Antrittsrede in der Berliner Akademie der Wissenschaften Humboldt Wilhelm von TEI enconding Silvia Berigüete Pastor Wilhelm von Humboldt: Schriften Juli 2026 Creative Commons Attribution-NonCommercial-ShareAlike 4.0 International (CC BY-NC-SA 4.0) https://www.wvh-schriften.de Humboldt Wilhelm von Wilhelm von Humboldts Werke. Dritter Band Leitzmann Albert https://archive.org/details/gesammelteschrif03humbuoft/mode/2up Königlich Preußische Akademie der Wissenschaften Berlin 1904

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19. Januar 1809 Berlin Deutsch Rede Wissenschaft
Antrittsrede in der <orgName ref="gnd-15514-7"><placeName ref="geo-2950159">Berlin</placeName>er Akademie der Wissenschaften</orgName>

Meine gegenwärtige Zurückkunft in mein Vaterland hätte auf keine schönere und schmeichelhaftere Weise für mich bezeichnet werden können, als durch meine Aufnahme in Ihre Versammlung, meine Herren, in die mir heute durch Ihre Güte einzutreten vergönnt ist. Indem ich im Begriff bin, Ihnen für diesen Beweis Ihres Vertrauens meinen lebhaft empfundenen Dank auszudrücken, drängt sich mir zugleich das Gefühl auf, dass ich, ohne gerechte Ansprüche auf diese ehrenvolle Auszeichnung zu besitzen, dieselbe vorzüglich Ihrem Wohlwollen schuldig bin. Allein dieser Gedanke selbst erscheint mir um so erfreulicher und erhebender, als ich mehrere Männer in diesem Kreise erblicke, denen ein günstiges Schicksal mich früh nahe führte, und die mich seit Jahren fortdauernd ihrer Theilnahme, ihrer Zuneigung, ihrer Freundschaft würdigten. Wenn ich daher jetzt mit ihnen und mit denjenigen in dieser Versammlung, von welchen mir die gleichen Gesinnungen erst jetzt zu erbitten und künftig zu verdienen zusteht, zu gemeinschaftlichen Arbeiten eingeladen werde, so vereinigt sich in dem Gefühle dieses Vorzugs Alles, was Anhänglichkeit an seine Mitbürger, Erinnerung früherer Jugend und Genuss vertraulichen und freundschaftlichen Umgangs zugleich Rührendes und Erweckendes besitzen. Alles dies aber ergreift doppelt lebendig in der gegenwärtigen Zeit, in der sich jede zum Nutzen des Staats abzweckende Verbindung gleichsam von selbst fester und inniger an einander schliesst.

In eben dieser Zeit gewinnen auch die höchsten wissenschaftlichen Bemühungen eine noch unmittelbar für das Leben bedeutendere Wichtigkeit. In einem Augenblicke, wo nach langen unglücklichen Stürmen die Ruhe und altgewohnte Ordnung zurückkehrt, wo Vieles, das in seinem Laufe und seiner heilsamen Wirksamkeit gestört war, hergestellt, Manches neugegründet werden muss, was kann da wohlthätiger, was nothwendiger seyn, als unverbrüchlich fest an Wissenschaft und Kunst zu halten, und das Heiligthum treu zu bewahren, aus dem auf alle, auch die entferntesten Glieder des Staates, Licht und Wärme ausströmt, welches die leitenden Ideen zu jeder, auch noch so sehr durch die Wirklichkeit bedingten Einrichtung enthält, und auf dem grösstentheils — ihr köstlichster Besitz! — die Ehre der Nation beruht, die Achtung, welcher die unsrige, auch in dieser Rücksicht (man darf es mit Zuversicht als Deutscher und als Preusse sagen) seit langer Zeit bei dem gebildeten und unpartheiischen Theile Europas zu geniessen gewohnt ist? Vereine, wie derjenige, welchem Ihre Güte mir heute mich beizuzählen erlaubt, sind freilich als solche bestimmt, vorzugsweise gerade die höchsten und abgezogensten Theile der Wissenschaft zu bearbeiten; es ist ihr schönes Vorrecht, die Wahrheit aus ihren reinsten Quellen zu schöpfen; sie bestehen theils aus Männern, die sich ausschliesslich diesem Geschäfte widmen, und bieten anderntheils denen, welchen der mühevollere und einförmigere Beruf des Lebens einen grossen Theil ihrer Kräfte und ihrer Zeit abfordert, einen Zufluchtsort dar, wo sie die einschränkenden Bedingungen der Gegenwart vergessen und sich ungestört allein dem Nachdenken und der Forschung hingeben können. Die Wissenschaft aber giesst oft dann ihren wohlthätigsten Segen auf das Leben aus, wenn sie dasselbe gewissermassen zu vergessen scheint. Denn sie nährt und bildet den Geist, dass alles, was er erzeugt, ihr Gepräge an sich trägt, ja sie stimmt ihn dergestalt glücklich, harmonisch und wahrhaft göttlich, dass jeder Ton rein und voll aus ihm hervorklingt, dass sich alles, was er behandelt, gleichsam ohne sein Zuthun, den höchsten Ideen anschmiegt, und dass er den schwer zu entdeckenden Punkt nicht verfehlt, auf welchem Gedanke und Wirklichkeit sich begegnen und freiwillig in einander übergehen. Denn es giebt in allen wichtigen Geschäften des Lebens einen solchen Punkt, den nur der mit der reinen Wissenschaft Vertraute erreichen, und nur das wahrhaft praktische Talent nie überschreiten wird.

Allein es wäre unrecht, diese Betrachtungen weiter vor Ihnen zu verfolgen. Ich würde sie nicht einmal berührt haben, wenn sie sich nicht unmittelbar an die Empfindungen anschlössen, die meine Aufnahme in Ihre Mitte in mir erweckt, und welche warm, lebendig und in ihrem ganzen Umfange auszudrücken wie meine Pflicht, so allein meine Absicht war.

Bemerkungen zur Entstehungsgeschichte

Handschrift von Schreiberhand im Akademischen Archiv in Berlin. — Erster Druck: Harnack, Geschichte der <orgName ref="gnd-15514-7">königlich preussischen Akademie der Wissenschaften zu <placeName ref="geo-2950159">Berlin</placeName></orgName> 2, 341—342 (1900).

Noch während seines letzten römischen Sommers wurde Humboldt unter dem 21. Juli 1808 in einem Schreiben des Freiherrn vom Stein, der dazu durch Friedrich August Wolf angeregt war, der berliner Akademie der Wissenschaften als Ehrenmitglied vorgeschlagen und von dieser in der Sitzung vom 4. August durch Akklamation gewählt. Während der Verhandlungen, die dann nach seiner Ankunft in Berlin dort mit ihm wegen Übernahme der Leitung des preußischen Unterrichtswesens angeknüpft wurden und zunächst am 17. Januar 1809 zu einer Ablehnung des Postens führten, hielt er am 19. Januar seine Antrittsrede in der Akademie, die dann bald darauf seiner Verwaltung mit unterstellt wurde.