Ueber die Bedingungen, unter denen Wissenschaft und Kunst in einem Volke gedeihen Humboldt Wilhelm von TEI enconding Silvia Berigüete Pastor Wilhelm von Humboldt: Schriften Juli 2026 Creative Commons Attribution-NonCommercial-ShareAlike 4.0 International (CC BY-NC-SA 4.0) https://www.wvh-schriften.de Humboldt Wilhelm von Wilhelm von Humboldts Werke. Dritter Band Leitzmann Albert https://archive.org/details/gesammelteschrif03humbuoft/mode/2up Königlich Preußische Akademie der Wissenschaften Berlin 1904

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September 1814 Wien Deutsch Essay Kunst Wissenschaft
Über die Bedingungen, unter denen Wissenschaft und Kunst in einem Volke gedeihen Mit besondrer Rücksicht auf <placeName ref="geo-2921044" >Deutschland</placeName> und die gegenwärtige Zeit. Bruchstück.

Deutschland hat in weniger als einem halben Jahrhundert drei Perioden seiner wissenschaftlichen Blüthe durchlaufen, welche mehrere seiner berühmtesten Männer, Klopstock, Herder, Wieland, Göthe, alle gesehen, und zum Theil durch eigne Werke bezeichnet haben. In der frühesten, in der Lessing und Klopstock an der Spitze standen, beginnt Deutsche Eigenthümlichkeit sich eben erst wieder (denn in älterer Zeit stand sie in vollem Glanze da) von fremder Nachahmung zu scheiden. Die Philosophie zeigt seltenen Scharfsinn, trachtet nach lichtvoller Klarheit, sucht eine sie manchmal wenig kleidende Anmuth, trägt aber noch nicht den eigentlichen Charakter des Strebens nach dem Mittelpunkte alles Denkens. In der zweiten, in welcher man Kant, Göthe und Schiller die Häupter nennen kann, gieng, nach einer gänzlich herabgesunkenen, und gewissermassen volksmässig gewordenen Philosophie, selbst aus den Irrthümern ihres Lehrers eine ächt philosophische Schule aus, die überall Geist und Leben verbreitete, und eine intellektuelle Regsamkeit hervorbrachte, von der man sonst vergebens ein Beispiel sucht. Die Dichtkunst erreichte ihren höchsten Gipfel, und traf besonders in dem Verhältniss des Gehalts zur Form das glückliche Mittel, von dem man vermuthlich künftig urtheilen wird, dass es nachher nie gleich rein und harmonisch erschienen ist. Die Einwirkung des Studiums der Alten wurde entscheidend, und man kann dreist behaupten, dass die Griechen und Römer von keinem Volke so verstanden und aufgefasst worden sind, als von den Deutschen. Die letzte Periode, von der man es der Folge überlassen kann, die Führer zu nennen, schien die vorige an Tiefe und Mannigfaltigkeit des Talents überflügeln zu wollen. Aber die Philosophie starb mit Fichte aus, und verstummte in Andren: im Ganzen auch schwankte sie auf einer Höhe, und in einer Tiefe, von der man mit Recht zweifeln konnte, ob sie haltbaren Grund darböte. In der Dichtung wurde Nachbildung des Fremden, und der nicht klassischen Vorzeit vorherrschend; man sahe vorzugsweise auf Reichthum und Glanz der Darstellung, und scheute sich nicht die Kunst auch in der Künstlichkeit zu zeigen. Nebenher gewannen die Sprachen und Begriffe des Orients nicht unbedeutenden Einfluss.

In dem Zeitpunkt, wo man sich eben mit zweiflender Neugier fragte, wohin diese neue Wendung den Deutschen Geist führen werde? befiel das bis dahin minder freie, als um seine Freiheit unbekümmerte Deutschland von aussenher ein Druck, dem man zu viel Ehre anthun würde, wenn man ihn einen ehernen nennte. Die Freiheit zu schreiben und zu denken wurde unterdrückt, die Sprache theils verfolgt, theils von Anhängern des Fremden schmählich verlassen, durch die allgemeine Verarmung stockte mit jedem andren Zweige des Gewerbfleisses auch der wissenschaftliche, und das Gemüth jedes nicht ganz Unedlen wurde durch die Scheusslichkeit der Erscheinung einer in ihren Gründen ungerechten, ihren Zwecken unvernünftigen, ihren Mitteln empörenden Herrschaft von dem Gedanken zur Wirklichkeit herabgezogen. Unter diesen Umständen war es natürlich, dass Wissenschaft und Kunst, wenn gleich des Redens davon noch immer viel war, nur noch so erklang, wie die Saiten nachschwingen, wenn sie einmal voll und mächtig gerührt wurden. Wer die letzte Periode unsrer Litteratur geliebt hatte, betrauerte ihren Untergang; wer ihr nicht günstig gewesen war, konnte sich damit trösten, dass ein gewaltsamer Tod ihrem natürlichen Hinsterben zuvorgekommen war.

Jetzt hat ein von der Nation vermöge ihrer eignen Kraft durchgekämpfter Krieg die fremden Herrscher entfernt, und die eignen regieren wieder mit eignem Willen. Schon in jener Zeit bemüht, den ersterbenden Funken überall wieder anzufachen, werden sie noch weniger jetzt unterlassen, jedem wissenschaftlichen Streben Schutz zu verleihen. Der Geist der Nation hat einen höheren Schwung gewonnen; die That hat dem Worte mehr Kraft gegeben; die Wehmuth um viele würdige Opfer das Gefühl mehr in sich zurück geführt; schon die lange Entbehrung sollte die Sehnsucht wecken, sich wieder zu der Einsamkeit der Wissenschaft und Kunst zu flüchten; und für beide blühen daher neue Hofnungen auf. Dennoch kann man mit Recht zweifeln, ob schon die nächste Zukunft sie rechtfertigen wird. Wenn sich die thätige Theilnahme an den grossen Weltbegebenheiten einmal der Gemüther bemächtigt hat, kehren sie nur langsam und schwer in die ruhigen Gleise des Denkens und Wissens zurück; auch die grössesten und in sich dichterischsten Begebenheiten rauben als nah stehende Wirklichkeit der Phantasie ihre Freiheit, die lieber um das Ferne und Vergangene spielt; die neuen Staatseinrichtungen, die ganz natürlich aus solcher Krise hervorgehen müssen, und wenn die Regierungen sie auch nicht wollten, von selbst aus den Gemüthern der Bürger entstehen würden, werden den Ein- zelnen viel mehr, als ehemals für den Staat in Anspruch nehmen; manche Hindernisse, die sich in der Nation, der Zeit, selbst der Sprache nach und nach, gleich Krankheitsstoffen entwickelt hatten, haben durch die politischen Umänderungen nicht gehoben werden können; und endlich braucht man selbst nur die obige flüchtige Schilderung des Ganges der Deutschen Litteratur durchzugehen, um zu fühlen, dass es keinesweges leicht ist, neue Fortschritte an ihn anzuknüpfen.

Ein solcher Augenblick nun hat mir vorzugsweise zu einer Untersuchung, wie die auf dem Titel dieser Blätter angekündigte ist, geeignet geschienen. Der Gegenstand derselben ist fast zu allen Zeiten, und auf sehr mannigfaltige Weise bearbeitet worden. Es ist meine Absicht nicht ihn diesen früheren Bearbeitungen ähnlich zu behandeln, die Lagen einzeln durchzugehen, unter denen Wissenschaft und Kunst blühen, die Mittel, durch welche ihr Gedeihen befördert werden kann. Ich werde mich vielmehr bemühen, die Untersuchung zu vereinfachen, auf der einen Seite den Punkt aufzufinden, in welchem sich alle verschiedenen wissenschaftlichen und Kunstbestrebungen vereinigen, und aus welchem jede hervorgehen muss, um ächt und rein zu heissen; und auf der andren den, in welchem alle die verschiedenen Umstände, in welchen sich ein Volk in einer gegebenen Zeit, und mit einer gegebenen Sprache befindet, demselben einen eigenthümlichen Charakter aufdrücken. Das Zusammenhalten dieser beiden Punkte giebt alsdann von selbst das Resultat, und die Anwendung auf einzelne Fälle macht sich von selbst. Ich beabsichtige auch keine bestimmte auf unsre gegenwärtige Lage darum, dass ich von dieser ausgegangen bin. Es ist nicht zu vermeiden, nicht bei einem solchen Gegenstande immer Deutschland und die jetzige Zeit vor Augen zu haben, allein übrigens ist mein Zweck, ihn nur theoretisch zu erschöpfen, und ich bin fern mir anmassen zu wollen, als Einzelner zu dem Gedeihen desjenigen beitragen zu können, was die schönste Blüthe, und die edelste Frucht der gesammten Nation ist.

Es ist ein mächtiger, aber nicht immer gehörig beachteter Unterschied zwischen der Blüthe der Wissenschaften und Künste, und dem Gedeihen des wahren wissenschaftlichen Geistes und des ächten Kunstsinns. Jene verdankt ihr vorübergehendes Daseyn oft zufälligen und äusseren Ursachen, dieses entsteht nur aus einer in sich kraftvollen, oder glücklich vorbereiteten Natur; jener bleibt das Genie meistentheils fremd, in diesem erscheint das blosse Talent in seiner unverhüllten Mittelmässigkeit; jene lässt höchstens Stoff zu künftiger Bearbeitung zurück, dieses verbreitet durch sein Walten selbst Licht, Wärme und Kraft. Diese oft mit einander verwechselten Dinge gehörig zu unterscheiden, dem Geist nachzuspüren, von dessen Wehen erst der todte Buchstabe der Wissenschaft Leben empfangen muss, ist eins der vorzüglichsten Geschäfte der gegenwärtigen Untersuchung.

Das Gebiet der Wissenschaft ist so unermesslich, dass es in den verschiedensten Theilen, und jeder auf die verschiedenste Weise bearbeitet werden kann. Keine dieser Bearbeitungen ist unnütz, jede vielmehr fügt dem Ganzen etwas hinzu, wenn sie nur nicht falsche Voraussetzungen einmischt, nicht dadurch die Aufhellung andrer Punkte verhindert, den Uebergang vom Verwandten zum Verwandten, vom Besondren zum Allgemeinen, von der Erscheinung zur Ursach erschwert. Der Geist der ächten Wissenschaft beruht daher gar nicht ausschliesslich auf einer nur von hohen Standpunkten ausgehenden, oder einer gerade alles umfassenden Ansicht. Er ist der Geist der Wahrheit, und ehrt gleich sehr die einfache der Anschauung und Gedankenverbindung, die erhabene der Urideen, und die reine der Grundkräfte, er um- fasst in seiner Vollständigkeit alle drei, aber er ist keiner einzelnen fremd.

Denn hierdurch ist das ausgesprochen, was gesucht wird. Die ächte Wissenschaft muss von der Ahndung einer Grundkraft, deren Wesen sich, wie in einem Spiegel, in einer Uridee darstellt, durchdrungen und belebt werden, und muss die Gesammtheit der Erscheinungen an sie anknüpfen. Der Weg in diese Tiefe, der Schwung zu dieser Höhe braucht nicht immer gewagt, der ganze Kreis nicht immer durchlaufen zu werden; aber die Bahnen müssen offen bleiben, der Sinn auf ihnen fortzustreben muss vorhanden seyn, und der falsche Dünkel auf einen nichtigen Besitz muss dem bescheidenen Suchen nach dem ächten Platz machen.

Diese Begriffe bedürfen einer grösseren Entwicklung, und der leichtere Weg. ihnen Klarheit zu verschaffen, ist der, einen Augenblick bei demjenigen stehen zu bleiben, was ihnen entgegengesetzt ist. Nun aber widerstrebt ihnen das einseitige Hangen an der Erfahrung, und an der bloss logischen Auflösung der Begriffe. Durch beides wird die ächte Philosophie verdrängt, und ohne das Streben nach ihr ist kein Gedeihen der Wissenschaft in einem Volke vollständig, und keins lange Zeit hindurch rein und wahr.

Es soll aber hier keinesweges das Bemühen getadelt werden, die Erfahrung innerhalb ihres eignen Gebiets aufzuklären und zu erweitern. Alle Erfahrungswissenschaften, Geschichte und Naturkunde, können ungestört auf diesem Wege fortschreiten, und wenn sie auch in dieser Gestalt nicht die eigentliche Wissenschaft ausmachen, doch unendlich zu ihrer Aufbauung beitragen. Tadelnswürdig ist nur der Sinn, jedes Fortschreiten über den Kreis der Erfahrung hinaus abzuschneiden, oder die Erfahrung da geltend zu machen, wo, wie bei dem geistigen und sittlichen Menschen eine andre Sphäre eintritt. Wo diese Ansicht sich einer Nation bemeistert, da muss man bei der übrigen glücklichsten Ausbildung vieler ihrer Theile auf die Tiefe und Reinheit der Wissenschaft Verzicht leisten; alles wird nur die Anwendung auss Leben bezwecken. Da aber zum Leben und zur Erfahrung auch die Empfindungs- und Handlungsweise des Menschen gehört, die, wenn auch in ihren Quellen unlauter, doch instinctmässig richtig und wahr aufgefasst werden kann, so wird von dieser Seite wieder ein wesentlicher Ersatz gefunden.

Ein solcher Ersatz findet sich weit weniger da, wo das Philosophiren, indem es nicht in die Tiefe der Grundwesen hinabsteigt, sich eben so wenig auf die Erfahrung verbreitet, sondern bei der bloss logischen Entwicklung der Begriffe stehen bleibt. Dieser enge Kreis ist bald durchlaufen, er beruht, auf diese Weise vereinzelt, auf nichts. und führt zu keiner neuen Entdeckung. Ein nichtiger Schein von Reichthum versteckt bei diesem Verfahren eine unfruchtbare Armuth, und diese Gattung der Philosophie, die jedem wesenhaften Gegenstande, und am ersten der Sprache, in der sie doch nur zu leben und zu weben scheint, Unrecht thut, kann andren Wissenschaften höchstens noch in ihrer formellen Bearbeitung hülfreiche Hand bieten. In das Leben aber greift sie noch weniger ein, da sie auch nicht einmal dem Gefühle sein volles Recht lässt.

Durch ihre eigenthümliche, bewundernswürdige Natur kann die Mathematik diesen beiden fehlerhaften Ansichten ohne Schaden zur Seite stehen. Sie giebt sich unbedingt der Anwendung auf die Erfahrung hin, ohne Gefahr zu laufen, unlauter zu werden; sie löst jeden ihrer Begriffe bis in seine letzten Bestandtheile auf, ist sich aber wenigstens immer dunkel bewusst, dass ihr Wesen noch in etwas ganz Andrem, als dieser Verwandlung eines Begriffs in einen andren besteht. Jene irrigen Ansichten üben nur den, aber nicht gerade ihr verderblichen Nachtheil auf sie aus, dass sie selbst einen geringeren Werth auf ihre Lauterkeit legt, dass die sonst natürlich aus ihr entspringende Sehnsucht nach der ächten Philosophie erstickt wird, ja dass sie wohl noch die Unduldsamkeit, mit der diese verfolgt wird, in dem Dünkel auf ihre Unfehlbarkeit und Klarheit, vermehren hilft.

So dachten sich die Griechen die Mathematik nicht, wenn sie dieselbe für eine unumgänglich nothwendige Vorübung zur Philosophie betrachteten. Die reine Flamme der einen sollte die reine der andren entzünden. Ihr jugendlicher, für den innren Zusammenklang der Formen des Denkens uneigennütziger empfänglicher Sinn, bei einem müssigeren, weniger Anwendung des Erkannten auf die Wirklichkeit heischenden Leben, freute sich an der bewundernswürdigen Uebereinstimmung der mathematischen Begriffe, wie an einer wirklichen Harmonie der Sphären, und betrachtete sie als eine Offenbarung einer viel grösseren und herrlicheren Harmonie, welche das Weltall zusammenhielt, und die Schicksale der Menschen regierte.

Um diesen Punkt drehet sich Alles. Wo der Gedanke um des Gedankens willen entzückt, da führt ächt wissenschaftlicher Sinn das Denken bis nahe zu seinem Urquell hin. Wo dasselbe zu Zwecken gebraucht wird, die nicht in ihm selbst liegen, da kann Wissenschaft vorhanden seyn, aber ihr Geist ist wenigstens alsdann nicht lebendig. Das wissenschaftliche Bedürfniss, in seinen mannigfaltigsten Erscheinungen, ist, wenn man es auf sein einfaches Wesen zurückführt, immer das Erkennen des Unsichtbaren im Sichtbaren. Darüber hinaus ist nichts weiter denkbar; aber es giebt — wenigstens für die Wissenschaft — auch kein Bleiben darunter; und dass dies ihr wahres Wesen ist, zeigt sich am besten dadurch, dass nur von diesem Standpunkte aus Zusammenhang in sie zu bringen, und sie nur auf ihm einer von innen ausgehenden unaufhörlichen Erweiterung fähig ist. Auch entspricht sie nur so dem Bedürfniss des Menschen, für den sie wieder nicht letzter Zweck, aber Stufe zum Letzten und Höchsten ist.

Gerade diesen Grundbehauptungen aber wird widersprochen, nicht bloss von Einzelnen, sondern von ganzen, und achtungswürdigen Nationen; die Wissenschaften werden mit Fleiss auf das Sammeln und Sichten der Thatsachen beschränkt, und der Anwendung nahe gehalten; die Speculation wird, als ihnen gefährlich, und in sich hohl und leer, zurückgewiesen, oder höchstens darauf beschränkt eine Uebung der Köpfe zu seyn, und den wesenhafteren und nothwendigeren Wissenschaften eine angemessene Form zu leihen. Hierauf beruht seit langer Zeit der nie ganz geschlichtete Streit zwischen den Deutschen und dem Auslande; dasselbe ist eine Quelle des Zwiespalts unter uns selbst geworden. Allein die Speculation behält darum nicht weniger ihre Rechte; jede Wissenschaft kann nur durch sie den Charakter der Nothwendigkeit erhalten, und nur vermittelst ihrer kann es eine, alle einzelnen Wissenschaften umfassende, eine Wissenschaft an sich geben.

Die Gegenstände der Wissenschaften, die Gränzen ihres Gebiets lassen sich nicht bloss an dem denkbaren Stoff, den sie bearbeiten, sondern eben so wohl an der Geistesthätigkeit abmessen, die sie in Bewegung setzt, und der letztere Weg ist ohne Zweifel der richtigere. Nun aber kann der Verstand die Erscheinungen von allem entkleiden, was ihnen, als solchen, angehört, er kann das reine Object dem reinen Subject entgegensetzen, und damit und mit den unvermeidlichen Fragen: wer nun von beiden unabhängig vom andren vorhanden ist? wie das Subject im Bewusstseyn wieder sein eignes Object ist? und ob es nicht also ein Subject geben muss, das, als solches, nie Object werden kann? ist die Metaphysik, die schlechthin speculativ zu nennende Wissenschaft gegeben. Wäre die auf Beantwortung dieser Fragen gerichtete Stimmung des Geistes auch eine Verirrung zu nennen, so wäre die Organisation eines ihrer unfähigen Kopfes ebenso unnatürlich als eine Körperbeschaffenheit, die nie in ein Fieber verfallen könnte. Sie gehört aber so sehr zu der Gesundheit des Geistes, dass er, sobald er sich nur von dem Aufruhr der Sinne, dem Gewirre der Geschäfte, und der unfruchtbaren Last des Wissens entledigt hat, zu diesen Gegenständen, wie in seine Heimath zurückkehrt. Allein auch die Begierde nach der Kenntniss der Erscheinungen führt zu demselben Punkt hin. Denn die besondren Erscheinungen sollen doch auf allgemeinere, als ihre Gründe zurückgeführt werden, und so zwingt die Unzulänglichkeit alles Endlichen, sein eigner Erklärungsgrund zu seyn, von selbst, seine Gränzen zu überschreiten.

Bemerkungen zur Entstehungsgeschichte

Handschrift (12 halbbeschriebene Folioseiten) im Archiv in Tegel.

Für die chronologische Bestimmung dieses Fragments sind wir allein auf die beiden in demselben vorkommenden Anspielungen auf Zeitereignisse angewiesen. An einer Stelle wird Fichtes als eines Verstorbenen gedacht, an einer andern das glückliche Ende des Befreiungskriegs erwähnt: Fichte starb am 27. Januar 1814, der erste pariser Friede wurde am 30. Mai desselben Jahres abgeschlossen. Das Wasserzeichen der Handschrift ist dasselbe wie bei dem vorhergehenden Aufsatz, weist also nach Wien. Demnach gehört das Fragment wohl in die erste Zeit nach Humboldts Rückkehr dorthin, also in den August oder September 1814, da Mitte des letztgenannten Monats die Vorbesprechungen zum wiener Kongreß begannen und dieser selbst dann seit Anfang November Humboldts angestrengteste Tätigkeit in Anspruch nahm.