieser rieth ihm, um der Verfolgung des Vaters zu entgehen, sie zu ermorden und zu entfliehen. Dies that Guarin; er verscharrte den Leichnam vor seiner Höle und entfloh: gieng aber nach Rom, wo ihm der Pabst, gerührt über seine Reue, Vergebung seines Vergehens ertheilte. Allein nun legte er sich die Büssung auf, sein übriges Leben hindurch nackt auf allen Vieren im Montserrat herumzukriechen, und nur mit den wilden Thieren zu schlafen und zu essen. Dies that er sieben Jahre hindurch.

Als um die Zeit der Auffindung des heiligen Bildes sich viele Menschen im Montserrat versammeln, hält Wifred 2. dort eine Jagd. Seine Hunde finden den Einsiedler, und stehen bellend vor der unbekannten behaarten Gestalt still. Ein beherzter Jäger geht hinan, legt dem Unthier einen Strick an und führt es nach Barcelona. Da Guarin keinen menschlichen Laut von sich giebt, lässt ihn der Graf um seine Tafel führen, um ihn seinen Gästen zu zeigen. Er folgt geduldig, isst aber nur mit den Hunden von den Brosamen des Tisches. Die Amme des erst drei Monate vorher gebohrenen Sohns des Grafen eilt gleichfalls, den Säugling im Arm, zu diesem Wunder herbei. Wie das Kind den Einsiedler erblickt, ruft es aus: Stehe auf, und schaue den Himmel an; Gott hat dir vergeben! und augenblicklich darauf kehrt es zum Kindergeschrei zurück.

Guarin umfasst nun des Grafen Kniee, entdeckt ihm sein Vergehen, erhält seine Verzeihung und beide eilen, den Leichnam der Ermordeten aufzusuchen. Es findet sich, dass das Wunderbild auf ihrem Grabe geblieben ist. Wie man dasselbe öfnet, steigt die Erschlagne lebendig und blühender, als sie vorher war, aus der Erde empor. Der erfreute Vater will sie mit sich nach Barcelona führen und verheirathen; aber sie will die Liebe, die ihr Maria bewiesen, nicht unerwidert lassen, und verlangt von ihrem Vater, dass er von ihrer Aussteuer der Jungfrau an dieser Stelle ein Kloster errichte, in dem sie Aebtissin und Guarin Seelsorger wird.

So wenigstens verbinden gewöhnlich die eifrigen Verehrer des Montserrats diese Legende (deren ich, als eines wunderbaren Gemisches von Abgeschmacktheit, Rohheit und Wollust mit wenigen Worten erwähnen zu müssen glaubte) mit der ersten Auffindung des Wunderbildes und der Gründung des Klosters. Kritischere Geschichtschreiber aber trennen die Errichtung einer Kirche im Berg von der Stiftung des Klosters. Die erstere setzen sie sehr hoch hinauf, die letztere aber so wie die damit zusammenhängende Geschichte Guarins nur in das 11. Jahrhundert. Die Legende Guarins gründet sich (nach Petrus de Marca) auf eine Urkunde aus der Mitte des 14. Jahrhunderts, welche dieselbe, ohne Bestimmung der Zeit, erzählt, und sein Name findet sich zuerst in einer an ihn gerichteten Schenkungsurkunde von 1063. In Barcelona stehen noch jetzt in einem Hause (welches der Graf, dessen Tochter er heilte, besessen haben soll, und das jetzt den Bernardinermönchen de Santas Cruces gehört) zwei alte Bildsäulen, deren eine den Einsiedler knieend, die andre die Amme mit dem Kinde im Arme vorstellt. Gab es daher auch wirklich, wie nicht unwahrscheinlich ist, einen Einsiedler dieses Namens, welcher sich für irgend ein Vergehen eine ausserordentliche Büssung auferlegte, so hat ihn unstreitig nur fromme Erdichtung bis in das 9. Jahrhundert hinaufgesetzt, um den fabelhaften Zusätzen, mit welchen man diese Geschichte ausschmückte, dadurch mehr Glauben zu verschaffen.Ausführlich findet man die Geschichte des Montserrats in Fr. Antonio de Yepes cronica general de la Orden de S. Benito. 1609. Vol. 4. fol. 224. u. f. in Petrus de Marca (Limes Hispan. l. 3. app. §. 3. p. 337.) und Florez España sagrada T. 28. p. 35. erzählt. Yepes lässt gleich vom Ende des 9. Jahrhunderts an ein Benedictinernonnenkloster im Berge bestehen, das erst 976. gegen ein Mönchskloster vertauscht wird. Marca und Florez verfahren kritischer und genauer. — Von Christoval Virues epischem Gedicht über die Gründung des Klosters im Montserrat, dessen Cervantes bei der Sichtung der Büchersammlung Don Quixote's mit grossen, und (man kann mit Recht hinzufügen) übermässigen Lobsprüchen erwähnt, gebe ich Ihnen ein andermal einige Nachricht.

Es war schon weit über Mittag, als wir im Kloster ankamen, und wir wandten den Rest des Tages dazu an, die innern Merkwürdigkeiten desselben zu besehen, den Abt und einige Mönche zu sprechen. Sie empfiengen uns mit der Gastfreundschaft, die sie gegen jeden Fremden ausüben, der ihre Einöde besucht, und wir genossen noch besonders der freundschaftlichen Sorgfalt eines Landsmanns, des Paters Schilling aus Erfurth,Näheres über ihn gibt Farinelli, <persName key="gnd-118554727">Guillaume de Humboldt</persName> et l’<placeName key="geo-2510769">Espagne</placeName> S. 123. der durch eine Reihe von Umständen erst in Spanische Kriegsdienste und dann in dies Kloster gekommen ist, aber im Geringsten nicht unzufrieden scheint, sein Vaterland gegen diese Einsamkeit vertauscht zu haben.

Die Mönche sind, wie ich Ihnen schon vorhin sagte, Benedictiner, und zwar von der Valladolider Congregation (congregatio Vallisoletana). Diese fügt zu den drei bekannten Mönchsgelübden der Armuth, Keuschheit und des Gehorsams noch das der Clausur hinzu. Sie dürfen sich also ohne Erlaubniss des Abtes nicht aus dem Kloster entfernen, nicht einmal um in den Berg zu gehen. Indess giebt es zwei Monate im Jahr, wo ihnen sogar den Berg zu verlassen und zu verreisen erlaubt ist. Sie machen ein Kapitel zusammen aus, und wählen ihren Abt selbst, der es nur immer vier Jahre bleibt.

Mit dem Innern des Klosters werde ich Sie nicht lange aufhalten; alles verschwindet hier vor der Grösse und Sonderbarkeit der Natur.

Die Kirche ist geräumig und bildet ein flaches, aber sehr breites Gewölbe. Sie ist mit ungeheurer Pracht durchaus vergoldet und mit Arabesken bedeckt. Aber so wenig auch das Einzelne geschmackvoll genannt werden kann, so macht dennoch das Ganze einen prächtigen und feierlichen Eindruck.

Der Platz um den Hochaltar ist durch ein bronzenes Gitter von der übrigen Kirche abgesondert und durch einige 8o silberne Lampen beständig erleuchtet. Ueber demselben in einer Nische steht das heilige Bild, zu dem noch beständig eine Menge von Wallfarthen geschehen.

Das Schnitzwerk des Chors hat Verdienst in der richtigen und edlen Zeichnung der Figuren, enthält aber bei weitem keinen solchen Reichtum künstlerischer Erfindung, als man an ähnlichen Arbeiten in andern Kirchen findet. Man schreibt es Christoph von Salamanca zu, und sowohl diese Arbeit, als der Hochaltar, ein Werk Stephan Jordans aus Valladolid,Beide Meister wirkten unter der Regierung Philipps II. ist aus dem Ende des 16. Jahrhunderts, wo die Bildhauer- und Baukunst mehr in Castilien, als im übrigen Spanien blühte. Denn erst 1599. Brachte man, wie eine eigne lateinische Inschrift sagt, das heilige Bild, in Gegenwart Königs Philipp 3., aus der damaligen alten Kirche in diese neue.

Der Gottesdienst des Montserrats zeichnet sich durch eine besondre Feierlichkeit und vorzüglich durch eine trefliche Kirchenmusik aus. In dem daselbst befindlichen Institut für Knaben zum Chorgesang haben sich selbst profane Künstler gebildet.

Der sogenannte Schatz besitzt eine Last von Gold, Silber und Edelsteinen. In Rücksicht auf die Kunst ist nur der auch schon sonst bekannte in einen Onyx geschnittene Medusenkopf merkwürdig.

Die Bibliothek hatte ich nicht Zeit zu untersuchen. Man sagt, dass sie eine beträchtliche Anzahl von Handschriften enthalte, von denen die meisten die Katalonische Geschichte zu betreffen scheinen.

Von Gemälden ist nur ein jüngstes Gericht, das vor der Bibliothek hängt, bemerkenswerth, auf dem die Einbildungskraft des Künstlers heidnische und christliche Höllenstrafen auf eine in der That schauderhafte Weise zu vervielfältigen und darzustellen gewusst hat. Ueber dieses erfahren Sie mehr, wenn ich Ihnen die ausführliche Beschreibung aller merkwürdigen Gemälde Madrids, der Königlichen Lustschlösser, und des ganzen mittäglichen Spaniens schicke, von der ich Ihnen schon einigemale sprach.Diese von Karoline von Humboldt verfaßte Beschreibung ist dann später in Goethes Nachlaß verschwunden; vgl. darüber meine Zusammenstellung Neue Briefe von <persName key="gnd-118554719">Karoline von Humboldt</persName> S. 102.

Das heilige Bild ist von Holz, und wie die meisten andern dieser Art, von schwarzer Farbe an Händen und Gesicht — ein Umstand, der wohl dem Alter, dem Staube und dem Lampen- und Weihrauchdampfe zuzuschreiben ist. Die Gesichtszüge desselben sind rein und edel. Ich brauche Ihnen nicht erst zu sagen, in welcher Heiligkeit es seit Jahrhunderten von den Gläubigen gehalten worden ist. Kaiser und Könige stellten Wallfarthen dahin an: Madrid, Wien und selbst Rom weisen Kirchen der Jungfrau des Montserrats auf: die Söhne mehrerer der ersten Familien Spaniens wurden in die Zahl der, ihrem Dienste geweihten Knaben theils eingeschrieben, theils wirklich aufgenommen; Ludwig 14. verschafte denjenigen seiner Unterthanen, welche zu ihr wallfarthen würden, geistliche Vortheile vom Pabst; Johann von Oesterreich, der Sieger bei Lepanto, sandte ihr nach der Schlacht einige Fahnen und die erbeutete Leuchte des türkischen Admiralsschiffs, und soll selbst die Absicht gehabt haben, seine Tage als Einsiedler in dieser Einöde zu beschliessen; und Karl 5., der sie zu neun verschiednen Malen besuchte, starb, eine an ihrem Altar geweihte Kerze in der Hand.

Wir machten uns am andern Morgen mit Anbruch des Tages auf, die Einsiedeleien zu besuchen. Da das Wetter nicht ganz sicher schien, so eilten wir zuerst der Spitze des Berges zu, um von da die Gegend zu überschauen.

Auf der linken Seite des schmalen Platzes vor dem Klosterthor windet sich eine schmale Treppe zwischen den Felsen hinauf, durch die man zunächst in die Einsiedelei der Heiligen Anna kömmt.

Wir begegneten hier einem Einsiedler, der, weil er alt und nicht wohl war, in das Kloster hinabstieg, um einige Wochen in der Krankenstube desselben zu bleiben. Es war ein kleiner, stämmiger Mann mit fester und entschlossener Mine, und seine graue härene Kutte, sein Stab, und sein langer ungekämmter Bart gaben ihm zwischen diesen rauhen Felsen ein Ansehen von Wildheit, das mich überraschte. Nothwendig aber gränzt das Einsiedlerund Heiligenleben, das immerfort mit allem Ungemache der Natur ringt, an den Zustand der Naturwildheit.

Wir hatten schon beträchtlich steigen müssen, als wir an der Thür der Einsiedelei der Heiligen Anna standen. Wir klopften an, und der Einsiedler öfnete uns sogleich. Er setzte sich erst, ehe er ein Wort sprach, einen Augenblick zum Gebet in seiner Kapelle nieder: dies ist eine allgemeine Sitte; dann sprach er mit uns, und behandelte uns mit vieler Freundlichkeit.

Es war ein hübscher Mann mit einer milden und sanften Mine und einer einnehmenden Gesichtsbildung. In dem schlichten Ebenmasse seiner Züge, der kleinen aber ofnen Stirn, dem hellen und ruhigen Blicke seiner Augen, der gerade absteigenden Nase, und dem schönen, Ehrfurcht erweckenden Barte zeichnete sich ein milder Ernst, genügsame Heiterkeit und stiller Seelenfrieden. Er erzählte uns, dass er aus Valladolid gebürtig sey und ehemals eine angesehene Stelle in der Königlichen Schatzkammer bekleidet habe. Auf unsre Frage: wie lange er schon den Berg bewohne? sagte er: „Achtzehn Jahre, aber diese achtzehn Jahre sind mir wie achtzehn Tage verstrichen. Nichts hat je meine Ruhe gestört, als das Andenken an meine Fehler.” Ich fragte ihn weiter, was ihn vermocht habe, die Welt zu verlassen? Aber hierauf gab er mir keine directe Antwort. Er zeigte zum Himmel und sagte: dies komme nicht aus dem Menschen, es werde von oben eingegeben, der Mensch könne nur folgen. Er führte uns dann durch seine Wohnung und seinen Garten, und zeigte uns alles, was zu seiner Oekonomie gehörte. Nur das Bett Fremde sehen zu lassen, ist, wie er uns sagte, gegen den Einsiedleranstand.

Diese Einsiedeleien sind niedrige, aber für ihre Bestimmung hinlänglich geräumige Gebäude von Einem Stockwerk und verschiedener Bauart nach der Verschiedenheit ihrer Lage. Indess haben alle eine Kapelle, mehrere Stuben, eine Küche, eine Cisterne, und die meisten noch einen Säulengang um die Wohnung, oder doch eine Vorlaube. Bei jeder finden Sie ein oder mehrere kleine Gartenstücke auf den Terrassen, welche die Felsen ringsherum bilden. Ueberall wurde ich durch eine ausserordentliche Reinlichkeit in der Kleidung und den Wohnungen der Einsiedler und durch die sorgfältige Zierlichkeit ihres Gartenbaues überrascht.

Die Einsiedelei der Heiligen Anna dient zugleich sämmtlichen Einsiedlern zur Pfarrkirche, in der sie an bestimmten Tagen (oft einigemale in der Woche) zusammenkommen, und von einem Mönche, der ihr Seelsorger ist, und mitten unter ihnen (in der Einsiedelei des Heiligen Benedictus) wohnt, das Sacrament empfangen. Die Kapelle dieses Einsiedlers bildet also einen kleinen Saal, in welchem ausser seinem eigenen Betstuhle noch zu beiden Wänden zwei Reihen ordentlicher Chorstühle für seine 11 Mitbrüder stehen.

Es muss ein abentheuerlicher Anblick seyn, hier im Winter, noch in der Nacht (um 4 Uhr Morgens) die Einsiedler, halb erstarrt vor Frost, mit Fackeln den Berg durch die engen Felswege herunterkommen, und dann zum Gottesdienst in dieser schauderhaft einsamen Höhe versammelt zu sehen.

Von der Heiligen Anna bis zur Einsiedelei des Heiligen Hieronymus, die dem Gipfel sehr nahe liegt, aber jetzt leer steht, hatten wir einen beträchtlichen Weg durch das Gebirge zu machen.

Der ganze Montserrat besteht aus etwa 6 bis 7 Stockwerken, d. h. senkrechten Wänden, welche durch 6 bis 7 kleine schräge Ebenen verbunden sind. Das unterste Stockwerk trägt noch Weinreben, und alle Ebenen sind auf das üppigste mit Bäumen, Gesträuchen und Kräutern mannigfaltiger Art bewachsen. Bis auf die höchste Spitze geht noch die Vegetation fort, und selbst in den Spalten der Felsen rankt sich noch einiges Gesträuch hin. Dieser schöne Pflanzenwuchs ist, da es dem Berg unläugbar an Quellwasser mangelt, nur der Reichlichkeit des Thaues beizumessen.

Aus dem dichtverwachsnen, üppig rankenden, dunkelgrünen Gebüsche heben sich nun die glatten und nackten Scheitel der Felssäulen und Kegel empor, deren, je mehr man sich dem Gipfel nähert, immer mehrere und sonderbarere sichtbar werden. Ich würde es umsonst versuchen, Ihnen die wundersamen Gruppen zu schildern, die sie bilden, und deren Anblick bei jeder neuen Wendung des schlängelnden Fusspfades unaufhörlich wechselt. Wenn ich ein Einsiedlerleben in diesem Berge führen sollte, würde es mir, dächt' ich, eine anziehende Beschäftigung seyn, diese Gipfel unterscheiden zu lernen, und ihnen Namen zu geben, sie bei der aufgehenden Sonne zu begrüssen, ihnen bei der scheidenden Lebewohl zu sagen.

Der Montserrat hat nicht den ernsten, grossen und feierlichen Charakter nordischer Gebirge, der Alpen, unsrer Bergketten, oder auch der Pyrenäen. Ein inselförmig allein stehender Berg, in unzählige kleinere Felsmassen zerspalten, mit meistentheils niedrigem Gesträuche bewachsen, ist er rauh, wild, chaotisch-gestaltet in seinen Gipfeln, anmuthig und freundlich in seinen Gründen, wunderbar und abentheuerlich im Ganzen, aber nicht eigentlich gross und erhaben. Es fehlen ihm die mächtigen Wände, die ungeheuren Flächen, auf denen das Auge weit hinausschweift; er hat keine fürchterlich rauschenden Wasserfälle, keine Gruppen finstrer Tannen, keine Eichen, deren dicker Stamm und deren knotige, mannigfaltig gewundene Aeste den Kampf bezeugen, den sie vielleicht schon ein ganzes Jahrhundert hindurch gegen die Macht der Elemente bestanden. Die Bäume, die man hier sieht, sind kleiner und schwächer; Nadelholz ist nur wenig, und was man am häufigsten findet, ist immergrünes Gesträuch mit einem dunkelglänzenden Laube. Was indess diesem Berge an Grösse abgeht, ersetzt er durch die wunderbare Verbindung von Anmuth und Wildheit und durch die feierliche Stille, die in ihm herrscht. Zu Ihren Füssen ist eine reizende und blumige Ebne, und einen einzigen Blick in die Höhe gerichtet, und Sie schauen in ein Chaos von Klippen, das den Trümmern einer ungeheuren Felsenstadt gleicht.

S. Geronimo hat ohne Zweifel unter allen Einsiedeleien des Montserrats die schönste und romantischste Lage. Der Morgen, an dem wir diese Gegend besuchten, war neblig, aber der Nebel lag noch tief im Thale, der Himmel war heiter und blau, und die Sonne schien sehr warm herunter. Vor uns gegen das Kloster zu und zu unsrer Linken erhoben sich die Spitzen des Berges inselartig aus dem feuchten Duftmeere, das die ganze Fläche bedeckte. Vorzüglich schön stieg gerade gegen uns über, gleich einem mächtigen Eiland, eine Gruppe von Felsmassen empor, die man vom ganzen Berge aus leicht bemerkt und die sich gerade hinter und über dem Kloster zu erheben scheint. Zur Linken standen die Felsen mehr einzeln und abgeschnitten. Zu beiden Seiten öfnete sich der Blick in die Gegend. Aber zur Linken lagen die weissen Nebelwolken noch still und dicht, wie ein Meer; langsam, aber in steter Bewegung, zogen sie sich von da durch die Spitzen vor uns, und lagerten sich, aber dünner und zerrissner auf die, in wechselnden Gestalten durch sie durchschimmernde Fläche.

Zur rechten Seite dieser Einsiedelei ist ein furchtbarer, kraterähnlicher Abgrund; Steine, die meine Begleiter hineinwarfen, tönten lang und dumpf nach; aus der Mitte der schauderhaften Tiefe steigen einige Felsspitzen thurmartig auf.

Der Weg von S. Geronimo zum äussersten Gipfel des Berges ist kurz, aber steil und mühsam. Dieser Gipfel erhebt sich, wie ein schroffes Vorgebirge, und ist überall, die Seite allein ausgenommen, von welcher der Fusssteig hinaufführt, von jähen Abgründen umgeben. Auf demselben steht eine kleine, der Jungfrau gewidmete Kapelle, zu welcher gewöhnlich der Einsiedler in S. Geronimo den Schlüssel hat. Jetzt da diese Einsiedelei leer stand, war sie verschlossen, aber wir fanden ein Paar Löcher in die Thür geschlagen, die, wie man uns nachher sagte, von einem Blitz herrührten, der sie wenige Tage vorher getroffen hatte.

Rund um die Kapelle ist nur noch ein schmaler, mit einem Geländer umgebener Gang, und von hier übersieht man nicht nur eine ungeheure Fläche Landes und das Meer, sondern auch einen Theil des Umkreises des ganz isolirt stehenden Berges. Denn diese Höhe befindet sich gerade an dem einen Ende desselben, wo er mit seiner, nach den östlichen Pyrenäen zugekehrten Seite sehr schnell abstürzt.

Uns erlaubte das Wetter nicht, die Aussicht des Landes in ihrer ganzen Ausdehnung zu geniessen; aber wir gewannen vielleicht nur dabei, weil wir das prächtigste und grösseste Wolkenschauspiel sahen, dessen ich mich je erinnere.

Da die Sonne noch hell von dem heitern Himmel herabschien, so war auch der äusserste Horizont an den Gebirgen von Roussillon und den dahinter hervorblickenden Pyrenäen noch rein, und man übersah vortreflich die ganze beschneite Bergkette. Aber, näher am Berge und auf dem ganzen flachen Lande lagen Nebelwolken. Am dichtesten waren sie im Abend gethürmt, von da gieng ihre Bewegung aus, und so zogen sie sich rund zu unsern Füssen herum. In der untersten Tiefe wälzten sie sich schwer und langsam, höher jagte der feine Duft schnell durch die Felsenritzen und im Morgen und Mittag war ein sonderbares Gewühl und Gemisch. Die Berge des Landes, das Meer und die Gewölke des Nebels verschwammen so in einander, dass schlechterdings keine sondernde Gränze mehr sichtbar blieb. Aus dem Nebelmeere erhoben sich lange zart und leicht geflockte Wolken zum reinen Himmel empor. Nach und nach kamen mehrere und grössere dieser Gewölke, zwei grosse, eins tiefer, das andre höher, neigten sich mit ihren immer verlängerten Spitzen gegen einander und verschlangen immer mehr der heitern Bläue; der feine Duft jagte schon höher um uns her, die Sonne wurde selbst schon leicht bedeckt und alles kündigte trüberes Wetter an. Wir eilten nun hinunter und auf S. Onofre zu, eine Einsiedelei, die ganz an der andern Seite des Berges liegt, aber, wie man uns gesagt hatte, die wunderbarste Lage im Felsen haben sollte.

Wir giengen jetzt durchaus in Nebel gehüllt. Alle Aussicht war uns benommen; wir sahen nur die nächsten Felsen in dem Augenblicke, da wir davor standen, aber ihr einzelnes und plötzliches Erscheinen vermehrte nur noch ihr abentheuerliches Ansehen.

Die erste Einsiedelei, zu der wir auf unserm Wege gelangten, und deren Namen ich mich nicht mehr erinnere, ist an einer hohen, wilden und einsamen Gegend des Gebirges gebaut und von einigen Cypressen umgeben. Ihre Gartenstücke überraschten uns durch die zierliche Sorgfalt, mit der sie bepflanzt waren. Nicht gleich freundlich aber war ihr Bebauer. Er empfieng uns mit verdriesslicher Mine, verrichtete sein Gebet mit finsterm Gesichte, und schlug uns geradezu ab, uns seine Wohnung zu zeigen. Seiner Physiognomie nach zu schliessen, war dieser Charakter (den die Spanier mit einem ausdrucksvollen Wort ein genio adusto nennen) in ihm tief in seiner Organisation gegründet. Er war gross und hager, hatte eine sonderbare Schädelform, eine sehr hohe schwärmerische Stirn, einen trotzig aufgeworfenen Mund, eingefallene Wangen und grosse finstere Augen.

Man sagte mir nachher, dass er ein Aragonier sey; und man legt den Aragoniern gewöhnlich finstern Ernst, Stolz und eigensinnigen Trotz zur Last. Sie wissen schon aus andern Reisebeschreibungen, was es mit diesen, von allen Provinzen Spaniens gegenseitig einander zugeworfenen Beschuldigungen zu bedeuten hat. Wahr mag es indess seyn, und gewiss gereicht es den Aragoniern nicht zum Nachtheil, dass in ihnen das fortwirkende Andenken ihrer ehemaligen Verfassung einen unabhängigern Sinn, mehr Selbstständigkeit und einen wärmern Nationalstolz erhalten hat.

Nachdem wir diese Einsiedelei verlassen und einen beträchtlich weiten Weg zurückgelegt hatten, befanden wir uns auf einmal an dem Fusse zweier dicht an einander stehender senkrechter Felssäulen, durch welche bloss eine ganz schmale, über 8o Stufen hohe Treppe zu dem obern Stockwerke des Berges führt. Diese Treppe ist der Zugang zu drei dicht bei einander gelegenen Einsiedeleien, S. Magdalena, S. Onofre und S. Juan.

Die erstere liegt allein zur Rechten, und hat einen sehr unbequemen Eingang über grosse Felsstücke hin. Ihr Bewohner war ein hübscher, freundlicher Mann, der uns überall herumführte. Er schien in seiner kleinen Oekonomie, der er sich, wie man an der durchgängigen Ordnung und Reinlichkeit bemerkte, eifrig annahm, ein einsames, aber heitres häusliches Leben zu führen. Er ist, wie mehrere Einsiedler des Berges, ein Tischler, und seine Wohnung war reichlicher und zierlicher, als wir bei den andern bemerkt hatten, mit Kommoden, Stühlen, Tischen und anderm Hausrathe versehen.

S. Onofre und S. Juan hängen gleich Adlernestern am Felsen. An einer schroffen und langen senkrechten Wand ist vermuthlich ein länglichter Riss, gleich einer Höle, gewesen. Diesen hat man benutzt, Einsiedeleien darin anzulegen. Daher sind ihre Hauptwände der natürliche Fels. Nur die vordere ist ganz gemauert, und verschliesst bloss die Felsspalte. Die Hinterwand und zum Theil das Dach giebt diese selbst her. Der Eingang ist bei jeder der beiden Einsiedeleien zur Seite durch hohe und beschwerliche Treppen am Felsen, und die Gärten liegen auf tiefer unten befindlichen Terrassen.

Wir besuchten S. Onofre. Der Einsiedler, der hier wohnt, hat aus seinem Fenster eine herrliche und ungeheuer weite Aussicht auf das Land und das Meer; da der Himmel wieder helle geworden war, konnten wir sie jetzt mit geniessen; doch war es nicht klar genug, um, wie sonst, die Insel Mallorca zu sehen. Zur Linken steht ihm die Einsiedelei der heiligen Magdalena und eine furchtbar steile, der seinigen ähnliche Felswand. Er ist ein Franzose, und wir fanden in ihm einen freundlichen und gefälligen Mann, in dem sich die Spuren des Charakters seiner Nation nicht verwischt hatten. Mitten in dieser schrecklichen Einöde hatte er ihre fröhliche Laune, ihre Gesprächigkeit und Lust an gesellschaftlichem Umgange nicht verloren. Er hatte vordem in einem der angesehensten und gesellschaftlichsten Handlungshäuser Barcelona’s gelebt, erzählte uns aber, dass er sich immer nach dieser Stelle gesehnt habe, und dass, seitdem er hier wohne, nichts seiner Heiterkeit und Zufriedenheit mangle. Er setzte uns ein schmackhaftes Frühstück vor, und wollte uns schlechterdings auch zum Mittag bei sich behalten.

S. Juan ist dicht neben ihm an, und unter Einem Dache gebaut. Ein Spanischer lebenssatter Graf soll diese Einsiedelei angelegt und die Erlaubniss erhalten haben, mit dem Einsiedler in S. Onofre in Gemeinschaft zu leben. Nach seinem Tode aber hat man die Verbindungsthüre zugemauert, und jetzt müssen beide Einsiedler, deren Fenster nur um wenige Schuhe von einander entfernt sind, eine Stunde Weges machen, um den Felsen herunter und hinauf zu einander zu gelangen.

Auf dem Rückwege von hier nach dem Kloster besuchten wir noch einige Einsiedeleien, in denen wir aber weiter nichts Bemerkenswerthes antrafen.

Die zwölf Einsiedler (der unter ihnen wohnende Mönch macht die Zahl der dreizehn Einsiedeleien voll) sind gleichfalls Mönche und thun dieselben Gelübde, als die im Kloster. Nur sind sie nicht zu Priestern geweiht, haben strengere Pflichten und dürfen unter keinerlei Bedingung den Berg verlassen, der ihre Clausur ist, und vier kleine Spanische Meilen im Umfange hat. Ihr Leben sieht auf den ersten Anblick sehr reizend aus — ungestörte Einsamkeit, eine prächtige Natur und scheinbare Unabhängigkeit. Allein wenn man genauer nachfragt, verschwindet diese glänzende Aussenseite gar sehr.

Der arme Einsiedler ist den ganzen Tag mit Andachtsübungen beladen, und behält kaum zwei bis drei Stunden übrig, sein Gärtchen zu bestellen und einige Handarbeit zu verrichten. Um zwei Uhr Morgens muss er aufstehen und bis sechs oder sieben Uhr in Gebet, Meditation und Lesung heiliger Bücher zubringen. Dann besorgt er seine kleine Wirthschaft und seine Küche. Nachher gehen andre Andachtsübungen bis Mittag an, und so den ganzen Tag. Um jede dieser Stunden muss sein Glöckchen die Glocken des Klosters begleiten. Er darf zwar seine Einsiedelei verlassen; aber abgerechnet, dass ihm seine Beschäftigungen weite Entfernungen verbieten, so würde er bald getadelt werden, wenn er grössere oder häufigere Spatziergänge bloss zum Vergnügen, vorzüglich auf gangbaren Wegen anstellte. Ob es ihm gleich nicht geradezu untersagt ist, seine Mitbrüder zu besuchen, so ist es doch gegen die Strenge seiner Pflicht, dies öfter, oder überhaupt anders, als im Nothfalle, zu thun.

Dabei sind die körperlichen Beschwerden, welche die Einsiedler zu erdulden haben, sehr gross. Im Winter sind sie in den Felshölen, die sie bewohnen, einer empfindlichen Kälte, und fast zu allen Zeiten einem unangenehmen Winde ausgesetzt. Vor Tage müssen sie Sommers und Winters, in dieser letztem Zeit mit Fackeln, in ihr Versammlungshaus kommen, und thun auf diesen weiten und beschwerlichen Wegen oft gefährliche Fälle. Das ganze Jahr hindurch dürfen sie kein Fleisch essen, und müssen sich, da sie sich nicht immer Milch, Butter oder Eier verschaffen können, meist mit getrocknetem Fisch, Oliven u. s. f. begnügen. Diese Pflicht hängt eigentlich mit ihrem Wohnen im Berge zusammen. Denn niemand, weder ein Mönch des Klosters, noch ein Laie, darf zu irgend einer Zeit des Jahres in einer Einsiedelei etwas anders, als Fastenspeise geniessen, und der Einsiedler würde dem Fremden kein Feuer geben, von dem er vermuthen könnte, dass er sich im Berge Fleisch zubereiten wollte. Zum Kloster steigen sie nur an bestimmten Tagen (etwa 15 bis 20 mal im Jahr) zum Gottesdienst, wo sie alsdann mit den Mönchen essen, oder wenn ein Mönch begraben wird, oder wenn sie krank oder zu alt sind, die Beschwerlichkeiten des Berglebens zu ertragen, hinab. In diesem Falle kommen sie immer herunter, und man wusste mir kein Beispiel eines im Berge Gestorbenen anzugeben.

Jenes Zwanges und dieser Beschwerden ungeachtet, fehlt es nie an Leuten, die sich um Stellen in diesen Einsiedeleien bemühen. Zu zweien, die jetzt leer standen, waren so viele Bewerber, dass der Abt, wie er mir selbst sagte, sich nicht entschliessen konnte, eine Wahl zu treffen, um nicht die Zurückgewiesenen dadurch zu beleidigen. Darüber dürfte man sich vielleicht weniger wundern, wenn es bloss oder doch vorzüglich Geistliche und namentlich Ordensgeistliche wären, welche diese Plätze suchten. Des Despotismus und der Verfolgung, die so oft in der Klostergemeinschaft herrschen, überdrüssig, könnten sie vielleicht doch der unmittelbaren Aufsicht los zu werden, und wenigstens in einem Stande, den sie einmal nicht verlassen dürfen, das Erträglichste zu wählen wünschen. Allein es sind unter den Bewerbern Leute der verschiedensten Stände, sogar angesehene Militairpersonen. Da nicht leicht jemand unter 30 Jahren oder mehr eine solche Stelle bekommt, so ist auch jugendliche Uebereilung oder älterliche Ueberredung nicht leicht die Ursache dieses Entschlusses.

Man sollte daher auf die Vermuthung gerathen, dass religiöse Schwärmerei daran Schuld, und diese unter allen Ständen Spaniens noch sehr allgemein verbreitet sey. Ohne über dies letztere entscheiden zu wollen, muss ich dennoch gestehen, dass der Anblick der Einsiedler des Montserrats diese Vermuthung keinesweges in mir bestätigte. Alle, die ich sah, und die mir andre, Reisende und Einheimische, schilderten, sind stille und ruhige, dem Ansehen und vermuthlich auch der Wahrheit nach fromme Menschen, aber, einen oder ein Paar vielleicht ausgenommen, ohne einige Spur von Ueberspannung oder Schwärmerei. Die Reinlichkeit, in den Altar ihrer kleinen Kapellen mit Blumen, kleinen Gefässen, oder wie sie sonst können, verzieren, der Fleiss, den sie auf ihre Gärten, die Mauern und Hecken vor ihren Wohnungen, die Felstreppen ringsherum verwenden, zeigt (vorzüglich unter einer sonst nicht sonderlich auf diese Dinge aufmerksamen Nation), dass sie sich mit Liebe dieser häuslichen Geschäfte annehmen, die sie, da alle 13 nur Einen Tageweis umgehenden Aufwärter haben, natürlich selbst verrichten müssen. In keinem einzigen, den ich besuchte, bemerkte ich einen träumerischen, oder in Grübeleien vertieften, oder trägen Charakter, und wenn man sieht, wie genau sie jeden Grashalm um ihre Einsiedelei herum kennen, mit welcher Neugierde sie aufmerken, wenn der Fremde, der zu ihnen kommt, ein Moos oder eine Pflanze in die Hand nimmt, und sogleich nach dem Namen, den Eigenschaften und den Heilkräften derselben forschen; so vergisst man leicht, dass diese Menschen nur mit dem Himmel beschäftigt sind.

Der Einsiedler lebt, wie der Wilde, beständig mit der Natur, er beschreibt nur einen kleinen Kreis um seine Zelle; aber dieser kleine Kreis ist seine Welt, und in ihr bleibt kein Punkt ihm verborgen, oder unbenutzt. Wie der Wilde, hat er oft mit der Macht der Elemente zu kämpfen, wie er, klimmt er mit Behendigkeit und Kühnheit an fast senkrechten Felswänden hin; nur ist er glücklich genug, in einer Lage zu seyn, in der nicht leicht ein feindseliges Gefühl den Frieden seiner Brust stören kann. Selbst den Vögeln des Waldes um ihn her ist er nicht gefährlich; auch kommen sie auf sein Locken und nehmen vertraulich ihre Nahrung aus seiner Hand. Mehr daher, als von einem eigentlichen Verbote mag es herrühren, dass man bei keinem Vögel in Käfigen antrift.

In den Stunden ihrer Musse und wenn ihr Garten und ihre Wohnung keine Sorgfalt mehr fordert, beschäftigen sich diese Einsiedler mit mechanischen Arbeiten. Die meisten machen kleine Kreuze von verschiedenen Farben, welche das Volk begierig kauft. Einer hatte — wie weiland Kaiser Karl 5. — mehrere Wanduhren in seiner Zelle. Kein Wunder! Das blosse Fortrücken der Zeit, das uns nur ein ärgerliches Hinderniss ist, das wir gern vergessen möchten, ist für ihn eine wichtige Begebenheit.

Es muss ein wunderbares Gefühl seyn, auf das Vorrecht des Menschen, nicht, wie die näher an den Boden geknüpften Thiere, nur innerhalb gewisser enger Gränzen zu bleiben, sondern nach Neigung und Lust herumzuschweifen, Verzicht zu thun, alle seine Kräfte und seine Wünsche in eine Spanne Land einzuschliessen, und eine halbe fruchtbare Provinz, weitumschauende Berggipfel und das gränzenlose Meer im Gesichte, allem andern zu entsagen, als ihr und dem Himmel. Selbst eine so wunderbare Stimmung der Einbildungskraft und des Gefühls, die vermögend ist, ohne eigentlichen Gegenstand, durch ein bloss behagliches Hin- und Herbewegen eines gleichsam formlosen Stoffs, die Seele genügend zu erfüllen, als Rousseau hatte, oder zu haben wähnte, wenn er halbe Tage lang, auf den Rücken ausgestreckt, in einem Kahn auf dem See um die Peters-Insel herum schwamm,Vgl. die Schilderung im zwölften Buch der Confessions. oder die angestrengteste Beschäftigung mit durchaus abstracten Ideen scheinen kaum stark genug zu bewirken, was hier ganz gewöhnliche und alltägliche Menschen, und ich wiederhole es noch einmal, ich glaube, ohne sonderliche Religionsschwärmerei, verrichten. Aber auf dem Flecke selbst, mitten unter ihnen, erscheint dies psychologische Phänomen bei weitem weniger wunderbar.

Häufiger als in andern Ländern, glaube ich, findet man in Spanien Menschen, die bereit sind, Unabhängigkeit mit Einsamkeit zu erkaufen. Der Spanier ist sinnlicher, aber nicht so materiell, als der Nordländer, und bei weitem reizbarer; es liegt ihm also mehr daran, ungestört zu leben. Er ist in Gesellschaft aufgeweckt und witzig, aber er bedarf ihrer nicht gerade und sucht sie nicht mit Aemsigkeit. Da seine Nation noch nicht cultivirt genug ist, so kennt er die unruhige Geschäftigkeit des Geistes nicht, die man z. B. an dem Franzosen wahrnimmt; er geht immer mehr in die Tiefe, als in die Weite; sein Charakter beschäftigt ihn mehr, als seine intellektuellen Kräfte, und bei allen Menschen dieser Art ist ein gewisser Hang zu dem, was andre Müssiggang nennen würden (was aber oft nur eine sehr edle Phantasiebeschäftigung mit ihren Gefühlen ist), bemerkbar. Durch ihren Charakter nur auf einige wenige Punkte, aber auf diese mit aller Energie gerichtet, können sie eigentlich vom Nichtsthun nur zu einer auf diese Punkte Bezug habenden Thätigkeit übergehen, nur zu einer grossen und wichtigen. Alle andre scheint ihnen leicht, bloss mechanisch und ihrer unwürdig.

In diese Gemüthsstimmung, besonders bei unaufgeklärten Leuten, passt nun ein Einsiedlerleben sehr gut. Der Einsiedler lebt allein und ungestört; er kann seinen ganzen Tag sich selbst, seinen Gefühlen und den Dingen, die ihm lieb sind, widmen. Die geistliche Knechtschaft und die ewigen Andachtsübungen können dem einmal religiösen Menschen nicht schwer fallen. In der Einsamkeit des Einsiedlers sind die Andachtsübungen, einzelne Momente tieferen Gefühls abgerechnet, nichts als ein unbestimmtes Hinbrüten der Seele über einmal gewohnten Empfindungen, wie es leicht jeder, nur an andern Gegenständen, an sich selbst erfahren wird, da es wohl nur wenige Menschen giebt, welche nicht einen grossen Theil ihres Lebens hindurch gewisse Lieblingsempfindungen, Plane oder auch nur Träume begleitet hätten. Die körperlichen Beschwerden schrecken den Spanier weniger ab, da er, wie ich Ihnen einmal künftig näher auseinandersetzen werde, härter gewöhnt ist, und besser der Bequemlichkeiten des Lebens entbehrt, als viele andre Europäische Nationen. Selbst die Verschiedenheit der Stände unter den Bewerbern um die Einsiedeleien ist minder befremdend, da (sogar noch abgerechnet, dass der geistliche alle übrige vereinigt und gleich macht) diese Verschiedenheit in den Sitten, der Lebensart und der Freiheit des Umgangs bei weitem weniger gross ist, als ehemals in Frankreich und noch jetzt bei uns.

Wie es mir vorkommt, ist es also weit mehr Sehnsucht nach einem sorgenlosen sichern Unterhalt und einem unabhängigen und ungestörten Leben, welche den Spanier in Einsiedeleien lockt, als Religionsschwärmerei. Allerdings wirken gewiss immer mehrere Ursachen zugleich, und wohl mag Frömmigkeit in den Augen dieser Menschen selbst immer die erste Triebfeder seyn. Nur zweifle ich, dass sie allein genug Stärke besässe, wenn nicht, ihnen selbst unbewusst, ihr Gemüth von selbst sich zu einem solchen Leben hinneigte. Oft mögen auch freilich einzelne Unglücksfälle, Schrecken des Gewissens oder der Einbildungskraft Menschen in die Einsamkeit treiben; doch sind dies nur die Ausnahmen.

Die Spanier pflegen diejenigen, welche in Einsiedeleien gehen, gente retirada y desengañada zu nennen, zurückgezogene Leute, die von den Täuschungen des Weltlebens zurückgekommen sind.

Das Spanische: desengañar entspricht nemlich dem Französischen: désabuser. Merkwürdig aber ist es zu sehen, wie die verschiedenen Stufen der Cultur, auf welcher beide Nationen stehen, auf den Gebrauch dieser Wörter eingewirkt haben. Das Spanische: desengaño hat fast immer einen pathetischen Sinn, es ist das feierliche Wort des Dichters, wenn der täuschende Schleier der Liebe zerreisst, oder eine schwärmerische Stimmung die Seele von der Eitelkeit irrdischer Freuden zum Himmel emporreisst. Das Französische: désabuser dagegen (in seinem neuesten, freilich indess erst seit 10—15 Jahren üblichen Gebrauch) deutet einen nur im grössesten Gewühl der Gesellschaft möglichen Begriff an, ist der Tod aller dichterischen, wie überhaupt jeder höheren Stimmung, und drückt den Zustand eines durch unaufhörliches Umtreiben in verwickelten Weltverhältnissen ganz und gar erkalteten Gemüths aus.

Uns Deutschen fehlt es an einem Worte für das Zurückkommen von einer Täuschung oder Verblendung, wir mögen den ersteren oder den letzteren Zustand bezeichnen wollen: ein Mangel, der daher rühren mag. dass unsern Sitten die Ueberverfeinerung gesellschaftlicher Verhältnisse, die man in Frankreich kennt, und unserm Charakter die leidenschaftliche Verblendung des Spaniers fremd ist. Dagegen dürfte nicht leicht eine andre Sprache ein so schönes Wort für diesen Begriff überhaupt aufzuweisen haben, als unser: nüchtern ist, da ein nüchterner Sinn eine Freiheit von Wahn und Verblendung anzeigt, die nicht erst durch eine neue Täuschung oder durch ein gänzliches Erstarren des Gefühls erkauft ist, sondern sich vielmehr immer Stärke und Weisheit in ihm vereinigt, und das Wort, schon seiner blossen Ableitung (von Nacht) nach, die Frische und Freiheit des Gemüths bezeichnet, mit der man, nach der Stille und Einsamkeit nächtlicher Ruhe, noch unbeschwert von den Eindrücken des Tages, am Morgen erwacht.

Um Ihnen, lieber Freund, noch einen Beweis mehr zu geben, dass meine Schilderung der Einsiedler des Montserrats wirklich der Natur entspricht, will ich Ihnen aus einem Briese meines Bruders eine Anekdote abschreiben, die er, als er ein Jahr vor mir den Montserrat besuchte,Vgl. über diesen Besuch, der am 18.—25. Januar 1799 stattfand, Bruhns, <persName key="gnd-118554700" >Alexander von Humboldt</persName> 1, 269. Der Originalbrief ist nicht erhalten. dort erlebte.

Ich befand mich, so lautet seine Erzählung, bei dem Einsiedler von Santiago und suchte Kräuter in der Nachbarschaft seiner Einsiedelei. Der Eremit hörte im Walde rufen, wurde unruhig, öfnete alle Fenster seiner Warte und wollte schon zu Hülfe eilen. In demselben Augenblicke stürzte ein junger Maulthiertreiber weinend und ausser Athem herzu. Er schrie: sein macho (ein Wort, das, von masculus abstammend, eigentlich alles Männliche der Thiere bedeutet, aber vorzugsweise für Maulthiere gebraucht wird), sein armer, lieber macho sey in den Abgrund gestürzt. Er weinte, wie ein Kind, und rief tausendmal die Mutter Gottes und alle Heiligen an. Der Einsiedler schleppte ihn hastig in sein Zimmer und hieng ihm einen Rosenkranz um. Ich fürchtete schon, dies sey die ganze Hülfe. Allein es war nur, um den ersten Schmerz zu lindern. Er stürzte sich sodann, ohne dem Wege zu folgen, die Felswände hinab bis zu dem Orte, wo das Maulthier lag. Der Treiber und ich konnten erst später nachkommen. Das Thier hieng nur noch an Einem Beine, das sich um einen Baum geschlungen hatte, mit dem Kopfe nach unten zu, so schräg über dem Abgrunde, dass es, sich selbst überlassen, nothwendig hätte hinunterstürzen müssen. Der Treiber heulte unentschlossen, küsste das arme Thier, und setzte verbindliche Anreden an alle Heiligen hinzu, welche dem Viehe für nützlich erachtet werden. Der Einsiedler schalt seine unthätige Zagheit, hier sey der Moment zum Handeln. Er stellte sich stämmig unter das Thier, um dem Kopfe eine Richtung zu geben. Ein wirklich schauerlicher Anblick! denn fiel das Thier zu schnell, so zog es ihn, ohne Rettung, mit in den Abgrund hinab. Aber der Einsiedler lächelte der Gefahr, liess einen Strick um den Fuss des Thieres schlingen, und wälzte es so, den Kopf lenkend, glücklich in die Höhe. Nun folgte eine lange Strafpredigt über den Mangel an Entschlossenheit. Leider war der Rosenkranz bei der Arbeit verloren gegangen. Aber der Einsiedler suchte ihn nicht ängstlich; es war ihm leicht, sich einen andern zu drechseln.

Es ist Ihnen vielleicht nicht unlieb, wenn ich Ihnen aus demselben Briefe meines Bruders etwas über die mineralogische Beschaffenheit dieses Berges abschreibe.

Die ganze Ebene von Barcelona besteht aus Sandstein, nemlich so dass immer das grobkörnige Conglomerat mit feinkörnigem Sandstein abwechselt. Unter diesem Sandsteine kommt hier und da Kalkstein, und unter diesem, aber von unregelmässigem Falle, um Colbaton, Thonschiefer mit Quarzgängen durchtrümmert vor. Der Montserrat selbst besteht vom Fusse bis zum Gipfel aus einem Conglomerat, das meist sehr grobkörnig ist; zwar sind gegen den Gipsel zu feinkörnige Sandsteinschichten häufiger, doch bilden sie kaum 1/7 des Ganzen. Die Geschiebe sind zum Theil 14 Zoll dick, grosse und kleine gemengt, meistentheils graulich weisser Kalk- stein: doch kommt auch etwas gelber und schwarzer, der leicht mit Lydischem Stein zu verwechseln ist, darin vor. Die Crête des Berges streicht St. 8. Im Conglomerat ist etwas weisser Quarz, als Geschiebe. Die Schichten sind alle meist seiger mit 80—900 und meist St. 3—4. Daher ist das Serratum (die Einschnitte) eine Folge der Schichtung. Die Bänke haben sich abgelöst, und da der Sandstein dazu leicht verwitterbar ist, so haben sich Kegel gebildet, von denen immer 5—6 zu den sonderbarsten Gruppen zusammengehäuft sind.

Die Höhe des Gipfels des Berges, da wo die Kapelle der Jungfrau über der Einsiedelei des Heiligen Hieronymus steht, beträgt, nach den, von Herrn Méchain in dieser Gegend neuerlich angestellten Messungen, deren Resultate er mir mitzutheilen die Gütigkeit gehabt hat, etwas über 634 Toisen, folglich etwas über 3937 Rheinländische Fuss.Nach dem Verhältnisse des Pariser Fusses zum Rheinländischen wie 59 zu 57.

Sein Schatten soll, wie mich die Mönche des Klosters versicherten, auf 7 Spanische Meilen weit im Meere sichtbar seyn; eine Behauptung, deren vollständige Prüfung zwar eine genauere Bestimmung der Entfernung des Berges vom Meeresufer voraussetzen würde, als mir wenigstens bekannt ist, die aber an sich nichts Unglaubliches enthält, da berechnet ist,Voyage dans la Troade par <persName key="gnd-116850493">Le Chevalier</persName>. 2. Éd. p. 23. 24. dass der Athos nur 518 Toisen hoch zu seyn brauchte, um, in einer Entfernung von beinahe 26 Französischen Meilen, eine Bildsäule auf dem Markte von Myrina auf der Insel Lemnos zu erreichen.

Ich schliesse für heute, mein Lieber. In meinem nächsten Briefe erhalten Sie eine Beschreibung der Ueberbleibsel des Theaters von Murviedro (dem alten Sagunt), das man vor einer, von einem Bewohner Murviedro’s darüber geschriebenen Abhandlung, aus der ich Ihnen einen Auszug mittheilen werde, nur aus weniger genauen und vollständigen Nachrichten kannte.

Bemerkungen zur Entstehungsgeschichte

Erster Druck: Gasparis und Bertuchs Allgemeine geographische Ephemeriden 11, 265—313 (Märzheft 1803). Der Titel hat dort den Zusatz: Vom königlich preussischen Residenten Freiherrn W. v. Humboldt zu Rom.

Schon ehe Humboldt die spanische Reise antrat, sprach er die Absicht aus, später eine Beschreibung derselben auszuarbeiten, in der ausführliche Nachrichten über die spanische Kunst eine besondere Stelle erhalten sollten (an Goethe, 18. August 1799). Der Adressat dieser in Form von einzelnen Briefen geplanten Reiseschilderung sollte Goethe sein, an den ja auch kurz vorher die Studien über das Museum der kleinen Augustiner und über die französische tragische Bühne gerichtet worden waren. Auf der Reise selbst entstand nur ein größeres Schreiben an Goethe, das am 28. November 1799 in Madrid abgeschlossen wurde und den Verlauf der Reise von Paris bis dorthin zum Gegenstand hat. Trotzdem Goethe sehr dankbar war und zu eifriger Fortsetzung mahnte (Briefe 15, 10), kam doch während des weit interessanteren Fortgangs der Reise kein weiterer Bericht zustande; nur ein ausführliches Tagebuch wurde regelmäßig geführt. Nach der im April 1800 erfolgten Rückkehr nach Paris traten zunächst wiederum hindernde Umstände verschiedener Art der beabsichtigten Fortsetzung in den Weg (Humboldt an Goethe, 30. Mai 1800). Erst in den Sommermonaten des Jahres finden wir Humboldt an der Arbeit, für die ihm jetzt zwei verschiedene Methoden gleich empfehlenswert erschienen, so daß er von allen beiden Probestücke ausarbeitete: in der ursprünglich geplanten Form von Reisebriefen an Goethe wurde der Besuch des Montserrat und das antike Theater in Sagunt behandelt, während in kürzeren Skizzen, die sich an keine bestimmte Person als Adressaten wenden, die ersten Eindrücke nach dem Verlassen Frankreichs in den baskischen Provinzen geschildert wurden. Um der Reisebeschreibung Individualität zu geben, beschloß Humboldt alles Statistische und alles schon von früheren Reisenden hinlänglich Beschriebene ganz zu übergehen, nur einige Punkte des Landes, die von seinen Vorgängern über Gebühr vernachlässigt worden seien, ausführlicher zu behandeln, doch aber das Ganze so zu verbinden, daß der Leser ein fortschreitendes Bild vor allem der verschiedenen klimatischen Gebiete der Halbinsel bekomme (an Goethe, 10. Oktober 1800); es ist demnach nicht unmöglich, daß beide Darstellungsmethoden in dem Werke nebeneinander verwendet werden sollten. Als eine Probe dieser Reisebeschreibung sollte der Aufsatz über den Montserrat öffentlich erscheinen und Humboldt schickte ihn im August 1800 an Goethe zur Aufnahme in die Propyläen (GoethesBriefe15, 99). Da dies Journal jedoch soeben eingegangen war und der Aufsatz für Wielands Merkur zu umfangreich erschien (ebenda S. 104), so blieb er zunächst bei Goethe liegen, bis er nach fast drei Jahren in den Ephemeriden gedruckt wurde, als Humboldt durch seine Übersiedelung nach Rom in eine ganz andre geistige Sphäre eingetreten war und den Plan seiner spanischen Reisebeschreibung längst aufgegeben hatte. Daß ihm das Bild des Einsiedlerberges stets lebendig gegenwärtig blieb, zeigt das Sonnett, das seinen Namen führt, und eine längere prosaische Schilderung, die er noch in hohem Alter aus dem Gedächtnis entworfen hat (an Charlotte Diede, 4.‒8. November 1833).

Auf die beiden weimarer Freunde machte Humboldts Montserrat den vorteilhaftesten Eindruck. Goethe fand den Aufsatz gut geschrieben; man lese ihn gern und könne das Bild aus der Einbildungskraft so wenig los werden, daß er sich, ehe er sichs versehe, seitdem er ihn gelesen, bei einem oder dem andern der Eremiten befinde (Briefe 15, 103). Noch mehr fühlte sich Schiller durch die psychologisch vertiefte Landschaftsschilderung angezogen: der Inhalt, der einen abgeschlossenen, vereinzelten und inselförmigen menschlichen Zustand darstelle, führe den Leser aus der Welt heraus und in sich hinein; die Beschreibung, obwohl sie nicht trocken sei, wünschte er ein wenig lebhafter und unterhaltender und fand, Humboldt hätte, um die Wirkung zu erhöhen, unmittelbar neben diesem Gemälde ein entgegengesetztes von dem bewegtesten Weltleben anbringen sollen (Briefe 6, 197; vgl. auch S. 194). Und wie sich Humboldt beim Besuch des Berges fort und fort an Goethes Geheimnisse erinnert fühlte, so verschmolz auch für Goethe Humboldts Beschreibung so innig mit seinem Gedicht, daß er später dessen Szenerie eine Art von ideellem Montserrat nannte und diesen Namen auch einmal dem Parnaß beilegte (Werke 41, 1, 102. 105. 49, 1, 160 weimarische Ausgabe); auch für die Schlußszene im zweiten Teil des Faust hat Loeper Anregungen in der Schilderung des Einsiedlerberges finden wollen. Den weiteren literarischen Wirkungen von Humboldts symbolisierender Beschreibung ist Farinelli nachgegangen.