Ankündigung einer Schrift über die Vaskische Sprache und Nation, nebst Angabe
des Gesichtspunctes und Inhalts derselben
Bei dem Entschluss, einen einzelnen abgesonderten Volksstamm, wie der
Vaskische ist, mit aller
Ausführlichkeit und Genauigkeit zu beschreiben, welche die vorhandenen
Hülfsmittel erlauben, habe ich
vorzüglich die Forderungen vor Augen gehabt, welche, meiner Ueberzeugung
nach, an eine gewisse und höchst nothwendige Bearbeitung der Weltgeschichte
(da dieselbe unläugbar mehrere, von verschiedenen Gesichtspuncten aus,
erlaubt und fordert) gemacht werden müssen.
Das Menschengeschlecht ist in Nationen, Stämme und Racen getheilt; wie
selbstständig und frei das Individuum überall da ist, wo es sich seines
Willens und seiner sittlichen Unabhängigkeit bewusst wird, so gehört doch
das ganze Geschlecht auch auf eine ähnliche Weise, als die Geschlechter der
Pflanzen und Thiere, der Natur an. Sowohl
auf seine ursprünglichen Anlagen, als auf die Entwickelung derselben wirkt
die Race, von welcher der Mensch abstammt, der Boden, auf dem er entsteht,
die Luft, die er einathmet, die Gegend, die ihn umgiebt, der Himmel, zu dem
er emporblickt. Ein Stamm ist vor dem andern beglückt, und das Höchste und
Schönste, was die ältere und neuere Geschichte von nationeller Entwickelung
darbietet, ist nicht sowohl Frucht der Anstrengung, des Fleisses, der
Bildung, als Erzeugniss einer von Natur glücklichen Spannung, Stimmung und
Mischung der Kräfte des Geistes und Gemüths. In welchem Zeitpunct man nun
die neben einander bestehenden Nationen in ihrem ununterbrochen forteilenden
Laufe betrachten mag, wandern, trennen, vereinigen, mischen sie sich.
sterben aus, körperlich durch wirklichen Untergang, oder geistig durch
Ausartung, machen neuen Platz, oder treten selbst, in veränderter Gestalt,
wieder auf. Allein jeder von irgend einer Seite her errungene Vorzug wirkt
weiter fort, und ist gleichsam eine Eroberung in dem Gebiete desjenigen, was
sich in der Menschheit durch die That darstellen lässt, und so entstehen
immer andre und andre, mehr oder minder vollkommene, aber einander
gegenseitig unterstützende und durch einander gewinnende Formen der
Menschheit.
Diesen Gesichtspunct, von welchem aus das Menschengeschlecht gleichsam in
seiner, ursprünglich hauptsächlich durch die physische Natur (Gebirge,
Meere, Flüsse) veranlassten Trennung betrachtet wird, zu
ergreifen. ist nicht weniger Pflicht der Weltgeschichte, als die einzelnen
grossen Begebenheiten und moralischen Umwälzungen zu verfolgen, die auf
Vereinigung der kleineren Massen gerichtet sind, und das
moralische Daseyn der ganzen Menschheit Einem immer höher gesteckten Ziele
zuzuführen streben. Wie aber diess gewissermassen zwiefache Bemühen
fruchtbar in einander greifen muss, ist hier nicht der Ort,
auseinanderzusetzen. Hier ist nur von dem einen Geschäfte der
Weltgeschichte die Rede. der mannigfaltigen Verwandtschaft der Nationen und
Racen, ihrem vielfachen Einwirken auf einander, ihrer Veredlung und
Ausartung, und somit der Thätigkeit der Natur selbst. die aus nie ruhender
Werkstatt neue und neue Gestalten hervorführt, nachzuspüren; unmittelbar den
Menschen und die Grösse der sich in ihm ausprägenden Idee ins Auge zu
fassen; das Menschengeschlecht wie eine ungeheure Pflanze zu betrachten, die
sich in wechselnden Richtungen, parasitisch wuchernd, über den Erdboden hin erstreckt, wo Boden und Himmel ihr
lächeln, freudig emporspriesst, sonst niedrig hinkriecht, ihre Wurzeln zwar
der Erde vertraut, aber vom Thau und der Sonne einer andern höhern Welt
erfrischt und erwärmt wird: und auf diese Weise dasselbe unmittelbar an die
Natur, und diese an die Ideen zu knüpfen, in deren Herrschaft das organische
Leben beider besteht, — wodurch nothwendig in jeder Brust der Gedanke rege,
und fruchtbar bis zur That erhalten wird: von welchen Vätern entsprossen,
welche Kinder und Enkel der Jetztlebende hinterlassen muss.
In diesem Geschäfte aber muss der Weltgeschichte auf mannigfaltige Weise, und
vor allem durch genaue, ausführliche und treue Beschreibungen einzelner
Stämme vorgearbeitet werden, an welchen es bis jetzt noch fast ganz fehlt.
Denn da der Unterschied der Nationen sich am bestimmtesten und reinsten in
ihren Sprachen ausdrückt, so muss in einer solchen Beschreibung das Studium
der Sprache mit dem der Sitten und der Geschichte zusammenstossen: und — so
schätzbare Beiträge auch hierzu in neuern Zeiten geliefert worden sind — so
ist doch das vereinte Sprach- und Geschichtsstudium noch lange nicht zu
einem befriedigenden Grade der Vollkommenheit gediehen; ja es ist noch nicht
einmal dahin gelangt, dass es die Bearbeitung irgend eines einzelnen Theils
in diesem Gebiete durch leitende allgemeine Ansichten beträchtlich
erleichtern könnte. Es fehlt noch an festen Grundsätzen, die
Verwandtschaftsgrade der Sprachen zu bestimmen; man ist noch zu wenig einig
über die Zeichen, welche die Abstammung verschiedener Völker von einander
beurkunden; man begnügt sich noch viel zu häufig mit der fragmentarischen
Vergleichung einzelner Sitten, und ein paar Dutzend auf gut Glück aus einer
Sprache herausgerissener Wörter; es stehen noch in diesem gränzenlos weiten
Gebiete zu wenige Thatsachen, als sichere Anhaltungs- und
Vergleichungspuncte fest: man hat selbst noch zu schwankende Begriffe über
die Art, wie die Sprache einer Nation zugleich Massstab und Mittel ihrer
Bildung ist, um nicht die Vereinigung des Sprach- Geschichts- und
Völkerstudiums zur Kenntniss und Würdigung des Menschengeschlechts — als
eines grossen, in Racen, Stämme und Nationen getheilten, Naturgesetzen und
unabänderlich gegebenen Bedingungen unterworsenen, aber auch zugleich sich
selbst durch Freiheit bestimmenden Ganzen — für ein neues, wohl von fern
gesehenes, allenfalls flüchtig durch-
streiftes, aber erst jetzt wahrhaft zu bearbeitendes Feld anerkennen zu
müssen.
Ich erwähne indess hier dieser Mängel nicht zu einem Vorwurf für andere,
sondern nur zu einer vorläufigen Entschuldigung der Arbeit, die ich selbst unternommen habe. Denn wo
alles auf das engste zusammenhängt, da ist es unmöglich, einen einzelnen
Volksstamm, ich sage nicht, richtig
in seine wahre Stelle zu setzen, sondern auch nur genau zu beschreiben, ohne
ihn mit andern zu vergleichen. Wie sehr aber wird diese Vergleichung
erschwert, da es, so viel mir
bekannt ist, noch über keinen einzigen Volksstamm vollständige, zu einem
ähnlichen Zweck angestellte Untersuchungen giebt, da nicht einmal
Bearbeitungen der Sprachen vorhanden sind, welche dieselben, zu allgemeinen
Vergleichungen gehörig vorgerichtet, in die Hand lieferten, sondern man
überall an den rohen Stoff, an zu ganz anderem Zweck gemachte Sprachlehren
und Wörterbücher, Versuche allgemeiner Sprachgeschichten, welche in das
Einzelne nicht so ausführlich eingehen können, an etymologische Werke, deren
Verfasser oft, ohne feste Grundsätze arbeitend, nur den grössern oder
geringeren Vorrath an Sprachkenntnissen, den sie besassen, mit grosser
Willkühr benutzt haben, oder an einzelne, in geschichtlichen Untersuchungen
zerstreute, wenn gleich schätzbare und selbst trefliche Bemerkungen,
Hypothesen und Systeme verwiesen wird.
Indem ich nun versuche, eine
einzelne, aber vollständige Beschreibung, eine wahre Monographie des
Vaskischen
Volksstammes zu liefern, werde ich dahin streben, diese Hindernisse zu überwinden, und so
viel zu leisten, als bei den noch viel grösseren, in mir selbst liegenden, in deren Bemerkung
es unnütz seyn würde, dem Leser vorzugreifen, möglich ist. Ich werde mich bemühen, die Vasken nach ihren Sitten, ihrer Sprache und ihrer
Geschichte, zu welcher natürlich die ganze Untersuchung über die Urbewohner
der Spanischen Halbinsel gehört,
hinlänglich zu schildern, um danach die Frage entscheiden zu können, ob sie
ein abgesonderter Volksstamm, oder nur Theil eines andern grösseren sind:
und sie in der einen, oder andern Eigenschaft in der Gechlechtstafel aller
Völkerstämme, in so fern eine solche möglich ist, richtig zu
classificiren.
Mein vorzüglichstes Augenmerk aber wird dahin gehen, die Materialien so
vollständig zu liefern, und so wenig einer vorgefassten Meynung gemäss,
sondern so allgemein zu ordnen, dass die
Classificirung, wenn die meinige Zweifel erregen sollte, mit Hülfe der
gelieferten Thatsachen, auch von andern anders angestellt werden kann. Auf
diese Weise darf ich
mir schmeicheln, dass diese Schrift
wenigstens immer das Verdienst haben wird, Hülfsmittel an die Hand zu geben,
welche, bei der Unzulänglichkeit der gedruckten, sonst schwer zu erhalten
sind, und es unnütz zu machen, eine schon gemachte Arbeit noch einmal von
neuem vorzunehmen, wie sonst so oft bei Sprachuntersuchungen der Fall ist,
mit denen sich mehrere nacheinander beschäftigen.
Dass ich
mir gerade die Vasken zum Gegenstande gewählt habe, war
zunächst Werk des Zufalls. Meine Reise nach Spanien hatte mich
für die Nation und das Land interessirt, beide wurden mir im eigentlichsten Verstande theuer,
als ich eine eigene Reise nach
Biscaya und den Basquischen Distrikten unternahm, und
mich einige Wochen in den
abgelegensten Gebirgsgegenden daselbst aufhielt. Nachher aber, als ich mein Studium mit todten Hülfsmitteln
fortsetzte, zog mich die
Eigenthümlichkeit der Sprache, des Volks und des Landes fortdauernd an. In
der That bieten die Vasken, zu
einem wie kleinen Häuflein sie auch zusammengeschmolzen sind, und obgleich
sie sich auch ehemals nicht (wie die Germanen, Slaven und andere) so
verbreitet und in verschiedene Zweige getheilt zu haben scheinen, dass
ich es wagen möchte, sie einen
Völker-, nicht blossen Volksstamm zu nennen,
doch für eine in der hier angegebenen Absicht anzustellende Untersuchung
einen sehr interessanten Gegenstand dar. Geographisch und historisch bilden
sie ein fest geschlossenes, abgesondertes Ganzes. Gewiss mächtig und weit
verbreitet innerhalb der Pyrenäen, hat man, meines Erachtens, keine sicheren
Spuren, wie sie, ausserhalb derselben, vielleicht gleichfalls eine wichtige
Rolle gespielt haben. Alles was sie je gross und interessant gemacht hat,
hinter sich erblickend, ist der Untergang ihrer Nationalität, und selbst
ihrer Sprache in kurzem beinahe mit Sicherheit vorauszusehen. Der jetzigen
Kleinheit des Völkchens ungeachtet, hat sich die Sprache fast in eben dem
Umfange von Wörtern und Formenverschiedenheiten erhalten, den sie ehemals
besessen haben mag. Schon die in wunderbarer Reinheit unverändert
gebliebenen und grösstentheils leicht verständlichen Ort- und Familiennamen
haben viele, dem jetzigen Sprachgebrauch mehr oder weniger fremde Wurzeln
aufbewahrt. Denn da jeder einzelne Meierhof seine eigne, von seiner Lage,
oder den ihn umgebenden Bäumen und
Pflanzen hergenommene Benennung trägt, so wird dadurch das ganze Land zu
einer lebendigen Sprachurkunde. Es finden daher fast alle Fragen, welche man
über den Bau und die Natur der reichsten und vollständigsten Sprachen
aufwerfen kann, auch in der Vaskischen ihre Beantwortung. Es giebt auch über diese Sprache
gerade genug, und dennoch wieder zu wenig erschöpfende Vorarbeiten, um eine
neue Bearbeitung möglich und nothwendig zu machen. In sich selbst aber ist
die Vaskische Sprache von einem so
wunderbaren und eigenthümlichen Bau, dass die meisten ihrer früheren
Bearbeiter alle Aehnlichkeit mit irgend einer andern gänzlich abläugnen: sie
trägt offenbar das Gepräge an sich, dass sie sich in den frühesten Zeiten
von ihren Schwestern schied, nachher in dem Munde vieler und zahlreicher
Völkerschaften war, und endlich nach und nach so sehr in wenige einsame
Gebirgsthäler zusammengedrängt wurde, dass die grosse Zahl ihrer
mannigfaltigen Formen und Zeichen ausser allem Verhältniss mit der geringen
der Familien steht, welche sich ihrer bedienen. In der doppelten Rücksicht
also des Studiums der Sprache im Allgemeinen, und der Urgeschichte Europas
ist sie in hohem Grade merkwürdig. Die schwierige Frage, welche Völker
zuerst Spanien und Portugall bewohnt haben? auf welchem Wege
sie dahin gekommen? welche Vermischungen oder Trennungen sie darin erfahren
haben? deren Beantwortung nothwendig auch zugleich über die ursprüngliche
Bevölkerung Frankreichs und eines
Theils von Italien Licht verbreiten
muss; die dunklen und noch immer nicht zur Genüge gelösten Aufgaben über den
Celtischen Völkerstamm, seine Sitze. Wanderungen und Ueberbleibsel; die
Verwandtschaft des Vaskischen mit
dem Gaelischen und sogenannten Kymrischen, und mehrere andere zweifelhafte
Puncte dieser Art sind mit der gegenwärtigen Untersuchung nahe verwandt, und
können zum Theil nur durch die genauere Erörterung der Vaskischen Sprache aufgeklärt werden.
Endlich dient das Vaskische zur
Herleitung vieler Wörter in den abendländischen Europäischen Sprachen, und
ist für das Studium der Quellen der Spanischen ein so unentbehrliches Hülfsmittel, dass, ohne
genaue Kenntniss desselben, eine etymologische Arbeit über diese
schlechterdings unmöglich seyn würde.
Um nun den Zweck, den ich
mir, von dem hier angegebenen
Gesichtspunct aus, bei meiner Schrift vorsetze, vollständig zu erreichen,
werde ich sie in folgende drei
Abschnitte zerlegen.
I.
In dem ersten werde ich die
Bemerkungen mittheilen, die ich bei
meinem Aufenthalte in dem Spanischen und Französischen
Vaskenlande niedergeschrieben habe, und mich bemühen, dem Leser dadurch einen
anschaulichen Begriff des Ländchens und seiner Bewohner zu verschaffen.
Diess ist durchaus nöthig, um vieles selbst in der Sprache, in welche
natürlich die Sitten der Nation, und die Localität des Landes verwebt sind,
richtig zu verstehen; es ist aber auch an sich interessant, sich in die
Mitte einer emsigen muth- und talentvollen Nation zu versetzen, die den
Norden eines südlichen Landes, und Gebirge an einer Küste bewohnt, mithin
zugleich Berg- und Seevolk ist, und vieles in ihrem Charakter vereinigt, was
man sonst nur einzeln antrift; die ferner zu der Zeit, als ich sie sah, noch eine freie Verfassung
besass, einen in viele kleine, wieder durch einzelne Localgebräuche
getrennte Ortschaften getheilten Föderativstaat bildete, und so durch Lage,
Verfassung und Lebendigkeit des Charakters mich nicht selten an die kleinen Freistaaten des alten
Griechenlands erinnerte. Um nun
hiebei der Form und Anschaulichkeit der Darstellung keinen Eintrag zu thun,
werde ich diesem Theil die Form
einer, aber sehr kurzen und der Kleinheit des Landes und geringen Dauer
meiner Wanderung angemessenen Reisebeschreibung lassen.
II.
Der zweite Abschnitt wird eine Analyse, oder Zergliederung der Vaskischen Sprache liefern, begleitet von
einem Anhange Vaskischer
Sprachproben von den ältesten Zeiten, aus welchen Denkmale übrig sind, bis
auf uns herab.
Ich werde hierbei eine, so viel möglich, kurze, aber systematische und
erschöpfende Methode zu wählen suchen, um, so weit es geschehen kann, keine
Seite unberührt zu lassen, welche zum Vergleichungspuncte dienen kann, und
einen vollständigen Begriff nicht nur von dem grammatikalischen, sondern
auch lexikalischen Bau des Vaskischen zu geben; erst das Verhältniss aller Theile der
Sprache zu einander, und dann der ganzen Sprache, als Darstellungsmittel, zu
ihrem Gegenstande, demjenigen was dargestellt werden soll (obgleich diess
nie von ihr selbst geschieden werden kann), auseinanderzusetzen. Ich werde aber dabei auch immer so viele
andere Sprachen, als möglich, vor Augen haben, um der gewählten Methode zugleich allgemeinere
Anwendbarkeit zu geben, und auf diese Weise einen Versuch anzustellen, wie
man nach und nach ähnliche Zergliederungen aller Sprachen zu allgemeiner
Vergleichung anfertigen, und in einer grossen allgemeinen
Sprachencyclopädie zusammenfassen könnte.
Denn die Idee eines solchen, freilich nur von Vielen gemeinschaftlich
auszuführenden Werks, zu dem aber doch Einer mit dem nachher zu
verbessernden Plan auftreten müsste, habe ich seit vielen Jahren bei mir herumgetragen, und werde daher auch die Schrift über die
Vaskische Sprache mit Rücksicht
darauf, und als einen Beitrag dazu im Voraus bearbeiten.
Dieser allgemeinen Beziehung auf das gesammte Sprachstudium wegen sey es
mir erlaubt, hier über die Art
der Sprachzergliederung, die ich im
Sinn habe, noch einige Worte hinzuzufügen.
Man kann es als einen festen Grundsatz annehmen, dass Alles in einer Sprache
auf Analogie beruht, und ihr Bau, bis in seine feinsten Theile hinein, ein
organischer Bau ist. Nur wo die Sprachbildung bei einer Nation Störungen
erleidet, wo ein Volk Sprachelemente von einem andern entlehnt, oder
gezwungen wird, sich einer fremden Sprache ganz oder zum Theil zu bedienen,
finden Ausnahmen von dieser Regel Statt. Dieser Fall tritt nun zwar wohl bei
allen, uns jetzt bekannten Sprachen ein — da wir von den Ursprachen und
Urstämmen durch Klüfte getrennt sind, über die keine Ueberlieferung mehr
hinüberhilft — und selbst in den tiefsten Wäldern Amerikas dürfte man
schwerlich ein Beispiel eines, durch reine, vor Erlernung einer andern
Sprache geschehene Absonderung entstandenen, und durchaus unvermischt
gebliebenen Stammes antreffen. Allein wo eine Sprache ein fremdes Element in
sich aufnimmt, oder sich mit einer andern vermischt, da beginnt auch
sogleich ihre assimilirende Thätigkeit, und ihr Bemühen, nach und nach
denjenigen Stoff, welcher in der Vermischung den kürzern zieht, so viel als
möglich, in die, dem andern eigenthümliche analogische Bildung zu
verwandeln, so dass durch diese Mischungen zwar kürzere und längere
analogische Reihen entstehen, nicht leicht aber ganz unorganische Masse
zurückbleibt.
Auch die wirklich vorhandene Analogie lässt sich indess nicht immer mit Glück
bis in ihre feinsten Zweige verfolgen. Die Zeit verwischt ihre Spuren;
Mittelglieder der Reihen gehen, da die Elemente der Sprache auch in ihrem
wechselnden Entstehen und Untergehen
lebendigen Individuen gleichen, verloren; ja der Mensch selbst, welcher die
Sprache mit bilden geholfen hat, und noch hilft, ist sich nicht immer der
Analogie, welcher er instinctmässig folgt, bewusst, und das in ihren
einzelnen Gliedern zertrennte Bewusstseyn der Nation lässt sich nicht in
Einen Brennpunct lebendig vereinigen. Zu dem eigentlichen Wesen der Sprache
kommt man überdiess durch keine, auch noch so vollständige Zergliederung. Es
gleicht einem Hauche, der das Ganze umgiebt, aber, zu fein, an dem einzelnen
Element seine Form für das Auge verliert, wie der Nebel des Gebirgs nur aus
der Ferne Gestalt hat, so wie man aber in ihn hineintritt, formlos
umherstiebt. Man nähert sich diesem ihrem Wesen aber, je mehr verschiedene
Sprachen man genauer betrachtet, dadurch in das allgemeine Geschäft der
Sprachbildung der gesammten Menschheit eindringend; je mehr man jede
einzelne — und dazu sind die Zergliederungen unentbehrliche Vorarbeiten —
als den individuell bestimmten Ausdruck einer gewissen nationellen
Charakterform zu erkennen bemüht ist. Wenn man diesen Weg richtig verfolgt,
gelangt man indess freilich selbst über die Gränzen des blossen
Sprachstudiums hinaus. Denn die Sprache ist überall Vermittlerin, erst
zwischen der unendlichen und endlichen Natur, dann zwischen einem und dem
andern Individuum; zugleich und durch denselben Act macht sie die
Vereinigung möglich, und entsteht aus derselben: nie liegt ihr ganzes Wesen
in einem Einzelnen, sondern muss immer zugleich aus dem andern errathen,
oder erahndet werden; sie lässt sich aber auch nicht aus beiden erklären,
sondern ist (wie überall dasjenige, bei dem wahre Vermittelung Statt findet)
etwas Eignes. Unbegreifliches, eben nur durch die Idee der Vereinigung des,
für uns und unsre Vorstellungsart, durchaus Geschiedenen Gegebenes, und nur
innerhalb dieser Idee Befangenes. Ihre Betrachtung, die jedoch, um nicht
chimärisch zu werden, von der ganz trocknen, sogar mechanischen
Zergliederung des Körperlichen und Construirbaren in ihr anfangen muss,
führt also bis in die letzten Tiefen der Menschheit. Man muss sich nur
durchaus von der Idee losmachen, dass sie sich so von demjenigen, was sie
bezeichnet, absondern lasse, wie z. B. der Name eines Menschen von seiner
Person, und dass sie, gleich einem verabredeten Chiffre, ein Erzeugniss der
Reflexion und der Uebereinkunft, oder überhaupt das Werk der Menschen (wie
man den Begriff in der Erfahrung nimmt) oder gar des Einzelnen sey. Als ein wahres, unerklärliches Wunder
bricht sie aus dem Munde einer Nation, und als ein nicht minder
staunenswerthes, wenn gleich täglich unter uns wiederholtes, und mit
Gleichgültigkeit ubersehenes, aus dem Lallen jedes Kindes hervor, und ist
(um jetzt nicht der überirrdischen Verwandtschaft des Menschen zu gedenken
die leuchtendste Spur und der sicherste Beweis, dass der Mensch nicht eine
an sich abgesonderte Individualitât besitzt, dass
Ich und Du nicht bloss sich wechselseitig
fordernde, sondern, wenn man bis zu dem Puncte der Trennung zurückgehen
könnte, wahrhaft identische Begriffe sind, und dass es in diesem Sinn Kreise
der Individualität giebt, von dem schwachen, hülfsbedürftigen und
hinfälligen Einzelnen hin bis zum uralten Stamme der Menschheit, weil sonst
alles Verstehen bis in alle Ewigkeit hin unmöglich seyn würde. Es ist hier
nicht der Ort, diese Sätze weiter auszuführen, ich glaubte sie aber andeuten zu müssen, weil, meiner
Meynung nach, auf ihnen die richtige Ansicht des organischen Lebens des
Menschengeschlechts in seinen Stämmen und Nationen, und mithin
grösstentheils auch der Weltgeschichte beruht, und weil es wichtig war, den
Gedanken zu verhüten, als wähnte ich, durch trockne und immer dürftige
Zergliederung das wundervolle Wesen der Sprache selbst zu ergründen. Die
erste Pflicht des Schriftstellers ist. Achtung für seinen Gegenstand
auszudrücken.
Da folglich, nach dem Vorigen, die Analogie durch keine Sprache ganz
durchgeht, und die vorhandene (sowohl die der Laute unter einander, als
derselben mit den durch sie bezeichneten Begriffen) nicht immer erkannt
werden kann; so besteht jede Sprache auf der einen Seite aus einer grossen
Menge analogisch gebildeter Reihen, auf der andern aus Grundstoffen, von
denen sich weiter keine Rechenschaft geben lässt.
Diesen zwiefachen Bestandtheil der Sprache nun muss eine gelungene
Zergliederung derselben vollständig und genau nachweisen, jede Spur
systematischer Regelmässigkeit verfolgend, die Sprache nach allen Richtungen
hin untersuchen, und sich nur in Acht nehmen, nicht aus Begierde des Suchens
Gefundenes mit Erdichtetem zu verwechseln. Eine solche Zergliederung dient
zugleich auch zur Erleichterung der Erlernung einer Sprache. Nur wird sie
bei diesem Zwecke ein wenig anders verfahren müssen, als wenn sie auf die
Beförderung des allgemeinen wissenschaftlichen Sprachstudiums ausgeht. In
der ersteren Hinsicht braucht sie nur die
ganz sicheren und wirklich durchgreifenden Analogien aufzustellen; in der
letzteren muss sie, selbst auf die Gefahr, dass die fernere Forschung keine
reichere Ausbeute gebe, auf jeden Punct aufmerksam machen, auf dem sich,
auch nur von fern, eine Spur der Analogie ahnden lässt, der es ihre Pflicht
ist, bis in ihre feinsten Fäserchen nachzugehen. Ihr letztes Resultat ist
alsdann ein zwiefaches: ein System mehr, oder weniger allgemeiner und
sicherer Regeln, Grundsätze und Analogien, der eigentliche Organismus der
Sprache, und eine gleichsam unorganische Masse von nicht weiter zerlegbaren
Sprachelementen.
In einer solchen Zergliederung ist natürlich die Auseinandersetzung des
Systems der Redefügung, oder des grammatischen, bei weitem leichter als die
des Systems der Wortbildung, oder des lexikalischen, und ich bescheide mich natürlich, die analogische
Wortbildung des Vaskischen nicht
vollständig darlegen zu können. Allein man kann auf der andern Seite
unmöglich die klaren, sichern, sich gleichsam aufdringenden Analogien
zurückweisen, und es ist auch gut, andre Sprachforscher auf die weiter zu
untersuchenden Puncte aufmerksam zu machen. Ich dürfte überdiess schon darum diese Seite nicht unberührt
lassen, weil gerade der von mir am
meisten benutzte Vaskische
SprachforscherGemeint ist Astarloa. sich hierüber selbst ein System
gebildet hat, das, falsch oder richtig, auf jeden Fall erwähnt und
beurtheilt werden muss.
Zum Beschlusse dieses Abschnitts werde ich eine allgemeine Vergleichung der Vaskischen Sprache mit andern Sprachen
anstellen, um, wo möglich, nach ihren allgemeinen Beschaffenheiten, die
Classe, und, nach ihrer Verwandtschaft, die Familie zu bestimmen, in welche
sie gehört. Ich trenne diese
raisonnirende Vergleichung, bei welcher ich veranlasst seyn werde, eine Classificirung der bekannten
Sprachen zu versuchen, absichtlich von der Darstellung der
Eigenthümlichkeiten der Sprache selbst, weil es wichtig ist, derselben
keinen Einfluss auf diese zu verstatten, und weil es doch jedem unter den
Lesern überlassen bleiben muss, sie, je nachdem er wieder mit andern
Sprachen vertraut ist, zu berichtigen und zu erweitern.
III.
Der dritte Abschnitt wird endlich, nach der Schilderung des Landes und seiner
Bewohner, und nach der Zergliederung der
Sprache, historische und philosophische Untersuchungen über die Vaskische Nation und Sprache, als
Resultate der beiden ersten Abschnitte enthalten: und es wird darauf
ankommen, hier, mit Zusammennehmung aller einwirkenden Umstände, die Stelle
zu bestimmen, welche beide unter den Nationen und Sprachen, sowohl nach
ihrer Abkunft, als nach ihrem Werth und ihrer Wichtigkeit in der Geschichte
des Menschengeschlechts, und für die Kenntniss und die Erweiterung des
Begriffs der Sprache überhaupt einnehmen. Dieser letzte Theil wird
nothwendig die Resultate meiner eigenen Ideen und Ueberzeugungen enthalten
müssen; ich schmeichle mir aber, dass die beiden ersten so
beschaffen seyn sollen, dass jeder Sachkundige danach den dritten auf seine
Weise selbst aus- oder umbilden könne.
Auf diese Art wünsche ich die
Bearbeitung meines Gegenstandes, so viel als möglich, in sich abzurunden und
zu vollenden, und diesen kleinen Winkel Europens dergestalt zu behandeln,
dass, indem von allen Puncten her Licht auf ihn zuströmt, auch er wieder
Helligkeit auf einige zurückstrahle.
Da indess auch die ausführlichste Schrift über denselben nicht gerade stark
an Bogenzahl zu seyn braucht, so hoffe ich, die meinige binnen einem,
längstens anderthalb Jahren dem Publikum übergeben zu können.
Bemerkungen zur Entstehungsgeschichte
Erster Druck: Schlegels Deutsches
Museum
2, 485—502 (Dezemberheft 1812). Schlegel fügt am Schluß folgende Anmerkung bei: Für die
Freunde der Sprachforschung, denen das angekündigte Werk eine langerwartete,
erwünschte Erscheinung sein wird, bemerken wir, dass einige Vaskische Sprachproben von dem
Verfasser im Königsberger
Archiv für Philosophie, Theologie, Sprachkunde und Geschichte im
3. Stück 1812 zu finden sind. Ein Wortregister
nebst einigen grammatikalischen Bemerkungen werden im 3. Teile des Mithridates
erscheinen.
Zugleich erschien die Ankündigung auf 8 besonders
paginierten Seiten als Beilage zum dritten Stück des ersten Bandes von
Delbrücks, Erfurdts, Herbarts, Hüllmanns, Krauses und Vaters Königsberger Archiv für Philosophie, Theologie,
Sprachkunde und Geschichte.
Der Gedanke einer umfassenden Monographie des baskischen Volksstamms, in der eigene Eindrücke von Land und
Volk mit grammatischen, lexikalischen und antiquarischen Untersuchungen zu einem
Gesamtbilde vereinigt werden sollten, trat Humboldt gleich nach der Rückkehr von seiner Reise ins
Baskenland im Frühjar 1801 in Paris nahe und er begann nach der Rückkehr nach Deutschland
im Sommer des Jahres alsbald die
eigentliche Reisebeschreibung niederzuschreiben und zu den sprachlichen und
urgeschichtlichen Teilen des Werks Studien und Materialien zu sammeln (an
Wolf. 12.
Dezember 1801). Da Campe
einmal gegen Humboldt den Wunsch
geäußert hatte, Verleger der spanischen
Reisebeschreibung zu werden, so trat Humboldt nun zunächst mit ihm in Verlagsunterhandlungen für
seine Arbeit, die aus vier Abteilungen, einer eigentlich beschreibenden, einer
grammatischen, einer historischen und einer lexikalischen, bestehen sollte; die
Drucklegung in Berlin unter der
Aufsicht eines des Spanischen kundigen
Korrektors machte er zur Bedingung und versprach das Ganze nach seiner
Übersiedelung nach Rom
bis Ostern 1803 zu vollenden (an Campe, 28. Juni
1802). Kaum aber hatte Campe
seine Bereitwilligkeit erklärt, das Werk in Verlag zu nehmen, so mußte Humboldt selbst ihn bitten darauf zu
verzichten: es hatte sich kein andrer Korrektor der gewünschten Qualität in
Berlin gefunden als der Buchhändler
Sander und da dieser nur unter der
Bedingung, selbst Verleger sein zu können, die Aufsicht über den Druck
übernehmen wollte, so hatte Humboldt
mit ihm abschließen müssen (an Campe,
19. August 1802). Nach der Übersiedelung nach
Rom wurde die Arbeit trotz der
Fülle neuer Eindrücke in den Jahren 1803 und 1804 so rasch gefördert, daß wenigstens die eigentliche
Reiseschilderung und die Beschreibung von Land und Leuten, wenn auch der früher
in Aussicht gestellte Erscheinungstermin, Ostern
1803, so wenig wie ein später erhoffter, Michaelis 1804, innegehalten werden konnte, doch zu Beginn des Jahres 1805 vollendet war (Humboldt an Goethe, 28. Januar 1803; an
Brinkmann, 22. Oktober 1803 und 4. Februar 1804;
an Schweighäuser, 2. November 1803 und 21.
Juni 1804; an Heyne, 14. Januar 1804; an Goethe, 12. April 1806; vgl. auch
Karoline von Humboldt an Schlabrendorf, 28.
Februar 1805). Nicht ebenso rasch rückte die Bearbeitung der
grammatischen, lexikalischen und urgeschichtlichen Teile des Werks vorwärts und
die Konzentration der Gedankenwelt Humboldts auf das klassische Altertum in den letzten römischen Jahren ließ die Barbarenwelt der
Basken mehr und mehr in tiefe
Vergessenheit versinken (Humboldt an
Schweighäuser, 2. Juli 1806 und 18. Juli
1807). Darum ruhte der Plan lange, bis er Humboldt im Beginn seiner wiener Zeit aufs
neue nahetrat und zunächst wenigstens die grammatischen Anmerkungen zu Adelung ausgearbeitet wurden. Daß er damals
wieder an eine Vollendung des Ganzen dachte (an Körner, 3. Januar 1812), zeigt
die Abfassung und Veröffentlichung der Vorankündigung im Königsberger Archiv und in Schlegels Museum, die das fertige Werk in ein bis anderthalb Jahren in
Aussicht stellte. Die politischen Aufgaben, die Humboldt seit der russischen Katastrophe in den Freiheitskriegen, im wiener Kongreß, in den pariser Friedensverhandlungen erwuchsen, haben
dann die Vollendung der Monographie aufs ungewisse vertagt. Der ganze
umfängliche Plan löste sich gewissermaßen wieder in seine Elemente auf: für den
beabsichtigten grammatisch-lexikalischen Teil mußten die Anmerkungen zu
Adelung als Ersatz dienen, der
urgeschichtliche wurde 1820 und 1821 zu einem besonderen Buche erweitert; die schon in Rom vollendete Reisebeschreibung, die sich im
Nachlaß leider unerklärlicherweise nicht vorgefunden hat, blieb ganz
unveröffentlicht. Daß die Erörterungen der Ankündigung in gedrängter Form die
Keime der späteren sprachphilosophischen Arbeiten Humboldts enthalten, hat Steinthal gezeigt. Gleich beim Erscheinen fanden sie die
Anerkennung Jakob Grimms
(Holtei, Dreihundert Briefe aus zwei
Jahrhunderten
1, 157; vgl. auch Scherer, Jakob Grimm
2 S. 165).