Betrachtungen über die Weltgeschichte Humboldt Wilhelm von TEI enconding Silvia Berigüete Pastor Wilhelm von Humboldt: Schriften August 2026 Creative Commons Attribution-NonCommercial-ShareAlike 4.0 International (CC BY-NC-SA 4.0) https://www.wvh-schriften.de Humboldt Wilhelm von Wilhelm von Humboldts Werke. Dritter Band Leitzmann Albert https://archive.org/details/gesammelteschrif03humbuoft/mode/2up Königlich Preußische Akademie der Wissenschaften Berlin 1904

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September 1814 Wien Deutsch Essay Geschichte Philosophie
Betrachtungen über die Weltgeschichte

Es giebt mehr als Einen Versuch, die einzeln zerstreuten, und scheinbar zufälligen Weltbegebenheiten unter Einen Gesichtspunkt zu bringen, und nach einem Princip der Nothwendigkeit aus einander herzuleiten. Kant hat dies zuerst am meisten systematisch und abstract gethan;In seiner in der Berlinischen Monatsschrift vom November 1784 zuerst erschienenen Abhandlung: „Idee zu einer allgemeinen Geschichte in weltbürgerlicher Absicht.“ mehrere sind ihm nachher hierin nachgefolgt; alle sogenannte philosophische Geschichten sind Versuche dieser Art, und die Sucht, Betrachtungen über die Geschichte anzustellen, hat fast die Geschichte, wenigstens den geschichtlichen Sinn, verdrängt.

Aber diese Systeme haben meistentheils, ausser dem Fehler, nicht geschichtlich und am wenigsten weltgeschichtlich zu seyn, d. h. die Begebenheiten gewaltsam zu behandeln, und ganze Theile, die nicht in den sichtbarer verknüpften hineinpassen, zu übergehen, noch den, das Menschengeschlecht zu sehr intellectuell, nach seiner individuellen, oder gesellschaftlichen Vervollkommnung, die oft auch noch, als blosse Cultur, einseitig aufgefasst wird, und nicht genug nach seinem Zusammenhange mit dem Erdboden und dem Weltall, rein naturgeschichtlich, zu betrachten.

Die Aufgabe indess lässt sich auf keine Art zurückweisen. Es ist einmal zuviel offenbarer Zusammenhang unter den Ereig- nissen, als dass der dunklere nicht aufgeklärt, der scheinbar mangelnde nicht ergänzt werden sollte. Die Macht, welche Ideen Jahrhunderte hindurch auf die Menschheit ausüben, fällt zu sehr in die Augen, um es nicht zu wagen, alle Umänderungen, die mit ihr vorgehn. Einer grossen leitenden unterworfen zu glauben, und die Kühnheit zu hegen, diese zu errathen. Das Interesse des Einzelnen und der Gesellschaft ist endlich innigst an die Beantwortung der Frage geknüpft: welcher künftige Zustand sich aus dem jetzigen, so wie dieser aus dem zunächst vorhergegangenen, entwickeln wird:

Um daher eine so anziehende Untersuchung zu verfolgen, aber dem fragmentarisch uns überlieferten Inbegriff weltgeschichtlicher Begebenheiten sein volles Recht zu lassen, wollen wir im Folgenden, sowohl von Seiten der Idee, als der Erfahrung, Alles sorgfältig aufsuchen, und treulich zusammenstellen, was den Zusammenhang der Umänderungen des Menschengeschlechts, sein vermeintliches Fortschreiten ins Unendliche, oder seinen in sich selbst zurückkehrenden Kreisgang, zu beurkunden und darzustellen vermag. Allein uns wohl hütend, ein zu erreichendes, vorherbestimmtes Ziel im Auge zu haben, wollen wir lieber unsern Blick rückwärts auf die Anfänge unsres Geschlechts, und in seine einzelne und gesellschaftliche Natur werfen, um wenigstens entweder ein sichres Fundament zu einem künftigen, geschickteren Händen vorzubehaltenden Gebäude zu legen, oder die Stellen zu zeigen, wo der zu unsichre Grund kein haltbares und festes erlaubt.

Eine solche Arbeit dringt zugleich in das grösseste Leben der Geschichte ein, und führt über ihre gewöhnlichen Gränzen, ja in einigen Theilen über alle Erfahrung hinaus. Sie hält daher das Nachdenken wechselsweis bei der reizendsten Mannigfaltigkeit, und den höchsten Gegenständen fest. Zugleich aber, das engbeschränkte Interesse der Gegenwart verschmähend, zeigt sie, wie das oft gross Geachtete klein ist, und wie am kleinsten und winzigsten gegen die Schicksale des Menschengeschlechts im Ganzen und Wesentlichen die Herrsch- und Streitsucht der angeblich civilisirten Nationen, das Zerstören und Gründen nur auf politischer Eintheilung beruhender Staaten, und Alles, was einzelne Willkühr schaft, nicht getragen vom selbstständigen Willen ganzer Nationen.

Einleitung. — Philosophischer, — Historischer Theil.

Einleitung. — Was ist zu erwarten und zu thun? — Was sind die treibenden Kräfte der Weltgeschichte? Worin hat man bis jetzt bei ihrer Bearbeitung gefehlt?

Was ist zu erwarten und zu thun? — Das Menschengeschlecht ist eine Naturpflanze, wie das Geschlecht der Löwen und Elephanten; seine verschiedenen Stämme und Nationen Naturproducte, wie die Racen Arabischer und Isländischer Pferde, nur mit dem Unterschied, dass sich im Keim der Bildung selbst zu den Kräften, die sich in jenen, uns sichtbar, allein zeigen, die Idee der Sprache und Freiheit gesellt, und sich besser oder schlechter bettet. nr. 4.

Der Einzelne ist in Verhältniss zu seiner Nation nur in der Art ein Individuum, wie ein Blatt im Verhältniss zum Baum, ebenso kann die Stufenfolge der Individualität weiter gehen, von der Nation zum Völkerstamm, von diesem zur Race, von ihr zum Menschengeschlecht. Nur innerhalb eines gewissen Kreises kann dann der Untergeordnete vorwärts gehen, zurückschreiten, oder anders seyn. nr. 5.

Es giebt einen Moment der moralischen Erzeugung, auf dem das Individuum (Nation, oder Einzelner) wird, was es seyn soll, nicht stufenweis, sondern plötzlich und auf einmal. Alsdann fängt es an zu seyn, denn vorher war es ein Andres. Dieser Anfang nun ist auch seine Vollendung; von da geht es unmittelbar in blosser Entwickelung des Vorhandenen, und mit Kraftabnahme, rückwärts. Aber zwischen dem eigentlichen Bewusstseyn des Gipfels, und dem Sichtbarwerden der Abnahme giebt es ein Schwanken, und dies ist die schönste Periode.

Die Natur im Grossen, wie im Kleinen erzeugt nur in einer gewissen Periode der Fruchtbarkeit, die man ihre Jugend nennen kann, und was sich, ohne neue Erzeugung, nur fortentwickelt und bildet, nähert sich seinem Untergang. Die Veredlung des Menschengeschlechts ist daher nicht eigentlich von stufenweiser Ausbildung, und an demselben Individuum, nicht einmal Complexus von Individuen zu erwarten, sondern nur durch immer neue Versuche der mit Kraft zeugenden Natur, und überrascht immer durch Neuheit. Allein es erhalten sich bisweilen von den Untergegangenen Ideen, welche die künftige Naturerzeugung befördern, oder ihr aufhelfen, obgleich auch sie nur fruchten, wenn sie mit junger oder erneuerter Kraft ergriffen werden.

Ausser der Veredlung des Menschengeschlechts giebt es ein Leben desselben, das in verschiedenen und nahen Beziehungen auf sie steht, und zugleich einen unabhängigen Werth für sich hat. Dieses liegt innerhalb der Gränzen menschlicher Erhaltung und Beförderung, und ist, wenn es nicht durch die Fluth des Schicksals durchbrochen wird, einer regelmässigen, stufenweisen Verbesserung fähig.

Aus beidem nun, aus der Entwicklung, deren Stufen sich verfolgen lassen, und den neuen Erzeugungen und Revolutionen ist die Weltgeschichte zusammengesetzt, und mit Rücksicht auf Beides muss ihr Gang beobachtet und aufgesucht werden.

Man muss aber durchaus aufhören, mit einer gewissen distributiven Gerechtigkeit immer die Individuen zu verfolgen, nur auf das Ganze sehen, und den Gang der Veredlung nur an ihm bemerken. Denn alle Kraft des Daseyns in der Schöpfung macht nur Eine Masse aus, und wie die Individualität, als etwas gleichsam Relatives, einer stufenweisen Erweiterung fähig ist, so ist ihr Bewusstseyn auch nur das eines individuellen und momentanen Daseyns. und selbst nur den Zusammenhang des Daseyns verloren halten, wenn die Individualitäten anders zusammenfliessen, heisst über etwas aburtheilen, wovon weder Anschauung, noch Begriff möglich ist. Das Seyn in der Zeit ist ein blosses Erzeugen und Untergehen, und die Erhaltung in demselben Zustand ist nur ein trügender Schein. Die Weltgeschichte ist daher und in dem getheilten irrdischen Daseyn nur die uns sichtbare Auflösung des Problems, wie — sey es bis zur Erschöpfung des Begriffs, oder bis zu einem, nach unbekannten Gesetzen gesteckten Ziele — die in der Menschheit begriffene Fülle und Mannigfaltigkeit der Kraft nach und nach zur Wirklichkeit kommt. Die Menschheit aber kann nur in der, der Erscheinung nach, ganz körperlichen Natur leben und weben, und trägt selbst einen Theil dieser Natur in sich. Der Geist, der diese beherrscht, überlebt den Einzelnen, und so ist das Wichtigste in der Weltgeschichte die Beobachtung dieses, sich forttragenden, anders gestaltenden, aber auch selbst manchmal wieder untergehenden Geistes. Die Natur und er sind aber nicht im Kampf mit einander, indem er sich vielmehr ihrer und ihrer Zeugungskraft bedient. Ihre Verschiedenheit selbst ist vermuthlich ausser ihrem — eigentlich Eins seyenden — Wesen, und nur in der Beschränktheit unsrer Ansicht. ad. nr. 7.

Zu erwarten ist also nicht eine immer fortschreitende Vervollkommnung in dem Stückwerk von Zeit, Raum und Daseyn, das wir übersehen, nicht die gepriesene, verheissene, gewisser- massen nur von unsrem Fleisse abhängende der Civilisation, die kaum so zu nennen ist, und sich immer selbst in Ueberbildung ihr Grab gräbt; sondern nur zu vertrauen, dass die Kraft der Natur und der Ideen unerschöpft bleibt, dass nirgend etwas Neues erzeugt werden kann, ohne nicht auch in unser mit dem Ganzen eng vereinigtes Wesen, und unsern Genuss überzugehen, und dass in der Gegenwart und auf uns gekommenen Vergangenheit ein auch für die längste Lebenszeit unerschöpflicher Stoff zu fruchtbarer Bearbeitung liegt.

Zu thun ist, die Fruchtbarkeit zu neuen, lebendigen geistigen Erzeugungen immer zu erhalten, entgegen zu arbeiten allem Todten und Mechanischen, das gewöhnlich sich fortentwickelnde Leben immer mit Ordnung und Ernst zu behandeln, und soviel es möglich ist, durch Geist und Gemüth zu beleben.

ad nr. 3. S. 5 [352]. Das Menschengeschlecht entsteht auf der Erde, wie die Geschlechter der Thiere; es pflanzt sich so fort; vereinigt sich so in Herden, geht so aus einander in Nationen, nur mit grösserem Bedürfniss nach Geselligkeit, bleibt oder wandert, nach physischen Bedürfnissen oder Imaginationsgelüsten, hat durch eben diese Bedürfnisse, verbunden mit den Leidenschaften, Revolutionen, Kriege u. s. f., in Allem diesem muss man nicht nach den Endabsichten, sondern nach den Ursachen fragen, und diese sind oft physisch und animalisch. Die Bewegung des Menschengeschlechts, welche die Weltgeschichte zeigt, entspringt, wie alle Bewegung in der Natur, aus dem Drange zu wirken und zu zeugen, und den Hemmungen, die dieser Drang erleidet, und folgt Gesetzen, die nur nicht immer sichtbar sind. An alles dies chaotische Fluthen knüpft sich, da der Mensch einmal eine intellektuelle Natur ist, Geist und Idee an, gelingt, oder misglückt, pflanzt sich in gewissen von Nationen zu Nationen übergetragenen Formen fort, und ändert, erweitert oder verengt, veredelt oder verschlechtert sich. Aber plötzlich wird wieder das Edelste, das er hervorgebracht hat, verschlungen von Naturbegebenheiten, oder Barbarei; es ist sichtbar, dass das Schicksal das Geistig-Gebildete nicht achtet, und das ist die Unbarmherzigkeit der Weltgeschichte. Aus den Revolutionen gehen aber wieder neue Formen hervor, die Fülle der Kraft tritt in immer wechselnden und sich immer veredelnden Gestalten auf, und die Endabsicht, wie das Wesen alles Geschehenden besteht nur darin, dass sie sich ausspricht, und sich aus chaotischem Fluten zur Klarheit bringt. Jede noch so rohe und wilde Naturbewegung begleitet aber die nie untergehende Idee. Wo ein Krater einstürzt, ein Vulkan sich erhebt, hängt sich Schönheit, oder Erhabenheit um seine Formen; wo eine Nation auftritt, lebt geistige Form, und Phantasie und Gemüth rührender Ton in ihrer Sprache. Drum ist in jedem Untergang Trost, und in jedem Wechsel Ersatz.

ad nr. 3. S. 5 [352]. Leben heisst durch eine geheimnissvolle Kraft eine Gedankenform in einer Masse von Materie, als Gesetz, herrschend erhalten. In der physischen Welt heisst diese Form und dies Gesetz Organisation, in der intellectuellen und moralischen Charakter. Zeugen heisst, jene geheimnissvolle Kraft beginnen lassen, oder mit andern Worten eine Kraft anzünden, die plötzlich eine gewisse Quantität von Materie in einer durchaus bestimmten Form von der Masse losreisst, und nun fortdauernd diese Form in ihrer Eigenthümlichkeit allen andern Formen entgegenstellt. Die wahre Individualität entsteht also von innen heraus, plötzlich und auf Einmal, und wird so wenig durch das Leben hervorgebracht, dass sie nur im Leben zum Bewusstseyn kommt, und oft noch verdunkelt, oder verdreht. Da aber der Mensch ein Thier der Geselligkeit ist — sein distinctiver Charakter — weil er eines Andern nicht zum Schutz, zur Hülfe, zur Zeugung, zum Gewohnheitsleben (wie einige Thierarten), sondern deshalb bedarf, weil er sich zum Bewusstseyn des Ichs erhebt, und ich ohne Du vor seinem Verstand und seiner Empfindung ein Unding sind: so reisst sich in seiner Individualität (in seinem Ich) zugleich die seiner Gesellschaft (seines Du) los. Die Nation ist also auch ein Individuum, und der Einzelne ein Individuum vom Individuum. Durch den nicht zu begreifenden, aber darum doch unläugbaren Zusammenhang der Organisation mit dem Charakter wird diese Individualität fester, und es sind verschiedene Kreise derselben möglich, in deren jedem entfernterem immer die Organisation eine wichtigere Rolle spielt.

Was sind die treibenden Kräfte der Weltgeschichte? Es sind die bewegenden der Schicksale des Menschengeschlechts, und — im Ganzen und Grossen betrachtet — die Kräfte der Zeugung, Bildung und Trägheit.

Durch die erste entstehen neue Nationen, und neue Individuen, oder Umformungen alter, die neuen Entstehungen gleich kommen. Die Naturrevolutionen spielen hierbei die erste und wichtigste Rolle. Die Trennungen und Verbindungen, die Ansiedelungen und Wanderungen, welche in den ersten Uranfängen unsrer Geschichte, und noch über sie hinaus, Stämme gebildet und geschieden haben, gehören wohl grösstentheils geographischen, klimatischen, und physischen Ursachen an. Auf sie folgen die Umwandlungen, welche Nationen durch geschichtliche Revolutionen erfahren, und endlich die, welche ohne einzelne grosse Ereignisse nur eine Folge des einmal eingeleiteten Laufs der Begebenheiten sind. Es ist gleich wichtig und anziehend, zu untersuchen, was zur Erzeugung merkwürdiger Nationen und Individuen vorzüglich beigetragen hat. Dass die leuchtendsten Beispiele von Nationen, welche die Geschichte aufstellt, nicht allmählich gebildet, sondern auf Einmal und aus dem Nichts hervorgegangen sind, beweisen die sich so sehr verschiedenen Griechen und Römer. Der Kunstcharakter der ersteren lässt gar nicht den Begriff stufenweiser Bildung zu; und wie Rom da stand, war auch in ihm die Idee eines nie nachgebenden und immer weiter greifenden Staates gegeben.

Die Kraft der Bildung ist das wozu Nationen und Einzelne sich emporarbeiten. In diesem Gebiet üben Ideen ihre Macht aus, und hier entsteht die wichtige Frage, die Gränzen der Bildung, das wozu sie führen kann, zu bestimmen. Die Nation, die, da sie, soviel es möglich ist, fast ganz nur aus Bildung besteht, hierin am besten zum Beispiel dienen kann, ist die Französische. Es giebt einen gewissen Cyclus allgemeiner Ideen, welche durch die Denk- und Empfindungskräfte der Menschen unmittelbar überall mehr von selbst vorhanden, als mitgetheilt sind. Es sind dies vor allen diejenigen, auf welchen Religion, Verfassung, öffentliches, häusliches und einsames Leben (also zugleich Vergnügungen, Kunst, Philosophie und Wissenschaft) beruht. Sie vorzüglich sind die bildenden Kräfte der Nationen. Aber Aehnlichkeiten der letzteren in ihnen führen nicht immer auf Abstammung, oder Mittheilung, so wenig als Aehnlichkeit in den Sprachen.

Die Kraft der Trägheit zeigt sich in dem animalischen, und im intellektuellen, moralischen, durch Gewohnheit und Leidenschaft animalisch werdenden Leben der Nationen und Einzelnen. Die Einförmigkeit der Aegypter, Indianer, Mexicaner u. s. f. ist eine Frucht dieser Kraft.

Aus diesen verschiedenen, einzeln oder zusammen wirkenden Kräften, deren Wirkung aber oft schwer zu erkennen ist, gehen die Schicksale des Menschengeschlechts hervor, und bei jeder in demselben auftretenden merkwürdigen Gestalt (sey es einer Nation, oder eines Individuums) lässt sich, ausser ihrer Beschreibung und Würdigung, nur fragen, wie sie entstanden, wie zu dem geworden ist, was wir in ihr erblicken?

ad nr. 3. S. 7 [353]. Unter dem Ganzen, auf das man sehen soll, wird aber hier nicht die jetzt oder jedesmal lebende Menschheit, sondern der Begriff des Menschengeschlechtes verstanden. Dieser stellt sich theilweise in jeder einzelnen Nation und jedem einzelnen Individuum, allenfalls wegen des möglichen Zusammenhanges aller zugleich lebenden in jedem einzelnen Zeitalter, aber als Ganzes nur in der nie zu erreichenden Totalität aller nach und nach zur Wirklichkeit kommenden Einzelheiten dar. Dass der Begriff der Menschheit, auch durch diese ganze Totalität, jemals wirklich erweitert, die alten Marksteine der Schöpfung verrückt würden, ist in der Zeit unmöglich. Μὴ μάτευε θεὸς γενέσθαι!Humboldts Erinnerung vermischt hier zwei Stellen aus Pindar: Μὴ ματεύσῃ θεὸς γενέσθαι Olympia 5, 24 und Μὴ μάτευε Ζευς γενέσθαι Isthmia 4, 12. Aber möglich und nothwendig ist, dass der Inbegriff der Menschheit, die Tiefe innerhalb ihrer Gränzen nach und nach zur Klarheit des Bewusstseyns komme, und der Geist durch das Streben danach, und das theilweise Gelingen die Idee der Menschheit und (wie eines durch das Ich gegebenen Du's) die der Gottheit, d. i. der Kraft und der Gesetzmässigkeit an sich, rein und fruchtbar in sich aufnehme. Wenn dies aber Nutzen der Weltgeschichte ist, so ist es nicht Zweck der Menschenschicksale. Solche Zwecke, wie man sie nenne, giebt es nicht; die Schicksale des Menschengeschlechts rollen fort, wie die Ströme vom Berge dem Meere zufliessen, wie das Feld Gras und Kräuter spriesst, wie sich Insecten einspinnen und zu Schmetterlingen werden, wie Völker drängen und sich drängen lassen, vernichten und aufgerieben werden. Die Kraft des Universums, vom Standpunkte der Zeit betrachtet, auf dem wir befasst sind, ist ein unaufhaltsames Fortwälzen; und nicht daher aus wenigen Jahrtausenden herausgegrübelte, einem fremden, mangelhaft gefühlten, und noch mangelhafter erkannten Wesen angedichtete Absichten, sondern die Kraft der Natur und der Menschheit muss man in der Weltgeschichte erkennen. Da aber das Ganze nur am Einzelnen erkennbar ist, so muss man Nationen und Individuen studiren.

Die Fehler bei der jetzigen Ansicht der Weltgeschichte sind:

dass man fast nur auf Cultur und Civilisation sieht, schlechterdings eine fortschreitende Vervollkommnung im Kopfe hat, daher sich willkührlich Stufen dieser Vervollkommnung bildet, und dagegen die wichtigsten Keime, aus denen sich Grosses entspinnen wird, so wie sich aus ähnlichen Grosses entsponnen hat, übersieht.

dass man die Geschlechter der Menschen zu sehr als Vernunft und Verstandeswesen, zu wenig als Naturproducte betrachtet.

dass man die Vollendung des Menschengeschlechts in Erreichung einer allgemeinen, abstract gedachten Vollkommenheit, nicht in der Entwicklung eines Reichthums grosser individueller Formen sucht.

Nach dem hier angegebenen Gesichtspunkt muss man in der Weltgeschichte achten:

auf die einzelnen Nationen und Individuen, von denen man gleichsam eine Reihe von Monographien, soviel möglich, nach ihren Abstammungen geordnet, aufstellen muss;

auf die Einwirkung, die sie auf einander und auf ihre Bildung ausgeübt haben;

auf das Verhältniss, in dem sie einzeln und zusammen mit dem Begriff der Menschheit überhaupt und den einzelnen durch ihn gegebenen allgemeinen Ideen, und mit einander in Beziehung hierauf stehen;

auf den Einfluss der jedesmal zugleich existirenden auf die ganze Masse und die ganze Dauer des Menschengeschlechts;

auf die Entstehung neuer interessanter Erscheinungen in der Menschengeschichte, und auf das Fortleben der einzelnen Völkerhaufen in dem einmal betretenen Gleise.

Bei dieser Methode werden zugleich alle Fäden des Zusammenhanges menschlicher Begebenheiten von ihren Anfängen bis zu ihrem Ende verfolgt, und auch da, wo dieser Zusammenhang nicht vorhanden, oder nicht sichtbar ist, die ganze Mannigfaltigkeit menschlicher Gestalten, so weit sie anziehend, oder belehrend seyn kann, durchmustert. Die Weltgeschichte wird unter einem dreifachen Gesichtspunkt:

als einer der wichtigsten Theile der Wirksamkeit der Kraft des Universums;

als ein durch Studium und Scharfsinn zu entwirrender Knäuel oft kurz abgerissener, oft aber auch lang zusammenhängender Fäden;

als ein Massstab der für das Menschengeschlecht zu erwartenden Glückseligkeit und Vollkommenheit, und eine Lehre beide zu erhalten und zu erhöhen

betrachtet.

Um aber diese Betrachtungen an der wirklichen Geschichte anstellen zu können, müssen erst viele philosophische Untersuchungen vorhergehen, um vorher im Allgemeinen die Möglichkeit der Erscheinungen und ihres Zusammenhanges zu prüfen, und ihren Werth an sich und Einfluss um sich her richtig zu würdigen. Diese Prüfung und Würdigung ist es aber besser, immer zugleich an der Hand der Erfahrung anzustellen, und gleich in sie, soviel als irgend nothwendig ist, von der Geschichte auszunehmen, da hier immer zugleich mit von Erfahrungsgegenständen die Rede ist. Auf das, nach dieser Methode, in dem raisonnirenden Theil schon historisch Ausgeführte darf sich der geschichtliche alsdann nur kurz beziehn.

Bemerkungen zur Entstehungsgeschichte

Handschrift (12 halbbeschriebene Folioseiten) im Archiv in Tegel. — Erster Druck: Sechs ungedruckte Aufsätze über das klassische Altertum von <persName ref="gnd-118554727">Wilhelm von Humboldt</persName>, herausgegeben von Albert Leitzmann S. 55—66 (1896).

Das Wasserzeichen der Handschrift ist dasselbe wie bei den beiden vorhergehenden Abhandlungen, bezeugt also die Entstehung des Aufsatzes in Wien, ohne daß für 1812 oder 1814 damit eine Entscheidung gefällt wäre. Ich habe mich für 1814 entschieden, um die Arbeit von der folgenden Nummer, zu der sie aufs engste gehört, nicht durch einen noch größeren Zeitraum zu trennen, als unbedingt nötig ist, obwohl die Probleme der Geschichte schon 1812 in der Ankündigung der Monographie über die Basken kurz berührt werden, also schon damals Humboldt beschäftigt haben (vgl. im allgemeinen Kittel, <persName ref="gnd-118554727" >Wilhelm von Humboldt</persName>s geschichtliche Weltanschauung im Lichte des klassischen Subjektivismus der Denker und Dichter von <placeName ref="geo-554234">Königsberg</placeName>, <placeName ref="geo-2895044" >Jena</placeName> und <placeName ref="geo-2812482" >Weimar</placeName>, Leipzig 1901).