Ankündigung einer Schrift über die Vaskische Sprache und Nation, nebst Angabe des Gesichtspunctes und Inhalts derselben Humboldt Wilhelm von TEI enconding Silvia Berigüete Pastor Wilhelm von Humboldt: Schriften September 2026 Creative Commons Attribution-NonCommercial-ShareAlike 4.0 International (CC BY-NC-SA 4.0) https://www.wvh-schriften.de Humboldt Wilhelm von Wilhelm von Humboldts Werke. Dritter Band Leitzmann Albert https://archive.org/details/gesammelteschrif03humbuoft/mode/2up Königlich Preußische Akademie der Wissenschaften Berlin 1904

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1812 Wien Deutsch Essay Linguistik
Ankündigung einer Schrift über die <placeName ref="geo-3336903">Vask</placeName>ische Sprache und Nation, nebst Angabe des Gesichtspunctes und Inhalts derselben

Bei dem Entschluss, einen einzelnen abgesonderten Volksstamm, wie der Vaskische ist, mit aller Ausführlichkeit und Genauigkeit zu beschreiben, welche die vorhandenen Hülfsmittel erlauben, habe ich vorzüglich die Forderungen vor Augen gehabt, welche, meiner Ueberzeugung nach, an eine gewisse und höchst nothwendige Bearbeitung der Weltgeschichte (da dieselbe unläugbar mehrere, von verschiedenen Gesichtspuncten aus, erlaubt und fordert) gemacht werden müssen.

Das Menschengeschlecht ist in Nationen, Stämme und Racen getheilt; wie selbstständig und frei das Individuum überall da ist, wo es sich seines Willens und seiner sittlichen Unabhängigkeit bewusst wird, so gehört doch das ganze Geschlecht auch auf eine ähnliche Weise, als die Geschlechter der Pflanzen und Thiere, der Natur an. Sowohl auf seine ursprünglichen Anlagen, als auf die Entwickelung derselben wirkt die Race, von welcher der Mensch abstammt, der Boden, auf dem er entsteht, die Luft, die er einathmet, die Gegend, die ihn umgiebt, der Himmel, zu dem er emporblickt. Ein Stamm ist vor dem andern beglückt, und das Höchste und Schönste, was die ältere und neuere Geschichte von nationeller Entwickelung darbietet, ist nicht sowohl Frucht der Anstrengung, des Fleisses, der Bildung, als Erzeugniss einer von Natur glücklichen Spannung, Stimmung und Mischung der Kräfte des Geistes und Gemüths. In welchem Zeitpunct man nun die neben einander bestehenden Nationen in ihrem ununterbrochen forteilenden Laufe betrachten mag, wandern, trennen, vereinigen, mischen sie sich. sterben aus, körperlich durch wirklichen Untergang, oder geistig durch Ausartung, machen neuen Platz, oder treten selbst, in veränderter Gestalt, wieder auf. Allein jeder von irgend einer Seite her errungene Vorzug wirkt weiter fort, und ist gleichsam eine Eroberung in dem Gebiete desjenigen, was sich in der Menschheit durch die That darstellen lässt, und so entstehen immer andre und andre, mehr oder minder vollkommene, aber einander gegenseitig unterstützende und durch einander gewinnende Formen der Menschheit.

Diesen Gesichtspunct, von welchem aus das Menschengeschlecht gleichsam in seiner, ursprünglich hauptsächlich durch die physische Natur (Gebirge, Meere, Flüsse) veranlassten Trennung betrachtet wird, zu ergreifen. ist nicht weniger Pflicht der Weltgeschichte, als die einzelnen grossen Begebenheiten und moralischen Umwälzungen zu verfolgen, die auf Vereinigung der kleineren Massen gerichtet sind, und das moralische Daseyn der ganzen Menschheit Einem immer höher gesteckten Ziele zuzuführen streben. Wie aber diess gewissermassen zwiefache Bemühen fruchtbar in einander greifen muss, ist hier nicht der Ort, auseinanderzusetzen. Hier ist nur von dem einen Geschäfte der Weltgeschichte die Rede. der mannigfaltigen Verwandtschaft der Nationen und Racen, ihrem vielfachen Einwirken auf einander, ihrer Veredlung und Ausartung, und somit der Thätigkeit der Natur selbst. die aus nie ruhender Werkstatt neue und neue Gestalten hervorführt, nachzuspüren; unmittelbar den Menschen und die Grösse der sich in ihm ausprägenden Idee ins Auge zu fassen; das Menschengeschlecht wie eine ungeheure Pflanze zu betrachten, die sich in wechselnden Richtungen, parasitisch wuchernd, über den Erdboden hin erstreckt, wo Boden und Himmel ihr lächeln, freudig emporspriesst, sonst niedrig hinkriecht, ihre Wurzeln zwar der Erde vertraut, aber vom Thau und der Sonne einer andern höhern Welt erfrischt und erwärmt wird: und auf diese Weise dasselbe unmittelbar an die Natur, und diese an die Ideen zu knüpfen, in deren Herrschaft das organische Leben beider besteht, — wodurch nothwendig in jeder Brust der Gedanke rege, und fruchtbar bis zur That erhalten wird: von welchen Vätern entsprossen, welche Kinder und Enkel der Jetztlebende hinterlassen muss.

In diesem Geschäfte aber muss der Weltgeschichte auf mannigfaltige Weise, und vor allem durch genaue, ausführliche und treue Beschreibungen einzelner Stämme vorgearbeitet werden, an welchen es bis jetzt noch fast ganz fehlt. Denn da der Unterschied der Nationen sich am bestimmtesten und reinsten in ihren Sprachen ausdrückt, so muss in einer solchen Beschreibung das Studium der Sprache mit dem der Sitten und der Geschichte zusammenstossen: und — so schätzbare Beiträge auch hierzu in neuern Zeiten geliefert worden sind — so ist doch das vereinte Sprach- und Geschichtsstudium noch lange nicht zu einem befriedigenden Grade der Vollkommenheit gediehen; ja es ist noch nicht einmal dahin gelangt, dass es die Bearbeitung irgend eines einzelnen Theils in diesem Gebiete durch leitende allgemeine Ansichten beträchtlich erleichtern könnte. Es fehlt noch an festen Grundsätzen, die Verwandtschaftsgrade der Sprachen zu bestimmen; man ist noch zu wenig einig über die Zeichen, welche die Abstammung verschiedener Völker von einander beurkunden; man begnügt sich noch viel zu häufig mit der fragmentarischen Vergleichung einzelner Sitten, und ein paar Dutzend auf gut Glück aus einer Sprache herausgerissener Wörter; es stehen noch in diesem gränzenlos weiten Gebiete zu wenige Thatsachen, als sichere Anhaltungs- und Vergleichungspuncte fest: man hat selbst noch zu schwankende Begriffe über die Art, wie die Sprache einer Nation zugleich Massstab und Mittel ihrer Bildung ist, um nicht die Vereinigung des Sprach- Geschichts- und Völkerstudiums zur Kenntniss und Würdigung des Menschengeschlechts — als eines grossen, in Racen, Stämme und Nationen getheilten, Naturgesetzen und unabänderlich gegebenen Bedingungen unterworsenen, aber auch zugleich sich selbst durch Freiheit bestimmenden Ganzen — für ein neues, wohl von fern gesehenes, allenfalls flüchtig durch- streiftes, aber erst jetzt wahrhaft zu bearbeitendes Feld anerkennen zu müssen.

Ich erwähne indess hier dieser Mängel nicht zu einem Vorwurf für andere, sondern nur zu einer vorläufigen Entschuldigung der Arbeit, die ich selbst unternommen habe. Denn wo alles auf das engste zusammenhängt, da ist es unmöglich, einen einzelnen Volksstamm, ich sage nicht, richtig in seine wahre Stelle zu setzen, sondern auch nur genau zu beschreiben, ohne ihn mit andern zu vergleichen. Wie sehr aber wird diese Vergleichung erschwert, da es, so viel mir bekannt ist, noch über keinen einzigen Volksstamm vollständige, zu einem ähnlichen Zweck angestellte Untersuchungen giebt, da nicht einmal Bearbeitungen der Sprachen vorhanden sind, welche dieselben, zu allgemeinen Vergleichungen gehörig vorgerichtet, in die Hand lieferten, sondern man überall an den rohen Stoff, an zu ganz anderem Zweck gemachte Sprachlehren und Wörterbücher, Versuche allgemeiner Sprachgeschichten, welche in das Einzelne nicht so ausführlich eingehen können, an etymologische Werke, deren Verfasser oft, ohne feste Grundsätze arbeitend, nur den grössern oder geringeren Vorrath an Sprachkenntnissen, den sie besassen, mit grosser Willkühr benutzt haben, oder an einzelne, in geschichtlichen Untersuchungen zerstreute, wenn gleich schätzbare und selbst trefliche Bemerkungen, Hypothesen und Systeme verwiesen wird.

Indem ich nun versuche, eine einzelne, aber vollständige Beschreibung, eine wahre Monographie des Vaskischen Volksstammes zu liefern, werde ich dahin streben, diese Hindernisse zu überwinden, und so viel zu leisten, als bei den noch viel grösseren, in mir selbst liegenden, in deren Bemerkung es unnütz seyn würde, dem Leser vorzugreifen, möglich ist. Ich werde mich bemühen, die Vasken nach ihren Sitten, ihrer Sprache und ihrer Geschichte, zu welcher natürlich die ganze Untersuchung über die Urbewohner der Spanischen Halbinsel gehört, hinlänglich zu schildern, um danach die Frage entscheiden zu können, ob sie ein abgesonderter Volksstamm, oder nur Theil eines andern grösseren sind: und sie in der einen, oder andern Eigenschaft in der Gechlechtstafel aller Völkerstämme, in so fern eine solche möglich ist, richtig zu classificiren.

Mein vorzüglichstes Augenmerk aber wird dahin gehen, die Materialien so vollständig zu liefern, und so wenig einer vorgefassten Meynung gemäss, sondern so allgemein zu ordnen, dass die Classificirung, wenn die meinige Zweifel erregen sollte, mit Hülfe der gelieferten Thatsachen, auch von andern anders angestellt werden kann. Auf diese Weise darf ich mir schmeicheln, dass diese Schrift wenigstens immer das Verdienst haben wird, Hülfsmittel an die Hand zu geben, welche, bei der Unzulänglichkeit der gedruckten, sonst schwer zu erhalten sind, und es unnütz zu machen, eine schon gemachte Arbeit noch einmal von neuem vorzunehmen, wie sonst so oft bei Sprachuntersuchungen der Fall ist, mit denen sich mehrere nacheinander beschäftigen.

Dass ich mir gerade die Vasken zum Gegenstande gewählt habe, war zunächst Werk des Zufalls. Meine Reise nach Spanien hatte mich für die Nation und das Land interessirt, beide wurden mir im eigentlichsten Verstande theuer, als ich eine eigene Reise nach Biscaya und den Basquischen Distrikten unternahm, und mich einige Wochen in den abgelegensten Gebirgsgegenden daselbst aufhielt. Nachher aber, als ich mein Studium mit todten Hülfsmitteln fortsetzte, zog mich die Eigenthümlichkeit der Sprache, des Volks und des Landes fortdauernd an. In der That bieten die Vasken, zu einem wie kleinen Häuflein sie auch zusammengeschmolzen sind, und obgleich sie sich auch ehemals nicht (wie die Germanen, Slaven und andere) so verbreitet und in verschiedene Zweige getheilt zu haben scheinen, dass ich es wagen möchte, sie einen Völker-, nicht blossen Volksstamm zu nennen, doch für eine in der hier angegebenen Absicht anzustellende Untersuchung einen sehr interessanten Gegenstand dar. Geographisch und historisch bilden sie ein fest geschlossenes, abgesondertes Ganzes. Gewiss mächtig und weit verbreitet innerhalb der Pyrenäen, hat man, meines Erachtens, keine sicheren Spuren, wie sie, ausserhalb derselben, vielleicht gleichfalls eine wichtige Rolle gespielt haben. Alles was sie je gross und interessant gemacht hat, hinter sich erblickend, ist der Untergang ihrer Nationalität, und selbst ihrer Sprache in kurzem beinahe mit Sicherheit vorauszusehen. Der jetzigen Kleinheit des Völkchens ungeachtet, hat sich die Sprache fast in eben dem Umfange von Wörtern und Formenverschiedenheiten erhalten, den sie ehemals besessen haben mag. Schon die in wunderbarer Reinheit unverändert gebliebenen und grösstentheils leicht verständlichen Ort- und Familiennamen haben viele, dem jetzigen Sprachgebrauch mehr oder weniger fremde Wurzeln aufbewahrt. Denn da jeder einzelne Meierhof seine eigne, von seiner Lage, oder den ihn umgebenden Bäumen und Pflanzen hergenommene Benennung trägt, so wird dadurch das ganze Land zu einer lebendigen Sprachurkunde. Es finden daher fast alle Fragen, welche man über den Bau und die Natur der reichsten und vollständigsten Sprachen aufwerfen kann, auch in der Vaskischen ihre Beantwortung. Es giebt auch über diese Sprache gerade genug, und dennoch wieder zu wenig erschöpfende Vorarbeiten, um eine neue Bearbeitung möglich und nothwendig zu machen. In sich selbst aber ist die Vaskische Sprache von einem so wunderbaren und eigenthümlichen Bau, dass die meisten ihrer früheren Bearbeiter alle Aehnlichkeit mit irgend einer andern gänzlich abläugnen: sie trägt offenbar das Gepräge an sich, dass sie sich in den frühesten Zeiten von ihren Schwestern schied, nachher in dem Munde vieler und zahlreicher Völkerschaften war, und endlich nach und nach so sehr in wenige einsame Gebirgsthäler zusammengedrängt wurde, dass die grosse Zahl ihrer mannigfaltigen Formen und Zeichen ausser allem Verhältniss mit der geringen der Familien steht, welche sich ihrer bedienen. In der doppelten Rücksicht also des Studiums der Sprache im Allgemeinen, und der Urgeschichte Europas ist sie in hohem Grade merkwürdig. Die schwierige Frage, welche Völker zuerst Spanien und Portugall bewohnt haben? auf welchem Wege sie dahin gekommen? welche Vermischungen oder Trennungen sie darin erfahren haben? deren Beantwortung nothwendig auch zugleich über die ursprüngliche Bevölkerung Frankreichs und eines Theils von Italien Licht verbreiten muss; die dunklen und noch immer nicht zur Genüge gelösten Aufgaben über den Celtischen Völkerstamm, seine Sitze. Wanderungen und Ueberbleibsel; die Verwandtschaft des Vaskischen mit dem Gaelischen und sogenannten Kymrischen, und mehrere andere zweifelhafte Puncte dieser Art sind mit der gegenwärtigen Untersuchung nahe verwandt, und können zum Theil nur durch die genauere Erörterung der Vaskischen Sprache aufgeklärt werden. Endlich dient das Vaskische zur Herleitung vieler Wörter in den abendländischen Europäischen Sprachen, und ist für das Studium der Quellen der Spanischen ein so unentbehrliches Hülfsmittel, dass, ohne genaue Kenntniss desselben, eine etymologische Arbeit über diese schlechterdings unmöglich seyn würde.

Um nun den Zweck, den ich mir, von dem hier angegebenen Gesichtspunct aus, bei meiner Schrift vorsetze, vollständig zu erreichen, werde ich sie in folgende drei Abschnitte zerlegen.

I.

In dem ersten werde ich die Bemerkungen mittheilen, die ich bei meinem Aufenthalte in dem Spanischen und Französischen Vaskenlande niedergeschrieben habe, und mich bemühen, dem Leser dadurch einen anschaulichen Begriff des Ländchens und seiner Bewohner zu verschaffen. Diess ist durchaus nöthig, um vieles selbst in der Sprache, in welche natürlich die Sitten der Nation, und die Localität des Landes verwebt sind, richtig zu verstehen; es ist aber auch an sich interessant, sich in die Mitte einer emsigen muth- und talentvollen Nation zu versetzen, die den Norden eines südlichen Landes, und Gebirge an einer Küste bewohnt, mithin zugleich Berg- und Seevolk ist, und vieles in ihrem Charakter vereinigt, was man sonst nur einzeln antrift; die ferner zu der Zeit, als ich sie sah, noch eine freie Verfassung besass, einen in viele kleine, wieder durch einzelne Localgebräuche getrennte Ortschaften getheilten Föderativstaat bildete, und so durch Lage, Verfassung und Lebendigkeit des Charakters mich nicht selten an die kleinen Freistaaten des alten Griechenlands erinnerte. Um nun hiebei der Form und Anschaulichkeit der Darstellung keinen Eintrag zu thun, werde ich diesem Theil die Form einer, aber sehr kurzen und der Kleinheit des Landes und geringen Dauer meiner Wanderung angemessenen Reisebeschreibung lassen.

II.

Der zweite Abschnitt wird eine Analyse, oder Zergliederung der Vaskischen Sprache liefern, begleitet von einem Anhange Vaskischer Sprachproben von den ältesten Zeiten, aus welchen Denkmale übrig sind, bis auf uns herab.

Ich werde hierbei eine, so viel möglich, kurze, aber systematische und erschöpfende Methode zu wählen suchen, um, so weit es geschehen kann, keine Seite unberührt zu lassen, welche zum Vergleichungspuncte dienen kann, und einen vollständigen Begriff nicht nur von dem grammatikalischen, sondern auch lexikalischen Bau des Vaskischen zu geben; erst das Verhältniss aller Theile der Sprache zu einander, und dann der ganzen Sprache, als Darstellungsmittel, zu ihrem Gegenstande, demjenigen was dargestellt werden soll (obgleich diess nie von ihr selbst geschieden werden kann), auseinanderzusetzen. Ich werde aber dabei auch immer so viele andere Sprachen, als möglich, vor Augen haben, um der gewählten Methode zugleich allgemeinere Anwendbarkeit zu geben, und auf diese Weise einen Versuch anzustellen, wie man nach und nach ähnliche Zergliederungen aller Sprachen zu allgemeiner Vergleichung anfertigen, und in einer grossen allgemeinen Sprachencyclopädie zusammenfassen könnte.

Denn die Idee eines solchen, freilich nur von Vielen gemeinschaftlich auszuführenden Werks, zu dem aber doch Einer mit dem nachher zu verbessernden Plan auftreten müsste, habe ich seit vielen Jahren bei mir herumgetragen, und werde daher auch die Schrift über die Vaskische Sprache mit Rücksicht darauf, und als einen Beitrag dazu im Voraus bearbeiten.

Dieser allgemeinen Beziehung auf das gesammte Sprachstudium wegen sey es mir erlaubt, hier über die Art der Sprachzergliederung, die ich im Sinn habe, noch einige Worte hinzuzufügen.

Man kann es als einen festen Grundsatz annehmen, dass Alles in einer Sprache auf Analogie beruht, und ihr Bau, bis in seine feinsten Theile hinein, ein organischer Bau ist. Nur wo die Sprachbildung bei einer Nation Störungen erleidet, wo ein Volk Sprachelemente von einem andern entlehnt, oder gezwungen wird, sich einer fremden Sprache ganz oder zum Theil zu bedienen, finden Ausnahmen von dieser Regel Statt. Dieser Fall tritt nun zwar wohl bei allen, uns jetzt bekannten Sprachen ein — da wir von den Ursprachen und Urstämmen durch Klüfte getrennt sind, über die keine Ueberlieferung mehr hinüberhilft — und selbst in den tiefsten Wäldern Amerikas dürfte man schwerlich ein Beispiel eines, durch reine, vor Erlernung einer andern Sprache geschehene Absonderung entstandenen, und durchaus unvermischt gebliebenen Stammes antreffen. Allein wo eine Sprache ein fremdes Element in sich aufnimmt, oder sich mit einer andern vermischt, da beginnt auch sogleich ihre assimilirende Thätigkeit, und ihr Bemühen, nach und nach denjenigen Stoff, welcher in der Vermischung den kürzern zieht, so viel als möglich, in die, dem andern eigenthümliche analogische Bildung zu verwandeln, so dass durch diese Mischungen zwar kürzere und längere analogische Reihen entstehen, nicht leicht aber ganz unorganische Masse zurückbleibt.

Auch die wirklich vorhandene Analogie lässt sich indess nicht immer mit Glück bis in ihre feinsten Zweige verfolgen. Die Zeit verwischt ihre Spuren; Mittelglieder der Reihen gehen, da die Elemente der Sprache auch in ihrem wechselnden Entstehen und Untergehen lebendigen Individuen gleichen, verloren; ja der Mensch selbst, welcher die Sprache mit bilden geholfen hat, und noch hilft, ist sich nicht immer der Analogie, welcher er instinctmässig folgt, bewusst, und das in ihren einzelnen Gliedern zertrennte Bewusstseyn der Nation lässt sich nicht in Einen Brennpunct lebendig vereinigen. Zu dem eigentlichen Wesen der Sprache kommt man überdiess durch keine, auch noch so vollständige Zergliederung. Es gleicht einem Hauche, der das Ganze umgiebt, aber, zu fein, an dem einzelnen Element seine Form für das Auge verliert, wie der Nebel des Gebirgs nur aus der Ferne Gestalt hat, so wie man aber in ihn hineintritt, formlos umherstiebt. Man nähert sich diesem ihrem Wesen aber, je mehr verschiedene Sprachen man genauer betrachtet, dadurch in das allgemeine Geschäft der Sprachbildung der gesammten Menschheit eindringend; je mehr man jede einzelne — und dazu sind die Zergliederungen unentbehrliche Vorarbeiten — als den individuell bestimmten Ausdruck einer gewissen nationellen Charakterform zu erkennen bemüht ist. Wenn man diesen Weg richtig verfolgt, gelangt man indess freilich selbst über die Gränzen des blossen Sprachstudiums hinaus. Denn die Sprache ist überall Vermittlerin, erst zwischen der unendlichen und endlichen Natur, dann zwischen einem und dem andern Individuum; zugleich und durch denselben Act macht sie die Vereinigung möglich, und entsteht aus derselben: nie liegt ihr ganzes Wesen in einem Einzelnen, sondern muss immer zugleich aus dem andern errathen, oder erahndet werden; sie lässt sich aber auch nicht aus beiden erklären, sondern ist (wie überall dasjenige, bei dem wahre Vermittelung Statt findet) etwas Eignes. Unbegreifliches, eben nur durch die Idee der Vereinigung des, für uns und unsre Vorstellungsart, durchaus Geschiedenen Gegebenes, und nur innerhalb dieser Idee Befangenes. Ihre Betrachtung, die jedoch, um nicht chimärisch zu werden, von der ganz trocknen, sogar mechanischen Zergliederung des Körperlichen und Construirbaren in ihr anfangen muss, führt also bis in die letzten Tiefen der Menschheit. Man muss sich nur durchaus von der Idee losmachen, dass sie sich so von demjenigen, was sie bezeichnet, absondern lasse, wie z. B. der Name eines Menschen von seiner Person, und dass sie, gleich einem verabredeten Chiffre, ein Erzeugniss der Reflexion und der Uebereinkunft, oder überhaupt das Werk der Menschen (wie man den Begriff in der Erfahrung nimmt) oder gar des Einzelnen sey. Als ein wahres, unerklärliches Wunder bricht sie aus dem Munde einer Nation, und als ein nicht minder staunenswerthes, wenn gleich täglich unter uns wiederholtes, und mit Gleichgültigkeit ubersehenes, aus dem Lallen jedes Kindes hervor, und ist (um jetzt nicht der überirrdischen Verwandtschaft des Menschen zu gedenken die leuchtendste Spur und der sicherste Beweis, dass der Mensch nicht eine an sich abgesonderte Individualitât besitzt, dass Ich und Du nicht bloss sich wechselseitig fordernde, sondern, wenn man bis zu dem Puncte der Trennung zurückgehen könnte, wahrhaft identische Begriffe sind, und dass es in diesem Sinn Kreise der Individualität giebt, von dem schwachen, hülfsbedürftigen und hinfälligen Einzelnen hin bis zum uralten Stamme der Menschheit, weil sonst alles Verstehen bis in alle Ewigkeit hin unmöglich seyn würde. Es ist hier nicht der Ort, diese Sätze weiter auszuführen, ich glaubte sie aber andeuten zu müssen, weil, meiner Meynung nach, auf ihnen die richtige Ansicht des organischen Lebens des Menschengeschlechts in seinen Stämmen und Nationen, und mithin grösstentheils auch der Weltgeschichte beruht, und weil es wichtig war, den Gedanken zu verhüten, als wähnte ich, durch trockne und immer dürftige Zergliederung das wundervolle Wesen der Sprache selbst zu ergründen. Die erste Pflicht des Schriftstellers ist. Achtung für seinen Gegenstand auszudrücken.

Da folglich, nach dem Vorigen, die Analogie durch keine Sprache ganz durchgeht, und die vorhandene (sowohl die der Laute unter einander, als derselben mit den durch sie bezeichneten Begriffen) nicht immer erkannt werden kann; so besteht jede Sprache auf der einen Seite aus einer grossen Menge analogisch gebildeter Reihen, auf der andern aus Grundstoffen, von denen sich weiter keine Rechenschaft geben lässt.

Diesen zwiefachen Bestandtheil der Sprache nun muss eine gelungene Zergliederung derselben vollständig und genau nachweisen, jede Spur systematischer Regelmässigkeit verfolgend, die Sprache nach allen Richtungen hin untersuchen, und sich nur in Acht nehmen, nicht aus Begierde des Suchens Gefundenes mit Erdichtetem zu verwechseln. Eine solche Zergliederung dient zugleich auch zur Erleichterung der Erlernung einer Sprache. Nur wird sie bei diesem Zwecke ein wenig anders verfahren müssen, als wenn sie auf die Beförderung des allgemeinen wissenschaftlichen Sprachstudiums ausgeht. In der ersteren Hinsicht braucht sie nur die ganz sicheren und wirklich durchgreifenden Analogien aufzustellen; in der letzteren muss sie, selbst auf die Gefahr, dass die fernere Forschung keine reichere Ausbeute gebe, auf jeden Punct aufmerksam machen, auf dem sich, auch nur von fern, eine Spur der Analogie ahnden lässt, der es ihre Pflicht ist, bis in ihre feinsten Fäserchen nachzugehen. Ihr letztes Resultat ist alsdann ein zwiefaches: ein System mehr, oder weniger allgemeiner und sicherer Regeln, Grundsätze und Analogien, der eigentliche Organismus der Sprache, und eine gleichsam unorganische Masse von nicht weiter zerlegbaren Sprachelementen.

In einer solchen Zergliederung ist natürlich die Auseinandersetzung des Systems der Redefügung, oder des grammatischen, bei weitem leichter als die des Systems der Wortbildung, oder des lexikalischen, und ich bescheide mich natürlich, die analogische Wortbildung des Vaskischen nicht vollständig darlegen zu können. Allein man kann auf der andern Seite unmöglich die klaren, sichern, sich gleichsam aufdringenden Analogien zurückweisen, und es ist auch gut, andre Sprachforscher auf die weiter zu untersuchenden Puncte aufmerksam zu machen. Ich dürfte überdiess schon darum diese Seite nicht unberührt lassen, weil gerade der von mir am meisten benutzte Vaskische SprachforscherGemeint ist Astarloa. sich hierüber selbst ein System gebildet hat, das, falsch oder richtig, auf jeden Fall erwähnt und beurtheilt werden muss.

Zum Beschlusse dieses Abschnitts werde ich eine allgemeine Vergleichung der Vaskischen Sprache mit andern Sprachen anstellen, um, wo möglich, nach ihren allgemeinen Beschaffenheiten, die Classe, und, nach ihrer Verwandtschaft, die Familie zu bestimmen, in welche sie gehört. Ich trenne diese raisonnirende Vergleichung, bei welcher ich veranlasst seyn werde, eine Classificirung der bekannten Sprachen zu versuchen, absichtlich von der Darstellung der Eigenthümlichkeiten der Sprache selbst, weil es wichtig ist, derselben keinen Einfluss auf diese zu verstatten, und weil es doch jedem unter den Lesern überlassen bleiben muss, sie, je nachdem er wieder mit andern Sprachen vertraut ist, zu berichtigen und zu erweitern.

III.

Der dritte Abschnitt wird endlich, nach der Schilderung des Landes und seiner Bewohner, und nach der Zergliederung der Sprache, historische und philosophische Untersuchungen über die Vaskische Nation und Sprache, als Resultate der beiden ersten Abschnitte enthalten: und es wird darauf ankommen, hier, mit Zusammennehmung aller einwirkenden Umstände, die Stelle zu bestimmen, welche beide unter den Nationen und Sprachen, sowohl nach ihrer Abkunft, als nach ihrem Werth und ihrer Wichtigkeit in der Geschichte des Menschengeschlechts, und für die Kenntniss und die Erweiterung des Begriffs der Sprache überhaupt einnehmen. Dieser letzte Theil wird nothwendig die Resultate meiner eigenen Ideen und Ueberzeugungen enthalten müssen; ich schmeichle mir aber, dass die beiden ersten so beschaffen seyn sollen, dass jeder Sachkundige danach den dritten auf seine Weise selbst aus- oder umbilden könne.

Auf diese Art wünsche ich die Bearbeitung meines Gegenstandes, so viel als möglich, in sich abzurunden und zu vollenden, und diesen kleinen Winkel Europens dergestalt zu behandeln, dass, indem von allen Puncten her Licht auf ihn zuströmt, auch er wieder Helligkeit auf einige zurückstrahle.

Da indess auch die ausführlichste Schrift über denselben nicht gerade stark an Bogenzahl zu seyn braucht, so hoffe ich, die meinige binnen einem, längstens anderthalb Jahren dem Publikum übergeben zu können.

Bemerkungen zur Entstehungsgeschichte

Erster Druck: Schlegels Deutsches Museum 2, 485—502 (Dezemberheft 1812). Schlegel fügt am Schluß folgende Anmerkung bei: Für die Freunde der Sprachforschung, denen das angekündigte Werk eine langerwartete, erwünschte Erscheinung sein wird, bemerken wir, dass einige Vaskische Sprachproben von dem Verfasser im Königsberger Archiv für Philosophie, Theologie, Sprachkunde und Geschichte im 3. Stück 1812 zu finden sind. Ein Wortregister nebst einigen grammatikalischen Bemerkungen werden im 3. Teile des Mithridates erscheinen. Zugleich erschien die Ankündigung auf 8 besonders paginierten Seiten als Beilage zum dritten Stück des ersten Bandes von Delbrücks, Erfurdts, Herbarts, Hüllmanns, Krauses und Vaters Königsberger Archiv für Philosophie, Theologie, Sprachkunde und Geschichte.

Der Gedanke einer umfassenden Monographie des baskischen Volksstamms, in der eigene Eindrücke von Land und Volk mit grammatischen, lexikalischen und antiquarischen Untersuchungen zu einem Gesamtbilde vereinigt werden sollten, trat Humboldt gleich nach der Rückkehr von seiner Reise ins Baskenland im Frühjar 1801 in Paris nahe und er begann nach der Rückkehr nach Deutschland im Sommer des Jahres alsbald die eigentliche Reisebeschreibung niederzuschreiben und zu den sprachlichen und urgeschichtlichen Teilen des Werks Studien und Materialien zu sammeln (an Wolf. 12. Dezember 1801). Da Campe einmal gegen Humboldt den Wunsch geäußert hatte, Verleger der spanischen Reisebeschreibung zu werden, so trat Humboldt nun zunächst mit ihm in Verlagsunterhandlungen für seine Arbeit, die aus vier Abteilungen, einer eigentlich beschreibenden, einer grammatischen, einer historischen und einer lexikalischen, bestehen sollte; die Drucklegung in Berlin unter der Aufsicht eines des Spanischen kundigen Korrektors machte er zur Bedingung und versprach das Ganze nach seiner Übersiedelung nach Rom bis Ostern 1803 zu vollenden (an Campe, 28. Juni 1802). Kaum aber hatte Campe seine Bereitwilligkeit erklärt, das Werk in Verlag zu nehmen, so mußte Humboldt selbst ihn bitten darauf zu verzichten: es hatte sich kein andrer Korrektor der gewünschten Qualität in Berlin gefunden als der Buchhändler Sander und da dieser nur unter der Bedingung, selbst Verleger sein zu können, die Aufsicht über den Druck übernehmen wollte, so hatte Humboldt mit ihm abschließen müssen (an Campe, 19. August 1802). Nach der Übersiedelung nach Rom wurde die Arbeit trotz der Fülle neuer Eindrücke in den Jahren 1803 und 1804 so rasch gefördert, daß wenigstens die eigentliche Reiseschilderung und die Beschreibung von Land und Leuten, wenn auch der früher in Aussicht gestellte Erscheinungstermin, Ostern 1803, so wenig wie ein später erhoffter, Michaelis 1804, innegehalten werden konnte, doch zu Beginn des Jahres 1805 vollendet war (Humboldt an Goethe, 28. Januar 1803; an Brinkmann, 22. Oktober 1803 und 4. Februar 1804; an Schweighäuser, 2. November 1803 und 21. Juni 1804; an Heyne, 14. Januar 1804; an Goethe, 12. April 1806; vgl. auch Karoline von Humboldt an Schlabrendorf, 28. Februar 1805). Nicht ebenso rasch rückte die Bearbeitung der grammatischen, lexikalischen und urgeschichtlichen Teile des Werks vorwärts und die Konzentration der Gedankenwelt Humboldts auf das klassische Altertum in den letzten römischen Jahren ließ die Barbarenwelt der Basken mehr und mehr in tiefe Vergessenheit versinken (Humboldt an Schweighäuser, 2. Juli 1806 und 18. Juli 1807). Darum ruhte der Plan lange, bis er Humboldt im Beginn seiner wiener Zeit aufs neue nahetrat und zunächst wenigstens die grammatischen Anmerkungen zu Adelung ausgearbeitet wurden. Daß er damals wieder an eine Vollendung des Ganzen dachte (an Körner, 3. Januar 1812), zeigt die Abfassung und Veröffentlichung der Vorankündigung im Königsberger Archiv und in Schlegels Museum, die das fertige Werk in ein bis anderthalb Jahren in Aussicht stellte. Die politischen Aufgaben, die Humboldt seit der russischen Katastrophe in den Freiheitskriegen, im wiener Kongreß, in den pariser Friedensverhandlungen erwuchsen, haben dann die Vollendung der Monographie aufs ungewisse vertagt. Der ganze umfängliche Plan löste sich gewissermaßen wieder in seine Elemente auf: für den beabsichtigten grammatisch-lexikalischen Teil mußten die Anmerkungen zu Adelung als Ersatz dienen, der urgeschichtliche wurde 1820 und 1821 zu einem besonderen Buche erweitert; die schon in Rom vollendete Reisebeschreibung, die sich im Nachlaß leider unerklärlicherweise nicht vorgefunden hat, blieb ganz unveröffentlicht. Daß die Erörterungen der Ankündigung in gedrängter Form die Keime der späteren sprachphilosophischen Arbeiten Humboldts enthalten, hat Steinthal gezeigt. Gleich beim Erscheinen fanden sie die Anerkennung Jakob Grimms (Holtei, Dreihundert Briefe aus zwei Jahrhunderten 1, 157; vgl. auch Scherer, <persName key="gnd-118542257">Jakob Grimm</persName> 2 S. 165).