Betrachtungen über die bewegenden Ursachen in der
Weltgeschichte
Die gegenwärtigen Betrachtungen sind von allen bisherigen Bearbeitungen der
Weltgeschichte verschieden.
Ihre Absicht ist nicht, den Zusammenhang der Ereignisse unter einander zu erklären,
die Ursachen der Schicksale des Menschengeschlechts in den Begebenheiten aufzusuchen,
und aus den einzelnen Thatsachen ein so zusammenhängendes Gewebe zu bilden, als ihre
in einander gegründete Folge erlaubt.
Sie sind ebensowenig bestimmt, wie in den sogenannten Geschichten der Menschheit, und
ihrer Cultur zu geschehen pflegt, den innern Zusammenhang der Zwecke zu verfolgen,
und zu zeigen, wie das Menschengeschlecht von rohen und unförmlichen Anfängen zu
immer wachsender Vollkommenheit gediehen ist.
Wenn man dies mit Recht die Philosophie der Weltgeschichte nennt, so gilt es hier,
wenn der Ausdruck nicht zu kühn ist, die Physik derselben. Nicht den Endursachen,
sondern den bewegenden soll nachgespürt: es sollen nicht vorangehende Begebenheiten,
aus welchen nachfolgende entstanden sind, aufgezählt; die Kräfte selbst sollen
nachgewiesen werden, welchen beide ihren Ursprung verdanken. Es ist daher hier um
eine Zergliederung der Weltgeschichte zu thun, um eine Auflösung des durch die oben
berührte Bearbeitung derselben gebildeten Gewebes; allein um eine Auflösung in neue,
in jener nicht ent- haltene Bestandteile. Auf die
Endursachen aber führt auch die gegenwärtige Arbeit zurück, da die ersten bewegenden
nur in einem Gebiete liegen können, in welchem Kraft und Absicht sich gegenseitig
berühren und fordern.
Es bedarf übrigens kaum der Bemerkung, dass der Begriff einer die Weltbegebenheiten
lenkenden Vorschung hier nur darum bei Seite gesetzt wird, weil er, zum
Erklärungsgrund angenommen, alle fernere Untersuchung abschneidet. Die für uns
erkennbaren bewegenden Ursachen können nur in der Natur und Beschaffenheit des von
jener ersten und höchsten Geschaffenen aufgefunden werden.
Die Ursachen der Weltbegebenheiten lassen sich auf einen der drei folgenden
Gegenstände zurückbringen:
die Natur der Dinge,
die Freiheit des Menschen, und
die Fügung des Zufalls.
Die Natur der Dinge ist entweder durchaus, oder innerhalb gewisser Gränzen bestimmt,
und dieselbe; und zu ihr muss ganz vorzüglich auch die moralische der Menschen
gerechnet werden, da auch der Mensch, vorzüglich wenn man ihn, wie er im Ganzen, und
als Masse handelt, betrachtet, sich in einem gewissen gleichförmigen Gleise erhält,
von denselben Gegenständen ungefähr dieselben Eindrücke empfängt, und auf sie
ungefähr auf dieselbe Weise zurückwirkt. Von dieser Seite betrachtet, liesse sich die
ganze Weltgeschichte in der Vergangenheit und Zukunft gewissermassen mathematisch
berechnen, und die Vollständigkeit der Berechnung hienge nur von dem Umfang unsrer
Bekanntschaft mit den wirkenden Ursachen ab. Bis auf einen gewissen Grad ist dies
auch unläugbar wahr. In dem Wachsen und Sinken der mehresten Völker lässt sich ein
fast ganz gleichförmiger Gang wahrnehmen; wenn man den Zustand der Welt unmittelbar
nach dem Ende des zweiten Punischen Krieges und den Charakter der Römer betrachtet, so lässt sich die Römische Weltherrschaft Schritt vor Schritt fast mit
vollkommener Nothwendigkeit herleiten: gewisse Gegenden, wie in Italien die Lombardie, in Nord-Deutschland die Mitte von Sachsen, in Frankreich die
Champagne, sind gewissermassen von der
Natur zu Kriegsschauplätzen und Schlachtfeldern
bestimmt; in der Politik giebt es Punkte, die, wie in der alten Geschichte Sicilien, in der neuen Brabant, Jahrhunderte hindurch das Ziel streitender Leidenschaften
und Absichten bleiben; man findet Zeitalter — wie das zwischen der Schlacht bei
Salamis und dem Ende des Peloponnesischen Krieges, als die wetteifernde Macht
Athens und Sparta’s keine Alleinherrschaft in Griechenland, dem einzigen Punkte, von dem sie damals hätte ausgehen
können, erlaubte, das unmittelbar nach Karl’s
5. Tode, als die Grösse seines nun getheilten Reichs kein anderes hatte
emporkommen lassen, das zwischen Ludwigs 14.
Tode, und der Französischen Revolution, als
die Macht der Staaten gewissermassen zu einer Art Mechanik geworden war, die sich
nach und nach allen mittheilte, und dadurch alle in ein gewisses Gleichgewicht
versetzte — wo sich beinahe die Unmöglichkeit beweisen lässt, dass irgend ein auch
noch so ausserordentlicher Mann hätte eine Art von Weltherrschaft ausüben können.
Selbst die dem ersten Anblick nach zufälligsten Ereignisse, wie Heirathen,
Todesfälle, uneheliche Geburten, Verbrechen, zeigen in einer Reihe von Jahren eine
bewundernswürdige, und nur dadurch erklärliche Regelmässigkeit, dass auch die
willkührlichen Handlungen der Menschen den Charakter der Natur annehmen, die immer
einem nach gleichförmigen Gesetzen in sich zurückkehrenden Gange folgt. Das Studium
dieser mechanischen, und — da nichts einen so wichtigen Einfluss auf die menschlichen
Begebenheiten ausübt, als die Kraft der moralischen Wahlverwandtschaften — chemischen
Erklärungsart der Weltgeschichte ist im höchsten Grade wichtig, und wird es
vorzüglich, wenn man dasselbe auf die genauere Kenntniss der Gesetze lenkt, nach
welchen die einzelnen Bestandtheile der Geschichte, die Kräfte und Reagentien,
wirken, und Rückwirkungen empfangen. So lässt sich z. B. aus der innern Natur der
Sprachen, und dem Beispiel vieler einzelnen, der Griechischen, Lateinischen, Italienischen, Französischen
beweisen, dass die Lebensdauer, und mithin die sich erhaltende Kraft und Schönheit
einer Sprache von demjenigen, was man ihr Material nennen könnte, von der Fülle und
Lebendigkeit der Empfindungsweise der Nationen, durch deren Brust und Lippen sie
gegangen ist, ganz und gar aber nicht von der Cultur dieser Nationen, abhängt; dass
daher keine Sprache gedeihen kann, die von einer zu geringen Masse von Menschen
gesprochen wird; dass nur diejenigen zu einem solchen Umfang gelangen, dass sich
gleichsam eine eigne Welt in ihnen bildet, deren Völker sich, wie man gewöhnlich, über alle bekannte Geschichte hinaus, an ihrer
lexikalischen und vorzüglich grammatikalischen Gestalt erkennen kann, Jahrhunderte
lang durch wunderbare Schicksale durchgekämpft haben: endlich dass jede still steht,
sobald ihre Nation aufhört ein reges inneres Daseyn, als Masse, als Nation zu führen.
Das Leben der Nationen selbst hat ebensowohl seine Organisation, seine Stufen, und
seine Veränderungen, wie das der Individuen. Denn es giebt für den Menschen, ausser
der wirklichen numerischen Individualität, unläugbar noch andere Abstufungen und
Erweiterungen derselben, in der Familie, der Nation durch die verschiedenen Kreise
kleinerer und grösserer Stämme hindurch, und dem ganzen Geschlecht. In jedem dieser
verschiedenen Umfänge sind nicht bloss ähnlich organisirte Menschen durch weitere und
engere Bande verbunden; sondern es giebt Beziehungen, wo wirklich alle, wie die
Glieder Eines Leibes, nur Ein und ebendasselbe Wesen sind. Bei den Nationen hat man
bis jetzt fast immer nur auf die äussern, auf sie einwirkenden Ursachen, vorzüglich
Religion und Staatsverfassung, aber viel zu wenig auf ihre inneren Verschiedenheiten,
z. B. auf die merkwürdigste aller, dass einige, wie gewisse in Gesellschaft lebende
Thiergeschlechter kastenweise, andre individuen-weise leben, und auf die, welche aus
einer mehr, oder minder angemessnen Theilung derselben in kleinere Stämme und dem
Zusammenwirken dieser entspringt. Auf ähnliche Weise gewinnt eine genaue und
vollständige Untersuchung noch vielen Gegenständen die Einsicht in ihre bestimmte
Wirkungsart ab, und das erste Geschäft einer Zergliederung der Weltgeschichte, wie
die gegenwärtige, ist es, diese Untersuchungen so weit, als möglich fortzusetzen, und
mit der Masse der Weltbegebenheiten zu vergleichen.
Allein es würde ewig vergeblich bleiben, hieraus eigentlich ihre Erklärung suchen zu
wollen. Ihr Zusammenhang ist nur zum Theil mechanisch, nur soweit, als todte Kräfte,
oder lebendige gewissermassen ihnen ähnlich wirken; wo derselbe hingegen das Gebiet
der Freiheit berührt, hört alle Berechnung auf; das Neue und nie Erfahrene kann
plötzlich aus einem grossen Geiste, oder einem mächtigen Willen hervorgehn, die sich
nur innerhalb sehr weiter Gränzen, und nur nach einem ganz andern Massstabe be¬
urtheilen lassen. Dies ist eigentlich der schöne und begeisternde Theil der
Weltgeschichte, da er von der Schöpfungskraft des menschlichen Charakters beherrscht
wird. So wie ein kräftiger Geist, sich selbst
bewusst oder unbewusst, von grossen Ideen beherrscht, über einem, der Form fähigen
Stoffe brütet; so kommt allemal etwas jenen Ideen Verwandtes, und daher dem
gewöhnlichen Naturgange Fremdes hervor. Diesem demungeachtet immer angehörend, hängt
es mit allem, was ihm vorausgegangen ist, allerdings in äusserer Folge zusammen,
allein seine innere Kraft lässt sich aus nichts von allem diesem, und überhaupt nicht
mechanisch erklären. Von welcher Art des Stoffes, und welcher Gattung der Geburten
die Rede sey, gilt gleich, und die Erscheinung ist durchaus dieselbe bei dem Denker,
dem Dichter, dem Künstler, dem Krieger, und dem Staatsmanne, von welchen beiden
letzteren vorzüglich die Weltbegebenheiten abhängen. Alle folgen einer höheren Kraft,
und bringen, wo ihr Unternehmen gelingt, etwas hervor, von dem sie selbst vorher nur
eine dunkle Ahndung hatten; ihr Wirken gehört einer Ordnung der Dinge an, von der wir
nur soviel einsehen, dass sie in einem, dem um uns her ganz entgegengesetzten
Zusammenhange steht. Auf eine ähnliche Weise, als hier das Genie, greift die
Leidenschaft in den Gang der Weltbegebenheiten ein. Die wahre, tiefe, wirklich diesen
Namen (der oft an die bloss augenblicklich heftige Begierde verschwendet wird)
verdienende Leidenschaft ist der Vernunftidee darin ähnlich, dass sie etwas
Unendliches und Unerreichbares, aber als Begierde, mit endlichen und sinnlichen
Mitteln und an endlichen Gegenständen, als solchen, sucht. Sie ist daher ein völliges
Verwechslen der Sphären, und führt immer, mehr oder weniger, eine Zerstörung der
eignen körperlichen Kräfte mit sich. Wenn sie wirklich ein blosses Verwechslen der
Sphären, und ihr Ziel selbst unendlich ist, wie in der religiösen Schwärmerei, und
der reinen Liebe, so ist sie höchstens ein Irrthum zu nennen, und kann nur der
Irrthum einer edlen Seele seyn, deren endliches Daseyn selbst man einen Irrthum der
Natur nennen könnte. Die Sehnsucht nach dem Göttlichen verzehrt alsdann die irrdische
Kraft. Allein meistentheils ist die Leidenschaft nur in der Form ihres Strebens
unendlich, und es kommt auf die Natur ihres begränzten und an sich geringfügigen
Gegenstandes an, ob diese Form sie zu adeln vermag, oder sie verhasst und verächtlich
macht. Auf die hier erwähnte Weise haben indess nur wenige Leidenschaften eine
weltgeschichtliche Wichtigkeit. Denn wo bloss gewöhnliche Leidenschaft durch die
Verbindung der Umstände, wie bei dem Tod der Virginia, und in unzähligen andern
Beispielen dieser Art, grosse Veränderungen
herbeiführt, da wird dies billig nur in die Reihe der zufälligen Ereignisse gesetzt.
Dass die Wirksamkeit des Genies und der tiefen Leidenschaft einer, von dem
mechanischen Naturgange verschiedenen Ordnung der Dinge angehört, ist unverkennbar;
allein strenge genommen ist dies mit jedem Ausfluss der menschlichen Individualitat
der Fall. Denn dasjenige, was derselben zum Grunde liegt, ist etwas an sich
Unerforschbares, Selbetständiges, seine Wirksamkeit selbst Beginnendes, und aus
keinem der Einflüsse, welche es erfährt, (da es vielmehr alle durch Rückwirkung
bestimmt) Erklärbares. Selbst wenn die Materie des Handlens dieselbe wäre, so wird
dasselbe verschieden durch die individuelle Form, die nur eben hinreichende, oder
überschiessende Kraft, die Leichtigkeit oder Anstrengung, und alle die unnennbaren
kleinen Bestimmungen, welche das Gepräge der Individualität ausmachen, und die man in
jedem Augenblicke des täglichen Lebens bemerkt. Eben diese aber gewinnen, als
Charaktere von Nationen und Zeitaltern, auch weltgeschichtliche Wichtigkeit, und die
Betrachtung der Geschichte der Griechen,
Deutschen, Franzosen und Engländer
zeigt z. B. deutlich, welchen entscheidenden Einfluss nur die Verschiedenheit der
Weile und Stätigkeit in ihrem Gedanken- und Empfindungsgange auf ihre eignen und die
Schicksale der Welt gehabt hat.
Zwei, ihrem Wesen nach von einander verschiedene, scheinbar sogar entgegengesetzte
Reihen der Dinge sind also die in die Augen fallenden bewegenden Ursachen in der
Weltgeschichte: die Naturnothwendigkeit, von der sich auch der Mensch nicht ganz
losmachen kann, und die Freiheit, die vielleicht auch, nur auf eine uns unbekannte
Weise, in den Veränderungen der nicht menschlichen Natur mitwirkt. Beide beschränken
sich immer gegenseitig, allein mit dem merkwürdigen Unterschiede, dass sich viel
leichter bestimmen lässt, was die Naturnothwendigkeit der Freiheit nie auszuführen
gestatten, als was diese in jener zu unternehmen beginnen wird. Die Ergründung beider
führt auf den Menschen zurück; allein die Freiheit erscheint mehr im Einzelnen, die
Naturnothwendigkeit mehr an Massen und dem Geschlecht, und um das Reich der ersteren
noch auf gewisse Weise auszumessen, muss man vorzüglich den Begriff der
Individualität entwickeln, nächstdem aber sich an die Ideen wenden, die, als ihr in
der Unendlichkeit gegebener Typus, derselben zum Ursprung dienen, und wieder von ihr
um sich her nachgebildet werden. Denn die
Individualität in jeder Gattung des Lebens ist nur eine von einer untheilbaren Kraft
nach einem gleichförmigen Typus (da nur dies, nicht etwas wirklich Gedachtes hier
unter: Idee verstanden wird) beherrschte Masse des Stoffes; und die Idee und die
sinnliche Gestaltung irgend einer Gattung von Individuen können beide, jene als
Bildungsursach, diese als Symbol, zur Auffindung eine der andren hinleiten. Der
Streit der Freiheit und Naturnothwendigkeit kann weder in der Erfahrung, noch in dem
Verstande auf eine befriedigende Weise gelöst erkannt werden.