Betrachtungen über die bewegenden Ursachen in der Weltgeschichte Humboldt Wilhelm von TEI enconding Silvia Berigüete Pastor Wilhelm von Humboldt: Schriften August 2026 Creative Commons Attribution-NonCommercial-ShareAlike 4.0 International (CC BY-NC-SA 4.0) https://www.wvh-schriften.de Humboldt Wilhelm von Wilhelm von Humboldts Werke. Dritter Band Leitzmann Albert https://archive.org/details/gesammelteschrif03humbuoft/mode/2up Königlich Preußische Akademie der Wissenschaften Berlin 1904

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1818 London Deutsch Essay Geschichte Philosophie
Betrachtungen über die bewegenden Ursachen in der Weltgeschichte

Die gegenwärtigen Betrachtungen sind von allen bisherigen Bearbeitungen der Weltgeschichte verschieden.

Ihre Absicht ist nicht, den Zusammenhang der Ereignisse unter einander zu erklären, die Ursachen der Schicksale des Menschengeschlechts in den Begebenheiten aufzusuchen, und aus den einzelnen Thatsachen ein so zusammenhängendes Gewebe zu bilden, als ihre in einander gegründete Folge erlaubt.

Sie sind ebensowenig bestimmt, wie in den sogenannten Geschichten der Menschheit, und ihrer Cultur zu geschehen pflegt, den innern Zusammenhang der Zwecke zu verfolgen, und zu zeigen, wie das Menschengeschlecht von rohen und unförmlichen Anfängen zu immer wachsender Vollkommenheit gediehen ist.

Wenn man dies mit Recht die Philosophie der Weltgeschichte nennt, so gilt es hier, wenn der Ausdruck nicht zu kühn ist, die Physik derselben. Nicht den Endursachen, sondern den bewegenden soll nachgespürt: es sollen nicht vorangehende Begebenheiten, aus welchen nachfolgende entstanden sind, aufgezählt; die Kräfte selbst sollen nachgewiesen werden, welchen beide ihren Ursprung verdanken. Es ist daher hier um eine Zergliederung der Weltgeschichte zu thun, um eine Auflösung des durch die oben berührte Bearbeitung derselben gebildeten Gewebes; allein um eine Auflösung in neue, in jener nicht ent- haltene Bestandteile. Auf die Endursachen aber führt auch die gegenwärtige Arbeit zurück, da die ersten bewegenden nur in einem Gebiete liegen können, in welchem Kraft und Absicht sich gegenseitig berühren und fordern.

Es bedarf übrigens kaum der Bemerkung, dass der Begriff einer die Weltbegebenheiten lenkenden Vorschung hier nur darum bei Seite gesetzt wird, weil er, zum Erklärungsgrund angenommen, alle fernere Untersuchung abschneidet. Die für uns erkennbaren bewegenden Ursachen können nur in der Natur und Beschaffenheit des von jener ersten und höchsten Geschaffenen aufgefunden werden.

Die Ursachen der Weltbegebenheiten lassen sich auf einen der drei folgenden Gegenstände zurückbringen:

die Natur der Dinge,

die Freiheit des Menschen, und

die Fügung des Zufalls.

Die Natur der Dinge ist entweder durchaus, oder innerhalb gewisser Gränzen bestimmt, und dieselbe; und zu ihr muss ganz vorzüglich auch die moralische der Menschen gerechnet werden, da auch der Mensch, vorzüglich wenn man ihn, wie er im Ganzen, und als Masse handelt, betrachtet, sich in einem gewissen gleichförmigen Gleise erhält, von denselben Gegenständen ungefähr dieselben Eindrücke empfängt, und auf sie ungefähr auf dieselbe Weise zurückwirkt. Von dieser Seite betrachtet, liesse sich die ganze Weltgeschichte in der Vergangenheit und Zukunft gewissermassen mathematisch berechnen, und die Vollständigkeit der Berechnung hienge nur von dem Umfang unsrer Bekanntschaft mit den wirkenden Ursachen ab. Bis auf einen gewissen Grad ist dies auch unläugbar wahr. In dem Wachsen und Sinken der mehresten Völker lässt sich ein fast ganz gleichförmiger Gang wahrnehmen; wenn man den Zustand der Welt unmittelbar nach dem Ende des zweiten Punischen Krieges und den Charakter der Römer betrachtet, so lässt sich die Römische Weltherrschaft Schritt vor Schritt fast mit vollkommener Nothwendigkeit herleiten: gewisse Gegenden, wie in Italien die Lombardie, in Nord-Deutschland die Mitte von Sachsen, in Frankreich die Champagne, sind gewissermassen von der Natur zu Kriegsschauplätzen und Schlachtfeldern bestimmt; in der Politik giebt es Punkte, die, wie in der alten Geschichte Sicilien, in der neuen Brabant, Jahrhunderte hindurch das Ziel streitender Leidenschaften und Absichten bleiben; man findet Zeitalter — wie das zwischen der Schlacht bei Salamis und dem Ende des Peloponnesischen Krieges, als die wetteifernde Macht Athens und Sparta’s keine Alleinherrschaft in Griechenland, dem einzigen Punkte, von dem sie damals hätte ausgehen können, erlaubte, das unmittelbar nach Karl’s 5. Tode, als die Grösse seines nun getheilten Reichs kein anderes hatte emporkommen lassen, das zwischen Ludwigs 14. Tode, und der Französischen Revolution, als die Macht der Staaten gewissermassen zu einer Art Mechanik geworden war, die sich nach und nach allen mittheilte, und dadurch alle in ein gewisses Gleichgewicht versetzte — wo sich beinahe die Unmöglichkeit beweisen lässt, dass irgend ein auch noch so ausserordentlicher Mann hätte eine Art von Weltherrschaft ausüben können. Selbst die dem ersten Anblick nach zufälligsten Ereignisse, wie Heirathen, Todesfälle, uneheliche Geburten, Verbrechen, zeigen in einer Reihe von Jahren eine bewundernswürdige, und nur dadurch erklärliche Regelmässigkeit, dass auch die willkührlichen Handlungen der Menschen den Charakter der Natur annehmen, die immer einem nach gleichförmigen Gesetzen in sich zurückkehrenden Gange folgt. Das Studium dieser mechanischen, und — da nichts einen so wichtigen Einfluss auf die menschlichen Begebenheiten ausübt, als die Kraft der moralischen Wahlverwandtschaften — chemischen Erklärungsart der Weltgeschichte ist im höchsten Grade wichtig, und wird es vorzüglich, wenn man dasselbe auf die genauere Kenntniss der Gesetze lenkt, nach welchen die einzelnen Bestandtheile der Geschichte, die Kräfte und Reagentien, wirken, und Rückwirkungen empfangen. So lässt sich z. B. aus der innern Natur der Sprachen, und dem Beispiel vieler einzelnen, der Griechischen, Lateinischen, Italienischen, Französischen beweisen, dass die Lebensdauer, und mithin die sich erhaltende Kraft und Schönheit einer Sprache von demjenigen, was man ihr Material nennen könnte, von der Fülle und Lebendigkeit der Empfindungsweise der Nationen, durch deren Brust und Lippen sie gegangen ist, ganz und gar aber nicht von der Cultur dieser Nationen, abhängt; dass daher keine Sprache gedeihen kann, die von einer zu geringen Masse von Menschen gesprochen wird; dass nur diejenigen zu einem solchen Umfang gelangen, dass sich gleichsam eine eigne Welt in ihnen bildet, deren Völker sich, wie man gewöhnlich, über alle bekannte Geschichte hinaus, an ihrer lexikalischen und vorzüglich grammatikalischen Gestalt erkennen kann, Jahrhunderte lang durch wunderbare Schicksale durchgekämpft haben: endlich dass jede still steht, sobald ihre Nation aufhört ein reges inneres Daseyn, als Masse, als Nation zu führen. Das Leben der Nationen selbst hat ebensowohl seine Organisation, seine Stufen, und seine Veränderungen, wie das der Individuen. Denn es giebt für den Menschen, ausser der wirklichen numerischen Individualität, unläugbar noch andere Abstufungen und Erweiterungen derselben, in der Familie, der Nation durch die verschiedenen Kreise kleinerer und grösserer Stämme hindurch, und dem ganzen Geschlecht. In jedem dieser verschiedenen Umfänge sind nicht bloss ähnlich organisirte Menschen durch weitere und engere Bande verbunden; sondern es giebt Beziehungen, wo wirklich alle, wie die Glieder Eines Leibes, nur Ein und ebendasselbe Wesen sind. Bei den Nationen hat man bis jetzt fast immer nur auf die äussern, auf sie einwirkenden Ursachen, vorzüglich Religion und Staatsverfassung, aber viel zu wenig auf ihre inneren Verschiedenheiten, z. B. auf die merkwürdigste aller, dass einige, wie gewisse in Gesellschaft lebende Thiergeschlechter kastenweise, andre individuen-weise leben, und auf die, welche aus einer mehr, oder minder angemessnen Theilung derselben in kleinere Stämme und dem Zusammenwirken dieser entspringt. Auf ähnliche Weise gewinnt eine genaue und vollständige Untersuchung noch vielen Gegenständen die Einsicht in ihre bestimmte Wirkungsart ab, und das erste Geschäft einer Zergliederung der Weltgeschichte, wie die gegenwärtige, ist es, diese Untersuchungen so weit, als möglich fortzusetzen, und mit der Masse der Weltbegebenheiten zu vergleichen.

Allein es würde ewig vergeblich bleiben, hieraus eigentlich ihre Erklärung suchen zu wollen. Ihr Zusammenhang ist nur zum Theil mechanisch, nur soweit, als todte Kräfte, oder lebendige gewissermassen ihnen ähnlich wirken; wo derselbe hingegen das Gebiet der Freiheit berührt, hört alle Berechnung auf; das Neue und nie Erfahrene kann plötzlich aus einem grossen Geiste, oder einem mächtigen Willen hervorgehn, die sich nur innerhalb sehr weiter Gränzen, und nur nach einem ganz andern Massstabe be¬ urtheilen lassen. Dies ist eigentlich der schöne und begeisternde Theil der Weltgeschichte, da er von der Schöpfungskraft des menschlichen Charakters beherrscht wird. So wie ein kräftiger Geist, sich selbst bewusst oder unbewusst, von grossen Ideen beherrscht, über einem, der Form fähigen Stoffe brütet; so kommt allemal etwas jenen Ideen Verwandtes, und daher dem gewöhnlichen Naturgange Fremdes hervor. Diesem demungeachtet immer angehörend, hängt es mit allem, was ihm vorausgegangen ist, allerdings in äusserer Folge zusammen, allein seine innere Kraft lässt sich aus nichts von allem diesem, und überhaupt nicht mechanisch erklären. Von welcher Art des Stoffes, und welcher Gattung der Geburten die Rede sey, gilt gleich, und die Erscheinung ist durchaus dieselbe bei dem Denker, dem Dichter, dem Künstler, dem Krieger, und dem Staatsmanne, von welchen beiden letzteren vorzüglich die Weltbegebenheiten abhängen. Alle folgen einer höheren Kraft, und bringen, wo ihr Unternehmen gelingt, etwas hervor, von dem sie selbst vorher nur eine dunkle Ahndung hatten; ihr Wirken gehört einer Ordnung der Dinge an, von der wir nur soviel einsehen, dass sie in einem, dem um uns her ganz entgegengesetzten Zusammenhange steht. Auf eine ähnliche Weise, als hier das Genie, greift die Leidenschaft in den Gang der Weltbegebenheiten ein. Die wahre, tiefe, wirklich diesen Namen (der oft an die bloss augenblicklich heftige Begierde verschwendet wird) verdienende Leidenschaft ist der Vernunftidee darin ähnlich, dass sie etwas Unendliches und Unerreichbares, aber als Begierde, mit endlichen und sinnlichen Mitteln und an endlichen Gegenständen, als solchen, sucht. Sie ist daher ein völliges Verwechslen der Sphären, und führt immer, mehr oder weniger, eine Zerstörung der eignen körperlichen Kräfte mit sich. Wenn sie wirklich ein blosses Verwechslen der Sphären, und ihr Ziel selbst unendlich ist, wie in der religiösen Schwärmerei, und der reinen Liebe, so ist sie höchstens ein Irrthum zu nennen, und kann nur der Irrthum einer edlen Seele seyn, deren endliches Daseyn selbst man einen Irrthum der Natur nennen könnte. Die Sehnsucht nach dem Göttlichen verzehrt alsdann die irrdische Kraft. Allein meistentheils ist die Leidenschaft nur in der Form ihres Strebens unendlich, und es kommt auf die Natur ihres begränzten und an sich geringfügigen Gegenstandes an, ob diese Form sie zu adeln vermag, oder sie verhasst und verächtlich macht. Auf die hier erwähnte Weise haben indess nur wenige Leidenschaften eine weltgeschichtliche Wichtigkeit. Denn wo bloss gewöhnliche Leidenschaft durch die Verbindung der Umstände, wie bei dem Tod der Virginia, und in unzähligen andern Beispielen dieser Art, grosse Veränderungen herbeiführt, da wird dies billig nur in die Reihe der zufälligen Ereignisse gesetzt. Dass die Wirksamkeit des Genies und der tiefen Leidenschaft einer, von dem mechanischen Naturgange verschiedenen Ordnung der Dinge angehört, ist unverkennbar; allein strenge genommen ist dies mit jedem Ausfluss der menschlichen Individualitat der Fall. Denn dasjenige, was derselben zum Grunde liegt, ist etwas an sich Unerforschbares, Selbetständiges, seine Wirksamkeit selbst Beginnendes, und aus keinem der Einflüsse, welche es erfährt, (da es vielmehr alle durch Rückwirkung bestimmt) Erklärbares. Selbst wenn die Materie des Handlens dieselbe wäre, so wird dasselbe verschieden durch die individuelle Form, die nur eben hinreichende, oder überschiessende Kraft, die Leichtigkeit oder Anstrengung, und alle die unnennbaren kleinen Bestimmungen, welche das Gepräge der Individualität ausmachen, und die man in jedem Augenblicke des täglichen Lebens bemerkt. Eben diese aber gewinnen, als Charaktere von Nationen und Zeitaltern, auch weltgeschichtliche Wichtigkeit, und die Betrachtung der Geschichte der Griechen, Deutschen, Franzosen und Engländer zeigt z. B. deutlich, welchen entscheidenden Einfluss nur die Verschiedenheit der Weile und Stätigkeit in ihrem Gedanken- und Empfindungsgange auf ihre eignen und die Schicksale der Welt gehabt hat.

Zwei, ihrem Wesen nach von einander verschiedene, scheinbar sogar entgegengesetzte Reihen der Dinge sind also die in die Augen fallenden bewegenden Ursachen in der Weltgeschichte: die Naturnothwendigkeit, von der sich auch der Mensch nicht ganz losmachen kann, und die Freiheit, die vielleicht auch, nur auf eine uns unbekannte Weise, in den Veränderungen der nicht menschlichen Natur mitwirkt. Beide beschränken sich immer gegenseitig, allein mit dem merkwürdigen Unterschiede, dass sich viel leichter bestimmen lässt, was die Naturnothwendigkeit der Freiheit nie auszuführen gestatten, als was diese in jener zu unternehmen beginnen wird. Die Ergründung beider führt auf den Menschen zurück; allein die Freiheit erscheint mehr im Einzelnen, die Naturnothwendigkeit mehr an Massen und dem Geschlecht, und um das Reich der ersteren noch auf gewisse Weise auszumessen, muss man vorzüglich den Begriff der Individualität entwickeln, nächstdem aber sich an die Ideen wenden, die, als ihr in der Unendlichkeit gegebener Typus, derselben zum Ursprung dienen, und wieder von ihr um sich her nachgebildet werden. Denn die Individualität in jeder Gattung des Lebens ist nur eine von einer untheilbaren Kraft nach einem gleichförmigen Typus (da nur dies, nicht etwas wirklich Gedachtes hier unter: Idee verstanden wird) beherrschte Masse des Stoffes; und die Idee und die sinnliche Gestaltung irgend einer Gattung von Individuen können beide, jene als Bildungsursach, diese als Symbol, zur Auffindung eine der andren hinleiten. Der Streit der Freiheit und Naturnothwendigkeit kann weder in der Erfahrung, noch in dem Verstande auf eine befriedigende Weise gelöst erkannt werden.

Bemerkungen zur Entstehungsgeschichte

Handschrift (11 halbbeschriebene Folioseiten) im Archiv in Tegel.

Die Handschrift dieses Aufsatzes, der sich inhaltlich aufs engste an den vorhergehenden anschließt, zeigt ein englisches Wasserzeichen, weshalb er während Humboldts londoner Zeit, also im Jahre 1818 verfaßt sein muß; in seinen Briefen wird er ebensowenig wie die beiden vorhergehenden erwähnt.